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Leon Henry Schwarzbaum (*20.02.1921, Hamburg)

Signatur
01192/sdje/0076
Institut
Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin
Sprache
deutsch
Ort und Datum der Aufnahme
Berlin, den 29. Oktober 2019
Dauer
01:34:31
Interviewter
Leon Henry Schwarzbaum
Kamera, Licht und Ton
Uwe Seemann
Interviewer
Uwe Neumärker , Sandra Witte

Leon Henry Schwarzbaum, geboren 1921 in Hamburg und aufgewachsen im polnischen Będzin, überlebte das KZ Auschwitz-Birkenau, Zwangsarbeit in Bobrek, das KZ Sachsenhausen und zwei Todesmärsche. Nur eine weitere Angehörige überlebte. Er wurde auf dem Todesmarsch im Belower Wald von amerikanischen Soldaten befreit. Der Familie ging es wirtschaftlich gut. Josef und Esthera Schwarzbaum stellten in Będzin Daunendecken her. 1939 machte Schwarzbaum sein Abitur, in seiner Freizeit sang er in einer Gruppe namens 'Jolly Boys'. Wenige Wochen nach seinen Eltern, die nach ihrer Ankunft sofort ermordet wurden, wurde auch Leon Schwarzbaum nach Auschwitz deportiert. Es folgten ein Todesmarsch nach Gleiwitz, ein Transport nach Berlin-Siemensstadt (Außenlager des KZ Sachsenhausen) und ein weiterer Todesmarsch durch den Belower Wald. Dort wurde Schwarzbaum durch amerikanische Truppen befreit. Nach der Befreiung blieb Schwarzbaum erst in Schwerin, suchte dann in Będzin vergeblich nach Überlebenden, verweilte dann einige Wochen in Stettin und fuhr schließlich nach Berlin. Dort baute er sich gemeinsam mit seiner Ehefrau ein Leben auf und handelte mit Antiquitäten. Erst im Alter von 86 Jahren sprach Schwarzbaum über seine Erfahrungen und sagte 2016 im Prozess gegen den SS-Aufseher Reinhold Hanning aus. Diesem schrieb er zudem einen Brief, in dem er Hanning an seine historische Pflicht, die Wahrheit zu sprechen, erinnern wollte.

Vorkontakte

Es gab regelmäßige Kontakte durch Frau Witte mit Herrn Schwarzbaum. Ein Vorgespräch fand nicht statt.

Bedingungen

Da nur zwei Couchen vorhanden waren, musste ich die Kamera links von den Interviewern platzieren. Lichteinfall war gut, leider störende Hintergrundgeräusche durch Haushälter und Telefon.

Unterbrechungen

Zu Beginn mehrere Unterbrechungen, weil das Telefon klingelte. Es war wohl der Regisseur, mit dem Herr Schwarzbaum einen Film machte. Dieser erkundigt sich regelmäßig nach dessem Wohlbefinden.

Eindrücke

Die eigentliche Erzählung war gut in einem Fluß, ohne dass die Interviewer viele Zwischenfragen stellen mussten. Dennoch ist die Frage, wieviele persönliche Erlebnisse bewusst weggelassen wurden. Auf die Fragen der Interviewer antwortete Herr Schwazbaum meist sehr kurz. Am Ende blieb für mich der Eindruck, dass etwas 'Unausgesprochenes' im Raum lag.

Sandra Witte

[0:18] [leise]

[0:18] In die Kamera ?Heute ist der 29   Oktober 2019 wir befinden uns in der Wohnung von Leon Schwarzbaum in Berlin für ein Interview und anwesend sind neben mir Uwe Neumärker und Uwe Seemann und ich bin Sandra Witte

Leon Henry Schwarzbaum

[0:18] Ich bin am 21   am zwanzigsten Februar 1921 in Hamburg-Altona geboren   Wir waren… meine Eltern hatten da ein Geschäft bis 1924 und meine Eä meine meine Mutter hatte…stammt aus Polen und sie hatte ja Sehnsucht ihre Mutter und ihre Brüder und Schwestern zu sehen und wollte wieder nach Polen zurück zu ihrer Familie   Das war 1924 25   Da sind wir von Hamburg nach Oberschlesien Będzin ne kleine Stadt in Oberschlesien ääh.   30 35 tausend Einwohner davon waren 25 bis 30 tausend Juden und der Rest das waren Polen   Das war also eine im Grunde genommen eine jüdische Stadt und wurde jüdisch gesprochen und hebräisch gesprochen oder polnisch gesprochen   Äh… bis neunzehnhundertund… ungefähr 1939 bin ich in eine Schule gegangen das war ne große Schule was mein Onkel gestiftet hat   Er hieß Shimon Fürstenberg   Das war ein ge… ein…ein ääh.   reicher gut situierter Mann der hat ein äh großes Werk gehabt in-in Będzin beschäftigte da sehr viele Leute und der hat die Schule gestiftet er hat sie bezahlt soweit dass nun andere Juden auch sich gekränkt fühlten dass er das allein alles bezahlen wollte aber nein er hat gesagt ich will euer Geld nicht ich mach das ganz alleine   Und äh… er war ein sehr honoriger und großartiger Mann we..im Grunde genommen und er hatte viel für damals Palästina getan das war damals Palästina war nicht jüd.   war jüdisch aber war kein Israel und äh… auch äh   Leute die Musiker und oder bedeutende Leute die nach Będzin gekommen sind die sind alle bei ihm vorstellig gewesen und äh… so ging das bis 1939 als der Krieg ausgebrochen ist Meine Eltern hatten in Będzin eine Steppdecken Daundecken Fabrikation im Hause in unserem Hause   Das Haus.   hier ist das Foto meiner Eltern [zeigt ein Foto mit vier abgebildeten Personen in die Kamera] das ist meine Mutter   das ist mein Vater und das bin ich 14 15 jährig und das ist der Bruder meines Vaters [legt das Foto wieder auf den Tisch] wir lebten in guten Verhältnissen ähm so..im Sommer ist man zur Erholung in die naheliegenden Beskiden oder Tatra gefahren zum Ski laufen Tennis spielen alles das was-was das Leben geboten hat.1939 als der Krieg ausgebrochen ist war man nicht bewusst was auf einen zukommt   Als der Krieg ausgebrochen ist war ich grade in Kattowitz mit meinen Freunden und da habe ich ein Rendezvous mit meiner Freundin gehabt das war im äh Hotel Monopol direkt gegenüber vom Bahnhof.   Aber man hat schon gemerkt dass da die Zeiten werden unruhig werden aber was kommt hat man nicht mal geahnt… als die Deutschen bei uns in Będzin in die Stadt ko-kamen haben sie das erste was war haben sie die Synagoge in Brand gesteckt   Ich habe ein Bild der Synagoge wenn sie die aufnehmen wollen würde ich sie ihnen gerne zeigen

Uwe Neumärker

[6:09] Gern

Leon Henry Schwarzbaum

[6:12] Ja ? Aber dann müssen wir uns bewegen ja

Uwe Neumärker

[6:14] Das ist nicht so gut oder ?

Leon Henry Schwarzbaum

[6:16] Nicht so gut ?

Uwe Neumärker

[6:17] Nicht so gut

Leon Henry Schwarzbaum

[6:19]

[6:20] Nicht so gut na dann lassen wirs   Die Synagoge in der Synagoge haben sich viele Menschen versteckt beziehungsweise haben geglaubt dass das ein-ein Gotteshaus ist und dass es verschont bleiben würde   Was nicht der Fall war   Die haben- die deutschen Truppen haben da Granaten und Feuerentzünde… leichtentzündende Stoffe reingeschmissen sodass die Synagoge in Flammen aufgegangen ist   Die Juden die da waren sind erschossen worden und sie ein Teil wurde von den.   christlichen Polen polnischen Geistlichen gerettet worden   Ich habe sogar aus der Synagoge die Tora hab ich später hier in Berlin gekauft das war die Tora die in Będzin in der Synagoge war und die man gerettet hat   Es waren Juden die das ist etwas heiliges für uns die Tora und die hat man   Die hat jemand mit..mitgenommen auf die Flucht   Also dies-das war die erste Zeit wo die deutschen Truppen nach Będzin einmarschierten die haben die Leute erschossen haben willkürlich haben sie Menschen umgebracht   Dann haben sie die Synagoge angezündet dann haben sie die Menschen tyr-tyrannisiert das war der Anfang   Dann kamen die Verbote was man nicht darf [Telefonklingeln]

Uwe Neumärker

[9:00] Warten wa

Leon Henry Schwarzbaum

[9:07] Ähh… dann kamen die Verbote [klingeln] Auf der Litfaßsäule waren die Plakate aufge-aufgestellt oder äh   Angebracht was man nicht darf und man darf nicht… keine Fotoapparate haben man darf keine Radio haben man muss alles

Uwe Neumärker

[9:30] abgeben

Leon Henry Schwarzbaum

[9:33] abgeben und dann kamen auch die ersten Schikanen von der deutschen Seite   Ähm… ich war damals in der letzten Klasse des Gymnasiums und wir hatten Ende des Jahres 39 Abitur gemacht und sind ähm… dann hab ich nun Abitur bestanden und hab den.den.das Abitur bekommen und habe das schön gehütet nach Hause genommen als das.   nach 14 Jahren Schule war das wirklich ein.ein.ein.ein.ein wirklich ein.ein eine Auszeichnung wenn ich da heute drüber nachdenke   Ich habe diesen.diese… diese Matura heute von einem sächsischen Minister denn wenn man junge Leute haben sich eingesetzt für.   für mich weil ich so gejammert habe dass ich kein.keine…keine.   Reifezeugnis habe sodass ich von dem Minister das hier in Berlin aushändigt bekommen

