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Wolfgang Nossen (*09.02.1931, Breslau)

Signatur
01166/sdje/0061
Institut
Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin
Sprache
deutsch
Ort und Datum der Aufnahme
Erfurt, den 16. April 2013
Dauer
03:58:00
Interviewter
Wolfgang Nossen
Interviewer
Daniel Baranowski , Martin Hölzl
Kamera, Licht und Ton
Daniel Hübner
Redaktion
Martin Hölzl
Transkription
Martin Hölzl

Nach dem Holocaust entschied sich Wolfgang Nossen, nach Israel auszuwandern und am Unabhängigkeitskrieg teilzunehmen. Wegen seiner großen Jugendliebe kehrte er jedoch wieder zurück nach Deutschland. Als Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde in Thüringen setzte er sich gegen Rechtsextremismus ein. 1931 in Breslau geboren, erlebte Wolfgang Nossen schon früh die Auswirkungen nationalsozialistischer Verfolgung. Er sah im November 1938 die Synagoge brennen, sein Vater wurde verhaftet und für mehrere Monate in das Konzentrationslager Buchenwald gebracht. Bei einem Bombenangriff gelang es der Familie unterzutauchen und bis zur Befreiung durch die Rote Armee im Versteck zu leben. Auch der Vater kehrte nach seiner Flucht von einem Todesmarsch nach Breslau zurück. Nachdem die Familie von Schlesien nach Erfurt gezogen war, lernte Wolfgang Nossen dort seine große Liebe Elisabeth kennen. 1948 wanderte er nach Israel aus und kämpfte im Unabhängigkeitskrieg. 1959 traf er Elisabeth bei einem Besuch in Deutschland wieder, doch die beiden blieben erst nach einem erneuten Wiedersehen in Erfurt 1989 dauerhaft zusammen. Von 1995 bis 2012 stand Wolfgang Nossen der Jüdischen Gemeinde in Thüringen vor. Für seine Verdienste um das jüdische Leben und sein Engagement gegen Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus wurde er 2011 mit dem Verdienstorden des Freistaats Thüringen geehrt. Zum Zeitpunkt des Interviews war er 82 Jahre alt.

Vorkontakte

Üblicher Vorlauf mit Anschreiben, Telefonaten, E-Mails, Vorabtelefonat zur Klärung des Lebenslaufes

Bedingungen

Das Interview fand im Büro des Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Türingens statt, während des Interviews waren die ganze Zeit Gespräche aus dem direkt daneben liegenden Sekretariat der Gemeinde zu hören, die das Interview erschwert haben; es handelte sich um das Büro, das Wolfgang Nossen selbst bis Dezember 2012 genutzt hatte, als er noch Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Thüringens gewesen war. Im selben Gebäude befindet sich auch die Synagoge, im Stockwerk über dem Büro wohnte Wolfgang Nossen lange Jahre (Dienstwohnung des Hausmeisters), auf die Örtlichkeit wird mehrfach im Interview Bezug genommen.

Gruppensituation

Zwei Interviewer, ein Kameramann (Daniel Hübner)

Unterbrechungen

mehrere Unterbrechungen durch Geräusche, kleinere technische Probleme und hereinkommende Personen.

Protokoll

Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas

Eindrücke

Das Gespräch fand in vertrauensvoller Atmosphäre statt. Es war der Wunsch des Interviewten, das Interview nicht in seiner Wohnung, sondern in seinem früheren Büro zu geben. Damit einhergehende Störungen durch den laufenden Bürobetrieb der Gemeinde störten etwas die Konzentration der Interviewer und erschwerten die Arbeit des Technikers. Neben den Aspekten der Verfolgungsgeschichte und persönlichen Lebensumständen in der Nachkriegszeit gab es einen inhaltlichen Schwerpunkt, in dem der Interviewte mehrere antisemitische Anschläge und Vorfälle sowie die mangelnde Reaktion der Polizei darauf schilderte. Dies schien ihm auch ein Anliegen zu sein. Der Interviewte kam zu einem negativen Fazit in Bezug auf das aktuelle deutsch-jüdische Verhältnis in Deutschland.

Daniel Baranowski

[0:00] wir sind heute in den Räumen der Jüdischen Landesgemeinde Erfurt führen ein Interview mit deren langjährigen Vorsitzenden Wolfgang Nossen es ist der 16te April 2013 das Interview entsteht für das Projekt »Sprechen trotz allem« der Stiftung Denkmal für

[0:17] die ermordeten Juden Europas in Berlin wird unterstützt von der Kulturstiftung des Bundes ich bin Daniel Baranowski und führ das Interview zusammen mit Martin Hölzl Daniel Hübner ist für die Kamera und die Technik zuständig [Schnitt]

[0:30] Herr Nossen noch

[0:35] mal vielen Dank dass Sie sich bereit erklärt haben uns heute ein Interview über Ihr Leben zu geben vielleicht könnten Sie sich am Anfang noch mal kurz vorstellen und mit Ihren Eltern beginnen zu sagen wer Ihre Eltern gewesen sind und was Sie von Ihrer Geburt

[0:46] wissen

Wolfgang Nossen

[0:49] ja also mein Name wurde schon genannt Wolfgang Nossen

[0:53] geboren äh neunten Februar 1931 in Breslau meine El- ich war der erste der Familie der das Licht der Welt erblickt hat und äh meine F- Familie väterlicherseits waren alles äh Metzger und äh wir hatten

[1:16] in Breslau einen Betrieb der ganz schnell geschlossen werden musste weil es war eine koschere Fleischerei und das Schächtverbot hat das bedeutete das Aus für das Familieneinkommen und ähm   äh und das war an dieser Fleischerei hingen sehr viele Familien

[1:43] mit sehr vielen Kindern meine Großeltern

[1:48] waren äh im Betrieb das war eigentlich der Gründer der äh Metzgerei mein Vater hatte noch drei weitere Brüder und äh drei Schwestern die Brüder waren alle mit im Geschäft   und in dem Moment wo das geschlossen

[2:08] werden musste   war die ganze Familie zu äh so genannten Schwarzarbeitern dann also berufslose Arbeiter verurteilt mein Großvater   ist dann von Breslau nach Berlin umgezogen dort waren die Töchter verheiratet und äh als mein Großvater 73 und meine Großmutter

[2:39] siebzig war sind sie nach Riga deportiert worden und äh wie wir dann erfahren haben sofort nach der Ankunft äh erschossen worden   1938 also 1937 bin ich dann in die jüdische Schule am Anger acht eingeschult worden nachdem ich zuvor im jüdischen Kindergarten

[3:03] am Stadtgraben war und dieser Schulunterricht endete am neunten November 38 als ich am zehnten November früh zur Schule kam auf dem gleichen Grundstück stand die Neue Synagoge sah ich die Synagoge noch brennen und ein riesiger Menschenauflauf

[3:28] in der Straße

[3:30] alle gafften natürlich auch die Schüler äh die zum Unterricht kamen oder wollten standen rum Lehrerinnen haben uns Handzeichen ge- ge- gegeben dass wir verschwinden sollten aber wie das so ist man war neugierig und bin so nah wie möglich ran um zu gucken

[3:52] was los ist und äh da wurde mir klar dass das eine antijüdische Aktion war denn auf dem Schulweg habe ich äh eingeschlagene Fensterscheiben gesehen ohne zu wissen dass das alles jüdische Geschäfte waren bis kurz vor der Schule da gab es ein Ca- jüdisches

[4:15] Café dass heißt ein Café vom dem ich wusste dass der Besitzer Jude ist das war das bekannte Café König und dort sind wir sehr oft sonntags zum Frühschoppen gewesen mein Vater hat mich mitgenommen ich kriegte dann ne Brause von früh bis Mittag ich hab

[4:34] mich an dem Glas festgehalten und die Männer die spielten da irgend so ein Brettspiel   ja dann bin ich nach Hause zurück und meine Mutter wunderte sich leicht wieso ich schon wieder da bin und dann hab ich das erzählt was ich erlebt habe und dann sagte

[4:58] sie »ja die Gestapo war hier und die wollten unseren Papa

[5:02] abholen« aber der war schon weg zur Arbeit er war damals in einer Zuckerfabrik

[5:07] in der Nähe von Breslau b- äh b- beschäftigt   und sie sagte mir »heute Abend muss er sich beim Polizeirevier in der

[5:21] Rogauer Straße melden« na meine Mutter ging mit ihm dorthin und kam alleine zurück und die nächste Nachricht die wir bekamen das war eine Postkarte äh aus Buchenwald   äh die Postkarte war äh vorgedruckt es war nur ne Unterschrift drauf und äh der

[5:45] Text »es geht mir gut« und mehr stand da eigentlich nicht drauf wie gut es ihm ging das ham wir dann im April äh 39 erfahren als er so wien Strich zurück gekommen ist kahlgeschoren hat keine Schuhe mehr gehabt kam in Filzlatschen an und äh ja die mussten

[6:10] zwar sind se zum zum Schweigen verpflichtet worden aber das ist ja bekannt er hat trotzdem mehr oder weniger berichtet und ich galt in der Familie als erprobt verschwiegen ich durfte also dabei bleiben meine Schwestern die mussten alle ins Bett

Daniel Baranowski

[6:29] als Sie diese Karte bekommen haben aus Buchenwald wussten Sie oder Ihre Mutter was Buchenwald ist zu dem Zeitpunkt ?

Wolfgang Nossen

[6:37] nein nicht genau   das ham wir nicht gewusst der Name ist zwar schon äh in der Luft gewesen aber was wir danach erfahren haben dass es nicht nur ein Internierungslager war [räuspert sich] äh das ham wir zu dem Zeitpunkt nicht gewusst aber wir wussten dass

[6:55] es nichts Gutes sein kann die äh regelrechten Vernichtungslager hats ja noch nicht gegeben Auschwitz und das ist alles erst nach dem Kriegsausbruch installiert worden [räuspert sich] und äh man wusste damals von Buchenwald man wusste von Dachau mehr andere

[7:17] Namen waren nicht geläufig   ja und   wir hatten dadurch dass äh das Geschäft weg war natürlich nur ein ein ganz ganz ganz minimales Einkommen äh bevor mein Vater in dieser Zuckerfabrik gearbeitet hat hat er auf der Strecke Breslau Berlin beim Autobahnbau

[7:47] arbeiten müssen und ich kanns nicht glauben aber es soll angeblich fünf Pfennig Stundenlohn gegeben haben also das war ja Zwangsarbeit   und äh   da waren die Ersparnisse natürlich schon längst äh aufgebraucht und das Geld was meine Mutter noch äh irgendwie

[8:14] auftreiben konnte das reichte gerade mal für eine Passage nach Schanghai und das war damals in Breslau oder überhaupt in Deutschland bekannt dass es äh so gut wie unmöglich ist ein Visum in irgend ein äh Auswandererland äh zu bekommen es sei denn man

[8:35] hat Bürgen äh das hab ich dann wieder hier kennengelernt wenn von unseren Zuwanderern Verwandte kommen wollten mussten sie auch en Bürgen haben äh und äh mein Vater hatte einen Cousin in Guatemala der hat sich aber um uns nicht gekümmert auch nach dem

[8:57] Kriege nicht obwohl er bei meinem Vater Schulden hatte und sehr sehr reich war aber   äh es war bekannt dass nur Schanghai äh Flüchtlinge aufnimmt ohne große Schwierigkeiten also man musste da ei- einfach anlanden und obwohl das von Japanern besetzt war

[9:28] und die Flüchtlinge dort in ein Lager eingewiesen wurden aber es war eben nur ein Internierungslager und mein Onkel hatte dort in dem Lager wieder so ne Fleischerei äh eröffnet und äh ja äh der Onkel ist ohne Frau und Kind abgereist mein Vater wollte

[9:52] das nicht äh und so haben wir mit sehr viel Glück überlebt und ich habe deswegen auch keine Gewissensbisse wie manche äh erzählen warum habe ich überlebt ich habe überlebt weil ich eben mehr Glück hatte als die die nicht überlebt haben und dazu gehören

[10:14] über hundert Personen aus meiner weiteren Familie   und dadurch dass er entlassen wurde oder man wurde entlassen aufgrund einer Ausreise- äh -bescheinigung musste er sich äh jeden früh bei der Gestapo stellen und wurde von der Gestapo dann zu Arbeiten eingesetzt

[10:45] und letztendlich hat er bis 44 im äh Speditionswesen der die für die Gestapo äh gearbeitet haben äh sein Brot verdient aber nicht die Wurst drauf und äh das hat ihm wiederum nach dem Krieg oder am Ende des Krieges sag ich mal das Leben gerettet weil er

[11:10] wusste wo die Kartei der NSDAP ausgelagert ist und hat die Russen äh dorthin geführt und daraufhin zur Belohnung oder was weiß ich wurde er äh in die Rote Armee integriert und er sollte da stolz sein in der ruhmreichen Roten Armee und so weiter diese blumenreiche

[11:37] Sprache der Kommunisten ich hab mich immer amü- amüsiert wenn er das erzählt hat weil am Anfang sie waren eine Gruppe von insgesamt 13 Leuten die äh sich von dem Todesmarsch da abgesetzt haben und die Russen haben das erstmal nicht geglaubt dass sie Juden

[12:02] sind hier aus einem Lager äh geflohen bis der eine russische Soldat die Idee hatte Moment unser Kommandant ist auch Jude und der soll entscheiden und da k- kam dieser Kommandant mit seinem Fahrzeug angerollt und »so« sagte er »ihr seid Juden« mein Vater

[12:25] sprach Jiddisch er sprach bisschen Russisch er sprach Polnisch und konnte sich also verständigen außerdem war in der Gruppe noch ein echter Russe dabei russischer Jude ein Schuhmacher und ähm   äh der   zauberte plötzlich ein Gebetbuch hervor und reichte

[12:54] es rüber sagt er »na les mal« ja das konnten damals die Juden alle   heute ist das ein bisschen schwieriger   und äh da war also der Offizier überzeugt dass es tatsächlich sich um Juden handelt und äh sie wurden dann übergeben an eine Einheit die sich

[13:24] Smersch nannte ich hab mir dann hier von meiner Sozialarbeiterin mal übersetzen lassen was das heißt sagt sie »au wie kommst du da drauf« sag ich »mein Vater war bei der Einheit« »au« sagt die »dass war ne« sagt sie »dass war eine ganz schlimme

[13:40] Einheit« und hat mir erklärt was äh mit dieser Einheit auf sich hatte das war also eine spezielle Truppe zur Verfolgung von äh Kriegsverbrechen beziehungsweise Verfolgung von schuldig gewordenen Nazis nicht jeder Nazi war unbedingt schuldig wir hatten

[13:57] einen der sich bekannt hatte noch 45 dass er Nationalsozialist ist aber er hat uns äh quasi geholfen ein paar Sachen aus dem Ghetto zu retten mit seinem Dreirad Tempo äh und hat uns die Sachen gebracht in das Haus wo wir uns versteckt hatten   und der hat

[14:30] zu meiner Mutter gesagt »ja ich bin Nazi ich bin Nationalsozialist« Nazi hat er nicht gesagt »aber ich bin kein Antisemit« an den Ghettohäusern war das waren jüdische Häuser da war vorne drauf auf dem Haus der Davidstern also er wusste genau um wen

[14:52] es sich bei uns handelt und hat uns geholfen   ja die Familie hatte in Breslau eine große Schokoladenfabrik und die hab ich mal entdeckt gibt es wieder in Frankfurt

Daniel Baranowski

[15:08] heute

Wolfgang Nossen

[15:11] also ob heute noch das weiß ich nicht weil äh der Inhaber hieß Micksch und äh ich hab noch nie ne Schokolade gesehen mit dem Namen aber ich habe es irgendwo gelesen äh dass es die Firma Micksch aus Breslau in Frankfurt wieder gibt   ich hab mich nicht

[15:37] äh schlau gemacht weil es war viele viele Jahre nach dem Krieg dass ich das äh gefunden hab und ich hab einfach nicht daran gedacht dass dieser junge Leutnant äh noch eventuell lebt dass er überhaupt den Krieg überlebt hat denn er ist in Breslau verwundet

[16:01] worden das haben wir noch erfahren in Breslau aber danach äh wie gesagt nix mehr

Daniel Baranowski

[16:09] diese Einheit um kurz auf den Punkt noch zurück zu kommen die Ihren Vater äh und die Mitgeflohenen diejenigen die mit von dem Todesmarsch geflohen äh sind äh getroffen hat äh war aus dieser russischen war aus der russischen Armee ?

Wolfgang Nossen

[16:29] ja ja

Daniel Baranowski

[16:31] und äh können Sie wissen Sie wo das gewesen ist wo die zusammen getroffen sind und wann das ungefähr gewesen ist ?

Wolfgang Nossen

[16:35] das war äh der Abmarsch war am 21ten Januar 45 und zwei Tage später äh haben die Russen diese Truppe schon eingeholt also

Daniel Baranowski

[16:50] [unterbricht:] und Ihr Vater ist von wo losgegangen ?

Wolfgang Nossen

[16:54] [gleichzeitig:] mein Vater mit der äh der Ort hieß ach   Grüntal das Lager hieß Grüntal und gehörte zu Groß-Rosen und auf dem Wege wie gesagt hat er sich mit noch zwölf abgesetzt hat den Zug weiter marschieren lassen und äh ham sich da in einem geräumten

[17:23] Dorf es war ja alles leer ham sich versteckt und wie gesagt am zweiten Morgen hörten sie Motorengeräusche und das waren die russischen Panzer die da durchfuhren und dann ham sie sich zu erkennen gegeben beinahe schief gegangen   die Russen sind sehr misstrauisch

[17:46] hab ich mir sagen lassen   und äh kann mich gut erinnern wie er sagte der der erste Russe mit dem er Kontakt hatte hat ihm gesagt »Gitler alle Juden kaputt«   aber es waren eben nicht alle Gott sei Dank

Daniel Baranowski

[18:07] vielleicht können wir kurz mh wirklich bei der Geschichte Ihres Vaters dann noch bleiben in dieser Zeit äh wie hat Ihr Vater dann äh diese Monate von Ende Januar äh bis Mai 45 verbracht und wie ham Sie ihn wieder gesehen

Wolfgang Nossen

[18:24] ja in Uniform äh er war äh als einziger von den 13 äh war er also dann äh in die Uniform gesteckt worden und dieser russische Jude der in seiner Truppe mit war musste ihm noch Stiefel anfertigen äh die Armee hatte keine f- in seiner Größe ich weiß

[18:50] nicht 45 oder so was und äh ich hab auch keine Ahnung von wo das Material gekommen ist ich musste sie dann nur immer putzen und da war ne Menge Leder zum Blankwienern und äh das äh   na irgendwie etwas Unheimliche war dass äh im Januar 45 erschien der Gestapoleiter

[19:19] im Ghetto und sagte zu meiner Mutter »nehmen Sie Ihre Judenbälger und hauen Sie ab« sagte se »ne ich bleib hier« »ne Sie müssen abhauen auf Ihren Mann brauchen Sie nicht zu warten« er hat natürlich sofort kombiniert warum sie meine Mutter sagte »wir

[19:39] bleiben hier« »und ich habe Befehle gegeben Ihren Mann zu erschießen der wusste zu viel« das hat zwar gestimmt das wussten wir damals selber nicht was er alles weiß und äh dieser Gestapo-Mensch der muss dann die Stadt verlassen haben weil ich hab ihn

[20:01] nach ein paar Monaten wiedergesehen sehr zerlumpt und   wir sind wie gesagt dann geblieben im Februar 45 schon sehr früh am Morgen kam plötzlich Gestapo-Beamte oder von der Partei das weiß ich gar nicht mehr genau und ham uns alle aufgefordert »anziehen

[20:34] und raus auf die Straße« und äh wir sollen unsere wertvollen Sachen mitnehmen na das war das Übliche ähm es wurde inzwischen langsam heller und soweit es noch äh Zivilisten in der Stadt gab machten sich äh welche auf den Weg zur Arbeit und ham also

[21:07] genau gesehen jeder wusste ja was diese Häuser sind ähm und ham gesehen unser Wachpersonal dass da etwas im Gange ist und wir wurden also durch die Stadt ich sag mal geführt in ein Barackenlager neben dem Oderhafen in Breslau in im Stadtteil Kletschkau

[21:33] und in diesem Barackenlager das hab ich dann nachher erfahren war mal ein Bordell für äh na ja so äh Zwangsarbeiter oder Zivilarbeiter wie wir auch immer man die nannte und äh an den Wänden waren so Kritzeleien und na ja meine Mutter die kriegte einen

[22:03] riesen roten Kopf und ich war ganz neugierig was war so n bisschen pornographische Zeichnungen und so weiter aber das kam da gar nicht drauf an und   es gab natürlich sofort Gerüchte ja wir sollen hier in die Luft gesprengt werden nein wir sollen auf Kähne

[22:28] verladen werden und versenkt werden na ja das war ein bisschen schwierig denn die Oder war gefroren ne anständige Sprengung kann man natürlich auch machen wenn es gefroren ist [schaut nach rechts] na die Tür ist aufgegangen da scheint was zu kommen [Schnitt]

[22:45] es war der Rest der äh Juden die noch in Breslau waren äh es waren alles so genannte Mischehen und äh na ja ich hatte schon gesagt die Gerüchteküche die brodelte aber es kam alles anders Nachmittag äh setzte ein Fliegerangriff ein unsere Aufpasser haben

[23:15] sich g- gerettet sie sind also irgendwo untergetaucht und wir haben nicht darauf gewartet dass sie wiederkommen und äh   ach so ich hab noch ganz vergessen äh am Nachmittag erschienen   zwei offene Autos und äh ich kannte die Insassen nicht aber sie trugen

[23:47] alle diese wir nannten die die Goldfasane die diese diese braune Uniform und der begann mit einer Ansprache und was mich etwas gewundert hat wir waren plötzlich nicht mehr die Judenschweine wir waren auf einmal Volksgenossen und er fing an zu sagen dass wir

[24:15] also äh zur Arbeit eingesetzt werden wollen ob wir arbeiten wollen und in dem Moment wo natürlich alle »ja« schrien kamen die ersten Flugzeuge über uns und ich habe wirklich gestaunt über den Fahrer wie der dieses riesen Auto war bestimmt fünfeinhalb

[24:37] Meter lang äh plötzlich wendete und verschwand ja und wie gesagt wir ham nicht drauf gewartet dass die Wach- äh -leute zurückkommen und sind auch abgehauen jetzt war da ein altes Ehepaar   und äh die hatten so einen kleinen Handwagen wie man früher so

[25:06] fürn Schrebergarten benutzt hat nicht ganz kleines Ding und da hatten se n Koffer drauf und noch irgend n Päckel und das hab ich denen schnell zurecht gemacht ich war also mit diesem Ehepaar Königsberger der letzte der aus diesen Baracken äh gegangen ist

[25:27] und unterwegs musste ich mich dann unterstellen meinen Wagen ha- ich mitten auf der Straße stehen gelassen und hab mich in einen Keller gerettet und nach weiß nicht wie viel Zeit als ich keine Detonationen mehr hörte bin ich äh aus den K- oder sind wir

[25:57] alle aus dem Keller raus und äh mein Wagen stand unversehrt mitten auf der Straße und dann hab ich mir den wieder war son Riemen dran mein Wagen war etwas größer und bin also da zu unserem Ghetto zurück meine Verwandten mei- meine Familie waren schon

[26:18] da und wir haben beschlossen dass wir sofort dieses Ghetto verlassen und sind in der Nacht weitergezogen in ein Haus es war in der Moltkestraße und äh ham uns dort in einem Keller erstmal versteckt wir waren da kanns nicht genau sagen zwei drei vielleicht

[26:53] vier Wochen und dann mussten wir da raus weil das Nebenhaus hatte eine Brandbombe erwischt und brannte und das konnte ja leicht übergreifen äh vis-à-vis von diesem Versteck war eine Feldküche und der äh Feldwebel der diese Küche da unter sich hatte der

[27:14] uns auch ab und zu mal was zu essen gegeben hatte der wusste natürlich nicht wer wir sind äh äh der kam in den Keller und hat uns geweckt wir sollen raus das brennt und da sind wir auch wiederum mitten in der Nacht durch die ganze Stadt an den Stadtrand

