Pavel Taussig (*24.11.1933, Pressburg)
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- Signatur
- 01159/sdje/0054
- Institut
- Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin
- Sprache
- deutsch
- Ort und Datum der Aufnahme
- Frankfurt am Main, den 27. Februar 2013
- Dauer
- 04:29:17
- Interviewter
- Pavel Taussig
- Interviewer
- Lennart Bohne , Daniel Baranowski
- Kamera, Licht und Ton
- Daniel Hübner
- Teilnehmer am Gespräch
- Martin Hölzl
- Redaktion
- Martin Hölzl
- Transkription
- Martin Hölzl
Als Pavel Taussig im Mai 1945 aus den katastrophalen Zuständen im Konzentrationslager Gunskirchen befreit wurde, war er erst elf Jahre alt. Er überlebte das Vernichtungslager Birkenau, Hunger, Krankheiten und mehrere Todesmärsche. Lange fiel es ihm schwer, über diese Erfahrung zu sprechen. Am 24. November 1933 in Pressburg geboren, wuchs Pavel Taussig in behüteten und wohlhabenden Verhältnissen auf. Als Schutzmaßnahme ließen ihn die Eltern taufen und verschwiegen ihm seine jüdische Herkunft. Mit der Bildung des von Deutschland abhängigen slowakischen Staates im März 1939 setzte eine gezielte Ausgrenzung und Verfolgung der jüdischen Bevölkerung ein. Erst jetzt erfuhr Pavel Taussig von seinen jüdischen Wurzeln. Im November 1944 wurde die Familie nach Auschwitz-Birkenau deportiert, Pavel Taussig verlor den Kontakt zu seinen Eltern, die er erst nach der Befreiung wiedersah. Durch die Haftbedingungen in verschiedenen Konzentrationslagern erkrankte er lebensbedrohlich an Tuberkulose, die erst nach einem langen Sanatoriumsaufenthalt 1945/46 geheilt wurde. Nach dem Studium arbeitete er in Pressburg als Redakteur einer satirischen Zeitschrift. Die politischen Umstände des »Prager Frühling« zwangen ihn und seine Ehefrau 1968 zur Auswanderung. Neue Heimat wurde für die Familie Frankfurt am Main. Hier arbeitete er als Redakteur der satirischen Zeitschriften »Pardon« und »Titanic«. Zum Zeitpunkt des Interviews war Pavel Taussig 79 Jahre alt.
Vorkontakte
Nach Vermittlung von Jan Faktor übliche Kontaktaufnahme. Einen Tag vor dem Interview fand das Vorgespräch in der Wohnung des Interviewten statt.
Bedingungen
Gute Bedingungen in der Wohnung des Interviewten.
Gruppensituation
zwei Interviewer, ein Kameramann, des Weiteren ist Martin Hölzl für das Interviewprojekt anwesend
Unterbrechungen
etwa sechs Unterbrechungen aufgrund von Bohrgeräuschen aus der Nachbarwohnung, Telefonklingeln, zum suchen von Dokumenten oder der Einhaltung ausgemachter Pausen
Protokoll
Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin
Eindrücke
Die verbindliche Art von Pavel Taussig ist auch im Interview deutlich zu erkennen. Er schildert seine Erlebnisse sehr genau und chronologisch, ohne den Eindruck zu erwecken, dass es wie »auswendig gelernt« daherkommt. Teilweise ist es schwierig Pavel Taussig mit Fragen zu unterbrechen und so auf Details zu sprechen zu kommen, da er seine Schilderungen sehr dicht erzählt und kaum Sprechpausen einlegt. Wenn es zu Fragen kommt geht er ausführlich auf diese ein - er hat genau die Ziele unseres Interviewprojekts verinnerlicht - und leitet danach übergangslos in seine weitere Erzählung über. Sehr bemerkenswert sind die Reflexionen über die eigene (religiöse) Identität.
[0:00] wir haben heute den 27sten Februar 2013 und sind in Frankfurt zu Gast bei Pavel Taussig mit dem wir heute ein Interview führen werden für das Projekt »Sprechen trotz allem« der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas das Interviewprojekt
[0:16] wird unterstützt von der Kulturstiftung des Bundes mein Name ist Lennart Bohne ich führe das Interview gemeinsam [räuspert sich] mit Daniel Baranowski Daniel Hübner ist für die Kamera zuständig und außerdem ist heute Martin Hölzl ein In- äh ein
[0:30] weiterer Mitarbeiter des Interviewprojekts anwesend [Schnitt]
[0:32] Herr Taussig vielleicht äh erzählen Sie uns zu Beginn ein bisschen was über Ihre Stadt in der Sie geboren wurden und über Ihre Eltern
[0:43] ich
[0:45] wurde in der Stadt Bratislava geboren die zuvor Pressburg bezugs- beziehungsweise Pozsony hieß es war eine ursprünglich deutsch-ungarische oder ungarisch-deutsche Stadt je nachdem nach dem Ersten Weltkrieg wurde sie der neu gegründeten Tschechoslowakei
[1:04] zugesprochen äh zu den äh Einwohnern kamen dann Slowaken und Tschechen dazu so auch mein Vater der aus Böhmen stammte und äh im Jahre dreißig Entschuldigung früher 24 nach Bratislava kam und dort eine Firma gründete die Brennholz Koks und Kohle verkaufte
[1:40] meine Mutter stammte aus der Slowakei um es genau zu sagen aus Oberungarn wie damals der Teil der Monarchie hieß und äh äh war zwanzig Jahre jünger als mein Vater sie lernten sich äh zufällig im Kaffeehaus kennen wo meine Mutter ihre Cousine begleitet
[2:07] hatte und äh sie passten zueinander und heirateten im Jahr dreißig äh der Vater verdiente gut äh war ein guter Sportler Skiläufer Eiskunstläufer Rollschuhläufer und äh es äh war wohl eine glückliche Ehe ich hab einen Beweis dafür wenn -s dann hoffentlich
[2:40] stimmt es so [zeigt ein Foto] war nicht nur eine Momentaufnahme die Dame hier ist meine Großmutter also die Mutter meiner Mutter und das ist der Vater war das Ganze geschah im Garten meiner Großmutter äh
[2:57] wie hießen Ihre Eltern ?
[3:00] bitte ?
[3:02] wie hießen Ihre Eltern ?
[3:04] äh mein Vater hieß Artur meine Mutter Jolan Jolana äh geborene Roth äh
[3:13]
[3:15] im Jahre 33 wurde ich geboren äh im November im Februar des Jahres übernahm Hitler die Macht in Deutschland und meine Eltern ließen mich nicht beschneiden sondern evangelisch
[3:31] taufen äh das war nicht so einfach wie es sich anhört äh sie wurden deswegen nicht von allen äh Leuten ihren Freunden verstanden es galt ja auch als Verrat an der jüdischen Religion aber sie haben es halt getan und später sind sie auch zum evangelischen
[3:56] zur evangelischen Religion mh sich also umgestiegen ham sich taufen lassen und das geschah dann im Februar 39 ich wusste allerdings nichts von meiner Herkunft äh oder von der Rasse zu der ich gehörte denn es gab keinen Grund es mir zu erzählen die Eltern
[4:24] waren nicht religiös und äh es wurden Weihnachten gefeiert und äh das war kein Thema wir hatten Freunde Nachhinein gesehen waren es eher jüdische Freunde aber es waren auch Deutsche darunter Alt-Pressburger also und äh tschechische Freunde ich hatte
[4:52] ein Kindermädchen so gut ging es uns wir hatten auch eine Köchin wir wohnten in einer schönen äh Wohnung am Donauufer mit der Sicht über die Donau auf -s rechte Ufer und äh ich äh war ein wohlerzogenes Kindchen in der Obhut einer äh eines Kinderfräuleins
[5:22] das Kinderfräulein stammte aus dem Sudetenland eine Deutsche ich wurde deutsch erzogen Deutsch war meine Muttersprache [hustet] die Eltern hatten miteinander untereinander Deutsch gesprochen weil der Vater zwar auch tschechische Schulen hatte und in der Firma
[5:43] Tschechisch sprach aber äh meine Mutter sprach wenn überhaupt dann in erster Reihe Ungarisch in zweiter Reihe Deutsch und erst dann Slowakisch also war es für die Eltern das Einfachste in Deutsch zu kommunizieren mit dem äh Kindermädchen sowieso nur
[6:06] Deutsch und mit der Köchin die Mutter Ungarisch äh das war eine Ungarin so verlief die Zeit bis äh 38 etwa die das war eine sehr schöne Zeit ich hab es nicht so gewürdigt wie sich -s gehört weil ich ja keinen Vergleich hatte ich dachte dass jedes Kind
[6:31] auf der Welt ein Kindermädchen Kinderfräulein hat und dass es einfach so überall läuft äh inzwischen hat sich die politische Lage verschlechtert äh Hitler hatte immer mehr Macht errungen und es gab ernsthafte Bestrebungen in der Slowakei einen selbstständigen
[6:58] Staat äh zu errichten wozu es dann tatsächlich am 14ten März 1939 kam äh zur selben Zeit Tag später marschierte die Wehrmacht in Prag ein besetzte also den Rest der Tschechoslowakei und äh daraus wurde dann das Protektorat Böhmen und Mähren eigentlich
[7:29] ein Teil des äh Großdeutschen Reiches die Verwandten meines Vaters lebten dort alle die am Leben waren der Vater war das jüngste Kind von acht Kindern also einige Geschwister sind eventuell damals schon gestorben aber der Rest mit Familien lebten lebte
[7:51] in Böhmen und Mähren die Familie meiner Mutter die sta- die war die jüngste von neun Kindern auch die lebten soweit sie noch am Leben waren also in der Slowakei die Großeltern beiderseits sind entweder schon vor meiner Geburt oder kurz vor 39 gestorben
[8:19] also das bezieht sich äh äh auf die Großmutter mütterlicherseits äh
[8:26] Sie Sie
[8:30] [gleichzeitig:] es
[8:32] Sie beschrieben grad dass Sie äh christlich getauft wurden und dass fortan dann auch in Ihrer Familie ähm Weihnachten gefeiert wurde nichtsdestotrotz hatten Sie ja auch ähm Verwandten die weiterhin jüdisch waren wie haben Sie rausgekriegt oder haben Sie
[8:46] überhaupt eine Ahnung gehabt dass Sie äh nicht christlich sind beziehungsweise dass Sie äh in eine jüdische Familie geboren wurden gab -s da -ne Art des Wissens ?
[8:56] nein äh die Verwandten wir verkehrten eigentlich mit Verwandten die in der Stadt wohnten ähm per Telefon oder sonst wie war es schwierig und machte man einfach nicht die Verwandten die in Bratislava wohnten waren alle auch zum Katholischen oder Evangelischen
[9:17] äh übergetreten und äh die Kinder also die in meinem Alter waren wussten es genauso wenig wie ich oder es war für sie nicht interessant äh als wir dann in die Schule mussten äh war für mich zwar ein bisschen erstaunlich dass äh ein Vetter und eine
[9:38] Cousine katholisch äh katholische Religion hatten während ich evangelisch war aber dass äh da hab ich ja nicht mal nachgefragt ich war nicht nur von zu Hause nicht aufgeklärt sondern im Gegenteil die Eltern hatten alles was nach jüdischer Herkunft äh
[10:00] klang äh von mir vor mir ferngehalten ich war nie im Leben im jüdischen Ghetto welches äh in Bratislava ein recht äh merkwürdiger O- Ortsteil war ich hatte nie ein jüdisches Wort zu Hause gehört ich wusste eigentlich über die Juden nur das was in den
[10:24] Zeitungen stand und das war ja immer ziemlich gehässig und das ging mir irgendwie hat mich überhaupt nicht interessiert denn war für mich eine völlig äh andere Art von Menschen mit denen ich wie ich dachte gar nichts zu tun hatte äh daher kam es mir
[10:46] [hustet] wesentlich später hier zum Beispiel äh in Deutschland sehr komisch vor dass die [hustet] dass die deutsche Sprache viele Termine aus dem Jüdischen aus dem Jiddischen übernommen hatte was hier gang und gäbe ist bei einigen Worten ist man sich
[11:07] dessen überhaupt nicht mehr ge- bewusst während es für mich ein Leu- Neuland war ich war da f- f- ich musste mich erkundigen was es denn was die Freunde da meinen wenn sie dies und jenes sagen [hustet] das hatte man vor mir verheimlicht um mich zu schützen
[11:26] und auch sich zu schützen denn ich hätte es ja selbstverständlich irgendwo unangebracht verwandt äh äh verwendet und da hätte man gleich gefragt ja wieso sprichst du da sagst du da sowas äh das die Taufe meiner Eltern war ein besonderer Glücksfall
[11:45] denn nicht so sehr die Taufe wie der Zeitpunkt sie wurden wie ich schon sagte im Februar neunundneun- äh 39 getauft und der Pfarrer hatte dann die ein Dok- ein wichtiges Dokument gefälscht und zwar meinen Taufschein da ist ja eine Kolumne äh die Religion
[12:12] der Eltern im Original stand israelitisch oder jüdisch oder wie man es damals bezeichnete er aber stellte eine neue äh Urkunde aus wo dann die Religion der Eltern evangelisch hieß das wissen wir stimmte nicht aber äh es war für mich ein wichtiges Dokument
[12:36] damit wurde ich an einer ganz normalen staatlichen Grundschule angenommen ich bin der Meinung dass man wusste äh was dahinter steckt aber als ich äh eingeschult wurde das war dann der Herbst 39 da war die profaschistische Regierung in der Slowakei erst ein
[13:02] halbes Jahr an der Macht die war noch nicht so stark äh um da in die Einzelheiten zu gehen die Lehrer waren zum Teil ja sogar tschechoslowakischer Einstellung und äh hatten mich halt in der Schule geduldet ich will nicht sagen dass ich da reibungslos mich
[13:27] äh entwickelt habe denn [räuspert sich] später hab ich dann eigentlich begriffen dass sie mich äh geduldet haben und [hustet] das war eigentlich eine recht blöde Situation denn ich wurde nicht so gefördert wie die anderen äh ich wurde nie nach was gefragt
[13:55] äh ich war ich war nur einer der vielen und oft geschah es dass ich irgendwo mitmachen wollte aber es ging nicht eine Geschichte es wurden Mitglieder für einen Kinderchor gesucht äh die Schüler haben vorgesungen und es wurde einem gleich gesagt ob er genommen
[14:20] wurde oder nicht ich wurde genommen und äh dann hieß es sie hören von uns also wenn es dann soweit ist werde ich in den Rundfunk eingeladen und äh in einem Schulchor singen und es kam keine Einladung und mich hat das nicht beunruhigt bis dann plötzlich
[14:39] ich hörte dass die Mitschüler schon lange irgendwo zur Proben gehen und äh oder schon singen und auftreten und dann dachte ich ja wieso hat man mich vergessen also äh ich kann nur vermuten dass dann ein Lehrer sagte den äh Rundfunk- äh -leuten »ja Mensch
[14:58] den nicht der ist nicht ganz sauber« ja das äh hatte ich äh nicht begriffen ich wusste ja nicht was der Grund war selbstverständlich hab ich mir dann die Schuld gegeben wie ja wem denn sonst ne des waren auch andere Vorkommnisse die ich für nichtig hielt
[15:18] aber meine Eltern überhaupt nicht einmal bin ich mit einer Mitschülerin aus der Schule gegangen als eine alte Frau mit einem Judenstern uns gegenüber kam und das Mädchen sagte »hach da geht deine Mutter« und ich war schrecklich sauer wie sie so was von
[15:40] meiner Mutter behaupten kann und hab sie geschubst und sie ist in den Graben gefallen und ich hab sie dort liegen lassen bin nach Hause und dieses dann stolz berichtet wie ich mich meiner Mutter angenommen habe und die war überhaupt nicht glücklich hat mich
[15:56] auch nicht gelobt hatte nur schreckliche Sorgen wie was mit dem Mädchen geschehen ist und ob sie nicht verletzt wurde und das schien mir irgendwie unpassend ich dachte ich war doch der Held ich hab die Ehre meiner Mutter gerettet aber der Vater hat dann genauso
[16:12] geschimpft ne es war dann noch ein Ereignis was ich auch nicht begriffen hatte also den Zorn meiner Eltern oder die Fu- die Furcht das nahm kein Ende äh es gab ein Krippenspiel welches in der Schulklasse aufgeführt wurde ich hatte einen Hirten spielen dürfen
[16:35] also alle waren alle durften mitspielen so kam ich auch zum Zuge und war sehr stolz darauf die Eltern mussten eine Einladung unterschreiben dass sie kommen und ich hab dummerweise den Termin verwechselt ich dachte es handelte sich um die Generalprobe es war
[16:57] aber schon die Vorstellung und die Eltern waren nicht da ich kam nach Hause und sagte »na ja Pech gehabt da habt ihr was versäumt das war schon die Vorstellung das werdet ihr nie wieder sehen« na ich dachte die nehmen es auf die leichte Schulter ach gab
[17:12] das ein Problem denn die Eltern meinten wie ich dann später begriffen hatte äh sie hatten versprochen zu kommen sie kamen aber nicht sie interessieren sich nicht um den Sohn aber zusätzlich es ist ja ein christliches Fest vielleicht stinkt es ihnen dass
[17:34] das Jesulein geboren wurde und wollten da nicht mitwirken und was es für Folgen haben wird das wird irgendwo gemeldet und weiß Gott was kommt das alles war schon zu einer Zeit wo es mit den Transporten los ging und äh man wusste ja nie was sich wie ändern
[17:56] wird äh
[17:58] es war so die Taufe der Eltern hatte die Familie vor dem Schlimmsten gerettet wer vor der äh vor dem Entstehen des slowakischen Staates also vor dem 14ten März 39 getauft wurde der bekam eine Sondergenehmigung und wurde nicht deportiert das heißt
[18:31] nicht dass man als Arier galt aber nur als Christ der dritten Klasse etwa äh ich hab mich Nachhinein äh überzeugen können dass alle Bewohner der Stadt die jüdischer Abstammung waren abgesehen davon ob sie nun äh getauft oder nicht getauft waren im äh
[18:57] während einer Statistik äh Bevölker- äh also Bevölker- b- Zahlen na
[19:06] Volkszählung oder so was
[19:09] [gleichzeitig:] Volkszählung ja äh die äh im Jahre vierzig durchgeführt wurde da ist unsere ganze Familie drin genannt mit äh also äh als Juden und das ist ein Beweis dafür dass man uns schon irgendwo evidiert hatte und es fehlte vielleicht noch an
[19:35] den Waggons aber wenn es dazu gekommen wäre wus- wüsste man wo man es wo man uns finden kann das wussten wir aber nicht dass es dieses gab das hab ich erst vor einigen Jahren erfahren äh der Unterschied äh zwischen den getauften und den jüdischen nicht
[20:00] getauften äh Bewohnern war der dass die jüdischen äh nicht getauften im Jahr 42 nach und nach über Sammellager in der Slowakei irgendwohin in den Osten gebracht worden sind Näheres wusste man nicht und nicht wieder kamen wir sind davon nicht betroffen
[20:28] worden mussten allerdings einiges auch mitmachen wir durften nicht in der Stadtmitte wohnen es wurden uns Teppiche genommen Rundfunkgeräte äh Fotoapparat äh äh Gewehre [hustet] Gewehr besaßen wir nicht aber [hustet] mir wurde ein Dolch aus Blech äh
[20:57] genommen ein Kinderspielzeug Pullover für die Wehrmacht äh warme Kleidung und Pelze Ähnliches wir mussten umziehen was dann insgesamt vier mal geschah äh der Vater wurde herabgestuft das heißt er war zwar nicht Inhaber der Firma aber ihr Leiter Direktor
[21:28] das durfte ein Jude nicht sein also hatte man die Firma wie es hieß arisiert ein Arisator ein Arier hatte das Geschäft übernommen er verstand aber nichts von der Branche er war Buchdrucker oder Verleger also durfte mein Vater auch weiterhin seine Arbeit
[21:52] verrichten nur in sein Zimmer kam noch ein zweiter Schreibtisch wo dann einmal in der Woche der Arisator kam um äh zu fragen wies geht aber mein Vater hatte ein Gehalt ein Bruchteil des Gehaltes das er vorher hatte das war vom Staat bestimmt äh die Juden
[22:13] durften über eine gewisse äh Zahl nicht mehr verdienen äh der Arisator war ich würde sagen nicht der Schlimmste er ließ den Vater in Ruhe wusste auch dass die Geschäfte weiterhin so laufen werden bis dahin wie bis dahin aber es kam ihm nie in den Sinn
[22:36] äh ihm heimlich äh eine Banknote zuzuschieben also er war für ihn einfach nur der Dumme der jetzt machen muss und er hatte die Kohle dann abgesackt also es war selbstverständlich unverschämt aber vom Staat auch so gewollt äh
[22:54] erinnern Sie sich an die an die unterschiedlichen Wohnungen in denen Sie gelebt haben ?
[23:00] selbstverständlich äh die erste blieb mir besonders schön in Erinnerung weil sie an der Donau lag und äh da hatte ich ein Kinderzimmer und die Eltern ihr Schlafzimmer und eine große Halla und ein Mädchen ein ein Zimmer für -s äh für die Köchin und
[23:20] ein Zimmer für -s Kindermädchen also riesig eine große Terasse äh Richtung Norden auf der im Winter das Eis wenn man sie befeuchtet hatte also äh konnte man eine Eisbahn machen und dort hat mir der Vater das äh Eislaufen beigebracht äh dat- dann erinnere
[23:43] ich mich das 38 das rechte Ufer der Donau das war eine Ortschaft die auch der Tschechoslowakei zugesprochen wurde also eine eigentlich österreichisch ein österreichisches Dorf welches äh 1918 zur Tschechoslowakei kam als rechter Brückenkopf äh zur zu
[24:07] Pressburg das war die einzige äh Stelle am rechten Ufer der Donau die äh der Tschechoslowakei zugesprochen wurde die hatte der Hitler damals auch zu Österreich wieder zurückgeführt und so konnte ich aus meinem Fenster über der Donau Hakenkrauz- -kreuzfahnen
[24:35] wehen sehen ohne zu wissen was es bedeutet aber die ängstlichen Blicke meiner Eltern schienen mir schon zu signalisieren dass es nichts Gutes ist äh es hieß sogar dass der Hitler diesen Ort besucht hatte also gegenüber dem Fenster stand aber ein großer
[24:50] Baum und unter dieser Linde wo schon Napoleon stand war auch der Hitler und hatte da irgendwas Großartiges verkündet er also auf -em Boden von der äh Altmark ne oder wie Österreich damals hieß äh aus dem Haus mussten wir raus weil das Haus gehörte der
[25:13] einer österreichischen Versicherung die dann zur deutschen Versicherung wurde und äh die das Haus wurde den Karpatendeutschen dass heißt den Deutschen die in der Slowakei lebten zugesprochen alle Parteien völlig unabhängig von der Religion mussten umziehen
[25:35] das geschah 39 wir sind dann in eine relativ äh schöne obwohl wesentlich kleinere Wohnung umgezogen schon ohne Köchin aber es ging noch das war am Rande der Innenstadt äh da muss da hatte die Wohnung das Haus gehörte einem Deutschen Pressburger also der
[26:03] bei meinem Vater Kunde war also er liefert- mein Vater lieferte für das Haus äh Brennmaterial und als er ihn fragte 39 ob er eine Wohnung für uns hatte hatte er uns diese gegeben na da aber die der Druck auf die äh Bevölkerung wuchs um die Juden aus der
[26:28] Stadt zu drängen hatten wir dann eine Kündigung von dem vermeintlichen Freund äh oder Kollegen des Vaters bekommen dass wir das Haus bitte räumen sollen äh das war irgendwie sehr peinlich äh denn er hatte es uns nicht mal irgendwie persönlich mit Entschuldigung
[26:52] gebracht sondern normal per Brief das hat die Eltern dann ziemlich beleidigt wir sind dann nochmal irgendwo provisorisch äh umgezogen dann wieder aus der Stadt raus in schon eine ziemlich erbärmliche Wohnung äh am Stadtrand da hatte man wiederum einen
[27:16] Judenstern an das Haus gemalt dann meinten die Eltern wir sollten irgendwie noch vorsichtiger sein und uns noch mehr verkriechen da wusste ich schon worum es geht und haben dann Unterschlupf gefunden am äußersten Stadtrand an der Peripherie sozusagen in
[27:36] in einem kleinen Häuschen wo äh wir ein Zimmer ein Zimmer hatten ohne Bad Klo und kleine Küche aber es war sah ganz vernünftig aus wir hatten die Wohn- die Möbel irgendwo bei Bekannten oder sonst verscherbelt es war wir schliefen da und äh es es ging
[28:05] ja irgendwie äh auch sind die Transporte 43 gestoppt worden und so war die Hoffnung da dass sie nicht wieder aufgenommen werden und nach Stalingrad ging ja die Front wieder zurück der Front und so schöpften die Eltern wieder Hoffnung aber das alles hab
[28:32] ich erst Nachhinein äh irgendwie richtig begriffen äh
[28:37] ich äh habe über meine Herkunft erfahren müssen als es ein weiterer Erlass gab der unter anderem das Spielen in auf öffentlichen Spielplätzen und P- in Parks verboten hatte und da ich damals äh
[28:59] nachmittags immer in einen nahe gelegenen Park äh ging wo auch ein Spielplatz war um mit Freunden zu spielen musste man mir sagen dass es demnächst nicht mehr erlaubt sein wird und äh die Eltern haben mich also sehr vorsichtig vorbereitet dass jetzt eine
[29:18] riesige ähm äh Neuheit für mich äh da kommt und ich dachte ja was kann es denn schon sein das wird wohl eigentlich kann es nur sein dass weder der Osterhase die Eier bringt oder das Jesulein äh das Christkindl die Geschenke ne also das wusste ich die
[29:40] Eltern wussten nicht dass ich es wusste und ich war schon froh wie ich dann sagen kann »ja alter Hut« aber das war überhaupt nicht so die fragten dann mit nach langem Räuspern und ach ich war mir schon irgendwie komisch ja ob ich denn wüsste was die Juden
[29:58] »ja« sagte ich »ja die muss man irgendwo wegbringen weil die ja da alles kaputtmachen uns Slowaken« da sagen die Eltern »na ja so ganz ist es nicht eigentlich denn wir sind ja eigentlich auch Juden« ja sagte ich »ha ha nö nö also ihr ja auch nicht
[30:15] ich ja auch nicht was soll -s ich geh ja in die evangelische Religion ne« »ja aber das wird anders gehandhabt und Oma Opa und äh ins dritte Glied« und das fand ich also unverschämt und mich ziemlich äh irgendwie ich fand das nicht fair äh weil es wurde
[30:36] mir ja beigebracht dass man nichts äh Schlimmes tun soll sonst wird man bestraft aber ich wurde ja bestraft für etwas was ich nicht getan hatte ja was geht mich irgendein Uronkel Abraham an ja also mussten die Eltern einerseits äh mir erklären dass es
[30:56] ähm dass keiner der Juden was dafür kann und dass die ganze Antijudenhetze reine Propaganda ist und erfunden und zum anderen dass ich dieses aber um Gotteshimmelswillen nirgendwo ausplaudern darf denn ich geh ja in eine normale Schule wo es die Mitschüler
[31:17] eventuell nicht wissen ich nehme an sie wussten es früher als ich aber das dafür hatte ich keine Beweise ne und so hab ich es sehr mühsam geschluckt und konnte dann zwar nachträglich einige äh Sorgen meiner Eltern besser verstehen wie mit dieser Krippengeschichte
[31:38] oder äh dem Schubsen meiner Mitschülerin aber äh das Leben wurde nicht leichter denn ich musste ja irgendwo mitspielen ich durfte nie äh mir versagen äh auf einen jüdischen Witz nicht zu lachen also jüdisch im Sinne antijüdisch oder irgendwie mich
[32:02] zu erkennen zu geben ich ich musste so tun als ich dieses nicht wüsste und das war eigentlich recht kompliziert so ging es bis zum Ende der vierten Klasse äh ich hab das alles irgendwie will nicht sagen gemeistert aber ich bin nicht durchgefallen immer
[32:28] bekam ich da irgendwie solche Noten die mich für die nächste Klasse noch äh durchschlüpfen ließen dann kam es zum weiteren Bruch aufgrund meiner Rasse und zwar
[32:43] [unterbricht:] Herr Taussig darf ich ganz kurz noch um in der Zeit zu bleiben beziehungsweise
[32:47] [gleichzeitig:] ja
[32:50] noch einmal zurückzuspringen ähm so wie Sie Ihre Eltern beschreiben haben die sehr viele Sachen sehr bewusst gemacht Ihre Taufe also Ihre Taufe
[32:56] ja
[32:59] dann die Taufe der Eltern selber ähm gab es vor 39 vor dem Einmarsch der Deutschen in Prag auch Überlegungen der Familie auszuwandern wegzugehen ?
