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Gabriel Holzer (*24.11.1922, Leipzig)

Signatur
01176/sdje/0068
Institut
Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin
Sprache
deutsch
Ort und Datum der Aufnahme
Petah Tikwa, den 18. November 2013
Dauer
02:21:17
Interviewter
Gabriel Holzer
Interviewer
Martin Hölzl , Daniel Baranowski
Kamera, Licht und Ton
Daniel Hübner
Redaktion
Martin Hölzl
Transkription
Ruth Preusse

Gabriel Holzer, der in Deutschland Gerhard hieß, hatte viele nichtjüdische Freunde und ging gerne zum Gymnasium. Antisemitismus war ihm lange fremd. Über Nacht jedoch wurde seine Familie verhaftet und zur Auswanderung nach Palästina gezwungen, wo für ihn ein vollkommen neues Leben begann. 1922 in Leipzig geboren, zog Gabriel Holzer 1931 mit seinen Eltern nach Breslau um. Weil der Vater aus Krakau stammte, besaß auch Gabriel Holzer die polnische Staatsbürgerschaft, was ihn vor vielen antijüdischen Benachteiligungen zunächst bewahrte. Im Oktober 1938 wurde die Familie im Rahmen der ›Polenausweisung‹ verhaftet und über die deutsch-polnische Grenze getrieben. Nach der Rückkehr geriet die Mutter erneut in Haft, der Vater tauchte in Berlin unter. Gabriel Holzer versteckte sich mit einem Bruder für zwei Monate bei einer Tante. Nach der Entlassung der Mutter aus dem Gefängnis im Januar 1939 musste die Familie binnen weniger Tage nach Palästina auswandern. In Tel Aviv fand er eine Anstellung als Zollbeamter. In dieser Funktion unterstützte er auch die geheime jüdische Untergrundbewegung beim Waffenschmuggel und erlebte kurze Zeit danach die Gründung des Staates Israel und den Beginn des Unabhängigkeitskrieges. Erst nach seiner Pensionierung besuchte Gabriel Holzer 1998 zum ersten Mal seit der Auswanderung wieder Breslau, was in ihm schöne, aber auch schmerzvolle Erinnerungen hervorrief. Zum Zeitpunkt des Interviews war er 90 Jahre alt.

Vorkontakte

üblicher Schriftverkehr, Anruf vor Israelfahrt, Vorgespräch einen Tag vor dem Interview in seiner Wohnung in Anwesenheit seines Pflegers

Bedingungen

gute Bedingungen im Wohnzimmer von GH, leichte Probleme durch Sitzhaltung, GH klein und gebeugt, Brille verhinderte freien Blick auf seine Augen, stützte sich ab, versank etwas im Sofa, hat leise gesprochen

Gruppensituation

DB, MH, DH Kamera, im Hintergrund der Pfleger anwesend

Unterbrechungen

eine nach ca. 1,5 Stunden, eine weitere wegen Tonproblemen, noch eine weitere wegen Dokumenten, die gezeigt wurden

Protokoll

Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas (Berlin), intern

Eindrücke

GH wirkte entspannt, wußte um die Bedeutung des Interviews, schilderte aber weitgehend ohne erkennbare Gefühlsregungen, Schilderungen einschneidender Erlebnisse nicht sehr „ausgemalt“, sondern eher wie sachliche Ereignisse (z.B. Ausweisung nach Polen, Verhaftung und Freilassung der Mutter, Beobachtungen in der Pogromnacht, Ankunft in Palästina)

Martin Hölzl

[0:00] heute ist der 18te November 2013 wir sind zu Gast bei Gabriel Holzer in Petach Tikwa in Israel und führen ein Interview für das Projekt »Sprechen trotz allem« der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas das Projekt wird unterstützt von der

[0:18] Kulturstiftung des Bundes mein Name ist Martin Hölzl ich führe das Interview gemeinsam mit Daniel Baranowski zuständig für die Kamera ist Daniel Hübner [Schnitt]

Gabriel Holzer

[0:28] Name ist Gabriel Holzer oder in äh äh Deutschland wo ich geboren wurde äh   heiße ich Gerhard Holzer ein germanischer Vorname als äh   wie ich damals geboren wurde hatte man noch nicht ge- -dacht dass man den hebräischen Namen äh wirklich benutzen muss

[1:04] hier aber natürlich kennt kein Mensch den Namen Gerhard jedenfalls äh   wie ich geboren wurde 1922 war man äh wohnten wir in Deutschland und waren bemüht sozusagen äh möglichst äh unauffällig z- zu zeigen dass wir äh wirklich äh Juden sind aber natürlich

[1:36] haben wir das nie nie vergessen jedenfalls der Name äh   das äh Gerhard und Gabriel das Gemeinsame ist nur es beginnt mit einem mit einem   Gimmel o- wi- oder G das heißt dass ja etwas Gemeinschaftliches äh herrscht also ich wurde geboren   mein Vater war

[2:06] Kaufmann er wurde in äh Polen geboren und deswegen   hatte auch ich die polnische Staatsangehörigkeit we- in einem äh   gewissen äh   gewissen äh Ort einer gewissen äh Station meines Lebens war das wie ich muss ich heute feststellen muss ich war das eine

[2:43] Rettung   das heißt äh die polnische Staatsangehörigkeit jedenfalls wurde ich in Leipzig geboren und die weil dort auch mein Vater äh   in aus äh   aus Krakau wo er wo er geboren wurde hinzog um äh weil dort eine Schwester von ihm lebte jedenfalls die ersten

[3:21] äh acht Jahre verbrachte ich in Leipzig und äh mein Vater war äh Sch- äh   Kompagnon in einem ähm Möbelgeschäft zusammen mit seiner Sch- Schwester   und wir äh lebten ganz wie soll ich sagen guter Mittelstand es lief alles ganz gut und äh ich besuchte

[3:58] zuerst eine Volksschule nicht jüdisch obwohl es in derselben Stadt auch eine jüdische Schule gab aber äh   zunächst wollten wir äh   dass ich eben in einer äh allgemeinen nichtjüdischen Schule le- lernte die ersten Jahre   [räuspert sich] meine Familie

[4:32] ist eine alte äh Familie das heißt ich kann von einer Seite äh   durch   [räuspert sich] konnte ich beweisen dass ich sozusagen ein Nachkomme von Raschi bin aber äh   an sich spielt das ja heute keine Rolle die Hauptsache ist dass man ein ein   Mensch ist

[5:10] der äh wirklich äh   selbst etwas leistet   (in) der Volksschule hatte ich äh sowohl christliche wie auch jüdische Freunde und äh besuchte die Synagoge in Leipzig und äh aber ich selbst äh lernte kein Hebräisch außer den Gebeten natürlich   bis

Daniel Baranowski

[5:55] sprach Ihr Vater Polnisch mit Ihnen und Deutsch ?

Gabriel Holzer

[5:59] mein Vater sprach Deutsch er sagte er gehörte dem deutschen Kulturkreis an er sagt nur mit seiner äh Hausangestellten sprach er Polnisch das heißt er konnte Polnisch sprechen aber hat es nie äh im Allgemeinen hat er es nie benutzt   ich hatte eine Großmutter

[6:30] in äh Breslau die ein Geschäft führte und als sie starb und kein passender Erbe vorhanden war w- beschloss der Familienrat dass wir das Geschäft übernehmen und äh dass wir nach Breslau ziehen meine Mutter wurde in Breslau geboren und dort hatte sie auch

[7:02] viel Verwandte Bekannte und so weiter also sie war ja interessiert äh nach Breslau zu ziehen für mich war es eher nicht sehr angenehm   e- erstens verlor ich verschiedene Kameraden was man so Kameraden nennt in dem Kindesalter außerdem äh war die Mundart

[7:32] in Breslau in Schlesien etwas anders als in äh in äh Leipzig in Sachsen und äh ich war für die wie wir nach Schlesien zogen war es für die Kinder ein Ver- Vergnügen etwas äh zu lustig zu sein über diese äh andere äh Mundart in [räuspert sich]   wir

[8:08] zogen nach Breslau und hier wurde ich in eine jüdische Schule geschickt wo ich [räuspert sich] ein halbes Jahr lernte ich war im dritten Schuljahr und das vierte Schuljahr sollte ich sozusagen   im äh sollte ich sozusagen äh   [nimmt ein Glas Wasser] überspringen

[8:37] wenn ich eine Prüfung mach also   versuch durch diese Prüfung zu machen und es gelang mir auch so dass ich nach drei Jahren bereits ins Gymnasium gehen konnte [trinkt]   meine Eltern [räuspert sich] meine Eltern waren interessiert dass ich in einem Gymnasium

[9:11] mit äh klassischen Sprachen lerne um später Rabbiner zu werden wie ich schon [räuspert sich] erzählte war eine Tradition in äh   der Familie dass in jeder Generation wenigstens ein Mann Rabbiner sein sollte und ich war der der dem äh dem man äh eben

[9:45] diese äh   Aufgabe äh sozusagen vorzeichnete also musste ich um in Deutschland Rabbiner zu sein musste man eine klassische Bildung haben das heißt mit Latein und Griechisch und äh deswegen waren sie sehr interessiert dass ich in ein äh Gymnasium ler- ler-

[10:16] lernte wo man diese Sprachen unter anderem auch lernte also kam ich in ein Gymnasium äh wo   die Mehrzahl der Schüler in der Klasse jüdisch waren oder zumindestens äh Mischehen jedenfalls waren von dreißig Sch- dreißig Schülern waren wie man in jüdisch-ver-

[10:54] versippt sozusagen waren äh 28 das war natürlich sehr v- viel es war an sich ein allgemeines Gymnasium jedenfalls äh waren auch jüdische Lehrer und äh   man sch- feierte Chanukka man feierte auch Weihnachten ebenfalls   irgend eine Frage bisher ?

Daniel Baranowski

[11:31] wann ist das gewesen als Sie nach Breslau gegangen sind in welchem Jahr ?

Gabriel Holzer

[11:36] das war äh   von äh 1931   a-

Daniel Baranowski

[11:43] hatten Sie denn ähm vorher in Leipzig ähm Antisemitismus mitbekommen oder dann in Breslau zu der Zeit ?

