Margit Bartfeld-Feller (*31.03.1923, Czernowitz)
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- Signatur
- 01160/sdje/0055
- Institut
- Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin
- Sprache
- deutsch
- Ort und Datum der Aufnahme
- Tel Aviv, den 11. März 2013
- Dauer
- 02:48:55
- Interviewter
- Margit Bartfeld-Feller
- Interviewer
- Daniel Baranowski , Lennart Bohne
- Kamera, Licht und Ton
- Daniel Hübner
- Redaktion
- Lennart Bohne
- Transkription
- Philipp Sukstorf
Kurz vor dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941 wurde Margit Bartfeld-Feller von den russischen Besatzern der Bukowina nach Sibirien deportiert. Vor allem die Erinnerung an ihre Geburtsstadt Czernowitz, in der sie früh mit Musik und Kultur in Berührung kam, ließ sie die folgenden Jahre überstehen. Margit Bartfeld-Feller war 18 Jahre alt, als sie und ihre Familie vom russischen Geheimdienst verhaftet und verschleppt wurden. Zusammen mit der Familie ihres zukünftigen Ehemannes Kurt Feller wurde die Familie Bartfeld dem sibirischen Dorf Krassnojarka zugeteilt, wo sie Zwangsarbeit im Wald verrichten mussten. Die Kälte und der Hunger führten dazu, dass ihr Vater bereits nach zwei Jahren an Entkräftung starb. Nach weiteren zwei Jahren gelang es ihnen, nach Nowo-Wassjugan umzusiedeln, wo Margit Bartfeld-Feller zwangsweise für eine Schule arbeiten musste. Dort kam sie mit der Musiklehrerin in Kontakt, die ihr Talent erkannte, und es wurde ihr fortan möglich, als Chorleiterin und Musiklehrerin zu arbeiten. Aus der Musik und der Arbeit mit den Kindern schöpfte sie Hoffnung und neuen Lebensmut. 1990 wanderte Margit Bartfeld-Feller nach Israel aus, wo sie begann, sich schriftstellerisch mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen. In zehn Büchern verarbeitete sie ihr Leben in Sibirien und hielt die Erinnerung an das Czernowitz ihrer Kindheit aufrecht. Zum Zeitpunkt des Interviews war sie 89 Jahre alt.
Vorkontakte
erste Interviewanfrage ca. ein Jahr zuvor, sollte eigentlich im Mai 2012 stattfinden, wegen Terminkollision bei MBF Verschiebung; erneute Kontaktaufnahme Ende 2012, üblicher Vorlauf mit Telefonat und Vorgespräch am Tag vor dem Interview; noch beim Vorgespräch mussten wir MBF erneut verdeutlichen, dass ihre Geschichte und nicht die ihrer Mitschülerin Selma Meerbaum-Eisinger im Mittelpunkt steht; Anruf der Tochter ca. eine Stunde vor dem Vorgespräch, wir mögen bitte keine größeren Umstellungen des Mobiliars in der Wohnung vornehmen, das würde MBF sehr durcheinaner bringen; die Tochter ist auch kurz vor dem Interview anwesend
Bedingungen
Interview findet in der Wohnung von MBF statt, trotz beengter Verhältnisse relativ entspannte Licht- und Tonsituation; zu Beginn sehr heiß (klimatische Umstellung), dann jedoch schnell angenehm; sehr "bequeme" Sessel, deswegen nicht ganz leicht zu handhabbende Sitzsituation
Gruppensituation
zwei Interviewer (LB übernimmt kurzfristig die Einführung), Kameramann Daniel Hübner; die (kein Deutsch sprechende) Haushälterin ist ebenfalls in der Wohnung, meistenteils jeddoch nicht zu bemerken
Unterbrechungen
vier; die erste von MBF nach ca. einer Stunde angezeigt, kurz danach wegen Reizhusten eine weitere kurze Unterbrechung; LB nutzt die Gelegenheit, in einer etwas konfusen Situation nach ca. 2 1/2 Stunden, als MBF sich in den bereit gelegten Fotos zu verzetteln droht und unterbricht zum ca. halbstündigen Mittagessen; danach folgtr nur noch ca. eine Viertelstunde, in der weitere Fotos und Dokumente gezeigt werden
Protokoll
Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin (intern)
Eindrücke
in der ersten Hälfte ein (für mich vor allen Dingen nach den Erfahrungen der Telefonate) äußerst gut erzähltes Interview: MBF folgt einem Ablauf, teilt ihre Geschichte in drei Teile (Czernowitz, Sibirien, Israel), gibt zunächst einen Überblick und behandelt dann weitgehend chronologisch alle Lebensstationen, sie ist zu Beginn sehr konzentriert, lässt sich auf Fragen ein, die jedoch nicht oft nötig sind; konkrete Bezugnahmen auf den NS oder den Holocaust sowie auf ihr Judentum fehlen durchgängig fast vollständig nach der ersten Pause wirkt MBF etwas unkonzentrierter und müder; zudem wird es für mich schwer, den Inhalten zu folgen, da der Verfolgungszusammenhang in Sibirien anders als sonst ist; teilweise bleiben die Fragen deswegen auch an der Oberfläche; MBF betont wiederholt die "unbeschreibbaren" Zustände in der Kälte und Einsamkeit Sibiriens, erzählt jedoch auch immer wieder heitere Episoden (vielleicht Sarkasmus); vermeintlich wichtige Wegmarken (Hungertod des Vaters, Heirat, Geburt der Tochter, Tod des Ehemannes, Auswanderung nach Israel) übergeht sie manchmal oder spricht erst auf Nachfrage darüber, meiner Ansicht nach jedoch nicht, weil es ihr zu nahe ginge, sondern weil andere Dinge eine größere Relevanz für sie haben; da sie sich nicht an den großen historischen Abläufen orientiert, ist das Interview im positiven Sinne (individuell-)lebensgeschichtlich mir persönlich fällt es schwerer als bei irgend einem Interview zuvor, mich zu konzentrieren, da ich in Gedanken sehr stark mit dem weiteren Ablauf der Dienstreise und den nächsten Terminen beschäftigt bin, ich habe aber den Eindruck, mich auf LB sehr gut verlassen zu können und bin deswegen trotzdem ziemlich entspannt die Atmosphäre ist insgesamt äußerst herzlich
[0:00] wir haben heute den elften März 2013 und sind in Tel Aviv zu Gast bei Margit Bartfeld-Feller mit der wir heute ein Interview führen werden für das Projekt »Sprechen trotz allem« der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin das Interviewprojekt
[0:17] wird unterstützt durch die Kulturstiftung des Bundes mein Name ist Lennart Bohne ich führe das Interview gemeinsam mit Daniel Baranowski und Daniel Hübner ist für die Kamera und den Ton zuständig
[0:28] [Schnitt]
[0:31] Margit vielleicht erzählst Du uns am Anfang
[0:33] ein bisschen darüber etwas wo Du geboren wurdest und wer Deine Eltern waren und über Deine Kindheit
[0:37] gut okay äh also ich heiße Margit Bartfeld-Feller und bin geboren in Czernowitz im Buchenland im Jahre 1923 an einen Ostermorgen Pessachmorgen in in an einen Sonntagmorgen äh nee am Abend nicht morgens sondern am Abend am Sonntagabend und äh
[1:08] dort in in Czernowitz also m- meine Ma- Mutter hat mit mir mit uns gelebt und mein Vater Moritz Bartfeld Cicilie Bartfeld und mein ein kleiner Bruder Ottmar Otti Bart- Otti Bartfeld und so also das war unsere Familie und ich leider leider leider konnte
[1:32] ich in Czernowitz nicht nicht so lange bleiben weil wir äh lebten dort ich lebte dort 18 Jahre 18 Jahre in Czernowitz also Czernowitz ist für mich eine na- natürlich das ist meine Heimat und Czernowitz ist mein Märchenland dort lebte ich sorgenlos
[1:52] und wie ich sagte äh mei- mein Märchenland es war es war so eine schöne Kindheit ich muss sagen es war keine ich ich gl- -laube fast dass es nicht eine Nostalgie war sondern das heißt ich sondern es war so so fantastisch schön ähm die Mama Papa und
[2:16] und auch die ähm Verwandten also die Brüder meiner Mutter und Schwestern waren alle so ähm so erudiert so intelligent und so so musikalisch und mit mit so viel Liebe haben sie Czernowitz be- bewohnt und das ist alles zu mir zurückgekommen herübergekommen
[2:40] also Czernowitz ist für mich wirklich das das Märchenland welches in meinem Alter jetzt nach so vielen Jahren steht es immer noch wie ein wie ein ein ein Märchen vor mir und ich liebe Czernowitz über alles wo ich auch wo ich auch war war Czernowitz
[3:03] immer vor meinen Augen und es war immer das das Schönste was ich ha- das Schönste wo wo wo ich erlebt habe und was ich erlebt habe
[3:11] weiter geht -s natürlich mein mein Leben kann ich einteilen in drei Teile in drei ähm wie soll ich sagen in in drei äh
[3:23] Phasen also d- die Kindheit das ist Czernowitz Kindheit und Jugend dann kommt eine schwere schwere Zeit das ist Sibirien Sibirien ist fünfzig Jahre das kann man gar nicht fassen dass Sibirien in der Kälte in in in in Feindschaft muss man sagen
[3:47] und in in in sehr sehr schweren ähm Bedingungen habe ich fünfzig Jahre [betonend:] überlebt ich kann nicht sagen gelebt sondern ich hab es überlebt und bin dann weiter in mein drittes Leben ist Israel wo ich die äh endlich angekommen bin und also
[4:09] in Israel bin ich jetzt auch schon zwanzig Jahre also Czernowitz 18 Jahre äh äh Sibirien fünfzig Jahre und äh und äh Israel sagen wir 21 Jahre äh so und mit mit meinem [lacht] mit meinem äh Alter von neunzig habe ich es so eingeteilt und g- gottlob
[4:32] hab ich immer diese wie soll ich sagen die Erinnerung an Czernowitz an den Buch- an das Buchenland an Sibirien und an Israel muss ich sagen ich danke meinem Charakter der positiv immer sieht und dass ich diese schweren schweren Jahre diese diese unmöglich
[4:54] schweren Jahre zu verkraften auch mit mit mit wie soll ich sagen mit ähm mit Leichtigkeit nein kann man nicht sagen Leichtigkeit aber ich habe es irgendwie geschafft dass ich weiter gekommen bin ich ha- ich bin über die diese Hürden herüber gesprungen
[5:12] und ha- bin wieder m- lustig geblieben mit mit Musik mit Liedern und mit mit allen möglichen äh ausgedachten Sachen welche welche mir leichter zu leben leichter äh äh schaffen mein mein Leben [seufzt]
[5:27] ja ich beginne mit Czernowitz nochmals also
[5:35] Czernowitz diese Kindheit also ich muss sagen f- von Kind vom Kindergarten an hat es immer immer in mir geleuchtet es war de- es war eine äh eine Kindergärtnerin Maurüber das war die die hat hat ich ver- -ehrt und angebeten weil sie sie hatte eine Wohnung
[5:57] die mir sehr gefallen hat es war alles einfach sie sie haben die Schüsseln f- aus Keramik gehabt und die Löffel aus Holz und das war so alles äh ähm volkstümlich dabei wa- sie war sehr eine sehr intelligente Frau hat Klavier gespielt ihr Mann war hatte
[6:17] eine eine Bibliothek aber da- de- de- der der Alltag ist bei denen so gewesen eingeteilt dass sie waren so einfach und äh das hat mir sehr sehr sehr gefallen weil mei- mein Vater war auch so immer immer hat er ges- geschaut es soll einfach sein es soll nicht
[6:35] es soll nicht so er war kein Snob und er hat es immer so sehr sehr gut arrangiert zum Beispiel zur Schule hat er in in Czernowitz war waren verschiedene Privatschulen die Meißler-Schule die Kramer-Schule die die die ähm Comenius-Schule mein Papa hat gesagt
[6:56] »nein meine Margit wird in eine ganz einfache in eine Volksschule gehen« warum weil dort ganz verschiedene Kinderchen sind und sie wird alles sie wird das Leben kennenlernen schon von der Schule a- sogar vom Kindergarten an und das war auch wirklich ich
[7:13] hab in meinen Büchern auch beschrieben diese Kinder diese einfachen aber sehr int- interessante Typen also in in der ersten Klasse war dort die Eier-Sali die Eier-Sali war zum Beispiel ein Mädelchen welches nach der Sch- nach dem Unterricht ist sie mit
[7:31] einem Korb gegangen und hat die Eier getragen für für die Eltern zum Verkaufen dann war die Paula eine Paula eine armes Mädelchen welches welches ich sehr äh bemitleidet habe weil ich hab gesehen sie ist so sie ist so arm und sie hat auch keinen kein
[7:51] Frühstück mitbekommen da habe ich ihr immer mein Frühstück weggegeben und dann hab ich sie eingeladen zu mir nach Hause und hab mir gedacht ich mache ihr jetzt ein ein ein Geschenk und ich was kann ich ihr was könnt ich ihr schenken ? und da habe ich
[8:05] einen Wintermantel bekommen gerade fürs für den Winter und ein ein Käppchen und Fäustlinge sag ich »Paula weißt du ich ich werde probieren deinen meinen Mantel probier meinen Mantel meinen Wintermantel« hat ihn probiert also sie war so einsilbig so
[8:21] still hab ihr angezogen den Mantel »ja genau« sag ich »genau wie mir es passt dir wunderbar« hab ihr das Käppchen angezogen die die die Stiefelchen und die Mama ist gerade hereingekommen sag ich »Mama weißt Du ich hab der Paula gesche- mein mein mein
[8:36] Mantel geschenkt so-« und die Mama war so schlagfertig das das muss ich immer sagen weil sie hat gesagt »sehr gut sehr gut dann wirst du im alten Mantel weiter gehen und ohne Käppchen« ich war sehr zufrieden also die Paula hat bekommen ganze Ausrüstung
[8:50] die ganze Winteraussteuer und so also es waren solche Momente die wirklich für meine ich glaube für die Erziehung s- äh meine Erziehung sehr hilf- hilf- äh hilf- geholfen haben ähm jetzt ähm weiter nach na- nach der Schulzeit ja dann war noch
[9:14] die Abdullah die Fatima Abdullah das war eine Türkin die hat mir besonders gefallen weil dieses [gestikuliert] Fez von ihr und ihr Vater war am Ringplatz in in Czernowitz war der Ringplatz dort und er war der Schuhputzer das hat mir auch sehr gefallen er
[9:30] hat die Schuh geputzt für für die Menschen und so weiter das waren alle solche das war nicht ungewöhnlich für mich also und so und so weiter und so weiter
[9:39] jetzt ist gekommen dann weiter bin ich in die ins Lyzeum gekommen in die Hoffmann-Schule auf Rumänisch
[9:45] war das »Iulia Hasdeu« hat das geheißen dieses Hoffmann-Lyzeum das war ein Privatlyzeum aber man musste auch Rumänisch ja da muss- muss ich jetzt noch sagen dass äh in Czernowitz war eine Umstellung es war zuerst Österreich Ungarn-Österreich un- und
[10:05] dann ist es geworden rumänisch umge- und in der Schule im Lyzeum war ich schon in der rumänischen Schule äh Lyzeum ich meine war ich schon im im in rumänische Sprache die rumänische Sprache haben wir alle das war wie eine Muss-Sprache wir wollten
[10:23] sie nicht wir konnten sie nicht so anerkennen aber wir mussten wir hatten hier auf der auf der äh am am Ärmel hatten wir eine Nummer auf dem Käppchen hatten wir auch eine Nummer zum Beispiel hier habe ich ein ein Foto das ist auch so hier ist am Käppchen
[10:41] ist am Barett ist eine Nummer und alle hatten eine Form eine schwarze F- Uniform einen weißen Kragen und mit dem Pepita- äh -Band alle Mädelchen sind alle so in in so einer Uniform gewesen und nun war so eine Muss-Schule wir mussten auf der Straße und
[11:03] überall mussten wir Rumänisch sprechen für uns war das sehr schwer weil wir haben alle nur Deutsch oder Jiddisch gesprochen es war sehr sehr schwer schnell sich umzustellen und schon im Lyzeum das ist schon das Lyzeum aber man musste schon lernen und
[11:20] di- in in Rumänisch sprechen na also weiter ist es gegangen aber zu Hause haben wir weiter Deutsch gesprochen und es war wieder es war das Zuhause es war angenehm weil wir konnten schon wieder mit mit Mama und mit Papa und mit den Großmüttern Deutsch
[11:37] sprechen mein Papa hat auch Jiddisch gesprochen und hat es uns uns mich und de- meinem Bruder auch wollen dass wir auch die auch äh hören die die jiddische Sprache damit wir sie auch ähm verstehen außerdem hat er seine Mutter war eine ziemlich fromme
[11:55] Frau und sie sprach auch Jiddisch auch Deutsch aber Jiddisch m- mehr als als Deutsch und er wollte dass wir m- mit ihr auch konversieren und so weiter also wir haben am Abend hat er uns immer vorgelesen er war ein Freund von Elieser Steinbarg das war ein
[12:12] ein Fa- Fabulist in Czernowitz ein sehr berühmter Manger Itzik Manger war Papas Freund auch und so das dass wir äh wir auch zusammen kamen mit mit mit der jüdischen Kultur das war sehr gut das war sehr sehr gut jetzt ähm
[12:31] wo habt ihr gewohnt in Czernowitz
[12:34] ja in Czernowitz haben wir gewohnt in der Goethegasse beim Theater das war das Theater ich hab hier irgendwo gehabt das äh äh das ich kann mich nicht erinnern wo das ist jetzt also das ist der Platz äh de- de- der Theaterplatz das schöne Theater
[12:53] und auf eine Seite da ist de- die Goethegasse auf der anderen die Schillergasse und das ist sehr sehr sch- Heinegasse ist wieder weiter das ist ein sehr schönes Viertel jetzt ist dort das Museum das Jüdische Museum jetzt sind i- in in in in Russland n-
[13:11] ah nein das ist schon jetzt die Ukraina also dann war also zuerst war es Österreich dann war es rumänisch dann war es russisch und da- und jetzt ist es ukrainisch also so eine Metamorphose ist vorgegangen mit Czernowitz und in Czernowitz sind sehr sehr
[13:28] viele Schriftsteller gewesen und auch jetzt noch und Lyriker sehr sehr ähm bekannte zum Beispiel Rose Ausländer und Paul Celan und äh Ilana Shmueli und und und ähm äh verschi- man kann man kann zählen am se- se- aufzählen sehr viele Kittner und
[13:51] David Goldfeld und ich kann sagen und sagen und sagen das weiß ich jetzt mehr natürlich ähm also wo ich ha- wo wir haben gewohnt Goethegasse wa- hatten wir kein eigene Wohnung wir hatten eine gemietete Wohnung damals war es so modern dass man man
[14:10] gemietet hat drei Zimmer und ein kleines Zimmerchen für die Dienstboten und äh es war sehr schön es war eine sehr schöne Wohnung hell und und besonders war sie für mich lieb weil der Balkon ist ausgegangen mit de- mit der Aussicht aufs Theater rückwärts
[14:27] war das Theater und ähm besonders für mich war das [betonend:] sehr interessant weil dort war eine eine ähm eine Frau welche behütet hat den den den Eingang den de- rückwär- den Hintereingang für die äh für die Schauspieler und sie saß immer mit
[14:44] einem kleinen Äffchen am Sch- auf der Schulter das das war für mich ga- ganz besonders dieses Äffchen ich hab mir immer gebeten man soll mir auch ein Äffchen kaufen [lacht] hm aber Papa hat mir ähm Vögelchen gekauft also Zeisige waren Zeiserl Hanserl
[15:01] und Zeiserl waren also das waren auch sehr herzige Sachen aber ein Äffchen hab ich nur schauen können wie wies dort im beim Theater war rückwärts beim Theater war diese warn diese großen ähm Portale welche sie geöffnet haben und dort waren die Kulissen
[15:19] die Kulissen hat man dann herein geführt und heraus geführt das das war für mich ein ganz interessantes äh Treiben weil äh die- dieser Geruch von den Kulissen da- das spüre ich noch heute wie wie dass immer gegangen bin dort und hab immer geschaut wie
[15:34] man diese Kulissen herein schiebt und so weiter das waren nämlich ein ein Maler ähm ähm der Baron von Löwendal er hat gemacht die den ähm den Vorhang vom Theater ganz fantastisch und er ist auch ein wunderbarer Maler gewesen Baron von Löwendal ja und
[15:52] er hat besonders hat er schön die ähm die Huzulen und die alten Männer und Frauen ru- rumänische Frauen ge- gemalt ganz fantastisch schade dass ich ich hab überall diese diese Bilder von von von Löwendal sehr sehr schön warum kenn ich das alles weil
[16:09] mein Onkel der Bruder von meiner Mutter er war Maler und er hat be- beim Löwendal ge- gelernt und Baron von Löwendal hat zu ihm gesagt dass dass Norbert ist ein ein großes Talent und man musste es weiter und wie er nach Paris dann ausgewandert ist hat wollt
[16:26] er Norbert mitnehmen aber leider hatten die kein Mittel im äh ei- ein Sohn hat studiert im äh in Prag und in ich mein in in der Tschechoslowakei und die ganze Familie hat gearbeitet für für das Studium dieses dieses Sohnes so dass man den Norbert nicht
[16:43] schicken konnte nach äh nach Paris aber das ist so eine ein ein äh Abweichen von vom Thema
[16:51] kannst du dich an äh Aufführungen erinnern die du besucht hast was hast du gesehen
[16:55] [gleichzeitig:] ja ja ja kann ich erinner- ja also in diesem Theater war waren nicht so rumänische Aufführungen es war mehr deutsche es war der (»Moyschewitz«) gekommen und es war die Oper au- war eine rumänische Oper au- k- aus Cluj aber äh ist sie
[17:12] gekommen man hat immer se- diese Opern de- äh geschickt und ich als kleines w- ich war ich weiß nicht wie alt ich war damals zwölf Jahre oder 14 Jahre war ich schon auch damals hatten wir ein ein Dienstmädchen ein rumänisches Dienstmädchen und sie hatte
[17:27] f- äh Zugang zu äh zu Offizieren und zu Soldaten zu rumänischen und dann hat sie gesagt »Margit ich werde dich mitnehmen wir die können dich von von rückwärts rein führen« und irgendwie eine Kontramarke hat man immer bekommen und ich bin immer zu
[17:42] diesen Aufführungen also damals schon als kleines Mädchen hab ich immer die Arien und die die Opern und schon be- geschaut also ich hab auch [lacht] eine eine Erin- eine Erinnerung eine eine ganz fantastische ich war es war »Aida« »Aida« hat man äh
[17:58] aufgeführt und natürlich hat man uns rauf geführt dort die durften wir durften nur auf der Galerie dort stehen ich war noch klein und zwischen diesen Leuten es war heiß au- auf der Galerie und ich hab gefühlt dass ich es war dort gerade die diese
[18:14] Arie ist gegangen ist hat man aufgeführt die »Aida« [summt Melodie] also und und ich bin sch- fühlte ich ich ich ver- ich ohnmachte ich ich verliere die die äh Besinnung und bin so langsam langsam herunter zwischen die es waren viele Leute die dort
[18:34] standen und ich hab gespürt dass ich ich herunterfalle zwischen diesen Leuten und hab verloren die Besinnung aufgewacht bin ich schon in der Garderobe also dort war ein langer Tisch und über mich hat sich gebeugt ein ein ein ähm Feuerwehrmann diese
[18:52] diese Ka- diese diese Helm von diesen Feuerwehrmann er hat sich über mich geb- gebückt und hat gesagt »na jetzt ist schon gut mit dir ?« hat mich bespritzt mit ein bisschen Wasser ich war ganz ganz benommen und hab mir gedacht jetzt mehr mehr werde
[19:08] ich zu die- zu diesen zu diesen Fa- äh zu diesen Opern nicht mehr gehen aber zur nächsten Oper bin ich dann natürlich wieder gega- [lacht] gegangen also immer so heimlich heimelig und so weiter aber ich hab alle Opern hab ich so so beschau- ge- mh mh
[19:25] besucht äh also was was wollt ich sagen äh wo bin ich stecken geblieben [lacht]
