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Shlomo Wolkowicz (*01.01.1924, Jagielnica)

Signatur
01162/sdje/0057
Institut
Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin
Sprache
deutsch
Ort und Datum der Aufnahme
Haifa, den 15. März 2013
Dauer
02:41:36
Interviewter
Shlomo Wolkowicz
Interviewer
Lennart Bohne , Daniel Baranowski
Kamera, Licht und Ton
Daniel Hübner
Redaktion
Martin Hölzl
Transkription
Martin Hölzl

Als einer von ganz wenigen Gefangenen überlebte Shlomo Wolkowicz im Juli 1941 die Massenerschießung durch ein SS-Einsatzkommando in Solotschiw. Auch danach gelang es ihm immer wieder, durch Wagemut, Glück und Hilfe von Anderen, aus lebensgefährlichen Situationen zu entkommen. Geboren am 1. Januar 1924 in der Kleinstadt Jagielnica im damaligen Ostpolen, ging er schon als 13-Jähriger nach Lemberg und besuchte das jüdische Gymnasium. Dort erlebte er 1939 mit der sowjetischen Besetzung der Stadt auch den Beginn des Zweiten Weltkrieges. Auf der Flucht vor der vorrückenden deutschen Wehrmacht im Juni 1941 gelangte er nach Solotschiw und wurde Zeuge des Massenmordes durch SS und ukrainische Hilfspolizei, dem er selbst nur knapp entkam. In der Folgezeit gelang es ihm, zeitweilig unter falscher Identität in einem Dorf unterzutauchen und sogar aus einer ukrainischen Polizeizelle zu entkommen, indem er ein Vorhängeschloss heraussägte. In Jagielnica leistete Shlomo Wolkowicz mit seinen Eltern und Geschwistern Zwangsarbeit in einer Tabakfabrik, die unter dem Schutz des Verwalters Ludwig Semrad stand, der dafür 1979 in Israel als »Gerechter unter den Völkern« geehrt wurde. Nach seiner Auswanderung nach Israel 1949 spürte Shlomo Wolkowicz trotz der schrecklichen Erinnerungen die Verpflichtung, als Überlebender des Holocaust Zeugnis abzulegen. Er sagte in Deutschland in Prozessen gegen NS-Täter aus und hielt zahlreiche Vorträge an Schulen. Zum Zeitpunkt des Interviews war er 89 Jahre alt.

Vorkontakte

üblicher Vorlauf inkl. Telefonat und Vorgespräch am Tag vor dem Interview; SW machte kurz vor der geplanten Interviewreise zunächst einen Rückzieher und wollte das Interview in Berlin aufnehmen; letztlich entschied er sich (nach einem weiteren Telefonat mit LB) jedoch dazu, uns in Haifa zu empfangen

Bedingungen

Interview fand im nahe der Wohnung von SW gelegenen Studienzentrum Rutenberg-Institut, in einem der dortigen Seminarsäle, statt; dadurch vermutlich Hall und eher nüchterne, karge Atmosphäre; im Nebenraum fand ein Seminar statt, wahrscheinlich sind Stimmen, Klatschen, Musik usw. zu hören; SW hatte wie zu seinen sonstigen Vorträgen eine Landkarte und zwei Modelle vom Erschießungsort und seiner Haftzelle mitgebracht und sie während des Interviews benutzt, um Zusammenhänge zu verdeutlichen

Gruppensituation

zwei Interviewer, Kamera: Daniel Hübner

Unterbrechungen

drei Unterbrechungen wegen Mikrofonproblemen; einmal klingelt das Handy von SW; nachdem er vom Ausbruch aus der Zelle erzählt hat, bittet er um eine Pause und sagt uns anschließend (off-Kamera), dass er an dieser Stelle normalerweise endigt

Protokoll

Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas (Berlin), intern

Eindrücke

SW erzählt über weite Strecken emotionslos und wie auswendig gelernt seine Geschichte, geht auf Fragen zwar kurz ein, wechselt aber schnell wieder in seinen nacherzählend und von sich selbst distanzierenden Sprechmodus; man merkt, dass er (speziell den ersten Teil bis zur selbst bestimmten Pause) schon oft in genau dieser Form erzählt hat; die Rhetorik scheint mir auf ein eher jugendliches Publikum zu zielen, Wortwiederholungen, Pausen usw. scheinen bewusst eingesetzt zu sein; er "re-enacted" seine Lebensgeschichte sprachlich, aber auch gestisch und unterstreicht dies durch die mitgebrachten Modelle und das effektvolle Herausziehen eines Taschenmessers aus seiner Hosentasche, das er in diesem Moment seiner Erzählung ebenfalls aus seiner Tasche zieht die über einen langen Zeitraum reichende Schilderung der Massenerschießung beschreibt er detailliert, hat sich jedoch offensichtlich im Modus der Nacherzählung so weit davon distanziert, dass er kaum Emotionen zu erkennen gibt; erkennbar wird unter Umständen das Motiv des Davongekommenen, der den Ort seines Todes nie mehr verlassen hat, dies deutet sich auch durch eingeschobene Sätze im Interview an erst gegen Ende sind einzelnen Nachfragen möglich, die sich vor allem auf die Nachkriegszeit beziehen, da er sich darüber kaum geäußert hat; eine dieser Nachfragen wird von ihm zunächst mit dem Satz "Soll ich Ihnen davon wirklich erzählen" eröffnet, am deren Ende bricht er in Tränen aus; ich überlege kurz, das Interview damit zu beenden, nehme jedoch die übliche Schlussfrage auf, die dann kurzzeitig zu einer relativen Beruhigung führt nach dem Interview dankt uns SW aufrichtig für unsere Arbeit, verabschiedet sich jedoch unmittelbar, es gibt kein Gespräch mehr mit ihm nach dem Interview ich fühle mich persönlich während der Erzählung über die Erschießung und die spätere Folter körperlich extrem unwohl, nicht emotional belastet, aber fehl am Platz; sehe mich in den Passagen auch nicht in der Lage, Zwischenfragen zu stellen

Daniel Baranowski

[0:00] ja wir sind in Haifa im Rutenberg-Institut heute ist der 15te März 2013 wir führen ein Interview mit Shlomo Wolkowicz ich bin Daniel Baranowski und führ das Interview zusammen mit Lennart Bohne Daniel Hübner ist für die Kamera und die Technik zuständig

[0:17] das Interview entsteht äh im Rahmen des Projekts »Sprechen trotz allem« für die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas und wird unterstützt von der Kulturstiftung des Bundes [Schnitt]

Shlomo Wolkowicz

[0:28] äh ich bin Shlomo Wolkowicz   lebe schon sechzig Jahre in Haifa und meine Herkunft ist Polen ich bin da in Ostpolen geboren in einer kleinen Stadt namens Jagielnica da waren 5- 6000 Einwohner die Hälfte davon waren Juden   und äh ich möchte betonen dass

[1:12] der Antisemitismus damals war außergewöhnlich scharf zu spüren und das kam vom Einfluss der katholischen Kirche die Juden in dieser kleinen Stadt waren meist Handwerker weil kandere kei- keine andere Posten hätten sie bekommen können und ungefähr achtzig

[1:47] Prozent von denen lebte in Armut   äh mein Vater war in Jagielnica weil er war Spezialist für Tabakbearbeitung und in Jagielnica war eine sehr große Fabrik für Tabak Zigaretten und mein Vater war so bekannt in Polen als Techniker für Tabakbearbeitung und

[2:28] da war er technischer Leiter in dieser großen Fabrik [hustet]

Daniel Baranowski

[2:33] wo kam Ihr Vater ursprünglich her ?

Shlomo Wolkowicz

[2:38] bitte ?

Daniel Baranowski

[2:41] wo kam Ihr Vater ursprünglich her ?

Shlomo Wolkowicz

[2:43] ja mein mein Vater kam auch von der Umgebung das war Czortkow das war eine andere Stadt aber von derselben Umgebung   und äh ich bin in Jagielnica geboren habe die Volksschule da miterlebt und dann mit zwölf Jahren mit 13 bin ich nach Lemberg äh äh übersetzt

[3:16] worden und da äh besuchte ich ein Gymnasium namens Korkis ein jüdisches Gymnasium namens Korkis und dieses Gymnasium wurde dann umwandelt auf einer technischer Mittelschule und dort in dieser Schule war ich bis Kriegsausbruch 1939

Daniel Baranowski

[3:47] sind Ihre Eltern mit nach Lemberg gezogen oder

Shlomo Wolkowicz

[3:50] [gleichzeitig:] nein nein [schüttelt den Kopf]

Daniel Baranowski

[3:53] sind Sie alleine zur Schule dort hingegangen ?

Shlomo Wolkowicz

[3:56] die Eltern und meine Schwester waren in Jagielnica der Vater hat auch dort diesen wunderbaren Posten gehabt und ich betone noch einmal der einzige Jude der in Polen bei Monopol beschäftigt war äh ich bin nach Jagielnica äh immer für zwei drei Wochen zurückgekommen

[4:22] wo Ferien war aber ich habe mich zu der großen Stadt zu der Stadt Lemberg gewöhnt und wollte nicht mehr zurück

Lennart Bohne

[4:35] wie weit war Ihr Heimatdorf entfernt von Lemberg ? wie weit war das weg Ihr Heimatdorf von Lemberg wenn Sie sagten

Shlomo Wolkowicz

[4:44] ja die Entfernung Jagielnica Lemberg war 250 Kilometer   und äh  

[5:00] Sommer 1939 gerade Schulferien da bekam die Wehrmacht einen Befehl Polen anzugreifen äh die Polen waren gar nicht bereit dazu und die Wehrmacht [benutzt Laserpointer] die Wehrmacht hat

[5:30] nach zwei Wochen zwei Drittel Polens erobert zur selben Zeit in Unterschied von fünf sechs Tagen ist die Rote Armee von der Sowjetunion nach Polen vom Osten einmarschiert und die beiden die Rote Armee und die Wehrmacht trafen sich auf einer Linie die Polen

[6:01] auf zwei geteilt hat ham sich ganz einfach mit dem Land geteilt mir die Hälfte dir die Hälfte wir haben viel später erfahren dass das kein Zufall war dass dieses diese Teilung mit Polen wur- wurden war vollzogen nach einem Geheimabkommen zwischen Hitler

[6:27] und Stalin [zeigt auf die Karte] ich war ich war doch damals Schüler in der Stadt Lemberg hier Im Osten weil ich im Osten war blieb ich unter Besatzung der Roten Armee und zwei Jahre lang konnte ich sehen und spüren wie das Ganze bei der Stalin-Diktatur

[6:56] vor sich geht nicht das ist unser Thema aber ich kann mit zwei Worten sagen das Leben da während der zwei Jahren war gar nicht angenehm war ein Schrecken von frühmorgen bis zur späten Nacht Leute hatten Angst viele wurden äh äh arrestiert festgenommen

[7:33] und nach Russland Sibirien gebracht aber ich sagte schon nicht das ist unser Thema

Daniel Baranowski

[7:45] wo haben Sie denn zu der Zeit gewohnt ?

Shlomo Wolkowicz

[7:48] ich war die zwei Jahre in Lemberg in der Schule ich war Schüler

Daniel Baranowski

[7:54] und wo haben Sie gewohnt in der Zeit ? Sie sind ja nicht immer zurückgefahren wenn ich das richtig verstanden habe

Shlomo Wolkowicz

[7:59] [gleichzeitig:] ja ich habe gewohnt bei einer privaten Familie deren Sohn mit mir in der selben Schule war ganz zufällig aber ich habe ich habe dort gewohnt selbstverständlich haben wir gezahlt dafür für das Zimmer das ich bekommen habe und Haushalt und

[8:19] so weiter [räuspert sich]

Daniel Baranowski

[8:22] ist Ihnen das schwer gefallen von zu Hause weg zu sein so weit ?

Shlomo Wolkowicz

[8:24] nein überhaupt nicht ich war selbst (_) ich war sehr zufrieden in Lemberg zu zu bleiben ich war sehr zufrieden mit meinen Freunden ich war sehr zufrieden mit der Stadt mit dem äh mit der Oper mit dem Theater mit der Straßenbahn mit allem Möglichen alles

[8:45] unterschiedlich zu dieser kleinen Stadt Jagielnica wo nur Armut zu sehen war und äh [hustet] Sommer wie ich sagte Sommer 39 wurde Polen verteilt zwischen Russland und Deutschland nach einem Geheimabkommen ich äh   die zwei Jahre zwei Jahre waren gar nicht

[9:29] so leicht nicht nur für mich auch für andere war schwer Lebensmittel zu bekommen war schwer alles andere Kleidung zu bekommen aber das hatten wir im Sommer 41 bekam wieder die Wehrmacht ein Befehl die Wehrmacht die Einheiten die hier am polnischen Boden

[9:57] stationierten die Einheiten der Roten Armee anzugreifen und da hat angefangen der Bl- ein Blitzkrieg der so genannte Drang nach Osten mit der Absicht die große Sowjetunion zu erobern die Stadt Lemberg wo ich damals zur Schule war wurde vor den erst- Kriegsstunden

[10:31] von der Luftwaffe bombardiert und [hustet] am nächsten Tag traf ich noch drei von meinen Schulkollegen das Gemeinsame für uns war dass unser Elternheim 250 Kilometer von Lemberg Richtung Süd [zeigt auf die Karte] entfernt war wir waren da allein große

[11:01] Verzweiflung wir konnten sitzen bleiben und warten bis die Stadt erobert wird wir konnten versuchen zu entfernen und wir haben die zweite Möglichkeit gewählt am nächsten Frühmorgen trafen wir uns an einer Kreuzung die von Lemberg Richtung Osten führte

[11:27] ein jeder mit ein kleinen Rucksack und wir laufen

Lennart Bohne

[11:33] hatten hatten Sie in der Zwischenzeit was von Ihren Eltern gehört gab es ein Telegramm oder eine Nachricht ?