Gabriel Holzer

[11:52] ich hab weder in Leipzig noch in Breslau irgendeinen Antisemitismus gespürt war kein also es war nicht äh wegen Antisemitismus [räuspert sich] dass ich die jüdische Schule besuchte ein halbes Jahr und äh im Gymnasium natürlich fand ich neue äh Freunde

[12:20] ich nahm des Lernen sehr ernst und äh   man äh   in äh   (hi-) in Breslau wurde ich auch in eine Nachmittagsschule oder Sonntagsschule geschickt äh wo eben Hebräisch gelernt wurde und äh   es war eben [räuspert sich] eine Lücke sozusagen dass ich das nicht

[12:59] eher gelernt ha- habe und im ersten Jahr war es auch   war ich sehr eifrig beim Lernen und äh am Ende des Jahres erhielt ich auch eine Prämie von den fünf fünf äh Schülern die diese also eine Prämie erhielten das heißt dass war ein Buch irgendein Buch

[13:31] waren von wir waren alles Juden jüdisch jüdische Schüler und äh   ich fand natürlich auch neue Freunde auch alles Juden und äh das war im Jahre 1932 äh wo ich in in dieses Gymnasium kam und 1933 äh schon zur Zeit von äh Hitler als Regierungschef

[14:20] war ich erhielt ich noch Prämien in den nächsten Jahren daraufhin äh war ich gab es für jüdische Schüler schon kein kein äh Prämien mehr als Hitler äh eben die Herrschaft übernahm wurden alle jüdischen Lehrer entlassen und auch äh die jüdischen

[14:56] Schüler wurden äh wurde geraten man soll sie sollen die Schule verlassen die Schule soll nicht so jüdisch sein   also [räuspert sich] waren wir äh im Ende des Jahres gab es viel viel weniger Schüler die Klassen wurden klein und wurden zusammengelegt und

[15:29] äh 1934 gab es sch- schon viel viel weniger jüdische Schüler ich war äh als ausländischer Staatsangehöriger durch meinen Vater war ich sozusagen geschützt und konnte weiterhin in diesem Gymnasium lernen   ich blieb dort im Gymnasium ungef- gegen sechs

[16:06] Jahre und äh   als ich dann nach Palästina auswandern sollte äh mein Vater f- kam zum Direktor und äh   erz- erklärte ihm warum ich die Schule verlasse sagte der Direktor »es ist doch schade das deutsche Abitur ist überall wert auch in Palästina« aber

[16:41] mein Vater natürlich sagte er möchte trotzdem dass ich mit ihm die Schule verlasse es fehlte mir nur noch äh anderthalb Jahre zum deutschen Abitur   die Lehrer im allgemeinen die älteren Lehrer waren keine Nazis und äh   ich persönlich in der Schule hatte

[17:09] eigentlich nichts zu leiden nur im letzten Jahr 1938 war das schon war äh   wurden die jüdischen Schüler die wenigen die noch überhaupt vorhanden waren wurden äh   zusammengesetzt und durften nicht mit mit den anderen Schülern Kontakt halten   also war

[17:46] ich 1938 war ich schon sozusagen selbstständig und hatte meine Freunde außerhalb der Schule   sehr wichtig nahm ich damals die Jugendbewegung Esra sie äh war sehr   wichtig Ausflüge und so weiter waren se- haben Juden auch weiter gemacht und äh ich persönlich

[18:33] konnte nicht sagen dass ich äh die Nazis direkt persönlich fühle es waren natürlich gewisse Beschränkungen und vor allen Dingen [räuspert sich] sollte man vorsichtig sein aber ich persönlich kann nicht sagen kann ich nicht sagen dass ich äh irgendwie

[19:00] gelitten habe damals

Daniel Baranowski

[19:04] in welche Synagoge sind Sie gegangen in Breslau ?

Gabriel Holzer

[19:09] in Breslau war ich in der Storch-Synagoge das ist eine alte Synagoge sagen wir äh lernte acharei äh also Hebräisch sag ich schon lernte nachmittags drei Tage in der Woche und auch am Sonntag Vormittag in einer Religionsschule im orthodox ich war in

[19:40] äh 1935 war ich Bar Mitzwa in dieser Synagoge lernte das äh   Tora vorlesen und äh   war natürlich auch eine Feier es waren vielleicht sogar fünfzig Leute eingeladen   und äh wir hatten ein Hausangestellte   das war vielleicht das einzige wo ich gele- äh

[20:20] sozusagen fühlte eine eine gewisse äh   wie soll ich sagen einen gewissen Zwang   ein Monat nachdem ich die Bar Mitzwa hinter mir hatte waren äh musste die Hausangestellte das das Haus verlassen und es durften nur noch [räuspert sich] o- jüdische Hausangestellte

[20:59] oder noch äh   Frauen über 45 Jahre im Haus äh als Angestellte arbeiten meine Mutter a- arbeitete im Geschäft und war wenig zu Haus in der Hauptsache war ich damals äh im in Kontakt nur mit der Hausangestellten und das hat damals mir sehr Leid getan dass

[21:44] sie weggehen musste sie a- versuchte auch zu bleiben einen Br- einen Brief hat sie geschrieben an die äh   Nazi- äh   -Abgeordnete in ihrem äh Dorf wo sie wohnte und äh gebeten dass man sie doch in dort lässt aber sie äh   haben ihr zurück geschrieben

[22:23] sie soll den Brief zurücknehmen äh an- sonst wird sie in ein Lager geschickt wenn sie den Brief nicht zurück nimmt hat natürlich den Brief zurück genommen und äh wir erhielten dann eine andere Hausangestellte jetzt zuerst eine jüdische die allerdings

[22:49] nicht viel wert war und dann nahmen wir eine christliche über 45 aber das war besser zwar zum Schluss möglicherweise auch war sie auch nicht in Ordnung weil sie wir v- verdächtigten sie dass sie äh gestohlen hat aber das konnten wir natürlich nicht wissen

[23:19] also war ich   schon vorbereitet für äh   Einwanderung nach Palästina verließ die Schule lernte in einer Privatschule Hebräisch und wartete nach Palästina zu kommen

Daniel Baranowski

[23:46] Herr Holzer wir müssen eine ganz kurze Pause eben machen

Gabriel Holzer

[23:50] bitte ? [Schnitt]

Daniel Baranowski

[23:54] jetzt

Gabriel Holzer

[23:58] so mein Name ist Gabriel Holzer mein Vater äh der Vorname war Ludwig und äh in äh in Deutschland an sich äh war sein Name Elazar äh Elazar der Name war sehr häufig in der früheren Generation meine Mutter hieß heißt Bella Vorname   an sich Isabella

[24:30] sch- äh   der Vorname war nicht so erfreulich in der jüdischen Geschichte Isabella war jedenfalls   etwas schämte ich mich weil ihr so der Name gege- gegeben war aber   den Namen konnte man natürlich sch- nicht ändern also ich erzähle jetzt ganz kurz nur

[25:06] wenn irgend eine Frage ist bitte fragen Sie   ich bereitete mich auf die Einwanderung nach Isra- nach Palästina vor aber leider hatten wir keine Möglichkeit äh   das Land zu verlassen ich möchte noch erklären dass mein ältester Bruder mit der Jugend-Alija

[25:36] schon vor   vor fünf Jahre ungefähr äh uns verlassen hat nach Palästina und er war in Palä- er erwartete dass wir bald nachkommen   inzwischen war nur eine Möglichkeit dass wir ir- als Kapitalisten nach I- Palästina kommen und das war natürlich nur möglich

[26:14] wenn äh wirklich Kapital vorhanden ist das heißt dass jemand uns äh sozusagen unterstützen müsste damit wir ins Land kommen können also ha- haben das äh zwei Verwandte Brüder meiner Mutter haben das durchgeführt und (sind) sind wir äh   nur durch

[26:48] ihr- die Hilfe von meiner von meiner Verwandten sind wir nach Palästina gekommen es war an sich sehr schwer ein Zertifikat zu erhalten also [räuspert sich]   wir äh die Geschäfte von meinem Vater die er übernommen hatte von meiner Großmutter gingen auch

[27:18] ganz gut es war   wirtschaftlich gesehen war es nicht schlecht in Breslau   obwohl wir doch   als Juden sozusagen ge- äh wie soll ich sagen schlecht äh   in eine schlechte Lage hätten müssen das heißt dass wir ebenfalls nach äh   jedenfalls äh gingen die

[28:07] Geschäfte noch ganz gut auch zur Zeit äh   ich spreche ungefähr jetzt v- Jahre äh 1937 38

Daniel Baranowski

[28:22] ähm hat eigentlich Ihr Bruder der dann schon in Palästina war

Gabriel Holzer

[28:29] ja

Daniel Baranowski

[28:32] in der Zeit zu Ihnen viel Kontakt gehabt haben Sie äh viel von ihm gehört hat er von Palästina berichtet in Briefen oder Ähnlichem ?

Gabriel Holzer

[28:38] [gleichzeitig:] ja sicher wir waren dauernd in äh Kontakt mit ihm mein Vater f- äh fuhr als Tourist nach Palästina und äh   sah persönlich alles wie alles war und äh [räuspert sich]   wir   warteten nur dass wir dieses Zertifikat erhalten   im äh s- 27sten

[29:16] Oktober 1938   es äh erschien plötzlich in unserer Wohnung äh Polizisten fünf Polizisten uns war das ein ganz ungewohnter Vorgang denn wir hatten mit der Polizei nie was zu tun gehabt jedenfalls die Polizisten   verlangten dass wir mit ihnen zur Po- Polizei

[29:53] zu dem Revier fahren und äh das Weitere werden wir noch hören also ha- nahmen wir sch- schnell unsere Sachen es war ich erinnere mich ein Regentag nahmen unsere Sachen und äh fuhren zur Polizei dort äh teilte man uns mit dass wir ausgewiesen sind als fremde

[30:26] Staatsangehörige und äh   weiter zur   Zentrale der Breslauer Polizei fahren müssen wir fahren dort hin nach zunächst war uns noch gar nicht bewusst bewusst [nimmt ein Glas Wasser] was das eigentlich bedeutet aber   jedenfalls hatten wir   sahen wir dort äh

[30:59] über hundert [trinkt]   über hundert äh Juden von denen wir gar nicht wussten dass sie äh nicht deutsche Staatsangehörige waren das war für uns eine große Überraschung und dort äh in der Polizei-   P- -Zentrale ver- [räuspert sich] äh   waren wir

[31:39] plötzlich äh   sch- schrie man schrie der e- ein Polizeioffizier dass wir ausgewiesen sind aus Deutschland wir haben das Land zu verlassen sofort und wir dürfen nicht mehr zurückkehren   man brachte uns an den Bahnhof und dann in einer Ei- in einem Zug nach

[32:08] äh Osten an die polnische Grenze und äh   unterwegs sogar war man   polit- unter Polizeiwache dass wir natürlich ganz erschrocken waren und äh fuhren denn die ganze Nacht durch nach äh   oder äh einige Stunden an die Grenze dort äh wurde man äh ausgeladen

[32:45] und äh zur äh   in ei- in Polizeiwache gebracht und ich erinner mich noch ganz genau wie plötzlich die Behandlung sehr äh unhöflich war man schrie auf uns »ge- geht schneller« oder und so weiter wir brachten verbrachten eine einen Tag einen Freitag im

[33:17] Gefängnis an der Grenze am äh   ungefähr [räuspert sich] in der Nacht teilte man uns mit dass man uns jetzt zur Grenze bringt und wir dürften auf keinen Fall zurückkommen man brachte uns also an die Grenze und äh mit Geschrei   sagte zeigte man uns in

[33:52] welche Richtung wir zu laufen hätten wir machten natürlich alles was uns die äh Polizeioffiziere äh da empfohlen wir waren schrecklich ängstlich und äh   wir begannen zu laufen zu laufen in die Richtung die man uns zeigte dass wir die polnische Grenze

[34:21] erreichen und äh lauf- liefen da hin äh einige Stunden in einen Wald es war dunkel es regnete wir hatten gar nicht äh Kleidung mitgenommen also f-   wir waren schrecklich aufgeregt zum Schluss kamen wir an eine polnische äh Eisenbahnstation und mein Vater

[34:55] sagte »also gut wir fahren zu meiner Schwester die in Krakau lebt man wird uns schon weiterhelfen« wir f- wir fuhren eine Station sofort äh kamen polnische Soldaten und äh verhafteten uns und brachten uns wieder in ein Gefängnis ein polnisches Gefängnis  

[35:17] in dem polnischen Gefängnis verblieben wir ein äh ein äh einen Tag es war ein Schabbat und äh die weder die Deutschen noch die Polen äh dachten dass wir überhaupt Menschen sind dass wir auch m- äh   etwas zu essen erhalten aber es war nichts nichts von

[35:49] ihnen zu bekommen aber es kamen dann Juden aus der Umgebung an der Grenze auf der polnischen Seite schon und äh (heben) die äh   brachten uns äh wenigstens etwas Essen dass wir unseren Hunger stillen können a- am Ausgang von Schabbat Sonnabend äh fuhren

[36:22] äh   kamen wiederum polnische Offiziere und sprachen auf Deutsch dass wir z- jetzt nach Hause kommen wir wussten nicht was ist nach Hause es die Intention war dass wir nach Polen zurück kommen da wir polnische Staatsangehörige sind also liefen äh begann

[36:57] wiederum ein Lauf durch ein Wald und äh m- mein Vater äh   sagte wir sollten nicht mit der ganzen Gruppe gehen sondern allein man wird uns sch- nicht erwischen sind wir nach allein gegangen und äh wirklich ha- er fand die Adresse von A- Bekann- Verwandten