[33:05] ja äh das hab ich auch erst später begriffen was es war äh die Mutter hatte gelernt äh Kunstblumen zu machen äh zu kreieren sie hatte ja sonst äh keine Ausbildung äh sie hatten einen Englischkurs belegt aber es ist nichts daraus geworden also der Vater
[33:34] war 45 das war keine gute Zeit um eine Fremdsprache zu lernen äh die Mutter hatte die ihre drei Sprachen als Kind gelernt aber aus Büchern zu lernen oder zu pauken war nicht ihre Sache also s- wenn sie auch vor mir etwas verheimlichen wollten und haben es
[33:58] auf Englisch gesagt äh hab ich es ge- verstanden weil es eher Deutsch war als Englisch und äh so äh weiß ich aber dass sie sich vorbereitet hatten auch äh wurde ein Versuch unternommen nach England zu emigrieren und zwar sind wir in der ersten Märzwoche
[34:23] 39 also da bestand die Republik noch nach Prag gereist um dort äh im englischen äh Konsulat oder äh also der Vertretung äh die Pässe abzuholen aber bis es dazu kam äh waren die Deutschen einmarschiert und als die Eltern in der Botschaft klingelten war
[34:49] äh waren die am Packen und äh es wurde nichts draus ich erkläre es mir so dass sie zwar den Antrag gestellt haben man brauchte aber einen Bü- der sich verbürgt und entweder hatten die ihn überhaupt nicht gefunden oder zu spät und daher sitz- sind wir
[35:12] sitzen geblieben nachträglich hab ich erfahren dass auch die Schwester meiner der Familie äh der Schwe- meiner Tante mit den beiden äh mit den Neffen und der Cousine ähnlich äh verfahren sind und zwar hatten die sogar die Möbel schon nach England geschickt
[35:31] und dann ist die Ausreise nicht bewilligt geworden die Möbel wurden dann in London v- verbombt zerbombt und [lacht] und sind sie sie in Bratislava stecken geblieben äh ku- wo ich wieder zurück in der Erzählung wieder zurückgesprungen bin möchte ich noch
[35:50] erwähnen wie es mit meiner Sprache war ich hatte ein deutsches Kindermädchen so dass ich ausschließlich Deutsch sprach äh die äh Planung m- meines Lebens seitens der Eltern sah so aus die wollten mich äh auf eine deutsche Schule schicken auf ein deutsches
[36:15] Gymnasium das war ja alles vorhanden das die Schulen gab es in Bratislava ohne äh Unterbrechung so wie zuvor im im in der Monarchie und äh dann wollten sie mich äh auf eine Hote- Hotelschule nach äh in die Schweiz schicken in der Annahme dass es mir so
[36:34] passt zu mir passen würde und dass es auch ein guter Job wäre als dann äh die Nazifizierung oder halt der der äh Hitler äh die Hitlerphilosophie in die Slowakei ranrückte von den Slowaken eifrig übernommen äh war es klar dass äh die deutsche Schule
[37:06] auch zur Hitlerschule sein wird also die Deutschen bekannten sich in äh Mehr- in der Mehrzahl die altansässigen Deutschen mein ich äh zum zu Bürgern des Großdeutschen Reiches es gab eine Pro- Parole äh »lieber Hitler bring mach uns frei von der Tschechoslowakei«
[37:29] äh die wollten dass der Hitler auch Pressburg noch einschließt so wie das rechte Ufer der Donau das ist nicht gelungen da so weit wollte der Hitler nicht gehen er wollte ja den äh Freunden slowakischen äh äh Nazifreunden eine Republik mit einer einzigen
[37:52] größeren Stadt äh schenken also blieb Bratislava zwar äh im ein Teil der neuen Slowakei aber die Deutschen hatten dann mehr Sagen weil sie ja die Rückendeckung aus äh Hitlers Deutschland hatten äh es war also kaum auf- anzunehmen oder auch nicht der
[38:17] Wille mich in eine deutsche Schule zu schicken das war einfach ausgeschlossen ich musste aber schnellst Slowakisch lernen denn äh ich konnt es nicht also hatte man die äh Deutsche nach Hause geschickt mein Kindermädchen und eine Tschechin wurde engagiert
[38:42] ich weiß bis heute nicht ob die Eltern den Unterschied zwischen Tschechisch und Slowakisch nicht kannten und nicht wussten dass mir mit Tschechisch nicht viel geholfen wird in der Grundschule aber oder es gab kein slowakisches Kindermädchen kann auch sein
[38:52] auf jeden Fall äh konnte das tschechische Kindermädchen kein Deutsch war ich also war ich gezwungen im Eiltempo Crashkurs äh Tschechisch zu lernen was während eines Sommerurlaubes geschah so ging ich in dann in die slowakische Schule wo ich dann endlich
[39:13] zum ersten Mal mit Slowaken zu tun hatte ich äh k- kam mir da ein bisschen komisch vor die sprachen zwar ähnlich wie ich aber es war doch ein wenig anders aber aber na gut also mit der Zeit hab ich mich dran gewöhnt und hab -s dann äh eigentlich äh in
[39:32] einem Jahr schon nachgeholt das war so ein Sprung in die Vergangenheit äh ich bin bei der vierten Klasse stehengeblieben und
[39:42] [unterbricht:] ich hab noch darf ich noch eine Frage
[39:45] ja klar
[39:47] ähm äh stellen ich weiß nicht ob Sie sich daran erinnern können weil das ja jetzt um ne Zeit geht wo Sie neun oder zehn Jahre ähm alt sind aber ähm in der Zwischenzeit war ja der Krieg ausgebrochen auch haben sie da da -ne Erinnerung dran ob in der Familie
[39:59] darüber gesprochen wurde ?
[40:02] ja äh und zwar äh nicht am Anfang ich bin mir nicht bewusst dass der Feldzug gegen Polen wann und dieses nein dass äh da hatte ich wohl andere Sorgen das war ja Anfang September da wurde ich eingeschult nein davon wusste ich nichts äh später dann als
[40:25] äh es sagen wir schon so äh zum äh Kampf um Stalingrad ging da hatten wir Bekannte die er war zwar Arzt aber jüdisch durfte nicht praktizieren äh die Frau war äh Arierin hatte ein einen Papierladen äh Schulbedarf und äh er war der Verkäufer und nutzte
[40:55] es dazu auf einer Karte Europas die da an der Wand hang als Verkaufartikel äh zu zeigen wo wie sich die Fronten bewegen und ich äh bin äh gelegentlich mit dem Vater hin um Schulhefte zu kaufen und da wurde gleich ein kleiner Vortrag gehalten wo die Stellungen
[41:18] sich verändert hatten also so weit war ich im Bilde auch hat mich der Vater gelegentlich zu Bekannten genommen äh Christen die einen ein Rundfunkgerät hatten wir durften ja keins haben und da wurde dann äh äh London ge- gehört äh das wurde zwar gestört
[41:42] aber zwischen hindurch kam was mit und mich hat es nicht so beg- bes- besonders begeistert den Vater aber wesentlich mehr und hat mir dann auch erklärt warum und weshalb und was der Grund der Sache ist und die große Gegenüberstellung der beiden Lager äh
[42:03] es ergaben sich noch äh mir ist noch eine Geschichte zwei Geschichten eingefallen aus dem äh Zeitraum wo ich noch nicht wusste wie es mit uns steht und zwar einmal hatte der Vater eine Vorladung aus dem Polizeipräsidium erhalten ein Umschlag mit äh einem
[42:29] äh vervielfältigten Brief er soll sich doch an einem gewissen Tag zu einer Stunde im Polizeipräsidium einfinden die Mutter hatte den Umschlag geöffnet um es eventuell dem Vater telefonisch ne telefonisch ging nicht wir hatten ja kein Telefon na halt zu
[42:53] erfahren was drinsteht und ich hab den Umschlag gleich kassiert und um die Briefmarken abzu- äh- kleben im Wasser dadurch wurde der Umschlag unbrauchbar die Briefmarken aber blieben ich hatte die damals gesammelt und den Umschlag hab ich weggeworfen es kam
[43:13] der Vater nach Hause hatte den Brief gelesen und da stand der war vervielfältigt es war keine Adresse drauf die war au- nur auf -em Umschlag die wollten -s die waren zu faul es zwei mal zu schreiben ja und als Beleg wer man ist musste man auch den Umschlag
[43:39] mitbringen der den gab es aber nicht auch im Müll nicht weil er ja äh zerfallen ist im Wasser »ach wieso wie konntest du nur« »na ja Entschuldigung« »ach das reicht nicht« und ich wusste nicht na ja mein Gott dann ist der Umschlag nicht da er war ja
[43:49] wertlos die Briefmarken hab ich ja ne also ich hab den Zusammenhang nicht verstanden aber die Eltern waren besorgt dass der Vater sich äh nicht ausweisen kann also der Vat- man hätte es schon erfahren können bei gutem Willen aber er hatte sich nicht so
[44:12] verhalten wie verlangt er hatte die Vorschrift nicht geachtet also wird man ihn einsperren oder irgendwohin in S- nach Sibirien oder wohin auch immer schicken ja das war also grauenvoll äh die diese Vorwürfe die ich damals nicht verstehen konnte und dann
[44:28] geschah noch etwas da war ein Schulfreund ein christliches Kind äh bei mir zu Hause um ein bisschen zu spielen nach Schulende er wohnte in der Nähe und da kam ein Trupp der slowakischen mh äh äh bewaffneten Milizen die hießen Hlinka-Garde Hlinka-Gardisten
[44:53] und hatten wieder ein Verzeichnis der Gegenstände die wir nicht besitzen durften was Neues kam wieder dazu ja da wurde ein Teppich genommen und irgendetwas was wieder auf einem neuen Verzeichnis stand sie waren wie die Eroberer wir duckten uns mit der Mutter
[45:18] ließen sie walten wir wollten ja nicht eine auf den Schädel kriegen nur der Junge war kaum zu bändigen und der war ziemlich aufgewühlt und die sind dann gegangen nachdem sie das Zeug mitgeschleppt haben und wir blieben da und der war völlig kopflos und
[45:35] »das ist ja unverschämt das waren ja Diebe was was soll das bedeuten ?« da war ich schon aufgeklärt denn ich versuchte ihn zu besänftigen konnte aber nicht sagen was der Grund der Sache war ja also das hieß dann das betrifft nur uns das ist so eine alte
[45:53] Geschichte das wir- würdest du nicht verstehen er war aber ziemlich besorgt dass die jetzt vielleicht auch zu ihm kommen und seine Geige wegnehmen und wir wussten genau dass es nicht geschehen wird aber wie sagt man es dem Kinde ja also wir mussten es irgendwie
[46:13] hinkriegen »ja keine Sorge das war nur auf diese Straße begrenzt« oder irgend so en Blödsinn erzählt das waren so meine Erinnerungen aus aus dieser Zeit
[46:26] äh vorher nachher aber da wohnten wir noch äh in der Stadt und als dann diese vierte Klasse zu Ende
[46:37] war äh konnten Kinder entscheiden ob sie aufs Gymnasium wollen aus der vierten Klasse oder noch die fünfte machen wollen alle meine Mitschüler wollten aus der vierten Klasse auf -s Gymnasium mich hat man nicht mal gefragt denn fürs Gymnasium war mein Taufschein
[46:59] nicht gut genug also ich musste ob ich nun wollte oder nicht die fünfte Klasse absolvieren die es aber äh in der Schule nicht mehr gab weil die aufgelöst wurde ich war der einzige der blieb äh so mussten mir die Eltern eine neue Schule suchen äh dass
[47:20] äh war dann eigentlich ein Glücksfall für mich das war ein evangelische äh die wo der Lehrer ein sehr anständiger gutmütiger Herr war der selbstverständlich alles von mir wusste aber ich wurde trotzdem so behandelt wie alle anderen auch und es war eigentlich
[47:42] ein sehr schönes Jahr äh in der Grundschule ich hatte sogar den Nikolaus gespielt am im Dezember mit einem Mitschüler der den Teufel spielte und wir sind zur aus einer Klasse zur anderen und haben da die Kinder beschert und beschimpft je nachdem wie es
[48:02] uns der Lehrer zugeflüstert hatte also da war ich ein vollständiges Mitglied dieser Schulklasse auch die Kinder waren alle lieb zu mir und äh das war einfach schön äh das war zu Ende ich glaube Ende Mai denn äh statt Ende Juni das Schuljahr 44 weil die
[48:28] Stadt bombardiert wurde und man wollte äh die Schulkinder aus dem Blickwinkel der Bomber ziehen also sie womöglichst nicht in die Stadt das Stadtinnere äh in die Schule rufen und äh so waren wir ab Ende Mai so weit frei wir dachten jetzt dürfte alles
[48:58] so bleiben so laufen wie es ist äh es sei denn im Zusammenhang mit dem Front- mit der mit der Rückkehr der Front könnte es noch zu irgendwelchen Wutausbrüchen der Einheimischen oder der Deutschen kommen aber äh die Transporte in die äh KZs liefen nicht
[49:25] mehr davon hatte ich keine Ahnung muss ich sagen und äh dass es eigentlich so gut wie überstanden ist ja dachten wir aber vorsichtshalber sind wir in ein Dorf gezogen äh das nannte man Evakuieren das war keine jüdische Spezialität das hatten auch viele
[49:51] Familien christlicher Art also getan weil es die Wahrscheinlichkeit dass ein Dorf äh weit weg von der Industrie bombardiert äh würde war wesentlich geringer als in einer Großstadt mit äh Benzin- äh und ähnlichen äh Fabriken äh wir sind also im Juni
[50:23] in ein Dorf unweit äh von Piešt'any gezogen das lag etwa hundert Kilometer von Bratislava entfernt zusammen mit der Schwester meiner Mutter ihrer Tochter dem Ehemann der Tochter und dem Sohn äh sind wir haben wir ein neu gebautes Bauernhof Bauernhaus gemietet
[50:43] äh die Männer also der Vater und der Mann meiner Cousine äh sind zuerst noch in Bratislava geblieben haben weiter gearbeitet kamen dann aber später nach zuerst kamen sie immer nur am Wochenende per Zug und äh schließlich äh eines Tages sind sie dort
[51:06] geblieben äh weil es doch ein bisschen äh gefährlich wurde in der Mittelslowakei ist nämlich ein Aufstand aufgebrochen gegen die Pro-Nazigeri- äh -regierung von äh Staatspräsident Tiso das war zum Teil waren es Soldaten der slowakischen Armee zum
[51:34] Teil Partisanen zum Teil Häftlinge aus äh äh Arbeitslagern die auf dem Gebiet dieser Aufständischen befreit worden sind und dann auch zu den Aufständischen dazu kamen und von der Bevölkerung die sich erhoben hatte gegen die äh faschistische Herrschaft
[52:00] äh das äh da wurde lange gemunkelt dass so was losgeht äh dann kam es dazu das hatte die Welt erfahren weil auch eine Rundfunkstation in Banská Bystrica äh in die Hände der Aufständischen gefallen ist und die hatten da darüber berichtet das war plötzlich
[52:27] der freie Sender die Eltern überlegten auf das Gebiet äh dieser befreiten Zone äh zu flüchten aber das gelang nicht äh weil es ja äh mit Todesstrafe bestraft wurde einen Juden zu beherbergen aus der Sicht der offiziellen slowakischen Regierung wir waren
[52:53] ja soweit noch geschützt aber wenn wir uns anderswo hätten äh verstecken wollen wäre es dann schon verdächtig gewesen wieso uns als Evakuierten aus der Stadt nicht reicht in einer relativ ruhigen Gegend weiter zu wohnen warum wollen wir noch zu den Partisanen
[53:15] also das wäre da hätten wir etwas Schutz verloren und es wollte uns auch keiner nehmen also es konnte die Eltern waren nicht in der Lage irgendwas äh auszukundschaften wir sind also sitzen geblieben in der Hoffnung dass es ja irgendwie gut sein wird gut
[53:32] verlaufen wird äh
[53:35] Sie haben grad geschildert dass ja Ihre Eltern oder das Ziel Ihrer Eltern war möglichst unauffällig zu leben wie war es nach dem Umzug in das Dorf kam es zu einem gesellschaftlichen Familienleben oder
[53:46] [gleichzeitig:] äh
[53:48] was hat sich geändert
[53:51] nein das war dann ein Haus äh wo die zwei Familien äh eigentlich ihre Zimmer hatten eine Küche war da und es war ein Hof da das Ganze wurde äh durch eine Mauer abgeschirmt alle Häuser an an der auf der Straße wurden so gebaut äh die Mutter die Frauen
[54:13] sind eigentlich nicht aus dem Haus gegangen die blieben da also sie hatten Luft zum Atmen also der Hof war relativ groß und äh das Kleinkind also der Sohn meiner Cousine war damals ein Jahr eineinhalb Jahr alt war im Kinderwagen da im auf -em Hof es gab
[54:36] äh eine ein Mädchen 18-jähriges die was dazu verdienen wollte eine aus dem Dorf und die hatte uns Lebensmittel eingekauft gebracht man äh wusste von uns nicht sehr viel man hat uns zur Kenntnis genommen wir hatten keinen Kontakt zu der einheimischen Bevölkerung
[54:57] nur durch dieses Mädchen und äh dann gab es noch ich muss auch erwähnen es war nicht äh ein ein ein für uns völlig eine unbekannte Bege- ähm Umgebung denn im Nachbardorf wohnten wohnte meine Familie zwei Vetter wesentlich älter als ich selbstverständlich
[55:20] auch jüdischer Abstammung aber sie hatten es äh erfolgreich seit mehreren Jahren verheimlicht zum katholischen Glauben übergetreten aber wesentlich früher als unsere Familie und galten da als katholisch hatten den dem Pfarrer geholfen waren in der äh
[55:43] Kirche tätig und hatten es eigentlich äh gut geschafft da unauffällig zu s- zu überleben sie hatten uns dieses Haus da für uns gemietet also uns da hingelotst und ich äh bin bei ihnen geblieben da sie der Meinung waren wenn es jemanden treffen sollte
[56:14] also wenn die Eltern verhaftet werden sollten im Zusammenhang mit diesem Aufstand wäre ich doch aus -em Schneider weil ich anderswo wäre äh das äh ich wurde unter einem ein wenig veränderten Namen äh als Schulkind in der sechsten Klasse der Dorfschule
[56:39] eingeschrieben also äh da gab es insgesamt zwei Klassen für die bis äh ne eine Klasse für alle äh und ich war in der sechsten man hat mich auch katholisch gemeldet denn das Dorf war katholisch und evangelisch zu sein war fast so schlimm wie jüdisch das
[57:00] jüdisch das wussten sie ja überhaupt nicht die Mitschüler aber hätte ich mich da als Evangele gezeigt wäre es völlig äh f- also für die unvorstellbar das ja
[57:13] [unterbricht:] (wie war das) wie war das für den Elfjährigen war das also dieser Umzug auf -s Land dann erstmals war das verwirrend war das aufregend ?
[57:21] ach das war eigentlich äh recht angenehm muss ich sagen äh weil ich war die ich wohnte mit dem Sohn der Köchin in einem Kämmerchen der Sohn sammelte Liebesromane und äh äh Cowboyromane also äh diese Kitschausgaben s- Hefte die ich dann lesen konnte
[57:49] hab mich sehr gebildet es war eine freundliche Umgebung die äh Kinder in der Schule waren eigentlich gut wir hatten Spaß äh ich war äh vier Tage in der Woche dort und bin dann immer am Samstag nachmittags vormittags gab vielleicht noch Schule und dann
[58:13] bin ich in das Nachbardorf ich konnte auch zu Fuß oder man hat mich mitgenommen i- da gab es nun Verkehr immer irgendwie Kutsche oder etwas so dass ich dann während äh des Wochenendes bei den Eltern war und ich es war nicht unangenehm muss ich sagen war
[58:30] ganz lustig äh und äh ich wusste ja nicht was inzwischen politisch geschah da der Aufstand mit den einheimischen Soldaten nicht mehr zu bekämpfen war hatte sich die Regierung um Bitte äh äh mit Bitte an Hitler gewandt äh seine Truppen zu schicken um
[58:54] den Aufstand zu unterdrücken das hat er auch prompt gemacht es kamen zwei SS-Divisionen und äh hatten in zwei Monaten diesen Aufstand ausgelöscht äh bei der Gelegenheit auch einige Dörfer äh geplündert und die Bevölkerung erschossen äh weil sie Partisanen
[59:18] versteckt hatten und ähnlich und wir saßen in dem äh Westteil der Slowakei der nie mit denen was zu tun hatte aber äh die Folge dieses Kampfes war dass alle bis dahin gültige Ausweise äh der Juden die sie einigermaßen vor der Deportation geschützt
[59:44] hatten bis dahin ihre Gültigkeit verloren hatten also war wir waren wir jetzt an der Reihe das wusste man aber wollte es nicht so richtig zur Kenntnis nehmen und wie schon vorher gesagt also ergab sich auch keine Möglichkeit [hustet] irgendwas zu unternehmen
[1:00:05] und auf das Gebiet der Partisanen zu flüchten hätte auch nichts genutzt weil die Deutschen hätten uns da sowieso äh erreicht so war die Lage eigentlich bis zum Tag unserer Verhaftung jetzt wäre es vielleicht Zeit für eine Pause wenn [Schnitt]
[1:00:26] wir haben uns in der Pause darauf geeinigt dass Sie uns noch ein paar Fotos zeigen aus Ihrer Kindheit
[1:00:33] wie das Schicksal so spielt ich hab da welche [lacht; zeigt Fotos] also ich hab da ein schönes Foto meiner Mutter mit mir ich bin das Wickelkind äh das muss nachdem ich aus der Entbindungsstation nach Hause gekommen bin äh weiter bin ich da im Alter
[1:00:59] von einem Jahr schätz ich mit meinem Vater in einem Garten
[1:01:06] ist das ein ein öffentlicher Park oder ist das bei Ihnen ?
[1:01:19] [gleichzeitig:] nein das war bei Bekannten dieses Bild liebe ich besonders das zeigt wie gut es mir ging denn ich hatte eine ganze Tafel Schokolade zur Verfügung das Foto hatte ich vielleicht als einziges in Erinnerung während der Kriegszeit und auch danach
[1:01:30] denn Schokolade war Mangelware lange Zeit noch das ist ein offizielles Foto von einem Schulfotografen da war ich in der dritten Klasse mit meinem Schulnachbarn
[1:01:46] Sie sind ?
[1:01:49] [auf das Foto zeigend] ich bin dieser da äh dieses schlechte Foto ist mit meinen Eltern muss so etwa vierzig 41 gewesen sein w- das war ein Spaziergang mit äh Bekannten da war alles noch äh relativ in Ordnung die Eltern waren noch schick angezogen und
[1:02:16] das war dann äh auf dem Bauernhof äh am Dorf äh im Dorf äh einige Tage vor der Verhaftung muss also äh im Oktober 44 gewesen sein da war ich noch nicht elf
[1:02:34] ich weiß nicht ob Sie es schon gesagt haben wie wie der Name des Dorfes äh war ?