[27:37] in die ehemalige SS-Siedlung äh das war die Graudenzer Straße ich war nach der Bef- wieder war nach der Wende war ich wieder da mit zwei Freunden und wir ham die Orte wo wir überlebt haben quasi äh besucht das war einmal diese Graudenzer Straße-Siedlung

[28:10] und zum anderen meine Freunde die wohnten in Zimpel das warn Vorort so mit Ein- und Zweifamilienhäusern na ja wir ham natürlich auch unsere alten Schulen besucht und so weiter meine jüdische Schule war nach der Gestapo dann Komm- Zentrale der polnischen

[28:28] Miliz und beinahe bin ich verhaftet worden weil ich Fotos gemacht hab das war verboten konnt ich nicht wissen Polnisch lesen kann ich auch nicht ich hab auch kein also so das übliche Schild Fotoappagrat -apparat mit Bal- mit rotem Balken das war da nich also

[28:49] kam da eine Frau und hat mitgekriegt dass wir eben Deutsch sprechen das war mir lieber als dass sie mitgekriegt hätte dass wir auch Hebräisch sprechen Polen ist heute noch antisemitisch nicht ganz Polen jedenfalls nicht die offizielle Politik aber äh Antisemitismus

[29:12] in Polen ist nach wie vor sehr verbreitet aber das muss ich Ihnen nicht erzählen ich glaube das kennen Sie auch und wo wollt ich hin

Daniel Baranowski

[29:26] Sie waren dann März April 45 und in dieser Feldküche

Wolfgang Nossen

[29:32] [gleichzeitig:] äh ja äh ich muss noch äh einschieben dass nach dem Besuch von dem Gestapo-Menschen der Herr Marsch meine Mutter zwei Tage später sagte »der Marsch hat geschwindelt hat gelogen unser Papa ist nicht tot«   und ich sach »und wie kommst

[30:01] du da darauf ?« »ja ich hab ihn gesehen« »warum hab ich ihn nicht gesehen wo hast du ihn denn gesehen ?« »ja ich hab geträumt er kommt als russischer Soldat uns befreien« in dem Moment hab ich an meiner Mutter ein bisschen gezweifelt ich dachte die muss

[30:22] doch durchgedreht sein was haben wir mit russischen Soldaten zu tun wir haben keine äh russischen Verwandten oder keine Verwandten die aus Russland stammen oder in Russland Familie hätten also es gab da überhaupt keinen Anlass und   ich habe also starke

[30:49] Befürchtungen gehabt die sich dann Gott sei Dank nicht bewahrheitet haben mein Vater kam tatsächlich als russischer Soldat und zwar schon am neunten Mai äh war er auf Patrouille mit noch einem russischen äh Soldaten und ist äh von seiner Tour abgewichen

[31:13] und hat dem Kameraden da klar gemacht also er sucht seine Familie und er hat eine bestimmte Adresse sie fahren nur dahin und wenn sie da nicht fündig werden dann machen sie die Patrouille weiter und äh am neunten Mai ich war auf der Straße weil ich so starke

[31:42] Motorengeräusche gehört habe und war neugierig was ist da los und bin auf die Straße raus das erste was ich sah war ein Fahnenmeer rote Fahnen rot-weiße Fahnen und bei manchen Fahnen war ein dunkelroter Fleck in der Mitte war früher das Hakenkreuz drauf

[32:08] und äh bin also dann den Geräuschen nachgegangen und dann kam ich zur Hauptstraße und da sah ich die Straße voll mit Menschen überwiegend Frauen und Kinder und die russischen Panzer brummten die Straße lang und die warfen da alte Wehrmachts- äh -bestände

[32:29] unter die Leute unter anderem auch frisches Brot und das war das Teuerste was überhaupt sich vorstellen ließ weil wir hatten alles zu essen in der Festungszeit aber kein Brot und äh also es war ganz anders wie die Nazipropaganda das zuvor geschildert hat

[32:50] die Russen kommen und vergewaltigen und ermorden und und und das war nicht der Fall und ich hab dann also ne Weile gestanden und auch [gestikuliert] mitgewinkt es war komisch ich konnt mich erinnern 39 als die Soldaten aus Polen kamen hat man standen die Leute

[33:11] genauso da nur noch mit Blumen äh das war diesmal nicht der Fall Blumen hatten se nicht aber sie haben genau so [gestikuliert] gewinkt und gejubelt natürlich hatten sie alle Grund zum Jubeln der Krieg war zu Ende das Leben war mehr oder weniger sicher denn

[33:32] die äh Festungszeit Breslau war drei Monate eingeschlossen und äh es war fast jeden Tag Beschuss fast jeden Tag Bombenangriffe und äh was die Russen nicht kaputt gemacht ham ham die Deutschen selber äh gesprengt sie ham die Eckhäuser gesprengt um Barrikaden

[33:53] zu errichten das hat die russischen Panzer ganz wenig gejuckt genauso wie die Panzergräben die ich mit ausheben musste die ham die Panzer auch nicht aufgehalten da ist eben einer reingekippt und die Besatzung stieg aus und dann ham die mit mit Stahlseilen

[34:14] die die Dinger wieder flottgemacht rausgezogen also das   war kein es hat Zeit äh in Anspruch genommen aber ein ausgesprochenes Hindernis war das nicht und die die Schachtarbeiten die die das war ne Knochenarbeit man stand da äh manchmal sehr tief im Wasser

[34:37] und Grundwasser kam hoch und es war keine gute Zeit äh   ich ging also [räuspert sich] wieder zurück in unser in unsere Unterkunft und wer nicht da ist war meine Mutter und meine älteste Schwester die älteste Schwester war ein Jahr jünger als ich und

[35:01] äh wir waren natürlich beunruhigt äh die eine Schwester sagte mir noch »die sind in die Stadt gefahren den Papa suchen« »oh« und dann kamen sie zurück und wirkten sehr verstört und äh na [gestikuliert] in meiner Phantasie hab ich mir vorgestellt

[35:24] die sind vergewaltigt worden meine Schwester war wie gesagt 13 schon ansehnlich und meine Mutter war eine sehr gut aussehende Frau ich hab aber später erlebt dass die auch mit ner Sechzig- Siebzigjährigen kein Federlesen gemacht haben und   ja also ich sag

[35:48] »was ist denn los wo wart ihr« und eine schobs auf die andere »sag du es ihm« »na sag du es ihm« »sag du es ihm« ich wurde natürlich kribbelig »na entweder ihr sagts beide auf einmal oder macht nicht son Gesicht« und dann kams also »ja wir ham

[36:08] den Papa gesehen und deine Zeit ist jetzt vorbei« sagte meine Schwester [lacht] ja »du wirst schon sehen morgen kommt er« sag ich »warum ist er nicht gleich mitgekommen« »ja der ist Soldat und der war im Dienst und konnte nicht« ja am nächsten Tag

[36:29] ich war natürlich äußerst gespannt und der kam nicht   und was ich natürlich nicht wissen konnte die ham ihn ja wirklich gesehen und ich dachte jetzt sind die alle beide durchgedreht und am übernächsten Tag es war ein schöner sonniger Maitag elfter Mai

[36:55] und ich lag auf dem Flachdach in der Sonne man hörte plötzlich wie Autos in unserer Seitenstraße ankamen und einer hatte so quietschende Bremsen das war ein russischer Lastwagen und dann noch weiß ich drei vier Personenwagen dahinter ich gucke so vom Dach

[37:19] runter und wen sehe ich meinen Vater tatsächlich in russischer Uniform und also ich bin so schnell das ging vom Dach runter durch die Luke die Treppen runter und kam über die Straße wir umarmten uns beide mit Tränen nur war ich ja noch ein Junge ist ja

[37:49] nicht so schlimm aber da son Soldat weint war schon eigentümliches Gefühl und dann die ganzen russischen Begleiter alle also es gab eine Küsse-Zeremonie auf der Straße dass die deutschen Bewohner dort sich alle nur gewundert haben was ist denn das da is

[38:15] ja ein Russe der spricht ja richtig Deutsch und die Kinder die wir waren ja inzwischen schon dort bekannt in der Nachbarschaft das waren ja alles Ausgebombte die sich dort äh eine neue Wohnung äh angeeignet haben und das Rätsel mussten wir nicht lösen

[38:38] der Lastwagen war dazu da unsere Sachen die wir gar nicht hatten wir ham dort einfach so die Wohnung in der wir äh uns versteckt hatten äh ausgeräumt wir hatten ja nichts mehr oder so gut wie nichts das einzige was meine Mutter immer bedacht war das war

[39:02] ihre Daunendecken zu retten und da ham wir uns dort ausgestattet die Leute waren eh weg und ich bin der Meinung wir hatten auch das Recht uns da zu bedienen und wir sind in die frisch bezogene Kaserne umgesiedelt   ja mein Vater hat mir oder uns allen gesagt

[39:26] »ihr bleibt im Haus ihr geht nicht raus«

[39:29] wir hatten keine Papiere wir hatten gar nichts mehr und äh ich habe Freiheit die ich gewohnt war weiter genutzt und bin kaum dass wir dort angekommen sind bin ich wieder raus um Freunde zu suchen wo ich ungefähr

[39:51] wusste wo die sich befinden und hab sie dann auch gefunden in einem Stadtrandgebiet Zimpel und auf dem Rückweg nach Hause bin ich von der polnischen Miliz äh im Rahmen einer Razzia eingesammelt worden und war für die nächsten drei Wochen in so genannter

[40:21] Kriegsgefangenschaft wir wurden äh oder es wurde erst ein eine Kolonne zusammengestellt Freiwillige zum Entladen von Lastautos und das hat mir gefallen diese Idee Autos entladen da wenn das in der Nacht ist dann kann man ja vielleicht sich verlaufen und wie

[41:00] gesagt hab ich mich gemeldet wir wurden auf LKWs geladen und die Fahrt ging los nach äh weiß nicht wie viel Stunden blieb das Auto stehen oder die Autos stehen es waren zwei oder drei Lastwagen und Polnisch hab ich nicht verstanden was die draußen gesprochen

[41:27] haben keine Ahnung und äh auf dem Auto hinten saßen zwei Polen mit Bewaffnung die sprachen nicht mit uns die hatten auch aus ihrer Sicht äh keinen Grund mit uns zu reden   die waren jahrelange Gefangene in Deutschland   und äh plötzlich wendeten die Autos

[41:58] und wir fuhren zurück kamen nach (Merk) wieder zu dem Sammelpunkt in Breslau und da standen die anderen Eingesammelten schon unten auf der Straße und äh ich weiß nicht wie viele jedenfalls waren ne ganze Anzahl russischer Soldaten mit Avtomat das sind

[42:23] die russischen Maschinenpistolen und später Kalaschnikow der Avtomat hatte ne runde Trommel Kalasch- Kalaschnikow hatte ne lange langes Magazin und äh der Zug setzte sich in Bewegung und äh uns wurde nicht gesagt wie wo was wohin und so weiter und als wir

[42:46] zufällig an der Kaserne vorbei kamen hab ich natürlich versucht mich bemerkbar zu machen äh das hat dem einen russischen Soldaten nicht gefallen er hat mir gleich n Schlag ins Genick verpasst und ich wollte ihm erklären dass mein Vater Soldat Rote Armee

[43:09] beb beb beb war nichts zu machen und wir marschierten durch die ganze Stadt bis äh Breslau-Hartlieb war ein sehr berühmter Vorort in Hartlieb war die Pferderennbahn aber deswegen sind wir da nicht hin sondern am nächsten Morgen aufstehen und wir wurden

[43:34] eingeteilt zur Arbeit ein Teil zum Sammeln Einsammeln von gefallenen Soldaten und ein Teil auf dem Friedhof die müssen mit der Friedhofsarbeit schon noch während der Kämpfe angefangen haben weil es war schon eine Umrahmung da so niedrige Betonmauer mit

[44:05] äh na ja irgendwo wo die Ketten dran befestigt waren also die Umzäunung des Friedhofs war schon da und in der Mitte war schon ein Denkmal in Form eines Sowjetsternes und auf jedem Dreieck stand eine Panzerabwehrkanone und man hat dort äh gesagt da wären

[44:31] Generäle begraben na ja sind sind fünf Dreiecke das waren n bisschen viel Generäle aber ich hab keine Ahnung ka- konnte die Grabsteine nicht lesen damals gabs noch keine und heute als ich da wieder besucht habe 1990 äh konnte ich die kyrillischen Buchstaben

[44:57] auch nicht richtig lesen äh ich habe diese Leichen- äh -arbeit fast nicht ertragen es roch nicht gut wir hatten keine Handschuh es hat mich geekelt das waren zwar Menschen aber sie waren schon lange tot und ich habe zu dem einen Soldaten gesagt »ich bin

[45:31] Spezialist Beton« und der hat mich tatsächlich an ne Betonmaschine gestellt das waren solche kleinen Trommeln und wie man Beton macht das hab ich ganz schnell begriffen Wasser Zement Sand es kommt nur auf die Mischung drauf an beziehungsweise auf das Verhältnis

[45:56] aber ich habe mich überzeugt dass meine Gräber alle noch st- in Ordnung sind war dreimal wieder da einmal mit der Gemeinde und einmal mit meinen Freunden und äh das dritte Mal mit meinem Cousin aus Amerika dessen Vater in Auschwitz war und in Flossenbürg

[46:17] äh erschossen worden ist er wollte die Plätze an denen sein Vater gelebt und gewohnt in Anführungsstrichel hat wollte er gerne kennen lernen und da ham wir so ne Tour gemacht und äh ich weiß nicht es kommt mir immer so vor wie da hab ich was geschaffen

[46:42] da hab ich was gebaut auf dem Friedhof lagen auch zwei deutsche Offiziere das nannte sich Komitee Freies Deutschland oder so ähnlich und äh die Inschriften konnte ich lesen weil die waren in Deutsch und beim dritten Besuch war dort eine alte Breslauerin

[46:59] die nicht äh wie soll ich sagen nicht evakuiert war und die äh nachdem sie hörte dass wir Deutsch sprachen ganz freudig uns erzählt hat sie kann mir zwei deutsche Offiziersgräber zeigen und tja   als ob das von ihr Verwandte waren ja sie war da ganz von

[47:30] hin- und hergerissen dass da Deutsche liegen sag ich »na ja aber die Deutschen die hier liegen die haben gegen Deutsche gekämpft also« »ja aber das war richtig so« also sie war nicht nachtragend ja äh wie gings weiter

[47:47] die Einheit in der mein Vater damals

[47:51] gedient hat haben einige Nazis aufgrund der Kartei äh gefunden waren nicht allzu viele aber der große Moment war   der Chef der Gestapo   der   stand im Verdacht sich bei zwei jüdischen Mädchen verstecken zu wollen oder umgekehrt die zwei Mädchen standen

[48:35] im Verdacht ihm Unterschlupf zu gewähren es gab da auch einen Grund dafür   und   äh diese zwei Mädchen sind verwarnt worden von dieser Einheit dass wenn er auftauchen sollte dann würde das nicht geheim bleiben sie sollten also irgendwie versuchen die Kommandantur

[49:24] zu verständigen und das ist tatsächlich passiert ich stand im Hof äh der Eingang in das Haus in dem wir dort lebten oder überhaupt die ganze Kommandantur war der Eingang war von rückwärts und ich stand so unten und quatschte mit dem Posten es war ein

[49:44] Pole äh und plötzlich bog ein Motorrad um die Ecke ein russischer Offizier Nikolai und hinten drauf im ersten Moment nicht erkennbar der Gestapo-Onkel und er stieg ab und sah mich [gestikuliert] »ach da ist der Herr Nossen der kennt mich der weiß dass

[50:17] ich nicht bei der Gestapo war« mh also das war erste Mal dass der Herr mich mit Herr Nossen bezeichnet hat ich hab mich noch gar nicht so als Herr gefühlt und früher war ich aber der (__) und dann sagt der Dolmetscher zu mir »stimmt das kennst du ihn ?«

[50:39] sag ich »ja und ob« »war der in der Gestapo ?« sag ich »ne« sag ich »der war die Gestapo«   und ich bin ins Haus fand meinen Vater schlafend im Bett und meinen Vater zu wecken im Schlaf das war überzogen gesagt lebensgefährlich und ich hab ihn vorsichtig

[51:11] an der Zehe gezuttelt   und er wollte aufbrausen sag ich »psch sei ruhig guck mal zum Fenster runter vorsichtig« na er stand auf guckte zum Fenster runter und in einer Minute war der komplett angezogen richtig parademäßig Uniform Koppel Schulterriemen Pistole

[51:41] er hatte so ne Elf-Milimeter- K- äh -Pistole ich hab einmal damit geschossen ich hab gedacht mir fliegt die Hand weg ein unerhörter Rückschlag also treffen war mit dem Ding nicht möglich [gestikuliert] die Hand ging immer in die Luft ja ich durfte sie

[51:59] putzen und ich hatte von dem Büro das Schild »Gauhauptamtsstellenleiter« abgemacht   und das hab ich äh so als Andenken gedacht mir mitzunehmen und das hab ich geholt und hab das dem Dolmetscher gegeben und mein Vater kam in dem Moment aus dem Haus und

[52:35] der Gestapomann wechselte die Farben er stand da mit ausgefranster Hose also wirklich wie ein Landstreicher ich weiß nicht genau ob das Mache war ob tatsächlich dass er so runtergekommen ist ich weiß ja nicht wo er sich versteckt hat vor den Deutschen musste

[52:56] er sich ja nicht fürchten und na ja also es war eine unbeschreibliche [gestikuliert] Freude er wurde dann im Keller eingesperrt und es begannen die Verhöre und ich muss sagen äh die Russen waren nicht sehr freundlich beim Verhör aber die Polen und die

[53:20] Gestapo auch nicht ich hab se alle erlebt   und ich musste da Akkordeon spielen damit man das Schreien nicht hört

Daniel Baranowski

[53:35] darf ich noch mal kurz fragen weil ich nicht mehr genau hinterher komme jetzt das war äh im Mai bevor Sie verhaftet worden waren in der Zeit ?

Wolfgang Nossen

[53:45] ne das war da war ich schon äh da war ich schon wieder zurück im Mai ist nix passiert ich bin am elften Mai verhaftet worden und am 31ten Mai abends kam ich zurück

Daniel Baranowski

[53:57] ah ja okay

Wolfgang Nossen

[54:00] also das muss im Juni gewesen sein

Daniel Baranowski

[54:02] mhm

Wolfgang Nossen

[54:04] und ich weiß nur noch dass nach den Befragungen äh was Tacheles also was da unterm Strich rausgekommen ist das kann ich gar nicht mehr sagen jedenfalls es waren ja mehrere äh Gefangene da die sind eines Tages dann mit einem LKW abgeholt worden und wir ham

[54:32] da gesagt »na ja Sibirien« genau wusste das kein Mensch äh Tatsache ist einer meiner Freunde erzählte mir vor wenigen Jahren als ich ihn besucht habe dass eines Tages dieser Gestapo-Mann bei seiner Mutter gewesen sei in Israel   und ich konnte es gar nicht

[55:06] fassen erstens mal ist das viele Jahre her seit das gewesen sein soll und er hat vorher nie was darüber erzählt »na ja« sagt er »er hatte Angst gehabt dass ein Nazi seine Mutter besucht« »na ja« sag ich »Nazi wird er ja schon nicht mehr gewesen sein«

[55:31] und ich hab gesagt dass der verhaftet war und äh dass er abtransportiert wurde und wir hatten damals eben immer so lapidar gesagt »na ja Sibirien« viel- vielleicht hat das nicht gestimmt und vielleicht hat es ja gestimmt aber es ist ja wohl so dass meistens

[55:48] die Kleinen dran glauben müssen und die Großen und er gehörte ja zu den Großen äh die kommen recht gut davon   äh es gab auch andere Fälle dass sich Nazis in Israel versucht haben zu verstecken also ehemalige Häftlinge Unterlagen hatten se ja genügend

[56:13] und es sind auch welche ertappt worden wiedererkannt worden und äh es ist im Leben ist gar nichts ausgeschlossen die Einheit meines Vaters wurde dann nach Wien verlegt und für meinen Vater war eigentlich mit der Verhaftung von diesem Heinz Marsch die Nazizeit

[56:45] abgeschlossen der wollte sozusagen ein neues Leben anfangen und äh wollte sich da nicht weiter belasten hat ihm allerdings nichts geholfen was er wollte es ist dann noch ein hoher Gestapo-Beamter verhaftet worden in der DDR und oder nicht in der DD- also

[57:08] er ist jedenfalls als Zeuge benannt worden äh zu Recht   es gab ja ein erst mal Ausgangssperre im Sommer zwanzig Uhr im Winter 19 Uhr und äh es war uns verboten öffentliche Anlagen zu betreten beziehungsweise auf den Bänken zu sitzen da stand auch drauf

[57:34] »Für Juden verboten« und Kino Theater und so weiter war alles äh verboten aber mein Vater war sehr undiszipliniert und er ging ins Kino dann war das früher so da kam die Wochenschau dann gings Licht an dann kam irgendwelche Bauchladen- äh -verkäufer

[57:57] mit Bonbons oder Eis oder weiß ich was mein Vater dreht sich so und guckt direkt in das Gesicht von dem Gestapo-Mann na ja er hat den Film noch zu Ende angeguckt und saß dann zu Hause angezogen hat gewartet dass man ihn verhaften kommt und es kam nix und

[58:20] das war der Punkt den dieser Beamte nachher angegeben hat er hat einen Juden gerettet und mein Vater hat ausgesagt »jawohl das stimmt aber es gab in Breslau 36000 Juden einen hat er gerettet«   was das Urteil war habe ich keine Ahnung mein Vater hat mir das

[58:47] nur erzählt als ich mal aus Israel zu Besuch kam und äh aber das gab es immer wieder der Bruder von Hermann Göring hat viele Juden gerettet mit Wissen von Hermann Göring da gibts den berühmten Satz dass Göring gesagt hat »wer Jude ist bestimme ich«

[59:09] und dieser Bruder vom ihm ist immer wieder mal äh aufgelaufen bei den Nazibehörden und der Hermann hat ihn jedesmal wieder rausgeschlagen das gabs auch und ich hab Ihnen ja gestern erzählt die Geschichte von unserem Pfarrer äh Pastor also nicht alle waren

[59:45] äh Antisemiten nicht mal alle Nazis waren Antisemiten aber es gab auch Nichtnazis die trotzdem Antisemiten waren

Daniel Baranowski

[59:56] vielleicht können wir zu dem Punkt nochmal zurückkommen weil wir mh vorhin geendigt haben an einem Punkt chronologisch 1939 als Ihr Vater aus Buchenwald wieder zurückkam im Frühjahr hatten Sie glaub ich gesagt

Wolfgang Nossen

[1:00:11] [gleichzeitig:] ja im im März 39 soweit ich mich entsinne

Daniel Baranowski

[1:00:14] genau und jetzt gerade ham Sie äh einen Pfarrer erwähnt über den wir gestern schon gesprochen haben das war ja dann kurz danach diese Geschichte

Wolfgang Nossen

[1:00:23] [gleichzeitig:] das war 39

Daniel Baranowski

[1:00:25] die mit Ihrer

Wolfgang Nossen

[1:00:27] [gleichzeitig:] ja ja

Daniel Baranowski

[1:00:29] die mit Ihrer Mutter

Wolfgang Nossen

[1:00:31] [gleichzeitig:] ja

Daniel Baranowski

[1:00:34] zu tun hat vielleicht können wir an dem Punkt noch mal weiter erzählen was ist dann geschehen nach äh Frühjahr 39 ?

Wolfgang Nossen

[1:00:36] na ja ich erinnere mich mü- sehr gut äh dass dieser Pastor Benckert meine Mutter überzeugt hat dass sie ihre Konversion rückgängig machen soll und wieder in die Kirche eintreten soll

Daniel Baranowski

[1:00:52] darf ich ganz kurz noch mal eben dazwischen äh fragen vielleicht könnten Sie einmal die Namen Ihrer Eltern noch nennen ich glaub die ham wir noch gar nicht genannt

Wolfgang Nossen

[1:00:57] meine Mutter hieß Luci Lea [im Hintergrund Telefonklingeln] warum klingelt die hier ? [Schnitt] meine Mutter hörte auf den schönen Namen Lucia Hebräisch Lea und mein Vater Max Hebräisch Me'ir das war so üblich ist auch bis heute wir haben alle deutsche

[1:01:24] und hebräische Namen und äh

Daniel Baranowski

[1:01:30] Sie auch ?

