Hedy Hornstein (*11.12.1915, Olmütz)
Das Laden dieses Videos kann Ihr mobiles Datenvolumen beanspruchen.
- Signatur
- 01165/sdje/0060
- Institut
- Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin
- Sprache
- deutsch
- Ort und Datum der Aufnahme
- Düsseldorf, den 10. April 2013
- Dauer
- 04:46:29
- Interviewter
- Hedy Hornstein
- Interviewer
- Daniel Baranowski , Philipp Sukstorf
- Kamera, Licht und Ton
- Lennart Bohne
- Redaktion
- Christoph Schönborn
- Transkription
- Christoph Schönborn
Es war ein silbernes Zigarettenetui – ein Geschenk ihres Vaters an ihren Mann –, welches das Überleben von Hedy Hornstein während der Auflösung des Czernowitzer Ghettos sicherte. Durch dessen Herausgabe konnte rettende Zeit vor der drohenden Deportation herausgeschlagen werden. Die 1915 in Olmütz geborene Hedy Hornstein wuchs in Prag auf und absolvierte dort ihre Schulzeit sowie ein Studium zur Textilingenieurin. Am 15. März 1939, mit 23 Jahren, heiratete sie ihren Mann Guido, zeitgleich mit dem Beginn der deutschen Besatzung. Um der Verfolgung in Prag zu entgehen, entschloss sich das Paar, in die Heimat des Mannes nach Czernowitz auszuwandern. Dort erlebte sie die Besetzung durch die Rote Armee 1940 und die folgenden Deportationen nach Sibirien ebenso wie das Pogrom nach der deutschen Besetzung im Juni 1941. Während dieser Zeit musste sie Zwangsarbeit leisten und wäre beinahe nach Transnistrien deportiert worden. Im Jahr 1943 trat Hedy Hornstein gemeinsam mit ihrem Mann in die Tschechische Brigade der Roten Armee ein und rückte mit dieser bis nach Prag vor. Noch während des Krieges suchte sie nach überlebenden Angehörigen im Ghetto Theresienstadt. Auf der Suche nach einem Leben in Freiheit scheiterte eine gemeinsame Auswanderung mit den Schwiegereltern 1948 am kommunistischen Umsturz in der Tschechoslowakei. Erst 1964 gelang der Familie die Flucht nach Düsseldorf. Zum Zeitpunkt des Interviews war sie 97 Jahre alt.
Vorkontakte
Durch Vermittlung von Hedwig Brenner Kontaktaufnahme. Bei erstem Telefonat betont HH gemeinsam mit ihren Enkelkindern entscheiden zu wollen, ob sie zu einem Interview bereit ist. Anschreiben 1 und Anschreiben 2 werden an HH und ihre Enkelkinder adressiert. Nach Zusage bleiben alle Vorkontakte telefonisch, da HH fast erblindet ist und nicht mehr lesen kann. Vorgespräch einen Tag vor dem Interview.
Bedingungen
Im relativ dunklen Wohnzimmer von HH. Sehr dunkel draußen, daher Einsatz von zwei Kunstlichtquellen. Deckenlampe und eine Stehlampe als Führungslicht, die mit Lichtsegel gespiegelt wird. Führungslicht von links. Durch die Kopfhörer und das Mischpult sind Störgeräusche (Brummen und Fernsehgeräusche zu hören?). Ab einem bestimmten Level der Mastervolume wird das unerträglich, daher Mastervolume rel. leise eingestellt und einzelnen Sprecherkanäle rel. hoch.
Gruppensituation
zwei Interviewer, ein Kameramann (Lennart Bohne); für 45 Minuten zum Ende des Interviews ist Petra (___), eine Freundin aus der Verwandtschaft HH, anwesend.
Unterbrechungen
acht Pausen. Aufgrund HH Alters alle 50-60 Minuten eine Pause, dazu eine längere Mittagspause und eine Kaffeepause am frühen Abend.
Protokoll
Stiftung für die ermordeten Juden Europas, Berlin
Eindrücke
HH beginnt ihre Erzählung sehr zerfasert und benötigt am Anfang sehr viele Fragen als Hilfe. Oftmals räumt sie scheinbar "kleinen" Vorkomnissen großen Raum ein bzw. kommt immer wieder auf bereits Erzähltes zurück. Die Chronologie ihrer eigenen Lebensgeschichte hält sie nicht ein, daher erzählt sie erst zum Ende von ihrer Geschichte in der tschechischen Brigade. Sehr schwierige Licht- und Tonverhältnisse. Die Entscheidung HH so hell auszuleuchten deshalb, da einzige Möglichkeit, um konstante Bedingungen zu schaffen. Immer wieder Brummen im Ton (wahrscheinlich durch Elektronikeinsatz in darüberliegender Wohnung). Nach dem Mittagessen baut HH körperlich sehr stark ab, sie sinkt auf ihrem Stuhl zusammen und ihr fallen sprichwörtlich die Augen zu - ihre Erzählung scheint davon jedoch nicht beeinflusst zu werden. Für mich selbst stelle ich fest, dass es mir nach so vielen Interviews als Interviewer schwer fällt die Rolle als Kameramann wahrzunehmen. Sowohl beim Vorgespräch, als auch beim Interview, verspüre ich den Drang mich immer wieder inhaltlich zu beteiligen. Gerade im Interview hätte ich einige Fragen gehabt, die ich aus meiner Rolle heraus, natürlich nicht stellen konnte.
[0:00] wir führen heute ein Interview mit Hedwig Hornstein für das Projekt »Sprechen trotz allem« der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin wir sind in Düsseldorf heute ist der zehnte April 2013 das Projekt wird unterstützt von der Kulturstiftung
[0:17] des Bundes ich bin Daniel Baranowski und führ das Interview zusammen mit Philipp Sukstorf Lennart Bohne ist für die Kamera und die Technik zuständig [Schnitt] ja Frau Hornstein nochmal vielen Dank dass Sie uns so nett empfangen haben hier bei sich wir
[0:33] fangen wie immer ähm an mit der Frage nach Ihrer Geburt und wir wissen ja schon aus den Vorgesprächen dass Sie da direkt eine äh Geschichte zu zu erzählen haben vielleicht können Sie uns am Anfang davon berichten was es mit Ihrer Geburt auf sich hatte
[0:49] und auch natürlich sagen wann Sie geboren sind
[0:52] [lacht] ja ich bin am elften Dezember 1915 geboren um um zwei Monate zu früh meine Mutter war gerade bei ihren Eltern in Olmütz zu Besuch und d- die mei- die ihr Vater war Arzt und d- d- der dieser Tatsache verdanke ich dass ich h- heute noch lebe [lacht]
[1:26] eigentlich die i- ich ich ich kam also w- als Siebenmonatkind zur Welt war viel zu klein und wie die Hebamme dachte nicht lebensfähig und sie hat auch die Mutti getröstet hat ihr gesagt »du bist noch jung du wirst noch viele Kinder haben« der Opi aber
[1:52] hat das nicht geschluckt ja ich war das erste Enkelkind und also ich ich musste leben er hat mich i- i- wahrscheinlich hat man mich irgendwie bei Seite gelegt mir wurde immer erzählt dass er mich in Watte gepackt hat und begonnen hat mich mich auf- aufzuziehen
[2:26] eigentlich es es gab in in Olmütz in der Wohnung meiner Großeltern ein Kinderzimmer in dem ja Mutti groß geworden ist und ich erinnere mich genau an das Zimmer das war da war da ein großer brauner Kachelofen und in dem Kachelofen war eine Öffnung da
[2:50] konnte man einen Topf hineinstellen Wasser wärmen und alles mögliche machen auch heute gibt es ja noch diese Kachelöfen und aus dem Kachelofen hat der Opi einen Inkubator gemacht Inkubatoren gab es ja damals noch keine so hat er mich einige Wochen i- immer
[3:12] in Watte gepackt in diesem in diesem Loch im im ja im Kachelofen und hat mich angeblich mit einer Pipettte g- gefüttert mit Tee oder weiß nicht was das war jedenfalls habe ich es überlebt und war dann ein berühmtes Kind in Olmütz Opi war ein bekannter
[3:41] Arzt und da hat man dann immer gesagt das ist das Hederl vom Herrn Sanitätsrat dann waren (die) Markenware
[3:49] Ihre Eltern äh lebten aber zu der Zeit nicht in Olmütz
[3:55] [gleichzeitig:] in Prag in Prag
[3:57] was was haben Ihre Eltern für Berufe gehabt was äh können Sie über sie erzählen
[4:02] die äh Mutti hatte sie hat keinen richtigen Beruf gehabt sie hatte in Wien Kunstgeschichte studiert und ihr Hobby waren Alte Meister also ich habe als als Kind schon von Rembrandt und von Raffael gesprochen [lacht] da- das war bei uns so das das Thema
[4:30] mein Vater war Chemiker und war Teilhaber e- einer Seifenfabrik in Prag er war der Sohn eines k und k Offiziers hatte zwei Schwestern und die M- Mutter und die beiden Schwestern sind an der äh G- G- Grippe damals damals gab es diese schreckliche Grippe
[5:07] ja
[5:09] sind dann alle drei sind an der Grippe gestorben ich habe meinen Großvater mü- väterlicherseits nie direkt äh k- kennengelernt [betont:] wissentlich
[5:21] [gleichzeitig:] ja
[5:24] d- da gibt es auch eine hübsche Geschichte zu erzählen mein Großvater war Jude natürlich und war hatte ei- hatte eine hohe einen hohen Rang beim Militär konnte aber nicht General werden weil er Jude war und da hat er sich in seine spätere Frau verliebt
[5:49] und sie in ihn sie war eine wunderschöne Frau sie war Christin und er hat sich nicht taufen lassen sondern sie ist für ihn zum Judentum übertreten d- das war die die erste komische Geschichte in in meinem späteren Leben aber ich ich habe sie nie kennen
[6:13] gelernt ich habe immer nur ihre Fotografie gekannt und weiß dass sie wunderschön war
[6:19] hatten Sie äh weil Sie ja sagten Sie sind das erste Kind dann gewesen später dann Geschwister ?
[6:27] nein ich hatte nie Geschwister aber ich ich war das erste Enkelkind
[6:34] [gleichzeitig:] ach so ja mhm genau
[6:37] habe ich gesagt ja und es es gab dann auch nur noch ein Enkelkind in der Familie der der Bruder meiner Mutter hatte einen hat einen Sohn der heute noch lebt
[6:49] wie viel ähm Zeit haben Sie dann als Neugeborenes in Olmütz verbracht wann ist es nach Prag zurückgegangen
[6:59] wahrscheinlich wahrscheinlich gleich wie ich transportfähig war ich habe keine Idee also damals ist man ja brav mit dem Zug gefahren 1915 im Dezember hat es bestimmt kein Auto gegeben in der Familie na ja da i- ich erinnere mich noch später in Olmütz
[7:20] wenn ich zu Besuch war bei den Großeltern na da fuhr man auch mit einem Fiaker und ich ich habe dann später in Olmütz ein Pony gehabt und wenn ich gekommen bin durfte ich mit dem Pony rumkutschieren und das war wunderschön Olmütz war mein Paradies
[7:40] wo haben Ihre Eltern in Prag gelebt ?
[7:45] damals damals damals haben sie in der Školská gewohnt im Zentrum das ist [gestikuliert] Prag eins in der nähe vom Wenzelsplatz aber wir haben dann noch äh zwei weit- so weit ich mich erinnere noch zwei weitere Wohnungen gehabt
[8:14] und das ist dann natürlich
[8:20] alles anders geworden wie wir schon weg waren mein Mann und ich und meine Eltern immer noch gehofft haben dass sie f- dass sie emigrieren können damals haben sie von der Zeit der Deportier- von der Zeit meiner Abreise das war im Sommer 39 bis zum Jahr 41
[8:48] hatten meine Eltern acht Wohnungen und meine Oma aus Olmütz hat damals schon einige Jahre bei uns gelebt mein Großvater ist gestorben wie ich äh ich ich glaube ich war zwölf Jahre alt und die Omi ist dann zu uns nach Prag gezogen und wie ich schon längst
[9:12] in der Emigration war in Czernowitz und es noch es schon gar keine Möglichkeit war sich zu verständigen da hatte ich Besu- in Czernowitz Besuch eines Ingenieurs aus Prag der dienstlich in Czernowitz war damals war Czernowitz noch Rumänien
[9:36] ja
[9:38] und dieser dieser Bekannte von meinem Vater war Ingenieur bei Škoda das was man hier Skoda nennt heißt ja eigentlich Škoda und der war der war Ingenieur bei Škoda und hat mir eine Nachricht von meinen Eltern gebracht ein
[9:58] einen Zettel de- den ich heute noch irgendwo habe da schreiben sie »wir sind in der achten Wohnung gelandet mit Omi wir wohnen in einem ganz kleinen Zimmer und ich habe ein unser letztes Laken mitten durch gespannt damit wir die Illusion von zwei Zimmern
[10:26] haben und wir verlassen in« sie hat auch geschrieben ich weiß schon nicht mehr wie viel »wir verlassen in einigen Tagen Prag und und wir werden uns bestimmt wiedersehen Guido pass auf auf Hedy« und dann haben sie sich die die Lippen mit äh mit Rouge
[10:59] beschmiert und haben auf die auf diesen Zettel Küsse geschickt Papa und Mama das war das Letzte was ich dann von meinen Eltern lebend gehört habe
[11:12] es war ein Brief den Sie nach Czernowitz bekommen haben
[11:14] d- den den hat dieser Ingenieur von Škoda mit das war ein Zettel das war die letzte Nachricht ich ich bin deshalb darauf gekommen weil Sie gefragt haben wo wir gewohnt haben also Papa hat ja damals geschrieben wir sind in der achten Wohnung gelandet das
[11:34] war von von 39 bis äh es ist die Eltern sind im August einundvier- im August 42 nach Theresienstadt und mit Omi zusammen die Omi war mit einem Kreis alter Freundinnen aus Olmütz das war ein Transport und zufällig ging an dem Tag auch der Transport in dem
[12:08] meine Eltern waren und gewöhnlich hat man ja in Theresienstadt übernachtet und ist am nächsten Tag erst in die diversen Todeslager geschickt worden und dieser Transport in dem meine Eltern waren der kam nach Theresienstadt und ging gleich weiter und meine
[12:33] Eltern sind wahrscheinlich sehr schnell in Treblinka umgekommen wo die Omi umgekommen ist weiß ich nicht
[12:44] wie haben Sie später von ähm der Geschichte Ihrer Eltern erfahren
[12:50] [bewegt] ach durch eine ganz komische Geschichte und zwar also das das was die Eltern mir schreiben konnten äh wa- war eben dieser letzte Zettel wie ich aus Prag zurückgekommen bin na- nach Prag zurückgekommen bin mit dem Militär da haben wir ja noch
[13:21] alte Freunde gefunden Nichtjuden die mit meinen Eltern sehr lange in Verbindung waren die einen haben sie sogar in das Sammellager gebracht in Prag in Prag in der Veletržní das das war das Veletržní das war das Ausstellungs- das Messegebäude dort hat man sie versammelt
[13:54] und diese äh Bekannten die Sie nachher wiedergetroffen haben in Prag haben Ihnen davon erzählt
[14:09] ja
[14:12]
[14:15] ja also wie ich nach Prag zurückgekommen bin hat natürlich äh k- keiner keiner geglaubt dass dass ich es wirklich bin alle haben uns für tot gehalten weil sie ja überhaupt nicht wussten sie wussten dass wir äh geflüchtet sind dass wir dass wir in Russland
[14:21] waren also man hat man hat auch viel mehr gewusst als tatsächlich wahr war
[14:27] äh Frau Hornstein eine Sekunde wir müssen eben eine Pause machen [Schnitt] jetzt
[14:32] wie wir nach Prag zurückgekommen sind sind wir als erstes d- ich war ja vorher in Theresienstadt und wusste schon dass alle umgekommen sind und da haben wir eine Kollegin und Freundin meines Mannes aufgesucht eine Doktor Skamena mit der hat er zusammen studiert
[14:57] und wir waren sehr befreundet bis zum Schluss sie selbst war mit einem Nichtjuden verheiratet der sie die ganze Zeit mit falschen Papieren v- versteckt hat und und sie auf diese Weise gerettet hat und d- die hat dann ei- eine große Rolle in unserem Leben
[15:21] gespielt bis zum heutigen Tag ihre Enkel leben hier in der Nähe von Düsseldorf und ich bin mit ihnen im Kontakt und die wir kamen a- also wi- wir haben einfach versucht jemanden zu finden
[15:39] ja
[15:42] und da sind wir w- wirklich auf die in den W- Weinbergen in der Fochova da- das war die Hauptstraße in Prag die heute die hinter dem Museum zu den Friedhäf- -höfen führt so eine breite Straße eine Hauptstraße die hat schon Fochova und Stalinova und Swerinova
[16:05] und und alle möglichen g- geheißen Namen gehabt jetzt heißt sie Vinohradská das heißt Weinb- d- der Bezirk heißt Weinberg also und wir wussten dass diese Skamenes irgendwo dort gewohnt haben in dem Weinberg und sind auch tatsächlich hin mein Mann und
[16:30] ich und haben das Haus noch gefunden und ein Schild also wir wussten sie leben da haben geklingelt sind zu ihnen rauf gefahren ich weiß nicht mehr welche Etage und öffnen die es öffnet jemand die Tür und wir wir sehen eine Diele und hinter der Diele eine
[16:52] offene Tür und da sitzt ein kleines Mädchen am Töpfchen mhm wir konnten im Moment nicht nicht zu- zurecht kommen und wer wie was und da kommt da steht ein Herr und kriegt einen Schreikrampf buchstäblich der der hat uns erkannt und konnte nicht glauben
[17:16] dass wir es sind es war der Mann der Doktor Skamena also das das waren die ersten Leute die die wir wiedergefunden haben und die haben uns dann sehr vieles erzählt sie haben natürlich gedacht dass wir tot sind kein Mensch hat gedacht dass wir es überlebt
[17:37] haben und d- da haben sie mir dann erzählt dass sie er der der Mann der Ärztin der Richard der hat meine Eltern noch in das Sammelllager in den Messepalast geführt und hat ihnen eine Tafel Schokolade gegeben das war das letzte gute Werk i- in ihrem Leben
[18:04] die letzte gute Tat die man an ihnen begangen hat
[18:08] na und d- durch durch die Skamenes haben wir dann wieder erfahren wer noch lebt und wer noch lebt und es war immer dasselbe wo immer wir hingekommen sind alle haben aufgeschrien wie sie uns gesehen haben w-
[18:25] wir waren irgendwie wie ein Phantom na und da- dann hat es wir waren ja noch wir waren in beim Militär wir waren mein Mann war Major ich war Oberleutnant und wir haben es äh die ersten Wochen sehr gut gehabt in Prag w- wir wir waren noch lange beim Militär
[18:53] mein Mann musste noch ein ganzes Jahr weiter dienen ich war noch bis Oktober das das war im Mai ich war bis Oktober beim Militär dann durfte ich demobilisieren aber es es war damals sehr schlecht in Prag es gab sehr wenig zu essen wir hatten noch eine Offiziersmesse
[19:13] so da- da- dass wir satt werden konnten aber wir waren bettelarm wir hatten überhaupt nichts jeder einen einen Militärrucksack trotz trotz hoher Charge hatte ich einen pa- paar Reithosen eine Stiefel Kinderstiefel [lacht] es war sehr schwer für mich mich
[19:38] einzukleiden in der Armee weil ich weil ich so klein bin und nie dick war also ich ich habe eher so Kindergröße gehabt und wir hatten englische Battledress das sind solche diese Jacken und die die Mädchen hatten alle khaki Blusen und eine hellblaue elegante
[20:04] Bluse für den Sonntag jede Frau hatte zwei BHs und eig- eigentl- eigentlich gab es nicht viel mehr wir waren wirklich sehr s- sehr arm na und jetzt kamen wir in Prag an und die ersten die erste Zeit war alles wunderbar wir durften i- ich glaube wenn ich
[20:32] hätte am Hra- Hradschin wohnen wollen hätt ich dort auch eine Wohnung bekommen wir waren in in in großen wie sagt man in großen Ehren was imm- man man hat uns sehr geschätzt man hat mit uns sehr viel Theater gemacht es hat nicht lange gedauert und ich
[20:50] habe auch ich ich ich war nicht in der Verfassung mich über etwas zu freuen ich war ich war in einem so schlechten seelischen Zustand dass man hat uns gesagt wir sollen uns Wohnungen suchen Prag war ja halb leer weil die die die Deutschen waren ja abgezogen
[21:15] und wir haben dann eine Wohnung in einem Haus genommen wo wo wir dann bis zum Schluss gewohnt haben in Prag in der Ovenecká dass ist ein ein sehr schöner Bezirk ich weiß nicht ob Sie Prag kennen
[21:34] ja
[21:36] in in Prag da wo das Stalindenkmal gestanden ist wo der Spartaplatz ist das dieses Bezirk heißt Letná und das ist dort ist das Diplomatenviertel dort sind alle Gesandtschaften und dort ist der Baumgarten ein wunderschöner Park also ein sehr schönes Viertel
[21:56] und in dem Haus in dem wir dann die Wohnung nahmen hat der Gustav Fröhlich gelebt das war ein Schauspieler der v- der wie ich jung war von mir sehr bewundert wurde und der der hat noch nach dem Krieg gelebt ich erinnere mich der war nun schon ein ein älterer
[22:22] Herr war kein kein Frauenheld mehr
[22:27] nun so waren wir halt wieder in Prag und dann sind wir langsam drauf gekommen wer wer wer was hat wer irgendwelche Botschaften für uns hat wer Nachricht für uns hat da hat zum Beispiel hatten wir eine eine Schneiderin
[22:53] die Weißwäsche [Telefon klingelt im Hintergrund] Weißwäsche gerichtet hat diese ich ich die war viele Jahre bei uns im Haus ist ist immer Nähen gekommen das war früher so man hat für einen Tag eine Hausschneiderin genommen die kam früh und ging
[23:20] Abend wieder weg und d- die war sehr lieb und ich habe zu ihr sie hat mich von klein auf gekannt und da bin ich sie besuchen gekommen und das s- sie hat auch einen Schreikrampf gekriegt wie sie mich gesehen hat also kein Mensch hat eigentlich geglaubt dass
[23:38] wir leben und d- sie hat sich fantastisch benommen »also Hederl komm hinein« und und sie war eine Deutsche »ich ich habe so viele Sachen für dich« na ich ich war derart erstaunt ich habe überall nur gehört was was man alles bei uns gestohlen hat und
[24:01] da kommt eine und sagt plötzlich sie hat so viele Sachen für mich und da hat sie mich in ihr Zimmer geführt und dort stand mein Webstuhl ich bin eigentlich ich ich habe Textil studiert und ich habe ich habe eine einen Handwebstuhl gehabt und dieser Handwebstuhl
[24:18] den hatten meine Eltern zu ihr gegeben und den hat sie mir zurückgegeben und dann in einem Schrank in ihrem Wäscheschrank da erinnere ich mich da hat sie die Tür geöffnet und da war so ein [gestikuliert] Stoß Wäsche und d- also ein ein Laken drüber
[24:41] geschlagen also es war so separiert also sie wusste nicht dass ich leb aber aber sie hat diese Sachen irgendwie verwahrt
[24:50] ja
[24:54] und geglaubt sie wird mir das ist mir sehr selten passiert
[24:57] ja
[24:59] wirklich selten es haben hochgestellte wohlhabende hochintelligente Menschen vergessen was ihnen und was uns gehörte also ich ich habe auch gute Erinnerungen na und so langsam ist ist man dann ins normale Leben zurückgekehrt sehr schwer man konnte sich
[25:33] nicht zurechtfinden es es war m- man hat so viele Enttäuschungen erlebt es es waren so viele Verleumdungen Anzeigen Leute von auf die man geschworen hätte haben sich schlecht benommen und es gab auch das Gegenteil war man manchmal erstaunt und ich
[26:00] ich erinnere mich zum Beispiel da sind wir b- bei einem der Direktoren der Fabrik d- das waren gute Freunde von uns und bei denen habe ich mich auch gemeldet und die die hatten keine Idee dass ich überhaupt je zurückkommen werde und wie wir zu ihnen in
[26:24] die Wohnung gekommen sind hatte ich den Eindruck ich bin bei mir zu Hause in in meiner in meinem Elternhaus so so viel sogar in der Küche Geschirr in der Küchenkredenz da hab habe ich erkannt das war unser Geschirr also die Leute haben sich sehr gut ausgestattet
[26:49] manche
[26:52] haben Sie da als Sie das gesehen haben haben Sie da was zu gesagt
[26:54] nein nein im Gegenteil zum Beispiel ich ich erinnere mich noch genau die Mutti hat mal vom Papa eine sehr schöne Handtasche bekommen da- das war damals die Höhe der Gefühle eine Krokotasche und ich weiß sogar wo sie gekauft wurde am Wenzelsplatz und da
[27:15] ist die Dame des Hauses gekommen und hat gesagt »schau Hederl ich muss dir zeigen was ich da habe da diese Tasche ist von von der Gertie« und in der Tasche waren noch ein Paar weiße Glacéhandschuhe wissen Sie ich merkt man sich so und da habe ich mir
[27:38] gedacht mein Gott ich ich die die Tasche fehlt mir bestimmt nicht wir hatten wir hatten kaum was anzuziehen man hat ja auf Punkte gelebt und und ich eine Krokotasche hätte ich bestimmt nicht gebraucht aber ich ich habe mich gewundert dass Leute mit denen
[27:58] man befreundet war und auf die man geschworen hätte dass sie nicht den Takt hatte zu sagen »willst du nicht die Tasche von deiner Mutter« also das waren so die kleinen Enttäuschungen aber die haben weh getan und natürlich gab es auch große Enttäuschungen
[28:17] aber man hat alles verschmerzt
[28:20] Sie haben gesagt dass Sie ähm Textil ähm studiert haben und haben Sie ja
[28:28] [gleichzeitig:] ja ich habe auf der dass ich muss das übersetzen Vysoká škola Hochschule pro uměleckoprůmyslová für für Kunstgewerbe Hochschule für Kunstgewerbe
[28:43] und in
[28:45] und mit dem mit der Spezialität Textil und Handweberei
[28:49] und in dem Beruf haben Sie nach dem Krieg dann auch wieder gearbeitet ?