[1:02:39] [gleichzeitig:] ja das Dorf hieß Brunovce es äh liegt äh etwa 15 Kilometer von dem Badekurort Piešta'ny entfernt von Bratislava sind es äh etwa 120 Kilometer äh es liegt am Fluss Waag äh kehren wir jetzt zu unserer Fortsetzung zurück wir sind
[1:03:22] stehen geblieben am äh zu der Zeit wo die Juden ihre Schutzschilder verloren hatten und alle wurden zum Freiwild es äh galten keine äh Ausnahmen mehr wegen der Taufe ob rechtzeitig oder nicht rechtzeitig alles verlor ihre Gültigkeit und es äh man es wurden
[1:03:46] wieder Juden verhaftet und in Lager verschickt das wusste ich zwar nicht aber die Eltern schon und äh es wäre auch äh gut aus- eine vielleicht gut ausgegangen für mich persönlich wenn ich äh am Wochentag in der äh Obhut der Köchin im Nachbardorf gewesen
[1:04:15] wäre wo ich ja auch zur Schule ging nur rechnete niemand damit dass am Donnerstag die Kinder in den Dorfschulen frei hatten damit sie den Eltern bei der Ernte helfen können und so durfte ich auch am Donnerstag meine Eltern besuchen und ich ging hin da hat
[1:04:41] mich jemand hingebracht äh und ich freute mich äh dass ich da wieder einen schönen Tag zusätzlich geschenkt bekomme und mit meinen Eltern zusammen bleiben kann es kam anders wir wurden verhaftet wie es geschah habe ich nach äh der Befreiung aus
[1:05:08] dem KZ in im Krankenhaus in Österreich beschrieben da lag ich äh unter äh befreiten Mithäftlingen die eine andere Sprache sprachen oder wir oder ä- und älter waren ich konnte mich mit denen nicht unterhalten die mit mir auch nicht und so hab ich mich
[1:05:34] gelangweilt und hatte meine Erinnerungen an die guten und die schlechten Zeiten meinem relativ kurzen Leben geschildert äh stop ich muss äh Moment [Schnitt; hält seine Aufzeichnungen in die Kamera] äh das sind die Aufzeichnungen die ich mit Bleistift äh
[1:05:56] in Österreich äh im Sommer 45 nach der Befreiung geschrieben habe äh die hab ich gerettet und äh nachdem ich dann in der Emigration schon äh mehrere Jahre lebte wollte ich meinem älteren Sohn erklären was äh ich alles äh in meiner Jugendzeit erlebt
[1:06:22] hatte ich hatte also meinen Lebenslauf äh bis zum Ende des Krieges aufgeschrieben in Sl- äh in Deutsch und die Teile der Erinnerungen die ich in Österreich äh in Slowakisch geschrieben habe habe ich da ins Deutsche übersetzt damit er es versteht er spricht
[1:06:44] kein Deutsch äh wenn ich jetzt vorlesen würde is es aus der deu- meiner deutschen Übersetzung meines Textes aus dem Jahr 45 äh die Überschrift lautet [liest aus seinen Erinnerungen vor] »Der unglückliche Tag Brunovce 26ster Oktober 44 heute ist Donnerstag
[1:07:04] Morgen bin ich ein wenig länger liegen geblieben um sieben Uhr dreißig bin ich aufgestanden ich wusch mich und frühstückte um acht war ich fertig um zehn sollte ich mit der Kutsche nach Brunovce fahren bis dahin half ich Mais zu schälen um zehn fuhren
[1:07:25] wir mit Pišta mit dem Auto vom Maierhof lief ich dann nach Hause zu Fuß Pišta hatte versprochen mich später abzuholen am Tor erwartete mich schon Irenka sie sagte mir ich soll dem Onkel gratulieren da er heute seinen neunten Hochzeitstag feierte Änny
[1:07:45] kam dazu ich habe sie stark umarmt dann ging ich ins Zimmer und gratulierte dem Onkel vor lauter Freude umarmte ich auch Vati und Mutti selbstverständlich sollte es ein feierliches Mittagessen geben kurz danach kam der Adjunkt er brachte schlimme Nachrichten
[1:08:04] angeblich hat in Piešt'any ein neues äh so genanntes Judefangen begonnen vielleicht sollten wir uns verstecken er würde aber noch kommen um es uns genau zu berichten um elf kam Helenka aus Bratislava sie brachte mir zwei Hosen Unterhosen und Socken für
[1:08:23] -s Peterchen Pfirsiche und ein kleines Spielzeugauto er spielte damit bis zum Mittagessen zum Mittagessen aß er aber nur den Pfirsichsackt -saft und Kekse das Essen war sehr gut aber uns allen ist der Appetit vergangen Mutti sagte wir würden die Feier auf
[1:08:42] den Abend verlegen dann würde die Laune besser sein nach Mittag las ich auf dem Hof die Liebesromane die Helenka mitgebracht hatte um drei Uhr als Irenka mit dem Abwasch fertig war gingen wir in den Schlosspark mit Irenka haben wir Fangen um das Blumenbeet
[1:09:00] gespielt um halb fünf gingen wir nach Hause da mich Pišta um fünf mit der Kutsche abholen wollte zu Hause erzählte mir Mutti dass Pišta schon da gewesen sei und sagte ich solle heute hier übernachten ich freute mich nicht besonders ich wusste dass etwas
[1:09:19] los war alle waren aufgeregt ließen es aber sich nicht anmerken vor dem Abendessen legte man Peterchen ins Bett das Abendessen war fantastisch es gab verschiedene gemischte Salate kalte Platte Schnitzel Obst und man trank Wein mit Sprudel dabei störte
[1:09:40] uns plötzlich der Adjunkt der aufgeregt ins Zimmer trat alle umzingelten ihn er wollte aber sagen etwas sagen als zwei Gardisten ins Zimmer traten er zeigte ihnen schnell seinen Ausweis und ging mit Irenka fort die Männer zielten mit Pistolen auf uns und
[1:10:02] verlangten die Ausweise alle zeigten sie einer von ihnen sammelte sie ein zerriss sie und schmiss sie auf den Tisch dann schrie er ›Juden‹ ! jetzt konnten wir nichts mehr tun wir mussten packen und sie führten uns in das Altersheim in Nové Mesto« [Hintergrundgeräusch;
[1:10:21] Schnitt] äh die Erklärung zu den Namen äh Peterchen ist der Sohn meiner Cousine äh der Onkel ist kein wahrer Onkel sondern äh Ehemann meiner Cousine äh die Helenka ist eine Frau die aus Bratislava gelegentlich die Post brachte äh eine Reinmacherfrau
[1:10:49] die äh einmal im Monat etwa kam und dann auch Winterwäsche oder irgendwas aus unseren Wohnungen mitbringen konnte [hustet] weiter ist da ein Adjunkt genannt das ist ein Anwärter auf das äh äh auf äh den Beruf eines Försters äh der war ein Verbindungsmann
[1:11:11] zwischen den Vettern im Nachbardorf und uns und Pišta ist ein Kosename von Stefan das ist der Name meines Cousins der mich mit der Kutsche abholen sollte aber es nicht mehr getan hatte weil er sich selber lieber versteckt hatte für die Zeit hat er uns also
[1:11:32] nur wissen lassen dass er mich nicht abholt wir sollen uns irgendwie klein machen ducken und hoffentlich geht der Kelch an uns vorbei aber er holt mich nicht ab er ist nicht mehr vorhanden soviel wollte uns der Adjunkt sagen äh oder wussten wir schon zuvor
[1:11:50] und der Adjunkt wollte uns wohl warnen dass die schon auf am Anmarsch sind woher er es wusste weiß ich nicht auch weiß ich nicht ob man danach mit ihm Kontakt noch mal hatte äh nach dem Krieg mein ich ja äh da
[1:12:04] [unterbricht:] als Sie das 1945 aufgeschrieben haben äh in diesem Krankenhaus das werden wir ja später noch erzählen
[1:12:11] ja
[1:12:13] [gleichzeitig:] wie es dazu kam ähm ham Sie sich genau offensichtlich an diesen Tag erinnert weil Sie können nennen die Speisen die es gab Sie ham sich auch ein bisschen in die Zeit versetzt wenn ich das richtig verstehe weil Sie schreiben am Anfang »heute
[1:12:28] ist Donnerstag« dieser Donnerstag der ungewöhnlicherweise eben an diesem Ort dann stattfand
[1:12:31] äh ja ja das ist ja so als ich es geschrieben habe hatte ich andauernd schrecklichen Hunger denn äh da lag ich im am- unter amerikanischer Obhut äh im Krankenhaus äh niemand hatte mit dieser Anzahl von kranken Häftlingen gerechnet und die Armee hatte
[1:12:50] nicht genügend äh Verpflegung für Tausende von äh äh Häftlingen die jetzt plötzlich auf freiem Fuß waren und zum großen Teil auch krank waren also wir ham da gehungert und ich hab mich mit großer Wehmut an mein letztes Schnitzel erinnert das war
[1:13:10] nämlich dieses denn dann gab es nichts mehr und äh auch in den weiteren Aufsch- -zeichnungen [räuspert sich] die ich noch vorlesen werde äh geh- dreht es sich allzu oft ums Essen weil das mein Haupt- mein Leitmotiv war zu dieser Zeit oft hab ich äh wichtigere
[1:13:35] Dinge vergessen aufzuschreiben oder einfach ignoriert aber das Essen das hab ich immer genau beschrieben das lag mir schon sehr am Herzen damals bei dem Hunger den ich litt
[1:13:46] beginnen Ihre Aufzeichnungen mit dieser Schilderung ? die Orginalaufzeichungen ?
[1:13:51] äh nein äh das äh war so ich hatte noch ein zweites Heft da hab ich ein Tagebuch geführt das ist aber völlig uninteressant da ist nur eigentlich die Aufzeichnung der Speisen die wir bekommen hatten und wie wenig es war und wie wir uns auf die nächste
[1:14:10] freuen und dann äh über meine Krankheit was die Ärzte vor- festgestellt hatten und äh was sie dagegen tun äh da damit hab ich die meiste Zeit Freizeit sozusagen totgeschlagen und als es mir zu wenig war hab ich mir dann verschiedene Kapitel aus meinem
[1:14:32] Leben in Erinnerung gerufen wie zum Beispiel die Bombardierung der Stadt Pressburg wie wir da uns versteckt haben und Angst hatten oder aber ein Ausflug mit Eltern und Freunden am Sonntag wieder mit Wiener Schnitzel äh in in den Wald und wie wir da Volleyball
[1:14:50] gespielt haben und abends wieder nach Hause gekommen sind also so wie Aufsätze wie man sie in der Schule lernt »Mein schönster Urlaubstag« oder »Was hab ich äh gestern gemacht« oder so was um um äh die Stilistik zu üben also das gab mehrere ähnliche
[1:15:12] Kapitel die zum Teil auch nicht äh mit äh der Judenverfolgung zu tun haben das waren wohl die Lichtblicke an die ich mich erinnert hatte äh alles geschrieben in der festen Überzeugung dass es die Eltern nicht lesen werden weil sie tot sind davon bin ich
[1:15:29] ausgegangen das hatten auch die meisten Mithäftlinge so erlebt ich war einer der wenigen die sich da zum Glück getäuscht hatte aber äh die allgemeine Stimmung war die äh wir haben es überlebt aber aus unserer Familie wohl niemand und damit muss man sich
[1:15:48] aus- abfinden und äh wi- wir werden uns äh wir werden uns nicht vorgaukeln dass wir nach Hause kommen und da werden uns die Eltern empfangen äh ich meine bei mir war es -ne Ausnahme aber der Rest meiner Mithäftlinge der Jungs mit denen ich dann befreit
[1:16:06] wurde hat sich leider nicht geirrt
[1:16:09] gehen wir zurück zu diesem Donnerstag
[1:16:12] ja
[1:16:14] wie ging es dann weiter ?
[1:16:17] wir wurden dann von den äh Gardisten also von den beiden Typen äh gezwungen unsere Köfferchen zu packen äh was ja zum Teil schon vorbereitet war wir hatten keine Ausweise damit waren wir also völlig vögelfrei vogelfrei äh dann wurden wir zu Fuß zum
[1:16:38] Bahnhof des Ortes geführt das waren etwa zwei Kilometer durch eine eine Dorfstraße und da haben wir den äh Personenzug äh in ein jüdisches Altersheim in der Nachbarstadt Nové Mesto genommen das waren drei Haltestellen etwa dieses äh Altenheim wurde
[1:16:59] zu einem äh Sammellager umfunktioniert für Juden die in der Umgebung gefangen worden sind da blieben wir nur eine Nacht unterwegs zum Bahnhof hatten die Eltern versucht die Gardisten zu überzeugen dass sie mich und die Cousine mit dem Kleinen laufen lassen
[1:17:22] wohin wir gegangen wären weiß ich nicht denn der Vetter die Vetter waren ja auch nicht vorhanden und äh das Haus wurde äh sicher irgendwie versiegelt oder was ich hörte dann später dass die beiden äh die uns geführt haben äh dann nochmal rein gegangen
[1:17:43] sind und es da ausgeraubt haben viel war nicht drin das war ja nur äh das no- Notwendigste aber auch das ist verschwunden also nichts davon wurde uns wieder zurückgegeben aber die ließen nicht locker »nein nein« also sie haben uns da abgeliefert am nächsten
[1:17:58] Morgen sind wir dann wieder mit dem Zug da in das Sammellager Sered' gefahren das liegt westlicher äh Richtung Bratislava das war eine ehemaliger Kaserne die bereits im Jahr äh z- 42 als Sammellager für die Transporte nach Auschwitz und Treblinka und andere
[1:18:22] Vernichtungslager im ehemaligen Polen diente es wurde dann allerdings aufgegeben denn äh die Transporte rollten nicht mehr ab 43 und das Lager war entweder leer oder es waren irgendwelche andere Einrichtungen drin weiß ich nicht genau aber [räuspert sich]
[1:18:44] als dann die äh SS-Verbände in die Slowakei an- einmarschierten wurde es wieder als Sammellager für die Juden äh eröffnet es war unter deutscher Leitung denn den Slowaken hatte man nicht mehr ge- vertraut allerdings hatte ich es nicht wahrgenommen ich
[1:19:07] war bis äh vor zehn Jahren etwa der Überzeugung dass es unter slowakischer Leitung stand wozu ich aber sagen muss äh ich kam mit der Lagerleitung nicht in Berührung ich kann mich auch nicht an deutsche Uniformen erinnern äh das muss wohl so sein dass
[1:19:27] die äh ausführenden Organe also die Blockälteste oder was es da gab äh auch Häftlinge waren und äh mit Deutschen kam ich nicht also mit Deutschen in Uniform kam ich in der Slowakei nicht in Berührung aber äh der Lagerleiter au- dieser Zeit wurde dann
[1:19:48] vor ein deutsches Gericht gestellt irgendwann in den achtziger Jahren also die Tatsache ist dass es ein Lager war unter deutscher Führung auf dem Gebiet der Slowakei äh da blieben wir in Sered' äh paar Tage ob -s nun zwei drei vier waren weiß ich nicht
[1:20:07] genau äh da war ich noch unter der Obhut der Eltern äh die hatten äh versucht mir es so schmackhaft zu machen wie es nur ging also es waren auch äh Kinder in meinem Alter da so dass wir da spielen konnten man durfte auch irgendwie sich auf dem Gelände
[1:20:27] zwischen den Baracken bewegen und äh da hab ich äh persönlich noch nicht sehr gelitten das war noch so ein Abenteuer äh wobei selbstverständlich die Erwachsenen schon genau wussten was sie erwartet aber vor mir haben es die Eltern verheimlicht äh
[1:20:51] [unterbricht:] in Sered ham
[1:20:54] ja
[1:20:56] in Sered ham Sie in Baracken äh gelebt ?
[1:20:59] [gleichzeitig:] wir wohnten in Baracken das waren relativ f- gute ehemalige äh äh also Militärunterkünfte und äh da wohnten die Frauen auf einer Seite und die Männer auf anderer Seite äh ich äh war mit dem Vater zusammen aber die Mutter war gegenüber
[1:21:15] also das war noch so wie ein Camping für mich wobei ich äh inzwischen mich äh erkundigt hatte dass das Lager auch eine viel schlimmere Zeit erlebt hatte und auch dort es zu Hinrichtungen kam und zu Folterungen aber aus meiner Sicht war es gemessen an dem
[1:21:36] was kam eigentlich noch recht bequem
[1:21:39] eines Morgens mussten wir alle antreten und wurden in Viehwaggons verfrachtet äh das äh so wie wir eingestiegen sind oder wer uns da reingeschoben hat weiß ich nicht eigentlich dachte glaube ich es ging eher friedlich
[1:22:01] zu denn äh es wurde ja nicht das ganze Lager evakuier- also losgeschickt die äh äh Crew also die die äh Küche und die Kapos oder was es da für Bedienstete gab die blieben nur die zum Transport äh die die man wegschicken wollte die sind eingestiegen
[1:22:27] aber die geblieben sind wussten was mit uns geschieht ahnten es und hatten uns so zart wie möglich behandelt wir hatten noch so eine He- Henkersmahlzeit bekommen als äh Päckchen wo noch Äpfel drin waren worauf ich mich erinnern kann weil es der letzte
[1:22:48] Apfel für lange Monate war den ich gesehen hatte und äh das Ganze ging noch irgendwie das Einsteigen dann kam aber die Fahrt da saß man auf dem Boden ich mit den Eltern selbstverständlich dann wurde es äh immer schlimmer ein Mann hatte sich die Pulsader
[1:23:08] durchgeschnitten und ist verblutet man versuchte ihn zu retten ich weiß es deswegen weil man nach Riemen oder Leder- äh - bändern suchte vom etwas Festem meine Eltern hatten vom Ski- äh -urlaub vom Skilaufen Brotsäcke die eine lange einen langen Riemen
[1:23:32] hatten das haben die abgeschnitten und man versuchte dem Mann die de- den Blutverlust zu stoppen es ist nicht gelungen er blieb unter uns und verblutet und starb da war -s das war schon nicht mehr so geheuer das ließ sich auch vor dem Kind nicht verheimlichen
[1:23:50] also da war es mir schon mulmig und das Ganze war ja fu- furchtbar da war ein Eimer das hat man ja öfters beschrieben äh ich äh könnte es so genau nicht beschreiben äh es war eine kleine Lücke gelegentlich geöffnet also äh ein kleiner Spalt wenn wir
[1:24:09] irgendwo gestanden sind es fuhr ja nicht in einem Zug theoretisch hätte man auch mit dem äh Lastzug in fünf Stunden in Auschwitz sein können aber es kamen ja auch Militärzüge zur Front von der Front wir waren der Zug der stehenblieb denn mit uns hatte
[1:24:32] man ja keine Probleme wir hatten unsere Ere- Essensration und wenn wir sie aufgegessen hä- hätten selber schuld ja dann hatten wir halt nix aber da waren keine äh Serviceleistungen unterwegs äh wenn wir irgendwo auf der Strecke stehen bleiben mussten um
[1:24:48] Vorrang zu geben dann sind wir halt stehen geblieben und konnten durch eine kleine Luke oben sehen oder die Tür wurde vielleicht irgendwie klein wenig geöffnet aber das hatte mir schon gar nix gesagt auf jeden Fall war klar dass wir Richtung Osten Nordosten
[1:25:05] fuhren und dann sind wir in Auschwitz angekommen äh das hab ich ja wieder damals im Krankenhaus geschildert geschrieben wenn -s also es ich glaube es wäre äh das Einfachste wenn ich es wieder vorlese denn da hat ich mich noch genauer daran erinnert also
[1:25:29] es is- äh ist jetzt die Fortsetzung der Verhaftung äh »am sechsundan- äh am 26sten Oktober 44 hatten uns beim Abendessen slowakische Gardisten in Brunovce ge- gefangen genommen sofort haben sie uns nach Nové Mesto nad Váhom gebracht in ein ehemaliges
[1:25:49] Altenheim wir waren Vati Mutti ich die Tante Onkel Änny Peterchen in Sered' waren wir eine Woche wir haben dort auch einige unserer Bekannten getroffen es ging uns dann dort noch ganz gut nach einer Woche wurden wir nach Polen deportiert nach Birkenau wir
[1:26:17] wussten nicht wohin wir gehen wir fuhren einen und einen halben Tag lang sechzig in einem Viehwaggon als wir nach Birkenau kamen goss es wie aus einer Gießkanne es war ein Tag nach Allerseelen der dritte November 44 wir sprangen aus den Waggons und traten
[1:26:36] in Fünferreihen an wir wurden von einer Menge deutscher Soldaten abgezählt wir waren etwa 1500 endlich machten wir uns auf den Weg ins Lager Birkenau war nämlich in sechs verschiedene Lager geteilt die voneineind- voneinander durch elektrischen Draht getrennt
[1:26:55] waren die Lager hießen A B C D E F wir gingen ins A-Lager dort standen 32 Holzbaracken wir sind in den vierten Block gegangen darin entstanden äh drin standen drei Betten übereinander Buchsen auf einem Bett konnten fünf Menschen schlafen durch die
[1:27:22] Mitte des Blocks führte ein Ofen auf einer Seite des Blocks schliefen die Männer auf der anderen die Frauen ich schlief mit dem Vati und mit noch einem Herrn die Mutti schlief mit der Tante Änny und dem Peterchen der Blockälteste war ein Pole und der Schreiber
[1:27:41] ein Slowake am nächsten Morgen haben wir uns gewaschen und um zehn war der Appell Männer und Frauen traten getrennt an das Essen haben wir noch nicht bekommen erst am nächsten Tag fassten wir Suppe morgens und abends Kaffee und ein viertel Kilo Brot am
[1:27:59] sechsten Tag wurden wir tätowiert nur die Männer ich bekam die Nummer Bi- B 14328 auf den linken Arm tätowiert ab jetzt war ich ein Häftling am selb- am selben Tag hatte man uns auch in die Kartei eingetragen ich hatte mich alch als vierzi- als 14-Jähriger
[1:28:22] gemeldet weil mir der Vati dazu geraten hatte am siebten Tag gerade als die Frauen tätowiert wurden kam der Befehl dass alle Männer ab zwölf antreten sollen um in das E-Lager abzumarschieren was blieb uns übrig ich hatte mich von Mutti Änny Tante und
[1:28:41] Peterchen verabschiedet und wir marschierten los äh wir sind ins Bad gegangen in die Sauna dort hatte man uns kahl geschoren unsere Halbseligkeiten abgenommen und die Erwachsenen erhielten KZ-Kleider uns den Kindern hatte man die Kleidung Gott sei Dank nur
[1:29:01] desinfiziert und wir pa- bekamen sie wieder als wir gewaschen waren sind wir in das E-Lager gegangen wir sind dort um fünf angekommen noch abends bekamen wir Suppe der Blockälteste war ein schlimmer Pole am nächsten Morgen um sieben war der Appell etwa
[1:29:23] um neun kam der Blockälteste aus dem Fünfer und nahm mich und weitere vier Freunden zu sich ins Zimmer das war schön warm dieser Blockälteste war ein sehr guter Mensch ein Wiener Jude er gab uns Brot zu essen und Honig Milch und andere Sachen er hatte
[1:29:41] auch meinem Vater erlaubt dort zu bleiben er wollte uns dort auch über Nacht haben aber der Blockführer hat es nicht erlaubt wir waren nur tagsüber da dort habe ich von den Krematorien erfahren jetzt waren sie Gott sei Dank alle wieder abgerissen
[1:30:00] äh
[1:30:03] dazu das sollte ich erklären äh einige Tage vielleicht zwei oder drei vor unserer Ankunft hatte Hitler äh Himmler Entschuldigung Himmler Befehl ausgegeben die SS soll die Krematorien mit der mit den Gaskammern äh f- äh sprengen damit sie nicht so in die
[1:30:26] Hände der Roten Armee fallen die schon am Anmarsch war es blieb nur ein Krematorium erhalten für die Todesfälle des natur- natürlichen Todes wenn man so will aber die vier die zur Vergasung äh dienten gab es nicht mehr wir waren der erste Transport der
[1:30:49] nicht selektiert wurde denn man konnte die unfähigen äh Häftlinge ja nicht mehr loswerden also deswegen sind wir alle beisammen geblieben und äh erst später hat man uns getrennt nach Geschlecht und nach Alter äh das war das Glück das Unglück war
[1:31:14] dass es der allerletzte Transport war der aus der Slowakei aus Sered' also überhaupt aus der Slowakei nach Maut- äh nach Auschwitz fuhr äh die nächsten die gab es bis März äh 45 äh immer wieder wurden noch Juden gefangen genommen aber die kamen nicht
[1:31:35] mehr nach Auschwitz weil das wurde ja im Januar bereits in den Händen äh der also wieder befreit äh also die wurden nach Theresienstadt gebracht in Böhmen westlich also und wären wir einen nicht einen Tag später aber hätten wir äh hätte man uns eine
[1:31:55] Woche später gefangen genommen wären wir später in das Sammellager gekommen und wir wären dann nach äh Theresienstadt gekommen was in dieser Zeit schon u- wesentlich besser geeigne- äh größere Überlebenschancen mh geboten hatte als Auschwitz äh damit
[1:32:20] will ich nicht sagen dass Theresienstadt ein äh Vorzeigeghetto war oder so was nur im Herbst äh 44 wurden die Menschen so einigermaßen schon geduldet und nicht weder hingerichtet noch zu Tode gefoltert die Wahrscheinlichkeit dass wir es dort alle überlebt
[1:32:41] hätten lässt sich auch belegen äh auf da nach Beispielen von bekannten Familien die es ein bisschen später erwischt hatte und die äh die in Theresienstadt eigentlich äh durchgekommen sind das zur Erklärung wie wir da äh zusammen aus vom Bahnhof äh
[1:33:08] in die Baracke marschiert sind was wir nicht verstehen konnten die äh Insassen aus den Nachbarn-Teilabschnitten des Lagers kamen an den Zaun und glotzten uns an die waren es nicht gewöhnt dass da Frauen und Kinder dass die überhaupt in die Baracke kommen
[1:33:31] die wurden ja gleich von der vom Bahnhof aussortiert und noch dass sie zusammen in einem Block wohnen das war für die unverständlich und äh wir wussten wiederum nicht was gibt es da zu glotzen also es muss ja jedem so äh geschehen sein ja was was gibt
[1:33:49] es da an uns zu sehen äh das hab ich erst nachher erfahren äh zu dem äh zu meiner Wertung der äh Lagerfunktionäre der Blockältesten und des äh äh des des Kapos äh mein einziger Anhaltspunkt war äh die Nationalität wenn einer Deutsch mit polnischem
[1:34:14] Akzent sprach war es für mich ein Pole und ein Ungar war einer der mit ungarischem Akzent sprach und dann hab ich ja selbstverständlich nicht geschrieben äh ein Elsass-Lothringer oder was auch immer Österreicher sondern wenn es äh ich hab dann einen nach
[1:34:37] seiner Nationalität äh bekannt gemacht wenn es also einer war der böse war und mit polnischem Akzent sprach war es mi- war es für mich ein böser Pole obwohl es eventuell sogar ein Jude sein konnte der zu dieser äh Funktion äh es brachte äh ich weiß
[1:34:57] nicht welcher aus welchem Grund der genannte brave Österreicher äh äh im KZ war ob es ein Jude war oder mh vielleicht Sozial- Sozialdemokrat oder was auch immer oder oder Dieb auf jeden Fall äh war er begeistert als er erfahren hatte dass mein Vater einige
[1:35:20] Jahre in Wien lebte und so hatte er mit ihm Erinnerungen austauschen können na ja und meinem Vater hat es selbstverständlich auch gut getan und jetzt saßen sie da im Kämmerchen war alles im Rahmen der Baracke aber der Blockälteste und der Kapo oder wie
[1:35:35] die da auch hießen hatten vorne so -ne abgetrennte Kämmerchen wo man normalerweise keinen Zutritt hatte und er hat uns da erlaubt drin zu sein äh was er uns da geschenkt hatte an Zusatzrationen ist selbstverständlich von anderen äh Häftlingen geklaut
[1:35:53] worden aber das hat mich wenig damals interessiert ich war froh dass wir da zusätzlich noch äh künstlichen Honig bekamen aber äh dass war dann äh nach dem Krieg für mich ein Beweis wie furchtbar schwierig es ist äh einem der nicht im KZ war zu vermitteln
[1:36:14] wie es da so lief denn das das hat mir der Vater erzählt nachdem er zurückgekehrt ist wurde er von Freunden äh befragt wie es da so war und er bemühte sich ja auch redlich alles zu schildern hatte auch nicht versäumt zu sagen dass er da einen Wiener anständigen
[1:36:36] Häftling äh in Funktion kennen lernte der sogar so weit ging dass er äh uns in der Wärme sitzen ließ und äh dass er uns auch äh Sonderrationen von Milch und Honig äh schenkte und kurz darauf wusste die ganze Stadt dass es den Taussigs ja Gold ging
[1:36:59] da im KZ und das alles ist erlogen denn die haben da in Milch gebadet und wurden mit Honig gefüttert ja also da konnte man dagegen nix tun denn selbst das kleine Löffelchen vom Honig wurde dann so hochgespielt man konnte sich die Misere ja überhaupt nicht
[1:37:18] vorstellen äh das konnte man nicht vermitteln und aus kleinen Gefälligkeiten eventuellen äh wurde dann äh was Großes gemacht und die Folter und andere Geschichten weniger erfreuliche wurden nicht äh wurden vergessen
[1:37:36] erinnern Sie sich wie Entschuldigung erinnern Sie sich wie die Häftlinge in den anderen Bereichen des Lagers auf Sie gewirkt haben im ersten Moment als Sie die gesehen haben ?