Wolfgang Nossen

[1:01:32] ja da steht [zeigt auf seinen Ring] ach so das können Sie nicht lesen hier steht mh »M N« Mordechai Nossen aber das ist nicht die Übersetzung von Wolfgang aber wir hatten in der Gruppe einen Wolfgang der n bisschen [gestikuliert] neben der Mütze lief

[1:01:53] und ich wollte nicht verwechselt werden [lacht] und da hab ich mir 19- äh -48 einen anderen Namen zugelegt der hieß zuvor Ze'ev Ze'ev heißt Wolf und ich hab mir dann den Mordechai ausgesucht das ist ein Name aus der Bibel das ist die Geschichte von Purim

[1:02:16] ich weiß nicht ob Sie die kennen das muss man ja nicht und äh tja deswegen wenn ich unterschreibe äh dann schreibe ich Wolfgang M Punkt Nossen und wenn ich in Israel unterschrieben habe hab ich geschrieben Mordechai W Punkt [lachend:] Nossen das war auch

[1:02:46] mal in meinem Pass jetzt in dem neuen ist das gar nicht mehr verzeichnet und da hab ich immer wieder Schwierigkeiten gehabt wenn ich hier einen Flugschein ge- äh gelöst habe dann stand da Wolfgang Nossen jetzt kam ich mit meinem Pass nach Israel ich muss

[1:03:00] immer mit dem israelischen Pass ein- und ausreisen und da stand Mordechai »wer ist der Wolfgang ?« sach ich »das bin ich auch« [lacht] das war immer schwierig obwohl es ja ganz einfache Erklärung ist das war schwierig immer mit so nem Nullachtfuffzehn-Beamten

[1:03:16] da klarzukommen

Daniel Baranowski

[1:03:18] jetzt hatt ich Sie wieder unterbrochen weil sie von dem Pfarrer erzählen wollten

Wolfgang Nossen

[1:03:24] ja also wie gesagt Pfar- Pastor Benckert hat also glücklicherweise äh meine Mutter überzeugen können dass es ratsam wäre wenn sie nicht mehr Jüdin wäre weil das war ja leicht sie war ja ursprünglich äh christlich Christin und ist erst mit 21 Jahren

[1:03:48] äh konvertiert weil meine Großeltern äh speziell mein Großvater äh überhaupt nicht damit einverstanden war äh dass mein Vater eine Nichtjüdin heiratet und ihm hat auch der die Konversion nicht genügt er hat das ist bei vielen Juden üblich seinen

[1:04:15] Sohn quasi für tot erklärt das heißt er hat das Kaddisch gesprochen nachdem mein Vater geheiratet hat was ihn aber nicht gehindert hat nachdem er meine Mu- mich und damit meine Mutter kennengelernt hat dass sie die liebste Schwiegertochter war das ist ist

[1:04:34] so menschlich und äh dieser Pastor ist also praktisch äh unser Lebensretter gewesen weil auch mein Vater ja dadurch mehr geschützt war   und ähm   die Geschichte ich habs gestern schon erwähnt [eine Person betritt den Raum und verlässt ihn wieder]  

[1:05:10] hat nicht geklopft [lacht] äh ja äh ich hab diese Geschichte mal meiner Frau erzählt und ich habe dann   bei einer Veranstaltung in Gotha zu Ehren des damaligen äh Stadtkommandanten der Wehrmacht der Kampfkommandant nannte sich das ein äh Ritter von Gadolla

[1:05:40] ich glaube Oberstleutnant ist er gewesen der hat die Stadt die Bevölkerung äh aufgefordert die weiße Fahnen zu hissen und ist den Amerikanern entgegen gefahren und wurde auf dem Wege da verhaftet k- nach Weimar gebracht und standgerecht erschossen und in

[1:06:01] der Kaserne in bei Gotha in Ohrdruf wurde durch die Bundeswehr ein Saal umbenannt auf Ritter von Gadolla-Saal und der Mann der das äh angeleiert hat sag ich war ein Herr Brissa   den hab ich da kennengelernt und wir kamen ins Gespräch ich habe dann auch die

[1:06:32] Nachkommen und die Familie von dem von Gadolla kennengelernt es gab dann noch weitere Veranstaltungen wo man sich traf und der Herr Brissa war damals der Büroleiter von äh   dem   Beauftragten der für die Bundeswehr oder so ähnlich äh Herr Robbe und

Daniel Baranowski

[1:07:05] Wehrbeauftragter glaube ich

Wolfgang Nossen

[1:07:07] [gleichzeitig:] Wehrbeauftragter genau Wehrbebauftragter Robbe und der Herr Brissa hat uns eingeladen ihn mal zu besuchen im Reichstag also im im im Bundestag und ich war natürlich gleich Feuer und Flamme äh weil diese Kuppel die hat mich mächtig interessiert

[1:07:29] die ganze Geschichte drumrum und so weiter und wir sind tatsächlich da hingefahren meine Frau hat ne Tochter in Berlin ich hab auch dienstlich viel zu tun gehabt in Berlin äh jedenfalls hatten wir uns dort äh am Reichstag getroffen und er hat uns reingeführt

[1:07:52] wir sind in die Cafeteria gegangen haben dort äh Kaffee Tasse Tasse Kaffee getrunken Stückchen Kuchen gegessen und unterhalten ich weiß jetzt nicht mehr genau wie der Zusammenhang war jedenfalls er sagte ja also äh äh ein bisschen ist er ja auch Breslauer

[1:08:11] sag ich »und wie das« »na ja«sagt er »mein Großvater kommt aus Breslau der war dort Pastor oder Pfarrer« da hab ich noch gefragt »Par- Pfarrer oder Pastor« weil ich immer dachte Pfarrer heißt es bei den Katholiken und Pastor bei den Evangelen das

[1:08:28] stimmt aber nicht das kann beides äh sein und dann sagt er »ja also sein Großvater war Pastor in Breslau« sagt er »und der war auch nach dem Krieg in Erfurt« da wurde ich aufmerksam sag ich »jetzt sagen Sie nur nicht dass der Benckert hieß« sagt er

[1:08:53] »doch ist mein Großvater« und meine Frau kriegte ganz lange Augen   staunte was es für Zufälle gibt und ich natürlich auch na ich bin mit dem Herrn Brissa bis heute in Kontakt er ist jetzt im Bundespräsidialamt das heißt das war die letzte Information

[1:09:20] die ich hatte äh seit ein paar Monaten hab ich äh keine Korrespondenz also elektrische elektronische äh Ko- Korrespondenz mehr mit ihm aber das äh war so ne Geschichte hier in der Predigerkirche die ist da drüben irgendwo [zeigt mit dem Finger] da ist

[1:09:45] er äh verzeichnet unter den ehemaligen Pastoren der evangelischen Kirche ja kleine Welt

Daniel Baranowski

[1:09:53] wie ist es dann weitergangen äh wie haben Sie den Kriegsausbruch erlebt ham sie da Erinnerungen dran Sie waren erst acht Jahre

Wolfgang Nossen

[1:10:02] [trinkt] da hab ich Erinnerungen leider   meine älteste Schwester und ich sind erkrankt an Diphtherie und kamen ins Krankenhaus im Bett neben mir lag ein Junge damals lag man mit Diphtherie im Krankenhaus heute bleibt man zu Hause der war der einzige der Besuch

[1:10:36] bekommen hat oder bekommen durfte das Zimmer war im vierten Stock und es war Winter es war äh   Dezember und ich lag vier Wochen   in dem Krankenhaus und konnte nur [pustet] die Eisblumen am Fenster frei hauchen dass ich durch son kleines Loch meine Familie

[1:11:07] im Hof unten äh sehen konnte   dieser Junge der neben mir im Bett lag war der Sohn eines hohen SS-Offiziers ich hab mir den Namen gemerkt Wieczorek das sind so ausgefallene Namen Müller kann ich vergessen aber Wieczorek das hab ich mir gemerkt und der hatte

[1:11:31] n weißen Mantel an also Ärztekittel aber der war nicht ganz zugeknöpft erst mal hat man die Stiefel gesehen und der Junge hats dann stolz erzählt wer sein Vater ist ich hab nicht erzählt wer ich bin weil normal hätt ich gar nicht in dem Krankenhaus sein

[1:11:54] dürfen und meine Schwester wurde nach zwei Wochen entlassen und ich hatte Scharlach-Verdacht und durfte vier Wochen bleiben und das war ich bin entlassen worden kurz vor Weihnachten wobei Weihnachten bei uns wir hatten Chanukka und Weihnachten immer doppelt

[1:12:13] geschenkt äh doppelt gefeiert aber nicht doppelt geschenkt ja und äh das war wie gesagt der Kriegsbeginn und äh

Daniel Baranowski

[1:12:30] also Sie waren zu Kriegsbeginn im Krankenhaus gewesen

Wolfgang Nossen

[1:12:33] [gleichzeitig:] ich war äh ja der Krieg hatte ja im September angefangen aber ich war äh Ende November sowas äh eingeliefert und bin also kurz vor Weihnachten äh bin ich nach Hause gekommen entlassen worden und äh aber im gleichen Jahr im Frühjahr mein

[1:13:00] Vater war kaum aussem Lager zurück hatte ich meine erste persönliche Begegnung mit der Gestapo mein Vater war äh sehr sportlich veranlagt er ist Radrennen gefahren er war niederschlesischer Meister im Ringkampf Jugendmeister einer seiner äh Trainingspartner

[1:13:27] war ein späterer Gestapo-Beamter der in einem Prozess für ihn ausgesagt hatte dazu gehörte sehr viel Mut als offizieller Nazi für einen Juden der extra aus dem Lager gebracht wurde zu dem Prozess aber er er war nach allem oder vor allem Sportler dieser

[1:13:55] Nazi und hat für meinen Vater ausgesagt und damit wer weiß vor was bewahrt von dem ham wir aber nie wieder was gehört äh nach dem Krieg äh unter anderem hatte mein Vater eine Übungshandgranate sag ich mal also die deutsche Wehrmacht hatte früher solche

[1:14:25] Stielhandgranaten die Eiergranaten die kamen später und das war aber nur ein ein Griff vorne ein Kopf dran der Kopf war mit Eisen ummantelt [gestikuliert] und damit hat man trainiert Weitwurf und

Daniel Baranowski

[1:14:46] [unterbricht:] so eine Attrappe sozusagen

Wolfgang Nossen

[1:14:49] [gleichzeitig:] ja das das war äh son son Übungsgerät man konnte ja nicht ne echte Stielhandgranate nehmen nicht obwohl da musste man [gestikuliert] hinten aufschrauben n Zünder äh Lunte rausziehen und dann hatte man noch drei Sekunden bis zur Explosion

[1:15:09] man musste zählen 21 22 und dann schmeißen und sich gleich hinfallen lassen äh später hab ich das zur Genüge geübt jedenfalls äh ich weiß nicht mehr genau wie es dazu gekommen ist ich war in einem äh Tante Emma Laden so vis-à-vis da wo wir in Breslau

[1:15:36] gewohnt haben und irgendwie son großen Mund hab ich ja gehabt steht in meinen Zeugnissen »oft vorlaut« »betragen sehr gut aber oft vorlaut« [schmunzelt] äh da hab ich gesagt »na ja also wenn da was ist dann schmeißt mein Vater seine Handgranate rein

[1:15:55] und da ist äh alles in Ordnung« irgendjemand muss das weitergetragen haben jedenfalls kam äh Polizei und wollten die Handgranate war keine da meine Mutter fiel aus allen Wolken und ich wurde also mitgenommen war äh bei der Gestapo habe ich meine ersten

[1:16:29] meine erste Tracht Prügel bezogen ich sollte sagen wo die versteckt ist ich sag »wir haben nie ne Handgranate gehabt keine Ahnung was soll man damit«   und was ich nicht wus- äh ich hab keine Ahnung wo die verschwunden war die war tatsächlich nicht da

[1:16:49] es gab ne Haussuchung und man hat nichts gefunden und meine Mutter hatte überhaupt keine Ahnung ich hatte natürlich Heidenangst zu sagen wie es da überhaupt dazu gekommen ist dass ich da wieder bissel angegeben hab und also die Gestapo war am Ende überzeugt

[1:17:10] oder vielleicht auch nicht aber sie ham mich wieder gehen lassen nachdem ich wie gesagt meine Prügel mehr oder weniger verdaut hatte und äh ich hab zu Hause gar nicht gefragt wo das Ding ist es war weg glücklicherweise oder nicht glücklicherweise jedenfalls

[1:17:32] äh hab ich da meine Lektion gelernt Mund halten

Daniel Baranowski

[1:17:38] das war vor Ausbruch des Krieges noch ?

Wolfgang Nossen

[1:17:42] war vor im Frühjahr [trinkt]

Daniel Baranowski

[1:17:45] wie verlief dann 1940 beginnend Ihr Leben weiter in Breslau Sie waren zunächst geschützt

Wolfgang Nossen

[1:17:56] ja äh wir waren bis äh   bis 1943 Frühjahr 43 wurden wir abtransportiert da wurden die verbliebenen Juden im Rahmen der so genannten Entjudung des deutschen Territoriums konnte man ja den Ariern nicht mehr zumuten mit Juden Tür an Tür zu wohnen und wir

[1:18:29] kamen dann in das Stadtghetto in Breslau äh es gab aber nicht nur eins äh da waren vier Häuser vier fünfstöckige Häuser die alle belegt waren mit jüdischen Familien alle so genannte Mischehen ab und zu ist da auch jemand verhaftet worden und ins Lager

[1:19:00] gekommen aber wie gesagt wir waren nicht dabei Gott sei Dank bis zum Februar 45 im Frühjahr 43 äh Frühjahr 44 wurde ich äh zur Gestapo bestellt und kam eben zu diesem Hauptstellenleiter und er hat mir klargemacht ich müsste jetzt also arbeiten ja und

[1:19:39] bei meinem Vater musste ich auch schon helfen das war nichts Erschreckendes für mich und äh meine erste Arbeitsstelle wie gesagt das war da auf dem jüdischen Friedhof oder sogenannten jüdischen Krankenhaus bei der Karla und ich war dann äh quasi da Einkäufer

[1:20:00] sie schickte mich da und dort Gemüse kaufen und dieses und jenes je nachdem was es eben auf unsere billigen Lebensmittelmarken so gab und das äh ich weiß nicht wie lange ich dort war ich hab äh viele Fehler gemacht im Leben einer davon war dass ich mein

[1:20:24] Arbeitsbuch weil da vorne drauf der Naziadler war das hab ich weggeworfen und äh da standen drin die verschiedenen Arbeitsstellen die denen ich zugeteilt war ähm ich hab mir das nicht gemerkt wie wie lange ich in jeweiliger Stelle war ich hatte diese Stelle

[1:20:51] da im Krankenhaus ich hatte eine zweite Stelle als Hilfsheizer im Breslauer Scha- Hallenschwimmbad ich hatte eine dritte Stelle bei einer alten Dame in einer vornehmen Villa die ihr Leben gefristet hat mit äh Repassieren heißt das von Damenstrümpfen

Daniel Baranowski

[1:21:15] Repassieren ?

Wolfgang Nossen

[1:21:18] ja also wenn eine Masche gelaufen war dann hat die das mit so ner kleinen Nadel wieder aufgefädelt und dann den Strumpf also wieder in Ordnung gebracht das war dann nur ein kleiner Punkt zu sehen wo des wo die Laufmasche zu Ende war und da hatte ich von ihr

[1:21:39] so ein Fahrrad [gestikuliert] vorne mit nem na ne Art Gepäckträger und da waren die ganzen Beutel von den Geschäften äh die ich zuvor abgeklappert habe die Strümpfe zur Reparatur eingesammelt hab musste ich dann wieder äh ausfahren muss sagen das war

[1:22:05] eine sehr angenehme Zwangsarbeit die wiederum leider sehr schnell zu Ende ging aber ich hab dabei gelernt wie man aus Zuckerrüben Sirup macht die hat in ihrer Waschküche   Zuckerrüben also geschält und dann geschnipselt und gekocht dann wurde das ganze

[1:22:36] Zeug gepresst und der Saft wurde dann dick gekocht und genau das hab ich dann in Israel gemacht [lacht] ham alle gestaunt und es hat auch gut geschmeckt es war ja selber gemacht äh wie gesagt es war leider auch nur eine kurze Zeit dann ähm wurde ich eingesetzt

[1:23:00] zum Splittergraben und Panzergraben ausheben und das war das war schon bittere Knochenarbeit und der letzte Einsatz war äh beim Rollfeldbau in der Kaiserstraße in Breslau da wurde die wirkliche Prachtstraße wurde zerstört erst angezündet nachdem die ausgebrannt

[1:23:30] war wurden die Ruinen gesprengt und wir mussten dann die Steine zu Schotter schlagen mit nem Vorschlaghammer und da hab ich richtig arbeiten müssen das war also das war schon schwer

[1:23:48] P- Ostern 45 waren wir fertig und wollten das mit einem kleinen Umtrunk äh

[1:23:58] feiern dann kam eine Reihe russischer Bomber und haben sehr genau einen Trichter nach dem anderen auf die Rollbahn platziert so dass soweit mir bekannt nur ein einziges Mal ein Flugzeug dort gestartet äh gelandet und gestartet ist für die Versorgung von

[1:24:23] Breslau hat es null gebracht und es gab dann äh Versorgungsbomben also das waren Blechbomben an Fallschirmen die dann runtergegangen sind und es kam mal vor dass ich bei so ner Bombe der erste war aber ich hab mich nicht rangetraut   Plündern war mit Todesstrafe

[1:24:49] verboten aber es äh es sind sehr sehr viele solche Versorgungsbomben abgeworfen worden aber was heißt viele Breslau hatte zu der Festungszeit noch immerhin an die 200000 Menschen ursprünglich waren 600000 44 mit den Flüchtlingen aussem Westen waren es

[1:25:20] ungefähr eine Millionen Menschen die in Breslau zusammengepfercht waren aber seit Oktober 44 gab es einen Befehl der äh Kreisleitung der NSDAP die Stadt zu räumen und bis auf äh bestimmte Ausnahmen die zur Arbeit äh da bleiben mussten in Breslau gabs

[1:25:43] ja auch nicht wenig Rüstungsbetriebe und äh dadurch gab es unheimlich viel äh Wohnraum Breslau hat den ersten Bombenangriff überhaupt äh Anfang Oktober 44 gehabt und da ist nicht viel passiert sie wollten äh so glaube ich die Eisenbahnbrücken treffen

[1:26:10] aber sie haben keine einzige getroffen immer hundert Meter neben der Bahnlinie und äh ich würde sagen ist auch Blödsinn die ham se ja dann selber gebraucht und äh ich hab diesen Bombenangriff nicht in der Stadt miterlebt sondern ich war außerhalb und

[1:26:40] äh hab gesehen was Christbäume heißt wissen Sie was das ist ?

Daniel Baranowski

[1:26:45] mh das ist so ne Art Bomardierung

Wolfgang Nossen

[1:26:48] [gleichzeitig] ne Christbäume sind äh Leutchtbomben an Fallschirmen es war taghell man konnte Zeitung lesen so hell es waren so äh nicht Phosphor Magnesium glaub ich die so langsam vom Himmel schwebten vielleicht fünf bis zehn Minuten und dann ham sie

[1:27:11] neue geworfen also die ham erstmal ihr zu bombardierendes Feld taghell erleuchtet die Angriffe waren meistens in der Nacht   warum weiß ich nicht weil die na ja das ham die wahrscheinlich nicht gewusst die Wehrmacht hatte nicht mehr viel Munition äh für

[1:27:29] die Flak

Daniel Baranowski

[1:27:32] wie ham Sie denn eigentlich diese Angriffe dann wahrgenommen war das für Sie im Hinblick auf die Befreiung äh erfreulich oder irgendwas anderes

Wolfgang Nossen

[1:27:44] [gleichzeitig:] ich habe ich hab ja ganz genau ich habe nicht eine Sekunde äh daran gedacht dass es mich auch treffen könnte jede Bombe war für mich ein Lichtblick hat mich gefreut das ist vielleicht makaber aber wenn man so viele Jahre äh der Verfolgung

[1:28:05] hinter sich hat dann ich habe nur äh daran gedacht dass ich äh so weit schon gekommen sind oder dass wir so weit gekommen sind dass die Russen schon in greifbarer Nähe sind und da wäre es schon äh schlimm wenn ich sie nicht mehr se- äh begrüßen könnte

Daniel Baranowski

[1:28:28] wie war denn die Nachrichtenlage wussten Sie dass Breslau Festung ist zu dem Zeitpunkt ?

Wolfgang Nossen

[1:28:35] ja natürlich die da gabs ja Plakate also die Druckereien ham ja noch gearbeitet und das waren so ich glaube ein- äh sechzig mal hundert große Plakate »Breslau zur Festung erklärt« da stand genau drin wer raus muss und wer nicht raus darf äh und äh

[1:28:56] das war also kein Geheimnis wir hörten wir hörten am   ersten Mai glaub ich dass Hitler t- im Kampf gefallen ist   da gabs noch Sender die durchgekommen sind

Daniel Baranowski

[1:29:16] in dieser Zeit äh ich weiß nicht mehr ob Sie das Datum schon genannt haben oder ob ichs vergessen hab war ja dann Ihr Vater schon nicht mehr bei Ihnen weil er nach Groß Rosen deportiert worden ist

Wolfgang Nossen

[1:29:30] ja das war schon im im im Herbst äh 44

Daniel Baranowski

[1:29:34] würden Sie das noch mal erzählen wie es dazu kam

Wolfgang Nossen

[1:29:37] [gleichzeitig:] das äh na ja   ne nich im Herbst das äh war noch Sommer das war ganz einfach die äh in der Regel war es so dass äh man bekam eine Mitteilung »sie haben sich am um so und so viel Uhr da und dort mit Handgepäck einzuri- -finden« sie sind

[1:30:05] nicht vorgefahren und haben eingesammelt sie haben einfach eingeladen auf Deutsch gesagt also und tja ich weiß nicht mehr den Monat wann das gewesen ist die Aktion aber es war irgendwie im Sommer äh das erste Lager das war Kurzbach und von Kurzbach wurden

[1:30:30] die dann verlegt in Kurzbach da waren die in so nem Bauernhof eingesperrt gab natürlich Stacheldraht und elektrische äh elektrisch geladenen Stacheldraht und so weiter äh den gabs aber nicht von Anfang an das ham die dann sich selber ein- [lachend:] einsperren

[1:30:54] müssen und ham dort genauso äh äh na wie heißt das Panzergräben ausheben müssen wie ich dann später am Stadtrand in Breslau

Daniel Baranowski

[1:31:07] Ihre Mutter Sie und Ihre Geschwister äh sind in Breslau geblieben mussten nicht mit

Wolfgang Nossen

[1:31:14] ne ne wir waren äh die ganze Zeit zusammen im Ghetto dann in dem Barackenlager und dann die letzten drei Monate im Versteck wir nannten das damals wir machen U-Boot [lacht] tauchen unter und äh ich hatte da natürlich eine sehr wichtige Aufgabe wir hatten

[1:31:42] keine Lebensmittelkarten mehr wir waren ja illegal und äh zum einen als ich äh auf der Rollbahn gearbeitet habe da gab es jeden Tag einen Bezugsschein für äh Fleischwaren und es gab so viel Lebensmittel überhaupt in in Breslau die Lagerhallen die waren

[1:32:15] rammelvoll der Zirkus Busch war voll mit lebenden Rindern und äh also Essen Essen hat da nicht gefehlt und ich hatte eine besondere Vorliebe für fremder Leute Keller ich hab äh eine schöne große Jacke gehabt mit tiefen Taschen und bin in Keller eingebrochen

[1:32:50] und hab die durchsucht nach Lebensmitteln und ich war überrascht das hat mir jedes Mal mehr Freude bereitet was ich alles gefunden habe was die Leute so gehamstert hatten da gab es Schokolade und nicht etwa vom vorm Krieg die wär kaputt gewesen war französische

[1:33:11] Schokolade die zwar nicht besonders geschmeckt hat jedenfalls heute nicht damals als wir keine hatten da war das wunderbar ich habe Parfüms gefunden das die deutsche Wehrmacht hat in Frankreich gelebt wie man so sagt Gott in Frankreich die ham da sehr viel

[1:33:32] nach Hause geschickt ich habe Unmengen von Wehrmachtsdosen mit äh Rindfleisch Schweinefleisch entdeckt ich habe Speckseiten gefunden und es war nicht mehr wichtig koscher nicht koscher wichtig war irgendwas zu essen und man musste sich natürlich durfte sich

[1:33:51] nicht erwischen lassen das wär für mich (_) schlimm gewesen aber sterben kann man eh nur einmal äh bei Plündern hab ich schon vorher gesagt äh stand die Todesstrafe aber das wichtigste ist dass man sich nicht erwischen lassen darf und äh ich war dann

[1:34:11] wirklich spezialisiert um in meiner weiten Jacke alles Mögliche unterzubringen und äh so ham wir eigentlich verpflegungsmäßig diese Zeit äh im Versteck ganz gut überstanden war vorher ein bisschen magerer als dann am Ende des Krieges

Daniel Baranowski

[1:34:39] wie ham Sie diese ähm Rolle also Ihre Rolle im Alter von 13 14 Jahren

Wolfgang Nossen

[1:34:47] [unterbricht:] ja 14 Jahre war ich da

Daniel Baranowski

[1:34:50] äh empfunden dann also ich verstehe es so es hört sich für mich so an dass Sie derjenige gewesen sind der sich um die Familie gekümmert hat

Wolfgang Nossen

[1:34:58] ich war der Haushaltsvorstand ich kam mir sehr wichtig vor im Endeffekt war ich das ja auch aber [räuspert sich]   ähm es war bin mal gefragt worden ob ich da irgendwie schlechtes Gewissen hätte pff sag ich »ne wieso« »na Sie sind eingebrochen« sag ich

[1:35:21] »ja und   wenn nicht ich dann vielleicht ein anderer nach dem Krieg war sowieso alles futsch« dann sind die Ostarbeiter die so genannten Ostarbeiter äh aus den Lagern gekommen und ham sich dann in den Häusern niedergelassen und was ich nicht gegessen habe

[1:35:41] haben die gegessen also die ursprünglichen Besitzer waren ja weg sind zwar Trecks zurückgekommen in einem solchen Treck hab ich nachher äh nachdem ich aus dem äh russischen Lager geflüchtet bin äh bin ich mit einem Rückwanderertreck zurück in die Stadt

[1:36:02] aber die meisten haben sowieso ihre Häuser nicht mehr vorgefunden

[1:36:09] Breslau war achtzig Prozent zerstört also man ist da Kilometer durch die Stadt gelaufen also von Süden speziell ich war ja äh außer- südlich äh von Breslau war war die dieser Ort da konnte

[1:36:27] man äh praktisch bis beinahe bis zum Hauptbahnhof durchgucken   und das ist auch heute zum großen Teil nicht bebaut als ich 1990 das erste Mal äh nach Breslau kam hab ich gestaunt aus dem Auto raus diese wahnsinnigen Grünflächen   die sich dann als Unkrautflächen

[1:36:52] entpuppten als wir ausgestiegen sind war nicht etwa angebaut oder irgendwas dafür ham wir aber neue Stadtteile entdeckt die es zu unserer Zeit nicht gegeben hat und insgesamt wohnen heute in Breslau genau so viele Menschen wie vor dem Krieg also 600000

Daniel Baranowski

[1:37:09] vielleicht können wir noch mal einen äh kurzen Schritt zurückgehen äh und über die Zeit sprechen äh zwischen 1940 und 1943 dem erzwungenen Umzug dann in die Judenhäuser

Wolfgang Nossen

[1:37:28] [gleichzeitig:] ja äh

Daniel Baranowski

[1:37:30] konnten Sie da noch zur Schule gehen ?