[19:34] und dieses suk- stille Beobachten der Opern du hast am Anfang gesagt du hast in einer Märchenwelt gelebt hat das deine Fantasie beflügelt was hat das mit dir gemacht
[19:43] [gleichzeitig:] ja ja also die also die Märchen die Märchen waren für mich das ge- die Hauptsache Märchen und Musik in meinen weitern Leben in Sibirien zum Beispiel hab ich alles alles leichter ertragen durch die Musik und durch die Märchen
[20:02] ich hab mich immer herüber getragen in ein Märchen und und und es ist leichter gegangen zum Beispiel ha- haben wir sehr sehr schwer gearbeitet in F- in in Sibirien also ich muss ich muss anfangen mit mit der Deportation scheinbar wie man wie
[20:23] ich zu Sibirien gekommen bin
[20:26] lass uns doch b- äh noch äh kurz ein bisschen in Czernowitz bleiben
[20:30] ja
[20:32] ähm du hattest vorhin aufgehört ähm chronologisch sozusagen als du auf das Lyzeum gekommen bist
[20:39] genau
[20:41] und da muss jetzt so 19- wann ist das -39 oder oder ne ne früher äh
[20:49] [gleichzeitig] weniger weniger früher früher also
[20:51] gewesen vielleicht kannst du von der Zeit vorher noch was erzählen und dann
[20:53] [gleichzeitig:] ja unbedingt unbedingt muss ich erzählen dass äh ich hatte eine fantastische Musiklehrerin eine Pianistin Bianca äh äh Bianca Krämer-Neuberger die ist sehr sehr berühmt ein sehr es war bei uns ein Tenor äh Joseph Schmidt und sie
[21:10] hat ihm auch begleitet und sie hat Konzerte gegeben bei uns war in Czernowitz ein Musikverein und dort dort sind fantastische Konzerte gewesen und auch mein Onkel ein Onkel hat gespielt Geige im Konzert im Kon- im Orchester und ei- und der andere Onkel hat
[21:27] Flöte und Saxophon Saxophon hat er später ge- also alle haben ein ein ein Instrument beherrscht und so ha- habe ich begonnen auch bei dieser Bianca Krämer bei dieser äh Klaviervirtuosin sie war eine Virtuosin also s- bei ihr hab ich b- b- Stunden bekommen
[21:44] und war sehr eine sehr sehr ähm äh wie soll man sagen talentiert und auch aufmerksame äh Schülerin und ich habe das Haydn-Konzert mit der mit der äh mit meiner Professorin mit meiner Lehrerin gespielt zu einer Produktion aber sehr viel geübt und
[22:06] habe überspielt d- in die rechte Hand und dann hat man mir äh das zum Konzert habe ich gespielt und dann hab ich über- überspielt die Hand und musste in in in äh in Gips legen die Hand und mit Gips mit diesen Gipsverband hat man mich gerade zur Deportation
[22:23] so hat man mich im Gipsverband gebracht und erst in Sibirien hat man mir aufgeschnitten diesen Gipsverband und ich hab weiter weiter [betonend:] arbeiten müssen schon nicht mit Klavier sondern mit [lacht] mit der Hacke und mit mit der Säge ja also und
[22:38] in Czernowitz also di- dieses die Klavierstunden das war das muss ich sagen war die Hauptsache bei mir es warn ich hatte einen Freund also ich hab alles ich hatte ein Rendezvous hab ich das Rendezvous abgesagt meine Mama ist mit meinem Freund ins Kino
[22:56] gegangen und ich bin zur Stunde gegangen es war also immer so es war die Hauptsache die Stunde und äh und die die äh de- äh der Unterricht ich hab sehr viel geübt und ich habe bekommen ein- zuerst habe ich einen Bösendorfer ge- ein ein Flügel gehabt
[23:10] der war sch- ge- unmöglich lang m- nur ein im ganzen Zimmer war es ein ganzes Zimmer hat es äh hat es äh be- be- besetzt und dann hat mein Papa gekauft einen äh ein Förster mit englischen Mechanik und das war ein fa- fantastisches Klavier und da hat er
[23:29] dieses Klavier musste ich dann zurück lassen a- als man mich als man uns deportierte also alles musste ich zurück lassen alles Schöne und alles Gute was ich im Leben dort in Czernowitz hatte
[23:39] in Czernowitz war w- nach nach dem Lyzeum bin i- warn zwei
[23:47] Jahre fast zwei Jahre eröffnete man also man sch- schloss wie äh wie die Rumänien also dann die Russen die kamen war schloss man das äh das äh das Lyzeum und man eröffnete eine jüdische Schule eine ukrainische und eine jüdische Schule eine russische
[24:07] Schule also dort in die jüdische Schule hat man mich eingesch- hab ich mich eingeschrieben aber das war ich schon es war schon wie alt war ich damals schon äh ungefähr ungefähr ähm 17 äh 16 Jahre also ich habe dann damals äh in der jüdische Schule
[24:25] das muss ich auch betonen waren fantastische Professoren und diese haben mir mein meine meine äh wie sag wie soll ich sagen ein Fundament mir gegeben für -s ganze Leben dort war der Hersch Segall Professor Hersch Segall unser Mathematikprofessor we-
[24:47] welcher mehr Lyriker war mehr mehr mehr mit mit mit Poesie und und mit äh und mit Prosa sich sich beschäftigte er hat den Paul Celan herausgebracht er hat die Selma Meerbaum-Eisinger herausgebracht alle alle äh L- L- Leuchten der der der Literatur und so
[25:03] hat er zuerst herausgebracht zum Beispiel die Selma Meerbaum-Eisinger hat er als Allererster die ähm eigenen Drucke mit seine mit seinen ähm mh Mitteln hat er veröffentlicht und so weiter so dass Hersch Segall Chaim Gininger das war ein Literat Literatur-
[25:23] ähm -professor dann war ähm Leibu Levin de- der war ein ein Rezitator also das waren alles solche L- wirklich unglaublichen Menschen m- m- bei welche man wirklich alles alles möglich Schöne bekommen konnte und die haben mir wirklich sehr viel geholfen
[25:44] das b- Hersch Segall ist mit mir spazieren gegangen m- nicht in der in in im beim Unterricht und hat mir Rilke vorgetragen und hat mir äh verschiedene äh im Botanischen Garten sind wir gegangen ich hab äh alle alle Gewächse kennengelernt und alles was
[26:03] was schön war und außerdem außerdem hab ich die jüdische Sprache und auch die deutsche Sprache und und die Literatur alles hab ich mitbekommen außerdem hatte ich noch eine eine Privatlehrerin Lydia Harnik die war auch eine eine ganz bekannte äh ein
[26:25] ga- eine ganz bekannte Frau welche welche die deutsche Sprache mir sehr gut und die Literatur beibrachte und sie sie es war ein Unikum von von einer Lehrerin und man fühlte nicht dass sie eine Lehrerin ist sie sie war so eine Pädagogin dass mi- sie hat die
[26:43] Sprache und die Literatur so beigebracht dass dass man es war wie ein eine Konversation wie ein wie ein wie ein Spiel ich weiß selbst nicht wie ich soll es erklären aber das und bis zum heutigen Tag also die der Helmut Kusdat und und und alle Professoren
[27:00] kennen diese diese diese F- Lydia Harnik man hat sie dann nach Österreich gebracht und f- äh sie kennen- dass man sie kennenlernt und so weiter und so weiter viel mehr hat man mit ihr ge- gedreht und äh also diese alle Lehrer welche ich jetzt n- genannt
[27:17] habe also das ist schon wirklich ein ein eine (Blade) von das ist das ist ein Fundament die haben ein mein Fundament ge- geschaffen
[27:29] und jetzt nachdem ich äh so alles alles bekommen habe in Czernowitz und es so geliebt habe und und plötzlich kam eine
[27:45] eine schwere Zeit auf mich es kam eine Deportation die Russen kam es kam das das Russenland äh äh das Russenjahr entschuldigen Sie das Russenland äh wieder das Lan- Russenjahr und man wusste nicht warum weshalb plötzlich in der Nacht es war eine Änderung
[28:07] in der Stadt die Geschäfte waren gesperrt es war irgendwie eine Änderung und man man wusste nicht manche Leute haben es gefühlt welche sehr reich waren und man ist nach Australien ausgewandert man ist nach Amerika ausgewandert mit ganzen Familien auch
[28:25] von mir war diese erste ein eine erste wie soll ich sagen eine Enttäuschung eine ein ein Verlust dass meine ersten Freunde ich meine meine Freunde und die ganze Familie ausgewandert sind nach äh nach Chi- nach Chige nach Chile nach Santiago de Chile das
[28:43] war so eine ein Überleben von f- äh plötzlich abgerissen von seiner von seiner Familie von von meinen Freunden und dann plötzlich plötzlich ist es äh man hat gesehen man hat gemunkelt viele sind weggefahren weg ge- es waren zum Beispiel zwei Wochen
[29:01] oder vielleicht noch ein bisschen mehr dass man konnte auswandern weg von Czernowitz aber meine Eltern haben haben das nicht so äh ge- empfunden weil die waren nie sehr reich ja wir haben es war so ein Mittelstand und mein p- Vater hat sich gesagt »na uns
[29:18] kann ja nichts passieren wir werden bestimmt arbeiten und wir werden uns beschäftigen und es wird alles in Ordnung sein« und er ha- und er hatte hatte ein Depot von äh von Stoffe Stoffe das war er ein Vertreter von einer deutschen fa- F- Firma s- äh Zimmermann
[29:39] und von einer französischen Codeben Codeben und er wie die Russen kamen hat er sofort sich die Schlüssel be- äh abgegeben und er war ganz ga- ganz locker und er hat gesa- er hat sich äh ähm erwor- beworben bei ner bei ner im äh Schule bei ner Staub-
[30:00] Taubstummeschule und war dort äh ein Buchhalter und es war ein äh alles in Ordnung so dachte er aber es war nicht in Ordnung denn bei den Russen war man schon weißt du hat man bekommen schon eine [gestikuliert] Stampiglie ich meine den
[30:17] das sag ich so eine Stampiglie de- du kommst weg und du kommst weg und du kommst weg aber niemand hat gewusst wie und wer und was im Pass war irgendwo das schon geschrieben das war ein 39er Pass aber das wusste niemand und wir haben alle Pässe
[30:37] bekommen und man hat das n- war ganz ganz normal
[30:40] aber leider war es nicht normal denn sind vorbei gegangen weiß nicht wie viel ei- ein halbes Jahr oder ein Jahr und es war im 41er Jahr am 13ten Juni in der Nacht hat man uns geweckt und das war
[31:00] viel solche Leute es waren damals bei die 4000 Juden und die hat man in der Nacht geweckt und ge- i- in äh in Viehwaggone ge- äh Viehwaggone eingepfercht wir wussten nicht was warum weshalb also man gab ungefähr zwanzig Minuten dreißig Minuten
[31:24] zum zum Packen zum äh etwas Nö- Nö- Nötiges nehmen man musste man wusste nicht wohin weshalb warum einpacken un- und und unten sind schon gestanden wir ham im am dritten Stock gewohnt also unten äh sind äh ist schon ein Lastwagen ein Auto gestanden und
[31:46] dort hat man uns hineingepfercht und vom Auto aus also mit en Auto sind wir zum Bahnhof aber nicht den Hauptbahnhof sondern ein Nebenbahnhof war Station Volksgarten und dort sind wir eingestiegen also auch mit mit Muss so in eingestiegen in solche Viehwaggone
[32:04] die Scht- Türen wurden aufgeschoben herein gesch- gestoßt die Leute sagen wir in einem Waggon waren zwanzig 25 Menschen ohne ohne wie soll ich sagen o- ohne Bänke ich f- es war eine ein ein ein Graus hereingeschoben zugeschoben die die die diese Türen
[32:25] oder wie soll ich sagen das waren keine Türen das waren solche Schiebetüren mit solchen eisernen Stangen und und oben war so ein kleines Guck- so ein Fensterchen mit Stäbe also ei- ein mit äh Eisenstäbe ein Gefängnis und man konnte nicht heraus es
[32:45] war m- dort musste man schon sein das einzige also drei Tage sind wir dort in diese in diesen Waggone ge- das heißt in diesen Zug gewesen bis man alle Leute gesammelt hat von von von alle von der Pe- Peripherie und von überall und dann ist es w- wieder
[33:01] weiter gegangen nach Sibirien ja aber wir wussten nicht
[33:05] [gleichzeitig:] ähm
[33:08] bitte
[33:11] gab es etwas zu äh zu trinken oder oder zu essen in den in den Zügen oder gab es nichts in der Zeit
[33:13] [atmet tief] man hat ei- man hat w- d- jetzt wenn man wenn ich mich jetzt so erinnere hat man am Anfang hat man uns gegeben solche Eimer mit so einer mit mit so einen ähm Fruchtsaft aber das war so ein dickes so ein wir wussten nicht was das ist das war mit
[33:28] Stärke gemacht so ausgemischt ausge- und wir wussten nicht was und wir konnten das nicht trinken und nicht essen man hat es rausgeschüttet ma- wir wussten nicht was das ist aber das war unser äh irgendeine Nahrung wir haben kein Brot bekommen wir haben
[33:42] ich weiß nicht was was man mit uns gemacht hat das war ein ein Wahnsinn ein Wahnsinn wie wir dort gestanden sind noch am am äh am äh Bahnhof an diesem Seitenbahnhof Volksgarten ähm Station Volksgarten haben noch manche Leute sich durchgeschlängelt und
[34:01] man hat uns reingesteckt Konserven und weiches Brot und getrocknetes etwas davon haben wir gelebt
[34:08] hat man euch etwas gesagt wo es hinging oder gab es Gerüchte oder hattet ihr Vermutungen
[34:14] [gleichzeitig:] nein ! aber eben nein nein keine Ahnung weil es ka- es konnte nicht durchzick- sickern diese Gerüchte weil sie sind sofort herein in diese in diese Waggone das war noch das Fürchterlichste was ich empfun- und alle haben das so empfunden dass
[34:27] im Waggon dass in diesen diesen Waggon war ein Loch und dort dort mussten wir diese die Bedürfnisse da- das war etwas Schreckliches es waren junge Leute es waren äh Burschen und Mädchen also mein Papa war immer s- immer war er so er hat immer so solche
[34:43] gute Ideen gehabt also er hat von den Leuten gebeten vielleicht hat jemand ein Leinentuch vielleicht hat jemand eine Decke und man hat ihm geopfert etwas und er hat so ein so ein Art Vorhang gemacht ein ringsherum aber da was war das aber doch war es irgendein
[34:58] eine Kulisse kann sagen und so haben wir zwei Wochen haben wir so gelebt ich weiß nicht wo es war sch- eine schreckliche Zei-
[35:09] ja Wasser hat ma- konnten wir ja also ähm einmal im Tag hat man geöffnet so einmal oder zweim- äh einmal in zwei Tagen hat
[35:19] man geöffnet diese Schiebetüren und mit einen ich weiß nicht wie das heißt ein Konvoi das ist mit einen mit ein Soldaten mit mit mit Bajonett mit Gewehr ist man gegangen jemand von den jungen Leuten hat man geführt zu- also es war ein ein irgendwo ein
[35:33] Bahnhof hat man geführt jemand von den Leu- Leuten man soll zwei Eimer mit Wasser bringen das i- das ja das war das Wasser ich hab so ein ein äh wie soll ich sagen ein Erinnerung dass ich bin auch mal gegangen mit diese zwei Eimer zum Brunnen also
[35:52] z- das war so beim beim Bahnhof hab genommen diesen diese Eimer voll und der der Soldat ein junger Soldat er hatte Mitleid mit mir und dort war ein kleines Türchen und da sagt er »bigi« also bigi heißt laufe »bigi bigi« ich hab ihm so angeschaut ich
[36:13] hab so ja auch noch nicht verstanden was bigi aber er hat mir gezeigt [gestikulierend:] »bigi bigi« geh also zu dieser Pforte ich bin gestanden so unresolut ich wusste nicht soll ich soll ich das Wasser lassen und und laufen oder soll ich mit dem Wasser
[36:28] z- zum Bahnhof zum Waggon gehen ich hab mich entschlossen doch zum Waggon weil ich hab mich gedacht die Leute warten auf Wasser meine Leute warten auch auf das Wasser und das werde ich dann wohin werde ich laufen und die bleiben dort die ganze Familie also
[36:43] ich bin mit -m Wasser wieder zurück zurückgegangen z- in den Waggon das war so ein ein Moment äh
[36:53] erinnerst du dich an Gespräche äh im Waggon in der Zeit worüber ihr euch unterhalten habt
[36:59] [nickt] äh es war ein ein Wahnsinn es war es waren verschiedene Leute es war ein ein Ehepaar also sie haben gezankt und ein und eine eine ein äh sie hat gesagt »ja das das bist du schuld dass dass wir jetzt hier sind weil weil ich wollte weg und du wolltest
[37:16] nicht« also solche verschiedene Gespräche waren und äh ähm es war es waren auch solche junge Leute wie ich wir ham wieder nicht so es wird -s schon alles gut werden wir werden äh m- ankommen und wir werden dann arbeiten und es wird schon alles wieder
[37:34] gut werden verschiedene Gespräche waren also ähm äh d- de- die Russen werden weg und es werden aber es war so ein wir waren so auf den Kopf geschlagen man hat uns so äh man hat uns so äh mh wie soll ich sagen mit dieser mit dieser mit dieser Deportation
[37:51] hat man uns so einen Schlag gegeben dass wir konnten nicht einmal wir w- wir wussten nicht was wir sollen denken wa- was wir sollen ma- ja dann war noch so ähm einige Leute wie es war z- wie es war ein ein äh ein Haltestelle hat man manche sehr wenige so
[38:09] wie die Ilana Shmueli zum Beispiel das war eine Freundin von mir und das das ihr hat man wie man ist stehen geblieben bei ner bei ner ähm Haltestelle hat man sie heraus gelassen mit der Mutter äh geöffnet die die die Schiebetüren und sie ist heraus
[38:24] die beschreibt das auch die ist auch eine äh eine Schriftstellerin geworden und eine eine Lyrikerin und sie hat das eben beschrieben sie hat sich so bewusst und schuldbewusst [gestikuliert] umgedreht weil man sie hat man heraus gelassen der Vater hatte eine
[38:38] Fabrik und da waren manche Arbeiter welche haben da ge- interveniert irgendwie dass man sie heraus lässt das war schon bevor bevor wir weggefahren sind also deportiert worden sind ich kann ich kann nicht beschreiben diese diese Zeit diese Hitze es
[38:59] war gerade in in im Sommer im Juni in diesen in diesen Waggon diese Hitze welche wir durchgemacht haben di- di- keine kein Wasser ich meine das Wasser ha- ham wir gehabt zum Trinken ein bisschen nicht zu- man konnte sich nicht waschen man konnte das war so
[39:15] das war so fürchterlich und sch- plötzlich später wenn man man konnte sich nicht gewöhnen mit diesen allen aber am Anfang war das überhaupt ein ein äh ganz unmögliche Kra- Kraft hat uns niedergeschlagen und eine hat en anderen noch ich weiß mein
[39:33] Papa das kann ich mich ganz genau erinnern er hat d- Leute getröstet er hat gesagt äh »ihr werdet sehen man wird arbeiten und man wird man wird raus kommen es wird es wird nicht so schrecklich sein wir ihr glaubt« und so weiter er hat sie getröstet
[39:46] und dann hat es plötzlich also nach zwei zwei Wochen ja das war noch ein Moment unser Waggon war der letzte und dort sind am le- beim letzten Waggon steht immer ein Soldat und da hab ich heraus geschaut irgendwie so und hab gefragt wohin und hab
[40:08] gewusst dass man sagt »kuda kuda« und er hat auf dem auf dem Waggon hat er aufgeschrieben also das war so mit äh [gestikuliert] so wie mit Roa- mit Rauch oder mit Dunst war das ange- der Waggon und der hat aufgeschrieben »Tomsk Tomsk« das haben wir schon
[40:25] irgendwie so g- lesen können wir haben gewusst das Tom- ja und dann war noch vorher war Nowosibirsk dort haben wir Wasser geholt und dort hat ein ein Soldat also ich habe mich zu ihm auch ein bisschen so d- gesellt und der hat mir ein eine ein Landkarte
[40:44] geschenkt und das war auch eine große Sache wir konnt- wir ham ja dort sch- geschaut wo wir sind Tomsk Nowosibirsk also das war schrecklich we- weit und Sibirien das war schon Sibirien wir sind angekommen in einen nicht in ein wa- Bahnhof sondern das
[41:05] war ein Nebengleise ein Nebengleise irgendwo und da hat man uns herausgeworfen angekommen und wir waren dort das war Tomsk aber Nebengleise das war Tscheremoschnika hat das ge- hat man das genannt und dort haben wir wir dachten dass wir dort bleiben
[41:23] das waren solche Baracken und in diesen Baracken waren Polen zuerst waren Polen dort die Polen sind weg und uns hat man in diese Baracken herein l- die Polen hat man l- die sind immer früher befreit worden also nach Polen sind die weg und uns hat man gebracht
[41:40] aus aus der Bukowina und auch aus Estland Lettland also diese alle hat man damals gebracht und dieser dieser Ne- diese Ne- Nebengleise also dort waren wir in Tscheremoschniki waren wir ungefähr en halben Monat drei drei Wochen also dort hat in
[42:02] diese in diese in diese Baracken das war ein etwas Wahnsinniges warum weil de- dort waren von den Polen das waren Wanzen wir konnten nicht schlafen angefüllte mit Blut wa- große Wanzen sie waren so groß also wir wir haben geschaut das war etwas Fürchterliches
[42:19] und voll f- es war schrecklich man konnte nicht schlafen man konnte man wu- man wurde gestochen man wurde gebissen also die Jugend ist natürlich heraus und zum Fluss und dort ham wir uns bekannt gemacht und d- dort hab ich auch meinen meinen künftigen
[42:34] Mann kennengelernt also es es war so eine Art w- es ist uns vorgekommen dass es ist es ein Ausflug beim Fluss wir haben gesungen wir haben ge- gesprochen wir haben ähm Gedichte aufgesagt wie so also es war so wie ein Ausflug
[42:51] aber das war schrecklich
[42:53] wie wir dann wieder wieder hat man plötzlich hat man uns wieder gesammelt und dort da hat es begonnen da hat man uns auf ein Schiff aufgefrachtet also aufge- aufgestapelt auf das Schiff und das Schiff ist auf auf einen Fluss der gehei- geheißen hat Wassjugan
[43:13] das war schon das dieser schreckliche Wassjugan dieser schwarze schwarze Wassjugan zuerst haben wir nicht gewusst also wir sind im Früh Schiff gefahren und plötzlich schauen wir das Wasser ist so schwarz wie diese wie wie wie wie die wie die Coca-Cola
[43:30] so genau aber nicht so fein war das Wasser so wie Coca-Cola fürchterlich und so sind wir gegang- gefahren auf dieses Schiff und dann hat begonnen hat begonnen die wie soll ich sagen man hat begonnen heraus zu werfen die Leute zu Fa- zwei drei vier
[43:52] Familien also man kann sagen wie herausgeworfen aufs bloße Ufer nichts niemand hat dich empfangen niemand hat dir gesagt wohin was w- also so und ich war schon mit meinen künftigen Mann wie ich s- also s- äh war warn befreundet hat er mir gesagt »weißt
[44:12] du ich werde ich werde bestehen darauf dass man mich auch mit dir zusammen mit eurer Familie« und ich sage »wie kannst du das tun wie man weiß ja nicht vielleicht werden das Be- ge- günstigere Bege- Bedingungen sein wo man dich« also wir haben gehadert
[44:27] hin und her und plötzlich höre ich man sagt »Bartfeld« und dann auch »Feller« und wir sin- waren zusammen in diesen in die also wir waren in Krassnojarka das war nicht Krasnojarsk weil Krasnojarsk ist eine große Stadt das war Krassnojarka das haben
