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Margot Friedländer (*05.11.1921, Berlin)

Signatur
01107/sdje/0013
Institut
Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin
Sprache
deutsch
Ort und Datum der Aufnahme
Berlin, den 27. November 2009
Dauer
04:15:08
Interviewter
Margot Friedländer
Interviewer
Kerstin Hinrichsen , Daniel Baranowski
Kamera, Licht und Ton
Kai Schulze
Teilnehmer am Gespräch
Eszter Kiss
Redaktion
Ruth Preusse
Transkription
Ruth Preusse

»Versuche, dein Leben zu machen«. Die Abschiedsworte ihrer Mutter, die dem Bruder nach Auschwitz-Birkenau folgte und sie in Berlin zurückließ, versuchte Margot Friedländer ihr Leben lang immer wieder neu zu deuten. Waren es grausame Worte? Oder eben der dringende Wunsch, dass sie überlebte? Ihr Vater, der nach der Scheidung der Eltern von der Familie getrennt lebte, war bereits kurz nach der Reichspogromnacht ins Ausland geflüchtet. Die 21-Jährige war seit dem 20. Januar 1943 alleine. Eigentlich hatten sie alle gemeinsam in den Untergrund gehen wollen, da eine Ausreise aus Deutschland nicht mehr möglich war. Nun trat Margot Friedländer alleine den Weg in die Illegalität an. Insgesamt 14 Monate lebte sie in verschiedenen Verstecken in Berlin, bis sie bei einer Ausweiskontrolle verhaftet wurde. Sie wurde in das Ghetto und Konzentrationslager Theresienstadt gebracht, wo sie Zwangsarbeit verrichtete und ihrem vormaligen Chef und späteren Ehemann Adolf Friedländer wiederbegegnete: Der war Geschäftsführer des Jüdischen Kulturbunds in Berlin gewesen, wo sie als Kostümschneiderin gearbeitet hatte. Ihre Ehe, gleich nach der Befreiung noch in Theresienstadt geschlossen, war beiden nach der gemeinsamen Erfahrung der Verfolgungszeit eine wichtige Stütze. Das Paar wanderte 1946 in die USA aus. Nachdem ihr Schicksal verfilmt worden war, schrieb Margot Friedländer eine Autobiografie. Das Interview gab die mittlerweile 89-Jährige in ihrer Geburtstadt Berlin, wo sie 2010 wieder eingebürgert worden war.

Vorkontakte

ein ca. einstündiges Vorgespräch fand in der Wohnung von Margot Friedländer statt

Bedingungen

das Interview wurde in der Wohnung von Margot Friedländer in Berlin aufgezeichnet; es wurde abgesprochen, dass sie zunächst ein Kapitel aus ihrem Buch vorliest und anschließend auf die Fragen der Interviewer eingeht

Gruppensituation

neben den beiden Interviewern und dem Kameramann (Kai Schulze) war als Hospitantin der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas Eszter Kiss anwesend

Unterbrechungen

vier Schnitte, mehrfache Unterbrechung durch Telefonklingeln

Protokoll

Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas

Kerstin Hinrichsen

[0:00] äh mein Name ist Kerstin Hinrichsen von der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas heute ist der 27ste November 2009 wir führen heut ein Interview mit Margot Friedlander für das Projekt »Leben mit der Erinnerung« ähm wir sind in der Wohnung

[0:17] von Frau Friedlander in Berlin ebenfalls anwesend sind Daniel Baranowski der zweite Interviewer Kai Schulze hinter der Kamera und ähm Eszter Kiss die äh hospitiert   ähm wir haben uns mit Frau Friedlander darauf geeinigt dass sie zunächst das erste Kapitel

[0:35] ihres Buchs vorlesen wird und wir ihr dann Fragen stellen werden [Schnitt]

Margot Friedländer

[0:38] [liest:] ich gehe die Skalitzer Straße entlang es ist kurz nach zwei Uhr   ein grauer Januarmittag im Berliner Kreuzberg auf den Hochbahngleisen rattert die U-Bahn viele Leute sind zu Fuß unterwegs sie haben blasse verschlossene Wintergesichter ihr Blick

[1:02] ist starr auf den Boden gerichtet auch ich bin so in Gedanken versunken dass ich den Mann kaum wahrnehme der ungefähr einen Häuserblock entfernt vor mir hergeht es ist der zwanzigste Januar 1943 [räuspert sich] ich denke nur an heute Abend wir wollen fort

[1:22] aus Berlin meine Mutter mein Bruder und ich unsere Flucht is lange geplant einmal noch treffen wir uns in der Wohnung um uns abzusprechen wenn alles gutgeht sind dies meine letzten Stunden in Berlin wie wird es sein dort wo wir hinwollen es wird besser sein

[1:42] als hier das glauben wir zumindest wir hoffen es es ist unsere letzte Hoffnung unser Vorhaben erscheint ungeheuerlich es nimmt meine Gedanken völlig in Anspruch nur nebenbei bemerke ich dass es nicht mehr weit ist bis zur Nummer 32 unserer Wohnung hier kommt

[2:04] schon die Straßenlaterne noch wenige Schritte [räuspert sich] dann fühle ich plötzlich dass etwas nicht stimmt ich blicke auf der Mann der vor mir hergeht irgendetwas gefällt mir nicht an ihm ich starre auf seinen Rücken in dem dunklen Mantel unwillkürlich

[2:22] übernehm ich den Rhythmus seiner Schritte es sind kurze schnelle Schritte als sei ihm kalt ich habe Angst und weiß nicht warum   der Mann verschwindet in einem Hauseingang es ist die Nummer 32 unwillkürlich press ich meine Handtasche gegen die Brust um den

[2:42] gelben Stern zu verdecken soll ich einfach weiterlaufen ? aber wohin ich muss nach Hause ich will nichts an unserem Plan ändern sonst wird alles scheitern [räuspert sich] die Nummer 32 ist ein gewöhnliches Mietshaus die ockergelbe Fassade nachgedunkelt vom

[3:04] Ruß der Kohleöfen ich öffne die Eingangstür und trete ins Treppenhaus es riecht nach Linoleum und kaltem Rauch unsere Wohnung liegt im Vorderhaus zweiter Stock von dem Mann ist nichts zu sehen ohne Zögern steige ich die Treppe hinauf vielleicht bin ich

[3:25] einfach zu nervös es wird sich schon zeigen dass meine Sorge unbegründet sind der Mann is sicher nicht mehr da vielleicht is er in einer Wohnung verschwunden vielleicht besucht er jemanden oder er hat sich in der Hausnummer geirrt und kommt gleich die Treppe

[3:42] herunter doch dann sehe ich ihn   er steht in der zweiten Etage direkt vor unserer Wohnung lehnt mit dem Rücken an unserer Tür ich schaue ihn nicht an starre auf einen unsichtbaren Punkt in der Luft am liebsten würde ich wieder heruntergehen doch zum Umkehren

[4:04] ist es zu spät mir bleibt keine Wahl meine Schritte hallen durchs Treppenhaus im selben Rhythmus wie bisher   nicht schneller   nicht langsamer noch immer halte ich die Handtasche gegen meine Brust [räuspert sich] dann muss ich an ihm vorbei ich bin ihm so

[4:24] nah dass er mich berühren könnte aber ich schaue ihn nicht an ich verwende alle meine Kraft daraus teilnahmslos zu wirken was will dieser Mann ? warum steht er vor unserer Tür ? auf wen wartet er ? sein Gesicht ist nichts als ein heller Fleck über einem dunklen

[4:43] Mantel der nur kurz durch mein Blickfeld wischt   der Mann rührt sich nicht in der dritten Etage bleibe ich stehen   ich muss mich schnell entscheiden kurz entschlossen klingle ich   an einer Tür die Nachbarin die hier wohnen kenne ich kaum obwohl ihre Wohnung

[5:04] direkt über unserer liegt es sind Nichtjuden ich habe noch kein Wort mit ihnen gewechselt jetzt bete ich dass sie zu Hause sind tatsächlich höre ich Schritte die sich der Türe nähern kurze energische Schritte Absätze klappern über dem Dielenboden es

[5:23] sind die Schritte einer Frau [räuspert sich] die Tür öffnet sich und die Nachbarin erkennt mich sofort ich habe Angst dass sie mich laut begrüßt doch sie bleibt stumm winkt mich in ihre Wohnung hinein und schließt die Türe jetzt wird mir klar dass etwas

[5:45] Schreckliches geschehen sein muss ich sehe es in ihren Augen sie bittet mich ins Wohnzimmer zeigt auf einen Stuhl   ich setze mich sie nimmt mir gegenüber Platz »sie sind gekommen« sagt die Nachbarin leise als könnte der Mann auf dem Treppenabsatz noch

[6:05] immer mithören »Gestapo« »wann« frage ich ich höre meine eigene Stimme wie von ferne der Raum schließt sich enger um mich und das Deckenlicht erscheint mir plötzlich dunkler als sei die Glühbirne kurz vor dem Erlöschen [räuspert sich] »am Vormittag«

[6:27] sagt sie »vor ein paar Stunden   plötzlich hat jemand durchs Treppenhaus gebrüllt aufmachen aufmachen !« dann das Poltern auf der Treppe ich bin zum Fenster gelaufen da kamen sie gerade zur Tür hinaus sie haben sie in den Polizeiwagen gestoßen »wen ?«

[6:46] frage ich »Frau Meißner« sagt die Nachbarin »und noch zwei andere einen Mann und eine Frau etwa Mitte zwanzig ich kannte sie nicht   und der Junge« »mein Bruder Ralph ? meine Mutter ?« die Nachbarin schüttelt den Kopf meine Mutter is nicht dabei gewesen

[7:08] etwa eine Stunde nachdem die Gestapo verschwunden war sei sie gekommen erzählt die Nachbarin sie habe unsere Tür versiegelt gefunden »ich hab ihr alles erzählt« »hat sie nach mir gefragt ?« »ich habe ihr gesagt dass du nicht da warst« »wo ist sie

[7:27] jetzt ?« »zu Nachbarn gegangen Juden irgendwo hier in der Straße« ich weiß sofort wen sie meint ein Ehepaar das wir flüchtig kennen wohnt drei Häuser weiter dort also ist sie ganz nah aber ich kann nicht zu ihr wahrscheinlich steht der Mann noch immer

[7:49] vor unserer Tür ich kann nich fortgehen ich kann nichts tun als hier sitzen und warten [räuspert sich] die Nachbarin überlässt mich meinen Gedanken ich bin ihr dankbar dass sie verlangt nicht dass ich gehen soll sie bleibt einfach sitzen genau wie ich

[8:08] die Ellbogen auf der Tischplatte das Gesicht in die Hände gestützt ich kenne sie kaum sie kann mir nicht helfen und doch ist es gut dass sie mich hier sein lässt es ist gut dass ich schweigen darf   allmählich wird es Nachmittag der blasse Januarhimmel

[8:29] von dem ich einen kleinen Ausschnitt durch das Küchenfenster sehen kann ist inzwischen dunkelgrau geworden irgendwann stehe ich auf und verabschiede mich ich muss gehen sofort ganz egal ob der Mann noch da ist   langsam steige ich die Treppe hinunter er wartet

[8:50] nicht mehr vor unserer Tür jetzt kann ich auch den Siegel erkennen der quer überm Schlüsselloch und Türrahmen klebt   erst unten auf der Skalitzer Straße fällt die Starre plötzlich von mir ab meine Gedanken rasen alles muss schnell gehen ich weiß nicht

[9:10] wie lange ich bei der Nachbarin gesessen habe gewiss mehr als eine Stunde vielleicht zwei meine Mutter wartet auf mich sicher macht sie sich Sorgen   wir müssen überlegen was wir jetzt tun können wir müssen meinen Bruder finden oder uns verstecken   was

[9:31] auch immer geschieht zusammen finden wir einen Weg   ich stehe vor dem Nachbarhaus gleich werde ich meine Mutter sehen es dämmert schon das Ehepaar wartet am erleuchteten Fenster ich kann die Umrisse hinter der Gardine erkennen ich schaue auf suche nach dem

[9:52] vertrauten Gestalt meiner Mutter aber sie ist nicht da [räuspert sich] die Frau öffnet mir die Türe »wo ist sie ?« frage ich atemlos die Frau wartet bis ich im Flur bin dann schließt sie die Tür »sie ist gegangen« im ersten Moment verstehe ich nicht

[10:14] bin ich zu spät ? sucht sie mich ?   »sie hat eine Nachricht für dich hinterlassen« ich warte darauf dass die Frau mir etwas überreicht aber sie steht einfach so da ich suche nach einem Zettel in ihrer Hand nach irgendetwas Geschriebenem das meine Mutter

[10:33] mir hinterlassen hat   »ich soll dir etwas ausrichten« und dann sagt sie mir was mir meine Mutter nicht mehr selbst sagen kann »ich habe mich entschlossen zur Polizei zu gehen ich gehe mit Ralph wohin auch immer das sein mag   versuche dein Leben zu machen«  

[10:57] das sollen ihre Worte sein ? es ist als hätten sie nichts mit mir zu tun kalte Worte aus dem Mund fremder Leute   ich schaue die Frau fragend an »das hat sie gesagt sonst nichts ? dann ist sie gegangen ? versuche dein Leben zu machen ?« sie wiederholt den Satz

[11:20] erst beim zweiten Mal begreife ich seinen Sinn ein grausamer Satz hart und gleichgültig   [räuspert sich] ich stehe da mit nichts außer diesem Satz ich habe nicht einmal eine einzige Zeile in ihrer Handschrift jetzt greift die Frau nach etwas das auf der

[11:45] Flurkommode steht sie drückt es mir in die Hand ich fühle glattes Leder erst dann sehe ich was es ist die Handtasche meiner Mutter ich öffne sie ein vertrauter Geruch steigt in meine Nase der Geruch nach angerautem Leder Parfüm und Bleistiftminen nach

[12:05] Seife nassem Mantel und Papier nach Regentagen ihr ganz eigener Geruch   ich fasse in die Tasche und zieh ihr Adressbüchlein heraus ein kleines Heftchen aus (Koropapier) der Umschlag hat sich längst abgelöst an der Kante das Register ein Alphabet abwechselnd

[12:28] in Schwarz und Rot einige Buchstaben sind abgegriffener als andere viele Adressen sind ordentlich mit Füllfederhalter geschrieben andere mit Bleistift eingetragen und flüchtig hingekritzelt die Adressen von Reisebüros Visastellen Konsulaten und Kontakten

[12:48] die später vielleicht nützlich sein könnten [räuspert sich] doch in der Tasche ist noch mehr   auf ihrem Boden fühle ich etwas Schweres Kühles Glattes ich ziehe es hervor es ist ihre Bernsteinkette eine halblange Kette aus mattpolierten Bernsteinen die

[13:11] zur Mitte hin größer werden einige der Steine sind gold oder senfgelb andere dunkler fast rötlich ich schließe die Tasche und gehe zur Tür es gibt keinen Grund noch länger zu bleiben die Frau beobachtet mich sie hält mich nich auf fragt nicht wohin

[13:34] ich gehe »auf Wiedersehen« sage ich »auf Wiedersehen« sagt sie   wir wissen es wird kein Wiedersehen geben   am Tage an dem ich untertauche nehme ich den Judenstern ab ich stehe auf der Skalitzer Straße automatisch setze ich einen Fuß vor den anderen es

[13:57] ist dunkel geworden und sehr kalt ich kann die Nacht nich auf der Straße verbringen aber wohin soll ich gehen ? wo soll ich schlafen auf einer Bank ? ich würde erfrieren [räuspert sich] ich muss eine Entscheidung treffen   ich bin gerade einundzwanzig Jahre

[14:16] alt ich habe noch [betont:] nie eine Entscheidung ganz allein getroffen ich habe noch kein eigenes Leben mein Leben ist das Leben mit meiner Mutter meinem Bruder meiner Familie dieses Leben ist nun vorbei   warum hat meine Mutter nicht auf mich gewartet ? ich

[14:37] laufe weiter mechanisch ohne Ziel plötzlich stehe ich ohne zu wissen wie ich dorthin gelangt bin vor dem Haus [räuspert sich] der Wohnung von jüdischen Freunden Siggie Hirsch und seiner Schwester [hustet und räuspert sich]   ich klingle sie sind zu Hause

[15:01] ich kann die Nacht bei ihnen verbringen einige Nächte meine ersten Nächte im Untergrund früh am Morgen verlasse ich das Haus laufe durch- durch das Januardunkel der Untergrund   das ist bisher [ein Telefon klingelt]

Daniel Baranowski

[15:20] machen wir kurz Pause ? [Schnitt]

Margot Friedländer

[15:22]   ich klingle sie sind zu Hause ich kann die Nacht bei ihnen verbringen einige Nächte meine ersten Nächte im Untergrund früh am Morgen verlasse ich das Haus laufe durch die Januardunkelheit der Untergrund das ist bisher nichts als ein zielloses Umherlaufen

[15:50] in Straßen die ich gut kenne die aber plötzlich fremd und gefährlich erscheinen ab heute muss ich fürchten jemand zu begegnen der mich kennt ich senke den Kopf wenn andere Menschen mir entgegenkommen aber niemand beobachtet mich die Gesichter der Leute

[16:11] sind hinter Schals und Mantelkragen versteckt sie haben es eilig sie gehen zur Arbeit ich geh- ni- ich gehe nirgendwohin ich gehe einfach es wird hell allmählich öffnen die Bäckereien und Zeitungskioske dann alle anderen Geschäfte irgendwann am Vormittag

[16:33] komme ich an einem Friseurladen vorbei er ist leer nur die Friseurin ist da sie fegt den Fußboden und wartet auf Kundschaft   ich treffe eine Entscheidung »was kann ich für Sie tun ?« die Friseurin lächelt mich an »einmal Haare färben bitte !« ich setze

[16:55] mich auf den Frisierstuhl »welche Farbe hätten Sie denn gerne ?« ich überlege »rot« sage ich ich lasse mir die Haare färben tizianrot Juden haben keine roten Haare denken die Leute ich will nichtjüdisch aussehen meine schwarzen Haare nehmen die Farbe

[17:15] schlecht an die Kopfhaut brennt es tut weh aber ich will unbedingt anders aussehen ich bin nicht mehr die Margot Bendheim von gestern diese Margot darf es nicht mehr geben ich bin untergetaucht »versuche dein Leben zu machen« ich muss es versuchen   an diesem

[17:37] und an allen folgenden Tagen meines Untergrundzeit muss ich es versuchen so wie meine Mutter es mir aufgetragen hat

Kerstin Hinrichsen

[17:47] mhm   ja vielen Dank dass Sie das vorgelesen haben

Margot Friedländer

[17:53] mh ?

Kerstin Hinrichsen

[17:55] ähm vielen Dank dass Sie das gelesen haben

[17:58] vielleicht könnten Sie jetzt nochmal sagen wie Sie heißen und wann Sie geboren wurden und vielleicht wer Ihre Eltern waren

Margot Friedländer

[18:03] und ?

Kerstin Hinrichsen

[18:05] und wer Ihre Eltern waren

Margot Friedländer

[18:07] mhm

Kerstin Hinrichsen

[18:10] mhm

Margot Friedländer

[18:12] ähm   ich bin Margot Friedländer   geboren in Berlin am fünften November 1921 meine Eltern Auguste Groß   Bendheim geborene Groß mein Vater Arthur Bendheim   äh haben ein Jahr vorher ich am fünften November sie haben am vierten November zwanzig geheiratet

[18:40] in Berlin

Kerstin Hinrichsen

[18:42] mhm

Margot Friedländer

[18:45] noch mehr ?

Kerstin Hinrichsen

[18:47] ja   wenn Sie wollen

Margot Friedländer

[18:49] [gleichzeitig:] soll ich mehr sagen ?

Daniel Baranowski

[18:51] in welchem Stadtteil sind Sie   großgeworden ?

Margot Friedländer

[18:53] ähm ich bin geboren in der Lindenstraße

Daniel Baranowski

[18:56] mhm

Margot Friedländer

[18:58] damals war es Berlin Mitte   an dem Tag an meine den meine Eltern geheiratet haben hat meine Mutti mir später immer erzählt war ein Generalstreik   und äh es gab keine P- äh   Straßenbahnen oder es war kein Licht und die Synagoge wo sie getraut wurden hatte

[19:23] nur Kerzenlicht und sie sind also mit einer Kutsche äh zum Tempel gefahren in der Lindenstraße wo sie geheiratet haben

Daniel Baranowski

[19:34] und äh sind Sie Sie sind zu Hause geboren ?

Margot Friedländer

[19:40] ich bin zu Hause geboren

Daniel Baranowski

[19:42] ja

Margot Friedländer

[19:44] ja   äh damals war das wohl noch so mein Bruder ist ähm 45 geboren im August und der war scho- is schon im äh Spital g-

Daniel Baranowski

[19:56] ja

Margot Friedländer

[19:58] zur Welt gekommen   damals wohnten wir schon lange nicht mehr äh in der Lindenstraße sondern in Neukölln in der Geigerstraße und das Haus steht heute noch und ich habs mir angesehen es kommt mir zwar nicht bekannt vor aber es sieht immer noch recht gut

[20:18] aus war damals wars ein Neubau und   wahrscheinlich sehr schön wir ham ähm   dort gewohnt bis kurz nachdem mein Bruder geboren wurde sind wir dann an den an Köllnischen Park gezogen äh und ham dort viele Jahre gewohnt das war Mär- in der Nä- am Märkischen

[20:45] Museum an dem schönen Park und es war eine wunderbare Wohnung und äh   wir ham   ich bin mehr oder minder im Park großgeworden im Märk- am Märkischen Museum damals gab es (im) ich weiß nich wieso eine kleine Anhöhe oben war ein kleiner Spielplatz und

[21:11] im Winter sind wir sehr schön immer diesen kleine Anhöhe runtergerodelt mitm   äh wenn Schnee war

Daniel Baranowski

[21:21] mhm   kamen Ihre Eltern auch aus Berlin schon ?

Margot Friedländer

[21:25] meine Eltern ja mein Vater   [räuspert sich] kam aus Langen bei Darmstadt   und äh war von seiner Firma nachdem er ausm F- äh Krieg kam äh sein Bruder war verstorben äh im Feld gefallen und mein Vater wurde äh ja der (minde-) der F- äh Ernährer der Familie

[21:53] er wollte Medizin studieren konnte das aber nicht und hat dann in Frankfurt am Main in einem ähm   Stofffirma gearbeitet die ihn dann versetzt ham nach Berlin   ich weiß nich genau wann aber er wahrscheinlich ganz früh 1920 dass er nach Berlin gekommen ist

[22:16] und hat dort meine Mutti kennengelernt   äh   sie haben sich dann verlobt und mein Vater is mit äh seiner Braut meiner Mutter äh nach Langen gefahren um sie äh der Familie seine Mutter lebte der Vater war schon lange gestorben äh und z- zwei Geschwister

[22:41] die gelebt haben ein Bruder eine Schwester älter als mein Vater äh um sie vor- dort vorzustellen ähm   meine Mutti ähm   kam also nach Langen und als sie die begrüßt wurde von der Mutter ähm   sah sie die Ge- den Bruder der hinter der Mutter stand   und

[23:11] sie hat sich ähm sie hat nicht gewusst dass der M- Bruder des ihres Bräutigams äh behindert ist er war ähm   der Oberkörper war recht total normal und vom   der Hüfte an war er verkrüppelt die Beine und mein Vater hatte meiner Mutter das nicht gesagt

[23:39] und als sie dann in das Wohnzimmer kam war die Schwester dort und saß auf dem Sofa und meine Mutter hat das erst gar nicht gesehen und merkte dann aber auch dass die Schwester ähm ein Beinleiden hat äh sie trug hohe Stiefel an denen Schienen waren äh  

[24:01] sie konnte   laufen es war ein merkwürdiges Laufen aber der Bruder ist äh   gesprungen beinah und is auf einem Dreirad gefahren [räuspert sich]   meine Mutti war   nicht sehr glücklich über das äh was sie gesehen hat und dass er ähm ihr Bräutigam ihr das

[24:32] nicht gesagt hat denn vorher war sie sehr   äh   befreundet oder äh sehr verbunden mit ihrem einem Cousin der sie heiraten wollte und da hat die Familie hat gesagt »man heiratet keinen äh Cousin ersten Grades wegen der Kinder das ist gefährlich« und so

[24:59] hat sich meine Mutter dann gesagt »wie ist es hier ? ähm   hier heirate ich einen Mann der äh wo seine Geschwister äh sehr verkrüppelt sind und ich nicht weiß wieso es gekommen ist« aber sie hat die Verlobung nicht zurückgehen lassen und sie hat meinen

[25:19] Vater geheiratet  

[25:21] ähm meine Mutti hatte äh vor der Ehe bereits ein kleines Geschäft gehabt ein äh Knopfgeschäft äh wo man eine Knopfmaschine und kleine Apparate hat und bezogene Knopfe macht für die Konfektionen und ähm   auch für kleine Geschäfte

[25:45] die Plisseebrennereien äh haben und äh   Garn verkaufen an Hausschneidereien was damals sehr sehr üblich war [räuspert sich] dieses Geschäft   übernahm mein Vater als sie heirateten hat aber nie Knöpfe gemacht sondern sich sofort darauf verlegt äh ein

[26:09] En-Gros-Geschäft daraus zu machen nämlich nur die Maschinen und die Apparate und diese Knopfteile   zu verkaufen an klei- an die kleinen Geschäfte die früher die Knöpfe bei meiner Mutter machen lassen dass sie die selber machen können und das wurde ein

[26:28] sehr sehr großes Geschäft und meine Mutti hat äh [betont:] mich erwartet das ihr erstes Kind bereits nach einem Jahr und ist dann ähm ausgeschieden aus dem Geschäft das heißt mein Vater fand dass sie nicht mehr arbeiten sollte [hustet] und er hat seinen

[26:50] Bruder nach Berlin geholt   äh der dann mit meinem Vater in   die Buchführung gemacht hat   ähm   ein paar Jahre später holte er dann [betont:] wenig später seine Mutter und seine Schwester auch nach Berlin

Daniel Baranowski

[27:10] wo ist denn das Geschäft gewesen ? oder der Laden vielmehr

Margot Friedländer

[27:15] [gleichzeitig:] äh das äh der zuerst äh war das noch also wie meine Mutti es hatte in der Grünstraße Neue Grünstraße äh dann zog mein Vater in die Kleine Jägerstraße Nummer fünf und einige Jahre später war ein Geschäft zu verkaufen das Knöpfe

[27:34] äh Strass und äh Knöpfe aus Gablonz Sch- Kleiderschmuck hatte äh das an die Konfektion verkauft wurde diese Firma hieß Schleyer   M Schleyer und so hieß dann die Firma (M Schleyer) Nachfolger Arthur Bendheim und für diese äh   Knöpfe Schnallen und Strass

[28:01] und äh Kleiderschmuck hatte mein Vater Vertretung Vertreter engagiert und er kümmerte sich nur   um [räuspert sich] seine Kunden die er von Anfang an hatte und vergrößert hat äh kleine Geschäfte [hustet; beugt sich nach vorne] und später ähm haben

[28:22] dann auch die Konfektionshäuser ihre eigenen Knöpfe gemacht und die Maschinen gehabt und äh aber ähm bevor mein äh meine Mutter das Geschäft aufgemacht hat hatte sie schon dasselbe Geschäft zweimal gehabt und hat es einmal ihrer Schwester gegeben als

[28:44] der Mann im Krieg eingezogen wurde   mein Onkel Adolf und die Schwester mit zwei Kindern war also erst einer der andere wurde dann auch während des Krieges geboren damit die Schwester noch etwas ähm dazu verdienen kann weil der Mann ja nicht mehr äh arbeitet

[29:08] [trinkt; räuspert sich]   als meine Mutti mit ihrem Cousin sehr äh innig war und heiraten wollte hat mein Großvater ihr dam- das zweite Geschäft übernommen und hat gesagt »ich werde das führen« vom Hause aus das die hatten eine große Wohnung und

[29:30] da saß eine Angestellte die so in einem Extrazimmer von der Wohnung aus Knöpfe gemacht hat Opa h- mein Opa hat nie gearbeitet d- war ein recht wohlhabender Mann und ähm meine Oma äh die er dann äh in Berlin seine zweite Ehe geheiratet hat denn seine Frau

[29:53] war sehr sehr jung gestorben und ähm die Kinder waren alle ausm Haus außer meiner Mutter ein Bruder is im Feld gefallen also das war alles nach 1918 dann [räuspert sich] und so war gab es diese Knopfgeschichte äh zweimal und das dritte Mal wurde sie äh

[30:19] von meinem Vater übernommen und äh groß aufgezogen nicht mehr Knöpfe gemacht und die Großeltern haben das ziemlich lange gemacht und die Tante nicht mehr als der Mann aus dem Feld kam und ähm   verwundet war und ne Weile nich arbeiten konnte war es sehr

[30:41] gut dass sie das hatte äh später hat dann Onkel Adolf wieder arbeiten können und die Tante hat keine Knöpfe mehr gemacht   ähm   das war   dann wahrscheinlich schon   neunzehnhundert-   28 29 dreißig [hustet] äh  

[31:13] ich ging schon zur Schule   äh mein

[31:19] Bruder   ist 25 geboren fing dann auch sehr bald die Schule an   und mein Bruder war ein sehr ruhiger und sehr ähm   sensibler Junge   Junge is hoch intelligent   viel intelligenter als ich   äh er war ein Genie   beinah hat wunderbar er hat mit sieben Jahren angefangen

[31:52] Geige zu spielen und war sehr talentiert und ähm   wir hatten eigentlich ein sehr schönes Leben denn Mutti hatte sehr viel Verwandtschaft von Mutters Seite Vater [betont:] nicht wie die Oma und Tante Lina und Onkel Sally in Berlin gelebt haben ham wir sie

[32:13] immer besucht aber   wie damals wurden ähm   Menschen die nicht ähm   äh die irgend ein Leiden hatten wurden etwas zurückgesetzt und wurden nie eingeladen zu irgend welchen Veranstaltungen ähm   äh Parties ähm   die in der Familie stattfanden ich könnte

[32:44] mir denken   dass es mein Vater vielleicht gekränkt hat ich weiß es nicht

Daniel Baranowski

[32:50] erinnern Sie sich an diesen Onkel und diese Tante (wenn Sie dann da waren) ?

