Chava Livni (*21.07.1926, Pressburg)
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- Signatur
- 01163/sdje/0058
- Institut
- Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin
- Sprache
- deutsch
- Ort und Datum der Aufnahme
- Kirjat Tiw'on, den 18. März 2013
- Dauer
- 02:56:26
- Interviewter
- Chava Livni
- Interviewer
- Lennart Bohne , Daniel Baranowski
- Kamera, Licht und Ton
- Daniel Hübner
- Redaktion
- Christoph Schönborn
- Transkription
- Christoph Schönborn
Als Chava Livni im Herbst 1944 nach Auschwitz-Birkenau transportiert wurde, wusste sie, was mit den dorthin Deportierten geschah. Durch den engen Kontakt des Vaters zum Widerstand hatte sie zuvor Einsicht in die so genannten Auschwitz-Protokolle. Trotz der drohenden Ermordung behielt sie ihre Hilfsbereitschaft und Mitmenschlichkeit. Als erste von zwei Töchtern wurde Chava Livni 1926 in Pressburg geboren und erlebte eine glückliche Kindheit innerhalb ihrer jüdischen Familie. Als Jugendliche engagierte sie sich in der Jugendorganisation Makkabi Hatzair. Um anderen Juden das Überleben zu ermöglichen, arbeitete sie ab 1942 unter anderem im Untergrund bei der Erstellung von gefälschten Papieren. Durch eine falsche Nachricht bedingt, verließ die Familie im September 1944 ihr Versteck und wurde umgehend über Sered nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Von dort konnte Chava Livni gemeinsam mit ihrer Schwester in einen Transport nach Freiberg gelangen, wo sie Zwangsarbeit leisten musste. Im April 1945 wurde das Zwangsarbeitslager geräumt und die beiden in das Konzentrationslager Mauthausen gebracht, wo sie kurze Zeit später befreit wurden. Nach der Rückkehr nach Pressburg arbeitete Chava Livni für die Jugendorganisation und leitete unter anderem ein jüdisches Kinderheim. Gemeinsam mit ihrem Mann Max wanderte sie 1949 nach Israel aus. Zu Beginn lebten sie und ihre Familie im Kibbuz, bis sie 1951 nach Kirjat Tivon zogen. Zum Zeitpunkt des Interviews war sie 86 Jahre alt.
Vorkontakte
Vermittlung des Interviews durch Gerd Scheuerpflug, ehemaliger Mitarbeiter von ASF und Pädagoge, der das Ehepaar Livni seit längerer Zeit kannte; ursprünglich war ein Interview in Berlin vorgesehen, wegen der Reisestrapazen baten die Livnis dann jedoch um einen Besuch in Israel; dadurch verzögerte sich der ursprünglich geplante Termin im Herbst 2012 um mehrere Monate; ansonsten üblicher Vorlauf mit Telefonat und Vorgespräch mit beiden Ehepartnern am Tag vor dem Interview; im Vorhinein wurde abgesprochen und beim Vorgespräch sowie zwischen den beiden Interviews bekräftigt, dass das Interview mit CL am 18.3. durchgeführt werden würde, ML dann folgend und eventuell am nächsten Tag fortgesetzt werden würde; letztlich fanden jedoch beide Interview ohne Zeitdruck am 18.3. statt
Bedingungen
teilweise starke Lärmbeeinträchtigung durch tief fliegende Militärflugzeuge; relativ beengte Sitzposition; leicht schimmeliger Geruch in der Wohnung, dadurch bei allen zeitweise Augenjucken, allergische Reaktionen usw.
Gruppensituation
zwei Interviewer, Kamera: Daniel Hübner; ML ist im Nebenraum; hört zwischendurch in der Tür stehend, an welcher Stelle ihrer Erzählung CL sich befindet
Unterbrechungen
vier; drei von CL angezeigt, dabei einmal ca. halbstündige Kaffeepause; letzte Pause durch DH angezeigt; in dieser Pause Klärung der abschließenden Interviewpassagen
Protokoll
Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin (intern)
Eindrücke
CL erzählt sehr langsam, sehr bedächtig, hat vermutlich trotz ähnlicher Länge nur halb so viel Text wie später ihr Ehemann; lange Pausen, die ich am Anfang nicht deuten kann: weiß sie nicht weiter, sortiert sie ihre Gedanken, braucht sie Unterstützung? letztlich halten wir ihre Pausen recht lange; trotzdem ungewöhnlich viele Fragen unsererseits; gegen Ende kommt es mir zunehmend so vor, als wenn sie keinen richtigen Abschluss findet, deswegen bin ich für die von DH angezeigte Pause dankbar, wir klären dann, dass sie abschließend noch über den Kibbuz, den Umzug nach Kirjat Tivon und ihre Arbeit spricht obwohl CL sehr zurückhaltend spricht, weiß sie sehr genau, was sie sagen will; man merkt ihr das Alter an, trotzdem ist sie hoch konzentriert und findet - wenn wir sie unterstützen - sehr schnell immer wieder in ihre Geschichte; owbohl sie teilweise in der Chronologie springt, gelingt es mir gut, ihr zu folgen; ich bemerke, dass mir ihr Interview - gerade, weil sie immer wieder stockt und überlegen muss, weil sie sich Zeit nehmen muss - "Spaß" macht
[0:00] wir haben heute den 18ten März 2013 und sind zu Gast bei dem Ehepaar Livni in Kirjat Tivon wir führen jetzt ein Interview mit Chava Livni für das Projekt »Sprechen trotz allem« der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin das Interviewprojekt
[0:18] wird unterstützt durch die Kulturstiftung des Bundes mein Name ist Lennart Bohne ich führe das Interview gemeinsam mit Daniel Baranowski und Daniel Hübner ist für Kamera und Ton zuständig [Schnitt]
[0:28] ja mein Name ist Chava Livni geboren Eva Fürst aus Pressburg Bratislava und ich glaube ich beginne einfach mit meinen ersten Erinnerungen da muss ich zirka zwei Jahre alt gewesen sein [räuspert sich] und wir waren bei den Großeltern mein Großvater
[1:06] den ich sehr geliebt hab war scheinbar nach seinem ersten Schlaganfall denn er ist in einem Lehnstuhl gesessen und hat sich ist nicht herumgegangen und ich saß auf einem Schemel zu seinen Füßen und wir haben sozusagen Karten gespielt er hat mir eine Karte
[1:34] gegeben ich habe eine zurückgegeben und ich kann mich noch erinnern an das Gefühl der Geborgenheit irgendwie umgeben von sehr viel Liebe das Gefühl verbindet sich mit dem Bild äh mein Großvater ist kurz danach gestorben aber das habe ich irgendwie
[2:06] nicht mitbekommen man hat mir nur nachher erzählt dass ich dreieinhalb vier Jahre alt war und da habe ich scheinbar erst begriffen was Tod bedeutet denn da habe ich plötzlich an mitten im Spielen schrecklich zu weinen begonnen und Großvater den Großvater
[2:31] gibt es nicht mehr also das hat man mir nur erzählt ich hatte eine sehr schöne Kindheit eine Cousine etwas älter als ich mit der wir praktisch wie Schwestern aufgewachsen sind wir waren jeden Tag zusammen
[2:59] wie hieß diese Cousine ?
[3:07] äh das war mei- die Tochter einer Schwester meiner Mutter und die ganze Familie hat ziemlich nahe im Umkreis vom in einem Tei- selben Teil der Stadt gewohnt das Zentrum war irgendwie meine Großeltern hatten einen äh großes Kolonialwarengeschäft mit
[3:38] etlichen Filialen aber das Hauptgeschäft war in der Mitte der Stadt und äh in meiner Kindheit hat meine Großmutter noch dort gearbeitet erst später ist sie dann sozusagen in Pension gegangen und hat ihr- den Söhnen das Geschäft überlassen aber sie war
[4:03] eine wirklich sehr tüchtige Geschäftsfrau sehr klug ich hab erinnere mich mein Vater hat es genossen sich mit ihr zu unterhalten und sie hat es auch fertig gebracht d- die Familie um sich zu konzentrieren
[4:28] kamen Ihre Großeltern auch aus Pressburg ?
[4:34] äh meine Großmutter ja der Großvater war aus ei- dem kleinen Ort an der mährischen Grenze aber auch ganz nahe die mährische Grenze ist von Pressburg ein Katzensprung eigentlich haben wir die Fe- Familie des Großvaters kaum gekannt es war er hatte
[5:04] einen Zwillingsbruder und der den haben wir manchmal getroffen der war scheinbar manchmal bei den Großeltern zu Besuch aber dann weiß ich nur dass noch zwei Cousinen meiner Mutter in Budapest gelebt haben die haben wir auch paarmal getroffen sonst nicht
[5:26] aber die meine Mutterseite Familie die waren alle in Pressburg und das war ein ständiges Hin und Her man hat sich ununterbrochen irgendwie getroffen ich
[5:50] sagen Sie nochmal kurz in welchem Jahr sie geboren sind ich glaube das haben gerade gar nicht gesagt
[6:02] [gleichzeitig:] neun- ja 1926
[6:05] ja also waren Sie ungefähr vier als der Großvater gestorben ist
[6:08] genau und d- wie gesagt mit zwei zweieinhalb Jahren das sind meine ersten Erinnerungen dann später wir äh bevor wir noch zur Schule gunge- gingen hatten wir ein Kinderfräulein und zwar das war irgendwie sehr modern damals man hat aus den Sudeten weil
[6:35] dort hat man angeblich das schönste Deutsch gesprochen das Pressburger Deutsch ist ein schrecklicher Dialekt den man kraxelhuberisch nennt und so hat er auch geklungen [lacht] also man hat sehr Wert darauf gelegt Hochdeutsch zu sprechen aber natürlich
[7:02] ist immer etwas ja also die ersten Kinderfräulein die wir hatten an die ich mich erinnere waren zwei Schwestern als das eine nach der anderen jede zwei Jahre und die haben mir uns auch oft sehr viel von ihrer Heimat von den Sudeten erzählt so dass
[7:30] Jahre später als ich dort auf einer Reise durchkam ist mir das ganz bekannt vorgekommen mit äh der zweiten da ging ich schon zur Schule die ist zum Beispiel auch mit uns in die Ferien gegangen wenn wir irgendwie auf Sommerfrische gefahren sind kam sie
[7:58] mit dass wahrscheinlich um meiner Mutter das Leben zu erleichtern [lacht] aber wir haben sie heiß geliebt und mit wie die zweite wegging habe ich noch jahrelang mit ihr korrespondiert eigentlich bis zum Krieg ich habe sie nach dem Krieg versucht zu finden
[8:27] schon als ich aus dem Lager zurückkam und alles aber keine Spuren gefunden
[8:35] wie alt waren denn diese Kindermädchen ?
[8:38] die müssen so in den frühen Zwanzigern gewesen sein weil nachher haben sie immer geheiratet
[8:44] und wie ist denn das gewesen damals haben die Sie richtig erzogen oder waren die einfach nur zum dazu da sich mit Ihnen zu beschäftigen
[8:55] oh nein die haben schon ja erst einmal Tischmanieren die haben immer mit uns gegessen und wenn Gäste gekommen sind »Grüß schön und mach einen Knicks« und so
[9:12] [gleichzeitig:] mhm mhm mhm
[9:15] wo wo waren Ihre Eltern unterdessen waren Ihre Eltern berufstätig und äh
[9:19] mein Vater natürlich ja meine Mutter nie aber ich weiß äh hatte ein sehr bequemes Leben gehabt so lang die Zeiten normal waren sie ist spät aufgestanden hat gebadet hat gefrühstückt hat dann wir haben Mittag um zwölf halb eins gegessen da ist sie
[9:52] mit uns gesessen mein Vater kam erst nach drei Uhr aus der er war Bankdirektor Beamter erst also sie hat mit dem Essen auf ihn gewartet aber bei uns ist sie daneben gesessen
[10:07] wie hießen Ihre Eltern ?
[10:11] meine Mutter hieß Olga geborene Braun und mein Vater Wilhelm das war damals scheinbar ein moderner Name wegen dem Kaiser Wilhelm genannt wurde er Willi oder ja auf die ungarische Art war Vilmos also das hat man auch Freunde meiner Eltern oder so
[10:39] es waren einige Menschen in meiner frühen Kindheit die irgendwie sehr wichtig waren die ich bis heute noch mich erinnere das erste war ein guter Freund meines Vaters der ein frommer Jude war ein Buchgeschäft hatte und mit wohin mein Vater mich wie
[11:16] ich noch sehr klein war mitgenommen hat immer und da der hat immer gesagt »du such dir etwas zu ein Buch zum Anschauen aus und setz dich dort in die Ecke« ich hab das war so meine Ecke
[11:32] (er hat aber)
[11:46] [gleichzeitig:] ein später ja sollte um bei meinem Vater zu bleiben er wurde ziemlich früh äh zwangspensioniert eigentlich ganz am Anfang der Judengesetze und hat dann im Joint gearbeitet und später dann wie die Judenzentrale äh errichtet wurde
[12:21] war er der Finanzdirektor und eine seiner Kolleginnen wa- die S- Sozialarbeit und mit Jugend sich beschäftigt hat äh mit der er sich sehr befreundet hat war Gisi Fleischmann eine sehr außergewöhnliche Frau und ich war jedes Mal wenn ich meinen Vater
[12:59] abgeholt habe oder so ich bin immer herein zu ihr weil s- sie hat sie hat sich auch mit jungen Menschen sehr gut unterhalten können und ich habe sie sehr gern gehabt sie war auch die Tante einer guten Freundin von mir ja also ab in der Grundschule
[13:33] Volksschule hat das bei uns geheißen hatte ich eigent- hatte ich von Anfang an eine Lehrerin die Edith geheißen hat das war noch so komische Zeiten man hat die Lehrerin so wie Tante genannt aber auf die ungarische Art in der deutschen Schule hat man gesagt
[13:56] »Edith néni« das heißt Tante jedenfalls die ich erinnere mich besonders an den ersten Vorfall wie i- ich war in der dritten Klasse glaube ich ja sehr lange krank ich hatte eine Mittelohrentzündung und dann als natürlich ohne Penicillin und
[14:30] so war das sehr langwierig ich bin monatelang nicht in die Schule gegangen aber sie hat sich darum gekümmert dass ich immer alle Aufgaben bekommen habe und einmal in der Woche ist sie immer auf zu Besu- mich besuchen gekommen was allerhand ist für eine
[14:50] Frau die immerhin ein eigenes Leben und also das war eine der ersten Persönlichkeiten die mich sehr beeinflusst hat und der dieser Freund meines Vaters mit dem Buchgeschäft ganz etwas anderes aber auch er hat jedes Mal wenn ich mir ein Buch rausgesucht
[15:27] habe hat er gesagt also »was was hast du da gefunden« schaut er sich an dann sagt er »in Ordnung das kannst du lesen« und manchmal hat er gesagt »das ist noch nichts für dich nimm es wieder weg« und ja irgendwann habe ich dann begonnen die in
[15:56] Bücher aus dem Schr- Bücherschrank meiner Eltern zu lesen mit den Kinderbüchern war ich schon fertig ich habe sehr viel gelesen
[16:07] [gleichzeitig:] erinnern Sie sich an einzelne Bücher
[16:09] ja klar
[16:12] was Sie gerne gelesen haben
[16:14] erstens alle Kästner-Bücher das war gleich nach dem Herrgott und es waren noch einige ich weiß nicht mehr von wem es war ein Buch das »Die grüne Insel« geheißen hat ich weiß nicht mehr von wem also es waren einige nie ich hatte nie so Märchen
[16:42] sehr gerne dass äh überhaupt ich wei- die Grimm-Märchen die waren alle so düster und und auch meine Mutter irgendwie hat immer Angst gehabt dass es wird schlecht auf uns wirken die »Hänsel und Gretel« und man frisst einer den anderen und so also
[17:10] sie hat das immer wieder betont das sind nur ausgedachte Sachen und das gibt es gar nicht also sie hat das sehr versucht das herunter zu drücken äh ich ich weiß das waren Tage wenn uns mit meiner Cousine Liese hat sie geheißen haben wir manchmal
[17:44] zusammen Bücher gelesen weil wir nicht warten konnten eine auf die andere w- bei ihnen im Garten waren so Sträucher und da war eine geschützte Ecke wo niemand uns sehen konnte da sind wir so zusammengekauert und haben aus demselben Buch gelesen das waren
[18:06] so sehr schöne Erinnerungen na- nach der Volksschule ich habe gekämpft es waren fünf Klassen aber man konnte eigentlich nach der Vierten wenn man ein guter Schüler war ins Gymnasium gehen aber ich habe gekämpft noch ein Jahr bei der Lehrerin zu bleiben
[18:34] und also das hat man nachgegeben mit elf kam ich dann in die Mittelschule war alles war ganz nahe beieinander die Volksschule fünf Minuten von unserem Haus die Mittelschule acht Minuten das war alles sehr nahe eine eigentlich ein Villenviertel und
[19:04] wir sind damals auch umgezogen irgendwann von einer ziemlich engen Mietswohnung in eine auch Mietswohnung aber das war ein neues Haus und am obersten Stock mit einer riesigen Terrasse sehr schön aber das war eine sehr kurze Zeit ein Jahr Mittelschule
[19:35] das zweite Jahr erinnere ich mich ich hatte eine gute Freundin mit der ich bis heute befreundet bin und die hat am Schulge- an so wie ich an- mein Schulweg hat geführt von unserem Haus paar Schritte danach ka- war ein sehr hoher Berg auch mit Häusern
[20:05] und sie hatte ganz oben gewohnt und ist immer so herunter gerannt dort waren so breite Stiegen und ich habe immer unten gewartet bis ich sie schon von oben gesehen habe bis sie herunter kommt den Rest des Weges sind wir zusammen gegangen [hustet]
[20:28] wurde in Ihrer Familie zu dem Zeitpunkt viel über Politik gesprochen in den dreißiger Jahren haben Sie davon was mitbekommen ?