Wolfgang Nossen

[1:37:33] [gleichzeitig:] ja ja also die äh wie gesagt ich bin ja in die jüdische Schule gegangen die dann später Gestapo-Lei- äh L- Leitstelle wurde und äh nach dem äh zehnten November waren wir ein paar Tage ohne Schule und sind dann äh aufgefordert worden

[1:37:53] in Breslau gab es das jüdische Gymnasium und es gab äh noch eine weitere jüdische Schule und es gab den so genannten Freundesaal   der war auch mitten in der Stadt und wir hatten dann in diesen Gebäuden die erste Schule das war im jüdischen Gymnasium in

[1:38:22] der Rehdigerstraße oder Rehdigerschule erinner ich mich es war ein wahnsinnig kalter Winter und man musste also ich wir wohnten äh Breslau-Südost in der ganzen im ganzen Haus waren zwei oder drei jüdische Familien und von dort in die Schule kam mir damals

[1:38:49] wahnsinnig weit vor als ich dann da war und von unserem Haus bis dahin so gut wie kein Haus stand war das gar nicht so weit aber der Winter war wahnsinnig kalt und ich mag keine Kälte bis heute nicht   und ich erinnere mich noch gut ich kam an der Schule an

[1:39:17] und ein Junge rieb sich so die Ohren [gestikuliert] und brach ein Ohr ab können Sie sich vorstellen wie kalt es war trotz dieser billigen Ohrschützer die man so hatte und die Schule war natürlich nicht geheizt und wir durften wieder nach Hause gehen ich

[1:39:48] hab bald den ganzen Weg geheult vor Kälte und dieses Bild mit dem abgefallenen Ohr ging mir ewig nicht aussem Kopf nach der Schule nach dem Rehdigerheim das wurde dann auch beschlagnahmt sind wir unterrichtet worden im Freundesaal so hieß der in der Graupenstrauße

[1:40:05] und danach in der Wallstraße Wallstraße war unter anderem das Büro der Jüdischen Gemeinde in Breslau außerdem im Hof stand die Synagoge Zum Weißen Storch so hieß die wir ham die immer nur Storch-Synagoge genannt äh die steht bis heute die ist wieder

[1:40:31] saniert worden da gibts eine norwegische Jüdin die hat einen polnischen Juden geheiratet und ist nach Breslau und die hat da irgendeinen Verein gegründet und zwar heißt die Anetta Kahane wird Ihnen sicher g- geläufig sein der Name ja was mich geärgert

[1:40:48] hat bei ihr bei der Einweihung hat sie mich nicht eingeladen obwohl sie mich kennt oder kannte und ich wäre gerne dabei gewesen weil in die Storch-Synagoge hab ich 1990 besucht mit meinen beiden Freunden da gibts auch noch Fotos davon äh die war total verkommen

[1:41:11] und ich war dort oder wir waren dort mit dem damaligen Vorsitzenden der Gemeinde äh und ich sag »wie sieht denn das hier aus aussem Dach oben ist ein kleiner Baum gewachsen ?« sagt der mir » (azoy) so haben die Nazis das übergelasst« also »so haben die

[1:41:37] Nazis das zurückgelassen« sach ich »das stimmt nicht ich hab hier 1945 am Gottesdienst teilgenommen hier war außer außer dass die Bestuhlung nicht mehr da war jeder hat sich einen Stuhl mitgebracht so äh und die Fensterscheiben waren zum großen Teil

[1:41:55] durch Explosionen zerplatzt aber das Gebäude war in Ordnung das sah hundertmal schöner aus als jetzt völlig verkommen« und äh   der hat sich nicht getraut irgendwas über die Polen zu sagen das die ganze Synagoge da war son Schild in roter Schrift auf

[1:42:18] weißen Untergrund äh dass äh die Häuser alle durch die polnische äh die Wojewodschaft glaub ich heißt der diese das polnische Wort für für Provinz oder was weiß ich oder äh beschlagnahmt sind und betreten verboten und das und das und das und beim

[1:42:42] zweiten Besuch konnten wir dann die Synagoge besuchen innen drin und da waren äh Fotos an den Wänden wie es mal war und wie es werden soll und inzwischen hat man mir berichtet äh ist Ihnen mal eine Katharina Fliegler Fliedler unterweg gekommen ?

Daniel Baranowski

[1:43:09] Friedla

Wolfgang Nossen

[1:43:12] Katharina Friedla die war hier bei mir wir sind bis heute noch in elektronischer Verbindung sozusagen und die macht schon seit Jahren ihr Doktorat über die schlesischen Juden oder Breslauer Juden ich weiß nicht genau was sie hatte lange Zeit in Warschau

[1:43:34] gearbeitet äh auch in Berlin äh ihre Eltern leben in Jersualem und ihre Großeltern in Krakau und von der wusste ich die kennt auch die

Daniel Baranowski

[1:43:47] Karla Wolff

Wolfgang Nossen

[1:43:50] Karla Wol- [Schnitt]

Daniel Baranowski

[1:43:53] und Sie sind jetzt darauf gekommen

Wolfgang Nossen

[1:43:56] [gleichzeitig:] (_)

Daniel Baranowski

[1:43:58] weil Katharina Friedla über die Breslauer Juden gearbeitet hat

Wolfgang Nossen

[1:44:01] ja

Daniel Baranowski

[1:44:04] und irgendwas mit der Synagoge äh wollten Sie erzählen nach 1990

Wolfgang Nossen

[1:44:07] [gleichzeitig:] na ja die Katharina Friedla hat mir auch gesagt dass die Anetta Kahane sich da bemüht die Storch-Synagoge wieder auf Vordermann zu bringen und so weiter und so weiter und ich hab die Anetta in Berlin äh kennengelernt äh über das Geiger-Kolleg

[1:44:22] da ist sie mal aufgetreten sie singt ja die Anetta und äh wir ham uns dann ziemlich lange unterhalten und so weiter und sie wusste also dass ich Breslauer bin dass ich die Synagoge besser kenne als sie aber auf die Idee mich zur Einweihung einzuladen ist

[1:44:42] sie nicht gekommen

Daniel Baranowski

[1:44:44] Sie ham jetzt ja mehrmals erwähnt dass Sie nach 1990 dann öfter in Breslau waren

Wolfgang Nossen

[1:44:48] ja

Daniel Baranowski

[1:44:50] können Sie die Gefühle die Sie der Stadt entgegenbringen wenn Sie sie heute sehen beschreiben ?

Wolfgang Nossen

[1:44:56] nein also ich ich kann schon beschreiben ich hatte keine Gefühle ich hab das auch mal dem Vorsitzenden des Bundes der Vertriebenen eine unrühmliche Person in Erfurt gesagt sag ich »ich bin genauso Vertriebener wie Sie nicht nur einmal« sag ich »Sie werden

[1:45:19] mich nie vertreten« er ist ein Revisionist er musste auch von seinem Posten zurücktreten dafür habe ich mit anderen Leuten gesorgt weil er doch äh immer noch ein bisschen dem alten System verhaftet war und äh ich habe ihm gesagt »wissen Sie ich bin in

[1:45:43] Breslau geboren es gibt nichts in Breslau was mich reizen könnte auch nur eine Minute traurig zu sein dass es heut polnisch ist   es stört mich gar nicht im Gegenteil ich bin zufrieden dass Deutschland mal ein bisschen bezahlt hat«   ich habe keine äh also

[1:46:09] bis 45 keine f- äh freudigen Erlebnisse in Breslau gehabt die irgendwelche Sentimente in mir wachrufen könnten es waren eine traurige Zeit es war eine schlimme Kindheit die Zeit nach der Befreiung also von Mai bis September gut äh da hatte ich wieder andere

[1:46:38] böse Erlebnisse mit den Polen aber das konnte ich noch verstehen weil die Polen äh haben es so gelernt mit denen ist man ja nicht sehr pfleglich umgegangen im Dritten Reich aber ich sag das noch bis heute das ist Deutschland wollte sich nach Osten vergrößern

[1:46:58] das steht in »Mein Kampf« deutlich geschrieben das konnte jeder wissen alle waren begeistert »ihr habt bei der großen Rede im Sportpalast alle geschrien [gestikulierend:] ja ja ja« es sind leider von denen die damals »ja« geschrien haben nicht mehr

[1:47:18] viele übrig die könnten sich dann sehen wie sie begeistert waren und wie gesagt es   war das eigene Verschulden sie haben sich als Herren gefühlt viele tun das immer noch und äh sie waren einkaufen und äh haben die Rechnung dann bekommen so seh ich das

[1:47:56] mein Vater hat das anders gesehen mein Vater war schnell im Vergeben ich kann das nicht ich hatte Onkel Tanten Großeltern Cousins Cousinen ich hab nichts mehr und das treibt mich um

Martin Hölzl

[1:48:15] gibt es die Häuser noch in Breslau in denen Ihre Familie gelebt hat also Ihr ursprüngliches Elternhaus und dann das Haus in dem Sie ab 1943 gezwungen waren zu leben ?

Wolfgang Nossen

[1:48:33] [gleichzeitig:] nein das ist alles weg äh die Häuser wo wir nach 45 gelebt haben die sind natürlich da   aber äh mein Geburtshaus wenn ich so sagen darf ich bin ja im Krankenhaus [lacht] geboren aber äh wo ich also bis 43 ge- gewohnt habe da ist nicht

[1:48:59] ein Stein auf dem anderen geblieben sie sind zwar neue Häuser gebaut worden aber die waren früher längs der Straße jetzt sind sie quer der Straße gebaut und na ja so wie hier diese sechsstöckigen äh Wohnhäuser die man hier gebaut hat ohne Fahrstuhl

[1:49:19] es war furchtbar äh das Haus in dem meine Großeltern mal gelebt haben das steht noch und natürlich die Straße die sah aus also die Polen haben sehr viel neu gemacht sie haben neu gebaut neue Stadtteile sie haben äh die Altstadt saniert so schön habe

[1:49:45] ich sie früher nie gekannt aber die anderen Straßen auch Straßen die noch im Stadtgebiet waren die sahen noch so aus wie 45 abgesehen davon dass die Straßen sauber geräumt waren aber die Einschüsse waren noch zu sehen die äh teilweise zerschossenen

[1:50:13] Haustüren dann in den Hausfluren waren Parolen auf den Wänden äh antisemitische Parolen ich weiß nicht warum weil äh in Breslau ich hab mich unterhalten mit dem damaligen Gener- äh Vorsitzenden äh gab es damals 300 Mitglieder in der Gemeinde und äh

[1:50:40] im Hof auch der Eingang in die Schule war durch den Hof und da war unten im Keller war ein ein Raum wo jeden Tag alte Leute und junge Leute gabs gar nicht äh zum kostenlosen Essen äh eingeladen waren so quasi Dauereinladung und äh ich hab den Gemeindevorsitzenden

[1:51:13] gefragt äh »zahlen die hier Beitrag Mitgliedsbeitrag oder irgendwie so was wie wie finanziert ihr denn das Essen ?« »ja das kriegen wir von Amerika« gibt so ne amerikanische jüdische Organisation und äh unter anderem die Lauder-Foundation die spenden

[1:51:35] da Gelder und na ja ist wird ich hab da nicht gegessen äh es wird nicht sehr luxuriöse Küche gewesen sein aber wie gesagt für die Leute wars etwas und dann hab ich ge- gefragt »wie alt ist der wie wie jung ist der Älteste ?« ne Quatsch   »wie alt ist

[1:51:59] der Jüngste der Mitglieder ?« »57« und die anderen waren dann so bis neunzig oder mehr also ziemlich klapprige Figuren und äh in dem äh in der ersten Etage im Hochparterre da sind äh Büros der Gemeinde und da hab ich an einer Tür ein Plakat gesehen

[1:52:28] das war in Hebräisch geschrieben das kann ich ja nun lesen und das war der Tanzklub der vom Komitee Żydowski [lacht] und   dann kamen da son paar junge Leute an alle trugen ein Hebräisch bestruck- bedrucktes Hemd weiß nicht mehr genau was äh fürn Aufdruck

[1:52:51] das war und stellt sich raus kein einziger war Jude das waren polnische Kinder also Jugendliche die dort den jüdischen Tanzklub gebildet haben und ich kann mir nicht vorstellen dass es heute anders ist weil die Russen sind in Breslau nicht geblieben und da

[1:53:17] hat gerade diese Katharina Friedla da gibts noch eine in Berlin Helga Hirsch kennen Sie die auch ? die hat mir auch erzählt »es gab da 30000 Juden nach dem Krieg« sag ich »niemals die ganze Gemeinde vor dem Krieg hatte 36000« »na ja« sagt sie »polnische

[1:53:35] Juden« sag »ach so« ich sag »das weiß ich nicht wie viel da waren in der Synagoge hab ich die nicht gesehen« ne und der Kontakt mit der Helga Hirsch ist äh abgebrochen die hat mal in einer Berliner Zeitung einen Bericht gebracht über meine Elisabeth

[1:53:54] dann kam ein israelischer Journalist der nochmal die gleichen Fragen gestellt hatte äh Igal Avidan ich weiß nicht ob der bekannt ist er ist also war mal offiziell hier und ist dann geblieben das passiert bei vielen Leuten es gab auch einen Gesandten der

[1:54:21] ist inzwischen gestorben der ist auch nachdem er aus dem Dienst ausgeschieden ist nicht nach Israel zurückgegangen [gestikulierend:] das ist so ein bisschen mir gefällt das nicht aber das ist jedermanns Sache ist ja kein Zwang in Israel zu l- zu leben es

[1:54:41] gibt in der Welt   mindestens eine Millionen Israelis die ausgewandert sind bin ja auch einer davon bin zwar nicht ausgewandert ich bin einfach hier geblieben durch [lacht] durch meine private Liaison [trinkt]

Daniel Baranowski

[1:54:59] ja vielleicht äh wir sind äh heute in Erfurt und Sie haben ganz am Anfang erzählt dass Sie dann von Breslau aus nach Erfurt gegangen sind aber es ist ja nun nicht so dass Sie seitdem in Erfurt geblieben sind

Wolfgang Nossen

[1:55:16] nein

Daniel Baranowski

[1:55:19] sondern es gibt ein ganzes Leben dazwischen vielleicht machen wir an der Stelle ne kurze Pause und machen dann nachher damit weiter

Wolfgang Nossen

[1:55:24] oh ist scho- [sieht auf die Uhr; Schnitt] ja also wie gesagt äh mein äh Vater belastet durch seinen Vater wollte von polnischen Bürgerschaft nichts wissen und äh auf gar keinen Fall in Breslau bleiben nachdem sich herausgestellt hat was wir vorher nicht

[1:55:47] wussten dass also Breslau äh oder sagen wir dass Deutschland aufgeteilt war und Schlesien et cetera äh wird Polen einverleibt dafür ham die Russen ein bisschen Polen abgeknapst und äh das war das eine und in Deutschland wollten wir generell nicht bleiben

[1:56:06] und äh dann ergab sich die Gelegenheit äh nach Westen zu reisen und zwar ein ehemaliger Breslauer Jude der in Buchenwald befreit wurde kam nach Breslau ich nehme an um seine Eltern aufzusuchen äh man wusste ja nicht wer lebt wer lebt nicht und äh er muss

[1:56:33] da irgendwie auch in die jüdische Gemeinde gekommen sein und mein Vater hat hat ihn da aufgegriffen äh und mit ihm verhandelt dass äh diese Busse eigentlich nach Breslau kommen könnten um Juden aus Breslau auszuführen äh erstmal nach Deutschland   und

[1:57:01] äh ich kann mich erinnern dass mein Vater da mit noch einem ehemaligen Lagerkameraden äh Kraftstoff beschafft hat und äh so sind wir also am zehnten September 45 in die Busse eingestiegen und dachten jetzt wir lassen alles hinter uns wir wussten gar nicht

[1:57:26] wie wie viel wir hinter uns lassen mussten weil äh die polnische Miliz hat uns erstmal abgefangen und äh wir durchsucht das gesamte Gepäck durchsucht und geplündert äh die Erwachsenen mussten sich äh ausziehen bis auf die Haut und   nachdem sie also alles

[1:57:51] requiriert haben was sie vorgefunden hatten allzu viel wars nicht wir waren kurz nach der Befreiung und äh es konnte noch keiner große Werte geschaffen haben und dann sind wir losgefahren äh sind äh in Görlitz auf der Holzbrücke also diese Notbrücke

[1:58:15] die über die Neiße ge- gebaut war äh angehalten worden und äh noch einmal wollten Polen uns ihre Ehre erweisen und mein Vater als Russischsprachiger ist aus dem Bus raus auf die andere Seite der Brücke und da standen russische Soldaten und die hat er

[1:58:41] zu Hilfe gerufen gegen die Polen das haben die Russen sehr gerne ge- übernommen und so ist es da nicht zu weiteren Plünderungen äh gekommen und wir fuhren weiter und irgendwo in der Gegend Liebau Bautzen ist mir wieder eingefallen äh blieb unser Bus stehen

[1:59:08] er hatte einen Ölwannenschaden und das hat zwei Tage gedauert bis eine neue Ölwanne herangeschafft war und so sind wir am zwölften äh September in Erfurt angekommen und wurden hier zur ersten Übernachtung im Erfurter Hof einquartiert das war damals das

[1:59:32] Nonplusultra an Hotels die es in Erfurt gab inzwischen ist es ein Bürohaus geworden vis-à-vis vom Hauptbahnhof und wir hatten da nicht etwa Gästezimmer sondern oben auf dem Boden äh solche Kammern mit Matratzen belegt da ham wir übernachtet und irgendwie

[1:59:53] ist mein Vater dann zu einem Amt und bekam eine Wohnung zugewiesen äh mit noch einem ehemaligen Lagerkameraden die sechs Kinder wir inzwischen sechs Kinder und alle in eine Wohnung hier in Erfurt das war natürlich sehr lustig wir waren mehr oder weniger

[2:00:27] äh äh gleichaltrig und die Eltern hatten damals schon verteilt also der Wolfgang der kriegt die [gestikuliert] und äh der Heinz der war so groß [gestikuliert] kriegt den es kam alles anders dieses kleine Mädchen damals die zehn Jahre jünger war als ich hat

[2:00:49] gesagt »den Heinz ne wenn schon dann den Wolfgang« [lacht] wir haben uns wiedergesehen nach äh vielen vielen Jahren sie lebt heute auch in Israel die eine Schwester die ältere Schwester ist schon gestorben ah das nebenbei äh meine äh Mutter wir konnten

[2:01:11] von Erfurt nicht weiter weil meine Mutter sehr sehr krank gewesen ist sie war zwischen Leben und Tod sie hatte eine so genannte Gürtelrose und wir konnten also aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr weiter dann mein Vater der konnte nicht ruhig sitzen der

[2:01:34] musste Geld verdienen und hat mit einem anderen Mithäftling ein Geschäft übernommen außerhalb von Erfurt und wir sind also von Erfurt von dieser Zwei- oder Dreiraumwohnung ausgezogen zur Erleichterung aller und sind nach Weißensee das ist hier 35 Kilometer

[2:01:54] außerhalb von Erfurt sind äh dort eingezogen und jetzt hat mein Vater von mir verlangt dass ich äh in die Schule gehe ich hatte ja ein bisschen Versäumnisse ich hab gesagt »ich geh in Deutschland in keine Schule die waren gestern Hitlerjugend und heute

[2:02:16] sind die plötzlich gegen Hitler also das kann ich mir nicht vorstellen« und dann hat er gesagt »ja also äh zu Hause rumlungern gibts bei mir nicht entweder du gehst in die Schule oder du gehst was lernen und was willste werden ?« da hab ich gesagt »na

[2:02:34] ja Flugzeugmechaniker« das gabs natürlich nicht das konnte ich mir auch vorstellen deswegen hab ich das gesagt aber es war äh tatsächlich ich hatte einen Hang äh zur Fliegerei und jedenfalls hat er mich in einer Autowerkstatt angemeldet meine Mutter  

[2:02:54] hat sich in dieser Kuhbläke hat sie das genannt nicht wohlgefühlt und hat meinen Vater dazu gebracht was Neues anzufangen und nach Erfurt zurück und er ist also nach Erfurt hat eine Doppelhaushälfte   äh zugewiesen bekommen per Miete anstatt das gleich

[2:03:25] zu kaufen das war nicht teuer und äh ich hatte nun schon den Lehrvertrag ich musste also dort bleiben und äh in dem Geschäftshaus konnte ich ja nicht alleine wohnen bleiben also kriegte ich ein Zimmer bei meinem Lehrherrn das war das Schlimmste was ich

[2:03:46] so äh in Erinnerung habe die Frau des Meisters hat gemeint sie ist meine Chefin und hat mich drangsaliert ich konnte also viel schneller ne Wohnung sauber machen als irgendwas am Auto reparieren und das hat mir nicht gefallen und eines Tages äh Dezember

