Jerry Gerd Lindenstraus (*28.06.1928, Gussew)
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- Signatur
- 01182/sdje/0073
- Institut
- Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin
- Sprache
- deutsch
- Ort und Datum der Aufnahme
- Berlin, den 10. Dezember 2013
- Dauer
- 01:52:40
- Interviewter
- Jerry Gerd Lindenstraus
- Interviewer
- Daniel Baranowski , Martin Hölzl , Daniel Hübner
Ohne die nationalsozialistische Diktatur wäre Jerry Lindenstraus wahrscheinlich in seiner ostpreußischen Heimat Gumbinnen geblieben und hätte einmal das elterliche Kaufhaus übernommen. Mit der erzwungenen Emigration begann eine Reise, die ihn über Schanghai und Bogotá bis nach New York führte. 1929 als Gerd Lindenstraus in eine Kaufmannsfamilie geboren, erlebte er schon als Kind die Auswirkungen nationalsozialistischer Verfolgung. Die Familie verlor früh ihr Geschäft und ihren Besitz, nach der Scheidung der Eltern wanderte die Mutter aus Furcht vor weiteren antijüdischen Maßnahmen nach Kolumbien aus. Jerry Lindenstraus folgte seinem Vater nach Königsberg, wo er 1938 auch die Pogromnacht erlebte. Nur wenige Wochen vor Beginn des Zweiten Weltkrieges gelang es der Familie, mit dem Schiff Schanghai zu erreichen. Zusammen mit der Stiefmutter und seinem Vater, der schon bald an einer Krankheit starb, lebte er in ärmlichen Verhältnissen im Viertel Hongkew. Die japanischen Besatzer erklärten den völlig überfüllten Stadtteil, der Tausenden Juden zur Zuflucht geworden war, 1943 zum Ghetto. Jerry Lindenstraus erkrankte aufgrund der katastrophalen hygienischen Zustände an Malaria und Gelbsucht. Nach dem Krieg entschloss er sich, zu seiner leiblichen Mutter nach Bogotá zu ziehen. Sein weiterer Lebensweg führte ihn schließlich 1953 nach New York, wo er heiratete und eine erfolgreiche Exportfirma gründete. Zum Zeitpunkt des Interviews war Jerry Lindenstraus 84 Jahre alt.
Eindrücke
Audio: Zufrieden. Mikrofon mal von linker Sakko-Seite nach rechts verlegt, da Hemdkragen links manchmal das Mikro gefühlt etwas abgeschirmt hat. Video: Großer Mann, schmales, langes Gesicht. Nicht ganz einfach korrekt auszuleuchten. Leichter Schatten der Nase auf seiner linken Gesichtshälfte. Später beim Zeigen der Fotos beugte er sich weit nach vorne. Raus aus Führungslicht und Harrlicht, Aufheller war noch drauf, daher etwas dunkle rechte Gesichtshälfte beim Zeigen von Fotos.
[0:00] heute ist der zehnte Dezember 2013 wir sind am Ort der Information in Berlin und führen ein Interview mit Jerry Lindenstraus aus New York das Interview wird aufgezeichnet für das Projekt »Sprechen trotz allem« der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden
[0:20] Europas in Berlin und wird unterstützt von der Kulturstiftung des Bundes mein Name ist Martin Hölzl ich führe das Interview zusammen mit Daniel Baranowski zuständig für Kamera und Ton ist Daniel Hübner und als Ho- Hospitant der Technik ist heute da
[0:37] Kaj Kunstheim [Schnitt]
[0:39] ahm mein Name ist äh Gerd Lindenstraus jetzt Jerry und dann Gerald aber geboren Gerd Lindenstraus aus Gumbinnen am 28ten Juni 1929 Gumbinnen war ein eine kleine hübsche Stadt in Ostpreußen heute russisch und heißt Gussew und wir haben im besten Viertel
[1:17] der Stadt gewohnt und im Nebenhaus un- ein kleines Warenhaus gehabt die das mein Großvater in im 1883 gegründet hat äh ich kann mich nicht sehr viel a- an die Wohnung oder an das Warenhaus erinnern aber ein paar Sachen doch wir im Warenhaus wurden unter
[1:47] anderen Sachen Spielwaren Spielzeuge verkauft und äh da hab ich natürlich zu Hause sehr viel Sp- Spielzeuge gehabt und mein Cousin der Jochem hieß und der sieben Jahre älter ist als war als ich dem bin ich nachf- mit dem Roller im Geschäft nachdem sie
[2:09] zugemacht haben durch die Gänge gelaufen ähm ein Roller ist so ein ein Skateboard mit mit mit nem zum das man gelenkt hat äh meine Mutter war aus Danzig und hat meinen Vater in in Danzig geheiratet und ist ist sie ist dann zurück sie ist dann nach
[2:40] Gumbinnen gezogen äh äh dafür wir das das Geschäft wurde ungefähr 1934 35 als Zwangsverkauf verkauft und wir ha- und ich hab Dokumente wo ste- wo steht dass wir un- nicht mehr als zehn Prozent von dem von dem Wert bekommen haben das war auch schon unter
[3:15] den Nazis äh nachdem das Geschäft verkauft wurde äh hat meine sind meine Eltern geschieden und hat meine Mutter wieder geheiratet einen Herrn Sally Kaufmann der Geschäftsführer bei dem größten Wa- unser Warenhaus war das zweitgrößte und der ha-
[3:47] war Geschäftsführer bei dem größten Warenhaus in in Gumbinnen und das hieß Dembinsky äh das ist ein Bild vom vom Warenhaus [zeigt das Foto] wo ma- man sehen kann »J Lindenstraus« Joch- J J für Jakob das war mein Großvaters Name mein ich hab meine
[4:18] Großeltern nicht gekannt sie sind beide in 1929 gestorben im selben Jahr wie ich geboren bin äh meine Mutter äh ist dann zurück nach Danzig gef- ge- gegangen wo sie eine mit wo sie mit ihrer Schwester ein eine Wäschefabrik aufgemacht haben und äh die
[4:47] ziemlich gut ging aber dann äh auf ein Mal ähm wurden die von den Nazis angekl- kl- angeklagt dass sie ihre Angestellten betrogen haben und da ist hier ein sehr interessanter article von der »Danziger« vom »Danziger Vo- Vorposten« vom Dienstag den 28ten
[5:15] Juni 1938 ausgerechnet zu meinem Geburtstag und dies das das article heißt »Wie Juden ihre Gefolgschaft betrügen« [zeigt] und da mussten musste meine Mutter und ihr neuer Mann ganz schnell auswandern und ich hab kaum äh auf Wiedersehen sagen können
[5:43] die und die sind nach Bogotá Kolumbien ausgewandert weil dort ihre Schwester die dritte Schwester schon gelebt hatte so das war das Ende von meiner Mutter für für viele Jahre äh dann bevor unsere Auswanderung hat mein Vater wieder geheiratet und meine
[6:13] Mutter hieß Lilli und zufälligerweise war seine zweite Frau auch Lilli also und die hab ich äh Lilli genannt und ich glaube sie er hat geheiratet damit er jemand für mich hat äh für die Auswanderung und so weiter und so fort
[6:40] wie ist denn das
[6:42] [gleichzeitig:] dann bin ich nach Königsberg übersiedelt wo die Eltern von meiner Stiefmutter gew- gewohnt haben und dort hab ich auch gewohnt und dort bin ich in die Schule gegangen in die jüdische Schule schon damals ah und äh Kristallnacht wurde die
[7:04] Synagoge verbrannt und dann haben wir unten in der Schule unten in der Synagoge w- w- wahrscheinlich was noch stand äh die Schule gehabt ähm soll ich noch schnell erzählen dass ich wie wie die meisten Jungens sehr gut sehr gerne die Marschmusik gehabt
[7:30] habe und ich so so wie ich wir haben ähm ganz in der Nähe von dem Parademar- äh -platz gewohnt und so wie ich die Musik gehört habe bin ich rausgerannt um die um die um die Militärkapelle zu hören trotzdem meine Spi- Stiefmutter mir gesagt hat »das
[7:54] ist zu gefährlich« aber zum letzten Mal habe ich es gemacht und wenn dann die Fahne kam mit dem Hakenkreuz mussten alle »Heil Hitler« sagen und ich auch denn wenn ich nicht gemacht hätte wär [lacht] könnte ich verhaftet werden und ja bis heute hab
[8:17] ich noch Marsch- deutsche Marschmusik gern dann a- nach Kristallnacht ähm hat sich dann mein Vater beschäftigt auszuwandern und der einzige Platz in der ganzen Welt wo man ohne Visum und ohne Affidavit und ohne Papiere hinkommen konnte war Schanghai weil
[8:49] Schanghai auch damals schon eine freie internationale Stadt war äh das einzige was man natürlich hatten musste war das Geld für den für die für die Fahrt und da hat sich mein Vater und mein Onkel und meine Stiefmutter und die Eltern haben sich beraten
[9:13] und mein Vater wie er das gemacht hat weiß ich nicht er hat zehn Schiffskarten bekommen gekauft mit dem letzten deutschen Schiff »Scharnhorst« das im Juli 1939 aus Bremerhaven gefahren ist er hat wir sind alle erste Klasse gefahren und mussten hin und
[9:43] zurück bezahlen trotzdem natürlich die Leute gewusst haben dass wir nicht zurück kommen die wir sind dann mit dem Zug von Königsberg nach Bremerhaven gefahren wo alle sehr nervös waren denn man wusste nie ob ob man durchkommt trotzdem wir alle Papiere
[10:03] gehabt haben und dann sind wir in Bremerhaven aufs Schiff gegangen und haben eine dreißig Tage Fahrt durch den Suezkanal nach Schanghai gehabt die ich glaube die die ich hab den ich hab sogar den den Passa- die Passagierliste es waren sehr viele Emigranten
[10:27] auf dem Schiff aber auch a- auch andere Deutsche und Chinesen und alle möglichen Leute das ist die Passagierliste [zeigt] von der »Scharnhorst« äh von von [liest:] »Schnelldampfer Scharnhorst 10ten Juli 1939 ab Bremen« [lacht] ich als zehnjähriger
[10:51] Junge hab mich sehr gut amüsiert auf dem Schiff es gab es hat ein Schwimmbad gehabt und Abende und Tanzen und so weiter und meine alle d- die großen also die älteren Leute haben aufgeatmet nachdem das Schiff aus Bremerhaven weg gefahren sind äh
[11:14] nach dreißig
[11:16] Tagen kamen wir in Schanghai an im August das ist der heißte und feuchteste Monat im im Jahr äh sehr heiß und sehr sch- schwül und Sie können sich vorstellen die die die Erwachsene mit ihren europäischen Anzügen in der furchtbaren Hitze äh dort dort
[11:43] wurden wir von der H- HIAS be- äh begründet be- no be- begrüßt und äh ja mein Vater hat w- wir konnten alles mitnehmen aus Deutschland außer Geld je- wir haben einen Lift gehabt das heute heute heißt das so einen Container und da waren alles drin
[12:08] Möbel äh Teppiche Kristall alles was wir gehabt haben war in diesem großen Lift drin aber kein Geld aber mein Vater hat irgendwie 500 englische Pfund an einen Cousin nach London geschickt der das Geld nach Schanghai überwiesen sollte 500 Pfund englische