[44:41] wir genannt das Todesnest das Todesnest war ein warum heißt das Todesnest weil es war eine Schule eine eine leere Schule eine gewesene sonst nichts en paar Häuser aber wie man uns gebracht hat ans Ufer das war unten unten hat man uns herausge-
[45:01] und dort war das das äh das Wasser der Wassjugan und heraufgekraxelt muss heraufkraxeln musste man sich auf das Ufer das hohe Ufer und dort waren diese die war diese Schule und dies dieser Berg das steht mir noch jetzt vor Augen das war ein Lehm aus
[45:19] Lehm und es hat geregnet und wir sind zehn Schritte herauf und und und und zwölf herunter wieder gerutscht manche haben irgendwelche äh welches Gepäck gehabt das Gepäck ist herunter gekullert in in in in den Lehm es war so ein ein es war so etwas
[45:42] Schreckliches das a- anzuschauen wie wie die Menschen sich heraufgekraxelt haben das war alles alles Willkür alles das hat man das war alles bedacht oder nicht bedacht ich weiß es nicht auf jeden Fall es war schrecklich
[45:56] Krassnojarka ist ein ein Dorf gewesen oder eine Stadt die wohl äh
[46:01] [gleichzeitig:] ein Dorf gewesen nein nein nein ein Dorf aber das war auch kein Dor- das war etwas Schreckliches weil es war es war nichts
[46:06] war es verlassen ? lebte dort niemand mehr
[46:08] [gleichzeitig:] ja es lebten einige Bauern welche waren vor zwanzig 25 Jahren schon verschickt Kulak- Kulaken und die lebten schon dort ein bisschen die hatten einen einen einen Garten Ka- Kartoffeln angebaut aber klein also das war auch nichts
[46:29] das waren waren nicht äh das war das kann man nicht sagen dass es war etwas aber so und es war eine Schule eine leere Schule und dort hat man diese Leute alle hereingepfercht diese welche waren in diesen in -n unseren Waggon
[46:43] wie muss man sich das vorstellen war das bewacht von Soldaten
[46:47] [gleichzeitig:] nein nein das das ist doch das Interessante warum ha- ich das dann f- begriffen es war nicht es war ein Kommandant welcher war für einige Dörfer aber so es soll sein ein Soldat oder nix niemand warum ? weil es war ringsherum Sumpf
[47:09] und die Leute welche weglaufen wollten welche sich retten wollten schon da später sind alle im Sumpf umgekommen entweder im Sumpf oder im Frost es ist gekommen der Frost da war nur zwei zwei Monate fast n- nur sogar weniger subkontinentales Klima es war
[47:30] s- so wie Sommer und dann ist schon der der Winter gekommen und Frost und Kälte und die Menschen haben nichts gehabt was anzuziehen und de das das kann man nicht beschreiben das kann man ni- ich ka- ich weiß nicht wo ich anfangen soll und was ich euch
[47:45] sagen soll weil wir hatten keine Fußbekleidung wir hatten kei- ni- keine Mäntel wir hatten gar nichts ich hab schon einmal erz- erzählt dass ich war ich hatte ein Skijacke und diese Skijacke ist war drei oder vier Jahre die war schon lauter lauter Fetzen
[48:01] e- das ist nicht möglich zu beschreiben wa- wa- was sich da mit den Leuten getan hat also einige sind wollten weg und die sind alle zum Beispiel war ein äh ein Bruder und ein und ein Schwester die waren so unternehmungslustig »Frau Bartfeld wir gehen
[48:18] und wir we- w- vielleicht haben sie ja irgendwelche Sachen ne- ge- geben sie uns mit w- wir gehen und wir werden ankommen« man hat sie dann aufgefressen [gestikuliert] von großen Ameisen hat man sie so sitzend ge- gefunden in der Taiga das war doch Taiga
[48:34] das war Wildnis und so in dieser Wildnis hab ich gearbeitet viele Jahre diese diese (Pichte) diese Bündel hab ich hab ich zusammen genommen das war wild Wildnis sch- das das ist nicht zu zu beschreiben wieso wieso wieso man Menschen nimmt normale
[48:54] Menschen um sie es ist schon besser ich glaube es ist schon leichter wenn man eine eine Kugel im in den in in die Stirn gibt aber eine Kugel war zu schade ähm das war so ausgedacht wunderbar dass dort im Norden werden die massenweise sterben entweder
[49:15] vom Frost Krankheit ich weiß was alles mögliche Sumpf und es ist auch so gewesen ich weiß nicht wie ich am Leben geblieben bin das weiß ich nicht weil ich weil ich ich ha- Sport getrieben habe vielleicht vorher dass mein Körper so stark war oder
[49:37] dass dass ich selbst ein ein starke Natur war dass ich immer gekämpft habe weiter und diese Überlebungen ich weiß nicht mein Papa mein Vater ist im zweiten Jahr schon umgekommen ja und diese Arbeiten und dieses ich weiß nicht ich ich kann das nicht
[49:55] begreifen wa- wa- was man mit uns gemacht hat a- man kann es ja begreifen aber das das ist doch eine das ist doch unmenschlich ganz unmenschlich und so will ich eben sagen dass ich hab auch Briefe bekommen dass das dass das rote Übel dem Braunen weiß
[50:17] nicht was stärker war aber ähnlich war es sehr sehr es war so er war s- Stalin war so schlau er hat das alles ausgedacht und er hat es gut ausgedacht [lacht] er hat alle die die jungen Menschen sind umgekommen die die Eltern die Eltern sofort
[50:38] und da so also dieses dieses Krassnojarka haben wir genannt das Todesnest warum das Todesnest weil diese alle Leute welche dort waren haben begonnen zu sterben es ge- gekommen dieses große Sterben einer nach den andern wie die Fliegen Krankheit Hunger
[51:01] Frost und alles mögliche dieses alle diese alle Entbehrungen uns das ist noch nur das muss ich betonen meine Mama war eine sehr schöne Frau und die Leute die die welche dort gewohnt haben und gekommen sind und uns angestarrt haben wie wie wie die Wunder
[51:21] wir konnten ja nicht sprechen mit denen wir konnten nicht Russisch und die konnten nicht äh Deutsch sprechen äh haben sie uns angestarrt wie die wie wirklich wie die Wunder und ich bin stecken geblieben jetzt äh im bei meinen bei meinem Nachdenken
[51:45] gebt mir eine Frage schnell
[51:51] was hast du gemacht ähm um in dieser Menschenf-
[51:54] [gleichzeitig:] ah ja ich hab mich schon ge- erinnert also die ja ich hab gesagt die Mama war sehr schön und zu ihr ist zu gekommen eine ein jung eine junge Frau ein Mädchen dieses Mädchen war mit einen Bruder die Eltern waren schon gestorben und das waren
[52:08] Russen welche schon ein kleines Feld dort hatten f- ein ein Garten und mit -n paar Kartoffel und sie ist zugekommen zu meiner Mama und hat gesagt »tjotja podjom so mnoj« kommt komm komm mit mir komm mit mir also ihre Eltern sind schon sch- gestorben noch
[52:26] vor das waren Verschickte noch vorher und äh das waren Kulakin noch von f- früher von früher Verschickte und die Mama hat gesagt »was was sollen wir machen« gesagt mein Papa »weißt du probieren wir vielleicht vielleicht wird es dort besser sein«
[52:41] und das war unser unsere Rettung weil sie hatte ein kleines Häuschen ein Zimmer und sie hat uns dort herein gebracht sie war eine gute Seele sie hat uns sofort ein ein paar Kartoffel abgekocht in in der Schale die Kartoffeln waren so klein wie [gestikuliert]
[52:58] so so klein wie wie wie Kastanien und sie hat -s abgekocht und hat sie hat sie wusste nicht was damit anzufangen hat abgeschält ein bisschen Salz gegeben und ei- in vier Teile und jedem ein Stückchen gegeben sie hat begonnen uns zu wie soll ich sagen zu
[53:13] zu belehren wie man wie man lebt wie man was man macht und und so weiter sie hatte schon einen Garten und so an ihr Bruder hat gearbeitet schon im Kolchos war dort ein Kolchos ein kleiner und er hat auch er hat Getreide geführt und hat uns auch ein bisschen
[53:30] Getreide gegeben also de- das war unser Glück
[53:36] natürlich in der Schule sind die Menschen wie die Fliegen gestorben ich hab nur ich hab nur geschafft es geschafft zu beerdigen die Menschen ich hab beerdigt mei- meinen Vater hab ich selbst beerdigt
[53:48] ich habe am äh dort wo die Pferde im Stall in Stallungen hab ich bl- Bretter geschleppt und mit mit meinem kleinen Bruder und wir haben mit Zsch- mit mit Nägel Nä- Nägel aus den aus den Brettern heraus gezogen und haben ein ein Sarg gemeistert und
[54:07] der Pa- Vater also au- ich weiß nicht wie wir haben geschleppt diese diese Bretter und alles und den Vater herein gelegt und dann das ja und das Grab gemacht es war schon es war schon f- gefroren die Erde und ich hab ich hab die Erde auf- aufgehackt mit
[54:24] mit mit Hacken und ich weiß nicht was und hab endlich ein Grab ges- gemacht und den Papa dort beerdigt Mama war und der k- kleine Bruder und wir haben den Papa beerdigt und nach Hause gegangen mit eine kleine Rodel ich weiß nicht wo wir das genommen
[54:42] haben also wir haben es geschleppt und wir haben ihn beerdigt und sind nach Hause gegangen kaum das wir gegangen sind dort de- zu dieser Njura zu diesem Mädchen und wir sind eingeschlafen dort im Zimmerchen und in der Früh plötzlich klopft es ans
[55:01] Fenster kleine Fensterchen waren so niedrig es klopft ans Fensterchen ein Bauernjunge und sagt mich haben die gerufen mich haben die gerufen Mascha weil bei Russisch gibt es nicht Margit wofür kann man sagen Margit Mascha »Mascha Mascha was ist geschehen«
[55:19] also in im Grab von vom Papa kaum haben wir das verstanden im Grab vom Papa steckt eine F- Hand heraus Gott im Himmel wir haben uns so erschrocken was was was ist das geschehen also wir sind natürlich alle drei zum Grab gelaufen und diese diese russischen
[55:39] Jungen mit uns und man hat begonnen man sieht ein Gr- eine Hand aber ein Kinderhand kein kein kein der Sachen vom vom Vater w- ich wusste nicht was das ist ein Kinder- eine Kinderhand und es war jemand welche welcher dann dann wusste ich wer das war also
[55:57] es ist geb- geboren worden ein Kind dort gerade wie man hat den Papa beerdigt ha- man hatte keine Kraft ein Grab Grab zu zu ähm zu graben hat man in Zeitung ge- in Zeitungspapier eingewickelt dieses kleine Baby dieses Baby und man hat es hingelegt auf auf
[56:13] Papas äh Sarg auf Pa- aufge- aufgewühlt ein bisschen die Erde zugedeckt und so ha- war man zufrieden wie wir weg gegangen sind sind die H- sind die Hunde gekommen und haben aufgegraben das das Grab und wir wie wir schon angekommen sind sind schon gelegen
[56:31] das Kind sind schon die die Stücke dort von Zeitung gewesen aus aufgerissen also ich hab genommen dieses dieses Kind wieder in äh weiß nicht wie ich hab es wieder dort eingewickelt in eine Zeitung in einen Fetzen hab gemacht ein neues Grab hab wie das
[56:47] wie viel ich hab können äh ähm diese das Kraft anwenden ich soll noch ein Grab machen aber ein kleines hab gemacht ein Hügelchen und hab gesagt schlaf jetzt Kleinchen wieder ruhig das ist dein dein Häuschen jetzt und so solche solche Momente das das
[57:04] kann man gar nicht beschreiben wieso ich hab das aber ja beschrieben das das ist in meinen Büchern da ja das diese diese diese Angst welche wir gehabt haben dieser Schreck von von Vater ist offen das das Grab und es steckt eine Hand heraus das das muss
[57:21] man doch wi- f- f- fühlen
[57:24] oder solche hunderte von Momente jeden Tag mussten wir in den Wald gehen um ein Stückchen Holz zu bringen damit man ei- einheizen sollte und seit wir bei der Njura gewohnt haben sie war immer war sie war sie auf der (Piktore)
[57:42] das war dort wo man hat diese diese ähm Fichtenäste und und die und äh das Öl ge- gemacht und sie war sie ist weg dort das war in Wald so dass sie im im Haus nicht gewohnt hat und äh und wi- und ich habe dann dort auch gearbeitet wir wir warn mit en
[58:03] Brigadier zusammen und die haben mich aufgenommen und dort habe ich auch schon ein Stückchen Brot bekommen zwei Kartoffel hat man bekommen wenn man die Norm ausge- arbeitet hat am de- dort mit mit den Fichtenöl [seufzt] und ein Stückchen Brot das war
[58:17] ein ein großes ein ein ein großes Ereignis wenn man ein Stückchen Brot bekommen hat
[58:23] gab es irgendeine Verbindung zur Welt drumherum gab es irgendetwas
[58:31] [schüttelt den Kopf] nichts nichts gar nichts dann später war war eine auf drei drei ähm drei ähm Dörfer weiter musste man gehen also ungefähr dreißig Kilometer zehn zehn zehn war ein äh ein ein Dorf Tiwris und dort war eine Post
[58:52] wie hieß das Dorf ?
[58:54] Tiwris Tiwris na das ist jetzt nix da mehr ahm obzwar wie ich jetzt in äh in äh in Wien war hat Professor Gerald Stourzh hat er die ganze dieses ganze äh Weg und das hat er alles gezeigt an der äh auf der Leinwand äh mit mit den Laser hat er das be-
[59:13] be- bezeichnet also sehr interessant da diese die was wir alles zu Fuß gemacht haben diese die diesen Weg bis nach Maisk ich habe dann mit Laienkonzerten habe ich das diesen Weg gemacht mit den (Schlepper) [seufzt] ja äh also das de- ich werde dann weiter
[59:32] ich mach jetzt eine Pause
[59:34] mhm [Schnitt]
[59:36] ja also wir waren so abgeschnitten von der Außenwelt komplett ein Mann war dort ein ein Arzt ein Arzt welcher hatte ein ein ähm ein kleines ähm einen kleinen Apparat einen Radioapparat hatte er und der konnte hören Nachrichten ah das war für uns
[59:58] alle wir waren alle wie eine Familie wenn man wu- wo man wusste dass er hat diese ich hab vergessen wie er hat gehei- wu- Katz Katz Herr Katz Doktor Katz also er ist in in im Keller ist er das war so ein kleiner Keller und er ist runter dort und und und hat
[1:00:15] gehört die Nachrichten »Kinder das das das« das war das einzige einige Mal und dann war Schluss weil man hat ihm erwischt und er ist dann gesessen im im im Gefängnis ziemlich lange wegen diesen kleinen Radioapparat so das es war sehr streng es war
[1:00:32] so streng alles und und auch auch noch das die Menschen sind verschwunden in der Nacht man wusste nicht wohin man wusste nicht woher also das das ist schon gewesen in Krassnojark- äh in in Wassjugan Wassjugan ist ein großes Dorf wos müsst ihr wissen das
[1:00:49] ist nicht auch das ist keine keine Stadt und das ist ein Rajone-Center das ist so wie wie soll ich sagen das hat eine Post und es hat ein ein ein eine ähm eine eine Kranken- ähm Krankenhaus und ich weiß was es noch hat dort ein bisschen äh aber es ist
[1:01:05] keine Stadt es ist nicht einmal eine halbe Stadt
[1:01:08] hattest du in all dieser Zeit Kontakte zu deinem zukünftigen Mann zu Kurt
[1:01:13] ah nee ja zu Kurt ja ja sicher also ich hab geheiratet im 48er Jahr hab ich geheiratet ja
[1:01:23] [gleichzeitig:] und da wart ihr noch in Krassnojarka oder wo wart ihr da
[1:01:25] ähm nein also Kurt ist mit seiner Familie mit seiner Mutter und mei- seinem Vater zu Fuß irgendwie si- in Winter sind die sind die nach S- Nowo- Nowo-Wassjugan gegangen Nowo-Wassjugan aber uns hat man nicht gelassen die sind irgendwie f- weiß nicht
[1:01:47] wie sie haben sich heraus geschlängelt und wir d- die Mama mei- mein Papa ist gestorben alle Menschen also es war so ein so ein Moment wo man ist in der Nacht bei den Russen ist alles gegangen in der Nacht alles hat man gemacht in der Nacht also alles Schl-
[1:02:01] Böse ist gewesen in der Nacht es sind gekommen diese ähm sie haben geheißen Natschalniki zwei drei und haben gerufen Leute und haben gefragt was jemand kann was wer kann machen irgendetwas f- Nützliches separat ist man gekommen und man hat jeden jede
[1:02:20] Familie dort war einige Familien waren dort und alle sind gekommen und haben irgendetwas gesagt einer hat gesagt er kann Knöpfe machen einer hat gesagt er kann Hüte machen einer hat gesagt er kann Stiefel machen ga- das war alles nicht wahr und dann
[1:02:35] ist gekommen die die die Reihe an meine Mama sie war sehr korrekt und ein gerader Michel sie hat gesagt »ich kann gar nichts« wurd sie nach Hause geschickt »ja Mama was hast du gesagt« »na was ich kann doch gar nichts« sie war s- sie hat sie hat
[1:02:49] ähm äh Sz- Szeno- typi- wie heißt das noch äh szenografiert hat sie sie ha- sie hat wunderschön fantastisch geleg- genäht das war so ein so ein Talent sie hat dann alles in in einer in einen Atelier alles ohne ohne Zuschneiden alles hat sie gemacht »ich
[1:03:06] kann doch gar nichts« hab ich gesagt »Mama du kannst doch so gut nähen du kannst do- « »ah das hab ich ganz vergessen« sie war nicht materiell so »na geh nu geh noch schnell und sag« ist zurück gekommen da war schon alles alle waren schon weg alle
[1:03:18] alle diese Natschalnikis und wir sind geblieben alle Leute diese welche ham etwas können sind ausgewandert also man hat sie heraus genommen nach Wassjugan in dieses große Dorf und wir sind allein geblieben also das war die Mama der Otti und ich und noch
[1:03:36] glaube noch eine Familie und sonst war ausgestorben dieses dieses äh dieses Dorf ja das war so schrecklich das war so fürchterlich
[1:03:46] aber dann also dann bi- hat die Mama begonnen »also jetzt muss ich flüchten« und mei- und sie ist ge- flüchtet
[1:03:55] und ist man hat sie erwischt also das war so man hat mich äh m- m- eine Frau ist gekommen von vom Rajon und hat gesagt »deine Mutter ist un- ertrunken« weil sie hat sich hereingeschmuggelt in ein Schiff man konnte ja nicht so f- fl- äh fahren im W- Winter
[1:04:10] nur f- per pedes zu Fuß im Sommer also im Son- die die dieses dies Juli und erledigt Juli Anfang August war schon ist gewesen nur ein Boot oder einmal ist gewesen ein Schiff das kam konnte man fahren bis nach Wassjugan aber sonst war war es fertig also
[1:04:28] die Mama ist auf einem Schiff hat sie sich irgendwie hat man sie gelassen dort im im (Turm) und der Kommandant hat hat geschaut m- und ge- untersucht und man hat sie wieder herausgenommen und das war eben der Moment wo er hat sie hereingeworfen ins Wasser
[1:04:46] aber es war schon fast es war so ein äh no es war schon nicht mehr weit vom Ufer und man hat gesehen am Abend war das man hat sie hereingeworfen man wusste nicht ist sie ertrunken oder wie und diese äh Frau welche gekommen ist zu äh zu uns zurück das
[1:05:01] war eine eine Buchhalterin hat sie gesagt »Mascha deine Mutter ist um- ertrunken ertrunken im Wassjugan« also ich habe sie beweint schon das war schon erledigt meine Mama ist ja nicht mehr am Leben und dann ist sie also dann hab ich be- bekommen Nachricht
[1:05:14] von einen Mann dass sie ist nicht ertrunken also es waren noch Leute f- von unseren Leuten welche verschickt waren waren noch in jenen Dorf und man hat sie herausgeschleppt und man hat sie ein bisschen ein bisschen ein paar Tage hat man sie aufgepäppelt ein
[1:05:27] bisschen Suppe gegeben und so weiter und dann hat man sie es war ein Boot und man hat sie bis nach bis nach Wassjugan geschickt und dort in Wassjugan hat sie begonnen zu kämpfen dass man soll ihre Kinder auch hinlassen aber wo hat man sie gelassen weil
[1:05:41] sie hat können nähen sie sagte »ich werde nähen ich werde das ich werde i- « also sie sie hat man gelassen und so hat sie gekämpft fast ein Jahr bis man hat uns auch ge- gestattet wir sollen kommen
[1:05:53] also ihr wart ein Jahr alleine dann dein Bruder und du in Krassnoja-
[1:05:56] [gleichzeitig:] ja ja also zuerst ist der Bruder zu Fuß äh ich weiß nicht wie er war zwölf Jahre damals alt oder elf zu Fuß im Winter mit den mit den äh mit den äh wie heißt das mit den Einberufenen Kindern welche man eingerufen hat zu zu -n Soldaten
[1:06:10] ja es ist äh äh nur ei-
[1:06:14] keine Ahnung
[1:06:16] [gleichzeitig:] Einberufenen
[1:06:18] ah ein- ja Einberufenen ähm f- f- für Sol- Soldaten also die waren schon die waren so jung das alle w- sind schon gestorben waren sie schon ich weiß 15 Jahre alt klei- Ki- Kinder also dieser Ot- Otti ist mit denen zus- alle zu Fuß etappenweise sind
[1:06:31] die gegangen von von Krassnojarka nach Malarmurnka von Malarmurnka nach Tiwris von Tiwris nach nach ich weiß wo wo also bi- bis Tiwris und dann auch schon nach Wassjugan Ka- Katalja und dann dann Wassjugan [seufzt] und äh jetzt bin ich wieder
[1:06:53] stecken geblieben
[1:06:56] dann seid ihr nach Wassjugan zu deiner Mutter wieder gekommen ihr habt euch nach einem Jahr dann wieder gesehen
[1:07:01] [gleichzeitig:] ah ja ja
[1:07:04] in diesem Jahr der Zwischenzeit hast Du für deinen Bruder die die Erzieherroller Rolle übernehmen -nommen oder wie muss man sich das vorstellen
[1:07:09] ja ja und nein weil er wollte nur zur Mutter ich hab gesagt »du kannst doch nicht allein allein dort in im Frost« »ich kann ja« er wollte [lachend:] er wollte nicht folgen er er wird f- er wird mit den äh ei- ah auf Russisch heißt das prisindik
[1:07:26] also die Einberufenen ja die Einberufenen »ich werde mit den Einberufenen gehen« und so hat er auch das gemacht er ist weg er hat mich zurückgelassen ganz allein und er auch ganz allein also er ist gegangen f- etappenweise mit diesen mit diesen Einberufenen
[1:07:42] [gleichzeitig:] wie lange ist
[1:07:45] und ist angekommen also n- auch nicht angekommen er ist angekommen in einen Dorf vor vor Wassjugan das ist Aipolowa dort war ein Kinderheim und dort war auch ein ein ein Mann äh Roitmann ein Jude welcher auch aus Z- aus Czernowitz und er ist dort angekommen
[1:08:00] und ist gesessen schon erfroren halb erfroren ist er gesessen er konnte nicht mehr weiter gehen und dieser Herr Roitmann hat ihm er hat gesagt »was machen Sie was machst du hier Buberl« oder wie er ich weiß schon wie er hat geheißen aber sagt er »ich
[1:08:13] bin verhungert« [lacht] sagt er »warte« und dann er hat mir noch erzählt sagt er er hat mir eine Erbsensuppe [lacht] gebracht und diese Erbsensuppe hat ihm auf auf die Beine wieder gestellt und dann hat er ihm nach Hause gebracht dort ins Kinderheim und
[1:08:28] hat ihn ein bisschen aufgepäppelt und dann ist er also dann ist er zur Mama zurückgekommen dann bin ich geblieben auch schon ein eine eine Weile und dann auch mit den mit den Einberufenen bin ich wieder auch zu Fuß im Winter also ihr könnt euch nicht