[28:53] [gestikuliert] ach das können Sie sich gar nicht vorstellen mein Mann hat dann ein ganzes Jahr also er war noch bei- beim Mili- ein Jahr musste er beim Militär bleiben und dann wie er d- demobilisiert hat dann hat er begonnen ein einen eine Stelle als Arzt
[29:17] zu zu suchen er er war erst halb fertig mit der Spezialisierung er war Dermatologe und es haben ihm noch d- ich glaube noch zwei Semester haben ihm gefehlt zur Spezialisierung und er konnte keinen Job bekommen weil er weder er noch ich waren in der Partei
[29:42] und er hat er hat eine ganz große Macke gehabt er hat auf der deutschen Karls-Universität studiert und das war für die Tschechen dann ein Verbrechen dass man dort studiert hat und es hat ein ganzes Jahr gedauert bevor er einen Job gefunden hat nur ich
[30:08] hatte aber meinen Webstuhl d- die Wohnung die die sehr schön war aber fast leer und wir mussten erst beginnen unseren Küchentisch zu kaufen und dann hat man wieder gespart und dann hat man ein einen ein ein Bügelbrett gekauft sondern man hat mit null Komma
[30:31] null begonnen und da es es war natürlich Prag ist eine herrliche Stadt ich liebe Prag und ich habe s- sehr gern dort gelebt aber es es es es war schrecklich schwer wir haben nichts anzuziehen gehabt wir sind lange mit der mi- mit den Uniformen rumgelaufen
[31:02] und da war da war aber noch kein Kommunismus das ist ja erst 48 gekommen die Revolution bis 48 hat man langsam s- versucht sein Leben aufzubauen und ich habe das erste Kind bekommen da waren wir schon also das war 39 haben wir geheiratet 47 konnten wir uns
[31:38] erst halbwegs ein Kind leisten und dieses Kind ist nach 14 Tagen gestorben an einem Schnupfen es war auch ein Siebenmonatkind und damals d- das war eine schreckliche Geschichte mein Mann hat äh Kinderheilkunde bei einem Professor Epstein gehabt auf der
[32:08] Uni der Professor Epstein war ein berühmter Mann und und wie der unser kleiner Tommy geboren wurde als Siebenmonatkind auch da haben wir den Epstein dazu gerufen und mein Mann hat gesagt »Herr Professor soll das Kind nicht in den Inkubator kommen« da gab
[32:32] s schon Inkubatoren und da hat der Professor Epstein ihm gesagt »du glaubst weil das ein Arztkind ist muss es etwas extra haben das Kind ist gut entwickelt und es es wird bald ei- aufholen« nach 14 Tagen hat das Kind einen Schnupfen bekommen und das die
[32:57] Atemwege waren noch nicht genug resistent und das Kind ist an dem Schnupfen gestorben also das war ein weiterer Schlag d- s- es ist so gegangen und hat mich dann mein ganzes Leben verfolgt irgendwelche Ohrfeigen na und ja und in der Zeit in der mein Mann
[33:25] einen Job gesucht hat strafweise nichts bekommen hat wegen des der deutschen Uni habe ich gewebt und zwar es war ja nichts zu haben aber alle Leute die ich gekannt habe haben ihre alte Pullis aufgetrennt und ihre Schals und alles was man an Wolle gehabt hat
[33:47] hat man damals aufgetrennt und gewaschen und renoviert und ich habe daraus Stoffe gemacht und ich unzählige Stoffe f- f- handgewebte sind damals in Prag herumgelaufen von der Hedy Hornsteinová das war das war so d- diese englischen diese homespun diese Stoffe
[34:13] also dass ich ein ganzes Jahr lang eigentlich habe äh ich das ganz gut geschafft und wir haben uns auch noch dann Besteck gekauft und Teller gekauft und so man hat wirklich von von Pike auf begonnen na und dann sollten wir ja hat mein Mann endlich den Job
[34:39] bekommen hat seine Spezialisierung fertig gemacht und meine Schwiegereltern wollten die waren nun nicht mehr in Czernowitz die Czernowitz war damals schon russisch Ukraine und die Schwiegereltern sind nach Bukarest geflüchtet und wollten zu uns nach Prag
[35:01] kommen natürlich und es [lacht] wir selbst hatten nichts und haben das trotzdem auf uns genommen weil der die die Tochter die Schwester meines Mannes die war schon in Amerika und der Bruder meines Mannes war in São Paulo und der Guido und die Hedy waren
[35:26] in Prag das war das Naheliegende also hat man alles getan damit die Eltern nach Prag kommen können und inzwischen hatten wir Freunde in Marseille
[35:38] das ist ich weiß nicht ob Sie die Geschichte kennen es es gab mal gab damals während des Krieges bei der wie
[35:55] die wir wurden ja abwechselnd von Russen und von Deutschen besetzt Czernowitz war so mal da mal da und da haben wir in ein- eine Möglichkeit gehabt es gab ein Schiff die »Struma« sagt Ihnen das was ?
[36:16] nein
[36:18] interessant dass Sie das das ist eine ein ganz großes Kapitel da müssten Sie wirklich mal nachforschen dass ist für Sie bestimmt sehr interessant die »Struma« war ein Schiff das aus das vom Schwarzen Meer nach Israel ist nach Palästina damals gab es
[36:38] kein Israel und da gab es einen ägyptischen Verbrecher der ist in den d- in den Städten die von Deutschen besetzt waren rumgefahren und hat Leute für die »Struma« geworben d- die »Struma« mitgenommen hat und das hat man mit Schmuck bezahlt Geld hat
[37:10] man ja nicht gehabt also m- d- die Brillanten sind nur so rumgeflogen die Perlen und das Gold und kurz und da wollten wir auch unbedingt mit der »Struma« mitgenommen werden und ich erinnere mich genau wie der in Czernowitz an so einem runden Esstisch gesessen
[37:36] ist dieser dieser Ägypter mit mit noch einem Kompagnon und und sie sie sie haben so immer die den Schmuck so in die Hand genommen was ihnen gefallen hat ist nach links gegangen was ihnen nicht gefallen hat hat man [gestikuliert] mit so einer Bewegung
[37:54] nach nach rechts geworfen nichts wert kurz aus der »Struma« ist nichts geworden weil wir vorher von den Russen besetzt waren und wir waren nicht vertrauenswürdig für die Deutschen und da wurde der nördliche Teil der Bukowina von der »Struma« ausgeschlossen
[38:20] der Schmuck war weg ich hatte einen ich hatte Schmuck von meiner Mutter mit das ist alles flöten gegangen und wir sind am Leben geblieben die »Struma« ist mit Mann und Maus untergegangen und man hat damals doch gesagt die Engländer hätten das torpediert
[38:46] hören Sie merken Sie sich den Namen »Struma« das ist für Sie bestimmt sehr interessant na u- also d- das ist noch ein extra Kapitel aber nach dem Krieg sind wir im ach- achtundv- 47 d- das Kind war gestorben da sind wir zu unseren Freunden unsere F-
[39:19] Freunde waren in haben in Marseille gelebt und zwar war mein der Mann meiner Freundin war Direktor der OSE wissen Sie was die OSE war das war ein Hilfswerk das hat geheißen »Œuvre de Secours aux Enfants« das Werk für Kinderhilfe diese OSE war eine eine
[39:49] ganz große Organisation mit dem Hauptsitz in Marseille und damals wir sind nach Marseille zu Besuch gefahren noch schnell [gestikuliert] die Eltern sollten aus Rumänien kommen und wir wollten schnell vorher noch mal bei in Marseille gewesen sein bei unseren
[40:09] Freunden haben wir das Geld irgendwie zusammen gekratzt und sind hingeflogen und damals ist vor Marseille im Meer der »Exodus« gestanden der sagt Ihnen schon was und der unser Freund Karli der der Direktor der OSE war musste sich musste diese äh S- »Struma«
[40:39] versorgen d- diese- diesen »Exodus« da hat er einmal den Guido und mich raus mitgenommen und wir haben d- der »Exodus« ist auch untergegangen da hatten angeblich auch die Engländer die Hand im Spiel die Geschichte werden Sie ja schon kennen das ist ja eine
[41:03] eine sehr bekannte Geschichte ein schreckliches Drama gewesen die sind alle ersoffen na ja und der unsere Freunde wollten damals dass wir in Marseille bleiben der Karli hat gesagt er kann dem Guido einen Job verschaffen als Arzt in der OSE und und ich kann
[41:33] französisch ich werde Arbeit finden und wir sollen nicht nach Prag zurück gehen und wir haben gesagt wir müssen nach Prag zurück weil meine Schwiegereltern kommen die Schwiegereltern sollten damals also im Herbst sollten sie kommen im Herbst 47 und d-
[41:58] der und da hat d- der Karli hat er alles arrangiert hat gesagt »also ihr fahrt zurück und ih- ihr werdet die Eltern empfangen und ihr bringt die Eltern mit ich ich werde für alle etwas finden« also damals sollten wir schon emigrieren und wir sind zurück
[42:17] nach Prag und die Eltern konnten nicht weg aus Bukarest weil die Polen ihnen kein Durchreisevisum nach Prag gegeben haben und die E- Schwiegereltern sind statt im September 47 am fünften Februar 48 angekommen in Prag und einen Woche später war die Revolution
[42:51] die Grenzen waren gesperrt die Eltern waren da wir konnten nicht mehr hinaus niemand durfte das Land verlassen und so sind wir dann noch gegessen bis zum Jahr 64 also das war die Vorgeschichte eine schreckliche Zeit wenn man wenn man heute so zurück denkt
[43:15] es es erzählt sich alles so leicht die alles was dazwischen liegt ja ich habe das ja nur in großen Zügen geschildert aber irgendwie rappelt man sich doch wieder auf (so dann)
[43:34] wir sind jetzt ähm darauf gekommen ähm weil Sie von Ihren Eltern erzählt haben und wie Sie ähm von deren Schicksal erfahren haben wi- wir können vielleicht an der Stelle ein paar Fotos von den Eltern zeigen oder Sie zeigen die in die in die Kamera ähm
[43:51] ich gebe die Ihnen mal an und Sie sagen vielleicht noch ganz kurz von wann die Bilder sind vielleicht halten Sie es so so aufrecht
[44:02] [zeigt Foto] so
[44:06] so ist gut ja
[44:08] ja ?
[44:10] ja
[44:13] da waren meine Eltern jung verheiratet und [räuspert sich] h- ha- haben sich ein Kind gewünscht [lacht] und meine ich bin genau nach äh neun Monaten geboren als Siebenmonatkind Mutti hat immer erzählt die Freundinnen haben alle nachgerechnet aber sie
[44:42] konnten sie nicht erwischen denn sie war die Eltern haben am 21sten März geheiratet und ich bin am elften Dezember geboren
[44:53] ah ja
[44:55] die Rechnung hat gestimmt
[44:58] ja vielleicht geben Sie es Philipp dann kann er es zur Seite legen und
[45:05] ja
[45:08] wi haben ein Bild wo Sie dann schon mit drauf sind
[45:11] [zeigt Foto] ja da bin ich mit meinen Eltern auf Sommerurlaub ich bin fünf Jahre alt und war nach einer i- ich ich war schon immer schlecht essendes mageres Kind und da ist man mit mir nach auf n Semmering nach Breitenstein gefahren dort war ein Kindersanatorium
[46:06] und in dem Sanatorium sollte ich aufgefüttert werden die Eltern haben da in einem Hotel gewohnt und ich in dem Kindersanatorium und ich erinnere mich noch genau daran das das war im Sommer im Sommer war ich fünf und im nächsten Sommer bin ich zur Schule
[46:12] gekommen
[46:14] und davon gibt es auch ein Bild
[46:17] [lachend:] ja
[46:19] Sie können mir das geben danke
[46:22] da bin ich mit meinem Vater am Abend vor dem ersten Schultag da habe ich ihm die Märchenbücher gebracht und habe gesagt »Papa jetzt kannst du mir noch vorlesen morgen kann ich schon alleine lesen« so ein deppertes Kind war ich [lacht] und da ist mein
[46:48] mein Sohn ist da gl- ich muss mal schauen da ist mein Sohn genauso alt wie ich damals war ja das war sein erster Schultag aber er war schon aufgeweckter
[47:07] ich weiß nicht ganz genau ob wir hier noch andere Fotos von den Eltern haben [leise:] nein
[47:17] nein von meinen Eltern ist nichts mehr da
[47:20] [gleichzeitig:] wo sind die
[47:22] wie Sie mir das gezeigt haben habe ich mich ja erinnert dass ich diese kleine
[47:26] ach so ja
[47:28] Aufnahme von den Eltern bei mir am Nachttisch habe
[47:30] vielleicht können wir ähm jetzt noch mal zurückgehen so in die zwanziger Jahre und Ihre Kindheit und Jugend in Prag jetzt haben Sie gerade schon erzählt von dem Tag vor dem ersten Schultag
[47:47] [gleichzeitig:] ich habe ich habe ich habe eine sehr sehr glückliche Kindheit gehabt ich bin in einer sehr harmonischen Ehe in einem sehr harmonischem Milieu aufgewachsen mit mit viel Liebe also ich ich habe wirklich bis zum Tag meiner Hochzeit hatte ich
[48:13] ein schönes Leben natürlich ich ich war erwachsen ich ich hatte viele Probleme ich kannte sch- ich habe mich immer für Politik interessiert ich habe die die schweren Jahre in in in Prag miterlebt mit mit dem mit der ewigen Angst vor den Deutschen vor Hitler
[48:41] wir haben das ja alles kommen gesehen und da haben ihn wachsen gesehen und ich erinnere mich zum Beispiel an einen ein Abendessen bei uns zu Haus am Tag der Kristallnacht am neunten November da w- war der Opi schon tot die Omi hat schon längst bei uns gelebt
[49:01] und wir saßen damals gab s äh kein Fernsehen Radio wir haben Radio gehört und haben gehört was sich in Berlin abspielt und und da hat die Omi gesagt »wie darf er das« und dieses »wie darf er das« komisch das habe ich heute noch in den Ohren wenn wenn
[49:29] man sich so zurück versetzt ja dabei haben wir doch damals bei Weitem noch nicht gewusst wie schrecklich es ist wir wussten schon sehr viel denn es war ja schon Österreich besetzt und die die die Familie von der von der Omi eben die die Sterns die aus
[49:53] Stockholm und noch ein anderer Bruder haben in Wien gelebt die sind die d- der andere Bruder der war der Onkel Rudolf der Bruder der Omi der war Kommerzialrat bei ich erinnere mich die Firma Siemens-Schuckert hat es geheißen das Siemens damals war es Siemens-Schuckert
[50:22] der war in Österreich einer der ersten ich ich weiß noch genau wo sie gewohnt haben in in in der Weimarer Straße in Währing und ich k- ich kann mich noch an deren Telefonnummer erinnern komisch die ist mir heute Nacht eingefallen die Telefonnummer beim
[50:47] Onkel Rudolf war A 23 neun 93 [lacht] sind schon ein paar Jahre her und da als erstes hat der Onkel Rudolf gleich am wie se einmarschiert ist am nächsten Morgen hat ihn der Hausmeister schon rausgetrieben und er hat den Gehsteig gewaschen und hat einen Fußtritt
[51:15] gekriegt in den Hintern der Onkel Rudolf war das erste Opfer der Nazis und das war am neunten März 38 genau ein Jahr darauf war der Hitler dann bei uns am 15ten März 39
[51:35] also wurde in der äh Familie viel über Politik ähm gesprochen und Sie haben die Ereignisse äh im Deutschen Reich mitverfolgt
[51:45] ja so wir haben ja b- bei uns waren ja fortwährend Unruhen d- der Hitler hat ja damals zum Beispiel auch gesagt die Polen haben den Krieg begonnen und wir wussten schon lange vorher was sich in Polen abgespielt hat das ganze Sudetengebiet äh wir wussten
[52:09] genau man konnte sich nicht die Grausamkeiten vorstellen die man dort von Arbeitslagern das hat man gehört aber aber Todeslager und so
[52:21] Sie sind ähm zur Schule gegangen bis 19- hm -33 wahrscheinlich ungefähr
[52:32] [gleichzeitig:] ich habe ich habe v- äh 34 habe ich abituriert
[52:37] und dann angefangen zu studieren ?
[52:39] [nickt] und bin bin gerade fertig geworden 38 Ende 38 war ich fertig und und und mein Mann hat promoviert und mein mein äh Vater hat ja darauf bestanden dass der mein Mann tschechischer Staatsbürger wird weil er nicht äh wollte dass sein einziges Kind
[53:10] nach Rumänien geht da war der berühmte Ausspruch »mein einziges Kind wird nicht auf den Balkan heiraten«
[53:18] wie hatten Sie ihren Mann kennengelernt ?
[53:22] meinen Mann habe ich beim er er hat in Prag studiert dass dass ich habe im im Mai 34 Abi gemacht und hab ihn zwei Monate später kennengelernt ich mein mein mein Vater hat Bridge gespielt und ich habe immer sehr gerne zugeschaut hab auch eine Zeit lang Bridge
[53:48] gespielt und da hatten äh wie- wieder so eine komische Geschichte wir hatten Freunde die eine Mischehe waren die Mutter war Jüdin und der Vater war Christ und es gab drei Söhne drei Buben und der m- man wollte emigrieren und es waren Gut- Großgrundbesitzer
[54:23] und die haben in der Nähe von Prag ein Gut gehabt und die drei Buben der der christliche Vater hat darauf bestanden dass man nach Palästina soll und dass die Kinder Iwrit lernen und da hatten sie einen Hauslehrer einen Medizinstudenten der hat Jascha Flexor
[54:50] geheißen den Jascha Flexor haben wir eben durch diese Familie Bauer gekannt und der Jascha Flexor war ein sehr sehr netter sympathischer Junge und aus aus einer armen Familie er hat keine Unterstützung er war auch aus Czernowitz das war der erste Czernowitzer
[55:16] [lacht] den ich kennengelernt habe der Jascha und der hat hat sich sel- selbst erhalten sein Studium alleine finanziert und d- war bei den Bauers Hauslehrer bei den sehr jungen d- fü- zum Iwrit lernen und der der Jascha hat mal erzählt er wohnt zusammen
[55:45] mit einem Kollegen aus Czernowitz ein ein Guido Hornstein »der hat die schönsten blauen Augen die man sich vorstellen kann und alle Frauen auf der Uni sind verrückt nach ihm« da- das war das erste was ich von meinem Mann gehört habe und dann habe ich
[56:06] d- der Jascha ist oft zu uns gekommen und die Eltern haben ihn zum Nachtmahl eingeladen und zu er er war bei uns sehr beliebt und einmal bin ich mit ihm ich erinnere mich so weit und so am Wenzelsplatz getroffen ich sollte mit dem Jascha wohin gehen und
[56:29] wir sollten uns in in einem Café treffen im Café Eden und da äh komme ich hin der Jascha war schon dort und sagt »warten Sie noch einen Moment Hedy mein mein mein Kollege« nein er hat noch gesagt mein »Mitschläfer der der Guido Hornstein spielt hier
[56:53] nebenan gerade Bridge« dort war eine Bridgestube in dem Café Eden und er hat immer erzählt der der Guido ist ein berühmter Bridgespieler es hat ihn auch ein Semester gekostet das Bridge und »ich ich ich möchte dass Sie den Guido kennenlernen« nun unter
[57:14] der Guido es ich weiß nicht ob Sie Bridge spielen Guido ist gerade am Tisch gelegen also er konnte weg in den Nebenraum wo ich mit Jascha gesessen bin und also ich habe ihn kennengelernt habe mir noch gedacht hübscher Junge nun und er er musste zurück zu
[57:35] seiner Partie und wir hatten eine Verabredung schon also so habe ich ihn kennengelernt und paar Tage später treffe ich den Jascha mit dem Guido zufällig und der der der der Guido irgendwie h- hat doch ein ein Auge auf mich geworfen gehabt und wir sind
[58:06] p- wir sind p- paar Schritte zusammen gegangen und er hat gesagt »könnten wir uns nicht einmal treffen« das so hat das begonnen und zum ersten Rendezvous bin ich nicht gegangen ich mir habe mir gedacht nee ich will ihm nicht zeigen dass er mir gefällt
[58:24] und habe ihn sitzen lassen d- das hat er mir ein ganzes Leben vorgeworfen [lacht] ja
[58:34] haben Sie eigentlich in der damaligen Zeit sich mit Palästina beschäftigt war das ein Thema ?
[58:42] [schüttelt den Kopf] nee wir haben eigentlich also V- mein Vater eigentlich überhaupt nicht und die äh die Familie von der Mutti die die waren viel jüdischer aber da hatte ich ja als als so junges Mädchen gar keinen Kontakt und ich hatte auch sehr viel
[59:12] christliche Freunde ich bin also d- Obergymnasium bin ich ins deutsche und Abi habe ich deutsch mit mit mit allen 34 waren sie schon große Nazis aber da- da- damals habe ich begonnen mich für für den Nationalsozialismus zu interessieren nicht Angst zu
[59:41] haben davor das waren dann alles große Nazis auch ein Teil der Professoren es gab damals noch der Ma- Matheprofessor Professor Bachrach war ein Jud der Physikprofessor war ein Jud so es waren alles Deutsche Professor Tomandl und Professor Eichwald
[1:00:09] und da so so richtige gute Nazis
[1:00:13] und ähm später an der ähm Hochschule an der ähm Hochschule
[1:00:21] [gleichzeitig:] die war tschechisch
[1:00:24] die war tschechisch da war das nicht so zu spüren oder ?
[1:00:26] nein eigentlich noch nicht aber d- die Angst vor dem Hitler schon
[1:00:35] mhm in der in der Stadt
[1:00:38] [nickt] ja die ja ja und es war dann äh die Tschechoslowakei war ja ein junges Land das wurde 1918 erst gegründet und der erste Präsident war der Masaryk Doktor Tomáš Garrigue Masaryk und das war ein wirklich ein Demokrat ein ein ganz ganz toller Mann
[1:01:08] und wie er gestor- er ist gestorben im Jahr 36 und da haben wir geweint das das war alles ganz anders das war der das wirklich unser Vater Masaryk war alles und dann hat es nach Masaryks Tod ist der Beneš gekommen und das war schon alles gefährlich von
[1:01:38] 36 an war es schon nicht mehr schön und dann die Sudeten das ist ja immer ärger geworden die armen Deutschen wurden so verfolgt stellen Sie sich vor in der ganzen Tschechoslowakei jeder Straßenname war Deutsch jede jede Aufschrift es es war alles zweisprachig
[1:02:06] i- im im deutschen Teil im ungarischen Teil war es dreisprachig und und bis zum heutigen Tag erzählen die Sudetendeutschen wie sie unterdrückt werden die armen Sudetendeutschen aber w- w- was mich hier eigentlich ich weiß nicht ob ich das sagen darf
[1:02:34] was mich äh immer sehr empört und sehr kränkt ist die die die jedes Jahr der Sudetentag und jedes Jahr wird erzählt wie fürchterlich man sie behandelt hat wie sie weg mussten statt dass sie Gott danken dass sie weg sind von dort und sich dass erspart
[1:03:03] haben das war ja ein Glück für sie dass man sie vertrieben hat also jedenfalls es hat noch nie jemand gefragt warum man sie vertrieben hat bis zum heutigen Tag nicht denken Sie an meine Worte bei der nächsten Sudetentagung ob überhaupt jemand darüber
[1:03:22] spricht was passiert ist was man aus der Tschechoslowakei gemacht hat man hat die Armen vertrieben
[1:03:43] haben Sie konkret antisemitische Erfahrungen ähm in den dreißiger Jahren noch gehabt
[1:03:53] im im deutsch-
[1:03:57] auf der Straße gab es äh gab es etwas ?
[1:04:00] die die Tschechen waren natürlich dann sehr gegen Deutsch sprechen damals hat hat haben schon die Unruhen zwischen Tschechen und Deutschen begonnen aber eigentlich wir wir wir selbst wir persönlich haben nichts gespürt in Prag in in Olmütz immer wenn
[1:04:36] ich auf den Friedhof gefahren bin zu Opis Grab also da hatten wir doch viele Freunde in in Olmütz und da da die haben mir schon berichtet dass zwischen Deutschen und Tschechen keine große Freundschaft geherrscht hat wissen Sie in Olmütz war das auch so
[1:05:01] es war ja deutsch es war Sudetengebiet und die so genannte gute Gesellschaft war deutsch der Herr Direktor X und der Herr Direktor Y und der Herr Fabrikant Sowieso und so das waren alles Deutsche zum Teil Juden aber die Juden waren deutsch (eher) in in Böhmen
[1:05:28] B- Böhmen also das das das Kernland Böhmen war tschechisch aber Mähren war war schon viel deutsch und Schlesien ist ja dann sowieso polnisch geworden die Slowakei war teils slowakisch teils ungarisch es es war so ein zusammengewürfeltes Land
[1:05:54] haben Sie nach Beendigung Ihres Studiums dann ähm direkt gearbeitet ?
[1:06:00] ich ?
[1:06:03] ja
[1:06:06] ne ich bin nicht dazu gekommen [lacht] ich bin gerade fertig geworden und ich habe äh ich ich bin im Ende Oktober glaube ich habe ich die Abschlussprüfung gehabt ich ich habe gearbeitet und zwar wollten wir ja damals schon emigrieren und ich habe zu Hause
[1:06:30] Kurse gegeben man hat damals begonnen ler- zu lernen ja Frauen wollten Berufe haben zum emigrieren man man hat alle möglichen ich erinnere mich man hat hat gelernt Handschuhe machen man hat man hat Handweben gelernt man hat äh alles mögliche um um einen
[1:06:53] Beruf in der Hand zu haben und ich habe damals noch paar Monate so bissl gearbeitet aber ich bin nicht mehr zu viel dazugekommen der wir haben uns ja damals schon mit der Emigration beschäftigt und es es war alles so ich war fertig der Guido war fertig es
[1:07:14] es war alles es hätte alles so schön sein können
[1:07:19] vielleicht machen wir an der Stelle ähm eine kurze Pause
[1:07:24] gut [Schnitt]
[1:07:27] Frau Hornstein Sie hatten ja ähm eben erzählt dass Sie nach dem Studium oder nach Ihrem Abschluss nicht ähm sofort gearbeitet haben sondern dass Sie sich auf eine Emigration vorbereitet haben eigentlich wo ähm wollten Sie hingehen oder was waren Ihre Pläne
[1:07:45] und was ist aus diesen Plänen geworden ?
