Zilli Schmidt (*10.07.1924, Hinternah)
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- Signatur
- 01188/sdje/0075
- Institut
- Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin
- Sprache
- deutsch
- Ort und Datum der Aufnahme
- Mannheim, den 9. Juli 2018
- Dauer
- 02:19:08
- Interviewer
- Jana Mechelhoff-Herezi , Hamze Bytyçi
- Interviewter
- Zilli Schmidt
- Kamera, Licht und Ton
- Veronika Patočkova
- Teilnehmer am Gespräch
- Renate Franz
- Redaktion
- Jana Mechelhoff-Herezi
- Transkription
- Anne Drees
Zilli Reichmann, geboren 1924 im thüringischen Hinternah, überlebte das KZ Lety, das sogenannte Zigeunerfamilienlager in Birkenau und das KZ Ravensbrück. Ihre Tochter Gretel, ihre Eltern, die Schwester mit ihren sechs Kindern und zahlreiche Verwandte wurden in der Nacht vom 2. August 1944 in Birkenau ermordet. Zilli Reichmann wurde am selben Tag nach Ravensbrück deportiert. Sie floh nach Berlin und konnte sich mit falschen Papieren bis Kriegsende frei bewegen. Den Reichmanns ging es wirtschaftlich gut: Sie handelten mit Instrumenten und Kurzwaren und betrieben ein Wanderkino. Ab 1933 geriet die Familie zunehmend in Bedrängnis durch die Behörden, denen sie durch häufige Ortswechsel zunächst entgehen konnten. Doch dann wurde Zilli Reichmann im Alter von 17 Jahren in Straßburg verhaftet und nach Lety verschleppt. Nach ihrer Flucht aus Lety wurde sie erneut aufgegriffen und – wie später ihre gesamte Familie – ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Nur zwei Brüder überlebten. Ihr Kampf um Entschädigung nach 1945 war zermürbend. Die Bearbeiter bezogen sich auf Daten, die NS-Rasseforscher angelegt hatten. Obwohl sie den Verlust ihrer Tochter nie verwunden hat, blickt die heute 94-jährige mit den Worten »ich hatte ein schönes Leben« zurück. Ihr verstorbener Ehemann – ebenfalls ein Überlebender – war erfolgreicher Musiker. Im Glauben fand Zilli Reichmann Zuversicht und Frieden. Über die aktuellen politischen Entwicklungen zeigt sie sich zutiefst besorgt.
Vorkontakte
Im März 2018 kam es, nachdem der Kontakt extern vermittelt wurde, zu einem ersten Telefonat. Es folgten weitere Telefonate und Briefe. Parallel zum Kontakt zu Zilli Schmidt wurde mit Renate Franz bereits das Interview organisiert. Am Tag vor dem Interview fand ein Treffen zum Kennenlernen zwischen Jana Mechelhoff-Herezi, Zilli Schmidt und ihrer engen Vertrauten Renate Franz statt. Bei diesem Treffen wurden zudem erneut der Ablauf und die Bedingungen des Interviews besprochen, außerdem fand eine Technikprobe statt.
Bedingungen
Das Interview fand im Wohnzimmer der Interviewten statt. Die Bedingungen waren hier während des Interviews sehr günstig: Die Lichtverhältnisse waren gut, das Interview fand bei leichtem Tageslicht statt. Es gab lediglich geringfügige Störungen durch Hintergrundgeräusche.
Gruppensituation
Neben Zilli Schmidt nahmen am Interview Jana Mechelhoff-Herezi und Hamze Bytyçi als Interviewende und Veronika Patočková hinter der Kamera statt. Außerdem befand sich Zilli Schmidts Vertraute Renate Franz im Hintergrund.
Unterbrechungen
Nach einer von ihr so empfundenen Gedächtnislücke/ Unsicherheit über bestimmte zeitliche Abfolgen in ihrer Verfolgungsgeschichte fand auf Zilli Schmidts Wunsch eine kurze Unterbrechung des Gespräches statt. Außerdem wurde das Gespräch ebenfals kurz unterbrochen, als Renate Franz sich verabschiedete. Gelegentliche kam es außerdem zu geringfügen Unterbrechungen des Interviewflusses, etwa zum Anzünden von Zigaretten und Anreichen von Getränken.
Protokoll
Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas (Berlin), intern
Eindrücke
Das Interview-Team wurde von Zilli Schmidt und Renate Franz sehr herzlich aufgenommen. Zu Beginn des Interviews wirkte Zilli Schmidt noch unsicher, sprach zunächst eher schematisch über den Beginn ihres Lebens. Zu einem späteren Zeitpunkt, als sie einzelne zeitliche Abläufe ihrer Verfolgungsgeschichte im Detail nicht rekonstruieren konnte, meinte sie, den Faden verloren zu haben. Im Laufe es Interviews wirkte sie zunehmend entspannter, erzählte flüssig, einige Details ganz offensichtlich Fremden gegenüber erstmals. Sie zeigte sich als überaus unterhaltsame und pointierte Erzählerin, mit lebendigen und detailreichen Schilderungen. Einige Passagen des Erzählten waren in ihrer Grausamkeit und Schmerzlichkeit für die Interviewenden und die Interviewte gleichermaßen schwer erträglich. Bei einzelnen Fragen setzte die Interviewte selbstbewusst eine Grenze. Während des Interviews wuchs das Vertrauen von Zilli Schmidt, so wechselte sie im Verlauf des Gesprächs von der Anredeform Sie zu Du/Ihr. Nach dem Interview herrschte eine bei allen Beteiligten erschöpfte, doch überaus herzliche Atmosphäre. Die Verabschiedung erfolgte in allseitiger Vorfreude auf das baldige Widersehen im Berlin.
[0:00] heute ist Montag der neunte Juli 2018 wir sind zu Gast in Mannheim bei Zilli Reichmann in ihrer Wohnung und wir führen heute ein lebensgeschichtliches Interview für das Video-Archiv »Sprechen trotz allem« mit ihr der erste Kontakt mit Frau Reichmann ist vor einigen Wochen über Romeo Franz zustande gekommen mein Name ist Jana Mechelhoff-Herezi und ich mach das Interview zusammen mit Hamze Bytyçi und an der Kamera ist Veronika Patočková wo sind Sie geboren und wann ? [Schnitt]
[0:36] also ich bin geboren am zehnten Juli 1924 und zwar in Hinternah das ist Thüringen das ist in Thüringen und äää ja und mein Leben ja ich bin da auf die Welt gekommen und dann späterhin ich bin eine Zigeunerin und dann waren wir früher jetzt heißt es DDR früher war das ein ganz schö-schönes Land das is heute noch und da waren wir unterwegs und da bin ich auch in die Schule gegangen in Jena in Halle und Gera alle diese Städte da bin ich zur Schule gegangen und mein Vater war ein Schausteller wir hatten ein Wanderkino er hatte ein Schaustellergewerbe und das war ein großer Vorteil später in die Hitlerzeit dann äää in die Hitlerzeit da sind wir geflüchtet wir waren dann in äää ja wo waren wir ? In Eger ja in Eger da haben wir gewohnt aber äää Anfang äää Zeit bin ich dann nach Bayern da bin ich auch in die Schule gegangen in Ingolstadt und da waren wir auch bis der Hitler kam das war 39 aber von da aus sind wir geflüchtet in alle Länder aber das hat uns nicht viel gebracht aber zum Glück mir hatten ein Schaustellergewerbe da konnte ich immer mein Lebensmittelkarten holen dass wir da weiter leben konnten und das war auf das Gewerbe weil wir Schausteller waren als Sinti hätten wir nichts gekriegt wir waren verfolgt bis geht nicht mehr bis viele von uns waren in diese Zeit schon im Lager in in in in Thüringen das Lager ich weiß es äää wie heißt das Lager in Thüringen ?
[3:02] Buchenwald ?
[3:05] wie ?
[3:07] in Buchenwald ?
[6:15] in Buchenwald ganz genau da sind meine Cousins schon damals hingekommen aber wir waren halt unterwegs geflüchtet ne ganze Zeit und äää wir haben dann später sin ma geflüchtet bis Frankreich in Metz haben wir dann gewohnt das war unser letzter äää Wohnsitz und äää von Metz bin ich nach Strafburg-Straßburg gefahren da hatten wir zwei Cousinen die waren da auch versteckt irgendwo bei bei die Franzosen und äää die habe ich dann besucht und mein Vater hat gesagt das waren meine zwei Cousinen ja haben da gewohnt bei denen äää »Zilli wenn du dahin fährst bring die Mädchens mit« also das waren noch die eine war älter und die andere war jünger »bring die Mädchen mit« und ja da habe ich gesacht »mein Vater hat jesagt ihr sollt mitkommen« ja dann sind wir auf den Bahnhof gegangen und wir wollten wieder nach Metz fahren da wo meine Eltern waren da war auch mein Kind und äää ja meine Mutter mein Vater mein Kind und mein Bruder der jüngste der Ältste ja nicht der war bei Soldaten und äää da sind wir da ja und da sind wir ää am Bahnhof gegangen und wollten und da hat die Retchen schon gesagt meine Cousine »Zilli geh du hol die Karten« bin ich dahin gegangen und wollte die Fahrkarten nach Metz auf einmal kam einer hinter mir »im Namen des Gesetzes Sie sind verhaftet« ich bin aber nicht gesucht worden das waren meine zwei Cousinen die gesucht worden ist habe ich gesacht »ich habe doch gar nichts getan« doch die sind gesucht worden das waren Gestapo also gut auf einmal sagte Retchen also da haben sie die zwei auch mitgenommen weil die bei mir waren hab ich gedacht »ach wenn se meine Cousinen mitnehmen geh ich auch mit« ich war doch jung und dumm wenn ich das gewusst hätt wäre ich nicht mitgegangen bin ich auch mitgegangen und dann bin ich nach Straßburg verhaftet worden das war mein erschtes Gefängnis im Raschpelhaus Straßburg und da haben wir viele Monate in Straßburg in das Gefängnis zugebracht und da sind wir halt das war unser Leidensweg was losgegangen ist nach äää Reichenberg nach Lety und von Lety nach Auschwitz das war so der Gang den ich gegangen bin und zuletzt bin ich in Auschwitz gelandet das war 42 da war das Lager noch gar nicht aufgebaut da waren noch Schmutz und dreckig und kein Wasser und alles das nicht ich bin 42 dann nach Auschwitz gekommen und da hab ich halt gelebt äää drei Jahre ja 42 ja bis äää wann war das ? Also jedenfalls nach Auschwitz und ääää
[6:11] wahrscheinlich war das von Anfang 1942 kurz bevor das Lager eingerichtet wurde so Januar Februar
[6:21] [gleichzeitig] ganz genau
[6:23] bis August 44 also zweieinhalb Jahre waren Sie dann da
[6:26] ja nein ich war nicht ganz weil äää das letzte wie unser Lager vernichtet worden ist da sind sie ja am zweiten August alle vernichtet worden mein Kind meine Eltern meine Schwester mit sieben Kinder und noch meine ganze Verwandtschaft wir waren in Block sechs und da waren viele von unserer Verwandtschaft noch drinne und die sind dann zuhause äää zusammen vernicht äää vernichtet worden oh ja und den selben Tag am zweiten August ist unser äää Transport gegangen nach Ravensbrück ich bin weggekommen weil ich Arbeitseinsatz war ich war erscht mal achtzehn Jahre alt da war ich im Arbeitseinsatz und da sind wir nach Ravensbrück gekommen und an dem selben Tag haben sie unsere Familie vernichtet was wollten Sie noch wissen ?
[7:21] vielleicht gehen wir noch mal ein bißchen zurück ähm mehr nach 1924 25 28 Sie haben gesagt ähm ja wie war das ? Wer gehörte wer gehörte zu der zu der Familie ? Die Eltern ? Wie viele Geschwister gabs ? Wie war das ? Wie sah die Familie Reichmann aus ?
[7:40] ach so ja wir haben eine glückliche Familie gehabt wir waren fünf Kinder also ich meine Schwester die eine meine Mutter hat mehrere Kinder gehabt aber die sind dann vor dem schon gestorben und zuletzt waren wir fünf das weiß ich äää meine Schwester ach so ja wir haben eine glückliche Familie gehabt wir waren fünf Kinder also ich meine Schwester die eine meine Mutter hat mehrere Kinder gehabt aber die sind dann vor dem schon gestorben und zuletzt waren wir fünf das weiß ich äää meine Schwester und ich äää zwei Schwestern drei Schwestern waren wir und äää zwei Brüder ja wir waren fünf Kinder wir haben ein glückliches Leben gehabt mein Vater habe ich auch schon gesagt das war ein Schausteller wir hatten ein Wandergewerbe und ein Kino und äää da ham wir in die Zeit auch schon äää Ruhe gehabt wir konnten stehen wir haben die Erlaubnis gehabt mit unseren Wagen mit unserem Wohnwagen da zu stehen und mein Vater hat dann äää Vorführung gemacht Kino in di-ie Bauerdörfer da im Saal halt die haben einen großen Saal gehabt und das hat man dann damals vermietet und da hat mein Vater Kino gespielt und das war mein Leben und so bin ich groß geworden und wir waren eine glückliche Familie
[8:56] und ähm der der Wagen das war ein hölzerner Wagen ? Wurde der von Pferden gezogen oder wie wie ging das technisch ?
[9:04] wir hatten einen Bulldog einen Trecker hatten wir ja ein Lanz das weiß ich auch noch den hat mein Vater in in Dresden gekauft
[9:14] das war also ganz modern wie ihr euch bewegt habt
[9:17] ja mein Vater war ein ganz der hat Wohnwagen gebaut der hat sogar Öfen gebaut mein Vater war sehr geschicklich und und ja so einen großen Wagen haben wir gehabt ich habe auch kleine Hühner gehabt er hat mir unten so einen Kasten gemacht wo ich meine fünf Hühner und den Hahn drin hat so kleine Zwerghühner hop hop hop und die Hühner waren drinne
[9:43] ach wie schön
[9:44] das war mein Leben ja
[9:45] hatten die Namen die Hühner ?
[9:47] nein nein
[9:48] nein
[9:50] puttle hab ich gesacht puttle komm komm egal wo wir gestanden haben habe ich sie rausgelassen und da habe ich wieder geklatscht [ZR klatscht] und dann kamen sie alle wieder an die Leiter rauf und waren in dem Kasten drinne mein Vater hat mir dann an den Wohnwagen unten son Kasten gebaut mit solche kleinen Leiter und da sind die Hühner reingegangen
[10:10] und die haben dann und die Eier habt ihr haben Sie dann gesammelt und dann für die Familie oder wurden die auch verkauft ?
[10:15] nein nein nicht verkauft
[10:17] ne
[10:19] die haben wir gegessen glaube ich ja ja
[10:21] und unter den fünf Kindern waren Sie die Älteste oder ?
[10:27] ich war die Zweitjüngste mein Bruder war der Älteste Otto Reichmann das war der äää Jüngste und der älteste war Stefan Reichmann das war der Älteste der war aber im Krieg in Russland
[10:44] und die beiden anderen Mädchen wie hießen die ?
[10:46] äää
[10:47] die Schwestern ?
[10:51] ja jetzt kommt die Zigeunername [ZR lacht] eine hat Esla geheißen
[10:56] Edla ?
[10:57] ja und eine Guki das waren die zwei Mädchen
[11:02] und wissen Sie Sie können vielleicht auch noch sagen wie Ihre Eltern hießen und von wo die stammten wissen Sie das ? Wo die eigentlich her kamen ? Wo die geboren waren die Eltern ?
[11:12] mein Vater war in Ellwangen geboren und meine Mutter glaube ich in Lötzen so viel ich weiß ich weiß das nicht ganz genau aber ich so viel ich weiß in Lötzen aber mein Vater in Ellwangen da war mein Vater geboren der war 82 geboren mein Vater aber unser ganzer Stamm war von Tschechei aää meine ganze Familie die kamen von die Tschechei
[11:43] und kannten Sie auch Ihre Großeltern ? Sind Sie denen mal begegnet ?
[11:47] ja kannte ich auch mein Großvater da war ich sechs Jahre alt wie der gestorben ist der ist in (Tetnig) gestorben (Tetnig) ja aber sonst meine Großmutter nein
[12:05] und und mit der Schule das ging das so Sie sind dann von Ort zu Ort oder von Stadt zu Stadt gefahren ? und dann immer ähm in eine andere Schule gegangen ? Wie ging das ? Hatten Sie so ein Heft wo das
[12:19] wir hatten ein Heft ja und da ist immer eingetragen worden wann wir in die Schule waren und da wo wir gestanden haben da sind wir immer in die Schule gegangen aber wir waren immer auf dem letzten Platz gesessen aber das erschte Jahr das war mein Schuljahr in Jena und bis wir haben immer Winterquartier gemacht und das war unser Winterquartier in Jena und das war mein erschtes Schuljahr und bis wir im Sommer rausgefahren sind konnte ich schon gut lesen und schreiben und da habe ich das erschte Mal dann lesen und schreiben gelernt das war in Jena
[12:57] dann sind Sie wahrscheinlich 1930 ? Eingeschult worden ? Mit fünf sechs Jahren eingeschult wahrscheinlich ?
[13:06] mit sechs Jahre
[13:08] also 1930
[13:09] ja glaube ich schon
[13:10] das war bevor Hitler ahm die Macht erlangt hat
[13:13] natürlich schon lange vorher
[13:16] und wie war das mit den anderen Kindern mit den Kindern die immer in der Stadt wohnten ? Gab es da Freundschaften oder wie wie haben die auf Sie reagiert ?
[13:25] nein wir äää wir hatten keine Freundschaft wir waren im Wohnwagen und da hatten wir keine Freundschaft vielleicht da wo mein frü-Vater mal Kino vorgeführt hat dass ma da Kontakt gekriegt haben aber sonst Freundschaft haben wir keine gehabt nein
[13:41] und und in der Schule ähm gab es da eine Art von Anfeindung oder Hänseleien gegen Sie oder es war einfach nur
[13:49] nein um die Zeit war das noch nicht das war keine Hitlerzeit in die Zeit wo ich in die Schule gegangen bin außer die Kinder die dann äm wir sind dann manchmal waren wir mit mehreren Wagen zusammen und da waren viele Cousins und Cousinen da sind wir zusammen in die Schule gegangen und da haben uns die anderen Kinder (nachgenumm) und geschrien »Zigeuner Zigeuner !« und da haben wir uns immer gewehrt ne ich hab immer den Griffelkasten [deutet mit den Händen Hauen an] da habe ich keinen mehr gehabt bis ich zuhause war da hab ich den immer kaputt gemacht und das wars
[14:23] und die Lehrer wie haben die sich Ihnen gegenüber verhalten ?
[14:26] ach naja die waren nicht böse aber die haben uns nicht viel gelernt [JMH macht zustimmende Geräusche] wir haben immer auf die letzten Bank gesessen
[14:36] und also und die ganze Familie ähm half irgendwie bei diesem Wandergewerbe mit bei diesem bei diesem Wanderkino haben Sie alle ein bißchen mitgemacht ? Die Mutter auch ? Oder ähm wie funktionierte das ?