Shlomo Wolkowicz

[11:39] [gleichzeitig; gestikulierend:] nein gar nichts gar nichts keine Nachricht nicht die von mir und nicht ich von denen und äh nach den ersten Kilometern Laufen war uns klar wir haben die unmögliche Bahn gewählt weil da stellte sich raus dass die Einheiten

[12:03] der Roten Armee dieselbe Straße da wählten für ihren Rückzug und wir waren auf einmal zwischen hunderten Panzer Lastmaschinen Artillerie alles mögliche alles lauft nach Richtung Osten und damals sagte man hat man immer erzählt die Rote Armee ist die

[12:35] größte und die stärkste in der Welt aber wer sah wie sie von den Deutschen gelaufen sind wie sie die die Einheiten die Einheiten lauften ein jeder wollte den anderen überholen alles laufte Richtung Osten   wir Jungen standen da und schauten auf die Soldaten

[13:06] Offiziere Panzer Artillerie alles lauft Osten

Daniel Hübner

[13:13] kurze Pause [Schnitt]

Shlomo Wolkowicz

[13:17] äh wir konnten nicht das Schießen kam von oben und unten die Luftwaffe hat die Kolonne schnell entdeckt kam Welle nach Welle und werfte hunderte Bomben runter auf die Einheiten der Roten Armee um sie zu vernichten bevor sie die Heimat erreichen wir haben

[13:41] uns versteckt in den Feldern und machten den Weg in der Nacht im Dunkeln drei Tage nachdem wir Lemberg verlassen haben hinter uns siebzig Kilometer das ham wir machen können und in den frühen Morgenstunden kamen wir in eine Stadt namens Zloczow   und schon

[14:11] beim ersten Gespräch mit einigen von den Einwohnern da stellte sich raus es ist kein Ausgang Richtung Osten von der Stadt weil in der letzten Nacht hat die Wehrmacht die Stadt eingekesselt das war übrigens die Taktik damals von den Deutschen die Städte

[14:34] einkesseln und weiterlaufen wir die Einheiten Panzereinheiten der Roten Armee die in der Stadt stationierten sind eingekesselt wir auch und nach langer Beratung haben wir beschlossen wir gehen auseinander ein jeder von uns geht irgendwo hin eine zeitweilige

[15:02] Unterkunft suchen bis das Ganze sich klärt und dann beschließen wir über das Weitere ich hatte einen Onkel in Zloczow zwar war ich zum ersten Mal dort [räuspert sich] ich hab sie ziemlich schnell gefunden und selbstverständlich war ich zufrieden mit Familienangehörigen

[15:21] zu bleiben und da wurde ohne Aufhör erzählt und gesprochen darüber was alles uns eventuell erwartet da   und drei Tage nachdem ich ich habe kennengelernt da einige Jungen in meinem Alter Mädchen namens Dora und wir saßen im Hof und versuchten zu erraten

[15:53] genau so wie die Eltern was bringt der Morgen was kommt da drei Tage nachdem ich da hin kam wurde die Stadt von der Wehrmacht erobert  

[16:08] wir saßen in Schrecken und Panik am nächsten Tag laufte ein Gerücht wurde erzählt dass gleich hinter den ersten Kampfeinheiten

[16:26] der Wehrmacht gleich hinter denen in die Stadt eine SS-Einheit ge- gekommen ist unter Namen Einsatztruppe C   und da sagte man die sind hierher gekommen um etwas gegen die Juden vorzunehmen wir haben nicht verstanden was das ist SS   wir haben selbstverständlich

[16:56] nicht verstanden was das ist Einsatztruppe für uns war das Chinesisch aber der Schrecken war groß und am nächsten Tag wo die ganze Stadt über die SS-Einheit gesprochen hat haben sich hunderte Ukrainer bei denen freiwillig gemeldet und angeboten Hilfe bei

[17:25] der eventuellen Aktion gegen die Juden   wie sich dann nächsten Tag herausgestellt hat hat die SS-Einheit viele von denen an sich angeschlossen und schon am selben Tag von den Mittagsstunden lauften Ukrainer in allen Straßen der Stadt und [gestikuliert]

[17:56] klebten Verordnungen Bekanntgebungen für uns Juden »für die Juden« die sagten »alle Juden müssen sich morgen zur Arbeit stellen am Platz der Stadtverwaltung um acht Uhr« und dann noch ein Satz »wer verweigert wird erschossen« wir standen da lesten

[18:29] das konnten nicht glauben wollten nicht glauben dass so etwas sein kann und da haben Debatten angefangen zwischen den Leuten »was da hingehen ?« manche glaubten das ist eine Falle   aber wie sich am nächsten Tag herausgestellt hat sehr viele Juden der

[18:55] Stadt haben sich um acht Uhr gestellt an dem Platz der Stadtverwaltung [hustet] wir mein Onkelein wir haben beschlossen wir gehen nicht ich war der der überzeugt habe »nicht da hingehen« für mich waren die ersten zwei Worte unklar »alle Juden« und ich

[19:23] dachte wieso auch Frauen Kinder alle Juden zur Arbeit ? ist doch unlogisch   wir sind zu Hause geblieben ich kann mich erinnern am nächsten Tag von den frühen Morgenstunden   äh saßen wir da und zum ersten Mal in diesem Krieg [gestikuliert] spürte ich

[19:56] ein Schrecken ein ein unbegrenztes Schrecken das war so weit dass niemand von uns gewagt hat zum Fenster zu gehen um rauszuschauen ungefähr halb zehn ein Klopf in die Tür wir saßen da schauen einer auf den anderen aber niemand steht auf die Tür öffnen

[20:24] noch einmal ein Klopfen und wir schauen einer auf den anderen und auf einmal wurde [gestikuliert] die Tür mit Gewalt geöffnet beide Teilen der Tür sind schon offen und da sprang rein ein SS-Mann hinter ihm zwei Ukrainer und der schrie zu uns natürlich

[20:52] in deutscher Sprache »ihr seid Juden nicht ? mit uns« wir standen auf und selbstverständlich gingen mit wie ich zur Straße kam schau ich rundherum und da war klar was hier passiert da sah ich so Dreier laufen von Haus zu Haus und suchen nach den Juden die

[21:22] sich um acht Uhr nicht gestellt haben an dem Platz der Stadtverwaltung wir sind geführt in eine unbekannte Richtung unbekannt für uns

Daniel Baranowski

[21:33] wer war da alles bei ?

Shlomo Wolkowicz

[21:37] unterwegs hat man noch und noch Juden an uns angeschlossen und wir laufen

Daniel Baranowski

[21:44] wer war da alles jetzt bei das war Ihr Onkel

Shlomo Wolkowicz

[21:48] ja d- nein der Onkel nicht

Daniel Baranowski

[21:51] der Onkel nicht

Shlomo Wolkowicz

[21:54] [gleichzeitig:] nur die Tante die Tante und die Dora der das Mädchen das ich da kennengelernt habe war dabei äh [räuspert sich]

Lennart Bohne

[22:02] wo war der Onkel ?

Shlomo Wolkowicz

[22:04] der Onkel ka- ist ganz zufällig einen Moment eine Minute bevor sie kamen hinter den Haus bei A- hinter den Eingang Hinterausgang hinteren Ausgang war ein kleiner Garten und er hat gesagt ich gehe eine grüne Gurke bringen ist rausgegangen zum Garten und wo

[22:31] er zurück wollte [gestikuliert] hat er im Korridor die gesehen da ist er hat er sich im Garten versteckt damals hat man im Haus nicht mehr gesucht die haben uns getroffen und da kamen wir mit und so ist er zurückgeblieben wegen der grünen Gurke auf jeden

[22:54] Fall wir [räuspert sich] nach ungefähr einer halben Stunde laufen vielleicht länger sagte mir meine Tante die an meiner rechten Seite ging »ich glaube man bringt uns und in das Schlossgefängnis« ich hab nicht verstanden was sich handelte ich war doch

[23:17] Fremder und dann sagte sie mir »hier oben ein polnisches historisches Schloss und die Russen in den zwei Jahren in denen sie hier waren haben dieses Schloss umwandelt auf ein Gefängnis [räuspert sich] für politische politische Häftlinge« und solche haben

[23:43] bei der Stalinzeit gar nicht gefehlt die Gefängnisse waren voll   und nach noch fünf Minuten laufen stellte sich raus meine Tante hat Recht gehabt wir näherten uns an das Gefängnis ich habe ein Modell gemacht [zeigt Modell] davon um zu zeigen was hier passiert

[24:14] hat [räuspert sich]   wir kamen mit einer Straße Richtung dieser Treppen und um von hier ins Hof Gefängnishof zu kommen musste man einige Treppen hochlaufen hier unten trafen wir eine Gruppe Juden uns hat man an die angeschlossen und man drückt uns nach

[24:41] vorne ich kam in Gespräch mit einen von denen den ich traf dort und er fragte mich »wer seid ihr ?«   und da sagt er mir »wir sind die die sich um acht Uhr gestellt haben am Platz der Stadtverwaltung die vielen die meisten sind schon seit lange drin wir

[25:08] sind die letzten da im Eingang« das erste was ich dachte wir haben gar nichts versäumt wir sind auch dabei und so ein ganz langsames Vorgehen ich hab nicht verstanden warum aber nachdem ich näher kam sah ich hier unten vor den Treppen zwei SS-Leute mit

[25:35] schweren Stöcken ein jeder Jude der drankommt bevor er die Treppen erreicht wird von links und rechts geschlagen soweit sie können und so einer nach den anderen Frauen dürften frei vorbeigehen wurden nicht geschlagen und ich nähere mich ich bin schon der

[26:02] fünfte sechste vor denen ich sah genau was vor mir passiert   und ich dachte ich hält das aus ich werde ich hält das aus ich kam dran stellte mich ganz stramm hab die Augen zugemacht und wartete auf die Schläge es sind einige Sekunden verlaufen gar nichts

[26:31] passierte ich machte die Augen auf und ich sehe die beiden schauen auf mich und einer hebt die Hand hoch und schrie »geh weiter !« ich bin schnell die Treppen rauf schnell ohne einen Schlag zu bekommen ich weiß gar nicht warum vielleicht bin ich denen gefallen

[27:00] ich kam [zeigt Modell] hier rauf und das Bild vor mir die Gebäuden da viele Fenster [räuspert sich] die ganze große Fläche ist in ein Grab umwandelt außer den Rand da ich schau runter voll Leichen   eine Reihe nach der anderen Leichen auf diese Leichen

[27:34] treten diese sehr viele Juden die schon dort waren und schleppen die Leichen hoch und tragen sie Richtung Rand und vom Rand tragen andere die Leichen zur Straße runter entlang der Straße stand eine lange Reihe von Pferdewagen und man ladet die Leichen in

[27:58] die Wagen ich möchte nicht vergessen zu sagen Frauen die herkamen wurden nicht gezwungen Leichen tragen die Frauen hat man weggestellt entlang der Wand vom rechten Gebäude standen da den ganzen Tag oben und schauten auf das Grausame zu wir tragen die Leichen

[28:24] ich kam dran ich sah alle sind unten bin gesprungen hab mich gebogen und hab angefangen eine Leiche zu schleppen und so hat angefangen der längste Tag in meinem Leben bis am späten Abend Leichen getragen ohne Aufhör ohne Pause ich konnte nicht verstehen

[28:53] woher i- ich die Kraft hatte das zu machen das war wahrscheinlich von von Schrecken

Lennart Bohne

[29:02] wussten Sie was das für Leichen waren woher die stammten ?

Shlomo Wolkowicz

[29:07] ich hab nicht verstanden

Lennart Bohne

[29:10] wussten Sie woher die Leichen kamen woher die stammten ?

Shlomo Wolkowicz

[29:13] [gleichzeitig:] nein nein Moment ich ich ja ich wusste in diesem Moment wusste ich noch nicht aber dann habe ich ich habe ganz zufällig mit ein älteren Juden eine Leiche gehoben er von einer Seite ich von der anderen und ich fragte ihm »wer sind die ?«

[29:36] und der Mann sagte mir »die Russen die NKWD« russische Geheimpolizei bevor sie von hier geflohen sind und hatten wahrscheinlich keine Zeit die politischen Häftlinge mit nach Russland zu nehmen und befreien wollten sie nicht wollten sie die nicht weil die

[30:02] waren doch äh äh die waren doch die sind lange lange in den Gefängnis gesessen mit mit äh mit in unmenschlichen Bedingungen auf jeden Fall sie haben so ein Grab vorbereitet und haben die alle Häftlinge erschossen jetzt sind wir da das Grab zu entleeren

[30:30] die Leichen rauszutragen und das machen wir den ganzen Tag äh eine kurze Zeit nachdem ich da hinkam sah ich von den Treppen kamen noch einige SS-Leute rauf und machten sich hier [zeigt Modell] den Platz hier von hier bewachten sie uns den ganzen Tag bis am

[30:59] Abend [hustet] und vielleicht waren denen zu langweilig so zu stehen und davon zu schauen wie wir die Leichen tragen da kamen kam immer ein anderer immer einer und spazierte da am Rand spazierte und schaute runter suchte mit die Augen suchte und bei jedem

[31:27] Spaziergang ist jemand von uns denen gefallen und auf einmal zeigten sie mit der Hand »du raus zum Rand« die müssten gleich knien vor denen und wurden [betonend:] brutal totgeschlagen sehr brutal   und manchmal haben sie dann mit den Stiefeln mit den Beinen

[31:59] sie die Verwundeten geschoben zurück in die Grube und so ging das den ganzen Tag mir war klar wir kommen von hier nicht raus ganz klar ich plante zu fliehen was wollte ich machen bei meinem Ankommen [zeigt Modell] bevor ich in die Grube runter bin hab ich

[32:28] bemerkt dass die linke Seite mit ein Abhang verbunden ist ich habe von hier hohe Rasen gesehen und von der Mittagsstund war ich hier nah der Grubenwand und mein Plan war wenn ich sehe die SS-Leute mit was beschäftigt sind oder vielleicht gehen sie Moment

[32:55] die Treppen runter dann heb ich mich zum Rand und werfe mich den Abhang runter und so stand ich sämtliche Mal schon mit ein Bein in der Luft mit ein Bein in der Luft nur um mich zu heben und immer wenn ich das machen wollte und schaute in deren Richtung hatte

[33:19] ich das Gefühl jemand von denen schaut auf mich direkt auf mich direkt vielleicht weiß der auch was ich vorhabe und ich hab auch gedacht wann wenn mir das nicht gelingt und sie erwischen mich dann ist doch mein Ende genau so eines wie von denen die zum Rand

[33:47] gerufen sind und das war schlimmer wie von viel wie der Tod schlimmer und vor Angst bin ich nicht gesprungen ich bin dringeblieben und so verlauft die Stunden wir sind schon am Abend   und auf einmal hörte ich ein Schreien von einem von denen ruft der einen

[34:20] Namen nach einigen Minuten kamen mit der Treppen zwei SS-Leute rauf mit Maschinengewehren in den Händen lauften hier her [zeigt Modell] einer blieb da zweite kam hier her stellten die Maschinengewehre auf Ständer Laufen an uns gerichtet alles klar auf die

[34:49] älteren Leute die den ganzen Tag mir sagten »Junge hab kein Angst wir gehen nach Hause wir sind hier nur um die die die Leichen zu tragen« aber auch die spürten das Ende und auf einmal ein Schreien »Feuer !« und die Maschinengewehre fängten an die Kugeln

[35:17] auf uns zu schrien eine schreckliche Schussgeschwindigkeit in Kreuz von zwei Seiten und in diese Sekunde brach aus ein Schreien von dieser Masse Juden ein Schreien ein Beten »Schma Jisrael« »Höre Gott«   und ein Schreien und ein Beten und ich habe wie

[35:55] das anfängte hab ich mich ganz zusammen gelegt hab den Kopf nach unten gedrückt ich weiß nicht warum vielleicht hatt ich Angst zu zu sehen was rundherum mich passiert und in dieser Position stand ich eine Zeit lang ich kann das nicht beurteilen wie lange

[36:17] das gedauert hat ich weiß nicht ob ich an etwas denken konnte   auf jeden Fall auf einmal ein Befehl und das Feuer das Schießen wurde eingestellt ich stellte mich gerade schaute Richtung der der SS-Leuten und da sah ich da steht jemand zwischen denen der

[36:49] den ganzen Tag nicht hier war von den Uniform konnte ich entnehmen das muss ein Offizier hohen Range sein und den Mann springt äh spricht mit den SS-Leuten die uns bewachen ganz laut und nach einigen Minuten hebt er die Hand hoch Richtung Frauen da [zeigt