Sandra Witte

[11:19] der niedersächsische Kultusminister

Leon Henry Schwarzbaum

[11:21] Kultusminister   Darüber hinaus habe ich noch ein Bundesverdienstkreuz bekommen vom Bürgermeister im Namen des Präsidenten.   Also das ist die Zeit 1939 1940 da waren die ganzen Verbote noch nicht so weitgehend.   schlimm   Man-aber man hat gewusst etwa was auf einen zukommt   Was aber genau kommt wusste man nicht   Dass man Menschen nimmt und lebendig umbringt   Das Leben die Schulen wurden geschlossen Universitäten wurden auch geschlossen man konnte sich nur im Rahmen einer kleinen einen kleinen Teil des der Stadt bewegen man durfte nicht die Hauptstraßen betreten als Jude   man durfte nicht dahin setzen man durfte nicht dahin kommen und es war eben.   man ist   wurde Mensch zweiter Klasse   Dann kam die Razzien die Deutschen haben Razzien veranstaltet und haben Menschen gesch-gefangen genommen auf die Lastwagen gesetzt so wie sie standen so wie sie angezogen waren und man hat sie zur Arbeit gebracht   Und dann kamen auch die ersten… die ersten… Verhaftungen die wurden die man nach Auschwitz geschickt hat   Auschwitz war ungefähr 200… 100 Kilometer… 150 Kilometer von Będzin entfernt so dass man in zwei Stunde.   pa… drei Stunden in Auschwitz war   Die… die-die Deutschen haben in Będzin ein Ghetto errichtet   Das war 1943   Ein Ghetto was nicht umzäunt war sondern es war nur abgegrenzt wo man sich bewegen konnte Es sei denn es hat jemand eine Arbeit gehabt und er konnte vorweisen dass er da und da hin muss und dass er konnte auch eben andere Straßen betreten aber sonst durfte er nicht es gab Hauptstraßen die die Juden nicht betreten durften   So verging die Zeit wir haben alle eine… Lebensmittelkarten bekommen für uns für Juden waren die Lebensmittelkarten viel kürzer und viel kleiner als für Polen oder für Deutsche   Aber man hat sich irgendwie hat man sich geholfen   Eines Tages kam zu uns der Kreisleiter (Ertelt) hieß er dann vollgefressene voll ausge… ernährter ja rot   Rot im Gesicht wahrscheinlich vom Alkohol und hat   stand bei meiner Mutter das war in unserem Haus in unserem alten Haus und ich stand daneben und hatte Angst gehabt dass er meiner Mutter etwas antut aber er wollte nur Daunendecken haben aus Seide Daunendecken haben   Meine Mutter hat ihm das schon zugesagt dass sie ihm das macht   Nun hielt er sich ein bisschen auf und dann ging er   War in voller Montur mit seinem Degen und einer Swastika am Arm er war der Lei.Leiter der NSDAP äh Organisation [an jemanden anderes: Ciao ! Tschüss ! Ciao   Danke !] So verging die Zeit und wir haben Angst bekommen obwohl mein Vater immer sagte „Die deutschen anständigen Menschen die werden nicht.äh nichts unanständiges tun“ Leider hatte er nicht die   hat sich das nicht prognostiziert wie er das gesagt hat   Die Schulen wurden geschlossen wie ich schon sagte die Universitäten auch man konnte nichts machen man konnte nichts mehr verdienen man konnte das Geschäft musste man auch abgeben es wurde die Waren wurden beschlagnahmt es wurden ein Treuhänder eingesetzt und so war man praktisch entmachtet   Das war 1939 bis 1943   1943 kamen die ersten Transporte nach Auschwitz   Bei uns war die Stadt war… war   Da in jedem Haus waren.lebten Juden [Telefonklingeln] Soll ich mal rangehen ? [zeigt] Da um die Ecke   Die Transporte die nach Auschwitz gingen das waren die ersten Transporte die sind alle zum Vergasen gekommen die Transporte gingen in die Krematorien  