[2:04:07] 46 gab es äh Weihnachtsferien bin meine Eltern mein Vater hat mich jeden Freitag abgeholt und ich bin Sonntagnacht wieder hin und da bin ich also nicht hin äh zurück gefahren und nach einer Woche musste ich ja meinem Vater irgendwie mitteilen er braucht

[2:04:28] mich nicht holen ich bin schon da und da musste ich Farbe bekennen und dann war er natürlich ein bisschen ungehalten aber das war ich schon gewöhnt und ist mit mir zum Arbeitsamt in Erfurt eine neue Stelle gesucht und die hat mir auch nicht gefallen und

[2:04:52] dann hab ich mir nach einer Woche selbst eine Stelle gesucht die mir besser zugesagt hat ich war hier in der BMW-Vertretung und das war ja schon n richtiges Auto und   das hat ihn natürlich sehr gefreut da hab ich wieder Punkte gemacht dass ich mir selbst

[2:05:11] eine Stelle beschafft habe ah ja und dann hab ich ja langsam eingesehen ich bin also da in die Berufsschule und hab festgestellt also die kennen mich nicht die wissen nicht meinen Hintergrund und so ist eigentlich gar nicht so schlimm und habe gesagt na ja

[2:05:28] also du hast wenig Schule musste du noch ein bisschen dazu lernen und bin also gegangen mich in die Volkshochschule angemeldet und das hat mir großen Spaß gemacht vor allem weil ich da das hübscheste Mädchen der Klasse kennengelernt habe und das ist die  

[2:05:47] junge Dame [lacht] mit der ich heute lebe aber von da bis jetzt war natürlich ein sehr sehr weiter Weg zwischendurch hatte ich dreimal das Vergnügen ja zu sagen und äh immer gleich doppelt ja zur Hochzeit und ja zur Scheidung und aus dem Grund habe ich

[2:06:15] beschlossen wir machen das jetzt mal ohne Jasagen das hält vielleicht besser und es sind 23 Jahre inzwischen so lange war ich nie verheiratet

[2:06:24] und äh aber bis dahin wie gesagt ich bin neunzehnhundertundsieben- äh -achtundvierzig bin ich äh nach Israel gegangen

[2:06:34] weil das die erste Gelegenheit für mich war äh aus Deutschland wegzukommen und äh es war damals äh ich war gewissermaßen Patriot es war der Befreiungskrieg allerdings bis es soweit war dass wir wir waren eine ganze Gruppe die sich da in Berlin bei äh

[2:06:54] einem Sportfest mit einem israelischen Gesandten äh kennen gelernt haben und bis der alles erledigt hatte dass wir rüber konnten war es Ende äh oder Mitte Oktober bin oder wir sind dann äh ganz legal nach Berlin gefahren waren da noch ne Weile in einem

[2:07:19] äh Heim und zwar in Schloss Brüningslinden ich weiß nicht ob Sie das kennen ja das war son Ferienlager für jüdische Überlebende für Kinder äh am See gelegen das war dort eine wunderbare Zeit und sind dann mit einem Kohlenflugzeug mit der Luftbrücke

[2:07:43] von Berlin nach Frankfurt von Frankfurt mit nem Zug nach München und in München waren wir in einem in der Nähe von München in einem Ort namens Hochland das war ein ehemaliges HJ-Lager da waren wir noch zwei Wochen ham da son bisschen Übungen gemacht wurden

[2:08:09] dann ausgestattet mit Kleidung vom Joint das war so ne jüdische Hilfsorganisation in Amerika kriegten unter anderem das war meine Rettung einen Militärmantel und der hat mir dann als ich in Israel bei der Armee war ganz gute Dienste geleistet denn die Armee

[2:08:33] war da sehr schwer sehr schlecht ausgestattet weil die ja meinten es ist immer warm das hab ich gar nicht so empfunden ne feuchte Nacht auf Wache stehen das war gar nicht angenehm und äh dann sind wir also am ersten November angekommen der Staat war ja schon

[2:09:00] gegründet als wir uns gemeldet haben da war gerade die Gründung erfolgt im Mai und äh dann wurden wir in ein Kibbuz untergebracht und da na ja dann kriegte ich das erste Gewehr in der Hand oder nicht bloß ich alle die entsprechendes Alter ich war 17 immer

[2:09:31] noch 17 ähm und wir haben da n paar leichte Schießübungen gemacht und das wars dann und dann haben wir so jede Nacht im Hinterhalt gelegen wir konnten nicht vorne eingesetzt werden weil wir konnten ja keine Befehle wir verstanden nicht was die da so kommandierten

[2:09:52] aber das war dann bis Juli 49 die Beschäftigung

Daniel Baranowski

[2:10:01] wo ist das gewesen ?

Wolfgang Nossen

[2:10:03] da gibt es eine englische Festung Latrun und da haben wir Nacht für Nacht gelegen und aufgepasst dass da keine Gäste durchbrechen war nicht äh angenehm das ist ja gerade Winter wenns auch nicht wahnsinnig kalt ist aber wenn man nass ist und es geht ein

[2:10:36] bisschen Wind dann friert man sich den Hintern ab ich will nicht ganz so deutlich sagen [lacht] ähm im Juli war dann der Waffenstillstand wir dachten der Krieg ist zu Ende aus wir ham uns geirrt und wir haben dann ein Stück Land von der Regierung zugewiesen

[2:11:00] bekommen und haben einen Kibbuz aufgebaut der Kibbuz ist in den Jerusalemer Bergen hebräisch Prosdor Jeruschalajim und wir waren in der Gruppe zu neunzig Prozent würde ich sagen dort also Einheimische alte Israelis viele die man da Sabres nennt aber alle

[2:11:32] jung junge Militäreinheit und äh der Kibbuz nannte sich am Anfang Peled Peled kommt von Pluga Daled das heißt vierte Kompanie Pluga ist Kompanie Daled ist die Vier der vierte Buchstabe und heißt heute Netiv HaLamed-Heh das heißt der Weg der 35 mit Erinnerung

[2:12:02] an 35 junge Soldaten und Soldatinnen die auf dem Wege zum Gush Etzion das war südlich äh von Jerusalem eine Reihe ich glaub vier oder fünf Kibbuzim Mehrzahl von Kibbuz die äh äußerst bedrängt waren von der arabischen Legion ringsum und diese 35 waren

[2:12:35] vollgepackt mit Lebensmittel und Munition sind aber auf dem Weg abgefangen worden und alle 35 äh sind ermordet worden die Eltern dieser 35 jungen Leute kamen dann zu uns und haben vorgeschlagen dass wir unseren neuen Kibbuz auf die 35 nennen also wie gesagt

[2:12:58] Netiv Weg der 35 und so heißt er bis heute noch und ist ein wunderbarer Ort mit vielen vielen alten Bäumen die ich in meiner Eigenschaft als LKW-Fahrer immer abgezweigt habe von meiner Ladung und um unsere Baracke rum gepflanzt habe das ist heut Naturschutzgebiet

[2:13:25] ich war also fast jeden Besuch in Israel hab ich benutzt bin auch dort hingefahren um wie heißt das den Täter ziehts an den Tatort zurück [lachend] oder so ähnlich ja äh

[2:13:38] aber ich muss nochmal zurück kommen auf das Jahr 47 ähm wir waren also drei gute

[2:13:50] Freunde die sich um Elisabeth bemüht haben und äh ich habe den größten Erfolg gehabt ich durfte sie nach Hause begleiten sie wohnte am anderen Ende der Stadt und es gab damals noch Ausgangssperre und ich bin zum Beginn der Hausga- Ausgangssperre war ich

[2:14:17] grad bei ihr am Haus und dann musste ich f- zu mir nach Hause das ist ein ewig langer Weg auch heute und ich bin einmal nach zwei Drittel des Weges plötzlich zu Tode erschrocken es wurde plötzlich geschossen die Häuser waren alle zu ich habe mich also in

[2:14:37] son Haustür reingequetscht weil ich wusste nicht genau was los ist und hab gewartet bis wieder ruhig ist und bin dann weiter nach Hause ähm es hat in meinem Freundeskreis keiner gewusst wer ich bin ich hab das mein Judentum verheimlicht und ähm als ich

[2:15:03] dann 48 vor der Abreise stand musste ich ja mich offenbaren und äh die ham dann immer noch nicht geglaubt »ja warum gehst du denn ausgerechnet nach Israel ?« da musste ich Ihnen sagen »ich bin Jude und da gehöre ich hin« wir hatten ver- verabredet dass

[2:15:35] sie nachkäme und es war dann so dass ich eigentlich 49 ähm son bisschen überlegt habe was machste jetzt richtig jetzt biste schon hier sprechen kannst du auch schon gut   im Jugendalter da sp- lernt man schneller als heute und ich habe ganz kurz daran gedacht

[2:15:58] ich gehe zurück und versuche hier ich war ein sehr guter Schüler in der Berufsschule und hatte eine Möglichkeit in Ilmenau auf der Ingenieurschule weiter zu studieren da hab ich en Antrag gestellt auf Rückkehr nach Erfurt und der wurde abgelehnt   na da

[2:16:27] hab ich gesagt na schön   wenn das son System ist dann hab ich auch gar keine Lust mehr dahin zu gehen ich hab mit Politik äh gar nischt am Hut gehabt also Kommunismus Sozialismus und ich wusste nur eins Nationalsozialismus ist schädlich mehr wusste ich

[2:16:48] nicht und dann hab ich mit diesem israelischen Gesandten der diesen Job immer noch machte gesprochen gesagt »Herr Burstein so und so ich hab da meine große Liebe in Erfurt und ich möchte dass Sie die   mir bringen« »gut wenn du meinst ist sie Jüdin ?«

[2:17:16] sag ich »muss sie das ? sie wird werden« »okay« er mochte mich irgendwie und hat mir versprochen er bringt sie er macht sie einfach zur Jüdin und ich habe einen Brief an sie geschrieben hab ein Bild von mir noch beigelegt und hab ihr äh genau mitgeteilt

[2:17:52] an wen in Berlin sie sich wenden muss und das geht alles in Ordnung es kostet sie auch nüschts sie kommt als Einwandererin tja jetzt kam der damalige Berliner Vorsitzender Julius Meyer mit seinem damaligen Sekretär Heinz Galinski und besuchte uns in Israel

[2:18:15] dem hab ich dummerweise um fünfeinhalb Piaster zu sparen den Brief mitgegeben nicht nur den auch an meine Eltern aber ganz besonders wichtig war mir der Brief dass er ihn meinen Eltern gibt mit lebendigen Grüßen et cetera und sie mögen dann ne Briefmarke

[2:18:35] drauf kleben und den an meine Freundin schicken nu hab ich vier Schwestern es gibt nix Schlimmeres in jungen Jahren als son Haufen Mädchen um sich rum und die eine so ne ganz Flotte Kesse hat diesen Brief entdeckt und geöffnet das Bild entnommen und den

[2:19:04] Brief konnte sie ja nun nicht wieder weiterschicken hätte sie gekonnt aber sie hat ihn weggeworfen ich war natürlich sauer dass ich auf meinen Liebesbrief keine Antwort bekomme sie war sauer dass ich nicht schreibe und so ist die Beziehung nach und nach

[2:19:34] erkaltet wie mir nach- ich hatte hier noch wie gesagt wir waren drei Freunde und der eine war ein ganz besonders guter der hat nichts anderes zu tun gehabt als mir zu schreiben »deine Elisabeth die hat schon einen anderen ich hab sie auf der Bahnhofstraße

[2:19:54] gesehen vor dem UFA-Palast« und das musste ich glauben ich war ja nicht hier und ich habe dann nachdem keine Antwort auf meinen Brief gekommen ist nur noch eine Postkarte geschickt und noch ne Postkarte so Ansichtskarten da kann man nicht sehr viel drauf

[2:20:18] schreiben und retour kam auch nur noch Postkarten und dann ist war Ende kam gar nichts mehr

[2:20:30] ich habe dann 1955 ich war noch in der Armee dort habe ich wiederum eine der schönsten Mädchen kennengelernt und die hat mich überzeugt wir sollten heiraten das

[2:20:46] war immer mein Schicksal ich hab nie n Hanrats- Heiratsantrag gemacht [lacht] und wir haben geheiratet die Dame die Mutter hatte mit ihren drei Schwestern eine große Strickerei und die wollten dass ich jetzt in die Strickerei eintrete und äh haben mich deswegen

[2:21:13] nach Deutschland geschickt um hier verschiedene Maschinenfabriken zwecks äh Praktikum Umschulung zu absolvieren hab ich auch gemacht ich war eineinhalb Jahre unterwegs Deutschland England Frankreich und habe 1957 nachdem die DDR mir kein Besuchsvisum er-

[2:21:42] äh ausstellen wollte mit der Begründung ich sei 52 53 illegal ein- und ausgereist was nicht stimmte die illegale Ausreise die ich hatte nach 48 war 56 nach Sinai als Soldat und es hat jedenfalls nicht geklappt und so habe ich ich wollte unbedingt immer wenn

[2:22:10] mir etwas nicht gelingt will ichs doch haben und habe dann erfahren dass sie inzwischen geheiratet hat ich war ja auch aber sie hat schon vor mir geheiratet sie hat schon 51 geheiratet ähm und   ich habe dann   äh an ihren Mann geschrieben ich hab mir erst

[2:22:39] mal besorgt wie sie heißt und so weiter und so weiter und hab an den Herrn geschrieben und v- vorgeschlagen dass ich bei einem Deutschlandbesuch sie gerne mal wiedertreffen würde aber von der Behörde hier kein Einreisevisum bekomme wir könnten uns nur

[2:23:04] in Berlin treffen und zu meinem Erstaunen hat der gute Mann das genehmigt es war sein Fehler wir trafen uns also 59 in Berlin eine meiner Schwestern mit ihrem Berliner Ehemann ham mich mitgenommen und ich bin dann rüber zum Bahnhof Friedrichstraße hab sie

[2:23:31] da in Empfang genommen es war natürlich ein Wiedersehen wie vorige Woche getrennt und ich hatte von Anfang an das Gefühl das ist keine glückliche Ehe und meine wars auch nicht mehr ich war schon wieder getrennt meine Frau war Mannequin sagt ja alles oder

[2:23:52] vieles jedenfalls sie hatte mir mitten in der Schwangerschaft mitgeteilt dass sie sich trennt und mit dem Wissen bin ich nach Berlin am nächsten Tag brachte ich sie wieder zurück zum Bahnhof Friedrichstraße und sie wollte ihren Mann informieren mit welchem

[2:24:20] Zug sie käme und dann hab ich gesagt »okay jetzt gib mir mal deinen Mann ich will mich bedanken« und ich sag »hier Wolfgang Nossen pep pep pep« »ja nu biste zufrieden ?« ich hab den nie gesehen duzt der mich gleich aber es war wohl hier im Sozialismus

[2:24:40] üblich weiß ich nicht »na habt ihr euch alles äh erzählt ausgesprochen ?« sag ich »ach wo denkste hin so schnell geht das nicht da braucht man schon ein bisschen mehr Zeit« da sagt der zu mir »da behalt sie dir doch dort« ich wollt es gar nicht glauben

[2:24:58] und da hab ich zu ihm gesagt »und du ?« »ich halt mich hier schon schadlos« ich sag »dann sag ihr das bitte mal selber« sie hoch erfreut hörte die Nachricht und blieb noch zwei Tage glaub ich und äh die erste Nacht die hatt hatt ich zwei Zimmer gemietet

[2:25:20] in so ner Pension in der Bayerstraße das war mir dann zu teuer so viel Geld hatt ich auch nicht und dann hab ich durch eine Bekannte ähm eine Gartenlaube z- da war ne große Gartenlaube zur Verfügung gestellt bekommen in Alt-Pichelsdorf ein wunderschönes

[2:25:41] Grundstück am See mit Boot alles tip top und die Dame die hatte ne Gaststätte wiederum über meinen Schwager bin dahin gekommen und ähm na ja sie fuhr dann nach Erfurt zurück und die Gespräche die hat er Gott sei Dank nicht mitgehört hätt er sie gleich

[2:26:08] erschlagen und äh na ja ich musste dann zurück

[2:26:15] und äh es war also kein Witz meine Madame hat mich nicht mehr [lacht] reingelassen das Kind war inzwischen geboren mein erster Sohn wir standen so gemeinsam am Bett und sie hatte hier noch so ihren Arm hier

[2:26:35] so um meine Hüfte oder was davon noch da war und ich hatte eine Heidenangst er war im März geboren es war September dass der plötzlich so nen fremden Mann da sieht und anfängt zu weinen aber plötzlich grinste er na da war ich ja schon mal beruhigt und

[2:26:56] dann sagt sie ganz unvermittelt »wann hast du Zeit ?« sage ich »ich habe jede Zeit der Welt bin fertig mit der Umschulung und so« sag ich »was liegt denn an ?« »na ja« sagt sie »du weißt ja zum Rabbinat Scheidung einreichen« na hab ich gesagt »ich

[2:27:17] hab gedacht das war so ne fixe Idee« »nein ich will frei sein« ich hab sie in ihrem Beruf gestört da war ein Zwischenfall da war eine Journalistin die kam mit Fotograf in den Umkleideraum ich durfte drin sein mich kannten die F- Mädchen da alle aber der

[2:27:40] fing da an Bilder zu machen von den während der Umkleide befindlichen Damen und dann hab ich den Fotoapparat weggenommen und den Film rausgeschmissen das war dann den den nächsten Tag in der Presse ein böser Artikel und sie hat sich furchtbar geschämt

[2:27:58] für mich und die andern fünf Mädchen die waren sehr zufrieden »das haste gut gemacht« und die Journalistin sagte noch unsere Leser wollen wissen was hinter der den Kulissen passiert sag ich »aber nicht da wo meine Frau dabei ist« ich war das nicht gewohnt

[2:28:20] aber für sie war das wohl der Anlass ähm die hat ihren Beruf zu dem ich sie überredet hatte auf Wunsch meiner Schwiegermutter ähm inzwischen gern gehabt sie machte riesige Auslandsreisen im Auftrag des Wirtschaftsministeriums also diese ganze Gruppe und

[2:28:45] äh   dann äh hab ich also gesehen es ist tatsächlich aus und wusste im ersten Moment eigentlich nicht was ich unternehme ich hab nur eins beschlossen Scheidung kommt nicht in äh Betracht die wird sich schon wieder beruhigen und da gings mir um meinen Sohn

[2:29:13] ich wollte immer ein Kind ohne zu heiraten das hat nicht geklappt also hatt ich nun ne Frau und en Kind   dann   äh bin ich noch einmal für sechs Monate nach Frankreich geschickt worden es gibt ja Flachstrickmaschinen es gibt Rundstrickmaschinen und ich habe

[2:29:43] da in einer Firma für Rundstrickmaschinen äh gearbeitet   und als ich da wieder zurückkam hat sie inzwischen meinen Pass sperren lassen   ich konnte also nicht wieder das Land verlassen und da ich für mich ich sollte in der Firma der Mutter arbeiten das

[2:30:19] war dann keine Zukunft sie da dauernd zu sehen und so weiter und so weiter und äh meine Schwiegermutter mit der ich sehr gut stand bis zu ihrem Tod vor wenigen Jahren äh hat gesagt »weißt du« oder irgendwas »das wird nicht ganz so gut gehen du wirst

[2:30:38] nicht so leicht drüber wegkommen wenn du sie hier dauernd siehst« die war ja eigentlich ganz auf meiner Seite na ja und war ich also gezwungen ich muss erstmal meinen Pass wiederkriegen und habe aus meiner Militärzeit einen Militärrabbiner gekannt einen

[2:31:02] Oberstleutnant zu dem bin ich hin der war inzwischen zivil und war Vorsitzender im Rabbi- im Rabbinatsgericht in Tel Aviv und bin ich zu dem hin sag ich »Rav Epstein äh   ich äh komme mehr oder weniger dienstlich« ich war oft bei ihm zu Hause bei seiner

[2:31:25] Familie der hatte sechs sieben Kinder die alle ganz schnell Witw- Waisenkinder wurden und hab ihm von meiner Ehemisere berichtet sagt er »das hab ich mir fast gedacht ich hab mich nicht ge- sehr gefreut damals als du mir gesagt hast dass du heiratest« »ja

[2:31:50] hättse mir das damals gesagt hätte ichs dir nicht geglaubt« hab ich zu ihm gesagt und es war die Sommerferienperiode und er hat das Gericht zusammengerufen mitten in der Ferienzeit und die ganze Scheidungsgeschichte war in fünf Minuten abgewickelt dadurch

[2:32:12] dass ich eben den bekannten Rabbiner äh an der Hand hatte ja und für mich war klar also erstmal weg aus Israel [räuspert sich] und bin

Daniel Baranowski

[2:32:29] das war Ende der fünfziger Jahre dann ?

Wolfgang Nossen

[2:32:36] das war äh 1960

Daniel Baranowski

[2:32:38] mh

Wolfgang Nossen

[2:32:41] 59 hat sie mir das mitgeteilt dann war ich ein halbes Jahr in Frankreich kam zurück und hat sich nicht verändert der Pass war gesperrt und sie bestand also auf die Tr- Scheidung und äh gesagt okay bleibt mir jetzt gar nichts anderes übrig dasselbe Manöver

[2:32:55] hatt ich noch einmal 1989 meine dritte Frau hat dasselbe vollführt die muss wohl die Geschichte gekannt haben und   ähm   na wo wollte ich hin ?

Daniel Baranowski

[2:33:16] gab es dann noch Kontakt zu Elisabeth nach Erfurt ?

Wolfgang Nossen

[2:33:20] [gleichzeitig:] nein

Daniel Baranowski

[2:33:22] in dieser Zeit ?

Wolfgang Nossen

[2:33:24] nein gab es ab 62 nicht mehr die Mauer ist gekommen und dann hat sie geschrieben »es hat jetzt keinen Sinn mehr diese Heimlichtuerei bringt nichts« und sie hatte mir noch geschrieben sie wollte sich scheiden lassen und äh man hat ihr hier mitgeteilt dass

[2:33:42] äh auch nach der Scheidung sie keine eigene Wohnung bekäme und dann hat sie beschlossen also wenn ich mit dem schon zusammen bleiben muss dann bleib ich verheiratet dann hat er Pflichten bei ner Scheidung hier hat der Mann keine Pflichten damals in DDR-Gesetz

[2:33:59] gibts kein Unterhalt und nischt und ähm äh das war der letzte Stand dann ähm   ja dann hatt ich noch einmal geheiratet da ist wieder eine Tochter gekommen da war ich aber nur zwei Jahre verheiratet das ging ziemlich schnell und kurzum ich war dann hier

[2:34:32] mit einer Spezialausbildung fertig und bin von der Firma als Reisemonteur eingesetzt worden das war ne wunderbare Zeit dauernd andere Länder dauernd neue Leute und so weiter und so weiter bis ich dann unter anderem 1964 nach Israel geschickt wurde und für

[2:34:56] die war das natürlich eine Offenbarung da kommt einer der spricht unsere Sprache ist spezialisiert auf die Maschinen und da brauchen wir keine deutschen Monteure mehr da also die ham mich quasi abgeworben

Daniel Baranowski

[2:35:13] [unterbricht:] und zu dem Zeitpunkt haben sie in Deutschland gelebt ?