[1:37:45] es es war schrecklich denn äh sie waren ja einmal furchtbar abgemagert das waren äh Skelette die noch dazu in einer Pyjamakleidung also in Pyjamas rumliefen das hab ich vorher nie gesehen äh gestreifte graublaue Mäntelchen und und alles aus diesem Stoff
[1:38:06] eine komische wie eine Schildmütze ohne Schild war die Kopfbedeckung die eher dazu diente dass man die Mütze abnehmen musste wenn man [gestikuliert] einen Vorgesetzten sah nicht so sehr zur Kopfwärmung und äh die alle waren wie lebendige Tote zuerst hatten
[1:38:28] wir sie nur über diesen elektrischen Zaun gesehen dann aber als wir mit den Männern also ich mit den Männern und noch paar Kindern als Mann also äh in die Sauna gegangen sind da gab es ja auch eine schreckliche Aufregung weil ich da mit einem Jungen Versteckspiel
[1:38:48] gespielt hatte während mein Vater schon rasiert wurde und kahlgeschoren also und äh gebadet und ich kam nicht und kam nicht und er meinte vielleicht gibt -s da noch eine Abteilung äh äh Zyklon B äh ich weiß nicht auf jeden Fall war er schrecklich erleichtert
[1:39:04] als ich wieder auftauchte und ich wiederum wusste ja nicht warum er sich so aufmacht na ja mein Gott da hab ich Fangen gespielt oder Versteck aber er wusste schon warum er Sorge hatte wir wir wussten ja nicht wie es mit den Krematorien was mit denen geschehen
[1:39:18] ist wir dachten die funktionieren ja immer noch das hatten wir erst kurz danach erfahren was für ein Gluck Glück wir hatten als wir dann unter die bereits äh ältere Häftlinge in den Block kamen und da wurden wir dann alle aufgeklärt und äh da fing das
[1:39:35] äh wirkliche Lagerleben an denn bis dahin war ich ja immer noch mit einem der Elternteile wenigstens zusammen äh das ging aber nicht mehr lange denn man musste feststellen dass äh die so genannten äh äh jungen Erwachsenen doch eher Kinder waren und man
[1:39:57] hat uns aussortiert und in eine so genannte Kinderbaracke geschickt in der Kinderbaracke waren zu meinem Erstaunen eigentlich Kinder aus aller Welt aus aller Länder die unter Hitlers äh äh Schirm waren also die aus den Ländern die er besiegt hatte ich
[1:40:24] weiß bis heute nicht wie sie es überlebt hatten ob man mit denen vielleicht Versuche gemacht hatte oder machen wollte oder ob sie irgendwelche Funktionen als Läufer im Lager das war so ein Bursche dir der statt Telefon äh irgendwo hingeschickt wurde ob
[1:40:42] sie so was machten auf jeden Fall war es für mich ein Neuland wir waren da ein paar Leute aus der Slowakei aus meinem Transport also die die wir haben uns zusammengetan aber das blieb nicht lange so weil einige waren schon eher also älter als ich und als
[1:41:02] dann kurz darauf wieder äh Arbeitskräfte für Buna-Werke oder irgendein Betrieb in der Nähe des Lagers äh gesucht worden sind hatten die sich gemeldet man hat sich da gerne gemeldet weil man glaubte da ist man besser aufgehoben als im Vernichtungslager
[1:41:22] Auschwitz also sind sie da zur Arbeit gegangen blieben dort also es war ein separates Lager und ich blieb dann fast unter Fremden es kam selbstverständlich das Sprachproblem dazu ich hatte ja wie gesagt bis zum Schulanfang fast nur Deutsch gesprochen aber
[1:41:44] das hab ich auch äh v- verlernt und zum anderen die äh klei- Kinder aus äh Holland und Ungarn und Griechenland und Norwegen hatten vielleicht nicht mal so viel Deutsch gesprochen wie ich und wenn dann war es ein anderer Akzent der Kapo und der Blockälteste
[1:42:07] hatten vielleicht auch einen anderen Akzent und so wurde es immer sehr anstrengend äh zu hören wer eben gerufen wird wessen Nummer gerufen wird beim Zählappell wer fehlt was da gewünscht wird ob wir nach rechts oder nach links rücken sollen das war alles
[1:42:29] die Befehle waren ja aus dem Militärjargon den der war mir fremd ja wer welches Kind mit elf kennt schon äh die Befehle der Armee so dass das Ganze also ein riesiger Stress war und dann kam wiederum eine Vorsehung uns zur Hilfe äh wir es wurde ein Fall
[1:42:52] vom Scharlach in dieser Baracke entdeckt das ist ansteckend und wir wurden unter Quarantäne gestellt das heißt wir hatten die Zählappelle morgens und abends so wie die Häftlinge sonst auch so wie auch die Erwachsenen denn äh der Sinn der Sache war ja
[1:43:12] durch die Teil- äh -mengen die Menge des Ganzen zu erfassen und so lange dieses nicht äh abgehakt wurde mussten alle stehen bleiben so äh jede äh jede Baracke hatte äh die Meldung zu geben aber so lange musste man stehen bleiben bis das alles irgendwo
[1:43:34] unter einen Hut gebracht wurde da hatten die Kinder waren die Kinder keine Ausnahme wir blieben genauso eine zwei drei Stunden draußen stehen es reichte ja wenn irgend jemand ins Klo gefallen ist und man ihn nicht finden konnte und bis das nicht geklärt
[1:43:50] wurde blieb man stehen äh nach dem äh bis dahin äh bin ich eigentlich äh w- hatte man für uns hauptsächlich die Jüngeren keine Arbeit die Älteren äh durften oder mussten mit äh einem Wägelchen irgendwo durch den Abschnitt des Lagers gehen und sauber
[1:44:13] machen oder irgendeine sinnlose Arbeit verrichten ich bin in dieser ersten Phase nie dazu berufen worden dann äh
[1:44:25] [unterbricht:] ich hab
[1:44:30] [gleichzeitig:] ja
[1:44:35] ich hab an dieser Stelle noch ähm zwei Fragen die erste ist äh konnten Sie sich im Lager bewegen und die zweite die vielleicht im Anschluss daran ähm auch sich anfügt ist die Sie ham aus Ihr- in Ihrer Er- in Ihrer Erinnerung sehr genau den Aufbau des Lagers
[1:44:43] beschrieben und ham sogar dann ähm später als Sie wie beschrieben im Krankenhaus lagen eine Zeichnung angefertigt wenn Sie die äh vielleicht zeigen könnten
[1:44:52] also ich zeige es lieber von einer Fotokopie denn da ist sie besser sichtbar muss ich sagen ich hatte es dann bisschen dunkler eingestellt das Original ist in mit äh Bleistift gezeichnet und oh ich fürchte ich muss es doch im Original zeigen äh [blättert
[1:45:14] in Aufzeichnungen] ich hatte wohl äh in der Schule äh Landkarten zeichnen im äh Geografieunterricht gelernt nehme ich an ich weiß es nicht genau und äh Sachen wie Str- äh wie Schienen oder Häuser das hat mir sehr gut gefallen also das ist meine
[1:45:41] Zeichnung wie ich Auschwitz in Erinnerung hatte [zeigt eine Zeichnung] ich hab dann später Pläne gesehen ich würde sagen es ist selbstverständlich ziemlich [hustet] äh ah ja der der das der Maßstab ist bei weitem nicht ein- eingehalten aber das Grundprinzip
[1:46:04] diese vier Lagerabschnitte mit den jeweils 32 Baracken und dann die Krematorien und die so genannte Kanada wo man ist es einigermaßen ? wo man die [hustet] Entschuldigung die Kleidungsstücke der Häftlinge gesammelt hatte das hab ich so einigermaßen äh
[1:46:22] gut hingekriegt äh wir äh die äh wir konnten uns bewegen hauptsächlich nach der Schicht äh die irgendwann um sechs oder wann zu Ende war in einem Lagerabschnitt also die Häftlinge des Lagerabschnitts D konnten in die Barack- in eine Nachbarbaracke oder
[1:46:55] in drei anderen gehen äh so weit man da nicht Feinde hatte so konnte ich in den ersten Wochen bevor diese Quarantäne kam noch den Vater besuchen und den Onkel die blieben dort wo woher ich dann ausge- auswandern musste äh der Vater w- schreibe ich da in
[1:47:21] einer Erinnerung äh kam mir sehr müde vor er war verdreckt weil sie physisch irgendwie was äh machen mussten er war es ja nicht gewöhnt war ja nicht seine Arbeit und äh es war eine recht trau- ja traurige Begegnung ich hab mich dann wieder verabschiedet
[1:47:45] das war ja noch irgendwie das ging ja noch äh ich hab auch bis dahin bis auf den Hunger nicht irgendwie besonders gelitten und auf das äh ewige Stehen beim Zählappell und das nicht richtig äh äh mich orientieren zu können oder Angst zu haben dass ich
[1:48:03] die Mütze zu spät abnehme wenn ich an jemandem vorbeigehe oder dass ich nicht rechtzeitig »hier« schreie und deswegen dann die ganze Baracke eine Stunde oder das ganze Lager Gott bewahre eine Stunde länger stehen muss äh denn dann hat man sich ja auch
[1:48:21] gerächt an ähnlichen Leuten die so was verursacht hatten aber es ging ja und dann hatten wir den Vorfall mit dem Scharlach äh das heißt wir sitz- saßen in der Quarantäne durften die Baracke nicht verlassen nur zum Appell ich konnte also nicht mehr den
[1:48:41] Vater besuchen aber es kam ja ein Arzt immer zu uns wegen der Epidemie und der hatte was es war ein Häftling und der hatte mir dann gelegentlich auch eine Nachricht vom Vater gebracht äh weil er auch in der Baracke was zu tun hatte aber äh da hab ich also
[1:49:01] erfahren dass der Vater Rotlauf bekam das ist auch ansteckend aber vielleicht auf eine andere Art und äh aufs Revier äh also in den Krankenbau ging das äh war nicht immer ungefährlich denn gelegentlich brauchte man für Arbeitskräfte Betten und so
[1:49:28] hat man die Kranken die keine äh Ab- Aufsicht äh keine äh Chance auf Genesung äh hatten hat man einfach abgemurkst irgendwie vernichtet äh also gut aber der Vater konnte nicht unter den Häftlingen bleiben ging -s ging auf -s Revier das hat und meinte
[1:49:51] er würde in einer Woche oder hat mir ein Datum genannt wann er wieder zurück sein wird das hat mir der Arzt übermittelt äh eine Woche später kam er aber nicht das hat mir wieder der Arzt gesagt also er blieb dort damit war auch meine Verbindung zum Vater
[1:50:08] zu Ende das ähm den hab ich dann erst äh im Herbst 45 in Bratislava wieder getroffen aber seitdem hatte ich äh keinen Kontakt mehr zu den Eltern ich hatte auch äh erfahren dass aus den Frauen ein Transport zusammengestellt wurde der nach Lip- äh Lippstadt
[1:50:33] fuhr damals hatte ich zwar äh Leipzig verstanden was daran liegt dass äh auf Slowakisch also in slawischen Sprachen L- Leipzig Lipsko heißt und Lippstadt Lipsko das hab ich verwechselt aber sie war da äh als Arbeiterin in einer Munitionsfabrik die hatten
[1:50:56] Hülsen für äh die äh Geschosse von Flugzeugabwehrmaschinen gebaut also irgendwas aus Blech zusammen montiert dadurch ist ihre Übera- Überlebenschance gestiegen weil sie eine Arbeitskraft war und nicht mehr ein Häftling in einem Vernichtungslager das
[1:51:24] habe ich also in dieser äh Z- in diesem Zusammenhang selbstverständlich erst nach dem Krieg erfahren ich wusste nur so viel dass auch sie nicht mehr in Auschwitz ist
[1:51:34] äh während dieser Quarantäne äh kam einmal ein deutscher Arzt ins Haus und suchte Kinder
[1:51:46] und zwar aus jedem Jahrgang zwei das fing an irgendwie bei Jahrgang 29 zwei dreißig und so weiter und ich hab mich furchtbar gelangweilt und er hat uns wohl eine Scheibe Brot versprochen zusätzlich oder was auf jeden Fall bin ich auch als der Jahrgang 33
[1:52:07] ge- ausgerufen wurde bin ich auch ähm aus -em aus der Buchse da geklettert aus -em Bett und bin also zu der Stelle gegangen wo die sich sammelten im in der Baracke drin und als ich an einer dieser dreistöckigen äh Buchsen also Betten vorbeiging lag da ein
[1:52:31] Mensch ein ein Junge der mir zuflüsterte »hau ab« oder »tu es nicht« oder »geh weg oder »ist gefährlich« oder so was er warnte mich na ja ich konnte nicht einfach kehrt machen und wieder zurückgehen aber hab meine Schritte verlangsamt und kam an
[1:52:52] und es waren schon zwei aus meinem Jahrgang da da sagt er [gestikuliert] »du bist zu du bist überfällig ne also du nicht« also bin ich wieder zurück und keiner von diesen Jungs kam jeweils zurück also weder in Auschwitz nach paar Tagen äh und da es
[1:53:12] auch einen Slowaken gab der da mitmachte den ich kannte äh weiß ich von seiner Mutter die mich dann nach dem Krieg fragte weil sie den Sohn nicht mehr sah also alle wurden mit irgendwelchen Spritzen zu Tode gerichtet Näheres weiß ich nicht auch weiß ich
[1:53:34] dass es nicht der Mengele war der dieses machte aber diese Versuche gingen bis zum Ende das äh [hustet] war also die Zeit mit der Quarantäne die dann eines Tages zu Ende ging noch während der Quarantäne fand Weihnachten statt da blieb mir in Erinnerung
[1:53:55] dass es keinen Zählappell gab und dass wir riesige Töpfe mit Teigwaren bekamen so wie Makkaroni vielleicht äh und es gab so viele davon dass sie da stehen geblieben sind und wir konnten auch am Abend des zweiten Tages noch etwas davon abkommen also es es
[1:54:21] es gab keine Not an diesen Mak- Makkaroni oder Teigwaren das äh ist mir dann in Erinnerung geblieben wie der Apfel und wie der Wiener Schnitzel da das Wiener Schnitzel beim letzten Essen da noch mit den Eltern äh das war selbstverständlich eine Ausnahme
[1:54:37] und äh dann wurden irgendwie alle Kinder für arbeitsfähig erklärt und ich kam dann auch ins Arbeitskommando wie man es äh nannte das äh da w- hatten wir fünf einen so genannten Rollwagen zu schleppen zu ziehen einmal also entweder hatten wir Gegenstände
[1:55:01] irgendwie rumtransportiert und einmal weiß ich dass wir die Ruinen eines gesprengten Krematoriums nach äh irgendwelchen Materialien untersuchen mussten also äh Stahl oder oder Ziegelsteine oder etwas auf eine Seite und das andere auf die andere Seite ob
[1:55:23] es zu was Nutze war weiß ich nicht vielleicht hat ein anderes Kommando am nächsten Tag das Ganze wieder zusammen gemischt das war eher so Freude durch Arbeit oder irgendwie Um- Umerziehungsmaßnahme äh so kam ich aber ein bisschen raus und äh gelegentlich
[1:55:42] konnte man irgendwas tauschen äh irgend -nen Abfall was für mich uninteressant war aber irgendein anderer Häftling hatte damit seine Schuhe reparieren können oder was also es war so ein bisschen man fühlte sich so -n bisschen älter und man war nicht
[1:56:03] nur ein blödes Kind welches da den ganzen Tag äh zur äh Nichtstuerei verurteilt ist d- da das war schon war schon irgendwie so äh man gewöhnte sich dran so weit es ging aber das war noch nicht das Ende denn das Lager sollte ja evakuiert werden äh der
[1:56:32] Hauptgrund war die Rotarmisten sollten nicht diese Unmenge von Häftlingen in einem KZ finden die Krematorien gab es nicht mehr äh aber die Menge und überhaupt die Aufmachung des Ganzen war schrecklich genug also war man bemüht die Häftlinge loszuwerden
[1:56:54] äh
[1:56:56]
[1:56:59] es war geplant äh einen die in Marsch zu setzen oder aber man hat angeboten sie können bleiben das wurde uns Kindern so angeboten und jeder konnte sich entscheiden ob er bleiben will oder mitmarschieren äh hätte ich gewusst dass mein Vater im Krankenhaus
[1:57:20] ist und noch lebt und dass die äh Rote Armee äh zwei eine Woche später kommt und dass niemand erschossen wird hätte ich selbstverständlich geblieben nur das hatte einem niemand äh garantieren können also wusste ich es nicht und sagte mir wenn die dann
[1:57:41] verrückt spielen und alle ermorden die hier noch geblieben sind und dann selber flüchten dann hat -s mich getroffen dann das will ich nicht dann bin ich also ich hab mich freiwillig gemeldet und bin mitmarschiert das ist dann ein weiteres Kapitel wieder
[1:57:58] wie man wie ich dann aus Auschwitz nach Mauthausen kam und wie es dann weiter lief [Schnitt] äh nachdem bekannt wurde dass Auschwitz äh evakuiert werden soll konnten sich die Kinder entscheiden ob sie mitmarschieren wollen oder im Lager bleiben wollen ich
[1:58:21] hatte mich äh zum Marschieren entsch- für -s Marschiene- Marschieren entschieden äh das hatte zur Folge dass äh wir aus der Baracke die wir derselben Meinung waren zuerst aus äh Birkenau nach Auschwitz gingen das waren die zwei drei Kilometer etwa wo
[1:58:41] wir dann irgendwelche Unterkünfte bekamen aber äh das war nicht mal eine Nacht denn noch während dieser Nacht wurden wir geweckt und in Fünferreihen äh gestellt wir bekamen eine Ration Brot Margarine oder so was und sind losmarschiert wir wussten nichts
[1:59:06] Näheres wie weit es sein wird oder was mit uns geschehen wird äh das war schon sehr mühsam es war Januar und ziemlich kalt und die äh Welt dort das war eine Ebene wo der Wind wehte und es waren Schneeverwehungen und das Ganze war grauenvoll in der Nacht
[1:59:28] [gestikuliert] trippelte man hinter irgendeinem anderen Fünfer- äh einer Fünferreihe äh weiter hinterher und äh so ging es einen Tag bis zum Abend äh wobei ich nicht so genau sagen kann äh wo wir waren und äh wo welche äh Stationen gemacht worden
[1:59:55] sind wo wir uns ein wenig ausruhen konnten die Tatsache aber ist dass ich äh dem Tempo nicht ich konnte nicht mitmarschieren ich das war mir zu schnell ich bin immer irgendwie ein bisschen zurückgeblieben was äh zur Folge hatte dass ich dann die Schüsse
[2:00:13] hörte die an die äh Liegengebliebende gefeuert worden sind also ich hab begriffen wer liegen bleibt wird erschossen was ja auch der Fall war äh das wurde dann später zum Todesmarsch erklärt war es ja auch ich weiß nicht an welchen Tag es geschah aber
[2:00:32] einmal war es so dass ich schon wirklich wieder fast stehen geblieben s- bin und da kamen auf mich zu also von hinten haben mich eingeholt eine Gruppe von äh starken Männern irgendwie glaube ich gehört zu haben dass sie in der im Schlachthof von Auschwitz
[2:00:53] gearbeitet hatten ob es da einen Schlachthof gab oder nicht weiß ich nicht also vielleicht waren es Köche aus irgendeiner Küche dort auf jeden Fall waren sie gut ernährt also stark und als ob sie aus einem skandinavischen Land kämen also Schweden kann
[2:01:09] es nicht gewesen sein Norwegen oder Dänemark und äh als die gesehen hatten dass ich dass mich die Kräfte verlassen hatten sie mich äh an den Händen genommen und so wie bei »Engelchen Engelchen flieg« [gestikuliert] mit kleinen Kindern gemacht also
[2:01:28] immer gewartet bis ich hinten war und dann haben sie mich nach vorne geschubst und losgelassen oder nicht losgelassen aber halt auf -en Boden gestellt und wieder an mir vorbei und dann wieder so dass sie mir geholfen hatten diese diesen toten Winkel irgendwie
[2:01:41] so tote Minute zu überwinden und dann konnte ich wieder ein wenig weiter marschieren einmal sind wir in irgendeiner Scheune über Nacht geblieben einmal auf einem Fußballstadion einmal hatte man mir meine Brotration geklaut das war so eine ein Ziegelstein
[2:02:01] so dies äh Kastenbrot und äh dann waren wir endlich an einer einem Bahnhof wo wir in äh offene Waggons eingefrachtet wurden das war schon sehr schlimm nur hatte ich das Glück dass ich nicht am Rande war sondern irgendwo in der Mitte also um mich herum
[2:02:29] standen lauter größere Männer und so hab ich diese Fahrt im Winter im offenen Waggon überstanden äh der Zug fuhr über Mährisch Ostrau Wien nach Mauthausen der Donau entlang in Mauthausen hat man uns so fast tiefgefroren aus den Waggons geholt und wir
[2:02:56] marschierten in das Lager Lager Mauthausen lag an einem Hang oben [hustet] man äh sah eine große Treppe und das Ganze war wie so -ne Festung im Unterschied zu Auschwitz der ja in einer Ebene lag und da war es eigentlich [betont:] sehr sehr schlimm denn es
[2:03:21] kamen in ein bereits schon überfülltes Lager noch Tausende und Tausende von aus Auschwitz [hustet] und die äh Bewerkstelligung die äh ähm statistische die die der Empfang konnte nicht so laufen wie es die SS und die untergebenen Organe gewohnt waren
[2:03:49] das der Zulauf war zu groß also musste man überall mehrere Stunden warten eine Pflicht war immer w- bei äh Neuanklömmlingen dass man in die Sauna musste dort hatten wir unsere Klamotten aufge- abgegeben aber diese dann nicht sofort bekommen so dass wir
[2:04:11] am beim ersten Appell äh nur in Unterhosen standen und Schuhe weiß ich nicht ob wir welche hatten auf jeden Fall war es erbärmlich und dann war da noch ein grausamer Kapo der uns äh gezwungen hatte im Gänsemarsch zu marschieren wir konnten nicht in die
[2:04:34] Baracke rein das war tagsüber verboten draußen gab es keine Arbeit für uns denn äh es waren zu viele also da konnte man uns nicht beschäftigen also hatte man uns im Gänsemarsch marschieren lassen also in der Hocke und wer dann umgefallen ist wurde auch
[2:04:55] noch irgendwie malträtiert es war also schon sehr hässlich dann hatten wir endlich äh warmen Kaffee bekommen weil aber jemand während des Appells gesprochen hatte oder sich irgendwie unpassend benommen hatte hatte der Blockälteste den äh Topf mit der
[2:05:16] mit -em Kaffee umgekippt und wir hatten keinen »das habt ihr davon ja wenn ihr nicht gehorcht« no also es war schon sehr sehr schlimm dann bekamen wir endlich irgendwelche Klamotten die nicht unbedingt unsere waren aber noch nicht die volle Häftlingskleidung
[2:05:37] und wurden dann mit dem Zug nach Melk gebracht
[2:05:42]
[2:05:45] Melk war ein Arbeitslager welches unter Mauthausen gehörte und wie ich dann später erfahren hatte waren die Häftlinge dort damit beschäftigt in einem äh Berg einen eine Höhle zu buddeln zu sprengen um
[2:06:07] dort äh die Flugzeug- oder Munitionsherstellung eine Fabrik umzusiedeln die durch die Bombardierung äh ziemlich wehrlos äh also den den Bombern ausgeliefert wurde das wollte man vermeiden und womöglichst bald diese in das äh in die Höhle umziehen äh
[2:06:32] das sah so aus äh wie ich dann später erfahren hatte und zwar äh nachdem ich den das Lager in den neunziger Jahren besucht hatte war dann wieder Kaserne der österreichischen des österreichischen Heers äh das äh war dort so dass es drei man arbeitete
[2:06:58] in drei Schichten äh eine Schicht war am Arbeitsplatz äh weit entfernt vom Lager wurden die wurden immer mit dem Zug hingebracht die andere die zweite äh Schicht war unterwegs und die dritte schlief also hatten wir Kinder so gut wie nie erwachsene Häftlinge
[2:07:18] gesehen ich dachte dass wir die Einzigen in dem Lager sind bis auf die Kommandanten und die äh Blockältesten und so aber sonst ohne ohne andere äh und wir wurden zu aus uns etwa 150 oder -20 Kinder wurde ein Kartoffelschäler-Kommando äh zusammengestellt
[2:07:42] unsere Aufgabe war es äh täglich bis auf Sonntag von Morgen bis Abend in einer ehemaligen Garage für Lastwagen Kartoffeln zu schälen die dann zu Suppe verarbeitet worden sind da ich aber nie die Konsumenten sah also keine Häftlinge die diese Suppe essen
[2:08:07] war ich der Meinung dass es für äh die deutsche Wehrmacht die vielleicht äh am Zaun von der anderen Seite liegt äh gedacht ist also für andere oder andere Lager ich wusste nicht dass es für die äh Bauar- also für die äh die den äh die das Loch für
[2:08:27] die neue Munitionsfabrik äh gebuddelt haben äh die Arbeit war schlecht wir hatten ja keine Messer denn ein Messer ist ja eine Waffe das waren nur Blechstücke die äh statt Griff äh eine ein Stück Lumpen hatte also äh Blechstücke mit Lumpen umwickelt
[2:08:50] und das obere Ende also ein normales Blechstück nicht geschärft oder irgendwie äh vorbereitet diente als äh Messer und die Kartoffeln waren auch nicht so frisch und fest wie man sie hier kennt und kauft sondern eher tiefgefror- also gefroren äh matschig
[2:09:10] und äh hässlich und von einer faulen oder mansch- matschigen Kartoffel die Schale abzuschneiden mit einem Messer welches keins ist ist schon ziemlich schwer außerdem wir Kinder oder ich mindestens hatte nie vorher Kartoffeln schälen müssen und wir hatten
[2:09:28] einen Kapo einen Österreicher einen Verkrüppelten der wohl für anderes nicht mehr zu gebrauchen war der lief da mit dem Gummischlauch in der Hand hinter uns und wenn er sah dass jemand ziemlich dick die Schale abschälte also ziemlich v- viel Abfall produzierte
[2:09:48] bekam er auf -en Kopf [gestikuliert] mit dem Gummischlauch äh der Vorteil dieser Arbeit war dass es überhaupt eine sinnvolle Arbeit war so dass wir als äh Arbeitskräfte angesehen worden sind also es gab keine überflüssige Stehappelle wei- Zählappelle
[2:10:09] weil wir brauchten ja unsere Kräfte für die Kartoffeln es wurde auch nicht irgendwelche Gymnastik gemacht oder also Übungen um uns zu zermürben wir wurden in Ruhe gelassen äh und [räuspert sich] durften nach der Schicht halt irgendwo rumhocken und äh
[2:10:33] uns des Lebens freuen na ja so weit es ging einmal hatten wir am Sonntag wo wir frei hatten äh wir hatten den Ausblick auf die Stadt Melk ist ja wunderschön wenn man jetzt auf der Autobahn fährt die ist noch höher als das Lager aber damals war das Lager
[2:10:50] eine äh ehemalige Kaserne des österreichischen Heers äh modern relativ äh die liegt am Berg oben und äh unten fließt die Donau ist der die Stadt und das wunderschöne Kloster Melk und das alles hatten wir vor uns wie im Theater und plötzlich merkten