[1:07:47] meine Eltern haben gehofft wir kriegen ein Affidavit wir wollten nach Amerika mein Mann hat immer gesagt w- wenn der Guido fertig ist ist er ja noch kein Arzt da ist er nur ein Doktor da muss er erst lernen und Papa hatte einen Cousin der in Pressburg in
[1:08:16] Bratislava ein Sanatorium hatte an dem Sanatorium war mein Vater auch [gestikuliert] irgendwie beteiligt und er hat immer gesagt wenn der Guido fertig ist dann muss er erst ein Jahr im Sanatorium sein und dann wird er ein echter Arzt werden na und da hat man
[1:08:40] eben gerechnet es es wird alles so ausgehen und dann ist der ganze Krach gekommen und und und es es es war schon gar nichts und also so schnell wie möglich auswandern und das Affidavit ist nicht gekommen das Unglück war eigentlich ich war ein einziges
[1:09:08] Kind mit wunderbaren Eltern und ihr ihr ganzer Wunsch war Hedy soll glücklich werden na und dann wie das wie das alles so gekommen ist waren waren alle Pläne über den Haufen geworfen keine keine Z- kein äh keine Zukunfts- -hoffnungen keine Zukunftspläne
[1:09:44] gar nichts das das einzige Kind geht auf den Balkan und na mein Vater hat ja Recht gehabt es ist dann alles schief gegangen wie ich wie ich weg war war meine Eltern hatten das Gefühl dass ich in Sicherheit bin und deshalb haben sie nachgelassen ja sie sind
[1:10:12] einfach äh wie soll ich das sagen sie sind zusammengesackt äh die Energie war plötzlich weg und sie haben sich nicht genug intensiv interessiert und deshalb ist das Affidavit nicht gekommen das war das Unglück und ich ich war gerettet und u- und sie
[1:10:36] waren verloren
[1:10:39] bevor Sie ähm nach Czernowitz gegangen sind haben Sie aber ähm sich mit Ihrem Mann noch verheiratet
[1:10:49] ja natürlich ich bin ich bin im wir hatten doch am 15ten März 39 geheiratet und wir sind erst im da- das ist ja nicht so einfach gegangen er ist er war schon tschechischer Staatsbürger aber hat- er hatte noch seinen rumänischen Pass der war noch gültig
[1:11:14] und d- wie wie dann in dem Moment wo der Hitler einmarschiert ist war die Tschechoslowakei zu m- man konnte meine meine Schwiegereltern konnten doch nicht wegfahren zurück nach Czernowitz es hat gedauert bevor man die Grenzen überhaupt geöffnet hat es
[1:11:35] war alles sehr radikal und sehr gut vorbereitet von von vom Herrn Hitler alles hat er gut vorbereitet na und in dem Moment wo wo wir weg waren haben eben meine Eltern nachgelassen sie sie waren froh ich bin gerettet und haben sich nicht genug intensiv interessiert
[1:12:01] und dadurch war dann alles verloren
[1:12:05] dieser 15te März Ihr Hochzeitstag ist ja ein geschichtsträchtiger Tag 1939 gewesen erzählen Sie uns wie Sie diesen Tag ähm erlebt haben zwischen Ihrem privaten Glück und dem was sich auf der anderen Seite abgespielt hat
[1:12:25] [gleichzeitig:] es es es kamen ja noch viele Gäste auch von auswärts und äh d- das das war natürlich ei- ein schrecklicher Schock meine Schwiegereltern selbst hatten Schwierigkeiten rechtzeitig da zu sein die die Hochzeit sollte eigentlich am Sonntag davor
[1:12:48] stattfinden aber die Schwiegereltern haben nicht die Durchreise durch Polen bekommen und d- dadurch hat sich die Hochzeit um eine Woche verzögert ich glaube um eine Woche (nur) und man musste alle Gäste verständigen dass die Hochzeit später stattfindet
[1:13:10] und das war natürlich ein Fressen für alle »was ist passiert ? etwa die Partie ist auseinander gegangen ?« etwas ist da passiert ja den wahren Grund wusste ja niemand na und äh die Elt- die Schwiegereltern kamen dann am Dienstagabend im letzten Moment
[1:13:33] an und da habe ich Ihnen ja erzählt wie wir die den Polterabend in auf der Kleinseite in Prag gefeiert haben im Rittersaal und am nach Hausweg der Taxichauffeur empört »heute heute sind sie so gut gelaunt nicht« und da haben wir gesagt »wir haben gerade
[1:13:56] Polterabend gehabt« und er hat gesagt »und Sie wissen gar nicht dass der Hitler schon in Mährisch-Ostrau ist« also das das war der Beginn und dann frühmorgens ist der Papa zum Rabbiner und äh der Rabbiner hatte ihm gesagt »ja die Trauung wird stattfinden
[1:14:19] aber ohne Brautkleid ohne Blumen ohne Feier im Kleinsten« [Klingeln im Hintergrund] es soll läuten [lauter zu einer Person im Haus:] ich bin nicht zu Hause ! und
[1:14:43] die Hochzeit sollte in kleinstem Rahmen stattfinden
[1:14:47] ja na ja und ich ich bin ja auch dann hab- habe kein Hochzeitskleid an und gar nichts irgendein Kleid und irgendwas am Kopf das musste man ja in der Synagoge haben und in Prag in der Tschechoslowakei war das so hier wird ja standesamtlich geheiratet und
[1:15:10] dann erst religiös und in der Tschechoslowakei war der Rabbiner gleichzeitig Standesbeamter so dass wir nur eine Prozedur hatten also die die Ein- Eintragung und und dann nachher das das äh das Beten und ich habe Ihnen ja gestern gesagt es war ärger als
[1:15:38] ein Begräbnis es waren auch schon viele Gäste weg z- weggefahren Vormittag na und dann nach der nach der Trauung ist man nach Hause gefahren zu zu in in die Wohnung meiner Eltern und es war eigentlich geplant dass wir am selben Abend noch wegfahren
[1:16:05] aber das dazu ist es ja nicht mehr gekommen sondern ich habe meine Nach- Hochzeitsnacht in der Studentenbude von Guido verbracht und im Nebenzimmer war der Jascha [lacht] der an allem Schuld war na und d- der ich muss sagen das das war ein ein grauenhaftes
[1:16:35] Erlebnis diese Nacht wir sind zu dritt am Bett gesessen und wir dass die Wohnung war im Erdgeschoss in Prag der Plavecka Ulice und wir haben den die die berittene Polizei mit mit den [gestikuliert] Waffen vor dem Fenster gehabt die ganze Nacht es war ein
[1:17:05] schreckliches Gefühl und die Angst man weiß nicht was kommt man weiß es kommt etwas Schreckliches e- es war ganz fürchterlich
[1:17:16] und am nächsten Morgen ist der Papa dann um uns gekommen hat uns nach Hause genommen und sein Freund der Doktor Horak ein Rechtsanwalt
[1:17:31] mit dem wurde beraten also was macht man jetzt was macht man jetzt was macht man mit den Kindern und da hat er dieser Doktor Horak die glorreiche Idee gehabt er hat mich auf Guidos noch gültigen Pass eingetragen auf der rumänischen Gesandtschaft in Prag
[1:17:59] am Hradschin kennen Sie Prag
[1:18:01] ja
[1:18:03] in Prag a- am Weg auf den Hradschin war die rumänische Gesandtschaft und da war ich plötzlich rumänische Staatsbürgerin das d- der Doktor Horak war ein sehr kluger Mann da- das hat mich gerettet denn ich hätte ja nicht wegfahren können als Tschechin
[1:18:26] als Rumänin konnte ich ausreisen und so so so ist es auch geschehen wir haben dann das das war eben d- die Schwiegereltern waren ja noch da und das war der- wieder deren Idee dass wir für vorläufig nach nach Czernowitz kommen Guido und ich und dort
[1:18:55] abwarten bis die Eltern das Affidavit haben die Papiere haben und und ausreisen können
[1:19:03] ja
[1:19:05] und da war noch die da die Vorschrift wenn man ausgereist ist aus der Tschechoslowakei das war schon Hitler musste man eine Reichsfluchtsteuer bezahlen und es kam als als Ausländerin durfte ich Sachen mitnehmen und da also ich ich war plötzlich Rumänin
[1:19:34] ich war an einem Tag [gestikuliert] tschechisch und deutsch und rumänisch alles an einem Tag und das also das hat man das Ganze dann angemeldet und ich bin i- ich durfte Sachen mitnehmen aber eben diese Reichsfluchtsteuer bezahlen und ich habe einen man
[1:19:58] hat einen Lift gemacht wissen Sie einen Lift das kennen Sie Lift zum Auswandern und der Lift sollte nach Hamburg kommen zu Schenker kennen Sie auch Schenker der existiert ja noch und also da- da- das hat man alles mit dem Doktor Horak so ausgetüftelt man
[1:20:32] bis bis i- die Eltern die Papiere haben und treffen wir uns in Hamburg sie kommen aus aus Prag und wir kommen aus Czernowitz und fahren dann gemeinsam per Schiff nach Amerika denkste also jetzt hat man dann begonnen einzupacken meine Eltern haben noch ich
[1:20:56] habe erstens sehr viele Hochzeitsgeschenke gehabt und außerdem habe ich sehr viele Sachen von den Eltern mitgenommen Silberbesteck Perserteppiche und [zeigt] dieser Teppich hi- und dieser diese zwei Teppiche sind noch aus meinem Elternhaus die sind die sind
[1:21:27] überall mit der wo Sie drauf sitzen das sind wirklich gute Teppiche sind heute überhaupt nichts wert heute haben ja Teppiche jeden Wert verloren alle alle Teppichhändler sind pleite hier ja also da sollte man sich dann in Hamburg treffen und und und alles
[1:21:46] war wunderschön programmiert und die Zollbeamten sind gekommen und man hat die Kisten gepackt den Lift gemacht elf Kisten und jede Kiste hat [gestikuliert] ein ein Schloss gehabt elf Schlüssel habe ich bekommen und das Ganze ist in einen Lift gekommen also
[1:22:14] das Ganze wurde dann ein ein Paket und ist nach Schenk- nach Hamburg zu Schenker gegangen und w- wie alles fertig war alles bezahlt war das war ja alles mit horrenden Summen belegt dann sind wir dann nach Czernowitz gefahren meine Eltern durften mich nicht
[1:22:44] zur Bahn begleiten Tschechen durften nicht zum Bahnhof gehen warum weiß ich nicht da- damals haben so die Gesetze haben sofort eingesetzt er er war kaum drin war schon alles à la Hitler
[1:23:08] diese ähm Fahrt nach Czernowitz war unmittelbar nach der Hochzeit wissen Sie das ungefähr wann das gewesen ist ?
[1:23:17] [schüttelt den Kopf] ne das war ungefähr es war im März haben wir ge- im Juni das hat sich bis Juni gezogen
[1:23:41] im Juni sind wir nach ja natürlich wir sind im Juni nach Czernowitz gekommen und am ersten September ist der Krieg ausgebrochen der polnisch-deutsche Krieg wo dann die Deutschen bis heute erzählen die Sudeten dass dass die Polen begonnen haben wissen Sie
[1:23:52] wenn man sich das heute so vorstellt [lacht] die Polen haben den Hitler angegriffen und und die Menschen glauben das also jedenfalls kaum haben wir in Czernowitz im im Juni gekommen und die Goldene Hochzeit und der ganze Trara und und und am ersten September
[1:24:13] Krieg also ein ein Erlebnis hat das andere wie sagt man es sie haben sich überstürzt
[1:24:23] [gleichzeitig:] mhm ja
[1:24:25] ich wollte Sie jetzt aber nicht ähm unterbrechen also Sie sind dann zum Bahnhof ähm in Prag ohne Ihre Eltern
[1:24:31] [gleichzeitig:] ja ja ohne eben die Eltern
[1:24:34] mit den Schwiegereltern
[1:24:36] na ja die das d- die Schwiegereltern waren ja nur noch zwei Wochen in in Prag nach zwei Wochen hat man die Grenzen geöffnet und sie konnten
[1:24:43] [gleichzeitig:] mhm ah ja
[1:24:45] zurück fahren nach Czernowitz wieder mit Schwierigkeiten über Polen und die Polen waren auch nicht sehr fein dass ich habe bis heute was gegen die Polen die ärgsten Antisemiten ich glaube die Polen die die waren noch ärger als die Deutschen na ja
[1:25:11] jetzt die Sachen sind nach Hamburg gegangen Papa ist viel Geld los geworden sehr viel und und wir waren in Czernowitz und dann ist am ersten September der Krieg ausgebrochen und ein paar Tage bevor der Krieg ausgebrochen ist ist dies- ist ein Be- ein
[1:25:57] Bekannter vom Papa aus Prag nach d- der war nicht von Škoda von Škoda der war später der war ist auch ein Bekannter nach äh Rumänien dienstlich und hat mir eine Nachricht gebracht von Papa dass es sehr nach Krieg aussieht und er fürchtet dass äh alles
[1:26:12] verloren ist und dass die das Affidavit zu spät kommt und dass die Sachen in in Hamburg gefährdet sind und ich soll zu Schenker in Ha- Düsseldorf gehen [schüttelt den Kopf] in in in Czernowitz und die Sachen aus Hamburg nach Czernowitz dirigieren damit
[1:26:39] sie nicht verloren gehen das war paar Tage vor Kriegsausbruch
[1:26:45] ja
[1:26:47] ich bin mit meinem Schwiegervater zu Schenker gegangen dass ich sehe das alles noch so wie wenn es gestern gewesen wäre und wir haben das den ganzen Lift umdisponiert nach Czernowitz und am ersten September ist der Krieg ausgebrochen die Sachen waren unterwegs
[1:27:09] wurden z- der Waggon d- der Zug wurde zwischen Lemberg und Krakau bombardiert alles weg und ich bin mit äh elf Schlüsseln da geblieben ich habe sie bis heute zur Erinnerung habe ich einen Schlüsselbund mit elf Schlüsseln und äh hat überhaupt nicht
[1:27:43] keine also hat es bekommen keine Versicherung gilt im Kriegsfall w- wenn es normal verloren geht hätte ich ja was bekommen aber das war vis major und ich ich habe elf Schlüssel damals hat es noch weh getan später hat man ja schon nicht mehr viel Sinn
[1:28:13] für für Besitz gehabt aber damals das war der erste ganz große materielle Verlust und das hat weh getan na und jetzt
[1:28:28] die ähm Fahrt von Prag nach Czernowitz wie lang hat die gedauert in der damaligen Zeit
[1:28:37] in der normalen Zeit wie mein Mann als Student wenn er nach Hause gefahren ist ist er 24 Stunden gefahren aber alles hat so lange gedauert ich erinnere mich noch nach dem Krieg bin ich mit meinem Mann nach Paris gefahren aus Prag das hat auch 24 Stunden gedauert
[1:29:00] (so war das halt) das war halt so m- man war man war so daran gewöhnt dass nichts geklappt hat [lacht] ich ich erinner mich oft an solche Erlebnisse wenn ich äh da höre wie die Leute sich beklagen sie wollen Ersatz dafür dass Verspätung war dass ein
[1:29:32] Zug ausgefallen ist denke ich mir oft diese Menschen wissen gar nichts die haben wir haben ein anderes Leben gelebt
[1:29:44] ja und jetzt das das war 39 und am am ersten September 39 ist eben der Krieg ausgebrochen und dann kam das Jahr 40 und die russische Besetzung
[1:30:08] damals hatte Hitler dem Stalin die nördliche Bukowina und Bessarabien geschenkt hat ha- hat es ihm freigegeben und die die Russen haben es besetzt sind in Prag einmarschiert auf friedlichem Weg nicht mit äh Krieg mit Schießen ganz äh die sind einfach einmarschiert
[1:30:40] und das das hätten Sie sehen müssen das war im Sommer und die das Militär kam die die die Leder- -gurte und die die die ganzen Armaturen das war alles frisch es hat noch nach Leder gerochen sie waren frisch eingekleidet Uniformen alles blitzblank sauber
[1:31:13] das Militär unglaublich und die Zivilisten es war Sommer es war sehr heiß die Zivilisten waren alle w- sie hatten dunkelblaue Hosen die Hosen waren für die waren so spiegelblank es sie hätten sich drin sehen können also so w- wahrscheinlich zehn Jahre
[1:31:42] alte Hosen und alle haben sie diese rubashkes gehabt diese Hemden mit dem Sie wissen was eine rubashka ist
[1:31:51] nein ich weiß das nicht
[1:31:54] das sind diese russischen Hemden mit dem [gestikuliert] hier mit so einem die hatten keinen Kragen sondern nur so einen Streifen und immer irgendwie gestickt das ist das Hemd d- die Hemd heißt überhaupt rubashka in in im Russischen und die kamen also alle
[1:32:16] alle haben sie blaue Hosen gehabt alle haben sie rubashkas gehabt und alle haben sie in Zeitungspapier aber das ist wirklich wahr alle haben sie in Zeitungspapier eingewickelt eine Zahnbürste und einen Kamm gehabt und sie haben gesagt » (eto) kulturno das
[1:32:37] ist das ist kultiviert« bei ihnen war das Hauptwort kulturno bei ihnen war alles kulturno und die die so- die Leute haben ja es war Sommer und Sie müssen wissen wie die wie der Wechsel war wie die Rumänen abgezogen sind und die Russen gekommen sind ist
[1:33:07] ja ein Großteil der rumänischen Bevölkerung geflüchtet mit mit mit Wagen mit mit mit Autos mit Pferden mit zu Fuß äh die Rumänen sind ja die die meisten ins Regat ins Altreich weil sie Angst gehabt haben vor der russischen Besetzung und äh die die
[1:33:34] die Rumänen sind gerannt und die Russen sind gekommen und sie sie waren alle alle mit der mit der in Zeitung gewickelten d- d- mit Kammbürste und und dem Kamm und wenn man sie gefragt hat »und wo ist dein Gepäck« dann haben sie gesagt »das Gepäck kommt
[1:34:01] nach« es war es es ist nie nachgekommen sie haben kein Gepäck gehabt sie waren frisch ausgerüstet sauber gewaschen ge- gebügelt geschniegelt hundertprozentig in Ordnung aber sie haben nichts gehabt als das was sie am Leib hatten und die Ru- die Menschen
[1:34:27] sind die meisten sind ja Hals über Kopf geflüchtet so ähnlich wie wir dann in in äh in Prag angekommen aus Prag weggelaufen sind und man hat die Tür zu gemacht und ist gelaufen die Rumänen hatten ja große Angst vor der russischen Invasion und nach
[1:34:50] paar Tagen konnten Sie sehen wie die russischen Damen in Spitzen besetzten Nachthemden spazieren gegangen sind das waren für sie die eleganten Sommerkleider alles was sie in den Wohnungen gefunden haben das Haus in dem meine Schwiegereltern gewohnt haben
[1:35:14] äh das da war ein ein Neubau sie haben erst ein paar Jahre dort gewohnt und über [Klingeln im Hintergrund] ihnen hat ein Staatsanwalt geholt gewohnt Doktor Gelerio der mit dem sie sehr befreundet waren dieser Staatsanwalt der Gelerio ist natürlich auch
[1:35:41] Hals über Kopf mit Familie weggelaufen und die hat die Wohnung stehen lassen wie sie war also da und zweiten und dritten Tag sind dann schon d- diese Leute waren die Vorhut die die in den rubashkes gekommen sind zwei drei Tage später sind dann schon die
[1:36:03] Chefs gekommen die Bosse also über uns in die Wohnung von dem Doktor Gelerio ist ein rumänischer Major eingezogen mit mit Frau und mit seinem Offiziersdiener nach zwei drei Tagen ist er bei uns bei meinen Schwiegereltern hat er bei ihnen geklingelt und sie
[1:36:28] waren natürlich sehr erschrocken ei- ein russischer Soldat hat er gesagt »dem Herrn Major ist ein Ring in in die Klomuschel gefallen« und die muss bei uns in der Klomuschel sein er will den Ring haben das war ihre Vorstellung ja haben Sie das verstanden
[1:36:54] jetzt der hat gemeint wenn der wenn der Ring oben ins Klo gefallen ist er ist er im im nächsten Stock dageblieben so primitiv waren sie da ich erinner mich wie der Gelerios hatten eine sehr gut eingerichtete Wohnung und er hatte einen Schreibtisch mit einer
[1:37:19] Glasplatte wie ich das erste Mal oben war weil ich etwas fragen musste hat die Frau von dem Major gerade Nudeln gemacht auf der Glasplatte im im Wohn- im im Herrenzimmer das das war so das Niveau also das war die d- der erste Krieg und die erste Besatzung
[1:37:48] in der Emigration
[1:37:51] darf äh ich kurz zwischendurch fragen ähm was haben Sie gemacht als Sie dann nach Czernowitz äh im Sommer 39 gekommen sind bis 1941 haben Sie etwas gearbeitet oder
[1:38:03] na klar aber wie also erst im im bis zum bis zum September nichts da haben wir fort auf die Papiere gewartet
[1:38:14] dann ist der Krieg ausgebrochen dann ist mein Mann dagestanden mit dem tschechischen Doktorat und konnte nicht in Rumänien arbeiten erstens er musste nostrifizieren für die Rumänen war die deutsche Karls-Universität nicht genug man musste nostrifizieren
[1:38:42] also da ist er nach Bukarest und ich äh da da da hat sich schon so rauskristallisiert wir werden in Czernowitz hängen bleiben und da habe ich schon begonnen nachzudenken also wie wie wird es weitergehen und ich ich ich gehe ich sage so alles durcheinander
[1:39:15] die vielen Studenten in in Prag die Czernowitzer Studenten waren ja zum Großteil alles Freunde von Guido und für sie war Prag das Paradies es war es war auch ein Paradies und man hat in Prag immer eingekauft für für Rumänien für die Eltern für die Geschwister
[1:39:36] für sich selbst Prag war das Paradies und wie der Krach gekommen ist und wie ich ich g- meine Eltern wussten dass ich weg musste hat mein Vater sehr vielen Studenten Geld geborgt damit sie sich Sachen kaufen können mit der Bedingung dass sie mir in Czernowitz
[1:40:01] f- falls ich dort länger bleiben müsste damals war ja noch keine Rede vom dort Bleiben aber falls sich das hinzieht mit dem Affidavit und ich muss eine Weile in in Czernowitz leben damit ich s- mit finanziell sicher gestellt bin ja ich soll soll keine Not
[1:40:21] leiden und dieses Geld haben mir dann die die Studenten auch alle in Czernowitz zurückgegeben das war richtig nur dann wie das Geld alle war und wie wir gewusst haben wir können nicht weg war jetzt die Frage nun was wird weiter sein Guido muss ein Jahr in
[1:40:47] in in Bukarest nostrifizieren ich muss leben und ich ich war so eine blöde Kuh so eine stolze ich werde doch nicht von jemandem Geld nehmen das kommt doch nicht infrage ich muss mich selbst durchsetzen und es ist mir gelungen
[1:41:09] ich ich habe begonnen es ist
[1:41:16] eine andere Geschichte ich hab Freunde in in in Czernowitz gefunden ich habe Ihnen ja gesagt der Bruder von der Omi hat die hat die Frau aus dem Böhmerwald gehabt das waren waren dort eigentlich Tschechen und die ei- in in in Czernowitz hatte Guido einen
[1:41:46] Freund mit dem er aufgewachsen ist das war der Doktor Siegfried Pachta der war Rechtsanwalt und d- die waren gleich alt Guido und Sigi und dann gab es eine Familie in in Czernowitz der Herr der Herr Direktor Binovici der war der Direktor der Banca de Credit
[1:42:16] und der hatte auch eine tschechische Frau diese tschechische Frau war eine Freundin vo- von von der Tante aus dem Böhmerwald und wie wir aus äh Prag gekommen sind und am am A- Nachmittag war die Goldene Hochzeit gleich am nächsten Tag war ich bei der Tante
[1:42:41] Grete aus dem Böhmerwald eingeladen die haben sich ja gleich auf mich gestürzt Landsleute und sie waren nicht so sehr glücklich in in Rumänien und diese durch diese Tante Grete habe ich die Familie Doktor Binovici kennengelernt mit einer Tochter Ilse
[1:43:07] und diese Ilse hat dann später den Doktor Sigi Pachta geheiratet der Guidos Freund war und der Direktor Binovici und seine Frau haben sich zu mir benommen wie Eltern s- sie waren zumindest genau so gut zu mir wie meine Schwiegereltern Sie müssen wissen
[1:43:38] meine Schwiegereltern waren sehr nett aber sie waren ja Fremde sie kommen in eine Familie zu ganz fremden Leuten und sagen plötzlich »Papa und Mama« und sind mit ihnen verwandt ein ein schreckliches Gefühl die waren alle sehr nett und sehr lieb aber es
[1:43:58] hat doch der Kontakt gefehlt und also d- diese diese Binovicis waren so unglaublich nett zu mir und der Guido musste dann nach äh nach äh Bukarest nostrifizieren und an meinem ersten Hochzeitstag habe ich zum Geschenk vom vom Herrn Direktor Binovici ein
[1:44:23] Ticket bekommen nach Düs- Czernowitz Bukarest Czernowitz damit ich meinen ersten Hochzeitstag mit meinem Mann verbringen kann diese Leute diese Binovici das sind bis heute also schon ihre ihre Enkel und sogar ein kleines Urenkel ist da das ist noch immer
[1:44:47] wie m- meine nächsten Verwandten diese diese wir das ist ein solcher Zusammenhalt der der Sigi ist vor paar Jahren gestorben seine Frau hatte Alzheimer d- ich bin alle drei Monate für eine Woche nach Paris gefahren und bin bei ihr gesessen eine ganze Woche
[1:45:15] und und sie hat mich an der Hand gehalten ich habe ich habe Alzheimer kennengelernt in der fürchterlichsten Form die Töchter beide Töchter zwei Töchter sind die besten Freunde meiner Kinder geworden und die jetzt haben die die die die schon geheiratet
[1:45:40] sie haben Enkel die sind so alt wie meine Urenkel also das ist heute noch eine eine so feste Bindung mit dieser Familie wie wenn das meine allernächsten Verwandten wären und dieser Doktor Binovici der Bankdirektor die haben einfach ich weiß nicht dadurch
[1:46:04] dass die Frau auch Tschechin war die Frau war aus Pilsen die Tante Marta die äh es man man hat glei- in der Fremde hat man gleich so eine Bindung we- wenn man jemanden aus der Heimat kennenlernt also es es gibt keine dickere Freundschaft als unsere Freundschaft
[1:46:28] mit dieser Familie und der Doktor Binovici der hat meine meine Situation s- sehr sehr genau gekannt und er hat mir Geld gegeben
[1:46:47] ich habe mit mit seiner Tochter mit der Ilse die dann später Alzheimer hatte mit der Ilse zusammen ein Atelier eröffnet das
[1:46:59] Atelier hat »Hobby« geheißen und zwar Hornstein Binovici und das ist zufällig »Hobby« geworden wir ich habe begonnen i- ich habe mir einen Webstuhl angeschafft eine Strickmaschine die Ilse äh die Ilse hat nichts können die die Ilse war etwas jünger
[1:47:26] als ich d- d- die war sehr geschickt die hat überall mitgeholfen wir haben ein eine Firma gegründet ein Atelier das ist so das war ein solches Bombengeschäft die Czernowitzer waren alle neugierig was sich der Guido da aus Prag mitgebracht hat und man man
[1:47:48] ist zu uns geströmt es das das das Atelier ist herrlich gegangen ich konnte dem Papa Binovici alles zurück bezahlen ich war schuldenfrei und die Russen sind gekommen und alles war beim Teufel man hat uns äh man hat uns sofort nationalisiert es war aus
[1:48:13] »Hobby« und dann k- dann kamen diese ganzen Katastrophen Krieg und noch Krieg und wieder Krieg und und der der Guido ist damals mit dem letzten Zug aus Bukarest nach der Bukowina und irgendwo vor zwanzig Kilometer oder dreißig Kilometer vor Czernowitz
[1:48:43] ist der Zug nicht mehr gefahren das war dann schon Kriegsgebiet besetztes Gebiet ist er noch zu Fuß die letzten Kilometer nach nach nach Czernowitz und ich habe damals gesagt »Guido warum bin ich nicht weg zu dir warum bist du zu mir zu den Russen zurückgekommen«
[1:49:08] und da hat er mir gesagt »weißt du wir haben schon einmal Eltern zurück gelassen in Prag und ich wollte nicht noch einmal Eltern zurück lassen in Czernowitz« und und und so hat das ganze Unglück begonnen ein eine Katastrophe nach der anderen und d- dann
[1:49:32] waren die Russen da man hat mir die Existenz genommen die die Ilse hat inzwischen den Sigi geheiratet und die Russen haben sofort wie sie wie sie mein mein Atelier »Hobby« auf- aufgelöst haben haben sie es sofort äh über- übernommen es ist es hat
[1:50:05] dann (Artiel Textilsti) geheißen und war eine ein- eine in eine Genossenschaft da- dazu gegeben mi- mi- mit ein- einverleibt in diese Genossenschaft und ich habe dort ein ganzes Jahr gearbeitet als als Leiterin ich ich ich habe ja die Leute unterrichtet
[1:50:37] Handweben und Maschinenstricken das [hustet] und das das war wieder bis der Krieg das der zweite Krieg ausgebrochen ist die Russen sind ja damals in friedlich einmarschiert
[1:50:56] aber dann war der Krieg und da sind sie dann von den Deutschen besiegt worden die Deutschen
[1:51:06] sind einmarschiert und dann ich ich ich bemühe mich das alles äh regulär zu sagen wie die Deutschen einmarschiert sind dann und die Russen weggelaufen die Russen sind wirklich gelaufen die wurden damals richtiggehend (gejagt) und wie Deutschen einmarschiert
[1:51:32] sind sind die rumänischen Truppen mit ihnen zusammen wieder in Czernowitz gewesen und das Militär hat äh dann drei Tage frei bekommen zu tun was es will und das war das Drei-Tage-Pogrom wo die der Großvater vom Guido auf der Habsburghöhe erschossen wurde
[1:52:03] das waren diese drei fürchterlichen Tage in Czernowitz und mein Mann und ich waren in von ukrainischen Krankenschwestern im Krankenhaus versteckt im Keller und w- w- wir sind drei Tage in dem Keller gesessen und haben überhaupt nicht gewusst was sich oben
[1:52:26] tut erst wie wir nach drei Tagen rausgekommen und man uns befreit hat dann haben wir erfahren dass der Großvater tot ist und dass hunderte Menschen erschossen wurden also das war das erste richtige Pogrom das ich erlebt habe
[1:52:44] von dem Großvater
[1:52:47] gibt es auch ein Foto ähm dass wenn Sie das zeigen möchten
[1:52:52] ja [zeigt Foto] das waren die Großeltern meines Mannes die gerade Goldene Hochzeit feierten als ich nach Czernowitz kam
[1:53:13] ja genau von dieser Hochzeitsfeier von dieser Goldenen Hochzeitsfeier gibt es ja auch ein Bild und da sind Sie sogar glaube ich mit drauf das können Sie ja auch
[1:53:23] das ist das Bild das ist das Familienbild da bin ich schon einverleibt in die Familie [zeigt Foto] das war ein sehr schönes Fest aber mir war damals gar nicht nach Fest zumute in der Fremde vor der riesigen Familie die lauter fremde Leute [lacht] und
[1:53:52] ich dass ich weg von den Eltern ins ins Ungewisse und wusste dass sie im Ungewissen leben also mir war nach Feiern nicht zumute aber ich ich habe scheinbar eine dicke Haut habe ich damals schon bewiesen das wärs
[1:54:16] Sie haben also ähm während des Pogroms diese drei Tage im Versteck sozusagen verbracht
[1:54:25] [gleichzeitig:] da war mein da war mein Mann schon also das war d- d- da war er schon s- d- die Nostrifikation hat er ja nicht fertig gemacht weil die Russen gekommen sind und bei den Russen hat er schon keine Nostrifikation gebraucht
[1:54:42] ich muss das jetzt doch kurz eben fragen was heißt denn Nostrifikation ich weiß es gar nicht was das heißt
[1:54:47] also Sie Sie müssen Ihr Doktorat äh sichern noch einmal Prüfungen ablegen
[1:54:59] ah ja
[1:55:02] zum Beispiel wenn Sie nach Amerika gehen müssen Sie alle Prüfungen wiederholen und in Amerika ist es nicht gleich zum Beispiel in Kalifornien sind die strengsten Gesetze in Kalifornien müssen Sie alle Prüfungen wiederholen das ganz Doktorat in in Am- in
[1:55:23] in Washington m- äh müssen Sie nur fünf Prüfungen machen also jedes Bundesland ist anders
[1:55:35] und das musste er in Bukarest äh nachholen und konnte das aber nicht mehr zu Ende bringen jetzt
[1:55:37] [gleichzeitig:] das musste er damit da- ja es war nicht mehr nötig er ist ja wieder zurück zu den Russen er er er ist weg bei den Rumänen und ist zurückgekommen zu den Russen [lacht] ich ich ich wundere mich dass ich das alles noch so zustande bring
[1:55:56] wir waren ununterbrochen was anderes einmal waren wir rumänisch dann waren wir russisch da- da- dann waren wir deutsch schrecklich es ist es ist eigentlich wenn ich mir das so vergegenwärtige ich kann gar nicht glauben dass ich das alles mitgemacht habe
[1:56:20] und ähm 1940 unter der sowjetischen Besatzung konnten Sie dann ähm Sie hatten gesagt Sie konnten weiterarbeiten
[1:56:30] [gleichzeitig:] unter den Russen ?