[37:27] an der Grenze zu denen wir äh schnell liefen und die uns natürlich äh sofort aufnahmen zunächst mal dass wir etwas schlafen und dass wir Essen erhalten und äh am Sonntagmorgen sagte man uns es sei sind Gerüchte dass die ganze Aktion beendet sei und wir

[37:54] könnten zurückkommen sind wir also schnell äh   mit ei- z- zurückgefahren nach äh Breslau zur Polizei die die Schlüssel unserer Wohnung be- -wahrt hatte und äh erhielten die Schlüssel zurück und wir glaubten alles ist gu- vorbei alles ist zu Ende

[38:19] es

[38:23] war bis E- Ende der Woche war alles ruhig am Freitag Nachmittag erschienen wieder Polizisten und äh   sch- schrien »warum seid ihr zurück gekommen ihr seid doch ausgewiesen ihr dürft doch gar nicht hier sein« jedenfalls mein Vater äh verließ schnell

[38:47] die Wohnung und die Polizei erwischte ihn nicht er fuhr nach Berlin damit man ihn äh unters- äh Millionen Menschen ihn nicht erwischen und äh wir blieben zu Haus mei- die Polizisten verhafteten meine Mutter und äh   machten am nächsten Tag ihr eine äh

[39:20] Prozess dass sie gegen äh   Anweisung der Behörden äh nach äh   in äh   die plötzlich äh wieder zurückgekommen ist obwohl sie ausgewiesen war jedenfalls äh m- machte man ihr einen Prozess ich ich las dann später »im Namen des deutschen Volkes sie ist

[40:05] verurteilt zu zwei Monaten Gefängnis« wir waren noch Kinder also uns hat man an sich nichts getan jedenfalls äh   wir versteckten uns auch bei irgend einer alten Tante die wir vorher an sich gar nicht kannten und äh   blieben dort und äh meine Mutter wurde

[40:28] also z- für zwei Monate verhaftet wir durften sie nicht einmal besuchen und äh sie blieb aber in Breslau in Gefängnis in Breslau zwei Monate   später erzählte sie uns dass man sie nicht schlecht behandelt hat aber trotzdem war das natürlich sehr schlimm

[40:56] was machen wir ohne die Eltern der Vater ist versteckt er hat uns mit dem Telefon äh telefoniert und ge- gesagt er ist in Ordnung aber hat nicht mal seinen Namen äh erwähnt sondern äh nur eben seinen hebräischen Namen Elazar er sagt » (Leiser) spricht

[41:24] hier« äh also   er war in Berlin und auch dort hatte er große Schwierigkeiten sich äh zu erhalten er hatte   er blieb zwei Monate fast im Winter äh sogar Bekannte und Verwandte in Berlin wollten ihn nicht mehr aufnehmen sie hatten Angst dass die Polizei

[41:59] ihn erwischen wird und sie werden sich dann auch verwickeln mit der Polizei jedenfalls äh   kam er s- wie ich ihn später sah zwei Monate er s- war viel sah viel älter aus er hatte nichts zu essen gehabt oft gehungert und äh es war eine schreckliche Zeit

[42:29] auch für uns ohne die ohne die Eltern zu sein   nach äh zwei Monaten äh sollte meine Mutter befreit werden vom   Gefängnis ich wartete an dem Tor und äh des Gefängnis in Breslau und es war schrecklicher Winter Januar jedenfalls äh sie kam nicht zur

[43:00] festgesetzten Zeit ich wartete wartete einige Stunden und zum Schluss öffneten sich die Türen ich werde es nicht vergessen wie ich dann äh erfreut war dass sie meine Mutter zurück kam

[43:30] jedenfalls äh hieß es sie muss innerhalb 14 Tagen auswandern sonst

[43:33] wird sie nochmal verurteilt also   wir ha- inzwischen hatten unsere Verwandten in I- Palästina ihr   äh die Möglichkeit gegeben ein Zertifikat für sie und die ganze Familie zu erhalten nu und äh wir waren schon glücklich dass wir aus Deutschland herauskommen

[43:59] wir kauften noch einige Sachen ein wo wir glaubten die wir brauchen werden und dann äh   so verging die Z-   paar Tage wir kauften äh Karten für Eisenbahn und Schiff und äh f- fuhren äh   fuhren von Breslau aus nach äh äh Schweiz wo wir das Zertifikat

[44:34] erhalten sollten also   mein Vater a-   fuhr auch dafür dazu braucht man ein Visum in äh   ein Visum in in der Schweiz damit wir dort u-   das Zertifikat erhalten ich erinner mich noch genau wie äh   wir äh an ein einer Nacht es war auch Winter wieder wie wir

[45:15] am Konsulat von der Schweiz warteten war eine schreckliche äh (Tor) dort eine lange Schlange von Menschen von Juden natürlich hauptsächlich äh und äh   schließlich kam auch unseren äh Reihe heran ich war vor Aufregung ganz äh   ga- bin ich war ich ohnmächtig

[45:52] geworden dort an der zu warten zu warten stundenlang um vier Uhr früh stellten wir uns an die an dies es äh Schweizer Konsulat und äh erhielten aber dann auch wirklich dies Visum in Berlin dass wir in die Schweiz kommen konnten und äh so konnten wir heraus

[46:20] aus Deutschland da sind wir neunz- äh fuhren meine Mutter und ich fuhren nach äh   nach Basel ich erinner mich die ganze Nacht unterwegs   v- in der Eisenbahn trafen wir Juden aus die gerade vom äh Konzentrationslager in Buchenwald äh entlassen waren und

[46:59] die nichts zu essen hatten dagegen wir hatten uns mit viel Essen eingedeckt und wir gaben ihnen die unsere ganzen Vorrat die freuten sich und (wunderten) sich wir hatten aber Angst zu sagen dass wir Juden sind wir sagten gar nichts gaben ihnen nur das Essen

[47:24] und schwiegen sie wunderten sich dass jemand äh   ihnen so viel zu e- Proviant gibt jedenfalls wir kamen glücklich dann in Basel an am selben Tag erhielten wir noch das Zertifikat u- v- Schweiz im im englischen Konsulat in Basel und äh waren froh dass wir

[48:00] aus Deutschland herausgekommen waren

Daniel Baranowski

[48:05] wie viel Gepäck durften Sie mitnehmen ?

Gabriel Holzer

[48:08] bitte ?

Daniel Baranowski

[48:12] wie viel Gepäck durften Sie mitnehmen ?

Gabriel Holzer

[48:16] was wie- ?

Daniel Baranowski

[48:19] wie wie viel wie viel Gepäck äh hatten Sie dabei ?

Gabriel Holzer

[48:23] keinerlei Beschränkung keinerlei Beschränkung wir nahmen natürlich nur das Allernötigste mit aber war keine Beschränkung in der Schweiz f- trafen wir sogar äh   Freitagabend ah wir ich hatten kein äh nahmen zehn Mark das war erlaubt mitzunehmen aber

[48:45] man es zeigte uns ein Hotel wo wir übernachten können und bis wir am äh   Sonntag weiter reisen am Sonnabend kamen äh   Polizisten zu uns und fragten wann wir weiter reisen mein Vater sagte ihnen »macht euch keine Kopfschmerzen wir verlassen euch bereits

[49:21] am nächsten Sonntag ähm das heißt morgen verlassen wir euch« später erinner ich mich als wir schon in äh Palästina lebten in äh und äh zur Sch- nach der Schweiz fuhren als im äh in Ferien in Urlaub da äh   dachte ich wie wir das erste Mal in die

[49:55] Schweiz kamen wie wir da empfangen wurden so schlecht so äh grausam sie hätten uns am liebsten schon damals äh herausgeworfen aus der Schweiz jedenfalls äh am wir haben Sonntags haben wir dann dann Schw- Schweiz verlassen fuhren mit äh über Italien nach

[50:21] Triest und äh   warteten auf das nächste Schiff das nach Palästina fahren sollte

Martin Hölzl

[50:34] [räuspert sich] Herr Holzer ich hab noch eine Frage bevor Sie

Gabriel Holzer

[50:40] bitte

Martin Hölzl

[50:44] fortfahren mit Ihrer Schilderung der Überfahrt nach Palästina Sie hatten ja vorhin gesagt dass ähm Sie mit Ihrer Familie ausgewiesen worden sind nach Polen dann wieder zurück kamen und dann in Breslau waren in

Gabriel Holzer

[50:56] ja

Martin Hölzl

[50:59] diesen Zeitraum fielen ja auch die Pogrome in Deutschland haben Sie Erinnerungen an die Pogromnacht in Breslau ?

Gabriel Holzer

[51:07] wissen Sie ja wir waren nach ich erzählte ich war bei einer alten Tante wir waren in Gefahr auch oder wir fürchteten dass wir auch irgendwie in ein Lager geschickt werden und äh blieben bei der Tante und sahen da zu von   Fenster aus wie äh Juden in ein

[51:44] äh Lastauto ge- -schoben wurden z- ziemlich roh äh   mit Fußtritten und so weiter sahen wir wie wie das geschah in in dem äh in Breslau es war ja etwas fü- Schlimmes zu sehen wie sie be- wie die Juden behandelt wurden dort in Breslau   das sahen wir auch  

[52:24] natürlich in der Schweiz ich erinner mich ich war in der Synagoge sah dort Soldaten äh   die auch in bet- äh gebetet hatten in der Synagoge und war ziemlich erschrocken wie ich die Soldaten sah ich glaubte es sind deutsche Soldaten in Wirklichkeit waren

[52:50] es Schweizer man erklärte mir dass sind Schweizer Bürger die auch ihre Pf- Soldatenpflicht erfüllen und äh die aber Schweizer sind auch die Soldaten haben uns gar nicht beachtet überhaupt   also äh   das war die sch- Geschichte unterwegs in hatten wir

[53:21] immer noch Angst dass äh die Dokumente nicht in Ordnung sind auf dem Schiff waren englische Beamte die alles genau durchsucht haben ob wirklich die Papiere alle in Ordnung sind und manche waren äh wurden zurückgeschickt da die Papiere nicht in Ordnung waren

[53:51] nachdem wir das gehört haben waren wir auch sehr äh erschrocken und sehr äh ängstlich aber uns äh geschah nichts wir kamen nach   nach Haifa und wir sahen dort mein Bruder erwartete uns im Hafen und äh große Freude wo sollten wir wohnen eine Nacht hatte

[54:25] man uns i- die Jewish Agency äh   untergebracht eine Nacht nachher sagten sie sie hätten leider keinen Platz mehr es kommen noch Menschen die haben überhaupt nichts also wir sollten uns irgendwo etwas anderes suchen Geld hatten wir nicht natürlich aber

[54:51] äh ein Onkel von mir einer der auch mitgeholfen hat dieses Zertifikat zu besorgen der äh Onkel nahm uns auf und äh bei ihm blieben wir für einige Wochen   das war schon 1939 Januar am äh   nach äh einigen äh Tagen ich lernte natürlich fleißig Hebräisch

[55:31] nach einigen Tagen äh sagte mein Onkel ob ich nicht arbeiten will na- natürlich war ich bereit zu arbeiten das heißt in einem äh   in einer Gruppe von äh jungen Leuten die die Ernte von Orangen da äh durchgeführt haben bei denen äh   ich wohnte bei meinem

[56:07] Onkel aber ich hab die Ernte von durchgeführt von äh auch von neuen Einwanderern die überhaupt kein Ivrit konnten und äh die äh   die untereinander und mit uns Deutsch gesprochen haben mit denen war ich in einer Gruppe war ich einige Wochen und arbeitete

[56:37] bei den Orangenkern äh -ernte es war an sich keine schwere Arbeit und äh   blieb dort bei meinem Onkel einige Wochen   ein Frage ? (für eine)   wenn sich äh meine Eltern zogen dann nach Te- Tel Aviv wo wir auch äh Verwandte hatten und äh   ich wurde in eine

[57:13] Talmud-Hochschule einge- äh -schrieben wo ich auch Hebräisch lernen sollte   dort war ich einige Wochen ungefähr war nicht man hat viel hat man dort nicht gelernt und es waren neue Einwanderer die die hauptsächlich die alle möglichen Streiche äh gemacht

[57:46] haben aber nicht gelernt jedenfalls äh   blieb ich dort für einige   das waren sogar schon Monate Monate in dieser Schule und wo auch Unterkunft war eben und und äh suchte Arbeit suchte Arbeit es in dieser Zeit gabs gerade so viel neue Einwanderer dass äh

[58:20] keine Plätze frei waren aber zum Schluss fand mein Vater in einem Inserat in der Zeitung äh die Möglichkeit als Lehrling in eine Buchh- in eine äh Buchgeschäft äh zu arbeiten also äh   (ließ)   wurde ich dort äh empfangen eingeschrieben und äh dort

[58:59] begann ich meine erste Arbeit in   in Israel

Daniel Baranowski

[59:07] haben Sie zu dem Zeitpunkt etwas davon mitbekommen ähm ich weiß nicht wie die Nachrichtenlage war was in Europa passierte ?