[2:11:11] wir weiße Tücher in einigen Fenstern der Wohnungen der Häuser und sofort hat sich herumgesprochen Melk hat kapiti- kapituliert also das hieß nicht nur Melk das muss dann wohl auch die breitere Umgebung gewesen sein oder wohl das ganze Deutschland also
[2:11:27] wurde diese Meldung gleich überall rumerzählt es kamen Scharen von Häftlingen an den Zaun um zu sehen wie Deutschland kapituliert aber das waren leider nur deutsche Hausfrauen die da ihre Bettlaken gelüftet haben also falscher Alarm und es ging weiter
[2:11:48] ich allerdings hatte noch p- persönliche Probleme denn während des Marsches aus äh Auschwitz hatte ich äh an der Achillesferse äh eine Wunde die das war abgeschürft und da ja die hygienischen Verhältnisse miserabel waren äh heilte sie nicht und es
[2:12:14] wurde schlimmer und es kam nichts raus es ist irgendwo in das Bein gestiegen und äh ich musste ins Krankenhaus also in den äh R- in ins Revier in eine Baracke die als Krankenhaus für die Häftlinge eingerichtet war dort war ein sehr sympathischer ungarischer
[2:12:36] Arzt der äh zu allen nett war und zu mir sagen wir doppelt so nett ein sehr lieber Mensch der es mir so verbunden hatte wie es nur ging also es er hatte ja nichts zur Verfügung äh das waren äh statt Verbandszeug das war es nur Papier also etwas wie wie
[2:13:02] das heutige Klopapier das war das Verbandszeug damals und damit hat er es ja irgendwie doch desinfiziert oder versucht und mich wieder gehen lassen äh so dass ich dann jeden zweiten Tag hin musste aber schließlich war es noch schlimmer und ich durfte im
[2:13:21] Bau bleiben im Krankenhaus und äh das war nicht schlecht ich konnte also ein bisschen ausruhen andererseits darf man sich das nicht wie ein Krankenhaus vorstellen das waren dreistöckige Einzelbetten da es aber zu viele Erwachsene äh dort gab das waren die
[2:13:42] Arbeiter die nicht zurecht kamen und halt geheilt werden mussten damit sie wieder in Einsatz kommen äh lagen wir zu dritt in einem Bett für einen was ja eh so schmal war wie ein Sarg und da quetschten wir uns also so dass zwei Außenseiter die Köpfe oben
[2:14:03] hatten und der andere zwischen unseren Köpfen die Füße also wie Sardinen in der Büchse äh also schön war -s nicht aber ich hab mich da doch ein wenig erholt und musste keine Kartoffeln schälen äh als ich dann für gesund erklärt wurde bin ich wieder
[2:14:22] in äh in die Küche und da wurde selbstverständlich auch geklaut die Kartoffeln wir ham also manchmal welche mitgenommen und dann getauscht und für also einige für Zigaretten ich eher für was anderes aber ich weiß nicht wofür und äh das war ja dann
[2:14:43] irgendwie ging -s ja wieder aber der Fuß war wieder schlechter und dann hat man mich dort schon gelassen ich musste also ich blieb dann bis zur Evakuierung des Lagers vielleicht noch zwei Wochen in dem Krankenbett liegen dabei ist mir eine Szene in Erinnerung
[2:15:05] geblieben normalerweise kamen ja keine Är- äh keine deutsche uniformierte Deutschen nicht in das Krankenhaus ich äh konnte als Kind ja eh nicht unterscheiden wer Mitglied der Wehrmacht oder der SS ist ich hatte vorher keinen deutschen Soldaten in Uniform
[2:15:29] oder keinen Deutschen in Uniform gesehen ich wusste nicht was der Unterschied ist ich wusste auch den kannte den Begriff SS nicht also wenn ich dann irgendwo geschrieben gesagt habe es war ein äh deutscher Soldat kann es genauso gut auch ein SS-Mann gewesen
[2:15:45] sein auf jeden Fall kam ein uniformierter deutscher Arzt ins Zimmer und war der Meinung dass alles Simulanten sind und die sollten ja wieder äh schnellstmöglich arbeiten der ungarische Arzt war als Begleitung dabei hatte selbstverständlich behauptet dass
[2:16:09] alle ziemlich krank sind was der sehen wollte und das war wiederum ganz einfach den zu überzeugen denn in dem Zimmer lagen nur Leute mit Eiter eitrigen Wunden und jeder steckte seinen Hand oder Fuß raus und der wusste gleich dass es also dass die schon einen
[2:16:27] Grund haben hier zu sein nur einer konnte es nicht und der blieb nur liegen also so ein sehr abgemagerter Typ Muselmann nannte man diese Typen aber dort gab es weniger davon äh ja und der hatte keine Wunde und konnte nichts vorweisen da sagte er »ah was
[2:16:51] ist mit dem« »der hatte Durchfall« »ah wenn er Durchfall hat« sagte der deutsche Arzt »dann soll er es doch vorführen« dann wurde ihm ein Nachttopf gebracht und der musste sich draufsetzen und saß und saß und es kam nix und jetzt dachte ich nach
[2:17:09] fünf Minuten nimmt der SS-Mann oder wer es auch war seine Pistole und erschießt den auf dem Nachttopf und dann den Arzt und dann uns alle aber irgendwie hatte er seinen häftlingfreundlichen Tag und hat uns nicht erschossen und meinte dann »ja soll er doch
[2:17:27] sich wieder hinlegen« also so was gab es auch
[2:17:30] äh das ging dann bis äh Mitte April etwa wo es dann plötzlich hieß von einem Tag von von einer Stunde zur anderen »antreten antreten alle raus äh es geht wieder zurück nach Mauthausen« äh das muss man
[2:17:46] so verstehen Melk liegt östlich von Mauthausen dann wenn man aus dem Ost- vom Osten kommt Wien Mauthausen Melk und dann geht es Richtung Salzburg weiter westlich und die äh Lagerleitung wollte uns alle Richtung Mauthausen ob dann in das Lager oder anderswo
[2:18:08] weiß ich nicht ob das schon so geklärt war auf jeden Fall weg vom Osten damit wir den Amerikanern in die Hände fallen und nicht den Russen so sind wir also [räuspert sich] äh mi- mit dem Zug wieder nach Mauthausen gefahren wo es dann also schon [betont:]
[2:18:27] sehr sehr schlimm war gemessen an den Sachen vorher weil da war es noch mehr überfüllt wie zuvor es kamen nicht nur die Leute aus den östlichen Arbeitslagern dazu die zu Mauthausen gehörten und dort schon mal evidiert waren sondern auch ungarische Hilfstrupps
[2:18:49] die aus Juden oder äh politisch unzuverlässigen oder irgendwelchen anderen Elementen zusammengestellt worden sind und in den letzten Monaten äh Schützengraben gegen die ranrückende äh Rote Armee bauen mussten die waren zwar selbstverständlich unter
[2:19:12] deutscher äh Herrschaft und äh hatten sehr gelitten aber bei bei weitem waren sie nicht so runtergekommen wie wir die schon seit Monaten äh im KZ waren das waren doch irgendwie an im Vergleich zu uns stramme Typen und das alles kam dann plötzlich in Mauthausen
[2:19:36] zusammen wir da gab es glaub ich kein Bad mehr ich weiß es nicht genau ob es mit der Sauna noch überhaupt so durchgehalten wurde auf jeden Fall hatte ich immer weniger und weniger meiner Kleidung äh ist immer irgendwo was verloren gegangen stattdessen war
[2:19:57] dann schon diese äh blau- -graue Häftlingsuniform zum Teil ich hatte Probleme mit dem Schuh weil ich ja nicht richtig die Ferse äh belasten konnte oder die war auch nicht geheilt und wir schliefen am Boden da waren keine Betten mehr mich hatte der Blockälteste
[2:20:19] äh auserkoren mir angeboten mit ihm in seinem Zimmer zu übernachten und dafür auch ein Stück Brot versprochen was mir sehr gut gefallen hat und hab dann zu meinem Glück es meinen Freunden den die ich da in Melk hatte aus Melk mitgenommen habe denen
[2:20:45] habe ich es erzählt und die hatten mir äh die Augen geöffnet oder vielleicht auch nicht aber auf jeden Fall abgeraten und so kam ich um diese Scheibe Brot um um das Vorspiel und die Sachen die selbstverständlich äh das Brot hätten äh irgendwie schmackhafter
[2:21:07] machen sollen ich hab mir das erspart das alles hab ich erst viel später begriffen was da von mir verlangt wurde weswegen ich äh da zu seinem Lustknaben hätte sein sollen weiß ich nicht so entzückend konnte ich damals auch nicht aussehen aber vielleicht
[2:21:25] war kein Besserer in der Nähe ich weiß auch nicht ob er dann einen anderen gefunden hatte äh das war ein Häftling selbstverständlich ein ein äh ein deutscher Soldat oder SS-Mann hätte so was ja nie gemacht mit einem Häftling ja nach äh einigen wenigen
[2:21:43] Tagen wurden wir in Mauthausen in ein Zeltenlager äh v- gebracht das war zwar im Rahmen hinter den Mauern des Lagers auf einer grünen Wiese die noch zum Lager gehörte das waren Zirkuszelte die dort aufgebaut waren es war auf einem Hang kein Stroh oder etwas
[2:22:12] am Boden das war einfach das Gras zermanscht weil man ja rüberlief wenn es regnete regnete es kam das Wasser durch die durch das Zelt rein und floss wieder auf der anderen Seite weg und da waren wir als wir aus dem b- Gebauten also aus den Häusern in das
[2:22:32] Zeltenlager gingen wurden uns die Löffel abgenommen warum weiß ich nicht vielleicht war man der Meinung dass wir sie eh nicht mehr brauchen werden auf jeden Fall hatte ich da kein Essgeschirr mehr und keinen Löffel was ja bis dahin jeder Häftling haben
[2:22:49] musste es wurde auch kontrolliert und das war schon alles passé und da hatten die Ungarn die Starken das Sagen wir wurden dann irgendwie in Gruppen zu zwanzig verteilt äh wo dann immer einer dafür sorgte dass er das Stück Brot das Laib Brot an uns verteilte
[2:23:08] selbstverständlich hatten die Stärkeren immer die größeren Stücke erworben und wir den Rest na ja und so ging es wieder einige Tage bis es dann hieß wir marschieren wieder weiter Richtung Westen und das war dann der zweite Todesmarsch auch furchtbar
[2:23:29] blöd und schrecklich denn da schleppte sich der ganze Tross durch eine sehr schöne Landschaft übrigens aber wir hatten dann überhaupt nichts mehr zum Essen einmal sind wir auf einer Wiese äh stehengeblieben haben da auch übernachtet das sind etwa dreißig
[2:23:51] Kilometer ich weiß es nicht genau also auf jeden Fall mit dem Auto ganz schnell zu bewältigen aber es war schon ziemlich schlimm ich weiß dass wir da Gras gegessen haben einfach von der von der Wiese also abgerupft und gegessen es wir wir wussten nicht
[2:24:08] mehr was tun dann sind wir endlich in Gunskirchen angekommen das sollte ein weiteres Lager von Mauthausen äh werden wurde aber noch nicht fertig gebaut es waren Holzbaracken wo der Fußboden fehlte es gab keine Toiletten äh und äh Wasser wurde in große
[2:24:36] Fässer die im Boden eingelassen worden sind im Wald eingepumpt also a- eingeschüttet und von dort konnte man sich das mit -em Essschuss wer also Essschale wer einen eine hatte konnte es damit rausholen ich weiß dass ich mal einmal Wasser holen wollte in
[2:24:57] irgendeinen in irgendein äh Teller oder was und unten lag eine ertrunkene Frau in dem Lager waren auch Frauen schon drin also das gab es vorher nie es gab Männerlager Frauenlager oder im Rahmen eines Lagers war es streng getrennt aber hier war es schon so
[2:25:18] äh unkontrolliert dass auch in diesem Lager äh in den Baracken oder vielleicht Nebenbaracken Frauen waren allein die Frauen in diesem Zustand zu sehen war für mich schon grauenvoll denn das hab ich bis dahin nicht gesehen also ich war ja immer nur unter
[2:25:36] Männern und äh die Frauen die letzten das war die Mutter mit der Cousine die waren damals aber noch fit und äh das äh da gab es nichts mehr zu tun das war dann schon Anfang Mai da war der Hitler schon tot ja und wir saßen da im Wald äh in der Hocke in
[2:25:57] den äh feuchten Baracken es regnete äh wenn einer aufgestanden ist um auf um die Notdurft zu verrichten ich kann nicht sagen auf -s Klo denn es gab keine Klos man konnte höchstens an der Baracke kacken äh da wurden ham sich die um ihn Herumsitzende sofort
[2:26:20] breiter gemacht und er konnte nicht mehr zurückkehren also niemand hatte seinen Platz reservieren können das war eine riesige Menge von Menschen die sich da zusammen äh getan haben also gepf- gedrückt haben und sobald was frei wurde ham sich die selbstverständlich
[2:26:37] sofort breit gemacht und so blieben auch die Leichen unter uns höchstens hat man sie flachgelegt und sich draufgesetzt weil niemand wollte seinen Platz verlieren indem er da einen Verstorbenen vor -s Haus legt es gab auch keine äh Krematorien oder Begräbnisstätte
[2:26:57] oder etwas wo man die Leichen hätte entsorgen können also es war wir wir hatten keine Obrigkeit mehr so die Deutschen waren nicht mehr so präsent aber es war sie waren noch da und ich hab irgendwie den Eindruck es gab gar nix mehr zum Essen also im in dem
[2:27:19] Zeltlager weiß ich noch dass da Brotlaibe verteilt worden sind hier kann ich mich überhaupt nicht erinnern ob es da -ne Suppe gab oder irgendwas obwohl es der le- die letzte Station war also theoretisch hätte ich es noch besser wissen müssen als die vorigen
[2:27:34] Geschichten ja und äh dass ich war dann auch so geschafft und und müde dass es mir auch Mühe machte wenn es dann ein bisschen schöner draußen war haben sind doch welche aus der Baracke raus dadurch wurde es bisschen lockerer und ich bin dann auch raus
[2:27:54] ja das Wasser holen sowieso und äh es war aber echt äh ja dann äh kam plötzlich die Meldung »das Rote Kreuz ist da und verteilt Pakete« und das klingt merkwürdig aber tatsächlich Anfang Mai kam ein Konvoi vom Roten Kreuz aus der Schweiz und hatte an
[2:28:17] die Häftlinge Lebensmittelpakete verteilt es bildete sich eine riesige Schlange also es gibt gab keinen mehr der hätte sagen können zuerst die Baracke eins und dann die Baracke zwei oder so was das war schon im Verfall also haben wir uns schnell angestellt
[2:28:34] wer noch die Kraft dazu hatte dann kam es aber irgendwo vorne weit vorne wir hatten ja die Tische mit den Gaben nicht mal gesehen also ich aus der Ferne äh gab es ein Gerangel und die Wachposten haben angefangen in die Menge zu schießen da ich aber hinten
[2:28:54] stand äh bin ich geflüchtet und es hat mich nicht getroffen aber es gab Tote dabei das muss alles am zweiten dritten Mai vielleicht gewesen sein ja am achten war Kriegsende äh das Lager lag zwischen zwei Fronten zwischen der r- sowjetischen und der amerikanischen
[2:29:15] so dass es als eines der letzten befreit wurde
[2:29:20] dazu kam es am vierten Apri- äh am vierten Mai abends da kam ein Jeep mit Amis in das Lager wurden die wurden umzingelt wir guckten uns um und es waren keine Wachposten mehr da die Amis waren die einzigen Uniformierten
[2:29:38] na das war ein großer Jubel so weit noch jemand jubeln konnte die die die Kraft dazu hatte also wir waren frei da haben sich die Jungs aus äh der Tschechoslowakei die die ehemaligen dem ehemaligen der ehemaligen Tschechoslowakei zusammengefunden wir hatten
[2:29:59] uns ja auch zum Teil aus den Augen verloren bei diesen bedrängten Verhältnissen aber wir waren dann zu 14 glaube ich äh es wurde ein Pferd geschlachtet welches dort äh als Zugpferd vorher eingesetzt war und ich bin zufällig vorbei als es auseinander genommen
[2:30:18] wurde hab wieder inzwischen eine Essschale organisiert wie man damals zu sagen pflegte also geklaut aber im Lager hatte man ja nicht geklaut sondern organisiert und irgendwie ist es mir gelungen ein Stück Pferdefleisch rauszureißen aus dem Kadaver und es
[2:30:41] mitgebracht zu dem Treffpunkt mit den Jungs damit dadurch bin ich im Wert gestiegen und wir wollten es nicht gleich essen wir waren auch müde es war Abend und in die Baracke wollten wir auch nicht also setzten wir uns immer zwei und zwei mit den Rücken zueinander
[2:31:01] wir lehnten uns mit den Rücken also an einander an und auf der Vorder- und der Rückseite saßen auch zwei mit dem Rücken zu uns so dass hinter unseren Rücken ein nobles Versteck war in d- welches keiner Fremder rein konnte da langte mein Essschuss mit
[2:31:24] dem Pferd rein das wurde da versteckt bis Morgen damit es bis zum Morgen niemand klaut denn das war schon was Wertvolles und in der Nacht merkte ich dass es zufälligerweise direkt hinter mir war obwohl also sieben oder sechs Leute da sechs da und da noch
[2:31:41] die zwei aber ich hatte es so in griffbarer Nähe [gestikuliert] so hab ich da reingriffen und was abgezupft und das rohe Fleisch gegessen und es war sehr gut und ich fühlte mich sehr wohl dabei und am nächsten Morgen haben wir Feuerchen gemacht und das
[2:31:57] Fleisch gebraten und das war sehr schön und dann sagten wir uns so und jetzt verlassen wir das Lager und jetzt sind wir frei jetzt marschieren wir Richtung Osten und irgendwann kommen wir in unsere Heimat wird schon irgendwie gehen ich war nicht der Jüngste
[2:32:16] es war da noch glaube ich ein Zehnjähriger wie der das überlebt hatte weiß ich nicht aber es waren vielleicht wir waren zu viert aus der Slowakei und die Zehn waren aus äh Tschechien also Böhmen und Mähren äh so gingen wir los und so kamen wir aus dem
[2:32:39] Lager in die Freiheit da würde ich jetzt eine Pause machen denn das ist ja eigentlich äh jetzt wieder ein anderer Abschnitt wenn [Schnitt]
[2:32:50] gut wir ähm bevor wir weiter ähm sprechen darüber was nach der Befreiung geschehen ist wo Sie mit der Gruppe von äh 14 oder was Sie gesagt haben hingegangen sind wollen wir kurz noch zwei Sachen nachtragen einmal ähm ham Sie eine Begegnung mit einem Arzt
[2:33:10] ähm gehabt in Melk äh wo Sie äh Dinge erfahren haben ähm nachher die wollen wir noch nachtragen
[2:33:20] äh ich hab mal in der »Frankfurter Allgemeinen« vor etwa sieben Jahren eine Rezension gelesen über äh ein autobiografisches Buch eines äh ungarischen Arztes der zur Zeit schon in Deutschland lebte äh ich hab äh da auch Melk erwähnt wurde als einer
[2:33:46] der Stationen seiner KZ-Geschichte war mir sofort klar dass es der ungarische Arzt ist der mich da äh im Revier in Melk verarztet hatte und überhaupt sich sehr menschlich benahm ich hab zuerst das Buch bestellt dann hab ich über den Verlag äh Fischer-Verlag
[2:34:06] äh versucht den Autor zu kontaktieren der Verlag hatte die [hustet] meinen Brief an die Tochter des Autors geschickt denn er lebte nicht mehr er ist äh zwei Jahre zuvor etwa hier gestorben dann hat mich die Tochter angerufen die lebt in Köln und wir hatten
[2:34:28] ein sehr langes Gespräch sie hat sich selbstverständlich gefreut äh dass ich nur Gutes äh über ihren Vater sagen konnte aber es ist auch so eine Geschichte wie man es immer wieder liest sie selber ist nach dem Krieg geboren und hatte äh das meiste über
[2:34:48] das Schicksal ihres Vaters dem er ja ein ganzes Buch äh gewidmet hat und ein nicht eben kleines ein dickes das hat die Tochter eigentlich erst in dem Buch gelesen sie hatte es vorher so ausführlich nicht gewusst und erst nachträglich äh aus dem Buch aus
[2:35:11] den Erinnerungen des Vaters erfahren das äh ist schon merkwürdig wir wollten uns dann auch treffen aber es wurde nichts draus eigentlich hätten wir uns dann mehr nicht mehr zu sagen aber irgendwie ich war traurig dass ich den Mann nicht mehr treffen konnte
[2:35:28] und mich bei ihm persönlich bedanken konnte denn ich bin überzeugt davon hätte er mich damals da nicht zwei mal ausruhen lassen liegen lassen äh hätte ich das Ganze nicht überstanden bei mir ging es ja tatsächlich um Tage noch zwei drei und ich wäre
[2:35:44] äh aus äh Mangel an Ernährung oder aus äh Kräftemangel einfach da gestorben äh er war auch
[2:35:53] können Sie den Namen des Arztes einmal sagen und das Buch zeigen ?
[2:35:58] [gleichzeitig:] ja ja das ist Ladislaus Szücs es äh er lebte in dem äh Stück Land welches während des Krieges zu Ungarn gehörte dann aber nach dem Krieg zu Rumänien er kam also aus Rumä- als Rumäniendeutscher in den fünfziger Jahren nach Deutschland
[2:36:18] mit Familie und lebte hier und äh starb hier äh ich weiß nicht ob er noch praktizierte auf jeden Fall musste es selbstverständlich ein älterer Herr sein wo er in Melk schon äh ein erfahrener Arzt war das Buch heißt »Zählappell als Arzt im Konzentrationslager«
[2:36:41] äh ich hab noch ein weiteres merkwürdiges Buch anzubieten und zwar äh geht es um die Befreiung von Gunskirchen von dem Lager wo ich befreit wurde von den Amis äh als ich mal im Internet aus langer Weile Stichwort Gunskirchen äh eintippte kamen viele
[2:37:12] äh äh Links auf äh das Lager was ich äh eigentlich öh sehr merkwürdig fand ich dachte das ist in Vergessenheit geraten aber nein es zeigte sich das hauptsächlich in den letzten Jahren dort auch äh Feierlichkeiten zum Tag der Befreiung stattgefunden
[2:37:34] haben der österreichische äh äh Staatspräsident äh Karl Heinz Fischer hatte dort mal gesprochen und ich hatte auch seine Rede im Internet gefunden und in seiner Ansprache erwähnte er dass er ja nicht so viel über dieses Lager wüsste wenn man ihm nicht
[2:37:56] ein Büchlein aus dem Internet zuge- äh -stellt hätte äh »The Seventy-First came to Gunskirchen Lager« er hatte es also genannt [zeigt ein Buch] und äh sagte dass es die amerikanische Soldaten waren äh die das Lager befreit hatten die waren so davon
[2:38:25] schockiert dass sie noch an Ort und Stelle ihre Eindrücke geschildert haben die Fotografen haben ihre die Armeefotografen haben ihre Fotos zur Verfügung gestellt und noch im Sommer 45 ist dieses Buch in Deutschland also eine Broschüre eher erschienen in
[2:38:49] englischer Sprache äh da hab ich selbstverständlich sofort nachgeguckt und tatsächlich kam mir nach einer kürzeren Suche der Text mit Fotos äh auf -en Bildschirm ich hab sie dann runtergeladen gebunden und nicht so richtig verstanden weil mein Englisch
[2:39:12] nicht das Beste ist ich hab dann aber meine Söhne gebeten ins Deutsche es zu übersetzen was sie getan haben und äh daraus ist dann die Übersetzung ins Deutsche entstanden äh nur dass Titelblatt ist das alte geblieben es ist auch von einem Freund von mir
[2:39:32] äh schön umbrochen worden also jetzt äh darf man selbstverständlich äh nur buch- äh -gestalterische Maßnahmen [zeigt Buch] äh zum äh a- Messen nehmen nicht nicht die Fotos äh es äh die A- die US- äh -Soldaten schildern wie schrecklich es war was
[2:40:01] sie da alles gesehen haben sie wussten nicht was in diesem Wald sie erwartet sie waren schockiert soviel Leid und Tote und Hunger zu sehen äh und diese diesen Schmutz und das war zu viel für sie sie mussten es loswerden sie mussten es aufschreiben äh mich
[2:40:23] hat da besonders beeindruckt dass sie auch das äh geschlachtete Pferd erwähnen welches ich wiederum in meinen Erinnerungen erwähnte so dass ich mit ruhigem Gewissen sagen kann äh ich hab nicht gelogen die Amis haben es bestätigt die haben es auch gesehen
[2:40:42] äh ich äh hatte so -n bisschen Bedenken wegen des Copyrights es aus -em Englischen ins Deutsche äh einer der Söhne hatte dann den Verwandten dessen Eigentum die englische Version war äh angesprochen also angeschrieben äh per E-Mail ob er was dagegen
[2:41:06] hätte er hat sich nicht gemeldet wir ham es ja auch nicht verkauft also äh wir sind nicht reich damit geworden äh auch hat sich so gut wie niemand äh interessiert äh niemand wollte es lesen es sind die Schilderungen der grauenhaften Bilder die sie da
[2:41:22] gesehen haben äh in dem in der deutschen Übersetzung steht dann auch wie äh wo man es im Internet sehen kann und dass diese deutsche Übersetzung es auch gibt und wer Interesse hat sich bei mir melden könnte es hat sich niemand gemeldet und äh so bleibt
[2:41:47] das Angebot immer noch bestehen äh das ist die Geschichte des amerikanischen der amerikanischen Zeugen die das die mich befreit haben
[2:41:58] ähm ich würde gerne noch mal äh fragen zu diesen letzten Monaten so sehr allgemein das ist ja ein Zustand völlige von von es ist ein völliges Chaos ähm alle Strukturen haben sich aufgelöst
[2:42:14] [gleichzeitig:] ja
[2:42:17] ähm und Sie Sie werden von einem Ort zum nächsten geschoben sind sehr krank haben kaum noch was zu essen es ist schlechtes Wetter Sie vegetieren eigentlich nur noch mit Tausenden anderen vor sich hin ähm und Sie ham das gerade so sehr ähm ich würde
[2:42:35] mal sagen Sie ham das so beschrieben dass das einfach so passiert ist ähm
[2:42:43] [gleichzeitig:] ja
[2:42:45] wenn man sich jetzt für -n Moment äh wenn man sich dann noch mal entfernt für -n Moment und sich überlegt ein halbes Jahr vorher waren Sie auf diesem Hof in äh ich hab den Namen leider wieder vergessen
[2:42:55] [gleichzeitig:] Brunovce
[2:42:57] genau
[2:43:00] äh in Sicherheit sozusagen
[2:43:02] wenn Sie wenn Sie diese Zustände äh vergleichen ist das wird das für Sie verständlich heute wie Sie äh was in dem Jahr passiert ist ?