Margot Friedländer

[32:54] [gleichzeitig:] (yes ja) sehr genau sehr genau ja

Daniel Baranowski

[32:56] und war das wie war das für Sie wie haben Sie das wahrgenommen damals   Sie waren ja noch sehr jung

Margot Friedländer

[33:00] [gleichzeitig:] well   [sucht nach Worten] als   man akzeptiert das denn ich kannte ihn von   klein auf äh war er in Berlin und er ist auf diesem Dreirad gefahren und ich bin   des öfteren mit ihm   neben ihm hergegangen und wir sind (Konditern) gefahren äh

[33:23] in Konditoreien in der Friedrichstraße und ham ähm   schön Kuchen gegessen und der war mein Onkel ich mein ich äh   [räuspert sich] ich hab mir weiter gar nichts ähm gar keine Gedanken darüber gemacht   all diese Sachen sind viel später in wenn man

[33:49] darüber nachdenkt was gewesen is und wie man äh das verarbeitet hat das ist viel schwerer heute als es damals als Kind   war das eine Selbstverst- gehörte zur Familie wir sind -s ich mochte äh die Oma auch aber nicht so sehr wie meine andere Oma meine Oma

[34:14] Adele liebte ich die äh mich Mäuschen genannt hat und ähm eine Geschichte die meiner Großmutter oder mehrere Geschichten die sie mir immer später erzählt hat und gesagt hat »wenn du mal heiratest kommt das in dein Hochzeitsbuch rein« äh deshalb äh

[34:35] sind ist mir das sehr bekannt wie ich ähm wie mein Bruder geboren war ich ungefähr vier Jahre alt und hatte Keuchhusten und damit mein Bruder sich nicht ansteckt der Kleine äh sollte ich ausm Haus und zu den meiner Großmutter kommen und man brachte mich

[34:56] zu der Oma Betti mein Vat- d- Vaters Mutter und als ich abends ins Bett gehen sollte äh hab ich furchtbar angegeben und geweint »nein ich geh nicht in dieses Bett« jetzt muss man sich vorstellen ein altes Schlafzimmer dunkel mit viel Federbett oben Federbett

[35:20] unten viele Kissen und neben dem äh das war ein Doppel- zwei Betten nebeneinander und in dem einen Bett hat die Tante Lina geschlafen und das andere Bett sollte die Om- sch- hat meine Oma geschlafen und ich sozusagen in der Besuchsritze   also es war für

[35:42] mich schrecklich und ich hab gesagt »ich geh nich in das Bett   ich kann nicht atmen und ich kann keine Luft kriegen und da geh ich nicht rein«   [räuspert sich] ähm späterhin in   Jahren ähm in späteren Jahren hab ich mir oft überlegt äh war es wirklich

[36:02] äh das Bett oder war es dass ich nicht neben der Tante liegen wollte die diese verkrüppelten Beine hat das kann man ja (_) nachher gar nicht mehr wissen warum (ist man) -n Kind und irgendwelche Gedanken hat man aber is sich darüber nicht einig   also die

[36:22] Eltern konnten nichts anderes machen als mich noch nachts abholen und zu der anderen Oma zu bringen zur Oma Adele und da bin ich dann   durch die Zeit meines Keuchhustens gewesen und nun stell man sich vor die Oma war ne ziemlich kleine Frau sehr modern   trug

[36:42] ein Pelzmantel es war Winter mein Bruder ist im August geboren also es muss vielleicht November gewesen sein   ähm und ich hatte auch einen Pelzmantel und wie es mir besser ging ist die Oma jeden Tag mit mir spazieren gegangen und fast immer zum Dönhoff-Platz

[36:59] an der Leipziger Straße und ich wurde sehr schnell müde und eines Tages also sagte die Oma und s- tra- trug mich auf ihrem Arm die kleine Frau im Pelzmantel ich klein   und pummlig in dem Pelzmantel und da kam ein Herr vorbei und sagte »son großes Mädchen

[37:20] lässt sich von der alten Oma tragen schämst du dich denn gar nicht« also ich war sehr entsetzt und ging also runter vom Arm meiner Großmutter und dann hab ich mich immer umgeguckt und als ich den Mann nicht mehr sah hab ich gesagt »Oma nur bis zur nächsten

[37:37] Laterne« und die Oma hat mich natürlich wieder aufn Arm genommen und ist mit mir nach Hause gegangen zu sich das sind so Erinnerungen äh  

[37:48] Feiertage die bei den Großeltern gefeiert wurden äh Aben- auch oftmals Freitagabend äh gab es schönes Abendbrot

[37:59] es gab meistens Fisch einmal hab ich also auch ein Stückchen Fisch gegessen und muss wohl ne Gräte   irgendwie im Mund gehabt hab ich gesagt »es der würgt mir   mich« ich hab nicht gesagt »er würgt mich« ich konnte das wohl kaum aussprechen »es der

[38:16] würgt mich« also nachdem wollte ich jahrelang wohl kaum mehr Fisch essen [räuspert sich] und wenn die Feiertage waren und besonders äh der Sederabend beim Großvater der sehr schön gefeiert wurde Großvater saß im Sessel mit äh Kissen hinter sich und

[38:36] in seinem weißen Kittel diesem Sterbekittel was das übliche ist bei religiösen Leuten und es war ein großer Tisch und viele Menschen waren da und Großvater brachte fast immer jemanden aus der Synagoge mit der alleine war äh dass er mit uns isst und nicht

[38:56] alleine ist und wenn wir Kinder äh en bisschen rowdy waren denn die Tante Jetti hatte zwei Jungs und äh mein Bruder und ich und da war noch ein Cousin und eine Cousine äh dann hat der Opa immer m- über die Brille rüber geguckt und halb lächelnd und halb

[39:16] äh   ein bisschen ungehalten dass wir uns also benehmen sollen und das sind alles Kindererinnerungen und sehr schöne Erinnerungen ich hatte ne sehr schöne Kindheit mit der sehr viel V- äh Verwandten und äh die äh Cousins meiner Mutter zwei von ihnen hatten

[39:36] ein wunderbares ähm Grundstück am Scharmützelsee Gut Waldfrieden das sind wir immer hingefahren hatten dort auch eine Wohnung gehabt da war ein Herrenhaus und ein Leutehaus und diese vielen äh Cousins und Cousinen hatten alle Kinder wir waren manchmal

[39:59] 16 18 Kinder da in Scharmützelsee [räuspert sich]  

[40:04] äh   das war   waren eigentlich schöne Jahre und das ging natürlich bis   ähm in die drei- 1933 hinein was uns nicht so äh   als Kind nicht so aufgefallen ist äh dass man ähm uns natürlich die Eltern

[40:34] haben nicht darüber gesprochen das Geschäft meines Vaters ging sehr gut der war äh ist äh auch   zu der Zeit schon und danach bis 38 jedes Jahr ein paar Mal äh nach Schweden Dänemark und Holland gefahren wo er Kunden hatte äh denen er diese Knopfmaschine

[40:57] verkauft hat die dort das also auch machen konnten [räuspert sich] und   ähm um das jetzt äh gleich zu sagen als die Kristallnacht war 38 ähm und der neue Inhaber der eingesetzt wurde ein Herr Lücke äh hat mein Vater noch einen Reisepass bekommen   offiziell

[41:27] damit er mit diesem Herrn Lücke in diese Länder fährt um ihn dort vorzustellen   damit dieses Auslandsgeschäft weiter geht weil es Devisen gebracht hat   ähm als wir uns damals dann vom Vater verabschiedeten meine Eltern waren schon geschieden äh   37 haben

[41:51] sie sich getrennt äh dachten wir Vater wird sich was arrangieren und wird äh irgendwie in Schweden oder Dänemark oder Holland bleiben das war aber nicht der Fall er kam zurück und wir haben ihn aber nicht mehr gesehen und er ist dann äh ein oder zwei

[42:08] Tage später nach Belgien geflüchtet äh   um das vorzugreifen möchte ich sagen dass dieses   Weggehen meines Vaters für uns eine Enttäuschung war weil mein Vater nie auswandern wollte wegen seiner Mutter und der Geschwister die behindert sind und kein Land

[42:36] sie aufgenommen hätte   äh und dadurch sind wir eigentlich in Deutschland geblieben   und dann is er weggegangen ähm bestimmt ja mit der Absicht sich zu schützen und es in Belgien zu überleben denn man konnte ja nicht ahnen dass ähm die Deutschen nach

[43:01] Belgien einmarschieren werden und äh er ist dann auch von Belgien äh als die Deutschen einmarschiert sind äh verhaftet worden und äh nach Frankreich gekommen war dort in drei verschiedenen Lägern und ist von Frankreich im August 42 nach Auschwitz gebracht

[43:23] worden  

[43:26] ähm   die Jahre vorher   ähm waren kompliziert in unserem Haus wir sind oft umgezogen weil   die Eltern sich getrennt haben wie wir   noch in der am Köllnischen Park gewohnt haben   da sind wir meine Mutti mein Bruder und ich nachm Westen gezogen

[44:02] weil dort unsere Verwandtschaft gewohnt hat die Cousins und so weiter

Daniel Baranowski

[44:07] wie lief denn das dann mit dem Geschäft ?

Margot Friedländer

[44:09] mh ?

Daniel Baranowski

[44:11] wie lief denn das dann mit dem Geschäft das   nach der Trennung der Eltern

Margot Friedländer

[44:14] [gleichzeitig:] das Geschäft   mein Vater hatte das Geschäft geführt und

Daniel Baranowski

[44:16] mhm

Margot Friedländer

[44:19] wir hatten also wohl gar keine finanziellen Sorgen wahrscheinlich

Daniel Baranowski

[44:21] [gleichzeitig:] aha ok mhm

Margot Friedländer

[44:23] hat der Vater bezahlt und   mit Kindern hat man damals nie über Geld oder irgend etwas gesprochen und auch Kinder haben damals wahrscheinlich heut auch noch nicht viel ich sag immer den jungen Menschen »fragt eure Eltern   aus fragt wie sie sich kennengelernt

[44:43] haben fragt äh danach« denn ich möchte so gerne einiges wissen ich hab keine Ahnung wie meine Eltern sich kennengelernt haben und ich kann niemanden mehr fragen   also meine Eltern sind auseinander gegangen wir haben in der Niebuhrstraße gewohnt äh mein

[45:03] Vater hat uns jede Woche abgeholt wir sind mit ihm essen gegangen oder zu seiner Mutter gefahren und den Geschwistern die in der Stadt gewohnt haben und das ging also ich weiß nicht ob es ein Jahr war oder ob es zwei Jahre war Zeit is für mich   völlig verschwunden

[45:24] irgendwie [räuspert sich] die Eltern sind dann wieder zusammengegangen   den Kindern zuliebe und wir sind in eine sehr große Wohnung in der Neuen Friedrichstraße gezogen   Vater zog ein   Eltern   wohnten wieder   hatten wieder das Schlafzimmer und so weiter

[45:47] und das ging wohl ne Weile gut   und wir merkten eines Tages dass mein Vater nicht mehr im Schlafzimmer wohnt sondern ein   ein Zimmer   bezogen hat wo er geschlafen hat [seufzt] äh   und dann haben sich die Eltern wirklich endgültig 1937 getrennt und die Ehe

[46:13] ist geschieden worden und zu der Zeit sind wir dann   wieder nachm Westen gezogen aber nicht mehr meine Mutti wollte keine Wohnung mehr nehmen denn damals hat man von Auswanderung gesprochen und äh die Schwester der meiner Mutter die Tante Jetti mit Onkel

[46:35] Adolf und ihren zwei Söhnen äh is schon 35 nach Brasilien gegangen der eine Sohn schon 34 und wir sind in die Pension Mandowsky gezogen am Ludwigkirchplatz Ludwigkirchstraße direkt am Ludwigkirchplatz  

[46:53] und dort erlebte ich dann auch die Kristallnacht äh

[47:00] damals arbeitete ich schon als äh Lehrmädchen in einem kleinen Salon in der Kalckreuthstraße äh wo ich die Schneiderei lernen wollte ich war als ich die Schule v- verlassen hab ich glaube 36   ein Jahr in der Modezeichenschule Feige Straßburger um ähm

[47:24] Modezeichen und ähm Reklamezeichen   zu äh lernen oder zu studieren ich hatte damals immer noch die Hoffnung äh in die ins Modefach zu gehen   und das war äh ein äh etwas Wesentliches dass man das auch konnte als ich damit fertig war ein Jahr danach äh

[47:52] ging ich ähm zu der äh Rosa Lang-Nathanson in ein dieses klein Salon in der Kalckreuthstraße und war äh von 37 bis Kristallnacht 38 bei ihr a- in der Kristallnacht danach musste sie auch schließen weil es ein äh weil sie jüdisch war und ähm ich wurde  

[48:20] ich hatte war stellungslos   mein Vater verlor sein Geschäft   und   i- in der Kristallnacht haben wir natürlich weil mein Vater wir wussten ja nicht ganz genau wo er ist und was mit ihm geschehen ist nachdem in dieser Nacht ja sehr viele Verhaftungen waren

[48:47] und ähm   [räuspert sich] nach einigen Tagen kam der Vater und äh hat uns erzählt dass er sich versteckt hat und dadurch der Verhaftung entgegangen is [hustet; trinkt]   äh   mein Vater fuhr dann ein anderthalb Monat o- so später in diese nach Schweden

[49:28] mit diesem neuen Inhaber kam zurück und verschwand [räuspert sich]

[49:35] ich   habe   39 am Kulturbund der damals schon bestand seit 33 der Jüdische Kulturbund   ein Theater das aufgemacht wurde nachdem alle Künstler aus ihren Stellungen 33   rausgeflogen sind es

[50:03] konnte ja keiner äh kein Musiker mehr in nem Orchester spielen und kein äh Schauspieler auf der Bühne stehen wurde der Jüdische Kulturbund aufgemacht man musste also jüdisch sein und der jüdischen Gemeinde gehören um dort diese wunderbaren Vorstellungen

[50:23] äh den teilzunehmen und im Mai oder Juni haben sie die »Gräfin Mariza« geprobt und sie brauchten Statisten und ich bin also an Kulturbund als Statist gekommen z- f- für die zur »Gräfin Mariza«   und auch das war wieder ein Abschnitt meines Lebens der

[50:53] in dieser schweren Zeit äh besonders   ähm einschneidend war denn wir haben versucht äh den Menschen die   kunsthungrig waren und ja nichts mehr das nicht durften und jenes nicht tun noch etwas zu geben und alle Schauspieler und alle Musik- -ker haben ihr

[51:23] Bestes getan um wunderbare Vorstellungen zu geben die »Gräfin Mariza« wurde gespielt und   leider danach hat man äh dem Kulturbund das g- den schönen äh Saal in der Kommandantenstraße weggenommen und zu gemacht es war also das letzte so wir haben einen

[51:47] kleinen Saal bekommen es war wie ein Kinos- -saal und ähm dort konnte man Oper nicht mehr spielen es war nicht groß genug und das nächste Stück was dort gespielt wurd war Shakespeares »Widerspenstigen Zähmung« wo ich den Pagen gespielt habe ähm danach

[52:10] sollte ich meine kleine Rolle bekommen aber die Auswanderung war in größtem Umfang damals natürlich 39 äh und ich äh die Kostümschneiderin ist ähm   ausgewandert und man hat mich gebeten ob ich das übernehmen könnte die Kostüme die wir hatten ein

[52:35] großen äh Fond äh zu ändern so wie wir sie brauchten   [guckt in die Kamera und nach rechts; leise:] können wir

Daniel Baranowski

[52:46] wollen wir ne kurze Pause ? [Schnitt]

Kerstin Hinrichsen

[52:48] gut äh vielleicht könnten Sie noch was zu Ihrer Schulzeit in Berlin erzählen

Margot Friedländer

[52:51] äh [Telefon klingelt; Lachen im Hintergrund; Schnitt]

Kerstin Hinrichsen

[52:56] genau ähm ich wollt Sie bitten nochmal etwas zu Ihrer Schulzeit in Berlin zu erzählen

Margot Friedländer

[53:07] ich kann Ihnen sehr wenig über die Grundschule -zeit sagen ich erinner mich nicht   ähm ich bin dann gleich in die Große Hamburger Straße in die Mittelschule der Jüdischen Gemeinde gekommen   zu der Zeit hätte ich eigentlich noch in eine   Gymnasium oder  

[53:33] gehen können aber die Schwester meiner Großmutter Oma Adele war dort Lehrerin   und da dachten die Eltern also es wär sehr schön wenn ich in diese Schule ginge außerdem sagte mein Vater »es sieht so aus und es is alles so unbestimmt ich glaube du wirst

[53:59] glücklicher sein in diese Schule zu gehen« und   die   es war   irgendwie keine so gute Entscheidung aber ich hatte ja gar keine Wahl eigentlich ähm   mir hat die   Umgebung nicht so sehr zugesagt die ähm   Mädels in der aus der Schule waren aus -n andern Background

[54:33] wenn   ich muss leider sagen dass es meine Schuld ist damals waren wir irgendwie anders erzogen worden äh wir waren sehr ähm   sehr deutsch äh   so wie es eben ähm   sehr viele deutsche Juden wie es ähm   wie das wie es gewesen ist ich weiß ich meine ich

[55:07] kann es auch nich sagen und ich hab wir kamen dann immer ähm   Ein- ein Einfluss äh dann bin ich in einen Bund eingetreten da war ich ein oder zwei Mal das hat mir nich gefallen äh so -n zionistische   Vereinigung weil die Mädels äh da waren und   ähm ich

[55:35] muss sagen dass meine Schulzeit   in der Großen Hamburger Straße nicht so schön und erfreulich war äh wie man sich normale Schulzeit vorstellt äh   das waren auch sehr schwere Jahre irgendwie dadurch dass die Eltern erst getrennt waren dann zusammen gegangen

[56:01] sind dann wieder getrennt wo- es war alles ähm irgendwie gestört   nicht dass man es als junges Mädchen man hat man is   also wir sagen in Amerika -n Teenager en Teenager is wahrscheinlich damals hier genauso gewesen wie die Teenager in Amerika sind sie denken

[56:25] an sich sie denken an   m- mit ihren Freundinnen oder auch schon Jungs und sind nicht so interessiert an dem was um sie rum ge- äh vorgeht ähm   wir wir waren auch äh die Eltern haben auch mit uns nicht darüber gesprochen und man hat doch nur äh von den

[56:50] Verwandten   da ist der ausge- schon ausgewandert und schon der und der Cousin ist schon 34 rausgegangen die Tante 35 ähm von meiner Cousine der -n der Bruder is   36 rausgegangen ähm es war unser Leben war merkwürdig aber nicht ähm   nicht so tragisch wie

[57:21] man sich das manchmal äh wie es in anderen Familien war

Daniel Baranowski

[57:33] erinnern Sie denn den den Tag der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 33 im Januar ?

Margot Friedländer

[57:35] ich war zu jung

Daniel Baranowski

[57:37] mhm

Margot Friedländer

[57:39] um es wirklich ähm   das erleb- dass es ein ein traumatisches Erlebnis war würde ich sagen nein

Daniel Baranowski

[57:48] mh

Margot Friedländer

[57:50] äh wenn   da ich auch das Glück hatte nie irgendwie auf der Straße Pöbeleien

Daniel Baranowski

[58:00] mhm

Margot Friedländer

[58:02] und Schlägereien miterlebt zu haben kann ich nur sagen dass ich ähm   es nicht so empfunden habe   ähm dazu kam allerdings   äh die meine Mutter hatte eine Schwester die sehr jung gestorben ist und dann als äh der äh von der Schwester der Mann auch verstarb

[58:24] nachdem er mehrere Jahre eine St- geheiratet nochmal geheiratet hat hatte drei Kinder und also die Stiefmutter ist dann mit den drei Kindern zurückgeblieben die lebten in Teschen Oberschlesien ähm wo dann der   S- der Jung- es waren zwei Mädchen und ein

[58:48] Junge bei uns mehrere Jahre gelebt hat als- w- als wie mein Bruder und s- äh 33 hat er schon äh gearbeitet mein Vater er war älter als ich natürlich ähm hat ihn in die Lehre zu Herrn Fiks geschickt einem ähm   Furrier in der Uhlandstraße und dort hat

[59:15] er ähm Pelz-   ähm machen gelernt und 33 is er p- verprügelt worden und is dann zurückgegangen äh nach Teschen oder rather nach Bielitz äh die älteste Schwester das waren die älteste Schwester er war der mittlere und eine jüngere Schwester die jüngere

[59:38] Schwester war bei meinen Großeltern und ist dort aufgewachsen er bei uns und die älteste Schwester is bei der Stiefmutter geblieben die dann den jüngsten Bruder der Stiefmutter geheiratet hat   und diese Hilde und Erwin waren auch diejenigen zu denen wir  

[1:00:03] dann gehen wollten fahren wollten als wir uns verstecken woll- oder als wir aus Berlin wegfahren wollten ähm ich glaube ich werd das -n bisschen später erzählen wie das war als äh wir die Entscheidung dazu trafen äh   denn es ist ein bisschen kompliziert

[1:00:29] mit der Familiengeschichte

Daniel Baranowski

[1:00:32] mhm

Kerstin Hinrichsen

[1:00:34] [räuspert sich] und ham Sie ähm nach 1933 hat sich da in Ihrem Leben was verändert haben Sie   Veränderungen bemerkt ?

Margot Friedländer

[1:00:42] [schüttelt den Kopf] nein eigentlich nicht äh   wenn man ich war zwölf Jahre alt   äh als zwölfjähriges Mädel hat man merkt man es nicht es war auch so dass eine Großstadt Berlin man es nicht sehr es war ganz anders als auf in kleineren Städten wo jeder

[1:01:07] jeden kannte äh man war doch sehr anonym hier äh man äh mein Vater hatte sein Geschäft im Geschäft hat sich absolut nichts geändert er hatte weiter seine Kunden er hat jeden Tag die Kunden besucht   hat wir hatte en Auto ist Auto gefahren wir sind am

[1:01:29] Wochen- am Sonntag wenn wir nich   ähm nach Scharmützelsee gefahren sind sind wir nach Schloss Marquardt zum Kaffee gefahren oder   nach Grünau damals noch in Ruderklub äh wie von der Tante Jetti der Sohn noch   in Berlin war äh und zum »Welle Poseidon«-Ruderklub

[1:01:53] gehörte dass man da sehr schön im Garten gesessen hat   äh es war möchte ich sagen noch einige Jahre ein relativ   normales Leben   man hat versucht   äh und hat auch nicht geglaubt dass es sich halten wird wie die Tante Jetti und Onkel Adolf äh gesagt haben

[1:02:22] sie gehen nach Brasilien zum Sohn 35 hat mein Vater gesagt »ich verstehe es nich dass du ein gutes Geschäft aufgibst« das der Onkel hatte   und äh »dass ihr weggeht das wird sich nich halten das wird   vorbeigehen   die meinen uns nicht«   ich glaube  

[1:02:50] diese   ähm Schicht von deutschen sehr integrierten j- äh jüdischen Familien haben einfach es weggeschoben und nicht äh glauben wollen dass sich das hält äh dass des diese Ausmaße annehmen und ich hab auch oft gedacht oder auch gesagt dass [betont:]

[1:03:26] selbst wenn mein Vater und Mutter oder äh den K- »Mein Kampf« gelesen hätten das Buch von Hitler glaube ich nicht dass sies geglaubt hätten äh was drinsteht dass das passieren wird   ich kann mir nicht vorstellen dass man sich das ähm   das vorstellen

[1:03:52] kann dass so etwas geschehen kann äh auch wie ich dann 1938 die Kristallnacht   den neunten November erlebt habe   habe ich wirklich gedacht wie isses möglich dass unsere Nachbarn unsere   ähm Menschen mit denen wir leben täglich leben die ähm   ähm   unsere

[1:04:25] Geschäfte besuchen jüdische Geschäfte andere Gesch- äh dazu fähig sind äh einfach still zu schweigen und das mitzumachen ! ich g- äh es is ein Ding der Unmöglichkeit für uns gewesen das zu äh   da   das zu verstehen  

Daniel Baranowski

[1:04:50] 36 war die Olympiade in Berlin erinnern Sie sich daran ?

Margot Friedländer

[1:04:58] [gleichzeitig:] ja   zu der Olympiade kam dann der Erich dieser Cousin der bei uns gelebt hat auch noch mal nach Berlin uns zu besuchen weil es scheinbar besser äh ruhiger wurde   aber das war ja auch nur  

Daniel Baranowski

[1:05:15] hm

Margot Friedländer

[1:05:17] oberflächlich mehr oder minder w- ich weiß ganz genau an einem Tag sind wir zu ähm   Freu- einer Freundin meiner Mutter gefahren die am Kaiserdamm gewohnt haben wo Hitler vorbeifahren sollte um zum Stadion zu fahren und da waren noch andere Bekannte und

[1:05:40] wir haben hinter der Gardine ähm nicht aufm Balkon runtergeguckt weil wir Angst hatten wenn Gott behüte irgendetwas passiert dass geschossen wird auf ihn denn er war im offenen Auto   dass man die ganze Straße absperren wird und die Juden rausholen wird

[1:06:03] also das war schon 36 dass man ne Befürchtung hatte dass was geschehen könnte also man ist schon vorsich- sehr vorsichtig gewesen und trotzdem wir hat- äh wi- es war Scharmützelsee und dieses Scharmützelsee war erst für die Familie Onkel Paul und Onkel

[1:06:27] äh äh Richard hatten das in der Inflation gekauft und äh die Familie ist dort hingefahren und äh wir ham äh es war sehr schön und als man nach 33 oder 34 vielleicht nicht mehr so reisen konnte hat mein meine Onkel die Möbel- zwei große Möbelfabriken

[1:06:52] hatten das Herrenhaus äh alle Zimmer umgestaltet und Schlafzimmer draus gemacht und äh Gäste aufgenommen äh die ah ne Woche zum Urlaub oder Wochenende kamen und am Freitag nach Mittag oder s- nu kam eine große Auffahrt von Autos nach Scharmützelsee Gut

[1:07:18] Waldfrieden und alle die gekommen sind waren natürlich zum Sch- nachher Freunde geworden es auf auf Empfehlung junge Menschen wir haben wunderbare ähm T- Zeiten dort gehabt ähm auf dem Bootsdeck oben getanzt und ähm gesungen und gespielt und sind da schwimmen

[1:07:44] gegangen und durch diesen wunderbaren Weg zum Wasser vom Herrenhaus wo rechts und links Obstplantagen waren und äh   wir waren vergnügt   wir haben Swing getanzt und ähm [schüttelt den Kopf]   ich w- weiß auch nich   ich weiß nicht mal wie lange wir vergnügt

[1:08:13] waren 36 s- war bestimmt noch 37 vielleicht sogar auch noch

Daniel Baranowski

[1:08:22] wollen Sie die Bilder vom Scharmützelsee mal zeigen in die Kamera ?