[19:59] Als ich ein paar Wochen später nach Auschwitz kam hab ich den Mann der mir die Haare geschoren hat hab ich ihn gefragt „Sagen Sie mal   es ist doch ein Transport aus Będzin gekommen   viele Tausend Menschen   was ist nun damit geschehen   Darunter waren meine Eltern“ Der ganze Transport ist ist   Wurde vergast   Wurde vernichtet   Da wusste ich dass meine Eltern nicht mehr am Leben sind   Und derjenige der mir die Haare geschoren hat hat zu mir gesagt „Hör mal zu   Hier lebt man nicht lange   Du musst dir eine leichte Arbeit suchen damit du überhaupt am Leben bleibst“ Das hat mir auch   hat mich so wie soll ich sagen aufmerksam gemacht dass ich ihn sowas am nächsten Tag als wir druaßen standen zum Appell standen haben wir kam ein Lagerältester von der Quarantäne   Vom Quarantänelager und fragte „wer kann gut laufen“ da bin ich schnell rausgesprungen aus der Reihe „ich bin ein guter Läufer“ sagt er zu mir „gut da bist du mein Läufer ab heute und du musst mir jeden Menschen der ins Lager kommt du musst mich suchen im Lager“ das Lager war ziemlich lang ein Kilometer lang „und du musst mir sagen wer ins Lager gekommen ist“ er wollte das aufmerksam sein äh wer wer kommt also manchmal kamen die Offiziere der SS manchmal ins Lager manchmal auch Mannschaften äh also jedes Mal musste ich das ganze Lager ablaufen und fragen „wo ist der Lagerälteste wo ist der Lagerälteste“ dann haben die „wir haben ihn hier gesehen“ „ja ja der war da und da“ und dann bin ich da hingelaufen da war er schon nicht mehr da da war er schon wo anders jedenfalls habe ich ihn so lange gesucht denn ich wusste wenn ich ihm nicht melde korrekt wer ins Lager kommt bringt er mich um   Und ich habe.   ähm Recht gehabt ich wusste ich muss alles genau präzise machen und das hat mir geholfen das schlimmste zu überstehen die schlimmste Zeit das war die Zeit wo man Transporte.   wo man [räuspert sich] die Menschen innerhalb des Lagers schon die schon gearbeitet haben die hat man… auch wenn sie von Zeit zu Zeit hat man sie [Telefon klingelt] ich.   kann ich mal ? Ich bin da gewesen wo ich   Wo ich   Wo man die Selektion vorgenommen hat   Selektion das war das schlimmste was es gab   Man hat die Menschen sie mussten sich ausziehen nackt sich vor die Komission stellen und wenn sie nur ein bisschen dünner ausgesehen haben die Rippen man sah die Rippen und so weiter gleich zur Vernichtung   Das waren nicht mal Ärzte die das vorgenommen haben sondern Sanitäter   Also wenn man da überstanden hat dann war man schon gerettet also vorerst.   vorerst   Die-die Selektion innerhalb des Lagers hat man häufig gemacht um eben Platz für neue Menschen zu schaffen hat man einen Teil der alten Leute die schon länger da waren auf äh… zur Vernichtung gegeben   Das Essen war miserabel   Das Essen war dürftig möchte ich sagen   Das war man hat morgens immer ein.   einen Teller Kaffee gemach..ge-ge bekommen aber das war kein Kaffee das war Muckefuck   Das hat überhaupt nicht nach Kaffee geschmeckt   Mittags hat man einen Teller Suppe bekommen war auch keine Suppe sondern war Wasser und da schwammen bloß so kleine Stückchen Kartoffeln oder Schalen Schalen einer Kartoffel   Kartoffel hab ich keine gesehen   Und davon sollte man arbeiten von mit dieser dürftigen Ernährung musste man sterben   Wir wussten auch dass wir sterben müssen das haben uns die SS immer wiederholt immer gesagt [zeigt in die Ferne] „Seht ihr da den Schornstein ? Die Freiheit für euch geht nur durch   über den Schornstein“ also wussten wir was uns erwartet   Auf der Fahrt nach Auschwitz sind die Leute absichtlich hat man da die Leute zusammen…fest.festgedrückt in   in einem Waggon sodass man sich nicht mal hinsetzen konnte denn man musste stehen   Die Leute kamen ja auch erschöpft in Auschwitz an manche die eine längere Fahrt hatten waren ja erschöpft habe ich zum Beispiel den Transport aus Ungarn da war ich Zeuge   War ich Zeuge   Wir saßen da und warteten auf die Fahrt nach Bobrek um die Fabrik aufzubauen für Siemens da… da… kam ein Zug an erschöpften Menschen fast ohnmächtig waren sie alle die kamen an uns vorbei wir saßen da in einem Graben und warteten dass uns die Lastwagen nach Bobrek bringen und die kamen vorbei und guckten uns an und riefen „Wasser Wasser Wasser   Wir haben kein Wasser gehabt“ Eine halbe Stunde später waren sie alle tot   Der ganze Zug   der bei uns vorbei ging… Es   ist war nicht immer so dass man alles die Transporte en bloc in die Vernichtung gegeben hat sondern man hat auch manchmal manchmal haben sie auch Selektionen vorgenommen junge Leute haben sie rausgefischt und haben sie   Äh   Zusammengestellt   Junge Mütter mit Kindern hatten keine Chance   Junge Mütter mit Kindern wurden sofort umgebracht das heißt sie wurden in die Krematorien geführt   Alte Leute die nicht laufen konnten wurden mit einem Lastwagen gefahren… Als ich so da saß und die erschöpften Menschen gesehen habe da war ich vollkommen niedergeschlagen und und man wollte helfen und wusste nicht wie wir hatten kein Wasser wir durften auch kein Wasser hingeben wir durften noch nicht mal einen Schritt machen sonst hätte man auch uns auch mit dazugestellt   So waren die   Die waren bestialisch   Also Mütter mit Kindern hatten keine Chance   Leute die in den Krematorien gearbeitet haben waren auch jüdischen Glaubens und die haben gewusst was mit den Müttern mit den Kindern geschieht dass man die Mütter mit umbringt weil sie Kinder hatten   Sie versuchten den Müttern den Müttern die Kinder wegzunehmen sie haben es nie-nie geschafft   Welche Mutter würde sein Kind hergeben ? Man hat die wollten die Mütter schonen man wollte die Mütter retten sozusagen vor der Vernichtung ist denen nicht gesch   nicht gelungen   Die die die Kinder wollten von den Müttern gar nicht weg und zweitens auch die Mütter wollten die Kinder auch nicht hergeben   Das war eine Tragödie   Das mit Zuschauer einer der da gearbeitet hat da im Krematorium da war ich grade aus dem Block bin ich grade aus dem Block rausgekommen da sehe ich außerhalb des Blocks sitzt ein junger Mann sitzt so und genießt die Sonne da bin ich auf den zugegangen und hab ihn gefragt „Was machst Du denn hier“ sagte er „Ich bin hier von dem Sonderkommando“ Sonderkommando das waren die Leute die dabei waren als man die Menschen umgebracht hat und die Leichen in die Öfen gesetzt hat   Sagte „ich bin in dem Sonderkommando“ die in dem Sonderkommando gearbeitet haben die sind alle paar Monate ausgewechselt worden die sind umgebracht worden und man hat sie umbringen lassen und dann neue Leute ge.geholt und er sagte mir dass manchmal ihre eigenen Verwandten und Mütter oder Väter oder Brüder da sehen sie manchmal tot da liegen und die mussten sie dann auch in die Öfen bringen   Also ich hab mich schnell von ihm verabschiedet und hab ihm alles Gute gewünscht aber was kann man denn da sagen   Er hat ja nicht überlebt   er hat bestimmt nicht überlebt das war 1943 44   Der hat dann schon   War schon… ja… Die.   Menschen die versucht haben zu fliehen die hat man mit Hilfe von Schäferhunden hat man sie gejagt und wenn man sie gefunden hat hat man sie haben sie die Hunde die Menschen zerfleischt die sind so trainiert worden auf Menschen dass man sie umbringen soll oder zerfleischen soll   Und doch haben wenn einer versucht hat zu fliehen hat man ihn geschnappt hat man ihn wieder zurückgebracht zerschlagen und kaputtgeschla.   kaputtgemacht   Und wir mussten uns zusehen   Zuschauen die waren schon tot halbtot mussten wir da vorbeimarschieren als Abschreckung gegen Flucht… Ja das war 1944 da waren die Transporte dann täglich aus Ungarn täglich Ich hab sie ja gesehen die Transporte   Hab mir die Frage gestellt wann trifft dich der.   das Schicksal   Als die Russen nahe Auschwitz waren und wir hörten schon die Kanonenschüsse und wir wussten dass die Russen in der Nähe sind haben wir auch versucht da wurde unsere unsere Selbst äh.   unser Verhalten hat sich da geändert wir haben geglaubt dass die uns schnell schnell liquidieren würden aber die haben ja nur nichts.   keine Zeit gehabt   die Russen waren schon so viel schneller unterwegs als die mit uns was vor..vorhatten   Also wir sind ja auf den Weg gebracht worden wir mussten laufen   Wohin wir laufen wussten wir nicht   Wir sind gelaufen von Auschwitz bis Gleiwitz das sind ja auch 120 140 Kilometer   Zu Fuß im Winter in Hausschuhen die Schuhe waren aus Holz keine Lederschuhe   Holzschuhe   So wie die Holländer Pantoffeln Schuhe   Wir sind ja unterwegs gewesen und jeder der nur sitzen geblieben ist wurde erschossen   Er durfte nicht durfte nicht also das hat einem so viel Kraft und .   und obwohl man so erschöpft war ohne Essen ohne Trinken war nur unterwegs   Wir haben uns ernährt von Rinde   Rinde Holzrinde haben wir gekocht und Gras haben wir gekocht das war unser Essen   Das war im Belower Wald also erst war der Transport von Gleiwitz ähm da saß ich stand ich da und der Schnee fiel war kalt und auf einmal seh ich einen Rucksack liegen da so zehn Meter von mir entfernt   da bin ich schnell hingelaufen und hab mir den Rucksack geschnappt in dem Moment kam auch der Zuch angefahren da hab ich den Rucksack in den Zuch geschmissen   In dem Moment ertönt ein.   ein Schrei von einem SS-Mann „Wer hat mir meinen Rucksack gestohlen wer hat mir meinen Rucksack gestohlen ! Ich erschieß euch hier alle“ aber das war schon so ein Tumult und so ein Durcheinander weil tausende Menschen da in die Waggons sollten   mussten   Ich bin schnell in den Waggon gesprungen und der lief immer noch mit der Maschinenpistole und suchte seinen Rucksack   Das war seine Marschverpflegung   Die habe ich ihm geklaut und habe vier Menschen gerettet   Mich und drei Kameraden auch   Wir saßen unter so einer Decke und haben den Inhalt des Rucksacks äh aufgemacht den Inhalt festgestellt was drin ist und dann hab ich verteilt das Essen   Ich kann sagen dass ich dass ich drei Menschen das Leben gerettet habe… Der hat sich beruhigt und es ist nicht mehr gelaufen der der SS-Mann äh aber ich habe geglaubt wenn er nun in die Waggons konnte er nicht gehen weil dort ein Durcheinander war die Leute sind alle in die Waggons gesprungen und er wollte nun-nun-nun seinen Rucksack äh.   ja   Wir sind nach Buchenwald gekommen   In Buchenwald im kleinen Lager da hat man uns unter-untergebracht   Und als ich da ein Tach war am nächsten Tag kamen Transporte von all-äh von überall kamen Transporte da hab ich meine besten Freunde kennen.   ähh getroffen und hab denen auch ich aber wieder auf einen Transport nach Berlin sollte weil die Siemens Leute da nach Buchenwald gekommen sind die wollten unser Kommando haben die wollten dass äh haben geglaubt   dass der Krieg noch weitergeht   Und ja aber das war nicht der Fall der Krieg ist ja schon da zu Ende langsam zu Ende gegangen da hab ich nun einen Freund die.die   Boxen älteste das war eine.   äh der Boxen das Essen verteilte als die Suppe und das Stückchen Brot da habe ich ihm meine Funktion übergeben das war neunzehnhundert.   Ende 1944   Und dann kamen die Leute aus Siemens aus Berlin wieder ins Lager und hat unser ganzes Kommando nach Berlin gebracht äh alle nach Berlin gekommen ins Lager hier in Siemensstadt und ja weil da war schon die ganzen Bom   Bombardements der Engländer und Amerikaner im Gange hier in Berlin da haben sie unser Lager völlig zerstört   Die ersten Baracken brannten es ist nichts übrig geblieben und wir mussten und wir waren in einem.   so einem Luftschutzgraben und der Luftschutzgraben wurde verschüttet von beiden Seiten   So weit dass ich.   man hörte die Bomben immer näher kommen bummbummbummbummbumm und dann Knall   Knallte es   Hab immer angefasst meine Beine angefasst ob sie noch alle dran sind und ja wir waren ja verschüttet hier in Berlin 1945 und dann hat man das Lager liquidieren müssen weil keiner.   keine Möglichkeiten waren unterzukommen   Wir sind zu Fuß wir sind erstmal mit der S-Bahn nach… Bernau gefahren   In Bernau sind wir ausgestiegen und wir sind zu Fuß nach Sachsenhausen gegangen   Ja   Wir sind da nach Sachsenhausen gekommen und da war schon alles in Aufruhr und man sah schon dass das die… die… Siemens nicht mehr das funktionieren nicht mehr klappt und da kam auch die Bomben der Engländer und Amerikaner und die haben das ganze Lager zerstört   Das ganze Lager wurde hier in Berlin zerstört und wir mussten eben über Bernau nach Sachsenhausen   Und wir waren in Sachsenhausen da war die selbe Geschichte nochmal das selbe   die kamen immer näher die Russen man hat die Kanonen schon gehört und man glaubte dass die Russen uns befreien aber war nicht der Fall   Wir mussten wieder   wieder laufen   Mussten wieder   Hab wieder ein Brot bekommen und wir mussten laufen wir sind von Sachsenhausen… bis-bis zum Belower Wald das ist auch nochmal 150 Kilometer zu Fuß gelaufen und im Wald musste man schlafen im Wald musste man.   ihre bseine… man bek… keine Toilette nichts ! kein Wasser nichts ! Das war 1945   Da sind wir raus aus dem Lager und wieder zu Fuß durch die Wälder gelaufen und wir sind bis kurz vor Schwerin gelaufen und da sind wir eines Morgens im Belower Wald da sehen wir das   Den ersten Amerikaner… Den ersten Amerikaner und er fiel uns in die Arme und wir haben uns ja zwar gefreut aber richtige Freude ist nicht angekommen wir waren schon erschöpft abgemagert bis auf die Haut mein Freund sagte wir sind jetzt frei   Die SS hat ihre Uniform ausgezogen hat sie weggeschmissen hat Anzüge gehabt hat die Anzüge angezogen haben Fahrräder gehabt sind mit den Fahrrädern weggefahren haben gesehen die laufen jetzt die Schweine   Das war das Ende… Irgendwelche Fragen ?

Uwe Neumärker

[45:55] Wir haben ganz viele Fragen und uns würde nachher auch noch die Zeit nach ihrer Befreiung interessieren aber vielleicht noch eine Frage nochmal zu ihrer Kindheit und Jugend in Będzin   Welche Sprache haben Sie zuhause gesprochen ?

Leon Henry Schwarzbaum

[46:12] Polnische Sprache

Uwe Neumärker

[46:13] Polnisch nicht deutsch

Leon Henry Schwarzbaum

[46:15] Ja

Uwe Neumärker

[46:16] Und haben Sie das Judentum gepflegt ? Sind Sie in die Synagoge gegangen ?

Leon Henry Schwarzbaum

[46:22] [gleichzeitig:] Ja meine Großmutter die war sehr religiös und sie hat immer drauf geachtet dass ihre Kinder auch äh.   also meine Mutter war ihr Kind dass meine Mutter das einhält und meine Mutter hat darauf.   geachtet dass ich äh die Feiertage einhalte und das haben wir auch getan   Wir ham die Feiertage haben wir immer.   immer gefeiert ja

Uwe Neumärker

[46:54] Und tun Sie das noch immer ?