[14:54] nein ich nein die Mutter hat nichts gemacht und die Mädchens ja die haben halt hausiert mit Kurzware und das wo wir ein bißchen Geld verdient haben weil allein von das Kino konnten wir nicht leben die haben halt Kurzware gehabt und haben da hausiert um die Zeit da ging das noch gut die Menschen waren noch in Ordnung bis dann der Hitler kam da wars zu spät
[15:20] was änderte sich dann ? Können Sie sich noch haben Sie noch ne genaue Erinnerung an das Jahr 33 ob sich da schon was änderte in Ihrem täglichen Leben oder wurde das erst spürbar als dann wirklich die Verfolgung mit der Verhaftung in Straßburg losging ? Oder gab es vorher schon Sachen die Sie so täglich gemerkt haben ?
[15:38] mein Vater hat immer gesagt weil mein Vater war also für mich war er sehr alt der hat in seinem Leben noch keine St-Vorstrafe gehabt noch nicht einmal irgendwie was nein mein Vater war einwandfrei der hat immer gesagt wie der Hitler aufkam »der bringt doch nur die Verbrecher weg« der hat geglaubt dass die die nichts machen denen passiert nichts also wir waren frei nich ? Und das war nicht wahr der hat nicht nur Verbrecher weg gebracht der hat unsere ganze Familie vernichtet und alle arme viele Menschen meine ganze ach meine ganze Verwandtschaft meine Cousins alle weg da lebt keiner mehr davon
[16:28] und gab es schon ähm nach 33 ähm irgendwelche Arten von Einschränkungen dass Sie nicht mehr dass Sie das durften wie lange konnten Sie ähm konnte Ihre Familie das das Wandergewerbe das Kino weiter betreiben oder gabs da irgendwann
[16:43] das gibt ähm das ging noch ein paar Jahre
[16:46] ja
[16:47] es ging noch ein paar Jahre da sind wir in Ingolstadt gelandet da bin ich auch zur Schule gegangen und ää da bin ich auch gefirmt worden Kommunion alles hab ich da bis bei Eichstätt war der der von der Kirche
[17:05] der Bischoff ?
[17:07] Bischoff der war ich Eichstätt damals da hab ich Firmung gemacht ich und mein Bruder der jüngste und Taufpaten waren damals noch meine war von einem großem Lebensmittelgeschäft und von meinem Bruder die Taufpate war von die Bank ja da hatten wir noch ein gutes also ein gutes Verhältnis bis dann 1939 oder wann war das Jahr da
[17:33] da ist das alles abgebrochen
[17:36] da war das alles abgebrochen da sind wir ab da ist das Leiden für uns ähm an-angefangen das war äää di-ie Zeit da
[17:47] also
[17:49] da bin ich aus die Schule gekommen in Ingolstadt
[17:50] sind rausgekommen aus der Schule ?
[17:53] ja-a !
[17:54] sie durften nicht mehr ?
[17:55] nein ich-da war ich fertig mit der Schule
[17:57] ach so die Schule war einfach beendet
[17:58] ja
[18:00] genau zehn Jahre sind Sie dann zur Schule gegangen fast
[18:02] ja
[18:04] und in dieser Zeit zwischen 33 und 39 haben Sie da ähm auf der Straße oder in Ihrem täglichem Leben schon was gesehen dass sich was ändert ? Dass es für Sie enger wird dass die
[18:20] das war selbstverständlich dass sich da viel geändert hat das war doch selbstverständlich denn die Zeit waren wir Freiwild
[18:30] schon da ?
[18:32] ach natürlich natürlich da hat man kein ääää mehr Bleibe gehabt groß tja
[18:38] also dass Sie konnten das besonders bemerken dass es schwieriger war oder unmöglich wurde einen Stellplatz zu finden ?
[18:50] ja ganz genau
[18:51] und gab es noch andere Situationen wenn man durch den Ort ging oder beim Einkaufen oder ähm dass Sie da merkten die Stimmung hat sich schon geändert oder
[19:01] ja um die Zeit war ich ja noch äää sehr jung da das habe ich ja nicht mitgekriegt das hat ja meine Mutter gemacht und meine älteste Schwester aber die haben schon An- äää An- äää Anstoß gehabt da das war schon da hat es schon angefangen
[19:23] dann haben Sie entschieden es ist nicht gut wenn wir hier bleiben wir gehen ins Elsaß dann waren Sie in Metz und dann diese ähm könnte man sagen versehentliche Verhaftung zusammen mit den beiden Cousinen wo kamen Sie dann also dann haben Sie gesagt sie waren eine Weile oder mehrere Monate in Straßburg im Gefängnis
[19:43] ja
[19:44] war das ein richtiges so war das so ein Frauengefängnis oder
[19:47] nein
[19:48] oder ein improvisiertes Gefängnis ?
[19:50] Raschpelhaus hat das geheißen
[19:52] Raschpelhaus
[19:51] könn sich schon vorstellen was für ein Gefängnis das war ? Da konnt man nur noch in die die Luft sehen da war kein Fenster kein nichts nur so schräg das ist heute noch in in Metz in in Straßburg Raschpelhaus heißt das
[20:07] und hat man Ihnen gesagt warum Sie verhaftet wurden ?
[20:09] ja weil ich Zigeunerin war deswegen deswegen sind wir verhaftet worden
[20:13]
[20:17] und da waren Sie einfach nur in einer Zelle und aber es gab nichts irgendwie also äää
[20:23] es waren mehrere in eine Zelle und wir haben auch da gearbeitet für die für die Soldaten ihre äää Kleider oder was da haben wir da gemacht
[20:31] so Reparaturarbeiten mussten Sie machen ?
[20:33] ja ja ja
[20:34] und wissen Sie ob da der Krieg schon angefangen hatte als Sie verhaftet wurden war das also nach September war da schon Krieg oder äää war das noch vor Kriegsbeginn ?
[20:43] sehen Sie das weiß ich eben nicht
[20:46] da waren Sie ja ungefähr 15 oder so was kann das sein ? Als Sie verhaftet wurden ?
[20:52] nein !
[20:54] wie alt waren Sie als Sie im Elsaß verhaftet wurden ca 15 ?
[20:57] ach ja siehst du wie alt war ich da ? 17 !
[21:01] 17 oder ?
[21:02] 17
[21:04] 17 ? also Sie sind ja also Sie sind ungefähr mit mit neun sind Sie ja dann quasi Sie waren bis zum fünfzehnten Lebensjahr waren Sie ja in der Schule mehr oder weniger
[21:28] ja
[21:29] oder ?
[21:31] in Ingolstadt
[21:32] in Ingolstadt und dann irgendwann hat jemand entschieden dass Sie nach Elsaß rüber ?
[21:34] nein da haben wir viele Stationen gehabt bis wir da gelandet sind
[21:38] aber wer hat das entschieden der Vater ?
[21:40] der Vater
[21:41] was hat der gesagt ?
[21:43] ja er hat gewusst wenn die da äää irgendwie erwischt werden kommen wir weg ins Lager weil von meine Familie sind viele schon nach Buchenwald gekommen
[21:54] das hat er schon mitgekriegt ?
[21:55] das mja natürlich aber er hat immer noch geglaubt dass uns nichts passiert aber es war so
[22:01] weil ihr weil Sie unbescholtene Leute waren konnte er sich das nicht vorstellen
[22:05] so ist das
[22:06] das war dann bestimmt ein bißchen später im Elsaß ich vermute der Krieg hatte schon angefangen der Vater hat entschieden
[22:12] [ruft rein:] 39 !
[22:13] im Deutschen Reich wirds uns zu gefährlich wir gehen nach Frankreich das war ja noch nicht besetzt da hat er sich überlegt in Frankreich ist es sicherer und Sie sagten ja auch die Kleine war doch schon bei den Eltern also wars ja wars wahrscheinlich nach 1940 wenn die Kleine schon bei den Eltern da war ?
[22:29] richtig weil ja
[22:31] dann wars wahrscheinlich 41
[22:32] ja
[22:34] irgendwann im Jahr 41 wo das passiert ist
[22:35] ja
[22:37] da waren sie 17 genau
[22:38] genau dann stimmt das
[22:40] da müssen Sie 17 sein genau Elsaß
[22:42] und wohin gings dann ? Sie waren dann in diesem Raspelhaus Gefängnis in Straßburg wo kamen Sie danach hin ?
[22:49] nach Lety
[22:51] direkt von dort nach Lety ?
[22:54] ja Reichenberg erst aber Reichenberg das war ja das
[22:55] war auch n Gefängnis ?
[22:58] ja natürlich da ohne Gefängnisse gings ja nicht mehr dann
[23:03] und haben Sie andere Sinti getroffen in dem Gefängnis oder
[23:05] ja natürlich aber ich war meistens mit meine zwei Cousinens immer zusammen in Lety waren ja viele Sinti nur Sinti das war Lety in die Küche überall waren Sinti
[23:20] wollen wollen Sie über Lety ein bißchen mehr erzählen ? Wer da wer waren da noch andere aus Ihrer Familie ? Oder nur die beiden Cousinen ?
[23:28] warte mal warte mal ich glaube die waren nicht mehr bei mir
[23:36] seid ihr getr- sind Sie getrennt worden unterwegs ?
[23:38] ja ja
[23:39] und dann ?
[23:41] da bin ich alleine hingekommen nach Lety
[23:43] von Straßburg ?
[23:45] über Reichenberg
[23:46] über Reichenberg
[23:48] über Reichenberg bin ich nach Lety gekommen ja
[23:50] wieso Reichenburg ?
[23:52] Reichenberg ?
[23:53] wieso Reichenberg ?
[23:55] das war doch äää Sudetenland
[23:57] ja
[23:59] war Reichenberg
[24:01] aber wer hat entschieden dass ihr nach Reichenberg geht ?
[24:03] die wer kann das schon entscheiden ? Vom Gefängnis oder von weiß ich wer
[24:11] und da war aber klar da ist die da sind die Cousinen nicht mehr dabei ?
[24:15] nein
[24:16] nein
[24:17] nein die
[24:19] aber die wurden woanders hingebracht oder wie ?
[24:20] die ja
[24:22] wissen Sie wo die hingebracht wurden ?
[24:23] die mir haben uns ja in Auschwitz wieder getroffen das war unsere Endstation Auschwitz
[24:29] aber in Reichenberg habt ihr euch nicht gesehen gehabt ?
[24:32] nein
[24:33] nein aber da waren andere Verwandte auch in Reichenberg ?
[24:37] nein doch da waren schon Sinti
[24:39] aber keine Verwandten
[24:42] nein nicht so Verwandte aber da waren Sinti in das Gefängnis das war ein Gefängnis das war kein Lager Reichenberg von das Gefängnis bin ich nach Lety gekommen ich alleine
[24:54] aber mit ein paar aus Reichenberg mit ?
[24:56] ja
[24:58] ja
[24:59] und wollen Sie ein bißchen erzählen was Lety eigentlich war ? Lety war war das ein Vernichtungslager wie Auschwitz oder war das eine andere Art von Lager ?
[25:09] nein
[25:10] wie sahs da aus ? Und was
[25:12] Lety war mehr frei das war mehr frei das war kein wie Auschwitz nein auf keinen Fall Lety waren die Sinti da waren nur Sinti da waren umja die tschechische äää
[25:26] Roma
[25:27] ja Regierung und äää wir haben im Wald gearbeitet wir haben in Steinbruch gearbeitet auf die Straßen gearbeitet das war in Lety aber da war man mehr frei da war man nicht so wie Auschwitz auf keinen Fall Lety war mehr frei
[25:45] haben Sie da auch in Baracken geschlafen oder wie war da die Unterbringung ?
[25:47] ja ja ja natürlich nur Baracken
[25:51] und waren die Frauen und Männer da getrennt oder waren da auch Familien zusammen ?
[25:55] Familien da waren Familien
[25:59] wurde des organisiert von den Nazis oder von der tschechischen Regierung ?
[26:05] ja die Nazis haben die tschechische Regierung mmhh äää des ging von die tschechische Regierung natürlich aber die Nazis haben ja das bestimmt
[26:15] das ist klar
[26:17] die haben ja nichts mehr zu sagen gehabt
[26:18] ich habe nur gehört dass die die Soldaten oder wer das war in Lety in diesem Lager das die teilweise härter waren als die Nazis in anderen Konzentrationslagern stimmt des ?
[26:32] nein
[26:34] nein
[26:35] stimmt nicht Soldaten waren da keine in Lety da waren nur ääää die Bewachung das waren Tschechen
[26:41] Tschechen und wie waren die zu euch ?
[26:44] nicht gut natürlich nicht gut Němci ich war ne Deutsche
[26:50] für die ?
[26:50] ja und da haben Sie mich ääää hingelegt da wo sie die Toiletten ausschippen da war ich dabei (Němci schwinde) also »Deutsche Schweine« haben sie zu mir gesagt
[27:03] aber Sie kä- sie konnten ja die Sprache von denen oder ?
[27:05] ich konnte die Sprache ja jetzt kann ich sie nicht mehr so gut
[27:09] aber haben Sie mit ihm sprechen können mit den Bewachern ? Die Sprache Tschechisch ?
[27:13] nein nein
[27:14] ne
[27:16] Deutsch ham ma geredet die haben ja nur Deutsch geredet dann aber wenn die geschimpft haben dann wars Tschechisch
[27:20] und wie funktionierte das unter den Häftlingen da waren ja Hunderte in in in Lety waren ja auch Hunderte Roma tschechische Roma und auch deutsche SInti
[27:33] da waren überhaupt keine Roma da waren nur deutsche Sinti
[27:36] ah zu der Zeit waren da nur deutsche Sinti !
[27:38] da waren überhaupt keine Roma in Lety da waren nur deutsche Sinti
[27:44] und wie war das Leben unter den Häftlingen mhhh hatte man noch die Kraft sich gegenseitig zu helfen irgendwas zu organisieren oder war das eher so dass jeder gucken musste ich muss diesen Tag schaffen
[27:54] nein das war eine gutes Verhältnis zwischen den Häftlingen
[27:57] ja
[27:58] das war da wo ich nämlich dann mhhja bei die Arbeit da wo ich und war doch so eitel schon damals als Kind nich [JMH lacht] und da haben sich mich weggeholt »Ach Zilli wo bist du« also da haben sie mich weggeholt es war ein gutes Verhältnis zwischen den Häftlingen zwischen den Sinti damals das waren ja viele Verwandten auch von mir drinne und da hat man sich schon geholfen das war schon in Lety da war keine Feindschaft unter den Häftlingen nein
[28:29] und hatten Sie zu dieser Zeit irgendeine Ahnung was mit Ihrer Familie ist mit den Eltern mit den Geschwister mit den Geschwistern mit dem Töchterchen wussten Sie irgendwo wo die sein könnten weil Sie waren ja im Lager aber die waren nicht dort
[28:45] siehste jetzt bin ich ganz durcheinander
[28:47] das macht nichts dann sammelns wir sammeln wirs wieder
[28:50] was für ein Jahrgang war das ?
[28:52] das muss wohl so 41 denke ich gewesen sein oder ?
[28:55] ungefähr
[28:58] weil von Lety gings direkt nach Auschwitz oder ?
[29:01] ja
[29:03] dann wird das irgendwie 41 42
[29:06] stimmt
[29:07] gewesen sein
[29:08] stimmt ja
[29:11] aber die Eltern waren nicht in Lety ?
[29:13] nein aber anschließend sind die nach Lety gekommen komisch
[29:17] als Sie schon weg waren ?
[29:19] ah ja und die haben büßen müssen für mich »ach das war die Tochter die abgehauen ist« ich bin doch von Lety geflüchtet
[29:27] geflüchtet ?
[29:29] ich bin geflüchtet von Lety weil da war offen da konnte man weglaufen da bin ich aber geflüchtet mit ein äää Verwandten der hat auch »Komm Zilli mit« der hat mir mitgenommen da bin ich mit dem geflüchtet
[29:45] war das ne plötzliche Gelegenheit dass Sie gesehen haben hier ist offen jetzt hauen wir ab oder war das ein längerfristiger Plan ?
[29:50] nein na das war schon so ja ein Plan war es schon aber es war offen und wir haben gewusst da können wir abhauen
[29:57] und dann gerannt ? Gerannt gerannt und wohin ?
[30:00] nein das nicht einmal wir haben ja Zeit gehabt zum Weglaufen
[30:05] aber wollten ein paar auch schon weg ? Oder war das in dem Moment vom Cousin entschieden worden ? Hat er gesagt »lass uns abhauen« ?
[30:13] »kommt mit« ja
[30:15] aber hat er das anderen auch gesagt oder war das nur
[30:16] nein nein nein
[30:20] die anderen wussten das nicht
[30:21] nein die anderen wussten das nicht
[30:23] was habt ihr in der Zeit gemacht wart ihr auf dem Steinbruch oder was genau war das ?
[30:27] nein da haben wir ge- da wo ää ringsrum um Lety da waren wir versteckt gewesen und mhh haben alle abgewartet so sind wir halt abgehauen irgendwo wo sind wir da gelandet ? Wo sind wir da gelandet ?
[30:43] habt ihr Hilfe bekommen von was habt ihr gegessen wenn man sich versteckt ?
[30:46] nein nein nein
[30:48] was trinkt man ? Was isst man ?
[30:49] ach Sinti können sich immer helfen
[30:51] was man im Wald gefunden hat ?
[30:54] so isses ja
[30:59] und dann wie gings weiter wurdest du ähm geschnappt ?
[31:03] mein Gott wie gings weiter [wendet sich zur Seite] ich komm ganz durcheinander Renate [zwei Personen flüstern miteinander]
[31:10] sollen wir eine Pause machen mal ?
[31:11] mhhh ?
[31:13] ne kleine Pause ?
[31:14] was ?
[31:16] ne kleine Pause ?
[31:17] ja aber ich muss doch weiter machen
[31:18] wir können einfach stoppen ne kleine Pause machen und danach weiter machen
[31:22] wie ihr wollt wie ihr wollt
[31:25] oder gleich weitermachen wie du
[31:26] ich bin ganz durcheinander
[31:29] Lety hat der Cousin entschieden oder was wars ? Ein Verwandter war das ein Cousin ?
[31:33] Verwandter wars ja »Komm mit Zilli«
[31:35] »Zilli wir hauen ab« in dem Moment entschieden
[31:36] ja
[31:38] war die Idee auch schon mal da abzuhauen oder isses einfach so entstanden ?
[31:43] ich hab die Idee immer gehabt
[31:44] aber nicht alleine
[31:46] nein aber ich wollte immer abhauen das war in meinem Kopf schon immer drin egal wo
[31:48] und wer wusste des ?
[31:52] ich wollte immer laufen immer abhauen und da war mir das gerade richtig also da waren meine Eltern noch im Gefängnis mit mein Kind
[32:03] in welchem Gefängnis waren die ?
[32:04] ich glaub wo waren die im Gefängnis ?
[32:10] wahrscheinlich irgendo da in Böhmen auch oder ganz woanders die waren doch in Eger zu der Zeit ne ?