Margot Friedländer

[1:08:25] [gleichzeitig:] ja   es äh [beugt sich nach vorne; sucht]  

Daniel Baranowski

[1:08:30] vielleicht müssen wir die rausnehmen dazu ?

Margot Friedländer

[1:08:32] also   hier haben wir   das Bootshaus

Daniel Baranowski

[1:08:37] am besten zeigen Sie es einfach gerade in die Kamera

Margot Friedländer

[1:08:41] so [zeigt ein Foto]

Daniel Baranowski

[1:08:43] ja ich glaube das geht dann

Margot Friedländer

[1:08:45] [Zoom auf das Foto]   hier sind wir damals schon   ähm   [zeigt ein weiteres Foto] Wa- Wasser-   Wasserski gefahren

Daniel Baranowski

[1:08:54] ah ja

Margot Friedländer

[1:08:56] das waren wir hatten   ne Kutsche   [holt weitere Bilder aus einem Umschlag] das waren die Kühe [Zoom auf das Foto]

Daniel Baranowski

[1:09:12] weiter

Margot Friedländer

[1:09:16] hier ist Onkel Paul   mit seinem Auto [hält ein Foto hoch]

Kerstin Hinrichsen

[1:09:24] ist das der Bruder von Ihrer Mutter ?

Margot Friedländer

[1:09:26] mh ?

Kerstin Hinrichsen

[1:09:28] ist das der Bruder von Ihrer Mutter oder

Margot Friedländer

[1:09:30] [gleichzeitig:] des sind   ähm die Cousin also

Kerstin Hinrichsen

[1:09:33] ah Cousins

Margot Friedländer

[1:09:35] er war der Mann von Tante Martha   hier ist Onkel Erich das is -n Cousin [hält ein Foto hoch]

Kerstin Hinrichsen

[1:09:38] mhm

[1:09:40] die kamen also hier ist noch die Kutsche   Pascha und Lotte die unsere Pferde [zeigt das Foto]

Daniel Baranowski

[1:09:44] aha was ist das ist hier nur runtergefallen gerade

Margot Friedländer

[1:09:47] nein wir ham da so Spiele gespielt und äh ähm auf ne Leiter [hält das Foto hoch] ich weiß auch nicht was   (ocker)

Daniel Baranowski

[1:09:54] sieht aus als steht die frei die Leiter ne [lacht]

Margot Friedländer

[1:09:57] ja ja ja

Daniel Baranowski

[1:09:59] okay [nimmt das Foto]

Margot Friedländer

[1:10:02] und hier waren   na das ist schwer zu sehen   [zeigt auf ein Foto] das ist Tante Selli   und Tante Martha die zwei F- Mädchen   die Cousinen von der Mutter und das andere neun waren Jungs

Daniel Baranowski

[1:10:15] mhm

Margot Friedländer

[1:10:18] und das ist schon die Toch- die älteste Tochter gewesen hier s- gehen wir vergnügt   den Gang entlang [zeigt ein Foto] den f- zum Wasser   [betrachtet selbst das Bild]

Kerstin Hinrichsen

[1:10:28] mh

Daniel Baranowski

[1:10:31] war da Ihr Bruder eigentlich auch immer mit dabei ?

Margot Friedländer

[1:10:33] mh ?

Daniel Baranowski

[1:10:35] war Ihr Bruder da auch immer mit dabei ?

Margot Friedländer

[1:10:37] ja ja aber wir waren die Jüngsten

Daniel Baranowski

[1:10:40] aha okay

Margot Friedländer

[1:10:42] wir waren die Jüngsten also es war en bisschen mein Bruder war nicht da mit äh   aber hier sind wir das sind viele   von den Cousins [zeigt ein Gruppenfoto]

Kerstin Hinrichsen

[1:10:47] ah ja

Margot Friedländer

[1:10:50] nicht ? da waren wir schon ein bisschen älter   ich sitze hier [zeigt]

Daniel Baranowski

[1:10:52] ah ja

Kerstin Hinrichsen

[1:10:54] mhm

Margot Friedländer

[1:10:57] das ist (Anni) die ist ausgewandert   (Anni) und (Anni) f- und Jochen

Daniel Baranowski

[1:11:03] mhm

Margot Friedländer

[1:11:05] (Joel) von Onkel Richard die Kinder   [guckt selbst auf das Foto] hier ist (Gene)   von Tante Martha   hier ist ihr Bruder Heinz   hier ist Onkel Richard   mh   ja (Anni) ich weiß nich en bisschen hier ist (Hilde Moses) also wir ham   [zeigt das Foto in die Kamera]

[1:11:33] ne ?

Daniel Baranowski

[1:11:35] mhm

Margot Friedländer

[1:11:38] das ist das   hier sind die Treibhäuser   auf dem Weg [zeigt das Bild in die Kamera]   hier ham wir das Leutehaus wo der Verwalter gewohnt hat [zeigt] und wo rechts und links äh zwei Wohnungen waren also zwei Zimmer und Küche ähm eins davon hatten wir

Daniel Baranowski

[1:12:01] mhm

Margot Friedländer

[1:12:04] zur Zeit wie es noch nur für die Familie war

Daniel Baranowski

[1:12:06] mhm

Kerstin Hinrichsen

[1:12:08] und war Ihr Bruder dann auch mit Schwimmen und Spielen ? weil Sie meinten dass der so sensibel war

Margot Friedländer

[1:12:14] [gleichzeitig:] ja auch ja aber nicht so Spielen nicht so äh   äh weil er zu eigentlich zu bisschen zu jung war

Daniel Baranowski

[1:12:22] mhm

Margot Friedländer

[1:12:24] aber mein Bruder war als kleiner Steppke wie er noch ganz klein war is er sehr gerne   äh so mit den Händen aufm Rücken gegangen und wenn mein Onkel Paul ihn dann gesehen hat über den Hof da laufen dann hat er gesagt »da geht der Herr Verwalter«

Daniel Baranowski

[1:12:37] [lacht]

Margot Friedländer

[1:12:39] [zeigt ein anderes Foto] das is äh das sind   viele von den   Ehepaaren Cousinen Cousins mit ihren   Onkel Paul   Tante Martha seine Frau   Tante Selli Onkel Erich Onkel Richard Onkel Walter   äh das is   die Geschwister

Daniel Baranowski

[1:13:06] mhm

Margot Friedländer

[1:13:09] die Cousins v- ersten Cousins meiner Mutter   ihr der deren Vater und meine Mutter -s Mutter (_) richtige Mutter waren Geschwister

Daniel Baranowski

[1:13:18] mhm

Margot Friedländer

[1:13:20]   hier ist meine Mutti mein Bruder und ich [zeigt ein Foto]   in Scharmützelsee   [Zoom auf das Foto] hier ist nochmal die Familie und da ist meine Mutti mit   Geschwistern [zeigt ein anderes Foto]

Kerstin Hinrichsen

[1:13:37] mhm

Margot Friedländer

[1:13:40] das waren die Stallungen [zeigt ein Foto] wir hatten auch eine Hühnerfarm und einen eigenen Hühnerdoktor mit vielen Hunderten von Hühnern   sehr schön   Hen- Heinz [zeigt ein Foto] und Jochen   aufm Bootsdeck   ja das is   mehr oder minder Scharmützelsee

[1:14:13]   das war hier diese Cousine Anni [zeigt] die bei meinen Großeltern aufgewachsen is äh w- da ihre Mutter die Schwester meiner Mutter gestorben is und der Vater dann paar Jahre danach auch und die ist mit meiner Mutter und meinem Bruder zusammen also sie

[1:14:41] war bei uns um sich zu verabschieden   an dem Tag als wir weg wollten und als mein Bruder verhaftet wurde war sie mit ihrem Mann bei uns und ist mitgenommen worden

Daniel Baranowski

[1:14:53] mhm   die andern beiden auf dem Foto waren Sie und Ihr Bruder

Margot Friedländer

[1:15:00] hm ? das war ja   ich [zeigt das Foto noch einmal] mein Bruder   und ich

Daniel Baranowski

[1:15:04] mhm

Margot Friedländer

[1:15:06] Anni war etwas älter als ich zweieinhalb Jahre oder so   man hat damals so kleine Bilder gemacht dass man kaum was sehen kann drauf ne [Lachen im Hintergrund] denn hier bin ich mit meinem Papa   [zeigt das Bild den Interviewern] und unser Auto

Daniel Baranowski

[1:15:30] mhm

Kerstin Hinrichsen

[1:15:33] [lacht]

Margot Friedländer

[1:15:35] (unser) BMW das sieht man ja jetzt   kann man noch sehen

Daniel Baranowski

[1:15:37] ja   kann man das

Kerstin Hinrichsen

[1:15:40] ah ja

Margot Friedländer

[1:15:42] [betrachtet das Bild selbst; sortiert]   das war hier   die Tante und der Onkel [zeigt] Tante Jetti und Onkel Adolf die ausgewandert sind 35   das war schon in Brasilien

Daniel Baranowski

[1:16:06] mhm

Margot Friedländer

[1:16:08] dieses Bild   das war der Sohn [zeigt] Eugene Eugen der auch in »Welle Poseidon« war in dem Ruderklub der is 34 nach Brasilien gegangen   so ne

Daniel Baranowski

[1:16:29] mhm dankeschön erstmal  

[1:16:31] ähm   die als ähm also die Kristallnacht   38 ähm ham Sie da erinnern Sie da was was Sie erlebt haben an dem Abend oder in der Nacht oder am nächsten Morgen ? Sie haben gesagt dass das dass mit dem Geschäft des Vaters nichts passiert

[1:16:49] is

Margot Friedländer

[1:16:51] [gleichzeitig:] wenn Sie wollen les ich Ihnen gerne diese   meine das vor was ich geschrieben hab über die

Daniel Baranowski

[1:16:58] ja

Margot Friedländer

[1:17:00] ja ?

Daniel Baranowski

[1:17:03] wenn Sie wollen ja

Margot Friedländer

[1:17:05] [nimmt ihre Aufzeichnungen in die Hand] ich glaube das wird   sagt dann alles ja ?

Daniel Baranowski

[1:17:09] mhm   sagen Sie noch kurz das ist jetzt nich aus Ihrem Buch sondern das ham Sie so

Margot Friedländer

[1:17:16] [gleichzeitig:] das is hab ich jetzt   äh im Buch ist natürlich auch ein kurzer Artikel aber ganz wenig nur und das habe ich jetzt geschrieben

Daniel Baranowski

[1:17:25] mhm

Margot Friedländer

[1:17:27] um es äh am neunten November   äh   in der im Gemeindehaus zu lesen

Daniel Baranowski

[1:17:36] dieses Jahr

Margot Friedländer

[1:17:38] ja

Daniel Baranowski

[1:17:40] vor drei Wochen

Margot Friedländer

[1:17:43] dieses Jahr ja vor drei Wochen   [liest:] vor ein paar Tagen hatte ich Geburtstag 1938 haben wir Geburtstage nicht mehr gefeiert es war fast wie der Tag zuvor ein Arbeitstag auch der heutige Morgen der zehnte November 38 begann wie immer als ich aufstand

[1:18:02] habe ich schnell am Fenster nach dem Wetter gesehen das mir grau vorkam natürlich ein Novembermorgen ein schnelles »auf Wiedersehn« zu meiner Mutter mein Bruder war gerade aufgestanden er ging noch zur Schule in die Mittelschule der Jüdischen Gemeinde

[1:18:20] in der Großen Hamburger Straße die später anfing für meinen Bruder wird dieses Wochenende bedeutsam sein er wird am Samstag seine Bar Mitzwa haben eigentlich sollte es im August sein zu der Zeit hatte er eine schwere Gesichtsneuralgie so musste es verschoben

[1:18:39] werden wir freuten uns auf diesen Tag mein Bruder war ein sehr sensibler Mensch den die Zerrüttung in unserer Fi- Familie sowie die Ereignisse die täglich bedrohlicher werden sein junges Leben tief belastete [räuspert sich] wir wohnten zu der Zeit in der

[1:18:58] Pension Mandowsky am Ludwigkirchplatz die Ehe meiner Eltern war ein Jahr vorher geschieden worden meine Mutter wollte zu der Zeit keine Entscheidung treffen eine neue Wohnung zu beziehen   Auswanderung war in allen jüdischen Familien das Gespräch Hitler wurde

[1:19:19] umjubelt die Stimmung in den jüdischen Kreisen war mehr als gedrückt viele die das Glück hatten Deutschland verlassen zu können waren schon emigriert   ich verließ die Pension in den meist- in der meistens ältere jüdische Witwer oder Witwen wohnten es

[1:19:40] gab auch einige ältere Ehepaare für die es in der Pension leichter war als ein eigenständigen Haushalt zu führen es gab auch einige die auf ihre Ausreisepapiere warteten   ich war an diesem Morgen auf dem Weg zu Rosa Lang-Nathanson einem kleinen Salon in

[1:20:01] der Kalckreuthstraße wo ich in der Lehre war um die Schneiderei zu lernen   noch in unserer Straße fiel mir nach kurzer Zeit die ungewohnte Leere der Straße auf um diese Zeit gingen eigentlich viele Leute zur Arbeit mein Blick nach unten gerichtet so ging

[1:20:20] man zu dieser Zeit man wollte nicht auffallen keinen Augenkontakt mit Menschen die einem entgegen kamen haben [räuspert sich] warum fühlte ich mich so unbehaglich ich gab meinen Gefühlen nicht nach sondern lief schnell weiter um pünktlich im Salon zu sein  

[1:20:38] doch in diesem Moment fiel mir auf dass in der Straße eigentlich nur Männer mit den verhassten braunen Uniformen herumstehen was taten sie sie standen in kleinen Gruppen   ich fühlte dass die Luft anders war als sonst meistens ist die Luft im November frisch

[1:20:59] und rein ein komischer stickiger und schwerer Geruch war in der Luft [blättert] in dem Moment sah ich dass ein Geschäft das (man) mir vorher nicht aufgefallen war zerbrochene Fensterscheiben hatte und schon sah ich ein zweites auch vor dem standen sie in

[1:21:18] kleinen Gruppen auf der Straße sah ich nicht nur Fensterglas liegen sondern auch Waren aus den Geschäften Dekorationen Kisten mit geöffneten Deckeln und heraushängenden Waren um die sich die Menschen die sich angesammelt hatten rissen um so viel wie möglich

[1:21:40] an sich zu nehmen so viel sie tragen konnten was immer das Geschäft angeboten hatte jetzt lag es auf der Straße und jeder konnte sich bedienen während die Braunen vergnügt zusahen [räuspert sich]   in Panik erkannte ich jetzt dass es den Geschäften auf

[1:22:00] der anderen Straßenseite genauso ergangen war ich hörte Knirschen unter meinen Schuhen ich war auf Glas getreten das Glas der jüdischen Geschäfte die es nicht mehr gab ich weiß nicht wie lange ich gebraucht habe um umzukehren der kalte Schweiß rannte

[1:22:21] mir den Rücken runter mein Gesicht war nass ich weiß nicht habe ich geweint oder war es auch kalter Schweiß   als ich die Pension erreichte waren sicher nicht mehr als zwanzig Minuten vergangen nachdem ich sie verlassen hatte   als ich losgegangen war war

[1:22:41] alles noch still keiner der Gäste war zu sehen gewesen bei meiner Rückkehr waren alle auf den Beinen standen in kleinen Gruppen beieinander   flüstern in tiefer Bestürzung in der Halle und im Speisezimmer meine Mutter mit meinem Bruder an ihrer Seite stand

[1:23:02] in der Halle neben der Eingangstüre um mich wortlos in ihre Arme zu schließen in ihren Augen und denen meines Bruders sah ich Angst und Verzweiflung kein Wort un- Wort wurde gewechselt die Augen sprachen Bände   was wussten die Bewohner was ich nicht wusste

[1:23:23] wie war es möglich dass ohne Radio Telefon oder Zeitung eine Nachricht uns so schnell erreichen kann   vor zwanzig Minuten war es doch noch still im Haus jetzt erfuhr ich dass nicht nur die Scheiben der jüdischen Geschäfte eingeschlagen und diese geplündert

[1:23:45] wurden sondern dass auch unsere Tempel unsere Gotteshäuser brannten dass keine Feuerwehr kam um das was uns heilig ist unsere Gotteshäuser zu schützen jetzt wurde mir klar warum die Luft so schwer war warum ich nicht atmen konnte wir hörten dass man jüdische

[1:24:06] Männer in großer Zahl Alt und Jung aus ihren Wohnungen geholt aus den Betten weggeschleppt und an unbekannte Orte gebracht hat   mein Bruder war bei uns aber wo war unser Vater eine schreckliche Ungewissheit ohne eine Möglichkeit etwas über ihn zu erfahren

[1:24:28] erst vor einem Jahr hatten sich die Eltern getrennt noch vor einem Jahr hätten wir nicht geglaubt dass so etwas in unserer Stadt in unserem Land passieren kann hätten wir es für möglich gehalten dass unsere Nachbarn zu einer solchen offenen Schandtat ihre

[1:24:48] Hände reichen oder sich umdrehen um nichts zu sehen   warum auch nicht heute ist die Gelegenheit sich an jüdischem Gut zu bereichern da es lag auf der Straße   es vergangen mehre Tage in Ratlosigkeit wie konnte man etwas in Erfahrung bringen um zu wissen

[1:25:11] wo unser Vater ist die Nachrichten die man hörte waren schrecklich zwischen Gerüchten und Wirklichkeit lebten wir in Machtlosigkeit   doch nach Tagen der Ohnmacht kam der Vater um uns zu sehen er hatte sich versteckt und ist so dem Ungewissen einer Verhaftung

[1:25:34] entgangen seine Kleidung sah nicht aus wie früher er sowie sein Anzug waren zerstört   er blieb nur kurze Zeit sagte uns dass sein Geschäft das in der zweiten Etage lag nicht zerstört wurde aber dass es ihm nicht mehr gehört vieles erfuhren wir viel später

[1:25:59] doch an diesem Tag war es uns nur wichtig den Vater zu sehen   auch wenn wir bis zu diesem Tag versucht haben die Macht Hitlers über das deutsche Volk nicht wahrhaben zu wollen wurde jedem von uns heute klar das ist der Anfang von noch viel schlimmeren das

[1:26:24] kommt [legt die Aufzeichungen weg; räuspert sich]

Daniel Baranowski

[1:26:26] haben Sie die Bar Mitzwa gefeiert ?

Margot Friedländer

[1:26:29] konnte ja nicht die Tempel waren zerstört

Daniel Baranowski

[1:26:32] mhm

Margot Friedländer

[1:26:34] und äh   es war   ähm   soweit ich mich erinner   is mein Bruder   dieses sozusagen Bar Mitzwe dann beim Rabbiner in der Wohnung sch- hat dann stattgefunden aber   nichts nur   diese Zeremonie des Gebetes [räuspert sich]

Daniel Baranowski

[1:27:05] und dann haben Sie ja vorhin erzählt dass Ihr Vater dann   ein paar Wochen später mit diesem Herrn Lücke

Margot Friedländer

[1:27:13] [gleichzeitig:] lange Mo- mehrere Monate

Daniel Baranowski

[1:27:15] Monate später

Margot Friedländer

[1:27:18] z- paar paar Monate später

Daniel Baranowski

[1:27:20] aha dann nach Skandinavien

Margot Friedländer

[1:27:22] [gleichzeitig:] nach Bel- äh nach äh Schweden ja bis (sich) das organisiert hat nicht wahr

Daniel Baranowski

[1:27:25] ja

Margot Friedländer

[1:27:27] dann is äh ich weiß ja nicht was dann für (__) eingesetzt wurde und bis er das

Daniel Baranowski

[1:27:32] ja

Margot Friedländer

[1:27:34] bis sie das   mein Vater is es waren mehrere Monate er hatte ja noch vorher ähm diese Sache mit dem Kulturbund äh das kam durch ihn dass ich dahin gekommen bin

Daniel Baranowski

[1:27:47] mhm

Margot Friedländer

[1:27:49] äh durch irgendwelche Geschäftsbeziehungen glaube ich ich weiß auch nicht ganz genau und dann fuhr er weg und kam zurück aber wir haben ihn ja nicht mehr gesehen

Daniel Baranowski

[1:28:01] Sie haben ihn dann nicht mehr gesehen

Margot Friedländer

[1:28:03] nein [schüttelt den Kopf] nein

Daniel Baranowski

[1:28:05] und dann is er nach Belgien

Margot Friedländer

[1:28:07] er ist nach Belgien und ich weiß nich ob er   ein oder zwei Tage nachdem er zurückkam aus letzte Platz Holland ob er noch mit vielleicht mit diesem Pass fahren konnte oder ob er über die Grenze geschmuggelt wurde das ist uns alles total unbekannt

Daniel Baranowski

[1:28:25] mhm

Kerstin Hinrichsen

[1:28:27] und haben Sie aus Belgien von Ihrem Vater mal gehört ?

Margot Friedländer

[1:28:30] mh ?

Kerstin Hinrichsen

[1:28:32] haben Sie von Ihrem Vater gehört als er in Belgien war ?

Margot Friedländer

[1:28:34] [gleichzeitig:] ja   ja ja wir ham aus Belgien ab und zu Post gehabt ähm   meine Mutter musste ihn auch äh um Erlaubnis bitten wie Auswanderungsmöglichkeiten waren äh weil wir noch nicht äh al- volljährig waren weder mein Bruder noch ich und ähm das war

[1:28:56] also und äh diese letzte Möglichkeit für uns äh wurde äh Shanghai   und als die Mutti äh dem Vater geschrieben hat ähm   noch nach Belgien hat er zurückgeschrieben »was willst du   in Shanghai mit den Kindern verhungern kannst du auch in Berlin« und

[1:29:22] damit v- hat sich die letzte Tür für uns zur Auswanderung geschlossen

[1:29:29] Mutti hat vieles vieles versucht sie   eines Tages äh gab es mal eine Möglichkeit äh Mittelamerika Honduras o- Guatemala oder ich weiß auch ni- ähm da brauchte man etwas Devisen äh  

[1:29:49] Dollar dafür und da die Mutti ähm diese Cousins ähm den einen von den Cousins der war schon als ganz junger Mann nach Holland gegangen und war en sehr reicher Mann und Onkel Paul und Tante Martha und die andern Geschwister hatte er alle rübergeholt nach

[1:30:09] Holland inzwischen äh um damit sie dort abwarten können bis ihr   Auswanderung nach Amerika die meisten wollten nach Amerika denn die hatten dort die Kinder bereits äh   und da hat die Mutti den Onkel Georg angerufen und gesagt dass sie ähm   es war sehr

[1:30:33] wenig ein paar hundert Dollar brauchte um dieses Visum zu bekommen und da hat er zu ihr gesagt »Guschi es tut mir furchtbar leid ich würde dir sehr gerne helfen aber ich habe alle meine Geschwister hier und für die muss ich ähm muss ich helfen und ich

[1:30:52] kann es nicht« und ähm Onkel Georg hatte ein sehr feines ähm   Damenkleidergeschäft äh Kleider Kostüm äh und äh ein Mantel hätte hätte nicht mal so viel gekostet wie wir brauchten   und auch das is hat nicht geklappt und ähm wir konnten also diese

[1:31:20] Visum nicht bekommen

Daniel Baranowski

[1:31:23] hat   Entschuldigung

Kerstin Hinrichsen

[1:31:25] ähm hat Ihre Mutter mit Ihnen darüber gesprochen ?

Margot Friedländer

[1:31:28] ähm   j- ja ähm   mir war das klar ich hab das mitbekommen ja ähm   ich war damals ja schon doch mehr oder minder erwachsen äh das äh wir- Mutti hatte ja niemand andern da war ja sonst keiner mehr da mit dem sie aber da war das waren keine Kommentare

[1:31:57] gegeben worden oder ähm   Mutti hat gesagt   äh wahrscheinlich ähm »ich hab äh es hat nicht geklappt« nicht wahr »es es ging nich« oder so äh   es waren eben zu viele Möglichkeiten die uns äh die Mutti versucht hat äh und die ihr nicht gelungen sind

[1:32:22] und es ist ein ganz große für meine Begriffe ein ganz große Tragödie gewesen sie hat wirklich alles versucht   äh um uns noch raus zu- äh aus Deutschland raus zu bekommen  

Daniel Baranowski

[1:32:38] der Entschluss ähm   aus Deutschland weg zu gehen ist dann nach der Kristallnacht irgendwann äh manifest geworden

Margot Friedländer

[1:32:50] äh schon vorher denn die Tante   Jetti

Daniel Baranowski

[1:32:55] mh

Margot Friedländer

[1:32:57] aus Brasilien hatte uns schon Einreisepapiere geschickt die sozusagen äh chamada o- llamada und   w- Mutti hat   äh   Packen lassen   und äh die Kisten und wollte dann ähm das Visum bei dem   brasilianischen Konsulat bekommen und als sie dort hinkam hat man

[1:33:27] ihr gesagt ähm das sind Papiere die von einem Schwindler ausgestellt wurden und keine offiziell äh vom Kon- von der Behörde und »wir können Ihnen das Visum nicht geben« und da hat die Mutti an die Tante geschrieben und äh damals ging ja die Post noch

[1:33:48] relativ langsam ich mein es dauerte en bisschen und die Tante hat zurückgeschrieben »ja es hat viel Geld gekostet ich kann nun weiter nichts machen« äh auch das is ein Punkt der schwer zu verstehen war für uns besonders für mich in   späteren Jahren

[1:34:07] dass ich mir gesagt habe haben die alle nicht die   ähm gesehen was sich in Deutschland tut dass sie etwas mehr äh darauf ähm gedrungen hätten uns rauszubekommen   ich könnte mir denken dass ich alles verkauft hätte um Geld zu bekommen äh   um meine Schwester

[1:34:38] mit ihren Kindern rauszuholen die Papiere hatte Mutti zurückgeschickt die habe ich   später   nach dem langen L- viele Jahre nach dem Krieg bekommen wieder und hab sie dem jüdischen äh   Leo Baeck Institut gegeben als Dokumentation   äh ich fand es nicht

[1:35:05] äh nötig ans Konsulat zu gehen und festzustellen ob das da wirklich der Fall war denn es ist ja vorbei

Kerstin Hinrichsen

[1:35:13] mh

Margot Friedländer

[1:35:15] ich mein es ist möglich dass es nicht der Fall war ich wir wissens nicht   wir habens nie erfahren  

[1:35:22] ähm   wir durch den Kulturbund kannte ich einen Herrn   äh der ein Affidavit hatte   und   meine Mutti hat durch Bez- irgendwie äh von einem Mann gehört

[1:35:46] der angeblich äh sehr gute Beziehung zum amerkanischen Konsulat hat und der einem helfen kann   und sie hat äh die Möglichkeit äh bekommen mit dem Mann in Verbindung zu treten er ist dann zu uns gekommen und die Mutti hat äh da kam Frau Meißner äh unsere

[1:36:09] Vermieterin von der Wohnung deren Tochter noch zur Zeit auswandern konnte nein die war noch da da- sorry und äh Freddie Berliner Freddie Balthoff vom Kulturbund äh -n Schauspieler und der Egon Marcus dieser junge Mann der Bühnenbildner war   und der Mann

[1:36:37] kam und machte einen sehr guten Eindruck und er hat uns also erzählt dass er Beziehungen hat zum Konsulat und w- wir hatten äh damals kein Affidavit   und   nur äh Freddie Berliner hatte eins und der Egon Marcus hatte eins und da sagte dieser Mann äh das

[1:36:59] wäre gar kein Problem ich sollte den Egon heiraten und dann würde er   die Mutti und den Bruder mit auf diese Quotennummer und so weiter rüberbringen also jeder hat der da war ihm Geld gegeben und der Mann hat versprochen er würd was tun   es vergingen mehrere

[1:37:24] Wochen vielleicht sogar ein paar Monate und man hat nichts mehr von dem Mann gehört   worauf ähm meine Mutti beschlossen hat [betont:] ich ich war ja noch ganz jung mit dieser Cläre Meißner der Tochter die etwas älter war nach Stuttgart zu fahren denn

[1:37:46] wir ham gehört er is wäre in Stuttgart dort hätte er Beziehung zu dem Konsulat das haben wir alles irgendwie [gestikuliert] gehört also wir fuhren hin   die beiden Mädchen und konnten nichts in Erfahrung bringen   sind zurückgekommen und die Mutti fühlte

[1:38:06] dass sie die In- I- Inerz- -ti Initiative ergriffen hat das zu machen und dass äh Freunde von uns Freddie mit dem wir sehr befreundet waren ich weiß nicht mehr noch war und der Egon ähm dort äh Geld gegeben haben dass sie hinfahren musste vorher aber  

[1:38:28] sind wir schon zum Standesamt gegangen und ich wollte den Egon heiraten damit ich also das das is also vorher gewesen   und   der Mann hat im Standesamt gesagt »ja also Papiere sind schön aber Sie brauchen die Genehmigung vom Vater !« [blickt abwechselnd die

[1:38:51] Interviewer an]   und der V- ja der Vater is doch in Belgien oder woimm-   auf jeden Fall

Daniel Baranowski

[1:39:00] in welcher Zeit war das jetzt ?