Leon Henry Schwarzbaum

[46:55] Jetzt nicht mehr.   jetzt nicht mehr jetzt äh.   bin nicht sehr religiös aber ich bin ein guter Jude  

Sandra Witte

[47:12] Und in Będzin haben Sie ja mit der ganzen Familie unter einem Dach gewohnt

Leon Henry Schwarzbaum

[47:19] Meine ganze Familie lebte unter einem Dach ja

Sandra Witte

[47:23] Wie viele Personen waren das ?

Leon Henry Schwarzbaum

[47:34] [denkt nach] zehn   Nur in dem Haus   Dann in Sosnowiec die Freunde die Verwandten da aus Australien die waren ja sehr früher hatte man viele Kinder

Uwe Neumärker

[47:59] Und Sie sagten Sie sind in Będzin in diese Schule gegangen in dieses Gymnasium aber Sie haben ja bestimmt auch Freizeit gehabt

Leon Henry Schwarzbaum

[48:10] ich habe Freizeit gehabt

Uwe Neumärker

[48:11] was haben Sie in Ihrer Freizeit gemacht

Leon Henry Schwarzbaum

[48:13] getanzt Musik gehört

Uwe Neumärker

[48:15] mit wem haben Sie getanzt ?

Leon Henry Schwarzbaum

[48:18] mit Mädchen

Uwe Neumärker

[48:20] Ja klar ! [alle lachen] Das ist mir schon klar   Gabs da eine--

Leon Henry Schwarzbaum

[48:26] [gleichzeitig:] Wir haben auch viel Sport getrieben auch   Sport war mein.   meine.  

Uwe Neumärker

[48:35] Was für Sportarten haben Sie betrieben ?

[48:38] Alles was in der Schule so als Sport Fußball Handball Handball Korbball Netzball äh Leichtathletik alle Sportarten hab ich hab ich.   ich war ein guter Sportler

Sandra Witte

[48:55] Wie war das mit der Musik   Herr Schwarzbaum ?

Leon Henry Schwarzbaum

[48:59] Musik war mein Steckenpferd und wir haben Musik gemacht mit meinen Freunden da sind wir auch in Kattowitz gewesen und wir haben vorgesungen und einer spielte Klavier das [zeigt auf ein Filmplakat an der Wand] der letzte Jolly Boy das stimmt nicht ganz da lebt noch einer in Südamerika

Uwe Neumärker

[49:24] Haben Sie Kontakt zu dem ?

Leon Henry Schwarzbaum

[49:25] Bitte ?

Uwe Neumärker

[49:26] Haben Sie Kontakt zu dem anderen Jolly Boy ?

[49:27] Nein   Ich hab ihn gesucht und kann ihn nicht finden

Sandra Witte

[49:31] Welche Art von Musik war das ?

Leon Henry Schwarzbaum

[49:34] Bitte ?

Sandra Witte

[49:35] Welche Art von Musik mochten Sie ?

Leon Henry Schwarzbaum

[49:37] Ich habe gesungen   Ja   Ich habe eine nette Stimme gehabt ja und äh einer hat Klavier gespielt und wir vier haben gesungen

Uwe Neumärker

[49:50] In welcher Sprache haben Sie gesungen ?

Leon Henry Schwarzbaum

[49:51] Polnisch

Uwe Neumärker

[49:53] Auf Polnisch  

Leon Henry Schwarzbaum

[49:54] Ja  

Uwe Neumärker

[49:55] Weil Jolly Boy klingt ja eher Englisch  

Leon Henry Schwarzbaum

[49:57] Eng-äh englisch und polnisch ja

Uwe Neumärker

[50:03] Gehen wir nochmal in das Jahr 43   Wann haben Sie ihre Eltern zum letzten Mal gesehen

Leon Henry Schwarzbaum

[50:09] Das war 1943 bei der Aussiedlung nach Auschwitz habe ich meine Mutter das letzte Mal gesehen da hat sich meine Mutter noch umgeschaut da war sie schon ziemlich weit weg mit meinem Vater und sie hat sich nochmal umgeschaut das war der letzte Blick..  

Uwe Neumärker

[50:39] Und Sie haben ja in Auschwitz auch den zweiten August 1944 erlebt   Die Nacht vom zweiten auf den dritten August 1944 als das Zigeunerfamilienlager liquidiert wurde

Leon Henry Schwarzbaum

[50:55] Ja..ja  

Uwe Neumärker

[50:57] Können Sie uns -

Leon Henry Schwarzbaum

[50:57] [gleichzeitig:] das habe ich äh eines Abends war schon Nacht hörte ich gewaltige Schreie wussten wir was-was welches Lager es ist wussten wir dass es Zigeuner- Zigeuner sind   Hat man das Lager hat man das Lager geräumt praktisch die SS hat es geräumt   Die Zigeuner haben aber gewusst was das zu bedeuten hat dass sie vernichtet werden sollten und die haben die.die die.   die Wachen haben mit Steinen und mit Broten und äh beschmissen das werde ich nie vergessen die Schreien das Weinen und die Schreie der Menschen unglaublich   Unglaublich  

Uwe Neumärker

[51:54] Hatten Sie vorher Kontakt zu denen im Zigeunerfamilienlager ?

Leon Henry Schwarzbaum

[51:57] Bitte ?

Uwe Neumärker

[51:59] Hatten Sie Kontakt zu den Häftlingen im Zigeunerfamilienlager vorher ?

Leon Henry Schwarzbaum

[52:04] Also direkten Kontakt nich aber mal ab und zu mal hat man sich getroffen..   da habe ich ja schon hier.   das war doch ein Zigeuner   ein-eine Feier da habe ich ja-

Uwe Neumärker

[52:23] [gleichzeitig:] da haben Sie gesprochen

Leon Henry Schwarzbaum

[52:24] erzählt da habe ich gesprochen

Uwe Neumärker

[52:25] bei einer Gedenkfeier [gleichzeitig mit Leon Henry Schwarzbaum] am Denkmal für die .  

Leon Henry Schwarzbaum

[52:28] am Denkmal ja da hat auch einer Klavier gespielt auch

Uwe Neumärker

[52:32] das war vor ein paar Jahren   Kommen wir nochmal in das Jahr 1945 ihre Befreiung   Sie sind da im Belower Wald

Leon Henry Schwarzbaum

[52:44] ja

Uwe Neumärker

[52:45] Sie sind erschöpft

Leon Henry Schwarzbaum

[52:46] ja

Uwe Neumärker

[52:47] wie ging es weiter ?

Leon Henry Schwarzbaum

[52:49] wir wachen auf mein Freund Herr Kleimann der lebt leider nicht mehr der sagt zu mir"Henry   wir sind jetzt frei"sage ich"ja   das sehe ich auch dass wir frei sind"also wir müssen wir waren hungrig das einzige was uns interessiert hat damals war was zu essen weil wir so ausgehungert waren [räuspert sich] sag ich zu ihm"geh du mal na in die-in die.   in die Häuser und frag doch mal ob sie nun erlauben dass wir was kochen können"die Leute haben es nicht erlaubt haben uns nicht- haben uns dann hab ich gesagt"hör mal zu" [räuspert sich] "du gibst denen paar Zigaretten" [räuspert sich] wir haben schwarz Zigaretten gehabt organisiert ja   Und dann ist es plötzlich gegangen dann ging es   Denn Zigaretten waren die Währung

Uwe Neumärker

[54:04] Und dann sind Sie nach Berlin

Leon Henry Schwarzbaum

[54:07] Und dann sind wir morgens aufgewacht und haben nun uns was kochen wollen und gekocht und dann hat mein Freund- ist da.   da waren ja spar..standen ja Fahrzeuge der Wehrmacht Autos äh   Kanonen und Gewehre und alles mögliche Maschinenpistolen alles stand da rum da sach ich zu ihm"Geh doch mal und äh versuch nochmal-nochmal was zu kochen"was warmes haben wir wir haben nichts warmes gegessen wir haben immer nur das kalte gegessen   das kalte und das-das minderwertige ähh   in wie nennt man das ähh..   also wir haben Blätter gegessen wir haben äh..   Rinde von-von Bäumen gegessen gekocht und äh..   ja das war unsere Verpflegung woher sollte man das hernehmen es war nichts da   Die haben uns nichts gegeben die-die SS die haben ja selber auch an die Flucht gedacht   Also wir haben ja - also sind wir sind dann ja mein Freund hat einen Panjewagen mit einem Pferd aufgegabelt und da sind wir mit dem Pferd und dem Panjewagen sind wir in die Stadt gefahren

Uwe Neumärker

[56:01] Welche Stadt ?

Leon Henry Schwarzbaum

[56:02] Schwerin

Uwe Neumärker

[56:03] Schwerin

Leon Henry Schwarzbaum

[56:04] Aber bevor wir das gemacht haben äh waren wir in dem in dem Be-ähm   Befehlswagen da wo da war schön warm da waren Maschinen wir wussten gar nicht was das alles ist und dann morgens klopfte es [klopft auf den Tisch] an der Tür und wir haben uns gewundert wer ist denn das da bin ich an die Tür gegangen und hab die Tür aufgemacht da standen zwei Offiziere ein großer [zeigt es] und ein kleiner und salutierten vor mir [deutet Salutieren an] so da hab ich"ja aber meine Herren um was geht es""ja wir haben hier wir ham hier äh Verhandlungen mit den Amerikanern führen wir und wir brauchen einen etwas äh.."

Uwe Neumärker

[56:57] Dolmetscher ?

Leon Henry Schwarzbaum

[57:00] Ne Dolmetscher nicht aber wir brauchten einen - den Wagen brauchten [UN: Achso] sie den Wagen ob sie den Wagen kriegen können hab ich zu meinem Freund gesagt"ja wir geben ihnen den Wagen   nech"haben sich bedankt die waren sehr freundlich   Das war für uns etwas.   etwas äh.   unbegreifliches nech dass Menschen freundlich zu mir   zu uns sind

Uwe Neumärker

[57:28] Und Sie sind dann mit dem Panjewagen nach Schwerin ?