Wolfgang Nossen

[2:35:16] ja in Württemberg die Firma gibts inzwischen nicht mehr jedenfalls diese Maschinen werden nicht mehr gebaut und ähm ich bin dann nach Israel zurück und habe eine Stelle als äh Abteilungsleiter in einer größeren Strickerei äh angeboten bekommen und nachdem

[2:35:43] die auf meine überzogene Gehaltsvorstellung anstandslos eingegangen sind konnt ich nicht mehr zurück ich habe soviel Gehalt verlangt wie die Golda Meir damals als Ministerpräsidentin bekommen hat und da ham die gesagt »okay« [lacht] und hams auch bezahlt

[2:35:59] ja und inzwischen hatte ich äh auf einer Schiffsreise mal einen Mann kennengelernt der mich dann zu seiner Familie eingeladen hat und da hatte er unter anderem eine 14-jährige Tochter die sich in mich verguckt hat wiederum die ich dann nach fünf Jahren

[2:36:28] wiedergetroffen hab da war sie schon in der Armee und war immer noch so scharf auf mich und äh das war dann so quasi mein Ankerplatz ich hab diese Stelle da angetreten und der zukünftige Schwiegervater fragte mich »was was womit willst du denn meine Tochter

[2:36:53] überhaupt ernähren ?« und er war angestellt bei der Jewish Agency in Tel Aviv hatte unter sich die das Referat äh Zitrusplantagen und ich wusste mehr weniger dass der Staat zahlt nicht besonders gut und dann habe ich ihm lässig meinen Arbeitsvertrag hingelegt

[2:37:22] und da ist er blass geworden da hatt ich doppelt so viel wie er und damit war der Segen gegeben ich war ja belastet zwei geschiedene Ehen zwei Kinder wer wird das schon als Schwiegersohn [lacht] aber es ging gut allerdings wurde gleichzeitig der Samen gelegt

[2:37:47] für das Misslingen die Eltern haben mächtig gegen mich lamentiert und als sie dann gesehen haben es ging schnell aufwärts dann war der wie gesagt der Samen war schon gelegt und sie konnten das nicht mehr äh gutmachen wir sind dann Ende 77 äh die Firma

[2:38:13] in der ich da Abteilungsleiter war ist inzwischen äh Bankrott gegangen durch einen unglücklichen Umstand diese vier Schwestern waren mit Bankiers verheiratet und der der Leiter der großen Bank eine Anglo- eine British-Palestine-Bank hat sich ein bisschen

[2:38:41] verspekuliert und darf dies ganze Firmenkonglomerat in dieser Bank die der Familie gehörte die Kunden hatten waren sämtliche Firmen pleite ich war zu der Zeit Betriebsratsvorsitzender und war zuständig für den Verkauf der technischen Einrichtung der Firma

[2:39:11] das war n Haufen Zeug um die Löhne der Angestellten und Arbeiter zu bezahlen und was hab ich als erstes mal gemacht ich habe die drei großen Maschinen quasi selber gekauft und mit einer wurde ich dann Teilhaber in dieser Firma die die Maschinen gekauft hat

[2:39:42] ich hab die natürlich meine selber bezahlt dafür hab ich meine Lebensversicherung angeknabbert und dieser Teilhaber hat mich dann versucht total auszubooten ich habe aber nicht zugestimmt ich hab gesagt »ich nehm meine Maschine mit« hab mir einen neuen

[2:40:07] Teilhaber gesucht weil zu ner Strickmaschine gehört ja noch Zubehörmaschinen und so weiter und so weiter also es gehörte ein ganzer Stab dazu und da hab ich mir eine Firma gesucht bei denen ich Maschinen aufgestellt hatte das war mein Nebenjob nachdem ich

[2:40:25] ei- äh äh in Israel zurück ansässig äh geworden bin haben sehr viele Strickwarenunternehmer von dieser Firma wo der Spezialist halt vor Ort ist Maschinen gekauft war ein Riesengeschäft für mich war es ne tolle Einnahme nebenbei ich habe mir ne Wohnung

[2:40:45] gekauft die war in fünf Jahren bezahlt und dadurch kannte ich natürlich sämtliche äh Fabrikanten und habe also mit meiner Maschine sofort Unterschlupf gefunden

Daniel Baranowski

[2:41:00] Herr Nossen können wir ganz kurz eine Pause machen ?

Wolfgang Nossen

[2:41:03] ja [Schnitt]   ja äh ich wollte wie gesagt ich hab mich selbstständig gemacht mit zwei religiösen Kompagnons und warum ? äh ich musste ja äh als Vorgesetzter bei der Armee als Reserveoffizier quasi jedes Jahr zwei Monate äh zum Reservedienst einrücken

[2:41:37] und ähm von daher hab ich mir überlegt es ist besser äh mit den äh zwei jungen Leuten die gleichfalls äh Reservisten waren äh sich zusammen zu tun damit also alle drei auf einmal werden wir nicht eingezogen sein und wenn dann könnte man das auf Antrag

[2:41:55] irgendwie verschieben und äh die Überlegung war nur zum Teil richtig meine beiden meinten auf jeden Hinweis von mir »das und das der und der Auftrag muss bis da und da ausgeliefert sein sonst können wir ihn behalten« äh »wenn Gott will« dieser Satz

[2:42:14] »im jirzeh haschem« »wenn Gott will« der hängt mir dermaßen zum Hals raus weil ich war Gott in denen ihren Augen ne also wenn die geh- zum Beten gehen mussten ich musste halt immer da sein ich musste äh dafür sorgen dass die Auftrage äh pünktlich

[2:42:45] fertig werden pünktlich ausgeliefert werden et cetera ich musste äh war zuständig auch für die Qualität äh das waren die äh nicht so sehr gewöhnt

[2:43:01] und irgendwann hatte ich dann keine Lust mehr und ich war ja sowieso geschäftlich jedes Jahr in Deutschland

[2:43:07] und habe mit einem väterlichen Freund und auch mit meiner Mutter mach- manchmal darüber unterhalten und eines Tages äh ich war schon wieder zurück rief der mich an und sagte »ich hab ein Angebot für dich als Geschäftsführer hier in einer Gastronomieeinrichtung«

[2:43:34] sag ich »Gastronomieeinrichtung ich komme aus der Strickerei bin Techniker bin keen Gastwirt« »ach das kannste doch« also hin und her er hat mich gerade erwischt in einer Phase wo ich wirklich äh schon nach Luft geschnappt habe es gab dann auch noch politisch

[2:43:56] Unstimmigkeiten der Chef der Krankenkasse ist verhaftet worden wegen Korruption und also hochgestellte Leute ham sich da sehr schäbig benommen was ich eigentlich immer äh nicht für möglich gehalten habe dachte wir sind äh was Besonderes wir bauen was

[2:44:22] Neues und so was gibts bei uns nicht aber gabs doch und da ist der Vorschlag auf fruchtbaren Boden gefallen ich bin also hier nach Deutsch- ich hab aber erst mit meiner Frau äh gesprochen wir hatten zwei Kinder schon also das ist nicht so ohne weiteres son

[2:44:40] Umzug alleine wollte ich natürlich auch nicht und wir waren uns einig dass wir den Schritt machen und ich bin dann für zwei Wochen hergekommen   hab mir das angeguckt und na ja das Gehalt hat wiederum gestimmt   und habe zugesagt bin zurück habe mit meinen

[2:45:16] Kompagnons abgewickelt dass die mich ausbezahlen das war dann der Deckel auf dem schlechten Topf von dem was die mir bezahlt haben sollte meine Lebensversicherung weiter bezahlt werden es wurde kein Pfennig bezahlt die haben die Wechsel die sie unterschrieben

[2:45:40] hatten mit ungedeckten arabischen Schecks abgelöst das hätte die Bank nicht machen dürfen aber als ich dann versucht habe die Bank zu verklagen hab ich den Stichpunkt Stichtag äh überschritten es waren also sieben Jahre rum und war nichts mehr zu holen

[2:45:59] am Ende sind die auch pleite gegangen hab ich auch ein bisschen Genugtuung gehabt aber ich hatte kein Geld und es hat mich schon schwer getroffen deswegen an die Redlichkeit der religiösen Gemeinschaft glaub ich nicht mehr ganz so sehr gab dann noch andere

[2:46:23] Sachen auch ein ähm wie soll ich denn sagen Vorsitzender einer religiösen Partei stand vor Gericht ist verurteilt worden und nach der Verbüßung der Haft hat er wieder kandidiert ist zwar nicht gewählt worden jetzt sind überhaupt keine Religiösen mehr

[2:46:44] in der Regierung oder keine Partei religiöse Menschen gibts ja überall aber die religiösen Parteien das ist Israels Untergang die sind also jetzt nicht mehr drin und ähm   wo muss ich hin ?

Daniel Baranowski

[2:47:03] wo sind sie 1977 hingegangen welche in welche Stadt in Deutschland ?

Wolfgang Nossen

[2:47:07] [gleichzeitig:] ich war in Nürnberg meine Mutter lebte noch die ist erst 1998 gestorben mein Vater schon 1968 er ist in Nürnberg begraben und äh deswegen wie gesagt nach Nürnberg der Freund meines Vaters das ist wieder ne ganz andere Story könnt man n

[2:47:35] extra Buch schreiben der war ein Ausbrecher aus dem einem Lager Außenlager von Auschwitz und mein Vater war so n bisschen Untergrundmensch hat den noch 1943 glaub ich äh bei einer deutschen einer christlichen Frau Deutsche waren wir ja alle bei ner christlichen

[2:48:05] Frau untergebracht die vier Kinder hatte die Frau wurde dann verpfiffen und kam nach Ravensbrück und zwei ihrer Kinder sind dann umgekommen und der der bei ihr versteckt gewesen äh ist hat sie nach der nach dem Kriege gesucht bis er sie gefunden hat ich

[2:48:28] hab die Zeitung die »Bild« -Zeitung mit dem großen Artikel noch aufgehoben er hat ihr dann äh quasi Unterhalt bezahlt also hat sich bei ihr f- f- finanziell bedankt bei der Maria und äh wie gesagt war ich in Nürnberg und die Arbeit die war zwar gut bezahlt

[2:48:52] sehr gut bezahlt aber es war Nachtarbeit   und das hat mir ei- auf die Dauer nicht gepasst ich hatte kein Familienleben mehr oder so so gut wie kein Familienleben mehr und der Chef hat mir das ins Gesicht gesagt »ja Familienmenschen können bei mir nicht arbeiten«

[2:49:17] weil ich hab nie Urlaub bekommen ich war einmal drei Tage in Israel nur wegen der Beerdigung meines Schwagers der nicht in Deutschland begraben sein wollte und äh das hat mir eigentlich so quasi das den den Boden aus dem Fass gehauen und ich habe gesucht

[2:49:37] wie komm ich von da weg und habe dann eine Stelle gefunden als Seniorenheimleiter von der Gastronomie ins Seniorenheim man kann alles wenn man will und dann kam natürlich ein schwerer Schlag   mein Chef wurde wegen Steuerhinterziehung verhaftet und ich als

[2:50:08] Geschäftsführer gleich mit   das hat mich sehr viel Geld gekostet weil ich seine Schulden seine Bankschulden bezahlen musste ich hatte ja unterschrieben und damit war mein ich hatte ein Haus gekauft äh das war zwar nicht abbezahlt aber ich hab meine Raten

[2:50:35] pünktlich bezahlt und alles was ich bezahlt habe und das war alles weg und noch etliche Zigtausend nebenbei ich mein ich hab ein sehr gutes Monatsgehalt gehabt auch das war ähm nicht ganz legal dadurch hab ich wieder ne kleine Rente und äh dadurch dass

[2:51:08] ich äh da mitbelastet war hab ich meine Stelle als Heimleiter verloren und meine Familie gleich mit die durften da wohnen bleiben und ich musste ausziehen ich habe dann lange Zeit versucht das wieder glattzubügeln und es war am Anfang auch äh sehr vielversprechend

[2:51:38] äh ging sogar so weit dass meine Ex-Frau gesagt hat »wenn du wenn wir erst wieder zusammen bist dann wirste auch wieder gut schlafen können« dann ging ich zur Kur und als ich zurück kam weiß ich nicht was passiert war ich nehme an ihr Chef hat ihr klargemacht

[2:52:05] ohne mich ja und mit mir nein ja und da hat sie eben vorgezogen die Stelle zu behalten und mich außen vor zu lassen und wer dabei am meisten gelitten hat das war meine kleine Tochter die ist 1980 geboren inzwischen schon selber Mutter ja und ich wollte 89

[2:52:37] nach Israel zurückgehen ich hatte ja keine Arbeit mehr ich hab hundert Bewerbungen losgelassen von den hundert hab ich zwei Antworten bekommen aber kein einziges Vorstellungsgespräch der eine Personalchef der hat das so wunderbar gemacht dass ich bald ihn

[2:52:56] trösten musste dass er mich nicht einstellen kann und so weiter also der hat das so schön eingepackt das hat mich beeindruckt ein anderer der Zweite fragte nach meinem Alter ich sag »55« sagt er »was und Sie leben noch ?» äh das hat mich wahnsinnig aufgebaut

[2:53:15] und von da ab hab ich keine Bewerbungen mehr geschrieben musste mich wie das so üblich ist dauernd auf dem Arbeitsamt äh melden zur Vermittlung aber es gab nichts es waren 31 Bewerbungen für eine Stelle als Gastronomiegeschäftsführer und ich war der Älteste

[2:53:38] es waren also viel Jüngere dabei und es war also nischt zu machen und ich hab zu meiner Mutter gesagt »weißt du was Mama ich geh nach Israel zurück hier gefällts mir nicht mehr« [räuspert sich]

[2:53:52] und dann kriegte ich plötzlich die Idee ich hab so mitbekommen

[2:53:57] dass die DDR-Politik bezüglich Israel sich ein bisschen äh verändert hat und ich hab meiner Mutter gesagt »weißt du wir ham doch die Tante Hilde in Erfurt die hat soweit ich mich entsinne im November Geburtstag ähm vielleicht überraschen wir sie« da

[2:54:17] sagt sie »du kriegst doch keine Einla- Einreise« sag ich »Moment ich ich probiers noch mal fährste mit ?« gesagt getan beschlossen ich hab eingereicht ich hatte hier noch den Freund in Erfurt da ist es mir gelungen den äh zu mobilisieren über einen anderen

[2:54:37] Freund der ne Schwester hier hatte und äh der hat mir also dann ne Einladung geschickt und ich hab das Gesuch abgeschickt und kriegte tatsächlich die Genehmigung für Einreise zwanzigsten November so wie ichs gebeten hatte zwanzigsten November bis 31sten

[2:54:59] ja oder bis dreißigsten November und dann kam ich hier an wohnte bei meinem Freund inzwischen verstorben und dann meinte er nur »hast du schon die Elisabeth angerufen ?« sag ich »die Elisabeth wie soll ich die anrufen ? ich hab kein Telefon ich weiß nicht

[2:55:19] wie sie heißt ?« weil ich ja gemeint hab sie ist geschieden vielleicht wiederverheiratet aber war alles nicht und da sagt er »ne ne die heißt Erdmann ihr Mann war hier Leiter der Berufsschule und äh   gucke mal ins Telefonbuch« und da standen zwar lauter

[2:55:43] Erdmann drin aber kein Vornamen seinen Vornamen wusste ich sowieso nicht und Elisabeth war nicht dabei also ging ich zur Kreispolizei und weil ich das so gewohnt war Einwohnermeldeamt kriegt man die Adresse raus kost paar Mark und äh dachte in der DDR wäre

[2:56:06] das genau so wie in der Bundesrepublik aber es war nicht und die Beamtin äh fragte mich »ja sind Sie verwandt wieso wollen Sie die Adresse sind Sie verwandt ?« sagt er sagte ich zu ihr »na ja wir waren beinahe verwandt« »ja wie denn ?« sag ich »na ja

[2:56:25] wir wollten heiraten« »ja und warum haben Sie nicht ?« sag ich »ist mir einer davor gekommen« [lacht] sagt sie »um Gottes Willen ist verheiratet dass da komm ich in Teufels Küche das geht nicht« aber irgendwie hat sie empfunden dass mir sehr ernst ist

[2:56:40] damit hat sie mir gesagt »nehmen Sie das Telefonbuch wenn Sie den Namen wissen dann rufen Sie einfach nacheinander an« »ja« hab ich gesagt »die Idee hatt ich schon vorher aber wissen Sie ich bin so verschämt wenn der erste mir nein sagt oder womöglich

[2:56:58] noch mich anschnauzt da ruf ich nicht noch mal an« ich hab mal versucht unter anderem als Versicherungsvertreter nachdem mir die erste Tür beinahe an den Kopf geflogen ist bin ich zur nächsten nicht mehr gegangen und was soll ich sagen ich wähle die erste

[2:57:17] Nummer mit Herzklopfen und es war schon die erste Nummer war schon die richtige und zu meiner Verblüffung hat sie sofort gewusst wer dran ist   sagt sie »was machst du denn von so weit her bloß um zu fragen wie mirs geht ?« na hab ich gesagt »so weit ist

[2:57:40] es nicht so zwei Kilometer Luftlinie« »wo bist du denn ?« sag ich »beim Herbert« »und du bist noch nicht bei mir ?« sag ich »na ja du hast ja mich noch nicht eingeladen« »na dann heut Nachmittag zum Kaffee« »okay« dann kam ich da nahm das Schicksal

[2:57:57] seinen Lauf

[2:57:59] also wir standen nach dreißig Jahren gegenüber und na gut will nicht sagen sie hat sich nicht verändert also im Gesicht sah man schon paar Jahre da mehr aber Figur ist die gleiche geblieben so hab ich sie kennen gelernt und so war sie immer

[2:58:16] sie nimmt nicht zu das heißt sie nimmt sich unheimlich in acht und wir hatten wenn wir Streit hatten dann immer nur wegen meinem Essen [schmunzelt] ich hab immer zu viel gegessen ganz egal wie wenig mein es war schon nicht wenig aber da hat sie geschimpft

[2:58:35] »deine Gesundheit ich will doch mit dir noch länger zusammen sein kannste doch nicht so nimm doch Rücksicht auf mich« na ja nun nehm ich Rücksicht und nehm trotzdem nicht ab ja und   ich war dann jeden Tag mit ihr zus- ach so zum Kaffee kam er dann dazu

[2:58:57] fünf Minuten ganz kurz begrüßt und so weiter sagt er »so« sagt er »du wirst mich entschuldigen ich bin n bisschen müde ich leg mich n bisschen hin   ihr habt euch ja wieder viel zu unterhalten« »ja hab ich gesagt in der Tat danke dir« er ging los

[2:59:15] da hab ich mich mit ihr gleich verabredet nächsten Abend sind wir in die Oper gegangen »Aida« passte zum Programm und wir haben uns dann jeden Tag getroffen und am Ende als ich wieder in Nürnberg zurück war hab ich gedacht sage mal was machste denn hier

[2:59:32] eigentlich es kann dir doch mal genau so gehen dass die dich so bescheißt die hatte ihrem Mann jeden Tag ne neue Story erzählt wo sie hin muss nur um sich mit mir zu treffen und wir sind Spazieren gefahren Thüringer Wal- hier nicht Thüringer Wald Steigerwald

[2:59:58] spazieren gelaufen ganz so wie früher und also es war es war eine sehr schöne Zeit und mein Audi mein Auto es hieß zufällig Audi der fuhr schon fast alleine hier die Strecke hin und zurück und weiß nicht genau wann es war jedenfalls   sagte sie mal »wenn

[3:00:30] du willst komm ich mit dir mit« ich gucke »ja ich hab ein paar Sachen bei ner Freundin untergestellt die können wir abholen und dann fahren wir nach Nürnberg« na ich war natürlich hocherfreut zuvor war ein Zwischenfall sie äh fuhr mit ihrem Fahrrad

[3:00:55] und sie blieb irgendwo stehen und ein Hund sprang sie an und hat sie ins Bein gebissen sie fiel auf die Straße das Rad kippte um und die Lenkstange in ein Auge [gestikulierend:] hat son Veilchen gehabt und ich dachte erst sie hätte sich da eins eingefangen

[3:01:18] »nein es war mit em Fahrrad« das hat sie dann nachher bewiesen sie hatte prozessiert gegen den Hundebesitzer und kriegte da n paar Mark Schmerzensgeld aber wir waren verabredet sagen wir mal jetzt für einen Donnerstag und da ist das passiert und ich komme

[3:01:39] zum Treffpunkt und da spricht mich eine ältere Frau na ja älter die war jünger als ich ähm spricht mich an äh »sind Sie der Herr Nossen ?« sag ich »ja kennen wir uns ?« »ne« sagte se »die Elisabeth schickt mich sie kann nicht kommen« »oh« sag

[3:02:00] ich »was ist passiert ?« »ja sie hatte einen Unfall« erzählt mir das »und sie muss äh im Bett bleiben Sie möchten doch bitte morgen zum Abendessen kommen« na ich komm nächsten Abend komm da hin macht mir ne junge hübsche Frau die Tür auf   [Person

[3:02:20] betritt den Raum; spricht] kein Problem ist dein [Schnitt] äh

Martin Hölzl

[3:02:27] Sie waren gerade da dass

Wolfgang Nossen

[3:02:35] ja ja äh die junge Dame die mir die Tochter äh die mir die Tür aufmachte entpuppte sich als Tochter von der ich n kleines Kinderbild hatte und war eigentlich immer traurig dass es nicht meine Tochter ist das hab ich ihr auch gesagt und also sie wusste ja

[3:03:00] wer kommt wer ich bin und sagt sie »fangen wir mit Sie an oder duzen wir uns gleich ?« »nu ja« sag ich »machen wir den kurzen Weg duzen wir uns gleich ich bin der Wolfgang« »ja ja« sagt sie »das weiß ich schon lange wann nimmst du die Mutti ex- endlich

[3:03:18] weg von hier ?« hab gleich geschluckt   damit hab ich nicht gerechnet aber das war für mich so quasi die grüne Ampel da hatte ich im selben Moment keine Be- Gewissensbisse mehr der Vater war grad zu ner Kur das war natürlich unschön und dann hab ich gesagt

[3:03:48] »na freilich nehm ich dich mit ich freue mich ich habs dir gar nicht gewagt anzubieten« ich hab so nen Ordner voll mit Briefen die ich von ihr habe wo sie meine hat weiß ich nicht und   dann sind wir nach Nürnberg gefahren also erstmal habe ich dann einige

[3:04:13] Nächte bei ihr logiert und dann ham wir ihr Gepäck abgeholt die Freundin wohnte da in der gleichen Straße Stückel weiter oben die hat aber auch dann ihm gesteckt wo sie ist und er rief bei mir an und machte einen Zirkus am Telefon brüllte rum wie ein

[3:04:42] Irrer und ich hab sie dann ihr dann den Hörer gegeben und der hat die moralisch so in die Enge getrieben dass sie am liebsten sofort zum Bahnhof gerannt wäre ist mir gelungen sie davon abzuhalten und so weiter und so weiter äh

[3:05:00] aber sie konnte in Nürnberg

[3:05:05] nicht warm werden wir waren sechs Monate in Nürnberg und sie brauchte den Thüringer Wald und also es hat hat ihr alles nicht gepasst da hab ich gesagt »na gut ich geh mal zum Rudi« der ist der Vorgänger der hier gesessen hat den kannte ich noch von seiner

[3:05:28] Zeit und äh rede mit dem ich weiß dass die Gemeinde hat hier ne Wohnung im ersten Stock ich war bei der Stadt die ham mir gesagt nur für DDR-Bürger da hab ich sogar n Antrag noch gestellt B- DDR-Bürger zu werden also den BRD-Pass umzutauschen in nen DDR-Pass

[3:05:49] dann äh waren da solche Fragen die mich wieder angewidert haben da hab ich das bleiben lassen weil man mir gesagt hat ich müsste also mich in Marienfelde melden und warten bis Erfurt meldet dass sie ne Wohnung für mich haben na da hätte ich bis jetzt noch

[3:06:10] warten können i- äh ungefähr das war mir nischt und da bin ich hier zu meinem Vorgänger und hab gesagt »Rudi hör mal zu du hast hier ne Wohnung« »ja das ist ne Hausmeister-Wohnung« sag ich »ja und die hat doch gekündigt die Arbeit« »na ja aber«

[3:06:27] »na das ist ne Dienstwohnung da gibts kein aber Dienst gekündigt Wohnung weg« »nein das macht schlechtes Blut« sag ich »na schlechter wie es ist kanns nicht werden« und es hat mir nicht viel geholfen er hat also »ja und es lohnt sich doch gar nicht

[3:06:44] du bist ja schon sechzig äh für fünf Jahre« sag ich »wieso für fünf Jahre ich kann mir gar nicht leisten 65 in Rente zu gehen [gestikulierend:] gibt nicht genug« und er hat also erst mal strikt abgelehnt ich hab ihn dann besser kennengelernt ich weiß

[3:07:04] warum er abgelehnt hat weil ich mehr wusste als er das konnte er nicht aushalten ich spreche fließend Hebräisch er kann kein Wort und das braucht man hier ab und zu also er hat abgelehnt bis eines Tages äh rief er mich in in Nürnberg an »ich brauche dich

[3:07:29] du musst mir einen Gefallen tun« »na ja« sag ich »was ist liegt an« »ja komm heute Abend zu mir direkt in die Wohnung äh und komm mit dem Auto« na sag ich »was glaubst du mit was ich sonst käme Zug fahr ich nicht« also ich kam in die Wohnung der

[3:07:50] wohnte hier auf dem Weg zum Hotel in der Marstallstraße und hat gewohnt ist schon beerdigt und was war sein Anliegen ich sollte einen russischen Juden Major in der äh Westarmee nach Kassel schmuggeln sag ich »warum machst denn du das nicht du hast doch

[3:08:14] n Auto ?« »ja« sagt er »aber ich hab ja ne DDR-Nummer du hast ne Westnummer« sag ich »na ja also Kontrolle ist Kontrolle ich werde genauso kontrolliert« »ah das nicht immer« das hat zwar gestimmt [gestikulierend:] manchmal hat man ich hatte ja genug

[3:08:34] Erfahrung schon mit Hin- und Herfahren wurde man durchgewunken aber nicht immer ich bin auch kontrolliert wurden und hatten n Kofferraum voll mit Wurst und anderen Lebensmitteln das war ja hier spottbillig noch Umtausch eins zu acht also überhaupt nischt

[3:08:49] mehr gekostet und äh 15 Minuten äh vor dem Treff- vereinbarten Treffpunkt kam ein Anruf »nicht äh kommen der Major

[3:09:08] ist verhaftet worden«   na hab ich ein Riesenglück gehabt daraufhin hat er aber gesagt »also wenn du noch Interesse hast kannst du kommen

[3:09:25] die Wohnung wird frei« die dieses Ehepaar

Daniel Baranowski

[3:09:29] wann ist das ungefähr gewesen jetzt welche Zeit ?