Gabriel Holzer

[59:16] in Euro- die Zeitung ?

Daniel Baranowski

[59:22] nein ob Sie in der Zeit ähm etwas davon mitbekommen haben ähm was sich in Europa abspielte wie war die die Informationslage Anfang der vierziger Jahre als Sie in Palästina waren

Gabriel Holzer

[59:36] ja wir erhielten sicher man hörte eben weiter dass die äh   Juden in Deutschland sehr zu leiden haben dass sie sehr beschränkt sind wir lasen das in Zeitungen in deutschen Zeitungen hier in Palästina und es kamen auch immer neue Einwanderer die erzählten

[1:00:07] wie schwer die Lage der Juden da in Deutschland gerade war in dieser Zeit   ich war in dieser Schule äh einige Monate sogar und äh   konnte schon mich ziemlich gut in Hebräisch ausdrücken aber äh   war froh dass ich dann diese Arbeit in einem Buchladen erhalten

[1:00:44] ko- habe   blieb dort in dem Buchladen über zwei Jahre und auch nachdem ich beim äh schon woanders gearbeitet habe in nach zwei Jahren im Zoll jedenfalls war in diesem Z- Nachmittag a- arbeitete ich in diesem Buchgeschäft so dass sozusagen an zwei Stellen

[1:01:19] verdient habe etwas

Daniel Baranowski

[1:01:24] wie haben Sie als Sie hier in Palästina angekommen sind auf die veränderten klimatischen Bedingungen reagiert ?

Gabriel Holzer

[1:01:34] ja ich war in der Zeit äh war ich auch krank eine Zeit lang   ja ich war krank (bin in diesem) in der Zeit wo ich dann äh   in dieser Talmud-Sch- Hochschule gelernt habe ja hatte ich äh alle möglichen Fieber und so weiter aber das ist dann von allein vergangen

[1:02:13] man hat mir gesagt das passiert öfters bei neuen Einwanderern dann ist aber alles vergangen und äh   wie ich dann eine eine neue Arbeit gefunden habe hat mich das dann nicht mehr weiter gestört das war im Jahre 19- äh   39 39 man hat natürlich damals bevor

[1:02:48] der Krieg ausbrach natürlich die Zeitung sehr genau äh untersucht und äh gelesen auch zwischen den Zeilen was sich in (___) tut und äh   das war 19- äh 39

Martin Hölzl

[1:03:16] Herr Holzer ?

Gabriel Holzer

[1:03:20] 1939   so   mein Vater wollte ich sollte ein   Beschäftigung finden wo alles äh sicher ist das Gehalt und so weiter wo ich nicht jeden Tag neu suchen muss sondern was Festes am besten eine [nimmt ein Glas] Beamtenstellung   es war da in   in   Hafen von Tel

[1:04:09] Aviv war ein waren Prüfungen in Englisch und äh Rechnen [trinkt]   (weiter) von den sechs Leuten die zur Prüfung kamen zwei wurden angenommen ich auch also ich war froh dass ich dort diese eine Stellung gefunden hatte im Zoll es war schon 19- äh v- neun-

[1:04:54] 39 war es noch   äh vor allen Dingen waren die Prüfungen in Englisch ich v- hatte zwar nicht viel Gelegenheit gehabt Englisch zu lernen merkwürdigerweise in äh im Gymnasium   gab es äh kein   hat man äh konnte man konti- [betont:] nicht Englisch lernen

[1:05:29] es gab äh alle möglichen Sprachen aber Englisch nicht ich hab zum Teil Englisch eben zum großen Teil allein gelernt

Daniel Baranowski

[1:05:40] aber ich muss noch mal eben äh nachfragen weil ich das n- da jetzt nicht ganz hinterher gekommen bin Sie haben erst in dem Buchladen gearbeitet ?

Gabriel Holzer

[1:05:49] bitte ?

Daniel Baranowski

[1:05:53] Sie haben zunächst in dem Buchladen gearbeitet ?

Gabriel Holzer

[1:05:56] ja

Daniel Baranowski

[1:06:00] ab 1939 und dann sind Sie zum Zoll gegangen und haben dort gearbeitet

Gabriel Holzer

[1:06:04] ja

Daniel Baranowski

[1:06:07] und das ist wann ungefähr gewesen ?

Gabriel Holzer

[1:06:11] das war ungefähr ich hab zwei Jahre in dem Buchladen gearbeitet also das kann vielleicht   in   angefangen beim Zoll zu arbeiten war 1940 ungefähr

Daniel Baranowski

[1:06:23] ah ja okay

Gabriel Holzer

[1:06:27] [leise:] 1940   und äh m- in äh Buchla- in dem äh Buchladen habe ich war ich zuer- i- Lehrling sozusagen und das Gehalt war auch dementsprechend sehr niedrig ähm mein Chef sagte an sich müsste ich [betont:] ich ihn bezahlen weil er doch m- äh mich lehrt

[1:07:02] wie ein Buchladen zu führen ist jedenfalls nach einigen Monaten ließ er mich allein mit äh Kasse mit allen und äh   jedenfalls äh sagte mir nur immer »lesen Sie nur viel lesen Sie nur viel ich äh« er selbst sprach weder Englisch noch Hebräisch also  

[1:07:36] war er äh   wenn ihn das Publikum fragte wie das äh Ende des Buches ist dann schickte er zu schickte er den Kunden zu m- zu mir ich soll ihm erzählen wie das Buch zu Ende geht es war ihm sehr wichtig dass ich viel lese gerade vorher hatte ich nicht viel

[1:08:08] Gelegenheit zu lesen in Deutschland waren viele Autoren schon nicht mehr erlaubt und äh also war das sehr wichtig f- für mich dass ich diese Lücke in meiner Bildung etwas verbessere

Daniel Baranowski

[1:08:31] hatten Sie Lieblingsautoren ?

Gabriel Holzer

[1:08:35] bitte ?

Daniel Baranowski

[1:08:39] hatten Sie Lieblingsautoren dann zu der Zeit oder Lieblingsbücher

Gabriel Holzer

[1:08:44] bitte wie viel ?

Daniel Baranowski

[1:08:47] welche Autoren haben Sie gerne gelesen dann in der Zeit

Gabriel Holzer

[1:08:51] ah !

Daniel Baranowski

[1:08:58] oder welche Bücher

Gabriel Holzer

[1:09:03] so man hat so (heiße) Thomas Mann oder so äh v- viele englische Übersetzungen »Vom Winde verweht« äh englische Übersetzungen und äh   zum Schluss ließ äh der Chef   hatte noch eine andere andere äh   äh Ne- Quelle z- der (Neo) er ha- hatte ein eine

[1:09:30] Bäckerei außer dem Buchhandel er war öfters in der Bäckerei und ließ die Buchhandlung ließ überließ mir es war zwar in in Tel Aviv an der Hauptstraße an der Al- Allenbystraße war die Hauptstraße äh oder eine der Hauptstraßen und dort äh kamen

[1:09:52] hauptsächlich Soldaten es war Krieg hauptsächlich Soldaten kamen dort und äh   mit denen musste ich mich auseinandersetzen   ei- einmal kam ein Au- Australier völlig betrunken er nahm die Kasse die Kasse war eine äh   eine Schachtel eine Metallschachtel

[1:10:19] und er nahm die äh Ta- äh   diese Schachtel und äh spazierte aus dem Laden heraus ich ihm nach ein Australier ein Riese sozusagen   ich sa- ich sagte ihm »das ist doch von uns das ist von uns« äh   und nahm ihm die äh Schachtel aus der Hand er war so betrunken

[1:10:55] dass er nicht gemerkt hat dass ich ihm die Schachtel weggenommen habe jedenfalls äh nachher als hat mein Chef das also gehört hat er gesagt »na da haben Sie aber großes Glück gehabt [lachend:] dass er   Sie nicht gleich äh sch- gesch- geschlagen hat oder

[1:11:20] so was« jedenfalls ha- gab er mir dann eine als Belohnung eine Ka- Karte für eine Kinovorstellung

Martin Hölzl

[1:11:32] Herr Holzer wenn Sie das so schildern Ihre ersten Jahre in Palästina dann klingt das so als ob Sie als junger Mann sich recht schnell mit der neuen Situation abgefunden haben dass Sie recht schnell Anschluss gefunden haben hier an das Leben an das Berufsleben

[1:11:53] haben Sie damals schon geahnt dass Ihr Wegzug nach Palästina für längere Zeit oder gar für immer sein wird ?

Gabriel Holzer

[1:12:01] ja ich war schon damals äh glaubte ich dass ich nicht mehr zurückkomme nach äh Europa ich war ziemlich äh schon aus Idealismus sozusagen war ich schon äh bereit Europa aufzugeben und hier in Palästina zu bleiben es war für mich schon sozusagen ein ein

[1:12:31] Aussicht für das ganze Leben   ich war damals im ganzen 17 18 Jahre alt 17 oder 18 Jahre ungefähr aber ich sah in Europa es war Krieg man wusste ja noch nicht wie der Krieg ausgehen wird man damals in den ersten Jahren war äh   Hitler erfolgreich hatte man

[1:13:05] keine   andere Möglichkeit glaubte man dass Palästina wird sich irgendwie halten aber sonst war keine Möglichkeit dass er in Europa geschlagen wird damals siegte er in vielen äh Plätzen und äh   man war froh dass man hier in Palästina geblieben ist äh  

[1:13:42] man äh   im Jahre 1945   45 war ungefähr äh war wiederum ein   ah erzählte mein Bruder dass eine Stellung frei ist im Zoll und ich es wäre möglich dass ich zur Prüfung gehen sollte um zu sehen vielleicht   nimmt man mich dort bei der Arbeit bei den Engländern

[1:14:27] war es üblich dass die gerade ganze Familien so wie bei den wie bei den Arabern ganze Familien in einem Zoll arbeiten oder in einer bestimmten Sch- festen Stellung sie wussten dann dass diese äh Familie die äh sozusagen treu ist den Engländern also sch-

[1:14:54] ich zur Prüfung und   hörte dann dass ich gerade äh aufgenommen wurde   zuerst war alles natürlich ganz merkwürdig die Hauptsache waren ja Araber da äh   aber äh   mein Vater war zufrieden er wollte gerade so eine feste Stellung dass man nicht angewiesen

[1:15:38] sein soll auf äh auf andere viel sondern die Sch-   es es war die Hauptsache ist man ist beschäftigt mit einem festen Gehalt das Gehalt war aber so niedrig es war ja für Araber gedacht das Gehalt äh das man da erhielt also sagt ich sagt ich will ich noch

[1:16:12] etwas dazu arbeiten Nachmittag hat man frei also hab ich natürlich äh al- ausgenutzt und bin dann Nachmittag in in die Buchhandlung gegangen und habe dort ge- noch gearbeitet Nachmittag war eben viel mehr äh z- äh zu tun als äh Vormittag   in äh   in

[1:16:52] äh   [räuspert sich] in der Stellung beim äh   beim Zoll waren natürlich viel   viel äh   noch hatte man hatte noch mehr äh Gelegenheit mit Arabern zusammen zu kommen weil die meisten sagen wir vielleicht siebzig Prozent ungefähr waren äh arabische äh  

[1:17:33] arabische äh Angehörige und zwanzig Prozent Juden und zehn Prozent Engländer   der äh das Gehalt war so niedrig dass ich dann nach einigen Jahren doch äh   für   eine andere Stellung mir suchen wollte aber äh Sochnut Ha-Jehudit Jewish Agency ver- äh  

[1:18:49] v- sagte dass man muss [hustet] die Stellung behalten sonst kommen wird alles arabisch der meiste Zoll war arabisch -sch und äh   gerade die wichtigen Stellen waren arabisch also hat man mir gesagt ich soll doch bleiben aus idealistischen Gründen wenn man

[1:19:02] mal ein Staat haben will muss man auch die entsprechenden äh Kräfte bereithalten   also bin ich geblieben beim Zoll

Daniel Baranowski

[1:19:09] können wir eine kurze Pause machen Herr Holzer ?