Leon Henry Schwarzbaum

[57:31] Mit dem Panjewagen nach Schwerin und dann sind wir in ein großes Haus gegangen   Das Haus war leer hab ich gesagt"Da   da gehen wir rein"und wir gingen rein da stellt sich heraus das war ein NSDAP-Haus sodass die Menschen das alles gemieden haben wie die Pest aber wir haben uns da wohl gefühlt wir haben da Essen gefunden wir haben da   Helme gefunden Helme wir waren krank wir brauchten die Helme äh indem wir haben in die die Toilette war im Korridor so weit weg wir haben das gar nicht mehr geschafft zur Toilette wir mussten das an Ort und Stelle gleich erledigen [lacht] und wir ham ja die Helme vollgemacht und dann haben wir sie rausgeschmissen [alle lachen]

Uwe Neumärker

[58:30] Und in Schwerin haben Sie dann überlegt wo-wohin wohin geht man geht man nach Berlin zurück ? [gleichzeitig mit LHS]

Leon Henry Schwarzbaum

[58:36] Ja wir haben gar nicht wir haben- wir waren so erschöpft wir waren so kaputt wir mussten uns erstmal erholen erholen von den Ereignissen man muss sich das vorstellen auf einmal ist das Leben wieder da..  

Sandra Witte

[58:58] Und wer war in dem großen Haus ? Das waren Sie und ?

Leon Henry Schwarzbaum

[59:02] Ich und mein Freund im ganzen Haus war keiner und es kam auch keiner

Uwe Neumärker

[59:09] Und dann haben Sie sich da erholt und dann ?

Leon Henry Schwarzbaum

[59:11] da wir haben uns erholt

Uwe Neumärker

[59:12] und wie ging es dann weiter ?

Leon Henry Schwarzbaum

[59:13] Wir-wir schliefen auf dem Fußboden da war ja nichts da [zustimmende Laute Uwe Neumärker] und dann waren ein-ein Zimmer voller Instrumente Trompeten und-und Bässe und alles mögliche   Das war ein NSDAP-Haus ja   Wir haben das Haus später mit Hans gesucht und es nicht gefunden   Wir haben nicht gefunden wo es war

Sandra Witte

[59:42] Als Sie den Dokumentarfilm gedreht haben

Leon Henry Schwarzbaum

[59:44] bitte ?

Sandra Witte

[59:44] Als Sie den Film gedreht haben

Leon Henry Schwarzbaum

[59:46] Ja [zustimmende Laute von Sonja Witte und Uwe Neumärker]

Uwe Neumärker

[59:48] Und wann sind Sie von Schwerin weg und wohin ?

Leon Henry Schwarzbaum

[59:53] Von Schwerin sind wir haben wir da äh ich habe einen Major der russischen Streitkräfte kennengelernt das war auch ein Jude ein Major und hab ihn gefragt"Sagen Sie mal Herr Iba-äh Iwan könn-können Sie uns einen Chauffeur [lacht] Chaffeur-Major eine Möglichkeit haben nach Ka-Kattowitz dass wir nach Kattowitz fahren"sagte"Jaa kann euch ein-ein äh Lastwagen mit ein Mann geben"und wir sind mit dem Lastwagen nach Kattowitz gefahren

Uwe Neumärker

[1:00:35] Und in Kattowitz ?

Leon Henry Schwarzbaum

[1:00:36] In Kattowitz habe ich ja gesucht meine Cousine die Kinder sind heute in Australien und hab sie da gefunden die haben sich natürlich sehr gefreut nech dass irgend-Jemand noch am.am Leben ist  

Sandra Witte

[1:00:58] Sind Sie auch nach Będzin gefahren ?

Leon Henry Schwarzbaum

[1:01:01] Nach Będzin bin ich auch gefahren da stand ich vorm Haus und geguckt hab ich gehofft dass da jemand da ist [schüttelt den Kopf] nicht  

Uwe Neumärker

[1:01:14] Und wie lange sind Sie dann in Polen noch geblieben ?

Leon Henry Schwarzbaum

[1:01:17] Paar Tage

Uwe Neumärker

[1:01:18] Nur ein paar Tage

Leon Henry Schwarzbaum

[1:01:19] Ich wollte auch weg

Uwe Neumärker

[1:01:20] Wohin sind Sie dann weg

Leon Henry Schwarzbaum

[1:01:22] Nach Berlin

Uwe Neumärker

[1:01:23] Nach Berlin direkt [Leon Schwarzbaum: Ja] In die Höhle des Löwen  

Leon Henry Schwarzbaum

[1:01:27] Ja ir-wir sind erstmal nach Schw-Stettin gefahren [Uwe Neumärker: Ja] In Stettin sind wir haben wir uns aufgehalten da haben wir uns paar Wochen aufgehalten und dann wollten wir auch weg denn man hat da viele Menschen sind da umgekommen auch abends nachts da f-standen-fanden sol-Kämpfe statt da wollten wir weg

Sandra Witte

[1:01:55] Und mit wem waren Sie dort unterwegs ?

Leon Henry Schwarzbaum

[1:01:56] Da war ich mit meinem Freund Kleinmann der lebt nicht mehr   Da war ich da eine Zeit da haben wir uns dann auch breit gemacht in einer Wohnung schöne Wohnung gehabt und dann-dann sind wir nach Berlin gekommen

Uwe Neumärker

[1:02:21] Wie sind Sie von Stettin nach Berlin gekommen Stettin war zu der Zeit schon polnisch

Leon Henry Schwarzbaum

[1:02:26] Polnisch ja

Uwe Neumärker

[1:02:27] Und Berlin lag in der sowjetischen Besatzungs- [Leon Henry Schwarzbaum: Ja   Ja] zone wie sind Sie mit dem Zug mit dem Auto ?

Leon Henry Schwarzbaum

[1:02:32] mit einem Auto

Uwe Neumärker

[1:02:34] mitm Auto

[1:02:36] Und was haben Sie dann in Berlin gemacht ?

Leon Henry Schwarzbaum

[1:02:38] In Berlin hab ich getanzt hab mich gefreut dass ich am Leben bin

Uwe Neumärker

[1:02:48] Aber vom Tanzen allein kann man ja nicht leben

Leon Henry Schwarzbaum

[1:02:51] Vom Tanzen alleine nicht

Uwe Seemann

[1:02:53] Wie haben Sie sich denn eine Existenz aufgemacht

Leon Henry Schwarzbaum

[1:02:56] Ich habe- ich habe - ich habe aufm Schiff von Amerika nach Deutschland hab ich einen kennengelernt ein Mann der war auch Jude und sagte zu mir"Kannst Du für mich einkaufen in Berlin ?"sach ich"Was soll ich denn kaufen""Also Antiquitäten"und so bin ich dazu gekommen mit Antiquitäten zu handeln also ich wusste gar nicht was das ist [alle lachen]

Sandra Witte

[1:03:36] Aber das hat gut geklappt ?

Leon Henry Schwarzbaum

[1:03:37] Das hat aber geklappt   Ähm mein Freund äh der andere Freund bester Freund der ist hat sich ausgegeben als Arzt der war so Arzt wie ich Astronaut bin [alle lachen] aber der hat das als Arzt hat die Kenntnisse die ärztlichen Kenntnisse in der Schule mitbekommen wir hatten eine sehr gute äh Professorin die hat uns ja   und hat als- ist als Arzt in ein.   in ein..   Arbeitslager für Polen ist er da tätig gewesen und hat die Leute da hat den Leuten geholfen

Uwe Neumärker

[1:04:33] Das war jetzt noch während des Krieges

Leon Henry Schwarzbaum

[1:04:34] Das war nachm Krieg

Uwe Neumärker

[1:04:36] nachm Krieg ?

Leon Henry Schwarzbaum

[1:04:37] Nachm Krieg ja

Uwe Neumärker

[1:04:39] und was war das für ein Lager für Polen ?

Leon Henry Schwarzbaum

[1:04:40] bitte ?

Uwe Neumärker

[1:04:41] und was war das für ein Arbeitslager für Polen ?

Leon Henry Schwarzbaum

[1:04:43] Arbeitslager gab es überall

Uwe Neumärker

[1:04:46] ja

Leon Henry Schwarzbaum

[1:04:47] Er wollte sich tarnen nech   Hat er gesagt er ist Pole er war auch blond ganz hellblondes Haar also er sah gar nicht wie jüdisch aus

Uwe Neumärker

[1:05:02] Wo ham Sie in Berlin gewohnt Sie sind nach Berlin gekommen und

Leon Henry Schwarzbaum

[1:05:06] Witzlebenstraße Kurfürstendamm äh Witzlebenstraße und Kurfürstendamm ja   Und dann äh..   ja und dann hab ich meine Frau kennen gelernt

Uwe Neumärker

[1:05:26] Wann war das ?

Leon Henry Schwarzbaum

[1:05:26] Das war 1952 53

Uwe Neumärker

[1:05:32] Erzählen Sie uns was über Ihre Frau

Leon Henry Schwarzbaum

[1:05:36] bitte ?

Uwe Neumärker

[1:05:36] Erzählen Sie uns was über Ihre Frau kurz

Leon Henry Schwarzbaum

[1:05:38] Meine Frau [zeigt ein Foto] das ist sie   Meine Frau war eine echte Berlinerin war nicht jüdisch christlich und wir haben eine gute Ehe geführt ganze 50 Jahre

Uwe Neumärker

[1:06:04] Respekt

Leon Henry Schwarzbaum

[1:06:06] 50 Jahre   Meine Frau war kannte gut die Verhältnisse in Berlin [zustimmende Laute Uwe Neumärker] die war ein richtiger Berliner Mädel

Uwe Neumärker

[1:06:20] Hatten Sie Kinder ?