[37:17] Modell] Frauen die entlang der der rechten Gebäude standen und gab Befehl »Frauen freilassen« im Moment wo ich verstanden habe Frauen gehen raus hab ich nicht zwei Mal nachgedacht ich bin von hier von hier bin ich auf alle Viere gekrochen in die andere

[37:43] Richtung hier in der Ecke stand meine Tante und die Dora während des Tages haben wir immer gewinkt zueinander ich bin in deren Richtung und ich kam vor meiner Tante und sagte ihr »vielleicht komme ich zwischen euch raus« und sie schaut auf mich und sagt

[38:06] »du bist ein Kind wenn du glaubst die lassen dich vorbeigehen« und die Dora sagt mir »komm rauf was hast du zu verlieren komm rauf ich werde dich mit mein Mantel bedecken« und ich steh da unterhalte mich mit denen und das war ganz nahe zu den SS-Leuten

[38:33] ganz nahe und ich schaue immer rechts ob jemand von denen mich nicht sieht ich unterhalte mich mit meiner Tante und genau so wie mit dem Springen da ich habe das Gefühl jemand von denen schaut auf mich und vor Schrecken hab ich sie zurückgelassen und hab

[38:57] angefangen zu kriechen in die andere Richtung von wo ich gekommen bin fast bis zur Grubenwand ich stellte mich gerade und verfolgte den Ausgang der Frauen und wie ich sah wie ein jeder kontrolliert wurde war mir ganz klar mir wäre auf keinen Fall gelungen

[39:24] zwischen denen rauszukommen [kopfschüttelnd:] auf keinen Fall hätten sie mich erwischt hätte ich unter schwerer Folterung mein Leben beendet aber jetzt ist eigentlich fast dasselbe ich bin doch drin und warte auf eine Kugel und ich verfolgte nach meiner

[39:50] Tante die ganze Zeit ich glaubte vielleicht schaut sie in meine Richtung ich möchte mich verabschieden Zeichen geben und die mit der Dora die waren zwischen den drei vier letzten Frauen beim Ausgang und wie sie zur Treppe kam dreht sie sich nach rechts in

[40:13] meine Richtung ich sah das [gestikulierend:] ich habe meine Hand hochgezogen so weit ich konnte ich hatte das Gefühl sie sieht mich ich hab mich verabschiedet und in derselben Sekunde noch stand ich mit der Hand hoch ein Schreien »Feuer !« und da schießt

[40:37] an uns fängt er an auf neu und ein »Schma Jisrael« ein Beten und ein Schreien vor dieser Masse da ich habe genau wie beim ersten Mal ich hab mich ganz zusammen gelegt nach einer kurzen Zeit ich kann das nicht beurteilen wie lange das gedauert hat spürte

[41:08] ich eine Wärme hier an der Seite [gestikuliert] spürte Blut ronnen und   jemand der neben mir stand oder hinter mir fiel auf mich und drückte mich ganz langsam nach links ich bin ganz umgekippt und er auf mir   nach einige Sekunden spürte ich von rückwärts

[41:38] fallen Leichen auf uns und ich bin bedeckt ich wusste nicht ob ich an etwas denken konnte ich wusste nicht was passiert da aber schnell war ich in ein Blutbad ich konnte nicht atmen ich hab das Bewusstsein verloren ich weiß nicht wie lange das gedauert hat

[42:10] bin aufgewacht   und ich wollte versuchen mich zu heben noch eine Kugel ich möchte nicht da hinter den Leichen bleiben und von der Anstrengung hab ich noch einmal das Bewusstsein verloren ich bin aufgewacht und da hörte ich auf einmal mit dem Schießen ein

[42:44] Donnerwetter etwas Ungewöhnliches und da fängt er an ein strömender Regen zu fallen außergewöhnlich strömender Regen und mit dem Regen die Nacht die Dunkelheit das Schießen hat aufgehört was da oben passiert hat hab ich keine Ahnung und ich lag in

[43:13] einem Blutbad ich konnte nicht atmen ich habe versucht irgendwie ein Öffnung mir zu machen meine rechte Hand war frei ich lag auf der linken Seite und da hab ich angefangen zwischen den Leichen mir eine Öffnung zu bohren zu drücken links und rechts links

[43:36] und rechts bis meine Hand fast oben war ich habe auf der Rückseite den Regen gespürt und da hab ich die Hand ganz langsam zurückgezogen ganz langsam zum Mund genähert und die Regentropfen geleckt und ich hatte das Gefühl das rettet mich das und ich fas-

[44:04] fangte die Regentropfen ohne Aufhör ich versufte ich hab beschlossen ich liege jetzt bis einige Stunden ganz ruhig ohne mich zu bewegen vielleicht sind oben noch welche die kontrollieren und wenn ich mich bewege wird das doch abgespielt nach oben kurz vor

[44:35] Mitternacht hab ich angefangen mit dem ganzen Körper mich zu bewegen und [räuspert sich] mein Kopf ist oben das erste was ich sah Vollmond nach diesem langen Regen Vollmond als hätte ihm hier jemand speziell hängen lassen um dieses schreckliche Bild das

[45:06] ich vor mir sah zu beleuchten ich habe noch die Beine befreit ich lagte schon auf den Leichen ich fangte an zu kriechen Richtung Abhang mit den ich in den Tagesstunden fliehen wollte ich kam zum Rand bin runtergerutscht auf den nassen Rasen bis nach unten

[45:29] stand auf ich spürte kaum die Beine ich mir war klar von dem langen Liegen ohne Bewegung muss ich dann muss ich dann die Beine bewegen noch und noch und es war immer besser ich fangte an zu laufen entlang des Zaunes ich hab gefunden hinter den Zaun ein kleinen

[45:56] Weg ich hab doch das verbreitert bin runter auf die andere Seite bin schon außen ich laufe zu meinem Onkel heim ich wusste nicht ob ich in dieser Nacht das Haus finden werde aber eins wusste ich sie wohnen hinter einer Kirche mit ein hohen Kuppel und in dieser

[46:28] hellen Nacht hab ich von weitem die Kuppel gesehen und so kam ich nach zum Haus die wohnten Parterre beim Hintereingang ich bin schon bei der Tür ich zittere vor Schrecken ich hatte Angst jemand kann mich noch hier erwischen nachdem ich vom Grab zurückgekommen

[46:52] bin ich rufte leise keine Antwort [hustet] und dann rechts das Fenster von der Küche von der Wohnküche ich bin schon beim Fenster ich sah Licht in der Küche zwar war ein Vorhang aber ich sah das Licht ich rufte denen bei den Namen ich nennte meinen Namen

[47:18] hat lange gedauert ich zittere vor Schrecken hat lange gedauert bis der Rand Vorhangrand sich hebte ganz langsam ganz langsam ich bückte mich und ich seh die Dora wir schauten aufeinander und [gestikuliert] ich zeige ihr öffnen und schon bin ich bei der

[47:50] Tür ich warte und warte und warte niemand kommt die Tür öffnen ich konnte nicht verstehen die Dora hat mich doch gesehen ich fängte nochmal an zu rufen hat wieder zwei drei Minuten gedauert für mich war das ein Ewigkeit auf einmal hörte ich Schritte

[48:18] vom innen nähern sich [hustet] zur Tür Schloss wurde geöffnet und ein schnelles Entfernen [trinkt; hustet]   ich kam rein natürlich abgesperrt hinter mir die Tür zur Küche war offen und ich sah von außen meine Tante und die Dora stehen angelehnt an

[48:53] die Wand gegenüber ich laufe in die Tür rein und ich schrie »ich lebe ich bin hier« und wollte mich an die nähern sie umarmen und auf einmal sah ich bei denen so ein eine [gestikulierend:] Schreckbewegung vor mir ich bin stehengeblieben wir schauten aufeinander

[49:18] ich sah die erschrockenen Augen auf einmal sagte die Dora »wieso ist das möglich dass du hier stehst ? die Tante hat doch genau gesehen wie dich eine Kugel traf und du bist umgefallen«   [lachend:] sie glauben gar nicht ich bin da und ich sagte »ich weiß

[49:47] nicht was du was du gesehen hast ich bin hier ich bin voll Blut ich muss die Kleider wechseln bitte etwas trinken ich verbrenne von Durst« und nach einige Sekunden sah ich die Dora verlässt den Platz und ganz langsam ganz vorsichtig kamt sie kam sie hinter

[50:17] mir nähert sich an mich und versuchte mich anzurühren und nur dann haben sie bestätigt dass ich wirklich da bin in der Tatsache da bin war unglaublich haben angefangen zu weinen beide

Daniel Baranowski

[50:39] war Ihr Onkel auch noch in dem Haus ?

Shlomo Wolkowicz

[50:43] [gleichzeitig:] und wir   bitte ?

Daniel Baranowski

[50:47] war Ihr Onkel auch noch in dem Haus ?

Shlomo Wolkowicz

[50:50] [gleichzeitig:] nein der Onkel ja nein der Onkel war im Keller einige Nachbarn die zurückgeblieben sind sind in Keller runter die die äh Tante und die äh äh äh [räuspert sich] die die Tante war ist oben geblieben sie sind oben geblieben [hustet] oben

[51:15] geblieben weil hatten Angst man kann einbrechen in die Wohnung und da haben sie oben bewacht und so hab ich die getroffen ich bin dann später in Keller runter und ich habe den Onkel gesehen aber oben waren äh war er nicht damals auf jeden Fall äh   ja sie

[51:48] haben mir erzählt dass einige Nachbarn und der Onkel im Keller sind und äh   ich bin auch runter und jetzt hat angefangen ein neues Leben

[52:11] drei Tage lang nach diesem Mord im Schloss haben Ukrainer [betonend:] nur Ukrainer geplündert und gemordet in Zloczow

[52:29] wurden damals 3000 Juden ermordet nur Ukrainer die SS-Einheit ist am nächsten Tag weitergefahren Richtung Tarnopol und da haben sie dasselbe in Tarnopol gemacht wie in Zloczow auf jeden Fall nur nach drei Tagen kam ein Stadtkommandant von der Wehrmacht das

[52:58] Ganze hat sich beruhigt und wir konnten raus und da hat angefangen das neue Leben für uns und ich habe mich mit der Dora befreundet ich habe noch einige Jungen die zurückgeblieben sind kennengelernt und nach einigen Tagen lauften Ukrainer die mit der SS

[53:32] da mitmachen ham haben angefangen mitzumachen und klebten Verordnungen für uns Juden Begrenzungen Verordnungen das erste was wir nicht dürfen »auf die Straße kommen ohne Band mit Davidstern nicht an der Straße bleiben nach fünf Uhr Nachmittag« hundertmal

[54:03] was wir alles nicht dürfen mir war klar ich werde mich mit den Ganzen nicht abfinden können auf keinen Fall ich werde sicher gegen den Verordnungen machen und da bin ich hingerichtet und ich hab beschlossen ich bleibe nicht bei meiner Tante ich hab beschlossen

[54:26] ich geh in ein Dorf in der Nähe und werde mich ausgeben als Pole »ich bin Pole« die polnische Sprache konnte ich besser von denen und wie ich erzählt habe über den meinen Plan sagten mir alle »du gehst Selbstmord begehen« aber mein Beschluss war fest

[54:58] zwei Wochen nachdem ich von dieser Hölle zurück kam [hustet] habe ich meinen kleinen Rucksack genommen habe mich von allen verabschiedet auch von der Dora sie war die die sehr geweint hat und bis zum letzten Moment versuchte sie mich zu überzeugen »Shlomo

[55:24] bleibe geh nicht« aber ich bin schon auf dem Weg in ein Dorf namens Woroniaki man hat mir [Schnitt] ich habe mich informiert über die Umgebung da waren rundherum fünf Dörfer und da hat man mir gesagt ein Dorf namens Woroniaki die meisten Einwohner dort

[55:57] sind Ukrainer und ich hab gewählt da hinzugehen nicht weil ich Selbstmord begehen wollte das wollte ich wirklich nicht aber mir war eines klar nur in so einem Dorf wie Woroniaki der Verdacht auf mich ich bin Jude der kleinste sein wird niemand von denen wird

[56:23] glauben ein jüdischer Junge wagt sich ein so ein Dorf zu nähern und die Logik war richtig und ich bin auf dem Weg dahin ich musste über einen Wald ich sah bei im ersten Pfad da ein Junge vor mir ich hab ihm schnell erreicht [hustet] schaute ihm an ich sagte

[56:48] ihm »dzień dzień dobry« »guten Morgen« da fängt er an ein Gespräch zwischen uns und er sagt mir dass er [hustet] dass er dass er äh Gemüse verkauft hat in der F- in der Früh am Markt und jetzt ist er auf dem Weg zurück nach Hause nach Woroniaki

[57:12] ich hörte das Wort war ich glücklich auf einmal hab ich mit wem mitzugehen und nach noch einigen Sätzen sagt er mir »ich bin Pole« und dann war ich überzeugt jemand hat den Jungen für mich hierher geschickt das kann kein Zufall sein dann wer bin ich

[57:40] ich erzähl ihm »ich komm aus Lemberg die Stadt wurde bombardiert bei meiner Abwesenheit ist eine Bombe auf das Haus gefallen alle sind unter den Trümmern geblieben ich bin allein und ich möchte zeitweilig bei einer Wirtschaft im Dorf arbeiten«   [Handyklingeln;

[58:03] Schnitt] äh wo war ich ?

Daniel Baranowski

[58:09] Sie hatten den Jungen getroffen

Shlomo Wolkowicz

[58:11] bitte ?