[1:08:45] vorstellen was das heißt zu Fuß wenn man hat kei- keine Schuhe wenn man hat kein kein kein keine Bekleidung also meine Mama war aber so sie war so geschickt und sie war so so viel Einfälle hat sie gehabt also dass wi- w- wie wir so alleine ohne den Papa
[1:09:03] geblieben sind hat sie gesagt »Kinder ich habe eine Idee« sie hat immer Ideen gehabt »ich hab eine gute Idee« also was war die Idee wir ha- wir hatten ein eine Deckerl einen (Koz) hat das genannt eine Decke eine dicke dicke Decke ich weiß nicht jemand
[1:09:14] hat uns das herein gegeben im im im äh im Waggon »ich hab diese Decke ich kann euch machen Stiefel« »was für Stie-« »Socken »ich mache euch solche Socken und wir sch- wir binden sie hier mit Strick das kann ich machen und ich ha- wir haben noch
[1:09:35] eine Aktentasche« weil wir hatten vom Papa eine Aktentasche »und das werden sein die Sohlen« und s- stellt euch vor sie hat solche gute sie hat genäht diese diese diese wirklich so wie Sch- Socken so wie Stiefel und hier haben wir das zugebunden und unten
[1:09:49] waren die Sohlen und so sind wir gegangen eine ganze ein eine lange Weile sind wir so Otti und ich was sie getan hat kann ich mich schon nicht erinnern weiß nicht aber auf jeden Fall da das war unsere unsere Bekleidung und ähm und und
[1:10:06] du bist auch mit den Soldaten dann nach Wassjugan gelangt
[1:10:11] [gleichzeitig:] ja ja no- noch nicht gelandet also ich bin gegangen von stückchenweise ähm m- ähm bei Tag sind wir gegangen und fa- fast die Nacht und dann dann wenn der Mond war sind wir auch zu bei Mondschein gegangen weil es war schrecklich kalt und
[1:10:27] wir wussten nicht w- w- wir haben uns vorge- ge- gefürchtet von Frost wir sind schnell schnell wie wie schnell wir konnten sind wir gegangen und es waren auch solche Herbergen manches Mal wo wir auch uns auch erwärmt haben aber plötzlich habe ich gesehen
[1:10:41] wir waren ungefähr ähm man kann sagen wir waren Kinder das waren Kinder weil sie waren 14 Jahre 13 14 15 Jahre nicht mehr also öh wir sind gegangen und es waren ungefähr 14 Kinder oder nein nicht einmal zwölf Kinder kann ich sagen und es war einer
[1:11:03] einer von denen er war so klein er ich weiß nicht aber er war nicht weil er war ein Kind sondern er war er war ein Buckliger er ist so ge- ganz ganz gebeugt gegangen und ich hab ihn genannt Quasimodo so und plötzlich sehe ich der Quasimodo ist
[1:11:21] nicht da wir sind angekommen ins Dorf Kat- Katalja Katalja weißt du ist auf Russisch heißt das so wie katarga das ist so das so ein so eine Art Gefängnis ist das dort ein katarga und wir kommen an und ich seh dass der dieser Quasimodo ist nicht
[1:11:36] da und wir sind schon dort we- w- wir man ruht schon aus in diesen katarga und ich hab keine Ruh also ich denk mir er ist irgendwo drü- stecken geblieben im Frost ich geh zum P- zum (Prezidate) war der so ein da- der Haupt- von von de- äh von diesem
[1:11:55] Dorf ich klopfe es war schon Nacht ich klopf an dies sagt er »nitschewo« w- »es macht nichts in der Früh werden wir schon schauen« sag ich »bis früh wird er um- erfroren sein das kann nicht sein« und ich bin so ganz unglücklich sein ich weiß nicht
[1:12:08] was ich machen soll und plötzlich hör ich Glöckchen und ein Schlitten kommt das war auch von eine von irgendeinen ähm Kinderheim und ich hab ihm aufgehalten und ich sag äh ich hab schon können ein bisschen sprechen und ich sag ihm »weißt du dort ist
[1:12:22] ein Kind erfroren worden bestimmt« sag ich »man muss nachschauen wa- wa- was mit ihm ist er ist mit uns gegangen im im im Frost« und dieser Mann war so lieb und so brav und so nett und ist gefahren weiter den Weg dort wo wir vo- wo wir vorbei ges- gekommen
[1:12:41] sind und ist schon gekommen mit diesen Quasimodo schon was fast erfrorene Füße so bis her das war schon alles blau und ich hab ihn gerettet natürlich gerettet diesen Quasimodo und dann hat man ihn schon geschickt auch mit diesen vom Kinderheim hat man
[1:12:56] ihm schon geschickt in ein Spital äh oder hat er Gangräne oder hat er aber er hatte schon ganz abgefroren aber ich hab ihm doch gerettet wenigstens war er nicht ganz erfroren so mit solchen mit solchen äh ähm mit solchen Spektakeln mit solchen Theaterstücken
[1:13:11] sind wir weiter gekommen das da und so bin ich zur Mama angekommen dann
[1:13:15] weißt du wann das gewesen ist in welchem Jahr
[1:13:17] das war ungefähr ungefähr ja ich weiß es war im 44er wahrscheinlich
[1:13:27] ja im 45er war ich schon in Wassjugan ja und im 48er hab ich schon geheiratet so dass ich kann mich schon ungefähr erinnern von meinen vielen [lacht]
[1:13:37] [gleichzeitig:] und das war ja
[1:13:40] bitte bitte
[1:13:42] d- ja das war ja auch noch erinner ich mich jetzt ja grad noch mal Lennarts ähm Frage äh so kamen wir ja drauf dein Mann war vorher schon dahin gegangen also dein zukünftiger Mann
[1:13:48] [gleichzeitig:] ja ja ja ja genau genau genau
[1:13:51] und dort hast Du ihn wiedergesehen
[1:13:53] [gleichzeitig:] in Wassjugan in Wassjugan haben wir uns wieder getroffen in Wassjugan haben wir uns getroffen und er ist immer gekommen meine Mama hat dort gehabt ein Zimmerchen dieses Zimmerchen das war ein äh bei nem Bauer auch in Wassjugan war das
[1:14:04] Zimmerch- also die Mama hat gearbeitet dort als als ähm äh Schneiderin Schneiderin und äh es war schon ein eine Atelier waren estische Frauen und lettische und äh aus der Bukowina diese jüdische Frauen und diese eine jüdische zwei russische waren
[1:14:26] also die haben angefertigt verschiedene Kleidungsstücke und ich ich bin gekommen dort also die Mama hat gesagt »Gott sei Dank du bist schon da und du wirst mit mir arbeiten« sag ich »Mama ich kann doch ich kann doch gar nichts« »du wirst sein eine Meisterin«
[1:14:37] [lacht] ich bin gesessen mit ihr bei der Maschine das war so ein Tischchen und [lacht] und sag ich »du sollst nicht sagen dass du nicht kannst ich werde dich schon ich werde dich schon belehren und ich werde dir schon alles machen« und das war im warum lach
[1:14:53] ich weil ich werde jetzt erzählen eine lustige Sache und ich hab so ich hab so äh fleißig genäht und alles mögliche gemacht es war so schön und eines Tages ist mein Kurt gekommen er war ein sehr guter Arbeiter es war ein vom Kombinat auch in so ein äh
[1:15:09] ein ähm so ein Kolchos oder wie das war und er hat dort gearbeitet und hat dort Fässer gemacht Fässer darum hat er dort selbst im Wald ge- im s- also ei- eine eine ganz be- besondere Arbeit äh er hat das so gut gemacht also i- u- und ich bekomme
[1:15:27] eine Arbeit plötzlich also man teilt mir zu ei- als als Schneiderin eine Arbeit ich muss zwei Hemden nähen al- e- er war ein sehr guter (Dau) dieser Fassbinder -binder schon bev- also er war schon vorher dort und war schon der Fassbinder und hat bekommen
[1:15:45] eine Prämie also s- zwei Stück äh Stoff äh s- Leinen für für zwei Hemden und w- was will der liebe Gott m- man bringt diese diese zwei Hemden diese zwei äh Leinenstücke bringt man zur zur Margit und z- zur Frau Bartfeld die soll nähen diese zwei
[1:16:03] Hemden und meine Mama sagt »no das ist nicht schwer du wirst das be- bestimmt machen« man sch- schneidet alles zu und ich sitze und nähe nähe und nähe und n- mach fertig die Hemden alles f- ganz fertig ich bin so stolz darauf [lacht] und dann kommt
[1:16:21] der der der der Kunde mein mein mein zukünftiger Mann und nimmt diese Hemden und äh [lacht] eines zieht er an und [gestikuliert:] der Kragen ist so nicht so sondern so angebracht ganz ganz verkehrt also das war schon ein Skandal für mich natürlich auch
[1:16:39] und man hat es dann gerichtet und so
[1:16:42] aber nächsten war ich Aus- Ausschneiderin und nächsten Tag wurde ich geschickt in den Wald in die Taiga ich soll ich soll Birken Birken ähm wie heißt das nur Birken diese [gestikuliert]
[1:16:58] Rinde
[1:17:00] Rinde ja genau Birkenrinde nehmen weil das das konnte man nur in einen besonderen Moment nehmen sonst sonst ha- konnte man sie nicht herunter nehmen die Birke also ich musste erst ankommen dort in diesen in diesen Punkt wo es war eine einzige Frau hat
[1:17:15] dort gelebt mit einer Baracke und dorthin musste ich gehen weil ich musste bei dieser (Linda) Lyda wohnen dort in diesen diesen Häuschen dort in dieser Baracke und dort mit ihr arbeiten aber ich ich kann mir bis heute nicht vorstellen wieso ich bin durch
[1:17:33] de- die Taiga ohne Weg ohne Steg ohne jemand soll mir hat etwas zeigen wie ich bin angekommen zu dieser Lyda das das kann ich bis heute nicht nicht nicht sein äh wissen weil es kann nicht sein ich i- das ist etwas Unmögliches ihr müsst euch vorstellen eine
[1:17:51] wilde Taiga ein wilde ein wilde wildes ähm wie soll ich sagen ein Territorium ganz wild und wie ich dort vorbei f- es waren keine Zeichen es war gar nichts ich bin gegangen ich bin gegangen und plötzlich schon am Vorabend seh ich seh ich ein Wasser ein
[1:18:13] riesengroßes Wasser so wie ein Meer ein See und ich seh dort diese diese dieses kleine Häuschen diese diese Baracke schon ü- hinter den diesen Meer ich denk mir wie f- wie werd ich dort ankommen wie ich werde und ich seh diese Frau diese die Lil-
[1:18:31] Lyda und ich schrei »Lyda Lyda« und sie antwortet mir »komm« sagt sie »komm« sag ich »wie soll ich durch das Wasser gehen« sagt sie »das ist nicht Wasser« äh es war kein Wasser es waren blaue Beeren blaue Beeren ich kann euch diese diese Schönheit
[1:18:48] die also ich muss euch noch sagen dass ich immer immer diese Natur hab ich so gefühlt und ich hab es die Natur hat mich so begeistert dass dass das Schwere ist immer weg und das Schöne ist geblieben diese diese diese dieser Bau- dieser Blaubeersee ich seh
[1:19:06] ihn noch jetzt und ich sage »das kann man essen« das waren solche solche hohe Sträu- und das waren alles Blaubeeren das war so schön also bin ich durch die Blaubeeren gegangen und bin angekommen zu dieser Lyda und sie hat mir dann also schon dann ein etwas
[1:19:22] gegeben zum Essen und dann hat sie mich schon belehrt wie man diese Rinde nimmt und herunternimmt und wies man das alles macht und so also da- so so bin ich von von von eine Sache zu andern so so her- herum herumge- gependelt [lacht] ja also das das das
[1:19:37] waren die Blaubeeren und und die Rinde und
[1:19:42] ganz kurz [Schnitt]
[1:19:44] warte wo w- mhm- wo bin ich stecken geblieben
[1:19:46] wir sind jetzt also Mitte der vierziger äh Jahre ungefähr und ähm
[1:19:53] [gleichzeitig:] ah f- wie ich schon in Wassjugan bin ich nein nein nein i- in in Krass- ja in Wassjugan in Wassjugan
[1:20:01] [gleichzeitig:] ne in Wassjugan könntest du vielleicht noch mal kurz sagen wie weit das ungefähr voneinander entfernt ist von Krassnojarka bis nach Wassjugan wie wie wie w- weit ist das
[1:20:10] ich kann es sagen ja ich äh hm ungefähr äh 300 Kilometer 250 300
[1:20:18] [gleichzeitig:] ja mhm
[1:20:20] ja weil es ist so dieses alles es geht so zehn Kilometer 15 Kilometer und so so ist man immer weiter etappenweise gegangen ja 300 bestimmt ja mhm stellt euch vor wie man muss musste zu Fuß das alles und in Winter das das ist nicht so einfach
[1:20:36] und wenn man noch f- ausgerüstet ist mit mit mit mit Handschuhen Fäustlinge und einen guten Pelzkragen oder ich weiß was und mit einer mit einen Schoppenpelz oder irgendwie ja dann dann später also in in Wassjugan hab ich schon begonnen mit mit der Musik
[1:20:54] ein bisschen es war schon so dass ähm es war dort schon ein ein Club es wa- e- der Club es war so es war ein Club in Wassjugan aber er ist verbrannt worden weil weil der der der gewesene Direktor hat dort angezündet im Keller hat er angezündet ei- er
[1:21:13] wollte schauen wie viel Benzin noch dort da ist weil man hatte gesch- man hatte geschd- gezeigt auch Kino Kino mit äh mit mit äh mit Benzin oder ich weiß wie wie man hat es m- nein nein es war irgend ma- betrieben mit irgendetwas n- nicht mit Elektrizität
[1:21:30] ich weiß nicht wie auf jeden Fall er wollte schauen wie wie wie wie viel Benzin noch da ist dort im im im und hat angezündet ein ein ein Streichhölzchen und das ist alles äh äh [gestikuliert] äh das ist explodiert und das ist weg in Wassjugan war schon
[1:21:43] ein Klavier ein kleines ein Klavier und das war also das war schon eine große Sache für mich es war dort eine eine Chor- Chormeisterin eine eine äh und es war schon eine Chor auch ein Chor und es das war schon für mich diese diese Lehrerin hat schon gesagt
[1:22:00] wa- »Margit ich glaub du ke- du ke- du verstehst schon etwas von Musik ich glaube du wirst schon schon ein bisschen begleiten können am am äh am Klavier« und ich sagte »ich weiß nicht ich hab schon lange nicht gespielt schon fünf Jahre« und so weiter
[1:22:14] »und ich hab niemals ich hab niemals nach Gehör gespielt ich habe immer nach Noten und ich habe immer immer ähm dieses da klassische Musik gespielt außerdem habe ich den Finger verloren ich weiß nicht ich weiß nicht« es hat alles geklappt ich hab gespielt
[1:22:27] und ich hab äh m- sie hat einmal war es so wie ein Po- Probe und es war so dass sie hat mich gelassen mit den mit den Chor und i- und i- und ich hab müssen spielen und ich hab gespielt und es war schon meine meine äh es war meine meine Feuerprobe war das
[1:22:43] ja und so also hab ich begonnen mit der Musik zu und dann ist diese diese diese Lehrerin und diese diese Chormeisterin die ist dann sie war eine Polin und sie ist weg man hat sie weg lassen und ich bin an ihrer Stelle schon geblieben also ich hab d- dort waren
[1:23:00] schon man musste spielen das Klavier ist weg das Klavier ist ist äh verbrannt und ich musste spielen aber worauf spielen also ich habe ich hab gearbeitet in einer Sch- in der Schule es war eine Schule in Wassjugan und dort hab ich äh alle Arbeiten gemacht
[1:23:18] nach ein- nacheinander viele Jahre zuerst war ich zuerst war ich Wasserträgerin ich hab getragen von Wassjugan bis zur Schule hab ich getragen das Wasser auf einen Schulterjoch hin und her und hin und her also den ganzen Tag und hab herein herein
[1:23:35] geschüttet den äh das Wasser in in in in solche große Fässer das war äh also f- f- für Feuer so es soll kein Feuer sein und als auch für die Kinder zum zum äh zum Trinken außerdem w- war ich dann Holzsägerin dann war ich äh w- f- f- wie die Fußböden
[1:23:54] hab ich gescheuert dann hab ich geheiz- geheizt in in die Öfen also welche Art immer also f- hunderte von Arten hab ich dort gemacht und dann war schon zum Schluss war so eine Arbeit das war schon ich hab avanciert ich habe schon äh die Fußböden gewaschen
[1:24:09] na äh ja zuerst hab ich geheizt die Öfen das waren zehn Öfen das war so schwer die Scheite waren so groß Meter lang und das musste man noch einheizen diesen jeden Ofen zehn Öfen das war ei- eine wahnsinnige Arbeit aber ich hab es auch geschafft
[1:24:28] und was war das Schöne dass im Lehrerzimmer dann hab ich ge- bekommen schon eine Arbeit dass ich soll scheuern die Fußböden ein Lehrerzimmer war ein Akkordeon das war ein ein wie has das geheißen ein Trophäe ein Trophäe-Akkordeon von von den Deutschen
[1:24:46] bekommen und das ist gestanden wie ein Wunder für mich und das war noch ein jüdisches Mädchen sie war dort in sie war dort auch sie hat gearbeitet in der Schule als Lehr- als ne als Buchhalterin Lotte hat sie geheißen und ich sag »Lotte weißt du
[1:25:01] in der Nacht wenn wir werden wir es spielen« ich konnte nicht a- Akkordeon spielen »du wirst ziehen und ich werde spielen« also sie hat [imitiert Geräusche] rimm und ich hab zweien Töne gemacht und dann ist sie rimm wieder zurück das ist ni- nicht
[1:25:13] gegangen man musste doch anziehen das das Akkordeon also dann hab ich es angezogen das Akkordeon und hab mich erst ausgelernt ein bisschen hinziehen und herziehen aber in zwei Wochen hab ich den »Donauwalzer« schon gespielt und ich hab mich schon ausgelernt
[1:25:25] spielen also es es war ein irgendein Talent in mir dass ich hab können alles schaffen ich hab ge- hab alles gespielt und ich hab äh und ich habe mh begleitet dies- also dann hab ich schon Sänger gehabt ich hab schon einen Chor gemacht also es war schon
[1:25:41] es war schon ein ein Leben
[1:25:44] es war dort eine eine Frau eine die war sie war eine Parteimitglieder Mitglied ein Parteimitglied aber sie hat mich sehr gern gehabt sie hat gesehen dass ich kann es schaffen und sie hat zusammenge- gebracht alle alle Choristen
[1:25:58] also von von allen von allen äh Plätzen und von überall und man hat sch- gemacht einen Chor und äh es ist gegangen also ich hab gemacht die Partitur und hab die geschrieben ich weiß nicht es ist gekommen aus Tomsk ist gekommen ein äh ein Mann welcher
[1:26:14] hat äh Praxis dort gemacht von von aus Tomsk sagt er »wie machst du aber den Chor ?« sag ich »ich schreibe die Partitur« sagt er »und wieso schreibst du woher kannst du das« meint er »ich kann« und ich hab auch wirklich zwei- dreistimmigen Chor gemacht
[1:26:26] und es ist alles gegangen ja das war ich weiß nicht der liebe Herrgott hat mir geholfen [lacht] wirklich das ist so gewesen äh der Chor äh wir ha- wir hatten so schöne Lieder und so schöne also es ist gegangen woher hatt ich die Noten vom Gehör
[1:26:44] es war dort ein Teller vielleicht wisst ihr wo wi- das waren solche Teller als- solche äh Lautsprecher aber ein ein Teller war das und es war ein ein äh Radiostation von von dort von von Tomsk sagen wir oder von von ge- ge- ähm von Sno- Nowo-Wassjugan
[1:27:04] war war dort ein ein Radio f- f- ein funk- Funktion äh Funkstelle ja und dort hat man können ähm also wenn es waren Wahlen hat man mich aufgeweckt um sechs Uhr früh und ich hab gespielt [gestikuliert] de- das die me- die Wähler sollen kommen und sollen
[1:27:21] soll lustig sein [lacht] ganzen Tag hab ich gespielt außerdem war ich war ich so engagiert ähm ähm das das äh um neun Uhr abends und um zehn hab ich gespielt die die Leute sollen tanzen also was w- das war eine zusammengewürfelte äh mh Gesellschaft
[1:27:43] Esten und Letten und und und Rumänen und Türk- alle mögliche und ich musste alles wissen ein ein Kus- ein geor- georg- ein georgischer Tanz musste ich wissen und ein polnischer und ein Krakowiak und und ein ukrainischer alles hab ich gespielt alles irgendwie
[1:28:00] so z- »Mascha spiel das Mascha spiel das« das waren solche solche äh nun wie sagt man die haben Be- Bestellungen Bestellungen und alles alles hab ich irgendwie geschafft und dann hab und dann haben die bekommen im äh in der Schule hat man de- der
[1:28:21] Direktor war ein sehr sehr feiner Mann und er hat alles mögliche da- gemacht dass er soll ein Klavier bek- be- m- bekommen und äh es nach Wassjugan bringen und ich ha- ich hab irgendwo ein Fotografie wo ich sitze glücklich und spiele schon äh sch- Klavier
[1:28:39] na also dann dann hat man mir schon gegeben eine Arbeit dort im in dieser Schule dieser Direktor (Pjotr Pjotr) hat er geheißen (Pjotr) ich hab schon vergessen wie er hat geheißen auf jeden Fall er war mir sehr gut gesinnt und hat schon auch schon Noten
[1:28:55] gebracht und hat auch schon mich in den Sch- in den Klassen eingeführt damit ich die Gesangsstunden führe in jeder Klasse hab ich geführt Gesangsstunde
[1:29:06] als Musiklehrerin
[1:29:08] als Musiklehrerin ja aber nicht Spiel sondern singen und ich hab schon dort den Chor gemacht und so weiter und so weiter und dann sind da noch verschiedene unglückliche Zufälle gewesen zum Beispiel ich habe gespielt auch schon Akkordeon gut gespielt
[1:29:23] und habe den Chor ge- äh führt aber ich bin immer gestanden vor -n Chor f- und hab auch dirigiert und das war schon noch der Anfang von meiner von meiner äh Tätigkeit mit mit der Musik da waren alle diese Parteimitglieder sind gesessen es war Oktjabrska
[1:29:44] das de- der Oktjabrska ich weiß nicht wie es heißt auf Deutsch also die die Oktober- äh -Feier war das und ich bin gesess- äh gestanden und m- mein Chor hat gesungen über die Partei Slawa Slawa also Slawa Partei und so weiter [summt Melodie] und plötzlich
[1:30:05] reißen bei mir die de- Bänder auf beiden Seiten von vom äh vom Akkordeon und ich kann weiter nicht spielen wenn das Akkordeon keine Bänder hat kann man nicht spielen es fällt herunter das Akkordeon es wird zugeschoben der Vorhang ein Lispeln ein Flüstern
[1:30:22] sche- sche- sche- alle diese Parteimitglieder herauf auf die Bühne ich bin so wie tot wenn weil Sabotage so eine eine eine Verschickte das ist Sabotage das ist nicht dass sie dass sie das nicht wollte das wollte sie so machen das gerade gerade sol- bei
[1:30:39] bei bei Parteimi- mi- -mitgliedern und bei diesen Lied von über die Partei soll so was passieren und die Einzi- die Einzige die da Senai- Senaida Michailowna diese Frau dieser Partei dieser Parteimitglied sie hat hat Zugang zu allen und sie war sie war
[1:31:00] ein sehr humorvoller sehr geistreicher Mensch und sie wollte mich retten und sie sagt »na ja das ist ja aber ein pa- das ist ja ein Trophäe-Akkordeon das hat keine guten äh Riemen wenn es wäre ein russisches Akkordeon das hätte schon gehalten« das war
[1:31:18] das war das das Stichwort alle haben gelacht und man hat schon zu- zugemacht mit einen mit einer Nadel und ge- Faden man hat ge- gerichtet die die Bänder und es ist weiter gegangen das Konzert das das war meine Rettung dass sie ge- hat gesagt dass es dass
[1:31:36] es ein deutsches ist nicht und nicht ein und nicht ein russisches weil das deutsche ist schlecht und das russische ist gut s- ihr versteht die ihr habt nicht verstanden ?