[20:42] äh natürlich ja aber im Grunde hat man mit Kindern nicht über solche Sachen gesprochen aber Kinder haben lange Ohren und man hat alles mitbekommen
[20:58] hat das unter den hat den unter den Kindern es eine Rolle gespielt ob man jüdischen Glaubens ist oder
[21:06] ja meistens waren die war es eine sehr geschlossene Gesellschaft ich hatte zufällig meine beste Freundin war eine Protestantin ich habe sie nach dem Krieg nicht wiedergefunden weil in der ersten Zeit [gestikuliert] war ich auch und dann habe ich erfahren
[21:33] dass sie sehr jung gestorben ist aber wir waren wirklich sehr befreundet und also dann war noch eine mit anderen christlichen Kindern eigentlich weniger aber man das hat in so lange wir noch sehr jung waren das hatte keine Rolle gespielt genauso
[22:07] wie ich nie gewusst habe wer von den Freunden meiner Eltern Christen sind oder Juden sind also von dem Buchhändler wusste ich dass er sehr sehr frommer Jude ist aber bei den anderen eigentlich erst wie die schlechten Zeiten begonnen haben hat sich herausgestellt
[22:30] weil man den Kontakt abbrechen musste nicht besuchen konnte und so weiter
[22:41] wie haben sie den Einmarsch der Nationalsozialisten in Prag dann 1939 wahrgenommen ?
[22:49] Prag war weit (aber) natürlich haben wir gewusst wir haben noch ich glaube noch vorher Hitler in Pressburg liegt an der Donau und am anderen Ufer hat das hat die Au geheißen oder Audorf dort war ein kleiner Ort äh das hat irgendwie auch noch zu Pressburg
[23:24] gehört es war ein großer Park dort sehr schön man hat dort Ausflüge gemacht als die Deutschen dann kamen kamen sie na- bis nach Audorf und da war die Geschichte dass Hitler angeblich gekommen ist und [zeigt nach draußen] ich glaube die Vögel bauen
[23:51] sich ein Nest [gestikuliert] die kommen fort hin und her äh am nahe dem Ufer war ein große Statue von Štefánik also ein Flieger eine ganze Geschichte und das geben wir nicht herein und den hat man irgendwann dort weggenommen und den tschechischen
[24:27] Löwen das gehört zum (Wappen) dort aufgestellt und als Hitler auf der anderen Seite das dann geplant also jetzt kommt Pressburg an die Reihe hat er angeblich gesagt »der Flieger kann bleiben aber die Katze muss weg« [lacht] also das
[24:52] wann hat sich
[25:01] äh ja
[25:04] wann haben Sie das erste Mal bemerkt dass sich etwas ändert dass sich das Klima ändert
[25:08] ich kann das nicht genau pin point [gestikuliert] es ist irgendwie so allmählich ja in der im Gymnasium in der in der ersten Klasse da waren zirka die Hälfte der Klasse waren soz- so genannte Pressburger-Deutsche es waren sehr viel ursprünglich
[25:48] Deutsche die ein ganzes Viertel gab es wo nur Deutsche gewohnt haben in Presseburg also die halbe Klasse waren von deutschen Familien und die andere Hälfte jüdische Familien also irgendein Advokat hatte einmal meine Wiedergutmachung behandelt hat gesagt
[26:11] »also dass Sie damals noch in eine deutsche Schule gegangen sind« aber das war es das Jahr darauf Anfang des Schuljahres kommen wir zum zum Gebäude zur zur Schule und im Tor stehen Hitlerjungen in der Uniform mit den weißen Strümpfen und so und
[26:43] haben jeden gefragt »bist a Jud ?« und da haben wir uns jüdische Schüler irgendwie auf die Seite gestellt und über dem Tor der Schule war so ein klein eigentlich kein richtiger Balkon aber [gestikuliert] ein Fenster das bis zum heruntergegangen ist mit
[27:06] so einem kleinen weiß nicht wa-
[27:11] so einen Balkon oder ? eine Brüstung ja
[27:16] [gleichzeitig:] so wie ein Minibalkon nur eigentlich nur ein Schritt und der Direktor der übrigens ein sehr guter Freund meines Vaters war und weshalb er mich in diese Schule geschickt hat denn er hat ihn sehr geschätzt kam dort heraus und sagte
[27:40] also »das ist gegen- da was da jetzt geschieht ist gegen meinen Willen und ich höre auf der Direktor zu sein« und das war das erste Mal im Leben dass ich einen Erwachsenen weinen gesehen habe das war schrecklich also das war es dann haben wir begonnen
[28:08] alle in slowakische Schulen zu gehen ich konnte kaum Slowakisch weil äh es war nicht ich ha- es war keine Gesellschaft in der ich hätte Slowakisch lernen können also ich hab -s dann ich weiß die erste Zeit hab ich einfach seitenlang auswendig gelernt
[28:36] und kein Wort verstanden Geschichte oder solche Sachen aber es war noch eine Jüdin in d- in der Klasse also das war noch irgendwie hat (was) hatten wir uns befreundet und das Ganze hat nur ein Jahr gedauert dann hat man uns auch von dort herausgeworfen
[29:03] und dann gab es eine jüdische so genannte Bürgerschule die also keine Mittelschule so ein irgendwie um eine Nummer k- niedriger und da muss ich gestehen bin ich habe ich meistens geschwänzt habe mich zu Tod gelangweilt und
[29:31] da war ich schon in der Jugendbewegung
[29:34] in der zionistischen wir hatten einen Clubraum und wir haben dort tagelang verbracht Plakate gemalt und a- alles mögliche also ich war nicht die einzige es waren einige die das getan haben parallel dazu und dann das Jahr darauf wo wir auch dort nicht
[30:01] mehr gehen durften haben waren wir sechs Mädchen die alleine alleine oder fast alleine es war ein Student der uns manche Gegenstände unterrichtet hat und da haben wir uns in Privatwohnungen getroffen was auch ein bisschen sechs Leute man durfte nicht keine
[30:25] Versammlungen machen aber das war irgendwie die Grenze die noch durchgegangen wäre das war auch die Zeit wo wir bei meiner F- Freundin die mit dem Berg Aviva hat sie geheißen da haben wir uns ausgedacht da haben wir etwas gemacht was (Register) haben
[30:54] wir das genannt eine Aufstellung sag- dass äh also in einem bestimmten Jahr was geschehen ist das war so [gestikuliert] ein großes Papier und wir haben das so eingeteilt und oben ist das Jahr gestanden und dann war Geografie Geschichte und so weiter
[31:17] alle möglichen Naturwissenschaften und was in dem Jahr irgendwo entdeckt wurde geschehen ist oder so das war wirklich sehr schön eine große Arbeit und das hat uns sehr beschäftigt und dadurch haben wir viel gelernt ähm wie alt war ich ich war
[31:51] 15 da hat die zionistische Bewe- in der in der zionistischen Bewegung war schon sowieso das waren Hachschara genannt hat Vorbereitung also das waren meistens schon Erwachsene äh nach dem nach dem Abitur und zirka zu der Zeit hat man da einige für
[32:23] Jüngere gemacht die irg- au- alle aus den Schulen irgendwie herausge- -fallen sind und da da hat man den halben Tag gearbeitet und den halben Tag gelernt hauptsächlich Hebräisch jüdische Geschichte aber auch ganz allgemeine Sachen es war eigentlich
[32:53] mehr oder weniger haben wir d- den diesen Stundenplan selber gemacht mit einem der ich wei- ich weiß nicht wie das Wort Führer es stört mich so aber der der eben geleitet hat äh der war etwas älter als wir und wirklich ein ein sehr außergewöhnlicher
[33:19] Mensch ich habe er hat nach allem hat er der Aviva und mir noch zwei Briefe geschrieben die ich bis heute habe weil das bei der Aviva geblieben ist
[33:33] war die Hachschara in Pressburg auch
[33:42] nein überhaupt nicht in Pressburg war da- das einzige was war eine Hachschara von irgendwie leitenden Leuten in der Bewegung die die einfach zusammen gewohnt haben wo wir auch sehr oft waren weil das war irgendwie ist das ja dann ein Haus für alle aber
[34:09] die Hachschara war ganz im Norden an der polnischen Grenze im Norden der Slowakei das hat Tschadsa geheißen ein guter Freund von mir mit der damals auch dort war weil er dort geboren ist äh mit dem treffen wir uns bis jetzt jede Woche aber sonst
[34:37] sind also nicht sehr viele geblieben das war ein Haus in einem sehr großen Garten und das war eine Zucht von Angorahasen Kaninchen wo wir viel gearbeitet haben auch im Garten und G- Grünzeug und so und auch d- es war eine Wirtschafterin also auch eine
[35:08] aus der Bewegung ält- etwas älter als wir und damals habe ich gelernt Brot zu backen und ich habe dort allerhand gelernt ich erinnere mich nur wir waren dreißig also jeden Freitag musste man dreißig weiße Hemden bügeln weil am Freitagabend waren alle
[35:32] in weißen Hemden bis heute hasse ich es zu bügeln [lacht] aber im Großen und Ganzen war das eine schöne Zeit kurz
[35:49] wie lange war das denn ?