[32:18] ja mhhh [blickt nach unten und schüttelt den Kopf] also Kinder mit mir könnt ihr nichts mehr anfangen
[32:26] doch ne ganze Menge [zwei Personen flüstern] ja gut [Schnitt]
[32:30] wie weit sind die Erinnerungen von der
[32:32] ja ja
[32:33] von dem Abhauen und was ist da noch übrig geblieben ? Einfach Lety als Thema
[32:37] mhh das weiß ich ebend nicht mehr das ist ja die schöne Sache ja wir sind abgehauen von Lety und dann sind wir nach Böhmisch Leipa da hatten wir auch Verwandtschaft gehabt im Sudetenland war mhhh mhh das sind alles solche Sachen und dann kam die Polizei gerade zu denen die da noch gewohnt hat die hat da ein Haus gehabt und äää die hat uns aber versteckt die hat gewusst wir sind abgehauen von da und das war eine Verwandte von uns und da kam die Polizei hat ihre Haus ausgesucht die hat mich schon versteckt alles solche Sachen aber wo sind wir dann von da hin ? Ich weiß es nicht mehr ich glaub nach Eger ich glaub nach Eger ja ja aber nein das kann nicht stimmen weil da war äää in Eger wie wir waren da war mein Mäd-mädchen schon auf die Welt die ist noch 39 ää neunund Wann ist sie geboren ?
[34:08]
[34:10] vierzig ?
[34:11] [ZR lacht] nicht vierzig wie der Krieg angefangen war
[34:13] 39
[34:15] war das ? Vierzig
[34:16]
[34:18]
[34:19] 39 im September hat der Krieg angefangen
[34:21] ja dann wars 39 ist sie geboren ja da warn wir in Eger weil mein Kind ist da äää auf die Welt gekommen in Eger das weiß ich sicher ja mhhh die Hunde aha meine Schwester das habe ich euch schon mal gesagt nein das habe ich den äää mhh dem Professor gesagt da äää ist meine Schwester hat auch da ein Kind geboren und äää da-die ist aber der hat gewusst wir waren schon in Auschwitz die Zeit die hat da äää das Kind auf die Welt gekommen und wi-wie wir wie die in Auschwitz war haben sie das Kind nachgeschickt paar Wochen war es alt ist angekommen 'n Junge war tot das haben die in Eger gemacht aber die war dann schon in Auschwitz und das haben die gewusst in das Krankenhaus das sie nach Auschwitz gekommen ist haben aber das Kind den klein Wurm nachgeschickt so fanatisch waren se ja der ist dann gestorben das war meine Schwester die da mit meinem Vater vernichtet worden ist mit meinen Eltern die hat sieben Kinder gehabt die Näme weiß ich sogar von die Kindern so gut ka- äää manchmal habe ich meine Erinnerung so hundertprozentig und manchmal ist sie null da oben Ossi Lenz ää Hannelore Helga so haben sie eigentlich geheißen und den kleinen ja der ist gestorben dann und der Mann von ihr der war in ein anderes Lager das war ein lieber Mensch wie der gehört hat dass seine Familie nicht mehr ge-lebt ist umgefallen war auch tot mhhh der war in ein anderes Lager war ein sehr sehr Lieber der hat mich immer geholfen bei meine Schreibarbeit meine wenn ich hab ää schreiben müssen ach war sehr intelligenter ein schlauer war um- ist umgefallen war tot [ZR trinkt] ja das war Eger ja gut Karlsbad das war die äää Grenzstadt von Eger äää das is ma-mein Vater verhaftet worden und meine Schwester aber wir haben auch Zinker gehabt bei die Sinti das haben wir auch gehabt
[37:28] Zinker ?
[37:30] ja Verräter die haben nicht dicht gehalten wenn es um ihre Haut ging haben sie verraten ne wie es überall ist und äää mein Vater ist dann in Karls- in äää nicht Karlsruhe
[37:49] Karlsbad ?
[37:51] nein wie ?
[37:53] Karlsbad
[38:33] Karlsbad ja das war die Regierung da ist mein Vater mal verhaftet worden auch wegen Sinti ach [ZR schüttelt den Kopf] aber er ist dann wieder entlassen worden aber wir sind dann ins Lager gekommen sie sind alle ä weggekommen dann Mhhh aber vor die Zeit das war das die Schulzeit und alles das das war ihr wichtig naja das habe ich euch ja schon alles gesagt mein erstes Schuljahr war Jena
[38:39] der Vater ihrer Kleinen wo haben Sie sich kennengelernt ?
[38:41] wir haben uns gar nicht kennengelernt nein das war so hop top fertig
[38:47] hop top
[38:48] ja
[38:49] ein Lottogewinn ?
[38:51] ja genau der hätt müssen gar nicht auf die Welt kommen wär gar nicht gut dann wär mir das erschont geblieben aber es war so aber der Vater war auch im Lager der war mit sein Bruder äää bei mein Mann wo mein Mann war in Neuengamme da waren die beiden Geschwister und die sind dann auf ein die haben sich dann gemeldet auf den letzten Drücker haben die sich gemeldet wollten in ein anderes Lager und äää da sind se auf ein Schiff gekommen und das Schiff ist bombardiert worden und sind ertrunken alle beide die zwei Brüder das war der Vater von meinem Kind der ist mit da ertrunken auf dem Schiff ja
[39:36] weißt du noch wie du nach Auschwitz gekommen bist ? Mit nem Zug oder mit nem LKW ?
[39:51] nee mit nem Zug mit die Zügen da wo wo kein Fenster drinne war richtig so wie die ham sie die wie die Züge die die Menschen nach Auschwitz jetzt da sagen sie »nein« äää die haben das doch gewusst alle die die die Züge gefahren sind wo sie hinkommen die Endstation war doch Auschwitz das haben sie alle gewusst sie haben gemacht als wenn sie es nicht gewusst hätten aber heute ist die Bahn ähm Millionäre Multi isse die hat doch die Menschen in den Tod gefahren und mit so einem Zug bin ich nach Auschwitz gekommen mhh
[40:36] waren da nur Sinti in dem Zug oder auch Juden ?
[40:39] nee waren Sinti nur war nur ein Transport mit Sinti mhh
[40:45] gabs denn überhaupt irgendwo nen Bezug wo andere Minderheiten eine Rolle gespielt haben ? Politische Gefangene ? Homosexuelle oder jüdische Gefangene ? Gab es da einen Austausch zwischen den Gefangenen irgendwo ? Hat man sich begegnet oder ?
[41:05] sie meinen im Lager ?
[41:06] irgendwo im Lager ?
[41:09] da waren alle drinne wie Sie sagen H-Homosexuelle da waren ääää nein bei uns ja da waren alle drinne auch die äää Zeugen Jehova die waren auch drinne die haben sich für ihren Glauben aufhängen lassen die hätten bloß zu sagen müssen wir gehen zurück von dem Glauben da wären sie entlassen worden ham sie nicht gemacht die haben sich aufhängen lassen das waren die einzigen wo ich gewusst hab die auf ihrem Glauben festgehalten haben die waren viel in Ravensbrück vertreten die Zeugen Jehova die waren äää streng gläubige Menschen ja und äää die hatten ein ein äää die po-politischen hatten einen roten Winkel und die Schwulen hatten einen lilalen Winkel hat jeder einen anderen Winkel gehabt
[42:10] und die Sinti ? Und die Sinti ?
[42:13] schwarzen
[42:14] schwarzen Winkel ?
[42:15] asozial ja da
[42:17] und hatten andere auch nen schwarzen Winkel ? Nur die Sinti ?
[42:21] nein nein nur die Sinti die du meinst äää andere Stämme meinst du ?
[42:26] andere Gruppen
[42:28] nein nur die Sinti haben den schwarzen Winkel gehabt
[42:31] und das war der Winkel der Asozialen ?
[42:33] ja natürlich und die äää rote Winkel das waren die po-politischen Gefangene und grüner Winkel
[42:44] gabs den auch ?
[42:46] ja wir haben alle einen Winkel gehabt und die Schwulen hatten einen lilalen
[42:52] mhhh
[42:55] so viel ich weiß [ZR nimmt ihr Glas]
[42:57] und was war der Grüne ?
[42:59] ja weiß ich jetzt nicht mehr [ZR trinkt]
[43:05] kannst du dich an erinnern an den Tag als der Zug in Auschwitz ankam was passierte da als ihr ausgestiegen seid oder rausgetrieben wurdet aus dem Zug was erwartete euch da ?
[43:21] die SS voll aach ein Aufstand da waren äää hunderte hunderte SS-Männer und äää die haben die sortiert die Junge da Alten da und so war das bei die Sinti aber wie die Juden ankamen die haben sie doch gleich vernichtet mit die Kinder die haben sie alle vernichtet nich bei uns war das nicht so wir sind ins Zigeunerlager gekommen weiß ich nich ob das obwohl so viel ich weiß ää da dass das schon einmal war das sie das Zigeunerlager vernichtet äää wollten und da wollten dann Aufstand machen das waren die Deutschen äää die Blockältesten und die die die da das Sagen gehabt haben die wollten das nicht und da haben sie abgelassen die haben Gewehre gesammelt das weiß ich auch das weiß ich alles aber soweit ist es nicht gekommen zuletzt haben sie die alle abgeschoben von der von der äää von unser Lager von Auschwitz die ganze ääää Blockältester alles Lagerältester haben sie alle abgeschoben da waren nur Sinti da das wäre uns doch müssen hätte uns doch müssen auffallen dass sie uns jetzt vernichten so so Sinti sind immer dumm
[44:53] aber in dem Moment ist es Ihnen aufgefallen
[44:55] was ?
[44:57] Ihnen isses ja aufgefallen sie wollten ja wieder zurück sie wollten ja nicht fahren in dem Moment
[45:02] ja ich da ich hab nicht gewusst dass sie vernichtet werden
[45:05] keiner hat das gewusst ?
[45:07] keiner hat es gewusst weißt du was was wir äää was wir alle ääää deswegen hat doch mein Vater mein Kind behalten die haben gewusst wir kommen nach Lackenbach in ein äää in ein Zigeunerlager Lackenbach das war in Österreich
[45:20] in Österreich
[45:22] und äää das haben sie die Sinti gesagt die da drinne geblieben sind und ich wollte zurück und dann war kam der Mengele der mir die Ohrfeige gegeben hat der hat ja mein Leben gerettet aber mich hat er kein Gefallen getan ich ääää dann rein in den Waggon da sind wir nach Ravensbrück gefahren am zweiten August und da haben sie die vernichtet und mein Vater hat gedacht ich wenn ich mich durchgesetzt hätt hätte ich mein Kind mitnehmen können aber mein Vater hat gesagt hat gedacht ich hab noch nie weinen sehen er hat geweint und mein Kind festgehalten hat er »Zilli ich weiß nicht wo du hinkommst vielleicht kommst du um mit die Gretl lass mein Kind da« war sein Kind ich hab das Kind da gelassen und er hätts vielleicht äää wie oft hat er wie schnell hat er da dran gedacht hätte ich dir das Mädchen mitgegeben war zu spät da sind alle vernichtet worden und ich komme heute noch nicht drüber weg ich lauft oft ru- loft oft laufe ich hier rum und wein jetzt die viele Jahre und das schönste ist kurz nachm Lager war nicht so schlimm hab ich auch an meine Familie gedacht normal aber jetzt wo ich alleine bin ist es noch schlimmer da hat man Zeit zum Denken weißt du dafür hat man Zeit früher hat man keine da hat man gesehn dass man ää durchs Leben kommt dass man Geld verdient dass man leben können das war nach dem Krieg dann aber jetzt jetzt brauch man das nicht mehr mein Essen und Trinken hab ich mehr will ich auch nicht mehr brauch ich nicht also und da hat man die Zeit zum Nachdenken und dann das mach ich jetzt und deswegen äää schlaf ich manche Nächte nicht da bin ich immer in Auschwitz mit äää da weiß ich genau wie es geht dass wa alle nackig ausgezogen werden ach und dass Kind wie Kegel nackig und bei ää Zigeuner ist das so ein Scham die schämen sich so das ist so bei uns so das ist heute noch obwohl die Jugend jetzt schon ein bisschen anders aber Scham ist immer noch da mehr wie ä in jedem Stamm ist bei die Zigeuner der Scham und das kann ich mir gut vorstellen meine Mutter hat noch Goldzähne gehabt das ham se bestimmt rausgebrochen alle das haben sie auch alles eingesammelt
[48:14] an diesem letzten Tag am zweiten August in Auschwitz da also ihr habt euch da noch richtig gesehen und verabschiedet da war deine Familie ?
[48:22] [ZR schüttelt den Kopf] ich war doch schon wie lange in in Quarantäne-Lager im Stammlager in Auschwitz da waren wir ein paar Wochen paar Wochen waren wir da weil immer noch sind welche rausgekommen wieder dahin aber meine Familie kam nie mit kam nie mit da da wo ich war in dem Block das war die schwarze Wald-Wand da war der Trainer drinne von von von dem Boxer dem Deutschen
[48:53] Rukeli ?
[48:55] ja
[48:57] Trollmann
[48:58] nicht der Rukeli das warn Zigeuner das war meine Verwandte der Rukeli Troll äää ja
[49:04] Schmeling ?
[49:05] Schmeling von Schmeling der äää Trainer der war in Auschwitz und dann äää in ja
[49:12] im Stammlager
[49:14] in Stammlager ja und ich konnte runtersehen da war so ein gro- da haben sie ihre eigenen Menschen da ham se alle erschossen da haben sie sie alle Genickschuss ihre Soldaten eine ganze Kompanie haben sie manchemal haben wir unten runtergesehen konnte man da zusehen das äää glauben se heute aber alle nicht das war so ich hab das gesehen mit eigene Augen unten hat man genannt die schwarze Wand
[49:42] (_) geschossen wurde ?
[49:44] die schwarze Wand das war unser Block hier wo mir drinne waren und hier war die schwarze Wand [deutet mit den Händen die Umrisse an] und da haben sie die Menschen erschossen mir konnten da sehen von oben runter glauben sie aber heute alle nicht
[49:59] wollten die Menschen dass andere Menschen das sehen oder warum war das möglich dass man das sieht ?
[50:04] nein
[50:06] wollten die wollten die Bewacher dass die anderen Menschen das sehen was mit denen auch passieren könnte ?
[50:12] ne ne ne um Himmels Willen nicht das wollten die doch nicht dass andere Menschen das sehen aber wir Häftlinge wir konnten das sehen wir konnten das
[50:22] und es wurde nie im Block darüber gesprochen was da passiert ? Jeder hats doch mitgekriegt
[50:30] ja freilich aber was kann man dagegen machen gar nichts hat man sich gewundert dass das überhaupt passiert
[50:37] nach der Arbeit nach der geschundenen Arbeit wenn man nach Hause geht und diese ganzen Bilder sieht was heißt nach Hause wenn man da ins schlafen kann oder überhaupt
[50:48] m-wir sind doch nicht sch wir sind doch nicht äää mir ham doch mir waren da drinne in diesem Block und nebenan war die schwarze Wand da waren wir ja drinne da haben wir ja nicht gearbeitet aber gehört und gesehen ham wa's ja das wars da ham sie viele Menschen erschossen auch Soldaten waren auch Soldaten dabei die nicht mehr mitmachen wollten auf die letzt
[51:17] Deserteure
[51:19] ja waren viele Soldaten dabei
[51:22] auch deutsche Soldaten
[51:24] natürlich deutsche Soldaten warens waren nur deutsche Soldaten die sie erschossen haben ja
[51:31] und von da von dieser Quarantänestation im Stammlager ging es dann noch mal zurück zum Zigeunerlager ?
[51:39] da sind wir ja der Zug ist da vorbeigefahren da sind wir in den Zug reingekommen und das war bestimmt die Strecke nach äää Ravensbrück und da oben hier war das äää hier unten war Zigeunerlager hier war
[51:55] das Bahngleis
[51:56] der Zug und hier unten Zigeunerlager hab ich meine Schwester noch von ganz unten ge-jesehen dass sie ja und ich bin darausgestiegen und der Mengele kam mir entgegen der hat aber Urlaub gehabt wenn der da gewesen wäre wär meine Familie rausgekommen der hat gewusst dass mein Bruder mit die Uniform nach Auschwitz gekommen ist der hätt dann hätt er das gemacht weil mir waren Wehrmachtsangehörige und die hätt müssen nicht umgebracht werden müssen aber das haben die gemacht auf die Schreibstube deswegen haben die sie umgebracht ich wollt zurück aber er hat mich nicht gelassen der kam ja fast jeden Tag bei uns im Block in die Ecke [ZR bekommt ein Glas gereicht] Danke
[52:55] was wollte der von euch im Block sechs der Mengele ?
[52:57] der hat äää abgenommen denn äää ich war ich war Blockschreiberin da
[53:04] mhhh
[53:04] ja weil war doch niemand mehr da erst war mein Schwager der ist weggekommen in ein anderes Lager von die Guki ihr Mann äää war sehr sch-schriftgelehrt sehr sehr ganz klug der hat mit mein Va- mit mein Bru- mit mein Vater Wohnwagens gebaut sogar Öfen haben se gebaut so Blechöfen aber alles konnten die alles das war mein Schwager und wie der weg war da bin ich dahin gekommen war doch keiner mehr da also
[53:40] was macht eine Blockschreiberin ? Was was mussten Sie machen ?
[53:43] die nimmt den App- ää die die die das äää is vorne liegt ein Buch wo alle Näme drinstehen was da drin ist und das muss sie kontrollieren und das wars weiter macht sie nichts
[53:56] und in diesem Block sechs warst du mit deinen Eltern und mit dem Töchterchen zusammen da wart ihr noch alle zusammen ?
[54:03] ja alle da war unsere ganze Verwandtschaft drinne da war meine Cousine drinne die hat nen Bruder drin gehabt der war gelähmt ach das war mein Cousin auch der war gelähmt der hat oben gelegen die hat dann mein Vater alle gehabt unsere Verwandtschaft war viel von unserer Verwandtschaft im Block sechs das war der letzte Block ganz unten ja das sehe ich alles noch jetzt
[54:33] waren da viele Kinder außer deiner Tochter ?
[54:36] ja natürlich meine Schwester hat sieben gehabt
[54:38] ach so ja
[54:39] und dann waren noch andere viele Kinder drinne immer sie hat sieben gehabt die arme Kinder sind alle mitgegangen ja ja die haben Angst gehabt ham geweint aber was passiert haben se nicht gewusst das haben nur die Eltern gewusst
[54:58] und die Eltern haben nie darüber gesprochen mit niemanden ?
[55:00] ach wo ach wo [lautes Ausatmen im Hintergrund] nee aber mein Mädchen die hat immer gesagt äää weil äää in den Ofen sind sie reingegangen bei uns war der Ofen nicht weit im Block sechs konnt man hinsehen auf den Vergasungsofen auf den Ofen »Mama Mama da hinten werden wieder die Menschen verbrannt« bestimmt hat sie das mitgekriegt aber nicht von mir hab ich gesagt »nein Mutti da tun sie doch Brot backen« »nein Mutti da werden die Menschen verbrannt«
[55:34] du hast die Kleine Mutti genannt ?
[55:36] nein Mama »nein Mama da werden die Menschen verbrannt« das hat sie gewusst das ha-ham sie bestimmt die Kinder unter sich was machen die da hinten und das und das da ist das aufgekommen das sie die Menschen verbrennen und dann sind sie später selber dahingegangen ja da soll man mit fertig werden kann man doch gar nicht mehr musste doch einen oben weghaben dass ich überhaupt noch normal im Kopf bin das wundert mich auch
[56:06] wenn du wenn du jetzt so an sie denkst und sagst »ich kann das nicht vergessen« denkst du dann daran an die Jahre die du mit ihr zusammen warst oder dass sie gestorben ist oder denkst du manchmal wie sie jetzt wäre jetzt wäre sie ja eine siebzigjährige Frau was was denkst du dann ?