[1:31:46] [gleichzeitig:] doch mhm
[1:31:48] ja
[1:31:50] doch
[1:31:53] [gleichzeitig:] oh das war mein Glück also sie hat so viel Humor gehabt sagt »no ja« sagt sie »na das ist doch ein Trophäe-Akkordeon das aber wenn es wenn es wäre ein russisches hätte es nicht gerissen«
[1:32:00] ich hab grad gedacht du hast uns jetzt ja sch- geschildert dass ähm sich die Bedingungen verbessert haben du konntest wieder deine Liebe zur Musik ein bisschen wenn auch ein bisschen frönen trotzdem hast du gerade in einem Wort gesagt du warst immer noch
[1:32:10] die Verschickte was was war das für für ein Leben a- als [leise:] Verschickte
[1:32:17] [gleichzeitig:] oh joa und auch pf er- erstens erstens hat m- erstens war der Kommandant in auch i- Wass- auch in Wassjugan na beim Kommandanten musste man sich alle zwei Wochen melden und unterschreiben dass du bist noch nicht weggelaufen dass du
[1:32:32] bist nicht fortgekommen dann war es schon ein Monat es waren keine Ärzte es war nur ein äh ein Feldscher das hat geheißen so ein ähm no ein äh wie soll sagen er ist herumgefahren in alle Dörfer und hat irgend etwas geholfen dann war schon in Wassjugan
[1:32:52] war schon die die de das Krankenhaus war schon ein ein Chirurg und es war schon eine eine Hebamme war schon es war etwas leichter aber was war die konnt- die Chirurg konnt- er ko- der Chirurg konnte nicht operieren [lacht] der der konnte nicht das niemand
[1:33:11] konnte man hat sie man hat sie benannt aber das war nicht so das hab ich auf meinen auf meinen Körper gefühlt weil ich hatte eine ein Blinddarm- äh -operation die hab ich beschrieben das war etwas Schreckliches man hat mich auf den Tisch gelegt der der
[1:33:29] der äh so genannte Chirurg und hat begonnen mir äh Novocain einzuführen Novocain war alt es hat nicht ge- ge- geholfen ich hab geschrien es schmerzt wahnsinnig hat man geschickt die die Schwester um um Äther in die einzige Apotheke ich bin gelegen aufgeschnitten
[1:33:49] mit mit mit mein Bauch zugedeckt mit einer Serviette da ge- äh schickt er diese diese Schwester (Nanja) irgendwelche und sie kommt zurück und sagt »die Apotheke ist gesperrt weil es ist« ähm ich weiß nicht wie das heißt m- man zählt die äh mh Revision
[1:34:09] es ist Revision und man kann kei- keine äh kein E4 bekommen keinen Äther also hat er geschickt »cito« also es ist eilend und man schon gebra- bis sie ist gekommen mit diesen mit diesen Äther bin ich schon i- kannst dir vorstellen aufgeschnitten der der
[1:34:24] der äh Bauch also man gi- man träufelt mir schon den den den Äther und und alles und ich kann nicht einschlafen zähle ich ich zähle bis hundert ich zähle bis fünfzig zurück es geht nicht sagt er »wahrscheinlich ist sie eine Trinkerin« sag ich »Juden
[1:34:39] trinken nicht« [lacht] ich war so ich sag »ich bin eine Jüdin und ne Jüdin trinkt nicht« dabei trink ich Cointreau [lacht] und n- Wodka aber das ich sag eben dass es war so ich war so erregt dadurch dass dass es dass ich nicht bekommen habe das richtige
[1:34:58] die das richtige Betäubungsmittel das ich also mit schwerer Mühe hat man geträufelt geträufelt diesen diesen Äther und dann sa- hör ich wie er sagt »no sch- jetzt schläft sie schon« sag ich »nein nein nein ich schlafe noch nicht ich bin schon weg
[1:35:12] die Füße sind weg aber ich bin noch hier« und dann bin ich schon natürlich eingeschlafen und was war [hustet] es war also die Operation ich bin schon e- erwacht ich bin schon in äh im nach da nach der Operation [hustet; trinkt] und es
[1:35:36] kommt es kommt der Kurt mein Kurt kommt zum Fensterchen und ich sag »Gott sei Dank« bin ich schon nach der Operation [hustet] und er sagt »nein ähm es heißt dass dass dass du noch hast den Blinddarm bei dir du man hat nicht ausgeschnitten« [hustet stark]
[1:35:52] sollen wir eben ne Pause machen
[1:35:56] mhm [Schnitt] also meine Mama hat erfahren dass dass es war eine jüdische Krankenschwester dort bei der Operation und sie hat unter großen großen wie soll ich sagen die der Mama hm gesagt das »Frau Bartfeld wenn sie mich mich äh hm angeben dass ich
[1:36:16] Ihnen das gesagt habe dass der Blinddarm nicht herausgeschnitten wurde dann verlier ich meine Arbeit« Mama hat gesagt »nein Sie können ruhig sein Frau Dina ich werde nichts sagen aber wir müssen wissen dass die Margit noch den Blinddarm in sich hat«
[1:36:29] und mit so einem Blinddarm also es es ver- ver- verheilt alles und äh mit so einem m- vereiterten Blinddarm hat man mich geschickt mobilisiert weit weg auf äh ah aufs Plav das ist so äh Flöße Flöße bauen
[1:36:50] mhm
[1:36:52] und was man hat alles mögliche angewandt man soll mich nicht schicken weil diese Senaida Michailnowa hat ja gewusst und hat und hat äh gearbeitet daran mal soll mich nicht schicken es hat nichts geholfen soll sie zuerst fahren und wir werden sie dann zurück
[1:37:07] rufen
[1:37:10] mhm
[1:37:12] aber es ist das hat nichts gehol- genützt und ich bin gefahren und natürlich hat man mich wie man mich mobilisiert hat musste ich arbeiten wie alle wie alle nach einander und habe diese Flöße ge- ge- gebunden aber bevor man bindet muss man ja diese Balken
[1:37:24] tragen und schieben ich habe auch war so listig und habe im Wasser habe ich geschoben die äh die Balken und hat sie mir ein bisschen ge- ge- äh es hat mich ein bisschen es hat -s mir ein bisschen geholfen weil ich es war leichter zu schieben diese Balken
[1:37:42] aber dann nachdem ich viele Tage so im Wasser ge- ge- gewalkt habe hab ich bekommen einen roten Ausschlag und ich durfte nicht mehr im Wasser walken und ich musste wieder aufheben diese Balken und eines Tages hab ich bekommen wieder einen Rückschlag also
[1:37:59] die äh der der Blinddarm hat sich wieder sehr entzündet es war alles in Eiter und man musste mich führen zur Ope- Operation also auf ein ein Pferd hat man gefunden und ein und ein Wagen und man hat mich heraufgelegt diesen und man hat mich geschüttelt
[1:38:14] und gerüttelt und ich bin angekommen also dieser äh Chirurg welcher dort war er hat geschimpft wie ein wie ein Schustermann [lacht] weißt du wer wer wa- ja weil ich hab gesagt »ich hab den Blinddarm drinnen« und er hat gesagt »wieso man hat dich doch
[1:38:29] operiert du hast doch hier die Wu- die äh die äh die äh die ähm«
[1:38:33] Narbe
[1:38:36] die de Narbe hab ich gesagt »ja die Narbe ist da aber der Blinddarm ist auch da« also en- endlich ich hab schon Fieber gehabt und schwere wie es war schon eine sehr sehr schw- vernachlässigte Sache also hat man er hat mich operiert und hat herausgeschnitten
[1:38:46] den Blinddarm und dann geht es weiter geht es weiter wie man mich m- nach acht Tagen schiebt man mich raus aus der aus aus -n Krankenhaus und ich muss auf auf de- auf -n Flughafen also mein Mann hat auch interveniert dort in äh Wassjugan ja in Wassjugan
[1:39:05] war das und hat interveniert dass ich soll dort hinkommen mit Luftschi- mit Flugzeug und das Flugzeug landet nicht dort wo wo wo i- in Kas- in Kargassok und also äh das war auch ein eine ganze Geschichte war das au- auch d- immer die Märchen haben
[1:39:23] mir immer geholfen ich bin dort geblieben in diesen in dieser Stube welche war ein ein ein Flughafen kann man nennen aber es war eine große Stube und die Piloten acht Piloten oder sieben Piloten sind dorthin immer am in der Nacht haben die dort übernachtet
[1:39:38] und de- der Direktor der der Haupt- äh also der äh von von Flughafen sagt »du kannst hier nicht schlafen du kannst hier nicht übernachten weil äh hier kommen die Piloten und du wir- das kann nicht sein« so sagt er sag ich »aber ich kann nicht gehen
[1:39:54] ich ka- ich bin nach einer Operation ich kann nicht zurück gehen ich kann nicht hin und her gehen ich muss hier bleiben« »no dann musst du wie wir werden die Piloten werden schon sagen was sie werden sagen« und ich hab mich so nützlich gemacht bei denen
[1:40:05] ich ha- die ha- also sie haben mich gelassen es war ein ein einziges Sofa war ein Ledersofa und die haben mich auf diesen Sofa hingelegt und die haben geschlafen auf den auf den Boden und äh und haben mir so geholfen also bei Tag bei Tag wa- war ich
[1:40:22] also ich hab mich gefühlt wie Schneewittchen und die sieben äh Schneewittchen ja und die sieben Zwerge die waren die Zwerge also ich habe für die gekocht und ich habe eine Suppe gekocht und so weiter bei Tag und am Abend sind die gekommen hab allen gedeckt
[1:40:35] den ei- jeder hat gehabt ein Töpfchen und jeder hat gehabt ein Gläschen und also die waren so gut zu mir und ich war auch gut zu denen und sie haben gebracht solche Auerhähne haben die gebracht und ich hab die gerupft und alles gemacht für für die essbar
[1:40:48] also sie waren sehr sehr lieb und sehr nett diese Jungs und ha- und haben mir versprochen da ein war ein Slawe Slava ein ein ein Pole glaub ich war er und er hat mir versprochen »Mascha ich werde dich nach Hause bringen du wirst mir einen Kuss geben und ich
[1:41:02] und ich bringe dich nach Hause« sag ich »aber dort zu Hause ist schon mein Mann« »macht nichts aber ich bring dich doch« [lacht] also es war so wirklich äh eine Zeit vergangen und plötzlich am am Vorabend rufen mich die andern Piloten »Mascha der
[1:41:17] Slava führt dich nach Hause es ist ei- ein Flugzeug und er führt dich nach Hause« es war schon ein kleines es war sch- [gestikuliert] schrecklich zu fa- zu fliegen es war so so äh aber ich hab keine Angst gehabt ich wa- ich war so tapfer und ich bin gekommen
[1:41:32] und angekommen war das ganze Dorf war versammelt dort am Flughafen kann man sagen weil man hat schon gewusst das es kommt dieses Flugzeug und ich bin herausgekrochen auf de- auf de- auf den äh Flügel vom vom Flugzeug und bin gekrochen zum Slava hab ihm einen
[1:41:49] Kuss gegeben und dann war ich glücklich und bin schon dann zu zum Kurt angekommen das war das Ende von vom Li- von Blinddarm es war schrecklich schrecklich wie f- wie lange Zeit ich hab gelitten daran w- o- das kann ich und n- noch noch dort auf dem Flughafen
[1:42:03] ist da hab ich auch noch Glück gehabt als ich am Flughafen auf diesen wo wo ich gelegen bin ist ge- hat ein La- Notlandung gehabt ei- ein Professor ei- ein Arzt ein äh ein Chirurg eine Notlandung und wir er gekommen ist sagt er »was was machst du hier warum
[1:42:20] liegst du hier« sag ich ich habe bin nach einer Operation und sie sind schon acht Tage verga- vorbei und die ich hab äh ich hab nichts an ich hab keine keine V- Verband und gar nichts und er hat zusammen geschlagen die Hände sagt er »du lieber Gott was
[1:42:36] dass du keine Blutvergiftung hast und was ist hier das ist doch schrecklich« das war alles alles vereitert und alles ver- ver- ver- äh vertrocknet alles also man hat mir gemacht einen Verband und man hat mir Rivanol gegeben und so weiter und so weiter [Klingeln
[1:42:53] im Hintergrund] und äh und und so bin ich s- bin ich bin ich a- am Leben geblieben immer solche Zufälle
[1:43:07] ga- gab es in der ganzen Zeit die du jetzt beschreibst ähm Überlegungen es irgendwie mal nach Czernowitz zurück zu versuchen oder
[1:43:16] Gott behüte w- es war es konnte nicht es war schon in Tomsk sind viele zurück gekommen auch Überlegungen nein Gott behüte man ist in in in in äh ins Gefängnis gekommen auch in der Schule wie ich gearbeitet habe in der Schule das war schon in nicht
[1:43:34] in Tomsk in Wassjugan war das ja in Wassjuganer Schule war das hab ich schon bekommen also ich hab gesagt dass ich w- hab schon Gesangsstunden gegeben Gesangsstunden i- in Wassjugan war das an der Wassjuganer Schule und es war ein ein ein äh es war
[1:43:52] ein äh Stundenplan und a- am Vortag bi- ha- bin ich gekommen und hab geschrieben den fo- Stundenplan und äh und äh f- f- für nächsten Tag und eines Tages komm ich und man sagt mir du hast aber verspätet f- f- 45 Minuten sag ich »wieso ich hab
[1:44:11] doch geschrieben um diese« »nein aber man hat geändert die äh« es war kein Telefon es war kein gar nichts aber geändert am Abend und de- nächsten Tag musste ich kommen also man hat mich zum Gericht gegeben das war alles wenn man nur fünf Minuten verspätet
[1:44:26] hat oder war Gericht aber ich war nicht schuld ich war überhaupt nicht schuld also Gericht und was war das Gericht das Gericht war dass ähm man hat nie geschrieben ob du gemordet hast oder gestohlen hast oder oder ich weiß was äh etwas Schreckliches
[1:44:41] gemacht hat man schrei- geschri- geschrieben äh ich war ich war ver- -urteilt einfach im Pass war geschrieben verurteilt man wusste nicht wer was und so dadurch dass ich verurteilt war durfte man mir keine Arbeit geben höchstens ich weiß nicht was
[1:45:00] aber so eine Arbeit äh für Musik oder so durfte man nicht und so war auch f- für meinen Mann war auch so man hat ihn geschickt man hat ihm geschickt auf äh auf Heumahd und er hatte keine Schuh hat er dieser äh
[1:45:15] wo hat man ihn hingeschickt
[1:45:17] Heuma- äh also äh Heu mähen
[1:45:19] ah mhm
[1:45:22] Heumahd ja glaub ich so heißt es also Heu mähen hat er gesagt a- im Sumpf musste man also das Heu so kleine kleine solche Bündel machen sagt er »ich habe aber keine Schuhe« hat man ihm ausgeschrieben »Schuhe« war dort eine eine Base wo man hat
[1:45:34] ihm ausgeschrieben »Schuhe« war er sehr glücklich weil sie und äh nach einem Monat ist er gekommen e- gib jetzt die Schuh zurück sagt er »ich hab jetzt keine Schuhe nur die Schuhbandel sind geblieben« weil das das war kein Leder das war so ein ein so
[1:45:49] ein ähm so ein Material das ist es ist auseinander geht es war kein bei- gebeiztes Le- Leder und er sagt »ich hab nur die Schuhbandel« zum zum äh [gestikuliert] wie heißt es nur zum Gericht auch ich sag sag ich nur »Kurt wir sind beide
[1:46:07] g- auf ein auf einen Niveau« beide ham wir [lacht] ham wir de- dieses da Sud also dieses Gericht bekommen na solche Zufälle waren hunderte solche Zuf- ja also ich bin jetzt in in Wassjugan
[1:46:21] ich arbeite als Chormeister und so weiter und so weiter
[1:46:25] es wa- ja war noch sehr schöne sehr schöne Konzerte Laienkonzerte also von Wassjugan bin ich immer weiter mobilisiert worden im Winter auf Schiff und ich habe sogar von Wassjugan bis ins m- m- ins wei- in weiten Norden nach nach Maisk bin ich gefahren
[1:46:50] mit ein mit einen auch mit so einen Schlepper und habe auch eine sehr schöne eine sehr sehr schöne Geschichte geschrieben wie ich dort mit einen Laienkonzert ankam und also d- auch war dort ein ein Klavier und ich ha- ich hab immer gewartet dass die
[1:47:08] Leute diese m- welche mit mir gearbeitet haben sie waren die die Schauspieler also die sind alle gegangen spazieren wir haben vier oder fünf Tage gehabt äh zum Ausruhen und ich bin immer geblieben beim Klavier weil ich f- ha- ich wollte immer üben und
[1:47:23] bin beim Klavier geblieben und hab so f- dies ähm das »Impromptiv« von Schubert hab ich so langsam langsam gefühlt und gesch- gespielt ohne ohne Noten [summt Melodie] also und äh einmal und noch einmal und bin glücklich dass ich kann mit m- beim
[1:47:45] Klavier sitzen plötzlich seh ich es kommt herein eine kleine Frau äh äh rotes Haar bisschen m- gegraut klein und die Hände verarbeitet mit solche Schwielen und sie kommt mit so einer mit einer Rolle [nimmt ein Blatt] mit so einer Rolle und sie kommt zu
[1:48:02] mir und ich denk mir was was will sie von mir und sie sagt »viele Jahre hab ich gewartet auf so einen Menschen wie du bist« ich frag »wa- warum« sagt sie »ich hab hier ein Geschenk für dich eine Sache welche welche du jetzt äh l- l- also die die richtige
[1:48:19] die richtige Person und den richtigen Platz bekommen hat wird« also was war dort in dieser Rolle das waren Noten und das äh das Schubert-»Impromptiva« das das war so eine Fügung von von vom lieben Gott vom lieben Herrgott dass dass ich dieses Schubert-»Imprompti«
[1:48:36] bekommen habe aber das war so schön diese diese Fügung und dieses ganze da hab di- s- ich mir gedacht das muss ich beschreiben hab es auch beschrieben ja also dann äh was soll ich noch über W- Wassjugan ist noch viel viel viel da zu sagen aber
[1:48:52] ich weiß nicht was ich was was habt ihr noch für für äh fo- Fragen oder wie
[1:48:57] ist deine Tochter dort geboren
[1:49:00] ja
[1:49:02] in Wassjugan
[1:49:04] [gleichzeitig:] ja eine richtige sehr gute Frage [lacht] ja ja ja also ja sie war zw- äh erst zwei Jahre war sie alt wie ich sie von Wassjugan nach nach Tomsk herausgeführt hab ja das ist die richtige Frage weil äh Anita ist zur Welt gekommen also
[1:49:22] wie sie zur Welt gekommen ist ist auch eine ganze äh eine ganze Geschichte äh sie sie ähm ich ich habe ja es war ein Festival ja äh f- für für Singen und so weiter und alle und ich war schon in anderen Umständen ich musste schon äh Niederkommen
[1:49:35] und alle diese welche gesungen haben und die wir mussten nach Tomsk fahren das war so eine so das war so eine Sache na- nach Tomsk von Krass- äh von Wassjugan zu kommen und alle wie» Ma- Maschinka no warte noch ein bisschen warte noch mit den mit den Niederkommen
[1:49:51] ein bisschen noch eine Woche noch eine« und gerade wie gerade wie wie wir fahren sollten bin ich niedergekommen mit der Anita und äh ja aber aber vorher noch in in Wassjugan hab ich noch Konzerte mit en Akkordeon mit en bi- bis zu -n bis neun Monate
[1:50:09] hab ich gespielt und alles war wunderbar also äh die Anita ist geboren worden im Februar am zwölften Februar der größte Frost größte Frost und niedergekommen dort in Wassjugan in diese in diese in diesem kleinen Häuschen dort [seufzt] und jetzt
[1:50:29] lieg ich dort schon eine Woche und man muss nach Hause fahren also wir hatten so ein kleines Häuschen und das war ziemlich weit ich meine mit einen kleinen Kind und äh und äh war es ziemlich weit zu äh zu äh hinzukommen in so einen Frost und ich weiß
[1:50:47] nicht was ich anfangen soll und de- und der Kurt hat aber in im Part- Kabinett hat er verschiedene Arbeiten gemacht er hat dort geholfen äh sägen ich weiß nicht etwas an- anfertigen und dieser Direktor dort hat ihm sagt er äh äh »Iwan Iwanowitsch vielleicht
[1:51:03] kannst du mir einen Schlitten geben oder ir- äh ein Pferd ich muss ich muss meine Frau bringen und mein mein Kind« und er hat ihm ein einen einen äh wie heißt das noch einen Schlitten mit mit einen Hengst und mit und mit äh einen Schoppenpelz er soll
[1:51:18] bringen das die die Frau und das Kind na und da war ich schon glücklich ich schaue heraus vom Fenster steht ein Hengst und scharrt mit den [lacht] mit den Füßen und also man hat herein gelegt diese diese Anita ja wie ist sie gek- geboren worden zwei Kilo
[1:51:35] ein ganz winziges ein winziges Klümpchen zwei Kilo hundert Gramm und ich bin gelegen in den in der Nacht hab ich gehört wie die wie die wie die äh Schwestern da zwei Schwestern waren sagen die »ah diese Schauspielerin wird ja nicht lange leben sie kann
[1:51:49] nicht einmal sie kann ja nicht einmal krächzen« [lacht] kann nicht einmal die Augen aufmachen und ich war schon schon die ganze Nacht so so so w- nervös ich fo- um Gottes Willen so ein kleines ein Klümpchen ein ganz kleines Klümpchen in der Früh ist
[1:52:04] gekommen der Chirurg dort welcher dort gearbeitet hat und hat gehört wie man ja und hat gesehen dass ich bin ganz verweint und sagt er »was ist geschehen« sag ich »no mein mein Kindchen ist geboren aber sie kann nicht sie kann nicht weinen und sie kann
[1:52:17] nicht krächzen und sie kann gar nichts« also man hat gemacht eine Bluttransfusion von mir und t- also sie hat begonnen die die Augen zu öffnen und ich hab sie gerettet und also so sind wir dann nach Hause gefahren und wieder nach Hause gefahren Gott im
[1:52:30] Himmel wieso wieso bringt man so ein kleines Tröpfchen wieder nach Hause also wir haben sie herein gelegt in diesen Schoppenpelz zu gemacht alles und Kurt ist gewesen der Kutscher und ich bin ich hab sie gehalten auf den Händen so sind wir nach Hau- -se