Daniel Baranowski

[58:13] den Polen Sie hatten den Polen getroffen

Shlomo Wolkowicz

[58:16] ja den Polen und äh

Daniel Baranowski

[58:18] [gleichzeitig:] und haben das als Schicksalsfügung angesehen

Shlomo Wolkowicz

[58:20] [gleichzeitig:] wie ja und äh wir kamen wir kamen ins Dorf wir kamen aufs Hof wo er lebte er laufte schnell in die Wohnung in die Wohnung rein äh über die Entdeckung zu erzählen und da nach einigen Minuten kam eine Frau raus schaut auf mich und sagt »ja

[58:43] mein Junge ich hab gehört was bei dir passiert hat komm rein du kannst bei uns bleiben wie zu Hause« so ein außergewöhnliches Glück außergewöhnlich ich bin dort geblieben aber   ich versuchte versuchte ein richtiger Pole zu sein ich bin mit denen

[59:19] einmal in die Kirche gegangen und ich schaute schnell was man da anfängt dass ich genau dasselbe machen soll mich kreuzen und auf jeden Fall nach einer Woche ungefähr hat das ganze Dorf über den Jungen gesprochen ich war ein anderer ich war nicht genauso

[59:56] wie die wie die meine meine Bekannte jetzt in in Dorf in Woroniaki das polnische Dorf damals war sogar manchmal ohne Schule so war das damals und die vielen waren Analphabeten auf jeden Fall ich spürte dass das Reden über mich ist gefährlich und ich hab

[1:00:24] kennengelernt einige Jungen einige Mädchen der Sonntagabend haben wir uns trafen wir uns zusammen und ganz zufällig bei einem Treffen bei einem so Treffen hörte ich zwei zwei stehen neben mir und einer sagt den anderen »du ich glaube nicht der ist Pole«

[1:00:51] ich hab das gehört und wie ich so stand bin ich ganz langsam weitergegangen ganz langsam und bin verschwunden für mich war das genug zu verschwinden da wenn so ein Gerücht zur ukrainischen Polizei kommt bin ich doch an Ort und Stelle hingerichtet in dieser

[1:01:18] Nacht bin ich war ich aus ich bin nicht in die Woine- in der Wohnung äh äh an meinem Platz geschlafen ich hab geplant für das Weitere wir haben immer sehr viel Frühstück gegessen weil nach dem Frühstück sind wir immer zur Feldarbeit gefahren und äh

[1:01:42] mit die Pferdewagen und beim Frühstück sagte ich den wunderbaren Leuten ich muss für zwei Tage nach Lemberg ich habe etwas Wichtiges zu tun am dritten Tag bin ich hier bei euch wieder zurück am dritten Tag und bin verschwunden

[1:02:03] ich suchte der Weg wie ich

[1:02:09] nach Hause komm [zeigt auf Karte] der Abstand von hier wo ich war bis zu meinen Eltern war 200 Kilometer und ich habe nach einigen Tagen auf ich schlafte aus an den Straßen in Ecken an nach einigen Tagen fand ich ganz zufällig ein Lastwagen das genau in

[1:02:38] meine Richtung zu fahren hat ich hab den Chauffeur bezahlt zwanzig Zloty ich sprang in die Kiste rein ich lag auf den Säcken ich bin glücklich hier sieht mich niemand ich fahre nach Hause aber auch das war nicht so einfach nach vierzig fünfzig Minuten eine

[1:03:05] Panne   hat lange gedauert bis wir weiter konnten und dann war später ein Problem mit Wasserkochen im Kühler und noch einmal haben wir gewartet wir kamen schon ziemlich spät an ich gabe den Zeichen halten sprang runter von diesem Ort hatte ich noch zehn

[1:03:29] Minuten zu laufen und zu Hause zu sein war ganz in der Nähe aber ich habe keine zehn Meter gemacht und ich fiel rein in den Händen von zwei ukrainischen Polizisten die quer eine Straße wollten quer ich kam von hier und ich frage euch warum konnte ich nicht

[1:03:56] zehn Sekunden später kommen die wären vorbeigegangen zehn Sekunden nein direkt in deren Händen reingefallen und der eine schon neben mir so ganz nahe und fängt an zu schimpfen und schrie zu mir »wieso wagst du jetzt da rumzulaufen was du weißt nicht

[1:04:20] sieben Uhr ist Polizeistunde« war doch Kriegszeit ich hab gar nicht gedacht dran bei mir im Dorf war ich gar nicht gewöhnt zu einer Polizeistunde und ich sagte »ich bin komme von weitem und wir hatten Probleme unterwegs und und und und [hustet] zehn Minuten

[1:04:44] ich bin zu Hause zehn Minuten« hat da so eine Bewegung gemacht mit dem Kopf dachte ich ich darf gehen ich fangte an zu gehen dann laufte der von links zu mir fasste mich beim Arm [räuspert sich] und sagte »nein das geht nicht so jetzt wirst du Strafe bezahlen  

[1:05:11] Strafe fünf Zloty   Strafe wegen der Militärstunde« ich nahm raus fünf Zloty ich gab ihm sagt er »nein ich nehme kein Geld du kommst mit uns auf die Polizei dort zahlst du« [gestikuliert] es war mir schwarz vor den Augen nur Polizei brauche ich nur das

[1:05:42] aber ich ging mit selbstverständlich wir kamen dahin kamen rein ein großes Zimmer einige ukrainische Polizisten und er sagte mir »hier zahlen« ich hielt die fünf Zloty und wollte sie da dem Mann geben und in dieser Sekunde noch hielt ich das Geld in der

[1:06:12] Hand steht jemand in der Ecke auf und schrie »der ist ein Jude« ich schaue ihn der steht da Dermanski ein Ukrainer namens Dermanski der mit mir hier im Ort in der Volksschule alle Jahre eine Klasse war und die die mit mir kamen   »was du bist Jude ? du ?  

[1:06:47] und wo ist dein Band ?« ich wollte etwas sagen aber ich hatt schon kein Zeit eine Ohrfeige und noch eine und der zweite lauft zu mir mit ein Fußtreten ich hab Sterne gesehen ich war im Schock ich hab angefangen zurückzugehen ich wusste nicht was ich machen

[1:07:11] soll und ich sah die Polizisten die mit etwas beschäftigt waren kamen einer nach den anderen zu mir ein jeder kam zu und schlägt drauf müssen alle teilnehmen an in der Feier da und einer kam von rechts und sah mein Rucksack und da schrie er zu mir »was

[1:07:36] hast du dort ?« ich gab ihm den Rucksack ging zum Tisch nimmt raus meine zwei Hemden die ich hatte aber da war ein Umschlag Umschlag mit Briefen und Bildern und da macht er den Umschlag auf nimmt raus die Bilder die Briefe fängt an zu lesen da kam noch einer

[1:07:59] und noch einer schauen zeigen einer den anderen und lachen und und es dauerte vielleicht zehn Minuten und auf einmal steht einer auf von denen steht einer auf [gestikuliert] hielt einen Brief und schrie »ich hab gefunden« und da liest er von dem Brief so

[1:08:23] einen Satz »gut dass die Rote Armee uns in Lemberg befreit hat und nicht der grausame Hitler   grausame Hitler« nur dieser Satz hat mir gefehlt und er schrie zu mir »so schreibst du über Hitler so du bist hin aber ich lasse dir einige Sekunde Zeit zum Beten

[1:08:59] du kannst beten bevor du hin bist« und ich schrie »das habe ich nicht geschrieben den Brief hab ich kommen von ein- hab ich bekommen vor von einem Freund vor zwei Jahren damals der die Schule verlassen hat damals wo die Rote Armee Lemberg bes- besetzt hat«

[1:09:21] »erzähl keine Geschichten du hast das geschrieben« »nicht meine Handschrift« »du hast das geschrieben« und ich höre sie beraten und zwei kommen zu mir einer nimmt mich und drückt mich zurück zurück und klebt mich an in eine Ecke und fängt an zu

[1:09:52] schlagen von links und rechts ich hatte das Gefühl ich werde bald meinen Kopf irgendwo suchen werden   hat mich zurückgelassen spürte Blut ich wusste gar nicht von wo und da kam ein anderer und da kam noch einer und schrie zu mir »warum weinst du nicht ?

[1:10:16] wir wollen Weinen hören« aber ich hab der Mund nicht geöffnet   und ich höre sie beraten was sie mit mir machen sollen ich hab von Zeit zu Zeit verstanden einige Worte [hustet] und da kamen zwei und einer sagt mir »du warst doch zwei Jahre mit den Russen«

[1:10:43] sagt ich »ja« »und du warst sicher tätig beim Komsomol« Komsomol ist die kommunistische Jugendorganisation in der Stalinzeit genauso wie die Hitlerjugend in Deutschland und ich sagte »nie« war auch wahr ich und Komsomol und da sagt er »komm mit ich

[1:11:11] werde dich gleich überzeugen wie weit du tätig warst« wir ich ging mit mit denen mit einer Seitentür raus und ich sehe Treppen führen runter in ein Keller einer von den beiden hielt eine kleine Taschenlampe geht die Treppen runter und ich sah von oben

[1:11:35] er macht ein Hängeschloss macht ein Hängeschloss auf macht die Tür auf und ruft mich ich kam runter und ich sah ein kleiner Keller ganz kleiner Keller zwei drei Meter und da stellts mich bei der Wand einer rechts mit der Taschenlampe und der andere gegenüber

[1:12:02] mir und auf einmal sah ich auf einmal sah ich er hebt ein Gewehr hab ich früher nicht bemerkt [gestikuliert] hebt ein Gewehr als will er meinen Kopf haben und er sagt zu mir »noch einmal frag ich dich ob du warst tätig beim Komsomol noch einmal wenn du

[1:12:32] nicht zugibst schieße ich hier bleibst du liegen« und er fragte und er steht so und ich gegen meinen Willen schrie ich »nein ich war nicht« in dieser Sekunde sah ich er dreht das er dreht das Gewehr um mit den Kolben in meiner Richtung meine Instinkte

[1:13:02] haben noch wunderbar gearbeitet ich hab mich schnell nach links gebogen und er hat draufgeschlagen auf meinem Arm wir hörten so ein pak in der Wand wie ich das pak hörte stand ich schon gerade und der mit der Taschenlampe lauft zu mir leuchtet ins Gesicht

[1:13:26] und sie fängen an zu schimpfen »du Teufel du Teufel wieso stehst du noch auf den Beinen komm rauf« wir kamen rauf stellten mich in der Ecke ungefähr eine halbe Stunde niemand hat mich angerührt sie stehen gegenüber und schauen auf mich und beraten und

[1:13:52] da kam der eine der mit der Taschenlampe mit mir unten war und nimmt mich zu den Treppen da die Tür war offen ich fangte an runterzugehen und dann hat er mich schnell erwischt und [gestikuliert] gab mir einen Schlag in Rücken mit aller Kraft ich bin von

[1:14:17] allen Treppen runter in Keller rein   ich hörte die Tür ist zu ich lagte da ich bin überzeugt jetzt gebe ich meine Seele den Herrgott zurück jetzt aber ich bin zufrieden ich bin allein ich bin zufrieden hat fünf Minuten gedauert ich höre jemand kommt

[1:14:50] die Treppen runter die Tür wurde geöffnet [hustet] und man gießt auf mich Wasser ich war nass von oben bis unten sicher war das ein Eimer Wasser die Tür ist zu und ich dachte wieso sie haben auf mich Wasser gegossen sie wollen nicht dass ich sterbe da

[1:15:21] in dieser Nacht hier sie brauchen mich noch für morgen aber das Wasser hat mir neu Leben gegeben ich bin auf die Beine gesprungen wie wie wie neu geboren ich fängte an rundherum ich muss raus ich muss und da sah ich ein schmales Fenster hinter den Dachboden

[1:15:47] ich hebte mich zu diesen Fenster und ich spürte mit dem Finger die Eisenstäbe und rundherum ein Betonrahmen ich sah das Nachtlicht und da war mir klar da kann ich doch gar nichts machen bin runter und steckte meine Hand in die Tasche ich wollte ein Taschentuch

[1:16:16] holen um das Wasser vom Gesicht zu trocknen und wie meine Hand in der Tasche ist rührte ich an mein Taschenmesser [zeigt Taschenmesser] ich hatte immer mit mir immer so ein spezielles Taschenmesser das erste an was ich dachte sie haben bei mir nicht gesucht

[1:16:39] sie waren beschäftigt mit den Briefen aber jetzt ich hielt das Messer so   ich muss raus und ich bin zur Tür gelaufen [zeigt Modell] und da hab ich mit dem Finger wollt ich sehen sehen prüfen wie die Tür gebaut ist und ich habe versucht [gestikuliert] von

[1:17:11] oben in die Breite in die Länge so hab ich gesucht das war von innen die Tür ich spürte diese Leisten da und die Bretter und auf einmal spürte ich hier auf der linken Seite zwei verbogene Eisen wie verbogene Nagelenden in Form vom U sofort war mir klar

[1:17:38] dass diese zwei Eisen gehören zu dem Hufeisen auf dem der Schloss hängt ich brauchte gar nicht zweimal nachdenken ich habe eine Klinge geöffnet und machte mir rundherum die und die zwei um die zwei Enden eine Rille hab die Rille gefunden und noch einmal

[1:18:06] und noch einmal hundertmal ich weiß nicht wie viel ich bin kaum auf die Beine gestanden meine Hand war schon so geübt dass ich direkt in die Rille gefallen bin in der Klinge und immer noch einen halben Millimeter noch einen halben Millimeter und noch einen

[1:18:39] und auf einmal spürte ich fast kein Widerstand ich hab die Klinge gezogen hab draufgedrückt und hab die Tür geöffnet und stand da und ich schaute auf das hängende Schloss und ich bin geflohen mit den Treppen nach oben ich bin im Zimmer und ich wollte

[1:19:06] die Tür hinter mir zumachen und dann dachte ich nein ich geh noch einmal runter bin runter hab die Tür zugemacht und hab dieses Stück hereingedrückt hat gepasst wie ein Korken so hab ich es denen zurückgelassen originell ich bin oben ich konnte die Tür

[1:19:36] Ausgangtür nicht öffnen ich habe ein Fenster geöffnet stand am Rahmen die Höhe war mir ganz gleich ich bin schon in der Luft bin zweimal umgekippt aufgestanden und hab angefangen zu laufen laufen   ich laufe noch bis heute   so jetzt möcht ich eine kleine

[1:20:09] Pause [Schnitt]

[1:20:12] äh   ich dachte beim Laufen ich bin Richtung in ein Wald ich werde mich verstecken einige Tage und dann [räuspert sich] finde ich mir ein Platz genauso wie ich da in dem Dorf machen wollte ja ich gebe mich aus als Pole und äh werde versuchen

[1:20:40] aber während dem Laufen dachte ich nein ich muss zuerst nach Hause meine Älteren wissen noch nicht dass ich da eingesperrt wurde sie wissen doch nicht dass ich eigentlich da war schon äh zehn Minuten von zu Hause und dann laufe ich zuerst nach Hause um

[1:21:07] denen zu erklären was passiert hat und dann werd ich werd ich weiter in ein Wald le- gehen und werde mich in eine andere Umgebung verstecken ich kam nach Hause wo sie mich gesehen haben nur gesehen haben sie alles verstanden brauchte ich schon gar nichts

[1:21:33] sagen und dann sagte ich »gut ich bleibe 15 Minuten halbe Stunde ich werde etwas essen etwas trinken und dann geh ich« und da hat angefangen ein Gespräch mit meiner Mutter und da dachte ich auf einmal ja sie sagte mir »wieso willst du gehen wieso wieso ?«

[1:22:00] und da dachte ich   es ist eine Möglichkeit wenn ich verschwunden bin dass sie kommen dann am nächsten Tag nehmen fest meine Älteren um mich zu zwingen zurückzukommen   es kann sein und in diesem Moment hab ich beschlossen ich geh nicht ich bleibe zu

[1:22:33] Hause   hab etwas gegessen und bin schlafen gegangen bin sofort eingeschlafen in der Früh um neun zehn Uhr spürte ich ein Schlag am Rücken ich machte die Augen auf zwei von denen von meinen Freunden da zwei die von den Polizisten »komm mit« und ich äh

[1:23:01] zog mich an komm mit ich kam vor der da Polizeigebäude ich sehe Leute stehen da Leute man man wartet auf mich Publikum äh da- das Gerücht dass ein Jude von der Polizei verschwunden ist wurde sehr schnell erzählt und und man man hat nicht verstanden wieso

[1:23:33] das möglich ist [räuspert sich] ich kam mit denen und da kam der eine der Polizeikommandant war damals an den Abend am vorigen Abend er war der einzige der mich nicht geschlagen hat   und der kam zu mir gleich nimmt mich beim Arm »komm mit« und wir gehen

[1:24:00] rein in die in das Gebäude und die anderen wollen hinter mir hat er die Tür abgesperrt nur wir beide wir kamen rein er sagt mir [räuspert sich] auf einmal schaut er auf mich und sagt »bitte setz dich« und ich dachte was für eine Höflichkeit auf einmal