[1:56:33] unter den Russen
[1:56:35] unter den Russen dieses Jahr bevor die Deutschen zurückgekommen sind konnte ich arbeiten ich war sogar sehr geschätzt und geehrt ich habe erstens dort ist mir das ja geschehen dass ich zur NKWD vorgeladen war und immer gesagt habe »nje ponimaju po-russkij«
[1:56:57] ich verstehe nicht russisch das war in diesem Jahr aber da da ging es mir eigentlich nicht schlecht denn damals sind ja die Russen friedlich einmarschiert und und geschlagen verjagt worden nach einem Jahr von den Deutschen da da kam erst der der der schreckliche
[1:57:19] Krieg es ist äh es ist gar nicht so einfach sich das alles zu ver- vergegenwärtigen da- damit das chronologisch stimmt aber es stimmt so
[1:57:44] Frau Hornstein wir haben gesagt ein Uhr machen wir eine kurze Pause deswegen würden wir jetzt noch mal pausieren
[1:57:46] [gleichzeitig:] ja nichts kurze Pause jetzt gehen wir essen [Schnitt] weil ich ich muss immer die mich an die Verbindung erinnern
[1:57:52] ja
[1:57:54] okay also Frau Hornstein Sie hatten uns zuletzt erzählt dass Sie
[1:57:56] w- w- warten ich wollte Ihnen noch er- etwas erzählen was ich vorher ausgelassen habe und was ich sehr sehr lustig finde
[1:58:03] okay
[1:58:06] wie ich wir nach äh Czernowitz gekommen sind aus aus Prag geflüchtet also in diese fremde Familie da da war also der jüngere Bruder meines Mannes d- d- der um vier Jahre jünger war als ich der der war gleich so lieb und zu dem hatte ich gleich Kontakt
[1:58:28] das war der der mir die Zigaretten zugesteckt hat die die geheimen Zigaretten und der Ludwig genannt Lulu dieser Lulu war ein sehr sehr lieber reizender Junge und wie wir d- damals nach äh Czernowitz geflüchtet sind hat er gerade seine Militärzeit in in
[1:58:57] Czernowitz gehabt bei den Rumänen das war noch rumänisch da war er rumänischer Soldat und er war ein sehr sehr en- ein schöner Mann ich kann Ihnen Bilder zeigen do- sie waren wirklich schöne Menschen alle und der Lulu war der ganz reizend und von Anfang
[1:59:18] an hat er hat scheinbar gespürt dass ich so ein verlorenes Schaf bin oder alles fremd und er war von Anfang an sehr lieb und sehr herzlich er war wahrscheinlich auch von Natur aus äh ein herzlicher Mensch na und er hatte kolossales Glück bei bei Frauen
[1:59:40] also die Mädchen sind ihm scharenweise nachgelaufen das das war direkt ein Witz ich erinnere mich zum Beispiel er er war in der Kaserne in Czernowitz selbst und die Omi meine meine Schwiegermutter also seine Mutter hat ihm manchmal in die Kaserne was zu essen
[2:00:03] gebracht so er er war ein kolossaler Feinschmecker er hat gerne gut gegessen und da erinnere ich mich da bin ich einmal mit der Omi mitgegangen mit mit meiner Schwiegermutter und sie wollte mir zeigen wo die Kaserne ist und wo er haust und wie wir hingekommen
[2:00:25] sind ist er am Fenster gestanden und vor der Kaserne waren bestimmt ja aber ich übertreibe nicht mindestens zehn junge Mädchen die die gewartet haben dass er zum Fenster kommt er war so ein Typ so ein ein Frauenliebling und das das hat mich so amüsiert
[2:00:47] wie sie da alle gestanden sind [gestikuliert] und ge- ge- wie sagt man gewinkt oder gewunken
[2:00:55] ich weiß es nicht ich mache es auch immer falsch
[2:00:58] also gewinkt
[2:01:01] ja
[2:01:03] da- da- das war Lulu und dieser dieser Lulu also er hat damals eben gerade Militärzeit gemacht und dann ist die Russenbesetzung gekommen und wie die Russen die Rus- das ist ja über Nacht gekommen die Russen sind einmarschiert weil der Hitler dem Stalin
[2:01:31] scheinbar so nichts mir nichts dir nichts dies- die Bukowina und Bessarabien geschenkt hat und da hatte der Lulu gerade Dienst am Bahnhof in Czernowitz und wie er gehört hat dass die Russen einmarschieren hat er das Gewehr an die Hand an die Wand gelehnt
[2:01:48] und ist nach Hause gelaufen für ihn war der Krieg zu Ende das die Militärzeit zu Ende und für diese Tat war er dann zum Tod verurteilt und der Doktor Gelerio von dem ich vorher erzählt hab der über den Schwiegereltern gewohnt hat der hat ihn dann rausgerissen
[2:02:12] er er wurde buchstäblich in in Ketten geführt von von den Deutschen und es es war richtige Gefahr dass er hingerichtet wird das war auch eines der schrecklichen Erlebnisse d- können Sie sich vorstellen was das für Eltern ist wir wir sind auf am Fenster
[2:02:40] gestanden und haben gesehen wie man den Lulu vorbeiführt in in Ketten zur Verhandlung und für Geld hat man ihn dann frei bekommen denn in Rumänien das das war der Vorteil der Rumänen sie sie waren nicht nicht so grausam wie die Deutschen die Deutschen
[2:03:04] waren ja ganz ganz speziell grausam aber die die bei den bei den Russen konnte man doch mit mit mit Geld vieles erledigen also so hat man sein Leben gerettet ja das war das war so eine Zwischenbemerkung der Lulu in der Kaserne
[2:03:30] Sie hatten erzählt dass Sie sich drei Tage versteckt haben äh bei den Pogromen
[2:03:40] [gleichzeitig:] ja das das war also dann kam eben das Russenjahr wo die Russen einmarschiert sind so in in den rubashkes mit den dunkelblauen Hosen mit den mit der Zahnbürste und und dann ist der der der große Krieg gekommen dann haben die Deutschen die
[2:04:01] Russen vertrieben die äh Russen waren damals sehr im Nachteil die Deutschen waren auf der Höhe ihrer Macht sie waren im im Vormarsch und sie haben die Russen wirklich buchstäblich herausgejagt das war sehr einfach für sie mit den Russen fertig zu werden
[2:04:29] und da- damals haben eben die d- da sind mit den mit den Deutschen sind die Rumänen zurück nach äh nach Rumänien nach nach Czernowitz und d- da konnten sie eben drei Tage lang tun und lassen was sie mochten und w- was macht man man erschlägt die Juden
[2:04:59] das ist immer das Einfachste haben sie d- die Deutschen haben damals fürchterlich gewütet es waren richtige echte Pogrome so wie sie vor vor hundert Jahren schon gab und da hat mein Mann schon im im im Krankenhaus gearbeitet und da waren ukrainische Schwestern
[2:05:24] die waren also eigentlich die Konkurrenz die die ukrainischen Schwestern das waren ja Verbündete der der Russen die Ukrainer und trotzdem die die waren menschlich und und sie sie wollten den Doktor retten und so b- bin ich mit ihm in dem Keller gesessen i-
[2:05:46] drei Tage und drei Nächte und wir wussten überhaupt nicht was sich oben tut wir wussten nur dass es schrecklich zugeht und nach den drei Tagen wie sich das normalisiert hat also wie man nur normal gemein war ohne totschlagen das klingt schrecklich aber es
[2:06:08] war wirklich so also d- man ist zum Alltag zurückgekehrt und d- da haben wir dann erst erfahren was alles passiert ist und dann haben wir erfahren dass der Großvater erschossen wurde
[2:06:23] und nun da- dann b- bei mein Job war wieder weg die Russen waren weg
[2:06:35] mein »Hobby« war weg und dann hat man von Frischem begonnen ähm mein Mann hat dann weiter im Krankenhaus gearbeitet und zwar also er war damals schon Dermatolog und was denken Sie wo er gearbeitet hat er wurde eingesetzt in der Irrenanstalt der Dermatolog
[2:07:02] hat ja dort hineingep- so hat er dann als Arzt in der Irrenanstalt gearbeitet und da kann ich Ihnen auch eine hübsche Geschichte erzählen wenn wenn es Sie interessiert ist doch alles bei den Russen nach Plan gegangen auch das das Essen und Trinken zum Beispiel
[2:07:27] also in in der im Fünfjahresplan damals war der Fünfjahresplan in diesem Fünfjahresplan war auch was man an Essen verbraucht für die Patienten d- die genauen Mengen und zum Beispiel gab es dabei bei dem Elend roten Kaviar und es war genau
[2:07:57] vorgeschrieben in dem Fünfjahresplan wie viel roten Kaviar die Patienten für äh z- z- haben wie sagt man v- v- verbrauchen essen würden ja und wie der Plan zu Ende gegangen ist und nicht erfüllt war ist Folgendes passiert mein Mann ist aus der
[2:08:24] Arbeit gekommen mit einer Dose w- war groß wie so en Suppenteller voll mit rotem Kaviar und und wir haben gesagt also Kaviar war immer eine Delikatesse und s- ich ich war ganz erstaunt was er er bringt eine große Dose voll roten Kaviar zu uns nach Hause
[2:09:07] da hat er dann erzählt sie haben den Plan nicht erfüllt es wurde nicht genug Kaviar gegessen und da hat man den Angestellten ein die- diese Menge mitgegeben damit das verschwindet können Sie sich so was vorstellen so eine Wirtschaft ja das das war die
[2:09:15] Planerfüllung und à propos Planerfüllung da hatten wir wie ich noch in dem russischen Betrieb war da gab es die Zentrale in Kiew da- da- das die oberste Instanz dieser ganzen Organisation war in Kiew und aus Kiew ist dann der Hauptbuchhalter der Hauptbuchhalter
[2:09:56] war ein ganz großer Mann in Russland der war so wie der äh ja Inspektor ein also ein- eine Instanz vor der man Angst hatte wenn ein Kontrollorgan und als der B- äh Buchhalter aus Kiew zu uns zur Revision gekommen und auch in in meinem Betrieb wo ich gearbeitet
[2:10:13] habe und hat dort Stoffe liegen gesehen die wir gewebt haben und hat sich drei Stoffe in die ins Hotel schicken lassen das Hotel war auf der Czernowitzer Hauptstraße wissen Sie was die Kö in Düsseldorf ist ? das war damals d- d- in bei den Rumänen hat es
[2:10:42] Herrengasse geheißen und bei den Russen hat es dann Kobylanska geheißen und die also in der Herrengasse da war links war das war das B- Büro und rechts an der Ecke war die NKWD und in Russland war das so wo NKWD war oder andere wichtige Institutionen dort
[2:11:20] durfte man nicht vorbeigehen zum Beispiel w- a- da hier war die NKWD auf der anderen Seite war das Hotel man müss- musste [gestikuliert] so umgehen man durfte nicht vor dem vor vor diesen öffentlichen Gebäuden man durfte nicht vorbeigehen und es gab an
[2:11:45] vielen Stellen solche Türme in den Türmen hohe Türme und oben ist die Wache gesessen da- damit man das übersehen kann und also dort vor der NKWD war auch so ein Turm und so und dann habe ich eben eines Tages wie der Buchhalter da war oder wie er schon
[2:12:02] weggefahren war habe ich eine Vorladung eben zur NKWD bekommen und und wusste nicht was ich machen soll und da war ich bei unserem obersten Chef und der hat mir dann gesagt »du wirst sagen du kannst nicht russisch« das habe ich Ihnen ja schon alles erzählt
[2:12:31] na und da habe ich diese Vorladung bekommen und war wahnsinnig erschrocken und mein mein Mann und meine später Pariser Freunde mit denen wir ja zusammengelebt haben der der Sigi und die Ilse die Ilse war meine meine Mitarbeiterin bei »Hobby« ich weiß
[2:12:45] nicht ob Sie sich da in dem Labyrinth auskennen
[2:12:48] doch
[2:12:50] jedenfalls die die I- Ilse und der Sigi und mein Mann haben mich um halb zehn abends zur NKWD geführt und aber natürlich auf der anderen Straßenseite mussten sie stehenbleiben und ich bin alleine weiter gegangen ich hatte ja die Vorladung um halb zehn
[2:13:15] muss ich dort sein und sie haben gesagt sie werden auf mich warten sie haben dann tatsächlich bis sechs Uhr früh auf mich gewartet bis sechs Uhr früh hat das Verhör gedauert ich habe- also da- dies- dieses ganze Verhör gehabt wo ich immer gesagt habe
[2:13:37] ich kann nicht Russisch und zum Schluss konnte ich doch Russisch und und bis halb sechs in der Früh hat man mich fortwährend dasselbe gefragt äh »dein Familienname der Name deines Vaters« das war die erste Frage wie ich das gesagt habe hat man gesagt
[2:14:03] »sadites« das heißt »setzen Sie sich« und dann hat man begonnen zu fragen und das ist so gegangen bis halb sechs früh und ich wusste überhaupt nicht was man von mir will und warum man mich in vorgeladen hat und äh das können Sie sich nicht vorstellen
[2:14:25] wie zermürbend das ist auf einen Menschen die Nacht durch zu Tode erschrocken also alles zusammen man ist in einem schrecklichen Gemütszustand und dann um halb sechs oder viertel vor sechs hat man mich entlassen und hat gesagt ich werde von ihnen hören
[2:14:49] aber ich wusste noch immer nicht was man von mir will und ich bin raus gekommen und meine Leute Guido Ilse Sigi sind an der nächsten Ecke gestanden und haben auf mich gewartet auch halbtot natürlich und und so sind wir dann noch äh nach Hause und um um
[2:15:12] sieben Uhr früh musste man schon dann schon wieder oder um halb acht musste man wieder bei der Arbeit sein und ich bin dann zu meinem Chef gegangen und habe ihm berichtet w- was ich erlebt habe und habe ihm gesagt äh »towaric Bojko Genosse Bojko ich habe
[2:15:36] alles so gemacht wie du gesagt hast aber ich musste zum Schluss doch Russisch können denn sonst müsste ich wahrscheinlich jetzt noch dort sitzen« und er hat gesagt »njecewo« njecewo heißt macht nichts bei den bei den Russen hat man auf alles gesagt njecewo
[2:15:54] und hat gesagt und »ich werde ja Bericht bekommen was was du angestellt hast und ich werde dich dann verständigen«
[2:16:04] na und da sind ein paar Tage vergangen und dann hat mich der towaric Bojko in sein Büro eingeladen ich bin natürlich mit Bauchweh hingegangen
[2:16:16] und da habe ich folgende Geschichte erfahren der Hauptbuchhalter aus Kiew hat unerlaubterweise drei Stoffe von meiner Produktion sich ins Hotel kommen lassen er hat einfach gestohlen aber das war das war keine so große Sache Stehlen bisschen hat man da gestohlen
[2:16:42] bisschen dort dann ist man ins Gefängnis gekommen das Gefängnis hat »Tjurma« geheißen Tjurma kommt von Turm und dann ist man wenn man was angestellt hat ist man in die »Tjurma« gegangen dort ist man ein Jahr gesessen oder zwei Jahre oder drei Monate
[2:17:01] ja nach dem Vergehen und dann ist man wieder rausgekommen also der Hauptbuchhalter hat strafweise drei Jahre »Tjurma« bekommen und Schuld daran war dass der unser Nachtwächter d- ei- ein ein ein alter Mann den man angestellt hat da- damit damit er was
[2:17:30] zum Leben hat der war bei uns Nachtwächter d- der war ein ein gewesener hoher Beamter der der ist dann Nachtwächter geworden und dieser dieser Nachtwächter hat da [gestikuliert] war die NKWD und vis-à-vis war das Hotel und er hat das der alte Trottel
[2:18:04] er war wirklich schon verkalkt der hat die NKWD mit dem Hotel vertauscht und hat diese drei Stoffe statt sie im Hotel abzugeben auf der NKWD abgegeben und nachdem er bei mir Nachtwächter war und nachdem ich die Leiterin dort war war war ich dafür verantwortlich
[2:18:21] und hatte überhaupt keine Idee was man von mir will also so hat man Menschen be- behandelt weil de- der Buchhalter ist für drei Jahre in die »Tjurma« gegangen hat ihn auch nicht weiter aufgeregt weil dort ist man so ein- und ausgegangen da- das war die
[2:18:43] Geschichte mit der NKWD aber das war noch lange nicht zu Ende denn ungefähr drei oder vier Monate später habe ich wieder eine Vorladung zur Miliz bekommen die Miliz war untergeordnet die die Miliz war die eine normale äh die Polizei und die NKW war die
[2:19:07] geheime Staatspolizei und da wurde ich zur Miliz eingeladen und wieder in der Früh das war um halb zwei in der Nacht und ich habe wieder große Angst gehabt ich habe ja nicht gewusst was sie von mir wollen und da hat mich mein Mann und der Sigi der Freund
[2:19:29] in der Nacht zur Miliz begleitet und haben heraußen auf mich gewartet und ich ich bin ich bin herein gegangen wie ich an die Reihe gekommen bin hat man mir ein ein ein Papier übergeben und hat gesagt also »deine Sache ist erledigt sie ist abgeschlossen
[2:19:50] hier hast du das Protokoll« und ich habe schnell das Protokoll genommen und habe geschaut dass ich schon heraußen bin ich ich war glücklich wie man mir gesagt hat »deine Sache ist abgeschlossen« und wir kommen nach Hause und das war alles in der Nacht
[2:20:04] äh die Nacht war Tag und mein Mann und der Sigi schauen sich dieses Papier an da konnten wir schon Russisch lesen die aus dem Asbuka konnten sie schon und da stand drin eine Geschichte mit Gänse und Enten die man irgendwo gestohlen hat und der Sigi hat zum
[2:20:29] Guido gesagt »du das ist falsch man hat der Hedy was Falsches gegeben wir müssen das sofort zurückbringen zur Miliz« und ich habe erklärt »ich gehe nicht nein ich f- ich gehe nicht mehr freiwillig ich ich kann nicht mehr ich habe Angst ich ich will
[2:20:48] nichts mit denen zu tun haben« und bin nicht hingegangen zwei Stunden später ist ein Soldat gekommen und hat mir ein bumashka heißt Papier auf auf auf alle Dokumente auf alles hat man gesagt bumashka überreicht mir eine bumashka und sagt mir ich soll die
[2:21:12] andere bumashka zurückgeben also sie sind selbst drauf gekommen das war die einzige menschliche Handlung überhaupt sie sind drauf gekommen dass sie mir das falsche Papier gegeben haben und haben freiwillig die die Papiere ausgewechselt das das war mein Abenteuer
[2:21:32] mit der NKWD
[2:21:34] wann ist das gewesen
[2:21:37] und bitte ?
[2:21:39] wann ist das gewesen ?
[2:21:41] da da waren wir ungefähr ach das das kann vor das kann vielleicht zwei Monate vor Ende der russischen Ära gewesen sein in
[2:21:51] da- dann ist ja schon wieder der der Krieg ausgebrochen die Arm- die Front ist immer näher gekommen und dann ist schon die kurz
[2:22:06] darauf ist schon die tschechische Brigade gekommen und die Geschichte der tschechischen Brigade habe ich Ihnen glaube ich erzählt muss ich das noch einmal erzählen ?