[56:24] alles das denk ich
[56:25] alles das
[56:27] alles das egal was du jetzt gesagt hast wie ich mit ihr gelebt hab ja und wie sie jetzt wär hätte ich vielleicht viele E-enkel alles das denke ich ja aber dann denke ich wieder vielleicht hat sie es besser wie ich die ist bei unserem Herrn sie ist im Himmel weil Gott hat gesagt »lasst die Kinder zu mir kommen« das steht in die Bibel das denke ich
[56:55] das ist schön dass du das hast wo du so ein bißchen Hoff-Hoffnung daraus schöpfen kannst
[57:00] hab ich
[57:01] dass du da irgendwie Kraft schöpfst aus deinem Glauben
[57:04] das tue ich auch das tue ich auch ich ich bet immer ja ich bet immer ich sag »Herr du hast gesehen was die m- äää meine Familie mitgemacht hat hoffentlich hast du sie bei dir du bist ein gerechter Gott«
[57:21] warst du schon immer so gläubig ?
[57:23] nein nein ich war nicht immer so ich war ganz schön böse pffff hör auf
[57:29] ist man böse wenn man man nicht gläubig ist ?
[57:32] nein nein ich hab gelebt halt frei m-ach ich hab gelebt ich hab gut gelebt aber äää gläubig bin ich erscht geworden da hat mein Mann noch gelebt ja da der der hat immer gesagt »Zilli guck mal wie schön die« weil die äää gläubige Menschen in die Zeit wo ich gläubig geworden bin haben sie sehr zusamm- äää zusammengehalt der Zusammenhalt das ist heute gar nicht mehr so war sehr die hat er dann immer bewundert aber er ist nie gläubig geworden weil weil doch er ist schon auf seinem Sterbebett er hat aber immer äää Menschen seine beste Freundin waren die Just-Dahlmann das war die Oberstaatsanwältin von Mannheim hier Just-Dahlmann die hat ein Buch geschrieben da hat sie ihn erwähnt drinne mein Mann das war seine Freundin die Just-Dahlmann wenn von die Jugend mal hier von die Sinti was angestellt hat war in Gefängnis und da hat mein Mu-Mann mal Geburtstag gehabt da ist er hingef-gangen und äää sie hat den entlassen auf mein Mann sein Geburtstag und dann hat sie einen (_) gesagt »ich weiß ganz bestimmt was der Herr Schmidt verspricht das hält er« dass er den Mann wieder zurückbringt so war die mit mein Mann die Just-Dahlmann mhh mein Mann sein Geburtstag kam auch einer von Israel war auch da hab noch schöne Bilder ich hab schöne Bilder
[59:12] er hatte sie hatte ihn als Musiker kennengelernt ? Hatte ihn mal spielen hören oder wie kannten die sich ?
[59:17] wem denn ?
[59:19] Just-Dahlmann und und dein Mann
[59:22] die ha- äää mein Mann der hat er hier in Mannheim aa-auf Gericht kennengelernt die Just-Dahlmann die hat in äää ja hier in Mannheim gewohnt mhm aber das war auch eine die für die Sinti gut war die war keine äää Neonazi war sie auf keinen Fall die hat die ää die wollte uns immer mitnehmen die ist nach Israel oft geflogen und mein Mann hat doch Angst gehabt vorm Fliegen hab ich gesagt »Frau Just-Dahlmann mein Mann geht nie in den Flieger geht er nicht nein« wollte uns immer mitnehmen nach Israel und einmal hat sie äää guten Freund gehabt in Israel also den hat sie dann eingeladen bei uns nicht so aber ihren Freund hat weil se oft nach Israel gege-flogen ist den hat sie dann eingeladen auf dem Toni sein Geburtstag da ist der gekommen aufm Geburtstag da hab ich auch noch Bilder mhhh der war sehr beliebt der war sehr schlau Toni und sehr klug ja das war er für mich war das ein großer Baum wo ich mich festhalten konnt und der ist weg manchmal auf das Bild zanke ich mich mit ihm »Du hast dich so schnell aus dem Staub gemacht und mich hast du die viele Jahre alleine gelassen« so red ich mit ihm
[1:00:47] wann ist er gestorben ?
[1:00:48] äää
[1:00:50] wann ist er gestorben ?
[1:00:52] äää wie die DDR aufgegangen ist
[1:00:57] neunzig kurz vor neunzig
[1:00:59] neununddrei äää
[1:01:00] 89 ?
[1:01:02] 89 ?
[1:01:03] 89 genau da ist er gestorben
[1:01:06] hat die Mauer nicht verkraftet ?
[1:01:08] ahh weiß ich nicht er hat Krebs gehabt er ist an Krebs gestorben und wie er im Todesbett war weil ich war bei ihm ja immer wir haben dann extra dann ein Zimmer gehabt und äää da kam eine von unserer Gemeinde hab ich gesagt »geh zu ihm vielleicht bekehrt er sich« er hat es getan er hat sich zu Gott das hat er immer bewundert aber er konnte das nicht weil er hat mit die arme Menschen helfen die Gefängnis waren und die was angestellt haben da haben sie immer bei ihm Rat geholt und da konnt er das nicht so war das
[1:01:49] wie ham Sie ihn kennengelernt ?
[1:01:52] Toni ? Mhh das war in Nürnberg in Nürnberg wann war denn das ? 38 glaube ich
[1:02:09] 48 bestimmt kurz nach
[1:02:12] 48 ja 48 47 47 48 um die Zeit da war ich in Nürnberg bei Bekannte und er war in Nürnberg und töff und da bin ich immer und da-da der Bekannte wo ich war das war sein Onkel da war ich manchmal öfters und er war da und da da haben wir uns halt gesehen aber ich hab keine Absicht gehabt mit ihm nein und äää als dann ne ganz lange Zeit da haben wir uns halt kennengelernt und so waren wir zusammen halt nicht geheiratet halt so
[1:02:54] abgehauen ?
[1:02:55] abgehauen genau
[1:02:56] drei Tage
[1:02:58] ja genau wie die Sinti heiraten aber dann haben wir richtig geheiratet hier in Mannheim wegen Geld
[1:03:04] is auch gut
[1:03:05] wegen Lowe [Originalsprache Romanes] Geld
[1:03:07] is auch gut
[1:03:08] ja hat er gesagt zu mir »Zilli mir kriegen mehr Rente« hab ich gesagt »komm Toni heiraten ma«
[1:03:13] das ist doch (_) gescheit das macht doch Sinn
[1:03:14] [ZR lacht]
[1:03:16] wie traditionell war er oder seid ihr gewesen zusammen ? Wenn er nicht so gläubig war ?
[1:03:22] er war nicht gläubig mein Mann war nicht gläubig
[1:03:25] ab wann wurdest du gläubig ?
[1:03:28] ich äää ach
[1:03:31] ich mein nach so ner schlimmen Zeit die man hinter sich hat da denkt man wirklich darüber nach wenn es einen Gott gibt das würd er doch nicht machen ?
[1:03:41] ja ich war schon gläubig aber da hab ich noch Geschäfte gemacht war nicht richtig gläubig aber dann sp- er hat mich auch gehen lassen in die Bi- in die Stunde das hat er auch gemacht er hat mich nie behindert wenn ich hab gesagt sogar beim Kochen hab ich die Schürze ausgezogen hat er weiter gekocht ich bin mitgefahren in die Stunde das hat er schon gemacht
[1:04:03] eine Bibelstunde war das ?
[1:04:05] in die Bibelstunde wir haben hier eine Sinti Gemeinde
[1:04:08] mhhh
[1:04:10] in Mannheim in schön- wie heißt das weiß ich nicht Sandhofen glaub ich ich glaub so heißt das da ham wir ne Stunde ne ää Gemeinde ne schöne Gemeinde und di-ie das leitet ist ne Deutsche aber die kenn ich schon da war sie noch ganz jung so
[1:04:28] ne christliche Gemeinde ?
[1:04:32] mhh ?
[1:04:33] ne christliche Gemeinde ?
[1:04:35] ne christliche Gemeinde ja
[1:04:36] katholisch oder evangelisch ?
[1:04:38] freie Christen
[1:04:39] freie Christen das
[1:04:40] ne evangelische
[1:04:42] evangelische
[1:04:43] freie Christen
[1:04:45] sind Sis- sind Sinti grundsätzlich freie Christen ?
[1:04:47] ja
[1:04:49] alle ?
[1:04:50] nein nein nein nicht alle
[1:04:52] mhhh
[1:04:54] viele sind auch Katholiken
[1:04:55] mhhh also grad in Bayern wahrscheinlich oder ?
[1:04:57] ja
[1:04:58] und in deiner Herkunftsfamilie deine Eltern die waren katholisch ?
[1:05:03] alle aber ganz schlimm katholisch mein Vater ist immer auf Wallfahrten gefahren
[1:05:07] mhhhh
[1:05:08] er ja in ich weiß nicht wo er überall war auf Wallfahrten ja und ich bin wie ich rauskam aus die Schule da bin ich gefirmt worden hab Kommunion gemacht alles das hab ich hinter mir gehabt und äää ich bin in eine katholische Schule gegangen mit mit die Nonnen und die ist nach Afrika Mission hab ich gedacht nimm mich doch mit Schwester »du bist doch viel zu klein Zilli« hat sie zu mir immer gesagt [JMH kichert]
[1:05:39] du wolltest einfach raus in die Welt oder
[1:05:41] ich wollte dahin wo sie Mission macht
[1:05:43] mhhh
[1:05:45] bei die Schwarzen da wollt ich hin da ist sie gegangen die Schwester
[1:05:52] wie wichtig sind Traditionen für dich ?
[1:05:55] mhhh ?
[1:05:56] Traditionen wie wichtig sind die ?
[1:05:58] Tradition ?
[1:06:00] ja
[1:06:01] ja ganz wichtig
[1:06:03] war das immer schon so ?
[1:06:06]
[1:06:07] mhhh ?
[1:06:09] war das immer schon
[1:06:10] war das schon immer ja
[1:06:12] ja ? woher kommt das ? Vom Vater oder von der Mutter ?
[1:06:13]
[1:06:15] überhaupt von meinen Eltern
[1:06:17] von den Eltern ? Und die haben des übernommen von ihren Eltern
[1:06:18] ja bestimmt
[1:06:21]
[1:06:22] und kann man sagen es gibt eine typische Sinti Tradition ?
[1:06:24]
[1:06:25] auch
[1:06:27] gibt`s ?
[1:06:28] auch gibt es
[1:06:30] was ist was gehört zu einer typischen Sinti Tradition ?
[1:06:31] wenn das ins Buch kommt ist schlecht für mich ä für äää Sinti
[1:06:33] dann machen wir es nicht
[1:06:35] (_) nich ? Na-a
[1:06:37] Frau Frau Reichmann haben Sie mal gab es in in dieser schlimmen Zeit in den verschiedenen Lagern gabs es irgendwann mal dass Sie Hilfe bekommen haben ? Dass jemand Ihnen geholfen hat ? Also es gab es gab diese schlimmen Bewacher mhh wir haben gestern über Schläge gesprochen und so was aber gabs auch mal Hilfe unter den Häfltingen oder von einem Bewacher oder
[1:07:04] passen Sie auf die schlimmste Zeit war wie der Palitzsch und der Plagge das waren die die die vom ganzen Lager die die wie sagt man die die hohen Tiere Viecher ?
[1:07:18] die ähm
[1:07:19] SS-Offiziere
[1:07:21] ja
[1:07:22] irgendwelche Super Nazis
[1:07:24] ja aber die das alles geleitet haben
[1:07:25] die Lager Leiter eigentlich die Lager Leitung
[1:07:26] ja
[1:07:28] die SS-Leitung vom Lager
[1:07:29] ja Palitzsch und Plagge das waren die haben Feuer gespuckt Appell sind immer ein paar umgefallen waren tot das war der Palitzsch und Plagge und die haben mal äää Sport gemacht Sport da waren ein paar Tote de- waren da waren tot so ein Sport hat er gemacht mit die Häftlinge
[1:07:51] die hin und her gehetzt ?
[1:07:53] ja mhh ach weißt du was untereinander konnte man sich doch gar nicht helfen weil jeder arm war und Hunger hatte und Durscht hatte da konnte man äää da konnt man sich nicht helfen
[1:08:11] aber was heißt das gabs da so was wie ein Mißtrauen ?
[1:08:14] was ?
[1:08:15] gabs da ein Mißtrauen unter den Häftlingen ?
[1:08:17] nö nö
[1:08:19] aber wenn man jeder hat Hunger jeder hat Durst
[1:08:21] ja
[1:08:23] aber man man hat doch trotzdem geholfen ?
[1:08:25] nein da konnt ja keiner helfen weil jeder das selber war weil jeder gleich war jeder hat Hunger und Durscht gehabt
[1:08:35] aber es gab Menschen die anderen Menschen auch vorm Ertrinken gerettet haben beispielsweise
[1:08:40] was ?
[1:08:42] da gabs den Herrn Da-Dimanski der hat ein Kind gerettet vor dem Ertrinken
[1:08:51] der hat gar nicht gerettet der nä bald hätt ich was gesagt den hab ich kennengelernt mit dem hab ich gelebt ein Jahr
[1:08:57] ja ?
[1:08:59] dem Dimanski das war der Lagerälteste und äää
[1:09:02] in Auschwitz oder in
[1:09:04] in Auschwitz das war der Lagerälteste da ham wir kein Hunger mehr gelitten meine Familie ist mit Essen und Trinken in Tod gegangen hätte ich sie lieber all vor dem hab ich sie versorgt ich die Jüngste von alle ich hab gestohlen wie ein Rabe aber nicht von Menschen die das Brot gebraucht in Magazin in die Küche wo ich nur klauen konnte da hab ich geklaut hab ich einmal ää drei Tage Stehzelle gekriegt hab weiter geklaut bis ich dann den hab kennengelernt hab das Lag- und meine Mutter hab ich gesagt »Mama Mama ich hab wieder Kartoffeln für die Kinder« »Zilli eines Tags bringen sie dich um« mich hätten sie auch umgebracht dann war ich in äää in Kindergarten mit die kleine Kinder die keine Eltern mehr hatten und drüben beim Zaun hat mich ein ein Blockältester gesehen »ooo du bist aber ein schönes Mädchen« da hab ich aber den Dimanski noch nicht gekannt »ach wie heißt denn du« »Zilli« jeder hat sich um falschen Namen gegeben ich war naiv Dumme »Zilli« »oooch du hast aber einen schönen Namen du bist aber schönes Mädchen« also gut und schön er hat mich Brot rübergeschickt ach »Mama Mama guck mal das na« so und so hab ich meine Mutter erzählt meine Mutter ne Freude also gut wieder hat er mich wieder hat er zu mir gesagt »hast du ein Bruder ?« und der Bruder hat mich sehr geähnelt und meine Mutter hat immer geweint um den Jüngsten der war der Hesso der war bei den in in in die Kompanie er er hat Straf- Kommando gehabt das war der Kapo davon und da war mein Bruder und meine Mutter mir ham nicht gewusst wo der geblieben ist weil wir wir sind auseinander gekommen »hast du n Bruder ?« hab ich gedacht »natürlich habe ich einen Bruder aber mir wissen nicht wo der ist« hat der sich wohl gedacht das wird wohl ihre Bruder sein der ähnelt ihr nich in die Jugendzeit haben wir uns so geähnelt kurz weg er kommt bei sich da in den Block und ruft »Zilli« und mein Bruder dreht sich um hat ha-hat er gewusst das war mein Bruder der dreht sich um hat er gesagt »hast du ne Schwester ?« und so kam er und ich auf mein Bruder andere Mal bringt er mein Bruder mit meine Freude meine Freude ! ja er hatte mich Brot rübergschickt hab ich gesacht auf meine Sp-Sprache er soll runterlaufen den Zaun aber nich wo er da war sonst »lauf den Zaun runter ich schmeiß dir das Brot wieder rüber« hab ich ihm das Brot immer wieder rübergeschickt und das was der Kapo mich gegeben hat eines Tags steh ich da geht eine Kugel hinter mir ein Kapo gibt mir ein Stoß geht die Kugel hier bei meinem Ohr vorbei hat der das war ein Kroate der der Wachposten die haben die kleinen Kinder wenn die ein bisschen äää näher gekommen sind reingeschossen dass die Därme rauskamen das so groß kleine Kinder das waren die Kroaten ja die Gewehr äää die bei den Hitler gedient haben
[1:12:32] Ustascha ?
[1:12:34] Ustasche genau wie weißt du das ?
[1:12:35] ja
[1:12:37] die Ustasche waren das jaja von Kroatien die wegen waren noch die anderen so mit den die anderen Stämme die Kinder hier reingeschossen dass die Därme rauskamen das haben die Kroaten gemacht
[1:12:50] und andere Kinder haben es gesehen ?
[1:12:52] hä ?
[1:12:53] andere Kinder haben das gesehen ?
[1:12:55] natürlich wenn die Kinder gespielt haben und sind zu nech an den Draht gekommen der Zaun wo geladen war dann haben sie sie von oben abgeschossen ja und so hat der mich Stoß gegeben und die Kugel ist bei mir vorbeigegangen siehst du da hab ich schon Gott bei mir gehabt ich hab ihn schon immer gehabt sonst wäre ich nicht rausgekommen den hab ich schon immer gehabt ja und in die Zeit hab ich dann den Herrmann kennengelernt aber ich hab gedacht ich hab hier für meine Fa-Familie immer gesorgt die haben kein Hunger gelitten weil überall hab ich dann eingetauscht das das das das konnt man alles in Lager [ZR trinkt] und äää da hab ich den kennengelernt ja da hab ich keine Sorgen mehr gehabt aber bei-bei mir war bei uns war das so mit nem Deutschen war das nicht normal für ein Sinto zu leben aber die Not hat das gemacht er war ja viel älter wie ich also gut das war dann ein Jahr da hab ich keine Sorgen mehr gehabt essen und trinken i-in da kam manchmal meine Verwandtschaft »ach liebe Zilli ich hab Hunger« gegeben hab ich denen auch noch geholfen nach dem Lager hab ich den hier in Mannheim ham ma dann zusammengewohnt »Zilli weißt du noch wo du mich das Weißbrot gegeben hast ?« »aber ich hab die Familie nichts abgegeben ich hab alles gegessen« weil ich hab immer gedacht »gib die Familie auch was ab« der Heino sagte »Zilli ich hab nichts abgegeben hab ich alles aufgegessen« das hat er mir da gestanden nach dem Lager hier in Mannheim
[1:14:46] weil er so ein Hunger hatte
[1:14:48] ja ja
[1:14:51] und wie konnte der wie konnte das der dieser Lagerälteste war das für den auch riskant die Sachen zu organisieren für Euch ?