Gabriel Holzer

[1:19:13] bitte ?

Daniel Baranowski

[1:19:17] wir machen eine kurze Pause ?

Gabriel Holzer

[1:19:20] bevakasha ja [Schnitt] jedenf- beim Zoll gab es interessante Ge- Geschichten also Beis- zum Beispiel ich war arbeitete an der Post am an der P- Paketpost ist auch ein Zoll eines schönen Tages äh sehe ich da ein äh   einige Bücher Bü- Bu- Bücher sind an

[1:19:47] sich zollfrei und interessieren den Zoll sozusagen gar nicht also äh sag ich »das ist aber doch merkwürdig das Buch ist von äh Mark Twain aus der Schweiz per Luftpost die Post kostet das Porto kostet mehr als der ganze äh das ganze Buch wert ist also

[1:20:11] möcht ich doch mal sehen was ist da los« ich fange an zu blättern in dem Buch sehe ich auf einmal innen ist alles ausgeschnitten und es sind lauter Waff- Watte- äh -knoten sozusagen Watte- äh da mach ich die sag ich »wir machen die Watte auf« und wir

[1:20:35] machen die Watte auf und was finde ich äh   eine Uhr eine Damenuhr goldene Damenuhr aus es kam noch aus der Schweiz dazu sag ich »das ist ja verdächtig« also er hat dieses Buch ausgeschnitten und i- das Innere eben da mit Watte gefüllt waren da in diesem

[1:21:01] äh   in diesem äh consignment waren da ungefähr äh waren elf Uhren gewesen »oh« sag ich »das elf ist doch merkwürdig entweder zehn oder zwölf aber elf ? wer schickt elf« also sag ich »heute machen wir alle Bücher auf   die aus der Schweiz kommen mal

[1:21:26] sehen was da drin ist« und wir fanden dann wirklich s- alles zusammen i- noch zwei andere Bücher zusammen waren es alles äh fünfzig Uhren fünfzig goldene Uhren aus der Schweiz das ist natürlich schon etwas viel also das erste was man in so einem Fall

[1:21:49] tut man äh sch- äh untersucht bei dem Ad- Adressat wer das äh bekommen sollte dieses ob er nicht schon zu Haus schon einige einige Buhren Uhren erhalten hat auf diese Weise also äh dort äh   zu H- bei ihm hat man nichts gefunden außerdem so sagt man mir

[1:22:17] jedenfalls ich bin etwas zweifelhaft gewesen aber ich hab nicht die A- Autorität da zu suchen bei ihm jedenfalls waren fünfzig Uhren   man äh forschte ihn aus er sagte er weiß von nichts er weiß nicht wie das zu ihm kommt und so weiter wie in so einem

[1:22:43] Fall äh beschlagnahmt man die Uhren dem äh   I- Importeur sozusagen kann man ja nichts machen ich hab nur gedacht im ersten Moment wie ich diese Uhren gesehen hab hab ich gesagt »ich könnte mir diese Uhren einstecken und äh kein Mensch würde sich deswegen

[1:23:04] äh beklagen es fehlt ihm was« da es äh da würde er ja sozusagen sich selbst äh   bestrafen wenn er das we- wenn er Interesse zeigt an so einer m-   misch- so einem äh   Sendung jedenfalls   jedenfalls hab hat man die Uhren beschlagnahmt [niest] und äh der

[1:23:44] äh   dann verkauft man die Uhren und so weiter es hab ich gesagt »mir kommt etwas äh Belohnung für so etwas« hat man mir gesagt »das ist doch deine Arbeit du bekommst Gehalt du bekommst damit du so etwas aufdeckst das kommt dir nicht zu« jedenfalls zum

[1:24:13] Schluss hat man mir ja doch äh eben eine Belohnung gegeben und zwar ich hab auch gesagt »das ist den anderen Beamten ein äh Beispiel zu geben was man wie man sich verhalten soll was man tun soll« jedenfalls das war so der Zoll ein Z- Z- viel später schon

[1:24:41] in den im Jahre das war ungefähr sechs- äh was ich jetzt erzähle ist wird jetzt äh im Jahre äh 1946 v- als begann schon die   die äh ganze äh Geschichte mit Staat Israel und so weiter f- für äh   m- ich erhielt von der äh Hagana das vom jüdischen

[1:25:19] Staat sozusagen i- illegal eine äh eine   ein Nachricht es kommt ein großer äh S- eine große Sendung von äh Waffen und von militärischen machinery an ich soll es durch den Zoll bringen hab ich gesagt »wie soll ich wie kann ich das machen wenn ich schreibe

[1:25:50] [lacht] das ist natürlich äh unmöglich« also sagt man mir »du bist Zoll du musst   wissen   (_)   du musst wissen« also hab ich den Leuten erklärt was man machen muss   wie wie man das durch den Zoll bringt »also man muss alles ändern die äh Rechnung

[1:26:30] die Versicherung und äh für Schiffspapiere und alle alle Papiere müssen ge- also auf anderen Namen sein und äh   schreiben äh Textilmachinery und Ersatzteile für machinery für Textilmachinery das ist zollfrei da sieht der Zoll im Allgemeinen nicht genau

[1:26:59] hin was dabei ist und äh auf diese Weise könnte man es machen« also hat man das wirklich gemacht sie haben alles schön ausgefüllt nach Phantasie wie es sein sollte oder müsste wenn es Textilmachinery wär also äh   wie die äh   Sendung dann ankam hab

[1:27:30] ich gesagt »ihr müsst aber das   sofort aus dem Zoll herausnehmen   ko- kommt am Ende des Tages da ist schon« mein Vorgesetzter war ein Araber er war gerade sehr äh hat sehr gesucht solche Geschichten ich w- Waffen und so weiter also »am Ende des Tages

[1:27:54] er geht nach Haus er ist ein äh fauler im äh kein Mensch sagt ihm etwas er geht um um halb eins nach Haus und ihr bringt es nach halb eins« also haben sie schön nach halb eins gebracht es ich sage »aber jetzt müsst ihr sofort herausnehmen« ich komme

[1:28:21] am nächsten Tag am Morgen es steht noch im Hafen die ganze Geschichte es gab damals noch nicht diese Containers die es heute gibt jedenfalls äh hat der Araber äh   er war noch nicht erschienen er war noch ersch- er war noch bei der Arbeit aber das hat gefehlt

[1:28:46] eben das war sch- schrecklich wenn er äh   uns erwischt hätte oder mich jedenfalls wäre es sehr schlimm gewesen denn äh mindestens einige Jahre Gefängnis man konnte ja nicht wissen was sein wird jedenfalls äh   äh lief ich sofort zu ei- -nem Telefon außerhalb

[1:29:22] des äh Zollbüros und äh sagte »was habt ihr da gemacht ihr müsst sofort diese ganzen Sache rausnehmen« also ich haben sie schnell wirklich äh Lastwagen geschickt sofort das ging dann eins zwei drei äh   es wurde alles bev- in in zehn Minuten war alles

[1:29:49] außerhalb des Hafen alles war still aber wie konnte man das vorher wissen jedenfalls das war glücklicherweise ist nichts passiert das war eine ganze Fabrik hab ich nachher gehört eine Fabrik zur Herstellung von äh verschiedensten Waffen und äh   jedenfalls

[1:30:14] ein Glück dass alles glü- glücklich verlaufen ist

Daniel Baranowski

[1:30:19] haben Sie durch Ihre Tätigkeit ähm beim Zoll auch Kontakt zu den ersten Einwanderern die aus Europa gekommen sind gehabt ?

Gabriel Holzer

[1:30:29] wie den ersten ?

Daniel Baranowski

[1:30:32] äh den ersten illegalen Einwanderern dann die nach dem Krieg nach ähm Palästina gekommen sind ?

Gabriel Holzer

[1:30:38] ja an sich es gibt natürlich für äh solche die äh neue Einwanderer sind die haben äh zollfreie meisten Sachen zu eigenem Gebrauch sagen wir äh Möbel oder äh so etwas Ei- Einrichtung sogar Eisschrank manche sagen äh   Juden sagen äh sie sind sie haben

[1:31:07] äh vier Eisschränke es vier Eisschränke je äh   fragt man »wozu braucht ihr vier einer genügt doch« »na aber wir haben doch für milchig und fleischig und so weiter m- und äh   einen wenn wir auch manchmal chasir also Schweinefleisch essen brauchen

[1:31:34] wir auch nen Eisschrank also jedenfalls brauchen wir vier Eisschränke« jedenfa- aber das ist natürlich nur so sozusagen man   muss beweisen dass man es auch braucht sagen wir eine äh ältere Dame äh bekam ein eine Einwanderin bekam ein äh Fahrrad sie

[1:32:03] hat auch gesagt es ist ihrs sie braucht es und so weiter also »bitte« hab ich gesagt »hier machen Sie mal eine Tour mit dem Fahrrad ein bisschen« hat sie schon angefangen hat sie gesagt »na wissen Sie was ich zahle den Zoll« sie hat lieber [lacht] sie

[1:32:25] war vorsichtig sie sagt wenn sie sie kann gar nicht fahren also ist dieses für jemanden aber so weiter

Daniel Baranowski

[1:32:32] ich meinte auch gerade noch ob Sie Kontakt zu den ähm äh illegalen Einwanderern hatten die dann nach dem Krieg äh gekommen sind

Gabriel Holzer

[1:32:41] [gleichzeitig:] ah (_) ah kann ich auch erzählen die illegalen Ei- mussten Zoll zahlen für alles was sie bekommen die Illegalen und äh war ein Araber arbeitete in dem Büro wo ich arbeitete ein Araber er hat oft bezahlt den Zoll für die für diese A- äh

[1:33:07] Emigranten und 1948 sind die meisten Araber weggefahren nach äh   Libanon Jordan so weiter also   hal- haben sie es kam dann noch Juden und haben auch gefragt »wo ist denn dieser Mann der« er sah wirklich so aus wie so ein äh Rechtsanwalt aus Europa so m-

[1:33:39] ganz so äh   v- haben sie gefragt »wo äh wo ist denn dieser nette Herr so ein Rechtsanwalt der immer uns behilflich ist« er war natürlich [lacht] hab ich gesagt »der nette Rechtsanwalt ist ein Araber und er ist inzwischen schon weg von hier also schon

[1:34:05] nicht«

Daniel Baranowski

[1:34:09] mh

Gabriel Holzer

[1:34:13] »nicht mehr da« es hat ihnen Leid getan ich möchte auch noch sagen der Zoll hat noch äh   was ich äh ich persönlich kam ins Land hatte nicht Bagrut also wenn man sagt äh immatriculation oder Abitur hab ich das Abitur hab ich äh gemacht durch Briefe Korrespondenz