Leon Henry Schwarzbaum

[1:06:22] Nein

Uwe Neumärker

[1:06:23] Nein.   Herr Schwarzbaum wann haben Sie das erste Mal über Ihre Erlebnisse während des Krieges geredet Sie haben ja ganz ganz lange geschwiegen

Leon Henry Schwarzbaum

[1:06:33] Vor zwölf Jahren

Uwe Neumärker

[1:06:35] Da waren Sie..   86

Leon Henry Schwarzbaum

[1:06:40] ja

Uwe Neumärker

[1:06:42] Warum haben Sie so lange geschwiegen

Leon Henry Schwarzbaum

[1:06:45] Ich konnte nicht drüber reden äh.   also unter Freunden da hat man schon darüber geredet gesprochen aber so erzählen so ich-a-ich erachte das als meine Pflicht zu reden wissen Sie ? Junge Leute wissen nicht genau was damals passierte ich erzähle denen das unverblümt direkt die glauben mir das auch was ich erzähle ich übertreibe nicht erzähle nur das was ich erlebt habe

Uwe Neumärker

[1:07:31] Und warum haben Sie vor zwölf Jahren angefangen zu sprechen ? Im Alter von 86 Jahren ? Gab es einen Anlass ?

Leon Henry Schwarzbaum

[1:07:42] Die politische Lage hat mich dazu gezwungen..   erstens   Zweitens hab ich bin ich dazu gekommen dass man das nicht für sich alleine behalten konn-soll  

Sandra Witte

[1:08:07] Und dann wurden Sie auch Zeuge

Leon Henry Schwarzbaum

[1:08:14] Dann wurde ich Zeuge dann hab ich den Hans kennen gelernt dann hab ich ihn gefragt ich wusste dass er ein Regisseur ist ob er einen Film mit mir machen will hat er gesagt"ja ist gut"und dann haben wir nun die Reisen gemacht den Film gedreht dreieinhalb Jahre vier Jahre heute noch und äh.   das erscheint mir sehr wichtig zu sein angesichts der politischen Lage

Sandra Witte

[1:08:51] und Sie waren auch Zeuge bei einem Gerichtsverfahren

Leon Henry Schwarzbaum

[1:08:56] ich war auch Zeuge beim Gerichtsverfahren [zeigt Unterlagen in die Kamera] ich war Zeuge eines Gerichts in...in Detmold

Uwe Neumärker

[1:09:16] Was war das für ein Verfahren

Leon Henry Schwarzbaum

[1:09:18] Hier.   In Detmold   [reicht die Unterlagen rüber]

Sandra Witte

[1:09:29] Dadrunter vielleicht ? Der Brief an Hanning ?

Leon Henry Schwarzbaum

[1:09:42] [zeigt ein Foto] Das ist mein Freund Professor Tuchmann er lebt leider nicht er ist jetzt gestorben leider erst   Das war ein sehr netter Mann..   [blättert weiter in den Unterlagen] ja  

Uwe Neumärker

[1:10:27] Können Sie uns noch was zu dem Gerichtsverfahren erzählen ?

Leon Henry Schwarzbaum

[1:10:30] Ja bitte

Uwe Neumärker

[1:10:30] Das wäre..  

Leon Henry Schwarzbaum

[1:10:33] [nimmt etwas vom Tisch] äh hier in dem Brief den kann ich vorlesen nech

Sandra Witte

[1:10:38] [leise] das ist er glaube ich   Herr Schwarzbaum

Leon Henry Schwarzbaum

[1:10:41] [blättert lange..   und liest vor] Es verfolgen mich heute noch jeden Tag Bilder aus der Zeit eines jedoch kommt immer wieder Auschwitz-Birkenau mal wieder ein-eine Blocksperre man durfte nicht draußen sein und nicht durch die Ritzen der Baracken schauen   Den SS-Sturmführer Johann Schwarzhuber ein Österreicher führt auch ein Motorrad von einem Lastwagen her der vollgestopft ist mit nackten Menschen die Menschen nahmen die Arme in den Himmel und weinen und die schreien   Niemand konnte ihnen helfen   Die SS war grausam und sadistisch die Nazis haben mein Leben zerstört   35 Angehörige meiner Familie sind ermordet worden   Ich älter- je älter ich werde je mehr muss ich das- an das Geschehene denken ich bin jetzt 95 und träume noch heute davon warum haben diese Menschen so etwas getan warum haben so viele mitgemacht das möchte ich wissen   Herr Tremmel wir sind beide fast gleich alt und wir stehen bald vor dem höchsten Richter ich möchte Sie auffordern uns die historische Wahrheit zu erzählen sprechen Sie hier in diesem Ort über das was Sie und ihre Kameraden getan und erlebt haben so wie ich es für meine Seite tue   Ich habe dies auch zu Herrn Hanning in Detmold gesagt ich danke dem Gericht Hanau und in Detmold dass ich im Namen meiner Eltern Josef und Estera Schwarzbaum meine Familie und meine Träume sprechen darf..   [blättert um] Worte dieses Mannes oder des Herrn Hanning ist enttäuscht eine persönliche und historische Chance ist vertan   Wir waren beim Landgericht in Detmold die Verteidiger von Reinhold Hanning hatten eine Erklärung angekündigt 22 Seiten wurden verlesen damals sagte Hanning dass er gewusst hat was in Auschwitz passiert und dass er sich schämt dabei gewesen zu sein   Er entschuldigte sich dafür gleichzeitig sagte er dass er nur auf Betreiben seiner Stiefmutter in die SS gegangen war-wäre   Er hätte in Auschwitz nur Innendienst gehört.gehabt und später Wache geschoben zwar hat der Mann sich entschuldigt aber er hat nichts dazu beigetragen dass wir uns vorstellen können wies tatsächlich innerhalb der SS aussah   Die Chance ist vertan Reinhold Hanning hat nur das zugegeben was in den Akten steht oder sowieso bekannt war ich habe so viele Fragen an ihn und kann sie nicht stellen   Hanning war unter anderem auch in der Ukraine eingesetzt ein paar Tage vor dem Massaker von Babij Jar über 30.000 Juden wurden von Wehrmacht u-und SS erschossen wurde er verwundet auch wenn er nicht dabei war wie wurde innerhalb der SS darüber geredet   Reinhold Hanning wurde zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt   So v- Die Verteidigung hat Revision beantragt das wird dauern im Fall Gröning in Lüneburg ist auch noch anderthalb Jahren vom Bundergerichtshof noch nichts über die Re.Revision entschieden   Über die tatsächlichen Geschehnisse in Auschwitz und anderswo herrscht weiterhin tödliches Schweigen es bleibt also auch an uns Überlebenden dass wir sprechen und uns erinnern möglichst genau und immer wieder so lange wir leben   Diese Aufgabe nehmen meine Freunde und ich an mein großer Wunsch isses dass wir allerletzten Zeugen gehört werden und dies dadurch Geschehnisse festgehalten werden das sind wir den Opfern schuldig lange kann ich nicht mehr in Schulen gehen und mit jungen Menschen reden und der wahrscheinlich letzte Auschwitzprozess ist vorbei deshalb möchte ich Sie bitten dass Sie uns unterstützen bei dieser Arbeit diese-ohne Ihre Hilfe schaffen wir es nicht   [faltet den Brief zusammen]

[1:16:11]

Uwe Neumärker

[1:16:09] Sie haben uns heute aus Ihrem Leben berichtet [Leon Schwarzbaum: Ja] Haben Sie noch eine Botschaft für unsere Generation und vor allem für die kommenden Generationen

Leon Henry Schwarzbaum

[1:16:24] Versucht das am Leben zu erhalten das weiter erzäh-zu erzählen da sind so viele unschuldige Menschen umgebracht worden   Unschuldig ! Menschen   die nichts einem getan haben nichts ! Gute Menschen..   Das ist auch das was ich erzähle die Jugendlichen fragen mich auch"Was geben Sie uns denn mit"Sach ich"Geb- ich gebe euch das mit dass ihr das was ich euch erzählt habe weitererzählt überall zu Freunden zu Bekannten zu Verwandten zu Freund-Fremden  

Uwe Neumärker

[1:17:23] Herr Schwarzbaum wir danken Ihnen ganz herzlich

Sandra Witte

[1:17:27] Vielen Dank

Leon Henry Schwarzbaum

[1:17:32] Die Welt wird noch in hundert Jahren darüber reden was passiert ist es war so ungeheuerlich die Schuld ist so ungeheuerlich dass man wenn Sie mich fragen"Können Sie es vergeben ?"sach ich"Ich hab nicht das recht zu vergeben   Ich nicht   Die Toten   die ja   Aber die können nicht reden"Das ist meine Mission.   Ich hoffe   dass ich Ihnen alles erzählt habe

Uwe Neumärker

[1:18:34] Wir sind schwer beeindruckt

Leon Henry Schwarzbaum

[1:18:36] Es gibt noch paar Sachen die ich die ich nicht erzählt habe aber ich war nicht dabei aber ich weiß dass ihr das geschehen ist   Einer Frau Mann eine Schauspielerin eine bildhübsche Person äh Schauspielerin ju--jüdisch jüdischen Glaubens kommt in-nach Auschwitz und-und-und die Leute stehen da auf dem   Hof da vor der Krematorium vor dem Krematorium die Krematorien sind überfüllt mit Leichen und-und-und Todesgeruch und-und-und vor ihr steht ein Mann heißt Schillinger Unterscharführer Schillinger vollgefressen son voller rot angel-angelaufene Gesicht und da sagt er zu ihr äh"Ausziehen !"und da hat sie ausgezogen ihre Strümpfe und hohe Schule Büstenhalter"Ausziehen !"welche Frau macht denn das sowas äh geniert sich doch und was hat sie gemacht ? Sie hat den Büstenhalter genommen hat sie den Büstenhalter [deutet Schläge an] umge- hier oben um die Augen geknallt und hat seine Pistole gegriffen und hat ihn erschossen   Er stammte aus Freiburg aus Freiburg also ein Süddeutscher da wo die Menschen irgendwie die netten Menschen leben [im Hintergrund Uwe Neumärker: Denkt man] das war da und hat noch einen anderen angeschossen

Uwe Neumärker

[1:20:39] Und was ist dann mit ihr passiert ?