[1:14:58] natürlich aber pff die haben doch überall i-ihre ihre ihre Mannschaft äää sitzen gehabt der konnt keinen Menschen ich hab gehört wie das mit den Zigeunerla- der hat mich zweimal weggeholt von Vergasen ich hab zweimal gestanden zum Vergasen das habe ich aber nicht gewusst er hat mit mir nie darüber gesprochen niemals ich hab gar nichts gewusst ich hab gar nicht gewusst wer er ist und was er ist und so was er macht weil er er hat nen guten Freund gehabt der war von die DDR mit denen hat er nur Englisch gesprochen damals konnte ich kein Wort jetzt kann ich perfekt weil ich hab hausiert bei die Amerikaner
[1:15:39] aaa
[1:15:41] so hab ich es gelernt und äää ich hab ihn nicht verstanden und so hab ich viele gerettet auch auch mein Cousin äää dem seine Tochter wohnt hier den wollten sie umbringen weil er von Stammlager in di-die Zigeunerlager und da ham sie gesagt der wär ein Spion und da wollten sie ihn umbringen und ich hab seinen äää Namen gehört hab ich gesagt »das ist mein Cousin wat du jetzt sprichst« und so hab ich dem sein ääää Leben gerettet und noch einmal welche was ich gar nicht gewusst hab ich
[1:16:17] das ging dann meistens darüber dass die von Listen gestrichen wurden oder wie rettete man die ? Dass der Name von ner Liste gestrichen wurde oder wie konnte man das praktisch machen wenn
[1:16:26] sie haben es dann nicht gemacht
[1:16:27] gar nicht drauf geschrieben
[1:16:29] nein die haben es dann die haben den-äää-jenigen dann nicht umgebracht die haben ihn leben lassen so war das
[1:16:36] aber so ein Blockältester schreibt dann den Namen auf und diese Liste kommt dann zu irgendjemand und der erledigt das ? Oder wie ist das ?
[1:16:46] das geht auf di-ie Block die auf die auf die Schreibstube die Liste mit die ganze was da aufgeschrieben wird
[1:16:57] und als Sie gesagt haben das ist mein Cousin dann hat er den Namen nicht eingetragen oder wie ? Oder woher wusste er dass das nicht wie kann so ein Blockältester entscheiden ob jemand umgebracht wird oder nicht ?
[1:17:11] der kann das schon äää auf Hintergründe schon entscheiden aber das ham wir äää die die mit dieser Sache bin ich nie in Kontakt gekommen mit das nur des ja jetzt wo ich sag mein Cousin da wo ich gesagt hab das ist mein Cousin da ham die dann nichts gemacht sie haben ihn dann äää gelassen so wie er ist
[1:17:35] laufen lassen
[1:17:36] denn der ist von von von Stammlager nach äää Zigeunerlager gekommen und da hat es gehei- dann hat es geheißen der ist als Spion für di-die Blockältesten und für die dass er die verrät
[1:17:50] dafür soll er in den Zigeunerlager ?
[1:17:52] ja weil ja in Zigeunerlager weil die ganze Deutschen haben meist mit Sinti gelebt die haben meistens Sintifrauen gehabt
[1:18:02] und was haben diese ganzen kleinen Kinder den ganzen Tag gemacht ?
[1:18:07] gar nichts
[1:18:09] die haben aufm Bett gesessen oder ?
[1:18:11] gar nichts ja ja die haben nichts gemacht die haben gar nichts gemacht und die Kinder die rausgelaufen sind vom Block hab ich doch gesagt der hat die abgeschossen das ham die gemacht (_)
[1:18:25] es gab nie Schule für die nie irgendwie ne Möglichkeit
[1:18:29] nein nein ach Schule kannst du doch vergessen mhmh
[1:18:35] Sie haben was von nem Kindergarten erzählt da war ein Kindergarten ?
[1:18:38] Kindergarten ja da war ich drinne wo ich hab dem äää
[1:18:42] wer hat das betreut ? Die Nonnen ?
[1:18:44] bezahlt ?
[1:18:46] nee wer hat das betreut ? Ist das von der Kirche betreut worden oder wer hat auf die Kinder aufgepasst ?
[1:18:52] das weiß ich nicht wer das betreut hat ich weiß nur ich war bei die Kinder das waren die Kinder wo die Eltern gestorben sind Waisenkinder waren sie alle die haben dann auch äää besseres Essen gekriegt und und so Rosinen oder irgend so was ham die dann gekriegt die Kinder aber wer das äää veranstaltet hat bestimmt die die Lagerführung da ja
[1:19:22] hattet ihr die Möglichkeit in die Kirche dort zu gehen ? Gab es da so was wie ne Kapelle oder irgendwas ?
[1:19:24] nein nein
[1:19:26] gab es nie eine Möglichkeit zu beten ?
[1:19:29] ach wo denn da gabs doch keine Kirche mhmh da gabs keine Kirche ähäh
[1:19:38] oder ein Kreuz ein Großes wo man hätte
[1:19:40] auch nicht auch nicht jeden Tag äää ham sie dann die die Arbeit Kolonne gesammelt und die sind dann äää ausgerückt zu Buna oder
[1:19:53] Monowitz
[1:19:54] da wo sie gearbeitet haben und abends kommen sie wieder rein aber sonst im Lager war doch nichts da war doch keine Arbeit
[1:20:05] und Sie
[1:20:07] ja der Herrmann konnt äää kein äää Kind retten das heißt so hat er nicht weil er konnte das nicht wie ich gehört hab hat wie dat mit dem Lager Zigeunerlager geschehen ist hat er nen Nervenzusammenbruch gekriegt das aber das war für mich ei- das war für mich ein äää er war nicht böse er war gut aber äää geheiratet hätt ich den nie niemals
[1:20:38] keine Liebe ?
[1:20:39] nein nein
[1:20:41] kein Empfindungen ? Nichts ?
[1:20:42] nein nein
[1:20:43] einfach ein guter netter Mensch ?
[1:20:45] ja ich hab ihn gern gehabt aber Liebe war es nicht ach woher
[1:20:49] und und dann bist du am zweiten August von Auschwitz nach Ravensbrück gekommen ?
[1:20:56] ja Ravensbrück haben die äää Schwulen äää die Schwulen haben zu sagen gehabt da in Ravensbrück viele Schwulen ja wir waren äää da- Ravensbrück waren auch viele Z-Zeugen Jehovas die waren auch da aber meistens warens Schwulen
[1:21:18] und bist du in Ravensbrück auch befreit worden ?
[1:21:21] von Ravensbrück ?
[1:21:22] wo war für dich der Krieg zu Ende ?
[1:21:25] ach so ich bin noch mal weggelaufen
[1:21:28] [JMH lacht]
[1:21:32] ich bin ich war doch immer am Laufen ich bin doch zuletzt äää von Ravensbrück sind wir nach äää in die Arado-Werke Wittenberg an der Elbe da ham wir äää in die Arado-Werke ge-gearbeitet ich und meine Cousine da die auf dem Bild da ist wir beide aber da waren wir schon am Sterben so wenig zu essen und alles da haben wir einen Zivilarbeiter gehabt bei uns ein lieber Mensch aber die haben selber nichts zu essen gehabt draußen und wenn der mal ein bisschen was gehabt hat was »da Kinder da unten hab ich was reingestellt« da hat er zu mir gesagt »haut doch ab« das war am Ende vom Krieg »haut doch ab« hab ich gesagt »wie sollen wir hier rauskommen alles Zaun ?« »nein da-um die und die Zeit ist da kein Strom drinne« hat der alles gewusst mhhhä und mir haben doch die Kleidung gehabt mit solchen Streifen hinten drinne mit äää mit ääää mit Farbe so Streifen er hat uns sogar Kleider gebracht hat er unten reingelegt sagt er »Kinder haut ab ihr kommt um hier drinne« hab ich gesagt »mir können doch nicht raus« der hat uns beschrieben »da unten ist ein Loch und da könnt ihr durch und da ist kein äää ist keine äää kein Strom drinne um die und die Zeit« ich und die Tilla natürlich da haben wir gemacht ne wir habens riskiert
[1:23:05] aber wieso haben Sie ihm vertraut ?
[1:23:07] Tilla hieß deine Cousine ? Tilla ?
[1:23:09] hä ?
[1:23:10] Tilla hieß deine Cousine ?
[1:23:11] Tilla ist meine Cousine da äää das ist doch die auf das Bild mit und äää mir haben das gemacht dem haben wir vertraut
[1:23:18] warum ?
[1:23:19] so wie so hat uns biss-bisschen Brot mal gebracht hat uns die Kleidung gebracht hat uns erklärt wie ma durchkommen natürlich haben wir ihm vertraut mir hams geschafft und ab ab ab ab ich und die ab auf son großen Berg wa-wann sind wir ? Da war noch kalt oder war wieder kalt nein war kalt Herbst war das glaube ich und ääää auf nem großen Berg da unten haben wir uns unter son Baum gesetzt ich und die kalt sehr kalt auf einmal gehen meine Augen auf war alles zugedeckt was war da oben ? Alles Flieger und die haben uns nicht gemerkt alles Flieger wa- oder ham uns bemerkt haben sie gemacht als wenn sie uns nicht sehen kann auch sein waren da ääää auf dem Berg oben die Flieger aber die waren verdeckt hab ich gesagt »Tilla guck wenn die uns sehen« und unten haben wir die Hunde gehört die uns gesucht haben aber da oben hätten die uns nie Verdacht gehabt weil da sind ja die Flieger da sind doch die nicht raufgegangen da waren wir siehst du wie Gott hilft und da oben waren wir gesessen ich und die unter einem Baum am anderen Morgen sind wir wieder ab und da si- da sind mir gelaufen bis Berlin das war nicht weit davon da hab ich nen Onkel gehabt in Berlin in Marzahn das war ein Zigeuner äää
[1:24:51] Lager
[1:24:53] Lager da war mein Onkel drinne da sind wir zu Fuß nach Berlin gelaufen bei meinen Onkel und der hat gesagt »Zilli weißt du was du jetzt machst ? Du gehst ufm Flüchtlingsamt und holst dir einen Ausweis« hab ich gesacht »lieber Onkel die bringen mich doch um« da war Fliegeralarm wir konnten nicht raus wi-wie wir beim Onkel waren »bleibt bloß hier drinne hier sind viele ääää auf dem Platz die euch verraten vielleicht« und dann waren wir bei ihm ja drinne und anderen Morgen tap-tap hat uns ufm Flüchtlinsamt gebracht wer hat das gemacht ? Die Zilli natürlich die Schlaue »ja wie heißen Sie denn ?« »Zilli äää warte mal Renate«
[1:25:42] mein Name
[1:25:43] hä ? Dein Name Renate Äää Müller
[1:25:49] Renate Müller ?
[1:25:51] ja ja und ää und mein Onkel hat mir gesagt wo wo gerade die Bombardierungen waren sie sind alle geflüchtet von wo kommen sie von da jetzt weiß ich nicht mehr was für ein Tag äää was für ein Land das war oder
[1:26:05] habt ihr gesagt ihr seid Ostvertriebene ?
[1:26:06] ja ja wir sind Flüchtlinge die von die Bomben geflüchtet sind
[1:26:10] mhhh
[1:26:12] ham wir nen Ausweis ich hab nen Ausweis gehabt war ich doch gerettet nich ?
[1:26:16] aber die die haben sich nicht gewundert wie du aussiehst ?
[1:26:19] ne ne ham mich nicht gewundert ach
[1:26:23] das war mutig
[1:26:25] das war doch die letzte Zeit da warn die doch sowieso schon durcheinander auch so wie wir auch und von da ja jetzt hab ich mein Ausweis gehabt und dann sind wir nach Östereich ich und d-die Tilla Österreich »Tilla was mach ma jetzt ?« war aber doch Krieg noch
[1:26:45] mit nem Zug ?
[1:26:46] mit dem Zug ja
[1:26:48] mit nem Personenzug
[1:26:50] aber alles ohne Geld ne also mit Zug sind wir in Österreich gelandet »was machen wir jetzt Tilla in einem Dorf« »wir arbeiten« ich bei eine Schwester und sie drüben bei dem Bruder der war äää war äää in die Krieg der Bruder der hat ein Bein gehabt und die Schwester war eine Altledige ich hab immer das Essen gesucht und da ham wir oft ich und sie gegessen und ham unsere (_) gedrehn wenn wir doch gewusst hätten wo die Familie ist hätten wir doch was Essen hingeschickt oder irgendwas aber war noch ne ganze Zeit Krieg und da waren wir versorgt bei denen in Schrick hats geheißen Schrick in Österreich beim Bauer da haben wir gearbeitet und bis zuletzt dann da war der Krieg zuende und da bin-bin ich wieder nach Eger zurück weil da mein Bruder war und da habe ich meinen Bruder wieder angetroffen und sie äää sie war verheiratet die Tilla ihren Mann hat sie angetroffen und und unser Wagen mit alles drinne war noch in Eger gestanden die Bilder alles meine Mutter ihre Anziehen war noch drinne war alles drinne
[1:28:10] kann man sich gar nicht vorstellen ne die Menschen waren nicht mehr da aber niemand hatte diesen Wagen angetastet
[1:28:13] genau
[1:28:17] während ihr dann in Österreich wart und der Krieg noch war du hast gerade gesagt ihr habt ihr dann darüber nachgedacht ihr wisst nicht wo eure Familien sind deswegen könnt ihr denen kein Essen schicken der Gedanke dass sie nicht mehr am Leben sein könnten den
[1:28:33] ham wir nich nein ham wir nich
[1:28:34] den habt ihr bei so äää den habt ihr nicht zugelassen diesen Gedanken ?
[1:28:36] nein nein nein das soll man nicht wissen (_) wir haben nur gedacht die leben noch
[1:28:43] wann hast du zum ersten Mal wann ist dieser Gedanke dass sie nicht mehr leben könnten zum ersten Mal in deinen Kopf gekommen wann hast du zum ersten Mal angefangen zu zweifeln ob die noch leben ?
[1:28:54] wie wir zurück zu meinem Bruder sind dann
[1:29:00] das war der der bei der Wehrmacht war der Große ?
[1:29:03] ja der äää der ist dann nach Eger zurückgegangen weil er da auf dem Flugzeug äää Werk gearbeitet hat der ist sterilisiert worden und ham ihn entlassen und wie wir nach na und die Eltern kamen nich mehr also sind sie umgekommen die kamen nicht mehr und so ham sind mir das gewahr geworden das sie gestorb- dass umgebracht worden sind
[1:29:25] habt ihr irgendwann ähm noch mal versucht die finden zu lassen übers Rote Kreuz ?
[1:29:30] nein nein
[1:29:31] das war einfach klar
[1:29:32] ja obwohl meine Tochter hab ich versucht vom Roten Kreuz weil es hat geheißen dass ein Kind gerettet worden ist also wie mein Mädchen die war hell die war die hat nicht ausgesehen wie ein Sinto nech war aber nich
[1:29:47] wieso war sie hell ?
[1:29:49] ihre Vater war äää hat blaue Augen gehabt Haare dunkelblond halt aber sonst nicht und so ja
[1:30:02] und dann hast du erfahren dass war das falsche Kind dass war nicht deins das da irgendwo
[1:30:05] ja
[1:30:09] und hast du irgendwann das wäre ja vielleicht ich darüber können wir gleich noch sprechen ob du versucht hast Entschädigung zu bekommen hast du irgendwann offizielle Dokumente über den über die Ermordung deiner Familie bekommen hast du irgendwann mal so Zettel bekommen wo drauf stand »der Vater geboren dann ist dann und da umgekommen« oder hattest ein Dokument wo Ver- [ZR schüttelt den Kopf] gar nichts ? Du hast kein Beweis darüber dass sie noch
[1:30:34] nein nein ich bin dann zum Rechtsanwalt gegangen und da hab ich den Antrag gestellt für Wiedergutmachung äää ich ich ich wär von München ja und da war ich auf die Wiedergutmachung mein Mann da war ich schon verheiratet da war der Toni bei mir
[1:30:55] das war dann erst in den siebziger Jahren oder schon vorher ? So ungefähr
[1:30:59] schon vo- schon sechziger Jahren wars schon ja die Zeit Toni war bei mir und hinten ja und da bin ham sie gefragt »ja so und so ja « aber ich hätt ich hab müssen schreiben ob ich das auch bin weil die waren sehr mißtrauisch gerade die f- Münchner und da hat eine gesessen ich glaube das war die Lolitschai ja und ähhh »Sie sind doch äää gar keine Mischling sie sind doch eine Voll-Zigeunerin ihre Vater heißt doch so und so und ihre Mutter so und so« die haben gewusst wie mein Vater auf Romanes heißt und meine Mutter das ham die gewusst »Sie sind doch eine Lalleri-Sinti« das haben sie gesagt in München ich hab meine Wiedergutmachung gekriegt natürlich aber das wars aber das sag ich euch jetzt das wollte ich euch sagen
[1:31:58] ich kann das ähm ich verstehe wie das kam die haben ja es gab ja in Berlin diese rassehygienische Forschungsstelle
[1:32:05] ja ja
[1:32:06] die ham ja ungefähr also weit über zwanzigtausend Sinti in Deutschland erfasst und ham auch diese Stammbäume gemalt und haben da auch eben die Eva Justin hatte ja extra Romanes gelernt um das Vertrauen zu erschleichen und da ham sie auch die Sintinamen gesammelt und in München in München ham sie nach dem Krieg mit den Karteien aus dieser rassenhygienischen Forschungsstelle weitergearbeitet das heißt als du deinen Antrag gestellt hast hatten sie deine Karten die sie in der Nazizeit aus rassistischen Gründen über dich angelegt hatten die hatten sie vorliegen die wussten ganz genau
[1:32:46] du hast Recht
[1:32:49] worum es ging
[1:32:53] du hast Recht du hast Recht mhh
[1:32:53] war irgendwann wärend des Krieges mal jemand bei euch ? der irgendwie euch ausgefragt hat aus Berlin oder so kannst du dich daran erinnern ?
[1:32:57] nein
[1:32:59] ne
[1:33:01] keiner
[1:33:02] kam auch keine die auch irgendwie gemessen haben oder so
[1:33:05] ne mhmh
[1:33:12] ist das nicht komisch wenn man als junger Mensch [im Hintergrund fällt etwas um] der Krieg war zu Ende da musstest du ungefähr Anfang zwanzig sein Ende neu also 19 zwanzig rum
[1:33:25] mhh
[1:33:27] die meisten Menschen klar man hofft dass die nicht tot sind sondern noch leben aber man hat doch mitgekriegt da ist doch irgendwas passiert auch mit den Menschen selber man ist doch keine zwanzig mehr sondern im Kopf sind doch ganz viele komische Sachen passiert was war der Ansporn um weiter zu machen ?
[1:33:49] das Leben ein jeder Mensch versucht weiterzuleben man hat sich nicht den Tod gwünscht nein das Leben ää war der Ansp-sporn ich muss weiterleben für das weiß ich nicht für was aber so war das
[1:34:14] gab es manchmal ein Moment von nem schlechten Gewissen ?
[1:34:17] mhh ?
[1:34:19] gab es ein Moment von nem schlechten Gewissen ? Wenn man im Nachhinein sagt »ich bin da« wie jetzt zum Beispiel wie war das mit Ohrfeige bei Mengele gabs da nicht so ein Gefühl von »ich hätte vielleicht das machen müssen oder hätte ich vielleicht das machen müssen« in der Zeit oder kommt das erst später ?
[1:34:42] das kommt später
[1:34:44] ja in der Zeit denkt man vielleicht gar nicht über so was nach
[1:34:45] nein nein
[1:34:49] stopp [JHM hustet] ich glaub man ist da immer so wenn man so so was hinter sich hat und es überlebt hat und ein junger Mensch ist dann ist man sehr in seinem jeden Tag in seinem heute irgendwie oder ?
[1:35:02] ja ich muss jetzt ne Zigarette rauchen [ZR sucht Zigaretten auf dem Tisch neben ihr]
[1:35:08] dann machen wir jetzt ne Pause
[1:35:10] machen ne Pause ja bitte
[1:35:13] gut [Schnitt]
[1:35:16] die Sinti haben mit die Politik nichts zu tun gehabt
[1:35:19] nie ?