[2:22:15] vielleicht können wir ähm erst noch mal zurückgehen zu der Zeit ähm nachdem dann ähm die Deutschen dort waren und das Ghetto in Czernowitz eingerichtet worden ist wie haben Sie das erlebt
[2:22:30] [atmet tief durch] fürchterlich es haben die Deportierungen in rumänisch-deutsch das war ja eine äh Ge- Gemein- Gemeinschafts- -aktion die Deportierung der dem ist etwas vorausgegangen es waren die Russen haben nach Sibirien deportiert kennen Sie diese
[2:23:01] Geschichte
[2:23:03] mhm
[2:23:05] da hat man in einer Nacht 11000 Menschen in Czernowitz allein 11000 Menschen ausgehoben und die sind dann sechs Wochen lang in Viehwaggons nach äh Sibirien transportiert worden und d- ein ein Großteil ist in den Waggons gestorben und verhungert fürchterlich
[2:23:33] ganz fürchterlich der Bruder vom Sigi war einer der Deportierten der der äh ich weiß schon nicht wie er Josef hat er glaube ich geheißen der der Sigi war der Doktor Siegfried Pachta und sein Bruder Josef und in der Nacht wie man deportiert hat hat man
[2:23:58] den Sigi wollte man den Sidi Sigi deportieren und zwar als Zionist er er war ein bekannter aktiver Zionist der Sigi und der Bruder der Josef hat mit den Eltern vom Sigi zusammen gewohnt er mit seiner Frau und der Sigi mit der Ilse mit denen haben wir zusammen
[2:24:27] gewohnt und zwar was ich vorher nicht gesagt habe in der Villa vom Direktor Binovici d- die hatten eine sehr schöne Villa und da am ersten Stock haben hat der haben die Binovicis gewohnt der Direktor mit seiner Frau und am am am zweiten Stock das war da
[2:24:45] eine schöne Mansardenwohnung dort haben Sigi und Ilse gewohnt und wir Guido und ich wir haben zusammen gewohnt hatten eine gemeinsame Wohnung jeder ein Zimmer und auß- ein Sch- also Schlafzimmer und außerdem ein drittes ein gemeinsames Wohnzimmer und da
[2:25:04] da haben normal das war das einzige Normale wir haben eine eine gute Wohnung gehabt und haben menschlich gelebt na und wie die wie die nun man hat dann begonnen uns zu zu bunkern wie sagt man ja dass d- dass die Russen deportieren und zwar ist das aus Polen
[2:25:30] gekommen die Polen hatten das schon hinter sich wir haben ja in Russland Pässe bekommen und die Pässe haben Nummern gehabt und Pässe mit der Nummer 39 die hat man gewarnt das waren angeblich die Leute die w- ausgewählt waren zur Deportierung aber w- wir
[2:25:57] haben eigentlich nicht daran geglaubt und in in unseren Pässen in den russischen stand »nationalnost jewrey« das »Nationalität jüdisch« es hat gab keine Religion aber äh Nationalität jüdisch das war das Todesurteil und der Sigi hatte so einen Pass
[2:26:25] 39 und da ha- haben wir doch Angst gehabt und haben den Sigi diese Nacht versteckt und die e- er war noch immer gemeldet bei seinen Eltern wo der Bruder auch gelebt habt und die sind in der Nacht gekommen den Sigi holen und der Sigi war nicht da und da haben
[2:26:52] sie den Josef mitgenommen und der Josef war in Sibirien bis zum Jahr E- End- z- zweite Hälfte 45 so lange war er in Sibirien die ganze Zeit als Doktor Siegfried Pachta geführt und da er Doktor war den Doktortitel hatte das war ihnen ganz wurscht was für
[2:27:24] Doktor der Sigi war Rechtsanwalt Doktor aber für ihn war ein für die Russen war ein Doktor ein Doktor und da haben sie ihn als Arzt geführt und der Josef hat die ganze Zeit in Sibirien gelebt als Doktor Siegfried Pachta und man hat gemeint er ist er ist
[2:27:46] Arzt und hat ihn dann im im fernen Sibirien als Arzt gebraucht und es kam zu den komischesten Situationen denn in dem Lager war ein Professor Doktor Koch aus Berlin der war Arzt und der war wirklicher Arzt und der hatte einen Ärztekalender das gibt es heute
[2:28:16] nicht mehr ich weiß nicht ob Sie das kennen es gab Ärztekalender das war so ein kleines Büchlein dick wie ein Wörterbuch und da hat er war ein Ärztekalender und drinnen waren Rezepte hunderte Rezepte und der Josef hat erstens zusammen mit dem Professor
[2:28:38] Koch g- auch im Wald gearbeitet und außerdem hat der Doktor Koch seinen Ärztekalender gehabt und der Josef ist inzwischen ein ganzer Arzt geworden er hat die Rezepte studiert e- er hat sich so in die Rolle hinein gelebt es kam zu grotesken Situationen wie
[2:29:02] er zurückgekommen ist hat er mit meinem Mann debattiert über Rezepte und über Krankheiten er hat schon wirklich geglaubt er ist er ist ein Dermatolog s- so also es gab auch komische Situationen nicht nur tragisch aber tragikomisch war alles na und jedenfalls
[2:29:24] der also der Josef war bis zum Schluss der Doktor Siegfried Pachta und noch dazu Hautarzt weil der Professor Koch Hautarzt war
[2:29:36] das heißt aber dass als das Ghetto eingerichtet worden ist waren schon sehr viele Juden aus Czernowitz deportiert worden nach Sibirien
[2:29:45] ja das war [nickt] das war nach den Deportierungen ja
[2:29:51] sind Sie dann au-
[2:29:53] [gleichzeitig:] erst war erst war Sibirien und dann ka- natürlich und ja stimmt und dann kam erst das Ghetto und das Ghetto bestand aus einigen Straßen und dort w- wo es zu Ende war war immer solche Holzzäune solche Bretterzäune das das Ende des Ghettos
[2:30:23] also ein ein ganzer Stadtteil war für Ghetto bestimmt und man hat uns zusammen getrieben man hat uns aus den Wohnungen gejagt und in in diese Ghettos gestopft und dort musste sich jeder seinen Platz finden da da war ja die Hedy Brenner schon dabei das muss
[2:30:43] die Hedy ja schon erzählt haben und diese diese Ghettostraßen waren im Anfang also wahnsinnig überfüllt wir sind zu einer Familie gekommen zu Freunden d- Leute die wir gut gekannt haben die auch dann n- leben noch die Enkel in Frankfurt also es sind
[2:31:13] noch Zeitzeugen da von diesem Ghetto und da hat man uns aus der aus der Wohnung gejagt wir konnten mitnehmen was man tragen kann also wir hatten jeder einen Rucksack das war ein auch einer meiner Erlebnisse wo ich die Wohnungstür geschlossen habe und und
[2:31:36] und war fertig war bettelarm das ist so oft passiert man gewöhnt sich dran man gewöhnt sich wirklich an alles na und da hat man uns also in das Ghetto getrieben und jetzt muss ich vorausschicken in der in dem Haus in dem wir gewohnt haben beim Herrn Direktor
[2:31:57] Binovici da wurde dieses Haus wurde requiriert und zwar von einem rumänischen Major Major Bâtranu dieser Major Bâtranu hat die Partei die im Erdgeschoss gewohnt haben raus geschmissen und ist mit Frau und Tochter in dem Erdgeschoss eingezogen und es
[2:32:29] hat sich dann herausgestellt dass dieser Major Bâtranu ein unerhört anständiger guter Mensch war er war der Chef der Gendarmerie von Czernowitz also er hat im Erdgeschoss gewohnt am ersten Stock der Herr Direktor Binovici mit Frau und am zweiten Stock Sigi
[2:32:53] und Ilse Pachta und Guido und ich dort haben wir uns sehr mit dem wir hatten erst natürlich eine große Angst vor dem Major Bâtranu und dann hat sich herausgestellt dass er ein ganz reizender Mensch war und dass er uns helfen wollte wo es nur ging und
[2:33:19] er er hat äh wohl zusammengearbeitet mit den Deutschen aber da- das das war sein sein Dienst aber äh wir wissen von nichts Bösem was er gemacht hat er er hat wirklich Leute nicht ins Unglück gestürzt und da gabs in Czernowitz also da waren die Rumänen
[2:33:45] und die Deutschen die Deutschen haben deportiert die Rumänen haben geholfen zum Teil geholfen zum Teil nicht geholfen es waren nicht alle Rumänen unanständig aber viele aber die Deutschen waren alle unanständig
[2:34:01] und da gabs einen Firma die hat Garoma geheißen
[2:34:08] und die haben d- der Chef war ein Direktor Doktor Paul Adams aus Berlin der war der Chef der Garoma und die Garoma hat Eier nach Deutschland exportiert aus Rumänien hat man ja Lebensmittel es war ja ein Agrarland also hauptsächlich Eier hat man deportiert
[2:34:37] und zu der deutschen Zeit da haben die Ilse Pachta und ich haben in einer Fabrik gearbeitet wir haben in einer Weberei wir haben wissen Sie was Waffelhandtücher sind Handtücherleinen Leinenhandtücher die bestehen aus lauter so kleinen Kästchen und d-
[2:35:06] die haben Waffelhandtücher geheißen und Ilse und ich haben auf großen Webstühlen diese Waffelhandtücher produziert das war eine sehr schwere Arbeit weil diese großen Webstühle Handwebstühle sehr ermüdend waren und f- für Frauen viel zu schwer aber
[2:35:29] w- wir haben es geschafft und das war jetzt so die Ilse und ich sind früh um sechs in die Fabrik wir hatten schon den Gelben Stern mit dem Gelben Stern durften wir nur zu bestimmten Zeiten auf die Straße gehen aber als Arbeiterinnen haben wir den Ausweis
[2:35:52] gehabt ich durfte von sechs bis sieben auf der Straße sein am Weg in die Fabrik ich durfte um die und die Zeit auf der Straße sein am Weg nach Hause es war alles genau mit dem Judenstern war es ja lebensgefährlich also die Ilse und ich hatten diesen Stern
[2:36:14] und und sind früh brav in die Fabrik um sechs und der Sigi und der Guido haben sich inzwischen mit dem Major Bâtranu wir haben uns sehr angefreundet sie haben sich fabelhaft zu uns benommen d- die also die Männer waren zu Hause haben gefrühstückt die
[2:36:46] Frau Bâtranu hat ihnen gewöhnlich Frühstück gemacht und sie sind zu ihr hinunter ins Erdgeschoss frühstücken dann haben sie Karten gespielt miteinander sie haben eine Zeit lang ein sehr gemütliches Leben geführt und Ilse und ich hatten buchstäblich
[2:36:55] blutige Hände von von von diesem Peitschen der der Handwebstühle
[2:37:01] und der Major Bâtranu hat eine das das war schon nach den Deportierungen nach Sibirien und nachdem die äh die Deportierungen d- das haben die Russen gemacht und dann kamen die Deutschen
[2:37:28] mit den Deportierungen nach Transnistrien das wissen Sie ja Transnistrien und da hatte man d- da war die große Deportierung und nachher ist man aber noch jeden Sonntag gekommen solche solche fliegende Trupps Mil- Militär deutsches und rumänisches zusammen
[2:37:58] wenn ihnen ein Haus nicht gefallen hat ist sie hin- sind sie hinein haben ein paar Juden rausgeholt sie sind dann in der Nacht nach Transnistrien verschickt worden das war so heimliche Arbeit ja das war nicht legal aber man hat es gemacht na und die die Deportierungen
[2:38:19] wir sind wir haben gelebt mit dem Rucksack mit dem gepackten Rucksack vor der Tür monatelang weil wir man nie gewusst hat wann man abgeholt wird ob man abgeholt wird und der Major Bâtranu war dann wie wir uns so angefreundet hatten hat er sich so fantastisch
[2:38:41] benommen er hat eine eine äh Posten vor unsere vor unserem Haustor gehabt und wenn nun so ein fliegender Trupp gekommen ist »ausheben« hat er gesagt »weg mit euch hier wohnt der Major Bâtranu« und der Major Bâtranu war eine ein- eine eine Honoration
[2:39:01] eine Standesperson er war ja der Chef der Gendamerie und so so ist es uns dann eben gelungen wie die wie wir ins Ghetto gegangen sind hat er d- da waren wir haben wir uns schon gekannt aber wir waren noch nicht so wirklich befreundet miteinander und wir waren
[2:39:30] im Ghetto acht Tage und in während dieser acht Tage unsere Wohnung war ja schon leer das heißt herrenlos und es ist ein rumänische nein ein ein deutscher Offizier eingezogen in unsere Wohnung und der wir wir sind durch ein Wunder herausgekommen aus aus
[2:40:00] dem Ghetto
[2:40:03] das Ghetto ist immer kleiner geworden weil jeden Tag Deportierungen waren und da hat man immer den Zaun verschoben und das Ghetto ist immer kleiner geworden und zum Schluss hat es geheißen wir sind die letzte Straße man man wird das Ghetto auflösen
[2:40:39] der Rest der da ist geht nach äh nach Tr- Transnistrien und das Ghetto ist aufgehoben und da waren schon die Leute teils deportiert teils konnten sie aus dem Ghetto raus denn es gab auch Autorisationen so wie für wirtschaftlich wichtige Juden für einzelne
[2:40:53] Leute konnte man diese Autorisationen bekommen und dann hat der Sigi und die Ilse die Autorisation bekommen sie sind raus aus dem Ghetto und wir waren im Ghetto das heißt meine Schwiegereltern die meine Schwägerin die Schwester von Guido mit Fra- mit Mann
[2:41:31] und Kind und und wir beide Guido und ich und d- wir haben der der Sigi hat gesagt er er ist am Weg eine Autorisation für uns zu bekommen wir wir wir müssen Geduld haben wir kommen bestimmt aus dem Ghetto raus und äh das war glaube ich einer der schrecklichsten
[2:41:46] Momente in meinem Leben wir haben in diesem Haus das war ein drei Stock hohes Haus und im obersten Stockwerk haben wir alles zusammen die ganze Familie in in so einer Einzimmerwohnung zusammengepfercht gewohnt und es sind immer weniger Leute geworden und zum
[2:42:18] Schluss hieß es also morgen wird das Ghetto aufgelöst was da ist geht nach Transnistrien und da hat uns der Sigi wieder so einen Spickzettel hinein- -ge- -ge- -ge- -schmuggelt und dort stand »habt Geduld ihr kommt raus« und es kam der letzte Tag und
[2:42:38] das Ha- das ganze Haus war schon leer und wir haben ganz oben gewohnt und immer wenn die Soldaten gekommen sind hat das so gehallt das leere Haus und diese schweren Militärstiefel und und der leichtfüßig waren sie ja nicht die Soldaten es es war wie in
[2:43:06] einem Krimi wissen Sie die diese die ganze Atmosphäre wir haben schon keine Nerven gehabt wir waren halb verrückt es kommt also der letzte Tag und der Sigi schickt uns diesen Zettel rein und man kommt uns holen und zwar das es ist wirklich genau so wie
[2:43:32] ich es Ihnen erzähle wir haben gehört wie die das das leere Haus und wir haben gehört wie diese wie die Soldaten kommen noch eine Stufe noch eine Stufe und dann waren sie oben vor unserer Tür und haben gesagt »also seid ihr bereit ihr kommt mit« und
[2:43:54] da- das immer war ein Offizier und zwei Soldaten dazu zu dritt ist man uns holen gekommen und da sagt der Guido da- das war wahrscheinlich um um um ein Uhr Mittag oder um zwei Uhr ich weiß nur dass der Sigi uns geschrieben hat bis vier Uhr müssen wir durchhalten
[2:44:20] wir bekommen so eine Autorisation und der Offizier sagt also »kommt mit« und der Guido sagt ihm »bitte gib uns noch zwei Stunden« und er sagt »kommt überhaupt nicht in Frage« und da da hat er uns dort alle sitzen gesehen die die alten Eltern und und
[2:44:46] und die Schwester vom Guido mit dem kleinen Kind und es es es war wirklich wie wie in einem Krimi in einem schlechten Film und der der Off- der Offizier sagt zum Guido »und wenn ich euch die zwei Stunden gebe was krieg ich dafür« und wir haben nichts mehr
[2:45:10] gehabt wir haben ja nur die Rucksäcke gehabt aber der Guido hatte eine eine [gestikuliert] silberne Zigarettendose die er von meinem Vater ge- geschenkt gekriegt hat zur Verlobung früher gab es solche solche Zigarettendosen hat man so gedrückt sind sie
[2:45:29] aufgesprungen und drinnen waren so die Zigaretten geschichtet also so eine Dose hat der Guido bekommen und mit einer eingravierten Widnun- Widmung »für für für Guido« oder so irgendwie und ich sage dem Guido »Guido du hast die Tabatiere« d- Zigarettendose
[2:45:52] Tabatiere hat das ja geheißen und ich sage ihm »Guido du hast die Tabatiere gib sie ihm« Deutsch und der Guido sagt »die gebe ich nicht her« und ich habe gesagt »Guido du musst sie hergeben es wäre im Sinne meines Vaters da er da uns das Leben damit
[2:46:12] rettet« [bewegt] und der Guido gibt ihm die Tabatiere es war wirklich das letzte was wir hatten wir hatten Strümpfe ein Hemd äh ein- eine Unterhose wir hatten ja nichts mehr nur was in dem Rucksack war und der und der Offizier nimmt die Tabatiere steckt
[2:46:34] sie ein und sie sind alle drei weggegangen eine Stunde später haben wir die Autorisation bekommen diese Tabatiere hat uns wirklich das Leben gerettet das war eine schreckliche Geschichte und wir waren das letzte Haus im im im Ghetto da war die Hedy
[2:46:59] mit ihrem Mann bestimmt schon heraussen das war die Geschichte vom Ghetto
[2:47:07] das ist noch weitergegangen wir sind nach Hause gekommen mit dem Rucksack das war alles was wir hatten und der Major Bâtranu hatte gerade Dienst aber seine Frau die Frau hat Lia
[2:47:21] geheißen die Lia hat uns empfangen wie wenn wir Freunde wären nicht Feinde das ist die waren wirklich zu uns einmalig und v- und hat gesagt die »mein Mann hat schon die die Leute die aus eurer Wohnung weggeschickt die Wohnung ist leer« und wir kommen
[2:47:44] in die Wohnung hinein und sie war komplett ausgeräumt außer im im Schrank haben so an so einer Stange drei Krawatten gehängt und das war das war der ganze Besitz den wir hatten außer diesem Rucksack und die Lia die Frau vom Major hat das gesehen und hat
[2:48:05] das ihrem Mann gesagt und ihr Mann hat dann irgendeine Eskorte zu dem Offizier geschickt der in unserer Wohnung diese Woche gewohnt hatte und hat ihn gezwungen alles was er gestohlen hat zurückzugeben also so anständig hat sich dieser Major Bâtranu benommen
[2:48:27] bis zum Schluss wirklich bis zum Schluss bis zum Umsturz und nach dem Krieg hat man ja viele verfolgt und bestraft sowohl Deutsche als auch Rumänen gegenseitig haben sie sich eingesperrt und da hat hat war der B- Bâtranu in Gefahr und da haben wir eine Eingabe
[2:48:54] gemacht eine lange Eingabe an die neue Regierung dass äh dass w- wie er sich benommen hat wie er hat sogar die Eltern vom Guido vorm Transport gerettet die die alten Hornsteins unsere Omi und Opi und wir haben alles Mögliche getan und es hat nichts geholfen
[2:49:17] man hat ihn verurteilt die Anständigen hat man verurteilt und die Gauner hat man laufen lassen
[2:49:24] wir machen noch mal eine kurze Pause [Schnitt] wie haben Sie dann die ähm Zeit der deutschen Besatzung verlebt in Czernowitz Sie haben erzählt dass Sie in der Fabrik gearbeitet haben die ganze Zeit ?
[2:49:45] [nickt] ja Waffelhandtücher gewebt
[2:49:47] ja haben Sie da die ganze Zeit gearbeitet während der nächsten zwei Jahre ?
[2:49:58] die mein mein Mann war eine Zeit lang in Tiraspol Tiraspol ist glaube ich irgendwo zwischen Dnjepr und Dnjestr dort irgendwo
[2:50:10] ja
[2:50:12] da war da war ein Lager und dort war er als Arzt in Tiraspol und dort war da war ich weiß ich noch ich war sehr glücklich wie er wieder nach Hause gekommen ist denn ich hab ich ich ich denke nach was ich da w- ich weiß nicht mehr wovon wir gelebt haben
[2:50:37] v- von Luft und Liebe aber ich weiß schon gar nicht es es war jedenfalls ein- ein- eine jämmerliche Zeit
[2:50:46] aber na ja dann ich wir sind dann bald ach das ich weiß schon ich weiß schon also da da da war ja Stalingrad und da hat sich die die Front doch gewendet
[2:51:06] und Czernowitz war ja nicht weit von es ist heute Ukraine es es war damals Rumänien aber es ist hart an Ukraine und die in die Vorstadt von Czernowitz hat Sadagura geheißen muss die Hedy erwähnt haben dieses Sadagura war irgendein ein schäbiges Nest ein
[2:51:35] dreckiges d- d- ein richtiges rumänisches Dorf dieses Rumänien war ja sehr primitiv das das Altreich das Regat das das war anders das das war mehr Klasse aber diese diese Ukraine und Moldau und so das war alles so schrecklich zurückgeblieben eine fürchterliches
[2:52:09] Land und dieses Sadagura d- das war so Front und wi- wi- wir waren wir waren schon wir waren befreit von den Deutschen wir waren zur Abwechslung wieder russisch und wir waren ja das ist so hin und her gegangen w- wenn ich so zurückdenke wissen Sie das
[2:52:43] ist so komisch für mich mit was ich da alles erzähle mir fällt immer etwas ein und und ich denk mir w- war das wirklich ? war ich da mittendrin ? man kann sich das schwer vorstellen nach so viel Jahren und und es hat sich so schrecklich viel getan es es war
[2:53:06] so sehr abwechslungsreich fürchterlich na und dann also d- zur Abwechslung hat sich die polnische na d- die die die die russische Front hat sich genähert und die Deutschen haben langsam Bauchweh bekommen nach Stalingrad also das weiß man ja weiß ja
[2:53:39] jedes Kind was da war und wie die tschechische Brigade sich organisiert hat das war ja auch sehr interessant das waren erst Feinde und dann Freunde und dann wieder Feinde äh vor dem Krieg waren die Tschechen und die Russen Freunde und man man hat sich als
[2:54:06] als Freunde betrachtet und wir dachten immer wenn etwas passiert werden die Russen und die Franzosen zu uns halten und wie es dann passiert ist haben die Russen und die Franzosen selbst Hilfe gebraucht also war keine Rede von Unterstützung aber b- die immerhin
[2:54:30] waren die Russen noch nicht die Russe- ich ich nenne das immerfort Russen das war ja die Sowjetunion das war ja ein eine ein Riesenreich ein Stück Welt aber es war Sowjetunion und war- waren also unsere Freunde und wie die wie der Hitler einmarschiert ist
[2:54:53] ist man vor dem Hitler geflohen in die Sowjetunion und wir waren ja hart an der an der Grenze d- das d- d- das äh die Grenze war Karpathorussland das ist ja heute sowieso alles U- Ukraine glaube ich oder Moldau ich ich weiß nicht ich kenne die Geografie
[2:55:16] nicht und die viele viele Leute sind vor Hitler geflüchtet über die Grenze in die Sowjetunion und d- der Anfang war sehr gut aber nach schon nach paar Tagen hat es sich äh gewendet und zwar sind die die Tschechen plötzlich für die Russen Deutsche
[2:55:50] geworden Feinde d- das war ja die Ironie des Schicksals plötzlich waren die die Freunde deutsch und alle die Flüchtlinge die in die Sowjetunion geflüchtet sind wurden in Lager gesteckt sie wurden einfach festgehalten und da gabs also viele tausend Flüchtlinge
[2:56:18] tschechische F- tschechoslowakische das war noch dabei Tschechen und Slowaken und die die jetzt sind jetzt in den Lagern gesessen und man hat sie richtig als als Feinde betrachtet und bis bis ins fernste Sibirien waren sie in Lagern so wie die Svetja heute
[2:56:45] erzählt hat die Svetja ist ja aus aus Omsk das ist ziemlich weit weg nur sie hat das alles nicht mehr erlebt wie wie wie sie geboren ist sie ist jetzt sechzig Jahre alt also s- sie hat die- diese Schrecken nicht mehr erlebt aber es hat sich nicht viel
[2:57:09] geändert denn der Jetzige ist nicht nicht um sehr viel besser als der Stalin war er hat eine andere Art von Grausamkeit aber das Regime hat sich nicht viel geändert nur kurz es es hat sich die tschechische Brigade gegrü- gegründet und zwar bestand sie
[2:57:35] aus Flüchtlingen die nicht eingesperrt waren n- da haben sich paar Leute zusammen getan und es wurde ihnen bewilligt eine tschechische Brigade zu gründen und da ist offiziell an alle Lager d- d- der Plural von Lager ist Läger ich habe den Ausdruck nicht
[2:58:02] gekannt Läger hier hat man immer nur von Lägern gesprochen für mich war die Mehrzahl von Lager Lager wie kennen Sie das
[2:58:13] auch als Lager
[2:58:15] ja also dieses Wort Läger war für mich ganz fremd und man spricht auch heute noch von Lägern nur kurz die Busuluk ist am anderen Ende der Welt in in Busuluk also das ist im im fernsten Nordosten hat sich die erste Brigade gegründet die bestand also
[2:58:42] ausschließlich aus früheren Gefangenen Flüchtlingen aus der Tschechoslowakei die wurde in Busuluk gegründet und es kam ein offizieller Aufruf der Sowjets an die Läger die tschechischen plötzlich hat man wieder von tschechischen Bürgern gesprochen
[2:59:13] die tschechischen früheren tschechischen Staatsbürger zu entlassen und so wurde die erste Brigade gegründet bestehend glaube ich aus 300 Menschen und dann waren es 500 und die sind dann vor- vorgerückt so wie die Deutschen zurück sind sind ja die Sowjets
[2:59:42] vor und die die Sowjets hat sich haben sich von Anfang an sehr anständig zu den Russen [schüttelt den Kopf] zu den Tschechen benommen sie haben sie so schalten und walten lassen es waren ein paar hohe Offiziere darunter von früher also Fachleute und sie
[3:00:09] haben sie unterstützt und die die Engländer haben uns unterstützt und die die Kanadier haben uns unterstützt zum Beispiel ich erinnere mich wir haben zu Weihnachten Geschenke bekommen von kanadischen Frauen solche so breite und ganz lange Wollschals khakifarbene
[3:00:38] wie jetzt wie die neue Mode rausgekommen ist diese riesigen Schals die man jetzt trägt solche Schals haben wir damals in khaki aus Kanada bekommen und die
[3:00:51] [gleichzeitig:] als Sie schon Mitglied der tschechischen Brigade waren
[3:00:54] das ja das sch- schon bevor ich hin bin aber da- das diese Weihnachtsgeschenke da war ich schon in der Brigade das waren also so lange Schals und am Rand war so ein Umschlag am Anfang und am Ende und drin war eine Visitkarte von der tschech- von der kanadischen
[3:01:17] Frau die den Schal gestrickt hat mit guten Wünschen für die tschechische Soldatin das das das war die erste Spende die wir aus Kanada bekommen haben zu Weihnachten und zu den nächsten Weihnachten haben wir da schon haben wir dann schon so hellblaue Blusen
[3:01:42] bekommen für den Ausgang f- für Sonntag denn bei uns war ja alles khakifarben aber für Sonntag haben wir dann schon eine hellblaue Bluse gehabt da waren wir sehr stolz darauf
[3:01:56] die
[3:01:59] diese diese äh khakifarbenen Schals die die waren das größte Glück für uns denn sie waren warm d- das hat das hat uns sehr gut getan na und die es es es war der die die Brigade ist immer gewachsen wie wir schon in der Brigade waren sind noch weiter
[3:02:36] Leute dazu gekommen ich weiß nicht wie weit Sie die Kriegsgeschichte kennen aus diesem Krieg da waren ja zum Beispiel große Brigaden Engländer und Franzosen die alle dann langsam in in die Brig- in die tschechische Brigade hinein sind als als äh Befr-
[3:02:52] Befreiungs- äh -militär ich weiß nicht wie man das nennt also die Befreier von Deutschland sollten sie sein die waren es auch
[3:03:06] und da hat zum Beispiel das war schon ziemlich spät w- war ein ein Fehler in der Organisation das war schon im Jahr 44 ja
[3:03:25] im im Jahr 44 da war dann schon ein Plan eine große Offensive da sollte man da war man schon in in den Bergen in den Karpaten und da haben sich die Russen und die Tschechen ausgerechnet man wird so über die Karpaten spazieren und wird zu Hause zu sein
[3:03:52] d- da war also ein schrecklicher Missgriff da haben wir den Auftrag bekommen am am elften September sollen wir dort und dort sein am 18ten September sollten wir am Gipfel sein und am 25sten September sollten wir die russisch-slowakische Grenze überqueren
[3:04:21] na da- das Resultat war wir waren in Polen in einem Kloster haben die die Frauen hatten das den Vorteil sie haben in dem im Kloster übernachtet in Schlafsäcken und die Mäuse sind über uns gekrochen dabei ich ich bin ein fürchterlich- ich habe solche
[3:04:54] ei- einen solchen Ekel vor Mäusen und vor Spinnen besonders in in da- das ist direkt hysterisch ich kann nichts dafür ich ich ekel mich so davor und da haben wir in in n- Schlafsäcken geschlafen und die die Mäuse sind in diesem Kloster so über uns spaziert
[3:05:15] und und w- wir sind fast gestorben vor Ekel und da hatten wir noch das Glück dass wir in dem Kloster sind in einem geschlossenen Raum mit einem Dach über m Kopf also dieser elfte und 18te und 25ste diese drei Daten die waren ganz ganz falsch wir sind am
[3:05:40] 25sten noch dort gesessen wo wir am am elften hätten beginnen sollen das Resultat war nur wir haben alle Läuse bekommen na- in nach all der Zeit war dass das einzige Mal wo ich Läuse hatte und das das war sehr unangenehm da hat mich fort irgendwas gejuckt
[3:06:06] und ich ich ich ich habe mich fort so gekratzt und mein Putzfleck hat mein d- der Putzfleck das war der Offiziersdiener hat gesagt »Genossin du hast Läuse« und ich habe gesagt »um Gottes Willen wie komme ich zu Läusen« und da hat er hat gesagt (Russisch)
[3:06:23] muss »du musst Läuse haben das gehört zum guten Ton das gehört dazu«
[3:06:29] wie weit sind Sie mit der tschechischen Brigade übergegangen
[3:06:33] ich b- ich bin wir haben begonnen in da war Kiew hinter Kiew hat es begonnen Charkow Sokolowo Bielacerkev und dann waren schon die die äh die Karpaten da da war der Duklapass und dort wo s- wir so siegreich sein sollten oben da waren wir unten und die Deutschen
[3:07:06] waren oben und haben oben vom vom Gipfel hat man buchstäblich auf auf jeden Soldat der unten Dienst gehabt hat der patrouilliert hat oder so auf jeden Einzelnen konnte man schießen das so so gut war das programmiert ja das war eine ganz schreckliche Zeit
[3:07:31] und wie ist es dann dann sind Sie von da aus weitergegangen ?