Wolfgang Nossen

[3:09:32] das war Anfang äh 91

Daniel Baranowski

[3:09:34] mhm

Wolfgang Nossen

[3:09:37] ich bin im März 91 umgezogen

Daniel Baranowski

[3:09:40] mhm

Wolfgang Nossen

[3:09:42] also ich kam erst mal hier um die Pessach-Feiertage zu kochen ich hab das auf mich genommen ich hab noch in meinem Leben nicht für fuffzig oder sechzig Leute gekocht höchstens mal für zehn fuffzehn so Familienfeier und ich hab das gemacht und die Leute

[3:10:02] waren begeistert und das hat ihm dann nach zwei Jahren auch nicht mehr gefallen ich hatte zu viel Zuspruch ja ach so er sagt halt »da musst du aber hier ne Hausmeisterarbeiten machen« sag ich »na und was was ist da schon dabei» »na ja Straße kehren und

[3:10:23] so« »na und das ist Arbeit schändet nicht macht mir nischt aus« ich wollte nur die Wohnung haben war hier oben drüber schöne Wohnung Zweizimmer-Wohnung Bad Toilette getrennt Parkettfußboden 16 Quadratmeter Küche also ich wünschte ich hätte die heute  

[3:10:39] die Wohnung die wir da haben da ist ja keine Küche das ist ne Kochecke und daran nach dem Erfolg die beiden Pessach-Abende hat er mir gesagt »also wenn du willst kannst du kommen aber wir zahlen sehr wenig« und sehr wenig war wörtlich 458 Mark gabs hier

[3:11:09] Ostgehalt drei Monate lang dann wurde angepasst ich war aber als Arbeitsloser äh berechtigt eine Zuschuss wie nannten sie das Ein- Einarbeitungszuschuss oder so ähnlich vom Arbeitsamt zu bekommen und das hat der abgelehnt sagt er »ich mach keine krummen

[3:11:31] Sachen« ne das konnte er nicht machen weil die anderen ja sehr wenig verdient haben da konnte nicht der Hausmeister mehr verdienen als die Sekretärin nicht das gibts ja nicht da hab ich hier fünf Jahre Hausmeisterarbeiten gemacht und äh jede Woche nachem

[3:11:49] Freitagabend- oder Sonnabendvormittag-Gottesdienst gibts dann auch den Segen über Brot und Wein und das war immer ein anständiges Essen das ich da mit meiner Frau zusammen vorbereitet habe und so weiter und so weiter

[3:12:03] und so bin ich hier in der Gemeinde bekannt

[3:12:05] geworden dann äh hatte [gestikulierend:] der son Dünkel wenn Schulen kamen dann wollte er nur Gymnasiasten zum Gespräch Volksschule das war für ihn win- minderwertig und »das kann der Wolfgang machen« na gut ich hab das gemacht ich hab war sehr gut ich

[3:12:31] hab mit denen angefangen ich hab ganz schnell gemerkt dass je jünger die Schüler Schülerinnen sind desto besser ist es wenn die mit 16 herkommen sind die schon verdorben wenn se äh den falschen Umgang äh hatten so mit Neonazis und so weiter damals hießen

[3:12:48] sie Skinheads und als dann 94 er gestorben ist hat eine Dame vom Vorstand die fixe Idee gehabt also ich bin gefährlich und sie wollte mich entfernen eines Morgens das Telefon war umgestellt nach oben in die Wohnung klingelts so um sieben rum »die Jüdische

[3:13:20] Gemeinde Nossen guten Morgen« »ja die Frau Zawischa bitte« sag ich »die kommt nicht so früh aber ich kann ihr was ausrichten« und da sagt die mir unvorsichtigerweise »ja sagen Sie doch bitte wenn sie kommt äh die Wohnungsangebote für die Familie Nossen

[3:13:38] und die Familie Sowieso« ich weiß nicht wers war »äh können abgeholt werden« und da sag ich »Entschuldigung ich wusste nicht dass wir eine Wohnung suchen ich mach mit Ihnen ein Geschäft Sie sagen nichts dass ich weiß von dem Wohnungsangebot und ich

[3:14:02] sag der Frau Zawischa nur sie soll Sie anrufen« und so ham wir das gemacht und die hat das nicht gewusst vielleicht bis heute nicht na wenn sie mich sieht immer [gestikulierend:] »ho Wolfgang« also sie hat sich ins Knie geschossen

[3:14:17] ich hab in dem Moment

[3:14:20] beschlossen ich kandidiere hier als Vorsitzender das wollte sie gerne werden und ich hab doppelt so viele Stimmen bekommen wie sie hab mich gut eingekocht [lacht] und äh wie gesagt bei der Wahl sie hatte dann die zweithöchste Stimmenzahl und dann hab ich

[3:14:41] sie äh zum zur Stellvertreterin gemacht und ich dachte damit würd sie sich zufrieden geben nein   wo sie konnte hat sie mich verleumdet angefangen bei der Staatskanzlei und die Staatskanzlei die sind ja auch nicht alle blöd haben ganz schnell gemerkt was

[3:15:03] es auf sich hat und kann sagen ich habe mir in meiner Arbeit hier einen Namen gemacht und keinen schlechten und äh das gipfelte in der Verleihung des Thüringer Verdienstordens voriges Jahr   und die Dame ist dann bei der nächsten Wahl nicht mehr wiedergewählt

[3:15:30] worden und dann kam mein jetziger Professor ins Bild der bei meiner ersten Wahl auch erklärt hat »wenn der Nossen kandidiert dann steh ich aber auf« na ja das war unter seiner Würde hier ein Vorsitzender der keene Uni-Ausbildung hat und was weiß der Kuckuck

[3:15:56] alles was er sich da so vorgestellt hat also ein Hausmeister ich hab auch hier einen Neonazi gehabt der der mir mehrfach geschrieben hat »an den ehemaligen Hausmeister äh jetzt Gemeindeleiter Wolfgang Nossen« ein Blödmann dem hab ich dann auch die Tour

[3:16:18] ein bisschen vermasselt der kriegte den den Raum für seine Vorträge nicht mehr weil das war die ehemalige Synagoge hab ich gesagt »das kann ja wohl nicht sein dass der Herr hier Vorträge hält und mir solche Briefe schreibt« und dann hat man ihn nicht

[3:16:34] nur da auch bei der »Thüringer Landeszeitung« ähm keinen Platz mehr eingeräumt

Daniel Baranowski

[3:16:40] ham Sie in der Zeit äh Sie sind 17 Jahre Vorsitzender gewesen

Wolfgang Nossen

[3:16:46] ja [trinkt]

Daniel Baranowski

[3:16:49] bis Dezember 2012 äh sehr viele Erfahrungen mit Rechtsextremismus gemacht ?

Wolfgang Nossen

[3:16:53] leider ja also wir hatten hier das Schlimmste das nicht gelungen war am 20ten April 2000 einen Brandanschlag wir hatten mehrfach Anrufe ein äh ein Jahr war über Weihnachten hier geschlossen dann lief der Anrufbeantworter der war äh gespickt immer mit der

[3:17:21] gleichen Stimme von äh Morddrohungen und äh wir hatten Versuche die Fenster hier einzuschlagen das sind schusssichere Fenster so fünf Zentimeter dick sieht man nicht aber ist so und ich habe dann noch äh das ist einmal die Panzerglasscheibe und eine Normalglasscheibe

[3:17:45] und die Normalglasscheibe sollte außen sein hab ich gesagt »ne« sag ich »dann ham wir hier jede Woche Reparaturen macht die Scheibe innen dran« und jetzt ist also das Panzerglas von außen und trotzdem hab ich zwei äh Scheiben einmal musste eine gewechselt

[3:18:00] werden die war gerissen und an der Scheibe und in der Synagoge da sind äh na ja so wie Steinschlag das kann man sehen wir hatten die Tür eingetreten die hab ich nur notdürftig wieder eingesetzt die rausgetretenen das ist so ne Kastentür und äh wir ham

[3:18:27] ja hier ne Alarmanlage Bewegungsmelder [räuspert sich] und die Sirene macht schon nen fürchterlichen Krach wenn die loslegt und das war auch mit ein Grund warum wir hier äh   die Wohnung verlassen haben wir ham hier oben gewohnt und wir hatten manchmal jede

[3:18:50] Nacht Störungen und ich war auch unzufrieden muss ich leider sagen äh mit der Polizei man hat hier [zeigt nach draußen] versucht dieses Fenster einzuschlagen das ging nicht und ich hab oben den Lärm gehört im Schlafzimmer stand am Fenster und guckte runter

[3:19:18] und habe das Fenster ganz vorsichtig entriegelt und äh   gehört was die sprachen da meinte der eine zum anderen »du kannst das nicht lass mich mal ran« und dann hat der zweite versucht das ging auch nicht und die Bierflasche die er verwendet hat die lag

[3:19:44] hier im Gras ich hab dann die Polizei gerufen bis die kam natürlich waren die schon verschwunden und äh da hab ich denen gesagt »die die Flasche haben die geworfen« das hat den nicht interessiert der hat die Flasche gar nicht mitgenommen ich hab ja mal

[3:20:03] so nen Film gesehen es gibt so Fingerabdrücke nicht ham die nicht gemacht und es war nicht der einzige Fall wo ich an der Einsatzpolizei da bisschen gezweifelt habe und ich hab das auch äh äh schon Jahre zuvor dem Justizminister mal gesagt dass ich als

[3:20:24] Zeuge vernommen wurde und mich gefühlt habe wie der Angeklagte wie der Beschuldigte beim Verhör und er hat mich gefragt warum ich ge- bestimmte Sachen nicht mehr zur Anzeige bringe und hab ihm das gesagt »ich bin da als Zeuge vernommen worden und musste

[3:20:43] erstmal Fingerabdrücke abgeben sag wo ist denn wo ist denn so was üblich« »na ja« sagt er ich war mit ihm per du er ist leider schon gestorben die Guten sterben ja immer zuerst dann sagt er äh »wir wissen dass der Beamte äh dir übel mitgespielt hat«

[3:21:03] na ja das war ein Sympathisant der Nazis das ist ganz normal 25 Prozent sind Antisemiten und die sind auch in der Polizei und die sind auch in der Armee da kann man blind unterschreiben das ist so das kann gar nicht anders nicht sein wird ja hier niemand auf

[3:21:23] die Gesinnung geprüft wenn er irgendwo eingestellt wird und äh also mir wurde oder uns [Schnitt] ja also wir hatten häufig Übergriffe von so genannten Skinheads oder Neonazis ich erinnere mich gut an mindestens zwei Vorfälle der eins äh eine war 1994

[3:21:56] da nach Feierabend Feierabend ist hier 16 Uhr 45 äh klingelte es an der an der Tür ich gucke auf den äh Überwachungsmonitor und sah drei äh junge Männer draußen und habe beschlossen die kenne ich nicht da mache ich nicht auf sondern bin nach draußen

[3:22:25] gegangen ans Tor und da war erst mal keiner zu sehen dann hörte ich beim Näherkommen

[3:22:32] wie wie einer sagt »da kommt jemand kommt doch jemand« ja und dann sah ich halt die drei jungen Männer und zwei davon hielten jeder einen halben riesigen Schweinekopf

[3:22:48] in der Hand und es war eigentlich für mich schon klar das ist eine Provokation weil es gibt wenige die nicht wissen dass Schwein und Juden nicht zusammen passen   und äh der Eröffnung war »guten Tag die Herren kommen Sie zu mir ?« »ja wir kommen zu euch

[3:23:11] wir feiern heute und wir wollen dass ihr mitfeiert dass der Heinz ist tot« und ich habe zwar früh erfahren dass Heinz Galinski gestorben ist aber ich das nicht sofort in Verbindung gebracht und da sagte ich noch »was geht mich euer Heinz an wenn ihr den

[3:23:33] feiert na dann ist das eure Sache« »nein das ist eure Sache und äh wir äh überreichen Ihnen die äh Köpfe« sag ich »na ja mir können Sie die nicht überreichen ich hab hier keine Küche schade um das schöne Fleisch um die Ecke ist ein Seniorenheim

[3:23:53] und die können das sicher gut gebrauchen« »nein das ist für euch bestimmt und wennse das nicht entgegennehmen dann schmeißen wir das übern Zaun« sag ich »unter der Voraussetzung kann ich das Gespräch als beendet betrachten und tun Sie was Sie nicht

[3:24:12] lassen können« hab mich umgedreht und bin grußlos zum Haus gegangen bin dann so schnell ich konnte die Treppen hoch habe meinen Fotoapparat äh mit der Tele mit dem Teleobjektiv bestückt und hab dann durch die Fenster von oben geguckt ob ich die noch sehe

[3:24:33] und tatsächlich zwei saßen schräg rüber äh auf der Mauer und äh da hab ich n paar Bilder geschossen dann äh nach ner Weile ich hatte zwischendurch auch meinen Chef angerufen und dem davon erzählt und der fragte mich ob »haste die Polizei gerufen«

[3:24:55] hab ich gesagt »wozu ich brauch dafür keine Polizei« und da hat er von sich aus die Polizei gerufen konnte er ja vornehm machen weil er war da ja nicht als Zeuge sondern ich und äh ich bin dann runter und hab die Schweinehälften Schweinekopfhälften fotografiert

[3:25:16] und in dem Moment rief mich jemand v- vom Tor »Hallo« und stellte sich vor er ist Polizeibeamter und so weiter und er käme eben wegen dem Überfall   er sah dass ich äh am Fotografieren war und hat aber im ersten Moment noch nichts gesagt packte seinen

[3:25:42] Metallkoffer seinen Aluminiumkoffer aus und hat da seine Aufnahmen gemacht äh und am nächsten Tag kam der Beamte wieder und verlangte meinen Film sag ich »wieso Sie haben doch selber fotografiert« »ja« sagt er »der Film ist verloren gegangen« na das

[3:26:07] war schon komisch ich hab ihm also meinen Film gegeben und dann wurde ich ich sags mal vornehm eingeladen um nicht zu sagen vorgeladen zur Zeugenvernehmung und das kam mir dann schon reichlich komisch vor dass ich als Zeuge äh Fingerabdrücke machen musste

[3:26:33] äh und zwar nicht einen Finger sondern jeden Finger und die ganze Hand und die linke Hand und äh auch die Befragung hat mich doch sehr befremdet und ich kam mir da vor wie der Beschuldigte nicht wie der Zeuge und das ganze viermal hintereinander und äh

[3:26:53] das hat mir natürlich nicht so gefallen und ich habe dann im Nachhinein bei folgenden Vorfällen Friedhofsschändungen et cetera keine Anzeigen gemacht das ist dann dem damaligen Justizminister Kretschmer aufgefallen und er meinte ich [betont:] müsste Anzeige

[3:27:21] machen wenn ich keine Anzeige mache kann man das nicht verfolgen und da hab ich ihm gesagt also bis jetzt von den Anzeigen sind meistens Briefe entstanden »wir bedauern ähm die Akte schließen zu müssen es haben sich keine Erkenntnisse ergeben und wenn

[3:27:40] Ihnen noch weitere Fakten bekannt geworden sein sollten dann bitte melden Sie uns das« da ham wer ne Mappe davon sind etliche solcher Schreiben eingegangen also ich hatte keine Lust mehr weil diese äh äh Befragungen die die ham mich wirklich genervt ich

[3:27:58] hab das als verlorene Zeit gesehen

[3:28:04] ja und der nächste äh Zwischenfall äh größerer Art war am zwanzigsten April 19- Quatsch 2000 äh wir hatten gerade unsere Feier zum Pessachvorabend und ein Beamter kam in den Kaisersaal an meinen Tisch und sagte mir

[3:28:28] leise »Sie müssten mal mitkommen es ist etwas passiert« das hat er am Tisch aber nicht erläutert was passiert ist erst als wir auf dem Weg nach draußen waren zum Auto sagt er mir äh »Feuer i- an der Synagoge« ach du lieber Gott bin ich erschrocken

[3:28:46] ähm ich wohnte zu der Zeit noch hier und also wir kamen hier an die Straße war alles voll mit äh Polizeiwagen und äh Scheinwerfer en masse und die Synagoge brannte nicht Gott sei Dank der Brandanschlag ist von dieser Seite hier also von der Straßenseite

[3:29:15] ich sag immer Hintereingang der Synagoge äh erfolgt zwei Molotowcocktails wurden auf das Haus geworfen der eine äh hat das Haus getroffen den hat man aber an dem in der Nacht gar nicht äh entdeckt die Flasche ist aufs Dach geprallt und ist in der Dachrinne

[3:29:41] hängen geblieben also liegen geblieben die Lunte war schon rausgefallen ist vorher abgebrannt und die zweite Flasche die hat die Hauswand getroffen so zehn Zentimeter neben meinem Wohnzimmerfenster und äh wenn die durchs Fenster geflogen wäre dann war es

[3:30:03] gut spät und es gab damals äh ein äh eine riesige Aufmerksamkeit hier seitens der Bevölkerung es erst mal kamen eine Truppe junger Leute äh ich hab gefragt »gehört ihr zu irgendeiner Partei ?« »nein nicht« also das waren solche Antifaschisten die

[3:30:29] ja hier sehr nicht wohl gelitten sind muss ich leider sagen manche sind auch äh bisschen Schuld die sich hier manchmal in einem etwas eigenartigen Aufzug äh na ja bekannt machen ganz besonders wenn äh Gedenktage sind dann machen die einen Umzug hier und

[3:30:57] ähnlich wie bei der rechten Front nicht mit Bierflaschen das macht keinen guten Eindruck da geht auch kein Normalbürger oder keiner so wie du und ich geht da mit und das hab ich auch mal gesagt auf die Frage eines äh Polizeioffiziers »wie gefällt Ihnen

[3:31:21] denn diese Meute hier ?« da hab ich gesagt »na« sag ich »wenn hier 2000 von Ihrer Meute wären da würde man die 200 hier gar nicht sehen« das war immer so der Fall dass die Regierungspartei sich an Antinazi-Demonstrationen zurückgehalten hat das heißt

[3:31:44] sie ham sich gar nicht beteiligt und nach diesem Vorfall diesem kleinen Wortwechsel mit dem Polizeioffizier hat dann der damalige Ministerpräsident für den nächsten neunten November eine Kundgebung vor der Synagoge angekündigt an der tatsächlich laut

[3:32:08] Polizeiangaben 6- bis 7000 Menschen teilgenommen haben die ganze Straße war verstopft der Juri-Gagarin-Ring und äh man wollte mich man wollte mich in meiner Redezeit es war üblich dass ich immer zu Gedenktagen eine Rede vorbereite und dann sagte man mir

[3:32:29] »ja aber nicht mehr als fünf Minuten« ich sag »passen Sie mal auf entweder ich rede bis ich fertig bin oder ich rede gar nicht ich hab noch nie auf die Uhr geguckt wie lange ich rede aber bis ich fertig bin« »ja der MP spricht auch nicht mehr als fünf

[3:32:50] Minuten« hab ich gesagt »ist ja nicht sein Tag der neunte November ist ein Tag an dem [betont:] wir gedenken das war der Beginn der Massenvernichtung« und was mir nicht gepasst hat der Doktor Vogel hat damals eine Brücke geschlagen von 89 zu 38 sag ich

[3:33:19] »ich hab mit dem 89 nüscht zu tun obwohl ich einer der wenigen Wendegewinnler bin   wenn ich das so betrachte« und es war dann so dass ich über ne Viertelstunde gesprochen hab also bis ich halt fertig war auch er hat nicht fünf Minuten gesprochen und die

[3:33:38] Landtagspräsidentin heutige Ministerpräsidentin hat auch das Wort ergriffen der Unterschied ich hatte zweimal mitten in der Rede Beifall und der Herr Vogel nur am Ende so genannten Ehrenapplaus oder Höflichkeitsapplaus

[3:33:55] weil ich ich äh für mich ist der

[3:33:59] neunte November eben ganz was anderes und äh ich hab bis heute Probleme der neunte November 89 war natürlich ein ganz ganz großer Tag für Deutschland ich hab mich genauso gefreut und war erregt als ich die Fernsehbilder sah wie die Kolonnen über die Grenze

[3:34:25] kommen Österreich und äh nach nach nach Bayern und so weiter dass alle Grenzübergange -gänge plötzlich mit qualmenden Autos vollstanden und äh ich war da sehr sehr erbaut und im gleichen Moment dachte ich [lachend:] jetzt hast Du ja das Einreisevisum

[3:34:47] umsonst bezahlt aber ich habs noch äh nutzen müssen denn im November auch im Dezember und Januar waren immer noch Grenzkontrollen äh üblich zwar nicht mehr ganz so scharf die ham schon beim ersten Mal ham die Gesichter gemacht wie steinern und beim zweiten

[3:35:07] Mal da ham sie schon manchmal etwas gelächelt die sächsischen Beamten waren das alles   ja äh und das äh ist mir eigentlich immer wieder aufgestoßen jeder Zwischenfall der war hieß zuerst »ein rechtsextremer Hintergrund nicht erkennbar«   auch bei dem

[3:35:35] Krankenha- Brandanschlag da hat man wieso hat man die so schnell verhaftet am nächsten Tag schon die hatten auch wieder so n DIN A4-Blatt und hatten da eine Parole draufgeschrieben »ein Geschenk zu Führers Geburtstag« äh »sein seine Ideen« oder was

[3:35:57] wei- so ähnlich »sind noch nicht tot« na das schreibt kein Kommunist kein Sozialdemokrat und die zwei Jungs es waren drei aber der eine war nur der Chauffeur [gestikulierend:] nur der Chauffeur der wusste ganz genau was die machen gehen der war vorher an

[3:36:14] der Tankstelle und ne Flasche Benzin kaufen äh   ich wüßte niemanden der hier ein Interesse daran hätte ne Synagoge anzuzünden und noch dazu am zwanzigsten April das da müssten die doch selber drauf kommen also da muss Zusammenhang sein »nein nicht erkennbar«

[3:36:36]   und äh das hab ich mehrfach mehrfach erlebt ich meine gut Grabsteine umwerfen da muss man nicht Nazi sein das können auch spielende Kinder sein warens aber nachwar- nachgewiesen nicht aber das ist immer die erste Erklärung »kein rechtsextremer Hintergrund

[3:37:00] erkennbar« und das   stimmt mich doch schon bedenklich

Martin Hölzl

[3:37:07] hatten Sie nach solchen Erfahrungen schon mal den Gedanken äh Deutschland wieder den Rücken zu kehren nach Israel zu gehen ?