[35:51] ich habe dort begonnen im Herbst ich glaube Ende August und
[36:02] Ende März haben die Transporte begonnen das heiß am 21sten oder 22sten März war der erste Mädchentransport wir waren einigen die noch nicht 16 waren die hat man nach Hause geschickt
[36:26] ich war todunglücklich damals ich weil man ha- was man gesagt hat man wird auf Arbeit geschickt also da hätte ich doch no- auch mitgehen können aber wir haben sehr schnell erfahren woraus die Arbeit bestanden hat sehr schnell und also von dem
[36:52] Moment an ist uns bewusst geworden dass wir eine Aufgabe haben alles zu tun um irgendwie zu überleben und anderen helfen zu überleben der es war ein Ehepaar d- in der Jugendbewegung die schon verheiratet war in Pressburg eine Wohnung hatten eigentlich
[37:22] ein Zimmer genau genommen und mit ihm habe ich dann begonnen praktisch sofort äh gefälschte Papiere zu machen um hauptsächlich wer nicht sehr jüdisch ausgeschaut hat konnte sich trauen unterzutauchen ja mit w- einer die nötigen Papiere hatte eine
[37:55] Arbeit zu finden und äh das war eine ziemliches Unternehmen denn wenn mir jemanden gestanden ist er is- ist aus der und der Stadt musste er genug über die Stadt wissen und das war nicht so einfach vorzubereiten aber wir waren einige die da gearbeitet haben
[38:20] wir haben immer so im Scherz gesagt wenn wir einmal im Leben Papiere brauchen werden wird sich doch kein Mensch hinstellen in ein Büro zu gehen und Schlange zu stehen und so viel einfacher ist alleine zu machen [lacht] aber wir haben es uns abgewöhnt ich
[38:45] [gleichzeitig:] wussten wussten Ihre Eltern davon dass Sie so eine Arbeit tun die Sie selbst in Gefahr bringen könnte
[38:50] [gleichzeitig:] mein Vater nur mein Vater meine Mutter sie war auch eine sehr ängstliche Frau ich weiß schon doch wie ich klein war wenn ich nur gehustet habe also sie das wäre zu viel für sie gewesen und mit mein Vater hat auch gesagt [gestikuliert]
[39:14] vor der Mutter wir sind dann es war eine Pause dass die ersten Transporte sind im Frühjahr gegangen und das hat bis September gedauert und dann war eine zweijährige Pause das war
[39:47] ja also ich muss weiter von meinem Vater sprechen weil der
[39:53] nach der Bank und nach dem Joint hat sich dann die Judenzentrale gebildet eigentlich auf Befehl der Deutschen aber ich weiß nicht wie viel Sie über die die slowakische Geschichte wissen parallel mit den von den Deutschen befohlenen äh Judenzentrale
[40:33] hat sich eine zweite Zentrale gebildet in den von der nicht alle gewusst haben die offiziell darin waren und das war diese Gisi Fleischmann von der ich schon gesprochen habe das war eine ganz komische Zusammenstellung die eine Zionistin war das war ein
[41:00] sehr streng orthodoxer Rabbiner Weissmandl ein weniger orthodoxer ein sagen wir heute würde man Reform sagen Rabbiner mein Vater der ein assimilierter Jude war und dann noch einer der eigentlich getauft war der der vor Jahren schon zum Christentum
[41:32] übergetreten war aber es war eine ganze solche Abteilung weil die Judengesetze auch diese Leute betroffen haben so eigentlich der einzige mit dem ich wirklich offen über diese Sachen sprechen konnte war mein Vater denn er hat von allem gewusst da
[42:13] hat sich auch herauskristallisiert ich habe ihn sehr wir haben schon nicht mehr zu- unter ja also das ist eine andere Geschichte Juden mussten natürlich aus den Wohnungen und wir hatten eine gewisse Zeit mit der Großmutter gewohnt die eine große Wohnung
[42:36] hatte und man hätte ihr sowieso Leute reingegeben also da haben meine Cousine mit ihren Eltern ihre ältere Schwester war schon verheiratet haben dort gewohnt in einem Zimmer meine Eltern in einem anderen Zimmer und dann war ein ganz schmales Zimmer dort
[43:02] haben meine Schwester und ich geschlafen später dann auch meine Cousine
[43:10] was hat Ihr ich habe das noch nicht ganz verstanden was hat Ihr Vater in dieser Gruppe äh gemacht
[43:22] mein V- Finanzen
[43:25] ja
[43:27] das war sein äh ja er war Bankdirektor gewesen also das hat sich ganz natürlicherweise ergeben und scheinbar meine Tochter hat das geerbt die heutzutage für Beit Theresienstadt die Finanzen macht
[43:49] gab es innerhalb der Familie gab es innerhalb der Familie Pläne äh auszuwandern oder
[44:01] ja aber das war noch sehr wir hatten ziemlich viel Verwandte in Wien und die sind natürlich viel früher ausgewandert und ka- die meisten kamen über Pressburg als erste Station und wir haben immer gesagt »also hier kann das doch nicht passieren in
[44:30] der Tschechoslowakei in der demokratischen Freidenkern« es hat sich herausgestellt es konnte und ist passiert aber nicht sofort
[44:51] ja also eine Zeit lang nachdem wir aus nachdem wir wieder zurück in Pressburg waren haben wir uns irgendwie organisiert
[45:10] es gab damals drei Arbeitslager in der Slowakei wo sehr viele Leute aus der zionistischen Bewegung waren das waren noch so ziemlich die haben manchmal Urlaub bekommen und konnten nur jemanden besuchen gehen und so es waren noch ziemlich erträgliche
[45:38] Zustände also denen aber wollten wir Pakete schicken was gar nicht so einfach war es waren schon alles auf Zuteilung jedenfalls haben auch die Aviva auch ich begonnen zu arbeiten als als Babysitter d- jüdische Familien durften ja keine Angestellten
[46:05] haben das hei- christliche Angestellten also die ganzen Kinderfräulein und so das und die waren sehr froh wenn dann irgendein junges Mädchen paar Stunden mit den Kindern spazieren gegangen ist und das haben wir gemacht und so haben wir Geld verdient
[46:28] und dann haben wir tagelang gebacken und ja [Schnitt] ja da war auch eine komische Szene da wir hatten nicht mehr zu Hause gekocht nachdem wir schon mit der Tante und alle zusammen gewohnt haben meine Mutter meine Tan- ihre Schwester eigentlich aber das
[46:58] wä- hätte nicht geklappt so es gab eine so genannte Mittelstandsküche das ist eigentlich eine Volksküche aber auf etwas höherem Niveau mit Kellnern und so wo nachdem viele Juden in derselben Situation waren so einige Familien in einer Wohnung war
[47:26] das eine Lösung und da pflegten wir unsere Familie sich jeden Mittag zu treffen bis ich darauf gekommen bin dass ich ich habe immer das Geld bekommen für das Mittagessen d- dass ich das manchmal schwänzen kann und hab mir einen Apfel gekauft und das
[47:50] Geld statt dem Mittagessen für Paket für Lebensmittel verwendet die aus denen wir Pakete gemacht haben dann für die Leute die in den Arbeitslagern waren einmal war auch so eine Situation also in dem Gebäude in dem die Bank gewesen war damals war
[48:22] dort noch eine Bank wo mein Vater gearbeitet hat mitten in der Stadt war so ein langer Hof nach hinten dort waren einige Wohnungen und auch eine jüdische Familie die zwei kleine Kinder hatten ein Neugeborenes und ein Einjähriges also die haben wirklich
[48:53] jemand gebraucht die und dort war eine sehr strenge Großmutter also ich soll mit den Kindern spazieren gehen also gut das war keine große Sache aber nach zwei Tagen hat sie gesagt also wenn du ein bisschen früher kommen kannst dann kannst du ja
[49:18] auch noch die Windeln waschen damals hatten wir natürlich äh Stoffwindeln und so bin ich dort jede Früh gestanden mit einem Holz äh [gestikuliert] wie heißt das
[49:37] Bauchladen
[49:39] nein nein nein worin man gewaschen hat ein Gefäß
[49:44] [gleichzeitig:] ein Bottich
[49:46] ja so eine Art aber so länglich [gestikuliert] und eine Rumpel und habe Windeln gewaschen und einmal ich weiß wir hatten mit dem Vater besprochen dass wir Nachmittag das und das und er wollte mir sagen dass er nicht kann und er hat gewusst wo ich arbeite
[50:05] also es war kein Geheimnis nur was und er kommt und ich stehe dort mit den Windeln und also er war ein bisschen vor den Kopf geschlagen es nach der zweiten Minute sagte er »d- okay das macht mir ja gar nichts Arbeit ist keine Schande aber der Mutter
[50:30] werden wir davon nichts sagen« [lacht]
[50:37] wie lange ging diese Phase ?
[50:49] eine weitere Szene aus der Zeit wir konnten in der Wohnung bei der Donau bleiben obzwar normalerweise es war kein Ghetto in Pressburg aber es waren verbotene Straßen sagen wir oder besser gesagt erlaubte Straßen und das hat nicht dazu gehört aber der
[51:17] Onkel mit dem wir zusammengelebt hatten der Advokat gewesen war stammte aus demselben kleinen Ort aus dem der damalige Präsident Tiso stammte und so hatte er eine Präsidentenausnahme hat das geheißen verschiedene er musste zum Beispiel nicht mit dem Stern
[51:44] gehen mit dem gelben Fleck und noch einige andere Erleichterungen auch dass er dort wohnen konnte wo eigentlich Juden nicht wohnen durften also dass davon ha- das hat uns sehr viel geholfen nur seelisch denn es gab eine man musste zu gewissen Stunden
[52:11] am Abend zu Hause sein erst um acht dann schon so um sechs also d- da haben wir die meiste Zeit verbracht meine Cousine und ich dass wir aus dem Fenster geschaut haben wir kannten schon alle Schiffe die auf der Donau fahren herauf zurück alte Bekannte
[52:35] ich habe schrecklich beneidet es war gab solche Lasterschiffe wo Kinder Ball gespielt haben was für herrliche Kindheit auf der Donau herum zu fahren also das das war unsere Abendbeschäftigung aus dem Fenster schauen das war is- das war bis eigentlich
[53:18] wieder bis 44 September 44 meine die Cousine mit den Eltern na ja da war schon der Freie Slowakische Staat in der Mittelslowakei und die verheiratete Schwester meiner Cousine hat dort gelebt also an einem gewissen Stadium hat sie gesagt äh hat
[53:59] sie die Eltern zu sich gerufen und auch die Schwester und die sind hin es war sogar noch eine in dem Sommer davor dass ich wir hatten dort eine weitere Tante eine Schwester meiner Großmutter dass äh ich zu der eingeladen war und wir beide einige Wochen
[54:25] im Sommer dort waren und da haben die ganze Jugend dort kennen gelernt das war sehr schön noch so die letzten sozusagen freien Tage darauf Ende
[54:46] können wir eine kurze Pause machen ? [Schnitt]
[54:51] ja also in dieser Zeit wo irgendein ein Atemholen war weil keine Transporte mehr gingen es das wusste ich schon von meinem Vater dass mit eigentlich mit Bestechungen hat man die slowakische Regierung dazu gebracht dass sie die Transporte gestoppt haben
[55:27] es äh es ist immer weiter gegangen natürlich dann sind sie wieder gekommen mit irgendwelchen Anforderungen man hat wieder versucht Geld irgendwie aufzubringen aus der Schweiz aus auch von hier von Palästina [räuspert sich] alle möglichen Wege von
[55:54] denen ich natürlich nicht sehr viele Details wusste ich wusste nur dass es existiert
[56:04] bis dann in der Mittelslowakei ein Partisanenaufstand war gegen die deutsche Besetzung und d- dann wurde die ganze Slowakei von den Deutschen besetzt ich kann mich noch
[56:31] an den Tag erinnern ich bin irgendwo hingegangen und ein ganzer Trupp deutscher Soldaten mit in feldgrau und so sind marschiert und ich habe mir noch gedacht ich muss wegschauen denn wenn die sehen an meinem Gesicht wie ich sie hasse dann werden sie
[56:53] mir etwas tun ja da war eine irgendwann mitten in wer einkaufen durfte man nur zu bestimmten Stunden Juden und das war natürlich so dass dann nirgendwo mehr etwas war wir hatten aber ganz in der Nähe war ein kleines Geschäft im im erst- v- von
[57:28] Anfang an immer gekauft haben und er war sehr anständig er hat uns immer Sachen weggelegt und so und ich weiß schon nicht mehr was eigentlich los war irgendein incident der die Familie hatte eine Tochter so ich weiß zwölf 13 Jahre und die
[57:58] kommt plötzlich ganz aufgeregt ins Geschäft gelaufen »und stell dir vor man die Soldaten haben einen Juden gepackt und schneiden ihm den Bart ab also wenn das der Führer wüsste« [gestikuliert] so wie es begonnen hat auszuschauen dass die
[58:37] Pause nicht anhalten wird in dem Haus in dem wir wohnten zwei Stock unter uns war eine Familie die wir eigentlich nicht besonders gut kannten nur v- dass man sich gegrüßt hat wenn man sich an auf den Stiegen getroffen hat oder so die wussten natürlich dass
[58:58] wir Juden sind und das war nachdem Pressburg schon ein- oder zweimal bombardiert worden war und die hatten ein Gut am Land und sind dorthin gezogen und bevor sie weg sind kamen sie zu uns mit dem Schlüssel von der Wohnung »man kann ja nicht wissen was
[59:21] sein wird und vielleicht wollt ihr euch irgendwelche Vorräte und in der Wohnung verstecken und so macht dann was ihr wollt ihr habt die Schlüssel« ganz unerwartet und sehr anständig also da meine Mutter hat begonnen Lebkuchen zu backen denn
[59:46] das war etwas was lange hält und mit der Zeit und so immer später ja in der Nacht sind wir herunter haben uns irgendwelche Vorräte dort an- dort angesammelt
[1:00:01] und genauso meine Freundin die Aviva wohnte damals schon mit den f- gefälschten Papieren
[1:00:14] und hat in einer Bank gearbeitet wohnte aber zwei Häuser von uns und da hatten wir uns angewöhnt dass spät am Abend kam sie äh ins Tor bei uns und wir haben uns dort treffen können und ein bisschen geredet und so damals habe ich ihr auch gegeben
[1:00:38] denn es war eigentlich kein Tagebuch aber ich habe geschrieben weil ich Teenager irgendwie musste ich und das habe ich ihr gegeben aufzuheben und und sie hat mir sie hat einen Teil verloren denn sie hat ja auch noch allerhand mitgemacht und so
[1:01:09] nachher habe ich es den Rest zurück bekommen und habe es noch ich habe es dann überschrieben weil das war mit Bleistift und war schon ganz ausgeblasst und ich hatte einen Freund damals der auch schon mit falschen Papieren war aber wir haben uns genauso
[1:01:36] getroffen entweder im Haustor oder manchmal haben wir uns getraut dass war ein entlang der Donau war eigentlich so eine Promenade wo man aber die Fortsetzung war dann nicht gepflastert dass war ein Teil wo nur so ein Sandufer war und dort ist eigentlich
[1:02:01] nie jemand gegangen also dort haben wir uns gepflegt zu treffen er hat mich dort einmal fotografiert ich habe das Bild bis heute nicht dass ich auf einem Stein sitze und in an die Donau schaue und er hat das zum Entwickeln gegeben und dann wie das Bild
[1:02:26] dann entwickelt war war ich schon lange nicht mehr da aber er sagte de- der Fotograf der das entwickelt hat war so begeistert dass er das Bild in die Auslage gestellt hat und er kommt dorthin und fast hat ihn der Schlag getroffen [lacht]
[1:02:46] aber Sie haben dieses Bild bis heute nicht gesehen
[1:02:50] sie wussten nicht wer ich bin also
[1:02:52] aber Sie haben dieses Bild nie gesehen selber ? Sie
[1:02:57] nein er nach nach allem hat er es mir gezeigt aber ich habe es nicht es gibt ein anderes Bild aus der Zeit und das ist auch einer der der dann später einer der leitenden Persönlichkeiten in der Bewegung war etwas älter wie wir also mit dem waren
[1:03:25] wir auch sehr befreundet und sehr oft haben wir uns getroffen irgendwo wo unauffällig und so es gibt ein Bild die Aviva er und ich dass ich ha- natürlich mit allen Sachen habe ich es verloren aber er hatte das Bild und hat mir dann einen nach
[1:03:54] dem Krieg nach langen Jahren eine Kopie gebracht also das ist so das typische Bild aus der Zeit und noch eines wir pflegten an Freitagen so eine wir haben das Oneg Schabbat genannt eine eine ich weiß nachdem wir nicht fromm waren wa- war es eigentlich
[1:04:24] aber es war in der Jugendbewegung üblich den Schabbat zu begrüßen irgendwie zu feiern man hat sich normalerweise getroffen und jemand hat ein Programm vorbereitet oder gesungen oder Gedichte irgendetwas Kulturelles also wir haben das weiter gemacht
[1:04:50] so lange es ging und zwar die Aviva ich und noch eine Freundin die lebt heute in Tel Aviv und das war auch so ein sehr typisches Bild aus der Zeit wir sitzen zu dritt jemand kam dann herein und hat uns fotografiert mit den zwei brennenden Kerzen
[1:05:18] also dieses Bild und das Bild auf der Bank wo wir zu dritt sind das sind so die Bilder aus der Zeit die ich hab
[1:05:31] und das ging alles bis September 44 immer noch
[1:05:41] äh ja wir hatten ein Versteck vorbereitet weit außerhalb der Stadt das war irgendein Dorf eine f- es war de facto eine Bekannte einer früheren Hausgehilfin von uns die hat das irgendwie vermittelt ich weiß nicht mehr wie was wo und wir
[1:06:20] noch bevor de- der Transporte begonnen haben in diesem September sind wir dorthin der Sicherheit halber zu Fuß weil man Juden durften doch die Elektrischen nicht ver- mehr verwenden und damit nicht irgendjemand uns irgendwo erkennt ziemlich spät
[1:06:50] am Abend das war ein Bauernhaus dass einen Keller hatte aber dort kein richtiger Keller eigentlich war der nackte Boden dort nicht gepflastert und in diesem einen Raum waren schon ein Ehepaar und noch ein junger Mann [hustet] und dann kamen wir vier
[1:07:19] dazu ich weiß nicht wie lange wir dort waren ich kann es irgend- kann es nicht genau feststellen ich weiß wir durften nur spät in der Nacht heraus ein bisschen Luft schöpfen und ich hatte Bücher mit und habe dort geschrieben aber es es war
[1:07:52] eine jedweder Kontakt war weg zu unseren Leu- meinen Freunden mein Vater hatte irgendeinen eine Möglichkeit er hat irgendeinen Menschen gehabt der ihm referiert hat so da- dass er wusste was sich in der Judenzentrale tut und w- da waren aber schon
[1:08:24] fast alle in Transporten
[1:08:33] nochmal zum Verständnis sind Sie dann bis zum Schluss in diesem Versteck geblieben ? in diesem Bauern-
[1:08:35] hm ?