[3:07:34] da- das war schon am am am Nachhauseweg
[3:07:36] ja
[3:07:38] begonnen hat das hinter Kiew
[3:07:41]
[3:07:43] das heißt hinter Kiew Richtung her also für uns gesehen vor Kiew
[3:07:45] und in welche Richtung ging es dann weiter ?
[3:07:48] in die Slowakei sollte es gehen aber es waren zu große Hindernisse man hat sich das viel einfacher vorgestellt da war zum Beispiel eine Situation mein Mann hat ja als Arzt gearbeitet und war zusammen mit einem anderen Arzt Doktor (desider) Gott ich weiß
[3:08:12] schon nicht wie er geheißen hat ein ein guter Freund auch man vergisst Namen und d- die haben zusammen Dienst gemacht und hatten j- jeder ei- seinen Offiziersdiener und ich erinnere mich der der Guido ist mit einem mit dem anderen Arzt mit dem Doktor (desider)
[3:08:50] an einem auf einer äh auf auf Kisten gesessen und sie hatten zwischen sich eine Kiste und auf der war Schach und sie haben miteinander Schach gespielt und ein paar Meter weiter saßen die beiden Putzflecks und haben wahrscheinlich weiß nicht Läuse gesucht
[3:09:02] oder weiß nicht Stiefel geputzt also irgendwas haben sie getan und es kam ein Angriff und beide P- beides Putzflecks hat es getroffen beide tot und rechts ist der Guido mit dem (Derschek) gesessen mit der mit dem Schachbrett und ihnen ist nichts passiert
[3:09:30] also es es wie im Roman wie in einem äh in einem Schauerroman oder zum Beispiel wie die sich ausgerechnet haben wir werden oben sein und d- der Feind unten es war genau das Gegenteil der Feind war oben und wir unten und das ist viele Wochen so gegangen
[3:09:54] bis sie dann endlich sich die Front geändert hat und es ist der den äh ach ach dann sind noch Weißrussen da zu uns gestoßen die Weißrussen waren doch Todfeinde der der der Russen äh das waren solche Feinde wie die Deutschen und die Russen die Weißrussen
[3:10:18] also da da hab- sie sind auch irgendwo auf uns gestoßen mit ihnen waren auch Kämpfe
[3:10:26] und ich war Bürovorstand ich ich war erst ein Jahr oder noch länger war ich Bürovorstand beim General Libal das war der Chefarzt der ganzen Armee es be- da war so also
[3:10:52] schon fünf Brigaden in der Armee da waren schon paar tausend Leute in der Armee und ich hatte d- ich ich ich hatte also alle die zu die zu versorgen und das d- d- das war richtige Büroarbeit da musste man zum Beispiel In- Inventur machen es äh es es es
[3:11:40] war ein Kampf dann ha- ha- musste ich die Leute ausschicken da müssten sie genaue Meldungen bringen wie viel nach einem Kampf wie viel Laparotomien zum Beispiel das sind Bauchschüsse oder oder wie viel Beinamputationen wie viel wie viel Hände wie viel Arme
[3:11:44] das hat man alles genau inventarisiert so so wie wenn sie v- von Mehl oder von von von Mais gesprochen hätten so hat man ü- die Menschen inventarisiert und diese diese Tabellen diese Inventare das ist das alles in die Geschichte eingegangen in Prag am Žižkov
[3:12:07] ist ein Museum und in dem Museum sind diese ganzen Dokumente und die Hedy Hornstein w- wenn paar Beine gefehlt hat hat man sie dazu geschrieben es klingt so grausam aber es war wirklich so die Rechnung musste immer stimmen ja so viele waren und so viele sind
[3:12:30] geblieben das heißt die Differenz musste man irgendwo unterbringen es war schrecklich unmenschlich und da da war ich noch also bei dem General Libal der leider schon gestorben ist wir waren sehr befreundet dann und dann bin ich übergegangen zum zum Chefpro-
[3:12:58] Pro- Prokuror oder Prokurator wie sagt man der der Chef- -prokurator der Armee also das oberste Gericht und jetzt muss ich Ihnen aber sagen warum ich überall so Glück hatte mit der Arbeit ich ich ich ich konnte Tschechisch lesen und schreiben ja ich ich
[3:13:25] ich war eine Tschechin denn es waren sehr viele in der Armee die die die keine Idee hatten so zum Beispiel so wie die Hedy die hätten die wären gerne in die Armee gekommen es waren Leute so geschickt ihre ihre Eltern oder sie waren als Kinder in irgendeinem
[3:13:47] Kurort in Karlsbad oder wo haben irgendwelche Papiere gehabt und es ist ihnen gelungen nachzuweisen dass sie Tschechen waren und so konnten sie in die Armee zum Beispiel man musste ja tschechisch sein um aufgenommen zu werden und so ist das gegangen und dadurch
[3:14:08] dass ich aber wirklich äh russisch heißt das gramota das heißt ich ich also ich habe ich habe eine tschechische Grammatik in in in in Wort und Schrift habe ich Tschechisch beherrscht deshalb habe ich so eine gute Karriere gemacht in der Armee das heißt
[3:14:30] ich bin schnell Offizier geworden und äh hatte dadurch natürlich viele Vorteile
[3:14:36] Sie sind dann letztlich ja mit der tschechischen Brigade bis ähm vor Prag gekommen
[3:14:43] [gleichzeitig:] ach dann sind wir vor da am achten Mai war Frieden wir sind am ich glaube am zweiten oder dritten Mai sind wir schon 25 Kilometer vor Prag gewesen fast die ganze fast alle Brigaden und durften nicht weiter wir durften nicht in Prag einmarschieren
[3:15:17] weil ein Vertrag war dass die Russen Prag befreien und w- wir Tschechen durften nicht nach Prag weil die Russen die Sieger sein mussten und da sind wir vor Prag gesessen und haben schon gesehen wie die Deutschen geflüchtet sind da- da- das waren diese berühmten
[3:15:48] Bilder die man auch jetzt sieht zerlumpt hinkend also ga- ganz grauenhaft S- Sie kennen doch diese Bilder ihre wie sie sich zurückgezogen haben die sind die sind an uns vorbei und ich erinnere mich so viele Soldaten haben uns angesprochen haben gesagt »wohin
[3:16:22] führen Sie uns und warum wir können doch nichts dafür« waren doch arme Menschen diese deutschen Soldaten wofür sind sie in den Krieg wofür waren sie Krüppel wofür sind sie gestorben w- wenn man so zurückdenkt Menschen sind grausamer als Tiere und
[3:16:37] und der Hitler war ein Fall für sich nach dem Hitler kommt gleich in Grausamkeit der Stalin aber ich glaube der Hitler war der Führende er war der Grausamste wir haben zum Beispiel w- wir sind teils mit Jeeps teils mit anderen Autos teils zu Fuß mit Lastern
[3:17:07] mit allen möglichen Fortbewegungsmitteln sind wir ja gewesen aber w- da sind durch einen Wald gekommen zum Beispiel dort war einer mit einer herausgeschnittenen Zunge dann waren wieder andere denen man die Ohren abgeschnitten hat es es waren so grausame
[3:17:33] so unvorstellbar grausame Bilder und Szenen es es man ka- man kann sich es auch heute wenn ich es erzähle kann ich mir gar nicht denken dass das wahr war die erste herausgeschnittene Zunge die werde ich nicht vergessen da ist mir schlecht geworden wie ich
[3:17:59] das gesehen habe und das das nennt sich Mensch es ist unfassbar es war natürlich auch äh diese komischere Szenen ich erinnere mich wie ich Schießen gelernt hab w- wie wir in die Brigade gekommen sind also der Guido ist sofort als Arzt haben sie ihn
[3:18:35] ja dringend gebraucht er er er ist er hat drei Tage d- d- Au- Ausbildung gemacht nach drei Tagen hat man ihn schon an die Front geschickt man hat dringend Ärzte gebraucht und d- aber ich habe eine ganze Woche lang Ausbildung gemacht mit den Soldaten so so
[3:19:05] wie die Männer al- alles musste ich als Frau musste ich das alles mitmachen und zum Beispiel Schießen ich v- vorher wenn man mir gesagt hätte ich soll ein Gewehr in die Hand nehmen hätte ich Angst gehabt und da mussten wir richtig schießen ich habe wochenlang
[3:19:28] solche Kontusionen gehabt in beiden Schultern vom Schießen das tut so schrecklich weh Sie haben alle wahrscheinlich nicht Schießen gelernt Gott sei Dank und ich habe Schießen gelernt ich habe sogar einen kleinen Revolver besessen da ko- da konnte ich schon
[3:19:49] schießen da sind wir Abend gesessen in in Sommer und haben gelernt auf Flaschen- auf diese Flaschenha- -halse -hälse [lacht] schießen m- manchmal habe ich sogar getroffen i- ich war kein sehr guter Schütze
[3:20:15] und wann war das als Sie diese ähm Ausbildung erhalten haben ? wissen Sie noch in welchem Jahr das war ? als Sie der Brigade beigetreten sind ?
[3:20:27] ich glaube das war 43 die Ausbildung habe ich ja gleich bekommen muss 43 gewesen sein
[3:20:36] [gleichzeitig:] ja und wie kam das dazu dass Sie sich dazu äh entschlossen haben dieser Brigade beizutreten und zu kämpfen ?
[3:20:44] [gleichzeitig:] das das war unser Glück
[3:20:46] ja
[3:20:48] das war unser Glück wie sich die die Front genähert hat und die haben d- damals war es in Czernowitz sehr gefährlich denn die die Deutschen haben ja sie waren sie haben d- der Rückzug hat begonnen und da waren sie ja besonders grausam und und vorher waren
[3:21:14] die Russen genauso grausam die Russen haben in den Ural geschickt zur Zwangsarbeit also es es die Wahl war schwer ob man dort krepiert oder dort krepiert es ist nur so wenn man das heute nach nach so langer Zeit wenn man das erzählt kann man es eigentlich
[3:21:37] nicht glauben dass man das wirklich erlebt hat
[3:21:42] Sie haben uns ähm erzählt dass Sie als Sie dann vor Prag standen ähm nicht die ganze Zeit dort geblieben sind
[3:21:53] ich war in Theresienstadt
[3:21:56] genau können Sie davon erzählen nochmal
[3:21:58] ein ein fürchterliches Erlebnis also wir sind vor Prag gesessen da unser General der General Svoboda und der General Střelka haben sich zu Frauen ganz fantastisch benommen die die die Frauensoldatinnen waren wirklich unter ihrem Schutz und haben auch sehr
[3:22:29] viele geheiratet zum Beispiel in hier in Düsseldorf habe ich Freunde eine eine Ärztin die Alena nach d- sie ist Ärztin sie ist Gynäkologin er ist Urologe ein sehr sehr nettes Paar sie ist so alt wie der Mischa wäre mein Sohn ihr Vater war Kapitän bei
[3:22:56] uns in der Armee und also ich ich habe den Vater gekannt ich habe die Mutter gut gekannt die die haben im im Krieg haben sie sich ineinander verliebt haben geheiratet in es es gab sehr viele Eheschließungen in der Brigade und die also die die die Alena
[3:23:15] diese hängt sehr an mir weil ich eine der wenigen bin die noch ihren Vater gekannt hat [Türklingeln Im Hintergrund] oh jetzt ist der Eingang [Schnitt]
[3:23:37] jetzt
[3:23:40] wi- wir sind ja vor Prag gestanden und da haben wir eben die die zurück flüchtenden Soldaten gesprochen diese sie haben mit uns gesprochen sie haben gesagt »wo- wo- wohin führen sie uns was haben wir gemacht wir sind nicht schuld« na und da habe ich äh
[3:24:05] beim General Svoboda angesucht nach Theresienstadt zu fahren er hat meine Geschichte gekannt und und ich ich wollte halt wissen was aus meiner Familie geworden ist und da hat er hat er mir das bewilligt also einen Jeep und mein Putzfleck sowieso ja den durfte
[3:24:30] ich ja überall mitnehmen und so sind wir nach Theresienstadt gefahren das war am irgendwann
[3:24:42] war das in der Zeit als die tschechische Brigade vor Prag gewartet hat dass die Russen kamen
[3:24:49] [gleichzeitig:] ja ja wie wir gewartet haben und nicht in nicht nach Prag durften
[3:24:54] mhm also Anfang Mai
[3:24:57] ja der der acht- das war wahrscheinlich am zweiten oder dritten Mai denn am am siebenten sind wir dann schon einmarschiert und am achten war schon die Siegesfeier also das war wahrscheinlich am zweiten Mai oder so wird jetzt bald ein Jahrestag sein u- also
[3:25:13] da hat er mir das erlaubt und wir sind nach Theresienstadt gefahren und also in in diesen Uniformen d- die englischen Uniformen die ja kein Mensch hier gekannt hat waren sehr schöne sehr schicke Uniformen und wir sind nach Theresienstadt gekommen und an dem
[3:25:39] Tag und dem Tag davor sind schon viele Lager befreit worden und damals haben die Leute sind die Leute n- Theresienstadt geströmt die die befreiten Lager also alle in diesen gestreiften Uniformen das ist a- das ist alles nach Theresienstadt denn in Theresienstadt
[3:26:04] war die Evidenz und in diesen Strom sind wir hinein gekommen aus der Gegenrichtung und jetzt die die Leute waren sehr w- wir wir waren sehr verdächtig man hat nicht gewusst wer wir sind woher wir woher wir kommen was für Uniformen das sind was für Nationalität
[3:26:33] die die Menschen haben ja überhaupt nicht ge- das waren doch alles be- befreite Gefangene in in diesen Uniformen und und alle sind auf wo man uns erwischt hat die sind dann uns nach es war ich erzähle das immer wir waren wie der Rattenfänger von Hameln
[3:26:54] hinter uns ein Schwanz Menschen und d- der immer größer geworden ist und Menschen die uns angesprochen haben solche absurde Fragen von also »woher kommst du hast du nicht den äh den Herrn Groß gekannt aus aus aus ich weiß nicht aus aus München« lauter
[3:27:20] solche un- wir waren wir haben doch damit nicht gerechnet und wir wir waren auch wie auf auf den Kopf gefallen und so sind wir nach Theresienstadt und in Theresien- also mit Jeep und kommen nach Theresienstadt das war ja ein abgeschlossenes Lager und da waren
[3:27:45] die Leute viele waren schon an uns gewöhnt haben uns schon eine Stunde gekannt oder zwei Stunden und da hat der eine hat gesagt »ich führe dich zur Evidenz« und da haben wir gefragt »was für Evidenz« hat er gesagt »ja in in in Theresienstadt ist alles
[3:28:06] genau registriert« und so sind wir tatsächlich beim Lager angelangt und man hat uns zu der Evidenz geführt das war eine große Wiese auf der Wiese ein langer Tisch und hinter dem Tisch sind Leute gesessen und haben geschrieben haben notiert a- a- alle in
[3:28:31] gestreiften Uniformen die die Theresienstädter waren auch in Uniform und jetzt also ich ich komme da an mit dem mit meinem Offiziersdiener und und mit dem äh St- Strom von Menschen hinter mir und der der eine der sich meiner angenommen hat führt mich
[3:28:58] eben zu dieser Evidenz und führt mich zu dem Mann der in der Mitte sitzt und ich ich ich habe ja ich muss sagen blind vor Tränen ich habe überhaupt nichts gesehen und nichts wahrgenommen ich war in einer fürchterlichen Verfassung und und da da stehe ich
[3:29:22] und und vor diesem langen Tisch und dort dort sitzt sitzt sitzen Männer lauter Männer und der Mann in der Mitte das habe ich schon bemerkt der starrt mich an und ich ich habe noch immer nichts bemerkt und er sagt auf einmal »Hedy« das ist eines der Wunder
[3:29:48] das war der Willy Groak aus Olmütz seine Eltern waren Freunde meiner Eltern und der Willy Groak hat mit dem Guido zusammen Medizin studiert in Prag waren befreundet na ich habe schon längst an seine Existenz vergessen gehabt ich war schon äh vier Jahre
[3:30:14] we- weg aus äh vier vier fünf Jahre weg und habe schon vergessen dass es einen Willy Groak gegeben hat aber er hat natürlich weniger vergessen und hat uns für tot gehalten den Guido und mich also das war eines der ganz großen Wunder denn der Willy hat
[3:30:48] uns dann ungeheuer geholfen er hat ge- er hat erstens die Evidenz diese Deutschen waren ja einmalig was Ordnung anbelangt stell dir vor um um diese Zeit eine genaue Übersicht üb- über alle Häftlinge wo tausende gerade hineinströmen ins Lager und also
[3:31:07] der äh Willy nachdem wir uns gekannt haben von Kind auf ich habe ihn seit jeher gekannt er war drei vier Jahre älter als ich und der Willy schaut in der Evidenz nach und sagt mir Lewit Löwenstamm Schulz alles er er hat alles genau gewusst sagt mir »nee
[3:31:32] niemand ist da a- alles ist weg und ich kann dir genau sagen wenn wann und wo sie umgekommen sind ich finde da eine Trude Lewit« die Mutti war eine geborene Trude Lewit Gertrud äh geborene Lewit verheiratete Schulz und die Mutti hatte einen Bruder den jüngeren
[3:32:04] Bruder den Onkel Georg der war verheiratet und seine Frau hieß auch Trude aber sie hat Trude Lewit geheißen so wie meine Mutter als als Mädchen aber ich habe ja in dieser Aufregung [gestikuliert] nicht mitbekommen Lewit Schulz Löwenstamm mir war alles
[3:32:53] war in meinem Kopf war alles wild durcheinander und ich habe nur dieses Trude Lewit mir eingebildet dass das die Mutti ist und der der der Willy hat mir dann gesagt »du das ist doch die die deine Tante das ist die Frau vom Onkel Georg« und der Onkel Georg
[3:32:58] ist in Birkenau im Lager und die Trude ist hier die Trude hat in der Entwesung gearbeitet dieses Wort habe ich das erste Mal gehört Entwesung heißt Entlausung das heißt Entwesung also dort in der Entwesung hat sie äh gearbeitet das heißt sie hat den
[3:33:15] Gefangenen die Läuse gesucht und und umgebracht und d- damals ist die ist der der Typhus ausgebrochen es war dann 24 Stunden später war Theresienstadt schon gesperrt da war schon diese äh Typhusepidemie ausgebrochen und man hat die Leute hinein gelassen
[3:33:44] aber nicht mehr hinaus und der Willy der hat sich fabelhaft benommen wirklich er er hat dort tausende Menschen gehabt und und hat mich versorgt er hat gesagt er konnte genau wissen in welcher Kaserne die Tante Trude einmal war und hat gewusst dass ihr Mann
[3:34:08] der Onkel Georg also der Bruder meiner Mutter dass er aus Theresienstadt weiter geschickt wurde also d- der der [Telefonklingeln im Hintergrund] Telefon (lass sein) ich bin nicht zu Hause [zu einer Verwandten:] also nee lass ich bin nicht zu Hause
[3:34:33] es kann ja sein muss nicht siehst sie haben sich schon gewöhnt und w- wo bin ich stehen geblieben
[3:34:43] also äh Willy konnte Ihnen sagen dass
[3:34:47] [gleichzeitig:] ja ja dass dass der Onkel Georg weitergeschickt wurde und die Tante Trude hat in der Entwesung gearbeitet und ist seit Vormittag mit Typhusverdacht in einer Typhusbaracke nein nein nicht einmal so sondern die die Trude hat ihren ihren S-
[3:35:10] arbeitet in der Entwesung und hat ihren Sitz in der und der Kaserne und dann hat er mir also einen Mann mitgegeben der mit mir und mit meinem Offiziersdiener zu dieser Kaserne gegangen ist und dieser und und immerfort diese hunderten Menschen hinter mir und
[3:35:33] i- ich ich war mit den Nerven total fertig ich ich habe fort [gestikuliert] nur geweint fort sind mir die Tränen geronnen und wir kommen zu der Kaserne und in der Kaserne dort hat man uns dann wieder gesagt oben am Speicher dort hat die Trude Lewit dort wohnt
[3:35:56] die Trude Lewit und d- da hat da sind wir also bis endlich au- zu diesem Speicher gekommen da sagt ein normaler Speicher mit mit Stroh und die Leute sind dort am am Stroh gelegen und haben gewusst wer die Trude Lewit ist und haben gesagt sie ist seit heute
[3:36:15] Vormittag in einer Typhusbaracke man hat heute bei ihr Typhus festgestellt und jetzt äh hat sich einer bereit erklärt mit uns zu gehen und die Typhusbaracken abzusuchen vielleicht finden wir die Tante Trude die war der einzige Mensch den ich auf dieser Welt
[3:36:39] gehabt hab in diesem Moment ist es dann auch leider geblieben na und jetzt sind wir das wa- das war um die Mittagszeit jetzt sind wir bis ungefähr fünf Uhr Nachmittag von einer Baracke zur anderen und es hat sich uns ein russischer Major angeschlossen der
[3:37:00] sehr brav war und sehr geholfen hat mit dem Suchen und um fünf Uhr Nachmittag hat mir der russische Offizier mir gesagt »schau du musst jetzt nach Hause du hast ja nicht so lange Urlaub aber du sagst dein Mann ist Arzt dein Mann soll das Lager wird geschlossen
[3:37:23] wegen Typhus- -gefahr und ihn als Arzt werden wir hineinlassen er soll früh kommen und ich gebe ihm einen Soldaten und sie werden den den Rest der Baracken absuchen und deine Tante suchen« und der also dass er war wirklich hochanständig und so bin ich dann
[3:37:47] auch zu- zurück hin zu meiner Brigade und habe das alles dem Guido berichtet und am nächsten Morgen ist der Guido nach äh Theresienstadt und der Major hat ihn richtig empfangen und hat ihm begonnen zu helfen und sie haben gesucht und gesucht und die Tante
[3:38:12] Trude war in keiner Baracke zu finden das ist bis nach Mittag so gegangen und der Guido hat das geschildert das muss fürchterlich gewesen sein und dann spät am Nachmittag hat der Major ihm gesagt »ich ich kann dir nicht weiter helfen jetzt bleibt noch
[3:38:34] die eine Kaserne wenn du sie nicht in der findest dann weiß ich nicht dann kann man sie nicht finden und ich gebe dir einen Soldaten mit« kurz der Major war selber wirklich sehr brav und sehr anständig und jetzt ist der Guido mit dem Soldaten noch in diese
[3:38:56] Kaserne und sagte der hat das dann geschildert ein ein riesiger Saal und drinnen diese Feldbetten und in jedem Bett zwei Menschen zu zweit ist man dort drin gelegen und alles mit abgeschorenen Haaren ihr könnt euch nicht vorstellen wie wie anders man aussieht
[3:39:20] wenn man kahlköpfig ist und dazu diese ausgemergelten Gestalten und die also die kommen dann in einen Saal der Guido bleibt so im Türrahmen stehen er hat das damals geschildert ich kann das nicht vergessen er hat gemeint er fällt um er hat keine Kraft
[3:39:45] mehr gehabt was er alles an diesem Tag hat an Elend gesehen hat und an Unglück und er er er steht in der Tür verzweifelt und sagt sich so hie- hier kann man doch keinen Menschen finden die M- die Leute w- waren wie u- u- unkenntlich durch die durch die kahlen
[3:40:06] Köpfe und durch die Krankheit
[3:40:08]
[3:40:10] ja
[3:40:12] und das Bett neben dem er steht da wa- da sahen zwei Gestalten drin und da hört er wie eine sehr schwache Stimme sagt »solche blaue Augen hat der Guido gehabt« also diese blauen Augen haben ihn wirklich verfolgt das ganze Leben es war die Tante Trude
[3:40:32] ja stell dir das vor also eigentlich unvorstellbar
[3:40:38] konnte er sie dann mitnehmen
[3:40:40] nein er konnte sie nicht mitnehmen aber ist abends zurück und hat dann mit dem Svoboda gesprochen und der Svoboda hat interveniert und wie wir am siebenten in Prag einmarschieren durften konnte der Guido die Tante Trude rausholen und hat sie nach nach Prag
[3:41:07] gebracht und zwa-
[3:41:10] äh das habe ich vergessen zu erzählen wie wir auf den Speicher gekommen sind und sie gesagt haben die Trude Lewit ist heute morgen auf einer Typhusbaracke eingeliefert worden hat der »sie hat Post hier« und da da hat der der Mann den
[3:41:31] mir der Willy mitgegeben hat hat gesagt »na dann gib uns den Brief« und da haben die Leute gesagt »ja das dürfen wir nicht das ist für die Trude« und da hat er erklärt dass ich die Nichte bin und die einzige Verwandte und und ich ich w- ich darf diesen
[3:41:48] Brief lesen und hat mir den Brief auch tatsächlich au- ausgehändigt d- der Brief war vom Onkel Jörg von ihrem Mann wo er schreibt er ist schon in Prag in der alten Wohnung und und e- er will wissen was aus seiner Familie geworden ist und dadurch habe
[3:42:17] ich dann erfahren dass der Onkel Georg lebt und wie wir zurückgekommen sind nach Prag also hat der Guido die Trude herausgeholt und ins fek- ins Infektionsspital gesteckt und ich bin mit ihm das war noch vor der Siegesfeier ich bin mit Guido zusammen in die
[3:42:39] alte Wohnung in der Russischen Straße ich wusste ja wo sie gewohnt haben und in dieser alten Wohnung war der Onkel Georg und wie wir geklingelt haben und der Onkel Georg geöffnet hat ist er umgefallen er war derart geschockt wie er uns gesehen hat dass
[3:43:02] er zusammengebrochen ist also kurz er er ist zu sich gekommen und d- das Glück war dass Guido als Arzt doch viel mehr tun konnte er hat dem Onkel Georg den äh also wir haben erfahren er er ist aus dem Lager zurück er ist auf einem Fußmarsch nach Hause
[3:43:24] gekommen die Amerikaner haben ihn befreit aus dem Lager und man hat ihn bis nach Hause gebracht und die Wohnung ist da gestanden leer aber die Wohnung war da und er konnte in die Wohnung hinein hat sich dort auf den Fußboden gelegt und hat geschlafen er war
[3:43:44] einfach weg und hat durch uns dann erfahren dass die Tante Trude lebt und im in dem Infektionsspital in in Prag liegt und wusste nichts von seinem Sohn und an an demselben Tag am Abend also am siebenten Mai am Abend ist der Franzi erschienen der Sohn der
[3:44:12] Sohn war in einem fürchterlichen Lager wurde der der Sohn war 14 wie er ins Lager gekommen ist und damals war er 18 er war ganze vier Jahre im KZ von 14 bis 18 und die Amerikaner haben ihn befreit er war am Todesmarsch ich weiß nicht ob ihr wisst was der
[3:44:39] Todesmarsch war wisst ihr
[3:44:42] ja
[3:44:44] ja
[3:44:46] und d- er auf dem Todesmarsch hat er sich tot ge- er ist umgefallen und hat sich tot gestellt und sie haben ihn mit einem Fußtritt in den Graben [gestikuliert] geschubst und haben gemeint er ist tot und die Amerikaner sind gekommen und und und haben ihn
[3:45:05] befreit und haben ihn nach Prag gebracht und er hat ich übertreibe nicht [gestikulierend:] solche Löcher hat er im Po gehabt von den Fußtritten vom Todesmarsch d- d- das war so etwas Grausames also kurz der Guido hat viel zu tun gehabt erst musste er den
[3:45:22] den Franzi versorgen diese Wunde am Po und e- also Franzi lebt noch heute Franzi ist ein ein großer Mann geworden ist heute schon er ist um zehn Jahre jünger als ich also er ist er ist jetzt sechs- 87 er ist er ist gesund geworden er hat äh d- das Abitur
[3:45:51] nachgeholt hat studiert und seine große Leidenschaft waren Schiffe sein Traum war immer Schiffe und Schifffahrt und f- nichts anderes hat für ihn existiert und die Polen in in in in in Polen gibt hat es eine Universität gibt es eine Universität auf der
[3:46:16] man Schi- Schiffbau und Schiffsingenieur studieren kann und der Franzi hat nach dem Abitur in Polen studiert und die Tschechen haben groteskerweise die Tschechen und die Polen sind sich ja nicht sehr grün nie gewesen aber die Polen haben den Tschechen ein
[3:46:37] ein Stück Meer gegeben und drei Schiffe die Tschechen Tschechoslowakei hat ja kein Meer und die also kurz der Franzi hat Schiffbau studiert ist Schiffbauingeneur geworden ist auf eins der drei Schiffe gekommen war zum Schluss Kapitän auf dem einen Schiff
[3:47:00] und hat wunderbare Reisen gemacht er war in Südamerika und überall hat den Mischa Mischa war ja schon Mischa war der kleine Cousin hat der Franzi hat ihm immer die herrlichsten Spielsachen gebracht aus aus Südamerika und aus Afrika und Sachen die es bei
[3:47:23] uns nicht gegeben hat zum Beispiel ein Feuerwehrauto das gefahren ist und und dazu geblinkt hat und solche Sachen die es bei uns nicht gegeben hat in Amerika natürlich ja und also er der war immer der der große Cousin den der Mischa schrecklich bewundert
[3:47:42] hat und geliebt hat und dann in wie wir schon in Düsseldorf waren wir waren schon in der Sozialwohnung in in der Richrather Straße [zur Verwandten:] das ist bei der Werstener Dorfstraße weiß nicht ob du weißt wo das ist [Verwandte: »ja hmh«] Wersten
[3:48:03] da hatten wir schon die Sozialwohnung und eines Mittags klingelt es und der Franzi steht vor der Tür in einer Uniform die ich nicht gekannt hab er war ja er er hat als als Kapitän des tschechischen Schiffes hat er eine Uniform getragen also der Franzi sie
[3:48:28] sind von einer großen Reise zurückgekommen und sind in Rotterdam gelandet und sollten von dort weiter nach Polen in ihren Heimathafen wie wie heißt nur diese Stadt in Polen am Meer
[3:48:50] ist es Danzig ?