Leon Henry Schwarzbaum

[1:20:40] Die hat man umgebracht gleich..   Mann hieß sie [Uwe Neumärker: Mann] im Internet können Sie das lesen er hieß Schillinger er kam ja ins Lager mit der Maschinenpistole ein-ein brutaler Mann   Ich hab vor ihm hab ich aber auch eine wahnsinnige Angst gehabt er stand ja immer vor mir äh.   ich wusste gar nicht was der will..   die ganze Nacht haben wir da gestanden als Repressalie [Uwe Neumärker: mhm] als Folge

Uwe Neumärker

[1:21:38] Und das sind die Bilder die Sie noch immer verfolgen

Leon Henry Schwarzbaum

[1:21:41] Immer   Das hab ich immer präsent   Das junge Mädchen die-die des-des des der-der Offizier auf dem Motorrad und hinter ihm her ein Lastwagen voller nackter Menschen voller nackter Menschen ! Die schrien [hebt die Arme] hebten die Hände hoch zum lieben Gott wir haben ja gehofft dass der liebe Gott in der letzten Minute wenn die wussten dass sie in die Krematorien fahren das war der Weg geradeaus links

Uwe Neumärker

[1:22:26] Aber der liebe Gott hat ihnen nicht geholfen

Leon Henry Schwarzbaum

[1:22:29] hat nicht geholfen   Und da hab ich den Glauben an Gott verloren da hab ich gedacht wo bleibt der liebe Gott der hilft den armen Menschen nicht

Uwe Neumärker

[1:22:46] Haben Sie nach Kriegsende hier in Berlin Kontakt zur Jüdischen Gemeinde aufgenommen ?

Leon Henry Schwarzbaum

[1:22:52] ich hab immer Kontakt gehabt mein Geld haben se immer gern gehabt

Uwe Neumärker

[1:23:00] Das klingt nach einem nicht ganz herzlichen Verhältnis

Leon Henry Schwarzbaum

[1:23:03] ja.   aber erkannt zu dem Prozess in Detmold da sind se nicht hingekommen und haben mich unterstützt dabei da war ich auf Hilfe angewiesen von fremden Menschen aber die hätten da doch kommen sollen und- ich äh das war doch der letzte Auschwitz-Prozess   hätten se mir doch helfen können haben sie nicht getan   Das werd ich den-das werd ich denen nicht vergessen..   es hätte sie- letzter Auschwitz-Prozess da sind Juden Russen Polen Zigeuner und andere Menschen umge-umgekommen   War kein Russe da kein Pole da kein Jude da der-der uns geholfen hätte unterstützt hätte

Uwe Neumärker

[1:24:16] Aber Sie waren wenigstens da

Leon Henry Schwarzbaum

[1:24:18] ja ich war da   [Uwe Neumärker: naja] Ich war da

Uwe Neumärker

[1:24:21] Sie haben gesprochen im Gegensatz zum Täter [Leon Schwarzbaum: ja] und das ist wichtig

Leon Henry Schwarzbaum

[1:24:29] [nimmt die Unterlagen erneut in die Hand] Sehr geehrter Herr Hanning   nicht die jüdische Gerechtigkeit sondern die göttliche wird Sie für die Barbarei richten die die SS der Menschheit angetan hat ihre Kumpanei mit ihren ehemaligen Kameraden wird dann zu Ende sein vor Gott werden Sie die Wahrheit sagen müssen die Sie uns hier im Prozess in Detmold vorenthalten haben   Angesicht der millionenfachen Quälereien und Morde haben Sie uns ein unglaubwürdiges Bild eines relativ unbeteiligten Beobachters geliefert   Statt die historische Wahrheit für die Menschheit und Nachwelt darzustellen verstecken sich hinter Ausreden Schweigen und hinter Paragraphen   Im Prozess saßen Sie und schwiegen   Zwar haben Sie in Ihrer Erklärung von der SS distanziert aber aufgrund Ihres gesamten Verhaltens ist Ihre Erklärung für mich nicht glaubwürdig   Für mich ist Ihre Aussage ein Lippenbekenntnis um vor Gericht mindernde Umstände zu erlangen Sie haben eine Chance vertan um mit sich ins Reine zu kommen   Nun müssen Sie bis ans Le-Lebensende in der Dunkelheit Ihres Gewissens leben   Die SS hat zahlreiche Konzentrationslager in ganz Europa errichten und eine Mordmaschinerie in Gang gesetzt wie es sie in der Geschichte der Menschheit noch nicht gegeben hat   Wie ein Fl- am Fließband hat diese Maschinerie funktioniert und sie war ein Teil dieser tödlichen Arbeitsleistung - Arbeitsteilung   Dafür verfluche ich die SS deren Teil sie waren   Ganze Völker sollten ausgelöscht werden   Hatten Sie denn kein Mitleid wenn sie sahen wie kleine Kinder mit ihren Müttern ausgesondert wurden Sie wussten doch dass diese Menschen in Auschwitz ermordet werden das haben Sie auch zugegeben   ..   [blättert] Mussten Sie nicht an die Kinder denken von Auschwitz als Sie Ihre Kinder und Enkel aufwachsen sahen am Anfang des Prozesses hier in Detmold habe ich sogar noch Mitleid mit Ihnen gehabt Sie sind ein alter Mann so wie ich   Ha-Hatten Haben höflichst geglaubt dass Sie ein anderer Mensch geworden sind und nicht glauben so wie Sie sich in dem Verfahren versteckt haben und mit Ihrem Schweigen erneut quälen   Es gab kein Verzeihen es gibt kein Verzeihen oder gar Vergebung das können nur die Toten tun denen Sie als Teil der SS das Leben nahmen und Tote vergeben nicht   Sie müssen mit dem Fluch des Unausgesprochenen leben bis zu Ihrem Lebensende dafür bedauere ich Sie   Es lag an Ihnen die historische Wahrheit zu sagen sowie wir von Auschwitz Überleben es hier in Detmold getan haben   Das haben Sie nicht getan obwohl von Seiten der-des Gerichts so viel Behutsamkeit Ihnen gegenüber gezeigt wurde so wie wir als Überlebende bis zum Tod mit den nächtlichen furchtbaren Erinnerungen leben müssen werden auch Sie bis zum Tod mit sich alleine sein   Das-den Brief habe ich ihm übergeben während des Prozesses

Uwe Neumärker

[1:28:27] Und haben Sie eine Antwort erhalten ?

Leon Henry Schwarzbaum

[1:28:29] Nein   Hab den Brief der Anwalt hats in Empfang genommen der saß neben ihm

Uwe Neumärker

[1:28:37] Hatten Sie Blickkontakt ?

Leon Henry Schwarzbaum

[1:28:40] Ja ja

Uwe Neumärker

[1:28:42] [gleichzeitig:] Hat der irgendne Rührung gezeigt

Leon Henry Schwarzbaum

[1:28:44] Na er saß so [setzt sich gebeugt mit Blick auf den Boden hin] so

Uwe Neumärker

[1:28:52] Waren Sie nach Kriegsende mal wieder in Auschwitz ? Haben Sie die Gedenkstätte mal besucht ? [Leon Schwarzbaum nickt] Wann war das das erste Mal ?

Leon Henry Schwarzbaum

[1:29:03] Ein paar Mal war ich da

Uwe Neumärker

[1:29:04] Und wann war das erste Mal ?

Leon Henry Schwarzbaum

[1:29:05] na schon lange her...hm..  

Uwe Neumärker

[1:29:22] Und würden Sie dort nochmal hinfahren ?

Leon Henry Schwarzbaum

[1:29:23] heute hab ich eine Einladung bekommen nach Auschwitz

Uwe Neumärker

[1:29:29] zum ? welchen

Leon Henry Schwarzbaum

[1:29:30] Jubiläum

Uwe Neumärker

[1:29:31] am 27   Januar 2020

Leon Henry Schwarzbaum

[1:29:34] ja   Haben mich angerufen heute von der polnischen Botschaft

Uwe Neumärker

[1:29:40] Wie ist Ihr Verhältnis zu Polen ?

Leon Henry Schwarzbaum

[1:29:45] bitte ?

Uwe Neumärker

[1:29:45] Wie ist Ihr Verhältnis zu Polen und grade auch zum heutigen Polen

Leon Henry Schwarzbaum

[1:29:48] gespalten   gespalten

Uwe Neumärker

[1:29:49] warum ?

Leon Henry Schwarzbaum

[1:29:56] Warum ?..   weil ich versucht habe zu fliehen das habe ich nicht erzählt das war in Gleiwitz ich versuchte zu fliehen und man hat mir das war in.in Będzin und dann hat man mich haben die Polen mich geschnappt die Hände ausge- na   nach unten ausgekugelt und rausgebracht und hab Glück gehabt dass man mich nicht erschossen hat jeder der floh wurde erschossen..  

Uwe Neumärker

[1:30:46] Und warum ruft die polnische Botschaft an um Sie nach Auschwitz einzuladen ? Sind Sie polnischer Staatsbürger noch ?