[1:52:45] angekommen ich hab so gezittert vor den Moment wo man öffnet diesen Schoppenpelz ob sie noch lebt überhaupt ja also dann wir haben begonnen diese schweren diese schwere schwere Stunden kein Wasser kein Fi- äh Windel gar nichts also ist schrecklich ah
[1:53:04] no man hat Eimer mit Schnee hat man müssen auflösen auf -n auf -n ähm Ofen damit sie soll ein paar Töp- Töpfchen Wasser sollen m- m- sein weil bis zu Wassjugan war schrecklich weit zu gehen kein kein Brunnen gar nichts außerdem hatte ich zehn
[1:53:24] solche kleine Stückchen so so groß wie dieses [deutet neben sich] vielleicht noch etwas größer waren das waren die Windel die waren weiß mit schwarze Streifen das war so wie Sträflinge [lacht] und hab ich Angst gehabt dass es wer- den sie werden mir
[1:53:38] nicht reichen hab ich nur zwei immer gebraucht und de- die andern sind gelegen i- in d- dieses da das war eine Not Not sch- ähm sch- ähm ein Not
[1:53:51] [gleichzeitig:] Ration oder mhm
[1:53:53] ja ja zwei hab ich immer gewaschen und acht sind gewesen fertig gewaschen gebügelt und so weiter und so weiter jetzt wenn ich denke wie die Kinder jetzt man wirft das alles für ein Mal man wirft das weg auch diese auch die Injektionen auch alles ist ja
[1:54:06] nur ein mal und erledigt und alles wird m- w- weg gem- und man kauft wieder und m- ja das war so schrecklich ja und auch der Frost dazu es waren keine keine Wagen und es w- aber hier hab ich in einen Buch hab ich äh die Anita wie ich ein ein Mann dort ein
[1:54:23] Russe hat ihr gema- gezimmert ein Rodel und die Mama hat genäht ein ein ei- ein Rodel weißt was das ist ein Rodel ja sane und und äh die Mama hatte genäht ein hellblauen vom Flanell ein hellblaues Mäntelchen und ein ein Asiake ein Eingeborener hatte gebra-
[1:54:40] hat gebracht ein weißes Fell und man hat ihr gemacht ein Käppchen und so sitzt sie sie in in diesen in diesem Roll- Rodel ja das war dass man hm viele fragen f- warum hast du nicht noch Kinder ? [lacht] ich hab ein Kind gehabt das war auch eine große Sache
[1:54:55] dort waren keine Kinder die alle diese diese Leute diese Frauen welche dort waren welche jetzt schon noch noch am Leben geblieben sind haben keine Kinder gehabt weil sie e- erstens haben sie manche haben waren überhaupt keine Frauen mehr und andere äh äh
[1:55:10] haben eben so so wie ich äh ei- ein Kind hat man nicht hat man nicht gewagt noch noch noch eines zu haben verstehst du und es war auch schon spät ich hab die Anita schon äh ich hab mit dreißig Jahre hab ich sie schon geboren so das [lacht] es war es
[1:55:25] waren verschiedene verschiedene Gründe
[1:55:27] wann konntest du dann Wassjugan verlassen und nach Tomsk
[1:55:32] ja gute Frage also das war so ich bin geblieben mit der Anita mein Mann mein Mann de- der Kurt ist weg gef- also er hat bekommen die Erlaubnis eine große Erlaubnis vom Kommandanten er soll nach Tomsk fahren studieren mein Mann ist ein Architekt ein
[1:55:52] sehr guter Architekt geworden und ich bin mit der Anita noch zweieinhalb Jahre allein geblieben dort also man musste Holz beschaffen man musste alles alles musste ich alles machen also ich habe bei der Schule in der Schule gearbeitet und dort hat man
[1:56:11] mir sehr wie soll ich sagen man hat mir geholfen man hat mir gebracht Holz aber ich musste es noch selbst kleinern und ma- ha- Wasser musste ich allein also all- alle ich hab schon bekommen ein Stück ja in der Schule haben wir schon bekommen als Lehrer
[1:56:30] ich war schon eine Lehrerin ich hab schon Gesanglehrerin ham wir bekommen 200 Gramm Brot [gestikuliert] wie viel ist 200 Gramm das sind zwei zwei Scheiben Brot nicht einmal so zwei zwei solche Scheiben Brot und ich hab noch bekommen in der Schule eine
[1:56:44] Arbeit also ich soll für alle Lehrer soll ich s- noch schneiden diese 200 Gramm Brot [lacht] und hab dafür jetzt die hier eine eine eine Schwiele gehabt v- v- von diesen Schneiden also das war schon eine wunderbare Arbeit und alle haben immer gesagt »no
[1:56:59] mit Brot zu arbeiten das ist doch s- etwas Herrliches« ich hab [lacht] ich hab immer zu wenig mein mein Teil war immer zu wenig weil ich hab immer geschnitten ordentliche Scheiben und hab [lacht] alles ge- gewogen und mei- meine 200 waren immer immer weniger
[1:57:12] aber es i- hab überlebt auch das ja aber wisst ihr die Tiere die Tiere haben mir auch geholfen immer überleben die Tiere der der der Ochse ich muss immer wieder zum Ochsen zurück der Ochse hat mir geholfen im wie hat er mir geholfen man ha- er
[1:57:34] hatte einen Trog einen großen Trog und in diesen Trog hat man ihm herein geschüttet gestanztes ich weiß nicht wie das heißt äh das ist von Sonnenblumen und von verschiedenen so ein ein so ein Brot so ein gestanztes wie heißt das nur ? auf Russisch heißt
[1:57:49] das zschmich das ist das ist alle diese Sonnenblumen und alles ist gestanzt und er isst das dann
[1:57:55] mhm
[1:57:57] für mich war das ein ein Leckerbissen und ich bin zu ihm gekommen und hab ges- mit ihm gesprochen und hab gesagt »zopzebé ein kleines Stückchen musst du mir auch teil- mit mir teilen« ich hab so eine Stückchen zschmich hab ich können einen ganzen
[1:58:09] Tag [gestikuliert] lecken und und und äh bröckeln und damit äh so hab ich gelebt ja und der und der zopzebé er hat uns auch gerettet auch von Bären und vo- Verschiedenes war ja das ist sehr interessant gewesen
[1:58:25] und dein Mann war zu diesem Zeitpunkt schon in Tomsk
[1:58:28] ja er war schon in Tom-
[1:58:30] an der Universität ?
[1:58:33] ja
[1:58:35] mhm
[1:58:37] ja äh es war schon ein Jahr er hat schon be- äh aber es war auch zuerst hat er e- am Abend gelernt und bei Tag gearbeitet und dann ist er schon rüber in ein anderes äh in eine andere Universität also in ein Institut wo er schon bei Tag konnte ar- dieses
[1:58:50] da äh lernen also er hat mit er hat einige Institute beendet äh Sprachen und äh zuerst war er im Technikum dann war er in der ähm Universität und er hat alles mit Vorzug beendet und er war auch wirklich ein sehr guter äh äh Architekt sehr sehr gut
[1:59:07] er war bekannt dort in Moskau und in Leningrad er hat überall hm Projekte gemacht er war sehr sehr begabt und sehr fähig
[1:59:15] und ich hab weiter dort in ähm im im Club gearbeitet ah nein zuerst war das in in Wassjugan in Tomsk hab ich schon also in
[1:59:29] Tomsk habe ich schon damals dieses in Kindergärten gearbeitet und auch im im Kinderheim im Kinderheim im neunten Kinderheim das war das beste Kinderheim dort also im Kinderheim habe ich habe ich dreißig Jahre gearbeitet s- ja zwanzig war ich war es zwanzig
[1:59:46] und das da dreißig hier es war dieses Bild von vom Kinderheim [sucht Bild] aber wo ist es
[1:59:51] [leise:] ist es dort drin ? ist es da rechts ?
[1:59:55] ja es muss sein
[1:59:57] oder links mein ich
[1:59:59] hä
[2:00:02] nein
[2:00:04] das war hier ja ja das ist auch ein Bild von vom Kin- Kinderheim das ist das Musikzimmer [zeigt Foto] das ist am am vierten am vierten Stock dort so ein großes Haus gewesen dort ha- hab ich gehabt die Musikstunde also die Kinder sind gekommen
[2:00:24] mit der Kindergärtnerin nein nicht Kindergärtnerin Kindererzieherin weil es ist ja wenn man verschiedene ähm verschiedene ähm wie soll ich sagen äl- a- Altersunterschiede gewesen und soll ich noch halten ? und äh die kommen mit der Kin- mit
[2:00:43] der Kindererzieherin alle zusammen haben gehabt solche Stühlchen sind alle gesessen und ich bin gesessen beim Klavier und habe mit denen diesen Unterricht hier ist da ein ein Foto wo wo ich hier ist mein Chor [zeigt Foto] auch im Kinderheim näher ?
[2:01:02] nein aber ähm es ist gut so wenn du es in die Kamera hältst genau ich kann es sehen
[2:01:07] [gleichzeitig:] so ja gut so ? das ist das ist in in die fünf- Fünfziger Jahre das ist schon im acht- 59er Jahr
[2:01:16] mhm
[2:01:18] das ist schon ein großer Chor das war ein Festival dort also immer haben wir bekommen den ersten Preis also die alle haben mit ja und hier ist da hier ist da ein Zögling hier ist da ein Zögling hier habe ich seine ich hab -s gerade ge- gebracht
[2:01:33] welcher jetzt in Moskau lebt und ein ein sehr gut er ha- man hat ihn gefunden auf dem Bahnhof ein ein Bündelchen und man hat es zu uns gebracht und so ist er ein sehr musikalischer Junge ein sehr talentiert talentierter ähm Mensch gewesen er ist jetzt
[2:01:51] ungefähr achtund- 68 oder 65 Jahre das ist er der Boris das ist ein fantastischer Mann geworden [zeigt Fotos] Boris
[2:02:05] halt das du musst das eine ähm aufrecht halten ja oder so
[2:02:09] [gleichzeitig:] ja eines zuerst so Boris Burkow er ist er hat
[2:02:13] [gleichzeitig:] du musst drehen
[2:02:16] drehen oben
[2:02:18] [gleichzeitig:] du musst es drehen das Bild ist hochkant
[2:02:20] ah so ? [hält das Bild hoch]
[2:02:22] nein [lacht] warte ich zeigs dir wie mans
[2:02:25] na mach hil- hilf mir
[2:02:27] so
[2:02:30] [gleichzeitig:] ah ja ja oh oh je [lacht] eines ist so und eines ist so
[2:02:32] [gleichzeitig:] jetzt sieht man das richtig
[2:02:34] [gleichzeitig:] und was ist er jetzt von Beruf ?
[2:02:36] eben er ist Maler
[2:02:39] mhm
[2:02:41] er ist Maler und er ist äh und er hat mir jetzt geschickt ein Buch also mit Gedichte so fantastische Gedi- fant- hast du schon ? fantastische Gedichte und äh da diese Ge- diese ah hier sind da das hat er erst zuerst mir geschickt noch nicht im Buch das
[2:02:53] sind alle seine Gedichte über de- über -s Kinderheim und über sein Leben und e- fantastisch und er ist ein wirklich ein ein entzückender Junge geworden er hat mir so viel geholfen w- wie ich no- wie ich noch dort arbeitete er ha- er war immer der
[2:03:08] Conferencier und e- also es war so diese Mutter seine Mutter hat ihn ja am Bahnhof hingelegt mit wa- [gestikuliert] ein Findling war er ja und wir haben alle alle Erzieher haben alle gearbeitet daran diese Mutter zu finden vielleicht wenn s- vielleicht
[2:03:23] werden wir sie finden und er war in der achten Klasse ich hatte gerade vor einer von vor einer Olympiade war es und äh wir bekommen einen Brief von dieser Mutter und wir waren so glücklich dass wir ihm schon das überreichen können dass wir schon
[2:03:39] nicht gewartet haben bis wir das bis diese Olympiade endet wir haben ihn ihm direkt sofort gegeben den den Brief er sitzt und liest diesen Brief und wir sehen dass er er er eine S- eine eine Säule wird ein eine eine eine feste Säule er ist erstarrt
[2:03:57] er hat diesen Brief gelesen und die Mutter hat geschrieben d- das zweite Mal hat sie ihm getötet sie hat geschrieben er s- er soll sich nicht zeigen bei ihr weil er wird auch vielleicht so ein Trinker werden wie der Vater und sie hat eine neue Familie
[2:04:12] und sie möchte nicht mit ihm in Kontakt kommen das war de- das war der Anfang und das Ende und er sitzt wir sind vor der Olympiade vor diesem großen Konzert er sitzt wie auf er- erschlagen und ich sitze auch so ich beim Klavier sitz ich ich weiß
[2:04:30] nicht was was jetzt kommt ich kann ihm ich kann ihm gar nichts sagen und er kommt dann zu mir zu legt so die Hand auf auf meine Hand auf den Knie und sagt so hat er mich Margarita Morisowna genannt weil bei Russen sagt man immer die äh den Vaternamen auch
[2:04:47] sagt er »Margarita Morisowna du sollst nicht Angst haben ich werde alles machen ich werd für dich alles machen für -s Kinderheim und für dich ich werde nicht ähm aus äh ich ich werde nicht ich werde alles machen ich werde tanzen und ich werde die die
[2:05:03] das Programm führen alles wie wie wie wie comme il faut« und er hat es auch wirklich fantastisch gem- ge- geschaffen und wir haben die ersten den ersten Preis bekommen und dann ha- also dann haben wir ihm in Moskau er hat sich dann arrangiert in Moskau
[2:05:22] allein weil wir wollten er soll er soll Musik studieren und er wollte malen ist er weg und wir wussten nicht wohin und wohin dieser Boris gekommen ist und eines Tages es waren schon zwei zwei drei Monate vielleicht schon mehr ist vergangen vielleicht schon
[2:05:40] auch ein Jahr hat die Direktorin ist in Moskau gewesen de- die Direktorin vom äh vom Kinderheim und sie ist gestanden be- f- bei bei in Russland ist man immer Schlange gestanden bein äh bein Geschäft und sie so hat gestanden und vor ihr ist gestanden Boris
[2:05:55] sagt sie »Boris da bist du« und er hat sich umgedreht und das das war der das Treffen und er hat sich arrangiert als Hausmeister dort in in Moskau also wenn man Hausmeister und er hat dort äh gekehrt dort äh vor -n Haus und ich weiß was er dort für Arbeiten
[2:06:15] gemacht hat und wenn man dort als Hausmeister hat immer eine kleine Stube bekommen und das war sehr sehr gut weil er bis zum heutigen Tag hat er diese diese Stube dieses und er hat immer gesagt in Moskau ist sch- ist fürchterlich schwer wenn man hinkommt
[2:06:29] dass man irgendwo z- zum Beispiel wenn ich komme und äh ich will in ein Hotel kommen kann man nicht man kann sich nicht arrangieren dort es ist immer besetzt a- und da hat er immer gesagt »mein Zimmer ist immer auch eures wenn ihr nach Moskau kommt be-
[2:06:44] seid ihr bei mir bei mir wie zu Hause« und da waren wir auch immer wenn wir gekommen sind also manches Mal hat man uns geschickt und so waren wir immer die f- die Direktorin und ich haben immer gehabt den Platz beim beim Boris eines eines Tages hab ich eine
[2:06:58] einen Reise gehabt ohne ohne die Direktorin ganz allein also ich hab angerufen den Boris sag ich »Boris was soll ich machen ich bin allein« »aber selbstverständlich Margarita Morisowna du kommst zu mir« ich bin hingekommen er hat hat er ich s- ich sag
[2:07:14] die dieses fein- diese Feinfühligkeit von eine einen so jungen hat er gebracht einen Paravent weiß ihr wisst was das ist so ein Paravent hingestellt damit ich mich gut fühle bei ihm und dann schon also ich hab du sollst schlafen ja und dann hat er gehabt
[2:07:30] eine Küche separat wo viele Leute in Russland die so das ist so eine eine gemeinsame Küche wo wo zum Beispiel vier fünf Leute haben so ein kleines äh Gasöfchen alle und do- dort kochen die und dann haben die auch heu- z- eine gemeinsame ein gemeinsames
[2:07:48] Badezimmer ein gemeinsames Klo und das Zimmer ist separat ich bin früh aufgestanden ich will will hinausgehen in die in die Küche oder wie ich seh ich hab keine Hosen ich weiß nicht ich kann mich nicht anziehen also dann wart ich dieser Boris schon
[2:08:03] ein herein komme sag ich »Boris und wo wo sind wo ist meine Kleidung ?« sagt er »ich ich hab alles gebügelt« das war so rührend das war so schön de- das war Boris und äh jetz a- sprech ich mit ihm immer telefonisch also mit ihm bin ich ei- an in großer
[2:08:21] Verbindung ja auch mit andere Kinder bin ich bin ich verbunden wenn ich habe auch geschrieben über viele Kinder in ähm in meinen Büchern in meinen Erzählungen sind viele
[2:08:33] wenn du sag-
[2:08:36] [gleichzeitig:] ah
[2:08:38] Entschuldigung
[2:08:40] nein nein bitte
[2:08:43] wenn du sagst dass du dreißig Jahre in dem Kinderheim gearbeitet hast dann heißt das dass war bis zum Ende der Sowjetunion sozusagen bis bis zu deiner Ausreise
[2:08:45] [gleichzeitig:] ja bis bis fast bis zu unserer bis zu unserer Ausreise weil äh warum hab ich aufgehört weil mein Kurt war sehr krank er hat einen äh Krebs gehabt einen Nierenkrebs und ich hab noch dann doch noch ein Jahr gearbeitet ich hab geb- gebeten
[2:08:59] um Urlaub damit ich ihm äh ähm be- behilflich sein kann
[2:09:03] und äh also im im neunziger bin ich nach sind wir äh nach Israel gekommen und im a- 98er äh im im 89er oder im 87er ha- damals hab ich aufgehört zu arbeiten ja aber ich war schon in Pension
[2:09:25] ich war schon in Pension natürlich i- bin mit ei- 71 nach nach Israel gekommen und erst in Israel ja muss ich das sagen hab ich begonnen zu schreiben das war mein z- mein zweiter Beruf [lacht] aber für de- für das Schreiben hab ich ein niemals was bekommen
[2:09:39] oder ich meine aber die die die äh Büchers kommen heraus das ist auch gut weil ich hab kein Geld gehabt zu investieren also Professor Wiehn hat das alles gemacht und dann haben sie sich wie soll ich sagen ähm sie haben sich bezahlt irgendwie selbst die
[2:09:58] Bücher weil sie sind so geschrieben kurz und bündig und irgendwie äh haben sie Anklang bekommen be- gefunden an äh an Publikum an Lesern
[2:10:08] ich möchte noch mal kurz zurück gehen wie hast du das Ende der Sowjetunion erlebt oder ihr als Familie
[2:10:15] was soll ich euch sagen das war immer ein ein großer Haken die Sowjetunion und äh das war immer ein eine Angstwelle sogar wenn wir schon weg gekommen sind her haben wir immer noch in Angst gehabt weil man hat immer Angst gehabt etwas zu sagen man
[2:10:35] hat Angst gehabt dass jetzt wird man dich jetzt hast du etwas Schlechtes gesagt jetzt hast du so das das war wie ich weiß nicht das das wie wir wie ich kann mich schon nicht erinnern wann wann es genau geendet hat damals wie wir weg ge- gefahren sind
[2:10:52] wir sind in neunziger weg etwas früher ja das war ja das war so gerade diese diese Umwälzung ja das war Gott sei Dank haben wir gesagt Gott sei Dank dass es wir dass wir schon weg sind Gott sei Dank das war sehr schwer und dieses he- dieses Wegfahren war
[2:11:09] auch schwer es war es war kein äh kein ähm wie heißt das nur Zollamt war nicht es war kein Zollamt eine Frau dort in Tomsk hat wollte irgendetwas schmuggeln einen Diamanten oder i- in einer Puppe wollte sie herein geben etwas und man hat es gefunden
[2:11:28] und man hat weggenommen es Zollamt war es war kein Zollamt und wir mussten nach Kemerowa fahren um verzollen die unsere Sachen und man durfte ah das war so schrecklich man musste irgendwelche Kisten bauen und wir haben gebaut in im Wald hat man gebaut aus
[2:11:45] so- und vi- viel viel bezahlt dafür dann hat man das alles zunichte gemacht wir wa- durfte nur eine Kiste du- durfte ich nehmen eine Kiste Anita mit ihrer Familie und eine Kiste meine Mama also in eine Kiste hat man das Klavier herein gegeben das und und
[2:12:01] und und sind zwei das ist was wir dort noch paar Sachen hatten das war alles alles verschenkt alles weg weg weg weg
[2:12:09] und von von Null von Null mussten wir beginnen aber wie wir nach Israel ankamen ha- mei- meine ähm Schulkolleginnen sehr viele waren
[2:12:21] hier und sie haben sich alle alle haben sich so gefreut mit mir und alle haben mich so so empfangen wie ich als wären wir nicht äh ähm siebzig Jahre getrennt gewesen oder fünfzig Jahre sondern als wären wir gestern ja da war unglaublich unglaublich
[2:12:43] und dann außerdem war hier Ilan- Ilana Shmueli mit welcher ich ich in der in der jüdischen Schule zusammen war und wir waren große Freundinnen und sie hat so e- und es war zufällig ist diese deutsche Zeitung »Die Stimme« also ein ein Bekannter hat gebracht
[2:12:56] »Die Stimme« sofort zu mir »schau Margit hier jemand hu- sucht dich« Margit Bartfeld-Feller wer weiß wo sie ist soll soll äh soll melden auf der andern Seite war wieder über Ilana Shmueli dass dass sie dort und dort wohnt und ihre Telefonnu- so dass
[2:13:17] wir hatten uns beide und ich hatte ein ich hatte ein äh Büchlein welches man mir herein hereingeschoben hat in äh in den Wa- Waggon und dort war geschrieben »Für Puppe« ein Gedicht Puppe war eine die Schwester von der Ilana Shmueli welche
[2:13:34] gestorben ist welche Selbstmord begangen hat dieses Gedicht kann ich mich genau erinnern weil weil das war ein fantatisches Gedicht das war von einem Czernowitzer geschrieben welcher dort in Wassjugan umgekommen ist er ist wahnsinnig geworden er hatte einen
[2:13:49] Tumor [gestikuliert] das Gedicht lautete so »erleben wird dir zum Erfahren wenn aufgetan den Dingen du dich gibst statt zu erwägen musst du wagen wahr sind wir nur wenn wir uns nicht bewahren« das war mein Motto dieses Gedicht »erleben wird dir