[1:08:38] zum Verständnis sind Sie bis zum Schluss in diesem Versteck geblieben
[1:08:40] [gleichzeitig:] nein
[1:08:43] oder sind Sie zurück in Ihre Wohnung gekehrt in die Wohnung der Großmutter
[1:08:45] wir sin- [hustet] nein wir sind in unsere Wohnung zurück weil wir die Nachricht bekommen haben dass man äh sich mit den Deutschen ir- da war da war schon die deutsche Besatzung organi- dass man sich arrangiert hat und das die auch bestochen wurden und
[1:09:06] keine Transporte
[1:09:10] und da sind wir in die Wohnung zurück und meine Großmutter hat damals schon nicht mit uns gewohnt sie war in einer Provinzstadt bei einer Verwandten ver- das heißt eine Cousine von mir äh d- die mit einem Arzt verheiratet war der
[1:09:38] dor- in der Stadt im Spital gearbeitet hat hat sie mit gefälschten Papieren dort als Kranke hereingebracht dass ja also die Geschichte meiner Großmutter machen wir [gestikulierend:] eine Klammer die das habe ich natürlich erst nachher erfahren
[1:10:03] war dort die ganze Zeit bis man auch den Cousin deportiert hat und niemand wusste dass sie eine Jüdin ist eines Tages kommt der Arzt zu ihr und sagt also »leider der Doktor Orowan wurde transportiert und so und wir können Sie auch Sie sind
[1:10:38] gesund Sie können nach Hause« also sie hatte aber kein Zuhause sie hatte aber ein bisschen Geld und hat sich dort im Ort ein Zimmer gemietet hat begonnen zu stricken und es an Leute zu verkaufen sie hat sehr schöne Handarbeiten gemacht also davon
[1:11:05] hat sie eigentlich bis zum Ende gelebt niemand wusste wo sie ist sie das Letzte was wir wussten war in dem Krankenhaus dann nach dem Krieg schon hat sich mein Onkel gepackt er fährt sie suchen und hat sie de facto gefunden wie weiß ich bis heute nicht
[1:11:31] und sie hat dann bei meiner Tante gewohnt die letzte Zeit sie hat bis zum Ende nicht begriffen dass alle die ganze Familie weg ist sie das hat sie einen derartigen Schock gemacht dass sie eigentlich nicht mehr ganz da war ich weiß ich war noch
[1:12:06] nach dem Krieg schon wir hatten irgendein Treffen in Budapest Reste der Jugendbewegung und äh meine Schwester und ich sind dort hingefahren und wie wir zurückgekommen sind Post war doch nicht und Telefon schon überhaupt nicht also es war keinerlei
[1:12:32] Kontakt wir sind zurückgekommen und haben erf- gerade noch zum Begräbnis und ich weiß ich glaube das war das erste Mal dass ich mir erlaubt hab zu weinen und ich erinnere mich mein Onkel eines ihrer Söhne hat damals gesagt »alle weinen aber nach
[1:13:03] ihren Toten und nicht nach meiner Mutter« was gestimmt hat
[1:13:14] ja also jedenfalls die meine aus dem Versteck hat mein Vater erfahren dass alles ist in Ordnung wir sind zurück in die Wohnung und in dieser Nacht hat man uns geholt kaum hatten
[1:13:54] wir uns schlafen gelegt hat es an die Tür gebumst zehn Minuten zum Packen und weg also ich weiß ich war noch ganz unglücklich ich hatte damals nur eine Lesebrille ich bin noch nicht mit Brillen ständig gegangen und die habe ich vergessen also es
[1:14:22] hat nicht viel ausgemacht mein so genanntes Tagebuch beginnt eigentlich dass ich dann nach dem Krieg w- wo wir in Mauthausen befreit wurden aber noch Quarantäne war dort habe ich dann geschrieben und begonnen mit dem wo wir an der Sammelstelle stehen
[1:14:53] dass war vis-à-vis unserem Haus am ganz an der Donau und ich ich habe so in das schwarze Wasser gestarrt es war Mond und habe mir so gedacht also jetzt sehe ich das zum letzten Mal ich habe keinen Moment geglaubt dass ich das überleben werde damals
[1:15:20] also man hat uns dann in die da hat Stunden gedauert man ist von hier und da gestanden dann hat man uns alle gebracht eigentlich ins Büro von meinem Vater in die Judenzentrale und er war sehr froh denn er hatte dort ein Paket Zigaretten im Schreibtisch
[1:15:49] und den nächsten Tag nach Sered das war eines eigentlich gewesen eines der Arbeitslager aber dann wurde es zu einer Stelle wo man vor den vor der Deportation die Leute konzentriert hat wir waren dort einige Tage alles im schrecklichen Gedränge auf
[1:16:23] dem Boden geschlafen und so ich hab wir haben dort getroffen meine frühere Religionslehrerin die etwa sechs Kinder hatte und als wir dann in den Zug kamen waren wir in demselben Abteil also denn ich habe ihr eines der Kinder abgenommen die Frau
[1:16:58] wusste einfach nicht wie wie das zu bewältigen sie hat mir scheint sechs Kinder gehabt also eine Mindel hat sie geheißen die habe ich die ganze Zeit am Schoß gehalten den ganzen Weg nach Auschwitz mittendrin war eine große Debatte einige wo- haben
[1:17:27] vorgeschlagen sie die haben irgendein Werkzeug sie können das Fenster aufstemmen und aus dem Zug springen und einige sind auch aber nicht von unserem Abteil wir haben es nur gesehen die meisten hat man sofort gefangen ich weiß nicht genau wie
[1:18:00] lange wir gefahren sind es hat eine Ewigkeit geschienen natürlich keinerlei Möglichkeiten von Toiletten oder so ein Kübel wurde in die Mitte gestellt der sich sofort gefüllt hat es hat gestunken es war eng äh und dann sind wir in Auschwitz
[1:18:33] angekommen das heißt äh immer hat irgendjemand eine es war eine Klappe oben also wenn einer auf den anderen geklettert ist konnte man heraus sehen so dass wir ge- zirka gewusst haben wi- wohin wir fahren wie wir fahren und es war schon klar dass es Auschwitz
[1:18:58] sein wird jetzt zum Unterschied von vielen anderen wusste ich sehr genau was Auschwitz ist denn in Frühjahr 43 sind zwei Leute aus Auschwitz geflohen zwei Slowaken die einen sehr detaillierten Bericht gegeben haben der ist dann überall in
[1:19:37] die Welt gekommen aber ich habe ihn im ersten Moment gelesen ich auch wieder mein Vater hat mir das gebracht hat gesagt »nicht der Schwester nicht der Mutter«
[1:19:55] die beiden äh Rudolf Vrba und Alfred Wetzler die kamen nach Pressburg zurück haben ihrem Vater den Bericht unter anderem abgegeben
[1:20:07] [gleichzeitig:] unter anderem sie haben eine Gruppe (genau)
[1:20:09] und Sie haben also Sie persönlich haben äh so über die über das was in Auschwitz passiert schon 1943 erfahren
[1:20:16] [gleichzeitig:] und ich hab den Bericht gelesen ja so was viele natürlich nicht wussten niemand wusste das nur eine ganz kleine Zahl von Menschen
[1:20:28] wie haben Sie damals darauf reagiert als Sie das gelesen haben
[1:20:32] ich war sicher das ist das Ende das Komische ist wenn ich heute daran denke ich war nicht so erschüt- erschüttert wie ich hätte vielleicht sein sollen es waren schon so viele Nachrichten von dass man Leute erschossen hat also da umgebracht dort
[1:21:02] umgebracht es war noch etwas irgendwie wenn ich heute daran denk ist das komisch aber vielleicht kann man so viel nicht aufnehmen jedenfalls d- gleich unter den ersten [Türklingel im Hintergrund; Schnitt] ich habe schon wieder den Faden verloren
[1:21:40] als Sie ankamen in Auschwitz
[1:21:42] ja die erste wenn man Überraschung sagen kann war dass wir dort die Mädchen getroffen haben die im 42er depotiert wurden das heißt wir haben einige gekannt noch von früher und
[1:22:05] konnten Sie mit Ihren Eltern zusammen bleiben ?
[1:22:11] schon nicht mehr nein am ja d- weil das so ein schwerer Moment war w- man hat uns aus dem Zug heraus »schneller schneller« mit Gebrüll mit und »alle Sachen da lassen die bekommt ihr nachher« wir hat- eine Sekunde lang konnte ich meinen Vater
[1:22:46] umarmen und er sagte noch »pass auf deine Schwester auf« und das war es und meine Mutter ist mit einer anderen Frau gegangen und ich hab hab noch in den Ohren die all man hat alle getrieben getrieben dass sie geschrien hat »meine Kinder meine Kinder«
[1:23:15] das war das letzte Mal wo ich sie gesehen habe von meinem Vater hatte ich noch Nachricht ein oder zwei Tage nachher der war scheinbar in einem anderen Lager dort kam einer ein irgendein Arbeiter der mit einer Leiter herumgegangen ist und scheinbar
[1:23:43] von einem Lager ins andere gehen konnte und sagte »Grüße von deinem Vater er ist in Ordnung und passt auf euch auf er wollte dir schreiben aber das ging nicht« ja und in Auschwitz hat man uns dann Selektion meine man hat uns zugeworfen Kleider
[1:24:30] und meine das heißt erst mussten wir duschen ausziehen Kleider meine Schwester hat irgendeine Art von Mantel bekommen und hat in der Manteltasche ein Kopftuch er- erst hat man uns natürlich abrasiert ich erinnere mich an das Gefühl wie mir die Haare
[1:24:52] am Schoß gelegen sind und eine haben wir die andere angeschaut und haben gebrüllt vor Lachen niemand hat niemanden erkannt ab- das war auch schon so hysterisch sie zieht das Kopftuch aus der Tasche und fragt dort irgendeinen wahrscheinlich SS-Mann
[1:25:16] »was soll ich damit machen« und sagt er »du böde Gans steck es zurück« und ich war schon zwei Schritte vorher und sie läuft mir nach und ein a- SS-Mann sagt »Fräulein eilen Sie sich nicht so Sie kommen noch rechtzeitg« also da war sie noch
[1:25:44] Fräulein aber das hat sich dann aufgehört das Erste als wir in äh hat man uns (hereingepflanzt) drei Stock hohe Betten kann man nicht sagen also wie sagt man das
[1:26:05] Pritschen
[1:26:07] ja also irgendwo hat man uns hereingestopft und der nächsten Morgen dann Zählappell und so wie wir heraus sind plötzlich fällt eine Frau vor mir auf die Knie und sagt »wie kann ich dir danken ?« (also) was ich kenn eine wildfremde Frau da sagt sie
[1:26:31] »wofür ?« sage ich ihr »wofür ?« »du hast meine Tochter gerettet vor zwei Tagen hast du ihr die gefälschten Papiere gebracht und sie ist untergetaucht« ich habe die nie mehr wieder gesehen
[1:26:50] also so ganz genau weiß ich nicht ich ich habe es irgendwo
[1:26:58] steht es wie lange wir in Auschwitz waren paar Tage und dann ha- ha- es waren dort von den ersten slowakischen Mädchen die hat man uns zugeteilt als Aufseherinnen einige nicht alle und e- die haben herumgebrüllt wie wild aber dann die eine hat uns dann
[1:27:29] so ja wir sind drauf gekommen dass wir jemanden dass wir einen gemeinsamen Bekannten haben und also da waren wir schon praktisch verwandt und sie war sehr anständig und hat immer so unter der Nase gesagt »kümmert euch nicht ich muss brüllen sonst glauben
[1:27:51] sie ich bin zu nett zu euch und nehmt das nicht zu Herzen« und so und die hat uns gesagt man schickt Leute auf Arbeit »bemüht euch in so einen Transport zu kommen nur weg von hier« also irgendwie d- haben wir gesehen daneben stellt man Leute auf
[1:28:22] wir hatten noch eine ich weiß schon nicht äh wir ha- haben sie flüchtig gekannt sie war zirka im Alter meiner Schwester vielleicht sogar ein Jahr jünger und die ist total äh zusammengebrochen hat geheult ununterbrochen und wir haben sie so nach
[1:28:52] uns mitgezogen weil sie hätte sich dort hingelegt und aus also die haben wir geschleppt und sind wirklich in eine Gruppe gekommen die zum Zug gegangen ist jeder hat ein Brot bekommen und dann wir hatten keine Ahnung wer wohin warum da es wir haben
[1:29:28] nur gesehen Zivilisten kommen und man musste sich splitterfasernackt aufstellen in zum Zählappell und so d- wie Schlachtvieh die haben sich ausgesucht wer arbeitsfähig ist wer nicht wer zu d- mager ist wer zu dick ist also da sind wir durchgerutscht
[1:29:54] und kamen dann in den Zug
[1:30:00] dieser Zug stand der in Birkenau an der Rampe oder in Auschwitz am Bahnhof von wo ist der abgegangen ?