[2:43:07] äh nun ja das war so was Außergewöhnliches was ich da seit der Verhaftung erlebt hatte dass ich es nicht vergessen wollte und deswegen hab ich es wohl auch aufgeschrieben womöglichst genau also damit die Daten stimmen äh aber ich war nicht fähig irgendwie
[2:43:28] meine Gefühle dahingehend auszudrücken äh schwere Last getragen im Vergleich mit den Zuständen im Rahmen meiner Familie das sind alles Sachen da muss man entweder ziemlich begabt sein in jungen Jahren oder bisschen älter sein äh wir hatten in der Schule
[2:43:49] nicht gelernt unsere Gefühle äh auf -s Papier zu legen da war wohl cool angesagt schon damals und äh das konnte ich einfach nicht und äh selbstverständlich äh hatte man darunter dort gelitten andererseits waren viel andere Probleme näher also es hatte
[2:44:10] keinen Sinn nach den nach dem Wiener Schnitzel zu lechzen welches vor einem halben Jahr serviert wurde sondern eher erinnerte man sich an die Scheibe Brot die man eventuell verloren hatte oder die einen erwartet das die Gegenwart war äh bestimmend äh man
[2:44:30] hatte nicht soviel Muße sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen und das führte ja zu nichts das war ja äh eigentlich kontraproduktiv äh da hätte man höchstens weinen können dass hätte wär man nur geschwächt davon also man hat sich auch gegenseitig
[2:44:48] irgendwie immer hoch- äh -gepäppelt oder wenn einer angefangen hatte Unsinn zu reden dann hat man ihn gemaßregelt und »jetzt sei still ja wir wissen Rührei ist dein Lieblingsessen aber vergiss es ne was soll -s«
[2:45:03] also solche Gespräche
[2:45:07] [gleichzeitig:] das
[2:45:11] gab es untereinander
[2:45:13] ja gelegentlich ist jemand äh ausgebrochen und hatte sein Herz versucht auszuschütten aber äh dass da wurde man gleich gemaßregelt »jetzt lass das ne das ist ja alles Quatsch« genau so wie mit dem sich an die Familie zu erinnern ja wie der Papa doch
[2:45:23] äh dies und jenes tat oder die Schwester oder wer das äh wurde gleich untersagt »jetzt glaub ja nicht dass sie dich zu Hause erwarten ja die gibt -s ja längst nicht mehr die sind durch den Schornstein weg ne das weiß man ja« also so so lief es da man
[2:45:38] konnte sich die edlen Gefühle und die Vergleiche nicht leisten so würde ich meinen andererseits habe ich von den Rühreiern so äh oft geschwärmt nehm ich an äh dass dann als wir bereits aus dem Lager raus sind und auf der Hauptstraße Richtung Osten marschiert
[2:45:58] sind äh unsere Gruppe zu 14 äh äh sind wir dann in einem Ort stehen geblieben es war auch schon Abend und es wurde ein äh Lagerhaus mit Lebensmitteln äh geplündert nicht von unseren Leuten aber von den Vorgängern die schon eine Stunde früher da waren
[2:46:19] vielleicht den Stärkeren und man die Jungs konnten rein ich blieb sitzen wo ich war ich hatte nicht die Kraft dazu aber einige sind da so mit der mit dem Tross äh zum zum Magazin und hatten dann äh Teigwaren gebracht und Eier und das wurde dann in einem
[2:46:38] Rohbau wo wir eingezogen sind äh gekocht und ich bekam ein Ei weil der ja schon immer von dem Ei m- Ei schwärmt also so wurde es mir dann serviert
[2:46:53] äh so so ging der Marsch los und so marschierten wir Richtung Osten f- nicht allzu lange ich würde meinen
[2:47:05] einmal Übernachtung und dann den nächsten Tag und als wir eben uns ausruhen wollten äh kam ein äh Jeep mit äh US- äh -Nachrichtenoffizieren glaube ich damals war es für mich Soldaten selbstverständlich und als sie die Gruppe dieser Jugendlichen im
[2:47:30] in diesen Lumpen gesehen hatten wollten sie uns sofort fotografieren sie fragten ob wir was dagegen ha- hätten wir hatten nichts dagegen und so wurden wir fotografiert und dann mit Zigaretten belohnt Zigaretten waren ja so gut wie Zahlungsmittel jeder hat
[2:47:49] es gerne genommen und dann kam ein Lastwagen ob es diese Leute arrangiert haben oder ob es ein Zufall war auf jeden Fall fuhr ein äh Ami-Lastwagen Richtung Osten in das nächste Städtchen und hat uns alle äh mitgenommen wir kamen in die Kaserne des äh
[2:48:17] der Luftwaffe die bereits leer war selbstverständlich und äh in einem Haus durften wir uns ein Zimmer aussuchen es gab auch Strohsäcke und da lagen wir in äh einem Raum nebeneinander und freuten uns dass jetzt alles nur noch besser sein wird äh wir hatten
[2:48:44] auch äh zum Essen bekommen vorher ja sowieso das Ei und vielleicht noch was auf jeden Fall bekam ich schreckliche Bauchkrämpfe und Durchfall und zu dem eh schon kaputten Bein kam also eine allgemeine Schwäche ich ich konnte nicht mal aufstehen um auf -s
[2:49:04] Klo zu gehen was wiederum den Freunden zuwider war selbstverständlich und haben einen Arzt gerufen das war ein ehemaliger Häftling auch ein Ungar aber nicht Herr Szücs und äh der hatte mich untersucht ein klein wenig und sagte dann auf Deutsch »todeskrank«
[2:49:25] über mir und das fand ich ziemlich unfair dass ich jetzt sterben soll wo ich das eigentlich alles schon hinter mir hatte aber [lachend:] man hat mich ja nicht gefragt und ich wurde dann in ein Krankenhaus gebracht welches auch in einem dieser Kasernenhäuser
[2:49:46] war es war äh wohl ein Lazarett für die Wehrmachtsoldaten äh und dass meine also äh Luft- äh na die die Luftwaffe äh gut eingerichtet würd ich meinen und die Ärzte waren Amerikaner nur das Hilfspersonal also die Schwestern und die äh Sanitäter waren
[2:50:10] Deutsche ich will nicht sagen Entnazifizierte damals hatte man andere Sorgen also Leute die vom Fach kamen und äh ich wurde untersucht äh röntgen es wurde festgestellt äh dass ich eine Lungen-Tbc habe und äh wohl höchstwahrscheinlich eine Knochen-Tbc
[2:50:33] weil wie sich dann später herausstellte der äh das Vereiterte konnte nicht raus ist durch den Körper hochgerutscht und blieb hier äh sitzen ich konnte daher also nicht mehr richtig sitzen ich hatte Schmerzen hier so wie auch unten und es wurde als Knochen-Tbc
[2:50:58] diagnostiziert dagegen gab es dort nichts und äh gegen die Lungen-Tbc auch nicht also der Magen war der erste der sich erholt hatte dann hatte ich nur noch Hunger und der Rest hat sich dann auch so weit äh gemildert die Schmerzen dass ich nach einiger Zeit
[2:51:21] rumhumpeln konnte also aufstehen konnte und auf -en Flur und dann sogar paar Mal auch bisschen draußen spazieren konnte das war dann Mai Juni das Wetter war schön die Freunde waren alle weg inzwischen denn die sind äh mit einem Schiff Richtung äh Osten
[2:51:42] die Donau äh runtergefahren das wusste ich ja nicht mal nur als ich das Zimmer besichtigen wollte waren sie weg und äh ich hab mich allmählich aus meinem meinen Leiden erholt äh um meine Zeit totzuschlagen habe ich äh die Erinnerungen aufgeschrieben sonst
[2:52:07] waren die äh Sanitäter zu mir sehr lieb vielleicht hatten sie Kinder in demselben Alter zu Hause man kann es ja nicht wissen auf jeden Fall weiß ich dass sie mir ein Märchenbuch äh geschenkt haben welches sie irgendwo gefunden haben äh »Der kleine Muck«
[2:52:25] war es äh von Hauff das hab ich in Ehre gehalten und zu Hause stolz jedem gezeigt aber es kam dann nicht mehr nach Deutschland also es ist dann dort geblieben nach der Emigration das das konnte man nicht rüber bringen also das war Hörsching
[2:52:45] dann wurde wieder
[2:52:47] ein äh Trupp zusammengestellt von aus Tschechoslowaken äh diesmal aber nicht mehr mit dem Schiff die Donau runter was für mich der bequemste Weg gewesen wäre da wäre ich in drei vier Stunden zu Hause gewesen aber es ging zuerst nach Linz Linz liegt nördlich
[2:53:07] äh war eigentlich der Flughafen war der Flugha- der Militärflughafen der Stadt Linz äh da Linz war unter sowjetischer äh Leitung auch das Krankenhaus äh da blieb ich weitere Wochen das ging dann alles besser und besser bis dann wieder ein Transport zusammengestellt
[2:53:31] wurde mit den Tschechen und Slowaken Richtung Norden äh nach Prag über Budweis das ist ganz nach oben also in einfach nur nach Norden da s- bin ich das war ein Transport mit äh auf Lastwagen da sind wir zuerst in eine Kaserne in Budweis äh gekommen wo
[2:53:58] wir übernachtet hatten dort hatte ich eine äh schlimme Erfahrung gemacht das heißt ich war Zeuge einer tragischen Geschichte es war mit uns ein netter polnischer Junge gekommen Polen liegt ja noch weiter nördlich also wurden auch die Polen mitgenommen
[2:54:21] und der traf in dem äh in der Kaserne seinen Vater von dem er getrennt war und er war sicher länger im Lager als ich denn wir kamen erst im November 44 die polnischen Kinder sind wesentlich früher ins Lager gekommen und die haben sich umarmt und waren unwahrscheinlich
[2:54:45] froh und da kamen irgendwelche Häftlinge dazu nicht von uns sondern die schon im Lager in der Kaserne waren und sagten »dieser Junge war doch ein Lau- Läufer« also die rechte Hand des Blockältesten »und hat uns Schaden zugerichtet der hat gepetzt er
[2:55:07] hat uns verraten er hat böses Zeug getan« da hat man die wieder getrennt und der Junge ich will nicht sagen kam ins Gefängnis aber wurde sicher verhört oder auf jeden Fall wurde die gute Laune äh gesch- geschädigt ich weiß nicht was daran stimmte aber
[2:55:26] warum sollte man sich so was ausdenken das war also Budweis von dort aus sind wir dann mit dem Zug nach Prag in Prag hatte ich zwar eine Anlaufadresse das hat mir der Vater eingehämmert ich weiß sie bis heute noch aber damals ist sie mir halt aussem Kopf
[2:55:46] gefallen das war ein Geschäftspartner vom Vater ein Arier also dem drohte keine Verhaftung dies war der Stein in der Brandung als wir uns verabschiedet haben sagte er »Herr Komeda Bredovska vier ist in der Nähe des Bahnhofs da gehst du hin solltest du als
[2:56:06] Befreiter äh durch Prag zurückkommen« das habe ich nicht getan so hätte ich mir einiges wieder paar Tage gespart und die Eltern auch aber äh wie gesagt wusste ich nicht hab vergessen ich bin dann umgestiegen auf den Zug nach Bratislava der kam und wir
[2:56:27] fuhren da war die Zusammenstellung schon wieder eine ganz andere denn nicht alle sind in die Richtung gefahren oder waren vielleicht aus Prag also da war die Gruppe nicht mehr so beisammen und äh in Brünn war aber die Endstation am Hauptbahnhof denn die
[2:56:47] Gleise weiterführende Gleise Richtung Bratislava waren äh zerstört man musste etwa fünf Kilometer auf den nächsten Bahnhof außerhalb der Stadt zu Fuß gehen und dort äh in die Züge Richtung Slowakei umsteigen da es aber oft so war dass die Häftlinge
[2:57:13] die Befreiten die mit den Zügen kamen nicht im Augenblick in der Lage waren sofort nach dem Aussteigen die fünf Kilometer zu absolvieren hatte man in der Nähe des Bahnhofs ein Hotel umfunktioniert für eben ähnliche Fälle man hat uns hingeführt wer wollte
[2:57:32] konnte hin und äh da hatte man uns Zimmer zugeteilt Einzelzimmer sogar und zum ersten Mal durfte ich wieder in einem ganz schönen Bett Hotelbett schlafen nicht im Krankenhaus und nicht auf einer Pritsche und da äh war ich so plötzlich ein bisschen da konnte
[2:57:56] ich langsam begreifen dass ich jetzt völlig frei bin denn es war auch niemand um mich herum der aufgepasst hätte also die Gruppe gab -s nicht mehr und ich war da ganz alleine so wie ein Erwachsener und bin sogar in die Stadt gehumpelt wo ich mir eine saure
[2:58:13] Gurke gekauft habe denn wir hatten nachdem wir wieder irgendwo erfasst worden sind im Hotel wer wie wir heißen und so weiter ich hab dann auch den Ausweis meinen ersten erhalten äh da hatten wir auch paar Kronen äh in die Hand gedrückt bekommen also konnte
[2:58:31] ich mir eine Gurke leisten und bin wieder zurück und bin wieder eingeschlafen und abends torkelte ich durch den Gang und traf den äh Chef unserer Jugendgruppe mit dem ich vor zwei Monaten aus dem Lager raus bin und äh der mir das Spiegelei da gespendet
[2:58:51] hatte [hustet] es war ein 14-Jähriger aus Brünn äh hochgewachsen also wesentlich äh größer als ich und äh wir erkannten uns sofort war ja nicht so weit also wir waren immer noch kahl geschoren denn wohin wir auch kamen ob es das Krankenhaus in Hörsching
[2:59:15] oder in Linz war das erste war dass man kahl geschoren wurde also hatte man schon endlich einen Zentimeter äh äh etwas Haar am Kopf [hustet] und schon musste man von Neuem anfangen wir hatten uns also sofort erkannt und er sagte zu mir »Mensch was machst
[2:59:36] du du Blödmann deine Eltern leben doch in Bratislava ne was was suchst du da im Hotel« »ach« sagte ich »das ja toll wusste ich nicht« na ja klar dann bin ich also gleich am nächsten Morgen weg und bin nach Bratislava also hab diesen Fußmarsch gemacht
[2:59:52] zu f- morgens war schon sehr anstrengend man musste ja den Zug erreichen der fuhr irgendwo um fünf Uhr morgens aber es klappte der blieb dann mehrmals stehen aber endlich war ich in Bratislava ich bin in die Straßenbahn ich wollte mit dem äh Schaffner verhandeln
[3:00:10] dass ich vielleicht keine kein Kärtchen kaufen muss weil ich ja aus dem KZ komme aber das hat den überhaupt nicht beeindruckt ich musste mir doch ein Kärtchen kaufen und bin dann äh ausgestiegen bei dem Haus wo der Vater ihre seine Firma hatte und da ich
[3:00:27] ja wusste dass er lebte am vorigen Tag erst erfahren war ich mir sicher dass er inzwischen nicht gestorben ist und bin dann zu ihm ins Büro da saß äh seine Sekretärin es war etwa halb neun früh die hat mich nicht erkannt denn uns wurden irgendwo in einem
[3:00:50] dieser Krankenhäuser äh als Anzüge zugeteilt warme Unterwäsche der Luftwaffen- äh -soldaten das waren gesteppte Kunststoff- äh äh -jäckchen mit äh K- Watte gefüllt damit sie nicht frieren das war unter der Uniform zu tragen und das blieb dann wohl
[3:01:19] in Hörsching übrig in dem in der Kammer und das wurde uns dann zugeteilt weil in unseren Lumpen konnten sie uns nicht mehr äh laufen lassen damit bin ich dann ohne Schamgefühl durch die Stadt gelaufen obwohl ich nicht der einzige war der so aussah war
[3:01:36] es doch ein bisschen zu sehr gewagt die Leute haben sich umgedreht aber gut das und so bin ich auch also nach Bratislava es gab ja keine Möglichkeit sich so was zu besorgen ich bin also im äh Büro des Vaters aufgetaucht die Sekretärin erkannte mich nicht
[3:01:54] ich hab mich vorgestellt die meinte »Jessas Maria« und dann fragte ich »wo ist der Vater« und sie sagte »der Vater ist nicht« oder so so in dem Sinne etwas ich dachte Mensch der Blödmann hat sich geirrt äh stimmt ja überhaupt nicht das wäre zu viel
[3:02:10] des Gutes das kann nicht sein aber da kam er schon rein sie wollte nur sagen noch ist er nicht da und na ja dann war es also ziemlich rührend wir sind dann sofort zur Mutter die wohnte also die Eltern wohnten bei der Schwester meiner Mutter also bei der Tante
[3:02:33] mit Familie denn die hatten es in der Stadt überstanden äh die Verfolgung und äh waren also schon Anfang April befreit und konnten eine Wohnung äh finden äh auch das Mobiliar ist zum Teil noch erhalten geblieben und haben selbstverständlich die Eltern
[3:02:56] also die Schwester mit Ehemann äh zu sich eingeladen und äh da habe ich also die Mutter äh wieder in die Arme geschlossen ich wurde dann ins Badezimmer [schluchzend:] bisher hab ich -s geschafft äh na ja da wurde ich gebadet geschrubbt und ich hab
[3:03:26] so nebenbei gesagt äh »ja und übrigens hab ich ja eine Lungen-Tbc und eine Knochen-Tbc« ah ja nur da waren sie völlig aus dem Häuschen das äh war denen überhaupt nicht ich dachte die sagen na ja mein Gott dann isst du ein Aspirin oder isst eine Zitrone
[3:03:44] wie es immer bei den Krankheiten vorher war aber das hat sie völlig aus der Ruhe gebracht und äh das konnte so nicht weitergehen also es hieß am nächsten Tag muss ich auf jeden Fall zur Untersuchung ins Krankenhaus an dem Nachmittag äh kam noch eine
[3:04:03] mir unbekannte aber eine Frau die meine Eltern kannte zu Besuch deren Sohn äh sich damals gemeldet hatte als die der Arzt in Auschwitz äh die zwei Versuchspersonen aus jedem Jahrgang gesucht hatte er war einer derjenigen der genommen wurde und äh ich wusste
[3:04:26] dass er nicht mehr lebt und die Frau kam um die wusste wiederum die war mit meiner Mutter im KZ und wusste dass ich äh lebe ich erkläre dann auch woher sie es wusste also als sie hörte dass ich tatsächlich angekommen bin wollte sie hören ob ich Kontakt
[3:04:47] zu ihrem Sohn habe ob ich was sagen kann ich wusste zwar genau was geschah aber ich konnte es ihr nicht sagen also sa- hab ich gelogen und sagte »ich hab ihn lange nicht gesehen aber der wird schon irgendwann kommen« es war so furchtbar traurig für mich
[3:05:05] es war ja auch der erste Nachmittag den ich äh im in Anwesenheit meiner Eltern verbringen durfte und dann kam dieser störende Faktor aus meiner Sicht also etwas Trauriges was ich da verheimlichen musste und äh war mir überhaupt nicht angenehm
[3:05:22] aber das
[3:05:24] dauerte nicht lange denn am nächsten Tag bin ich ins Krankenhaus da haben sie sofort beide Diagnosen bestätigt und eine Woche später bin ich dann in ein Sanatorium äh Tb-Sanatorium in der Hohen Tatra gebracht worden wo man mich ein Jahr lang fast ein Jahr
[3:05:46] lang behielt äh um die Lungen-Tbc und die Knochen-Tbc zu heilen zu der Knochen-Tbc muss man sagen das war keine das war ja nur die Folge dieser Verletzung der Achillesferse was man nach fünf Monaten etwa äh bestätigen konnte oder rausfinden konnte bis
[3:06:10] dahin aber lag ich im äh Gipsverband bis äh unter die Brust äh und unten bis zu der zu der zu den Zehen ich durfte also weder das Knie Knöchel noch die Hüfte äh bewegen dann wurde es abgenommen und ich musste nachdem feststand dass ich es nicht mehr
[3:06:35] brauche weil alles wieder in Ordnung war äh dann musste ich wieder stehen lernen und laufen lernen denn so was verlernt man das ist ein Unterschied zum Fahrrad fahren und ich hab eine jeden Tag eine Minute länger gebraucht oder genehmigt bekommen eine Minute
[3:06:56] dann zwei Minuten dann darf ich durft ich einmal mich am Bettrand haltend das Bett umrunden und dann wurde es immer mehr und dann schließlich äh durfte ich schon gehen äh das äh mit dem Gips war ein Unsinn andererseits aber die Ruhe hatte der Lunge gut
[3:07:17] getan sonst äh waren die Lungenpatienten äh eigentlich nicht ans Bett gefesselt und äh haben auch auf der Wiese gespielt das war ein anderer Stock anderes Stockwerk wir hingegen äh Tbc-Kranken äh lagen auf einer Terrasse auch im Winter äh ganz oben dort
[3:07:38] wir hatten keine Zimmer das war unser Zuhause diese Veranda um die frische Lift Luft äh zu atmen und dadurch zu genesen vielmehr wusste man ja damals nicht zu tun und äh wenn als als man dann als ich dann ohne Gips war und trotzdem noch nicht sitzen durfte
[3:08:01] äh äh hatte der Arzt eine Einrichtung wie er aus dem vom Erdgeschoss vom Eingang einsehen konnte wer bei uns sitzt obwohl er nicht darf es gab einen Spiegel un- un- der so eingestellt war oder eine ganze ein ganzes System von Spiegeln wo er von unten sehen
[3:08:26] konnte ob der Taussig jetzt nicht sündigt und sitzt also dann kam er hoch und hat die Leute geohrfeigt die sich da äh gesetz- äh hingesetzt haben obwohl sie es nicht dürften durften äh dann ging es also dann aber wurde es immer besser und ich wurde
[3:08:45] am Ende des Schuljahres äh f- f- äh entlassen geheilt es ich musste dann noch öfters zur Kontrolle aber in meiner Heimatstadt und eigentlich äh da sind wir noch einen Monat Ferien in der Tatra geblieben mit den Eltern damit ich die gesunde Luft halt so
[3:09:06] lang wie möglich genieße ja und dann bin ich endlich mit den Eltern in die in das in die neue Wohnung die ich noch nicht kannte die ihnen dann zugeteilt wurde nachdem ich schon oben im Sanatorium war zum ersten Mal reingekommen und dort bin ich dann auch
[3:09:25] geblieben bis zu der äh Flucht aus der Tschechoslowakei 68 also im äh August September äh 46 endete für mich diese Anabase die äh zwei Jahre zuvor anfing äh ich bin dann ins Gymnasium gekommen
[3:09:45] [unterbricht:] lassen Sie uns kurz noch
[3:09:47] [gleichzeitig:] ja
[3:09:50] Sie haben aus der Zeit Fotos noch von Ihren Eltern und sich ne als Sie dann
[3:09:53] [gleichzeitig:] ja stimmt [nimmt Fotos in die Hand]
[3:09:59] [gleichzeitig:] als Sie aus dem Sanatorium raus sind ne
[3:10:03] äh als ich aus dem Sanatorium rauskam blieben wir noch in der Tatra
[3:10:07] ham wir nicht extra Fotos ach so war das was da drauf ist
[3:10:09] ja nein und es ist ja auch hier und es ist besser
[3:10:12] [gleichzeitg:] dachten wir hätten extra genau
[3:10:15] das war also dieses [zeigt Fotos] da hat der Vater drauf bestanden einen Kurfotografen zu bestellen wir hatten ja keine Kamera äh das ist vor der vor der Lomnitzer Spitze dem zweithöchsten Berg der Hohen Tatra und da stehen wir da nach eher am Ende des äh
[3:10:26] Urlaubs oder der Ferien stolz dass wir es überstanden haben äh ein zweites Foto gibt es aus dieser Serie war auch Vaters Idee äh und zwar ist schlecht zu sehen unsere drei tätowierte Hände äh Mutter Vater und ich äh der Fotograf äh hatte es ein bisschen
[3:10:50] falsch geschnitten äh
[3:10:52]
[3:10:55] damit äh war dieser Abschnitt zu Ende vielleicht kann ich noch sagen dass der Lehrer in der Anstalt das war eine Klasse wieder ein für für alle Kinder für Kinder jeden Alters wir lagen in Betten und äh jede Gruppe oder jeder
[3:11:17] Einzelne hatte irgendeine Aufgabe auferlegt bekommen der Lehrer äh war ein ehemaliger Befürworter der äh slowak- slowakischen Regierung also ein wie soll ich sagen ein slowakischer Nationalsozialist und hatte überhaupt kein Interesse an mir mi- mich zu
[3:11:41] fragen was ich da tue äh man muss wissen zu der Zeit war die Tuberkulose schon eigentlich nur eine Krankheit der armen allerärmsten Schichten und äh ein äh relat- ein ein Städtler also ein Junge aus Bratislava das gab -s dort nicht also alle waren sie
[3:12:04] aus den Berggebieten alle wussten sie nichts von der Judenverfolgung oder überhaupt vom Krieg denn äh diese äh das Gebiet war für die Armee uninteressant also hatten sie vom Krieg keine Ahnung der Lehrer hatte noch ein Jahr zuvor Grußadressen äh zu verschiedenen
[3:12:27] Anlässen an Zeitschriften geschrieben Geburtstag des Präsi- Staatsoberhauptes und Hitler und äh slowakische Feiertage äh aufgrund der selbstständigen Slowakei das wurde alles veröffentlicht mit Namen aller äh der ganzen Belegschaft also er war da nur
[3:12:52] der Vermittler tat aber so also er war derjenige der es initiierte die Jungs haben irgendwas unterschrieben denen war -s ja wurscht die ham es nicht nicht mal gelesen und dann standen die Namen in irgendeiner Kinderzeitung mit dem Hinweis Lehrer so und so
[3:13:09] hat es uns zugeschickt und dann war er glücklich das war vor meiner Zeit das war noch während des Krieges nachdem dann der Feind gesiegt hatte und einer dieser Feindesfreunde ich also war da hat er mich so gut wie einen Feind behandelt ich musste die Zeugnisse
[3:13:28] aus der vorigen Klasse Schulklasse liefern um äh damit er weiß wohin in welche Klasse ich muss also was ich schon absolviert hatte es kam ein Zeugnis aus meiner Dorfschule wo ich nur zwei Monate war wo da stand ab Ende Oktober ist ist er nicht mehr zum Unterricht
[3:13:48] gekommen äh er fragte »wieso« ich sagte »na ja da wurden wir halt verhaftet und kamen ins KZ« das wollte er nicht hören er woll- er sagte nur »also du hast nur vier vier Grundschulklassen ne ja fünf Grundschulklassen aber keine sechste« »no nein«
[3:14:05] hatte ich nicht bei gutem Willen hätte er so tun können als ob und ich wäre in die äh Sechste gegangen aber da er überhaupt keinen Interesse zeigte bin ich hab ich dann nicht nur ein Jahr verloren in dem ich nicht aus der vierten Klasse ins Gymnasium
[3:14:23] gehen durfte sondern auch weil dieses KZ-Jahr fehlte tatsächlich so dass meine Mitschüler aus der Grundschule äh schon zwei Jahre an der Uni waren als ich erst mein Abi machte ja oder die Freundschaften wo damals gingen kaputt denn wer will sich schon mit
[3:14:42] einem abgeben der zwei Klassen unter ihm ist also auch wo ich da noch jemanden äh gesehen gekannt hatte als ich dann sagte »ja ich bin jetzt in der dritten Klasse wo bist du« »na ja Mensch dann tschüss ne ich bin der Fünften« also das war dann alles
[3:15:03] alles weg also ich musste mit meiner neuen Klasse leben wo ich einer der ältesten war und äh der Durchschnitt war Jahrgang äh 34 und 35 ich bin 33 also ich war dann immer irgendwie der Größte und der »wieso weißt du es nicht die Kleinen wissen es und
[3:15:20] du du Großer weißt es nicht« also es war immer irgendwie es schleppte sich dann noch weiter hin aber äh so dumme Lehrer oder halt fein- feindliche Lehrer wie es der dort war hab ich dann nicht mehr getroffen dass äh auf -em Gymnasium war es dann wiederum
[3:15:40] ganz normal ich bin ganz gut durchgekommen am Anfang hatt ich selbstverständlich schreckliche Mängel weil gewisse Fächer ich überhaupt nicht kannte ich äh mei- konnte zum Beispiel die Theorie des Gesangs also die Noten konnte ich nicht lesen wir hatten
[3:16:01] nur zusammen gesungen aber nicht äh die Noten gelernt ich äh wusste nicht von alten Römern oder Ähnliches hat mir nie jemand erzählt das hatte man in der sechsten Klasse in diesem äh Erholungsheim Sanatorium nicht gelehrt also ich hatte selbstverständlich
[3:16:20] große Lücken aber wurde dann irgendwie immer besser und dann hab ich das Gymnasium gemacht und dann die Uni und dann war ich schon eigentlich äh ganz normal äh
[3:16:36] die das Leid wurde vergessen es wurde auch nicht rumerzählt ich hab nie etwas nachgefragt weder
[3:16:47] bei den Eltern noch hatten die hatten es von mir gekannt weil ich es ja aufgeschrieben hatte aber ich wusste nicht so genau was die Mutter da eigentlich in Lippstadt machte äh auch nicht genau wie der Vater aus Auschwitz nach Bratislava zurückkam äh auch
[3:17:09] hab ich zum Beispiel über das Schicksal der Tante mit Familie erst vor zehn Jahren hier erfahren sie hatten sich in einem Loch versteckt in einem Garten welches ein nettes Ehepaar für sie ausgehoben hatte äh da lagen sie alle auf Str- auf Stroh und äh
[3:17:32] mussten den ganzen Tag und Nacht still sein damit man sie da nicht hört ich war mit ihr und ihrem Bruder so gut wie jeden Tag zusammen das da hatten wir uns nie erzählt das hab ich erst aus ihrem Konzept für die äh äh Umfrage ähnlicher Natur die in der
[3:17:53] Slowakei durchgeführt wurde erfahren äh da staunte ich nicht wenig weil ich mir das nicht bewusst war ich hatte gedacht die sind einfach aus einer alten Wohnung in die neue gezogen wo wir dann auch en wenig wohnten ja aber mir ist überhaupt nicht in den
[3:18:10] Sinn gekommen zu fragen ja wieso wart ihr auch nicht im KZ wie seid ihr da davongekommen äh das war kein Thema das darüber hat man nicht gesprochen äh und in der Schule war es dann höchstens wie ich schon gesagte ob es weh tat die Tätowierung also die
[3:18:29] Stiche aber sonst hat es niemanden vom Hocker gehoben es war ja auch offiziell nicht so sehr erwünscht so weit man kein Partisan war oder ein Mitglied der Sowjetarmee die aus dem Osten dann kam um das Land zu befreien und äh wir mussten also so gut wie alles
[3:18:54] neu beschaffen weil das äh die die Einrichtung war zum Teil geklaut zum Teil war sie irgendwo abgestellt wo es Wasserschaden gab also es war schon eine zusammengewürfelte Wohnung man konnte auch nicht etwas einfach im Geschäft kaufen es gab ja nichts aber
[3:19:13] wir hatten uns schon sehr gefreut dass wir als eine völlige Ausnahme das Ganze überstanden haben äh es gab weit und breit keine Familie die aus Auschwitz und anderen Lagern noch dazu einzelnt alles überlebt hätte und dann wieder in der Stadt zusammengefunden
[3:19:33] hätte äh es gab Familien wo ein Elternteil am Leben blieb meistens waren es die Frauen die überlebten vielleicht hat man sie zur Arbeit in die Rüstungsfabriken geschickt wo sie mehr Chancen hatten und die Männer nur für blöde äh Arbeiten schieben schuben