[3:48:52] Danzig sollte sollten nach Danzig und der Franzi hat wie er da gestanden ist ohne Mantel in in in seiner Kapitänsuniform ist ist weg vom Schiff ist gerannt wie ein Verrückter bis er das erste Auto gefunden hat das ihn nach Düsseldorf gebracht hat zu Hornstein
[3:49:17] plötzlich steht der Franz vor der Tür da hat er schon gewusst dass wir l- ich wusste nichts von ihm aber er wusste von und so ist der Franz dann hier gelandet und natürlich großes Hallo im am Schiff der Kapitän ist weg und der Franzi hat dann in ist
[3:49:42] nach Hamburg hat dann einen wunderbaren Job gehabt bei Hapag-Lloyd und hat a- als Schiffbauingeneur wirklich sehr begabt sehr talentiert für seinen Beruf hat geheiratet hat einen Sohn also das ist der Teil ich ich habe sehr wenig Kontakt zu ihm er
[3:50:13] hat eine Frau ei- eine Deutsche natürlich und die hat sehr wenig Interesse gehabt für die Familie und wir wa- wir waren immer in losem Kontakt aber sind es bis heute in Kontakt also Fr- Franzi lebt in Hamburg ist auch schon 87 und und er hat am fünften
[3:50:43] Dezember Geburtstag und ich am elften am fünften ruf ich ihn an und am elften ruft er mich an und wir gratulieren uns zum Geburtstag und seine Frau Vera ruft dann hinein »auch von mir alles Gute«
[3:51:00] ähm Frau Hornstein ich will noch mal ganz kurz zurückkommen wir haben ja über die Zeit die Sie in Prag dann verbracht haben ab 45 bis 64 ganz am Anfang schon ähm gesprochen deswegen können wir vielleicht einen Sprung an das Ende dieser Zeit machen als
[3:51:19] Sie sich dazu entschlossen haben die Tschechoslowakei zu verlassen 1964
[3:51:26] das das hat lange gedauert
[3:51:28] können Sie davon erzählen ?
[3:51:30] ja wir wir wollten weg wir dass wi- wir wollten schon frei leben wir wollten Menschen sein der Sozialismus war sehr schwer dadurch dass wir beide nicht in der Partei waren da haben wir keine Aufstiegsmöglichkeiten gehabt der Guido ist Chef der Hautklinik
[3:51:54] geworden aus Mangel an anderen es waren zu wenige Fachleute da sonst hätte er nie diesen Job bekommen und er er war fachlich sehr gut und hat sehr viel sehr viele wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht so sind wir ja zu dem Professor Greither gekommen
[3:52:17] und zu sehr vielen anderen Professoren in Deutschland und in der ganzen Welt eigentlich
[3:52:24] Professor Greither war derjenige der hier in Düsseldorf lebte weswegen Sie dann nach Düsseldorf
[3:52:28] genau genau
[3:52:31] gegangen sind
[3:52:33] und der Guido hat dann ein Jahr bei ihm gearbeitet bevor er sich seine eigene Praxis eröffnet hat wie dann die liebe Frau Nickel als erste Patientin gekommen ist die
[3:52:45] und was war der Grund
[3:52:48] »liebe Frau Hornstein«
[3:52:51] ja was Sie erzählt haben
[3:52:53] ja
[3:52:55] und was war der Grund für die für die ähm äh Ausreise dann konkret wie ist es vonstatten gegangen
[3:52:59] [gleichzeitig:] die Freiheit die Freiheit das kann man mit einem Wort sagen der die äh die Schwester in Amerika der Bruder in Paris damals haben sie in Paris gelebt und wenn der Lulu zu Besuch gekommen ist nach äh Prag so ist er fünf Straßen weiter gestanden
[3:53:28] weil er uns nicht in Gefahr bringen wollte mit seinem Auto mit mit der französischen Nummer zum Beispiel und w- wenn man telefoniert hat musste man bei jedem Wort aufpassen damit es nicht etwas Staatsfeindliches ist und der Mischa der hat der Omi einmal
[3:53:53] gesagt d- der Lulu ist jedes Jahr einmal zu uns zu Besuch gekommen da war er schon verheiratet und d- der Mischa hat einmal zur Omi gesagt »Omi sag mir ist der Onkel Lulu ein Kapitalist ?« und die Omi hat ihm gesagt »warum fragst du so was« hat der Mischa
[3:54:16] der kleine Mischa gesagt »ich habe Kapitalisten gar nicht gern« und da hat die Omi ihm darauf gesagt »weißt du Mischa wenn wenn wenn das nicht so wäre hättest du nicht das schöne Auto das der Papa hat und auf das du so stolz bist« und der Mischa
[3:54:40] war so praktisch er hat seither nie mehr gefragt [lacht] ob der Lulu ein Kapitalist ist also d- schon die Kinder wenn der Lulu zu Besuch gekommen ist zu uns nach Prag hatte man Angst vor dem Kind irgendetwas zu sagen irgendwie zu sprechen wie der äh Mischa
[3:55:02] in die erste Klasse gekommen ist er hatte das Glück eine wunderbare Lehrerin zu haben die hat- die hatte er vier Jahr sie hat uns dann sogar einmal in Düsseldorf besucht und diese Lehrerin hat mir in der ersten Klasse da war er vielleicht zwei Monate drei
[3:55:22] Monate in der Schule hat sie einmal da musste jede jeden Monat in die Schule kommen nachfragen wie wie das Kind ist und da hat sie mir gesagt »Frau Hornstein ich will Ihnen nur sagen man muss sehr aufpassen was man vor vor den Kindern spricht sie erzählen
[3:55:45] in der Schule alles« also da war sie so anständig
[3:55:51] vielleicht können Sie noch kurz sagen wann Mischa geboren ist in welchem Jahr
[3:55:57] Mischa ist 49 geboren
[3:56:00] 49
[3:56:02] fünften Mai 49
[3:56:04] wie hat er denn den Umzug dann ähm nach Deutschland erlebt
[3:56:09] [gleichzeitig:] er er war der größte der größte Antikommunist er er hat das alles so so gründlich miterlebt dass er man man musste ihm überhaupt nicht mehr sagen er hat nur er hat trotzdem Heimweh gehabt ein bisschen erstens seine Freunde sein sein
[3:56:38] sein bester Freund war auch ein Mischa der Mischa Ahrendt die sind dann ein zwei Jahre nach uns sind sie nach äh Deutschland geflüchtet und in in in da- da- dann sind sie aus sind sie aus Deutschland in die Schweiz gegangen aber der Mischa Ahrendt war
[3:57:04] bis zum Schluss sein Freund diese und Mischa also sie sind in eine Klasse gegangen d- die seine Mutter und ich wir haben uns seit ewigen Zeiten gekannt und unsere Wohnungen waren so [gestikuliert] mein Küchenbalkon und vis-à-vis war der Küchenbalkon von
[3:57:28] Ahrendt man konnte so du- durch durch die Rück- Rückfassade konnte man miteinander kommunizieren und ich erinner mich hat einmal der Mischa si- die Kinder hatten also ein Buch in das die Lehrer jede Woche ihre Ein- Eintragungen gemacht haben und ist der
[3:57:53] Mischa einmal mit mit so einer Eintragung gekommen »Frau Hornstein kommen Sie Freitag« ich weiß nicht »um drei in die Schule« und drunter »Mischa Mischa hat am Klo gebrüllt« und da bin ich dann tatsächlich in die Schule musste mir in der Arbeit
[3:58:25] frei nehmen und nacharbeiten natürlich aber ich bin in die Schule gegangen und treffe vor der Schule die die Käthe Ahrendt die Mutter von dem Mi- anderen Mischa und die sagt »was machst du da« sagt sie »ja ich ich habe eine Vorladung bekommen was was
[3:58:50] schreiben sie dir ?« »Mischa hat seinem Freund den Kopf in die Klomuschel gesteckt« habe ich gesagt »du jetzt weiß ich warum dann mein Mischa gebrüllt hat [lacht] wenn dein Mischa ihm den Kopf in die Klomuschel steckt«
[3:59:07] [gleichzeitig:] ja ja
[3:59:09] also so ist es gegangen und dann der Mischa Ahrendt der lebt noch heute in natürlich in Zürich war paar Mal hier zu Besuch
[3:59:19] nach dem ähm Umzug nach Düsseldorf haben Sie in Ihrem Beruf weiter gearbeitet ?
[3:59:27] ich habe im im Anfang nee nee habe ich lange nicht gearbeitet ich habe doch der Guido hat vom ersten Tag an an der Klinik gearbeitet und und ich hab alles gemacht die die alte Omi war da das Kind war da ich ich hab die eine Wohnung gehabt ich musste Kochen
[3:59:57] Einkaufen Aufräumen hatte unzählige amtliche Wege wir war- wir waren doch nichts wir hatten noch nicht einmal ein- eine- einen Personalausweis wir mussten doch erst wieder Menschen werden ich musste alles alleine machen weil der Guido ja von früh bis Abend
[4:00:16] oder bis zum späten Nachmittag an der Klinik war also da- a- a- alles musste ich machen
[4:00:25] wie haben Sie sich gefühlt
[4:00:27] [gleichzeitig:] und und dazu da konnte der Mischa ja schlecht Deutsch der Mischa musste erst ordentlich Deutsch lernen
[4:00:35] wie haben Sie sich gefühlt in Deutschland dann in den sechziger Jahren
[4:00:41] ich hatte ein sehr schlechtes Gewissen denn ich ich ich habe Angst gehabt nach Deutschland zu gehen ich habe dem Guido immer gesagt »wie wie kann ich in so einem Land leben wenn wenn sie mir alle umgebracht haben« und es ist dann nur dadurch da- zustande
[4:01:06] gekommen weil wir also wir sind weg wir sind aus Prag schwarz nach Wien jetzt sind wir in Wien gesessen und der Lulu war in Wien der Bruder und man hat sich den Kopf zerbrochen also was geschieht die Österreicher sind genauso wie die wie die Deutschen es
[4:01:29] ist kein Unterschied was Güte anbelangt und Antisemiten genauso und und wir haben kein Geld wir haben die alte Omi und wir haben einen 15jährigen Buben wa- was wird aus uns werden es w- w- w- wir hatten erst nur den Gedanken wir müssen raus nicht dass
[4:01:55] du mit deinem eigenen Bruder telefonierst und auf jedes Wort aufpassen musst und und dass du vor deinem eigenen Kind Angst haben musst wir wir haben es einfach nicht mehr ausgehalten na und dann sind wir in Wien gesessen und der Guido hat sich in Wien umgesehen
[4:02:19] in Wien hatte er auch bekannte Professoren und hatte äh sehr schlechte Chancen gehabt in Wien hätte er nostrifizieren müssen die Österreicher haben auch nicht das tschechische Doktorat anerkannt die Deutschen ohne Weiteres aber die Österreicher die Großmacht
[4:02:42] für die war das die Karls-Universität nicht genug gut und da außerdem hätte er wäre er sehr schlecht bezahlt gewesen also Österreich ist überhaupt nicht infrage gekommen aber wir haben natürlich daran gedacht nach Israel zu gehen damals äh war es
[4:03:10] ja noch kein Israel damals war es noch Palästina und der Guido kann konnte weder Englisch noch Ivrit und musste Frau und Kind und Mutter ernähren also es es es es war der Weg des kleinsten Widerstandes nach Deutschland zu gehen und ich hab ich hab zum
[4:03:38] Schluss eingesehen es gibt keinen anderen Ausweg für uns und ich habe es nie bedauert die Reaktion bei mir war nur dass ich ein sehr schlechtes Gewissen hatte dass dass ich mit meiner Familie in dem Land lebe wo die Mörder meiner Familie wa- das war nicht
[4:04:01] einfach aber ich ich ich habe eingesehen es war keine andere Möglichkeit und da habe ich mich dann dann ist Israel entstanden und ich habe beschlossen für für Israel zu arbeiten irgendwie für um mein Gewissen zu beruhigen und ich bin dann so in die
[4:04:25] Sache hineingekniet ich war 32 Jahre die Leiterin der WIZO und wirklich mit sehr sehr großem Erfolg und es es war mir eine Genugtuung auf auf diesem Weg zurückzuzahlen was was ich falsch gemacht habe das also alles sehr einfach und sehr logisch wenn man
[4:04:51] das erzählt das Erzählen ist einfach
[4:04:55] kann ich das ich würde das gerne noch mal nachfragen weil Sie das gerade so ausgedrückt haben dass Sie das Gefühl haben was falsch gemacht zu haben
[4:05:03] nein ich habe nicht das Ge- mein mein Sohn ist hier glücklich geworden ich habe hier meine Familie ich ich habe hier niemals mehr direkten Antisemitismus gespürt w- wir haben von vornherein natürlich kein Geheimnis daraus gemacht dass wir Juden sind aber
[4:05:29] wir persönlich haben nie Antisemitismus gespürt und mein mein Mann war sehr erfolgreich weil er ein ein ein sehr guter Arzt war
[4:05:43] und das äh das Interessante ist daran in Prag wie er schon der Chef der Klinik war war der erste Dermatologen-Weltkongress nach
[4:06:01] dem Krieg und der der das war ein sehr großes Ereignis und da war der wurde in der hat in Prag stattgefunden der Kongress hat die Prager Klinik gemacht und es war die ganze Welt dazu eingeladen da da kann man bis Australien kein kein Land das nicht gekommen
[4:06:23] wär die Holländer die Belgier die Franzosen die Dänen die die ganz Skandina- alles war da und da w- da war der Guido als Chef der Klinik war er der Sekretär des Kongresses
[4:06:41] ja
[4:06:45] und in in Prag die Tschechen konnten ja nicht alle gut Deutsch und der Guido natürlich war perfekt in Deutsch und hat sehr gut Französisch gesprochen und Tschechisch konnte er auch er hat ja in Prag studiert und und für die anderen für die anderen Sprachen
[4:07:05] war ich da und es war ja in Prag lebensgefährlich äh mit einem westlichen Ausländer zu- zusammenzukommen oder zu sprechen das ich hab ja gesagt wenn der Lulu zu uns zu Besuch gekommen ist hat er fünf Straßen weiter geparkt damit man nicht vor dem Auto
[4:07:29] vor dem Haus von uns ein Auto aus dem Westen sieht so so gefährlich war es ich weiß nicht Sie kennen ja wahrscheinlich nicht diese Geschichten alle mit diesen schrecklichen Prozessen die bei uns waren mit den mit den ganzen Todesurteilen das waren ja fürchterliche
[4:07:45] Jahre
[4:07:51] ja
[4:07:53] und es man man war ewig nur in Lebensgefahr und dazu die Familie im Westen mit der man keinen Kontakt haben durfte meine Familie war weg ich hatte keine mehr und der der Onkel Jörg und die Tante Trude aber der äh Guido hatte ja noch seine Familie alles im
[4:08:19] Westen und hatte das Glück dass er so viele durch seine wissenschaftlichen Arbeiten hatte er viel Kontakt zu westlichen Dermatologen und bei dem Kongress der damals stattgefunden hat da hatte er hatten wir die Bewilligung westliche Gäste zu empfangen dazu
[4:08:49] musste man eine Bewilligung haben und die Bewilligung hatten wir deshalb weil wir Sprachen gesprochen haben das war ja alles so [gestikuliert] in in in Zusammenhang ja und so sind haben wir da die der Kongress hat eine Woche gedauert und da habe ich in in
[4:09:11] in Prag konnte man es war sehr schwer man hat nichts zu essen gekriegt aber es es gab ein amerikanisches Unternehmen da konnte man mit Dollar einkaufen und da da gab es solche Bonds für Dollar und diese Dollar hat uns der Lulu geschickt und für diese Dollar
[4:09:32] habe ich eingekauft und konnte zum Beispiel bewirten ich konnte äh ich erinnere mich Professor Marchionini aus München und und der Professor Lapière aus Paris und und also alle diese westlichen Professoren durfte ich zu bei mir zu Gast haben nur weil ich
[4:09:56] sprechen konnte das war die Ironie und und wir d- den ganzen Tag waren Kongresse waren unzählige deutsche Professoren da ja manche leben noch jetzt aus aus Kiel aus Hamburg von wo sie wollen von überall ist man gekommen denn Prag war für den Westen sehr
[4:10:19] interessant weil sie ja nur neugierig waren sie wussten ja nicht was das ist im Sozialismus leben und da gabs auch so ein interessantes Ge- Gespräch an dem Abend nach nach also nach Kongresssitzungen hatte ich abends zum Abendessen eingeladen und natürlich
[4:10:46] mit mit äh mit Dollar gekauften Lachs und alle diese Delikatessen die selbstverständlich sind aber für uns damals dort nicht selbstverständlich waren und da war bei uns der Professor Marchionini aus München und der Professor Lapière aus Paris und noch
[4:11:12] irgendein belgischer Professor ich weiß nicht und man man saß beisammen bei einem Glas Wein nach dem Abendessen und so und da sagt der Professor Marchionini der der Münchner sagt also »ich ich weiß nicht warum man so schimpft es ist doch ein herrliches
[4:11:37] Land wir wir haben im Ständetheater eine Mozart-Aufführung gesehen die die die einmalig war wir haben im Stadttheater ›Die verkaufte Braut‹ gesehen eine Vorstellung die man in der ganzen Welt sehen kann die Klinik ist tadellos das Essen ist tadellos
[4:11:59] warum sind da sind die Leute so unzufrieden« und da hat der Professor Lapière der Franzose gesagt »cher ami« [lacht] lieber Freund »c'est la liberté qui manque« das die die Freiheit fehlt ihnen er hat in einem Satz das die die Situation geschildert
[4:12:26] alles ist da dass dass wir für Dollar einkaufen mussten um ein Stückchen Lachs zu bekommen [gestikuliert] so weit haben sie ja nicht gedacht das war ja unvorstellbar aber das das Wort Freiheit das versteht jeder
[4:12:42] vielleicht machen wir an der Stelle noch mal eine kurze Pause [Schnitt] also wir haben in der Pause gerade kurz besprochen dass ähm wir jetzt noch ein wenig über die Flucht
[4:12:56] [gleichzeitig:] Flucht
[4:12:59] aus der Tschechoslowakei hören werden dann uns noch ein paar Bilder ähm angucken und das Interview dann beenden äh vielleicht können Sie dann jetzt noch mal die genaueren Umstände ähm dieser Flucht 1964 erläutern und erzählen
[4:13:14] [gleichzeitig:] ja ja da muss ich vorausschicken dass also meine Schwiegereltern ja viele Jahre bei mir gelebt haben und die Oma bis zum Schluss Oma ist mit uns dann nach Düsseldorf gekommen Oma ist ja hier gestorben und ist hier begraben und in Prag hat
[4:13:34] die Oma den Opa s- sehr viel gepflegt bei Tag sie bei Nacht mein Mann mein Opa ist unser mein Schwiegervater war herzleidend und und hat sehr schlechte Nächte gehabt und da da war sie immer das ist bei bunt zugegangen na kurz und gut ich bin früh um um
[4:14:01] halb acht aus dem Haus und bin manchmal Abend um elf erst nach Hause gekommen ich ich habe sehr viel gearbeitet aber das das war bei uns gang und gäbe man hat die Stunden nicht gezählt nur Arbeiter haben Stundenlohn gehabt aber wir haben wir mussten arbeiten
[4:14:23] bis zum Umfallen na und da habe ich eben hat der Mischa eine Teta gehabt Teta heißt Tante und so eine eine Art Kinderfräulein da hat man Teta gesagt und d- das war nicht so einfach in Prag da musste man eine Bewilligung haben um eine Angestellten zu haben
[4:14:55] also nachdem mein Mann gearbeitet hat und ich gearbeitet habe und die meine Gro- äh Schwiegereltern bei mir gelebt haben hatte ich die Bewilligung jemanden für das Kind zu haben und da hatten wir eben diese Teta diese Teta war eine Deutsche eine Sudetendeutsche
[4:15:16] war die Tochter eines Offiziers und einer Bankierstochter die die Mutter hat aus Pilsen gestammt ihr Vater war also Bankier in Pilsen und also die Teta aus einer so genannten sehr guten Familie und ihre Schwester war in Rom mit einem Universitätsprofessor
[4:15:41] verheiratet und die Teta war so ein enfant terrible das wissen Sie was das ist das muss man nicht übersetzen
[4:16:01] [gleichzeitig:] ja
[4:16:03] und und äh hat hat nicht studiert ist trotz der noblen Familie Kinderfräulein geworden also Erzieherin geworden und s- sie Mischa war vier Jahre alt wie i- wir sie aufgenommen haben und ich äh hatte bisschen Schwierigkeiten weil sie sehr schlecht Tschechisch
[4:16:30] gesprochen hat und die allerkomischesten Sachen rausgekommen die hat manchmal Sachen von sich gegeben da konnte man platzen vor vor Lachen aber ich ich hatte keine Auswahl ich war froh die Teta zu haben ich konnte wirklich früh weggehen und Abend nach Hause
[4:16:38] kommen und wusste das Kind ist versorgt die Sache hatte nur einen Haken die Oma war eifersüchtig auf die Teta und die Teta auf die Oma was was Liebe anbelangt bei Mischa und zwar zum Beispiel wenn die Teta gesagt hat »der Mischa nimmt heute die grauen Hosen«
[4:17:05] hat die Omi gesagt »nein ich bin dafür dass er die blauen anzieht« und so ist ein Wortwechsel entstanden und die Oma hat zum Schluss gesagt »Teta ich habe schließlich auch drei Kinder erzogen« und da hat die Teta darauf gesagt »aber wie« also das das
[4:17:26] das waren solche Aussprüche die wir nicht vergessen haben über die wir heute noch lachen aber d- die beiden das war so eine Hassliebe beide waren eifersüchtig auf Mischa natürlich aber im Grunde genommen haben die beiden alten Damen die Teta war etwas
[4:17:51] jünger als die Oma aber auch keine keine junge Frau also die waren aufeinander eifersüchtig und immer wenn ich nach Hause gekommen bin von der Arbeit ich war schon so todmüde und da sind sie schon hinter der Tür gestanden beide und haben gesammelt was
[4:18:16] womit sie sich beklagen könnten übereinander es es es war kein einfaches Leben aber so war es eben im Sozialismus man hat gearbeitet bis zum Umfallen
[4:18:19] und dann kam also der Entschluss wir laufen weg da war die Teta schon elf Jahre bei uns Mischa war vier
[4:18:30] wie sie gekommen ist und damals war er 15 also sie war schon elf Jahre da war wirklich wie ein Familienmitglied und jetzt durfte die Teta nicht wissen dass wir weglaufen wollen denn das war für sie lebensgefährlich für für so was hat es jahrelange Kerkerstrafen
[4:18:52] gegeben für Mitwisser und jetzt war die Frage w- wie hält man das vor der Teta geheim es gibt ja schließlich Sachen die man doch irgendwie retten will die man mitnehmen will oder so also zum Beispiel da war ein im im im Wohnzimmer war ein eine sehr hübsche
[4:19:19] Kreidezeichnung von Mischa als als kleines Kind und der Guido wollte dieses Bild unbedingt retten und jetzt wie wie rettet man das Bild vor der Teta da haben wir das am Abend von der Wand genommen Guido hat es in seine Aktentasche gesteckt Teta ist morgens
[4:19:52] reingekommen »wo ist das Bild von unserem Jungen« da hat der Guido ihr gesagt »ja wissen Sie Teta das ist gestern Abend von der Wand gefallen und die Scheibe das Glas ist zerbrochen ich nehme es mit und lasse das reparieren« also da war man gedeckt da
[4:20:05] wusste man das Bild die Kreidezeichnung ist gerettet aber trotzdem es war das große Problem da wie wie laufen wir weg lassen die Teta da zurück und und sie ist doch schon äh wie viele äh 15 vier elf Jahre bei uns da- das hat uns schreckliche Sorgen gemacht
[4:20:33] und die Teta hatte einen Bruder der war in Graz Direktor der Sparkasse und dann hatte sie noch einen Bruder der in Wien gelebt hat aber auch in einer gehobenen Stellung na und jetzt wie wir weggelaufen sind das heißt wir sind normal für sie normal in Urlaub
[4:21:00] gefahren jeder mit einem Koffer und die ja wir sind die die die Omi war schon weg also war nur Guido und ich die Omi war damals ihr ihr zweiter Sohn hat in Wien gelebt der Bruder vom Guido und sie durfte sie war rumänische Staatsbürgerin hat als
[4:21:33] Ausländerin bei mir in Prag gelebt und durfte einmal im Jahr ihren anderen Sohn im Ausland besuchen das Problem war immer nur das Zurückkommen äh sie musste in dem Pass ein »zurück« bekommen sonst konnte sie nicht wieder einreisen also jetzt äh haben
[4:22:02] wir alles dazu getan damit Oma nach Wien fahren kann und vor allem dass sie dieses Billet bekommt das ist uns gelungen also es wurde festgesetzt wann die Oma wegfährt und dann sind Guido und ich da geblieben der Guido hatte einen Kongress in Turin ist zu