[1:30:11] [gleichzeitig:] ich weiß es nicht ich weiß es nicht angekommen sind wir an der Rampe das bin ich sicher wo er weggegangen weiß ich nicht das war alles erstens die Scheinwerfer man hat doch nichts gesehen starke Scheinwerfer rundherum und dunkel dazwischen
[1:30:30] irgendwo steht es wahrscheinlich in einem der Bücher
[1:30:39] jedenfalls an da hat man auch begonnen zu raten jeder hat geschaut wo sind wir wohin fahren wir also es war klar d- dass wir irgendwie scheinbar entlang der polnischen Grenze dann durch Böhmen
[1:31:05] ich weiß man hat wir sind irgendwo in Böhmen gestanden in Budweis dass heißt das weiß ich jetzt damals wusste ich nicht und da kam eine Delegation aus der Stadt sie haben sie haben einen großen Kessel mit Essen gekocht und ob sie es verteilen dürfen
[1:31:32] also dann man hat das großzügig erlaubt und ich sehe noch wir ich weiß nicht mehr ob wir das ins Abteil bekommen haben ob wir es draußen bekommen haben ich weiß nur ich hatte plötzlich eine Tasse mit Milchkaffee und ein Stück Kuchen und da
[1:32:03] habe ich losgeheult ja also da von dort kamen wir dann nach Freiberg das ist nicht weit von Dresden wo wir haben gesehen ein großes Haus ein riesen Tor und so am neben dem Tor stand Freia Porzellanfabrik aber das war nur das war nur eine Täuschung
[1:32:46] was man dort gemacht hat waren Flügel von Flugzeugen und de- die ersten Tage hat man uns hingestellt mit einer Feile nur Blechstücke feilen Stunden und Stunden und Stunden eigentlich wie wir dann schon richtig arbeiten durften war es eine Erleichterung
[1:33:11] aber auch wir haben zehn manchmal zwölf Stunden gearbeitet es war nicht leicht aber es war gerade noch erträglich todmüde natürlich die Betten total verwanzt wir haben uns angewöhnt scheinbar ha- schmecke ich den Wanzen weniger als meine
[1:33:45] Schwester wir haben die ganze Nacht immer Plätze getauscht weil alle übersiedelt sind zu ihr ja und nach v- vielen Jahren als wir irgendwo einmal zusammen im selben Bett geschlafen haben habe ich ihr gesagt »also in Auschwitz war das viel einfacher
[1:34:09] da hattest du keine Haare« sie hatte lange Haare und die haben mich immer gestört [lacht] ja also eines Tages dann hat man uns wieder Zählappell und es kamen scheinbar irgendwelche Fabrikbesitzer und äh haben uns ausgesucht und wir sind äh
[1:34:40] wieder in einen Zug offenen Zug Viehwaggons ohne Dach und natürlich nach einer Stunde hat es begonnen zu regnen aber wenn man einmal nass ist ist schon egal ich weiß nicht mehr genau das heißt ich habe es irgendwo aufgeschrieben genau die Daten weil
[1:35:09] nachher kam ein Buch heraus über dieses Lager so diese technischen Sachen stehen dort wir kamen an ich weiß gar nicht mehr was das Erste war man hat uns irgendwie auf Zimmer verteilt und dann bekamen wir den Vortrag dass äh also Auschwitz
[1:35:54] seid ihr irgendwie entgangen aber da glaubt noch nicht das alles gut ist und es wird noch ärger und so weiter
[1:36:06] wo war das jetzt ?
[1:36:08] in Freiberg
[1:36:11] das ist noch in Freiberg gewesen
[1:36:13] ja dort waren wir fast bis zum Schluss ja einen Moment [Schnitt]
[1:36:23] vor der Pause hatten Sie beschrieben dass Sie in Freibur- Freiberg angekommen sind und dort Zwangsarbeit leisten mussten in einer Flugzeugfabrik Sie waren gemeinsam mit Ihrer Schwester nach wie vor wie ging es dann weiter ?
[1:36:40] eigentlich [räuspert sich] ging das so weiter bis zum Ende wir hatten zum Glück einen sehr anständigen Meister weil die manche Meister haben herumgebrüllt und Sachen herumgeschmissen der war ich glaube er war auch überrascht dass wir nicht gebellt
[1:37:13] haben sondern dass wir Deutsch gesprochen haben und äh hat uns wir hatten überall Wunden die nie geheilt sind er hat uns einige Male Verbandszeug wer so ein Flügel [gestikuliert] hat hinten Rippen und da sind solche Abteile so also hat er uns Verbandszeug
[1:37:39] dort hingelegt Kandiszucker hier und da so und das hat nicht nur de facto geholfen auch seelisch dass jemand überhaupt uns noch als Menschen betrachtet in der gleichen Fabrik waren auch äh französische äh italienische Kriegsgefangene wieso
[1:38:15] weiß ich nicht irgendwie und die arbeiteten dort in der Elektrowerkstatt und nach einiger Zeit nachdem sie uns schon gekannt haben äh haben sie uns erzählt dass sie ein Radio haben selbst gebastelt und alles mögliche abhören können wir arbeiteten
[1:38:45] an den Flugzeugen jeder mit einer sehr starken Lampe weil [gestikuliert] in diese Rippen musste man hereinleuchten um die Nieten richtig zu machen also nachdem diese Birnen häufig ausgebrannt sind das war immer die Ausrede in die Elektrowerkstatt innerhalb
[1:39:06] der Fabrik musste man sich nur bei der SS-Frau abmelden »ich gehe die Birnen wechseln« und dann hat man dort immer Nachrichten bekommen und dass hat uns ein bisschen die Moral gehoben ach die Front ist schon da und die gehen schon zurück und so
[1:39:30] das war das einzige was wir von der Außenwelt wussten dann haben wir begonnen d- diese Werkstatt war am ersten oder zweiten Stock ich weiß schon nicht mehr aber oben und man hat ziemlich weit von dort gesehen eine der Sachen auf dem Berg vis-à-vis
[1:40:02] der Fenster ein Hügel eigentlich war ein ganz junger Baum das war eine zweite Sache die die Moral gehoben hat sa- es war ein schwerer Winter und dieser Baum ohne Blätter natürlich im Dezember und so hin und her gerüttelt und so und ich habe immer gedacht
[1:40:27] wenn du stehen bleibst dann kann ich es auch aushalten und der ist irgendwie ein Symbol geworden und nach vielen Jahren waren wir in der Fabrik eigen- die keine Fabrik mehr war natürlich dort war ein Büro vom Landesgericht oder was und äh also die
[1:40:56] haben gehört w- was wir suchen und so »ihr könnt überall« da da war ich mit dem Max nicht mit meiner Schwester »das ganze Gebäude ist euch frei wo ihr wollt« und so also wir sind dort wirklich herumgegangen und so und ich konnte den Baum nicht finden
[1:41:16] dann habe ich der e- eine sehr nette Frau (Schlesinger) hat sie geheißen gesagt dass ich den Baum such sagt sie »ach wahrscheinlich hat man dort schon gebaut« das also ich habe ihn nie mehr wieder gesehen
[1:41:34] zu Weihnachten oder kurz nach Weihnachten
[1:41:48] hat man uns übersiedelt erst hatten wir in in der Fabrik gewohnt in einem Stockwerk das heißt im oberen Stockwerk waren Zimmer und im unter uns zwei Stockwerke die Fabrik was sehr schön war denn dort war ge- zentral geheizt und es war sehr angenehm
[1:42:14] dann kamen wir in ein scheinbar neu errichtetes Barackenlager bisschen außenhalb es war ein schwerer Winter und sehr viel Schnee ich erinnere mich der Weg zu Fuß immer von der Fabrik im- zu den Baracken und zurück war sehr schwer aber wir wir
[1:42:41] haben bei den Geschäften haben wir lange Schlangen gesehen und die waren angestellt für Milch und die Milch war nicht weiß sondern bläulich also wir haben gesehen sehr gut geht es den Leuten auch hier nicht es waren einige hauptsächlich eine
[1:43:10] der SS-Frauen die sich sehr menschlich benommen haben eine ältere die hat man dann angeblich entlassen weil sie zu anständig war und das war schon im Frühjahr da waren wir oft draußen neben den Baracken und es führte ein Weg vorbei es war ein Zaun natürlich
[1:43:39] und sie ist öfters gegangen und hat uns immer Mut zugesprochen »noch d- es wird bald zu Ende sein Mädchen aushalten gibts nicht auf« und das hat sie so unter der Nase im Vorbeigehen gesagt
[1:43:56] wissen Sie ihren Namen noch ?
[1:44:04] hm [schüttelt den Kopf]
[1:44:06] wissen Sie ihren Namen noch ?
[1:44:09] nein ich kann nur die an eine (Elfriede) weiß ich do- auch nicht wie sie sonst die wir haben sehr oft nach der Arbeit und so wenn man irgend konnte ich weiß das klingt lächerlich zu sagen haben wir ein Kulturprogramm gemacht jeder hat irgendetwas
[1:44:30] entweder referiert über ein Buch das er gelesen hatte oder einen Film irgendwie haben wir uns daran geklammert Menschen zu bleiben und die ist einige Male hat sich so hereingestohlen und geschaut »ich b- ich bin gar nicht da und kümmert euch nicht ich
[1:44:56] setze mich nur in die Ecke« und hat immer geheult wie ein Schlosshund wenn sie uns gehört hat weiß nicht was aus ihr geworden ist wir waren in einem Zimmer mit einer Gruppe von Wiener Mädchen vielleicht auch wegen der Sprache hat sich das
[1:45:25] ergeben ich weiß nicht und wir haben uns sehr befreundet mit denen ich habe auch eine irgendwie wiedergefunden nach dem Krieg mit Mühe und Not weil niemand hat daran gedacht sich uns Adressen geben niemand hat ein normales Leben überhaupt gedacht
[1:45:53] aber ich habe sie irgendwie gefunden und also sie hat kein schönes Ende gehabt aber das gehört nicht dazu das ging so bis kurz nach Weihnachten wurden wir in die Baracken übersiedelt und das war eine Eiseskälte und es hat hereingeregnet und ich
[1:46:28] weiß nur dass überall wo irgendein Wasser war war es gefroren auch mit dem waschen durften wir uns irgendwie draußen war ein äh Wasserhahn und hie und da in Duschräumen aber das war einmal in der Zeit und ich weiß noch der Oberste der
[1:47:02] SS-Mann kam herein »ihr Schweine wäscht euch schon wieder« das war dann haben wir begonnen z- Flüchtlinge zu sehen lange von oben in der Fabrik sah man auf einen Feldweg und rei- erst vereinzelte Wagen nicht Autos Leiterwagen und dann Leute
[1:47:44] die geschleppt haben mit Kinderwagen Kinder auf den Schultern alle möglichen Fahrzeuge ha- haben ihr Hab und Gut geschleppt und sind geflohen wir hatten keine Ahnung von wo wohin wieso aber dann es hat sich herum- dann haben wir schon gehört die Front
[1:48:08] nähert sich die Kanonen immer lauter und lauter dann haben wir einige Tanks gesehen und da war noch die Debatte sind das deutsche sind das englische die was für Farbe haben sie das war ziemlich weit äh bis die Amerikaner kamen und das war
[1:48:40] eines Tages wachen wir auf und normalerweise war in der Früh Zählappel und nichts niemand kommt niemand schreit niemand sagt etwas bis sich eine getraut hat die Nase herauszustecken und weit und breit keine Seele unsere größte Sorge war in dem
[1:49:14] Moment wir haben noch nichts zu essen bekommen niemand war sich bewusst dass das wirklich das Ende sein kann aber noch an dem Tag haben wir irgendwie vom Hof aus gesehen das Hauptlager war auf einem Berg ein ganzes Stück von uns und unseres hat war
[1:49:46] das so genannte Zigeunerlager das war unten im Tal und plötzlich haben wir gesehen oben ist eine weiße Fahne später haben wir erfahren dass die Amerikaner schon dort waren gewesen waren äh gefunden haben dass dort eine Untergrundregierung gibt die
[1:50:12] der sie irgendwie das Ganze übergeben haben und die sind weiter gezogen und sind erst nach ein paar Tagen dann zurückgekommen die Amerikaner in dem Moment wo es sich herausgestellt hat dass die ganze SS weg ist die ganzen auch die jüdischen Aufseherinnen
[1:50:39] haben wir irgendwie nicht gesehen in demselben Raum war eine Gruppe von ich weiß gar nicht was sie waren uns vis-à-vis war eine Gruppe von deutschen Prostituierten die sehr anständig sich benommen hat aber weiter im Lager waren ich weiß nicht
[1:51:13] von wo sie waren die haben sich ständig geprügelt aber körperlich geprügelt eine die andere dort war der Teufel los also wir haben uns je weiter dort entfernt gehalten die eine der Prostituierten hat dort ihr Gewerbe v- vollzogen und sagte noch »Ihre
[1:51:41] jüngere Schwester muss das nicht sehen halten Sie ihr die Augen zu« und äh verschiedene Feldwebel und weiß ich was sind da zu ihr gekommen und die hat uns ein Buch gegeben ich ich weiß noch es war von Cronin auch ein Buch zu lesen war etwas Unnormales
[1:52:07] das war ich sehe noch wie wir beide so [gestikuliert] unter der Decke hocken und das Buch zusammen lesen
[1:52:18] dann irgendwie plötzlich war es aus die plötzlich waren die Amerikaner da am ich weiß wir sind sch- da haben wir uns schon herausgetraut
[1:52:51] aus der Baracke und es war also ein schöne ein s- schöner Frühlingstag Sonne draußen und einer der amerikanischen Soldaten sieht uns dort herumstehen die SS-Frauen sind alle durchgegangen aber er hat scheinbar einer den Koffer weggenommen d-
[1:53:24] weil er stand da mit dem Koffer und sagt »da was immer drin ist nehmt euch das ihr braucht das (mehr) « also es waren dort Herrenhemden drinne [hustet] wir haben uns sehr gefreut denn wir hatten praktisch Fetzen an und dann nach ein oder zwei Tagen
[1:53:56] kamen kamen junge Burschen aus dem Hauptlager und haben uns gerufen wir sollen uns dort ein Zimmer finden die weil die sind (gerne) in der SS-Baracke weil die sind alle durchgegangen und dort habt ihr anständigere Zimmer also dieses Zimmer wurde
[1:54:29] dann wirklich zum Zentrum a- alle sind immer hingekommen wir haben sozusagen gekocht dort habe ich dann einen ich weiß nicht bis heute wie ich mit ihm gesprochen habe einen französischen Koch kennengelernt der uns eigentlich das Leben gerettet hat denn
[1:54:53] er hat gesagt die ganzen Leute haben sich gestürzt auf d- das äh auf die Lagerräume und haben S- die Suppen gekocht die man normalerweise bekommen hat im Lager Bohnen und so und so eine Art Rüben und s- sind gestorben wie die Fliegen weil d- sie nicht
[1:55:24] mehr essen konnten und er hat uns gesagt »nicht anrühren !« er ist gestanden und hat Toast gemacht äh Röstbrot und das könnt ihr essen wenigstens zwei drei Tage so ganz verbranntes Brot und dass ich glaube das hat uns wirklich das Leben gerettet
[1:55:50] ja der hat mir dann auch einen Heiratsantrag gemacht wie er zurück in die die Leute haben langsam haben sich Gruppen Landmannschaftsgruppen gebildet und es gab irgendwie Transport nach hin nach her »komm mit mir nach Paris und wir heiraten« also ich habe
[1:56:13] es doch nicht gemacht [lacht] aber dann war noch eine Szene eine Frau die ja die amerikanischen Soldaten was sie nur konnten ich sehe noch wie sie in den Taschen ob sie eine Tafel Schokolade oder was und Zigaretten das haben alle gehabt und das und
[1:56:45] das haben hat da habe ich zu rauchen begonnen aber diese es war eine Frau die eine Bekannte meiner Eltern aber die ist irgendwie durchgerutscht und die hat gesehen erstens dass wir dieses Zimmer haben dass wir so irgendwie also ob wir ihr eine