[3:19:57] äh irgendwelche M- Mistkarren äh zu kutschieren ausgenutzt die und und sie vielleicht auch einfach erschossen oder niedergemetzelt bei äh äh der kleinsten Gelegenheit aus der Gruppe die wir zusammen äh verhaftet worden sind und nach Auschwitz kamen
[3:20:22] haben völlig unerwartet alle überlebt bis auf den Ehemann meiner Cousine der von uns aus aus meiner Sicht die größten Voraussetzungen mit sich brachte äh dieses zu überleben er war etwa 35 Jahre alt ein strammer Typ und äh ich hatte ja noch äh mit
[3:20:47] ihm Kontakt Mitte November aber seitdem hab ich dann nichts mehr von ihm erfahren er kam einfach nicht zurück und äh die Ehefrau äh hatte nie erfahren wo er gestorben ist es gab noch eine Geschichte äh mit dem Jungen der mir in Brünn im Hotel erzählte
[3:21:13] dass meine Eltern leben das kam so äh mein Vater als er erfahren hatte dass ich lebe und zwar in Hörsching im Krankenhaus geblieben sind äh bin meinte da kann ich den Jungen dort nicht lassen den muss ich holen er hat sich also verschiedene Ausweise ausstellen
[3:21:42] lassen vom Roten Kreuz von verschiedenen Verbänden und einen Reisepass wohl dass er nach Österreich fährt um seinen Sohn aus einem Lazarett nach Hause zu bringen einen Häftling er selber hatte ja auch eine Nummer tätowiert er war ja selber dem Tod äh
[3:22:05] knapp entkommen aber hat sich inzwischen ist ja ein halbes Jahr vergangen hat sich so weit erholt dass er sich in der Lage fühlte dieses durchzuführen er ist die Grenze bei Bratislava überschritten nach Österreich das sind fünf Kilometer es ist so gut
[3:22:31] wie die Grenzstadt und da wurde er von einer russischen Patrouille einer sowjetischen gefangen genommen die führten äh deutsche Soldaten Gefangene äh nach Sibirien also nicht direkt aber zu irgendeiner Sammelstelle woher sie dann wovon sie dann nach Sibirien
[3:22:45] sollten und einer ist ihnen weggelaufen also brauchten sie einen das war mein Vater den sie da äh gefangen genommen haben jetzt hatte der Vater selbstverständlich großen Respekt von den vor den Soldaten weil sie ihm ja das Leben gerettet hatten ja der liebte
[3:23:07] sie sehr v- ein Jahr ein vo- halbes Jahr zuvor waren sie seine Lebensretter hat sich also sehr höflich benommen und äh einzelne alle möglichen äh Ausweise gezeigt und seine Nummer das war das Letzte was die Russen beeindruckt hätte sie haben ihn halt
[3:23:22] mitgenommen und er musste Richtung Westen marschieren äh sie sind dann abends an einem äh Eisenbahn- äh wie heißt das also nicht Geländer also wo wo die Bahn ein bisschen oben
[3:23:44] Damm
[3:23:51] Eisenbahndamm ja danke äh übernachtet und sie waren nicht gefesselt und mein Vater ist dann spät in der Nacht über die Gleise auf die andere Seite geklettert und lief dann in einem Stück Brat- nach Bratislava wieder zurück erschöpft kam er an und sagte
[3:24:04] zur Mutter »also da muss der liebe Pavel alleine es schaffen ich kann nicht also das geht nicht dass ich über Österreich geh das mach ich nicht noch mal hätte schlimm enden können« äh diese Geschichte hat er mir vielleicht 15 Jahre später mal erzählt
[3:24:23] das war ihm so peinlich denn es hatten ihn ja nicht Deutsche fang- gefangen genommen sondern seine Freunde die Russen dieselbe Armee die ihn ja vorher befreit hatte also das war in ihm also es hatte einen Widerspruch er konnte es nicht richtig verkraften dass
[3:24:44] ihm so was passierte er hat sich bisschen geschämt oder oder was auf jeden Fall hat er es seinerzeit nie erzählt äh
[3:24:54]
[3:24:56] wie gesagt hatte er die Information darüber dass ich da lebe äh von eben diesem Jungen aus Brünn der mir wiederum erzählte dass die
[3:25:07] Eltern leben äh den hab ich dann nie wieder gesehen und äh ich will nicht sagen ich hätte ihn vergessen aber es gab keine Möglichkeit mit dem Kontakt aufzunehmen auch hatte ich dann völlig andere Interessen und er s- sicher auch schließlich war er drei
[3:25:26] Jahre älter erst durch Zufall in am Ende der siebziger oder Anfang der achtziger Jahre hier in Frankfurt hatte ich erfahren dass äh meine Freunde die in Theresienstadt waren Emigranten aus Mähren einen Freund erwarten der in Kanada lebt und der auch in
[3:26:00] Gunskirchen war und dort befreit wurde darauf fragte ich aber sehr zögernd denn ich wusste schon dass ich niemals äh ins Schwarze traf bei ähnlichen Fragen ob ich den eventuell kenne ja äh fragte ich äh wie er denn heißt der Nachname Herz sagte mir nichts
[3:26:17] aber dann sagten die »Robin« und ich kannte den Robin Hood damals noch nicht also ist ja eigentlich Robert aber man nannte ihn Robin und das war für mich der erste und einzige Robin den ich je gesehen hatte und da war ich mir völlig sicher das kann nur
[3:26:36] dieser Robin sein äh der meine Eltern äh kon- kon- kontaktierte und dann Tag danach mich in Brünn [hustet] äh ich hab also dann es stellte sich heraus dass er mit seinem Bruder äh nach dem Krieg äh von einem äh Ehepaar in Kanada adoptiert worden sind
[3:27:05] ihre Eltern sind vernichtet worden und sie hatten dort äh eine Schule absolviert und er lebt dort mit seiner Frau und Tochter und kommt jedes Jahr über Frankfurt nach Österreich wo er dann Urlaub macht äh dann hab ich also meine Freunde gebeten wenn
[3:27:28] der Typ wieder nach Deutschland kommt zu ihnen da übernachteten sie immer soll er mich doch bitte auch einladen ich möchte ihn gerne sehen das haben die auch getan ich bin dann eigentlich ziemlich nervös hin sie waren beim Essen [hustet] und ich hab
[3:27:49] ihn sofort erkannt er war ein Kopf höher als ich und also ich würde sagen unverändert also die Physiognomie -nomie hat sich nicht verändert er war es und das Blöde war er hat mich nicht erkannt ich sagte ich ging auf ihn zu »ja hallo Robin so was und
[3:28:09] ein Zufall« und er darauf »ja guten Tag guten Tag« höh und jetzt saß ich da und versuchte immer vom Neuen »ja du weißt doch danach als wir da marschiert sind und äh in diesem Rohbau« [hustet] Entschuldigung »übernachten mussten« »das war ein Bahnhof«
[3:28:38] [trinkt] nein ich wusste es genau »vielleicht war es danach ein Bahnhof« »aber nein das war« »nein« aber so kategorisch ja und weitere Erinnerungsstücke habe ich geboten immer war er strikt dagegen es war anders und dann guckten mich inzwischen
[3:28:54] schon alle an wie einen Lügner der sich da bisher äh Lügengeschichten ein- äh erfunden hatte und sich da irgendwie einschmeicheln will weiß Gott warum bis mir dann einfiel zu sagen »ja und äh weißt du noch wo die Amis uns da fotografiert hatten als
[3:29:14] Gruppe« sagt er »das Foto hätte ich gern« und da hat er das hat das war das Erste wo es gefunkt hatte und dann aber nix mehr das war das Einzige mein einziger Beweis dass ich auch dabei war er hat es mir geglaubt er konnte sich aber an mich nicht erinnern
[3:29:31] ja gut ich war der Pimpf da irgendwo hinten aber er wusste auch nicht dass ihn meine Cousine abgefangen hatte als er aus dem Schiff äh ausgestiegen ist und äh sie nach ihrem Ehemann rief und nach und meinen Namen und als sie »Taussig« rief äh hatte er
[3:29:53] sich gemeldet »ja was wollt ihr von dem« und sie hat ihn dann zu der Mutter geführt äh und da hat er ein Rührei bekommen wurde hatte über mich erzählt und mit den Eltern wurde er dann zum Bahnhof ist dann mit dem Arm- Bahn- zum Bahnhof gegangen damit
[3:30:12] er dann nach Brünn zurückfahren kann und mich dann getroffen hat mir es erzählt hatte alles war ausgelöscht das wusste er nicht das Einzige war er hatte einen Beweis dafür dass ich dabei war weil ich das Foto kannte also wusste davon dass wir damals von
[3:30:33] den Amis fotografiert wurden sonst wusste er gar nichts das war schon eine merkwürdige Geschichte für mich ich dachte man wir hätten einiges aber zusammen zu besprechen oder wie wir hatten uns dann noch so zwei drei Mal danach getroffen als sie wieder in
[3:30:51] den nächsten Jahren kamen aber äh da wurde es auch nicht intensiver da hat man über äh ganz andere Dinge geredet auch war mir nicht danach er lebt nicht mehr und die Ehefrau auch nicht mehr das waren so merkwürdige Begegnungen fast mit schlimmen Folgen
[3:31:12] aber noch hat sich -s ja irgendwie eingerenkt mit dem Vater
[3:31:17] ich hätte eine Frage die noch ähm zurückgeht und die Nachkriegszeit äh betrifft Sie waren auf -em Papier getauft als äh evangelisch
[3:31:28] ja
[3:31:31] plötzlich waren Sie Jude Sie wurden verfolgt Sie haben mehrere verschiedene Lager überlebt Sie kamen zurück was hatten Sie für -n Selbstverständnis was waren Sie für eine Person ?
[3:31:39] also äh auf jeden Fall wurde ich nicht jüdisch mir war es ja völlig fremd ich wusste über die jüdische Religion so wenig wie selten jemand alles hatte man vor mir ja verborgen gehalten die Eltern hatten nie irgendeine Anspielung gemacht ich wusste ja
[3:32:00] nicht mal was Schabbes bedeutet oder so was und äh da konnte ich nicht anknüpfen da ich als Zwölfjähriger hatte ja keinen blassen Schimmer das dazu war es zu spät außerdem waren die Eltern der Meinung äh dass es keinen Grund dafür gibt also eigentlich
[3:32:21] meinten sie äh selbst als wir Ni- uns als Nichtjuden ausgegeben hatte hatten gab es Probleme warum sollten wir jetzt wieder in diese verfolgte Religion zurückgehen äh sie waren ja nie äh Gläubige und sobald sie die Freiheit hatten nicht äh äh zur Kirche
[3:32:50] äh in die Synagoge zu gehen ham sie es nicht getan als junge Menschen also das kam überhaupt nicht zur Debatte äh ich jeder musste einer Religion angehören ich äh hatte auch weiterhin evanglisch angegeben also da das musste halt sein also man wenn war
[3:33:10] entweder evangeli- kaholisch evangelisch oder jüdisch wir hatten fünf äh Nichtgetaufte also richtige Juden in der Schulklasse es blieb nicht lange so die sind dann nach Israel also Palästina sogar damals noch aber [hustet] ich blieb auch weiterhin bei
[3:33:28] den Evangelen es äh war aber ein wesentlich besseres Leben denn während des Krieges äh war ich ja evangelisch aus äh Gnade eines netten Pfarrers und mein Vater wollte sich ja erkenntlich zeigen indem ich sehr gut im Religionsunterricht sein musste der
[3:33:52] der Pfarrer der mich getauft hatte war auch unser Religionslehrer zufälligerweise und so war es dann während der Kriegszeit wenn wir die äh Hymne die evangelische Hymne auswendig lernen mussten die Wörter äh äh wollte der Pfarrer von uns den die erste
[3:34:16] Strophe meine Eltern sagten »es kann nicht schaden du wirst alle drei lernen« und so musste ich immer ein Musterschuler im Religionsunterricht sein um meine Dankbarkeit gegenüber dem Pfarrer zu bekunden zu bekräftigen was aus meiner Sicht übertrieben
[3:34:36] war denn ich dachte er hat mich mal äh unter seine Fittiche genommen jetzt bin ich da aber die Eltern hatten ja sonst nicht die richtige Möglichkeit selber sind sie lieber nicht zur Kirche gegangen weil sie ja nicht wussten wann man aufstehen muss und wieder
[3:34:56] sich hinsetzen soll also blieb es an mir ich musste die Ehre der oder die Dankbarkeit der Familie retten nach dem Krieg war es dann ein anderer Pfarrer dem ich nicht mit äh d- d- also Schuldgefühle haben musste und äh da bin ich also zum Religionsunterricht
[3:35:10] dann kam die Vorbereitung zur Konfirmation hab ich alles brav mitgemacht ich wurde auch konfirmiert und äh danach war schon der kommunistische Umsturz 48 und äh da die Kolumne Religion wurde gestrichen und wir wurden nicht mehr gefragt es wurde zwar nicht
[3:35:32] verboten einer Religion zu- zugehören aber äh man durfte auch ohne sein und keiner kü- keinen kümmerte es also bin ich ich kann nicht mal sagen ausgetreten ich hab einfach aufgehört äh mich mit der Kirche zu beschäftigen aber da war ich in der Klasse
[3:35:50] nicht alleine es waren ja auch äh äh Kinder aus sozialdemokratischen oder kommunistischen Gläubigen k- äh mein ich also die echt äh nicht äh konjunkturell also aus wirtschaftlichen Gründen beigetreten sind sondern schon wesentlich früher äh links
[3:36:09] waren und Atheisten und die haben auch diese Chance genutzt und äh äh schließlich war es dann so dass ein Drittel äh an keinem äh Religionsunterricht mehr teilnahm und der wurde dann auch auf Nachmittag verlegt und nur fand irgendwo im Pfarrhaus statt
[3:36:26] also das wurde dann alles so plattgemacht äh was mir entgegenkam andererseits den echten gläubigen Christen nicht ja die fühlten sich äh von den Kommunisten äh gemaßregelt aber ich bin dann einfach also meine Mitgliedschaft ist eingeschlafen würd ich
[3:36:46] sagen nach nach 48 hier äh ham wir dann nach dem Umzug also nach der Emigration äh hat meine Frau und ich dann äh keine äh Zugehörigkeit zu einer Kirche angegeben also zahlen wir auch keine Kirchensteuer und äh da das das äh läuft hier nicht weiter
[3:37:11] wie sind Sie dann nach Deutschland gekommen ?
[3:37:14] äh ich war äh Redakteur einer satirisch humoristisch satirischen Zeitschrift äh in Bratislava und als die wir waren alle kritisch eingestellt gegen die Obrigkeit unser Chef war ein altes Parteimitglied er hatte tatsächlich im Partisanenkrieg 44 teilgenommen
[3:37:40] und äh hatte diese Leitung der Zeitschrift eher als ein äh Geschenk der Partei bekommen er war nicht so sehr aus äh von dieser Branche er war Zeichenlehrer und äh kam gelegentlich in die Redaktion aber kümmerte sich nicht drum wir waren auch uns völlig
[3:38:06] fremd äh ich hab ihn »Genosse Chefredakteur« äh tituliert er mich »Genosse Taussig« und das war -s auch und äh wir hatten nach dem Einmarsch der Warschauer Pakt- Tru- Truppen äh in Verborgenheit noch zwei so genannte illegale Ausgaben gedruckt da durfte
[3:38:30] man äh musste hätte man schon zur Zensur gehen müssen die wieder eingeführt wurde das ham wir umgegangen weil es äh Drucker gab die es uns äh illegal gedruckt haben und die Nummern wurden dann als Flugblätter nur schwarz-weiß äh auf den Straßen zwischen
[3:38:48] den Panzern und den äh der wütenden Bevölkerung äh verteilt umsonst und wir hatten eine geheime Sitzung im Foyer eines Krankenhauses denn der Direktor äh der Chefredakteur war der Meinung dass äh die äh sowjetischen äh Geheimdienstler unsere Redaktion
[3:39:14] überprüfen werden was überhaupt nicht der Fall war die hatten davon keine Ahnung aber wir v- vertrauten seiner Partisanennase und meinten das muss so sein und haben uns dann also heimlich in einem Krankenhaus getroffen wo wir über die nächste Nummer den
[3:39:34] Inhalt der nächsten Nummer gegen die Okkupanten beraten wollten und als diese Beratung zu Ende ging und jeder seiner Aufgaben kannte wir fühlten uns wie große Widerstandskämpfer äh bat er mich zurückzubleiben also nicht mit den anderen loszugehen ich
[3:39:54] hatte keine Ahnung was er will weil wir wie gesagt also überhaupt keinen privaten Kontakt miteinander pflegten und dann fragte er mich »Genosse Taussig haben Sie äh mit der Absicht äh gespielt mal ins Ausland zu fahren ?« ich sagte »nö nö mit mir können
[3:40:13] Sie auch bei der fünften Nummer äh der illegalen Ausgabe rechnen nein nein vergessen Sie es nein« »ah ja« sagte er »im Gegenteil Sie verstehen mich falsch ich meine Sie sollten« öh ah da war ich ja schon sehr stutzig weil in meinen Augen war ja immer
[3:40:29] noch obwohl er auch für den Dubček war und äh hat unsere frechen Artikeln der letzten Wochen genehmigt äh war damit einverstanden aber in meinen Augen war er immer noch ein äh alter Kader ein ein an- alter altes Mitglied welches eventuell auch zur anderen
[3:40:48] S- Seite gehört und dann fragte ich »ja wieso wieso gerade ich also wir alle haben ja dasselbe geleistet in den letzten Wochen wenn einer äh warum sollte man ausgerechnet ge- warum warnen Sie nur mich« »ja« sagte er »das ist so -ne Sache äh Sie wissen
[3:41:07] ja Sie hatten schon während des Krieges mehr gelitten als die anderen und [hustet] es sieht so aus wissen Sie der Widerstand jetzt in der Bevölkerung der wird wieder schwächer werden und äh man wird eine neue Regierung einsetzen die dann nicht mehr so
[3:41:28] mit dem Volk verbunden sein wird die wird mit den Sowjets kooperieren und da wird man irgendeinen Sündenbock suchen müssen dem man diesen Prager Frühling in die Schuhe schieben kann ja wer glauben Sie wäre der Beste das beste Opfer da würde ich Ihnen
[3:41:51] raten aufgrund Ihrer Erfahrungen vielleicht doch äh das Land vorübergehend zu verlassen« na da hab ich also sehr großen Schiss gekriegt äh erst dann ja bis dahin ist mir so was nie ins Gedächtnis gekommen und äh ich hab ihn gebeten mich zu meinen Schwiegereltern
[3:42:13] zu fahren mein Vater war zu der Zeit in Kur äh den Schwiegereltern hab ich es erzählt was ich soeben gehört hatte und meiner Frau und äh die sind kurz zuvor aus Österreich zurückgekommen wo sie sich mit ihren Freunden aus Frankfurt getroffen haben und
[3:42:31] dort haben sie auch auf einem Bauernhof in der Steiermark erlebt äh den Einmarsch der Warschauer Pakt-Truppen und sind dann auch vorzeitig wieder nach Hause gefahren und mehr hatten sie uns nach der Ankunft nicht erzählt als ich aber dann paar Tage später
[3:42:49] mit dieser Nachricht vom Chefredakteur kam äh sagte der Schwiegervater »na ja jetzt erzähl ich -s euch der Frankfurter Freund hatte von sich aus gesagt sollten die Kinder« also ich mit Ehefrau andere Kinder hatten wir nicht »mal äh das Gefühl haben
[3:43:09] sie sollten lieber raus dann können sie bei uns wohnen« no das gefiel mir sehr ich kannte auch diesen braven Menschen äh ich war sogar mit meiner Frau ein Jahr zuvor bei ihnen zu Gast hier in Frankfurt es war ein alter Sozialdemokrat der meinen Schwiegervater
[3:43:30] kannte weil der Schwiegervater hier in der Akademie der Arbeit in Frankfurt äh Rechtswissenschaft äh lehrte in seit dreißig bis 33 dann musste er wegen Hitler wieder zurück äh da äh das war schon eine ein sehr schönes Angebot das andere war warum Frankfurt
[3:43:54] weil ich den Chef der Zeitschrift »Pardon« mit Inhaber äh gekannt hatte der nahm an einer Feier unserer Zeitschrift äh in Bratislava teil und da es damals mehrere Gäste gab äh wurden wir nach Sprachkenntnissen als Reiseführer den einzelnen Chefredakteuren
[3:44:21] zugeteilt also der Russe bekam einen der Russisch sprach und ich konnte ja einigermaßen Österreichisch stot- stottern wurde also dem Herrn Nikel zugeteilt der mit Ehefrau und Herrn Traxler kam und äh die hab ich in Fra- in Bratislava äh begleitet und versucht
[3:44:40] ihnen alle Wünsche zu erfüllen die waren also mit mir zufrieden und äh
[3:44:45] ich hatte dann wir sind zuerst äh mit -em Personenzug nach äh Wien gereist hatten alle Papiere in Ordnung in Wien hatten sich unser andere äh Freunde der Schwiegereltern angenommen
[3:45:03] die Schwiegermutter stammte aus Wien wohnte da auch bis 37 etwa und äh der Schwiegervater arbeitete dort auch hat dort die das Unistudium gemacht so dass wir dort eine Woche blieben bis wir die Bewilligung bekamen nach Deutschland mit Touristenvisum einzureisen
[3:45:25] es hatten uns Freunde mitgenommen die aus Hamburg waren und bei uns zufälligerweise zu der Zeit zu Besuch in Bratislava die haben dann den Urlaub äh zum zur Adria abgebrochen um mit uns dann zusammen äh nach Frankfurt zu fahren was auch geschehen ist und
[3:45:48] äh wir sind dann tatsächlich bei dem lieben Menschen untergekommen und blieben bei ihm bis er uns eine Wohnung gefunden hat und ich hatte tatsächlich äh die Prüfung oder das Gespräch bei dem Verleger bestanden und bin dann bei ihm eingestellt worden
[3:46:09] und blieb zehn Jahre und einhalb bis »Pardon« nicht völlig äh kaputt war dann hab ich gekündigt also bis so lange haben wir uns gegenseitig gemocht oder ertragen meine Frau arbeitete dann hier als in einem Buchladen äh da sie Bibliothekarin war ist
[3:46:33] sie dann zur Deutschen Bibliothek und von dort aus in ein äh in eine Bibilothek des V- äh der Völkerkunde war ein selbstständiges Institut äh Frobenius-Institut aber inzwischen wurde es dann zu der Uni äh gelegt also war sie eine eine Angestellte der
[3:47:00] Frankfurter Universität als Bibliothekarin die Kinder sind dann 1970 der Martin und 73 der Jan geboren äh ein Jahr nach uns kam der Vater mein Vater auf eine getürkte Einladung eines ihm völlig unbekannten Deutschen wir konnten ihn ja nicht einladen wir
[3:47:27] waren ja äh Gesetzbrecher wir sind nicht zurückgekehrt aber da haben wir einen bequatscht der ihn eingeladen hatte und er blieb dann hier in einem Heim und ist äh zwei Jahre später gestorben er war damals 88 als er gestorben ist äh die Schwiegereltern
[3:47:50] hatten sich bemüht eine Ausreise eine Um- äh eine Ausreise zu bekommen also einen Umzug genehmigt zu bekommen sie wollten umsiedeln nicht äh weder flüchten noch äh äh als Touristen kommen und alles hinterlassen sie wollten einfach legal mit ihrem Hab
[3:48:14] und Gut nach Westdeutschland das wurde zuerst abgelehnt nachdem sie aber ihre Villa die sie dort besaßen mit Garten wunderschön äh eben diesem Beamten verkauft hatten der es zu genehmigen hatte geschah ein Wunder es wurde genehmigt die äh Berufung wurde
[3:48:39] bestätigt also ich meine nicht bestätigt auf jeden Fall sie durften mit Möbel nach Frankfurt reisen und hier wurde auch ihre äh deutsche Herkunft anerkannt weil ja die Sch- Sch- äh Schwiegermutter wie gesagt eine Österreicherin war und der Schwiegervater
[3:48:58] auch in Frankfurt gelehrt hatte und äh aus einer jüdischen deutschen Familie stammte in Wien lange wohnte also es gab keine Probleme er war dann noch als Uniprofessor in der auf der Uni hier tätig sie dann nicht mehr und äh sie starben dann die Schwiegereltern
[3:49:19] äh 94 und 97 also unsere Kinder äh hatten dann tatsächlich ein Großelternpaar äh die wohnten in der Nähe und waren auch dementsprechend in die Enkelkinder verliebt und äh das war eine schöne Zeit auch für die Kinder die überhaupt nicht äh zur Kenntnis
[3:49:43] nahmen dass äh wir hier eigentlich äh nicht so lange wohnen und die Schwiegereltern eigentlich nur wegen der des Nachwuchses gekommen sind sonst äh ja also es hatte dann doch irgendwie noch äh ist noch gut gut gelaufen könnte man sagen (_) zum Schluss
[3:50:05] meine Frau ist äh das war weniger gut die ist äh im Jahre zehn im Sommer im Juli gestorben äh sie hatte drei Jahre lang äh Leukämie nachdem es festgestellt wurde war sie mal im Krankenhaus mal zu Hause es war [gestikuliert] mal hoch mal runter man konnte
[3:50:31] es ihr nicht ansehen äh sie war äußerlich unverändert aber äh die Werte wurden genau gemessen und die Ärzte wuss- wussten immer wann sie etwas ändern müssen in der Medikation und dann war es einfach mal so dass ein Körperteil nicht mehr äh den Rest
[3:50:54] des Körpers versorgen konnte und sie starb man könnte sagen unerwartet weil wir haben damit nicht gerechnet ich kannte ihre PIN-Nummern nicht Bankcode äh was auch immer zu vermitteln war ha- wusste ich nicht das alles hab ich dann wir haben überhaupt nicht
[3:51:16] darüber gesprochen wir das das Letzte was ich noch von ihr hörte war ich müsste dann den Kühlschrank säubern wenn sie nach Hause kommt damit es wieder schön aussieht denn sie hat -s die letzte Zeit versäumt das war meine Aufgabe als ich am nächsten
[3:51:32] Tag war da war im Krankenhaus war sie nicht mehr ansprechbar und äh die Söhne wurden aus dem Urlaub gerufen und das Begräbnis fand statt ja also das äh das war dann das Ende der Ehe es war halt traurig und äh seitdem bin ich hier alleine in der Wohnung
[3:51:54] ne
[3:51:58] ich bin mir ähm ehrlich gesagt jetzt nicht ganz sicher weil wir mehrere Interviews in letzter Zeit gemacht haben ähm mit Leuten die aus Bratislava kommen ob ich es bei Ihnen gelesen habe deswegen verzeihen Sie mir wenn das jetzt nicht stimmt aber haben Sie
[3:52:08] Ihre Frau nicht sehr früh äh 1944 oder so sie stammt auch aus Pressburg schon schon getroffen so-
[3:52:15] [gleichzeitig:] äh ja ja ja
[3:52:18] also getroffen in Anführungsstrichen das ist Ihre Geschichte
[3:52:21] [gleichzeitig:] das war so stimmt stimmt hätte ich völlig versäumt zu erzählen äh im Jahre 43 äh gab es in der Familie ein Ereignis das der kleine das Peterchen wurde geboren also die Cousine bekam ein Kind und wir sind mit den Eltern hin sie zu besuchen
[3:52:42] das war das erste Wickelkind das ich sah also so was geschah vorher in meinem Umkreis nicht so sehr angetan war ich davon nicht das hat ja nur geknurrt und dann sind wir endlich wieder weg und unterwegs sagten die Eltern dass es nicht das einzige Baby ist
[3:52:55] das jetzt geboren wurde denn drei Tage zuvor äh er war der Erste und der Dritte muss also nicht am Tag der Geburt gewesen sein er war am ersten April geboren und ein anderes Baby am dritten April und äh das ist das Töchterchen unserer Bekannten ich kannte
[3:53:14] sie nicht die Eltern kannten sich ja mit den meinen zukünftigen Schwiegereltern und ich hatte in dem Augenblick riesigen Schiss dass wir noch das zweite Baby an dem Tag besuchen müssen eins hat mir ja schon gereicht aber die Eltern sagten »nein nein das
[3:53:30] ist ja nicht so gemeint nur das ist ja eigentlich eine schöne Nachricht« ich ich hab nicht verstanden was daran schön ist dass man da die Windeln wechseln muss aber »ja gut gut« und äh da habe ich also zum ersten Mal gehört dass eine Katja geboren wurde
[3:53:44] und dann waren die Eltern ihre Eltern waren ja beide berufstätig also der Vater war äh Uniprofessor äh Rechtswissenschaftler die Mutter war Kinderärztin so dass äh gelegentlich äh wenn kein Kindermädchen da war wurde das Kind irgendwo abgeschoben unter
[3:54:06] anderem auch zu meiner Tante wo ja der Cousin und die Cousine meine Freunde waren wo ich da so oft bei denen war und einmal als ich zu Besuch kam war da so ein kleines M- M- blondes Geschöpf und da sagten die »das ist die Katja von den von den Freunden«
[3:54:23] »aha na ja gut« die war damals also immer war sie [lacht] immer war sie zehn Jahre jünger als ich was dann später nicht so große Rolle spielte aber mit z- 13 mich mit einer Dreijährigen zu unterhalten das konnte von mir keiner verlangen da aber der Onkel
[3:54:43] also der Ehemann der Tante einen Fotoapparat hatte und eifrig fotografierte gibt es sogar ein Foto wo wir zusammen zu sehen sind also die beiden äh äh Cousine äh Cousin und und die Kleine und ich aber das Foto ist so mickrig und unscharf ich hab ja auch
[3:55:03] nicht das Foto sondern nur den äh Streifen äh dass ich es äh nicht wagte es hier zu äh vergrößern das wär nix gewesen äh aber zuerst haben also im Erwachsenenalter haben wir uns dann kennengelernt als äh eben diese Tante gestorben ist und äh ich
[3:55:26] von der Cousine angerufen wurde dass äh sie jemanden braucht der sie halt unterstützt physisch weil sie zusammengebrochen war und dass sie jetzt den Herrn Professor besuchen möchte mit der Bitte eine Grabrede zu schreiben denn die Mutter wollte die Tante
[3:55:48] also meine Tante wollte nicht äh weder einen katholischen noch einen jüdischen Pfarrer also Rabbiner am Grab reden hören man konnte aber auch aus der V- Bekanntschaft jemanden organisieren und er der Schwiegervater mein zukünftiger war ein gebildeter Mann
[3:56:09] der die Tante kannte und so wurde ausgemacht dass er un- äh er diese Rede schreiben wird und ich hab sie dann zu ihm begleitet um es nochmal äh zu erläutern ich war also als Stütze meiner äh Cousine da hab mich vorstellen müssen und dann kam ein schönes
[3:56:36] Mädchen rein und ein Wort gab das andere dann haben wir uns verabredet so nebenbei und seitdem sind wir miteinander gegangen und ein Jahr später war dann die Hochzeit so kam es zu meiner so kam ich zu meiner Frau ja
[3:56:54] ich würde noch gerne wissen wann Sie das erste Mal begonnen haben innerhalb der Familie Sie sagten mit Ihren Eltern wurde nicht viel über die Zeit der Verfolgung gesprochen wie war das in Ihrer eigenen Familie die Sie dann gegründet haben ?