[12:30] Pfund in 1939 war viel Geld und äh wie wir nach Schanghai ankamen hat er hundert Pfund nach Schanghai geschickt und und sind wir dann in das beste Viertel in Schanghai in das das French concession das französische Viertel äh haben wir uns dann ein kleines
[12:56] Appartement genommen und haben dort ein paar Monate gewohnt und mein Vater hat angefangen zu sich mit seinem Cousin zu schreiben aber mit nicht mit mit nicht mit schreiben sondern mit äh Telegramme weil schreiben hat zu lange gedauert und hat sich herausgestellt
[13:22] dass der Cousin kein Geld mehr geschickt hat was ihm natürlich mein Vater sehr betrübt hat betrübt betrübt hat und meine Stiefmutter war sehr sehr stark und sehr gut geschäftlich und da hat mein Vater und meine Stiefmutter einen Stand aufgemacht in
[13:57] einem Markt und haben so Seife und Eau de Cologne und solche Sachen verkauft um um etwas Geld zu verdienen und äh im Winter in Schanghai in diesen Sch- Marktplatz war es ziemlich kalt und feucht und ist mein Vater hat mein Vater äh mein Vater erkrankt
[14:26] und sechs Monate nachdem wir in Schanghai angekommen sind ist er gestorben und ich bin sicher dass einer der Gründe war dass er zusammengebrochen ist weil er das Geld nicht bekommen hat das er seinem Cousin geschickt hat [seufzt] und nachdem sind wir in
[14:53] nach Hongkew gezogen das ist das chinesische Arbeiterviertel in Schangai wo ein paar Jahre später das Ghetto war und da haben wir wir sind ungefähr vier fünf Mal umgezogen in in Schanghai und haben zuerst in einem schönen Zimmer gewohnt und da war eine
[15:21] russische Synagoge in Schanghai in diesem chinesischen Viertel und äh da hab ich sechs Monate jeden Tag Kaddisch gesagt für meinen Vater Kaddisch ist das jüdische Gebet für die T- für die Toten diese Synagoge war sehr wi- wichtig sehr wichtig für mich
[15:48] was ich später noch erzählen werde äh
[15:51] es gab in Schanghai zwei andere jüdische äh Gemeinde die reichste waren die sephardischen Juden die sich schon seit hundert Jahren in Schanghai waren und meistens aus Irak gekommen sind und die waren sehr reich [lacht]
[16:14] halb Schanghai hat denen gehört sogar die Straßenbahn und die und die großen Gebäude und so weiter und so fort und das waren Namen wie Sassoon und Kadoorie und so weiter und die haben uns am half- am Anfang sehr geholfen es gab auch eine Rab- das waren
[16:36] aber nur ungefähr 2000 Leut- Leute dann gab es eine russische jüdische äh Gemeinde die nach der Revolution aus aus Russland gekommen sind das waren ungefähr 4000 Leute und die waren so ei- mittel so das waren so mehr sch- kleine Geschäftsleute und und
[16:58] und so weiter und so fort unter denen haben wir nicht zu viel zu tun gehabt da Schanghai dies einzige Punkt der Welt war wo man ohne Visum ohne alles hin kommen hin kommen konnte waren 18000 deutsche und österreichische Emigranten dort auch noch vielleicht
[17:21] ein paar aus der Tschechoslowakei aber die meisten Deutsche und Österreicher und die sind alle in den zwei Jahren zwischen 1938 und 41 z- drei Jahren in Schanghai angekommen wie gesagt ich bin im Sch- letzten Schiff aus Deutschland gekommen nachdem mussten
[17:42] die Emigranten nach Italien fahren und mit sind mit italienischen Schiffen von dort nach Schanghai gekommen und dann ganz zuletzt sind noch ein paar Leute über Russland und Siberia dann nach Harbin und nach Schanghai gekommen
[17:58] wie war denn die äh Nachrichtenlage zu der Zeit haben Sie über die Leute die gekommen sind etwas mitbekommen was in Europa passiert oder lief das ganz normal über Zeitungen
[18:08] na ja türlich alle haben was erzählt aber es war ja noch also es war ja noch nicht so schlimm das da gab es noch keine Konzentrationslager aber die haben uns erzählt dass in Deutschland immer schlimmer gewesen gekommen sind und dass man äh heh raus muss
[18:28] doch und heh wie ich meinen Enkelkinder immer erzähle wenn es nicht Schanghai gewesen wär würde ich heute hier nicht sein und sie und meine Enkelkinder auch nicht und das hab ich verschiedene Male erzählt in in in New York ja also dann äh ich glaube
[18:55] 19- nach 1941 wurde Schanghai von den Japa- von der japanischen Armee besetzt und die waren die Armee die Soldaten waren nicht sehr nett [lacht] die Chinesen haben am meisten geleidet es war so schlimm dass da in Schanghai gab eine große Brücke die Garden
[19:24] Bridge hieß und die Brücke ging zu unserem nach Hongkew wo wir gewohnt haben und da waren die japanischen Posten dort mit den Soldaten und die Chinesen mussten sich bücken wenn sie vorbei gegangen sind und wenn sie es nicht gemacht haben haben die Japaner
[19:37] mit dem Bajonett [gestikuliert] gleich die Leute durchgesto- uns ins Wasser geworfen mit uns waren sie nicht so schlimm weil wir doch Europäer waren aber dann waren auch in Schanghai viele deutsche Nazis und die haben versucht die Japaner zu überreden
[20:03] uns alle umzubringen und da waren viele Gerüchte dass äh dass man uns auf alte Dampfer schickt und die dann gesenkt werden sollten und a- Gerüchte über Gas und und so weiter und so fort aber die Japaner haben das nicht gemacht und es ist bis heute nicht
[20:25] ganz klar wieso de- wieso de- sie das nicht gemacht haben was sie ja gemacht haben haben in Hongkew wo wir waren ein Ghetto eingerichtet aber ein Ghetto ohne Mauern äh das waren ungefähr zehn zwa- zwanzig äh äh Straßen und die die die Japaner haben
[20:59] die die japanische Armee hat hat unsre eigene Emigranten als als als Wächter an der an den Grenzen hingestellt damit keiner ohne Pass aus dem Ghetto rauskommen konnte und dies das ist gemarkt welche Ecken wo die wo das Ghetto zu Ende war [seufzt] äh ein
[21:24] japanischer Militärmajor der hie- der Goya hieß der war bekannt als der »König der Juden« der hat dem der war sehr klein und hat alle möglichen Schwierigkeiten mit den Emigranten gehabt und alle Leute die ein aus dem Ghetto raus wollten um zu arbeiten
[21:52] denn d- denn dies die die Stadt in Schangai w- war also das das beste Viertel war o- nicht im Ghetto und dort waren Arbeit da mussten einen Pass bekommen von diesem Goya und manche L- und die Leute mussten sich anstellen manchmal in der größten Hitze für
[22:16] Stunden und Stunden und dann hat er wenn er gute Laune gehabt einen Pass gegeben wenn er schlechte Laune gehabt eine Ohrfeige und keinen Pass gegeben und auf der anderen Seite [lacht] ist er zu zu Konzerte v- unsere Konzerte gekommen und und und hat sich
[22:40] be- mit vielen Emigranten befreundet
[22:44] ah die sephardischen Juden die in Schanghai waren wie gesagt haben uns geholfen und der Horace Kadoorie einer von den Multimillionären hat uns eine Schule äh gebaut ich weiß nicht ob er es gebaut hat es war ich glaub
[23:05] es war früher ein Krankenhaus und das haben sie umgeändert in eine Schule wo und die Sch- aber die Schule war nicht im in in im Ghetto aber wir haben permanente Pässe bekommen um zur Schule zu gehen und ähm äh die Schule war v- von alles von deutschen
[23:30] Lehrern und haben 600 Kinder gehabt und so ungefähr zwanzig Lehrer aber die die es wurde in Englisch gele- gelehrt und natürlich kannte keiner Englisch aber wir Kinder haben sehr schnell Englisch gelernt denn sonst hätten wir ni- nicht in der Schule folgen
[23:53] konnten trotzdem alle Lehrer deutsche Juden oder österreichische Juden waren äh aber und das ganze System war nach dem englischen System in der Schule die Schule war für uns sehr wichtig weil wir zu Hause nicht viel gehabt haben und es immer schlimmer
[24:15] geworden ist und nicht nur war die Schule sehr gut aber auch die der das wa- nach der Schule wir haben Sport gehabt wir haben Fußball gespielt wir haben Pingpong gespielt natürlich Pingpong das chinesische [lacht] Spiel was was sehr wichtig war in Schangai
[24:35] und Turnen und Musik und sogar Freitagabend Gottesdienst gehabt in der Schule also das die Schule war das Zentrum von den Kindern und was ich später überlegt habe die Freundschaften in Schanghai von den Kindern war sehr sehr wichtig weil f- fast keiner
[24:58] Spielzeuge gehabt hat und u- u- ja und die Sch-
[25:14] aber als der Krieg w- weiterging äh also nach wir durften keine Kurzwelle- Kurzwelle-Radios haben also haben wir nie genau gewusst was in Europa passiert natürlich waren immer äh Rumoren und V- paar manche
[25:39] Leute haben doch ein Radio gehabt und haben so ungefähr gewusst wie der Krieg gegangen ist von Konzentrationslager haben wir sehr wenig gewusst bis der Krieg zu Ende war und die Situation in Schanghai bek- wurde immer schlechter und äh weil äh HIAS und
[26:03] andere amerikanische äh Unternehmen kein Geld mehr schicken konnte war keine Post ich hab mit meiner Mutter s- jahrelang nichts gehört die Post ging nicht keine Post durch und äh wir hatten nicht v- nicht genug zu essen also meine Stiefmutter hat immer
[26:31] gearbeitet und wir haben immer gehabt aber es gab die Leute die keine die kein Geld hatten da gab es so Suppenküchen und Heime und die haben dann umsonst dort gegessen
[26:44] was hat denn Ihre Stiefmutter gearbeitet ?
[26:46] mh ?
[26:47] was hat denn Ihre Stiefmutter gearbeitet ?
[26:49] die hat gearbeitet äh verschiedene Male in einem Lebensmittelgeschäft was natürlich sehr gut war dadurch konnte sie etwas nach Hause bringen aber Sachen zum Beispiel wie Butter und Schokolade und solche Sachen gab es überhaupt nicht ähm aber Gott sei
[27:07] Dank haben wir nie richtig Hunger gehabt
[27:11] und ähm Ihre ähm Stiefmutter ähm Sie haben das ja ähm im Buch auch beschrieben war war wirklich ein Mutter-Ersatz und Sie hatten ein ein gutes Verhältnis zu ihr ?