[4:22:36] diesem Kongress gefahren und das war so er durfte wir durften keine Pässe haben Guido hatte einen Dienstpass wenn er wo hingeflogen ist zu einem Kongress hat er den Pass am Flughafen bekommen und wie sie beim Rückflug hat man ihn wieder gleich am Flughafen
[4:22:51] abgenommen und er ist aufs äh Gesundheits- äh -ministerium also er er hat den Pass eigentlich nicht gehabt der der war nur für für Reisen hin und zurück und jetzt w- wie macht man das was macht man mit der Teta wir sind offiziell für 28 Tage in Urlaub
[4:23:16] gefahren der der Guido war am Kongress und Mischa und ich und sein er hat zum Gesundheitsministerium gehört die Omi war in Wien sie war am Ausländerministerium also zum Glück hat einer vom anderen nicht gewusst und ich war am normalen Passamt und hatte
[4:23:44] die Bewilligung für 28 Tage mit meinem Sohn nach Wien zu fahren ich hatte keinen Pass das hat es nicht gegeben ich hatte nur so einen Blattpass das war so ein Wisch wie sie mir da vorgehalten haben ungefähr so ein Blatt ohne Fotografie nur mit äh Eigentümerin
[4:24:05] »Hedwika Hornsteinová« und so also das war mein Dokument und auf dieses Dokument war mein Sohn dazu geschrieben »Sohn Michael Hornstein« und so also das Guido ist nach die Omi ist nach Österreich gefahren zwei Wochen später ist der Guido nach Turin geflogen
[4:24:57] und Tag- drei Tage darauf hatte ich die Bewilligung mit Mischa nach Wien zu fahren zum Bruder meines Mannes der nicht mein nächster Verwandter war und man wollte mir nicht die Bewilligung geben erst bis ich Krach gemacht habe und gesagt habe »ja ich kann
[4:25:02] ja nichts dafür ich habe keine eigenen Verwandten die die Deutschen haben sie alle erschlagen« das haben die Russen das haben die Tschechen gerne gehört ja dass die Deutschen was Schlechtes gemacht haben das war der gute Punkt also ich habe gesagt »die
[4:25:15] Deutschen haben ja meine Angehörigen erschlagen und der Bruder meines Mannes ist eben mein nächster Verwandter« also da habe ich die Bewilligung bekommen jetzt ein Ministerium hat nicht vom anderen gewusst das war sehr wichtig
[4:25:29] ich hatte die Bewilligung
[4:25:32] für 28 Tage im Ausland zu sein der Guido war dienstlich offiziell auf auf einer anderen Stelle offiziell und und von von der Omi hat man überhaupt nicht gewusst der Teta haben wir gesagt wir fahren nach Wien zum zum Lulu und seiner Familie und sie hat
[4:26:00] die Familie gekannt und ich hatte die Adresse ihrer Brüder in in Steiermark und und der andere äh ich weiß nicht ob in Wien oder in Kärnten war egal ich hatte zwei Adressen ihrer Familie jetzt ich bin mit Mischa abgereist der Guido war in Turin und es
[4:26:23] gab einen Zug die Vindobona die ist die hat nur zwischen Wien und Prag verkehrt das war so wie eine große Straßenbahn ei- ein Waggon und der Waggon hat nur diese Strecke gehabt also mein- meine Angst war unbeschreiblich ich ich ich ich ich spüre noch heute
[4:26:52] wie ich gezittert habe vor Angst wie diese Reise ausfallen wird der Mischa war 15 und er hat schon alles gewusst er hat gewusst dass wir illegal wegfahren und wie gefährlich das ist und er hat sich ganz toll gehalten wie wir in Prag eingestiegen sind äh
[4:27:15] habe ich wahrscheinlich [gestikuliert] so geklappert und eine Viertelstunde später ist die Zollkontrolle gekommen und sie sie haben meine Koffer kaum angeguckt und und und meine mei- mei- mein Visum oder meinen Pass es ist alles so schnell gegangen so schnell
[4:27:39] wie sie da waren waren sie wieder draußen und ich konnte es gar nicht fassen dass ich eigentlich schon über die größte Gefahr heraus bin dabei müssen Sie wissen diese Vindobona da sind die ist die Kontrolle gekommen man hat unter den Waggons so lange
[4:28:01] Stäbe gesteckt geschaut ob nicht unter den Waggons Leute versteckt sind man hat mit langen Nadeln in die Polsterungen gestochen was sie sich dabei gedacht haben weiß ich nicht ob ob sie sich vorgestellt haben dass man schnell die Polsterung öffnet und darin
[4:28:20] Gold ver- versteckt oder so- so- solche Schikane waren ma- man man hat die die Fantasie war grenzenlos was was man alles machen konnte wie man die Leute sekieren konnte also jedenfalls bev- bevor ich äh ein Wort sagen konnte waren wir über die größte
[4:28:46] Gefahr weg sind in Wien angekommen der Guido war am Tag davor gekommen und die arme Omi ist schon zwei Wochen dort gesessen und mein Schwager hat gesagt diese zwei Wochen hatte sie solche Angst sie hat kaum ein Wort gesprochen vor lauter Angst ob das gelingen
[4:29:07] wird ob ich wirklich mit dem Kind raus komme also jetzt sind wir in in Wien gesessen bettelarm eigentlich jeder mit dem Köfferchen also was geschieht weiter dann hat mein Schwager für uns Pässe gekauft Pässe von Leuten die wirklich gelebt haben also keine
[4:29:35] fingierten so und diese Pässe waren nur für für die Reise von Wien nach Nürnberg das heißt über die österreichische und deutsche Grenze nach Deutschland und die Pässe waren ausgestellt d- wir haben wir sind in der N- um um Mitternacht aus Wien
[4:30:04] Nordbahnhof abgereist Mischa Omi und ich also nein der Guido natürlich alle vier und wir haben solche [gestikuliert] schmale Zettel bekommen jeder wie er heißt damit bei einer eventuellen Kontrolle ich ich ich weiß wer ich bin also ich habe Wilhelmine Schwebskirchl
[4:30:28] geheißen ein Name den ich vor- und nachher nie gehört habe Wilhelmine Schwebskirchl der Guido und die Omi waren ein Ehepaar und zwar der Mann der die Pässe versorgt hat hat seinen Pass und den Pass seiner Frau zur Verfügung gestellt jeder Pass hat tausend
[4:30:51] Schilling gekostet für diese eine Überfahrt der Mischa hatte den Pass eines ukrainischen Studenten und der hat Kolotillo Taras geheißen stellen Sie sich vor dass ich mir diese Namen gemerkt habe jetzt sind wir da gesessen im im im im Wartesaal von dem
[4:31:18] Nordbahnhof und ich habe fortwährend dieses studiert Wilhelmine Schwebskirchl Wilhelmine Schwebskirchl wie merke ich mir den Namen wenn eine Kontrolle kommt na und so es war besprochen mein Schwager fährt mit dem Auto voraus und wird in Nürnberg auf uns
[4:31:57] warten und bringt uns aus Nürnberg in das Lager in in dem wir dann eine Woche gesessen sind und wir sind eingestiegen haben uns schlafen gelegt der Schaffner hat die Pässe bekommen und wir sind in Nürnberg erwacht das heißt ich habe nicht geschlafen aber
[4:32:07] es war überhaupt keine Kontrolle es war gar nichts es war herausgeworfenes Geld wirklich denn das war damals so wenn du normal wenn man mit dem Schlafwagen irgendwohin gefahren ist über die Grenze der Schaffner hat immer die Pässe eingesammelt hat bei der
[4:32:32] Kontrolle an an an der Grenze die Pässe gezeigt man hat den Stempel darauf gekriegt und früh wenn man angekommen ist hat er wieder die Pässe zurückgegeben es war nie eine Kontrolle also nur die Angst dass dass eine Kontrolle sein könnte hat 4000 Schilling
[4:32:48] gekostet na jetzt sind wir in in ins Lager
[4:32:56] ne wir sind in Wien angekommen und ich habe als erstes nach Graz telefoniert den Bruder unserer Teta und habe gesagt »Herr Direktor Watzka ich bin die Hedy Hornstein Sie kennen unseren Namen Ihre Schwester die Teta
[4:33:16] ist seit elf Jahren bei uns und und Sie wissen ja Näheres und wir sind in Wien wir haben beschlossen durchzugehen und Sie müssen uns helfen die Teta retten denn wenn man nicht etwas tut wird sie hopp genommen wenn man wenn herauskommt dass dass wir illegal
[4:33:42] weg sind und die Teta ist verloren sie wird sofort eingesperrt sie ist eine alte Frau« und da hat der Herr Wa- Direktor Watzka gesagt »was sollen wir machen« da haben wir gesagt »Sie Sie schicken der Teta ein Telegra-« nein »Sie fahren nach Prag Sie
[4:34:06] gehen zu Teta in unsere Wohnung die Koffer sind dort und dort nehmen Sie sich aus der Wohnung was Sie wollen packen Sie ihre Koffer voll und fahren Sie zurück nach Graz wenn Sie in Graz angekommen sind dann schicken Sie der Teta ein Telegramm dass Sie gestorben
[4:34:27] sind« wenn Sie wenn der Bruder stirbt wenn ein Verwandter stirbt durfte man damals schon für drei Tage zur Beerdigung und zu den Feierlichkeiten also drei Tage durfte man weg sein »und in diesen drei Tagen müssen Sie die Teta überzeugen dass wir weggelaufen
[4:34:51] sind und dass wir nicht zurück kommen und dass sie äh kommen muss sie sie muss Mut fassen und muss nach Graz kommen« und so geschah es sie sind wirklich nach Prag gefahren mit mit leeren Koffern haben die Wohnung brav ausgeräumt sie haben das beste Geschäft
[4:35:14] gemacht bei der Gelegenheit und haben mit schwerer Mühe die Teta die die buchstäblich zusammengebrochen ist wie sie gehört hat wir hä- sind weggelaufen haben die Teta überzeugt dass sie wenn sie das Telegramm bekommt dass sie nur zur Polizei gehen muss
[4:35:35] und die Bewilligung bekommt also alles ist ist so gelaufen wie wir geplant haben nur die Teta wollte unbedingt wir haben im zweiten Stock gewohnt die Teta wollte sich unbedingt vom Balkon stürzen vor Verzweiflung wie sie gehört hat wir kommen nicht zurück
[4:35:57] aber zum Schluss ist sie also doch zu der Beerdigung zu der so genannten gefahren und war draußen
[4:36:07] also die die Wohnung war 28 Tage zu bevor sie drauf gekommen sind dass wir nicht zurückkommen wenn man ins Ausland gefahren ist musste man angeben wo man ist
[4:36:23] bei wem man ist und ich habe natürlich die Daten von meinem Schwager angegeben und mein Mann war ja in der Klinik die Klinik hat sowieso seine Daten gehabt also dann am 28sten Tag waren wir nicht zurück am 29sten Tag sind schon die Anrufe aus Prag gekommen
[4:36:49] wies- wieso wir nicht zurück sind wo wir sind warum was passiert ist also die Klinik war auf und mein Betrieb war auf es es war eine schreckliche Aufregung und das wir wir sind also diese Woche in Wien gesessen und da da wurde beschlossen wir müssen
[4:37:17] vor allem ins nach Deutschland in ein Lager damit wir uns irgendwie legalisieren und da haben wir dann diese falschen Pässe gekriegt und der Lulu ist mit dem Auto vorgefahren nach Nürnberg und wir sind mit dem Nachtzug nachgekommen und er hat am Bahnhof
[4:37:39] in Nürnberg auf uns gewartet und wir sind ins Lager eingezogen in einem fantastischen Mercedes [lacht] nicht wie arme Flüchtlinge sind nach Zirndorf bekommen äh gekommen und d- das Lager war eine Kaserne und Zirndorf war amerikanische Zone und es es war
[4:38:41] ein Sonntag und ich ich hab wirklich so gezittert vor Angst denn man hat schreckliche Propaganda gemacht wie schlecht man Flüchtlinge die illegal kommen behandelt in in in den Lägern und wir wir kommen also die Omi wir waren vier und mein Schwager hat uns
[4:38:49] dahin gebracht wir kommen zu der Kaserne und da s- ist eine Bude da sitzt ein ein Mann und wir sagen »guten Tag wir sind Flüchtlinge aus Prag wir wollen ins Lager« und da hat er gesagt »ja aber heute ist Sonntag heute wird nicht amtiert da nebenan ist
[4:38:57] ein Gasthof da können Sie übernachten und melden Sie sich morgen früh« und da ist die Angst von mir gewichen denn er hat das Ganze so ich ich hab gemeint man wird uns gleich in Ketten legen und er hat das Ganze so leger genommen »gehen Sie ins Wirtshaus
[4:39:23] und und kommen Sie früh« und so nun so sind wir dann früh in mei- mein Schwager hatte uns dort fü- 500 Mark hat er uns gegeben daran erinnere ich mich und hat uns für die eine Nacht den Gasthof bezahlt mit Abendessen und Frühstück und so war es am
[4:39:46] nächsten Tag morgens sind wir in in ins Lager wurden dort aufgenommen und da habe ich ja erzählt da war diese amerikanische Majorin die uns sehr geholfen hat sie war das Lager war deutsch-amerikanisch und sie war die amerikanische Chefin und und der Nazi
[4:40:09] der Olmütz gekannt hat die Geschichte kennen Sie ja schon war der deutsche Lagerleiter und
[4:40:18] dan-
[4:40:20] im Lager ist also alles glatt gegangen und wir waren in einer Woche in in Düsseldorf
[4:40:29] Düsseldorf ja danke dass Sie uns nochmal jetzt diese ähm tatsächlich wie Sie in der Pause gesagt haben dramatische Flucht mit all den Komplikationen erzählt haben Philipp hast du noch eine Frage
[4:40:43] nein
[4:40:46] dann würden wir jetzt vielleicht noch abschließend ähm wie besprochen die Fotos kurz ähm ansehen Philipp kann Sie Ihnen ja reichen ist jetzt vielleicht dann nicht mehr chronologisch
[4:41:01] ja
[4:41:04] weiß auch gar nicht ob wir alle noch haben
[4:41:06] vielleicht fangen wir mit diesem an
[4:41:09] vielleicht zeigen Sie es immer kurz in die Kamera und sagen nur kurz was zu sehen ist
[4:41:14] [gleichzeitig:] ja das ist das Hochzeitsbild meiner Schwiegereltern
[4:41:19] zeigen Sie es in die Kamera ?
[4:41:21] [zeigt Fotografie]
[4:41:34] ich nehme es
[4:41:36] dieses
[4:41:47] [betrachtet Foto] ja das sind die die die Eltern meines Mannes mit mit Familie wenn ich das sehen würde es sind bestimmt die Eltern und es sind die drei Kinder sind da drei Kinder drauf
[4:42:15] dreh- drehen Sie es noch mal
[4:42:17] [gleichzeitig:] ja zeigen Sie es ruhig mal in die Kamera [räuspert sich]
[4:42:22] [zeigt Fotografie]
[4:42:24] also es stehen Namen drüber Gisa und Adolf
[4:42:26] das waren die Eltern
[4:42:28] ja
[4:42:30] und es sind drei Kinder im Vordergrund
[4:42:32] von wann ist die Aufnahme ungefähr wann mag das sein
[4:42:36] mein mein ich ich bin 15 geboren der Guido ist 13 geboren da kann der Guido fünf sechs Jahre alt gewesen sein wahrscheinlich
[4:43:00] dann dieses Foto das ist
[4:43:09] ja nun das ist am 19- -39 15ter März
[4:43:20] das ist Ihr eigenes Hochzeitsbild
[4:43:39] [zeigt Fotogragrafie] das weiß ich präzise was steht dann hinten drauf
[4:43:41] Hochzeitsbild Guido und Hedy Hornstein 15ter Dritter 39
[4:43:44] und auf dem Bild dort von der Hornstein-Familie
[4:43:48] da steht nichts hinten drauf ne habe ich gerade schon geguckt
[4:43:51] [gleichzeitig:] steht nichts
[4:43:54] und dann gibt es hier noch diese kleine Mappe
[4:43:56] ja das ist Guido Hornstein das kann im Jahr 44 gewesen sein [zeigt Fotografie]
[4:44:11] einmal umdrehen danke
[4:44:17] und das ist Mischa [zeigt Fotografie]
[4:44:24] ah es gibt noch ein Bild auf der Rückseite
[4:44:26] vier Jahre alt und und solche Mützen waren der Schlager bei »Hobby« ja das kommt auf den Schreibtisch das steht draußen ja
[4:44:38] und dann noch aus Ihrer Familie
[4:44:43] ja Tante Emma die Malerin die jüngere Schwester meiner Oma [zeigt Fotografie]
[4:45:05] danke schön
[4:45:08] da gibt es ja ein ganzes Büchlein über die Tante Emma
[4:45:15] Emma ähm Löwenstamm muss man vielleicht einmal sagen
[4:45:17] [gleichzeitig:] mit Löwenstamm das ist äh das das sa- sehr abenteuerliche Leben und und berühmt viel später durch durch »Die Schachspieler«
[4:45:26] ja ein Bild von Hitler und Lenin
[4:45:33] ja
[4:45:35] Frau Hornstein Sie haben jetzt äh uns äh lange und ausführlich aus Ihrem langen Leben erzählt dafür möchten wir uns bedanken schon mal trotzdem noch meine Abschlussfrage ob es irgendetwas gibt ähm was Sie gerne zum Schluss des Interviews noch sagen
[4:45:51] möchten
[4:45:53] ach ich hatte sehr viel Unglück im Leben aber auch viel schöne Stunden weil ich eine wunderbare Familie hatte und im im Nachhinein gesehen glaube ich nicht dass ich das noch einmal durchgehalten hätte es war ein bisschen zu viel des Guten [nickt]
[4:46:23] vielen Dank
[4:46:26] vielen Dank
[4:46:28] sonst wüsste ich wirk-
| Datum | Ort | Text |
|---|---|---|
| ab 1915 | Olmütz | Frühgeburt als Hedwig Schulz |
| 1915 - 1916 | Prag | medizinische Pflege und Sicherung des Überlebens durch den Großvater |
| 1916 - 1939 | Prag | Kindheit und Jugend |
| ab 1934 | Prag | Abitur am deutschen Obergymnasium |
| 1934 - 1938 | Prag | Studium von Textil und Handweberei an der Hochschule für Kunstgewerbe |
| 1939 - 1940 | Czernowitz | Selbstständigkeit mit dem Modeatelier »Hobby« |
| ab 1939 | Prag | Heirat mit Guido Hornstein |
| ab 1939 | Czernowitz | Auswanderung nach Czernowitz |
| 1940 - 1942 | Czernowitz | Sowjetische Besetzung und Enteignung, Arbeit in der Textilgenossenschaft |
| 1941 - 1944 | Czernowitz | Besetzung durch deutsche und rumänische Truppen |
| ab 1942 | Czernowitz (Ghetto) | Internierung im Ghetto, Entgehen der Deportation nach Transnistrien |
| 1943 - 1945 | Ukraine | Mitglied der tschechischen Brigade innerhalb der Roten Armee |
| 1945 - 1945 | Theresienstadt (Ghetto, Konzentrationslager) | Suche nach überlebenden Angehörigen im Ghetto |
| ab 1945 | Prag | gemeinsam mit der Roten Armee Einmarsch nach Prag und Befreiung der Stadt |
| ab 1947 | Marseille | Vorbereitungen zur gemeinsamen Auswanderung nach Frankreich mit den Schwiegereltern |
| ab 1947 | Prag | Frühgeburt des ersten Sohnes, Tod des Sohnes nach 14 Tagen |
| 1948 - 1964 | Prag | Arbeit in einer Textilfabrik |
| ab 1948 | – | Kommunistischer Februarumsturz in der Tschechoslowakei, Scheitern der Auswanderungspläne |
| ab 1949 | Prag | Geburt des zweiten Sohnes Mischa |
| ab 1964 | Düsseldorf | Flucht über Wien und Zirndorf |
| 1964 - 1998 | Düsseldorf | Tätigkeiten in der jüdischen Frauenorganisation WIZO |
| ab 2010 | Düsseldorf | Ernennung zum Ehrenmitglied der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf |
| ab 2010 | Düsseldorf | Auszeichnung mit dem Rebecca Sieff Award |
Nach ihrem Abitur lernte Hedy Hornstein im Jahr 1934 ihren Mann Guido kennen, einen jüdischen Medizinstudenten aus Czernowitz, beide heirateten am 15. März 1939. Hedy Hornstein absolvierte von 1934 bis 1938 ein Textil- und Handwebereistudium an der Prager Hochschule für Kunstgewerbe. Der Hochzeitstag von Hedy und Guido Hornstein war gleichzeitig der Tag des deutschen Einmarschs in die Tschechoslowakei und markierte damit das Ende der Ersten Tschechoslowakischen Republik. Zudem begann mit der deutschen Besatzung die Verfolgung der Juden in dem nun als Reichsprotektorat Böhmen und Mähren bezeichneten Gebiet.
Da ihr Mann aus dem rumänischen Czernowitz stammte, beschloss die Familie, dass das junge Ehepaar dorthin auswandern sollte. Dies gelang gegen die Zahlung der so genannten Reichsfluchtsteuer im Juni 1939. In Czernowitz versuchte sie sich eine eigene Existenz aufzubauen, während ihr Mann die Anerkennung seines Studienabschlusses in Medizin betrieb. Mit ihrem Modeatelier »Hobby«, welches sie gemeinsam mit einer Czernowitzer Freundin betrieb, hatte sie Erfolg. Doch bereits im Juni 1940 wurde Hedy Hornstein nach dem Einmarsch der Roten Armee in Czernowitz enteignet. Die sowjetische Besatzung war für die Juden in Czernowitz gefährlich, da es zahlreiche Deportationen nach Sibirien gab. Hedy Hornstein arbeitete jedoch weiter in der Textilbranche und geriet durch einen unglücklichen Vorfall in den Fokus des sowjetischen Geheimdienstes NKWD. Zu ihrem Glück klärte sich der Verdacht gegen sie auf.
Die Verfolgung und Bedrohung der Juden in Czernowitz steigerte sich nach der deutsch-rumänischen Besetzung am 22. Juni 1941. Nach einem dreitägigen Pogrom wurde in Czernowitz ein Ghetto eingerichtet. Hedy Hornstein musste von nun an Zwangsarbeit in einer Weberei verrichten. Die Familie genoss bis 1942 einen gewissen Schutz durch den im gleichen Haus wohnenden rumänischen Major Bâtranu. Im Sommer 1942 mussten sie, ihr Mann und die Familie des Mannes ins Ghetto ziehen. Sie waren, wie alle Ghettobewohner, zur Deportation nach Transnistrien bestimmt, welche den wahrscheinlichen Tod zur Folge gehabt hätte. Während das Ghetto aufgelöst wurde, hatte die Familie eine Bestätigung in Aussicht, die sie als wichtige Arbeitskräfte auswies. Diese Autorisation hätte sie beinahe zu spät erreicht, doch konnten sie mit der allerletzten Habe ihres Mannes Guido, einem silbernen Zigarettenetui, welches ein Geschenk von Hedy Hornsteins Vater war, den Offizier bestechen und erkauften sich somit die notwendige Zeit bis zum Eintreffen der rettenden Autorisation.
Die folgenden Jahre waren geprägt von Armut und Zwangsarbeit, doch konnte sich das Ehepaar im Jahr 1943 der Tschechischen Brigade innerhalb der Roten Armee anschließen. Guido wurde als Arzt dringend benötigt, Hedy Hornstein wurde aufgrund ihrer Sprachkompetenzen in der Gesundheitsadministration der Brigade tätig. Das Ehepaar nahm am Vormarsch der Armee bis kurz vor Prag teil, dort musste die Brigade jedoch auf sowjetische Soldaten warten, da von sowjetischer Seite der Eindruck vermieden werden sollte, als hätten sich die Tschechen selbst und ohne Hilfe durch die Sowjetunion von der deutschen Besatzung befreit. Hedy Hornstein nutzte diese Gelegenheit, um in das Ghetto Theresienstadt zu fahren und dort überlebende Verwandte zu finden. Während sie schockiert von den Zuständen in Theresienstadt war, stellte es sich heraus, dass sich ihre Tante Trude noch dort befinden sollte. Da diese jedoch an Typhus erkrankt war, befand sie sich nicht mehr in ihrer Baracke. Erst am nächsten Tag gelang es ihrem Mann nach intensiver Suche, die Tante aufzufinden und wenige Tage später konnte sie zur Genesung nach Prag gebracht werden. Diese Tante überlebte den Holocaust ebenso wie ihr Mann und deren gemeinsamer Sohn.
Der Wunsch, in Freiheit und selbstbestimmt leben zu können, war dem Ehepaar Hornstein sehr wichtig. Eine bereits im Jahr 1947 geplante Auswanderung gemeinsam mit den aus Rumänien kommenden Schwiegereltern nach Frankreich scheiterte aufgrund des kommunistischen Februarumsturzes am 5. Februar 1948 in der Tschechoslowakei. Im Mai 1949 gebar Hedy Hornstein einen Sohn und die Familie lebte gemeinsam mit der Schwiegermutter und einer Haushälterin in Prag bis zur Flucht im Jahr 1964. Diese Zeit war geprägt von harter Arbeit, der Sorge um den Sohn im sozialistischen System sowie innerfamiliären Spannungen. Nach intensiven, geheimen Planungen gelangten die Familienmitglieder auf unterschiedlichen Wegen nach Wien und von dort gemeinsam über Nürnberg in das Aufnahmelager Zirndorf. Wenige Tage später erreichte die Familie Düsseldorf, wo Hedy Hornstein noch zum Zeitpunkt des Interviews wohnte. Die Entscheidung, nach Deutschland auszuwandern, war nicht einfach, da sie sich nicht ohne weiteres für das Land der Täter entscheiden konnte, und so sah sie es als ihre Aufgabe an, sich für Israel zu engagieren. Sie arbeitete 32 Jahre lang in verschiedenen Positionen für die jüdische Frauenorganisation WIZO in Deutschland. Für ihre Verdienste wurde sie am 20. Juni 2010 mit dem Rebecca Seiff Award, der höchsten Auszeichnung der WIZO, ausgezeichnet und zum Ehrenmitglied der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf ernannt.