[1:34:35] englisch Abitur ist etwas leichter als es gibt auch palästinensisches Abitur oder äh das das englische Abitur ist etwas leichter als das äh palästinensische in äh   also hab ich das Abitur gemacht hab ich Gehaltszulage ein halbes äh palästinensisches

[1:35:03] Pfund beko- mehr bekommen nachher nach einigen Jahren wie ich schon äh   ziemlich äh das war schon im Jahre 1964 ungefähr hat der Zoll mich äh geschickt äh für ein Jahr ich ka- kann lernen an der Universität auf Rechnung des des Zoll sind interessiert

[1:35:32] dass Leute äh natürlich lernen an der Universität ein Jahr also hab ich gesagt »ich bin bereit z- machen« hat man mir alles äh   da vorgeschlagen was ich hab ich gefragt »was soll ich lernen« haben sie gesagt »es spielt uns keine Rolle Hauptsache du

[1:35:57] lernst und du bekommst eine äh Z- ein Zeugnis dafür« also hab ich gesagt »wenn ich lerne ich weiß nicht Stellung der Türken im Mittelalter in äh in Syrien« hat man mir gesagt »du kannst lernen was du willst« also ich hab das natürlich ausgenutzt

[1:36:21] hab viel Stunden genommen und zum Schluss hab ich dann nach einem Jahr hab ich auch äh gesehen ich komme weiter es geht noch ganz gut also äh zum Schluss hab ich dann noch drei Jahre dazu gelernt in ei- Nachmittag und abends und so weiter und auch eben äh

[1:36:48] frei äh wenn äh Prüfung sind oder so jedenfalls hab ich noch dann wenigstens B- BA gemacht nachher hat man mir gesagt ich soll ob ich nicht weiter lernen will aber hab ich gesagt »das das äh ist ziemlich schwierig mit Kindern so weiter mit« ist nicht

[1:37:13] einfach meine Frau hat auch gearbeitet und äh zum Schluss hab ich dann nicht weiter gelernt aber wie ich dann in Pension war hab ich äh gelernt äh zu meinem Vergnügen sozusagen s- ei- ein einige äh Fächer ungefähr vielleicht acht oder neun Fächer hab

[1:37:41] ich geler- gelernt ohne äh dass ich dafür bekomme irgend ein (Tor) ein degree wie man sagt jedenfalls äh   jetzt war der Zoll in dieser Beziehung auch äh ziemlich das war schon zur M- Zeit der Medinat  

[1:38:03] im Jahre 1948 jetzt ist etwas anderes 1948 äh im April

[1:38:14] ungefähr i- im Mai wurde die Medinat der Staat ausgerufen aber im April war noch (Englische dran) ich hab hier ein ich weiß nicht wo ich das [sucht] ob ich da hab hab ich ein Zettel von der UNO hat der Zoll einen Zettel (dann) hieß es es soll hier ein äh  

[1:38:38] United States äh no United äh Trusteeship soll es sein aber man hat es dann es waren dann äh   glücklicherweise hat man das dann äh   annulliert wieder man hat das nicht   man hat das äh annulliert hat man geschrieben man soll äh   »in in in the service

[1:39:20] of the United States« arbeiten als Z- Zollbeamter bin ich der (statt) der ah »trusteeship« haben sie geschrieben »trusteeship« das soll der Staat soll unter Aufsicht von der UNO äh   äh bleiben aber   hab ich natürlich gefragt die Leute die wirklichen

[1:39:49] Leute sind »soll ich hier unterschreiben oder nicht ?« haben sie gesagt »nicht unterschreiben es wird es wird schon äh wird schon anders werden« also hab ich nicht unterschrieben und es war auch gut denn hat dann äh es kam gar nicht die Möglichkeit dass

[1:40:12] die UNO den Staat hier übernehmen soll es ist schon so und so verwickelt alles mit äh nicht so einfach so einfach also habe ich gesagt »ich äh unterschreibe nicht« »unterschreibst nicht ? also nicht« jedenfalls äh war es nicht nötig gewesen ich hab

[1:40:39] weiter bei dem Zoll gearbeitet es war am äh   15ten am 16ten Mai neunzehnhundertneun- 48 hat man ich habe an der Post gearbeitet und am Hafen in Tel Aviv hat man eine Feier gemacht und hat uns äh gerufen wir sollen z- auch zum Hafen kommen man äh will eine

[1:41:11] Feier machen es ist ein   Medinat Israel der Staat Israel also Autobus an dem Tag gab es gar nicht die waren alle eingezogen vom Militär sind wir also zu Fuß gegangen es war ein [lacht] es ist ein ziemlich langer Weg von der Post bis dorthin äh wie wir ankamen

[1:41:36] war schon am Ende der Feier ist ganz im Ganzen gab es nur äh Bier zu trinken das war das einzige was noch übrig war von den ganzen äh Feier äh   und äh sind wir auf das in Tel Aviv ist man sind wir auf das Dach gesch- auf gestiegen und äh haben die äh

[1:42:03] Fahne da äh gehisst nach oben und äh wie wir eine eine Rede wurde auch natürlich gehalten so was lässt sich äh   niemand entgehen also nach einer sch- schönen Rede auf einmal äh »asakah« das heißt »Alarm« und äh kamen schon kamen äh ägyptische

[1:42:35] Flugzeuge und warfen Bomben ab und wir hatten Glück zwei äh sie haben einige Bomben abgeworfen eine vor uns und eine hinter uns jedenfalls uns ist nichts passiert aber es sind einige Hafenarbeiter sind äh leider verletzt worden damals bei den bei diesen

[1:42:59] Bomben und äh sie haben dann den Zoll sie wussten nicht wohin haben dann den Zoll verlegt von Hafen in die Stadt sie haben gesagt »dort ist es sicherer in der Stadt äh« also zum Schluss hat man es so gemacht   und so nach einiger Zeit äh kam dann sehr

[1:43:27] viel neue Einwanderer äh nach Israel und der   Z- Zolldirektor der neue Zolldirektor war sogar es stammt sogar aus Berlin äh   wieso ist er Zolldirektor geworden er hat äh wenn der Elieser Kaplan er war dann Finanzminister wenn er nach Berlin gekommen ist

[1:44:02] um zu sammeln für irgendwelchen Projekt wenn äh hat man äh haben sie zusammen Karten gespielt abends also hat hat er gesagt er soll wird Zolldirektor werden dieser Herr konnte leider nicht Ivrit   sie haben gesagt nur seine Unterschrift kann er auf Ivrit

[1:44:28] geben sonst nichts also hat man ihn jedenfalls genommen nach zwei Jahren ungefähr hat man gesehen es ist doch unmöglich hat man einen der sein Berater war und der v- er war Z- selbst Zollbeamter war hat hat man ihn genommen als Zolldirektor der andere ist

[1:44:55] in Pension gegangen also   hat äh   wurde diese Frage auch gelöst aber es waren manchmal zu Beginn war es sehr schwer es gab zum Beispiel nicht genug Schreibmaschinen Hebräisch die Hebräisch geschrieben haben äh manchmal hat man Englisch geschrieben den

[1:45:20] Brief oder äh irgend eine [lacht] so eine Möglichkeit aber es war zu Beginn wirklich sehr schwer   aber die Frage ist es ist bis heute noch es gibt heute schon genug Hebräisch-Schreibmaschinen also heute ist schon nicht mehr die Frage so sch- so stark wie

[1:45:48] früher   ja

Daniel Baranowski

[1:45:53] haben Sie ähm waren Sie während des Unabhängigkeitskrieges im äh Militär ?

Gabriel Holzer

[1:45:57] bitte ?

Daniel Baranowski

[1:46:01] waren Sie während des Unabhängigkeitskrieges im Militär ?

Gabriel Holzer

[1:46:05] ah ich war ja war auch 1948 hat man wirklich alle Leu- gerade in meinem Alter äh hat man da zum Militär einge- gez- mobilisiert und (mitza- mitza- äh za-) na ich wollt schon Hebräisch äh andererseits aber brauchte man gerade Leute die etwas verstehen vom

[1:46:35] Zoll jedenfalls hat man   mich äh bef- befreit das heißt ich hab nur äh   äh es gibt da Nacht- Nachtwachen und so weiter solche Sache hat man mir gegeben und ich musste bei Tag bei Zoll arbeiten und in in der Nacht irgendwie bei einer Wache irgendwas machen

[1:47:04] jedenfalls hab ich gesagt »das ist doch wirklich sehr schwer schlafen kann ich überhaupt nicht mehr« also zum Schluss haben sie gesagt sie ziehen mich ein es war aber schon bis ich das alles gekriegt hab war das schon einige Monate also hat man mich eingezogen

[1:47:24] ich war beim äh   und bin dann äh   zum Schluss eher entlassen worden auch eher entlassen worden  

[1:47:37] jetzt damals hat der Zoll auch gearbeitet mit äh   war was äh in in Deutschland gibt es das glaub ich nicht excise Akzise hat man äh der Zoll auch gearbeitet

[1:47:59] das heißt in ei- äh eine sagen wir Bierfabrik ha- war ein Zollbeamter und hat dort die ganze Zeit gesessen ich hab ein halbes Jahr auch gesessen in der äh in so einer Fabrik aber die haben damals während des Zweiten Weltkrieges haben die gearbeitet Tag

[1:48:22] und Nacht denn die englischen und die australischen Soldaten New Zealand- (Leute) die waren gewöhnt an Bier und sie konnten nicht von dort Bier äh transportieren hierher also war hier äh   der Ort der war dass die der Fabrikant da war natürlich Ablösung

[1:48:54] man konnte nun nicht die ganze Zeit jemanden behalten war mit mir war ein Araber gewesen sehr   sehr netter bachur er hat Hebräisch gesprochen und äh er hat nur eine Sache gemacht er hat gern Bier getrunken ich hab gesagt »Taufik du darfst doch kein Bier

[1:49:21] trinken du kommst nicht ins Paradies äh der (_) von den Muslimim« hat er gesagt »ich weiß ich komm schon sowieso nicht ins Paradies deswegen trink ich lieber wer- etwas Bier wenigstens um mich zu trösten das wird schon irgendwie was werden« es   er hat

[1:49:47] er war betrunken oft gewesen und hat äh einmal   im Autobus ist er mit mir gefahren am Freitag hat man die Fabrik ja geschlossen und ist er nach Jaffo gefahren und ich nach Tel Aviv die Fabik war in Rischon LeZion also hat er gesagt ganz laut gerufen »ich

[1:50:14] bin Araber aber ich habe die Juden gern« die Leute natürlich alle haben sich umgeschaut und also ich war z- etwas nicht sehr un- angenehm für mich er hat sich nämlich so auf mich gestützt er war so betrunken er konnte schon nicht mehr richtig stehen es

[1:50:35] waren alles nur im Stehen jedenfalls äh ging das so einige Zeit   am äh 1948 war schon im Mai er ist geblieben die anderen Araber sind meistens plötzlich nicht mehr erschienen sie sind nach äh   Libanon oder Jordan geflohen also er ist bei der Arbeit war

[1:51:08] er nicht man wusste nicht was mit ihm los ist nach einiger Zeit kam er wieder was ist gewesen [lacht] er hat äh er ist zum Judentum übergetreten hat einen tu- ein Zeugnis gebracht von Rabbiner dass er Jude ist und er hat statt Taufik hat er sich genannt

[1:51:32] Tuvia das ist ähnlich Tuvia ben Avraham hat er sich genannt und äh er ist da geblieben äh   bei der Arbeit geblieben aber was war (ganz) nachher nach einigen Jahren recht bald hat sich herausgestellt er hat eine Krankheit bekommen von der Le- an der