[2:14:09] zum Erfahren wenn aufgetan den Dingen du dich gibst statt zu erwägen musst du wagen wahr sind wir nur wenn wir uns nicht bewahren« das ist so das ist so wunderbar ich weiß ich fühlte das ja für mein Leben dort de- das war das war alles gesagt und
[2:14:29] ich als- also dort war geschrieben »für Puppe von Edi« Puppe war die Schwester von der Ilana Edi war ein guter ein ein ein Junge ei- ein Junge welcher welcher sehr schöne Gedichte geschrieben hat und das war wahrscheinlich sein Gedicht ich hab diese
[2:14:46] Seite mit diesen von Büchlein heraus gerissen hab mir gemacht eine Kopie und das diese diese Seite hab ich der Ilana gebracht das war mein Geschenk für sie no und hier hat begonnen wieder einmal unsere große Freundschaft ja da na dann haben wir schon
[2:15:02] begonnen wieder zu fahren zu diesen Lesungen und so weiter das ist schon dann sehr schön gewesen leider ist sie nicht mehr da
[2:15:09] alle alle Freundinnen sind nicht mehr da nur die Selma ah auch nicht die Selma ich sag die Selma Meerbaum-Eisinger nur sie ist
[2:15:17] da weil sie ist in meiner Seele und in mir also also die die Geschi- die Gedichte die Gedichte und ich f- man fragt mich wieso bist du so lustig und so ich bin jung geblieben mit der Selma ich weiß nicht wie ich das erklären soll in der Früh steh ich auf
[2:15:34] und sag [schaut nach links auf ein Foto von Selma Meerbaum-Eisinger] »hallo Se- Selma ich bin wieder da« wi- wirklich sie lacht mich an und diese und diese Lieder auch bin ich den David Klein so so dankbar dass er so wunderschöne Lieder gemacht hat er sie
[2:15:48] vertont hat sind viele viele haben vertont aber mir kommt vor dass der David das wirklich geschaffen hat das ist das ist sehr sehr wichtig gewesen und und ich habe bei allen Konzerten hab ich mitgewirkt also womit habe ich mitgewirkt ich habe gesprochen
[2:16:04] ich habe über die Selma gelesen ich hab über die Selma äh ich meine über unsere Freundschaft über i- ich habe Gedichte vorgelesen also Kastanien und verschiedene so äh was ich dort geschrieben habe und so weiter das das ist das ist Selma ist jetzt
[2:16:20] alles für mich also nicht nur jetzt es ist die ganze Zeit so und jetzt hoffe ich ich hoffe das ist ein ein Projekt vom Professor Wiehn dass wir jetzt ein Büchlein herausgeben sollen Margit und Selma zusammen also wa- was wa- was wir für uns bedeutet
[2:16:40] haben und was wir sind und so weiter aber sie ist schon lange nicht mehr da aber sie ist da sie ist immer da [berührt]
[2:16:48] als du nach Israel gekommen bist hast du direkt in Tel Aviv ähm gelebt
[2:16:54] [gleichzeitig:] wa- ja das war auch ein Glück für mich weil äh ich bin gekommen also Mamas Schwester hat hier in dieser Wohnung gelebt in dieser wo ich jetzt wohne und lebe hat äh Mamas Schwester gewohnt und wir sind zu ihr gekommen aber wir wussten
[2:17:08] dass sie hat so eine kleine Wohnung zwei Zimmerchen und dass ich mit Mama und und mit ihr hier sein können sie hat einen Mann gehabt welcher gestorben ist und Anita mit ihrem mit ihren zwei Söhnen und mit ihren Mann hat meine Tante gemietet eine eine Wohnung
[2:17:27] wo sie jetzt auch wohnen und das äh das ist auch interessant diese Dame welche hatte diese Wohnung wollte nicht »nein« sagt sie »das ist von Russische will ich nicht ich will nur nein ich ich kann nicht vermieten« hat meine Tante Zu- meine Tante Susi
[2:17:43] gesagt »aber das sind doch von Czernowitz Leute« [lacht] und die waren auch aus Czernowitz »ah auf Czernowitz bitte schön bitte schön« und so hat sie dann also sind Anita und und und Moni und und Jany und Dany in diese Wohnung gekommen und sind bis heute
[2:17:58] nicht weg von dort wir woh- also vier Menschen vier mal hoch in einer kleinen einseinhalb Wo- Wo- einseinhalb Zimmerwohnung aber die haben sich so eingerichtet so die sie ha- lieb diese Wohnung und sie haben dann äh beschaffen eine eine Wohnung eine eigene
[2:18:17] Wohnung wo man ausgezahlt hat äh bis bis zum heutigen Tag hat man gezahlt und gezahlt aber jetzt wohnt jemand dort und hier dieses Geld wird genommen und man wird bezahlt für diese Wohnung so wird das gemacht [lacht] ja aber irgend war war noch ein
[2:18:33] Frage aber ich hab ich weiß nicht was was für eine Frage
[2:18:35] n- die Frage hast du gerad beantwortet ähm aber ich ge- würde gern noch etwas zu den Büchern ähm fragen weil du
[2:18:43] [gleichzeitig:] aha ja ja sicher das kommt doch hier [lacht]
[2:18:45] weil das ist ja erst losgegangen dann seitdem du in Israel ähm lebst und es sind jetzt zehn Bücher glaube ich mittlerweile die du
[2:18:52] [gleichzeitig:] ja also es war so
[2:18:54] rausgegeben hast oder geschrieben hast
[2:18:56] [gleichzeitig:] ja ja herausge- Professor Wiehn hat zehn Bücher herausgegeben
[2:18:58] mhm erzähl uns en bisschen was davon wie wie ist das los gegangen dann auf einmal ähm dass du angefangen hast zu schreiben
[2:19:06] also ich ich angefangen hab ich so ab hab ich in äh in äh in Tomsk ja in Tomsk hab ich angefangen weil äh ich hab mir die Hand gebrochen und konnte und äh es war mir sehr äh ich bin immer tätig und ich konnte und ich wusste nicht was mit mir anzufangen
[2:19:28] und meine Tocher die Anita hat gesagt »Mama schreibe schreibe etwas du kannst so gut le- äh erzählen schreibe es« ich »w- w- wie wie ist gut gesagt schreibe ich hab doch die rechte Hand gebrochen« sagt sie »na schreib mit der linken« also ich hab
[2:19:41] begonnen mit der linken zu schreiben weil weil in der in in der zehnten Klasse oder ja hab ich damals überspielt die Hand und damals hab ich auch die die letzten Prüfungen gemacht mit der mit der linken Hand also das waren schon viele Jahre aber ich hab
[2:19:56] geschrieben mit der li- mit der linken Hand die ersten Erzählungen in Russisch nicht in Deutsch in Russisch für meine Enkelkinder das war so wie babuschka raskasoweit die die Omama erzählt den Kindern Geschichten also hab ich über den Bären geschrieben
[2:20:11] über übers Eichhörnchen ich habe diese diese Erzählungen das sind sehr schöne Erzählungen i- über über den zopzebé über den Ochsen und über über über äh das Eichhörnchen hab ich gesagt über Z- äh ähm verschiedene Vögelchen und über die
[2:20:26] über die Eule eine Eule und ein Käu- Käuzchen also ich hab immer ü- über Tiere sehr lieb zu schreiben und sehr lieb gehabt zu schreiben und diese äh also wie ich hergekommen bin also hat die Ilana »Margit du hast so viel zu erzählen schreibe schreibe
[2:20:41] schreibe« und ich hab begonnen also in der »Stimme« die deutsche Zeitung hab ich immer ein ein ein äh Erzählung eine kleine die eingeschickt und der Herr Rudel das war der Chefredakteur äh Tutu Rudel Norbert Rudel und der hat das immer für schön
[2:20:58] gefunden für ein ein mit den h- mit den Reh eine Erzählung eine sehr schöne Erzählung über das Reh und wie es mich angeblickt hat und also solche solche Anfangs- äh Erzählungen waren und Professor Wiehn ist her zu den äh seinen Autoren gekommen er
[2:21:17] hatte hier einige Autoren und ich habe ihm auch eine »Stimme« geschickt oder einige »Stimmen« ich kann mich schon nicht erinnern wie und er hat ge- er hat mir geschrieben dass es ist hier ein Autorentreffen da und dass ich soll auch kommen es war eine
[2:21:30] ein äh ein Hotel hier an am Ufer von von am Meeresufer und ich bin gekommen und da so ha- schta- hat begonnen diese unsere Bekanntschaft nächsten Tag hat er mich eingeladen wieder ich soll kommen und ich hab gesagt »wieso ich ich kann nicht kommen ich
[2:21:48] hab ich hab die Fische nicht gekocht für für Ostern für die Pessach« [lacht] und die Anita ist ge- angekommen und sagt »stell dir vor so ein Pech der Professor Wiehn fährt schon übermorgen weg und er will mich morgen treffen und ich kann doch nicht
[2:22:01] ich hab so ne ganze Familie für alle hab ich gekocht« sagt die Ma- die Anita »ruf Mama an lass die Fische lass alles wir werden in der Nacht alles machen« aber m- und ich hab angerufen und es hat es hat geklappt und er den nächsten Tag hat er mich schon
[2:22:15] empfangen bei a- am Meeresufer und wir sind schon wieder in n- ins Hotel gegangen und haben dort begonnen schon zu sprechen und er hat ein Tapes hingestellt und ich hab gesprochen gesprochen und ihm erzählt und er hat mir immer so sch- Fragen Stichfragen
[2:22:28] gestellt Stichfragen und ich hab geantwortet Stichfragen sag ich »oh Herr Professor Wiehn aber ich hab so viel geredet schon zwei Stunden« sagt er »na das ist aber gut weil äh weil es ist ja der äh Anfang von einem Buch entstanden« [lacht] ja und sagte
[2:22:43] »ja« sag ich »ich bin froh dass ich Mensch geblieben bin nach diesen vielen Jahren bin ich ein Mensch geblieben glaube ich« sagt er »na das wird auch der Name sein vom ersten Buch ›Dennoch Mensch geblieben‹« so ist das ge- und immer ist so irgendwie
[2:22:57] äh bei der Rose Ausländer war es so dass das zweite Buch hab ich genannt hatten wir genannt »Nicht ins Nichts gespannt« weil äh weil sie hat gesch- geschrieben ein Ged- Gedicht »Ins Nichts gespannt« »Fäden ins Nichts gespannt« ha- hab ich ge- umgedreht
[2:23:13] und Professor Wiehn hat auch gesagt »Fäden ist nicht in ist nicht ins Nichts gespannt« »Nicht ins Nichts gespannt« weil diese Fäden sind immer schon ein ganzes Spinnengewebe geworden und und ein ein Gobelin und so weiter und so weiter so ist gewor- und
[2:23:27] von einem Buch ins andere ist so langsam gegangen al- zuerst war äh nicht ins ni- »Dennoch Mensch geblieben« dann »Nicht ins Nichts gespannt« dann war äh war dieses Buch äh na dieses dieses dieses Buch war ähm ah auch von der Selma Meer- Meerbaum-Eisinger
[2:23:47] ein ein ein äh [sucht] oh diese da da dieses dritte Bu- oh nein nein nein nein nein ist mir jetzt entfallen der Name ah wo ist es wo ist wo ist es wo ist es so was mich verirrt in meinen Büchern ha ! wo ist es [lacht] da die so geht es na das
[2:24:11] ist aber eine sch- Blamage
[2:24:14] ist nicht so schlimm
[2:24:17] nein aber wo sind meine Brillen wie aus ganz wie aus ga- wie aus andern we- [setzt ihre Brille auf] »Wie aus andern Welten« das ist das dritte Buch Gott sei Dank [lacht] »Wie aus andern Welten« dann kommt das das das vierte Buch ist ein ziemlich korpulentes
[2:24:35] Buch das ist das »Am östlichen Fenster« hier sind schon zwei ersten Bücher und dann geht es weiter dann kommt ein sehr von meiner Ansicht nach ein für mich ist es ein sehr wertvolles Buch weil ist es »Unverloren« und da sind schon sehr viele äh Verbindungen
[2:24:53] mit Selma sehr schön wo ich schon mit ge- mit be- ge- ähm äh mitgehalten habe bei den äh Konzerten für für Selma und so weiter hier sind schon meine Schriften über Selma und auch die äh die Gedenktafel für Selma und so weiter [blättert im Buch]
[2:25:12] und so weiter ja und dann nach nach »Unverloren« hier ist schon das Klavier in der äh in der in der Schule nach »Unverloren« kommt ein sehr wichtiges Buch [zeigt Buch] »Erinnerungswunde« der Name ah »Unverloren« ist auch von äh von Paul
[2:25:41] Celan genommen und das ist auch »Erinnerungswunde« das ist sehr sehr schön und das ist die ganze Familie unsere ga- von Mama und von Papa und das ist jeder Mensch ist beschrieben das Schicksal und das ist so es ist so rührend es ist so interessant
[2:25:59] jedes Schicksal und wenn man jetzt anschaut dieses Bild ist niemand mehr da nur der Otti mein Brüderchen und ich die Margit alle sind weg das ist unglaublich und von allen hab ich also hier sind die Großmütter und und de äh der Opapa und die Mama
[2:26:20] und der Papa und alle sind da hier und auch Freundinnen also das ist wirklich sehr schön ich hab ein großes Bild davon ja nach »Erinnerungswunde« kommt ein russisches Buch also das hab ich übersetzt »Iproschedscheje ne uchodit« also »das äh das
[2:26:38] Vergangene vergeht nicht« auch von Rose Ausländer sehr also das sind Übersetzungen auch von meinen Erzählungen dann kommt dann kommt dann kommt das ist auch ein ein sehr teures Büchlein was ist über meine Mama und Professor Wiehn hat mir immer
[2:26:58] gesagt »ich bin so glücklich dass ich deine Mama noch kennengelernt hab weil es ist eine ganz tolle Frau gewesen« das ist meine Mama und der Papa [zeigt Foto]
[2:27:09] [gleichzeitig:] deine Mutter ist dann auch noch mit nach Israel (gekommen)
[2:27:11] ja s- acht Jahre acht Jahre war sie noch hier ja also hier muss ich das noch zeigen das sind beide Kleider [zeigt Fotos] welche meine Mama gen- ge- gemeistert hat meine Freundinnen und hier sie meine Freundin und und sie und hier ist meine Mama früher
[2:27:31] das heißt äh wie sie war und und und hier ist sie noch mit uns wie wie jungen Kindern [lacht] Otti Otti und Margit ja ist schön ich wollte noch hier zeigen was hab ich hier gerade gesehen das bin ich ein kleines Mädel [lacht] und
[2:28:11] hier hier bin ich schon ein großes Mädel [lacht] das ist schon hier bin ich schon ein altes Mütterchen
[2:28:21] wann bist du das erste Mal wieder nach Czernowitz gereist
[2:28:24] [atmet tief] das erste ja das erste Mal bin ich in Czernowitz gewesen 2003 2004 äh 2004 haben wir gemacht die Gedenktafel für die Selma das war ein sehr sehr schöne Sache also n- das war so ein Folder und da man hat sehr viel daran gearbeitet weil
[2:28:47] man m- musste das Geld zusammen nehmen und so Helmut Kusdat und äh Peter Rychlo all s- diese Leute haben haben bei Menschen also in in der »Zwischenwelt« ka- Konstantin Kaiser das steht alles geschrieben also diese alle Leute haben mitgearbeitet und man
[2:29:02] hat eröffnet diese diese Gedenktafel welche aus Granit und Marmor ist und sehr schön die Aufschrift und ein ähm ein ähm Bildhauer Pawluk hat das sehr schön gemacht sehr gut wir haben sehr ähm wie soll sagen wir haben so Angst gehabt es soll nicht
[2:29:27] so herauskommen wie das wie das m- Denkmal von Paul Celan weil das Denkmal von Paul Celan in Czernowitz ist ein bisschen so nicht nicht so w- wie wie man möchte es haben a- aber für die Selma Meerbaum-Eisinger ist wunderbar das sehr schön das das die Gedenktafel
[2:29:45] ist wirklich eine eine ganz fantastische
[2:29:48] wie war denn das als du das erste Mal wieder nach Czernowitz gekommen bist
[2:29:53] ich bin schon mit b- mit mit Anita und mit Professor Wiehn
[2:29:58] nach siebzig Jahren nach sechzig Jahren ne
[2:30:01] [gleichzeitig:] ja ja ja ne sch- mehr mehr
[2:30:03] 41
[2:30:06] ja ja
[2:30:09] 2003
[2:30:12] ja ja ja zweitau- mehr hm [lacht] leicht zu zählen ja auf jeden Fall ich werd euch sagen einmal war ich dort einmal so [gestikuliert] wie soll ich sagen äh geheim äh geheim war ich dort einmal das war ein Freund von meinem Papa war dort
[2:30:34] bei der Goethegasse und er war auch ein Freund vom Elieser Steinbarg und die haben das so er- arrangiert dass ich ich bin irgendwo hingefahren und ich konnte dort untertauchen bei denen und ich und es war sogar ein äh ein Mann welcher gewohnt hat als in in
[2:30:51] in (arende) in in unserer Wohnung und er wollte mich er wollte mich äh wie soll ich sagen hinbringen ich soll sehen vielleicht ist noch das Klavier da vielleicht etwas aber es hat nicht geglückt weil äh weil diese diese Leute welche wo er gewohnt hat waren
[2:31:08] zu Hause und da konnte man mich nicht bringen und ich bin nicht lange gewesen einige Tage und ich hatte überhaupt kein wie soll ich sagen kein keine Freude von allem es war so ich war so gelähmt ich hab mir Angst gehabt und so weiter und so weiter aber
[2:31:24] dann im 2003 da bin ich schon auf meine Rechnung gekommen also der Sergij Osatschuk dieser Professor also er ist Germanist und er hat auch geschaut ich soll in die Wohnung hinein kommen im äh 2008 oder 2006 2008 war ich schon in der Wohnung und er hat
[2:31:46] schon kontaktiert mit der äh mit der Hausfrau welche Ukrainisch gesprochen hat und sie hat mich so schön empfangen sie hat so äh ich unglaublich sie war so nett und dann zu meinen Lesungen ist sie immer gekommen mit ihren Mann schon in Czernowitz und s-
[2:32:01] es war sehr sehr schön also ich muss sagen dass in meinen Leben hab ich immer alle Menschen welche ich getroffen habe ob es Russen waren ob es ob es waren Polen ob es waren Türken ob es waren ich weiß nicht was waren sie immer gut zu mir immer immer ich
[2:32:15] hab niemals schlechte Menschen getroffen oder oder ham sie sich ver- wie soll ich sagen haben sie haben sie nicht gezeigt das echte Gesicht ich weiß nicht aber ich war immer f- ich war immer gut zu zu den Menschen und die waren auch gut zu mir die
[2:32:28] ha- bevor ich bin weggef- weggegangen von von der äh Wohnung ich gewohnt habe mal in in der Goethegasse also Isi ist geblieben mit den mit den Sergij Osatschuk sitzen und ich bin überall herumgegangen ich wollte alles sehen wie wie es aussieht in der Wohnung
[2:32:45] Isi sagt »geh schau vielleicht ist etwas noch da von von da wa- was geblieben ist« und bin gegangen gegangen das einzige was ich gefunden habe und ich hab es so umarmt das waren die Öfen das war im Kinderzimmer der Ofen Kachelofen im Speisezimmer und
[2:33:04] i- im Schlafzimmer das waren diese Öfen die Anita hat dieses die äh auch der äh Helmut hat das gemacht auch bei der Lesung ich hab so umarmt diesen diesen Kachelofen ein rosa Ofen ein lila Ofen der weiße Ofen im im Speisezimmer das war das war so wie eine
[2:33:24] eine be- Beziehung wie eine lebende wie ein lebendes Wesen war das weil sonst war nichts mehr da ja das war sehr schön diese f- und immer haben die mir so also in Czernowitz in Czernowitz hab ich so viel Gutes ich meine alle diese diese ähm Plätze
[2:33:43] welche ich mal geliebt habe und habe ich alle wieder gesehen und ich habs alles es hat mich nie berührt dass kei- dass die Wohnung nicht da ist oder d- das hat mich nie berührt aber diese alle geheime Plätze die Sch- die Habsburgshöhe der Schillerpark
[2:33:59] das ist alle das war für mich das war für mich etwas ja e- war sehr sehr schön ja
[2:34:05] ich hab hier ein aber ich hab es nicht [sucht] wo ist es nein das nicht gib das ha- ich das wollt ich das hab ich gezeigt ah ähm ich hab ein einen Kalender
[2:34:19] also der der Osatschuk Sergij Osatschuk und äh der Helmut Kusdat die geben heraus jedes Jahr einen Kalender von Czernowitz und immer sind solche schöne Bauten und also ich hab verschiedene Kalender wunderschön machen die das wunderschön ja es ist nicht
[2:34:39] da hier na gut also von von der Selma sind jetzt sehr viele Bücher über die Selma es ist schon jetzt da ich bin schon sehr stolz das ist jetzt da schon das italienische auch auch eine Freundin von uns die Francesca Paolino und sie hat schon vor vielen
[2:34:57] Jahren hat sie schon gemacht Übersetzungen ins Italienische hatte aber nicht die die äh Vollmacht es in Italienisch herauszugeben weil es ähm siebzig Jahre musste es vergehen jetzt sind die siebzig Jahre vergangen und sie hat herausgegeben »Una Vita«
[2:35:12] heißt das Buch und es ist schon jetzt herausgekommen
[2:35:16] ja hast du uns gestern gezeigt das Buch da ist es ja
[2:35:20] [gleichzeitig:] ja ja ja oh da- das ist es das ist das ist es [zeigt Buch] und ich bin sehr stolz dass das ist schon auch es ist schon da in Jiddisch es ist da in Ukrainisch es ist da in ähm Englisch es ist da in Deutsch no in Deutsch ist selbstverständlich
[2:35:36] also auf jeden Fall ist es es rührt sich etwas ja jetzt wollte ich noch da ich bei ja das wollt ich noch auch sagen dass wir in Wien jetzt waren [sucht] wir waren in Wien und haben ei- über über über Czernowitz und über Sibirien gesprochen
[2:36:00] und Professor Gerald Stourzh hat eben in der in der Akademie in der Wiener Akademie Österreichische Akademie der Wissenschaft in der Sonnenfelsgasse das ist ein sehr schönes Bild das ist dort wo wir schon gelesen haben damals [zeigt Foto]
[2:36:20] das ist jetzt gerade gewesen ?