[27:23] (__) sehr gutes Verhältnis sie war sehr streng aber sehr gut und das hat mir im Leben sehr geholfen ja und dann hat ein paar Jahre später hat sie n- wieder geheiratet einen Henry Gör- Gerson aus Berlin und da haben wir zusammen gewohnt und dort die Situation
[27:44] ist immer schlechter geworden und nachher haben wir in einem also zuerst noch will ich noch erzählen in dem Ghetto waren die ganzen 18000 Emigranten und mindestens 100000 Chinesen im selben Viertel und wir haben mit den Chinesen im selben in denselben Häuser
[28:07] gewohnt in den lanes manchmal die Chinesen unten wir oben aber sonst haben wir fast nichts mit den Chinesen zu tun gehabt keiner es war sehr schwer Chinesisch zu lernen und äh manche von den Chinesen die uns Sachen verkauft haben haben Deutsch gelernt da
[28:29] waren d- wir mussten alles kaufen also erstmal erzählen w- wir haben ein halbes Zimmer gehabt [gestikuliert] getrennt mit einem persischen Teppich und ohne Wasser ohne laufendes Wasser ohne ohne Hitze ohne Klosett des das Klosett war ein Eimer auf dem Dachgarten
[28:53] wo auch wo wo auch gekocht wurden wurde mit diesen kleinen Kachelöfen und äh ja [lacht] einer von den von den Sachen die meine Stiefmutter später in den Staaten erzählt hat der Kuli ist dann mit dem musste immer aufs Dach gehen und den Eimer runter holen
[29:20] und immer wenn wir gegessen haben [lacht] das war so d- und sie hat immer gelacht bevor sie das Ende von diesem Witz kam ab- das ist klar gewesen das Schlimmste was uns die also die Japaner haben kei- keinen getötet das Schlimmste was wir gehabt haben waren
[29:38] die tropischen Krankheiten weil es dann auch keine Medikamente mehr gab ich selber habe Malaria gehabt und Gelbsucht und hab diese Malaria-Anfälle jede 24 Stunden gehabt da konnte ich auf die Uhr gucken wann ich diese Schüttelfröste bekommen habe und
[30:03] so weiter und so fort und das ging paar Jahre bis bis ich glaube bis zum Ende des Krieges wie wie dann die wieder Medikamente bekommen haben aber die anderen schlimmen Krankheiten waren die ganzen äh Deser- Desertyrien Dysenterien und so weiter weil weil
[30:21] wir ja kein f- fließendes Wasser gehabt haben und dies Wasser kaufen mussten von den chinesischen Kulis die mit den Eimern von Wasser da gab es zwei Wassern Wasser zum Trinken und Wasser zum zum Waschen und das Trinkwasser musste trotzdem gekocht werden
[30:46] aber es sind fast alle Emigranten haben Probleme mit mit Dysenterie und so weiter gehabt und da sind auch verschiedene gestorben daran äh [seufzt]
[31:06] ja dann 1945 wir wussten dass der Krieg bald zu Ende se- sein wird und dass sie dass die wir waren mehr interessiert
[31:26] mit dem Krieg in in Fernost mit den Japanern als in als als in Europa und äh 1945 eines Tages sind wir aufgewacht und die Japaner sind verschw- waren verschwunden und das war das Ende des Krieges und wir haben Angst gehabt da keine war keine Polizei kein
[31:52] nichts dass die Chinesen [lacht] was machen würden weil die auch zum ersten Mal frei waren aber es ist nichts passiert und dann in ich glaube zwei oder drei Tage später ist dann die amerikanischen Navy äh Marine in den Wang-Poo-Fluss reingekommen und
[32:16] das war natürlich dann das Ende von von unser von dem Ghetto und alles weiter und so fort und die Amerikaner haben uns geholfen und ähm da gab es dann die haben Essen geschickt und alles alles mögliche und äh und wir waren frei und dann bin ich mit meinem
[32:46] besten Freund der hieß Gert Kirschner den ich seit 1940 in Schanghai gekannt habe und heute noch nach weiß nicht f- 75 Jahren immer noch befreundet bin der wohnt in San Francisco und den ich mindestens mal einmal oder zweimal im Jahr sehe sind wir dann
[33:05] gleich ins ins ins in die besseren Viertel gegangen und haben gesehen was wie Schanghai aussah und da sahen wir die die und da waren die Marinesoldaten die amerikanischen die z- manche mal zwei Jahre Gehalt in der Tasche gehabt haben und wie die sich amüsiert
[33:28] haben und Schanghai war ne offene Stadt und da waren äh waren Bordelle und Tanzha- äh Tanz- Tanz- äh
[33:39] -lokale
[33:44] -lokale und äh und auch äh und auch ähm wie heißt das mit dem Rauchen die diese Opium-Höllen öffne wo wo man die die die waren offene [gestikuliert] da haben die Leute in solchen Betten gelegen ge- ge- gelegt gelagt und und geraucht das konnt man von
[34:11] außen sehen und wir haben natürlich so was noch nie gesehen gehabt und das war [hustet] etwas gefährlich aber wir haben das gemacht noch eine Sache f- erzählen bevor der Krieg zu Ende war haben wir einmal einen Schulausflug gemacht nach zu einem Schwimmbad
[34:30] und mein Freund Gert und ich der der hieß zufällig auch Gert äh haben den Bus den Autobus oder Lastwagen was da war verpasst und mussten dann zu Fuß zurückgehen es gab natürlich keine Autos und Taxis und gar nichts gabs und kein Telefon ! Tel- keiner
[34:56] hat Telefon um sich zu besuchen musst man hingehen und dann sind wir zu Fuß gegangen und wars später und später und äh dann kam ein ein japanisches Militärjeep und haben gefragt was wir hier machen und wir haben gedacht das ist das Ende aber die Japaner
[35:19] die zu den Kindern waren sie ziemlich gut und die haben uns mitgenommen und nach Hause gebracht inzwischen war meine Stiefmutter heh furchtbar nervös und ist zum zu- zum Heim gegangen zum zu wo mein Freund zur zur Mutter von meinem Freund Gert und hat natürlich
[35:42] gesagt dass das alle ihre Schuld war und haben sich furchtbar [lacht] und haben nie wieder gesprochen die die F- die beiden Frauen und dann sind wir angekommen und ich hab in dem Schwimmbad einen furchtbaren äh Sonnenbrand bekommen so schlecht dass ich drei
[36:05] Tage im Bett liegen musste und die Haut [gestikuliert] abgeflau- denn es gab natürlich keine [lacht] nichts zum Einreiben und so weiter und bis heute noch hab ich Probleme mit mit mit äh mit Sonne ja also dann äh kam auch die amerikanische Armee und die
[36:27] haben dann äh Schanghai besetzt und viele Emigranten haben äh äh Arbeit bekommen bei den bei bei den Amerikanern und ich auch nicht so viel für das Gehalt aber wir konnten bei dem bei der PX diese amerikanischen PX kaufen und da haben wir natürlich wieder
[36:53] Schokolade und und Butter und alle die Sachen ge- gekauft die wir jahrelang nicht gehabt haben und da hab ich als messenger angefangen als und dann als als in in der in einer im Büro gearbeitet und hab einen amerikanisches Militär- Militärfahrrad bekommen
[37:17] was eine große Sache war und äh hab noch heute Briefe von denen dass ich ein guter Angestellter war
[37:27] und dann wieder hat meine Mutter angefangen zu schreiben aus Kolumbien und mir gesagt ich soll hinkommen und ich hab gar nicht mehr gewusst wie sie ausgesehen
[37:45] hat das waren zehn Jahre und ich wollte nicht nach Kolumbien fahren und meine Spi- Stiefmutter natürlich wollte auch nicht dass ich nach Kolumbien fahre aber da waren noch andere Verwandten und die haben gesagt »Blut ist dicker als Wasser« und meine Mutter
[38:02] hat mir die die Fahrkarte geschickt und ich war einer von den ersten Emigranten die aus Schanghai ähm weggefahren sind und das war 1947 in den nächsten Jahren sind alle 99 Prozent von Emigranten aus Schanghai weg gegangen genau vor der cultural revolution
[38:29] da in Schanghai das war was auch sehr schlecht war viele nach nach nach Is- Israel nach nach den Staaten nach Amerika und auch nach nach Australien und ein paar zurück nach Deutschland und Österreich ja dann bin ich dann mit dem so ein so ein Armeeschiff
[39:00] nach San Francisco gefahren alleine 17 Jahre alt und hab dann und war ungefähr dreißig Tage in äh in San Francisco und habe eine die Idee bekommen von Amerika das ich nie vergessen habe habe wie ich in Kolumbien war und äh und da musst ich warten auf
[39:26] Visa und so weiter und so fort und dann wie alles fertig war bin ich dann zum ersten Mal geflogen und äh über Miami nach Kolumbien wo ich in Bogotá hat war Bogotá die Hauptstadt von Kolumbien das ist in den Bergen und da war der Flug- der Flugplatz
[39:52] am Abend geschlossen da musst ich eine Nacht in einer anderen Stadt verbringen und dann bin ich dann da angekommen und da war meine Mutter und ihr Mann und die ganze Familie am Flugplatz und hab meine Mutter nicht erkannt und »Sie« gesagt zu meiner Mutter
[40:09] anstatt »du« und das war ein wieder ein neues Leben für mich ganz anders ich hab natürlich kein Wort Spanisch gesprochen und äh auf ja die eine von den reason dass ich Deutsch spreche ist weil ich in Schanghai immer Deutsch gesprochen hab zu Hause
[40:31] und in Kolumbien auch äh ja dann bin ich das neue ganz neues Leben hab Spanisch gelernt hab äh verschiedene Jobs gehabt in manche in Export meine Mutter und Stiefvater haben ein elegantes Lebensmittelgeschäft dort gehabt wo ich auch gearbeitet hab die
[41:01] haben selber importiert Sachen aus aus Amerika äh Lebensmittel und äh ja ich war in Schanghai sieben Jahr- in in in Bogotá sieben Jahre das und ein und ich ich glaube nach sechs Jahren ist meine Mutter gest- plötzlich gestorben in in Bogotá und da
[41:28] hab ich entschieden mich entschieden nicht mein ganzes Leben in in Kolumbien zu verbringen da ich schon wusste wiev- wie die US- USA aussah nach San Francisco und da und ähm
[41:50] da hab ich Wiedergutmachung bekommen aus Deutschland die haben gezahlt für Schulausfall
[41:59] aus Schanghai und die haben gezahlt für für Ghetto die das Schanghai-Ghetto war wie ein anderes Ghetto und für das hab ich auch Geld bekommen und mit dem Geld bin ich dann alleine nach Amerika gefahren wie ich 23 war und zuerst nach ach inzwischen sind
[42:29] dann meine Stiefeltern also Lilli und Henry nach Monroe Louisiana gekommen im Sti- im im tiefen Süden in einer kleinen Stadt in Louisiana und die hab ich zum z- und die waren natürlich sehr froh und die da bin ich zuerst hingefahren und wie ich Monroe gesehen
[42:53] hab konnt ich nicht glauben da in in 43 war noch [lacht] mussten noch die Schwarzen hinten am Bus stehen und Toiletten für Weiße und für Schwarze ich ka- ich hab das kaum geglaubt also das war dann wieder ein neues Kapitel in meinem Leben Englisch konnte
[43:14] ich schon von Schanghai und Spanisch auch konnte ich auch das hab ich in Kolumbien gelernt und natürlich wu- wu- und die haben ein Geschäft dort gehabt die die meine Stiefmutter und ihr Mann die einen so ein Möbelgeschäft und Schallplatten und so weiter
[43:39] und so fort und die haben alles versucht mich dort zu behalten und haben mirs mir sogar reiche jüdische Mädchen vorgestellt aber ich habe gesagt »ich will erstmal alle anderen besuchen und durch die Staaten fahren um zu sehen wo ich bleiben soll« und
[43:58] da bin ich nach Schangh- nach nach Chicago gefahren wo mein bester Freund gewohnt hat aus der aus Schanghai und dann war ich in Cincinnati wo die wo die Mutter und Schwester von meiner Schwiegermutter von meiner Schwie- von meiner Stiefmutter gewohnt hat
[44:23] und dann nach zurück nach San Francisco und dann nach New York wo ein Cousin von mir gelebt hat der der unter anderem im Kindertransport in dem (vom Osten) Tinder- Kindertra- -transport nach England gegangen ist ja und dann in in New York war kein hab ich
[44:50] kein Geld mehr gehabt und hab ich beschlossen in New York zu bleiben hab ein Zimmer gemietet in einer in einer in einer Familie und und hab ich dann eine Stellung gesucht und man hat mir erzählt »ja dass da du Spanisch kannst sollst du in Export arbeiten«
[45:17] und da bin ich zu einer ei- Agenz gegangen und habe eine Stellung bekommen für 55 Dollar die Woche das war in dreiund- in 53 und da hab ich zwei Jahre gearbeitet und ich war der einzige der Spanisch konnte in der Firma und mein Chef hat mich immer mitgenommen
[45:41] zum Ausgehen wenn die Kunden aus Südamerika gekommen sind und da hab ich mich mit denen angefreundet und die haben mir alle gesagt ich soll ich soll ähm mir ein mein eigenes Geschäft auf- aufmachen inzwischen habe ich äh geheiratet mein ich hab meine
[46:09] Frau kennengelernt durch ein durch andere Verwandte und äh die war noch in der Schule die hat Social Work gelernt und hat dann ihr Masters bekommen und wie sie angefangen hat zu arbeiten hab ich gekündigt und meine eigene Firma aufgemacht weil dann haben
[46:35] wir wenigstens das Gehalt von meiner Frau gehabt und äh da hab ich ganz klein angefangen mit [lacht; zeigt Prospekt] meine Firma gegründet die hieß Lindeco in 1957 mit 4000 Dollar und äh und die ganzen Südamerikaner die mir gesagt haben dass sie von
[47:04] mir kaufen werden haben natürlich nicht gekauft mañana typisch südamerikanisch außer einem aus Brasilien der mir eine eine äh eine Order eine Order geschickt hat und mit dem Geld zusammen im Voraus und dann hab ich das die die die A- ach so die dies
[47:33] Export-Firma wo ich gearbeitet hab war spezialisiert auf Autoersatzteile amerikanische Autoersatzteile sehr spezialiert und und da hab ich dann die die die die Order genommen und zu den Fabriken geschickt und die haben mir gesagt »also wir können nicht
[47:58] wir können die die die Order nicht annehmen weil Sie haben keinen Kredit« da hab ich aber das Geld gehabt von dem Kunden dann hab und so hab ich angefangen und langsam aber sicher nachdem ich viele Fehler gemacht hab weil ich nur konnte v- nur kennengel-
[48:17] nur konnte was mein frühere Firma gemacht hat wo ich gearbeitet habe und dann hab ich nach Jahren festgestellt dass der nicht sehr gut war und äh und äh dann hab ich langsam die Firma aufgebaut und äh nach vielen Jahren war sie sehr successful sehr
[48:49] wie heißt successful sehr sehr
[48:52] [gleichzeitig:] erfolgreich
[48:54] äh
[48:55] erfolgreich
[48:57] wie ?