Leon Henry Schwarzbaum

[1:30:58] Ich bin keiner mehr   Ich bin nur in Polen aufgewachsen   Und ich finde das nicht korrekt dass die Schule die mein Onkel gestiftet hat und bezahlt hat und.und.und in seiner Regie überhaupt stattgefunden hat das Projekt dass die nun heute anders heißt [Zustimmende Geräusche von UN] das heißt nicht Fürstenberg-Gymnasium (__) -Gymnasium heißt das und das ist ja meines Onkels

Uwe Neumärker

[1:31:41] Nun wir wissen ja alle dass sich Polen mit dem deutschen und auch mit dem jüdischen Erbe schwer tut   Das ist ja bekannt  

Leon Henry Schwarzbaum

[1:31:49] Die haben sich auch nicht richtig verhalten   Da sind ja Menschen die die sich versteckt haben die sie versteck   die sie die Polen versteckt haben   Solange sie zahlen konnten da waren se haben se und nachher wenn sie einen Zuschuss eines Tages der Krieg hat ja lang gedauert und als eines Tages kein Geld oder kein Schmuck mehr da war was hat man dann gemacht ? Da hat man denen ne Decke über den Kopf gelegt und man hat se umgebracht

Uwe Neumärker

[1:32:35] Vielleicht noch eine letzte Frage das würde mich noch persönlich sehr interessieren   Haben Sie jemals überlegt auszuwandern nach Australien in die USA oder gar nach Israel

Leon Henry Schwarzbaum

[1:32:45] nein nun habe ich nun hier Fuß gefasst und mir eine Existenz gegründet und war mit meiner Frau führt ein.ein.ein sehr gesellschaftliches Leben ich war zufrieden mit meinem Leben hier in Berlin  

Uwe Neumärker

[1:33:12] Und sind es noch immer

Leon Henry Schwarzbaum

[1:33:20] Heute würde ich das nicht ohne weiteres bejahen..   es sitzt ein Stachel in einem   Ein Stachel   Und der Stachel der tut weh   Aber das muss ich ertragen..  

Uwe Neumärker

[1:34:02] Das war ein gutes Schlusswort

Sandra Witte

[1:34:13] Ich glaube auch

Uwe Neumärker

[1:34:14] Danke für die Zeit   Danke   dass wir daran teilhaben durften  

Sandra Witte

[1:34:25] Vielen Dank Herr Schwarzbaum

Uwe Neumärker

[1:34:26] Für Ihr Vertrauen und Ihre Offenheit

Datum Ort Text
ab 1921 Hamburg Geburt als Sohn polnischer Juden
ab 1924 Kattowitz Umzug der Familie ins polnische Będzin
ab 1939 Kattowitz Abitur am Fürstenberg-Gymnasium
ab 1940 Kattowitz Zwangsumsiedlung ins Będziner Ghetto Kamionka
ab 1943 Auschwitz (Konzentrations- und Vernichtungslager) Deportation ins 50km entfernte Konzentrationslager Auschwitz
1944 - 1945 Bobrek (Außenlager des Konzentrationslager Auschwitz III) Zwangsarbeit im Siemens-Schuckertwerken im Auschwitz-Außenlager Bobrek
ab 1945 Buchenwald (Konzentrationslager) Transport von Gleiwitz ins KZ Buchenwald
ab 1945 Berlin-Haselhorst (Zwangsarbeitslager) Verschleppung ins Außenlager Haselhorst in Berlin
ab 1945 Sachsenhausen (Konzentrationslager) Verschleppung ins KZ Sachsenhausen mit der S-Bahn
ab 1945 Stettin Aufenthalt im polnischen Stettin
ab 1945 Berlin Aufbau eines Lebens in Berlin als Antiquitätenhändler
1945 - 1945 Gleiwitz (Konzentrationslager) Todesmarsch nach Gleiwitz
1945 - 1945 Belower Wald Todesmarsch durch den Belower Wald
ab 1945 Schwerin Kurzer Aufenthalt in Schwerin
ab 1945 Belower Wald Befreiung durch amerikanische Soldaten
ab 1945 Kattowitz Rückkehr nach Kattowitz und Będzin für wenige Tage
2016 - 2016 Detmold Aussage im Prozess gegen den KZ-Aufseher Reinhold Hanning
ab 2018 Veröffentlichung des Dokumentarfilms "Der letzte Jolly Boy"
Interviewer/innen: Sonja Witte, Uwe Neumärker
Kamera, Licht und Ton: Uwe Seemann
Institution: Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin
Datum: 29. Oktober 2019
Bearbeiterin: Merle Stöver (Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas)

Leon Henry Schwarzbaum wurde am 20. Februar 1921 in Hamburg-Altona geboren. Seine Eltern, Josef und Esthera Schwarzbaum, betrieben dort ein Altmetallgeschäft. 1924 siedelte die Familie ins oberschlesische Będzin nahe Kattowitz über. Dort bewohnten sie gemeinsam mit weiteren Verwandten ein Haus, auf dessen Dachboden sie außerdem Daunendecken herstellten. Schwarzbaums Familie sprach polnisch, jüdische Feiertage hielten sie ein, waren jedoch nicht sehr religiös. In Będzin ging Leon Schwarzbaum auf das Fürstenberg-Gymnasium und machte 1939 das Abitur. In seiner Freizeit trieb Leon Schwarzbaum Sport und sang in einer Gruppe namens 'Jolly Boys'.

Auf erste Verbote und Einschränkungen für Jüdinnnen und Juden 1939 folgten schließlich Razzien, die Errichtung eines Ghettos in Będzin 140 und die ersten Deportationen ins KZ Auschwitz-Birkenau. Mit einem dieser ersten Transporte wurden auch Josef und Esthera Schwarzbaum deportiert. Leon Schwarzbaum erfuhr wenige Wochen später, nachdem er selbst in das Konzentrationslager gebracht wurde, dass seine Eltern nach ihrer Ankunft sofort ermordet wurden.

In Auschwitz wurde Leon Schwarzbaum zum Läufer des Lagerältesten ernannt und konnte sich mit dieser Tätigkeit vor der Selektion bewahren. Später wurde er zur Zwangsarbeit ins Außenlager Bobrek überstellt, um dort für die Siemens-Schuckert-Werke Werkzeuge und Vorrichtungen herzustellen. Als Häftling erlebte er unter anderem auch den 2. August 1944, die Liquidierung des sogenannten Zigeunerfamilienlagers mit.
Im Januar 1945, als sich die sowjetischen Truppen dem Lagerkomplex Auschwitz näherten, wurden die verbliebenen Häftlinge zu Fuß auf den Todesmarsch nach Gleiwitz geschickt. Von hier wurde Leon Schwarzbaum mit einem Transport zunächst nach Buchenwald und von dort mit einem weiteren Transport nach Berlin-Siemensstadt, in eines der Außenlager des KZ Sachsenhausen, gebracht. Nachdem das Lager in Siemensstadt von den britischen und amerikanischen Truppen bombardiert wurde, wirden die Häftlinge zunächst mit der S-Bahn nach Bernau gebracht und mussten von dort zu Fuß zum KZ Sachsenhausen laufen. Auch hier blieb Schwarzbaum nur kurze Zeit. Bevor die russischen Truppen Sachenhausen erreichten, wurden die Häftlinge am 21. April 1945 erneut auf einen Todesmarsch Richtung Nordwesten geschickt. Nach etwa 150 Kilometern wurden Schwarzbaum und die übrigen Überlebenden im Belower Wald durch amerikanische Truppen befreit.

Gemeinsam mit einem Freund überstand Leon Schwarzbaum die Tage nach der Befreiung, indem sie Zigaretten gegen Nahrungsmittel tauschten und zunächst in einem Befehlswagen der SS einquartierten. Schließlich fuhren die beiden vom Belower Wald mit einem Panjewagen der SS nach Schwerin, wo sie sich in einer Zentrale der NSDAP einquartierten. Ein jüdischer Major der russischen Streitkräfte ermöglichte es ihnen, mit einem Lastwagen nach Kattowitz zu fahren, wo Schwarzbaum seine Cousine wiedertraf. Sie war jedoch die einzige Verwandte, die er in Kattowitz und Będzin finden konnte, die überlebt hatte. Gemeinsam mit seinem Freund Jonas Kleinmann fuhr er nun zunächst nach Stettin, wo sich die beiden über mehrere Wochen aufhielten. Von dort fuhren sie schließlich mit dem Auto nach Berlin, in die "Höhle des Löwen". In Berlin baute sich Leon Schwarzbaum eine Existenz auf: Er handelte mit Antiquitäten und lernte 1952/53 seine Partnerin und spätere Ehefrau kennen. Mit ihr, einer christlichen Berlinerin, war er 50 Jahre verheiratet.

Über seine Erlebnisse während des Krieges sprach Schwarzbaum lange Zeit nur im engen Freundeskreis. Erst im Alter von 86 Jahren entschied er, dieses Schweigen zu brechen. 2016 sagte Leon Schwarzbaum als Zeuge im Prozess gegen Reinhold Hanning, einen SS-Unterscharführer und Angehörigen der Wachmannschaft im KZ Auschwitz-Birkenau, aus. Während des Gerichtsverfahrens übergab Schwarzbaum dem Verteidiger Hannings einen Brief, der sich an Reinhold Hanning richtete. Dieser beinhaltete fragmentarische Erinnerungen an die Taten der SS und brachte die Enttäuschung zum Ausdruck, dass Hanning die persönliche und historische Chance vertan habe, die Wahrheit zu sprechen. Auch betonte Schwarzbaum, dass er angesichts millionenfacher Quälereien und Morde der Erklärung Hannings, die dieser vor dem Gericht in Detmold verlas, keinen Glauben schenken könne. Verzeihen war für Schwarzbaum nicht möglich, im Gegenteil: "Es gab kein Verzeihen es gibt kein Verzeihen oder gar Vergebung das können nur die Toten tun denen Sie als Teil der SS das Leben nahmen und Tote vergeben nicht. Sie müssen mit dem Fluch des Unausgesprochenen leben bis zu Ihrem Lebensende dafür bedauere ich Sie." Auf seinen Brief erhielt Schwarzbaum jedoch nie eine Antwort.

Mehrfach nahm Leon Schwarzbaum, seit er begonnen hatte über seine Erfahrungen zu sprechen, an Gedenkveranstaltungen u.a. in der Gedenkstätte des ehemaligen KZ Auschwitz-Birkenau teil.

Mit dem Gedanken auszuwandern spielte Leon Schwarzbaum nie: Mit seinem Leben in Berlin war er zufrieden, doch dennoch sagt er im Interview: "Es sitzt ein Stachel in einem. Ein Stachel. Und der Stachel der tut weh. Aber das muss ich ertragen..."
In dem Gespräch betonte Leon Schwarzbaum die Notwendigkeit, die Erinnerung zu erhalten und die Erzählungen der Überlebenden weiterzugeben - an Freunde, Bekannte, Verwandte und auch Fremde.