Margot Friedländer

[1:39:03] mh ?

Daniel Baranowski

[1:39:05] in welcher Zeit ist das jetzt in welchem Jahr ?

Margot Friedländer

[1:39:07] [beugt sich nach vorne] welch- ?

Daniel Baranowski

[1:39:10] in welchem Jahr ist das jetzt ?

Margot Friedländer

[1:39:12] tja das überlege ich gerade 39

Daniel Baranowski

[1:39:14] 39

Margot Friedländer

[1:39:17] ja

Daniel Baranowski

[1:39:19] vor Kriegsausbruch noch

Margot Friedländer

[1:39:21] ja

Daniel Baranowski

[1:39:23] mh

Margot Friedländer

[1:39:26] kurz vor muss kurz vor gewesen sein   vielleicht aber denn nach Amerika konnte man noch her noch denn Amerika war ja noch nich im Krieg

Daniel Baranowski

[1:39:28] hm

Margot Friedländer

[1:39:30] es konnte also schon vierzig gewesen sein   aber Mutti hat das irgendwie noch en bisschen rausgezogen denn dem Vater zu schreiben   und   e- ein Glückszufall dass ich Egon nich geheiratet habe also das hat nich geklappt irgendwie aber äh das hat sich noch -n

[1:39:45] bisschen hingezogen das war noch nicht bekannt

[1:39:47] also Mutti ist nach Stuttgart [betont:] Mutti ist nach Stuttgart gefahren und sie kam nicht zurück   kam ein Tag nicht und zwei Tage nicht und ich hab noch im Kulturbund die Kostüme genäht und ich musste

[1:40:01] auf meinen einkaufen und mein Bruder aufpassen also dass ich was einkaufe und was koche und die Kleider nähen und wir hörten überhaupt nichts   und   eines Tages k- kriegte ich einen Brief eine Vorladung zur Gestapo an diesem und T- diesem Tag sollte ich

[1:40:29] mich melden   und denselben Brief hatte die Frau Meißner   und Freddie Berliner und Egon Marcus   da war Cläre schon ausgewandert die Tochter im letzten dann muss dann noch gerade das letzte Schiff über   Portugal   also wir kommen dorthin und ich beschreibe

[1:40:56] das in meinem Buch   wie man zu der Gestapo kam hinter dies Eisengitter das dann hinter einem zufiel mein Bruder hatte war zu jung der hatte keine Vorladung aber er war sehr er war sehr unglücklich und auch krank geworden hatte hohes Fieber äh vor Aufregung

[1:41:18] die Mutter es war schon min- mehr als einen Monat   also wir kamen dorthin und als wir in dieses Zimmer gebracht wurden oder   ma- sich die Tür aufmachte sah ich furchtbar viele andere Leute da und war   hab dann festgestellt dass alle diesem Mann Geld gegeben

[1:41:43] hatten   und er   [zuckt die Schultern] irgendwie   das is irgendwas ist passiert wir wussten ja nicht ganz genau wieso ist das gekommen also es wurden die Leute wurden reingerufen und reingerufen und zum Schluss war ich nur noch alleine da und wurde dann

[1:42:06] auch reingerufen und ausgefragt und [zuckt die Schultern]   die ham auch   gesagt ähm ob wir wir hätten was   Schmuck oder so verschoben oder Geld verschoben sag ich »nein« und sage die Kisten waren doch gepackt noch immer nach Brasilien sag ich »machen

[1:42:34] Sie doch die Kisten auf« ich wusste natürlich nicht ob die Mutti vielleicht wirklich Schmuck da reingelegt hat und wie kam das wieso wissen die das ? und dann   war die   das Ausfragen zu Ende und da hab ich gesagt ob ich die Mutti sehen könnte ob meine Mutti

[1:42:56] da is und da ham sie gesagt »natürlich nicht« und   ich weiß nicht wie lange es war   obs ne Woche später war oder zwei oder ein paar Tage später auf jeden Fall war es Pessach   und es klingelte und die Mutti stand vor der Tür man hat sie also frei gelassen

[1:43:17] und da ham wir dann erfahren dass sie zum Konsulat gegangen is und rausbekommen hat dass   den Mann gibt es also der hat überhaupt kein   und [räuspert sich] es ist zu spät geworden an dem Abend noch nach Berlin zurück zu fahren und dann is sie im Hotel

[1:43:39] gewesen und da is sie verhaftet worden weil dieser Mann verhaftet wurde und ausgesagt hat schlecht ausgesagt hat über meine Mutter   dass sie äh   Geld verschoben hat wohl oder äh Schmuck in diese Kisten getan hat   ich weiß es nicht genau [räuspert sich]

[1:44:01] auf jeden Fall dachte er Mutti hätte ihn angezeigt aber das waren   irgend einer von den andern Leuten und alle die dort in dem Raum gesessen haben waren eben Leute die ihm vertraut hatten   ich weiß nich was aus ihm geworden is auf jeden Fall die Mutti war

[1:44:22] dann frei und nichts ist geschehen ich weiß auch nicht mehr was aus diesen Kisten geworden ist ob die Mutti sie dann vom Spediteur wo sie gelagert waren [hustet] zurückgeholt hat   ob sie aufgema- ich weiß es nicht es ist vieles natürlich was ich nicht

[1:44:41] mehr weiß was ich verdrängt habe genauso wie ich ähm dann auch die vielen Unter- -schlupfe und ähm   wo ich versteckt war äh nicht mehr weiß ich werd darüber erzählen

Daniel Baranowski

[1:45:00] mhm   ah zu diesem Zeitpunkt haben Sie schon in der Skalitzer Straße gewohnt ?

Margot Friedländer

[1:45:04] [hustet; trinkt] damals haben wir in der Skalitzer Straße ja [betont:] 41

Daniel Baranowski

[1:45:09] weil   wei- und Frau Meißner is die das hab ich noch nicht so genau verstanden ist die Vermieter-

Margot Friedländer

[1:45:13] Frau Meißner gehörte die Wohnung

Daniel Baranowski

[1:45:16] ja

Margot Friedländer

[1:45:18] Frau Meißner hatte eine Tochter die mit ihr gelebt hat Frau Meißner war verheiratet und die waren aus kamen aus Polen

Daniel Baranowski

[1:45:24] mhm

Margot Friedländer

[1:45:26] ihr Mann und ihr Sohn sind 1938 ein paar Wochen vor der Kristallnacht war eine   Abholung von polnischen ähm   Menschen die also nach Deutschland gekommen sind   1920   oder davor und   die hat man abgeschoben   über die Grenze   nach Polen und Frau Meißner hat

[1:46:03] nie mehr was von ihrem Mann und ihrem Sohn gehört   [räuspert sich; trinkt] da sie diese Wohnung hatte und nur mit ihrer Tochter   gelebt hat   und es ein [deutet Anführungszeichen an] quote unquote Judenhaus war das Haus gehörte mal   ähm einem Juden  

[1:46:29] wurde das ein Judenhaus und wir wurden dort eingesiedelt

Daniel Baranowski

[1:46:34] mhm

Margot Friedländer

[1:46:36] äh wir haben schon nicht mehr in der Pension gelebt wir sind 39 aus der Pension Mandowsky ausgezogen weil Mandowskys ausgewandert sind die sind nach ähm   Australien wo der Sohn war ich war mit der St- ich wir kannten Mandowskys weil ich mit der (Steffi)

[1:46:58] mit der Tochter befreundet war die ich in Scharmützelsee kennengelernt hatte war auch eine der Gäste [lächelt] in diesem   in unserm Waldgut   ähm   wir sind dann von der Pension Mandowsky zu meiner Großmutter gezogen die bereits alleine gewohnt hat Großvater

[1:47:25] war kurz vor 38 vor der Kristallnacht 38 gestorben zwei Monate davor und Oma war alleine in der großen Wohnung und äh wir sind zu ihr gezogen und von der sie musste dann w- auch raus aus dieser Wohnung und sie wurde wo einquartiert und wir wurden wo einquartiert

[1:47:46] bei Frau Meißner in der Skalitzer Straße das war 41

Daniel Baranowski

[1:47:51] steht das Haus heute noch ?

Margot Friedländer

[1:47:54] [blickt fragend]

Daniel Baranowski

[1:47:56] steht das Haus heute noch

Margot Friedländer

[1:47:58] ja es steht äh das Haus steht und wir sind hingegangen und wir haben   dort fotografiert und ham in dem Film den jetzigen   Hauswart dort getroffen und äh [lächelt] ein sehr   komisches ähm äh äh äh   amüsantes äh Gespräch mit ihm gehabt und er kannte

[1:48:26] die Frau Meißner er war ein Kind und er wusste auch dass diese M- Meißners der Herr Meißner ein Geschäft hatte in der Skalitzer Straße das war eine sehr jüdische Gegend damals äh östliche Juden die sehr viel Herrenkleidergeschäfte hatten äh neue

[1:48:50] und alte Kleider   und ein auch so ein Geschäft hatte dieser Herr Meißner den wir ja nie kennengelernt haben

Daniel Baranowski

[1:48:59] mhm   jetzt haben wir schon einen großen Sprung gemacht zeitlich bis 41 dazwischen war der Kriegs- ähm -beginn   haben Sie da Erinnerungen dran ?   hat sich da was für Sie verändert ?

Margot Friedländer

[1:49:16] [gleichzeitig:] ja das ist ähm   ja das war   wir ham dann nichts mehr wir hatten noch   vom Vater   eine ein oder zwei Nachrichten bekommen und die kamen nicht mehr aus Belgien   die kamen aus Gurs   Frankreich   aber   keinerlei Detail oder irgendetwas   wir wussten

[1:49:48] also eigentlich damals gar nicht was Gurs is

Daniel Baranowski

[1:49:52] Sie wussten nicht dass es ein Lager ist

Margot Friedländer

[1:49:54] [schüttelt den Kopf] nein

Daniel Baranowski

[1:49:56] mhm

Margot Friedländer

[1:49:59] und   wir waren   also ich wusste so wenig darüber dass nach der Befreiung unsere Befreiung ich zu meinem Mann gesagt hat   dass es immer noch eine Möglichkeit gibt dass mein Vater eventuell am Leben is denn er war in Frankreich   äh dass er sich gerettet hat

[1:50:22] ich wusst ja nicht   damals nicht Gurs und andere Läger wir ham ja nur gewusst er ist dort aber was es ist wusste ich ja nicht und ähm   ich habe noch eine ganze Menge Dokumentation in den letzten Jahren bekommen also vor sechs acht Jahren   auch auch aus Frankreich  

[1:50:48] über   den Vater und auch einen Brief den er geschrieben hat im Lager an die Lagerverwaltung und in Französisch ähm um Arbeit gebeten hat im Lager und eine Dokumentation von einem   einer äh Anfrage an das Lager äh die ein Herr Sowieso stellt ob man den

[1:51:23] Vater ihm überlassen könnte zur ähm Pflege um ihn gesund zu pflegen er würde mit Namen von diesem Herrn und so weiter alles bezahlen und so weiter und so weiter also das habe ich   jetzt bekommen jetzt nämlich wirklich vor sechs acht Jahren erst und diese

[1:51:49] Dokumentation habe ich natürlich   ähm   unvorstellbar wieviel   ähm man gefunden hat und da war auch an Dokumenten über das Geschäft meines Vaters ähm genau die Aufstellung der Angestellten mit Namen und äh Arbeits- ähm   -zeiten äh dass sie so und so

[1:52:22] lange gearbeitet haben und das und das verdient haben soundsoviel Abzüge soundsoviele Feiertage soundsoviel dieses und so äh most   unvorstellbar das war nach der Wende nich ? denn das Geschäft war in der Kleinen Jägerstraße was Osten war   [räuspert sich]

[1:52:45]  

Kerstin Hinrichsen

[1:52:48] und was haben Sie dann in der Zeit zwischen 1939 und 41 in Berlin gemacht ?

Margot Friedländer

[1:52:54] wo ?

Kerstin Hinrichsen

[1:52:56] in äh nach dem äh Kriegsbeginn in Berlin ? ham Sie dann weiter für den Jüdischen Kulturbund gearbeitet oder

Margot Friedländer

[1:53:01] [gleichzeitig:] äh nei- ich bis 41 früh 41 äh dann musste ich äh in Arbeitseinsatz also Zwangsarbeit ich hab in den Deuta-Werken gearbeitet in der äh Oranien- -burger Straße   ich   ich verwechsel immer Oranienstraße is der Tempel nich ? [gestikuliert]  

[1:53:26] des Tempel is Oranienst-

Daniel Baranowski

[1:53:29] [gleichzeitig mit Kerstin Hinrichsen] nein ist Oranienburger

Margot Friedländer

[1:53:31] he ?

Kerstin Hinrichsen

[1:53:34] das ist die Oranienburger

Margot Friedländer

[1:53:36] -burger denn war es Oranienstraße is eine Parallelstraße zur Skalitzer Straße mh ich hab dort gearbeitet äh nur Frauen Nachtschicht   und wir ham äh kleine Apparate ich weiß nicht Flugzeugapparate oder so zusammengebastelt   und ich konnte laufen zu dieser  

[1:53:53] Stelle mein Bruder hat dann äh bei Siemens gearbeitet und der hatte eine Erlaubnis mit der Bahn zu fahren um dorthin zu kommen ich hab meinen Bruder sehr selten gesehen denn er hat am Tage gearbeitet und ich hab nachts gearbeitet und ähm   der Kulturbund

[1:54:16] wurde im September Oktober 41 total geschlossen ich habe   im Kulturbund ähm   ein äh mh   also v- alle gekannt mehr oder minder gut gekannt und da war ein Herr ein Herr Friedländer der äh der mh äh Geschäftsführer war und er war mehr oder minder mein

[1:54:45] Chef irgendwie denn wie ich die Kostüme genäht hab musste ich ab und zu äh von ihm die Genehmigung für etwas Geld für Faden und und Nadeln haben also ich kannte ihn aber ich kannte ihn nicht gut und er war auch viel älter hat auch gar keine Augen für

[1:55:02] mich gehabt   und diesen Herrn Friedländer habe ich [lacht] nach der Befreiung geheiratet den habe ich im Lager  

[1:55:11] tja also als ich nach Theresienstadt kam kam ich mit einem war ich im Transport mit einem jungen Mann einem Herr Brünell der ein Ho- Halbjude

[1:55:26] war und der christliche   Teil der Familie die Mutter ist gestorben und er ist also weggekommen und er sollte nach Theresienstadt kommen wir waren zusammen im Transport und als wir in Theresienstadt äh vielleicht einen Monat waren hat man einige äh   Menschen

[1:55:51] zwanzig ungefähr Männer in weggeschickt aus Theresienstadt in ein anderes Lager und hat gesagt »da sind schon -n paar Hundert hingeschickt worden wir brauchen noch ein paar mehr« äh nach Wulkow   das ist alles was ich wusste also Herr Schnäpschen Brünell

[1:56:12] äh fuhr weg und   im   Ende Januar Anfang Februar die ersten Tage 45 kam plötzlich ein Transport in Theresienstadt an und die wurden in Quarantäne gesetzt [räuspert sich] und man sagte das sind die Menschen aus Wulkow   da sie in Quarantäne waren ham sie

[1:56:44] in einem [gestikuliert]   einer äh gewohnt ziemlich z- Fenster äh   Kaserne aber man konnte mit ihnen von unten sprechen und ich hab rauf gerufen und hab gefragt ob Herr Brünell   zurück also keiner wusste und »nein er ist nicht zurückgekommen«   okay  

[1:57:09] vielleicht einen Monat später bin ich geh ich in unserer Kaserne durch den Flur und mir kommt ein Herr entgegen der ganz schrecklich ausgesehen hat [gestikuliert] verbunden war   Hals und n- das war Herr Friedländer   Adolf Friedländer und wir ham uns sofort

[1:57:30] erkannt und wo wir vorher natürlich »Sie« gesagt haben und nu war es dann Adolf und Margot und man hat sich schrecklich gefreut jemanden aus Berlin zu sehen mit dem man doch so viele Bekannte hatte man die Schauspieler mit denen man befreundet war und [räuspert

[1:57:52] sich] noch ein immerhin interessantes Jahr gehabt hat   und wir sind dann zusammen geblieben   äh ich hab erfahren äh dass Schnäpschen Brünell flüchten wollte aus ähm Wulkow was sich rausgestellt hat Wulkow is bei Frankfurt an der Oder die haben das war

[1:58:19] ein Eichmann-Projekt der hat die Schwerstarbeitergruppe wo mein Mann dazu gehörte in Theresienstadt genommen und andere dazu um Baracken in die Wälder   dort zu bauen fürs Reichssicherheitshauptamt man hat diesen jungen Menschen gesagt »wenn ihr Verwandte

[1:58:41] habt äh gebt die Namen an« und   w- wahrscheinlich hat Schnäpschen dann wie er also in den nächsten Transport dann da auch dahin kam meinen Namen angegeben denn ich hab auch noch seine Pakete bekommen die er nach Theresienstadt bekommen hat von seiner Freundin

[1:59:02] die aber eines Tages aufgehört haben also äh man nimmt an dass er flüchten wollte denn das ist ja nah Berlin dass er zurückgehen wollte er is geschnappt worden und erschossen worden   also Adolf Friedländer kam mit den andern 200   Leuten zurück und waren

[1:59:22] 200 Männer und zwanzig Frauen weil man gesagt hatte »ihr kommt wenn das Projekt fertig ist zurück nach Theresienstadt« nun denke man sich und stell man sich vor das war -n paar Monate vor Ende des Krieges dass man dann eine Lokomotive   gefunden hat und

[1:59:46] ein paar Züge wo alles gebraucht wurde um Militär hin und her zu   transportieren um Juden 200   zurückzubringen nach Theresienstadt   die tagelang mehrere Tage unterwegs waren weil Bombenangriffe waren so d- die Russen waren so nah dass die in diesen Baracken

[2:00:11] wo sie gewohnt haben die Sch- Schießerei hören konnten also hat man diese 200 Menschen zurückgebracht nach Theresienstadt wenn man bedenkt dass man sechs Millionen umgebracht hat aber hier weil Eichmann es empfohlen hat angef-   äh gesagt hat man soll die

[2:00:33] zurückbringen bring- hat man sie zurück gebracht und solche Sachen sind eben passiert und deshalb   ist es ja auch bekannt dass es so viel Glücksache war wenn man es überlebt hat und dass die merkwürdigsten Sachen passiert sind äh ohne dass man Erklärung

[2:00:52] dafür haben kann  

[2:00:55] also   sie haben dann nochmal ganz kurz vor der vor dem Ende nochmal äh zwei kleine Transporte äh gesandt da hat mein   also mein Freund damals gesagt ah damals konnte man das schon ja zu dem Ober- -wachtmeister oder was immer er war

[2:01:17] Ober-   äh »ich hab jetzt en Mädchen hier und ich möchte nich weg und ich hab ne Stellung in der Küche« denn das war das Lager war schon sehr leer da   waren so viele weg da konnte man also eine Stellung in der Küche was eine besondere -s günstig war

[2:01:37] weil man da nun -n bisschen mehr Essen hatte ne   und da hat er »ach du kommst mit du bist Vorarbeiter und du brauchst nichts zu machen und« (halt) sie sind weggegangen und waren in Regen in Bayern sind dort angekommen mit einem   äh Viehwagen und einer Lokomotive

[2:02:00] und haben die Teile für die Baracken die sie dort bauen sollten ausgeladen und haben festgestellt dass sie kein dass sie alles mitgebracht haben aber keine Hammer und da is der SS-Mann zu den Bauern gegangen in der Nachbarschaft und wollte einen Hammer dass

[2:02:19] sie ihm en Hammer ausborgen und keiner hatte einen Hammer und wollte natürlich dass wenn er einen gehabt hätte auch nicht weggeben und da ham die Jungs sich irgend aus Holz sowas zusammengebastelt und ham schlecht oder recht eine Baracke aufgebaut krumm

[2:02:41] und schief die ganzen Teile für die anderen Baracken reingelegt   und die SS die sie bewacht haben es war dieser kalte Winter die haben draußen   Parade gestanden also für sie auf sie aufpassen müssen und ham schrecklich gefroren nachts die Jungs waren da

[2:03:02] wenigstens in diesem Waggon drin mit etwas Stroh und die sind dann die ham diesen SS dritte Aufschub ganz alte schon ihre Joppen gegeben mit dem Judenstern [gestikuliert] und die ham dann also draußen aufgepasst auf sie mit Ja- Joppen von den Juden mit Judenstern

[2:03:23] und dann hat man se zurückgebracht der ei- die mit der mit dem Transport mit der (Lakomotive) und der zweite Transport da ham se nichts mehr die sind denn tagelang marschiert um wieder zurück zu kommen nach Theresienstadt und dann kam die Befreiung   danach

[2:03:41] also völlig irre wenn man bedenkt was   alles so vorgekommen ist und wie die Umstände waren mh ?

Daniel Baranowski

[2:03:54] also   die SS-Leute hatten ähm weil sie draußen waren die Jacken mit den Judensternen an und haben auf Ihren Mann und die anderen

Margot Friedländer

[2:04:03] aufgepasst

Daniel Baranowski

[2:04:06] aufgepasst die in diesem   in in der Baracke waren

Margot Friedländer

[2:04:08] [gleichzeitig:] in dem Wagen ja   ja   sie wollte nich frieren

Daniel Baranowski

[2:04:13] mhm

Margot Friedländer

[2:04:15] und sie hatten wohl die hatten wohl wärmere Joppen noch gehabt oder   dazu

Daniel Baranowski

[2:04:19] hat Ihr Mann da was erzählt von wie der Austausch dann mit denen war ham die viel mitenander gesprochen das war ne kleine Gruppe ne

Margot Friedländer

[2:04:25] [gleichzeitig:] wenig wenig wenig ja

Daniel Baranowski

[2:04:28] mhm

Margot Friedländer

[2:04:30] sie haben gesprochen mit ihnen aber wenig

Daniel Baranowski

[2:04:32] ham die die wissen Sie äh ob die die Jacken gefordert haben ? oder is das ne Initiative aus der Gruppe gewesen

Margot Friedländer

[2:04:36] äh das weiß ich nicht aber ich könnte mir denken dass die   jüdischen Jungs denen gesagt haben

Daniel Baranowski

[2:04:44] mhm

Margot Friedländer

[2:04:49] »ihr friert bev- hier habt ihr mei- unsere Joppen« und die ham die gerne angenommen

Daniel Baranowski

[2:04:51] mhm mhm

Margot Friedländer

[2:04:53] denn äh wenn   sonst hätten se sich nicht die nicht angezogen

Daniel Baranowski

[2:04:56] hm

Margot Friedländer

[2:04:58] nicht ? und da se se angezogen haben nehm ich an hatten ham se se gladly angezogen um   nicht zu frieren

Daniel Baranowski

[2:05:04] mhm

Margot Friedländer

[2:05:07] a- so war es ne ?   aber   wie sie aus Wulkow weggefahren sind   ähm stand oft der Zug am Tag oder auch nachts irgendwo abgestellt äh weil Fliegerangriff war oder eine Brücke oder sie mussten umfahren und   und mein Mann sagte die ham draußen mit den Gewehren

[2:05:35] aufgezogen wenn man die mal rausgelassen hatte dass se sich mal   äh da austreten können gestanden sagt er »wir waren so schwach denn wir haben so wenig äh zum Essen gehabt« und die ham dann noch auch irgendwelche salzigen Sachen bekommen aber nichts zu

[2:05:52] trinken   entsetz- also ich meine ohne Sinn und Verstand übrigens wurde Wulkow das Lager äh von Theresienstadt ähm   ernährt äh Theresienstadt hat die Ernährung dorthin geschickt  

Daniel Baranowski

[2:06:11] haben Sie in der in diesen Monaten in denen Sie noch in Theresienstadt waren bis zur Befreiung und Ihren Mann oder   Ihren späteren Mann dann ähm getroffen hatten ham ham Sie da viel Kontakt gehabt mit ihm in diesen   fünf Monaten ?   in Theresienstadt

Margot Friedländer

[2:06:32] mit meinem Mann ?

Daniel Baranowski

[2:06:34] mhm

Margot Friedländer

[2:06:36] ja also noch vor der äh noch vor der Befreiung

Daniel Baranowski

[2:06:38] mhm

Margot Friedländer

[2:06:40] ähm ich war in dieser Zeit einen ganzen Monat im Spital   Theresienstadt muss man doch   weiß man doch es war eine Stadt   äh die zurückgeht auf Maria Theresia es war eine Militär- Kasernenstadt als die ersten Transporte hinkamen 41 waren es nur junge Menschen

[2:07:03] und alles nur aus der Tschechoslowakei und diese Transporte hat man AK eins und AK zwei Aufbaukommando eins und zwei die Theresienstadt vorbereitet haben für die Transporte die kommen sollten damals war das Militär aus den großen Kasernen bereits ausgesiedelt

[2:07:26] aber einige äh Privatmenschen haben noch in den Häusern gewohnt zu der Zeit   die sind dann langsam ausgesiedelt worden äh   Theresienstadt durch die Kasernen und durch Militär hatte ein Krankenhaus das Krankenhaus für die Gegend für die ganze Gegend äh

[2:07:53] Leitmeritz Bauschowitz und so weiter   äh die Eisenbahn ging damals nur bis Bauschowitz die wurde dann äh äh von den jüdischen ähm Insassen verlängert die Schienen gelegt bis nach Theresienstadt rein äh das war also schon lange bevor ich kam 44 war ging

[2:08:20] die Bahn schon bis nach Theresienstadt rein aber nicht wie die ersten Transporte die Alterstransporte 42 kamen mussten noch sehr viele von den alten Leuten äh nach Theresienstadt rein laufen   man kam erst in die Schleuse wo man äh untersucht wurde nach Schmuck

[2:08:47] und so weiter oder abgeben musste und dann ist man nach Theresienstadt gekommen [räuspert sich] dieses Krankenhaus äh in diesem Krankenhaus habe ich gelegen ich wurde diagnostiziert äh als äh Verdacht auf Enzephalitis das war also ähm äh wir waren ähm

[2:09:11] wie heißt das ähm   isoliert

Daniel Baranowski

[2:09:14] mhm

Margot Friedländer

[2:09:16] und Isolierungsstation und man konnte uns nicht besuchen ähm   es bestehen auch Gedicht- ein Gedicht aus dieser Zeit das wir Mädchen gemeinsam gedichtet haben über unsern Zustand und den Ärzte und so weiter ich habs leider nicht hier und eine  -  

[2:09:42] eine anderes Mädel machte mir ein Tier [zeigt nach links] das ich hier habe und das es immer noch gibt das sie mir

Daniel Baranowski

[2:09:53] [gleichzeitig:] wollen Sie es zeigen ?