[1:24:30] »bitte setz dich« so spricht er zu mir [lacht] nach den Totschlagen sagt er mir »bitte setz dich« und ich dachte was warum das und dann sagt er mir »Junge ich geb dir mein Wort mein Ehrenwort niemand wird dich mehr anrühren nur erzähl mir wie bist du

[1:25:01] raus«   und in dieser Sekunde war mir auf einmal klar sie haben gar nicht das ausgeschnittene Schloss gesehen weil der Polizist in der Früh ist runtergangen mich holen hat er aufgemacht den Schloss hat ge- das hat gepasst genau hat aufgemacht die Tür niemand

[1:25:24] ist da   und da hab ich verstanden sie sie wissen sie wissen gar nichts und da sagt ich ihm »jemand ist da in der Nacht gekommen und hat mir gesagt ich soll nach Hause gehen und ich bin nach Hause gegangen« in dieser Sekunde ist er auf er saß gegen- gegenüber

[1:25:58] mich [gestikuliert] aufgestanden mit die Hände so ich war überzeugt er würgt mich da sagte ich ihm »ich werde erzählen ich bin kein Verbrecher ich war außen ich konnte verschwinden aber ich ihr wolltet mich totschlagen und ich wollte bevor ihr das macht

[1:26:24] meine Eltern sehen das ist alles«   dann sagt er »gut aber wir werden versuchen wir werden prüfen ob das ob ob du die Wahrheit sagst ruft einen Polizisten er soll die Tür kontrollieren unten« und dann kam er mit dem Stück rauf und dann hielt er das

[1:26:51] in der Hand und lacht zu mir lacht und sagt mir »du bist ein so« ich weiß nicht wie man das Deutsch sagt »ein kluger Junge« sa- so etwas mh ja jetzt würden wir Pro- Pro- Protokoll schreiben auf einmal Protokoll »und du wirst unterschreiben« und er

[1:27:19] schreibt das sagt mir gab mir zu unterschreiben hab ich ihm gesagt »ich möchte das lesen« sagt er »okay« hat er geschrieben dass man hat mich erwischt nach der Polizeistunde festgenommen und ich bin weggelaufen kein Wort erzählt von der Tür dass ich

[1:27:47] die Tür ausgeschnitten kein Wort nur ich bin weggelaufen und da war noch ein Wort das nicht richtig war sagt ich ihm »das war nicht das war« hat er gesagt »gut kannst du streichen« ich hab unterschrieben und jetzt werde ich euch erzählen warum diese

[1:28:08] Behandlung jetzt ich sagte euch mein Vater hat gearbeitet in dieser großen Tabakfabrik viele von den Leuten mit die mit ihm gearbeitet haben waren Ukrainer er war doch der Leiter technischer Direktor hatte viele Ukrainerfreunde gehabt und um drei Uhr damals

[1:28:37] wo ich zurückkam nach Hause kam ist er sofort gelaufen an manche Ukrainer nach Hause in der Nacht in der Früh und hat gebeten deren Hilfe wo man mich um zehn Uhr dahin gebracht hat dann waren schon manche bei dem Kommandanten und sagten ihm [räuspert sich]

[1:29:05] »du der er nicht er ist nicht ein Jude ein Jude wie der wie die anderen er ist der Sohn von den   da muss man vorsichtig« und deswegen war die ganze Behandlung so und dann hat er beschlossen dass ich hat er gesagt den Polizisten er soll die Tür reparieren

[1:29:40] also rufen jemand die Tür reparieren und mich in den Keller äh bringen hab ich ihm gesagt »die Tür kann offen sein ich laufe nicht fort ich sitze da so so lang bis du mich befreist« ich bin runter in Keller drei Tage bin ich da gesessen mit offener Tür

[1:30:04] und meine Schwester hat mir Essen gebracht dahin und dann hat man mich befreit unter Beding dass ich dreimal täglich mich melde dreimal und mein großes Glück war außergewöhnlich großes Glück dass am Freitag am Wochenende die ganze Polizei die gesamte

[1:30:36] von den Deutschen gewechselt wurde die alle wurden in eine andere Stadt geschickt und von dort hierher die Deutschen haben das immer gemacht weil sie an die kein Vertrauen hatten und so kamen neue Leute zur Polizei niemand von denen wusste über den Fall und

[1:31:02] deswegen konnte ich ganz frei mich bewegen hätten die die früheren geblieben hätten sie mich bei erster Gelegenheit erschossen die waren wütend dass der Kommandant mir mir mich da entfrei- b- freigelassen hat auf jeden Fall jetzt hat angefangen das neue

[1:31:31] Leben für mich als Jude in der Stadt   äh ich

Daniel Baranowski

[1:31:42] [unterbricht:] darf ich an der Stelle noch mal kurz zwischenfragen ähm was haben Sie Ihren Eltern erzählt von alldem was in der Zwischenzeit passiert war

Shlomo Wolkowicz

[1:31:51] (do gut) ich hab denen erzählt selbstverständlich hab ich denen alles erzählt wo ich war und was und so weiter se- selbstverständlich

Daniel Baranowski

[1:31:57] wie haben Ihre Eltern darauf reagiert ?

Shlomo Wolkowicz

[1:32:04] nu wie haben sie reagiert [lacht] sie sie sie äh das war unglaublich unglaublich dass hier ich da in Zloczow vom Grab zurückgekommen bin und hier bei der Polizei disch- die Tür äh ausgeschnitten habe so dass dass äh alle wussten schon über mich und äh

[1:32:29] da konnte man mit mir nicht genau das machen wie sie machen äh äh hätten sollen wenn ich wenn wenn niemand wei- weiß davon dass ich festgenommen äh wurde hätten hätte ich nicht raus hätte ich nicht die Tür ausgeschnitten hätten sie mich am nächsten

[1:32:54] Tag ermordet niemand hätte gewusst wo was mit mir passiert hat niemand das war klar so haben sie mit jedem gemacht mit jedem gemacht   aber im Moment wo ich schon außen war und viele Leute wussten schon davon dann ist schon das was anderes dann kann man noch

[1:33:17] einmal ins Gefängnis äh f- äh kommen noch mal festnehmen kann man be- verurteilen ich weiß nicht was auf jeden Fall es ist nicht dasselbe wie wenn niemand weißt und man erschießt mich und man sagt mir irgendwo man nimmt mich aufs Feld und man sagt mir

[1:33:40] »jetzt kannst du den Grab für für dich selbst graben und da werd ich erschossen und« so haben sie immer gemacht

Lennart Bohne

[1:33:51] haben Sie zu der Zeit äh etwas von der Familie Ihres Onkels und von Dora gehört wussten Sie was mit denen ist gab es da Kontakte ?

Shlomo Wolkowicz

[1:34:00] [räuspert sich] damals war kein Kontakt wir äh mein Onkel ist dann in Arbeitslager gekommen und dort äh hat man ihm hängen lassen   die Tante ist geblieben aber [räuspert sich] ich ich ich komme ich komme dazu mh ich ich will euch nur sagen ich wusste

[1:34:31] nicht eigentlich was ich da anfangen soll ich wollte noch einmal versuchen mir Dokumente machen als Pole und irgendwo hinfahren Lemberg Tarnopol in eine Großstadt und so weiterleben aber die Eltern waren nicht einverstanden damit auf keinen Fall und da hat

[1:35:01] der Vater äh das gemacht dass ich aufgenommen wurde zur Arbeit in dieser Tabakfabrik und ich war doch (derjeniger) und da hab ich in der technischen Abschei- Abteilung da gearbeitet so hat das angefangen wieder in der Fabrik war eine Besatzung deutsche Besatzung

[1:35:29] die sind nachdem die Deutschen die das Ort besetzt haben wollten sie die Tabakfabrik instand erhalten und sie haben über mein Vater gehört haben ihn bringen lassen und äh der Direktor Generaldirektor waren fünf Deutsche die die Fabrik geleitet haben Generaldirektor

[1:35:58] war Ludwig Semrad er hat meinen Vater äh vorgeschlagen »Sie machen weiter genau was Sie bis jetzt gemacht haben ich weiß wer Sie sind aber mich interessiert das nicht Sie bleiben hier auf der selben Position« sogar trotzdem dass die anderen Polen und Ukrainer

[1:36:29] waren und er war Jude   in keinem anderen Fall hat das passiert aber Semrad hat befohlen [räuspert sich] und so ist das Leben weitergelaufen äh dann kam die erste Aktion wo man die Juden in der Stadt gefangen hat die die weglaufen wollten hat man erschossen

[1:37:02] die anderen zum Bahnhof gebracht und zur Vernichtung meine Mutter und die Schwester sind ganz zufällig zurückgeblieben bei einem Bauer in der Nähe wir wohnten in einer polnischen Umgebung nicht in einer jüdischen und dann nach dieser Aktion hat Sem- Semrad

[1:37:26] äh erlaubt die Mutter und die Schwester dahin zu bringen und sie haben gearbeitet bei Tabakblätter sortieren mit vielen Polinnen und Ukrainerinnen da haben tausend Leute gearbeitet in dieser Fabrik bei Blätter sortieren [hustet] und weil sie dabei waren

[1:37:50] sind sie zurückgeblieben von den Aktionen äh in der Nähe in der Nähe von von der Fabrik haben die Deutschen ein Arbeitslager aufgebaut für Juden Arbeitslager und äh nach kurzer Zeit hat man viele Juden dahin gebracht und die haben die Juden haben gearbeitet

[1:38:21] bei Plantage von Kautschuk die Deutschen haben erfunden dass man künstlich Kautschuk machen kann vom Pflanzen und der Kautschuk war außergewöhnlich wichtig für die Flugzeugindustrie und da haben sie große Plantagen von Kautschuk gemacht aber die Arbeit

[1:38:50] bei Kautschuk war sehr schwer da hat man Juden genommen viele Juden da- die Arbeit war immer so [gestikuliert] ganzen Tag von von Frühmorgen bis Abend mit den Händen die die die äh Wurzel waren so kurz klein und auf jeden Fall da war der Arbeitslager und

[1:39:17] äh [hustet] und da haben da hat man äh gebraucht Spezialisten in der Fabrik zum Beispiel Gläser Gläser die Glas schneiden können weil die die Fabrik die der Monopol hat den Bauern Plantagekisten gegeben dass es denen leichter ist die den Tabak zu pflanzen

[1:39:48] und so hat man so dreißig vierzig Juden von dem Lager in die Fabrik gebracht und sie haben in der Fabrik gearbeitet   äh in in der Umgebung hat man die Juden liquidiert jede Woche jeden Monat ein anderes Ort anderer Ort und da waren schon nur Juden in diesem

[1:40:19] Lager und die dreißig Juden die in der Fabrik gearbeitet haben gehörten zum Lager eigentlich die hätten sollen jeden Tag zurückgehen am Abend und in der Früh hierher kommen aber Semrad in der Fabrik waren leere Baracken im Hof hat Semrad denen erlaubt

[1:40:41] in den Baracken zu nachten   und

Lennart Bohne

[1:40:45] [unterbricht:] wie hab- wie haben Sie gewohnt in der Fabrik ?

Shlomo Wolkowicz

[1:40:48] wir haben in einer Souterrain in einer Souterrain das ist damals wo wo die Mutter und die Schwester da kamen auch zu arbeiten da da hat äh hat man uns ein Souterrain gegeben von einem von einem Gebäude so zwei Räume das das war Betonwände alles war Beton

[1:41:12] aber wir hatten einen Platz wir hatten da Betten und ein Tisch und   und äh die äh die Juden die da in der Fabrik gearbeitet haben haben in der Fabrik war waren große Küchen für die Arbeiter für Mittagessen und da konnten die Juden die dreißig vierzig

[1:41:41] Juden auch nachher Suppe bekommen Essen und da sind sie nicht zurückgegangen ins Lager sind sie geblieben ich habe [räuspert sich] ich habe während dieser Zeit habe ich nicht geglaubt ich überlebe auf keinen Fall eines Tages kommt man zu uns und wir sind

[1:42:10] liquidiert und ich hab mir eine Pistole besorgt ich hab von einem Polen gewesener Offizier [gestikuliert] FN neun Millimeter so ein Pistole bekommen ich habe die Pistole getragen unter den Hosengürtel auf den hatte ich so ein Verschalung ein Arbeitsanzug

[1:42:38] der war breit auf mir breit so man nicht gesehen mein Plan war der erste der mich abholen kommt muss für mein Leben bezahlen der Erste was dann später passiert ist gleich aber der Erste und ich hatte die Pistole Tag und Nacht unter den Gürtel mein Vater

[1:43:09] dürfte davon nicht wissen hätte mir nicht erlaubt und ich bin in der Fabrik war ein Pumpenraum Wasserpumpenraum die Fabrik war verbunden mit ein Park ein großer Garten und im Garten war so ein kleines Gebäude mit große Wasserpumpen die von den Quellen

[1:43:35] das Wasser gepumpt haben für die Fabrik für die Versorgung weil in der Stadt war kein Wasserleitung aber die Fabrik hat sich allein äh Wasser geleitet wie die Pumpen um sicher zu sein dass meine Pistole funktioniert bin ich da in den Park einmal zweimal

[1:44:00] der Woche gegangen hab mit ein Sperrhaken mit ein mit ein Sperrhaken ich hatte ein Sperrhaken mit dem konnte ich jeden Schloss öffnen jeden Schloss ich habe da den die Tür geöffnet bin rein habe angemacht die Pumpen die Pumpen haben [gestikulierend:] großen

[1:44:24] Lärm gemacht waren und nachdem die Pumpen gearbeitet haben habe ich die Pistole gezogen und da war ein eisernes Deckel hinter den Deckel war Koks das Wasser das Wasser filtriert wurde mit Koks und ich habe ein Schuss abgegeben und dann ein Kuss und die Pistole

[1:44:53] wieder an Platz ich wollte so sicher sein sie funktioniert weil wenn etwas passiert ich ziehe die Pistole und mir gelungt das nicht das Schießen dann wird man von mir doch Schnücke Stücke zei- schneiden ist doch klar wenn man mich erwischt mit mit mit mit

[1:45:17] einer Waffe und so   der Schluss war dass mich hat man nicht abgeholt mich niemand ist gekommen mich abholen und deswegen bin ich mit der Pistole geblieben bis zur Befreiung aber ich sagte ich möchte über den Semrad etwas erzählen  

[1:45:44] eines frühmorgens

[1:45:49] hörten wir automatische Waffen schießen in der Nähe das kommt nahe ohne Aufhör automatische Waffen wir sind aufgewacht und ich sagte meinem Vater von wo kann das sein vielleicht vom Lager wo die Juden leben ich laufe rauf wir waren im Souterrain von einem

[1:46:19] Gebäude das vier Stock hatte sagte ich meinem Vater »ich laufe rauf ich werde mit mein Sperrhaken jede Tür öffnen ich komme aufs Dach und vom Dach kann ich sehen von wo man schießt« ich bin rauf und da sah ich ganz genau Lager ist umzingelt und man schießt

[1:46:42] ran rein ich bin runter und dann die dreißig Juden die dort gearbeitet haben laufen alle zu meinem Vater fragen »was kann das sein was ma- was sollen wir machen was sollen wir machen« und der Vater sagte »der einzige Ausweg in die Kanalisationsröhre«