[1:57:15] Nadel borgen können »ich werde auch nicht euren Eltern erzählen dass ihr geraucht habt« ich habe sie angeschaut wie blöd also wir haben ihr aber die Nadel geborgt ich weiß nicht mehr genau es d- wie lange das war aber ich glaube ziemlich
[1:57:48] schnell hat sich dann organisiert und es war natürlich man hat gesagt das wird sein und das wird sein und Quarantäne und Nicht-Quarantäne niemand hat etwas gewusst man konnte aber schreiben von dort und d- bevor wir uns getrennt haben von den Eltern hatte
[1:58:12] ich mit dem Vater besprochen dass wir uns zwei Adressen merken eine war ein g- zionistischer Gesandter der aus von hier aus in Genf gesessen war und sich um die Jugendbewegungen gekümmert hat Nathan Schwalb und das andere war die Familie in Amerika das
[1:58:42] war die eine die sich sehr viel gekümmert hat um die ganze Familie und so die Familienälteste dort also diese zwei Adressen wusste ich auswendig und da habe ich hingeschrieben die an an den Nathan erinnere ich mich noch dass ich ihn gebeten habe
[1:59:12] um Information ob er w- was wer von den Leuten lebt wer irgendwie überlebt hat wer mit wem er Kontakt hat und also wir sind da und da er hat mir noch geantwortet und den Brief bekam ich schon in Pressburg dass er uns ein Paket geschickt hat das natürlich
[1:59:37] nie angekommen ist ja aber wir haben uns später noch nach langen Jahren getroffen also s- nach allem Hin und Her das war ich weiß wir sind Abende lang gesessen und jeder hat von zu Hause erzählt ich wei- weiß bis heute nicht genau in welcher Sprache
[2:00:13] das gegangen ist weil dort waren polnische Jungen und dort waren Franzosen irgendwie auf irgendeine Art von Deutsch wahrscheinlich
[2:00:28] also und dann eines schönen Tages also Pressburg und äh Slowakei und äh ja so auch wieder man hat -s w- wer gehört
[2:00:50] her wer gehört hin es hat sich eine Gruppe zusammengestellt noch vorher das Lager lag auf einem Berg und irgendwann wir wollten ins Dorf Mauthausen oder Stadt Mauthausen und sind ich erinnere mich noch es war ein n- natürlich waren wir schrecklich
[2:01:22] schwach schon zu gehen war eine Zumutung aber wir sind in diesen Wald herein und den Weg nach Mauthausen nach der Stadt Mauthausen ich glaube da bin ich mir zum ersten Mal bewusst geworden ich bin frei Wald und die Gerüche und die feuchte Erde
[2:01:54] dann kamen wir herunter nach Mauthausen und da war ein k- auch irgendein Amerikaner hat uns gesehen »kommt mit mir« dort war ein Bäcker- -laden der komischerweise offen war »kommt mit mir« und er sagt dem Bäcker »gib denen Brot« und er hatte kein
[2:02:30] Brot er hatte nur irgendeine äh so einen Zopf so ein Milchbrot so etwas [gestikuliert] hat es uns gegeben und äh dann hat er uns gezeigt hier ist ein Kloster und die kochen ihr könnt da Mittag könnt ihr dort essen bekommen was wir natürlich
[2:02:56] getan haben ich weiß nicht mehr wie viele Tage das so gegangen ist dann haben sich langsam organisiert Gruppen an verschiedene Orte und es gab ein Schiff an der Donau also das wird bis Pressburg kommen hat man gesagt und auf dieses Schiff sind
[2:03:32] wir gegangen ich ich weiß noch wir hatten Proviant mit von den Deu- von den Amerikanern so ein Brot und irgendeinen Käse Konserve da wei- ich weiß schon nicht mehr so etwas Schmierkäse so etwas und wir sind auf diesem Schiff gegangen ich weiß bis
[2:04:02] heute bis Tulln ein kleiner Ort dann war dort eine Brücke die bombadiert gewesen war in die Donau gefallen das Schiff konnte nicht weiter also sin- nach irgendeinem Hin und Her so was machen wir wir sind ausgestiegen wir waren sehr reich wir haben Zigaretten
[2:04:30] gehabt wir haben noch von dem Brot gehabt und dann ha- haben wir begonnen zu f- aber da war gar n- wir haben nicht wir haben in d- der Stat- wir sind zur Station gegangen zur Eisenbahnstation also der hat gesagt dass normalerweise gibt es keine Züge »aber
[2:04:55] wenn ihr warten wollt hier und da vielleicht kommt ein Zug« und auch der hat uns eingeladen »kommt Mittagessen« ich kann mich noch an das Gesicht der Frau erinnern die gar nicht begeistert war aber das hat uns wirklich nicht gekümmert damals
[2:05:22] ja dann gingen wir wir sind irgendwie dann mit den in äh wir sind bis Wien gekommen und da auch ich hatte als Kind die Stadt gekannt aber das war all- halb zerbombt ich habe nichts erkannt und irgendwo auf der Landstraße haben wir
[2:06:12] dann jemanden gefragt in welcher Richtung ist Pressburg es waren keine Ahnung gehabt also man hat uns irgendwie hergeschickt hingeschickt da sind wir ein Stück mit dem einer Kutsche mitgefahren mal mit einem Leiterwagen dann sind wir weiter zu Fuß praktisch
[2:06:36] sind wir von einem öffentlichen Klosett zum nächsten denn wir hatten alle Durchfall und einer hat uns dann gesagt es war schon später Nachmittag »ich habe ein Zimmer im Hof ihr könnt dort übernachten ihr könnt doch nicht in der Nacht herum-«
[2:07:02] also Dankeschön und das haben wir getan und ich weiß noch wie wir dann in der Früh heraus sind habe ich im Tor ein Hufeisen gefunden und ich habe gesagt also »das bringt uns Glück wir kommen bis Pressburg du wirst sehen« meiner Schwester ich hab -s
[2:07:26] verloren ich weiß nicht wo es ist das Hufeisen ich hab -s bis her gebracht jedenfalls sind wir angekommen nicht in Pressburg sondern auf der äh so genannten Audorf vis-à-vis und was wir gesehen haben war eine riesige Fläche mi- voll mit Leuten
[2:07:57] mit (Bündeln) mit Koffern mit Rucksäcken alle am Boden gesessen in Gruppen nieman- ich weiß nicht von wer wo und die Brücke die gewesen war zerbombt im Wasser aber es war eine Pontonbrücke schon von den Amerikanern gemacht und man konnte auf die
[2:08:29] andere Seite also wir sind ein bisschen dort herumgesessen dann haben wir uns ge- und man hat Leute nicht auf die Pontonbrücke gelassen dort stand Militär amerikanisches und uns hat man durchgelassen ohne Weiteres und ich weiß noch wir sind in der
[2:08:50] Mitte der Brücke und treffen jemanden und der sagt uns »wer seid ihr also ihr seid aus Pressburg« »ja« ich wusste nicht wer das ist ich weiß bis jetzt nicht »alle eure Onkeln hat man erschossen« also irgendwie damals na einer mehr einer weniger das
[2:09:19] hat uns so wir sind herüber und sind erst einmal in das Haus am in dem wir zum Ende gewohnt haben und das an der Donau lag kamen zu der unserer früheren Nachbarin und die natürlich in Tränen ausgebrochen »und wo sind die Eltern« und so aber »ihr
[2:09:59] habt noch einen Koffer bei mir eure Mutter hat die ganzen Wintersachen hier abgestellt«
[2:10:06] denn wir hatten keinen Platz ich weiß schon nicht warum also wir haben es im Moment dort gelassen und sind erst einmal i- in das Geschäft gegangen wo meine Onkel und
[2:10:25] noch früher meine Großmutter ein Geschäft hatten sehr im Zentrum der Stadt und hatten dort meinen einen Onkel gefunden und einen Cousin die schon irgendwie die waren versteckt gewesen zurückgekommen und da war eine schöne Szene der m- hat wirklich
[2:10:56] nicht gewusst was eigentlich mit uns anfangen soll meine Tante war auch schon zurück und hatte eine Wohnung und wer immer von der Familie in Pressburg war hat dort Mittag gegessen sie hat so [gestikuliert] immer für alle gekocht aber es war noch nicht Mittag
[2:11:17] es war noch sch- Zeit sagt er »also ich weiß nicht was ich euch geben kann das einzige« und er sa- sagt seinem Sohn »Jožo dort im Lager sind ich glaube dort sind noch Kekse« also er äh kommt sehr verlegen zurück mit den Keksen und sagt »also
[2:11:46] ich weiß nicht ob man das essen kann die Mäuse waren drinnen und es ist ein bisschen Mäusedreck in ihnen« und meine Schwester und ich schauen uns an und haben einen derartigen Lachkrampf bekommen das soll ein Grund sein etwas nicht zu essen also er hat
[2:12:08] mir dann später gesagt »ich kann bis heute nicht verstehen warum ihr so gelacht habt« [lacht] ja er hat mir auch ge- er ist inzwischen gestorben er hat mir auch einmal gesagt »ich glaube ich werde euch nie verstehen können weil ich d- in meinem
[2:12:32] ganzen Leben nie wirklichen Hunger hatte« irgendwie so
[2:12:39] ja also von dort sind wir dann wirklich zu der Tante und also das erste was wir wollten uns waschen und ich weiß noch also wir sind äh zu zweit ins äh ins Badezimmer gegangen und diese
[2:13:10] Tante hat hat schon gehört gehabt dass wir da sind es war auch ziemlich schrecklich sie ihre ältere Tochter war auch im Lager auch die Jüngere aber die war schon zurück und die Ältere ist am Weg nach Hause die in Prag s- sie war schwer krank schon
[2:13:35] die Tante konnte noch nach Prag fahren und sie einen Tag treffen dann ist sie gestorben also es war irgendwie nicht angenehm überlebt zu haben aber noch bevor wir etwas gegessen haben und so Badezimmer und ich weiß ich stehe splitternackt nach
[2:14:05] der Dusch und meine Freundin die Aviva hat schon gehört gehabt dass wir da sind von der Tante die ein Telefon hatte und kam herein schon mit Kleidern von sich sie hat irgendwie daran gedacht ich hab doch sicher nichts anzuziehen und als wir auf Hachschara
[2:14:27] waren da haben wir immer diese getauscht Kleider wie das so Teenager machen also sie hat gewusst mir passen ihre Kleider und ich erinnere mich noch wie ich dastehe und den Rock anziehen will es war eine und schut fällt er herunter er hat nichts an zu halten
[2:14:49] gehabt also das war das Wiedersehen mit der Aviva und sie hat mir gesagt »ich hab dein Tagebuch über alles mögliche Partisanen und so aber ein paar Seiten hab ich verloren« also das hab ich dann später zurück bekommen diese ersten Tage zurück
[2:15:20] es gab eine Stelle in Pressburg das hat sich sofort entwickelt wo Leute die zurück kamen ausgehängt haben ihre Namen und wie man sie wo man sie finden kann also dort ist jeder täglich hingegangen um zu suchen wen es gibt und der (Mosche) hat er
[2:15:49] geheißen mein letzter Freund hat mir noch erzählt dass er seit Wochen jeden Tag dorthin geht und dann hat ihm jemand erzählt dass von dem Schiff auf der Donau und dass es uns gibt weiß nicht wer er weiß auch nicht mehr wer er ist inzwischen gestorben
[2:16:15] also langsam haben wir uns irgendwie einige der alten Freunde zusammengefunden und dann haben ich weiß nicht mehr wer das organisiert hat durchs Rote Kreuz haben wir eine frühere jüdische Villa d- die Leute waren ausgewandert hat man uns zur
[2:16:53] Verfügung gestellt und wenn es Kinder gibt die niemanden haben macht ein Kinderheim also das war eine etwas ältere als wir die auch nach dem Lager war Margalit eine Freundin von mir Marta die unter falschen Papieren überlebt hat und ich wir waren
[2:17:21] da zu dritt und wir haben K- einfach Kinder gesammelt ich wei- weiß nicht mehr heute ist das kann ich mir das nicht mehr genau vorstellen aber einer hat dem anderen gesagt und es hat sich herumgesprochen und ohne zu wissen wie hatten wir plötzlich
[2:17:51] dreißig Kinder dort
[2:17:54] Waisenkinder
[2:17:57] in dem in der Villa
[2:17:59] Waisenkinder
[2:18:02] nicht alle manche hatten noch einen Elter oder b- manche sogar beide aber die niemand hatte wovon zu leben im es war alles ein Chaos ein schreckliches aber die meisten waren Waisen es war zum Beispiel also d- der kleinste war Karolko ein bildschönes
[2:18:29] Kind mit großen schwarzen Augen konnte vielleicht fünf oder vielleicht sechs Jahre alt sein also wir haben ihn dann äh dazu gebracht dass man ihn in die Schule schicken konnte [hustet] der ist um sein Leben gerne herumgestreunt in der Stadt
[2:19:04] er ist immer in eine elektrische Straßenbahn eingestiegen mit irgendeinem Erwachsenen jemand und hat so getan als ob er dazu gehören würde und nie nie hat ihn jemand äh und so hat er wirklich die ganze Stadt gesehen und also dann bis wir dann darauf
[2:19:24] gekommen sind was das Kind macht also »das darfst du nicht« und dann auch einmal kommt er zurück und ich sage ihm »Karolko wo warst du ?« sagt er irgendetwas und ich sage ihm »aber das ist doch nicht wahr warum lügst du« schaut er mich an und
[2:19:50] sagt »man muss doch lügen wenn man überleben will« also da- das war Karolko wir haben
[2:19:58] [gleichzeitig:] das hat der Sechsjährige gesagt hmh
[2:20:00] ja dann haben wir gefunden dass er einen Onkel in Australien hatte und wir haben ihn hin korrespondiert und so und haben ihn hingeschickt so wie ein Paket er hatte eine große Tafel hier [gestikuliert] mit der Adresse ich habe nie wieder von ihm gehört
[2:20:17] also es waren sehr d- jeder Fall natürlich war ein Roman es waren Kinder die im Wald versteckt gewesen waren was alle war waren total verlaust und es war eine Epidemie von Krätze dass weiß man heute nicht mehr was es ist dass das sind solche
[2:20:46] das ist hauptsächlich auf den Händen unter der Haut irgendwelche kriechende Wesen und d- das macht einen Ausschlag dann und juckt fürchterlich natürlich als erste- ja als erstes haben wir uns angesteckt also dann hat man gefunden es gibt eine Salbe
[2:21:13] dagegen im Eingang zu der Villa war ein großer Kübel mit dieser Salbe und jeder musste sich einsalben bevor er hereingekommen ist wir haben das dann irgendwie bewältigt nach einigen Wochen auch die Läuse auch das was gar nicht einfach war weil
[2:21:40] ich glaube die ganze Stadt war damals verlaust meine Schwester ist als erstes bei der Tante geblieben war dann hier und da bei uns und dann äh zum Schluss äh hat sie dann in einem Geschäft gearbeitet hat weiter bei der Tante gewohnt und dann hat
[2:22:18] man begonnen Gruppen zu organisieren die hergekommen sind und zwar das tschechoslowakische Militär hat das irgendwie gemacht und da war sie dann in so einem Lager und ist mit so einer Gruppe hergekommen
[2:22:43] wie lange haben Sie in dem Kinderheim gearbeitet dann oder als Kindererzieherin gearbeitet
[2:22:56] also da- das ist eine das ist übertrieben zu sagen Kindererzieherin weil das einzige was mich dazu befähigt hat und das war nicht so ohne dass ich wusste was die Kinder mitgemacht haben dass ich sie sehr gut verstanden habe da- dass jedes von ihnen unter
[2:23:20] dem Kissen ein Stück Brot gehabt hat das war selbstverständlich und solche Sachen aber im Großen und Ganzen hat sich dann eine Gruppe gebildet die ständig da war es war natürlich außerdem Leute sind gekommen haben übernachtet sind wieder weg