[1:35:20] nein
[1:35:21] es gab aber ein paar Sinti die waren bei der Wehrmacht
[1:35:23] ja mein Bruder
[1:35:25] die waren die waren bei der Wehrmacht wegen Lowe [Originalsprache Romanes] Geld oder waren Wehr - in der Wehrmacht weil sie dafür gekämpft und dass sie dran geglaubt haben ?
[1:35:32] nein die sind eingezogen weil sie gemusst haben nicht weil se freiwllig gegangen sind mein Bruder war doch bis Russland Stalin- äää da in in da war er und da ist er verwundet worden äää in Oberschenkel hat er nen Schuss gekriegt ist er in die i-i-in in den Krankenhaus gekommen von Militär und da haben sie festgestellt dass er nicht arisch war und dann ham sie mit die Uniform nach Auschwitz geschickt von Militär aber war bis Russland hat er mitgekämpft in in in Frankreich überall hat er mitgekämpft bis Russland und von Russland ham se ihn nach äää Auschwitz geschickt und denn ham sie ihn ja dann wieder entlassen ham ihn aber sterilisiert dass keine Famile dann gekriegt
[1:36:21] wie hieß der Bruder ?
[1:36:23] mhhh ?
[1:36:26] wie hieß der Bruder ?
[-1:-1] Stefan Reichmann
[1:36:27] das ist der deutsche Name
[1:36:30] das ist der deutsche Name ja Stifto hat er geheißen
[1:36:31] das ist doch irgendwie ein bisschen bescheuert dass man ein Menschen von der einen Seite der Welt zurück auf die andere schickt obwohl er für die eine Seite gekämpft hat
[1:36:39] gekämpft hat für Deutschland hat er doch gekämpft ja und das hat er zur Belohnung gekriegt Sterilisation und Entlassung erst hat er 25 gekriegt e-er war dann eingesetzt in Auschwitz als Blockältester und bei uns ist doch das so dass wir unsere Alten ehren und bei uns bei dem im Block waren viele Alten und die hat er nicht rausgeschickt zum Appell weil Appell stundenlang sind sie umgefallen dafür hat er 25 gekriegt Ja
[1:37:12] willst du noch mal erzählen wie so ein Appell ablief ? Was ist ein Appell ? Das das
[1:37:18] Appell ? Rei-reihenweise sich angestellt aber stundenlang äää da werden sie dann aufgerufen »ich ich ich« bis der letzte »ich bin da« und so ist der Appell aber da steht man nicht bloß ne Weile da steht man stundenlang und welche Alte sind auch umgekippt und der andere die haben sich dann gegenseitig wieder geholfen
[1:37:41] wie habt ihr es geschafft dass die Kinder stehen geblieben sind ? Wie hast du es geschafft dass Gr-
[1:37:45] Kinder waren nicht dabei
[1:37:46] Kinder waren nicht dabei
[1:37:47] s waren nur Erwachsene
[1:37:49] und alte Greise mussten trotzdem zum Appell obwohl man wusste die können nicht richtig laufen ?
[1:37:55] ja
[1:37:56] es war egal ?
[1:37:57] ja egal die sind dann umgefallen und d-die Jungen haben da geholfen
[1:38:02] wie viele Menschen mussten an so nem Appell stehen ?
[1:38:05] das ganze Lager ne ?
[1:38:07] der ganze Block da hat man wohl ein Block immer war Appell das weiß ich also ein Block alle die da drin waren die ganzen Insassen ham müssen draußen sin-sein zum Appell bloß die Kinder nicht die Kinder waren nicht dabei
[1:38:24] und war das immer um eine bestimmte Uhrzeit ?
[1:38:25] ja morgens
[1:38:27] um ?
[1:38:28] nach dem Kaffee trinken halt
[1:38:32] und wenns W-
[1:38:35] vor Mittag halt
[1:38:36] vor Mittag
[1:38:38] sagen wir mal so
[1:38:39] und wenns wenns Winter ist is es ja draußen auch dunkel und kalt und die mussten trotzdem alle
[1:38:42] alle raus
[1:38:45] raus ?
[1:38:47] alle raus ja aber Holzschuhe an keine Unterwäsche an kalt kalt und das Dingsda mit den Streifen hinten drauf und so haben sie gestanden
[1:38:58] Stunden ?
[1:39:01] Stunden
[1:39:02] und wenn dieser Appell zu Ende war was mussten Sie dann machen ?
[1:39:03] äää dann sind äää welche reingekommen und die anderen haben sich müssen anstellen zu äää Arbeit da ist ne ganze äää ganze äää
[1:39:16] so ne Kolonne dann
[1:39:19] eine Kolonne ja siehst du das vergesse ich ne ganze Kolonne zur Arbeit gegangen mit Musik Sinti haben dann gespielt und mit Musik sind die zur Arbeit gegangen äää die haben dann gearbeitet in die Nähe von Auschwitz überall in die große Werke ja so war das in Auschwitz
[1:39:41] und dieser Herrmann war auch in Auschwitz was war sein A- äää Aufgabe ? Was war sein
[1:39:45] er war Lager Ältester erscht war er Kapo warte mal ein Kapo da hab ich ihn kennengelernt er mich vielmehr ich nicht und äää da war er Kapo und da hab ich ihn kennengelernt und das war das letzte Jahr aber nur ein Jahr zwei Jahr hab ich gesorgt meine Mutter hat immer Angst gehabt du wirst tot geschlagen es wär mir auch passiert Stehzelle hab ich schon gehabt drei Tage weil ich hab überall gestohlen von äää da wo ich war in ääää in Magazin gestohlen wo ich hinkam in die in die Küche bin ich eingestiegen wo ich hin-wo das Essen war hab ich gestohlen egal wo is immer gut gegangen Gott war bei mir schon immer schon immer dann hab ich euch ja erzählt das eine Mal bin ich in die Küche das letzte Mal eingestiegen auf einmal kommt solche große Gestalt da hinten her [deutet die Größe an] und den hab ich gekannt ach der hat Feuer gespuckt das war ein Pole er war ein äää von die Küche der Chef
[1:40:49] mhhh
[1:40:51] aber ein Häftling
[1:40:52] mhhh
[1:40:53] ein Häftling ich seh den großen Schatten und äää da war in den Trog waren alles Kartoffeln geschälte schon »Zilli was machst du jetzt ?« bin in den Trog in die Kartoffeln rein reingeschw- reingesprungen weil bevor ich mich totschlagen lass da geh ich doch in die Kartoffeln rein da dachte ich »du siehst mich hier nicht dann gehste vorbei« und wer wars ? Ein Sinto und das war später da ham wir so gelacht von meinem Mann warte mal der Zugo also jedenfalls er war ein Verwandter von von meinem Mann sei-seine sein Schwager »Zugo weißt du noch Zilli weißt du noch wie die wie die Kartoffeln« und er kommt da vorbei »Mädchen was machst du hier drinne ?« ach ein Glück »komm raus schnell wenn der Kapo kommt der bringt dich um« eij- das weiß nicht we-er hab ich wieder vergessen ebend jedenfalls der wars nicht das war der Sinto und ich mit die Kartoffeln voll unten zugebunden hier oben alles Kartoffeln rein ich schnell zuhause bei meine Mutter »Mama Mama ich hab wieder Kartoffeln für die Kinder« und in in Auschwitz war so ein großer Ofen da konnte man vorne Feuer machen und da hat meine Mutter immer in die Kartoffeln für die Kinder gemacht das war mein Leben
[1:42:13] da hast du über viele Wochen das Leben dieser dieser vielen Kinder erhalten viele hätten das sonst nicht so lange geschafft ne ?
[1:42:20] mhhh ?
[1:42:21] viele hätten das ohne deine geklauten Lebensmittel nicht so lange geschafft
[1:42:24] nein nein wäre sie nicht nein einmal hab ich drei Tage Stehzelle gekriegt
[1:42:27] Stehzelle ?
[1:42:30] Stehzelle drei Tage stehen nichts zu essen nichts zu trinken aber ich habs überlebt ich war jung
[1:42:35] mhhh
[1:42:36] ich hab gedacht »ihr könnt mir den Buckel runterrutschen ich komm wieder raus und klau wieder« ich habs auch gemacht
[1:42:39] und als dein Bruder in seiner Wehrmachtsuniform dann auch nach Auschwitz kam habt ihr das schnell mitbekommen ? Kam der automatisch auch zu euch in Block sechs ?
[1:42:50] der war bei uns in Zigeunerlager ja
[1:42:51] mhhh
[1:42:53] mein Bruder ist bei uns in Zigeunerlager dem seine Frau war doch da der war doch vor dem schon verheiratet
[1:42:57] aaa
[1:42:59] und da kam der hin der war dann Blockältester
[1:43:02] ja
[1:43:04] hab ich ja gesagt
[1:43:06] ja
[1:43:07] er hat die Alten nicht rausgeschmissen dafür hat er 25 gekriegt
[1:43:09] ja [Flüstern im Hintergrund]
[1:43:10] ja
[1:43:12] Renate dschaga [Originalsprache Romanes] gehst Du jetzt ?
[1:43:15] ja ich geh jetzt
[1:43:17] (_) geh mit Gott
[1:43:18] alles Gute
[1:43:20] tschüss
[1:43:22] (_) aber geh [Flüstern im Hintergrund] wenn ich die nicht hätt wär ich verloren
[1:43:23] ja
[1:43:25] alles Geld was ich krieg macht die
[1:43:27] ja
[1:43:28] die weiß wo sies erkriegt ich weiß doch gar nichts
[1:43:30] ja
[1:43:31] ich kann nur gut ausgeben aber
[1:43:32] ein Glück dass du die hast
[1:43:34] kassieren kann ich gar nicht aber
[1:43:35] das ist ne gute Seele
[1:43:37] ja ab und zu zank ich mich mit ihr
[1:43:38] is auch gut
[1:43:40] ja
[1:43:41] ab und zu zank ich mich auch mit ihr
[1:43:43] das braucht sie
[1:43:44] das braucht sie auch
[1:43:48] ja die auch ?
[1:43:48] ja
[1:43:48] aja das ist nicht schlecht einmal muss sie mal die Wahrheit wissen immer das schmeiß ich ihr alles das auf den Kopp was verkehrt ist was sie mit mir verkehrt macht ja und dann überlegt sie sich wieder dann ruf ich aber nicht mehr an da ruft sie an
[1:44:00] so wie es sich gehört
[1:44:02] dann ruft sie an dann macht das als nichts gewesen wär und ich denke mir »ach auch gut«
[1:44:06] so ähnlich ham wirs auch
[1:44:09] ja ?
[1:44:11] hast du schon immer s- ähm über deine Geschichte so offen erzählt allen ? Wann hast du angefangen über das zu reden was dir passiert ist ?
[1:44:21] ich sprech nicht mit jedem da drüber nein die wissen mein ganzes Leben das weiß die Renate und ihre Familie jetzt nich
[1:44:31] mhh
[1:44:33] aber sonst mit niemand nein
[1:44:34] und hat es ein paar Jahrzehnte gedauert bis du angefangen hast zu sprechen oder sofort nachm Krieg ? Wie war das zwischen dir und deinem Mann war er war auch im Lager ?
[1:44:45] er war sechs Jahre im Lager
[1:44:47] habt ihr viel darüber gesprochen oder hattet ihr euer Leben jetzt und und
[1:44:50] nein wir haben nie viel davon gesprochen mir haben unser Leben jetzt weil der weil mein Mann da waren die zwei Brüder die mit dem Schiff untergegangen der Vater von mein Kind der war bei Mann bei meinem Mann äää in in in in
[1:45:07] Neuengamme ?
[1:45:09] hat mein Mann äää bei meinem Mann gearbeitet
[1:45:11] mhhh
[1:45:13] mein Mann hat mein Mann mein äää St-
[1:45:16] Kindsvater ?
[1:45:17] Kindsvater gekannt
[1:45:19] mhhh
[1:45:20] und der hatte geraten »geht nicht weg« mit seinem Bruder war er da das war ein guter Kerl der Bruder er ja auch aber mh er hats verkehrt gemacht kann ich niemand erzählen also jedenfalls ja also mein Mann ist dann äää Toni hat gesagt »geht nicht mit bleibt hier in Neuengamme !« das war Neuengamme die wollten unbedingt weg von Neuengamme ja und was haben sie gehabt ? Ufn Schiff sind sie gekommen und das Schiff ist bombardiert worden alle beiden sind sie ersoffen ja und obwohl ich mir warn da in Eger in äää von Eger erzähle ich jetzt in Eger ich hab gewusst dass mein Mann im Lager ist und ich bin doch abgehauen und war in Eger hab ich schön Karton gemacht für ihm wat zu essen obendrauf ich hab so weiches Herz geht mir nichts anders
[1:46:18] mhhh
[1:46:19] also und das ist nicht mehr gekommen zu der Zeit sind sie abgesoffen
[1:46:23] nie mehr wiedergesehen
[1:46:27] Neuengamme wie ?
[1:46:29] hast du ihn nie mehr wiedergesehen ?
[1:46:31] den hab ich nie mehr wiedergesehen nein aber der der der Großvater von meinem Mann der äää der Vater von meinem Mann der war in Auschwitz das war mein mein mein mein Vater sein bester Freund mir haben uns schon immer gekannt ich bin groß geworden mit dem hab ich auf die Kinder aufgepasst wir haben uns fast kaputt geschlagen er konnt micht nicht leiden ich ihm nicht und siehste was und dann hat er mich gesehen da war ich wie alt war ich ? 15 Jahr ein schönes Mädchen und d- ich weiß wie jetzt was in Karlsruhe K- äää Karlsbad da war ein ein großer Konzert äää also mit Musik und Tanz und alles und meine Eltern sind dahin gegang und seine Eltern und ich meine Mutter »komm mit Zilli« ich hab son schönes Kleid gehabt das hab ich mir machen lassen das weiß ich bis heute ein schwarzes dickes (Woal) mit äää mit schwarz gestickte Herzen drauf wunderbar sooo solche Taille wunderschön schön lang mit mit ne runde Glocke wunderbar und da hab ich den nach Jahre wiedergesehen er hat mich gesehen wir konnt uns doch vor dem nicht leiden nech ach »Zilli wollen wir mal tanzen« ich hab gedacht »naja dann tanz ich mit dir halt ne« hat mich bei die Hand gefasst und weg war ich um die Zeit ist das Kind entstanden
[1:48:00] mhhh
[1:48:02] war nich mein Wille so ist es entstanden
[1:48:04] hatte vielleicht auch was mit Gott zu tun
[1:48:06] ja
[1:48:08] war nicht dein Wille aber und dann hattest du eine kleine Gretel
[1:48:12] dann hatt ich meine Gretl ja aber die hätte nicht müssen umkommen müssen die wär äää die hätt müssen gar nicht auf die Welt kommen Gretl da hätt ich äää den Gedanken wo ich heute noch her- nach ihr wein nicht mehr gehabt wenn sie nicht auf die Welt gekommen wär und in Eger ist sie geboren neunundf- äää 49 nich war nicht mehr Krieg
[1:48:37] 39
[1:48:39] angefangen
[1:48:40] angefangen 39
[1:48:42] und äää neunund 39 ist ist die Gretl geboren
[1:48:46] wie kamt ihr auf den Namen ?
[1:48:49] mein Bruder hat ihr den Namen gegeben die haben ihn doch alle so gern gehabt und von Frankreich wie er noch bei Soldaten war hat er für ihr schön Anziehen köstlich »das bring ich für meine Gretl« also hat er das schon mitgebracht für ihr wir haben Gretl alle gern gehabt aber die auch die Onkels o mei
[1:49:12] aber guck mal du sagst jetzt wenn du sie nicht gehabt hättest dann hättest du jetzt nicht diesen Schmerz aber trotzdem hattest diese vier oder fünf Jahre mit ihr
[1:49:21] Freude
[1:49:23] du hattest mal ein Kind
[1:49:24] Freude
[1:49:26] und das ist irgendwie ist das ja auch geblieben oder ?
[1:49:28] aber weißt du was ? Ich hab se nicht aufgezogen meine Eltern ham das
[1:49:30] ja
[1:49:31] ich war doch zu jung
[1:49:33] so jung warst
[1:49:34] wenn ich wenn ich wenn meine Eltern nicht da waren und die Gretl hat eingemacht dann äää bei uns war so ein großer Weiher ich hab mich doch so geekelt da hab ich das bin durch den Weiher und hab sie so ausgeschwengt das glaubste nich
[1:49:46] [JMH lacht]
[1:49:48] ja so hab ich das gemacht
[1:49:51] habt ihr auf Romanes gesprochen ?
[1:49:54] nur Romanes
[1:49:56] mit Gretl auch ?
[1:49:57] mit Gretl auch aber die hat Deutsch gesprochen
[1:49:59] aber sie hat es verstanden ?
[1:50:00] von ihrem Mann äää von ihrem Vater das war ein deutschsprechender Preiße ham wir gesagt das waren die Preißen mir war die Lalleri also die
[1:50:09] ach die Preußen die Deutschen die deutschen Sinti nanntet ihr die Preußen ?
[1:50:12] die deutschsprechenden sind die Preußen
[1:50:16] und wir wart die Lalleri
[1:50:18] mir warn die Lalleri wir haben Romanes gesprochen Wa-Ist alles so ein Unterschied bei die Sinti Ja
[1:50:29] wie ist denn das jetzt für viele Sintijugendliche die identifizieren sich nicht so stark mit ihrer Kultur weil viele ihnen auch gesagt haben auch von den Älteren »sag nicht dass du Sinto bist da hast du es nur schwer« die haben ja ihre Erfahrung dadurch gemacht aber ist es jetzt von Vorteil wenn man als junger Mensch nicht weiß wo man dazu gehört nicht die Sprache kann die Sitten Gebräuche und so weiter ?
[1:50:59] ich find das nicht richtig
[1:51:00] mhhh
[1:50:59] ich find das nicht gar richtig und weißt du warum nicht ? Jetzt sag ich hier mal was ich geh oft Karten spielen zu Renate und Renate stammt ja von Österreich ihre Angehörigen sind von Österreich Böhmen Mähren und äää bei denen wird viel Deutsch gesprochen und ich funk immer (mank) »warum sprecht ihr Deutsch ihr könnt doch Romanes reden ? Warum sprecht ihr Deutsch ?« und da kommt immer jemand zum Karten spielen die ihre Vater war ein Gadjo aber die ihre Mutter ist eine Verwandte von mir die und äää die spricht Deutsch natürlich hier unter äää die Viola Renate Deutsch außer der Jani der nicht der Jani nicht der Gilberto is ja nie da aber jedenfalls und da funke ich immer (mank) »warum sprecht ihr mit die Deutsch ? Die kann doch Romanes reden« ich red nur unsere Sprache mit ihr die kann perfekt so wie ich aber die red Deutsch so ist der Unterschied bei uns
[1:52:06] und gabs in gabs in deinem Leben irgendwann mal eine Phase wo du nicht gesagt hast dass du eine eine Sintezza bist ?