[48:59] erfolgreich
[49:01] erfolgreich !
[49:02] und äh und äh ich bin sehr viel gereist überhaupt nach Südamerika aber auch mit meinem F- und inzwischen dann ist mein Sohn geboren der hießt Leslie weil wir wollten etwas mit L haben mein Vaters Name war Louis aber Louis war kein [lacht]
[49:26] k- Name zu der Zeit so hieß er Leslie was nicht so gut war weil Leslie war auch ein Mädchenname und ein ein ein ein Jungenname und wir und meine Frau hat Leslie genommen von dem Schauspieler Leslie Howard und wir wir sind sehr viel gereist wir waren in
[49:53] Europa wir waren überall und ich habe meinem Sohn versprochen äh ihm alle Orte zu zeigen wo ich gelebt habe und war mit und nach aber Gumbinnen nach Gumbinnen konnte man nicht kommen so lange die Mauer war weil das ganz Ostpreußen war Militär- russisches
[50:18] Militärgebiet und war ich inzwischen mit ihm nach Schanghai zurückgefahren ober aber zu der Zeit war noch sehr kommunistisch und da konnte man nicht alleine alleine fahren nur mit Gruppen und wie ich dann in Schanghai ankam hab ich zu diesen Gruppen gesagt
[50:43] »ich will nach Hongkew fahren ich hab dort gelebt« die haben mir die haben mir gesagt »Sie sind verrückt« das hat keiner ge- die ga- die Chinesen die jungen Leute haben nicht gewusst dass dort 18000 Emigranten gele- gelebt haben hab ich gesagt »na wenn
[51:00] Sie mich nicht lassen fahr ich alleine« und dann haben sie mir einen Studenten gegeben und da sind wir dann mit dem Taxi nach Hongkew gefahren und in einer von den Adressen war eine alte Chinesin die gesagt hat sie dass sie sich noch von mich erinnert hat
[51:18] damals haben die Chinesen nicht wollten nichts wissen was dass dass die Emigranten dort waren das hat sich später sehr geändert wie nachdem die die China nicht mehr so kommunistisch war und und viel freier war da haben die Chinesen auf einmal gesagt »ja
[51:46] wir haben sie alle eingeladen die« und und und und die Chinesen haben u- haben die Emigranten sehr geholfen was nicht ganz wahr war weil die Chinesen haben mehr gelitten als wir und da haben die in in Hongkew ge- wo das Ghetto war ein Museum äh ein aufgemacht
[52:08] ein Emigrantenmuseum äh ich weiß nicht ob ich das Bild habe hier [sucht] so das kann ich nachher zeigen und da von dem Emigrantenmuseum werd ich nachher erzählen also da war ich mit mit meinem Sohn in Schanghai und hab ihm das alles gezeigt und ich dann
[52:36] aufn dann war ich auch mit ihm nach Kolumbien gefahren wo ich gewohnt habe und äh und das hat er kennengelernt und dann
[52:43] hab ich ge- wie die Mauer gefallen ist hier in Berlin hab ich gehört dass man nach Ostpreußen fahren kann und das war eine sehr besondere
[52:56] Reise da gab es hier So- Sonderzüge aus Berlin nach Ostpreußen wo die Deutschen mit ihren die Deutschen frühere Ostpreu- aus Ostpreußen mit ihren Kindern und Enkelkindern zurück gefahren sind um ihnen das zu zeigen wo sie gew- geboren oder wo die Eltern
[53:19] geboren waren also da kommen wir dann zu diesem Sonderzug und ha- und ist der Zug abgefahren und dann hab ich wie immer mit den Leuten gesprochen und da hat sich dann sehr schnell herausgestellt nachdem ich gefra- sie mich gefragt haben wieso ich Deutsch
[53:38] kann und wieso und wo ich wohne und Amerika und dann hat sich dann gleich herausgestellt dass wir jüdisch sind und wir waren definitely die einzigen Juden in dem ganzen Zug und sie waren alle furchtbar nett aber die die älteren Leute haben alle waren alle
[54:00] bisschen unbequ- unbequem und alle gesagt »ja sie« alle waren an der russischen Front und haben nichts gewusst was hier passiert war das hab ich schon vielmal gehört und und aber die jüngeren Leute haben sich man mit meinem Sohn schon angefreundet und
[54:21] der der mein Sohn kann kein Deutsch aber und die konnten Englisch und das das ging dann ziemlich gut und dann sind wir dann durch Polen gefahren und dann am Eingang von der Stadt sind wir umgestiegen in einen der Autobusse und dann wie wir dann da ankamen
[54:39] dort in in der Nähe v- in Ostpreußen haben die Deutschen die ostpreußischen Lieder gesungen die [lacht] und so und so weiter und so fort das war auch bisschen hat mich auch bisschen nervös gemacht und äh dann sind wir in Gumbinnen angekommen und ich hab
[55:01] natürlich keine Ahnung gehabt wie das wie Gumbinnen war und sind dann durch diese Alleen mit den Bäumen und war sehr warm ich hab nie ich konnt mich nicht erinnern dass im Sommer in Gumbinnen so warm war ich konnt mich nur erinnern wie kalt es war im im
[55:18] Winter und war wunderschön warm und dann sind wir dann ausgestiegen und ich mein mein Cousin der sieben Jahre älter war als ich und sich und in Gumbinnen in die Schule gegangen der hat mir aufgezeichnet wo das Geschäft war und wo wir gewohnt haben und äh
[55:37] ja aber so kommen wir dort an und keiner konnte Deutsch das waren alles russisch die Deutschen sind ja alle geflohen während in in B- in äh Gumbinnen waren verschiedene äh äh russisch waren verschiedene äh Schlachten mit den Russen und den Deutschen
[56:05] und da haben wir einen Dolmetscher bekommen einen der Deutsch konnte und sind dann ins Hotel und das Hotel war ein sehr schönes Hotel was mir was mir mein Cousin erzählte und wie wir dort reinkamen war das furchtbar also es war a- die ganze Stadt war war
[56:35] nicht sauber und viel Staub und das Hotel war ein Desaster also es war furchtbar und den des de- das Zimmer was wir bekommen sollte war nicht frei und da hat dort der Fremdenführer uns gesagt wir können in seinem Zimmer sein und das war [lacht] das war
[56:50] ungemacht die Betten und und nicht sauber und die Toile- das war furchtbar und dann haben wir gesagt »na ja also jetzt wollen wir sehen wo mein das Geschäft war und und wo der wo wir gewohnt haben« und dann hat sich rausgestellt dass das gegenüber vom
[57:13] Hotel war und das Geschäft stand nicht mehr aber das Haus nebenan wo wir gewohnt haben stand noch genau und ich hab ich hab gewusst dass es war denn ich hab ein Bild gehabt und da [hustet] standen wir vor dem Haus und mein Sohn hat fotografiert und die Russen
[57:36] sind gleich ans Fenster gekommen und haben auf den Dolmetscher gesagt ob wir reinkommen wollten aber ich hab nein gesagt weil ich mich nicht erinnern konnte und äh dann haben wir zu Fuß die Stadt besucht was außer dem Fluss der das gegenüber vom von
[58:02] unserem Haus war konnt ich mich nicht erinnern und wir waren sogar auf dem Friedhof aber leider hab ich nicht gedacht dass es gab keinen jüdischen Friedhof die Juden wurden begraben in einem Teil von dem Friedhof aber ich hab nicht daran gedacht die die Gräber
[58:24] ob ob es die Gräber zu sehen von meinen Großeltern aber ich hab dann doch be- ich weiß nicht ob ich doch ein Bild bekommen von meinen von mein vom Grab von meinem Großvater diese Reise war wird mein Sohn nie vergessen und äh und äh ich hab auf auf
[58:54] viel Bilder davon und er und und so weiter und so fort sollen wir ein ein Pause machen ? ja
[59:05] jetzt machen wir ne Pause [Schnitt]
[59:07] ja da wollt ich noch erzählen wie ich in Gumbinnen mit meinem Sohn war und vor dem Haus gestanden hab hab ich so gesagt »ja wenn die Nazis nicht gewe- gewesen wären würde ich wahrscheinlich heute noch in Gumbinnen sein aber wie ich mich kenne wahrscheinlich
[59:29] zehn Geschäfte über ganz Ostpreußen hätte als als das eine« aber das ist natürlich nicht gewesen
[59:38] darf ich kurz dazwischen fragen was für was für ein Verhältnis Sie zu dieser Stadt haben in der Sie ja eigentlich nur sehr kurz gelebt haben
[59:47] ja
[59:49] ist das ne ist das Heimat oder oder ist das doch zu weit weg ähm ? können Sie was dazu sagen
[59:56] [gleichzeitig:] [seufzt] also Heimat ich kann nicht sagen Heimat natürlich wenn mich jemand fragt sag ich ich bin aus Gumbinnen und da ich wieder zurück gegangen bin äh äh war es ich ich nicht Heimat aber Geburtsort und äh ich war zu kurz dort also
[1:00:18] wenn irgendwo was war Kolumbien und und Schanghai mehr Heimat weil ich dort viel viel mehr Jahre war aber natürlich New York [lacht] bin ich schon über fünfzig Jahre (dort) das ist so die richtige Heimat trotzdem ich ich bin zwar Amerikaner mit nem amerikanischen
[1:00:39] Pass aber viel zu europäisch oder oder südamerikanisch
[1:00:44] und Sie haben uns erzählt jetzt außerhalb des Interviews dass Sie eine Zeitung oder so etwas bekommen bis heute aus Gumbinnen immer noch ?