[2:36:23] [gleichzeitig:] ja ja ja vor das war im Jun- vor äh das war im Juni im Juni die äh 2012
[2:36:28] da sehen wir auch deine Tochter
[2:36:31] ja ja eben eben und sie und sie äh hat man auch ernannt als Chef- äh -lektorin weil sie immer immer mir hilft [lacht] mit den mit dem Computer und so weiter und so weiter immer hil- sie hat immer gute Ideen sehr gute Ideen die beste Idee hatte sie
[2:36:51] die beste Idee hatte sie mit den mit »Ein paar Worte zum Andenken« das muss ich auch zeigen unbedingt da sind nämlich solche eine Kladde das ist jetzt schon drei und nach der äh p- Präsentation von einen Buch o- oder nach einer Lesung ich lege es
[2:37:09] so hin und wer will ein paar Worte zum Andenken und da kommen solche schöne schönes Schr- Schrift die Schrift von von verschiedenen Leuten und das und was die denken und wa- was die vorhaben wunderbar das ist das f- kann man wirklich separat ein Buch herausgeben
[2:37:29] daf- davon das ist eine wunderschöne Sache ja jetzt wollte ich noch was wollte ich noch das hab ich nich gezeigt auch das hab ich alles ver- ver- ver- ver- [sucht etwas]
[2:37:40] vielleicht machen wir noch ne kleine Pause und dann kannst du noch mal das raussuchen
[2:37:44] [gleichzeitig:] ja un- ja ja ja gut gut das ist auch auch [Schnitt] also jetzt wollen wir ein bisschen fortsetzen und ich möchte jetzt über Cz- ich habe über Czernowitz ge- -redet [zeigt Fotos] über meine Geburtsstadt wo ich z- zwanzig
[2:38:06] Jahre lebte na 18 sagen wir 19 das ist Czernowitz dann dann kommt die schreckliche Zeit in Sibirien welche aber auch nicht ganz so schrecklich war weil sie immer auch gute gute Strahlen ausstrahlte au- gute gute hm äh gute angenehme Stunden bereite
[2:38:34] trotzdem trotzdem es Sibirien war und so kalt war und so frostig aber wir haben es auch gemeistert hats es und dann kommt noch jetzt ein schönes Bild das ist Israel Israel wo ich jetzt lebe mit meiner Tochter ihrer Familie ihren Moni Dany und Jany
[2:39:01] die auch schon jetzt Frauen haben das ist [lacht] das ist Dany und Jany klein groß hab ich ni- weiß ich nicht wo er ist [lacht] ja ja er ist da oh der Dany ist ja da aha das ist der Dany und das ist seine Olitschka [lacht] ja das ist der Dany
[2:39:29] und dort ist der Jany auch noch da ja ja das ist der Jany ja ja ja ja genau das ist der Jany so und hier also das n- das hab ich hier schon gezeigt ja das ist Israel jetzt wo ich jetzt lebe das sind schon wieder zwanzig Jahre und Konstanz
[2:39:57] wo meine alle Bücher die zehn Bücher herausgekommen sind bei Professor Wiehn Erhard Roy Wiehn und dar- darüber bin ich sehr stolz [lacht] so
[2:40:10] [gleichzeitig:] und diese Collagen hast du Dir mal selber gemacht ne
[2:40:13] ja ja ja ja das ist gena-
[2:40:15] [gleichzeitig:] eine hängt hier im Raum
[2:40:18] eine ist hier die Israel und Konstanz ja
[2:40:20] [gleichzeitig:] Israel
[2:40:22] also auf auf es waren hin hier nicht weit von uns hier wo die Post jetzt ist waren äh ist noch jetzt ein ein äh Mechaniker welcher ähm Fahrräder herstellt und und richtet und die Fahrräder waren in solche große Karton gewickelt hab ich diese Idee gehabt
[2:40:36] und geschleppt diesen Ka- Karton nach Hause ausgeschnitten und dort habe ich gemacht diese Collagen ja war sehr stolz darauf [lacht]
[2:40:44] mhm
[2:40:47] so und jetzt will ich noch etwas zeigen da das ist das ist in Russisch geschrieben »Pesni detjam« das sind »Lieder für t- Kinder« »v pomoschtsch musykalnych rabotnikov detsadov« das ist f- »zur Hilfe von äh äh Arbeiter welche de- de- Musik mus- Musikarbeiter
[2:41:07] Musi- Musikanten oder Musikarbeiter oder Pädagogen welche mit Kinder arbeiten kleinen Kindern« das ist »Tomsk 1979« herausgekommen und ich habe damals einen Kurs gehabt von solchen ähm Schülern also nicht Schüler sondern Musik äh prakti- Praktikanten
[2:41:28] und dieses [Störgeräusche] Buch habe ich herausgegeben mit Notenbuch das ist ein Notenbuch hier bin ich mit en Kindern wie ich arbeite man sieht ein bisschen näher ja hilf mir ein bisschen ja und hier hier beginnen schon die Noten »pesni« ja
[2:41:47] das ist noch alles mit der Hand geschrieben weil es war noch damals ga- nicht diese ah hier sind schon die all die Liederchen aber diese Lieder haben uns allen also zuerst haben sie mir geholfen und da- und dann haben sie auch allen allen Musik- Musik-
[2:42:02] ähm -Pädagogen geholfen und die waren sehr froh darüber es war einmal ein äh ein Ausstellung und äh alle diese Le- Leute welche bei mir gelernt haben haben bekommen so ein Buch
[2:42:15] ah ja
[2:42:17] ja so und jetzt ja das habe ich doch auch das ist da als drei Freunde also zwei Freunde der äh ähm der Doktor Osatschuk Sergij Osatschuk und der Helmut Kusdat aus Wien einer ist aus äh Osatschuk ist aus Czernowitz und der Helmut ist aus Ku- ist aus
[2:42:35] äh Wien und die geben jedes Jahr heraus einen wunderschönen Czernowitzer Kalender dieser Kalender ist schon äh zwa- 2012 ist schon 2013 nicht mehr da ? ja ist er da ?
[2:42:49] äh wir j- wie haben jetzt zweitau- ach so der Kalender nein das weiß ich jetzt nicht
[2:42:54] [gleichzeitig:] 200- nein nein ist noch nicht das ist der letzte wahrscheinlich ja
[2:42:57] ich weiß es nicht
[2:43:00] müss- na also das soll ich auch hier zeigen ? oder nicht na also das ist das Theater sehr schön also sind hier sehr sehr schöne Sachen da also die Residenz ist dort da verschiedene Sachen also ich glaube das ja hm Kladde [lacht]
[2:43:17] genau
[2:43:19] ja Kladde haben wir noch vergessen [leise] soll ich sagen das [flüsternd:] du
[2:43:25] ich soll was sagen ?
[2:43:27] [gleichzeitig:] ja ja ja das ist ein sehr ein sehr hm wichtiges Büchlein für mich und auch für uns alle weil meine Tochter hatte so eine Idee eine wunderbare Idee dass ich ein paar Worte zum Andenken also hinlege das ist auch in Iwrit geschrieben »Margit
[2:43:48] Bartfeld-Feller« und da schreibt jeder was äh jede bei bei einer Präsentation eines Buches oder einer Vorlesung schreibt seine Gedanken seine für eine Erinnerung und so weiter und das ist so fantastisch geworden diese vielen Schriften diese vielen ähm
[2:44:04] Gedanken diese vielen es ist so interessant es ist wirklich sehr interessant und es ist zu Ende gegangen und ich war gerade in in in einen in Jerusalem bei bei den Nonnen zwei zwei Schwestern vier Schwestern waren das welche hier leben in Jerusalem und
[2:44:24] für Israelis äh arbeiten also sie nehmen auf in diesem Haus zu acht Tage Leute aus Israel aber besonders aus Czernowitz und aus der Bukowina und und die sind so äh sie sind so ergeben sie ha- sie wohnen schon hier in Yis- in Jerusalem fünfzig Jahre sind
[2:44:44] aus Darmstadt und aber sie leben hier in in in Jersualem und das und haben mir sie haben gesehen das bei am Freitag Abend ist immer bei denen so ein äh wie soll ich sagen ein ein Versammlung und we- zum Beispiel ich war dort hab ich immer gelesen von meinen
[2:45:03] Büchern und es war sehr sehr schön Freitagabend war sehr schön mit Kerzen zünden und comme il faut wie wie wie es so z- zu sein hat und da haben sie gesehen dass dieses Büchlein zu Ende geht und zum Frühstück also beim Frühstück sind wir alle gesessen
[2:45:19] und da schau ich plötzlich bei mir bei meinen Sitz äh liegt schon e- ein neues Büchlein und die haben hier herein herein gegeben dieses neue Büchlein das ist wirklich ein fantastisch »Der Segen Gottes schütze dich wie ein Mantel« das ich war so
[2:45:37] gerührt ich ich konnt- ich konnte es gar nicht fassen »schütze dich wie einen Mantel der dich wärmt an eisigen Tagen wie ein Licht das dir den Weg erhellt in dunklen Zeiten wie den Mensch bei dem Du geborgen bist in di- in Deinem Leben« hier ist die Mami
[2:45:59] m- mit mir und hier weiter sind alle diese Schwestern die vier Schwestern und und so gute Wünsche das ist entzückend und die wissen dass ich hab äh ich he- ich habe immer sehr gern Blumen Blumen und äh Pflanzen und da haben sie alles so schön arrangiert
[2:46:20] ah mit Margareten [lacht] ja und das ist noch das das letzte Büchlein das ist voll schon fast voll ah und da sind und da sind schon hier wieder neu neu und das ist wieder das sind wieder äh äh wie hei- wie heißen nur solche solche äh
[2:46:49] Volontäre sind das welche auch nach I- nach Israel kommen
[2:46:51] mhm
[2:46:53] und äh und für für Israel sind und arbeiten und da ha- schreibt sie hier »ich habe heu- liebe Margit ich habe heute ich habe heute eine neue Freundin bekommen« wie schön das ist »ich habe heute eine neue Freundin bekommen Dich bei bei Gott
[2:47:14] haben alle Fäden einen Anfang und eine Ende ›Nichts ist nichts gespannt‹ [lacht] ein Titel Deiner Büchereien wir werden Dich wir werden Dich bleibend in unseren Herzen tragen Gottes Segen Adalia und Sch- und Familie und Ma- Miriam« na sehr schön
[2:47:34] wer ist das ah (topleppe) »sag sag es anders lern deine Zeit neu bemessen lern wieder zu träumen im Schlaf lerne erwachen mit Fäden aus Zei- aus Zwielicht web dir von neuem Stirne und Augen und Mund hier ist das Buch hier ist der Stab er weist den
[2:48:00] Weg durchs Blättergewühl führt in den Spätherbst da soll es beginnen wo einst die Schule begann mit dem Buch mit dem Stab ein kleines Zeichen mit einem großen Dank für den wunderschönen und wunderbaren Aufenthalt« sehr schön [seufzt] ah man
[2:48:24] man erinnert sich an diese an diese Treffen das ist so schön weißt du aber der Professor Wiehn sagt immer »was aufgeschrieben das ist nicht so schnell vergessen« das ist wahr ein Wort sagt man und es geht vorbei und erledigt und wenn es aufgeschrieben
[2:48:38] ist ist es wirklich für lange ist es da nicht wahr also wir machen Schluss heute ja [lacht]
[2:48:47] dann möchten wir dir herzlich für dieses Interview danken
[2:48:50] danke schön
[2:48:53] ja bitte schön wo ist der Sü-
| Datum | Ort | Text |
|---|---|---|
| ab 1923 | Czernowitz | Geburt |
| 1929 - 1939 | Czernowitz | Besuch der öffentlichen Schule und des Hoffmann-Lyzeums, Freundschaft mit Selma Meerbaum-Eisinger |
| 1939 - 1941 | Czernowitz | Besuch der jüdischen Schule |
| 1941 - 1941 | Krassnojarka | Verhaftung und Deportation nach Sibirien |
| 1941 - 1945 | Krassnojarka | Zwangsarbeit im Wald und als »Laufmädchen« |
| ab 1942 | Krassnojarka | Hungertod des Vaters |
| ab 1946 | Nowo-Wassjugan | Übersiedlung in das Gebiet von Nowo-Wassjugan |
| ab 1948 | Nowo-Wassjugan | Heirat mit Kurt Feller |
| ab 1954 | Nowo-Wassjugan | Geburt der Tochter Anita |
| 1955 - 1990 | Tomsk | Arbeit als Musiklehrerin in einem Kinderheim |
| ab 1979 | Tomsk | Tod des Ehemannes |
| 1996 - 2011 | Tel Aviv | Autorschaft von zehn autobiographischen Büchern |
| Tel Aviv | Auswanderung nach Israel gemeinsam mit Mutter, Tochter, Schwiegersohn und zwei Enkelkindern |
Im Schatten dieser behüteten Jugend überschlugen sich die politischen Entwicklungen in Europa: Im Juni 1940 besetzte die Rote Armee im Zuge des Ribbentrop-Molotow-Pakts auch die Bukowina. Fortan musste Margit Bartfeld-Feller eine jüdische Schule besuchen. Im Schutz der Klassengemeinschaft, der auch Selma Meerbaum-Eisinger angehörte, nahm sie die sich anbahnenden politischen Veränderungen nicht so stark wahr wie im öffentlichen Leben: Die Geschäfte wurden nationalisiert und die Geschäftsbesitzer enteignet. In den Pässen wurde die jüdische Religionszugehörigkeit vermerkt und gläubigen Juden wurde es erschwert, ihre Religion auszuleben. In der Folge bemühten sich immer mehr Menschen um eine Auswanderung. Kurz vor dem Angriff der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion im Juni 1941 begannen die russischen Besatzer, Menschen zu deportieren, die sie als Feinde des politischen Gesellschaftssystems einstuften, darunter auch zahlreiche jüdische Familien. In der Nacht zum 13. Juni 1941 wurde die Familie Bartfeld von russischen Geheimdienstlern und Soldaten geweckt. Man gab ihnen lediglich Zeit, um das Nötigste zusammenzupacken, bevor sie in einen Lastwagen verfrachtet wurden. Von dort aus ging es weiter bis zum Güterbahnhof, wo sie in Viehwaggons gepfercht wurden. Innerhalb der nächsten drei Tage wurden mehr und mehr Menschen – darunter etwa 4000 Juden – hinzugesperrt, bevor sich der Zug in Bewegung setzte. Ohne das Ziel zu kennen, verbrachten sie zwei Wochen ohne Sitzgelegenheiten, sanitäre Anlagen und nur mit unzureichender Verpflegung in den Waggons. Von Zeit zu Zeit hielt der Zug, um Wasser aufzunehmen. Bei einer dieser Gelegenheiten ermutigte ein russischer Soldat Margit Bartfeld-Feller in einem günstigen Moment zur Flucht, doch sie brachte es nicht fertig, ihre Familie allein zu lassen, so dass sie zu den Waggons zurückkehrte. Nach etwa zwei Wochen erreichten sie den sibirischen Ort Tscheremoschniki, von wo aus sie nach weiteren drei Wochen Haft weiter verschifft wurden.
Familienweise wurden die Häftlinge zur Zwangsarbeit an den Ufern des Flusses Wassjugan abgesetzt – die Familie Bartfeld wurde dem Dorf Krassnojarka zugeteilt. Auch die Familie ihres zukünftigen Ehemannes Kurt Feller, den sie während der Deportation kennenlernte, kam nach Krassnojarka. Die Familien kamen in einem ehemaligen Schulgebäude unter, wo sie auf engstem Raum leben mussten. Tagsüber mussten sie im Wald Brennmaterial für ein Heizkraftwerk sammeln und verfeuern. Eine Flucht erschien sinnlos, denn auch wenn sie nicht bewacht wurden, so war ein Weg durch die Wildnis Sibiriens unmöglich. Die Kälte und der Hunger raubten ihnen sämtliche Kräfte, so dass der Vater von Margit Bartfeld-Feller bereits im zweiten Jahr nach der Ankunft starb. Gemeinsam mit ihrem Bruder Ottmar zimmerte sie aus alten Brettern einen behelfsmäßigen Sarg, um ihren Vater bestatten zu können. Nach einiger Zeit wurden von den Sowjets alle Facharbeiter in den nächst größeren Ort Nowo-Wassjugan abgezogen. Dies betraf auch die Familie Feller, während die Familie Bartfeld zurückbleiben musste, denn die Mutter hatte angegeben, keine besondere Ausbildung zu haben.
1944 versuchte die Mutter zu fliehen, was misslang. Daraufhin kam auch sie nach Nowo-Wassjugan. In den folgenden Monaten gelang es Ottmar und Margit Bartfeld-Feller, die in der Zwischenzeit vom Verbleib ihrer Mutter erfahren hatten, sich auf eigene Faust nach Nowo-Wassjugan durchzuschlagen. Die Mutter musste künftig als Schneiderin arbeiten, während Margit Bartfeld-Feller ihr im Schneideratelier helfen und sich zusätzlich als Lauf-Mädchen betätigen musste. 1948 konnte sie Kurt Feller heiraten. In Nowo-Wassjugan kam Margit Bartfeld-Feller wieder mit Musik in Berührung. An einer Schule, an der sie als Wasserträgerin Arbeit verrichten musste, kam sie mit der Musiklehrerin in Kontakt, die sie als Pianistin und Chorleiterin einsetzte. Einige Zeit nach ihrer Hochzeit erkrankte Margit Bartfeld-Feller an einer Blinddarmentzündung. Bei einer Operation wurde ihr der Blinddarm jedoch nicht entfernt und die Bauchdecke wurde wieder geschlossen, was sie nach der Operation von einer jüdischen Krankenschwester erfuhr. Jahre später musste sie nach einer Mobilisierung als Holzflößerin arbeiten, als sich der Blinddarm erneut entzündete. In einer Notoperation gelang es, den Blinddarm zu entfernen.
Im Februar 1954 gebar sie ihre Tochter Anita, mit der sie vorerst in Nowo-Wassjugan blieb, während ihr Ehemann eine Genehmigung für ein Architekturstudium in Tomsk erhielt. Die äußeren Umstände verbesserten sich und zwei Jahre später konnte Margit Bartfeld-Feller ihrem Ehemann folgen. Fortan arbeitete sie als Musiklehrerin in einem Kinderheim.
Nach Zusammenbruch des Ostblocks konnte sie 1990 mit ihrer Familie – ihr Ehemann war bereits verstorben – nach Israel auswandern, wo sie viele alte Freunde aus Czernowitzer Zeiten wieder traf. Die schriftstellerische Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Geschichte bestimmte ihren Alltag in Israel ebenso sehr wie die Erinnerung an Czernowitz, welches sie nach mehr als siebzig Jahren erstmals wieder besuchen konnte.