[2:23:49] niemand hat sein eigenes Bett gehabt weil alles dann [gestikuliert] aber irgendwie und langsam haben wir es zu einer Tagesordnung gebracht haben es soweit gebracht dass einige Kinder normalen Schulbesuch machen konnten die etwas älteren haben wir dann
[2:24:15] äh haben wir auch gefunden Leute die gewisse äh Sachen unterrichtet haben und zirka im im F- nächsten Frühjahr langsam konnten Gruppen nach Palästina auswandern auch noch nicht legal das ist dann manchmal über Belgien gegangen komplizierte
[2:24:55] Sachen über Italien aber es hat funktioniert irgendwie und natürlich waren wir weiter im brieflichen Kontakt mit denen die schon hier waren in Palästina ich erinnere mich noch eine äh ist eine entfernte Verwandte von mir die auch in der Kindergruppe
[2:25:23] war und die deren Vater schon hier gelebt hatte er war noch vor dem Krieg ausgewandert aus Wien und d- es kam nicht mehr dazu dass die Mutter mit den Kindern nachkommt also d- die ist zum Vater gekommen nach dem Krieg und hat mir dann ihre ersten Eindrücke
[2:25:49] geschrieben und stell dir vor die ganze Wohnung hat einen Boden wie ein Badezimmer das heißt Kacheln [lacht]
[2:25:59] das war neu
[2:26:02] ja
[2:26:05] in der Zeit in Pressburg haben Sie dann auch Ihren zukünftigen Mann kennengelernt
[2:26:14] noch nicht der kam dann äh also w- erst haben wir das zu äh zu zweit geleitet mit dieser etwas älteren und ich und dann äh nach äh es wurde schon organisiert S- auch Sommerlager und Winterlager das war in den Tatra-Bergen sehr schön also
[2:26:56] dort hat man ihn dann mobilisiert einer der hat gesagt »also die ist alleine und so und gehe nach Pra- Pressburg dort ist Jugend« in Prag war nämlich fast keine jüdische Jugend also und da kam er eines Tages und ich weiß nicht ich war fuchsteufelswild
[2:27:27] weil das erste was er gemacht hat dass er überall die Türklinken gerichtet hat oder was die wahrscheinlich alle außer der er hat ge- das ist das Wichtige aber wir haben uns dann aneinander gewöhnt [lacht] ja ich begann dort für die Kinder zu
[2:28:06] kochen aber de facto es war noch nichts zu haben das einzige was war durch die UNRRA bekamen wir irgendwelche Lebensmittel vom Joint aber das war alles so tro- äh Milchpulver Eierpulver solche Sachen also es war gar nicht einfach ich habe dann in späteren
[2:28:32] Jahren gesagt wenn ich damals eine Mahlzeit fertig gebracht habe kann ich überall und immer kochen wir haben ein bisschen Grünzeug im Garten gehabt hauptsächlich Kohlrabi aus irgendeinem Grund war dass das einzige das ge- wirklich keine Probleme gemacht
[2:28:57] hat und wir hatten ein Riesenbeet von Kohlrabi und das haben wir meistens gegessen Kohlrabisuppe Kohlrabigemüse und gesagt nächstens werden wir auch Dessert daraus machen [lacht] ich weiß wir haben dann in späteren Jahren wie wir geheiratet
[2:29:24] haben haben die Kinder uns eine Feier vorbereitet also da hat jeder Kakao und Weißbrot bekommen das war [gestikuliert]
[2:29:42] wie lange sind Sie in diesem Kinderheim oder ähm was ich vorhin schon mal gefragt habe wie lange ähm ging diese Zeit ähm in diesem Kinderheim wie viele Jahre waren Sie da ?
[2:30:03] eigentlich das war fangen wir vom Ende an wir sind 49 ins Land gekommen und bis knapp davor
[2:30:26] drei oder vier Jahre
[2:30:28] [gleichzeitig:] da also da nein die letzte Zeit dort waren wir schon nicht mehr im Kinderheim w- es war noch derselbe Platz aber dort waren keine Kinder mehr sondern das Zentrum der äh sagen wir die der Mittelpunkt die Kanzlei der slowakischen Bewegung
[2:30:48] also d- nachdem wir unter dem Führer waren ha- hatten wir weiter dort gelebt aber inzwischen war das auf einer anderen Stelle in Pressburg aber es ist schon (vergangen)
[2:31:04] wie ist es dann bei Ihnen zu dem Entschluss gekommen nach Palästina zu gehen
[2:31:10] oh der den Entschluss hatte ich schon lange vorher ich war eigentlich eingeschrieben in eine Kinderar- -gruppe die hätte noch im Krieg kommen sollen aber von denen sind nur ganz wenige gekommen und dann nach dem Krieg hat die Leitung der Partei uns sozusagen
[2:31:38] nicht freigegeben denn man wollte dass wir irgendetwas dort noch organisieren ja und ich weiß noch wir da war ich schon mit dem Max zusammen da waren wir auf irgendeinem Urlaub in Prag und da hat man uns gesagt dass möglicherweise wir freigegeben werden
[2:32:09] und ich weiß noch wie wir so durch die Prager Gassen gegangen sind überglücklich und Pläne gemacht haben na Max hatte seinen Bruder schon da dass wir erst ihn besuchen und so also das war natürlich kam es dann nicht dazu und wir sind noch drei Jahre
[2:32:34] dort gesessen bis 49 ja wir waren noch vorher in Verbindung mit einem der der (Schechim) der Gesandten aus von hier und der hat uns überzeugt dass wir in seinen Kibbuz kommen sollen was wir auch getan haben er hat uns ich weiß noch wir sind
[2:33:32] mit dem Schiff angekommen und im Hafen hat m- war meine Schwester eine gute Freundin und eigentlich ein Zögling von uns die wir so kennengelernt haben dass sie auch die hat auch eine G- lange Geschichte aber i- irgendjemand hat sie zu uns gebracht in
[2:34:01] dieses Kinderheim und da sind wir drauf gekommen wir haben am selben Tag Geburtstag und der Max hatte mir zum Geburtstag gemacht einen Anhänger aus Silber dass er ir- f- irgendwo von irgendetwas genommen hat einen [gestikuliert] Magen David einen Davidstern
[2:34:26] und da hat sich herausgestellt sie hat am selben Tag Geburtstag und hat keine Seele sie hatte (entfen-) entfernte Verwandte gehabt die aber nicht sehr nett waren zu ihr und da habe ich dem Max gesagt »ich weiß das ist das erste Geschenk das du mir
[2:34:50] geschenkt hast aber ich will ihr das geben« und so sie hat es bis heute und wir sind weiter natürlich befreundet ja also diese erste Zeit hat meistens daraus bestanden dass man Leute gesucht gefunden hat oder nicht gefunden hat wenn ich heute
[2:35:28] daran denke wir sind zum Beispiel es war war ein Treffen in Budapest von Überresten der Bewegung d- Budapest war schon irgendwie es ich weiß es waren bessere Zustände ich weiß nicht warum also w- meine Schwester und ich also wir fahren hin aber wie
[2:35:56] fährt man es gab keinen normalen Verkehr man ist auf den Bahnhof gegangen und hat gehofft es kommt ein Zug in der richtigen Richtung also nach etlichen Stunden kam wirklich ein Zug bumvoll also es waren irgendwelche amerikanischen Soldaten dort drinnen
[2:36:18] »wir helfen euch nur am Dach ist noch Platz« also die haben uns heraufgeschubst auf -n Dach und dort haben wir gelernt dass immer wenn etwas gekommen ist muss man sich flach hinlegen und wir sind dann später hat sich irgendwie frei gemacht hat haben sie
[2:36:40] uns heruntergeholt aber so sind wir nach Budapest gekommen dort war schon so ein Heim wo man auch Kinder konzentriert hat und also dort konnten wir sein ich weiß nicht mehr wie lange wir dort waren das war auch so ein man hat versucht da etwas dort
[2:37:07] etwas d- Jugend zu organisieren Alija zu organisieren alles sehr langsam gegangen und sehr schwierig aber letzten Endes sind wir dann also zurück nach Pressburg und äh ich habe dies- das Kinderheim übernommen und später ist dann der Max dazu gekommen
[2:37:35] Sie beschreiben diese Zeit nach dem Krieg diese Jahre ähm als so eine Zeit in der irgendetwas wieder neu losgegangen ist aber die auch unglaublich chaotisch war
[2:37:49] ja
[2:37:52] wo es keine Ordnung mehr gab was würden Sie sagen von heute aus betrachtet ging da wirklich was los ? oder begann das dann erst in Israel oder in Palästina
[2:38:00] hm ja
[2:38:04] diese Jahre dazwischen sozusagen
[2:38:07] also es waren buchstäblich dazwischen man hat gewusst ganz klar wir bleiben nicht da aber wir waren noch dort also
[2:38:25] haben Sie in der Zeit wieder Tagebuch geschrieben oder Notizen gemacht
[2:38:32] sehr hier und da ja aber wenige ich war damals sehr beschäftigt aber d- das gibt es ich meine das habe ich weiter
[2:38:48] wie sind Sie dann in ähm Israel angekommen
[2:38:54] hm ?
[2:38:56] wie sind Sie dann in Israel angekommen
[2:39:00] äh in einem schrecklichen Chamsin es war Ostwind schrecklich also wir haben noch geglaubt dass äh dass es regnerisch ist weil alles war so grau und aber das war Sand das wussten wir damals noch nicht also man e- man hat uns vom Kibbuz g- g- abgeholt
[2:39:28] und also das Erste haben wir sind hat man uns irgendwo hingenommen eine Obstsalat essen und ja also der der Kibbuz war auch kein idealer äh eine ideale Stelle denn wir kamen an und eigentlich hat sich niemand herum gekümmert wir hatten schon unseren
[2:39:59] Sohn weder war für ihn eine Stelle in einem Kinderheim frei noch war für uns ein Zimmer frei unsere erste Wohnung war so eine Holzbaracke Lift hat das geheißen worin Leute ihre Sachen geschickt hatten das war eine große Holzkiste in der man dann eine
[2:40:23] Tür und ein Fenster gemacht hat von jemand anderen die gerade auf Urlaub waren also es hat schon ziemlich viel Idealismus dazu gehört auszuhalten und wir waren schon sehr stolz wir haben untereinander schon Hebräisch gesprochen und in dem Kibbuz
[2:40:51] jeder hat uns gesagt »ihr könnt ruhig Deutsch reden«
[2:40:55] wo ist der Kibbuz gewesen
[2:40:58] Kfar HaMakkabi neben Kfar Ata ganz nahe ja jahrelang hat es noch diese Holzbaracke gegeben ich glaube jetzt ist sie nicht mehr da wir haben dann später d- sehr elegant dort gewohnt dass war eine Holzbaracke mit zwei Zimmern also unsere guten Freunde
[2:41:26] haben in einem Zimmer gewohnt und wir in dem anderen und in der Mitte war so eine off- ein offener Raum aber dort haben wir uns so eine sozusagen eine Küche gemacht mit einem Petroleumkocher und
[2:41:45] wann sind Sie dann nach Kirjat Tivon gekommen ?
[2:41:49] äh ich glaube in 53 das war so wir die ganze Zeit im Kibbuz haben wir eigentlich keine Gelegenheit g- gehabt normalerweise das Land kennenzulernen aber wir haben begonnen je da konnte man am Samstag arbeiten und sich dann einen Tag in der Woche frei
[2:42:18] nehmen denn Samstag ist doch kein Verkehr also das haben wir eine lange Zeit gemacht und sind immer an dem freien Tag dann mit äh Autobussen oder mit dem ich weiß mit dem Auto das die Milch nach Haifa gebracht hat allen möglichen Weisen im Land herumgezogen
[2:42:43] um es kennenzulernen ganz äh wild also da haben dort hat man Bekannte gehabt da konnte man wo übernachten dass aber wir haben das Land wirklich so kennengelernt
[2:43:01] wie war Ihr Eindruck von dem Land
[2:43:06] äh wir waren überrascht zum Guten denn wir hatten erwa- wir hatten Wüste erwartet und es war sehr grün das hat uns überrascht [Schnitt] ja ich muss schon wieder den Faden suchen
[2:43:37] [lacht] also wir haben jetzt gerade in der Pause überlegt ähm dass ähm wir jetzt noch darüber sprechen wollen wie Sie hier nach Kirjat Tivon gekommen sind wo Sie seit sechzig Jahren leben und dass Sie ein bisschen was von Ihrem Beruf erzählen wollen
[2:43:52] ja also noch zum Kibbuz das ist eigentlich das erste und einzige Male dass Max und ich ich kann nicht sagen gestritten aber debattiert haben denn ich habe ziemlich schnell festgestellt hier bleibe ich nicht das es war auch eine unglückliche Wahl aber
[2:44:20] das k- weiß man erst im Nachhinein denn das war es klingt komisch auf einem Kibbuz zu sagen das waren Spießbürger aber sie waren es kleine Menschen enge Menschen ich weiß zum Beispiel also eine der Alteingesessenen dort es war hat uns bei irgendeiner
[2:44:47] Gelegenheit gesagt »also ihr könnt hierher nicht ihr habt es hier schon gut dass ihr könnt euch gar nicht vorstellen wie schwer wir angefangen haben wisst ihr überhaupt was es heißt hungrig zu sein ?« und ich schaue sie an ich habe damals geglaubt
[2:45:11] ich hör nicht jetzt sag ich habe ihr gesagt »weißt du wo äh woher ich komme ? ich war im Lager« »ah na ja« also das heißt sie waren nicht eingestellt darauf wer kommt warum kommt wie die Leute zu behandeln ich weiß in späteren Jahren hat man das
[2:45:34] viel mehr in Rechnung genommen hat man die Leute äh hat man schon psychologisch irgendwie gewirkt aber das war wirklich ziemlich grausam das und dass äh sie nicht vorgesorgt haben dass für die Kinder Platz ist es waren drei Kinder von Neueinwanderern
[2:46:01] und die haben keinen Platz gehabt die also dann haben sie sich entschlossen ich werde die drei Kinder ich werde die Pflegerin sein und hab ein Zimmer bekommen zu dem Zweck wo die drei Kinderbetten waren aber keine Wasserleitung in dem ganzen Haus ich musste
[2:46:29] einen halben Kilometer mit Kübeln gehen um Wasser zu bringen also se- sehr gedankenlos sehr doch so war es aber das hat mich jedenfalls dazu gebracht dass ich weg wollte Max hat vom ersten Moment an gearbeitet natürlich hat keine Probleme gehabt
[2:47:04] weil diese persönlichen Probleme habe ich gehabt und nach einer Zeit hat er dann aber eingesehen dass e- dass er dass ich es einfach nicht aushalten werde dann nachdem unsere Tochter geboren war wir hatten einen älteren Sohn der ist an Kinderlähmung
[2:47:35] gestorben Jahre später aber noch im Kibbuz wurde unsere ich kam schon schwanger an auch so eine z- es war eine Frau deren Pflicht es war sich um die Neueinwanderer zu kümmern also ich war schwanger und d- irgendwann brauchte ich ein ein Kleid denn
[2:48:04] ich hatte kein Schwangerschaftskleid also da habe ich ihr eines Tages gesagt »also was an wen soll ich mich wenden was soll ich machen« sagt sie »du bist schwanger oy vey« also kurz und gut kein netter Empfang bis bis ich soweit war dass ich gesagt
[2:48:35] habe genug
[2:48:38] und der Max also nachdem er immer- immerhin mit mir bleiben wollte war das sind wir weg und wir auf diesen Ausflügen wo wir uns das Land angeschaut haben haben wir sind wir einmal durch Tivon gekommen damals war es noch nicht Kirjat
[2:49:03] und das hat uns beiden sehr gefallen kleine Häuschen und sehr viel Grün und Gärten also wenn wir einmal weggehen wir kommen das ist der Platz vielleicht auch weil es sehr europäisch ausschaut verhältnismäßig aber das war so und da haben wir dann
[2:49:26] wirklich hier gesucht und da hat man damals für Neueinwanderer diese Wohnungen gebaut und da konnten wir eine Wohnung bekommen und
[2:49:39] hier haben Sie dann angefangen als äh Keramikerin zu arbeiten ?