Wolfgang Nossen

[3:37:16] in der Tat hatte ich aber äh es gibt Gründe dagegen zum einen meine Frau ist nicht mehr zu verpflanzen   mit 84 ist sie hier so verwurzelt sie war Lehrerin trifft sich jeden Monat mit ihren noch lebenden Kolleginnen ist das eine zum anderen sie ist heute

[3:37:47] nicht mehr in der Lage die Sprache zu lernen für mich ist das einfach ich kam hierher konnt ich Deutsch ich kam dorthin hab ich ruck zuck Hebräisch das ich in der Schule schon gelernt hatte wieder aufgefrischt äh und äh sie war einmal mit mir 1991 im Urlaub

[3:38:08] dort und das ist ganz schön in die Hose gegangen weil mein Sohn äh da wohnten wir der kann kein Deutsch er hat auch keine Ambitionen äh zu lernen obwohl seine Mutter sprach fließend Deutsch seine Großmutter oder Großeltern beide obwohl der Großvater

[3:38:33] aus Russland

[3:38:35] stammte aber der hat in Deutschland studiert

[3:38:37] äh ja er kanns nicht er wills nicht sein Sohn war voriges Jahr ein halbes Jahr hier hat er ihm gesagt »na du kannst Englisch du du musst nicht Deutsch lernen« und meine Frau möchte gerne in der

[3:38:55] Unterhaltung dabei sein und ich vergesse immer wieder meine Rolle dass ich auch zwei Mal übersetzen muss einmal ihm in Deutsch also in Hebräisch

[3:39:04] und umgekehrt meiner Frau was er Hebräisch gesagt hat und wenn der anruft hab ich ihr gesagt »also Sabba heißt

[3:39:13] Großopa wenn der Sabba sagt musst du mich rufen« [lacht] und mein Sohn der nennt mich beim Vornamen

[3:39:23] na ja da weiß sie schon Mordechai aha das ist der aber meine Frau DDR-Kind kann kein Englisch oder sagen wir mal das was sie kann das ist schwer zu verstehen

[3:39:39] und äh die ist dann auch aufgeregt wenn jemand sie Englisch anspricht äh also da fehlt die Kommunikation das ist der eine Punkt warum ich äh nicht äh wegkomme von hier der zweite Punkt äh ich habe in Israel keine Krankenkasse

[3:40:02] mehr keine Versicherung ich

[3:40:05] müsste mich einkaufen dazu hab ich kein Geld also muss ich hier bleiben aber ich habe schon gesagt also wenn ich könnte würde ich weggehen   ich fühle mich auch äh äh nicht wie ein gewollter Auswanderer in Hebräisch gibt es da eine Bezeichnung dafür

[3:40:35] wenn einer kommt das sind Olim das

[3:40:38] ist einer der aufsteigt wenn einer geht sind das Jordim das ist einer der runtergeht ich fühle mich nicht als zu den Jordim zugehörig ich bin einfach äh schicksalsbedingt hier geblieben der die ursprüngliche Absicht war

[3:40:59] ähm dass meine zwei Söhne der Große war bei der Armee der konnte nicht raus äh dass meine zwei Söhne die damals zehn und acht Jahre alt waren hier in die Schule gehen Deutsch können um hundert Prozent in der Familie integriert zu sein weil meine Schwestern

[3:41:21] können nicht mit denen reden umgekehrt auch nicht und äh na ja nu inzwischen können beide sehr gut Deutsch der eine nicht der spricht fließend Bayerisch Hochdeutsch kann der nicht [lacht] und äh tja   die Kontakte sind auch nicht so riesig meine Kinder

[3:41:41] die leben ohne Tante ohne Onkel ich hatte nicht die haben das berührt sie wenig wenn sie sich mal treffen dann alles wunderbar sind begeistert und ja melden uns wieder aber melden tun sie sich nicht aber es geht mir genauso mein mittlerer Sohn ist an meinem

[3:42:05] Geburtstag geboren wenn ich ihn nicht anrufe zum Gratulieren da kann ich lange warten dass der mir gratuliert aber es ist auch nicht so ne große Ehre nicht so nem alten Papa da [lachend:] zu gratulieren

Martin Hölzl

[3:42:17] Sie haben sich das weiß ich aus unserem Vorgespräch ja nicht nur als Landesvorsitzender der thüringischen äh Gemeinde Jüdischen Gemeinde gegen Rechtsextremismus engagiert sondern Sie waren sogar Vorsitzender von Mobit könnten Sie vielleicht dazu noch

[3:42:40] etwas sagen kurz erklären was das für ein Verein das war

Wolfgang Nossen

[3:42:42] [gleichzeitig:] ja das ist richtig äh als der Verein gegründet wurde und ich angesprochen wurde dann hab ich sofort zugesagt bin dann ich weiß nicht nach wie viel Zeit zum Vorsitzenden gewählt wurden ge- gewählt worden weil der damalige Vorsitzende ist

[3:43:04] in die höhere Politik gegangen der ist heute Bundestagsabgeordneter

[3:43:08] und äh mein damaliger Stellvertreter äh Steffen Lemme ist heute ebenfalls Bundestagsabgeordneter nur ich nicht äh [lacht] ich äh habe dann den Vorsitz abgegeben und bin Stellvertreter

[3:43:31] geblieben und der Herr Lemme ist nach wie vor der Vorsitzende und äh ich habe hier schlechte Erfahrungen gemacht ich habe immer gefragt »wer soll denn gegen die Rechten sein wenns nicht die Linken sind die Mitte tut nichts« und das hat man uns zum Vorwurf

[3:44:00] gemacht wir wurden da tatsächlich äh   hinten runter fallen gelassen äh man kann keine Berater bezahlen wenn man keinen Etat bekommt und das Bundesfamilienministerium mit dieser [seufzt] ich kann den Namen schon nicht mehr sagen diese Ministerin äh   entweder

[3:44:27] ist es die Regierungspolitik die Linie des Kabinetts sich nicht zu sehr gegen Rechts zu befassen oder die kanns nicht die verstehts nicht jedenfalls wir stellen als Verein äh Berater gegen Rechtsextremismus ein und die Politik kritisiert den Begriff Rechtsextremismus

[3:45:07] warum nicht gegen Linksextremismus und da hab ich mal gesagt »na ja also Auschwitz haben nicht die Linken gebaut«   und da hat mir einer v- entgegnet »ja aber demokratisch müssen sie sein« sag ich »na ja die NPD nennt sich auch demokratisch und wie demokratisch

[3:45:32] die sind das erleben wir ja jede Woche« hat nichts geholfen ich habe mit Innenministern das stand unterstand damals noch dem Innenministerium heute ist es das Sozialministerium Diskussionen geführt wir brauchen Geld wir müssen die Berater bezahlen das sind

[3:45:57] keine irgendwelche minderbemittelten also geistig minderbemittelten Leute das sind alles Absolventen äh der Politikwissenschaften und ähnliches äh teilweise auch Sozial- äh -studium und äh   sind unter anderem auch Familienmenschen Familien- äh äh   na

[3:46:24] also haben Familie und die müssen von irgendwas leben von was sollen wir die bezahlen unser Mitgliedsbeitrag ist äh das ist gleich Null fast Null ich weiß nicht was ich da bezahle dreißig Euro glaub ich und das fällt mir auch schwer und da gab es ab und

[3:46:47] zu äh eine bestimmte Summe Projektmittel na davon kann ich doch keine Leute äh auf Dauer einstellen und das ist von Jahr zu Jahr dasselbe und jetzt läuft dieses Programm schon wieder aus Ende des Jahres und deswegen hab ich mit Lemme getauscht sag ich »du

[3:47:11] sitzt näher an der Frau Schröder dran machst du den Vorsitzenden ich mach deinen Stellvertreter« hab ich gedacht das bringt uns weiter ja Pustekuchen   wir leben praktisch von der Hand in den Mund und dann sind ja die Beschlüsse immer so spät man kann

[3:47:35] kein Projekt entwickeln man man hängt in der Luft   zu wenig zum Leben und zum Sterben zu viel   und ich weiß noch nicht wie dieses Jahr also 2- -14 weitergehen soll bis jetzt ist es noch nichts durch und äh ich hab in der Schule schon in der Grundschule

[3:48:02] schon frechen Mund gehabt und das hat sich nicht geändert und mir wurde mal gesagt vom Herrn Vogel »Sie brauchen Ihren« wie hat er gesagt ? »Licht nicht untern Scheffel stellen« oder so was ich kenn das gar nicht diese Redewendung »Ihr Wort wird gehört

[3:48:24] in Thüringen« »oh ja« sag ich »gehört schon aber leider nicht befolgt« und da war er mal sprachlos [lacht] und so ist das   die Frau Lieberknecht bei der Verleihung im November letzten Jahres hat ist auch eingegangen auf die NSU und dann habe i- sie

[3:48:55] sprach von der Überraschung   ich hab nur mit dem Kopf geschüttelt wieso war die überrascht ich war überhaupt nicht überrascht und ich hab eine Rede von 2001 wo ich damals schon den Verfassungsschutz angegriffen habe   dass es mir scheinen will dass der

[3:49:19] Verfassungsschutz

[3:49:22] recht zufrieden ist dass es die Rechten gibt richtige Verfolgung kann ich nicht erkennen und dann hab ich zu ihr gesagt »es wird jetzt ermittelt und so weiter« und dann hab ich zu ihr gesagt »Frau Lieberknecht ich hoffe nicht so wie immer

[3:49:33] hinter verschlossenen Türen« ja und was passiert da werden Akten geschreddert wo man einerseits froh ist dass man sie gefunden hat auf der anderen Seite erschrickt was da drin ist und werden vernichtet und so weiter ich glaube nicht der ganze Prozess ist

[3:49:47] schade ums Geld   da wird kein Urteil draus kommen und die sicher die die Angeklagte Beschuldigte Frau Zschäpe die nutzt ihr Recht des Schweigens aus als Zeuge kann ich nicht schweigen aber als Angeklagter kann ich und das ham ihr drei Rechtsanwälte möchte

[3:50:10] nicht wissen wer die bezahlt äh eingetrichtert »Sie sagen nischt und Schluss ist die können Ihnen gar nichts beweisen« und da bin ich neugierig ob die Anklage inzwischen etwas hat wovon die Verteidigung noch nichts weiß aber dann können sie noch das

[3:50:28] Gericht für unzulässig erklären wegen Befangenheit oder was dass sie Zeugenaussagen unterschlagen haben weiß der Kuckuck was da noch alles kommen kann aber wie gesagt das ist schade ums Geld die Leute sind tot hier ham Sie wieder dasselbe Beispiel da wurden

[3:50:45] die Angehörigen beschuldigt in Drogengeschäfte und weiß der Kuckuck was verwickelt gewesen zu sein nur um Gottes willen nicht Fremdenhass oder so was das gibts nicht in Deutschland das ist ausgeschlossen und dann werden sie eingeladen zum Herrn Präsidenten

[3:51:03] na da hamse aber was davon aber en Stuhl zur Verhandlung ham se nicht also es ist alles eine traurige Situation aber wie gesagt ich mir sind die Hände gebunden ich muss   bis zum bitteren Ende oder das weiß ich nicht ich war noch nicht am Ende aber [lacht]

[3:51:26] bin verurteilt hier zu bleiben [trinkt]

Daniel Baranowski

[3:51:30] Martin hast du noch abschließend Fragen ? äh Herr Nossen auch angesichts der Zeit äh weil Sie gleich einen Termin haben würd ich Sie zum Schluss gerne noch fragen äh oder Ihnen die Möglichkeit geben noch etwas zu sagen was Sie noch sagen möchten gibt

[3:51:49] es noch etwas was Sie zum Schluss des Interviews gerne sagen möchten

Wolfgang Nossen

[3:51:52] eigentlich hab ich ja schon mein Herz ausgeschüttet äh das treibt mich sehr um die Behandlung äh ich habe in einer Rede mal gesagt »der Feind ist links rechts ist die böse Verwandtschaft«   da haben die eine Seite meinen Mut so was zu sagen bewundert

[3:52:22] und die anderen »wie kommen Sie dazu so was zu behaupten« sag ich »können Sie mir das Gegenteil beweisen«   das hör ich immerfort ich war hier unter anderem in diesem Ausschuss Thüringen hat ja ein äh Landesprogramm da wurde das Wort Rechtsextremismus

[3:52:44] gestrichen äh weil wir uns äh als Zivilverein um Rechtsextremismus kümmern und nicht um Linksextremismus ich sag ja nicht dass es keinen Linksextremismus gibt aber die äh mal abgesehen von der RAF da wusste man sehr gut wie man die bekämpft   müssen se

[3:53:14] zugeben mit den Rechten macht man das nicht damals gabs Rasterfahndung und alles mögliche und da ist man vorgegangen und das ganze Volk war sich einig aber heute bei rechts ich hör immer wieder Stimmen »sie sind doch eigentlich ganz nette Leute und es ist

[3:53:39] doch wahr und wer braucht die ganzen Ausländer hier« und es gibt sogar mit meiner Frau Diskussionen auf der Strecke ne die sagt ich sag »Deutschland wollte si- sich schnell schnell schnell wieder an die Spitze setzen da hat man für die Drecksarbeit die

[3:53:54] Ausländer hergeholt« und was war denn ich war zu der Zeit äh Umschulung in Württemberg wer hat denn in der Müllabfuhr gearbeitet kein einziger Deutscher war fest in türkischer Hand die Müllabfuhr und als dann die Türken ihre Löhne hochgetrieben haben

[3:54:13] dann kamen die deutschen Arbeits- »deutsche Arbeit für Deutsche« ne so war das ich war hier von äh ja 1960 bis 66   und das hatten wir aber nach dem Ersten Weltkrieg schon wer hat im Ruhrgebiet in den Kohlengruben gearbeitet das waren die Polen nicht als

[3:54:42] Zwangsarbeiter kamen freiwillig heute gibts ein paar berühmte Fußballspieler aus der Truppe [lacht] ja äh insgesamt äh bin ich ziemlich traurig ich habe mir 1945 euphorisch gedacht das mit diesem Nationalsozialismus ist ein für alle Mal vorbei   wenn ich

[3:55:11] geahnt hätte wie das sich mal entwickelt dann glaube ich wäre ich nachdem ich 77 hierher gekommen bin nicht so lange geblieben das darf ich natürlich zu Hause nicht so laut sagen und es geht mir eigentlich auch gut ich bin sehr froh wie es also jetzt meine

[3:55:45] private äh Geschichte wie sich das entwickelt hat Kreis hat sich geschlossen in Erfurt hats angefangen die große Liebe mit der Schule und es hat sich weiter fortgesetzt und wie gesagt es sind dieses Jahr glaub ich 66 Jahre ja jetzt April werdens 66 Jahre

[3:56:13] dass wir uns begegnet sind wir hatten vierzig Jahre Pause mit kleiner Unterbrechung aber wir sind eigentlich beide ziemlich zufrieden   aber mit der politischen Seite nicht ich habe immer wieder Befürchtungen dass es noch ein bisschen mehr kippen kann   und

[3:56:46] ich sehe nicht auch jetzt gerade mit äh mit diesen Aufdeckungen Bezug NSU ich sehe nicht dass wir wir haben eine wehrhafte Demokratie die sich aus meiner Sicht nicht richtig wehrt   von alleine geht das nicht Demokratie hat auch Deutschland nicht geschenkt

[3:57:11] bekommen Ostdeutschland schon gar nicht und das dafür muss man ununterbrochen kämpfen und das seh ich nicht   kann mich irren würde mich gerne irren aber   ich bin von Haus auf eigentlich Optimist aber da bin ich doch ziemlich pessimistisch deswegen sage

[3:57:40] ich ich hoffe ich irre mich

Daniel Baranowski

[3:57:42] gut dann bedanken wir uns für das Interview dass Sie sich die Zeit genommen haben

Wolfgang Nossen

[3:57:53] meinen Sie dass jemand das interessiert ?

Daniel Baranowski

[3:57:55] das glauben wir sehr ja vielen Dank

Martin Hölzl

[3:57:58] herzlichen Dank

Datum Ort Text
ab 1931 Breslau Geburt als ältester Sohn eines jüdischen Metzgers
ab 1937 Breslau Einschulung in die jüdische Schule »Am Anger«
ab 1939 Breslau Verhör durch die Gestapo und Hausdurchsuchung wegen einer unbedachten Äußerung über eine Waffenattrappe des Vaters
ab 1939 Breslau Konversion der Mutter zum christlichen Glauben, um die Familie vor drohender Deportation zu schützen
ab 1943 Breslau erzwungener Umzug der Familie innerhalb der Stadt
1944 - 1945 Breslau Zwangsarbeit, unter anderem auf dem jüdischen Friedhof, beim Ausheben von Panzergräben und beim Bau eines Flugzeugrollfeldes in der Innenstadt
ab 1945 Breslau unmittelbar nach dem Zwangsumzug in das so genannte Baracken-Lager am Oderhafen Flucht während eines Fliegerangriffs und Untertauchen der Mutter mit ihren Kindern
ab 1945 Breslau Rückkehr des Vaters als Soldat der Roten Armee
1945 - 1945 Breslau in polnischer Kriegsgefangenschaft, Zwangsarbeit auf einem Friedhof
ab 1945 Erfurt Übersiedlung der Familie von Schlesien nach Thüringen
ab 1947 Erfurt Beginn einer Ausbildung bei BMW, Kennenlernen von Elisabeth in der Volkshochschule
ab 1948 Deutschland Hachschara in Bayern
1948 - 1949 Latrun Teilnahme am Israelischen Unabhängigkeitskrieg
ab 1949 Netiv Halamed Heh Aufbau eines Kibbuz, Anlage einer Orangenplantage, Reparatur von Traktoren und Arbeit als LKW-Fahrer
ab 1955 Israel Heirat, Arbeit als Techniker in der Textilindustrie
ab 1959 Israel Geburt des ersten Sohnes Rafael
1977 - 1989 Nürnberg nach Scheidung in Israel endgültige Rückkehr nach Deutschland, Arbeit in der Gastronomie und als Leiter eines Altenheimes
ab 1989 Erfurt Wiedertreffen mit Elisabeth
1991 - 1995 Erfurt nach Umzug aus Nürnberg Arbeit als Hausmeister der Jüdischen Gemeinde
1995 - 2012 Erfurt Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen
2006 - 2008 Erfurt Vorsitzender des Mobilen Beratungsteams gegen Rechtsextremismus in Thüringen
ab 2011 Erfurt Auszeichnung mit dem Verdienstorden des Freistaats Thüringen
Kurzbach (Konzentrationslager) Deportation des Vaters
Wolfgang Nossen wurde am 9. Februar 1931 in Breslau als erstes Kind von Lucia und Max Nossen geboren. Die Eltern besaßen eine schon von den Großeltern gegründete koschere Fleischerei, in der mehrere Familienmitglieder arbeiteten. Die von den Nationalsozialisten betriebene Schließung des Betriebes betraf deshalb die gesamte Familie, die Eltern, zahlreiche Onkel und die Großeltern verloren ihre Arbeit. Wolfgang Nossen erlebte das Pogrom am 10. November 1938 auf dem Schulweg, als er an zerstörten Geschäften vorbeikam und die Neue Synagoge brennen sah. Am selben Tag wurde sein Vater polizeilich vorgeladen und im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert, aus dem er erst im März 1939 wieder entlassen wurde.

Wegen einer unbedachten Prahlerei mit einer Waffenattrappe wurde Wolfgang Nossen 1939 von der Gestapo verhört und verprügelt. Um die Familie vor weiterer Verfolgung zu schützen, überzeugte der evangelische Pfarrer Heinrich Benckert die Mutter, ihren 1929 vollzogenen Übertritt zur jüdischen Religion wieder rückgängig zu machen. 1943 musste die Familie innerhalb Breslaus in ein nur von Juden bewohntes Gebiet umziehen. Mit der Deportation des Vaters in das Konzentrationslager Kurzbach 1944 fiel Wolfgang Nossen als Haushaltsvorstand die Verantwortung für die Mutter und seine vier jüngeren Schwestern zu. Im gleichen Jahr zwang ihn die Gestapo zu Zwangsarbeiten, unter anderem auf dem jüdischen Friedhof, beim Ausheben von Panzergräben und beim Bau einer Landebahn für Flugzeuge im Stadtzentrum. Als die noch in der Stadt verbliebenen Juden im Februar 1945 in ein Baracken-Lager neben dem Oderhafen der Stadt umziehen mussten und Gerüchte über ihre bevorstehende Ermordung kursierten, nutzte die Familie einen alliierten Fliegerangriff zur Flucht in den Untergrund. Während der Zeit im Versteck in einer ehemaligen SS-Siedlung versorgte Wolfgang Nossen seine Familie mit Lebensmitteln, die er heimlich aus Kellern und Lagerhallen beschaffte. Unmittelbar nach der Befreiung der Stadt kehrte der Vater als Soldat am 11. Mai 1945 zur Familie zurück. Ihm war es gelungen, einem Todesmarsch zu entkommen und sich der Roten Armee anzuschließen. Wolfgang Nossen wurde Zeuge, wie der ehemalige Leiter der Breslauer Gestapo zu seinem Vater geführt wurde, der ihn als zuständiger Besatzungssoldat in Arrest nahm und verhörte.

Zusammen mit weiteren Überlebenden der Breslauer Jüdischen Gemeinde verließ die Familie Schlesien, das nun unter polnischer Verwaltungshoheit stand, und zog nach Erfurt. Eine schwere Erkrankung der Mutter zwang die Familie, für längere Zeit in Thüringen zu bleiben. Wolfgang Nossen besuchte wieder die Schule und begann eine Ausbildung bei der örtlichen BMW-Vertretung. In der Volkshochschule lernte er seine große Liebe Elisabeth kennen. 1948 ging er auf Hachschara in Bayern. Als Soldat nahm er von November 1948 bis Juli 1949 am Israelischen Unabhängigkeitskrieg teil. Im Anschluss baute er den später Netiv Halamed Heh genannten Kibbuz auf, wo er unter anderem als LKW-Fahrer und Mechaniker arbeitete.

Der ursprüngliche Plan, seine Freundin Elisabeth zu sich nach Israel zu holen, scheiterte an einem nicht zugestellten Brief, der Kontakt brach daraufhin ab. 1955 heiratete er zum ersten Mal, 1959 wurde der Sohn Rafael geboren. Im gleichen Jahr traf er sich in Berlin wieder mit Elisabeth, die inzwischen ebenfalls verheiratet war. Nach dem Bruch seiner zweiten Ehe und beruflichen Schwierigkeiten ging Wolfgang Nossen 1977 endgültig nach Deutschland zurück. In Nürnberg, wo seine Mutter lebte, arbeitete er in der Gastronomie und als Leiter eines Altenheimes. Bei einem Besuch in Erfurt begegnete er im November 1989 seiner Jugendliebe Elisabeth wieder. Das Paar zog zusammen und Wolfgang Nossen trat 1991 eine Hausmeisterstelle bei der Jüdischen Gemeinde in Erfurt an.

Zu seiner Geburtsstadt Breslau, die er erstmals 1990 wieder besuchte, empfand er keine heimatlichen Gefühle mehr. Zu sehr war die Stadt für ihn mit den Erlebnissen der Verfolgung während der Zeit des Nationalsozialismus verbunden. Etliche Mitglieder seiner Familie, darunter auch seine Großeltern, wurden ermordet.
Seine Arbeit in der jüdischen Gemeinde in Erfurt mündete 1995 in der Wahl zum Vorsitzenden der Jüdischen Landesgemeinde Thüringens. Dieses Amt bekleidete er bis 2012, außerdem stand er von 2006 bis 2008 dem Verein Mobit vor, der sich gezielt gegen Rechtsextremismus einsetzte. Für sein gesellschaftliches und politisches Engagement zeichnete ihn die Ministerpräsidentin von Thüringen 2011 mit dem Verdienstorden des Landes aus.
Wiederholt war Wolfgang Nossen in seiner Funktion als Mitarbeiter und Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde antijüdischen Angriffen ausgesetzt. Am 20. April 2000 wurde die Erfurter Synagoge Ziel eines Brandanschlages von Rechtsextremisten. Neben der Tatsache, dass jüdisches Leben in Deutschland immer noch bedroht wurde, schmerzte ihn das mangelnde gesellschaftliche Eintreten gegen Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus. Immer wieder machte er die Erfahrung, dass es auch und gerade bei der Polizei Versuche gab, rechtsextreme Vorfälle nicht mit dem nötigen Nachdruck aufzuklären und zu verfolgen. Seine sorgenvolle Einschätzung des Zustandes der demokratischen Kultur in Deutschland ließ ihn darüber nachdenken, wieder nach Israel zurückzugehen, woran ihn aber persönliche Gründe hinderten.