[1:51:59] Leber für Alkohol ist das das das kann man erhalten durch viel zu viel Alkohol also er hat so eine Krankheit bekommen und ist dann geblieben äh bei äh bei der äh A- bei der A- dieser Krankheit eine von der Leber und ist dann allmählich ist er gelähmt

[1:52:31] worden und dann zum Schluss ist er gestorben die Frage ist in welches Paradies ist er nun gekommen weiß man nicht jedenfalls war er gewesen beliebt bei allen Leuten weil er immer wenn einer sagen wir nicht a- in der Nacht mal arbeiten wollte er ist immer

[1:52:54] bereit gewesen bei Nacht zu arbeiten wenn es nur äh ging nur z- da zu sein ohne viel zu tun inzwischen hat man das abgeschafft diese ganze Geschichte heute gibt es keine äh   Aufsicht mehr auch damals war schon damals äh wusste man es ist eigentlich überflüssig

[1:53:22] das Ganze sie haben äh   man hat ihn auch geschickt damals wie er so betrunken war die Fabrik wollte nicht dass er bei ihr falls das passiert er fällt sie müssen ihn bezahlen die äh Versicherung und so weiter alle möglichen äh zarot kommen dann haben

[1:53:49] sie gesagt haben sie äh   wie man sagt Bestechung gegeben dem   einen der darüber zu entscheiden hat wo wer zu arbeiten hat hat man ihm geschickt in eine Zigarettenfabrik war auch war auch äh   Aufsicht von einem äh pakid also nach einigen Monaten nachdem

[1:54:23] er schon w- äh weggeschickt war kam er zurück kam wieder haben sie gesagt »sowohl wir haben versch- äh Geld gegeben damit er weggeht er kommt zurück ist er wieder da also was haben wir mit dem Geld s- ge- wir haben leider kein Glück gehabt mit dem Geld

[1:54:44] er ist wieder gekommen« also ist er wieder gekommen aber war eben so nett dass die Leute nichts gesagt haben sie haben ihn genommen und fertig als äh Beamter   es waren   er hatte noch viele äh warum war er auch so beliebt und so bekannt sein Vater war schon

[1:55:08] Beamter Zollbeamter gewesen äh in der Zeit der Türken er ist von der Türkei hierher versetzt worden nach Palästina   so waren die die Zeiten gewesen dann nachher ich hab gesehen vom M- bei meches ich äh   war schon an der Grenze von der Pension haben

[1:55:42] wir ich äh   ich s- soll noch weiter arbeiten aber ich bekomm dann nicht mehr Pension ich bekomm nur eine bestimmte Summe hab ich gesagt »nein das will ich nicht« hab ich äh angefangen zu äh arbeiten bei einem äh er ist Kommissionär [betont:] gegen den

[1:56:12] Zoll sozusagen er f- ist ein Zoll- ich weiß nicht wie man in Deutsch sagt Zoll- äh -kommissionär aber   hab ich noch bei zwanzig Jahre gearbeitet bei einem aber   an sich muss hätte ich eine Prüfung machen müssen um da zu arbeiten hat der Zolldirektor

[1:56:46] gesagt einen großen Teil der Prüfung sagt er hat er mir erlassen weil er gesehen hat ich kann sowieso alles ich hab zum Teil die Fragen zusammengestellt und sollte dann geprüft werden über dieselben Fragen äh das ist natürlich etwas nicht natürlich

[1:57:10] jedenfalls hab ich noch zwanzig Jahre nachdem ich schon 35 Jahre beim Zoll gearbeitet habe habe ich noch zwanzig Jahre bei einem äh amil meches heißt das bei einem äh Zollagent gearbeitet   dann hab ich äh bin hab ich aufgehört

Daniel Baranowski

[1:57:38] Sie sind ähm haben Sie uns gestern erzählt 1998 zum ersten Mal wieder nach Breslau gefahren

Gabriel Holzer

[1:57:45] ja

Daniel Baranowski

[1:57:49] können Sie über diese Reise etwas erzählen ?

Gabriel Holzer

[1:57:53] ich hab das noch so gemacht ich bin gefahren wenn ich schon äh so weit fahre zuerst wollte äh fahre ich nach Leipzig und dann nach Breslau sowohl das eine wie das andere ich wollte auch Leipzig sehen obwohl ich eben nur acht Jahre äh war wie ich wegfuhr

[1:58:17] aus Leipzig es war äh   natürlich interessant zu sehen wie sich die Stadt verwandelt hat gerade Leipzig war in äh russischen Zone gewesen und ist sehr runtergekommen die Häuser waren verwahrlost und äh   die äh Straßenbahnen zum Teil fuhren sie zum Teil

[1:58:47] fuhren sie nicht war sehr ich war sehr enttäuscht viele äh Plätze waren zu Verkauf »zu Verkauf« sehr viel äh Sch- äh Annoncen sozusagen jedenfalls äh bin ich dann nach Breslau gefahren Breslau war war hab ich verglichen viel mehr verwüstet als Leipzig

[1:59:13] weil Breslau der der Kommandant wollte ein Held sein er wollte die Stadt halten bis bis zum Frieden und äh natürlich war dabei ein großer Teil der Stadt zerstört in Breslau viel mehr als in Leipzig aber äh zum Schluss haben die Russen doch die Stadt erobert

[1:59:45] und äh hauptsächlich Russen und eben sehr viel verwüstet die haben auch zum Teil äh   ohne irgendwelchen Grund nachdem sie schon be- die Stadt erobert hatten haben sie auch noch ein paar Häuser noch in die Luft gesprengt und so weiter also äh die Stadt

[2:00:09] war sah sehr sehr v- wüst aus natürlich gerade ich hab gesehen die in Synagogen zum Beispiel die waren schon zu   [räuspert sich] schon zu Hitlers Zeiten waren entweder zerstört oder erhalten geblieben weil sie neben äh russisch neben äh Be- wichtigen

[2:00:42] Behörden waren s- situiert waren also wenn man die Synagoge zerstört hätte da wären auch die Behörden da zerstört worden   würden auch zerstört sein jedenfalls äh   Breslau war viel mehr äh   geblieben wie äh v- v- vor wie bei [räuspert sich] wie

[2:01:14] wie ich geglaubt habe ich war überrascht (__) man hat mir dann gesagt äh zwei Jahre vorher war in Breslau kam der Papst besucht die Stadt da hat man alles neu ge- äh in in Ordnung gebracht so weit man konnte in zwei Jahren und äh deswegen ist Breslau nicht

[2:01:37] so zerstört wie äh Leipzig in Breslau gibts doch viel mehr Kirchen die Kirchen sind noch alle erhalten geblieben und und äh   das war vielleicht das Glück aber die Bevölkerung aus Breslau war ja schon vertrieben von den Polen schon 1945 also war die äh  

[2:02:05] [räuspert sich] die äh   Verluste waren sozusagen nicht so groß wie wie ich geglaubt hatte   es gab äh ja das war Breslau

Martin Hölzl

[2:02:24] mit welchen Gefühlen sind Sie nach Breslau gefahren nach so langer Zeit zum ersten Mal wieder die Stadt zu sehen die Sie so schnell verlassen mussten

Gabriel Holzer

[2:02:35] bitte wie wie ist die Frage ?

Martin Hölzl

[2:02:42] mit welchen Gefühlen sind Sie zum ersten Mal wieder zurückgekommen nach Breslau ?

Gabriel Holzer

[2:02:48] [gleichzeitig:] aha   ah   muss sagen eigentlich mit äh damals ich hab gesagt doch sieht man doch dass der Krieg sozusagen moralisch nicht gerechtfertigt war und man hat sich gefreut dass sozusagen sie haben ihre Rechnung erhalten gerade Breslau hat mehr gelitten

[2:03:16] als Leipzig sagen wir die Bevölkerung wurde schon vorher aus aus der Stadt herausgetrieben die und   noch zur Zeit der Nazis äh als die Nazis noch geherrscht haben sie haben schon die Bevölkerung herausgetrieben aus Breslau weil sie äh damit sie mehr Freiheit

[2:03:46] haben zu sich zu verteidigen aber das war eben ein   [Husten im Hintergrund] äh etwas Gerechtigkeit sagen wir war ja gewesen   ja ich mein es gibt noch v- Verschiedenes zu erzählen aber es ist nicht so einfach   wie ich dann in Breslau war   ich hatte eine

[2:04:26] Tante die hat in äh   in Breslau in der Universität gelernt 1933 hat sie die Prüfung bestanden ist Doktor in Deutschland wird man gleich Doktor sagen wir also hat sie die Prüfung man hat noch die Papiere gefunden und alles äh   die ganzen Prüfungen die

[2:04:56] sie dur- durchgemacht hat jedenfalls äh sie ist schon 1960 glaub ich sie ist schon nach Breslau gefahren an die Universität zu sehen ob ihre Prüfung alle sch- äh vorhanden sind und wirklich waren alles vorhanden alle Prüfungen aber sie hat auch gesagt

[2:05:21] sie hätte schon lieber gesehen es wär in Breslau wär alles zerstört hätte sie schon lieber gesehen aber   kam eben so gerade die Universität in Breslau hat sich am längsten gehalten äh sie ist zwar schon vor äh 300 Jahren ungefähr gebaut worden aber

[2:05:51] sie hat die die äh   der Bau an sich war so gut gebaut dass sie so lange gehalten hat trotz allen Schießereien   ja [sucht]   ich habe hier glaub ich einige [steht auf]

Daniel Baranowski

[2:06:16] wir sollten mal einen Moment wegen dem Mikro Herr Holzer

Gabriel Holzer

[2:06:24] bevakasha ?

Daniel Baranowski

[2:06:27] passen Sie auf [Schnitt]

Gabriel Holzer

[2:06:31] [liest:] »Abgangszeugnis äh Gerhard Holzer geboren am äh 24ten Elften 22 äh Leipzig als Sohn eines Kaufmannes Ludwig z- zur Zeit zu Breslau hat die Anstalt   seit Ostern 1932 von Sexta bis äh Unterprima als Schüler besucht sein verlässt die Anstalt um

[2:07:05] ins Ausland zu gehen Leistungen Deutsch gut Lateinisch befriedigend Griechisch gut Griech- Franz- äh gut Geschichte sehr gut Sekunda nein slicha Erdkunde äh befriedigend äh   was noch   Mathematik befriedigend äh Physik befriedigend Chemie gut Biologie gut«

[2:07:41] und so weiter »Zeichnen befriedigend« nicht so wichtig »Versetzungsbemerk« äh »er ist ein strebsamer Sp- besonders für Sprachen und Geschichte gut begabter Schüler sein Verhalten in der Schule ist   war   na es war stets einwandfrei einwandfrei gezeichnet

[2:08:12] Oberstudiendirektor zugleich Klassenleiter« ich muss bemerken das war schon 19   38 dass sie das geschrieben haben dass er das äh   das Zeugnis gegeben hat damals war schon hohe Zeit der Nazis also die Zensuren waren nicht alle ganz äh objektiv zum Beispiel

[2:08:50] dass er gesch- mir gegeben haben i- Geschichte sehr gut ist sehr äh auffallend denn an sich   haben sie ja gesagt die Juden haben überhaupt kein V- Verhältnis zu Geschichte also s- war das sehr merkwürdig

Daniel Baranowski

[2:09:14] wer ist denn der Lehrer gewesen der das Zeugnis ausgestellt hat ?