[1:00:53] ja also jetzt bevor be- ich will noch etwas aus Schanghai erzählen äh äh am 17ten Juli 1945 haben die Amerikaner die amerikanische Luftwaffe zweimal unser Ghetto in Hongkew bombardiert und zwar wie ich später von den von den Piloten mit denen ich gesprochen
[1:01:28] habe gehört habe haben die Japaner also in Hongkew wo wir gewohnt haben war ein großes Gefängnis und dort in diesem Gefängnis haben die Japaner Militär- äh -sachen reingestellt da- sie wussten dass dort nicht bombardiert wird weil wir dort waren aber
[1:01:52] die Amerikaner mussten es doch machen und da waren von 31 Emigranten sind getötet worden bei diesen zwei Luftangriffen und hunderte von Chinesen und ich war ja was ich auch nicht v- auch vergessen habe ich ich war ich hab nicht die die Schule die was Highschool
[1:02:14] war beendet weil im letzten Jahr mein Freund und ich haben nicht sehr viel Schularbeiten gemacht und wir wussten dass wir nicht versetzt werden w- würden und also haben sind wir einfach äh aus der Schule gegangen bev- bev- bevor sie zu Ende war und ich habe
[1:02:34] in einer Spinner- Seidenspinnerei als Lehrling gearbeitet wo die Sei- die rohe S- Seide äh äh soft also gemacht wurde und dann auch auch mit Spinnerei und dies und gewebt wurde und das war und dort war ich wie das bombardiert wurde und das war eine ein
[1:03:02] Block von von wo die B- die Bomben gefallen sind da war ich das war sehr äh da war ich wieder mal äh hab ich wieder mal Glück gehabt und da bin ich und auch die Seide wurde auch gef- gef- ge- gefärbt und da bin ich dann sehr oft mit blauen Händen zurückgekommen
[1:03:24] und meine [lacht] Stiefmutter hat gedacht meine Hände sind gefroren aber das war nur von der Farbe ja die andere Sache was ich noch erzählen wollte ist die sieben Jahre die ich in war ich in Sch- in Bogotá in Kolumbien und da habe ich F- eine Gruppe Freunde
[1:03:47] gehabt die waren alles waren alles deutsche Juden aber die vor dem Krieg schon nach Kolumbien gegangen sind die waren f- mehr lateinisch aber haben alle Deutsch gesprochen und nur ein Kolumbianer und wir haben alles zusammen gemacht äh Parties und Tanzen
[1:04:02] und und Karten spielen und und und Ferien gegangen und ich hab mir ich hab mich überlegt wieso bin ich nie habe ich nie gel- ein Buch gelesen wieso hab ich bin ich nie ins Theater gegangen das gab es ja alles in in Bogotá und aber äh ich glaube das war
[1:04:28] weil ich das ich brauchte mich zu amüsieren nach den sieben Jahren in Schanghai die ja nicht norma- überhaupt nicht normal waren und so hab ich das hab ich mir das so überlegt dass das gar nicht so schlimm war
[1:04:44] ja jetzt zurück nach New York äh wie ich
[1:04:50] gesagt wir haben viel gereist und so weiter und so fort und [blättert] und dann ist vor drei Jahren meine Frau gestorben die hieß Erika die ist aus Wien aber die ist auch schon von Wien nach New York vorm Krieg gekommen aber sie sie konnte Deutsch natürlich
[1:05:16] a- aber wir haben nicht Deutsch gesprochen weil ihr Deutsch nicht so so gut war aber mit ihrer Mutter hab ich Deutsch gesprochen und äh ja die ist plötzlich gestorben und äh ja da hab ich wieder [lacht] ein neues Leben angefangen und man mit hab meine Wohnung
[1:05:38] verkauft und bin umgezogen in den in die Nähe von meinem Sohn inzwischen hat der geheiratet seine Frau heißt Michelle und ich hab zwei Enkelkinder die heute zwölf und 14 Jahre sind die mein Enkelsohn heißt Aron und meine Enkel- die Enkeltochter heißt
[1:06:01] Jessica und ich die wohnen vier Blocks von mir und die sehe ich mindestens einmal in der Woche und äh und äh ja und dann äh ha- hab ich ein durch mein Buch dann hab ich das Buch geschrieben in in ich hab so viele Leute haben mich immer gefragt über
[1:06:32] mein Leben und wie interessant und wie interessant hab ich mir gedacht na ich werd das Buch schreiben habs auf Englisch geschrieben aber es wurde nie gedruckt weil es damals war es zu teuer zu drucken und ich wollt das Geld nicht ausgeben aber dann durch den
[1:06:50] »Aufbau« die Zeitung die die deutsch-jüdische Zeitung hat ein Professor Wiehn aus Konstanz der viele viele Bücher über die Shoah geschrieben hat hat das ein der »Aufbau« hat einen kleinen Artikel über das Buch geschrieben und der hat das gelesen und
[1:07:11] da haben wir Anfang äh zu korrespondieren und dann bin ich in einer von den Reisen mit meiner Frau nach Konstanz gefahren was eine wunderschöne Stadt ist und hab den kennen gelernt und der und das wurde das Buch auf Deutsch übersetzt und dann und das Buch
[1:07:33] oh ich weiß ich
[1:07:36] haben Sie es in der Tasche ?
[1:07:38] in der Tasche um das zu zeigen
[1:07:39] warten Sie ich gehe
[1:07:41] wo [sucht] wo ist die Tasche ? ach hier ja und ähm und da gab es noch und durch dieses Buch hab ich unter den article vom »Aufbau« hab ich einen Mann kennengelernt der z- zehn Jahre älter ist als ich und der hieß Ari Cohn und der war aus Ostpreußen
[1:08:06] und der mit dem hab ich mich sehr befreundet das war das ist das mein Buch [zeigt] und und der war befreundet mit der hat dieses äh Gumbinnen hat eine Patenstadt hier in Deutschland ich weiß n- B- ich weiß nicht ob es Bielefeld heißt ich hab
[1:08:44] vergessen und die publizieren ein Buch äh ein Gumbinnen-Buch jedes kommt jedes sechs Monate raus und das hab ich dann auch bekommen und dann hab ich gesehen wie schön Gumbinnen heute aussieht die Russen haben da- das die Stadt so gemacht wie sie früher
[1:09:07] war mit Hilfe von von der von der Patenstadt und da und dann einen Tag hab die die die ei- die Frau ähm wie heißt sie äh Frau [sucht] Frau Karin Base die ist die die leitet diesen diesen Brief und die hab die ist nach New York gekommen hab sie kennengelernt
[1:09:43] und da hab ich und sie hat viel von den paar Juden die sie kannte aus Gumbinnen in diesem Brief geschrieben und äh über mich auch und hab ich mit der m- und bin seitdem mit ihr äh in Korrespondenz und sie kommt ja auch mo- Donnerstag nach nach Berlin was
[1:10:09] mich sehr freut und da äh und da will ich noch schnell erzählen wie ich an Sie kam ich war im ich ich im in New York gibt es ein 92nd Street YMHA das sehr berühmt ist da und dort bin ich Mitglied und eines Tages hörte ich dass ein Berliner dorthin kommt
[1:10:37] um z- über Berlin zu sprechen und das ist der das ist der An- war der Andreas Kossert und mit dem hab ich dann nat- gleich gesprochen und da hat sich herausgestellt dass der aus Ostpreußen ist und der hat dann Uwe erzählt von mir und so ist das dann gekommen
[1:11:01] dass wir dass ich he- heute hier bin und der hat ein wahrscheinlich das beste Ostpreußen-Buch geschrieben das er mir geschickt hat und das ich gelesen habe und da hab ich viel gelernt über die was in Ostpreußen passiert war während dem Krieg so das ist
[1:11:24] so ungefähr alles
[1:11:27] vielleicht können wir nochmal ähm
[1:11:30] ja
[1:11:31] äh einzelne über einzelne Stationen etwas sprechen oder Fragen die wir
[1:11:34] ja !
[1:11:36] ähm haben ich hab ganz am Anfang ähm schon direkt die Frage gehabt ähm wie es mit der Religion eigentlich in Ihrer Familie war bei Ihren Großeltern und bei Ihren Eltern können Sie dazu was sagen
[1:11:47] [gleichzeitig:] bei die Religion war wie meist- wie v- bei den meisten deutschen Juden wir waren zu den hohen Feiertagen in der Synagoge in Gumbinnen gab es eine kleine Synagoge und wir hatten gar keinen Rabbiner nur so einen cantor der der s- auch Lehrer
[1:12:06] war und es war so ne ich weiß gar nicht was was für ne Synagoge es war aber wir gingen für die hohen Feiertage zur Synagoge und haben äh äh Seder gemacht zu Pessach aber sonst nicht wir sind nicht Sonnabend in die Synagoge gegangen und und so waren das
[1:12:34] die die die meisten deutschen Juden also unsere Religion und in Schanghai auch das- auch dasselbe äh hohe Feiertage und s- und und und s- und Pessach und und u- und und sonst nicht
[1:12:54] sind Sie in Gumbinnen noch in den Kindergarten gegangen ?
[1:12:57] [seufzt]
[1:13:00] wie alt waren Sie als Sie Sie waren vier als Sie weggegangen sind von dort ?
[1:13:06] ja ungefähr ich glaube nicht wir hatten ein Kindermädchen wie wie das so üblich war mit dem ich mehr befreundet war als mit meiner Mutter die ist mehr ausgegangen die war sehr elegant und mit der aber ich kann mich nicht erinnern dass ich im Kindergarten
[1:13:29] war da waren Geburtstagsfeier ich hab sogar irgendwo ein Bild gehabt in unserem Balkon von einem von meinem dritten Geburtstag und da waren sechs sieben Kinder dort aber nicht ich bin nicht in den Kindergarten ich glaube nicht wieso weiß ich nicht
[1:13:50] erinnern Sie sich an ein sehr frühes Erlebnis das Sie als Jude bewusst als Jude diskriminiert worden sind ? oder dass Ihre Familie dadurch dass Sie jüdisch waren jetzt eine ich sag mal einen anderen Status hatte als die anderen ähm Familien in der Stadt ?
[1:14:13] in Gumbinnen ?
[1:14:15] in Gumbinnen oder später in Danzig oder Königsberg ?
[1:14:18] in Gumbinnen glaube ich nicht trotzdem dass das äh social life dort glaub ich mit den anderen jüdischen Familien war a- trotzdem aber durchs Geschäft mein Vater und mein Onkel v- viele andere Geschäftsleute kannten aber ich k- ich wusste nicht von Antisemitismus
[1:14:51] [heh in in Danzig und in Königsberg war natürlich das das sehr sehr bemerkbar schon denn das war ja schon später und da war das die Sache mit den mit der Wäschefabrik in in in Danzig und in Könisgberg Kristallnacht und und äh aber trotzdem ich bin sicher
[1:15:09] dass die Erwachsenen viel viel mehr gemerkt haben als ich als als Junge es äh aber es war natürlich da
[1:15:17] wie ähm wie ist es Ihnen denn gegangen mit der Trennung Ihrer Eltern
[1:15:25] wie die
[1:15:28] hat Sie das hat Sie das beschäftigt ?
[1:15:30] [gleichzeitig:] mit dem mit dem mit der mit der wie sie mit der divorce mit den ?