Margot Friedländer

[2:09:55] mhm [nickt; steht auf; Schnitt] das is er   sie hatte da auch was geschrieben und leider ist das äh nicht mehr zu lesen [Zoom auf das Spielzeug] und   das hat sie mir gemacht   existiert noch   na ja und mein Mann hat mich besucht und wenn er gekommen ist

[2:10:31] hat er ein Steinchen [gestikuliert] an das F- Fenster geschmissen es war so Hochpaterre und dann bin ich in die Toilette gegangen die war etwas tiefer und das Fenster ging weiter runter und da konnten wir ein bisschen miteinander sprechen und eines Tages brachte

[2:10:50] er mir ein es war März April März April   45 einen Zweig wo gerade das Grüne anfing rauszukommen ich weiß nicht wo er den her gestohlen hat auf jeden Fall war das unbeschreiblich [räuspert sich] so etwas zu bekommen ähm   wir haben dann die Befreiung ähm

[2:11:18] er ist dann nochmal weggekommen nach Regen na das war ne Woche und wir ham dann die Befreiung gemeinsam erlebt  

[2:11:28] und sind dann also achten Mai offiziell da waren die Russ- da kamen die Russen aber schon am fünften oder sechsten kam das Internationale Rote

[2:11:39] Kreuz nach Theresienstadt die ja dadurch ist das Lager   ähm e- ähm   erhalten geblieben weil das ein Vorzeigelager war Vorzeige- einerseits aber ein Durchgangslager andererseits das Internationale Rote Kreuz hat dort Besuche gemacht wo man zu der Zeit hat

[2:12:06] man ihnen das gezeigt was man ihnen zeigen wollte nämlich schön äh gemalte Zimmer keine ho- zweistöckigen Betten wo die alten Leute wohnen mit richtigen Decken und so weiter äh belegt äh richtige Lampen anständiges Licht in den Zimmern gehabt die Eingänge

[2:12:31] man musste hat en Konzert gegeben und äh wir mussten in das Kaffeehaus gehen und Kaffee trin- K- tun als K- ob wir Kaffee trinken äh dieses Kaffeehaus lag in dem   in dem Teil von Theresienstadt äh wo die SS gewohnt hat also das war ein ein Teil den wir

[2:12:57] zu der Zeit nie sonst betreten haben ähm   es war ein sehr schöner Teil also Theresienstadt war war an und für sich eine recht nett ausseh- konnt- hatte Teile die auch nett waren   äh   wir mussten dort auch Theater spielen was Theresienstadt auch hatte war

[2:13:22] eine Wäscherei man konnte seine Wäsche   Bettwäsche wenn man das noch hatte dort abgeben und die wurde gewaschen und dann in der Ausgabe da ich   vorher im Glimmer gearbeitet habe und dadurch Theresienstadt auch überlebt habe   äh weil all die Frauen äh

[2:13:50] die im Glimmer gearbeitet geschützt waren wie die Transporte weggingen ähm neunzehnhun- im September Oktober äh 44 äh waren diese Frauen geschützt aber danach wurde irgendwann der Glimmer wieder zugemacht dann brauchte man es nicht mehr dieses Mika äh

[2:14:13] sch- was wir ähm gesch- äh wie sagt man split äh von den St- Mika ist äh   Glimmer is Mika und Mika is ein Isolierungsmittel

Daniel Baranowski

[2:14:31] mhm

Margot Friedländer

[2:14:34] ein Irolier- Isolierungsstein und das kommt im Stein und hat kann man ab- -spalten dünne Blättchen es is beinah wie durchsichtig und bricht sehr leicht also wir hatten ähm eine Box vor uns stehen mit mehreren Abteilungen und eine größere Abteilung und

[2:14:58] wie groß wir diese Blättchen abgespalten haben haben wir sie in diese [gestikuliert] Box reingetan   und nach der Arbeitsschicht wurde jede Box gewogen jedes a- jede Abteilung und genau Buch geführt wieviel wir   [gestikuliert] ge- äh ge- äh   gesch- äh

[2:15:23] ge- work gearbeitet haben verarbeitet haben und ich war sehr handy und habs sehr sehr gut gemacht und   eines Tages und ich saß neben einer Dame die sehr ungeschickt war und ich hab ihr noch m- geholfen und ich kannte sie nicht aber sie hat mir ihren Namen

[2:15:46] geflüstert einmal man hat kaum gesprochen miteinander es war   Tag- und Nachtschicht wurde gearbeitet   eines Tages kam ich zu spät zu der hab verschlafen   wir s- die Fabrik das Fabrikgebäude die Kas- die Baracke war außerhalb Theresienstadt ein bisschen

[2:16:09] man musste durch eine Sch- Schleuse gehen wo man einen Passierschein vorgezeigt hat man hat mir also den Passierschein abgenommen und   ich bin zur Arbeit gegangen als ich da rein kam war natürlich Totenstille die ham mich alle ziemlich bedauernd angeguckt

[2:16:29] die V- ich hab mich an meinen Platz gesetzt die Vorarbeiterin hat mir die Kiste gebracht und ich hab angefangen zu glimmern   jeden Tag kam die SS um sich die Bücher anzusehen was gearbeitet wurde und ich wusste ganz genau dass ich wahrscheinlich gerufen werde

[2:16:52] was dann auch der Fall war paar Stunden später wurde ich zu der SS in das Büro reingerufen und   es war sehr unangenehm   äh der eine saß am Schreibtisch mit den Füßen aufm Schreibtisch der andere stand an der Tür man hat mich schrecklich zusammengebrüllt

[2:17:15] und oder gar nicht gesprochen und zum Schluss hat der gesagt »wenn du nicht so eine gute Glimmerin wärst wärst du im nächsten Transport nachm Osten«   man stell sich aber nun vor dass man natürlich gezittert hat   wird er sein Wort halten oder nicht   und

[2:17:36] als die Transporte im September Oktober kamen   war ich Gott sei Dank also nicht drin   er hat sein Wort gehalten   äh im November glaub ich hat der Glimmer aufgehört  

[2:17:52] äh   dann kam   nochmal äh im   Anfang Februar ging ein Transport wurde ein Transport zusammengestellt

[2:18:08] und nachdem die ganzen Transporte in den Osten gegangen sind hat man gesagt dieser Transport wird nach in die Schweiz gehen was wir natürlich nicht geglaubt haben   und man hat mir gesagt »melde dich dazu« und ich hab gesagt ich melde mich zu nichts was

[2:18:26] immer mit mir geschieht geschieht und ich   werd ich werd ich dazu gerufen dann gehe ich (oder nicht) bin aber nicht gerufen worden der Transport ist abgegangen und ist wirklich in der Schweiz angekommen und hat diese hundert Menschen haben dann dem Internationalen

[2:18:44] Roten Kreuz in Ge- Genf damals zwischen Genf und Montreux erzählt was wirklich Theresienstadt ist und die sind dann wieder gekommen äh um zu kontrollieren und ham sich nicht mehr von der SS rumführen lassen sondern vom Rabbiner Baeck der sie geführt hat

[2:19:05] und   ähm   da ham sie dann gesehen was wirklich   äh wie T- was Theresienstadt ist man hatte nämlich vorher wie sie mal kam- wo sie kamen einen Pavillon aus Glas gebaut um die Kinder dort spielen zu lassen und als die SS kam äh war der Rahm das war der Oberste  

[2:19:33] drin und äh die Kinder mussten zu ihm sagen »Onkel Rahm heute gibts schon wieder Sardinen« also alles nur um denen irgendwie äh   was zu sagen was nie gewesen ist äh es war ja auch dass wir ähm   ei- Theater spie- spielen muss also die Schauspieler wir

[2:20:03] haben dann im Gras gesessen und mussten klatschen man hat uns äh angezeigt wie doll und so weiter und dann

Daniel Baranowski

[2:20:10] [unterbricht:] Sie mussten das auch Sie waren auch daran beteiligt Sie mussten

Margot Friedländer

[2:20:12] [gleichzeitig:] ich war dabei ja ja ich war dabei und ähm   leider sind dann das war noch vor diesen Transporten September Oktober kurz davor wir sind auch aufm Glimmer damals einige abkommandiert worden dorthin [räuspert sich]

Daniel Baranowski

[2:20:29] mhm   ham Sie ähm zu zu äh Rossel oder zu den andern ähm Mitgliedern dieser äh Kommission vom Roten Kreuz selber gesprochen ?

Margot Friedländer

[2:20:39] [gleichzeitig:] die waren nicht die waren nicht da

Daniel Baranowski

[2:20:41] mh

Margot Friedländer

[2:20:43] zu der Zeit

Daniel Baranowski

[2:20:46] mh

Margot Friedländer

[2:20:48] also die ham nicht gesehen wie wir

Daniel Baranowski

[2:20:51] mhm

Margot Friedländer

[2:20:53] gespielt haben aber d-

Daniel Baranowski

[2:20:55] [unterbricht:] das waren Proben dann

Margot Friedländer

[2:20:57] das waren mh ?

Daniel Baranowski

[2:20:59] waren das Proben dann für

Margot Friedländer

[2:21:01] nein das war richtig äh   äh s- ein Film wurde doch gemacht »Wir geben den Juden eine Stadt«

Daniel Baranowski

[2:21:04] mhm mhm

Margot Friedländer

[2:21:06] und äh dort damals war also Gerron und äh Spanier die haben alle gespielt äh   wie hieß es   na wie hieß heißt das Stück [trinkt]   ähm   senior moment [lächelt]  

Daniel Baranowski

[2:21:27] is nich so schlimm

Margot Friedländer

[2:21:31] mh ?

Daniel Baranowski

[2:21:33] kommen wir später drauf noch

Margot Friedländer

[2:21:35] ja   äh [räuspert sich] und äh   tja also das wurde denen ja immer alles erzählt ne

Daniel Baranowski

[2:21:43] mhm

Margot Friedländer

[2:21:46] und gesagt   aber dann äh ham sie also die Wahrheit gesehen und actually is ja das Internationale Rote Kreuz nach Theresienstadt gekommen zwei drei Tage bevor die Russen kamen

Daniel Baranowski

[2:21:57] mhm

Margot Friedländer

[2:21:59] und ham uns befreit   ähm   Theresienstadt lag doch an dieser   vorher ging die Hauptstraße durch Theresienstadt durch nach Prag   äh als äh es Ghetto oder   Konzentrationslager wurde hat man diese jungen Menschen ham dann eine Straße um Theresienstadt rum

[2:22:23] gebaut die nach Prag geführt hat auf dieser Straße kamen die Russen   Tag und Nacht sind sie dort nach Prag äh zu dieser äh   Parade äh gefahren   die Befreiungsparade   die äh das als das Rote Kreuz kam ist sind sie auf diesem Weg gekommen mit einem offenen

[2:22:51] Auto und äh der Roten Kreuz-Fahne obendrüber und ich hatte es zufälligerweise gesehen aus dem Fenster von unserer Kaserne wo ich gewohnt hab konnte man auf diese Straße gucken wir waren es war natürlich nich erlaubt aber zu dieser Zeit hat man schon sich

[2:23:09] einiges erlaubt was vorher was wo man sich nicht getraut hat weil das alles bewacht war   und das ging Lauffeuer durch das Lager dass äh   das Rote Kreuz hier ist und die ham dann auch die SS äh Hakenkreuzfahne runtergenommen vom äh vor der Kommandantur und

[2:23:34] die Rote Kreuz-Fahne wurde aufgezogen die SS ist ähm schon den Tag und den Tag vorher ham sie versucht zu flüchten und hatten ähm flat äh flache Trucks wo sie Aufbaus die Jungs äh mussten Aufbaus machen [gestikuliert] wie ein kleines Haus und da ham sie

[2:23:59] alles was sie hatten   gestohlen hatten und so weiter reingetan und sind damit rausgefahren ausm Lager um zu flüchten und ähm wir haben am nächsten Tag noch einige wieder im Lager gesehen aber die Trucks waren weg wie wir gehört haben sind sie nicht durchgekommen

[2:24:20] weil alles verstopft war von Militär äh einerseits Russen andererseits Amerikaner oder Franzosen oder Engländer und äh wer umgekommen ist oder wieviele wissen wir wer durchgekommen ist wissen wir nicht  

[2:24:39] und als die Russen kamen hat man dann als erstes

[2:24:50] Ärzte und Krankenschwestern ins Lager gebracht denn wir hatten eine sehr große Epidemie äh Typhusepidemie   äh die meistens äh ausgebrochen ist durch die Transporte die aus Auschwitz nach Theresienstadt kamen von denen   die dort ankamen denn eine Woche

[2:25:20] vor der Befreiung kam ein äh langer langer Zug Viehwagenzug an damals habe ich als Krankenschwes- Hilfskrankenschwester gearbeitet da war eine kleine Erhöhung in Theresienstadt ein kleiner Berg und man sollte diese Menschen die in diesem Transport sind dort

[2:25:47] raufbringen um sie von da aus äh zu organisieren also als diese Wagen aufgemacht wurden sind uns die   Kranken Toten Halbtoten entgegengefallen in diesen Pyjamas   und ähm jemand zupfte mich am Arm und sagte zu mir »Margot kennst du mich denn nicht« ähm

[2:26:16] »erkennst du mich nicht« Arnold Kirschberg Arnold Kirschberg war im Kulturbund ein Sänger   ein [betont:] sehr gutaussehender Mann natürlich hätte ich ihn nicht erkannt denn   [schüttelt den Kopf] wie sie ausgesehen haben konnte man keinen erkennen wie

[2:26:36] man die (Bilder) gesehen hat und diese gestreiften Pyjamas viele ohne Schuhe oder Holzschuhe oder ein Schuh äh   mal Jacken die mal Jacken waren   ganz entsetzlich und die waren im Januar wie Auschwitz befreit wurde auf den Todesmarsch geschickt worden   und

[2:27:04] waren wochenlang und wochenlang unterwegs   ham auch mal ne Weile irgendwo noch gearbeitet und sind dann in ein Lager geschickt worden das noch nicht befreit war das war Theresienstadt   das war eine Woche vor vor der Befreiung und die waren alle fast alle krank

[2:27:27] schwer krank und die hat man dann in Baracken außerhalb wo wir früher gearbeitet haben diese Baracken gesetz- gebracht um sie nicht direkt in Theresienstadt zu haben   mein Mann hat damals auch in der Küche gearbeitet und hatte als Kind Typhus im Ersten

[2:27:49] Weltkrieg und kann es konnte es nicht kriegen der ist immer mit dem Essen das in den Küchen gekocht wurde in die Baracken gefahren an die Baracken ran um denen um dies Essen hinzubringen als die Russen dann k- kamen haben sie als Erstes wie gesagt und mit

[2:28:10] den Ärzten und Krankenschwestern und wir mussten alle arbeiten die konnten die Strohmatrazen zum Beispiel von den ähm   Kasernen [gestikuliert] in den Hof geschmissen und angezündet damit das verbrennt   und frisches Stroh gebracht weil da das Ungeziefer

[2:28:34] drin gesessen hat sie haben die Provianturen die in der Gegend waren für den Nachschub für das Militär   deutsche Militär aufgemacht und haben   besonders Reis und weißes Mehl in die Lä- in unser Lager gebracht das dann in der Küche gekocht und gebacken

[2:28:59] wurde damit die Kranken eine Nahrung bekommen die sie vertragen können denn als diese Transporte kamen und wir ihnen zum Beispiel Brot oder en bisschen Zucker gegeben haben konnten sie das konnte der Magen das nicht aufnehmen und sind viele noch krank geworden

[2:29:21] weil sie Durchfall bekommen haben   [räuspert sich; beugt sich nach vorne; sucht auf dem Tisch] in dem Buch   von ähm   das zweite [bekommt ein Buch gereicht] hier   von Leo Baeck da ist auch eine Beschreibung von Theresienstadt drin und   ein Bild   von Theresienstadt

[2:29:50] wie diese Menschen äh in   die angekommen sind oben in den äh Dachböden wo wir die hingelegt haben gelegen haben [blättert] und ich habe in mein- damals da war das Buch noch gar nicht vorhanden das ist erst viel später als ich angefangen hab meine Memoiren

[2:30:18] in Englisch in Amerika zu schreiben hab ich darüber geschrieben und habe geschrieben »aus Auschwitz in Theresienstadt angekommen Häftlinge Foto Mai 45« und hab beschrieben wie die auf diesen Böden gelegen haben und dann immer gesagt » (nun) Schwester

[2:30:37] helfen Sie uns helfen« die waren so krank und [reicht das Buch Daniel Baranowski; der es in die Kamera hält] hier ist dieses Bild   was absolut ganz so hab ich es beschrieben [Kamera zoomt auf das Bild]

Daniel Baranowski

[2:30:50] konnten Sie mit diesen Leuten sprechen ?

Margot Friedländer

[2:30:54] ja   ja wir haben sie gewaschen wir konnten wenig für sie tun denn wir hatten   zu [betont:] der Zeit noch keine Medikamente ähm   aber wir haben ihnen gesagt »ihr braucht euch nicht zu sorgen nicht hier wird man nicht verbrannt hier ist nicht   ihr seid hier

[2:31:19] sicher und wir sind da« und äh »wir werden für euch sorgen« und der Arnold sagte damals zu mir »hast du noch ein Stückchen Brot« und ich sagte »Arnold hier ich hab nichts aber äh bleib hier« da [gestikuliert] auf diesem kleinen Hügel da diese Gruppen

[2:31:36] äh »ich geh was organisieren« und als ich zurückkam war die Gruppe nicht mehr da die waren inzwischen abge- ähm weggesch- ähm -gebracht worden in ähm auf so einen Boden und ich konnte Arnold also nicht finden tagelang nicht er hat mich dann gefunden

[2:31:56] und mein Mann kannte ihn natürlich auch dann noch vom Kulturbund und wir haben dadurch dass mein Mann in der Küche war konnten wir ihm auch ein bisschen mehr schon damal- bevor der Befreiung schon geben also ne trockene Kartoffel eventuell oder so ähm äh

[2:32:19] in Theresienstadt wurde ab und zu leider viel zu selten Buchteln gebacken   Buchteln war ein ein tschechisches ähm   Gebäckstück würde ich sagen [zeigt die Größe mit den Händen] es war viereckig so hoch ungefähr aus gutem recht gutem Mehl äh und dazu

[2:32:42] gab es einen ähm   Esslöffel voll Schokoladensoße die aus diesem Kaffeeersatz gemacht wurde es war also wenns das gab ganz selten war das war himmlisch und   aber in dieser Zeit wurden auch mal diese Buchteln äh gebacken es war also diese großen Tröge

[2:33:10] da war Mehl und Hefe und das musste geknetet werden und hochgehen und mein Mann damals noch nicht mein Mann mein Freund hat mir der hat da mitgeholfen trotzdem er Ausgabeleiter war diesen Teig zu kneten das war ganz früh morgens und dann hat der en Stück

[2:33:30] genommen und in seinen   Sack da gebracht und mir   äh hingebracht wo ich gewohnt habe und als ich aufwachte war das über den ganzen Tisch gelaufen denn die Hefe ist dann aufgegangen und dann als hab ich das zusammengeknetet und wir hatten Wärmeküchen nämlich

[2:33:49] wenn wir am Tage gearbeitet haben haben wir doch unser Mittagsessen nicht bekommen und das waren Wärmeküchen in diesen Häusern Küchen wo man mitm Holzsche- äh und da waren alte Leute alte Frauen die haben diese Wärmeküchen bedient und uns das Essen

[2:34:09] am Abend wenn wir von der Arbeit kamen warmgemacht   also in diesen Wärmk- in diese Wärmeküche hab ich den aus- -gekneteten und zusammengekneteten Teig gebracht den ich als Brot Weißbrot geformt hab und habs ihr gesagt sie kriegt auch ein Stück und sie

[2:34:32] soll mir das ausbacken und so haben wir Arnold durchgekriegt bis also dann die Russen kamen ähm und   die uns genug V- Essen gebracht haben äh dass er was zu Essen hat und äh noch ein äh früherer ähm Kollege von meinem Mann der also mit ihm gearbeitet

[2:34:56] hat der bei einer Kontrolle wie sie von der Arbeit kamen ähm   paar grüne Äpfel bei sich hatte und die SS hat ihn gekriegt die ham   ihn weggeschickt Hans Manasse ist zurückgekommen hats überlebt und auch der hat zu Essen bekommen und ich hab dann danach

[2:35:20] in der Wäscherei gearbeitet in dieser von der ich erzählt hab die wir hatten in der Ausgabestelle und als die Russen ein paar Wochen da waren sollten wir das zumachen denn des sind ja die Leute sind ja langsam alle weggekommen und bevor wir das ich das abgeschlossen

[2:35:40] hab hab ich allen meinen Freunden viel viel Wäsche gegeben die also übrig geblieben war die Leute waren schon weg und ich hab in New York noch einige Frottiertücher von der Zeit die ich benutze um meine Sweater drauf zu trocknen [lächelt] so gutes Zeug

[2:36:03] w- hatten die damals mitgebracht   [räuspert sich]

[2:36:06] also   äh es war   ein eine merkwürdiges   Sein das in Theresienstadt-Sein nicht wahr äh wenn man das Glück hatte dort zu arbeiten und nicht in die Transporte gekommen ist ähm   konnte man äh hatte man ne

[2:36:30] Chance zu überleben nicht die alten Leute denn wegen zu wenig Essen und wir hatten immer irgendwelche Möglichkeiten es war Schwarzmarktgesch- äh -geschäft in Theresienstadt dadurch dass ähm die   dänischen Juden dort waren die jeden Monat äh aus Dänemark

[2:36:54] von dem König ein Paket bekommen haben war   Essen in Theresienstadt also irgendwie waren Sachen zu   bekommen mehr als man ähm   in den äh von der Küche bekommen hat das war also unmöglich   und ähm   auch die   die Kontrollen also was war nicht nur SS

[2:37:28] es waren auch tschechische Gendarmen   es war ja die Tschechoslowakei und die Tschechen haben äh ihre Tschechen auch wenns Juden waren lieber gehabt als die SS die haben also schon mal Nachrichten oder geschmuggelt Sachen reingeschmuggelt äh es waren ja dann

[2:37:52] auch wie gesagt wo ich wenn ich kam wars ja spät waren ja auch schon viele Mischlinge oder äh der jüdische Teil von chris- christlicher äh Heirat in aus der Tschechoslowakei die Leute haben ihren Männern oder ihren Frauen Pakete geschickt aus der Tschechoslowakei

[2:38:15] äh aus Prag und so weiter [räuspert sich] es war ne ganze Menge   [gestikuliert] äh   irgendwie äh Möglichkeiten in Theresienstadt zum Beispiel zu der Zeit wie mein Mann   da hingekommen ist er hatte sich damals zu der Schwerstarbeitergruppe gemeldet er

[2:38:42] ist mit einem jungen ähm Burschen auf im Transport gewesen den er gleich kennengelernt hat der zehn Jahre jünger war äh als mein Mann und der eigentlich ähm Halbjude nur war und wo man gesagt hat der Vater lässt sich nicht von seiner jüdischen Frau scheiden

[2:39:05] er muss ins Lager und ein Sohn muss auch gehen der Vater is in ein   Konzentrationslager gekommen und der Sohn ist nach Theresienstadt gebracht worden die Mutter die jüdische ist mit der Tochter in Berlin zurückgeblieben also Robert Robert Wachs ist mit meinem

[2:39:26] Mann nach Theresienstadt gekommen und die beiden haben sich zum Schwerstarbeitgruppe gemeldet   und die sind jeden Tag mit einem Truck rausgefahren worden aus Theresienstadt und waren zu verschiedenen Arbeiten eingeteilt Straßenbau ähm   ähm   wie heißt das

[2:39:49] ähm   äh   naja auf jeden Fall ich komm schon wieder drauf äh   haben sie an dem Straßenbau dieser St- (Bauherr) hat es erst wie sie es erste Mal da waren und war Pause und die ham da gesessen und da hat er gesagt ob sie denn nicht essen ? und da ham sie

[2:40:16] gesagt »wir ham doch nichts« und da hat er gesagt »bei mir arbeitet keiner der nicht zu Essen hat« und hat zu einem Mädchen in der Baubude gesagt sie soll zum äh Schlächter gehen und Knochen holen und Gemüse holen und eine gute kräftige Suppe kochen

[2:40:32] und so war das dann jeden Tag hat der das machen lassen und diese Fahrer von diesen Trucks haben auch Sachen mit diesen Jungs äh geschmuggelt äh und ihnen gebracht zum Beispiel hatten die Jungs aus Theresienstadt Zigaretten die in Paketen äh durchgeschmuggelt

[2:40:56] wurden die in Paketen kamen die Leute geschickt bekommen haben dieser Schnäpschen Brünell hatte von seiner Freundin auch Pakete [gestikuliert] es waren Kaffee dieser Kaffeeersatz da hat sie en Teil rausgenommen Zigaretten zwischen reingelegt und dann wieder

[2:41:12] Kaffee rein rangemacht und da hatten wir Ka- und das waren ein guter Tausch

Daniel Baranowski

[2:41:17] mhm

Margot Friedländer

[2:41:20] f- Leute haben auch in Theresienstadt selbst lieber ne Zigarette als das Brot das wir alle drei Tage en Stück Brot bekommen haben [räuspert sich]   so konnte man sich damit helfen also mein Mann hatte eines Tages eine Salamiwurst   getauscht gegen Zigaretten

[2:41:38] oder was und die hatte er an seinem Hosenträger angebunden und hatte sie im Hosenbein und an diesem Tag hatte dieser   Hans Manasse die grünen Äpfel sie kamen also sie sahen von weitem dass SS an der Kontrolle is mein Mann hatte das große Glück zu einem

[2:42:02] tschechischen Gendarm zu kommen   denn er konnte das nicht loskriegen und wegschmeißen viele haben die Sachen weggeschmissen [gestikuliert] und als er zu dem kam der sagte in Tschechisch was er hat mein Mann hat   war sehr sprachbegabt konnte en bisschen paar

[2:42:21] Worte und da hat er ihm auf Tschechisch gesagt dass er ne Salami hat und der hat ihn durchgewinkt und der Hans Manasse mit den grünen Äpfeln wie gesagt ist von kontrolliert worden von SS und ist dann in irgendeinen Transport gekommen [räuspert] das war

[2:42:38] natürlich großes Glück für meinen Mann denn sonst wär er wenn er bei der SS kontrolliert wär er natürlich im nächsten Transport gewesen also so waren viele Sachen Glückssache

Daniel Baranowski

[2:42:48] mhm

Margot Friedländer

[2:42:51] und   hatte mit gar nichts anderm zu tun als dass man zufälliger- [betont:] zufälligerweise das oder das gemacht hat [hustet] und diese Gruppe dann äh im Steinbruch waren sie   ham sie gearbeitet und dann hat auch der äh Robert immer zu meinem Mann gesagt

[2:43:10] »du machst ne Schüppe weniger und ich mach ne Schüppe mehr« also Robert ist auch nach Wulkow mit meinem Mann und hat es überlebt er war wie mein Bruder nachher die wir sind (doch) zurückgekommen Robert war auch unser Trauzeuge mit andern Jungs und wir

[2:43:27] haben Robert oft in Amerika äh gesehen denn er hat sich politisch hier dann sehr beteiligt hat hier geheiratet hat seine Mutter gefunden und seine Schwester und auch der Vater   der ja nun äh auch in Konzentrationslägern hatte man andere Uniformen oder andere

[2:43:49] Abzeichen um zu zeigen wenn man Nichtjude war ne ? und das hatte der Vater also Politische oder so und der ist auch zurückgekommen und   Robert hat geheiratet und hat einen Sohn gehabt und wir waren ham uns in der Schweiz getroffen und Robert ist leider sehr

[2:44:10] jung gestorben   Krebs und Herz (_) und ich war dann noch ähm   wie ich nach Berlin kam hab ich noch die Frau gesehen und war bei ihnen und den Sohn die Schwiegertochter sind leider Frau ist gestorben der Sohn ist sehr jung gestorben also [gestikuliert]  

[2:44:34] die haben hier gelebt ne

Daniel Baranowski

[2:44:37] mhm

Margot Friedländer

[2:44:39] in Berlin

Daniel Baranowski

[2:44:42] wann sind Sie eigentlich nach Theresienstadt gekommen ?

Margot Friedländer

[2:44:44] nach Theresienstadt ?

Daniel Baranowski

[2:44:46] mhm

Margot Friedländer

[2:44:48] ähm im Juni 44 Anfang Juni 44 ich bin im April äh verhaftet worden und bis man einen Transport zusammengestellt hat das waren ja kaum noch Juden ich glaube unser Transport hatte 26 Leute   es waren ja nur die Untergetauchten oder Mischlinge die   dann weggebracht

[2:45:08] wurden

Daniel Baranowski

[2:45:11] wie lange hat die Fahrt gedauert ?

Margot Friedländer

[2:45:13]   viele Stunden

Daniel Baranowski

[2:45:16] [gleichzeitig:] oder können Sie da   davon was erzählen ?