[2:49:46] das als ich wie habe ich wirklich angefangen ? als meine jüngere Tochter geboren war habe ich also musste ich zu Hause sein ich hatte keine Möglichkeit von und da habe ich irgendetwas gesucht zu machen und da kam eine Keramikerin nach Tivon
[2:50:23] und hat eine Werkstatt eröffnet und ich weiß noch ich habe das erfahren und äh war dort fragen ob sie Schüler aufnimmt »ja (sicher) ohne Weiteres« und ich habe noch gewartet bis Max aus der Arbeit kam gesagt »ich geh Keramik lernen nimm das Kind« und
[2:50:49] zehu und dann sehr schnell ist die Frau krank geworden hat aufgehört zu arbeiten und hat mir das Ganze übergeben und ich weiß noch wenn ich ersten Keramikofen gebrannt habe ich mit einem Buch in der Hand niemand hat mich das unterrichtet aber
[2:51:16] es ist dann Ihr Beruf geworden
[2:51:21] hm ?
[2:51:23] es ist dann Ihr Beruf geworden
[2:51:26] äh ja ich habe dann auch unterrichtet und auch in in der Stadt Haifa in einer
[2:51:35] Sie haben noch einige Fotos Sie haben noch einige Fotos vielleicht können Sie die zeigen
[2:51:45] [gleichzeitig:] ja ja also fangen wir an mit dem sehr berühmten Foto in unserer Familie das sind f- fast [zeigt Foto] alle von den 28 in den 14 die erwachsen geworden sind
[2:52:05] 28 das muss man kurz erklären Ihre Großmutter
[2:52:10] Ihre Großmutter war die jüngste der 28 sie ist da nicht wichtig also da ist die [zeigt] Urgroßmutter die so genannte Muhme aus irgendeinem Grund und die ja also da- das ist [zeigt] die Urgroßmutter und die Ururgroßmutter
[2:52:34] und die die Großmutter hatte 28 Geschwister
[2:52:37] ja das heißt sie war eine von 28
[2:52:40] [gleichzeitig:] eine von 28
[2:52:43] darau- dazu kommt dass eine riesige Familie ich habe immer geglaubt jeder ist eine Cousine meiner Mutter oder ein Cousin weil wer immer war war immer irgendwie verwandt das ist glaube ich das letzte Bild [zeigt Foto] wo wir mit der Mutter waren da hat
[2:53:13] irgendjemand gesagt das hat ein Fotograf gemacht ich weiß nicht mehr den Grund aber es war in 44 ja ? das sind meine Eltern also auch so ein typisches Bild der damaligen Zeit [zeigt Foto] in den zwanziger Jahren glaube ich mit dem Silberfuchs
[2:53:49] und so das ist meine Mutter ja ? das ist mein Vater aber ein späteres Bild [zeigt Foto] äh steht glaube ich drauf die Jahreszahl nein das war jedenfalls schon kurz vor dem Transport in den Anfang der Vierziger irgendwann ja ? und das
[2:54:37] ist unser Hochzeitsbild [zeigt Foto] also zehu keine große Hochzeit das war nur so
[2:54:48] Chava möchten Sie zum Abschluss des Interviews noch etwas sagen ?
[2:55:00] ich wüsste eigentlich nicht was weil eine Moral von der Geschichte gibt es nicht vielleicht das einzige das mich diese Zeit unterrichtet hat das ist der Wert der Freundschaft die Freunde von damals die auch überlebt haben sind bis heute meine
[2:55:29] guten Freunde und das ist mehr als Verwandtschaft das ist wenn man so schwere Zeiten zusammen durchmacht das bindet einen sehr ich meine in dem Sinne dass ich weiß es gibt einige Menschen denen ich wann immer und was immer von ihnen bitte werde ich
[2:55:58] das bekommen und das ist viel wert
[2:56:00] vielen Dank für das Interview
[2:56:04] hm ?
[2:56:07] vielen Dank für das Interview
[2:56:09] danke schön
[2:56:12] ich muss mich bedanken eigentlich ach
| Datum | Ort | Text |
|---|---|---|
| ab 1926 | Pressburg | Geburt als Eva Fürst |
| ab 1939 | Pressburg | Ausschluss aus dem deutschen Gymnasium, Mitgliedschaft in der zionistischen Jugendbewegung Makkabi Hatzair |
| ab 1941 | Pressburg | Schulverbot und Zwangspensionierung des Vaters |
| 1941 - 1942 | Čadca | Hachschara |
| 1942 - 1944 | Pressburg | Organisation von Verstecken und falschen Papieren für untergetauchte Juden |
| ab 1944 | Freiberg (Zwangsarbeitslager) | Deportation mit der Schwester nach Freiberg |
| 1944 - 1944 | Auschwitz II-Birkenau (Vernichtungslager) | Deportation der Familie über Sered nach Auschwitz-Birkenau und Inhaftierung |
| 1945 - 1949 | Pressburg | berufliche Tätigkeiten für die Jugendbewegung, unter anderem als Erzieherin in einem Heim für Kinder und Jugendliche |
| 1945 - 1945 | Mauthausen (Konzentrationslager) | Deportation mit der Schwester nach Mauthausen |
| ab 1945 | Mauthausen (Konzentrationslager) | Befreiung durch amerikanische Soldaten |
| 1945 - 1945 | Pressburg | Rückkehr über Tulln und Wien nach Pressburg |
| ab 1946 | Pressburg | Heirat mit Max Livni |
| ab 1948 | – | Geburt des Sohnes |
| 1949 - 1951 | Kfar Hamakkabi | Leben und Arbeiten im Kibbuz |
| ab 1949 | – | Geburt der ersten Tochter |
| ab 1949 | Haifa | Einwanderung nach Israel |
| ab 1951 | Kirjat Tiw'on | Umzug mit der Familie |
| ab 1953 | – | Tod des Sohnes an Kinderlähmung |
| ab 1954 | – | Geburt der zweiten Tochter |
| ab 1954 | Israel | Arbeit als Autodidaktin in einer Keramikwerkstatt und Lehrerin für Keramik |
Nach der formalen Unabhängigkeit der Slowakei, als Satellitenstaat des nationalsozialistischen Deutschlands, am 14. März 1939 begannen die ersten staatlich verordneten antijüdischen Maßnahmen. Diese betrafen auch Chava Livni, so musste sie das deutschsprachige Gymnasium 1939 verlassen und besuchte bis 1941 erst eine slowakische und anschließend eine jüdische Schule. Zur gleichen Zeit begann sie ihr Engagement in der zionistischen Jugendbewegung Makkabi Hatzair. Da sie die Anforderungen und Lerninhalte in den ersatzweise besuchten Schulen langweilten, kompensierte sie dies mit der Arbeit für die Jugendbewegung und in einer kleinen Lerngruppe von Freunden. Im Alter von 15 Jahren ging Chava Livni im August 1942 auf Hachschara nach Tschadsa, einem Ort nahe der polnischen Grenze, dort blieb sie bis zum März 1942. In dieser Zeit begannen die Deportationen der slowakischen Juden nach Polen und hielten bis zum Oktober 1942 an. Die Arbeit für die Jugendbewegung endete für Chava Livni nicht mit der Hachschara. Da sich schnell herumgesprochen hatte, dass die Deportierten ermordet wurden, sah sie es als ihre erste Aufgabe an, ihr eigenes Überleben zu sichern und anderen Menschen zu helfen. Sie half unter anderem bei der Erstellung von gefälschten Papieren, um so andere Juden vor der Verfolgung zu bewahren. Doch war sie nicht nur mit diesen Untergrundaktivitäten beschäftigt, sondern unterstützte ebenso Familien in deren Alltag als Kindermädchen sowie Inhaftierte mit Lebensmittelpaketen.
Chava Livnis Vater wurde bereits kurz nach Inkrafttreten der neuen Gesetze zwangspensioniert und arbeitete in der Folge für das Joint Distribution Committee in Pressburg, später auch in der von Gisi Fleischmann geführten so genannten jüdischen Nebenregierung [Pracovná Skupina]. Diese vielgestaltige, zum Teil im Untergrund arbeitende Gruppe versuchte, Juden mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln zu retten und über das Schicksal der nach Polen deportierten Juden zu informieren. Die bekannteste dieser Informationen sind die am 16. Mai 1944 in die Schweiz telegrafierten Auschwitz-Protokolle. Einen Teil dieser Protokolle kannte Chava Livni, als sie im Herbst 1944 gemeinsam mit ihrer Familie nach Auschwitz-Birkenau deportiert wurde.
Nach dem slowakischen Nationalaufstand und dem darauf folgenden Einmarsch der Wehrmacht in die Slowakei floh die Familie im September 1944 in ein Versteck auf dem Land. Aufgrund einer Fehlinformation, welche den Vater über ein angebliches Übereinkommen mit den deutschen Besatzern informierte, kehrte die Familie zurück nach Pressburg. Kurz nach der Rückkehr wurde die Familie abgeholt und in das Lager Sered gebracht. Von dort wurden sie innerhalb weniger Tage nach Auschwitz-Birkenau deportiert.
Unmittelbar nach der Ankunft an der Rampe in Auschwitz-Birkenau wurden Chava Livni und ihre Schwester von Vater und Mutter getrennt. Durch den Hinweis einer Aufseherin auf die Arbeitstransporte aufmerksam gemacht und um der Vernichtung in Auschwitz zu entkommen, stellten sich die Schwestern der Selektion zur Zwangsarbeit. Beide wurden ausgewählt und nach Sachsen deportiert. In Freiberg, einem Außenlager des KZ Flossenbürg, musste Chava Livni gemeinsam mit anderen Häftlingen und Kriegsgefangenen in einer Flugzeugfabrik Zwangsarbeit leisten. Anfänglich noch erträglich über den Werkräumen innerhalb der Fabrik untergebracht, wurden die Zwangsarbeiterinnen im Januar 1945 in ein außerhalb liegendes Barackenlager umgesiedelt.
Als das Zwangsarbeitslager Freiberg am 14. April 1945 geräumt wurde, wurden alle Häftlinge mit dem Zug in das KZ Mauthausen gebracht und dort am 5. Mai 1945 von amerikanischen Soldaten befreit. Ende Mai gelangten beide Schwestern unter schwierigen Bedingungen kurz nach Kriegsende über Tulln und Wien zurück nach Pressburg.
Bereits bei den ersten Begegnungen mit Freunden und Verwandten zeigte sich, wie stark die Verfolgungserfahrung sich auf die sozialen Beziehungen auswirkte. Ebenfalls problematisch nach der Rückkehr war die Tatsache des Überlebens, welche teilweise unangenehme Gefühle ob des eigenen Überlebens auslöste, vor allem angesichts ermordeter Gleichaltriger.
Die schwierigen Jahre zwischen Kriegsende und Auswanderung nach Israel 1949 waren geprägt durch die Unübersichtlichkeit des Übergangs. Chava Livni arbeitete in diesen Jahren für die zionistische Jugendbewegung und leitete von 1945 an ein jüdisches Kinder- und Jugendheim in Pressburg. In dieser Zeit ging es darum, Verständnis für die Bewohner aufzubringen und Verwandte, Bekannte und Freunde von deren Familien ausfindig zu machen, so dass die jungen Menschen ein neues Zuhause finden konnten.
Gemeinsam mit ihrem Mann Max, den sie durch die Arbeit für die Jugendorganisation kennen gelernt hatte, konnte Chava Livni im Jahr 1949 nach Israel auswandern. Einer der Gründe für die späte Ausreise lag darin, dass beide für die Jugendorganisation in der Slowakei verschiedene Aufgaben wahrnehmen sollten und sie daher von der Organisation nicht für die Ausreise freigegeben wurden.
In Israel angekommen lebte Chava Livni mit ihrer Familie zwei Jahre lang im Kibbuz Kfar HaMakkabi. Diese Zeit war durch zahlreiche Schwierigkeiten gekennzeichnet. Bei ihrer Ankunft war weder für die Unterbringung gesorgt noch an ihre Arbeitsmöglichkeit oder die Kinderbetreuung gedacht. Des Weiteren wurde dort ihre persönliche Geschichte als Überlebende des Holocaust nicht ernst genommen. Aufgrund dieser schlechten Erfahrungen war es ihr Wunsch, den Kibbuz zu verlassen und im Jahr 1951 zog sie gemeinsam mit ihrer Familie nach Kirjat Tivon. Chava Livni arbeitete bis zu ihrem Ruhestand als Autodidaktin in ihrer Keramikwerkstatt sowie als Keramiklehrerin.