[1:15:35] ja
[1:15:37] das war [seufzt] ziemlich schwer denn die d- das war keine k- das war keine äh gute Trennung sondern schlechte die haben sich sehr viel äh also nicht sehr viel äh ich hab sogar die Papiere von der Scheidung und das war so in Deutschland wenn es k- keiner
[1:16:07] Schuld hatte u- war hat ging der Junge zum Vater und wenn es ein Mädchen war zur Mutter deshalb war ich dann bei meinem Vater äh nachdem ich m- zuerst bei meiner Mutter war in Danzig aber die Scheidung war nicht gut da waren viele Probleme was ich mich
[1:16:30] so erinnern konnte und in Danzig bin ich sehr oft am Wochen- in der Woche mit meinem Vater gewesen und am Wochenende mit meiner Mutter und so weiter und so fort was ich mich nicht sehr erinnern kann aber hat wahrscheinlich einen Einfluss an mich gehabt bestimmt
[1:16:50] sind Sie dann in Danzig zur Schule gegangen ?
[1:16:55] ja das w- weiß ich auch nicht genau da kann ich mich nicht erinnern aber ich weiß auch nicht genau wie lange ich in Danzig war dann war ich in Königsberg [betont:] da bin ich in die Schule gegangen äh weiß ich nicht genau ob ich in in in in Danzig auch
[1:17:19] in die Schule gegangen sind wahrscheinlich ja aber das war alles schon in der Nazizeit
[1:17:29] haben Sie denn die Auswanderungsbemühungen Ihrer Familie bewusst miterlebt ? oder waren Sie da weil Sie ja noch Kind waren gar nicht so sehr daran interessiert
[1:17:44] [gleichzeitig:] j- n- na da war ich schon also ich war zehn wie wir weggangen sind aber die h- mein Vater hat glaub ich ei- ein Jahr daran gearbeitet [räuspert sich] um dies Geld dies Geld war alles so mit Sparkonto schon unter den Nazis auch das Geld was
[1:18:04] sie bekommen haben vom Geschäft und von dem Haus was wir besitzt haben und da hat das war seine Vollbeschäftigung und ist sehr oft von Danzig nach Königsberg und vice versa gefahren am Danzig war besser weil das war ein eine freie Stadt damals das war
[1:18:25] dann war es wieder deutsch und jetzt ist es polnisch aber freie Stadt hat war die Gesetze etwas anders und ich kann mich erinnern an die vielen Gespräche mit meinem Vater und meiner Stiefmutter und dem Onkel um sich um nach Schanghai zu fahren
[1:18:44] wie hat Ihr Vater Ihnen das als Kind erklärt dass Sie jetzt plötzlich mit der Familie weg müssen ?
[1:18:52] [gleichzeitig:] er hat er ha- er hat nicht erklärt es ist nur so gewesen und s- äh einen Tag wusste ich dass wir abfahren ich war immer sehr äh äh da da dadurch dass meine Eltern geschieden waren war ich immer sehr äh wie heißt das äh äh hat
[1:19:21] keiner mit mit mir mit hat sich keiner mit mir verärgert und ich wusste dass d- dass wir auswandern und ich wusste wann und wie und alles aber erklärt haben sie es mir nicht aber ich kann mich erinnern an den Zug nach von Königsberg nach nach Bremen wo
[1:19:48] wir alle wir waren zehn Personen äh
[1:19:51] hatten Sie denn äh zu dem Zeitpunkt schon ein ein Bild von Schanghai ? oder von der Entfernung das ist ja damals auch noch ne ganz andere Entfernung als heute gewesen
[1:20:06] [gleichzeitig:] keine die im nicht nur ich nicht auch nicht die Erwachsenen [betont:] keine Ahnung von Schanghai dass es so weit weg war und und so anders war und das Klima und die wussten nur dass schon viele Emigranten dort waren und äh denn es sind schon
[1:20:26] viele 1938 nach Schanghai gegangen aber k- keiner wusste was was wir dort erwarten äh das war wie Tag und Nacht der Unterschied unglaublicher Unterschied überhaupt damals
[1:20:42] Sie ähm erwähnten vorhin dass Sie in einer Schule waren die sich im Keller der Synagoge befand
[1:20:52] ja
[1:20:54] war das in Königsberg ?
[1:20:56] das war in Königsberg
[1:20:58] ähm ist diese Schule und die Synagoge dann in der Pogromnacht zerstört worden ?
[1:21:00] na ich glaube die die die die nein die Synagoge ist verbrannt worden aber nicht ganz unten und die Schule w- wurde dann v- von der wo ich weiß nicht wo sie früher war in dem Keller der Synagoge äh im Keller von der Synagoge und mein und der Vater von meiner
[1:21:25] Stiefmutter hat mich jeden Tag hingebracht und abgeholt weil das schon bisschen gefährlich war dort zu trotzdem ich zu diesen Paraden gegangen bin ohne Erlaubnis
[1:21:38] verstehe ich das äh richtig er hat Sie begleitet weil es hätte passieren können dass Sie von nichtjüdischen Schülern ähm angepöbelt werden oder
[1:21:51] ja na also im ich hab es in meinem Buch geschrieben dass ich einmal verprügelt wurde von von anderen Kindern aber ich kann mich n- ich weiß nicht wer mir das erzählt hat es war bestimmt wahr aber ich kann mich nicht daran erinnern vielleicht vergisst
[1:22:15] man so was auf- damit man sich nicht erinnert
[1:22:19] zu Ihrer Mutter gab es ähm bis zur Auswanderung noch Kontakt brieflich ?
[1:22:29] aus Kolumien ? ja bis
[1:22:32] aber danach dann nicht
[1:22:34] ja die wusste ja bis zur Auswanderung und und äh und sie wusste dass wir nach Schanghai fahren und ich glaube auch am Anfang war Briefwechsel nach Schanghai auch denn dass mit den Japanern das war ja zwei Jahre später in Schanghai also am Anfang ging es
[1:22:54] so war es so ziemlich normal noch nich ? aber viele was ich nie verstanden habe trotzdem ich gesetzlich zu meinem Vater gang wieso meine Mutter nicht mich nicht mitgenommen hat nach Kolumbien damit ich dann wäre ich ja früher rausgekommen ich weiß nicht
[1:23:15] ob mein Vater das erlaubt hätte aber aber das wäre doch denn die is die ist ja acht- 1938 schon rausgekommen
[1:23:22] ist das ein Gedanke der Ihnen später erst gekommen ist oder haben Sie das in der Zeit sich schon gefragt ?
[1:23:31] nein später später v- viele Sachen sind später gekommen ja
[1:23:38] Sie haben auch vorhin einmal kurz in so einem Nebensatz erwähnt dass Sie viel Glück gehabt haben
[1:23:53] ja
[1:23:55] ähm können Sie das nochmal erklären ? wie Sie das meinen ?
[1:23:57] [seufzt] na äh Sie meinen Glück im ganzen Leben ?
[1:23:59] ich hab das vorhin so verstanden dass Sie das gesagt haben vielleicht hab ich es nicht richtig verstanden
[1:24:03] [gleichzeitig:] ja ja nu also äh natürlich erstmal Glück dass ich rausgekommen bin denn ich glaube wenn ich wenn wir nicht äh nach also ich bin [betont:] sicher wenn wir nicht nach Schanghai gekommen wären wäre ich nie rausgekommen denn dann Affidavits
[1:24:27] nach Amerika haben wir nicht gehabt und und sonst konnte man doch nicht nirgends hin weder Europa noch Amerika Südamerika waren haben die Konsulate da so Visums verkauft [lacht] unterm Tisch aber ich bin ich hab immer Glück gehabt ich war mit den ganzen
[1:24:47] Eltern und Stiefeltern immer das einzige Kind und hab Glück gehabt in in Kolumbien dann bin ich i- nach Amerika gekommen und alles ging in Ordnung natürlich meine Frau ist gestorben aber das passiert und äh ich bin heute 84 und ich bin in h- habe ne Freundin
[1:25:14] und bin sehr sehr äh sehr gut mit meinem Sohn und Schwiegertochter und meiner Enkelkindern die sehe ich mindestens einmal die Woche sie wohnen vier Blocks von mir und sind bin einigermaßen gesund und spiel noch Tennis und und bin sehr beschäftigt ich
[1:25:40] bin äh ich bin ich bin äh Volontär beim Leo Baeck Institut wo ich einmal die Woche hingehe und sch- und bin sehr beschäftigt und ich ich glaub dass das alles das hat viel mit Glück zu tun trotzdem der Herr Blumenthal den ich vorige Woche gehört habe
[1:26:12] und der unter anderem gesagt hat dass Schanghailanders haben inner strength innerer St- innerer äh St- St- Sta- äh St- innere Stärke und ich glaube das ist wahr ich weiß nicht ob alle es alle Shanghailander innere Stärke haben aber ich glaub ich hab
[1:26:28] das auch und i- mein Freund aus Kalifornien der den ich kennengelernt habe wie ich elev- äh elf Jahre alt war äh hat das auch
[1:26:40] die äh Situation in Schanghai war ja am Anfang noch relativ erträglich und es wurde dann sehr viel ähm schlimmer ähm wie wie ist das zum Beispiel mit Ernährung dann im Laufe dieser Jahre äh gewesen
[1:26:56] ah war schwer weil weil die meisten Leute ja kein Geld hatten und äh ach was ich auch vergessen hab zu erzählen ich habe Ihnen gesagt dass wir einen Lift mit mit allen Sachen äh mit- mitgek- mitbekommen und sehr viele Leute und wir auch standen dann auf
[1:27:22] der Straße und haben die Sachen verkauft und und davon und und und und da genug Geld gehabt um Essen zu kaufen aber wie gesagt es w- die Leute die überhaupt nichts hatten da gab es Suppenküchen und Heime wo die Leute umsonst gelebt haben in großen Hallen
[1:27:43] und so weiter das meine Stiefmutter hat immer gearbeitet und musste ich ni- musste ich nicht dort leben aber mein Freund hat dort gewohnt äh aber es war schwer es gab nicht genug Essen zu essen verhungert glaub ich ist keiner weil diese weil se diese Suppenküchen
[1:28:09] hatten und aber gen- es war nicht gut in Schanghai
[1:28:16] haben Sie sich ähm in der Zeit ähm jemals gefragt wie das alles sein kann ? dass Sie ähm also ich frag mal jetzt ganz naiv sozusagen dass Sie ohne jemandem etwas getan zu haben in diese Situation gekommen sind auf einmal tausende von Kilometern von zu Hause
[1:28:37] weg in einem Ghetto zu leben ? ähm oder sind auch solche Gedanken erst später gekommen
[1:28:42] erst später gekommen ich glaube dort haben wir nur für den Tag gelebt und da sind so viel Sachen gewesen dass wir wir wussten also dass Kri- der Krieg war und aber wie ich gesagt die von Konzentrationslagern und so weiter haben wir erst am Ende erfahren
[1:29:07] und das war natürlich da haben wir gesagt wir dachten Schanghai war furchtbar aber die Konzentrationslager waren natürlich viel schlimmer und über diese ganze Geschichte habe ich m- viel später gedacht a- gedacht und aufgeschrieben und so weiter und
[1:29:28] erzählt an die ja an die Amerikaner dort in in New York oder auch in Kolumbien
[1:29:37] gab es denn dann wenn Sie sagen dass Sie erst sehr viel später begonnen haben sich noch einmal mit Ihrer ganzen Geschichte Ihrer Verfolgungsgeschichte zu beschäftigen gab es ein bestimmtes Erlebnis das das Sie dazu gebracht hat
[1:29:55] das Buch zu schreiben ?