Margot Friedländer

[2:45:18] über Dres- Dresden

Daniel Baranowski

[2:45:20] mhm

Margot Friedländer

[2:45:22] ja

Daniel Baranowski

[2:45:24] können Sie was erzählen von der Fahrt

Margot Friedländer

[2:45:27] mh ? mit wie ?

Daniel Baranowski

[2:45:29] können Sie von der Fahrt was erzählen ?   von der Deportation nach Theresienstadt

Margot Friedländer

[2:45:31] ähm [räuspert sich] ich muss eins sagen als wir rausgefahren sind aus dem Lager hier in Berlin   habe ich   abgeschaltet und mein erstes   woran ich mich wieder erinnern kann war abends wie wir aufm Dachboden Frauen und Männer zusammen zum Schlafen gelegt

[2:46:05] wurden konnten   irgendwie habe ich das an mir vorbeigehen lassen   ohne   ich wollte es nicht wahrnehmen ich weiß ich wusste auch nicht man hats mir nachher gesagt mit was für Zügen wir gefahren sind   ob   richtigen Zügen oder mit Viehwagen mir wurde dann

[2:46:34] gesagt alle Transporte nach Theresienstadt sind mit regulären Zügen gefahren sehr alte   ganz alte Waggons aber Zügen ich weiß nicht wie wir durch die Schleuse gegangen sind ich weiß nicht dass ich meinen Koffer bekommen habe und äh den ich mitgebracht

[2:46:52] hatte   ich weiß nichts   ich weiß dass Schnäpschen Brünell bei mir war und wir dann oben gelegen haben und ich dann auch bei ihm   in der Nacht noch gesessen habe [räuspert sich] aufm Fußboden und dass wir en bisschen gesprochen haben aber ich   einfach  

[2:47:16] äh ich ich hab überhaupt das Jahr in Theresienstadt mehr oder minder an mir vorbeigehen lassen ohne viel zu denken ohne viel   ein ein Zwischenleben ein   ein Vegetieren ein   man ich wollte es überleben   oftmals bestimmt weiß ich war es ein Traum und

[2:47:59] besonders wie die Transporte gingen  

[2:48:01] ähm die Befreiung war sehr wesentlich äh die habe ich   ähm unbedingt   ähm darüber habe ich auch geschrieben   dass wir an diesem Gitter das offen war gestanden haben [betont:] viele   viele viele Menschen und dass wir

[2:48:33] die ersten Stunden keiner von uns auch nur einen Fuß rausgesetzt haben   allerdings habe ich erfahren dass   Tschechen die also in dieser Gegend aus dieser Gegend aus Prag oder so kamen ja rausgegangen sind und schon mit dem Militär wieder nach Haus gelaufen

[2:48:58] sind oder mit ihnen gefahren sind auf den Trucks oder so aber wie wir dieses   es war so unvorstellbar für uns   wi- also an dem Tag ich weiß auch Hunger und Essen das bisschen was man nicht mal das wollte man Schlafengehen wollte ich nicht ich bin dann schlafen

[2:49:22] gegangen und vielleicht nachn paar Stunden wieder runter gegangen wieder an das Gitter gegangen und dann wieder genauso viele Menschen vielleicht dieselben oder so gestanden   fasziniert dass es wirklich jetzt wir sind frei wir sind befreit wir könnten raus

[2:49:44]   ähm   ei- unwirklich   total unwirklich für uns gewesen   und ähm   erst am nächsten oder vielleicht auch übernächsten Tag bin ich dann rausgegangen und die das Militär ist immer Tag und Nacht mehrere Tage immernoch äh   [gestikuliert] (ange__) (da)

[2:50:18] waren so ähm   alte alte Militäraut- offene Wagen äh schlecht angezogenes Militär Frauen und Männer konnte man nicht unterscheiden Frauen haben genauso ausgesehen wie die Männer kein kaum gl- äh die gleichen Uniformen sehr zerlumpt äh die Pferde sehr

[2:50:48] müde die Reiter drauf   ähm   war   ich meine ein ein ganz die kamen vom vom Krieg   waren Monate wahrscheinlich unterwegs   und als wir dann raus- -gingen wirklich ähm aus dem Lager [gestikuliert]   in die Gegend es war wie ausgestorben die Orte die Orte  

[2:51:24] nächste Ort übernächste Ort die Felder waren voll mit es war ja   Frühling und äh Erdbeeren äh hat keiner gepflückt da waren keine Männer äh Geschäfte gab es nicht vieles war offen   nichts drin   nich ? so kleine Geschäf- kleine Lebensmittelgeschäfte

[2:51:50] in einem Ort bloß so   nichts das war alles mitgenommen worden   natürlich   Häuser verwahrloste ausge- offene Türen   wir hatten damals wir sind dann [räuspert sich]   mein Mann und ich waren ja nicht verheiratet so auf das Feld gegangen und wir ham

[2:52:20] dann nach dem   Bauern gesucht und ham dann an der Tür geklingelt und fragten wir ob wir uns en Korb Erdbeeren   und wir könnten es auch bezahlen wir haben da ein bisschen Geld bekommen tschechisch da sagt der [winkt ab] »nehmen Sie nur nehmen Sie nur is

[2:52:39] ja niemand hier der das pflückt« ne also wir haben Erdbeeren gepflückt und so viel wir in den Korb und so viel ham wir auch gegessen und so weiter ne das ähm   es war trostlos   trostlos und das Trostlose war auch dann noch ein Jahr später als wir durch

[2:53:04] die deutschen Städte mit der Bahn zu nach Bremen gefahren sind um nach Amerika zu gehen da waren immer noch Menschen unterwegs und immer noch viel zerstört und immer noch äh Brücken die äh nur die   also aufgebaut wurden um einen Zug rüberfahren zu lassen

[2:53:26] der ganz langsam ging nich ? auf weit rechts und links hat man nur Wasser gesehen   und   z- kaputte Brücken kaputt

Daniel Baranowski

[2:53:39] mhm

Kerstin Hinrichsen

[2:53:41] ähm wie lange sind Sie denn noch in Theresienstadt wie lange waren Sie nach der Befreiung noch in Theresienstadt ?

Margot Friedländer

[2:53:48] wir sind am achten Mai befreit worden und sind am zehnten zwölften Juli

Kerstin Hinrichsen

[2:53:53] Juli

Margot Friedländer

[2:53:56] aus rausgefahren  

[2:53:58] und ähm   wir sind mitm Zug mit Viehwagen rausgebracht worden äh nach Pilsen das war die Grenze äh russisch-amerikanisch   und diese Viehwagen hat man aber sehr schön ausgestattet für uns oder wir indem man Man- Matrazen dann reingelegt

[2:54:22] hat wo wir drauf gesessen haben und ähm   wir sind in Pilsen angekommen und da haben die UNO Trucks amerikanische Militärtrucks von UNRRA hatte dieses United Restitution Organisation ähm die das geleitet haben mit Fahrern gestanden und ham auf uns gewartet

[2:54:49] und wir sind äh in diese Militärtrucks äh reingegangen und sind also durch die bayerischen Berge gefahren und wir waren im zweiten Truck   nochn Freund von uns Kurt der lag oben auf der Planke und   äh der Truck äh vor uns hat irgendwie ausgebrannte Bremsen

[2:55:14] gehabt wir ham das g- auch gerochen [gestikuliert] und is umgef- is aus- umgefallen und die   Insassen zum größten Teil diesen Bergabhang runtergefallen und unser konnte ausweichen und is en bisschen in den Berg reingefahren und aber durch den Anprall ist

[2:55:35] Kurt [gestikuliert] aus von diesem Dings runterge- -schmissen worden und ist dann auch diesen Berg runtergerollt is aber gleich hat sich nichts getan und ist gleich mit Hilfe zu den   die anderen Trucks irgendwie konnten anhalten also die mei- äh die einzigen

[2:55:56] Verletzten waren vom ersten   es war also dann nach Mittag geworden dann kam Polizei dann kam Ambulanzen   und es man hat auch Kurt mitgenommen denn er war ganz blutig aber nicht von sich selber sondern von denen die es war eine schreckliche Aufregung denn wir

[2:56:18] kamen ausm Lager v- jetzt sollen wir verunglücken und noch   umkommen durch ein Unglück   wir sind es wurde spät abends als wir dann   runtergefahren sind am Ende des Berges war eine Umleitewerk äh so eine   wo  

Daniel Baranowski

[2:56:42] son Umspannwerk ?

Margot Friedländer

[2:56:47] ja ja

Daniel Baranowski

[2:56:49] hm

Margot Friedländer

[2:56:51] son Haus mit so gl- äh äh schönem weißen Fußboden äh

Daniel Baranowski

[2:56:53] mhm

Margot Friedländer

[2:56:55] weil (Umformulier)

Daniel Baranowski

[2:56:58] mhm

Margot Friedländer

[2:57:00] nennt man das (Umformewer-) oder

Daniel Baranowski

[2:57:02] ich glaube Umspannwerk aber ich weiß es auch nicht genau

Margot Friedländer

[2:57:05] [gleichzeitig:] Umspann- ja   und da hat man uns hingebracht

Daniel Baranowski

[2:57:07] mhm

Margot Friedländer

[2:57:09] also nicht weiter mehr an dem Abend und wir haben auf diesem wunderbaren weißen glatten Kachelfußboden geschlafen   war der beste Schlaf den man sich vorste- wir waren   tot

Daniel Baranowski

[2:57:18] mh

Margot Friedländer

[2:57:21] und am nächsten Tag sind wir nach »Windsor« gebracht worden und es war entsetzlich denn das war ein Lager   hinter Stacheldraht   mit Baracken wo man Männer und Frauen getrennt hat auch wenn se verheiratet waren   und wir waren hinter Stacheldraht und das

[2:57:46] war so entsetzlich   warum wir wieder hinter Stacheldraht sind

Daniel Baranowski

[2:57:50] mhm

Margot Friedländer

[2:57:52] und in unserer   die Gruppe also die wir waren Freunde auch   äh da war   ein Herr älterer Herr er war Mischling und hats deshalb überlebt aus Berlin   und war Anwalt Kurt Kohorn ein sehr intelligenter Bursch (Louis Löwy) äh der sehr gut Englisch konnte und

[2:58:21] mein Mann   äh und die ham sich zusammengetan und haben eine Audienz vers- verlangt bei der UNRRA und die ham mit ihnen gesprochen und gesagt   äh »wir kommen ausm Lager und wir wieso jetzt sind wir wieder in einem Lager und hinter äh und hinter Stacheldraht«

[2:58:44] »ja es muss ja doch alles« es war ja doch kurz nachm Krieg »organisiert werden wir sind überwältigt   und wir werden alles versuchen« und so weiter und mein Mann hatte Geburtstag   mein Mann hatte am 15ten Juli Geburtstag wir waren ein paar Tage vorher

[2:59:00] da zwei drei Tage und ich konnte nicht mal ihm raus und ihm irgendwas oder und dann is an diesem äh Stacheldraht entlang en bisschen Gras gewachsen und so gelbe Blumen und dann hab ich en paar Blumen gepflückt und wir ham die dann   hab ich ihm als Geburtstagsgeschenk

[2:59:20] gegeben also das war alles solche Sachen an die man sich erinnert

Daniel Baranowski

[2:59:27] mhm

Margot Friedländer

[2:59:29] äh   die man auch nie vergisst irgendwie wir sind dann aber nach ner Woche zehn Tagen oder so äh aus diesem »Windsor« was auch in Bayern war nicht sehr weit weg v- nach Degge-

Daniel Baranowski

[2:59:45] [unterbricht:] wie hieß das ?

Margot Friedländer

[2:59:47] »Windsor«

Daniel Baranowski

[2:59:49] »Windsor«   mhm

Margot Friedländer

[2:59:52] [hebt die Hände] keine Ahnung

Daniel Baranowski

[2:59:54] mhm

Margot Friedländer

[2:59:56] ganz kleines Nest glaube ich ähm nach Deggendorf gebracht worden und Deggendorf war eine Kaser- mehrere zwei Kasernen drei K- Offizierskaserne sehr sehr schön im im Ort praktisch und da waren wir sehr gut untergebracht da waren wir en ganzes Jahr

Daniel Baranowski

[3:00:10] waren da waren Sie schon mit Ihrem Mann verheiratet

Margot Friedländer

[3:00:13] mh ?

Daniel Baranowski

[3:00:15] da waren Sie schon mit Ihrem Mann verheiratet dann

Margot Friedländer

[3:00:18] wir ham im Lager im äh Juni geheiratet ein Ta-

Daniel Baranowski

[3:00:20] [unterbricht:] also in Theresienstadt

Margot Friedländer

[3:00:23] mh ? in Theresienstadt ja ähm a- bevor der letzte Trans- äh Rabbiner einen Tag später weggegangen ist hat er uns getraut Rabbiner Neuhaus   und vier   Freunde von meinem Mann alle aus Wulkow haben   den [bildet einen Baldachin mit den Händen] Himmel der

[3:00:44] über uns ist der ein äh Talliss äh das Gebetschal gehalten und man der hatte ihm dem Robert gegeben und Robert wusste nicht dachte also er war ja schließlich er war Halbjude aber nie war war christlich erzogen hat ihn sich umgelegt nich sagt er »nein

[3:01:06] nein« [gestikuliert] also er soll eine Ecke halten nich also alle vier Jungs haben eine Ecke über uns gehalten und ähm wir hatten kein Glas das man zertritt im Jüdischen tritt man ein Glas kaputt wir hatten eine Tasse das Stückchen Tasse hab ich auch

[3:01:24] noch ähm   Arnold Kirschberg konnte nicht kommen der war krank und hat meinem Mann die Hose die er bekommen hat geliehen die meinem Mann aber viel zu groß war da hat er es so umgeschlagen vorne und hinten und mitm Strick [zeigt] zugemacht und ein F- anderer

[3:01:46] Bekannter hat ihm einen Hut geliehen   wundervoll

Daniel Baranowski

[3:01:49] mhm  

[3:01:51] wie lang waren Sie dann in Deggendorf ?

Margot Friedländer

[3:01:55] äh bis äh zehnten zwölften Juli   ach ne in Deggendorf ähm ein Jahr [räuspert sich]

Kerstin Hinrichsen

[3:02:03] und wie sah das Leben

Margot Friedländer

[3:02:06] (_)

Kerstin Hinrichsen

[3:02:08] Entschuldigung

Margot Friedländer

[3:02:10] wie das Leben ? war ? in Deggendorf ?

Kerstin Hinrichsen

[3:02:12] [gleichzeitig:] in Deggendorf mhm

Margot Friedländer

[3:02:15] sehr schön   sehr schön eigentlich ein   Deggendorf ist ein sehr hübsches Städtchen ähm auch mit ähm Hügeln und Grün und man wir sind spazieren gegangen und äh mein Mann hat und ich auch wir ham beide für die UNRRA gearbeitet mein Mann als für den

[3:02:35] Einkauf wir ham doch nur Militär- -rationen also m- äh Büchsen- -fleisch und Büchsen- alles bekommen und er hat dann Geld bekommen äh von der UNRRA oder Zigaretten meistens denn die Bauern wollten kein Geld haben und er ist zu den Bauern gegangen und

[3:02:58] hat en ganzes Feld Salat gekauft noch bevor es reif ganz reif war oder Kartoffel oder Gemüse und dadurch hatten wir im Lager auch Frisches gehabt und ich hab mich um die Post gekümmert die Post kam durch amerikanische Militärpost   und da waren einige Stellen

[3:03:24] die äh wo es gesammelt wurde und dann verteilt wurde und auch Pakete und leider ist damals wahnsinnig viel gestohlen worden in diesen ähm   Auffangs- äh -räumen wo das wo die äh das äh die Pakete hinkamen ich selber hab von meiner Schwägerin furchtbar

[3:03:51] viel Pakete bekommen und ich hatte zum nachher zum Schluss zehn einzelne Paar Schuhe versch- also

Daniel Baranowski

[3:03:59] mhm

Margot Friedländer

[3:04:01] da hatte ich einen davon und der andere war weg v- gestohlen worden oder so ne aber ähm wir ham trotzdem wir haben eben vieles bekommen äh Pakete mit   Obstkonserven und das nich also äh außer außer unseren Rationen die reichlich waren äh in Deggendorf

[3:04:28] haben wieder jüdische Jungs gekocht   äh   man hat versucht ähm in Deggendorf ähm   den jungen Menschen Schul- ähm   Schulunterricht äh zukommen zu lassen äh wir haben auch in Deggendorf angefangen äh es war ja ni- meistens junge Menschen aber auch einige

[3:04:58] ältere   die Menschen also Herren Ehepaare auch äh die äh schon im Leben gestanden haben und die dafür gesorgt haben dass die jungen Menschen ein   eine eine Stütze bekommen ähm   und wie gesagt wir haben dann doch auch Theater gespielt und das wurde Kostüme

[3:05:25] alles wurd von uns gemacht wir haben ähm das »Weiße Rössl« gespielt ich hab ja auch noch ein Bild die andern Bilder sind im Museum die hab ich dem Museum gegeben   und ähm [sucht das Foto]   hier [hält das Foto in die Kamera]

Daniel Baranowski

[3:05:51] mhm

Margot Friedländer

[3:05:53]   und hier ist mein Mann [reicht das Foto Daniel Baranowski]

Daniel Baranowski

[3:06:08] zeigen Sie es einmal noch mal so in die Kamera dass wir es vielleicht

Margot Friedländer

[3:06:12] [gleichzeitig:] und da bin ich

Daniel Baranowski

[3:06:15] ja

Margot Friedländer

[3:06:17] naja es ist sehr schwer

Daniel Baranowski

[3:06:19] kann man   ja kann man wahrscheinlich nicht sehen

Margot Friedländer

[3:06:21] hier [zeigt auf das Foto; Kamerazoom] und ich steh neben ihm er hat auch gespielt ja

Daniel Baranowski

[3:06:24] [gleichzeitig:] ja ja

Margot Friedländer

[3:06:26] ja   und viele also diese jungen Mädchen die sind dann ins Lager gekommen   aus ausm Lager noch meistens ohne Haare und abgemergelt und innerhalb einem zwei drei Monate waren es Menschen ! hübsche Mädchen hübsch anzusehen hübsch angezogen die Jungs Hosen

[3:06:51] schöne Hemden   es war   unvorstellbar wie   sie nach   einem Normalleben [betont:] geächzt haben wie sie sich ähm   es war zum ein großen Teil natürlich   [gestikuliert nach Worten suchend] äh   ist dann weggegangen nachher wie das Normalleben in Amerika oder

[3:07:24] wo sie hingegangen sind angefangen hat sind auch Ehen auseinander gegangen weil ein Normalleben anders war als immerhin doch noch ein Lagerleben denn auch wenn wir in Deggendorf frei waren äh haben wir doch Essen zugeteilt bekommen und äh alles was wir brauchten

[3:07:46] bekommen nachher ein freies Leben ist Verantwortung und ähm man muss lernen dass man äh arbeiten muss und verdienen muss um sich selbst zu ernähren das war doch gab es doch nicht was wussten dann diese jungen Menschen davon   ich meine hier ist Herr (Deutsch)

[3:08:14] und seine Frau wieso die (__) ich weiß es von den meisten weiß ich nicht mehr aber es ham sich Menschen getroffen die aus verschiedenen Lägern gekommen sind und ähm sich wiedergefunden haben viele von den Menschen sind befreit worden irgendwo und sind

[3:08:36] dann von Lager zu Lager gegangen um zu sehen ob sie jemanden finden   wieder vom selben Ort wo sie herkamen einen Verwandten oder einen einen Bekannten nur   und ähm   das waren ich meine da hat sich ein Ehepaar Doktor Cohn und seine Frau gefunden aber das Kind

[3:09:03] war [blickt nickend von einem Interviewer zum anderen] nicht hat es nicht geschafft ne ? und so wir äh ähm   ebend   [legt die Fotos weg; beugt sich nach vorne] so vieles was eigentlich sehr tragisch war hat man in diesem Jahr v- auch verdrängt natürlich  

[3:09:28] man hat versucht ähm   ein Mensch zu werden ein Mensch mit Namen nicht nur mit Nummer   ähm   sich daran zu gewöhnen dass die Eltern nicht mehr da sind die man nach was fragen kann die einem helfen können die einen stützen können   dass man auf sich selber

[3:10:01] angewiesen ist   und dieses Jahr war wichtig wenn man sofort ausm Lager in ein fremdes Land gekommen wäre wäre es [betont:] noch viel schwerer gewesen denn   man hat ja man war wir waren ja an und für sich kaum noch Menschen wir waren so un- [sucht nach Worten]

[3:10:28]   wir ham   man hat uns alles genommen und wir fanden also wenn wir jetzt was sehen dann gehört gehörts uns dann nehmen wir uns das wie ich ausm Lager Theresienstadt eines Tages mal rausgegangen bin und spazieren gegangen bin und da hat irgendwo ein ein

[3:10:54] Fahrrad angelehnt an einem Baum ge- an- da hab ich gedacht »na da is ja niemand ist hier das Fahrrad das kann ich sehr gut gebrauchen« und hab mich raufgesetzt und bin damit losgefahren   wir waren irgendwie ähm man hat uns so viel genommen jetzt nehmen

[3:11:13] wir uns wir ham keine Skrupels gehabt   und auch   was ich von andern gehört habe äh Auschwitz oder andern Lägern dass sie andern ähm Insassen ein Stück Brot gestohlen haben oder so ohne sich darüber klar zu machen dass dieses Stück Brot für den andern

[3:11:39] so wichtig wär genauso wie für ihn dass man das nicht machen kann   [gestikuliert] »ich bin hungrig ich nehm da seh ich was und das nehm ich mir« und das war natürlich ähm eine   das hat man schon mit sich genommen für ne Weile das musste man auch wieder

[3:12:04] lernen eine dass »meins ist meins und was dir gehört gehört dir   und ich kann mir das nicht nehmen« nicht wahr ? irgendwie ähm   [kratzt sich die Stirn] es war schon nicht leicht  

Daniel Baranowski

[3:12:21] hatten Sie nie vor in Deutschland zu bleiben ?

Margot Friedländer

[3:12:27] nein zu der Zeit nicht [räuspert sich] äh zu der Zeit ähm   wollten wir nicht mit [betont:] den Deutschen die damals ja unser Jahrgang war gejubelt haben und Hitler richtig also groß gemacht haben die ihm gefolgt sind mit denen wollten wir nichts zu tun

[3:12:51] haben ähm   wir mein Mann hätte alles mögliche haben können in Deutschland äh Fabriken und weiß ich was alles und äh es wär gar nicht in Frage gekommen dass wir in Deutschland bleiben nun hatte mein Mann auch seine einzige Schwester die gel- die es

[3:13:12] überlebt hat die in Amerika war da war es natürlich ganz logisch dass wir nach Amerika gehen ähm als ich noch nicht also mein Mann k- ich und befreundet waren in Theresienstadt noch vor der Befreiung war es für mich sehr schwer was wird also auch wie wir

[3:13:33] befreit waren was wird nun   aus mir wo was (werd) ich machen (werd) ich zurück gehen nach Berlin zu Camplairs oder denn das waren Menschen äh die mir geholfen hatten ich hatte doch ein gutes Gefühl äh mh ich hatte ja noch einen Koffer in Berlin irgendwie

[3:13:51] ähm ich hatte ein anderes Gefühl für die Deutschen die ähm wollten dass ichs überlebe   es ist ihnen nicht gelungen aber versucht haben sies und nach Brasilien zu der Tante Tante Jetti und Onkel Adolf wollte ich nicht gerne gehen denn schließlich haben

[3:14:11] sie ja nicht äh dafür gesorgt dass wir rauskommen also sie ham nicht genug getan ähm aber dann wie mein Mann mich fragte »kannst du dir ein Leben mit mir vorstellen aufbauen« und so wei- hab ich natürlich »ja« gesagt   ähm   und ich will auch ich sage

[3:14:36] es auch und will es auch ich meine   äh Liebe und so weiter damals war man gar nicht fähig äh   zu beurteilen wie man zu einem Menschen steht schließlich waren das so merkwürdige Umstände wenn man sonst verlobt ist geht man mit dem Verlobten in äh schöne

[3:15:00] Restaurants oder ins Kino oder man hat was hatten wir denn ?   und somit ist es natürlich ähm   ein äh auch die Ehe eine andere Ehe nämlich eine   ein   gemeinsames das gemeinsame Erleben und Überleben hat natürlich viel dazu getan um unsre Ehe sehr f- zu

[3:15:32] befestigen [räuspert sich] denn wir haben unsre Schmerzen gehabt und erkannt dass wir glücklich sei- sind zusammen zu sein und äh   es   es ist sehr schwer zu erklären dass ähm   unsere Ehe zumindestens eine große Bindung durch das gemeinsame Erlebnis

[3:16:02] hatten   es ist sehr befestigt dadurch ne ?   nun war auch mein Mann ein sehr besonderer   Mensch der erstens sehr sehr intelligent   sehr fein sehr ruhig ähm   aus sehr gutem Haus sehr ähnlich wie mein Background irgendwie auch die Mutter ist Generationen

[3:16:44] sogar Berlinerin gew- äh Charottenburgerin gewesen damals war Charlottenburg äh noch gar nicht äh gehörte noch war noch Charlottenburg noch nicht Berlin

Daniel Baranowski

[3:16:58] mhm

Margot Friedländer

[3:17:00] also das hat natürlich dieselbe Sprache derselbe Background mehr oder minder hat sehr viel ähm dazu beigetragen dass wir uns sehr gut verstanden haben  

Kerstin Hinrichsen

[3:17:12] und haben Sie nach dem Krieg mit Ihrem Mann über die Zeit in Theresienstadt gesprochen ?

Margot Friedländer

[3:17:20] ab und zu   schon   worüber mein Mann nie gesprochen hat war über seinen Schmerz dass die Mutter weggekommen ist wir haben einmal hat ers mir gesagt und wir haben dann nicht mehr darüber gesprochen denn seine Mutter war eingeteilt äh für einen Transport

[3:17:44] nach Theresienstadt ein Alterstransport   und ähm an diesem Tag kam die   SS aus Österreich und denen gings nicht schnell genug und die haben gesagt der ganze Transport geht nach Auschwitz und   mein Mann hatte eine Tante die Schwester vom Vater in Theresienstadt

[3:18:09] die ist nach Theresienstadt gekommen und als sie zurückkamen   aus Wulkow und diese wie ich erzählt habe dass man Verwandte oder Freunde einschreiben konnte hat die Tante es überlebt sie ist nicht weggeschickt worden und er hat sich natürlich immer gesagt

[3:18:27] »wenn meine Mutter hier gewesen wär wär sie genau wie Tante (Pinka) hätt sies überlebt« nich wahr ? er hat die Freilassung für die Mutter bekommen   und es war ne halbe Stunde zu spät   der Transport war weg und mein Mann ist nur er war also dann in der

[3:18:51] Gemei- hat in der Gemeinde nach dem Kulturbund nachdem er zugemacht wurde wurde hat er für die in der Gemeinde gearbeitet und ist dann auch nach Theresienstadt geschickt worden trotzdem er jung war also nicht Theresienstadt Entschuldigung   was man aber gemacht

[3:19:09] hat weil das mit der Mutter nicht geklappt hat und äh dadurch ähm (Glückssache) hat ers überlebt   aber das war ein großer Schmerz für ihn   so   und das konnte er auch nicht äh verarbeiten [räuspert sich] und wollte auch nie nach Deu- nach Berlin

[3:19:37] fahren [trinkt]

Daniel Baranowski

[3:19:39] Sie sind dann nie zusammen mehr in Deutschland

Margot Friedländer

[3:19:41] mh ?