Gabriel Holzer

[2:09:18] steht in dem in diesem Zeugnis steht es nicht

Daniel Baranowski

[2:09:22] ach so

Gabriel Holzer

[2:09:25] aber ich erinnere mich der Lehrer war ein   Anti-Nazi kann man sagen er hat immer solche Fragen gestellt so verfängliche Fragen dass die Nazis sch- dabei schlecht davon kamen das war   es es hier steht zum Beispiel »sein Verhalten in der Schule war stets einwandfrei«

[2:09:51] auch der Klassen- der Oberstudiendirektor hat wie ich vielleicht gesagt habe hat gesagt zu meinem Vater »lassen Sie ihn doch noch hier er kann ruhig äh in einem die in einem äh wie man sagt Pnimiah in einem Internat kann er hier zuende machen anderthalb

[2:10:23] Jahre Abitur chaval schade wenn er das nicht ausführt deswegen äh würde ich empfehlen dass er hier äh bleibt« mein Vater hat gesagt »ich danke aber nichts für mich« er hat natürlich völlig recht gehabt denn äh wahrscheinlich wäre ich nicht herausgekommen

[2:10:46] aus Deutschland da später jetzt da ist das äh eine von der University of London immatriculation examination äh   in Palestine part one passed in the first division s- lauter äh Namen also unbekannte jüdische Namen aber auch arabische oder äh alle möglichen anderen

[2:11:23] Namen äh ha- s- sind (_) zum Teil sind es dann äh wirklich bedeu- bedeutende Leute geworden

Daniel Baranowski

[2:11:37] und dort ist auch Ihr Name   verzeichnet

Gabriel Holzer

[2:11:41] bitte ?

Daniel Baranowski

[2:11:45] dort ist auch Ihr Name verzeichnet

Gabriel Holzer

[2:11:49] ja mein Name auch da ja äh »Holzer Gerhard« aber sind da äh   ich weiß Anani Muhammad Ahmad äh bekannter Name ist äh (Persits) war hier ein bekannter Name waren bekannte Namen alles

Daniel Baranowski

[2:12:10] können Sie es einmal in die Kamera halten ? nach vorne halten einfach

Gabriel Holzer

[2:12:16] [zeigt] ich weiß nicht ob Sie das s- sehen werden können

Daniel Baranowski

[2:12:20] ja wir können da so ranzoomen

Gabriel Holzer

[2:12:24] ist da mit äh rot etwas angestrichen  

Daniel Baranowski

[2:12:34] danke schön   danke

Gabriel Holzer

[2:12:44] ja ich möchte vielleicht noch sagen dass ich eben in den Entwicklungsjahren in Breslau das heißt zwischen neun oder acht und acht bis äh 15 äh war der Jugendbund war sehr wichtig f- für mich hat großen Einfluss auf mich geübt ich war Esra ein äh religiöser

[2:13:21] Bund aber was zie- ziemlich so offene nicht so beschränkt und waren viele Ausflüge und so hat man gemacht trotzdem es schon zum großen Teil Hitlers Zeiten waren hat man äh hatte viel getan für die Jugend   ich erinner mich in dem letzten Jahr hat man

[2:14:00] war ein Vortrag war dabei ein Mann also ein Nichtjude äh man musste damals anzeigen anmelden alle Vorträge und so weiter damit jemand äh   da- dabei wär wenn irgend etwas gegen die Regierung gesagt wird also musste man sehr vorsichtig sein und ich erinner

[2:14:38] mich (das _) mit immer jemand da den kein Mensch kannte aber man wusste dass er von der Regierung war

Martin Hölzl

[2:14:48] Daniel hast du noch eine Frage ? Herr Holzer möchten Sie noch etwas zum Schluss sagen wir haben keine Fragen mehr möchten Sie zum Schluss noch etwas sagen   etwas Abschließendes was Ihnen noch wichtig ist

Gabriel Holzer

[2:15:13] ja ja   also ich muss sagen ich glaube ich habe einen großen großen äh   Erfolg gehabt dass es kommt mir heute fast vor wie ein Wunder dass ich aus dieser Hölle von Nazi-Deutschland herausgekommen bin und äh mir persönlich nichts äh sagen wir nichts nicht

[2:15:53] geschadet hat ganz im Gegenteil glaub ich das war etwas der der äh   es war   wirklich eine schlimme Zeit gewesen und äh ein wie ein Wunder dass ich das alles überstanden habe vor allen Dingen die Papiere die waren ich erinner mich einmal war ich in äh Breslau

[2:16:22] Devisenstelle ich weiß hat man mich ausgefragt noch und noch noch und noch ob ich nicht irgendwie Geld habe im Ausland oder so und äh [lacht] bin glücklich über alles hinweggekommen man hat mir äh   gef- also man ich war zei- im Allgemeinen noch sozusagen

[2:16:52] ei- ein Kind ich war 15 Jahre 16 Jahre man wusste noch gar nicht was werden wird und trotzdem bin ich eben gut hinweggekommen über die ganze äh Fragerei   damals war Hitler auch so stark gewesen dass man kein Mensch hat geglaubt dass mit ihm so ein schnelles

[2:17:26] Ende nehmen wird nehmen wird es war ja ei- ein Wunder sozusagen auch der Krieg war so gut ausgerüstet und trotzdem ist es den Alliierten gelungen den ihn zu besu- zu besiegen das hätte man nicht für möglich gehalten s-   zu-   war natürlich ein großer

[2:18:00] äh   ein großer F- Fehler von   von Juden sagen wir dass sie nicht den äh   nicht bei Zeit erkannt haben wie gefährlich Hitler war ich weiß mein Bruder ist nach äh Palästina gegangen als Idealist sozusagen nicht nur er hätte noch zuende äh lernen können

[2:18:38] er war auch im Gymnasium aber er hätte das sicher Abitur machen können in Deutschland nicht in   acha- später deswegen muss ich sagen es ist ein Wunder dass man Hitler besiegen konnte viele viele Menschen sind leider umgekommen sie haben nicht geglaubt dass

[2:19:07] ihnen das passieren wird ich hatte einen Lehrer in Hebräisch der war äh Soldat im Ersten Weltkrieg und hatte auch einen Orden bekommen und ihm er konnte nicht glauben dass ihm auch irgend etwas Schlimmes passieren könne denn eben weil er einen Orden bekommen

[2:19:38] hat war er sozusagen versichert dass ihm nichts passieren wird aber es hat leider nichts genutzt er ist umgekommen von den Na- durch die Nazis   ich hoffe nur dass man alle Menschen so klug sein   werden äh und rechtzeitig die Gefahr eines unmoralischen

[2:20:10] Menschen erkennen und dementsprechend handeln   und äh   hier in äh Israel ist natürlich auch ein schwieriges Problem aber trotzdem hoffe ich dass man wenn man wirklich äh moralisch denkt dass man dadurch den Erfolg erzielt nicht durch Schwindeleien  

[2:21:00] tja ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit

Martin Hölzl

[2:21:10] Herr Holzer wir bedanken uns ganz herzlich bei Ihnen

Daniel Baranowski

[2:21:13] vielen Dank

Datum Ort Text
ab 1922 Leipzig Geburt in eine religiöse jüdische Familie
ab 1931 Breslau Umzug der Familie und Besuch einer jüdischen Schule
1932 - 1938 Breslau Besuch des Gymnasiums
ab 1935 Breslau Bar Mitzwa in der Breslauer Storch-Synagoge
1938 - 1938 Bytom Odrzański Verhaftung der Familie und Zwangsdeportation an die deutsch-polnische Grenze im Rahmen der ›Polenausweisung‹
1938 - 1939 Breslau nach Rückkehr aus Polen Verhaftung der Mutter, Leben mit einem Bruder im Versteck bei einer Tante und Untertauchen des Vaters in Berlin
1939 - 1941 Tel Aviv Arbeit in einer Buchhandlung
ab 1939 Palästina über Basel Flucht der Familie nach Palästina, Wiedersehen mit dem schon 1934 emigrierten Bruder
1942 - 1997 Tel Aviv Arbeit als Zollbeamter und Zollberater
ab 1998 Breslau erster Besuch seit der Emigration
ab 2009 Breslau Besuch der Stadt und der früheren Schule im Rahmen eines deutsch-polnischen Geschichtsprojektes
Leipzig Besuch der Volksschule
Gabriel Holzer wurde am 24. November 1922 in eine traditionsreiche jüdische Familie in Leipzig geboren. Sein zweiter, hebräischer Name sollte erst in der Emigration ab 1939 bedeutsam werden. In Leipzig und Breslau, wohin die Familie 1931 umzog, wurde er Gerhard genannt. Die Eltern achteten auf die Einhaltung der jüdischen Tradition und Religion wie auf ein möglichst unauffälliges deutsch-jüdisches Zusammenleben mit den Nachbarn. Der Vater, ein aus Krakau stammender Kaufmann, sprach nur mit einer Hausangestellten Polnisch und legte Wert darauf, aus dem »deutschen Kulturkreis« zu stammen. Gabriel Holzer besuchte auf Wunsch der Eltern zunächst eine nichtjüdische Volksschule in Leipzig. Einer alten Familientradition folgend, sollte er später einmal Rabbiner werden, worauf ihn der Besuch eines Gymnasiums mit klassischer Bildung in Griechisch und Latein vorbereiten sollte. Weder in der Schule noch im christlich-jüdischen Freundeskreis musste Gabriel Holzer Erfahrungen mit Antisemitismus machen. Geschützt durch seine polnische Staatsangehörigkeit konnte er bis zum Verlassen der Schule durch die Emigration weiter am gemeinsamen Unterricht teilnehmen.

Obwohl die Familie zunächst noch keinem stärkeren Verfolgungsdruck ausgesetzt war, bereitete sie sich auf ihre Auswanderung nach Palästina vor und wartete auf die nötigen Zertifikate. Im Zuge der ›Polenausweisung‹ wurde die gesamte Familie am 27. Oktober 1938 plötzlich verhaftet und am nächsten Tag mit dem Zug an die Grenze gefahren, um nach Polen ausgewiesen zu werden. Nach einem nächtlichen Umherirren auf polnischer Seite wurde die Familie wieder zurück nach Deutschland geschickt. Bei ihrer Rückkehr nach Breslau wurde die Mutter verhaftet und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, dem Vater gelang es, in Berlin unterzutauchen.

Während der nächsten zwei Monate versteckte sich Gabriel Holzer mit einem Bruder bei einer Tante in Breslau, um einer befürchteten Haft im Konzentrationslager zu entgehen. Nach der Freilassung der Mutter im Januar 1939 musste die Familie auf Anordnung der deutschen Behörden sofort das Land verlassen und emigrierte über Basel nach Haifa, wohin schon 1934 ein Bruder Gabriel Holzers ausgewandert war. Schon bald begann er eine Tätigkeit in einer Tel Aviver Buchhandlung, lernte schnell Hebräisch und wechselte nach zwei Jahren zum Zoll. Die neue Stellung versprach sowohl berufliche Sicherheit als auch eine wichtige Position für die Unterstützung eines zukünftigen israelischen Staates, der auf die Besetzung von Schlüsselpositionen mit Juden angewiesen war.

Im Rahmen seiner Tätigkeit unterstützte Gabriel Holzer, der sich als pflichtbewusster und idealistischer Zollbeamter verstand, auch die illegalen Vorbereitungen jüdischer Untergrundeinheiten, indem er beim Einschmuggeln von Waffen nach Palästina half. Während des Israelischen Unabhängigkeitskrieges versah er neben seiner Arbeit Nachtwachen, blieb aber aufgrund seiner speziellen Funktion weitgehend vom Militärdienst befreit. Nach einer 35-jährigen Tätigkeit als Zollbeamter arbeitete er im Anschluss noch zwei Jahrzehnte als Zollberater.

Tel Aviv war Gabriel Holzer nicht nur zur beruflichen, sondern auch zur privaten Heimat geworden. Hier heiratete er und gründete eine Familie. Nach seiner Pensionierung besuchte er 1998 zum ersten Mal seit der Emigration Leipzig und Breslau wieder. Das Wiedersehen erinnerte ihn sowohl an die schöne Schulzeit, in der er als Jude gleichberechtigt mit Nichtjuden unterrichtet wurde, als auch an die Angst angesichts der Verfolgung, die im Oktober 1938 die ganze Familie so plötzlich erfasste und für immer aus Deutschland vertrieb.