[1:29:58] ja oder überhaupt sich wieder mit dieser Geschichte zu beschäftigen ich hatte den Eindruck dass Sie auch vorher geschildert haben Sie wollten als Sie ähm aus Schanghai nach Bogotá gekommen sind auch erst einmal leben viel Leben nachholen
[1:30:13] [gleichzeitig:] (right) ja
[1:30:15] feiern das alles hinter sich lassen und
[1:30:17] ja da hab ich nicht gedacht an an an die Vergangenheit nicht nur nicht nur nicht gedacht ich glaube das hab ich vergessen [betont:] wollte ich ver- vergessen aber dann in New York wo weil erst einmal sprech ich Englisch mit einem deutschen Akzent und dann
[1:30:38] haben mich natürlich alle amerikanischen Freunde immer gefragt »woher sind Sie ? aus Deutschland wa- wann wann sind Sie rausgekommen« die und dann kam die Geschichte vor und das war tausende Male dass mich fast jeden Tag passierte heute noch auch ! und dann
[1:30:54] hab ich wenn dann gesagt na ich werd das aufschreiben und äh ich will sogar jetzt mein Buch übersetzen und doch in Englisch rausbringen weil [lacht] die meisten Leute including meine Kinder kein Deutsch kennen aber die ich die haben das auf Englisch gelesen
[1:31:13] so wie ich das geschrieben habe
[1:31:15] haben Sie denn aus den USA ähm beobachtet wie in Deutschland mit der NS-Vergangenheit später dann umgegangen wurde ? also ähm welche Etappen der man nennt das ja Vergangenheitsbewältigung die Bundesrepublik durchlaufen hat ? war das für Sie ein Thema aus
[1:31:41] den USA zu gucken ähm was machen die eigentlich jetzt in Deutschland erinnern sie daran oder verdrängen sie das oder waren erstmal viele Dinge für Sie (__)
[1:31:49] wie wie sich Deutschland geändert hat ?
[1:31:51] ja
[1:31:52] ja natürlich das haben das haben wir immer gesprochen dass heute Deutschland anders ist und ich hab ich erleb das dauernd dann in beim Leo Baeck Institut sind immer drei bis vier äh interns deutsche äh Studenten die meisten auf ihren äh PhD-Arbeiten
[1:32:20] und ich bin immer erstaunt wie viel die von der Shoah von der ganzen Geschichte wissen manche viel mehr als ich manche k- haben sogar Jiddisch gelea- gelernt und mit denen bin ich befreundet und da s- seh ich den den Unterschied w- was Deutschland heute ist
[1:32:44] und sie die jungen Leute w- die fragen wie dass die die bi- die die die größte Frage ist immer »wie konnte das in Deutschland passieren ein Land so« aber äh es ist passiert und äh äh so wie ich gehört habe wollte ja Hitler am Anfang die Juden in Deutschland
[1:33:08] nicht töten sie er wollte sie nur raus haben aus Deutschland es konnte ja jeder deutsche Jude auswandern viele sind ausgewandert andere haben kein Geld gehabt um zum Auswandern andere haben kein Visums bekommen und denn gab es natürlich auch Leute überhaupt
[1:33:27] Ältere die gesagt haben »na ja das ist in einem Jahr vorbei das« und und deshalb sind aber sonst wollte wollten ja die Nazis die das mit den Umbringen mit den Konzentrations- das ist ja erst später gekommen das ist in das ist in in Russland angefangen
[1:33:45] mit äh mit den oder in Polen mit den mit den und so hat sich das sehr geändert aber wie ich z- vor vier Jahren hier war oder oder wie ich hier war mit meinem Sohn vor nachdem die Mauer gefallen war wenn ich mit al- alten Deutschen gesprochen habe in meinem
[1:34:08] Alter war immer die Sache sehr ein bisschen nervös auf beiden Seiten so wie die gewusst haben dass ich Juden bin Jude bin da wollt ich noch erzählen kann ich noch erzählen ich hab hab Ihnen das ja schon erzählt wie ich vorgestern ein Taxi genommen hab
[1:34:30] hier und da hat der Chauffeur mich gefragt »wieso sprechen Sie Deutsch ?« hab ich gesagt »na ich bin hier geboren« und dann hat er mich gefragt »wie wie sind Sie vor dem Krieg oder nach dem Krieg weggegangen« ich hab gesagt ich wohne in St- in Amerika
[1:34:48] da hab ich gesagt »vor dem Krieg« sagt er »na wieso denn ?« äh und »waren Ihre Eltern Verbrecher ?« hab ich gesagt »nein wir waren keine Verbrecher wir waren Juden« da war er still der aber der war nicht so alt der ist schon nach dem Krieg geboren hat
[1:35:05] er gesagt »na ich weiß auch nicht wie das passieren konnte« und so weiter und das natürlich pass- so solche Gespräche höre ich sehr oft ja
[1:35:20] sprechen Sie ähm äh oder berichten Sie öffentlich aus Ihrem Leben ähm vor vor Leuten ähm Schülern oder
[1:35:31] [gleichzeitig:] ja über über Schanghai die amerikanischen Juden haben viele haben überhaupt k- noch keine Ahnung von was in Deutschland passiert ist aber von Schanghai wissen sie überhaupt nichts und ich hab äh vor glaub ich einem Jahr war eine Ausstellung
[1:35:52] im Leo Baeck Institut von Schanghai und bei der Einweihung hab ich gesprochen und da war der chinesische Konsulat Konsul dort und äh das wär sehr successful und in diesem 92nd Street Y wo ich Mitglied bin da hab ich einmal gesprochen da waren 150 Leute dort
[1:36:16] und und da hab ich zweimal dort gesprochen aber ich könnte wenn ich wollte jeden jedes Wochenende sprechen über Schanghai in Synagogen oder wo ich will ich bin sehr oft gefragt worden o- aber ich das mach ich nicht das will ich nicht das ist zu viel ja
[1:36:38] ach noch d- dann hab ich noch eine äh in einer ja dann war ich und dieses Spielberg da war ich a- da bin ich auch interviewt geworden sogar zweimal w- glaub ich und äh einmal hab ich hat mich jemand bekannt gemacht mit einer jüdischen orthodoxen Schule
[1:37:01] in in außerhalb New York o- wo die Kinder äh über den Holocaust amerikanische Schule wo die Kinder über den Holocaust lernen und die l- haben Filme gemacht und da bin ich die da hab ich auch meine Geschichte erzählt vor der Kamera und dann waren waren
[1:37:25] wir da wie die dies gezeigt haben also ich hab das schon öfters gesprochen aber so unter Freunden immer es kommt immer so wie die hören dass ich einen Akzent habe ko- kommt das vor
[1:37:41] Sie haben äh noch einige Fotos mitgebracht die wir jetzt gar nicht gezeigt haben vielleicht können wir die noch durchgehen und Sie können kurz zeigen
[1:37:55] [gleichzeitig:] ja !
[1:37:57] ich kann ja mal eben die Mappe nehmen vielleicht
[1:37:59] wie na das hab ich
[1:38:01] nee die dass ich die Mappe
[1:38:03] [gleichzeitig:] ah die Mappe !
[1:38:05] kurz nehme dann können Sie besser
[1:38:06] das hab ich gezeigt ?
[1:38:08] (__) einfach so in die Kamera
[1:38:10] ja
[1:38:11] zeigen und vielleicht noch zu den Fotos was sagen
[1:38:13] ja das hab ich gezeigt
[1:38:15] Sie können auch Herr Lindenstraus
[1:38:17] aber die Bilder aus das war [zeigt] ein Bild aus Gumbinnen wo ich auf dem auf der Schulter von meinem Cousin im Garten hinter unserem Haus bin
[1:38:24] wann war das ?
[1:38:26] wie ?
[1:38:28] äh wann war das ?
[1:38:29] in Gumbinnen das war so ich war ungefähr drei vier Jahre alt und Sie sehen wie wir gut angezogen und alles alles sehr schön war und hier sind Bilder [zeigt] von meiner Mutter am Strand im Cranz das war ein Badeort in der Nähe von Königsberg da war ich
[1:38:53] auch äh drei Jahre alt 1932 und hier mit meinem Vater ja noch eine Sache habe ich vergessen ich hab immer gedacht mein Vater war sehr streng und und nervös und hat nie gelacht weil ich mich erinnern kann an die Auswanderung und die paar und die paar
[1:39:23] Monate in Schanghai bevor er gestorben ist aber mein Cousin hat mir erzählt dass mein Vater sehr lustig war bei jeder bei jedem bei jeder Party hat er gesungen und gepfiffen Pfeifen war sehr war sehr beliebt damals w- und und hat auch Tennis gespielt mit
[1:39:44] langen Hosen [lacht] ja und ja [zeigt] das ist ein Bild mit meiner Stiefmutter in Königsberg 1938 die zweite Lilli
[1:39:58] das war nie ein Problem für Sie dass es eine zweite Mutter dann gab
[1:40:03] [gleichzeitig:] ja na gut zu meiner Mutter hab ich »Mami« gesagt und zu ihr hab ich »Lilli« gesagt
[1:40:07] nein ich meine ähm äh als Ihr Vater dann äh seine zweite Frau kennengelernt hat
[1:40:12] war das ein Prob- ? mh nicht so nicht so viel
[1:40:14] mh
[1:40:16] denn die waren immer s- immer ziemlich nett von mir die Pass- das hab ich schon gezeigt ja aber dies Emigranten- [lacht] das wir haben unser eigene Adressbuch äh gehabt das ist Adressbuch von den Emigranten in Schanghai auf Deutsch alles waren Deutsche
[1:40:42] in in in in in Schanghai äh Operetten o- a- na nicht Kinos aber sonst was wir gemacht haben war alles in Deutsch
[1:40:51] könnten Sie vielleicht einmal Ihren Namen äh zeigen in die Kamera ?
[1:40:57] ja [blättert] hier mein Name ist nicht drin [zeigt] mein Vaters Name »Louis Lindenstraus« aus Danzig ich glaube die Kinder waren hier nicht drin und dann ja ich hab Ihnen erzäh- hab ich Ihnen erzählt über die boy scouts die englisch- das
[1:41:37] war so ne halb Untergrund boy scout group weil das von den britisch boy scouts war und der scout master war so sogar britisch am Anfang englisch und wir haben aber natürlich die K- die die Ki- die Kinder waren alles Emigranten und äh d- wir haben Ausflüge
[1:42:08] gemacht und und so weiter und so fort [zeigt] und das ist das Bild ich bin oben links an der Ecke und mein bester Freund aus Kalifornien ist auch d- auf dem Bild
[1:42:11] diese Aufnahme ist in Schanghai entstanden ?
[1:42:13] ja in Schanghai
[1:42:15] wie haben Sie das denn geschafft an die Pfadfinder-Uniform zu kommen die klassischen Hemden
[1:42:20] ich glaube dass
[1:42:22] die Halstücher die Abzeichen
[1:42:25] ich wir haben sie bestimmt nicht gekauft [lacht] weil wir kein Geld hatten aber ich g- ich glaube w- das waren die also die Uniform war nur das Hemd und der Schal aber wir haben Medaillen bekommen und alles weiter ich glaube das haben die gespendet denn ich
[1:42:39] g- ja wir haben es bestimmt nicht gekauft aber es es war auch eine Sache äh wir waren sehr beschäftigt als Kinder in Schanghai und das ist wie gesagt die Japaner waren brutal aber mit Kindern wie die wie sie wie wir vom Schwimmbad gefahren sind haben sie
[1:43:02] uns mitgenommen und das ist ein Bild ach ja ich hab auch vergessen zu erzählen mein mein der der die Schwester von meinem von der Lilli vom war verheiratet mit einem Zahnarzt (Zausner) und der hat eine Praxis gehabt in Schanghai und der musste am Anfang
[1:43:25] und der hatte viele japanische äh Patienten und der musste nicht weil er die japanischen Patienten hatte musste er nicht gleich ins Ghetto d- der hat so ne Ausnahme gehabt und da war ich sehr viel bei ihm und weil der noch Geld verdiente aber dann musste
[1:43:46] er ja auch ins Ghetto und dann konnte er nicht mehr praktieren aber wir haben viele Ärzt- aber v- Ärzte haben Ärzte äh Rechtsanwälte haben v- Zeitungen verkauft auf der Straße und so weiter und so fort und das ist ein Bild von mir mit einem japanischen
[1:44:04] Soldat [zeigt]
[1:44:07] war das ein bestimmter japanischer Soldat dass Sie ein Foto von ihm haben ?