Daniel Baranowski

[3:19:43] Sie sind nie mehr zusammen in Deutschland gewesen

Margot Friedländer

[3:19:45] ja wir waren einmal drei Tage in München

Daniel Baranowski

[3:19:47] mhm

Margot Friedländer

[3:19:50] [trinkt; stellt das Glas ab] und zwar [hustet]   eine Cousine   von   ihre Mutter war mit einem Cousin meiner Mutter verheiratet aber geschieden sie war Christin und Schweizerin und die sind hams überlebt und Marion hat dann in München gelebt und is   des öfteren

[3:20:13] in Amerika uns besuchen gek- also nach Amerika gekommen und wir ham sie dann auch gesehen [räuspert sich] und sie hat meinen Mann sehr gerne gehabt und sie war sehr behindert sie hatte Polio als Kind und als ihr Mann starb konnt sie nicht mehr so reisen und

[3:20:31] ähm da bin ich ein- äh einmal hingefahren um sie zu besuchen und äh nich »ach und« »ja« sag ich »ich weiß du hättest viel lieber meinen Mann   hier gehabt   mich duldest du aber meinen Mann hätts-« und ähm   da hat sich mein Mann entschlossen äh

[3:20:51] das Jahr drauf waren wir in Holland eingeladen zu einer großen große Geburtstagsfeier und da sind wir von der Schweiz aus nach München geflogen und von München nach Amsterdam   und waren drei Tage in München äh ich muss dazu sagen dass ich nicht das Gefühl

[3:21:13] hatte in den drei Tagen dass es meinem Mann unangenehm war dass er   [zuckt mit den Schultern] sich nicht wohlgefühlt hat dass er allerdings sagte »das ist eine fremde Stadt die kannte ich nicht«   das war das eine einzige Kommentar was er gemacht hat [räuspert

[3:21:36] sich]

Daniel Baranowski

[3:21:38] das war wann ?

Margot Friedländer

[3:21:40] mh ?

Daniel Baranowski

[3:21:43] wann war das ?

Margot Friedländer

[3:21:45] schwer [greift sich an die Stirn] ich könnte es ich kann es feststellen indem ich immer ähm Scrap-Bücher gemacht hab von allen unsern Reisen

Daniel Baranowski

[3:21:52] mhm

Margot Friedländer

[3:21:54] lassen Sie mich mal überlegen wann es hätte sein können mein Mann ist 97 gestorben 96 95   92 vielleicht

Daniel Baranowski

[3:22:06] mhm in den Neunzigern

Margot Friedländer

[3:22:08] zwei- 93

Daniel Baranowski

[3:22:10] mhm

Margot Friedländer

[3:22:12] wahrscheinlich

Daniel Baranowski

[3:22:14] mhm

Margot Friedländer

[3:22:16] könnte sein

Kerstin Hinrichsen

[3:22:19] und wären Sie gerne mal nach Deutschland zurückge- -fahren ?

Margot Friedländer

[3:22:21] mh ?

Kerstin Hinrichsen

[3:22:23] wären Sie gerne nach Deutschland mal zu Besuch gefahren in der ganzen Zeit

Margot Friedländer

[3:22:25] [beugt sich nach links] ob ich in Deutschland ?

Kerstin Hinrichsen

[3:22:27] wären Sie gerne mal nach Deutschland zu Besuch gefahren oder

Margot Friedländer

[3:22:29] [räuspert sich] ob ich gerne gefahren wär kann ich Ihnen nicht sagen   äh mein Mann hat nicht gewollt und ich hab mich danach gerichtet äh ich hätte nicht zugeredet oder sonst was und habs auch nicht getan denn wir hatten eines Tages   könnte auch um dieses

[3:22:47] Zeit gewesen sein ein Anruf aus Berlin vom   äh K- äh von der Akademie der Künste die ein großes Zusammentreffen von früheren Kulturbund-Leuten hatte

Daniel Baranowski

[3:23:03] mhm

Margot Friedländer

[3:23:05] [hustet] und man hat natürlich meinen Mann eingeladen und wir waren im Winter viele viele Jahre nachdem er mein Mann retired war sind wir nach Kalifornien gegangen für zwei drei Monate und wir waren also weg und sind zurückgekommen und äh in dieser Na-

[3:23:26] diesen Nacht sogar ri- klingelte das Telefon und wir hatten unsere Post nicht uns nachschicken lassen und diese Einladung war in Berli- in New York geblieben und sie haben uns gesagt »wir ham Sie doch eingeladen und geschrieben und aber Sie haben nicht geantwortet«

[3:23:41] und so weiter und   wir sollen doch kommen also sie ham ne halbe Stunde mit mir gesprochen und dann ne halbe Stunde mit meinem Mann und er hat sich nicht bewegen lassen zu dieser   Veranstaltung und dem Treffen zu kommen wir haben er hat dann einen Brief bekommen

[3:24:00] er hatte nämlich vorher einig- Monate vorher äh eine wie sagt man ähm   äh über die äh gesprochen mit dem Herrn der dann das Buch gesch- rausgebracht hat   äh über den Kulturbund

Daniel Baranowski

[3:24:26] mhm

Margot Friedländer

[3:24:28] äh Dokumentation gegeben   und man hat ihm also bedankt sich bedankt und gesagt man hätte das nie ohne seine Hilfe und alle die da waren haben ihm geschrieben [Schreibbewegung mit der Hand] in diesem Brief und unterschrieben ich hab den Brief ich hab das

[3:24:44] Original dem der Akademie gegeben aber ich hab die Kopie auch also das is   und er ist auch nicht gegangen   und ich weiß nicht ob ichs richtig gemacht hab dass ich nicht zugeredet hab oder ni- ich könnte mir beinah vorstellen vielleicht wenn ihm sowas passiert

[3:25:04] wär wie mir äh dass ich ähm so einen Empfang ähm bekomme habe in Berlin ähm   vielleicht hätte ihn das umgestimmt aber das kann ich ja nicht beurteilen

Kerstin Hinrichsen

[3:25:20] mhm

Daniel Baranowski

[3:25:22] wann sind Sie dann nach Berlin gekommen das erste Mal wieder

Margot Friedländer

[3:25:25] 2003

Daniel Baranowski

[3:25:27] mhm

Margot Friedländer

[3:25:29]   2003 da hatte ich   zweitausend-   [gestikuliert] ungefähr nach dem Tod meines Mannes bin ich in diesen »Sixty Plus«-Klub eingetreten das is die große größte jüdische kulturelle Organisation in den Vereinigten Staaten wahrscheinlich in der Welt wo

[3:26:02] mein Mann 28 Jahre gearbeitet hat er war   ähm excecutive director in charge of administration der Administrator [räuspert sich] und als er starb hat man zu mir gesagt »du musst nach Hause kommen« und ich bin also dorthin und in diesen »Sixty Plus«-Klub

[3:26:25] wogegen die (wei-) alles hat was man sich vorstellen kann Kurse und Swimming Pool olympic-size und einen Konzert-Theatersaal mit 900 Sitzen und von Kindergarten bis zu senior club ist alles vorhanden is ein unbeschreibliche Organisation die ähm   lectures

[3:26:49] und ähm äh Kurse und äh äh von Shakespeare music appreciation Bridge ähm Französisch Spanisch und und so weiter alles gibt [räuspert sich] und da hab ich angefangen   als ein neuer Kursus anfing sagte die Direktorin von dem »Sixty Plus«-Klub mit der

[3:27:17] ich sehr befreundet bin »das wär doch was für dich Margot« und dann hab ich gesagt »nein ich kann nicht schreiben ich bin ja keine Autorin« und so weiter »ja« sagt sie »geh trotzdem mal hin und gucks dir an und hör mal« und dann waren wir vielleicht

[3:27:30] zehn zwölf Frauen die um den Tisch rum gesessen haben und die hatten schon für die erste Stunde einen kleinen Artikel geschrieben von ungefähr ein bis anderthalb ähm äh   Seiten Schreibmaschinenseiten   und ich wollte einfach nich und äh sagte auch dann

[3:27:50] zu der Jo wie ich runterkam sagt ich »nein Jo ich kann« und dann sagt sie »geh schon noch mal hin« und dann hab ich das zweite Mal auch wieder da gesessen und gesagt »nein es ist nichts für mich« »na« sagte die Le- die Dame die den Kursus führt ich

[3:28:05] müsste mich doch an irgendwas erinnern können von früher von zu Hause und so und dann hab ich mich entschlossen einen Artikel über meine Groß- -mütter zu schreiben wie verschieden die waren und hab ihnen also erzählt von dieser Geschichte wie ich Keuchhusten

[3:28:25] hatte und bei der Großmutter und zur andern Großmutter und das fanden die also sehr schön und da hab ich einen zweiten Artikel geschrieben auch eine Erf- äh Erlebnis mit den Großmüttern   und inzwischen war ich also schon vier fünf Mal in dem Kursus

[3:28:43] und hab immer gehört was die Damen geschrieben haben und eines Tages dann abends als ich im Bett lag sagte ich zu mir ich kö- hab wirklich mehr zu sagen mi- mehr   als Wichtigeres vielleicht   und dann konnte ich nicht einschlafen hab ich mir Papier ins Bett

[3:29:03] genommen und den Federhalter und hab   die meine erste Geschichte geschrieben den Tag an dem ich untergetaucht bin englisch natürlich »The Day I Went Into Hiding« und aus diesem   ersten   Artikel wurden   15 18 zwanzig verschiedene Erlebnisse durch die ganze

[3:29:29] Zeit nicht chr- chronologisch sondern immer nur nachts was mir gerade eingefallen ist und als ich fertig war mit dem meiner Geschichte es waren mindestens anderthalb Jahre vergangen oder zwei weil dieser Kursus immer nur sechs acht Wochen ging und dann war

[3:29:52] mal ne Pause oder der Sommer kam und Weihnachtenzeit und so weiter   und als ich fertig war oder Weile später sagte die Lehrerin äh s- äh die einen äh eines Tages einen filmmaker bei uns im Kursus hatte der sie und uns aufgenommen hat denn sie wollte eine

[3:30:15] kleine ähm Film von sich haben was sie macht und Thomas Halaczinsky der das gemacht hat hat mich also da gesehen und ich bin auch in diesem kleinen zwanzig Minuten Film den er für sie gemacht hat und dann hat sie ihm gesagt »die ist fertig und das ist kolossal

[3:30:37] interessant geworden vielleicht würde dich das interessieren« und so weiter und er hat sich dann auch bei mir gemeldet und wir sind zusammen gekommen und ham uns unterhalten und er hatte es noch nicht gelesen gehabt und hat gesagt »davon will ich einen

[3:30:52] Film machen« »aber ich will keinen Holocaust-Film haben« habe ich gesagt denn ich hatte immer die Idee was ich äh gesehen hab haben Leute im Stuhl gesessen und haben ihre Geschichte gelesen und er sagte »das ist   auch was ich nicht will« und ich hatte

[3:31:12] keine Idee was er machen will und er sagte zu mir »der Film muss aber   zumindestens die Hälfte in Berlin gedreht werden denn da ist das Meiste geschehen«   und da hab ich gesagt »also wir hatten eine Einladung vor Jahren die wir nicht angenommen haben vom

[3:31:32] Senat der immer Menschen die früher in Berlin oder andern Städten gelebt haben einlädt für ne Woche ich weiß nicht ob die das noch machen« und da hab ich geschrieben und hab diesen Brief hatte ich ja aufgehoben den wir bekommen haben und da hab ich ihnen

[3:31:49] geschrieben und den Brief eingelegt und ob sies noch machen und dann schrieb mir dieser Herr der das arrangiert Herr (Nemetz) zurück »ja wir machens aber das diese nächste Gruppe ist schon ausverkauft äh wenn Sie sich registrieren wollen würden wir uns

[3:32:08] sehr freuen nächstes Jahr im Mai   zu dem nächsten Tr-« und das hab ich gemacht und man konnte immer jemand mitbringen   und ich hatte zu Thomas gesagt er sollte mitkommen und dann könnten wir ja in dieser Woche schon mal ein bisschen da gucken und was (wir)  

[3:32:27] und es war alles verabredet aber zehn Tage oder so bevor die Gruppe ging hat er einen Auftrag bekommen was zu filmen aber kam mit mir mit denn er ist nach äh Monte Carlo gefahren und er   war weg die Woche wie ich die Einladung hatte und kam en Tag oder so

[3:32:52] später zurück und wir sind noch drei Tage zusammen in Berlin geblieben und haben   rumgeguckt und haben auch Gretchen   diese [zeigt auf den Tisch vor sich] in dem Buch ist ähm   noch gesehen die sehr krank war und im Spital lag und wir ham sie besucht und

[3:33:16] er hat aber nicht mit der großen sondern [gestikuliert] mit ner kleinen Kamera noch was gedreht und dadurch denn wie wir dann zwei Monate später nach Berlin k- auf z- drei Wochen gekommen sind um z- den Film zu machen war Gretchen schon tot aber sie is in

[3:33:34] b- in dem Film drin im Spital äh und so hab ich sie also zum letzten Mal noch gesehen und und die einzige die mich und die letzte die mich kannte im im Versteck ne ? im Untergrund   ja und dann ham wir den Film gedreht dr-   2003   und ich ähm er hat dann den

[3:34:05] eine   Schweizerin äh Sabine (Krayenthal) hat den Film geschnitten mit ihm zusammen und er hat gesagt »wir wollen 2004 nach Berlin fahren um den Film in Berlin zu zeigen ähm die vielen Menschen die wir kennen einladen und also privat«   das war   2003 sind

[3:34:34] wir nach Boston eingeladen worden zum jüdischen Filmfestival und zu diesem November war es glaub ich Oktober November kam eine Dame aus Berlin die die jüdischen Filmfestival in Berlin arrangiert   Nicola Galina und sie wurde uns vorgestellt und wir ham ihr

[3:34:56] erzählt von dem Film und der in einer Stunde gezeigt wird und würden uns freuen wenn sie käm und so weiter also sie war sehr non-commital hat nichts gesagt und Thomas sagte »ach die kommt nicht die kommt nicht die ist nicht interessiert«   aber der Film

[3:35:16] wurde gezeigt und F- Frau Galina saß in der audience und nachher hatten wir Frage und Antwort und da sprang sie auf und sagte »das ist der beste Film den ich in Jahren gesehen hab und den Film will ich unbedingt in meinem Filmfestival nächstes Jahr jüdischen

[3:35:34] Filmfe- in Berlin zeigen« und [lacht] wir lernten sie dann kennen besser kennen und waren sehr und wir lachen heute noch darüber denn sie sagte »ich wollte mir den Film wirklich nicht ansehen ich bin nicht nach Boston gekommen um mir einen Film der in Deutschland

[3:35:52] gedreht ist anzusehen« und meine Freundin die die Jewish Filmfestival in Boston arrangiert hat gesagt »du [betont:] musst dir den Film ansehen es ist ein wunderbarer Film« und so kam es dann   ähm ich hatte schon Herrn Schmitz kennengelernt   ähm in 2003  

[3:36:13] der auch den wir auch eingeladen haben den Film 2004 zu sehen und der sehr begeistert war von dem Film und ähm wir uns schon sehr angefreundet haben und er wollte gerne dass der Film in die Berliniale kommt in Berliner Berliniale und das hat nicht geklappt

[3:36:34] und er hat gesagt »wir machen unsere eigene« und da hat sich dann Frau Galina mit ihm in Verbindung gesetzt und er hat gesagt äh »ich ziehe es auf im Roten Rathaus und mache es für die Jüdischen Filmfestival als Eröffnungsfilm« und so ist die Freundschaft

[3:36:53] mit einerseits mit Nicola und andererseits mit Herrn Schmitz André Schmitz gekommen Staatssekretär und   nach diesem äh äh   2005 hab ich dann bin ich zurück nach New York und hab angefangen mein Buch in   das Buch meine mein in meiner Sprache zu schreiben

[3:37:25] in deutsch

Daniel Baranowski

[3:37:27] mhm das Buch aus dem Sie am Anfang gelesen haben

Margot Friedländer

[3:37:29] [nickt] ja

Daniel Baranowski

[3:37:32] mhm   vielleicht zeigen Sie es noch einmal auch in die in die Kamera   das Buch

Margot Friedländer

[3:37:34] mh ?

Daniel Baranowski

[3:37:36] vielleicht zeigen Sie es noch einmal in die Kamera das Buch   dass wir es noch einmal sehen [reicht ihr das Buch; Kamerazoom auf das Cover]   das ist ja der

Margot Friedländer

[3:37:46] [gleichzeitig:] das ist es das ist Gretchen [zeigt auf dem Umschlagfoto]

Daniel Baranowski

[3:37:48] ja

Margot Friedländer

[3:37:50] Frau Camplair [zeigt] und das bin ich [zeigt] das ist auf dem Weg zum Bunker mit unsern Kleidungsstücken und so weiter überm Arm

Daniel Baranowski

[3:37:56] mhm

Margot Friedländer

[3:37:58] ähm das ist [liest vor:] »Versuche dein Leben« und »als Jüdin versteckt in Berlin«   [räuspert sich]

Daniel Baranowski

[3:38:10] jetzt ähm ham wir eigentlich ähm einen ganzen Teil noch ausgelassen in der Geschichte nämlich was zwischen 41 und 44 passiert ist da haben wir noch gar nicht drüber gesprochen wollen wir vielleicht ne kurze Pause machen ?

Margot Friedländer

[3:38:24] ja

Daniel Baranowski

[3:38:26] und dann gucken [Schnitt]

Kerstin Hinrichsen

[3:38:28] ähm Frau Friedländer und wir haben uns jetzt noch darauf geeinigt dass Frau Friedländer noch ein   Kapitel aus ihrem Buch vorlesen wird

Margot Friedländer

[3:38:36] [liest:] ich klingle an einer fremden Tür irgendwo im Westen Berlins   mein erstes Versteck bei einem Halbjuden der mit einer Christin verheiratet ist so hat es mir Siggie am Abend vorher erzählt mehr weiß ich nicht über ihn   [räuspert sich] die Türe

[3:38:55] öffnet sich mein Helfer wirkt älter als ich mir vorgestellt habe er ist vor etwa   er ist etwa Ende vierzig mit einer Halbglatze und müden Augen in der Wohnung riecht es muffig nach alten Kleidern kaltem Essen und nach Tier   er führt mich durch die Wohnung

[3:39:16] die erste Tür links öffnet er nicht »hier wohne ich« stattdessen betreten wir ein Durchgangszimmer das Berliner Zimmer es ist groß düster und sparsam möbliert ein Tisch ein paar planlos im äh im Raum verteilte Stühle eine alte Kommode eine Zimmerecke

[3:39:38] ist durch einen fadenscheinigen grünen Vorhang abgeteilt der mit Gardinenringen an einer Schnur befestigt is der Mann streift den Vorhang zur Seite da steht ein schmales Bett eher eine Liege mit einem Kissen und einer Wolldecke drauf »hier schlafen Sie«

[3:39:58] [hustet] es gibt noch zwei weitere Zimmer in der Wohnung »hier wohnen die Untermieter« sagt er »ein alleinstehender Herr und ein älterer Herr mit seinem Sohn im Moment sind alle bei der Arbeit tagsüber sind Sie hier meistens alleine« »danke« sage ich

[3:40:17] »kann ich irgendetwas tun ?« »die Wohnung sauber halten« sagt der Mann »nur das Nötigste ab und zu die Zimmer putzen und die Küche«   er führt mich in die Küche hier reich- riecht es nach alten Essenresten und abgestandenem Spülwasser das Frühstücksgeschirr

[3:40:38] steht noch auf dem Tisch zwischen Haufen von benutzten Tellern Tassen und Besteck in der Spüle stapeln sich verkrustete Töpfe und Pfannen auf dem Boden liegen Brotrinden und Apfelreste mein Helfer macht Abendbrot er teilt sein Essen mit mir aber ich nehme

[3:40:59] mein Brot mit in den kleinen Verschlag setze mich auf mein Bett und esse   dann gehe ich schlafen   als ich unter die Wolldecke krieche ist er wieder da der animalische Geruch den ich am Anfang wahrgenommen habe die Decke riecht nach Hund ich versuche flach

[3:41:19] zu atmen und schlafe bald ein   [räuspert sich] am nächsten Morgen treffe ich den älteren Herrn und seinen Sohn in der Küche beim Frühstück die beiden grüßen mich kauend mit einem Kopfnicken der Tellerberg auf dem Tisch ist gewachsen sie haben einfach

[3:41:37] wieder neues Geschirr dazugestellt ich habe keine Lust mich zu ihnen zu setzen ich bringe ohnehin nichts herunter bei diesem Geruch ich beschließe erst einmal sauber zu machen   [räuspert sich] im Bad finde ich einen Eimer etwas Seife und in einen alten Fetzen

[3:41:56] Stoff zuerst nehme ich mir das Zimmer der beiden Männer vor als ich die Türe öffne schlägt mir betäubender Gestank entgegen überall liegen Sachen verstreut ein verkrustete Waschschüssel ein Nachttopf ein Eimer steht in der Ecke notdürftig mit einem

[3:42:15] alten Tablett zugedeckt in den nächsten Tagen wird mir klar dass die beiden sich nicht nur das einzige Bett im Raum teilen sondern auch die Waschschüssel und den Nachttopf der Inhalt von beiden Schüsseln wird dann in den Eimer geschüttet die Wohnung hat

[3:42:34] ein Bad doch das scheinen sie nur zu betreten um den Eimer zu leeren [räuspert sich] bevor ich entscheiden kann [räuspert sich] womit ich anfange   mit dem Wett Bett der Waschschüssel oder dem mit but- schmutzigen Kleidern übersäten Boden nehme ich plötzlich

[3:42:55] aus dem O- O- Augenwinkel eine Bewegung wahr ich schrecke zurück in der gegenüberliegenden Ecke des Raumes rührt sich etwas im Halbdunkel wo das Bett steht   [hustet] was auch immer es ist es atmet auf dem Bett liegt jemand ein Kopf hebt sich aus den zerknüllten

[3:43:17] Laken es ist ein Hund ein riesiger Hund der auf einem Haufen schmutziger Bettwäsche liegt   in den nächsten Wochen lerne ich die Gesellschaft dieses Hundes mehr zu schätzen als die meiner Mitbewohner immer wenn ich ins Z- zum Saubermachen ins Zimmer trete

[3:43:36] wedelt er freundlich mit dem Schwanz [hustet]   morgens wenn alle die Wohnung verlassen haben gehe ich in die Küche und versuche den Geschirrberg vom Vortag mit Wasser und Spülseife abzutragen jeden Tag kämpfe ich gegen den Schmutz an der sich mit fast magischer

[3:44:01] Geschwindigkeit in der Wohnung ansammelt trotz allem ich habe einen Schlafplatz ich habe zu essen also keinen Grund mich selbst zu bedauern im Gegenteil ich bin froh hier zu sein auch wenn es mich ekelt ich wünsche mir nur dass alles so bleibt wie es ist  

[3:44:22] als Untergetauchte hab ich keine Lebensmittelkarten ich lebe von den Marken meines Helfers und von dem Wenigen das er auf dem Schwarzmarkt einkauft dafür bin ich ihm dankbar wir sprechen kaum miteinander ich bin den ganzen Tag in der Wohnung gehe nie hinaus

[3:44:42] habe keinen Gesprächsstoff es ist kein richtiges Leben es ist ein Zwischenleben in dem jeden Tag das Gleiche geschieht alles was ich habe sind meine Erinnerungen und die will ich nicht preisgeben mein Helfer wiederum erzählt nichts von sich auch nicht wo

[3:45:04] seine Frau ist die Christin mit der er angeblich verheiratet ist wir beide wollen es so je weniger wir wissen desto besser [streicht sich über den Mundwinkel] manchmal wenn ich tagsüber alleine in der stillen Wohnung bin denke ich an den zwanzigsten Januar  

[3:45:23] sind Mutti und Ralph noch in Berlin ? was ist aus Anni und ihrem Mann geworden aus Frau Meißner ? über zwei s- Wochen sind seitdem vergangen es ist als sei es gestern gewesen die Zeit steht still denkt meine Mutter an mich ? wäre sie einverstanden mit meiner

[3:45:46] Entscheidung ? »versuche dein Leben zu machen« ihre Botschaft beherrscht meine Gedanken wenn ich putze abwasche wenn ich abends im Bett liege und noch ein anderer Satz ist immer da schiebt sich vor den meiner Mutter lauert mich auf wenn ich gerade nicht daran

[3:46:08] denke »du musst mit ihr gehen« [räuspert sich]   die Tage verstreichen die Wochen den Besitzer der Wohnung sehe ich selten morgens verlässt er das Haus und kommt spätabends von seiner Arbeit zurück ich hoffe dass dies mein Versteck bleibt bis zum Schluss

[3:46:29] ich muss darauf hoffen wenn ich überleben will auf das Ende des Krieges auf Hitlers Ende und was geschieht dann ? ich mache mir keine Gedanken darüber ich will es nur erleben   ab und zu bringt mein Helfer eine Zeitung nach Hause vorsichtig erzählt er was

[3:46:50] draußen geschieht »alle sind für Hitler« sagt er »alle« 1943 scheint noch niemand an ihm zu zweifeln es gibt wenig Hoffnung   dass Deutschland bald besiegt wird   als es eines Nachmittags klingelt denke ich mir nichts dabei ich liege auf dem Bett in meinem

[3:47:13] Verschlag einer der Untermieter ist ebenfalls zu Hause ich höre wie er die Tür öffnet ich höre fremde Stimmen dann ist es still ich stehe auf schiebe den Vorhang beiseite und laufe zur Tür um nachzusehen im Flur stehen zwei Männer die ich nicht kenne

[3:47:34] der Untermieter ist verschwunden die Männer tragen Zivilkleidung aber ich ahne sofort was sie wollen die Wohnungstür steht offen ich weiß nicht in welche Richtung ich gehen soll zurück in die Wohnung oder hinaus so bleibe ich einfach stehen ich kann mich

[3:47:55] ohnehin nicht rühren die Angst kriecht in mir hoch aber ich gerate nicht in Panik sondern falle in eine Art Trance wie damals am zwanzigsten Januar als ich an dem Gestapomann auf der Treppe vorbeilief einer der Männer streift mich einem flüchtigen Blick

[3:48:15] er fragt nach meinem Helfer »der wohnt doch hier ?« »ja« sage ich für mich scheint sich der Mann nicht zu interessieren »wo ist sein Zimmer ?« ich zeige darauf sie reißen die Tür auf und gehen hinein ich rühre mich   noch immer nicht die Wohnungstür

[3:48:36] st- -tür steht weit offen   nichts hindert mich daran zu fliehen ich höre wie die Männer im Zimmer Schubladen herausziehen und Schranktüren öffnen Leinen zerreißt einer nimmt offenbar das Bett auseinander der andere durchsucht den Schreibtisch die Schreibmaschine

[3:48:57] fällt scheppernd zu Boden ich höre sie leise reden   ich kann mich noch immer nicht bewegen   sie kommen aus dem Zimmer ich sehe wie der eine etwas in seine Tasche stopft der andere versiegelt die Zimmertür   »war das alles ?« brüllt er mich dann an   miteinander

[3:49:22] sprechen sie leise doch mich behandeln sie als sei ich taub »hat er noch andere Zimmer ?« meine Antwort wartet er gar nicht erst ab (wieder) beginnt der Lärm sie laufen durch die Wohnung öffnen alle Türen dann stürmen sie wieder an mir vorbei ohne ein

[3:49:43] weiteres Wort und verschwinden   sofort ist es still in der Wohnung bedrohlich still ich stehe noch immer da sie haben nicht einmal nach meinem Namen gefragt   hier kann ich nicht bleiben schnell raffe ich meine Sachen zusammen den Schmuck den ich in den Untergrund

[3:50:05] mitgenommen mitnehmen konnte weil ich ihn immer in meiner Tasche trug liegt im Schrank des Wohnungsbesitzers er bewahrt ihn für mich auf jetzt ist sein Zimmer versiegelt ich überlege kurz ob ich das Siegel aufbrechen soll dann entscheide ich mich dagegen  

[3:50:26] nur die Bernsteinkette ist in meinem Verschlag im Koffer unter meinem Bett zusammen mit dem Adressbuch ich habe Angst dass die Gestapo das Treppenhaus bewacht deshalb wage ich nicht die Vordertreppe zu benutzen wie viele Berliner Wohnungen hat auch diese eine

[3:50:50] Hintertür die aus der Küche in einen Mädchenaufgang führt über die Hintertreppe schleiche ich mich hinunter in den Hof [blättert; schaut zu Daniel Baranowski; räuspert sich]

Daniel Baranowski

[3:51:02] darf ich eine

Margot Friedländer

[3:51:08] [gleichzeitig:] ich möch- ich möchte nur kurz erklären   wie dieser Satz kommt wie ich dazu komme den zu sagen   äh »du musst mit ihr gehen« als ich an dem Morgen   dem ersten Morgen nach dem Untergrund ähm nach dem Friseurladen geh ich zu meiner einer

[3:51:36] Tante   Tante Anna Tante Anne ist die geschiedene Frau von dem Cousin meiner Mutter   sie ist Schweizerin und Christin   sie hat auch noch viele Sachen von uns bekommen in den bevor wir untertauchen wollten und wegfahren wollten und wusste dass wir wegwollten