[1:47:04] und dann sind die alle gelaufen so ein großes Deckel war im Vorzimmer von den Baderäumen die Fabrik hatte Baderäumen das Deckel geöffnet dann war eine angebeute angebaute Eisenleiter alle sind runter alle eine nach den anderen eine nach den anderen auch

[1:47:27] meine Eltern auch meine Schwester alles aber jemand muss doch von oben zumachen jemand jemand immer immer der jemand bin ich ich habe zugemacht ich habe noch vertuscht dass man kein Zeichen sieht dass man und ich laufte Richtung die F- die Fabrik war mit einer

[1:47:49] Mauer umzingelt ich laufte Richtung Mauer ich war ein halber Kilometer von dort war ein Wald und selbstverständlich wollt ich ins Wald und wo ich laufte im Hof kam sah waren schon die ersten Arbeiter die in der Früh zur Arbeit kamen manche kamen ein bisschen

[1:48:15] früher und hier gehen welche hier gehen welche jeder geht zu seiner Abteilung und die Leute haben mich gesehen laufen aber nicht nur sie haben mich gesehen laufen [steht auf] beim Laufen hat der Körper sich gespannt und man siehte die Konturen von der Pistole

[1:48:36]   ich habe keine kein Ahnung gemacht da ich hab gar nicht gedacht daran ich bin im Laufen ich bin bis zur Mauer bin rauf wie eine Katze und runter auf der anderen Seite ins Wald ich saß da den ganzen Tag äh äh äh ich wollte etwas noch erzählen von dem

[1:49:07] Wald aber vielleicht nachher [hustet] ich saß da den ganzen Tag am Abend dachte ich ich muss zurückgehen ich bin nicht sicher ob man sie nicht gefunden hat vielleicht hat jemand bemerkt dass sie in die Kanalisationsröhre gehen und da hat man sie rausgerufen

[1:49:31] und ich muss wissen ob nach diesen nach dieser Aktion ob wir noch in der Fabrik bleiben dürfen vielleicht wird das erklärt »judenrein« das war ein Begriff »judenrein« und ich bin zurück ich kam zur Mauer von der Außenseite und ich suchte ein Platz

[1:49:59] wo ich am besten kann ich hab mir gefunden ein Platz [gestikuliert] ich bin rauf und bin schon oben und sprang runter auf der anderen Seite auf der Innenseite und mit zu meinen Glück zu meinen Glück genau an dem Platz wo ich runter bin gehen vorbei zwei

[1:50:22] Fabrikswächter die Fabrik hatte Wächter mit Waffe keine Polizei aber da war Fabrikswache und die sahen mich runterlaufen runterspringen und da kam einer zu mir »ja wo gehst du hin ?« sagt ich ihm »ich geh zurück in die Baracke« und da haben sie etwas

[1:50:53] miteinander ge- besprochen und der sagt mir »gut du kannst gehen« und ich bin Richtung Baracke gegangen und ich von weitem hab ich gesehen Licht in der Baracke da war mir klar dass die Juden sind da geblieben weil woher das Licht ich kam rein alle sind da

[1:51:17] in einer Baracke alle und sie sahen mich und da fangten sie an so [gestikuliert] »was hast du uns angetan was hast du uns angetan ?« »was hab ich euch angetan ?« »die ganze Fabrik spricht davon dass du bist mit ein Maschinengewehr gelaufen« ich mit einen

[1:51:42] Maschinengewehr ich hab sofort verstanden um was sich handelt sofort und ich sagte denen »was für Blödsinn redet ihr auch was für Blödsinn Maschinengewehr« und mein Vater kam zu mir »was du hast irgendeine Waffe sag Kind« »was du du erzählst auch

[1:52:07] diese Blödsinn« und wie ich mit meinem Vater rede wird die Tür geöffnet und die zwei Wächter die mich sahen von der Mauer springen kamen rein und suchten mich der eine sieht mich und sagt er mir »kommen Sie mit zum Herrn Semrad« ich glaubte ich sinke

[1:52:33] in die Erde ich stehe mit der Pistole da und ich geh zum Herrn Semrad aber was konnt ich tun ich ging mit und wir kommen auf das da das Gebäude wo die Deutsche wohnten war ein extra spezielles Gebäude [hustet] für Deutsche wir kommen rauf zweiter Stock

[1:53:03] äh die klopft an die Tür Semrad macht die Tür auf und er sah mich und da sagt er »komm rein ihr könnt zu eurer Arbeit zurück gehen« und ich kam rein ich [räuspert sich] ich stand damals in der Nähe von dem Herrgott Semrad war Herrgott für uns und

[1:53:41] ich Shlomo der weniger Wert hat wie eine Zwiefelschale steht ein Meter neben Semrad und er sagt mir »Junge die Leute erzählen da du bist mit ein Maschinengewehr gelaufen ich hab gelacht wo man mir das erzählt hat aber ich bin sicher du hast ein Pistole«

[1:54:09] sagt ich »wieso ich hab keine Pistole wieso konnt ich wieso von wo hatt ich Waffe« sagt er mir und und ich steh doch mit der Pistole da und da sagt er »ich schlage dir vor gib mir die Pistole und ich verspreche dir es wird dir gar nichts passieren« warum

[1:54:43] hat er mir so gesagt weil bei ein Juden ein Pistole nicht nur bei ein Juden auch bei ein Polen wurden an Platz und Stelle erschossen bei Waffenbesitz »ich verspreche dir es wird dir gar nichts passieren« und ich sagte der Semrad hat Polnisch verstanden seine

[1:55:08] Frau war doch Polin und er hat äh ich sagte ihm »woher zu mir Waffe ich habe keine Waffe« und dann dreht er sich so rundherum neben mir und sagt mir »gut   ich verspreche dir«   äh nein ne ne nicht so hat er gesagt sagt er mir äh   »wenn ich

[1:55:51] an deiner Stelle wäre und keine Waffe hätte hätte ich mir eine besorgt« Semrad sagt zu mir so etwas zu mir »ich hätte mir eine besorgt an deiner Stelle« und ist doch unglaublich und dann hab ich den Kopf runter gelassen und ging zur Tür und da sagt

[1:56:27] er mir »gute Nacht alles wird in Ordnung sein« und ich bin stehengeblieben auf der Außenseite von der Tür und dachte das hat mir Semrad gesagt das ist wahr und bin zurückgekommen und die alle haben gewartet da sie glaubten er wird mich hängen und ich

[1:56:57] sagte denen »alles ist okay ihr könnt schlafen gehen« und so ich habe Semrad gefunden nach dem Krieg ich hab ihm nach Israel eingeladen mit Wanda mit der Frau ich habe in Yad Vashem im Holocaust-Institut eine Zeremonie vorbereitet mit Gästen und die kamen

[1:57:32] ich hab sie abgeholt ich kam mit denen nach Jerusalem in Yad Vashem und dann habe ich nachdem man sie vorgestellt hat habe ich erzählt über den Fall Semrad mit Shlomo über die Pistole die Leute konnten nicht glauben dass so etwas passieren kann konnte konnte

[1:58:04] und dann nachher kam der äh der Leiter der Yad Vashem der Holocaust-Institutes und gab denen die Auszeichnung der Gerechten dieser Welt den Semrad und der Frau   das war der Fall [räuspert sich]  

Daniel Baranowski

[1:58:36] wie lange waren sie insgesamt in der Fabrik ?

Shlomo Wolkowicz

[1:58:39] bitte ?

Daniel Baranowski

[1:58:42] wie lange waren sie insgesamt in der Fabrik ?

Shlomo Wolkowicz

[1:58:44] ich ? äh   zehn Monate vielleicht etwas länger

Daniel Baranowski

[1:58:51] und sind Sie dort

Shlomo Wolkowicz

[1:58:53] [unterbricht:] aber ich habe ich habe ich möcht euch noch etwas erzählen weil ich sagte ich hatt ein Sperrhaken ich konnte nicht so leben ich wir hatten keine Information ich ich es wurde erzählt dass die Front die Russen zwanzig Kilometer von uns sind

[1:59:14] aber nächsten Tag hat man erzählt sie sind 500 Kilometer entfernt und der übernächsten Tag tausend Kilometer und ich wollte wissen genau genau von wem konnt ich das wissen ich habe ich das deutsche Gebäude Gebäude wo die Deutsche gelebt haben kennt ich

[1:59:38] ganz genau weil ich habe gearbeitet in der technischen Abteilung und von Zeit zu Zeit haben wir repariert etwas in den in den Gebäude in den Wohnungen technisch repariert und ich wusste wer wo wohnt wer wo lebt und ich habe ich hab mich vergestellt gegenüber

[2:00:02] den äh den Torausgang Ausfahrt gegenüber in einem Gebäude in einem Wei- in einem Fenster und hab kontrolliert wer von denen von den Deutschen von der Fabrik wegfahrt und wo ich sah sagen wir Lichtmanneger ja ein Vizedirektor Lichtmanneger ist in sein Wagen

[2:00:28] rein Chauffeur hat gewartet Wagen rausgefahren bin ich sofort dahingegangen mit einer kleinen Werkzeugkiste in seine Wohnung hab mit dem Sperrhaken die Tür geöffnet bin rein hab bei den Jalousien zwei drei äh Schrauben aufgedreht als wenn man mich erwischt

[2:00:55] ich mache was hab das Radio geöffnet und hörte Nachrichten aus London London [klopft] das war das Signal ganz genaue Nachrichten und dann habe ich die Schrauben wieder reingedreht hab die Tür zugemacht und bin da hingegangen da ich konnte äh die äh eine

[2:01:28] Filiale von der polnischen Untergrundbewegung war in dieser Fabrik auch ich wusste wer der war das leitet ich bin zu ihm gegangen und hab ihm erzählt die letzten Nachrichten und der wollte nur immer »Wolkowicz erzähl mir woher hast du das woher ?« und sagt

[2:01:49] ich ihm »das nicht das nicht« aber immer haben sie von mir Nachrichten bekommen

Daniel Baranowski

[2:01:56] das heißt Sie waren relativ gut über das Kriegsgeschehen informiert

Shlomo Wolkowicz

[2:02:03] bitte ?

Daniel Baranowski

[2:02:06] das heißt Sie waren relativ gut über das Kriegsgeschehen informiert

Shlomo Wolkowicz

[2:02:08] ja selbstverständlich selbstverständlich ich wusste das die Front hundert Kilometer ist ich wusste ganz genau und ich wusste w- welche Städte erobert sind auf jeden Fall eines war die die außergewöhnliche Nachricht dass die Russen gehen vor dass die Russen

[2:02:29] sind schon nicht unter Moskau oder Stalingrad sie sind neben uns   sind nicht weit   äh  

Lennart Bohne

[2:02:48] was war das für ein

Shlomo Wolkowicz

[2:02:54] [gleichzeitig:] äh ich hab euch bitte ?

Lennart Bohne

[2:02:56] was war das für ein Gefühl wenn Sie in die Wohnungen gingen und die Nachrichten hörten und in den Nachrichten hörten dass die Front näher kommt was hat das in mit Ihnen gemacht

Shlomo Wolkowicz

[2:03:04] gut wir hatten wir konnten gar nichts machen aber wir lebten in Hoffnung wir wir haben jede Nachricht war war äh ich kann Ihnen das nicht nicht erklären was das für mich bedeutet hat wenn ich hörte die Front ist fuffzig Kilometer von uns fuffzig Kilometer

[2:03:27] ist doch ein Sprung sie können in einer Stunde sein und so war das ich wurde befreit von einer Kommandoeinheit ich bin geflohen ich bin geflohen in den letzten Tagen äh zwei Wochen vor der Befreiung ist meine Schwester Mutter Vater haben die Fabrik verlassen

[2:03:50] und sind zu einer polnischen Familie polnischen Familie äh geflohen und dort sind sie versteckt worden geblieben bis zur Befreiung aber dass man das nicht bemerkt bin ich zurückgeblieben dass man jemand sieht von uns und ich habe ich bin schwarz von Fabrik

[2:04:16] raus ich wollte nicht ich hab Angst gehabt innen zu bleiben und ich hab mich versteckt in einem bombardierten Haus und auf einmal ganz früh zwei drei Uhr früh hörte ich automatische Waffen immer näher immer näher immer näher ich wußte nicht was das

[2:04:38] bedeutet aber ich wartete bis das erste Licht kam und dann kam ich raus ganz vorsichtig und auf einmal sah ich russische Soldaten ich bin umgefallen unglaublich [gestikuliert] was ich ich bin es ich bin es russische Soldaten ist doch unmöglich und so das

[2:05:10] war ein Kommandoeinheit die die Front gebrochen hat und ist in diese diese kleine Stadt rein [räuspert sich] so wurde ich befreit [hustet]   ja  

[2:05:37] ich habe ich kann mich nicht erinnern äh   ich wollte euch erzählen über General Korfes habe ich erzählt

[2:05:55] schon ?

Daniel Baranowski

[2:05:57] nur im Vorhinein

Shlomo Wolkowicz

[2:06:00] ja erzählt

Daniel Baranowski

[2:06:02] mhm

Shlomo Wolkowicz

[2:06:05] ja

Daniel Baranowski

[2:06:07] aber nur im Vorhinein wenn Sie es jetzt noch mal erzählen wollen

Shlomo Wolkowicz

[2:06:09] [gleichzeitig:] ja

Daniel Baranowski

[2:06:12] dann erzählen Sie es ruhig

Shlomo Wolkowicz

[2:06:14] ah noch nicht erzählt ?

Daniel Baranowski

[2:06:16] mhm

Shlomo Wolkowicz

[2:06:19] ich hab erzählt

Daniel Baranowski

[2:06:23] nein noch nicht noch nicht auf der Kamera

Shlomo Wolkowicz

[2:06:23] [gleichzeitig:] ja ich war eingeladen äh von von Rudi Pahnke zu einer Tagung von der we- evangelischen Akademie Berlin äh Berlin äh wie heißt das

Daniel Baranowski

[2:06:28] Wannsee

Shlomo Wolkowicz

[2:06:30] Wannsee Berlin-Wannsee und ich habe da erzählt   waren viele Leute und wie ich kam an zu dieser Stelle wo ich bei euch erzählt habe dass auf einmal sah ich ein Offizier der mit den SS-Leuten ganz laut spricht ein Offizier so das sag ich immer aber dort

[2:06:59] sagte ich »das war General Otto Korfes« ich hab nach dem Krieg erfahren wer das war und ich habe d- den Namen erwähnt ich mach das nie ich weiß nicht warum ich hab dort den Namen erwähnt und nicht gesagt ein Offizier und ich bin fertig und eine Frau lauft

[2:07:22] zu mir kam zu mir und umarmt mich und sagte »ich bin die Tochter [räuspert sich] ich bin die Tochter von Otto Korfes«   ja wir haben uns vie- lange miteinander gesprochen am nächsten Tag komm- kam sie zu mir und gab mir ein Buch das Buch heißt »Stalingrad

[2:07:50] Berlin Autobiographie von Otto Korfes« und ich sagte ihr »ich werde bei erster Gelegenheit lesen« und da sagt sie mir »Shlomo öffne Seite neunzig« ich mach das Buch auf und ich fange an zu lesen der Korfes beschreibt den Mord in Zloczow dort wo ich war  

[2:08:17] ich hab gezittert ich hab gezittert ich sage euch warum bis zu dieser Zeit wenn ich immer über das erzählte dachte ich dann was die Leute glauben mir glauben über der Grab ich bin entkommen nur verwundet leicht   und aber in diesem Moment und wo ich der

[2:09:01] Korfes leste da war mir klar jetzt sind zwei jetzt bin ich nicht allein jetzt könnt ihr mir nicht glauben Korfes beschreibt genau dasselbe jetzt bin ein deutscher General und Shlomo wir sind beide und das Bild auf Seite 92 hab ich euch gezeigt dass das Bild

Daniel Baranowski

[2:09:31] ich hols   bleiben Sie sitzen ich hols

Shlomo Wolkowicz

[2:09:36] ja   ja   Seite 92 das ist das Bild [zeigt Foto] und ich frage euch wieso das ich wurde nach Wannsee eingeladen man konnte zehn andere Zeitzeugen einladen ich war gerade der ich habe erzählt die Geschichte und ausnahmsweise ausnahmsweise den Namen von

[2:10:22] den Offizier gesagt und die Tochter ist dort irgendein außergewöhnlicher Zufall und ich bekommt das Buch und bekommt das Bild von meinem eigenen Grab ich für mich ist das unklar

Daniel Baranowski

[2:10:46] wann ist denn das gewesen ?