[1:52:13] nein
[1:52:14] nie
[1:52:16] nein ich bin immer stolz dass ich eine bin
[1:52:18] ja
[1:52:20] und bin heute noch stolz obwohl das ganze was geschehen ist mhmh obwohl nach dem Lager hab ich gesagt wenn Kinder geboren worden sind und es waren dunkle war ich nicht froh ich hab immer mich gefreut wenn sie helle Kinder auf die Welt gebracht haben aber das war vo- das war von unserer Zeit zurück
[1:52:42] mhhh
[1:52:44] hab ich gedacht »die kommt besser durchs Leben als wir schwarzen« so hab ich an das gedacht so hab ich gedacht
[1:52:48] wie war das bei den Reichmanns ? War hatte hatten alle deine beiden Eltern und auch deine vier Geschwister so eine Farbe wie du oder hattet ihr große Unterschiede in der Familie ?
[1:52:58] Unterschied ja mein Bruder der Stefan der Älteste der hat blaue Augen gehabt meine Großmutter hat auch blaue Augen gehabt und meine Schwester Esla die hat auch blaue Augen gehabt und ich die Guki wir haben dunkle auch der Hesso Stifto war dunkelblond und blaue Augen wir waren die zwei Schwarzen
[1:53:22] und die Eltern ? Deine Eltern ?
[1:53:23] meine Eltern weiß ich gar nicht mehr waren immer schön für mich ich hab immer gedacht wenn meine Eltern sterben dann sterb ich auch aber meine Mutter war so so wie ich meine Mutter hatte Mutter hatte äää jetzt ähnle ich viel meine Mutter
[1:53:38] mhhh
[1:53:40] mein Vater war ein großer stämmiger Mann ich kann dir mal nachher Bilder zeigen
[1:53:43] aber die waren auch ein bisschen dunkler ?
[1:53:45] hä ?
[1:53:46] die sahen auch ein bisschen dunkel
[1:53:48] die waren dunkel ja die waren dunkel
[1:53:49] beide ?
[1:53:51] beide beide
[1:53:52] du sagst ja immer stolz dass du Zigeunerin bist und du betonst des ähmm bei vielen Bürgerrechtlern ist das Wort Zigeuner natürlich mit diesem Hintergrund nicht so du sagst es trotzdem ? Gibt es dafür einen Grund ?
[1:54:06] äää Grund ja zum Trotz das ist der Trotz was ich sag nicht so heißt ja Sinti das ist unser Name nicht die Gadji ihr Name die Gadji sagen Zigeuner zu uns und ich sag das zum Trotz
[1:54:24] [JMH kichert]
[1:54:37] aber du willst von einem Gadjo nicht Zigeuner genannt werden ?
[1:54:37] nein
[1:54:30] nein
[-1:-1] nein
[1:54:31] das nervt dann
[1:54:32] ja
[1:54:34] das verletzt dich
[1:54:35] ja
[1:54:36] aber du willst es für dich sagen ?
[1:54:39] ja
[1:54:40] und so willst du auch deine Leute nennen ?
[1:54:42] so isses
[1:54:43] aber die anderen nicht
[1:54:45] ja so is es so is es
[1:54:46] hast du das Gefühl dass du immer auch n bisschen gegen den Strich gefahren bist in deinem Leben ?
[1:54:49] ja
[1:54:51] ist das ein Teil deiner Persönlichkeit ?
[1:54:52] ja ich bin oft so ja ja da hast du Recht
[1:54:57] aber dadurch wenn Leute dich kennen wissen sie ja dass du so bist wie du bist
[1:55:00] ja genau
[1:55:03] aber ganz viel Ärger dadurch hast du dir auch eingeheimst
[1:55:06] ja weißt du ich bin so ein Mensch was ich hab auf die Lunge hab ich auf die Zunge ich spucks aus ich sag es aber manchmal ist es nicht gut mein Mann hat immer gesagt »Zilli schalt erst dein Gehirn ein bevor du was sagst« das hat mein Mann zu mir der war schlau ich war dumm mhh aber ich war so wie du sagst ich sag schnell was was ich gar nicht so mein aber ich sag das was ich was ich zu sagen hab
[1:55:40] aber also wir Bürgerrechtler wollen ja dass die junge Generation nicht mehr Zigeuner sagt würdest du sagen
[1:55:47] ich weiß es
[1:55:48] egal die sollen des auch sagen oder sollen sie es lieber nicht sagen ?
[1:55:51] nein nicht so ja ja kann auch so sein
[1:55:54] die sollen es lieber nicht sagen ?
[1:55:56] ja ja
[1:55:57] die sollen lieber sagen »wir sind Sinti«
[1:55:59] ja
[1:56:00] oder Roma
[1:56:01] ja so ja da bin ich dafür
[1:56:03] hattest
[1:56:05] dafür bin ich
[1:56:06] hattest du ähm als erwachsene Frau nach dem Krieg noch Erfahrung mit ähm Feindlichkeit gegen Zigeuner ham Leute sind die Leute dir schlecht begegnet weil sie wussten dass du zu der Minderheit gehörst ?
[1:56:19] nein an und für sich nicht weil äää mein Mann äää nachm Krieg ham die ja Musik gemacht ich bin mi-mi-mit Musik alt geworden
[1:56:27] mhhh
[1:56:29] wir haben gespielt und haben Geld verdient damit mit Musik war ne gute Kapelle ein seht ihr da auf dem Bild aber ich die hab sie noch schöner und davon haben wir gelebt aber deswegen äää konnten äää konnten die uns ja äää konnten die uns nicht antasten weil wir waren ja die Gastgeber
[1:56:51] mhhh
[1:56:52] nich so war das
[1:56:54] und ihr habt denen Freude gebracht mit der Musik
[1:56:56] ja ja [ZR trinkt] und ich hab auch nicht die schlecht- die Gedanken was ich jetzt hab hab ich damals nicht gehabt ich wollt leben ich wollt leben und das wars
[1:57:09] wie sah euer Leben aus ? Das Leben von Toni und dir du hast gesagt ihr seid viel gereist ihr habt nicht nur in Deutschland musiziert sondern auch woanders
[1:57:18] Ja
[1:57:19] Willst du uns davon noch was erzählen ?
[1:57:21] ja wir waren in Holland wo waren wir noch ? Also mit Musik nicht ohne ohne so
[1:57:28] ach Urlaubsreisen ?
[1:57:29] Urlaubszeit ja da waren wir in Holland da waren wir in Frankreich äää also in vielen Ländern
[1:57:36] mhhh
[1:57:37] waren wir nicht Musik gemacht Musik haben sie da keine gemacht
[1:57:41] mhhh
[1:57:43] aber ich hab ein schönes Leben gehabt
[1:57:45] ja
[1:57:46] ein sehr sehr schönes Leben das war vielleicht die Belohnung und Toni hab ich sehr gern gehabt obwohl er mich betrogen hat aber das war mir egal ich hab immer gesagt »das war die Hure und ich bin die Frau« fertig
[1:57:59] ich finde das ist eine sehr gesunde Einstellung oder ?
[1:58:02] hä ?
[1:58:04] das ist eine sehr gesunde Einstellung
[1:58:05] ja
[1:58:07] die Frau muss den Mann immer beschützen auch wenn er Dummheiten macht
[1:58:09] so isses ich hab so war das der hat oft Dummheiten gemacht ich hab ihn dann immer sitzen lassen natürlich hab mal ach ich war so böse
[1:58:18] [JMH kichert]
[1:58:19] ich hätt ihm die Augen ausgekratzt aber hat mir nichts genutzt da bin ich zu meinem Bruder gefahren zu dem Stifto der hat ja schöne große Häuser gehabt in Mühlheim und mein Bruder hat gewusst dass er wieder Schuld war ich hab aber ihn nicht verraten ich hab nich erzählt da hat mich mein Bruder angesehen »aha Zilla« er hat immer Zilla zu mir gesagt »kane dschat pale tomui ?« [Originalsprache Romanes] »hast Dir wieder den Mund verdreht ?« äää er hat hast Du mich verstanden ?
[1:58:45] mhhh
[1:58:47] hast dich wieder nichts gefallen lassen nich ? Er hat gewusst dass mein Ma-Mann Schuld war aber das hat er nicht gesagt einmal ist er gekommen und mein Mann war pfaa dem konnt keiner Wagen fahren mein Bru- mein Bruder hat ihm eine Ohrfeige gegeben das ist nicht mehr schön er hat sich ohrfeigen lassen von meinem Bruder das hab ich ihm nicht zugetraut
[1:59:09] [JMH kichert]
[1:59:12] er hat das gemacht er hat das gemacht weil er mich gerne hatte ja sonst hätt ers nicht gemacht ja und so bin ich immer mitgegangen mit ihm
[1:59:17] [JMH kichert]
[1:59:19] aber mein Bruder hat gewusst dass er die Fehler gemacht hat nich ich das hat er gewusst ich hab ihn aber nie verraten worum nicht ? Weil ich ihn gerne hatte das war der einzige Mann den ich gerne hatte das war der Toni obwohl er mich betrogen hat
[1:59:35] [JMH kichert]
[1:59:37] der scheiß Hund [alle lachen] ja
[1:59:38] deinen großen Bruder hast du in Eger wiedergetroffen als du nachm nach dem nach dem Krieg wieder
[1:59:48] das war ein Goldstück mein großer Bruder das war ein Goldstück der hat uns alle geholfen alle wenn wir in Not waren hab ich bloß angerufen oder manchmal ich hab Depressionen gehabt dann nach äää nach die Lager und da waren wir auf die Reise in Bayern mein Bruder war wieder in Ruhr ich Toni hat ihn angerufen »die Zilli geht es sehr schlecht« anderen Tag war mein Bruder da mit äää mit nem Anhänger hat da gestanden und hat nach mir geguckt so war mein großer Bruder und den haben wir so früh verloren das war unser Ersatzvater Geld genug hat er gehabt das war ein guter Geigenhändler hat keine Betrüge oder was gemacht gar nichts mit Geigen hat er gehandelt hat so Geld verdient hat zwei Häuser gehabt in Mühlheim also
[2:00:42] ja und du hast jetzt gerade gesagt du hattest dann nach dem Krieg Depressionen wusstest du damals schon dass das Depressionen heißt ? Wie wie war das da ? Was war da mit dir ?
[2:00:49] ich ich bin dann zu Arzt gegangen
[2:00:51] schon damals ? Schon
[2:00:52] ja ja Toni hat mich zum Arzt gebracht
[2:00:54] ahh ahh
[2:00:55] ja das sind Depressionen das waren furchtbar für mich nich
[2:01:00] mhhh
[2:01:02] ich konnt nicht schlafen ich konnt nichts essen ich konnt gar nichts und w-war immer weg und äää ja da da sogar die Tabletten weiß nicht was ich gekriegt hab da hat mir der Arzt äää mit (_) jetzt weiß ichs nicht mehr jedenfalls hab ich Tabletten gekriegt und das gekriegt und dann hats mir wieder geholfen und dann bin ich wieder raus
[2:01:22] und hieß und das war du warst einfach immer traurig und konntest überhaupt nicht mehr am Leben teilhaben oder wie fühlte sich das an oder du
[2:01:28] die Depressionen ?
[2:01:31] wolltest nicht mehr leben oder wie
[2:01:32] so isses so isses ich wollt nicht mehr leben und war mir alles zu viel war mir zu viel ich wollt nicht mehr
[2:01:42] und dieser Arzt zu dem du dann gegangen bist hat er dich auch gefragt was in deinem Leben war ?
[2:01:45] ja
[2:01:47] oder ?
[2:01:48] ja ja der hat gewusst dass ich auch im Lager war weil den Punkt [ZR weist auf die Nummer auf ihrem linken Arm] kam man nicht übersehen
[2:01:55] das ist unübersehbar
[2:01:56] manche sprechen mich dadrauf an viele nicht die wollen das gar nicht wissen
[2:01:58] gabs ne Phase in deinem Leben wo du das versteckt hast ?
[2:02:02] ja und das war in Österreich weil da waren die vielen Neonazi ich hab doch da bei die Amerikaner und auch bei äää die Hotelbesitzer hab ich doch verkauft und eine äää Hotelbesitzerin die hat die Nummer gesehen »äää Frau äää Frau Reichmann ich schicke Ihnen jetzt irgendwo hin aber zeigen Sie die Nummer nicht« hab ich gedacht »ooo das is ne Nazi« und da hab ich die Nummer zu gemacht und ich hab auch an ihr verkauft war mir doch egal ob sie Nazi war ihr Geld war mir gut genug
[2:02:37] aber sie hat trotzdem gesagt dass es vielleicht klüger ist wenn man das jetzt versteckt ?
[2:02:43] ja das hat sie gesagt die hat auch gewusst dass das ne Nazi war weil sie äää wenn sie die Nummer gesehen hätt dann hätt sie gewusst wer ich war und äää wo ich war das hat sie zu mir ge- die Hotelbesitzerin die vergesse ich die hab ich lange nicht vergessen
[2:03:02] aber der Krieg war ja zu Ende
[2:03:03] Krieg na äää lange
[2:03:04] aber trotzdem hat man das Gefühl dass man
[2:03:07] ja natürlich
[2:03:08] irgendwie Angst hat
[2:03:10] in Österreich waren doch die vielen Neo-Nazis wo der Hitler herkam da warn sie doch die sind heute noch da grad Österreich
[2:03:13] wenn du heute diese Nummer so siehst ähm siehst du die überhaupt noch bedeutet die dir irgendetwas hast du da irgend
[2:03:20] ne ne ne
[2:03:22] ne ? Die ist einfach so da wie ein Muttermal
[2:03:23] ja ja
[2:03:25] oder ?
[2:03:26] ja
[2:03:27] mhhh
[2:03:29] der sie da reintätowiert das war auch ne das war auch ein Häftling ja mhh mhh
[2:03:32] der musste das machen ?
[2:03:35] mhhh ?
[2:03:36] der musste das machen ?
[2:03:38] ja natürlich türlich war ein guter Kerl Bogdan hat er geheißen
[2:03:44] mhhh
[2:03:45] siehste manche Näme kann ich mich gut erinnern Bogdan war auch ein Pole
[2:03:52] und wurden auch die Kinder tätowiert ?
[2:03:55] mhhh ?
[2:03:56] wurden auch die Kinder tätowiert ?
[2:03:57] natürlich warte mal wo war das ? Wo sind die tä-tätowiert worden ? Ach auch am Arm auch am Arm ja
[2:04:09] ich hab gehört manche weil die so kleine Arme hatten den wurden am Bein
[2:04:13] auch manchmal ja wenn sie ganz kleine waren ja ja stimmt das wollt ich vor dem sagen mhh
[2:04:22] konnt man sich die Nummer aussuchen oder was hatte das für ne
[2:04:25] ne ne ne das war die Nummer we- äää ich bin ein Tausend nich ja die Zahl die reingekommen sind die sind nach eins zwei drei so nach die ist das gegangen ich war eine von die Erschten (_) nein Ja
[2:04:53] willst du noch erzählen warum du dieses Interviews jetzt machst es gibt ja Überlebende auch jüdische Überlebende die haben das ihr ganzes Leben lang gemacht die ham die sind schon im Fernsehen aufgetreten die gehen immer und immer in Schulklassen sind bei vielen Veranstaltungen bei dir ist das jetzt das erste eines der ersten Male du hast gesagt über die Kirche warst du auch in einzelnen Schulklassen aber dass du sozusagen fremden Leuten das erzählst wir sind ja eigentlich fremde Leute warum wieso hast du gesagt »ja ich mach das jetzt« ? Jetzt bin ich 94 fast du wirst morgen 94 Jahre alt was was war jetzt sozusagen der Grund warum du dich jetzt noch entschlossen hast dazu das zu machen
[2:05:34] pass mal auf das sage ich dir jetzt gleich genau wie ich das Buch geschrieben hat der äää Haumann der Professor Haumann den hab ich gesehen der in Mühlheim wollt doch mein Buch schon da hab ich schon jetzt ää der wollte ein Buch mit mir schreiben schon damals in Mühlheim dem se-sein Vater war ein SS-Mann aber er war ein guter Kerl der kann ja nichts um sein Vater aber äää dann hab ichs abgebrochen mit ihm und den äää Haumann hab ich gesehen und ich guck nen Menschen an ich weiß gu-genau ob er gut oder schlecht ist komisch und bei euch dreien hab ich das auch gesehn den sowieso hier der gehört ja zu mir den sowieso und bei euch dreien hab ich das auch gesehen die kannst du an vertrauen und die sind gut und die sind so wie du bist so wie ich bin und das war bei euch dreie sonst hätt ichs auch nicht gemacht un- und dann hätt ichs noch gemacht damit die Welt das erfährt das es nicht umsonst ist was ihr hier macht das es auch später die Menschen lesen und äää deswegen auch
[2:06:44] was wär denn deiner Meinung nach das wichtigste an unserem Gespräch was die Menschen ich glaube die können sich jetzt nicht alle Jahreszahlen merken nicht alle Namen merken aber was sollten Menschen die das jetzt sehen wissen ?
[2:06:57] wissen ?
[2:06:59] ja
[2:07:00] äää was in die Lagers geschehen ist und äää äää und w-was äää Deutschland mit uns arme Menschen gemacht hat und das sollen sie jetzt wissen und deswegen mach ich das deswegen
[2:07:19] ähm wir haben gestern ja auch noch ein bißchen über Politik jetzt gesprochen und wenn du jetzt so Nachrichten guckst oder ich weiß nicht ob du auch manchmal Zeitung liest wie fühlst du dich dann bei dem was jetzt im letzten Jahr passiert ist mit dieser neuen Partei im im Bundestag ähm erinnert dich das früher oder glaubst du da kommt was neues Böses oder denkst du diese die Mehrheit in Deutschland ist stark genug dass wir dass man das klein halten wie sind so wie ist dein dein Gefühl und was glaubst du was in den nächsten Jahren noch kommen kann
[2:07:52] soll ich dir mal was sagen weißt du was das sind ? Die di-iie die Politik machen alles Verrückte der einzige Schlaue der für mich war damals das war der Schmidt das war für mich ein Mann aber die jetzt drauf sind sind Hampelmänner die wissen doch gar nichts und der Schramm da der Blöde das ist ein ganz Affe das ist ein ganzer Affe der tut die a-armen Menschen ver- wie wie der Hitler das ist der Hitler
[2:08:20] du meinst den
[2:08:22] und der in die Türkei das ist auch auch der Hitler
[2:08:24] der Erdogan ?