[3:52:03] und war erstaunt als sie mich an der Türe sah und fragte »wieso bist du hier ? du solltest doch weg sein« und dann hab ich ihr erzählt was den Tag vorher passiert ist   und sie fragte mich »was willst du von mir ?« worauf ich ihr sagte »Tante Anna ich

[3:52:25] habe gehofft dass du mir vielleicht behilflich sein kannst ich möchte gerne untertauchen«   worauf sie mir sagte [räuspert sich] »wenn du nicht gewillt bist deiner Mutter zu helfen ich kann dir nicht helfen« meine Frage »was kann ich tun um meiner Mutti

[3:52:49] zu helfen die doch   gestern sich selbst gestellt hat der Bruder verhaftet wurde die sind im Lager   [schüttelt den Kopf] ich weiß nicht wie ich ihr helfen kann« und wo sie sagte »du musst mit ihr gehen« und das ist ein Satz den ich viel durch viele Jahre

[3:53:14] mit mir getragen habe und auch heute noch mich oftmals frage ähm es war doch nicht der Wunsch meiner Mutter meine Mutter hat doch gesagt »versuche dein Leben zu machen« hätt ich trotzdem mit ihr gehen sollen hätt ich mit meinem Bruder dann hätte ich

[3:53:35] vielleicht gewusst wo sie sind andererseits wäre ich ja auch in den Tod gegangen   [räuspert sich; nimmt das Buch hoch] nach diesem   ich bin dann weggegangen von der Tante und hab sie nie mehr gesehen aber viele viele Jahre später hab ich ihre Tochter

[3:53:56] Marion doch wiedergesehen und nachdem ich ähm   sie nicht sehen wollte hat mein Mann mir doch zugeraten es zu tun sie könnte nichts dafür Marion war genau mein Alter [räuspert sich]  

[3:54:11] so nachdem ich fünfzehn Monate v- im Versteck war in vielen vielen Plätzen

[3:54:20] viele Erlebnisse hatte ähm noch zweimal der Gestapo äh entgangen bin kommt nun   der April 1944   [liest:] es ist April fast fünfzehn Monate lebe ich schon im Untergrund   mittlerweile suchen wir oft diesen Bunker auf für mich ist es ein öffentlicher

[3:54:52] Schutz- Luftschutzraum längst nicht so gefährlich wie in einem privaten Keller wo sich alle kennen   der Bunker liegt direkt am Bahnhof Zoo ein riesiges unterirdisches Gewölbe in dem sich die Leute meist schon früh am Tag eine Schlafstelle für die Nacht

[3:55:12] suchen einige Frauen mit Kindern haben sich dauerhaft dort eingerichtet sie kommen morgens mit Decken Hausrat und Essen und bleiben bis der nächste Angriff vorbei ist manchmal gehen sie gar nicht wieder fort jetzt gibt es auch tagsüber oft Alarm nur selten

[3:55:31] haben wir noch ei- nach einem großen Angriff ein paar Stunden Ruhe dann geht es wieder von neuem los [räuspert sich] an einem dieser Frühl- Frühlingstage Ende April 44 ist wieder ein schwerer Luftas- -angriff angekündigt noch heulen die Sirenen nicht

[3:55:51] also haben wir genug Zeit den Bunker zu erreichen   von der Fasanenstraße laufen wir nur etwa fünfzehn Minuten Gretchen Irmgard und deren Schwager ein Bruder von Hugo der für ein paar Tage zu Besuch ist bei i- ist sind bei mir sie wie immer haben wir einige

[3:56:14] Taschen mit persönlichen Dingen und Kleidern dabei ich trage sogar drei kleine Stücke Pelz bei mir die wir später auf dem Schmarz- Schwarzmarkt verkaufen wollen ich habe sie mir um den Hals gelegt damit niemand Verdacht schöpft   wir schaffen es gerade

[3:56:34] noch rechtzeitig als die ersten Bomben fallen sind wir schon im überfüllten Bunker diesmal dauert es nicht lange als Entwarnung gegeben wird machen wir [räuspert sich] uns wieder auf nach Hause es ist mitten am Tag wir haben noch viel zu tun   wir haben

[3:56:54] fast das Ende der Joachimstaler Straße erreicht als uns zwei junge Männer entgegenkommen sie gehen langsam und mein- machen keine Anstalten uns auszuweichen einer von ihnen ist mir gleich aufgefallen weil er so gut aussieht dunkel groß mit schwarzen lebendigen

[3:57:14] Augen ich kann nicht anders ich muss ihn ansehen in diesem Moment bleiben die beiden Männer direkt vor uns stehen und verstellen uns den Weg   »Ihre Papiere bitte« sagt der Gutaussehende sie wirken nicht wie Gestapobeamte aber sie verhalten sich ganz professionell

[3:57:35] lassen uns nicht aus den Augen während sie darauf warten dass wir unsere Ausweise hervorholen zuerst konzentrieren sie sich auf Hugos Bruder der kramt lange in seiner Aktentasche die beiden Männer beobachten ihn was soll ich tun weglaufen ? dies wäre der

[3:57:57] richtige Moment die Männer sind abgelenkt beachten mich nicht sprechen mit Hugos Bruder   der noch immer in seiner Tasche wühlt ich zögere und dann ist die Chance vertan [räuspert sich]   Hugos Bruder findet die nötigen Papiere und zeigt sie vor die beiden

[3:58:17] Männer begutachten sie misstrauisch als sie fertig sind wenden sie sich Irmgard und Gretchen zu auch sie können sich ausweisen dann bin ich an der Reihe ich ziehe meinen Postausweis aus der Tasche ein lächerlich kleines Papierrechteck ohne Foto [räuspert

[3:58:41] sich] ich habe ihn vor einiger Zeit mithilfe der Begur- Geburtsurkunde anfertigen lassen die mir die beiden Schwestern gegeben haben in einem früheren Versteck die Männer würdigen den Postausweis keines Blickes »wir müssen Sie mit zur Wache nehmen« sagt

[3:59:03] der Dunkle »zur Überprüfung« dann wendet er sich wieder Camplairs zu »eine Freundin von Ihnen ?« Irmgard schüttelt den Kopf »wir haben uns gerade erst kennengelernt« sagt sie »im Bunker am Zoo wir sind nur ein Stück miteinander gegangen sind Sie

[3:59:24] fertig ? dann auf Wiedersehen« [räuspert sich] als sie das sagt sieht sie mir kurz und fest in die Augen dann gehen sie weiter im Vorbeigehen nimmt mir Irmgard noch schnell die drei kleinen Pelzkragen vom Mantel ab ich schaue ihnen nicht nach jedes Zeichen

[3:59:46] dass wir uns kennen kann sie gefährden Camplairs biegen um die Straßenecken ich folge den beiden Männern wir gehen einfach auseinander ohne Abschied   noch auf dem Weg zur Wache entschließe ich mich die Wahrheit zu sagen »ich bin jüdisch« sage ich   »ich

[4:00:13] bin jüdisch« indem ich es aussprach war ich wieder mit dem Schicksal meiner Familie und aller anderen Juden vereint was immer jetzt mit mir geschehen würde ich war nicht mehr allein aus dem Ich war wieder ein Wir geworden nach 15 Monaten im Untergrund gab

[4:00:35] es mich wieder das Rennen und Verstecken war vorbei in den letzten Monaten war ich vielen Menschen begegnet die mir geholfen haben ich hatte sogar Freunde gefunden doch diese Menschen hatten nichts mit meinem früheren Leben zu tun   wahrscheinlich würde ich

[4:00:56] keinen von ihnen je wiedersehen in dieser ganzen Zeit hatte ich mit keinem einzigen Juden gesprochen ich fühlte mich abgetrennt vom Schicksal meines Volkes jeden Tag hätte ich mich schuldig gefühlt hätte ich doch mit meiner Mutter und meinem Bruder gehen

[4:01:16] sollen ? dann wüsste ich wenigstens was mit ihnen geschehen war nun war ich fest fast erleichtert dass es vorbei war und zugleich hatte ich Angst vor dem was kommen würde die beiden Männer hatten mich in die Mitte genommen und führten mich in Richtung Kurfürstendamm

[4:01:38] ich versuchte den Moment hinauszuzögern in dem es kein Zurück mehr gab [blickt auf]  

Daniel Baranowski

[4:01:48] ich weiß nicht ob Sie abschließend noch was sagen wollen ?

Margot Friedländer

[4:02:05] [räuspert sich; blättert in dem Buch]   ich würde Ihnen eigentlich noch gerne wenn es recht is   zwei   kurze Sachen vorlesen   eines ist über Theresienstadt   und zum Abschluss meine Gefühle   über meine Mutter und meinen Bruder   [räuspert sich; liest:]

[4:02:39] Theresienstadt war w- ein groß angelegter Versuch ein Experiment eine Frage bestimmte unser Leben wie viel kann der Mensch aushalten ? Theresienstadt war ein Zwischenreich nicht Leben nicht Tod der Tod wartete in den Lagern im Osten auf uns im Ghetto gab es

[4:03:03] Hunger Schmutz und Enge jeder wurde zum Einzelkämpfer ich sehnte mich nach Menschlich- Mitmenschlichkeit nach Nähe aber es fiel mir selber schwer beides zuzulassen jeder existierte für sich in einer Art Verkapselung Theresienstadt war ein Vakuum ein Ort

[4:03:28] ohne Luft ohne Licht ohne Zeit durch die staubigen Straßen schlichen Menschen die keine Menschen mehr waren   Menschen mit Augen die nichts mehr sahen   das Ghetto leerte sich was früher bedrückend eng gewesen war war jetzt beunruhigend leer und verwahrlost

[4:03:50] nach den Transporten waren von 29000 Einwohnern Theresienstadts nur noch ze- 11000 übrig innerhalb eines Monats hatte man 18000 Menschen verschleppt [räuspert sich] Stille die Stille war überall es war keine gute sondern eine bedrohliche Stille die das

[4:04:15] Gefühl des Eingesperrtseins noch verstärkte ich fühlte mich so hilflos wie nie zuvor ich lief endlos durch die ausgestorbene Stadt noch immer war ich fest entschlossen zu überleben doch die Hoffnung auf ein Leben nach der Befreiung war keine reale mehr

[4:04:37] sie war zu einem Traum geworden   ich wanderte durch die leeren Straßen die leeren Häuser die leeren Räume wo waren alle die Menschen ? an einem Nagel hing noch ein Kleid das eine Frau vergessen hatte ein Becher stand auf dem Tisch als hätte eben noch jemand

[4:04:57] daraus getrunken ein halb geschlossener Koffer aus dem Kleiderfetzen quollen vieles war in den Schlafsälen zurückgeblieben die Menschen hatten schon zu viel gelitten sie wollten sich nicht einmal mehr mit den wenigen Sachen belasten die ihnen noch geblieben

[4:05:15] waren   Räume mit zwei- und dreistöckigen Betten die sonst von Menschen überquollen waren nun still still und verlassen nur der Dreck zeugte von denen die hier gewohnt hatten   dazwischen Persönliches auch Wertvolles ein Bild eine Uhr ein Ring   Zimmer und

[4:05:40] Verschläge die über Monate und Jahre mühselig von ihren Bewohnern eingerichtet worden waren standen verwahrlost da leer und armselig [räuspert sich] in vielen Zimmern brannte noch das Licht   meist nur eine schwache Glühbirne die an einem Draht von der

[4:06:03] Decke hing irgendwo lief ein Wasserhahn den jemand vergessen hat zu schließen das Rauschen des Wasserhahns war unwirklich laut Menschen waren fort bes- wir besaßen nichts mehr ich hatte noch Bilder   einige Kleider   ich hatte das Adressbuch und die Bernsteinkette

[4:06:28] die meine Mutter mir hinterlassen hatte ich hatte so viel mehr als all die Leute die man in den Osten verschleppt hatte es gab sie nicht mehr nur die Dinge die sie zurückgelassen hatten konnten noch von ihnen erzählen [blättert]   [räuspert sich; blättert]

[4:07:05]   (__) [schüttelt den Kopf; blättert]  

[4:07:48] [nickt; räuspert sich; liest:] zusammen mit meiner Cousine Anni Goldberger und ihrem Mann waren sie in das Auffangslager in der Großen Hamburger Straße gebracht worden wenig später wurde ein Transport zusammengestellt

[4:08:05] in den Osten alle vier waren auf dem Transport der am 29ten Januar 1943 in Auschwitz ankam [räuspert sich] während des Transports gelang es meiner Mutter zwei Postkarten aus dem Zug zu werfen eine war an Erwin und Hilde im Polizeilager in Bistrei adressiert

[4:08:30] »wir kommen in eure Gegend bitte helft uns« schrieb meine Mutter auch die andern drei hatten unterzeichnet Ralph Anni und ihr Mann die andere Postkarte war an meine christliche Tante Anna gerichtet   irgendjemand muss diese Karten gefunden und zur Post gebracht

[4:08:52] haben denn beide erreichten frankiert und abgestempelt nach einiger Zeit ihr Z- Ziel auch Tante Anna hatte diese Karte bekommen das erfuhr ich viele Jahre später von ihrer Tochter Marion   die verzweifelten Hilferufe nützten nichts meine Mutter bekam in Auschwitz

[4:09:16] nicht mal eine Häftlingsnummer eintätowiert sie wurde gleich nach ihrer Ankunft in die Gaskammer geschickt Ralph lebte noch etwa einen Monat sein Tod ist für den 24ten Februar 1943 eingetragen   wie unvorstellbar muss der Schmerz meiner Mutter und meines

[4:09:41] Bruders gewesen sein als sie nur wenige Monate nach   Minuten nach ihrer Ankunft in Auschwitz auseinandergerissen wurden gab es noch eine letzte Umarmung ? einen letzten Blick von ferne ? wie viel Zeit blieb meiner Mutter   für ihre letzten Gedanken ? haben sie

[4:10:05] beide gewusst dass sie einander nicht wiedersehen werden ? dass das Opfer der Mutter mit ihrem Sohn zu gehen umsonst war   auch die Ungewissheit darüber was aus mir geworden is muss für meine Mutter ein schrecklicher Schmerz gewesen sein ich war doch auch

[4:10:26] ihr Kind diese Gedanken kehren immer wieder verlassen mich nie mein innerer Kampf mit dem Schuldgefühl als Überlebende und der Schmerz über das Schicksal meiner Familie beides begleitet mich mein Leben lang und kostet mich viel Kraft [schlägt das Buch

[4:10:47] zu und legt es weg; blickt in die Kamera und zu den Interviewern]  

Kerstin Hinrichsen

[4:10:52] ja   wenn Sie   nicht noch etwas sagen möchten ?

Margot Friedländer

[4:10:58] [beugt sich zu Kerstin Hinrichsen]

Kerstin Hinrichsen

[4:11:00] wenn wenn Sie jetzt nichts mehr sagen möchten ? dann

Margot Friedländer

[4:11:03] ich glaube wir haben glaub ich alles gesagt   was zu sagen ist ich hab Ihnen viel erzählt   wir sind ein bisschen   vorwärts und rückwärts gegangen doch glaube ich   dass es doch ziemlich umfangreich war   vielleicht ein bisschen zu wenig von meinen Helfern  

[4:11:28] ähm wo ich nur sagen kann dass das wunderbare Menschen waren die versucht haben und nicht nur meine Helfer die ungefähr 15 Menschen hatte ich in diesem   äh Jahr und drei Monaten [räuspert sich] die mir geholfen haben   da waren bestimmt noch andere die

[4:11:54] auch [betont:] ihnen geholfen haben um Lebensmittel für mich zu bekommen äh damit sie mich verstecken können ich ähm   war mit Camplairs nachher noch in Verbindung für viele Jahre mit Irmgard und bis zum Tod na- äh 2003 mit Gretchen und   äh Gretchen

[4:12:21] war eine große Stütze für mich denn sie war ein junges Mädchen genau wie ich und hat mir sehr geholfen über die äh Zeit hinwegzukommen ich hab ihr oft gesagt »Gretchen du hast ein jüdisches Herz« und was sich   viele viele Jahre später herausgestellt

[4:12:42] hat dass ich recht hatte wie ihre Tante gestorb- aufm Totenbett lag hat sie Gretchen gesagt woher Gretchen kommt sie war das uneheliche Kind ihrer Schwester und der Mann der sie erzeugt hat war ein jüdischer Anwalt aus Berlin   ähm   das hat natürlich Irmgard

[4:13:08] und Hugo Camplair gewusst und es Gretche   die all die Jahre verheimlicht um sie zu schützen damit nichts ähm damit sie nicht gefährde- zu der Hitlerzeit nicht gefährdet ist ähm die zwei Schwestern die w- wahnsinnig Anti-Nazi waren und außer mir noch

[4:13:32] einen alten Herrn versteckt haben ich weiß aber nicht wo ich wusste nur dass sie jemand versteckt haben und als zu der ihnen ins Haus die Gestapo kam und mich alleine dort angetroffen hat ham sie nach diesem Mann gefragt und auch da konnte ich mich ausreden

[4:13:50] und retten und bei der einzelnen Dame wo viele   Leute kamen die bei ihr Karten gespielt haben und wo die Gestapo kam weil die Nachbarn sie angezeigt haben weil immer so viele Menschen hinkamen und ihnen das unheimlich war und ich ausm Fenster gesprungen bin

[4:14:11] das allerdings nur Hochpaterre war   und einen jüdischen Herrn der auch dort war zu der Zeit und Karten gespielt hat sehr oft den ich mitnehmen wollte der aber gezögert hat und der dann von der Gestapo mitgenommen wurde (_) ich mich wieder retten konnte all

[4:14:32] diese   diese Erlebnisse äh die ich äh hatte durch diese k- relativ kurze Zeit trotzdem ich habs überlebt und bin heute hier um   der heutigen dritten Generation alles zu erzählen und sie zu bitten dass so etwas nie wieder geschehen soll

Kerstin Hinrichsen

[4:15:00] vielen Dank für das Gespräch

Daniel Baranowski

[4:15:03] vielen Dank

Kerstin Hinrichsen

[4:15:05] vielen Dank

Daniel Baranowski

[4:15:06] vielen Dank

Datum Ort Text
ab 1921 Berlin Geburt als erstes von zwei Kindern
1936 - 1937 Berlin Schülerin an der Modezeichenschule Feige Straßburger
1937 - 1938 Berlin Schneiderlehre bei Rosa Lang-Nathanson
1938 - 1941 Berlin Kostümschneiderin beim Jüdischen Kulturbund
ab 1941 Berlin Zwangsarbeit bei den Deuta Werken
1943 - 1944 Berlin Leben in der Illegalität
1944 - 1944 Berlin/Iranische-Straße (Durchgangslager) Haft
1944 - 1945 Theresienstadt (Ghetto, Konzentrationslager) Zwangsarbeit als »Glimmerin« und schwere Erkrankung
1945 - 1946 Deggendorf Aufenthalt im DP-Camp
1945 - 1945 Theresienstadt Arbeit als Hilfskrankenschwester und Eheschließung mit Adolf Friedländer
1946 - 2009 New York City Leben in den USA
ab 1993 München erster und einziger gemeinsamer Aufenthalt der Eheleute Friedländer in Deutschland
ab 1997 New York City Tod des Ehemanns und Beginn der schriftlichen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte
ab 2003 Berlin Dreharbeiten für den Dokumentarfilm »Don't call it Heimweh«
2005 - 2008 New York City Schreiben der Autobiografie »Versuche, dein Leben zu machen«
ab 2010 Berlin Endgültige Rückkehr nach Deutschland und Wiedereinbürgerung
Berlin Grundschule
bis 1936 Berlin Besuch der Jüdischen Mittelschule in der Großen Hamburger Straße
[Zu Beginn des Interviews las die gebürtige Berlinerin Margot Friedländer das erste Kapitel ihrer Autobiografie »Versuche, dein Leben zu machen« vor:] Am 20. Januar 1943 wurde Margot Friedländer für immer von ihrer Mutter und ihrem Bruder Ralph getrennt. Als sie nach Hause kam, erfuhr sie von einer Nachbarin, dass Ralph verhaftet worden war und die Mutter ihm gefolgt sei. Deren einzige, mündliche Nachricht an ihre damals 21-jährige Tochter war der Satz, den Margot Friedländer Jahrzehnte später als Titel für ihre Lebensgeschichte wählte. Schockiert, so plötzlich auf sich allein gestellt, entschloss sie sich, den ursprünglich gemeinsam geschmiedeten Plan beizubehalten und in Berlin unterzutauchen.

Margot Friedländer, geborene Bendheim, kam 1921 in Berlin zur Welt, vier Jahre später folgte als zweites Kind der Familie ihr musisch hochbegabter Bruder Ralph. Die Ehe der Eltern stand von Beginn an unter keinem guten Stern. Ihre Mutter hatte eigentlich einen Cousin heiraten wollen, doch wurde ihr dies wegen des zu nahen verwandtschaftlichen Verhältnisses nicht erlaubt. Daraufhin verlobte sie sich mit dem Darmstädter Arthur Bendheim, der ihr zunächst die Körperbehinderung seiner Geschwister verschwieg. Nach der Heirat übernahm und vergrößerte er das Knopfgeschäft der Mutter und holte seine Geschwister als Mitarbeiter ebenfalls nach Berlin.
Als Kleinkind liebte Margot Friedländer besonders ihre Oma Adele, die Großmutter mütterlicherseits. Die hohen Feiertage verbrachte sie mit der ganzen Verwandtschaft bei den Großeltern.
In der Ehe der Eltern gab es schnell Probleme. Auch aus diesem Grund zog die Familie innerhalb Berlins mehrfach um. Der Versuch, nach einer vorübergehenden wohnräumlichen Trennung wieder gemeinsam zu leben, scheiterte, und das Ehepaar Bendheim ließ sich 1938 scheiden. Die Streitereien zwischen den Eltern belasteten Margot Friedländer als junges Mädchen sehr.
Nach dem Abschluss der Jüdischen Mittelschule in der Großen Hamburger Straße besuchte sie ein Jahr lang die Modezeichenschule Feige Straßburger und begann dann eine Lehre als Schneiderin bei Rosa Lang-Nathanson. Deren Geschäft musste nach der Reichspogromnacht schließen, und Margot Friedländer wurde, nachdem sie dort zunächst als Statistin eingesetzt worden war, Kostümschneiderin beim Jüdischen Kulturbund.
Nach den Ausschreitungen des 9. November 1938 wurde das Knopfmaschinengeschäft der Familie einem »arischen« Verwalter übertragen. Der Vater flüchtete kurze Zeit später nach Belgien, ohne seinen Plan der Exfrau und den Kindern mitzuteilen. Die Enttäuschung über dieses Verhalten war groß, hatte er doch in den Jahren zuvor immer behauptet, eine Auswanderung käme für ihn nicht in Frage. Lange Zeit hatte die Familie die wachsende Bedrohung verdrängt und unbeschwerte Zeiten auf dem Gut Waldfrieden am Scharmützelsee, das einem Onkel gehörte, verbracht. [Ihre Erinnerungen an den Morgen des 10. November 1938 hatte Margot Friedländer ebenfalls in einem Text festgehalten und las ihn vor.]

Die Scheidung der Eltern wurde zum größten Hindernis für alle Bemühungen der Mutter, mit ihren Kindern ebenfalls auszuwandern. So verweigerte ihr Exmann die Unterschrift unter die nötige Erlaubnis, um Margot und Ralph mitnehmen zu können, als sie eine Möglichkeit gefunden hatte, Deutschland Richtung Schanghai zu verlassen. Die Bemühungen der bereits ausgewanderten weiteren Verwandtschaft – eine Familie lebte mittlerweile in Brasilien, eine andere in Holland – waren enttäuschend unengagiert und blieben erfolglos, so dass die drei in Berlin wie gefangen waren. Über den Jüdischen Kulturbund lernte Margot Friedländer einen jungen Bühnenbildner kennen, der über Ausreisepapiere verfügte, doch auch um ihn heiraten zu können, hätte sie die Unterschrift des Vaters gebraucht. Ihre Mutter kam in Kontakt mit einem Mann, der angeblich gute Beziehungen zum amerikanischen Konsulat in Stuttgart hatte. Wie viele andere Hilfesuchende auch gab sie ihm Geld, damit er ihnen Papiere beschaffte. Als sie wochenlang nichts von ihm hörten, fuhr erst Margot Friedländer mit einer Bekannten, dann, da sie nichts hatten ausrichten können, die Mutter nach Stuttgart, um die Situation vor Ort zu klären. Es stellte sich heraus, dass sie einem Betrüger aufgesessen waren, der nach seiner Verhaftung wiederum die von ihm Betrogenen denunziert hatte. Erst Wochen später wurde die Mutter aus der Gestapo-Haft wieder freigelassen.

Das weitere Schicksal ihres Vaters erfuhr Margot Friedländer erst wenige Jahre vor dem Interview. Er floh von Belgien weiter nach Frankreich, wurde im Lager von Gurs inhaftiert und in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Dort wurde er 1942 ermordet.
Sie selbst musste ab 1941 Zwangsarbeit in den Deuta Werken in der Oranienstraße in Kreuzberg verrichten, nachdem der Jüdische Kulturbund aufgelöst worden war. Dort lernte sie ihren späteren Ehemann Adolf Friedländer als Geschäftsführer kennen. Sie traf ihn im Jahr 1944 im Ghetto und Konzentrationslager Theresienstadt wieder, wohin sie zusammen mit einem Bekannten aus Berlin deportiert worden war. Sie musste Zwangsarbeit als »Glimmerin« leisten, was sie vor der Deportation in ein Vernichtungslager schützte. Die Solidarität unter den Häftlingen und der Status von Theresienstadt als »Vorzeigelager« erhöhten zudem die Überlebenschancen.
Nach einigen Monaten erkrankte sie schwer und wurde auf die Isolierstation des Lagerkrankenhauses gebracht. Mit Adolf Friedländer traf sie sich dennoch heimlich, sie unterhielten sich durch ein Fenster.
Nach der Befreiung durch die Rote Armee am 8. Mai 1945 half sie den vielen kranken und geschwächten Häftlingen als Hilfskrankenschwester. Da es anfangs kaum Nahrung und Medizin gab, mussten häufig tröstende Worte ausreichen. Die wiedergewonnene Freiheit war für sie zunächst unwirklich. Sie heiratete Adolf Friedländer im Juli 1945 in Theresienstadt nach jüdischem Ritus, und die Eheleute verbrachten gemeinsam ein Jahr im DP-Camp Deggendorf, bevor sie in die USA ausreisten. Die Ehe der Friedländers war von der gemeinsamen Erfahrung der Verfolgung sehr geprägt.

Ihr Ehemann wollte nach dem Krieg nicht mehr nach Deutschland zurückkehren. Nur ein einziges Mal verbrachten die beiden einige Tage in München, die Heimatstadt Berlin besuchten sie nicht, obwohl Adolf Friedländer vom Senat der Stadt eingeladen wurde, an einem Treffen ehemaliger Mitglieder des Jüdischen Kulturbunds teilzunehmen.
Nach dem Tod ihres Mannes 1997 begann sich Margot Friedländer mit ihrer Geschichte schriftlich auseinanderzusetzen: Sie belegte einen Schreibkurs und schrieb zunächst auf Englisch über den Tag, an dem sie von Mutter und Bruder getrennt wurde. Über diesen Kurs wurde das Interesse des Filmemachers Thomas Halaczinsky geweckt, der ihre Geschichte 2003 verfilmte. Nachdem der Film »Don’t call it Heimweh« erfolgreich auf einem Berliner Festival gezeigt worden war, beschloss sie, ihre Autobiografie auf Deutsch zu schreiben und nach Berlin zurückzukehren. Da sie während der Zeit in der Illegalität auf viele deutsche Helfer getroffen war, hatte sie ein positiveres Bild von Deutschland als ihr Mann.
[Zum Abschluss des Interviews las Margot Friedländer noch einmal mehrere Passagen aus ihrem Buch vor: Von ihrem ersten Versteck bei einem ›Halbjuden‹, in dessen Wohnung noch zwei weitere Flüchtlinge mit deren Hund untergebracht waren, von ihren Zweifeln, ob sie nicht mit ihrer Mutter hätte mitgehen müssen, wie ihr eine Tante nahe legte, von ihrer Verhaftung in Berlin im April 1944, von dem fast leeren Ghetto und Konzentrationslager Theresienstadt nach den Deportationen und ihren Überlegungen zu den näheren Umständen der Ermordung ihrer Mutter und des Bruders.]