Shlomo Wolkowicz

[2:10:51] das war vor äh zwölf Jahren 13 oder 14 Jahren ja   ja jetzt äh äh ich weiß nicht ob ich noch etwas erzählen wollte äh haben wir nicht über etwas gesprochen was ich sagen wollte ?

Lennart Bohne

[2:11:22] mich mich würde noch sehr interessieren wie es dann weitergegangen ist nach der Befreiung Sie haben gesagt

Shlomo Wolkowicz

[2:11:28] [gleichzeitig:] ah ja

Lennart Bohne

[2:11:30] sie wurden befreit

Shlomo Wolkowicz

[2:11:33] ah ja da da da kann ich dann kann ich äh noch ein paar Sätze sagen [räuspert sich] ich wurde befreit in ein Ort namens Czortkow und äh ein Monat später haben mich die Russen zum Mobilitär mobilisiert

Daniel Hübner

[2:11:48] Entschuldigung

Shlomo Wolkowicz

[2:11:51] ich war [Schnitt] nach der Befreiung hat man mich zum Militär mobilisiert die Russen und ich war noch Soldat bei denen zehn Monate aber ich war bei einer technischen Einheit die die hieß Ingenieur-Einheit ich hatte doch technische Schule dann war ich in

[2:12:13] einer Einheit die Ersatzteile an die Front geliefert hat und ich ging mit denen [gestikuliert] bis Krakau bis zur alten Grenze alten Grenze Polen Deutschland und dort wurd ich befreit und von dort von dort ich wollte nach Osten nicht zurück selbstverständlich

[2:12:43] nicht ich wollte den Osten nicht mehr sehen ich wollte die Leute nicht mehr sehen ich wollte niemanden von den Ukrainer sehen   und ich bin von dort nach Österreich gefahren in Österreich und inzwischen war Kriegsende äh Sommer 45 war Kriegsende und damal

[2:13:11] dann damals kam ich nach Österreich [hustet] äh in Italien hat ein Legion Jud- jüdischer Legion aus Palästina zusammen mit den Engländern in Italien gekämpft gegen die Italiener und dieser jüdischer Legion nachdem der Krieg zu Ende war die sind nicht

[2:13:41] alle zurück nach Palästina gefahren ein Teil von denen ist in Europa geblieben und haben organisiert die Einwanderung die geheime Einwanderung von Juden von Europa nach nach Palästina die Engländer haben die Grenzen gesperrt man dürfte die Juden dürften

[2:14:04] nicht rein und ich habe in Österreich erfahren über so einer Gruppe Palästinenser Juden ich hab sie gefunden war gar nicht so einfach aber ich hab sie gefunden und ich habe angeboten ich möchte mitarbeiten mit euch ich bin bekannt hier ich kann viel helfen

[2:14:32] und nach einigen Tagen bekam ich Antwort »okay du kannst dabei sein« und ich habe drei Jahre mit denen zusammengearbeitet drei Jahre unsere Arbeit war in den Nächten am Tag sind wir geschlafen in den Nächten haben wir Juden geschmuggelt über die Grenzen

[2:15:00] wir haben kennengelernt die Grenzen ganz genau wir wussten wo man vorbei kam besser wir hatten auch bekannte Grenzschutz Grenzpolizei Grenzpolizisten die uns das erlaubten die die Juden zu schmuggeln nicht alle manche sagten »bitte wir gehen wir gehen auf

[2:15:26] die andere Seite bitte ihr könnt vorbei« und so drei Jahre lang

Daniel Baranowski

[2:15:32] war das jetzt ich hab das gerade nicht äh genau mitbekommen war das in Italien oder in Österreich wo Sie waren ?

Shlomo Wolkowicz

[2:15:38] in Österreich

Daniel Baranowski

[2:15:40] in Österreich

Shlomo Wolkowicz

[2:15:43] von Österreich und wir haben die Leute geschickt bis Bari und bis Marseille und dort schwarz mit Schiffen nach Palästina und nach diese drei Jahren bin ich bin ich nach Israel gekommen ich habe damals konnte man noch nicht offiziell rein aber ich hab bekommen

[2:16:08] eine spezielle Bewilligung das war eigentlich wegen der meinen Arbeit drei Jahre wollte man mir ja etwas äh ja entgegenkommen und ich bin dahin gekommen ich kann euch nur sagen ich konnte nach Amerika nach Argentinien ich hatte Verwandte ich wollte nicht

[2:16:35] ich wusste dass in Israel nur Sand da ist ich wusste ich wusste dass die Bedingungen außergewöhnlich schwer sind aber ich wollte dahin warum das sag ich euch [gestikuliert; betont] ich wollte nicht dass man mehr auf mir mit dem Finger zeigt »Jude !«   das

[2:17:06] war alles und deswegen bin ich dahin   aber nachdem ich nach Palästina kam hab ich auch bezahlt bekommen in in Form man hat sich um mich gekümmert wegen die drei Jahre Arbeit in der Untergrundbewegung man wollte mir helfen links und rechts in in Israel in

[2:17:38] Palästina damals wurde alles gemacht mit kleinen Zetteln die die Leute die Verantwortliche die hohe Offiziere und die andere haben einer zum anderen Zettel geschickt wenn man jeden jemand für jemanden befürwortete jemand befürwortet hat ich habe ein Zettel

[2:18:02] bekommen an den Zettel war draufgeschrieben »für außergewöhnliche Behandlung« das war mein Zettel schade ich kann euch nicht heute nicht zeigen [zeigt Zettel] das Zettel und dieses Zettel hat viel viel Wunder gemacht und ich habe eine Arbeit bekommen

[2:18:30] bei einer Firma wo ich gleich vom ersten Tag achtzig Pound bekommen habe Gehalt ein Arzt hat damals verdient vierzig im Monat aber Shlomo hat achtzig bekommen nur dieses kleinen Zettel und so ich habe äh einige verantwortliche Posten gemacht ich war 15 Jahre

[2:19:02] Leiter einer Firma ich war dann hab ich ein Projekt in Polen gemacht fünf Jahre lang hab äh geschaffen eine israelisch-polnische Firma für für äh Aggregatoren für Stromerzeuger und so hab ich noch mehreres mehreres gemacht ich habe bis bis achtzig Jahre

[2:19:32] gearbeitet aber dann glaubt ich vielleicht ist genug manche gehen mit 65 äh Pension und äh ja und da hab ich angefangen mehr die Treffen in Deutschland in Polen in Israel mit der Jugend mit den deutschen Jugend äh und äh äh ich ich seh das für mich selbst

[2:20:09] als Pflicht und bis heute hab ich noch nie nie abgesagt ein Einladung für Treffen über Holocaust nie

Daniel Baranowski

[2:20:28] wie haben Sie die Ereignisse die Sie überlebt haben für sich verarbeitet

Shlomo Wolkowicz

[2:20:35] ja das war am Anfang schrecklich warum in den ersten zwei Jahren in Israel habe ich jede Nacht geträumt jede Nacht [gestikuliert] manchmal bin ich aufgestanden mit Schreien mit mit mit mit Schweiß mit ich wusste nicht was ich machen soll ich habe mit mir

[2:21:05] allein gekämpft wenn Leute mich gefragt haben »ja wieso hast du überlebt« ich habe nie darüber sprechen wollen ich wollte kein Wort darüber reden weil ich wusste wenn ich darüber rede dann kommt das nochmal in der Nacht aber nach zwei drei Jahren hats

[2:21:24] aufgehört ganz aufgehört ich war frei und sämtliche Jahre war ich ganz frei davon ich hab mit niemand drüber gesprochen und ich hab nicht geträumt und dann dann äh hat man mir vorgeschlagen nach Deutschland zu fahren mit ein ein Job irgendeine Arbeit

[2:21:56] da machen ich bin nach Gießen gefahren für drei Monate und ich bin drei Jahre geblieben   in Gießen hab ich das gelernt in über die Sprache was ich heute kann und äh nachdem ich von Gießen zurück kam nach drei Jahren Treffen mit Deutschen mit Jüngeren

[2:22:29] mit Älteren mit verschiedenen Leute hab ich mir das neue Bild gemacht über Deutschland neue mich hat auch früh nicht früher gestört nicht nach Deutschland zu kommen ich habe nie die heute lebende Leute mit was beschuldigt ich bin doch dreimal hat mich

[2:22:56] die Staatsanwaltscha- -aft eingeladen um auszusagen gegen Kriegsverbrecherprozesse hab ich nicht erzählt ? nein dreimal wurde ich eingeladen einmal nach Hagen einmal nach Saarbrücken einmal nach Mannheim und ich stand dreimal vor deutschen Richter deutschen

[2:23:22] Geschworenen auf der linken Seite die Beschuldigten und ich hab erzählt   und die Anwälte versuchten mit allen möglichen Tricks irgendwie mich bei einer einer kleinsten Lüge zu fassen weil wenn schon dann ist alles und dann ist alles unwichtig aber ist

[2:24:00] denen nicht gelungen   ist denen nicht gelungen weil ich nur die Wahrheit erzählt habe   und ich wollte zuerst nicht dahin fahren ich wollte mich nicht erinnern aber dann haben mich Freunde überzeugt »du musst fahren du musst«   und äh [hustet] beim

[2:24:39] dritten Mal war der Angeklagte ein Mann namens Köllner aus Saarbrücken und dieser Köllner hat ein geniales Gedächtnis gehabt geniales er hat alles von damals sich erinnern können die Namen und die Straßen und die und ich bin der die Staatsanwaltsschaft

[2:25:09] hat mich eingeladen und dieser Köllner hat war eingesperrt aber er hat gesagt »ich bin nicht der Köllner den Sie suchen ich war an die Ostfront   ich bin nicht der ich war gar nicht dabei« und dann wo man mich eingeladen hat hat noch vier einge- fünf

[2:25:39] Leute hat man uns ins Gefängnis gebracht wo wo er saß und wir hätten sollen ihm erkennen trotzdem dass so viele Jahre schon vorbei sind und äh ich kam ich kam dahin und ich kam zum Staatsanwalt und er sagte mir »schauen Sie ein Jahr lang versuchen wir

[2:26:11] zu überzeugen dass er er das ist aber wir haben nicht genug Material dafür es ist nicht genug was wir wissen Herr Wolkowicz vielleicht werden Sie mir helfen können ich wir kommen mit Ihnen ins Gefängnis und da stehen zehn Leute unter der Wand und er steht

[2:26:38] der dritte vierte zehnte ich weiß nicht wie viel der Wievielte ich komme mit seinem Anwalt mit Ihnen Sie kommen rein und schauen von links nach rechts ohne zu zeigen und ohne zu sprechen und wenn Sie ihm erkennen merken Sie sich welcher er steht von links

[2:27:04] und kommen Sie raus zu uns«   und ich kam rein war eine ungemeine unangenehme Minute ich komme rein und ich fangte an und ich kam auf den Köllner und ich schaute so [gestikulierend:] und er hat gezittert und dabei einen Blick ich hab mich nach links gedreht

[2:27:36] und bin rausgegangen und der Anwalt hat das gesehen er hat mich umarmt [gestikulierend:] so so »Sie haben mich gerettet« der Anwalt und der Anwalt hat sich am nächsten Tag abgesagt wollte ihm nicht verteidigen   aber ähm äh und bei diesem Fall Köllner

[2:28:04] war ich fast sicher er wird befreit und ich hab gewartet im Gerichtssaal auf die Antwort schuldig oder nicht schuldig und da hat lange gedauert die Geschworenen haben viel viel beraten und da kamen sie zurück und da waren drei Richter Oberrichter und noch

[2:28:29] zwei neben ihm und der Oberrichter bekam das Zettel stand drauf »schuldig« da bin ich aufgestanden und wollte fliehen vom Sitzungssaal raus ich wollte weglaufen ich wollte nicht mehr dort sein ich hab das das Wort gehört das was ich hören wollte »schuldig«

[2:28:55] und da lauften die Journalisten hinter mir und haben mich mit gefasst und da stand eine Journalistin vor mir und sagt mir »Sie dürfen nicht weg Sie müssen für uns noch ein bisschen bleiben« und sagt mir »Sie sind sicher nicht zufrieden mit dem Urteil«

[2:29:19] sagt ich ihr »wieso nicht ?« sagt sie »was Sie wollten nicht dass man ihm hängen soll ? er hat doch lebenslänglich bekommen« sagt ich ihr »auf keinen Fall ich möchte dass er lebenslänglich im Gefängnis bleibt und ein jeden Frühmorgen wenn er aufwacht

[2:29:46] die Augen öffnet und nach oben schaut wird er an alles erste denken warum er hier ist das das ist die Strafe den ich möchte die ich möchte« und da haben alle Zeitungen drüber geschrieben aber ich bin noch so eine Zeit lang mit Ihnen geblieben verschiedene

[2:30:15] äh beantwortet und dann wieder zurück und gut dass dass das Ganze [lachend:] vorbei war

Daniel Baranowski

[2:30:25] und in der Zeit als Sie an diesen Prozessen teilgenommen haben wie ist das da mit Ihren Träumen gewesen

Shlomo Wolkowicz

[2:30:32] mit ?

Daniel Baranowski

[2:30:35] mit Ihren Träumen hatten Sie dann wieder Albträume ?

Shlomo Wolkowicz

[2:30:38] [gleichzeitig:] ja ja das war das war schrecklich diese n- nicht Träume ich war dort es waren noch Zeugen ich war nicht allein es waren auch andere Zeugen und wir haben miteinander gesprochen und ich habe immer ich weiß nicht warum ich komm immer auf das

[2:31:03] Thema zurück trotzdem ich ich wollte drüber nicht reden ich komm auf das Thema zurück   aber nicht viele von den Zeugen haben helfen können bei den Prozessen nicht viele  

Daniel Baranowski

[2:31:29] sind Sie äh nochmal in Ihrer Heimatstadt gewesen oder in Zloczow ?