[2:08:25] der Erdogan
[2:08:27] Erdogan und du meintest Trump au-aus Amerika
[2:08:29] ja
[2:08:31] der orange mit orangenem Gesicht
[2:08:32] den den mein ich und den Ergoan
[2:08:34] Erdogan ja
[2:08:36] ja und dann der von Bayern
[2:08:38] der Seehofer
[2:08:39] ach ! lieber Himmel das sind so meine Menschen die ich nicht leiden kann und es ja
[2:08:45] weißt du noch als du dachtest als 2015 diese vielen vielen geflüchteten Menschen kamen h-h-h als man die Bilder im Fernsehen sah und wo das so ein großes Thema war dass diese vielen Menschen aus Syrien und aus Afghanistan kamen has- hast du hattest du da mhhh spezielles Gefühl oder was dachtest du als du die
[2:09:04] natürlich hör mal mir haben doch selber viel mitgemacht meinst du ich hätt kein Gefüh- ich bet ja jeden Tag für die armen Menschen ich hab da immer ein Gefühl dafür weil die tun mich Leid die von ihre Land weglaufen obwohl ich seh die ganz jungen Menschen die jetzt noch die äää Weiber anpacken die sollen doch zuhause kämpfen die jungen Menschen die hier i-ihre äää äää ihre Sachen treiben nein aber so ich bet für sie dass Gott hilft und dass er ach die tun mich im Herzen Leid gerade di-die Geflüchteten die kleine Kinder und die anderen die versaufen im Meer ach da hab ich schon eins ooo wei ja das geht mir wirklich zum Herzen für die bet ich jeden Tag ich sag immer »Herr dein Wille geschehen nicht mein«
[2:10:07] aber momentan herrscht ja ein Wille von Menschen die du quasi gerade eben erwähnt hast so ein Seehofer der will nicht das diese Menschen hierher kommen die sollen lieber irgendwo im Meer ersaufen Deutschland hat doch schon mal mit dem ersten Weltkrieg mit dem zweiten Weltkrieg so viel Unheil in der Welt gebracht was was kann man da machen ? Was was sollte das ? Was w-
[2:10:33] die sollen se doch absetzen die sollen sie absetzen sollen einen anderen Mann dafür hinstellen das denk ich mal weil der Seehofer der ist gegen die Merkel warum ? Die Merkel helft die arme Menschen die hat ein Herz erst war ich nicht für die Merkel ich konnt sie auch nicht leiden aber dann wie ich gesehen hab dass sie die arme Menschen helft dachte ich »du bist ein guter Kerl« also die ist sehr gut für die arme Menschen aber die kann sich nicht mehr durchsetzen die gehen ihr auf den Kopf reißen ihr die Haare aus so ist das
[2:11:09] stimmt
[2:11:11] so ist das aber die die jetzt erwähnt hab die mhh kann doch gar nicht sagen der Seehofer der will sich ja vor die Merkel stellen er wär der er wär der Mann der die M-Merkel raus-aufgebracht hat stimmt doch gar nicht das war doch der Vorhergehende wie heißt der denn ?
[2:11:28] Stoiber
[2:11:30] genau
[2:11:31] wie wie wie iss denn des wie is denn des mit Sinti und Roma Jugendliche ? Die nach Identität suchen die teilweise hier geboren aufgewachsen sind die abgeschoben werden oder Sinti die keine Arbeit finden die auch irgendwie Identitätsschwierigkeiten haben was müssen junge Menschen machen ? Wie können sie diese Zukunft die ihnen entgegenprallt wie können sie die irgendwie n bisschen besser erreichen ?
[2:12:02] das weiß ich nicht vielleicht äää mehr mehr Schule oder oder was dass sie vielleicht äää mehr lernen dass sie da was e-erreichen mit guck viele gehen auch studieren das find ich sehr gut damit sie ne Zukunft kriegen das find ich sehr gut für die Jugendlichen die jetzt hier sich so rumtreiben ja das denk ich mal
[2:12:31] aber traditionelle Berufe wie hausieren oder irgendwie mit A-ä- na mit irgendwelchen Antiquitäten oder irgendwie mit Musik das ist wahrscheinlich was das ist zwar traditionell aber das hat wahrscheinlich nicht so viel Zukunft oder ?
[2:12:50] mhhh gute Musik gar nich mein Vater hat immer gesagt zu die Musik »die schlagen die Deckel zusammen« solche Musik hat mein Vater immer gesagt gute Musik ist heute gar nicht mehr beliebt die wollen nur »Haaaa !« Hauptsache schreien was rauskommt is egal Hauptsach laut ja ich lieb schöne Operetten das ist meine Musik von Lehár Strauß und so weiter das ist meine Musik aber das ist heute nicht mehr in heute nur Schreien desto lauter sie schreien desto besser kriegen sie desto mehr Geld kriegen sie
[2:13:32] du hast ja gesagt dass die Familie Reichmann dass die auch Musiker waren ?
[2:13:36] ja
[2:13:38] dein Vater war auch ein Musiker neben dem äää Wanderkino machte er auch Musik hast du auch mal ein Instrument gelernt ?
[2:13:44] die Geige
[2:13:46] ach du hast auch Geige gele-aah
[2:13:48] ja
[2:13:49] mhhh
[2:13:50] [ZR lacht] ich und mein Bruder mir haben uns immer geschlagen weil mir bloß eine Geige hatten so als Kinder und mein Vat- wie er weg war hab ich immer die Gei-Geige ge-geklaut und eins zwei drei gespielt die Zilli konnt gut spielen [deutet mit Hamdbewegungen das Geigenspiel an] und mein Vater mein Vater hat das immer gehört nech und mei- da hat er mit mein Bruder gezankt »lass mein Mädchen spielen die hat bessere Ohren wie du«
[2:14:16] des wollt der Bruder nicht hören
[2:14:18] nein nein
[2:14:20] ach das ist äää das wusst ich gar nicht dass auch die Mädchen die Instrumente lernen weil die Musiker werden ja eigentlich immer die Jungs am Ende
[2:14:27] ja
[2:14:28] als Erwachsene aber dass in der Kindheit so für den Privatgebrauch auch die Mädchen die Instrumente genauso mitlernten das wusste ich nicht das ist ja schön
[2:14:34] meine Patin war auch eine gute Musikerin das war eine Bratschistin äää ihre Brüder waren gute Musiker Bratsche das ist die dri-dritte Geige von von Spielen und äää seine äää ihre zwei Brüder haben gut gespielt haben die Schwester immer mitgenommen ach eine schöne Frau war das das war meine Pate und äää die war auch in Auschwitz ihre Kinder sind alle umgekommen solche Schleife hatte die hier hinten drin gehabt schöne lange Haare gewellte dunkle alleine Wellen die ander große Frau eine Große eine hübsche Frau die immer mit die Brüder Musik gemacht äää gemacht hat ja Frauen haben auch gespielt in die Sinti äää ja aber nich so oft nich so oft war ne Seltenheit
[2:15:35] sind Sinti abergläubisch ?
[2:15:37] ne
[2:15:39] ne ?
[2:15:40] ne
[2:15:42] bist du abergläubisch ?
[2:15:43] was ?
[2:15:45] abergläubisch glaubst du an irgend- machst du irgendwelche Sachen die normalerweise
[2:15:47] nee
[2:15:48] gar nichts
[2:15:49] ich bin nicht abergläubisch
[2:15:51] irgendwie wenn ne Katze schwarze Katze von rechts nach links
[2:15:52] [gleichzeitig] gar nichts uninteressant glaube ich nichts wenn man an Gott glaubt
[2:15:56] reicht das
[2:15:57] glaubt man äää ist man nicht abergläubisch geschieht alles wie Gott es will und nicht wie wir das wollen
[2:16:00] mhhh
[2:16:04] so ist das mhhh war ich noch nie auch wie ich noch nicht gläubig war da dran hab ich nie geglaubt wenn Gott nicht gewollt hätt wär ich nicht vom La- Auschwitz rausgekommen wenn es Gott nicht gewollt hätt und weißt du äää warum ich das jetzt sag in meine Familie war ich die Erste die gläubig geworden ist meine ganze Familie nich mein Bruder nich seine ganze Kind- mein Bruder hat fünf Kin- Mädchen fünf Kinder und ein Junge Jackie der ruft immer an äää ich war die Erschte die die die äää die in die Stunde gegangen ist auch bei die Gadji bin ich gegangen in Mühlheim und dann sind sie alle gläubig geworden meine ganze Familie siehst du das hat Gott bewirkt dass ich aus dem Lager komm und die werden alle gläubig die sind gläubig geworden die ganze Kinder und mein Bruder sind alle bei Gott [JMH reicht ZR ein Glas] danke mein Kind [ZR trinkt]
[2:17:18] du kommst ja am du kommst ja bald in drei Wochen nach Berlin du machst noch mal ne weite Reise mit deinen 94 Jahren ne ?
[2:17:26] ich hätt nicht gedacht dass ich das übersteh aber ph aber ich hab ja Renate
[2:17:31] und da kommst du ja um zum ersten Mal das Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma Europas anzugucken
[2:17:37] ja ja
[2:17:39] und am zweiten August erinnern wir ja an die Nacht in der auch deine Familie in Auschwitz ermordet wurde we-wenn du jetzt so dir das vorstellst in drei Wochen wie fühlst du dich dann ? Was hast du da so für Gedanken ?
[2:17:52] ich hab der Renate gesagt hab ich gesagt »Renate hoffentlich übersteh ich den Tag wo sie sagen dann von meine Familie« und ich weiß es Das ist für mich sehr schwer das sag ich euch ehrlich zu Renate sprech ich manchmal mit der Renate sprech ich dann das wird mir sehr sehr schwer fallen dass ich den Tag da da steh aber vielleicht kann ichs mir anders auslegen
[2:18:24] warum machst du es trotzdem du weißt dass das so ein schwerer Gang wird dass für ei-eine so alte Dame wie dich auch die Reise ne große Herausforderung ist aber du hast dich trotzdem dazu entschieden das zu machen was ist dieses
[2:18:37] ich wollte das machen ja ich wollte das machen warum ? Weiß ich nicht ich wollts aber machen
[2:18:46] ja vielleicht weißt du es danach wenn du es gemacht hast vielleicht weißt du
[2:18:49] ganz genau da hast du Recht da hast du Recht ja
[2:18:52] ich würde sagen
[2:18:58] hä ?
[2:19:00] dass wir dann jetzt die Kamera ausmachen und unser Interview zu Ende ist oder ?
[2:19:02] och sehr schön
[2:19:04] ja ?
[2:19:05] bin ich euch sehr dankbar
[2:19:07] wir sind wir sind sehr sehr sehr sehr dankbar danke
| Datum | Ort | Text |
|---|---|---|
| ab 1924 | Hinternah | Geburt als viertes von fünf Kindern |
| 1930 - 1939 | – | Besuch zahlreicher Schulen (vor allem in Thüringen und Bayern) |
| ab 1939 | Reichsgau Sudetenland | Flucht nach Eger und Karlsbad |
| ab 1940 | Metz | Umzug nach Frankreich |
| ab 1942 | Straßburg | Verhaftung und Internierung im Gefängnis Sainte Marguerite ("Raspelhaus") |
| 1942 - 1942 | – | Internierung in verschiedenen Gefängnissen (Durchgangsgefängnis Saverne, Gefängnis Karlsruhe, Polizeigefängnis Leipzig, Gefängnis Reichenberg) |
| ab 1942 | Lety (Zigeunerlager) | Ankunft im KZ Lety |
| ab 1942 | – | Flucht aus dem KZ Lety zu Verwandten in Eger (Sudetenland) |
| ab 1943 | Auschwitz II-Birkenau (Vernichtungslager) | Deportation ins Zigeunerfamilienlager Auschwitz-Birkenau. Häftlingsnummer Z1959 |
| 1944 - 1944 | Auschwitz (Konzentrations- und Vernichtungslager) | Überstellung zur „Quarantäne“ ins Stammlager |
| ab 1944 | Auschwitz II-Birkenau (Vernichtungslager) | Liquidierung des Zigeunerfamilienlagers. Ermordung großer Teile der Familie. Nur Zilli, Stifto und Hesso überleben. |
| 1944 - 1944 | Ravensbrück (Konzentrationslager) | Transport ins KZ Ravensbrück (Häftlingsnummer: 48160), anschließend Zwangsarbeit in den Arado-Flugzeugwerken in Wittenberg |
| ab 1945 | – | Weiterreise über Böhmisch Leipa und Wien nach Schrick. Aufnahme einer Arbeit bis Kriegsende |
| ab 1945 | Berlin-Marzahn | Flucht mit der Cousine Tilla zu einem Onkel im Zigeunerlager Marzahn und Annahme einer neuen Identität „Renate Schmidt“ |
| ab 1945 | – | Rückkehr nach Kriegsende nach Eger, Wiedersehen mit Stifto und Fund des unversehrten Wohnwagens der Familie |
| ab 1950 | München | Antrag auf Wiedergutmachung (endet 1968 mit einem Vergleich) |
| ab 1973 | Mannheim | Standesamtliche Trauung mit Ehemann Toni. Bereits 1948 heirateten sie nach Sinti-Tradition |
| ab 1988 | Siegen | Aussage im Prozess gegen den SS-Rottenführer Ernst-August König |
| ab 2018 | Mannheim | Interview „Sprechen trotz allem“ |
Kamera, Licht und Ton: Veronika Patočková
Institution: Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin
Datum: 09. Juli 2018
Bearbeiterin: Merle Stöver (Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas)
Zilli (Cäcilie) Schmidt (geb. Reichmann) wurde am 10. Juli 1924 in Hinternah in Thüringen geboren. Als viertes von fünf Kindern einer deutschen Sinti-Familie besuchte sie von 1930 bis 1939 zahlreiche Schulen in Thüringen und Bayern. Die Familie betrieb ein Wanderkino, mit dem sie in kleineren Ortschaften gastierte. Zilli Schmidt beendete die Schulzeit in Ingolstadt. Die Vorschriften und Repressionen gegen Sinti erschwerten es den Reichmanns zunehmend, einen Stellplatz für ihren Wagen zu finden. Sie entschieden, ins Sudetenland zu fliehen. Dort, in Eger, kam Zilli Schmidts Tochter Gretel zur Welt. Nachdem der älteste Bruder, Stefan Reichmann (Stifto) 1940 als Wehrmachtssoldat in Frankreich stationiert worden war, zogen die Eltern, Zilli, ihre Tochter und ihr jüngerer Bruder Otto (Hesso) nach Metz.
Im Juni 1942 fuhr Zilli Schmidt mit dem Zug zu ihren beiden in Straßburg versteckten Cousinen. Als die drei Mädchen gemeinsam nach Metz zurück fahren wollten, wurden sie am Bahnhof verhaftet und in das Straßburger Gefängnis Sainte Marguerite („Raspelhaus“) eingeliefert. Es folgten mehrere Monate in verschiedenen Gefängnissen, bis Zilli Schmidt am 19. Oktober 1942 in das sog. Zigeunerlager Lety deportiert wurde. Hier mussten zu dieser Zeit vor allem deutsche Sinti Zwangsarbeit leisten. Bereits im November gelang ihr allerdings die Flucht aus Lety: Sie versteckte sich bei Verwandten in Eger, wurde jedoch bei einer Razzia entdeckt und erneut verhaftet.
Am 11. März 1943 wurde Zilli Schmidt nach Auschwitz deportiert. Dort fungierte sie im sog. Zigeunerfamilienlager u.a. als Blockschreiberin. In Auschwitz erlebte sie die Brutalität der Aufseher und musste zusehen, wie viele um sie herum infolge Hungers, mangelnder medizinischer Versorgung und Gewalt durch die Bewacher starben. In den Folgemonaten trafen auch die anderen Familienmitglieder in Auschwitz ein: ihre Eltern, ihre Tochter, ihre beiden Brüder, ihre Schwester Guki, deren Mann und deren sieben Kinder. Zilli sorgte dafür, dass ihre Verwandten überlebten: sie stahl aus der Küche und Essensvorräte, damit sie nicht verhungerten. Einmal wurde sie dabei erwischt und mit drei Tagen in der Stehzelle bestraft. Ein Verhältnis, das sie mit dem kommunistischen Funktionshäftling Hermann Diamanski einging, rettete ihr mehrfach das Leben. Diamanski konnte bewirken, dass ihr Name von Listen gestrichen wurde.
Schließlich wurde Zilli Schmidt zur „Quarantäne“ ins Stammlager überstellt. Am 2. August 1944 kam sie von dort in einen Transport in das KZ Ravensbrück. Als der Transport noch einmal am sog. Zigeunerlager Halt machte, versuchte sie, zu ihrer Familie zu kommen. Sie wollte mit ihnen dort bleiben, ausgerechnet der berüchtigte SS-Arzt Josef Mengele hielt sie jedoch auf. Sie war ihm aufgrund ihrer Tätigkeit als Blockschreiberin bekannt. Mit einer Ohrfeige nötigte er sie in den Transport zurück. In dieser Nacht, vom 2. auf den 3. August 1944, wurden alle noch im sog. Zigeunerfamilienlager befindlichen Roma und Sinti in den Gasmordanlagen von Birkenau umgebracht. Auch Zillis Eltern, ihre Tochter Gretel, ihre Schwester Guki mit ihren sechs zu diesem Zeitpunkt noch lebenden Kindern ermordete die SS in dieser Nacht.
Zilli Schmidt, die erst später von der Ermordung ihrer Familie erfuhr, wurde unterdessen nach Ravensbrück gebracht und musste in den Arado-Flugzeugwerken in Wittenberg gemeinsam mit ihrer Cousine Tilla Zwangsarbeit leisten. Im Februar 1945 gelang den beiden jungen Frauen mit Hilfe eines Zivilarbeiters erneut die Flucht. Sie schlugen sich bis Berlin-Marzahn durch, konnten bei einem dort lebenden Onkel unterkommen und schließlich neue Identitäten als vermeintliche Flüchtlinge aus Küstrin annehmen. Mit ihren neuen Namen reisten die beiden, nun als Else und Renate Müller, erst nach Böhmisch Leipa und kamen schließlich im etwa fünfzig Kilometer von Wien entfernten Schrick unter. Sie arbeiteten bis zum Kriegsende in dem kleinen Ort.
Nach Kriegsende kehrten Zilli und ihre Brüder Stifto und Hesso als einzige Überlebende der Familie nacheinander nach Eger zurück. Dort trafen sie sich wieder und fanden den Wohnwagen der Familie unversehrt vor. Eine Suchanfrage beim Deutschen Roten Kreuz brachte die traurige Gewissheit: Auch Zilli Reichmanns Tochter Gretel hatte nicht überlebt.
Nach Ende des Krieges lernte Zilli Schmidt ihren späteren Ehemann Albert „Toni“ kennen. Er war Überlebender des KZ Neuengamme und hatte wie Zilli den Großteil seiner Familie verloren, doch die beiden sprachen selten über die Erfahrungen in den Lagern. 1948 heirateten sie ohne standesamtlichen Trauschein. 1973 wiederholten sie ihr Versprechen auch auf dem Standesamt. Toni Schmidt hatte als Musiker Erfolg und Zilli reiste mit ihm quer durch Deutschland und teils auch ins Ausland. Während sie für ihre Musik geschätzt wurden, blieben sie als Sinti in Deutschland dennoch massiver Diskriminierung ausgesetzt.
Bereits 1950 stellte Zilli Schmidt einen Antrag zur Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts beim Bayrischen Landesentschädigungsamt. Die darauffolgende Überprüfung ihrer Person zeigte ihr, dass dort noch immer auf die Unterlagen der „rassehygienischen Forschungsstelle“ zurückgegriffen wurde. Das langwierige Verfahren endete letztlich 1968 mit einem Vergleich.
Zilli Schmidt litt seit 1945 immer wieder an Depressionen. Zumindest anfangs konnte sie die Erinnerung und den Schmerz noch beiseiteschieben. Doch nach dem Tod ihres Mannes 1989 waren die Erinnerungen an Auschwitz präsenter. Wenn sie nachts nicht schlafen kann, kommen die Gedanken an Auschwitz zurück. Hoffnung gibt ihr indes ihr Glaube. Regelmäßig besucht sie die Bibelstunde ihrer Sinti-Gemeinde und betet mehrmals täglich: für ihre Familie und für Menschen, die heute auf der Flucht sind. Gott, so glaubt Zilli Schmidt, hat etwas mit ihr vorgehabt und sie auch in den Lagern beschützt.
Erst spät entschied sich Zilli Schmidt, über ihre Geschichte zu sprechen. Sie will, dass die Menschen wissen, was in den Lagern geschehen ist.