[1:44:21] [gleichzeitig:] no no ich ich glaube das war vor dem Haus von meinem Onkel hab ich ihn genannt der der Zahnarzt war da waren viel Japaner und das ist das Abschiedsbild wie ich aus Schanghai weggefahren bin 1947 mit mit meiner Stiefmutter und ihrem Mann [zeigt]
[1:44:37] der aus Berlin ist der aus Berlin war und jetzt noch ein paar Bilder aus Bilder ein Bild aus [lacht] aus Kolumbien das ist das Bild ist ist im 1952 [zeigt] auf meinem Dachgarten und da sehen Sie die Berge im hinten das sind die Andes Bogotá war sehr
[1:45:19] hoch und äh die Freunde von mir sind zwei aus Deutschland und der andere aus Österreich und äh das hab ich dann das fotografiert
[1:45:33] wie sind Sie da klimatisch zurecht gekommen oder ist das kein so großer Unterschied von Schanghai gewesen das liegt ja viel höher ja
[1:45:45] [gleichzeitig:] na großer Unterschied großer Unterschied zur äh z- es war ho- [gestikuliert] es es war nie zu heiß immer kühl am Abend kalt und die Höhe na wie ich wie ich dort gewohnt hab hat mir die Höhe nicht nicht nicht äh war nicht unangenehm
[1:46:07] aber später wenn wenn ich nach Kolumbien gereist bin auf vom vom geschäftlich musst man sich meistens so einen halben Tag ausruhen bevor man angefangen hat äh Bogotá ist äh höher als Mexico City und äh man merkt das trotzdem ich dann auch manchmal in
[1:46:34] Kol- in Bogotá Tennis gespielt habe nicht wie ich dort gelebt habe aber wie ich wie ich do- ich war eine Zeit jede zwei Monate dort äh für mein Geschäft ich hab sehr viel Kunden dort gehabt und dann das hier ist das ist ein Büchlein das hat man gemacht
[1:46:58] ich glaube nach nach zwanzig Jahren aber das ist [zeigt] am das die Firma hieß Lindeco weil mein Name Lindenstraus keiner aussprechen konnte und da hab ich wollte was mit L Lind und das ist Lindeco und äh die hab ich angefangen mit 4000 Dollar auch von
[1:47:21] Geld von [lacht] von äh von von hier von ähm Wiedergutmachung die die Firma hab ich verkauft steht besteht noch immer in Miami und ich bin sehr befreundet die hab ich verkauft an Kolumbianer und die besteht noch heute und ich bin sehr befreundet mit den
[1:47:46] Leuten die waren gerade in New York und es ist viel schwerer heute ich bin froh dass ich nicht mehr da bin denn heute kommen die amerik- amerikanischen Ersatzteile aus China und aus Indien und nach Südamerika und das ist sehr schwer so jetzt noch zum Schluss
[1:48:04] ein Bild von meinem Sohn [zeigt] Schwiegertochter und die Enkelkinder mein Sohn heißt Leslie meine Sch- meine Schwiegertochter Michelle und die Enkelkinder Aron und Jessica ich glaub das hab ich schon gesagt genug ?
[1:48:39] gibt es äh zum Schluss noch etwas was Sie noch sagen möchten ?
[1:48:43] [gleichzeitig:] ja ich bin äh wir können weitermachen !
[1:48:48] im ich dachte wenn Sie ähm im Sinne eines Schlusswortes wenn Sie so etwas sagen möchten Sie können natürlich auch weiter erzählen aber weil Sie gerade selber sagten ähm
[1:48:55] ja
[1:48:57] dass Sie jetzt eigentlich am Ende Ihrer Schilderung auch mit den Bildern angekommen sind ? ich wollte Ihnen nicht vorweg greifen
[1:49:02] nein aber was was was Schlussworte
[1:49:05] nein wenn Sie keins haben ähm
[1:49:08] na ja die Schlussworte sind dass ich sehr sehr sehr froh bin dass ich hier bin und dass ich diese Gelegenheit hab hier hier zu sprechen und dass was dann hoffentlich viele Leute hier sehen werden und dass die Deutschen sehen was was mit uns passiert ist und
[1:49:31] äh und äh überhaupt dies die Sache nach Schanghai was auch hier v- viele Leute nicht wissen und ich bin dankbar und äh freu mich dass ich Sie alle kennen gelernt habe
[1:49:48] herzlichen Dank für Ihre Schilderung für Ihr sehr interessantes Interview
[1:49:54] vielen Dank
[1:49:56] gut [Schnitt]
[1:49:58] ja nachdem wir fertig waren haben mich hab ich mich hier mit den Herren unterhalten und da haben wir hab ich vergessen ich hab Ihnen doch erzählt dass dass die russische Synagoge in Hongkew in im im Ghetto war und dass die für mich sehr wichtig
[1:50:17] war also wie mein Vater gestorben ist wo ich zehn Jahre alt war bin ich jeden Morgen vor der Schule dorthin gegangen und hab Kaddisch gesagt und dann drei Jahre später hab ich meine Bar Mitzwe dort im selben in derselben Synagoge gehabt das war die einzige
[1:50:38] Synagoge in Hongkew aber dort die Emigranten sind sonst re- nicht dort viel hingegangen weil sie zu religiös war die Feiertage die hohen Feiertage haben wir gehabt haben sie die Kinos gemietet in in in Hongkew und da waren die da war dann der die Feiertage
[1:51:00] ja und also wie ich vor vier Jahren äh nach Schanghai eingeladen wurde von dem von dem Museum und vom deutschen Konsulat die das patrozoniert haben und die die Hälfte bezahlt haben die andere Hälfte hab ich bezahlt und [lacht] äh da ähm da hab ich viel
[1:51:29] öfters also ein paar Mal im Museum gesprochen und die russische Synagoge ist keine Synagoge mehr die haben ist part von der Synagoge ist je- ist das Museum aber die Bima wo wo die Tora war und von wo gebetet wo der Vorbeter gebetet hat stand noch so wie vorher
[1:51:53] und da haben die mir gesagt ich soll an der Bima stehen und von meinem Buch auf Deutsch lesen und nicht das ganze Buch aber vor fünfzig chinesischen Studenten und das wurde simultaneously äh auf auf Chinesisch übersetzt und das war natürlich sehr emotional
[1:52:21] für mich das auf dort zu stehen wo ich zweimal vorher vor vielen vielen Jahren äh äh gestanden bin und das wollt ich nur noch erzählen [lacht]
| Datum | Ort | Text |
|---|---|---|
| ab 1928 | Gussew | Geburt als Gerd Lindenstraus |
| ab 1933 | Danzig | erzwungene Aufgabe des elterlichen Geschäftes, Umzug nach Danzig |
| ab 1936 | Danzig | Scheidung der Eltern |
| ab 1938 | Königsberg | Umzug mit dem Vater nach Königsberg, Besuch der jüdischen Schule |
| ab 1939 | Königsberg | Heirat des Vaters mit Lili Guter |
| ab 1939 | Shanghai | Ankunft der Familie nach mehrwöchiger Schiffsreise |
| ab 1939 | Shanghai-Hongkew | Tod des Vaters |
| ab 1942 | Shanghai-Hongkew | Bar Mitzwa in der russischen Synagoge |
| ab 1943 | Shanghai-Hongkew | offizielle Errichtung eines Ghettos im Viertel Hongkew durch die japanischen Besatzer |
| ab 1944 | Shanghai-Hongkew | Heirat der Stiefmutter mit Heinz Gerson |
| ab 1944 | Shanghai-Hongkew | Erkrankung an Malaria und Gelbsucht, Pflege durch die Stiefmutter |
| ab 1945 | Shanghai-Hongkew | offizielle Auflösung des Ghettos beim Eintreffen amerikanischer Truppen, Arbeit als Botenjunge für die US-Armee |
| ab 1947 | Bogotá | Ankunft bei der Mutter |
| ab 1953 | New York City | nach dem Tod der Mutter Auswanderung in die USA |
| ab 1956 | New York City | Heirat mit Erica Rosenzweig |
| ab 1957 | New York City | Gründung einer Exportfirma für Autoersatzteile |
| ab 1980 | Shanghai | Besuch des ehemaligen Ghettos mit dem Sohn Leslie |
| ab 1992 | Gussew | Reise mit dem Sohn Leslie in die Geburtsstadt |
| ab 1999 | Konstanz | Erscheinen der deutschen Übersetzung der Lebenserinnerungen |
Jerry Lindenstraus besuchte eine englischsprachige Schule, die Stiefmutter versorgte die Familie durch Arbeit in einem Lebensmittelgeschäft. Trotz aller Not organisierten die jüdischen Emigranten ein reiches kulturelles und religiöses Leben. Im Juni 1942 feierte Jerry Lindenstraus in der russischen Synagoge des Stadtviertels seine Bar Mitzwa. Die Arbeits- und Lebensbedingungen verschlechterten sich schlagartig, als die japanischen Besatzer das jüdische Viertel im Februar 1943 offiziell zu einem Ghetto erklärten. 1944 erkrankte Jerry Lindenstraus an Malaria und Gelbsucht und litt über eineinhalb Jahre an Fieber und Schüttelfrost. Ende des Zweiten Weltkrieges erreichten amerikanische Truppen Shanghai. Im September 1945 wurde das Ghetto offiziell aufgelöst und der überwiegende Teil der jüdischen Emigranten verließ das Land.
Nachdem er von seiner leiblichen Mutter eingeladen wurde, ihr nach Bogotà zu folgen, reiste er im März 1947 über San Francisco nach Kolumbien aus. Nach vielen Jahren der Entbehrung konnte er endlich ein freies Leben ohne Verfolgung und wirtschaftliche Not führen. Seine in San Francisco und durch Zeitungsberichte gewonnenen positiven Eindrücke von den USA führten dazu, dass er nach dem Tod der Mutter Kolumbien verließ und im August 1953 nach New York zog. Dort lernte er Erica Rosenzweig kennen, die er 1956 heiratete. Ein Jahr später gründete Jerry Lindenstraus eine Exportfirma für Autoersatzteile, die sich zu einem erfolgreichen Unternehmen entwickelte.
Nachdem er in den ersten Jahren nach der Befreiung aus dem Shanghaier Ghetto eine bewusste Beschäftigung mit seiner Verfolgungsgeschichte vermieden hatte, berichtete er später häufig von seiner »unglaublichen Reise«, wie er selbst seine Lebensgeschichte genannt hat. Anlass boten immer wieder Nachfragen nach seinem deutschen Akzent, die ihn von seiner deutsch-jüdischen Herkunft aus Gumbinnen und der Zeit im Ghetto erzählen ließen.
Oft musste er feststellen, dass die Geschichte des Shanghaier Ghettos und damit das Schicksal der dorthin emigrierten Juden nahezu unbekannt sind. Mit seinem Sohn Leslie unternahm er 1980 eine Reise nach Shanghai und besuchte 1992 mit ihm seine ostpreußische Heimat. Seine Lebenserinnerungen, die er zuerst in der deutsch-jüdischen Wochenzeitschrift »Aufbau« veröffentlichte, erschienen 1999 in Deutschland als Buch.