Shlomo Wolkowicz

[2:31:34] ja soll ich Ihnen erzählen ?

Daniel Baranowski

[2:31:40] ja

Shlomo Wolkowicz

[2:31:43] äh   ich hab euch über die Dora erzählt die Dora mit der ich während der kurzen Zeit mich befreundet hat ich bin dann aufs Dorf mehr hab ich Dora nicht gesehen und sie mich auch nicht und wir wussten sämtliche Jahre nicht voneinander aber eines Tages

[2:32:20] vor drei Jahren bekam ich einen Anruf spricht eine Frau Englisch »Shlomo« »ja ich bin Shlomo« »ich bin Dora« da sagt ich »oh ich glaube das ist ein Irrtum ich kenne keine Dora« sagt sie »nein Shlomo ich bin Dora aus Zloczow« in dieser Sekunde haben

[2:32:54] wir beide angefangen zu weinen äh wir haben wir haben lange konnten wir nicht sprechen und dann sagt sie mir »ich hab beschlossen mit meinen Enkelkindern nach Zloczow zu fliegen um denen das Grab zu zeigen neben den ich stand da und ich habe im Internet

[2:33:23] gesucht Informationen über Zloczow und da hab ich gefunden dein Buch herausgegeben von äh äh einer Berliner Verlag und die Beschreibung über Zloczow und da habe ich den Verlag angerufen und von denen hab ich die Telefonnummer bekommen« und dann haben

[2:33:50] wir noch lange gesprochen und dann sagt mir die Dora »Shlomo sechzig Jahre sind vorbei vielleicht kommst du auch nach Zloczow vielleicht treffen wir uns dort« ich wusste nicht im Moment was ich sagen soll ich war ja und nein ja und nein nein und ja zum Schluss

[2:34:21] ich weiß nicht warum ich sagte »okay ich komme« und bin da hingeflogen und wir trafen uns im Schloss da auf der G- auf das Grab grüne Fläche so sieht das heute aus dort haben wir uns getroffen die Dora mit die Enkelkinder und ich wir lange standen wir

[2:34:53] umarmt und geweint [räuspert sich] und ich stand mit der Dora so dass ich runterschaute runter ich sah den Rasen neben neben neben neben ihrem Kopf und auf einmal sah ich sah ich der Rasen ist durchsichtig ich sehe auf einmal so Leichen Leichen als als ist

[2:35:29] das erschienen und ich schaue so ich konzentriere mich und auf einmal fangt ich an Hebräisch zu sprechen ich sagte »Brüder im dritten Juli 41 lagten wir hier zusammen ihr habt euch nicht retten können aber vielleicht habt ihr mich ausgewählt den einzigen

[2:36:06] der zurückbleibt der über eubt euch dann erzählen kann und ich verspreche euch ich werde das machen so lange ich lebe«   [hustet; trinkt]  

Daniel Baranowski

[2:36:49] Herr Wolkowicz wollen Sie zum Schluss des Interviews

Shlomo Wolkowicz

[2:36:53] [hustet] b- bitte ?

Daniel Baranowski

[2:36:58] wollen Sie zum Schluss des Interviews noch etwas sagen allgemein

Shlomo Wolkowicz

[2:37:02] ich habe nicht verstanden

Daniel Baranowski

[2:37:07] möchten Sie zum Schluss des Interviews

Shlomo Wolkowicz

[2:37:10] [gleichzeitig:] ah zum Schluss ja ja

Daniel Baranowski

[2:37:12] allgemein noch etwas sagen oder gibt es eine Episode die Sie noch erzählen möchten

Shlomo Wolkowicz

[2:37:15] [räuspert sich] ich äh ähm [räuspert sich] ich äh ich mache das weil ich spüre wie weit die Leute die vor mir sitzen die Schüler speziell sprech ich über die Jugend deutsche Jugend polnische Jugend auch bei uns aber ich spreche zu der deutschen Jugend

[2:37:42] und ich habe den Eindruck sie sind alle mit mir sie hätten mich wollen umarmen und an sich drücken sie hätten wollen sie hätten wollen und ich hatte so einen Fall in Canisius-College in Berlin wo eine Schülerin stand vor mir und sagte »Herr Wolkowicz

[2:38:13] Sie müssen mir erlauben ich möchte Sie umarmen erlauben Sie mir« und sie drückte mich mit aller Kraft und alle anderen kommen rundherum und versuchten mich so anzurühren anzurühren und und am Beispiel von von äh äh von hier von äh ich traf eine Gruppe

[2:38:45] eine Gruppe Schüler hier in dem Saal nebenan vor drei Jahren und nachdem nachdem ich fertig war waren noch viele Fragen und äh [räuspert sich] und wir haben uns verabschiedet und da gab mir eine von denen ein Schülerin ein Papierbogen und sagte »ein jeder

[2:39:15] von uns hat den ihr Namen und Telefonnummer dabei geschrieben und wir geben Ihnen das wenn Sie in Deutschland sind rufen Sie jemand an vielleicht treffen wir uns« und wir ich nahm das ich zwei Jahre später war ich in Deutschland ich hab zufällig der das

[2:39:38] die die Adressen gesehen bei mir im Koffer ich rufte an die erste keine Antwort ich rufte an die zweite ich höre man hebt ab und dann sagte ich »hallo« und da hörte ich ein Schreien »Shlomo« [lacht] das war unglaublich unglaublich ich traf eine Schülerin

[2:40:15] hier beim Erzählen und ich schaute nach um ihren Namen zu sehen Ingrid hieß sie und ich sagte »Ingrid wieso das« und da sagt sie »ich werde dich und deinen Namen nie vergessen« und so ist der Kontakt so nahe wie das nur sein kann und ich mache das wie

[2:40:54] ich euch schon sagte mit voller Liebe für die jungen Leute dass sie dann später sich ein Bild darüber machen können auch wenn sie älter sind um um zu handlen wie das zu handeln sein soll   ja

Daniel Baranowski

[2:41:25] wir bedanken uns dass

Shlomo Wolkowicz

[2:41:27] [gleichzeitig:] ich auch

Daniel Baranowski

[2:41:29] Sie uns das Interview gegeben haben

Shlomo Wolkowicz

[2:41:30] ich auch

Daniel Baranowski

[2:41:31] dass Sie sich die Zeit genommen haben vielen Dank

Lennart Bohne

[2:41:32] herzlichen Dank

Shlomo Wolkowicz

[2:41:34] äh

[2:41:36]  

Datum Ort Text
ab 1924 Jagielnica Geburt als Sohn eines technischen Leiters einer staatlichen Tabakfabrik
1937 - 1939 Lemberg Besuch des jüdischen Korkis-Gymnasiums und Aufnahme bei der Familie eines Mitschülers
1939 - 1941 Lemberg Leben unter sowjetischer Besatzung nach der militärischen Einnahme der Stadt durch die Rote Armee
1941 - 1941 Solotschiw mit drei Mitschülern Flucht zu Fuß aus Lemberg und Aufnahme bei der Familie des Onkels
ab 1941 Woroniaki Flucht aus Solotschiw und Untertauchen als christlicher Pole
1941 - 1941 Solotschiw Verhaftung durch eine SS-Einheit, erzwungene Aushebung eines Massengrabes mit Opfern der sowjetischen Besatzung, Überleben einer Massenerschießung
ab 1941 Jagielnica bei der Rückkehr zu den Eltern Verhaftung durch ukrainische Polizisten, Folter und Verhöre, Flucht aus der Polizeizelle, erneute Verhaftung und Freilassung durch gute Verbindungen des Vaters
1942 - 1943 Jagielnica zusammen mit der Familie Zwangsarbeit in einer Tabakfabrik und bei der Kautschukherstellung
ab 1942 Jagielnica Beschaffung einer Pistole und Entschluss zum bewaffneten Widerstand im Falle einer erneuten Festnahme
ab 1943 Jagielnica heimliches Abhören der BBC-Nachrichten und Weitergabe der Informationen an einen Kommandeur der polnischen Untergrundbewegung
ab 1943 Jagielnica Razzia durch die Gestapo in der Tabakfabrik, Flucht der Familie durch die Kanalisation, Rückkehr und Weiterleben in der Fabrik unter dem Schutz von Ludwig Semrad
ab 1944 Jagielnica Befreiung, nach erneutem Vorrücken der Wehrmacht nach kurzer Zeit endgültige Befreiung durch die Rote Armee in Tschortkiw
ab 1944 Tschortkiw als Soldat Dienst in einer technischen Einheit der Roten Armee, Herstellung von militärischen Ersatzteilen
1946 - 1948 Salzburg Anschluss an die »Bricha«, Hilfe bei der illegalen Einwanderung nach Palästina
ab 1946 Österreich Heirat
ab 1949 Haifa Auswanderung nach Israel, Berufstätigkeit als Ingenieur
ab 1960 Hagen Zeuge im Gerichtsprozess wegen NS-Verbrechen gegen Paul Thomanek
ab 1962 Saarbrücken Zeuge im Gerichtsprozess wegen NS-Verbrechen gegen Kurt Köllner und Heinrich Peckmann
ab 1971 Mannheim Zeuge im Gerichtsprozess wegen NS-Verbrechen gegen Richard Pal und Albert Brettschneider
ab 1979 Jerusalem Begleitung des Ehepaares Wanda und Ludwig Semrad zur Ehrung als »Gerechte unter den Völkern« in der Gedenkstätte Yad Vashem
ab 1995 Solotschiw Rückkehr an den Ort der Massenerschießung
ab 2014 Haifa verstorben
Jagielnica Besuch der Volksschule
Shlomo Wolkowicz wurde am 1. Januar 1924 als erstes von drei Geschwistern in eine jüdische Familie in Jagielnica geboren. In der kleinen ostpolnischen Stadt, die zum Zeitpunkt des Interviews in der Ukraine lag, waren die Hälfte der Einwohner Juden, die Mehrzahl lebte in Armut und spürte deutlich den vorherrschenden Antisemitismus. Der Vater Rubin Wolkowicz, ein in ganz Polen bekannter Spezialist für Tabakverarbeitung, arbeitete in der örtlichen Tabakfabrik als technischer Leiter. Um das Gymnasium besuchen zu können, ging Shlomo Wolkowicz 1937 in die weiter entfernte Großstadt Lemberg und wohnte bei der Familie eines Mitschülers. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges im September 1939 geriet Lemberg unter sowjetische Besatzung. Shlomo Wolkowicz erlebte die Auswirkungen der stalinistischen Diktatur und die ständige Angst vor Verhaftung und Deportation nach Sibirien. Als die deutsche Wehrmacht im Juni 1941 die Sowjetunion angriff, flüchtete er zu Fuß Richtung Osten. Er kam bis nach Solotschiw, wo ein Onkel mit seiner Familie lebte.

Drei Tage später wurde die Stadt von der Wehrmacht erobert, Gerüchte über ein SS-Kommando der Einsatzgruppe C, die einen speziellen Mordauftrag gegen Juden hatte, gingen um. Unterstützt von ukrainischen Hilfswilligen forderte die SS alle Juden zum Arbeitseinsatz auf; wer sich nicht meldete, wurde verhaftet. Gemeinsam mit den anderen Juden in der Stadt wurde Shlomo Wolkowicz unter ständiger Bedrohung gezwungen, Opfer der sowjetischen Geheimpolizei aus einem Massengrab auszugraben und wegzutragen. Gegen Abend wurden die jüdischen Frauen, darunter auch seine Tante und eine Freundin, weggeschickt und die Männer im Massengrab erschossen. Shlomo Wolkowicz überlebte wie durch ein Wunder unverletzt unter den Ermordeten und konnte sich im Schutz der Dunkelheit aus dem Grab befreien und zum Haus seines Onkels zurückkehren.

Für einige Monate fand er Schutz auf einem Bauernhof im nahen Dorf Woroniaki und gab sich als christlicher Pole aus. Als seine falsche Identität entdeckt zu werden drohte, flüchtete er im November 1941 zu seinen Eltern nach Jagielnica. Unmittelbar vor seiner Rückkehr wurde er von einer ukrainischen Polizeistreife aufgegriffen, verhört, gefoltert und in einer Zelle eingesperrt. Ihm gelang es, sich über Nacht durch Heraussägen des Türschlosses selbst zu befreien und zu fliehen. Einer erneuten Verhaftung entkam Shlomo Wolkowicz nach kurzer Zeit nur durch gute Verbindungen seines Vaters, dessen Kenntnisse in der Tabakfabrik auch von den deutschen Besatzern benötigt wurden. Die ganze Familie leistete in der Tabakfabrik und bei der Kautschukherstellung für die Flugzeugindustrie Zwangsarbeit. Es stellte sich heraus, dass der neue Verwalter der Fabrik, der Wiener Ludwig Semrad, gemeinsam mit seiner Frau versuchte, die Juden durch die Arbeit vor den Razzien und Deportationen der SS zu bewahren. Selbst als Ludwig Semrad erfuhr, dass sich Shlomo Wolkowicz eine Pistole beschafft hatte, um sich bei einer Verhaftung verteidigen zu können, schützte er ihn und seine Familienangehörigen weiterhin.
In dieser Zeit hörte Shlomo Wolkowicz regelmäßig heimlich den englischen Rundfunk ab und gab Informationen über den Frontverlauf an die polnische Untergrundarmee weiter. Nach der Befreiung der Familie durch die Rote Armee im Frühjahr 1944 wurde Shlomo Wolkowicz zur Arbeit in einer technischen Einheit der sowjetischen Armee dienstverpflichtet.
1946 schloss er sich in Salzburg der »Bricha«, einer jüdischen Fluchthilfeorganisation, an und half, die illegale Einwanderung von Juden aus Europa nach Palästina zu organisieren. Im Mai 1949 wanderte er nach Israel aus, niemals wieder in seinem Leben wollte er als Jude diskriminiert werden.

In Israel arbeitete er als Ingenieur und zog nach Haifa, sein Berufsweg führte ihn auch für einige Jahre nach Deutschland und Polen. In der ersten Zeit in Israel litt Shlomo Wolkowicz sehr unter den traumatischen Erlebnissen der jahrelangen Verfolgung und Todesgefahr, zwei Jahre hatte er Nacht für Nacht Alpträume. Einerseits wollte er nicht mehr über seine Verfolgung sprechen, um nicht mehr daran erinnert zu werden. Andererseits fühlte er die Verpflichtung, als Überlebender des Holocaust Zeugnis abzulegen. So sagte er in mehreren Prozessen in Deutschland gegen NS-Täter aus, 1979 begleitete er das Ehepaar Semrad zu deren Ehrung als »Gerechte unter den Völkern« in die israelische Gedenkstätte Yad Vashem. Seine Erlebnisse verarbeitete er auch in einem Buch, in dessen Mittelpunkt das Überleben im Grab von Solotschiw steht. Auf Bitten seiner Jugendfreundin Dora kehrte er dorthin mit dem Gefühl zurück, als einer der wenigen Überlebenden des Massenmordes in ganz besonderer Weise zur Zeugenschaft über das Geschehene verpflichtet zu sein. Dazu gehörten für ihn auch die vielen Vorträge als Zeitzeuge an Schulen. In besonderer Erinnerung war ihm die Begegnung mit einer deutschen Schülerin geblieben, aus der ein freundschaftlicher Kontakt entstand.