[3:57:12] also äh meiner Frau hab ich ja selbstverständlich so gut wie alles erzählt wenn nicht alles dann nur weil ich es nicht präsent habe hatte also weil ich es im Augenblick vergessen hatte aber da hatte ich keine Ver- Geheimnisse sie selber äh war ja Halbjüdin
[3:57:31] also Vater Jude m- Mutter äh Arierin äh aber die äh bekam das überhaupt nicht mit äh als der Krieg zu Ende war war sie zwei Jahre alt und danach äh war sie noch äh ja da hat sie hat noch an einer Prozession teilgenommen in in der Schule also da muss
[3:57:52] es noch in den unteren Grundschulklassen möglich gewesen sein zu zur Maria Himmelfahrt oder wann in weißen Kleidchen Blumen streuen das hat sie noch mitgemacht aber dann mh hatten sie die Eltern abgemeldet also sie hatte keine keinen Bezug zur katholischen
[3:58:12] Religion zur eva- zur jüdischen schon gar nicht da da wusste sie überhaupt nichts und zur Bibel übrigens auch nicht äh ich konnte es nicht fassen dass jemand die Bibel so nicht kennt äh weil ich es ja damals in der Grundschule so grün- gründlich lernen
[3:58:30] musste und äh dann als die Kinder geboren wurden hielt ich es nicht für wichtig es so was ihnen so was zu erzählen äh viel wichtiger schien mir äh zu erklären äh dass wir nicht so richtig Deutsch sprechen warum und dass die Großeltern erst vor kurzer
[3:58:52] Zeit rübergekommen sind oder wer von den Verwandten noch äh drüben ist aber alles aus der Sicht des Prager Frühling-Menschen und nicht aus der Sicht einer eines Verfolgten äh schließlich war es ja nur meine Geschichte nicht die Geschichte meiner Frau
[3:59:10] während die äh KZ- äh die äh f- Emigrationsgeschichte wir beide erlitten hatten ja das war ein gemeinsames Erlebnis also war das auch vorrangig und überhaupt äh gab es immer irgendwo eine Anspielung eine Meldung aus der eh- ehemaligen Heimat ich hab
[3:59:31] dann ja auch für Radio Free Europe gearbeitet und für die Deutsch- für den Deutschlandfunk äh das haben die gelegentlich auch mitbekommen das war das Thema eins und erst als dann der elfte Geburtstag meines Sohnes nahte da sagte ich mir also irgendwo ist
[3:59:50] es so ich hab ja diese Aufzeichnungen au- aus Hörsching und Linz das hab ich ja geschrieben nicht viel älter als der Junge jetzt ist als ich nach Auschwitz kam war ich noch nicht mal elf das wär vielleicht eine Gelegenheit es niederzuschreiben und es ihm
[4:00:08] zum elften Geburtstag zu schenken äh das hat es hat mich auch viel Mühe gekostet heute würde ich es äh sicher leichter schreiben aber das war vielleicht doch noch zu nah dran äh und in dieser Reihenfolge hatte ich ja es niemandem erzählen müssen also
[4:00:30] ich musste es mir zusammenreimen nicht nur abzuschreiben was ich da geschrieben hatte sondern vom Anfang an ab meiner Geburt und mit verschiedenen Erklärungen und das hab ich dann endlich fertig gemacht und als der Geburtstag gefeiert wurde hab ich es mit
[4:00:53] Betonung überreicht weil es ja ein äh handgemachtes Geschenk war und nicht irgendein Spielzeugauto und dann hab ich gewartet äh auf das Echo und es kam kein Echo ein zwei drei vier Tage dann hab ich die Mutter gebeten nachzufragen ob er es denn überhaupt
[4:01:19] schon angesehen hatte und dann hieß es »ja ja er hat -s schon angesehen« und dann sind wieder paar Tage vergangen und dann hab ich es nicht mehr ausgehalten und hab ihn direkt gefragt ähm es hat mich ja schließlich viel Zeit gekostet viel Mühe und ob
[4:01:31] er mir was dazu sagen kann ob er Fragen hat »hm ja« sagt er »weißt du Papi eigentlich nicht das ist so was soll ich damit mal habt ihr en Kaffee gehabt oder Suppe und dann wieder nicht und ich weiß nicht« ach da war ich also schon ziemlich betroffen
[4:01:52] und äh traurig aber es hat sich alles gelegt und mit der Zeit hat er es begriffen gelesen der Jüngere dann auch und äh als ich dann den PC hatte und die Möglichkeit bestand es ein klein wenig besser zu gestalten haben sie sich der Sache angenommen äh
[4:02:17] haben es abgetippt und äh mir beigebracht wie man die Gänsefüßchen unten äh die äh Erklärungen dazu tut es korrigiert x mal und dann mh halt genehmigt und dann in diese Form gebracht da heutzutage kennen sie es glaube ich gründlicher als ich die Geschichte
[4:02:44] aber es hat gedauert
[4:02:49] vielleicht noch etwas äh ich äh wie gesagt konnte in der Tschechoslowakei eigentlich niemandem erzählt erzählen wie wie es dort war im KZ es hat sich auch niemand interessiert aber hätte sich einer interessiert äh hä- hätte
[4:03:14] er nach dem ersten Satz äh sich die Ohren zugestopft also es war eine andere Welt darüber konnte man nicht reden als ich dann hier ankam war ich in der Redaktion von »Pardon« und zu meinem also es war überhaupt nicht mein Anliegen damit anzufangen das
[4:03:29] war das letzte womit ich meine Kollegen beglücken wollte ich wollte so unauffällig meine Arbeit erledigen wie nur wie es nur ging na aber die haben die Nummer gesehen es war ja Sommer und dann fragten die wieso ich überlebt hatte ich bin ja jung »wie alt
[4:03:46] warst du« »warst ja elf zwölf« »das gibt -s ja nicht« »wieso wieso warst du in Auschwitz und wann bist du rein« und da merkte ich dass die Menschen was darüber wissen und dass sie gezielt fragen also sie hatten ein äh Geschichtsbewusstsein sie sie
[4:04:05] wussten wovon die Rede war und da war ich also begeistert und hab selbstverständlich gleich einen kleineren Vortrag gehalten und die waren zufrieden die haben nie vorher jemanden gesehen viel später hatte mir dann eine Sekretärin gesagt sie war fest davon
[4:04:23] überzeugt dass ich es mir selber aus Jux und Dollerei die Nummer äh in die Hand gepikst hatte oder nur gezeichnet habe nur so ja weil sie es für nicht für möglich hielt dass einer äh der als Kind überlebt hatte noch da ist und mit ihr in einem Zimmer
[4:04:41] sitzt ja das äh das war für die schon eine neue Erfahrung dass sie einen KZ-Häftling als äh Redaktionsmitglied haben und für mich war es ausgesprochen eine Wohltat äh die motivierten gebildeten Deutschen kennen zu lernen die genau wussten was da vor
[4:05:04] sich ging und äh wenn irgendwo ein Thema äh zum äh Vorschein kam wo über KZ die Rede war wurde ich konsultiert als Fachmann ob -s denn möglich ist oder ob man damit jemand beleidigt oder ähnliches ja also das äh war ein riesiger Pluspunkt äh in äh
[4:05:27] Deutschland den wir drüben nicht hatten musste ich sagen der Vergleich ist sehr ungünstig für die äh Sozialistische Republik Tschechoslowakei gelaufen
[4:05:39] ähm ham Sie jemals in Ihrer Arbeit in Ihrem Beruf ähm Bezug genommen auf Ihr persönliches Schicksal ham Sie ham no- vielleicht sagen Sie nochmal kurz was Sie dann äh konkret gemacht haben bei den äh bei den Zeitschriften und dann noch mal die Frage ähm
[4:06:09] gabs dann
[4:06:12] [gleichzeitig:] ne
[4:06:15] einen Bezug oder haben Sie den bewusst vermieden ?
[4:06:17] ich hab nie ich hab nie darüber äh gesprochen nie an irgendwelchen Versammlungen oder in Schulen darüber geredet drüben war -s auch nicht erwünscht und äh ich hab auch nie meine Erfahrungen niedergeschrieben bis auf diese Aufnahme Ausnahme äh ich hab
[4:06:32] mich äh der Satire verschrieben der politischen würde ich sagen und äh das äh ich war zuerst Verlagsangestellter in einem Buchverlag und später Redakteur der satirischen Zeitschrift wo eben der Chefredakteur mich gewarnt hatte gemahnt hatte lieber zu
[4:06:54] flüchten äh die äh das waren völlig andere Themen äh das war nicht im Gespräch das hätte man vielleicht in einem Freundeskreis mal erwähnen können aber das hat überhaupt niemanden interessiert und auch erst viele Jahre später hab ich von einigen
[4:07:17] äh Kommilitonen an der Uni erfahren dass sie auch äh aus Rassengründen äh gelitten haben jüdischer Abstammung sind konnte ich nicht sehen hab ich damals nicht gewusst also ich hätte mich nicht anders benommen aber ich meine es war so ein Tabuthema dass
[4:07:39] es einfach dort nicht gesprochen wur- besprochen wurde das das war wie man sich nicht mit einer Abtreibung äh äh mit einer Abtreibung protzt oder oder mit irgendeinem Aufenthalt im Knast weil man jemanden ermordet hat also man fühlte sich bis zu einem
[4:08:02] gewissen Grad äh schuldig man war ja irgendwie eingesperrt und man wusste ja die Öffentlichkeit wusste nicht genau warum und wo es wie es da zuging höchstens dachten sie na ja gut eingesperrt hinter Gittern wie man es in Filmen sieht aber sonst hat es sie
[4:08:21] nicht interessiert sie waren ja auch drüben der Meinung das alles nur die bösen Deutschen verursacht hatten was aber nur zum Teil stimmte denn in der Slowakei wu- hatten die Einheimischen ziemlich äh einfallsreich mitgewirkt und äh die äh Hinweise aus
[4:08:38] Berlin äh sehr pflichtbewusst sofort erfor- erledigt also
[4:08:45] [unterbricht:] wir müssen mal eben kurz -ne Pause machen weil jetzt
[4:08:47] ja [Schnitt] äh als ich dann nach Deutschland kam und den äh Posten des Redakteurs bei der satirischen Zeitschrift »Pardon« bekam äh war dann doch bald klar dass mein Deutsch nicht reicht um äh Texte zu schreiben auch nicht nur es lag nicht nur an der
[4:09:08] Sprache aber wenn man sich über etwas lustig machen will braucht man ja äh zu wissen wie es ist ich hatte also so gut wie keine Erfahrung über das Leben in Deutschland äh ich war da eine Woche mal zu Besuch das war alles äh sobald irgendein Gesprächsthema
[4:09:28] in der Konferenz angedeutet wurde musste ich immer fragen »ist er brav oder böse« äh ich kannte vielleicht den Namen Strauß aber mehr niemanden und wenn es dann über irgendeinen Hans ging musste ich immer wissen ja ist er zu beschimpfen oder zu loben
[4:09:47] war mir alles fremd so hatte man mir dann äh hatte man mich äh verantwortlich gemacht für die äh Fotosachen das heißt ich sollte Ideen für Fotos liefern die dann ein hauseigener Fotograf in seinem äh in dem Atelier der Zeitung gem- angefertigt hatte
[4:10:14] ich hatte dann auch den Kontakt mit den mit den Fotomodellen falls welche notwendig waren außerdem hatten wir ja alle auch alle Redakteure mussten Modelle spielen das war irgendwie die Pflicht und äh dann später äh gab es eine Beilage namens »Slapstick«
[4:10:35] äh die brachte nicht mehr politische Te- Texte im Unterschied zu dem normalen Teil äh sondern äh hauptsächlich ganzseitige Cartoons und Comicstrips und äh ich hatte diese dann geleitet äh das war bei »Pardon« dann bei der »Titanic« hatte ich ähnliche
[4:11:00] Aufgaben also Kontakt mit den äh Zeichnern dabei hatte ich gelernt dass man äh keine Angst äh vor der Obrigkeit in einer Demokratie haben muss dass es ja keine Zensur gibt und die Qualität ist alles das war für mich eine neue Erkenntnis weil ich ja die
[4:11:24] Jahre in Bratislava gewohnt war dass man alles von der Zensurbehörde genehmigt haben musste äh und ich hatte ja auch Ideen das kann man ja alles auch irgendwie lernen äh wie man den Zugang dazu findet so dass ich dann auch gelegentlich was beschrieben hatte
[4:11:50] was dann ein Zeichner gezeichnet hatte und als es dann damit zu Ende war äh die »Titanic« kein Geld mehr für uns hatte war ich äh arbeitslos über drei Jahre da hatte ich dann einmal ein Buch in Slowakisch geschrieben was dann erschienen ist und äh auch
[4:12:13] für die Rundfunkstationen als fester freier Mitarbeiter gean- gearbeitet für den Hessischen Rundfunk für äh die äh für Radio Free Europe und für Deutsche Welle respektive Deutschlandfunk das alles äh half zum Überleben und dann war ich äh angestellt
[4:12:38] im äh Archiv der Ärztezeitung äh das ist eine Tageszeitung für niedergelassene Ärzte die erscheint in Neu-Isenburg bei Frankfurt und äh bringt äh das Neueste für den Arzt äh da blieb ich äh zehn Jahre lang bis zu meiner Pensionierung äh ich äh
[4:13:03] hatte in dieser Zeitung außer meiner normalen Aufgaben noch eine Kolumne das waren Filmfotos äh die ich mit Sprechblasen ergänzte äh diese Sprechblasen mussten allerdings einen äh Zusammenhang mit den Ärzten oder mit dem Gesundheitswesen haben also entweder
[4:13:26] die Ärzte sind überfordert immer aus der Sicht der Ärzte denn wir waren ja für die Ärzte o- oder aber die äh Beipackzettel bei den Medikamenten sind in allzu kleiner Schrift gedruckt sollte man größer machen ich meine das sage ich jetzt die Tatsache
[4:13:47] aber ich hab es dann irgendwie so ironisch ausgedrückt und irgendjemandem in den Mund gelegt der alt und gebrechlich war und nicht mehr wusste was er da liest und das da hab ich dann täglich gemacht ist auch fast zehn Jahre lang ge- erschienen bis ein neuer
[4:14:07] Chef kam dem es nicht mehr gefiel dann hat es aufgehört das hab ich auch gemacht nachdich nachdem ich schon im Ruhestand war und äh da ich aber schon mit den Sprechblasen irgendwie gearbeitet habe ich hab ja auch das äh so so -n Büchlein rausgegeben äh
[4:14:25] mit Sprechblasen äh im schon wesentlich früher in deutscher Sprache äh hab ich überlegt was man noch mit Sprechblasen machen kon- könnte Fotos äh die von einer Agentur waren konnte ich nicht verwenden die Zeitschrift hatte sie zwar gekauft aber hatte
[4:14:47] nur das Recht für die eine äh Veröffentlichung mit meiner Sprechblase aber die waren dadurch nicht mein Eigentum also ich musste irgendwie etwas suchen was so schön ist wie ein Foto und hab mich dann auf die äh äh Kupferstiche oder Stiche überhaup-
[4:15:05] Stahlstiche gestürzt die in alten Zeitschriften zu finden waren äh ich hatte die dann kopiert wenn ich sie nicht kaufen konnte und äh die dann mit Sprechblasen ergänzt die hab ich dann an Emigrantenzeitschriften verschickt das heißt äh Zeitschriften
[4:15:27] die tschechische oder slowakische Emigrantengruppen in Europa oder außerhalb Europas äh herausgegeben haben ohne Honorar das war so dass es für die die haben ja nie Geld gehabt des- äh deswegen konnte man kein Honorar verlangen aber es war mir ganz äh
[4:15:48] recht zu sehen dass mein Witz irgendwo Anklang fand und dann mir jemand aus Kanada schrieb dass er äh lachen musste ja und als dann äh nach nach dem Fall der Mauer um es so zu definieren in meiner Heimatstadt dann wieder die alten Freunde ans Ruder kamen
[4:16:11] und versuchten neue Zeitschriften zu gründen oder die alten wieder zu beleben hab ich auch dorthin die Sachen geschickt allerdings mit einer scharfen Note gegen die Nationalisten und gegen diejenigen die äh die Republik trennen wollten ich war dagegen ich
[4:16:30] dachte es wäre besser wenn sie zusammen blieben mit der mit Tschechien das hat nicht geklappt und äh alle die dagegen gegen die Trennung waren wurden dann selbstverständlich von der Obrigkeit abgeschrieben also ich hatte keine Möglichkeit mehr in äh der
[4:16:49] Slowakei zu veröffentlichen äh aber es gab ja auch keine Zeitungen mehr die nicht nur nicht nur dass es äh [hustet] dass ich ideologisch nicht auf der Seite der Nationalslowaken stand sondern auch die Zeitschriften sind eingegangen die gegen die Teilung
[4:17:10] waren also es gab keine Möglichkeit etwas für die Presse dort zu machen es gibt aber eine äh weltweite äh Vereinigung äh ein ein Klub der Zeichner der Karikaturisten äh Kürzel ist FECO äh das ist die der Welt- die Weltorganisation der Karikaturisten
[4:17:35] um es so zu sagen und die gibt es äh in vielen Ländern auf der ganzen Welt und die machen jede für sich äh ein Preisausschreiben zu einem gewissen Thema das Thema richtet sich meistens nach den Sponsoren die die Preise stiften und das sind dann halt Firmen
[4:17:58] oder Brauereien oder Umweltschützer wenn sie sich das leisten können und die ganze Welt kann da teilnehmen und so hab ich mich entschlossen meine Sachen in die Richtung zu machen und nehme eigentlich an vielen teil wo es mir scheint dass ich aus meinem äh
[4:18:19] Archiv das Passende finden könnte und äh es ich hatte einen Vorteil da ich äh hier gelernt hatte ohne Zensur und frech äh zu sagen was ich meine hatte ich den Vorsprung vor meinen Mitbürgern in den sozi- ehemaligen sozialistischem Lager die noch immer
[4:18:47] gefürchtet hatten den Präsidenten Staatsoberhaupt den Papst oder wen auch immer ein wenig kritisch anzugreifen denn das gehört sich ja nicht da das würde man uns verbieten äh und dann hatten die plötzlich gemerkt aber doch ne das geht der der macht es
[4:19:05] und dem geschieht nichts also äh hatte ich am Anfang Preise gewonnen obwohl es irgendwie nicht so der Gipfel war äh weil es frech war frecher als sie es getan hätten äh nachdem sie es auch gelernt haben in den ehemaligen Warschauer Pakt-Ländern bin ich
[4:19:30] nicht mehr [lacht] der Mutigste und jetzt wissen sie alle während der zwanzig Jahre äh ham sie gelernt dass äh eigentlich nur äh andere Maßstäbe gelten aber sagen oder zeichnen darf man alles ja ich hab äh zum Beispiel in Kanada eine bronzene Banane
[4:19:52] gewonnen steht am Fenster äh sieht sehr komisch aus ja ob ich es noch zeigen soll ?
[4:20:01] wir holen sie kurz
[4:20:07] sehen Sie die ? dann [zeigt Preis] das das war der dritte Preis im Rauseisch- Preisausschreiben einer Firma äh unter dem Motto ähm »Alkohol schadet« es klang lustiger aber das war der Inhalt das war also gegen Alkohol ich muss gestehen ich hätte
[4:20:36] auch für Alkohol gemacht äh was ich auch mehrmals bewiesen habe es soll also eine bronzene Banane sein darf ich danke äh ja sonst waren es also ging es eher um den Ruhm als um Preise aber es macht Spaß we- auch bin ich Mitglied äh der slowakischen
[4:21:03] Fraktion also der Karikaturistenunion ich bin Mitglied in der deutschen hier und Ehrenmitglied in der tschechischen das ist das Schönste denn Ehrenmitglied zu sein ist sehr angenehm man hat keine Verpflichtungen wenn man kommt ist es schön aber man muss
[4:21:24] nicht man sollte eigentlich nicht wählen wenn der Vorsitz Vorstand gewählt wird hat man als äh Ehren- äh -mitglied äh glaub ich nicht das Recht aber es ist egal ich äh kenne die Leute dort und wir sind befreundet und es ist sehr angenehm unter denen
[4:21:47] zu v- verweilen ich hatte in Prag deswegen schon zwei Ausstellungen solo also eigentlich und war es kamen Leute aus weit und breit war sehr sehr schön und sonst hatte ich auch Ausstellungen dreimal in meiner Heimatstadt davon war ich einmal nicht mal anwesend
[4:22:09] da war schon meine Frau krank und auch in anderen Teilen wo ich nicht teilgenommen hatte in Böhmen noch in Königgrätz da hab ich zweimal den ersten Preis bekommen die hatten mich irgendwie hochgeschätzt äh das äh war eigentlich gut das hat mich gefreut
[4:22:34] und in äh Kremnica das ist ein Ort in der Mitte der Slowakei findet jeden jedes Jahr im Sommer ein Humorfestival statt äh da gibt es auch eine Ausstellung äh der Künstler die Karikaturen machen oder ähnliches Collagen da war ich in diesem Jahr vertreten
[4:22:57] äh in der Sam- in der großen Ausstellung und wurde zusätzlich mit einem Preis ausgezeichnet für meine ganz- für meine Lebensleistung ach das ist der äh Gänserich mit der Bimmel tut mir leid ist mir alles ein bisschen
[4:23:21] das müssen wir jetzt schon zeigen wenn sie das sagen
[4:23:25] [gleichzeitig:] jetzt hab ich schon damit angefangen wenn protzen dann klotzen äh das ist ein goldener Gänserich danke schön [zeigt Preis] ein wenig surrealistisch muss man schon genau hingucken äh das goldene ist wohl der Schnabel es war ein großes Helau
[4:23:51] auf der Bühne wurde es mir übergeben und ich fühlte mich sehr geehrt das war sehr schön und zufällig ist zu der Zeit auch mein Roman herausgekommen der dort vorgestellt wurde und später hab ich erfahren dass eine der Leiter dieses Festivals äh dieses
[4:24:16] Buch dramatisieren will und wird mit einer Regisseurin und zum vierzigsten Jahrestag eines Theaters in dieser Stadt am 13ten November soll die Uraufführung stattfinden ich hab es noch nicht gelesen ich weiß nicht wie es ist ich will da auch nicht reinreden
[4:24:37] aber irgendwie ist es ganz schön das zu wissen
[4:24:41] sie wollten zum Schluss noch oder hatten noch ein Bild rausgesucht eine Collage die sie selber gemacht haben wo Ihre Familie äh drauf zu sehen ist (___) noch zeigen
[4:24:52] [gleichzeitig:] ja ich lass es vorerst hier liegen ich muss es erklären äh in der sozialistischen Tschechoslowakei wollte man sich zu Weihnachten und zum Neujahr Glück wünschen aber Weihnachten war ja verpönt und damit auch irgendwie Neujahrsgrüße da
[4:25:10] witterte men da witterte man dahinter eine Anspielung an Weihnachten also gab es äh keinen äh keinen Ausweg äh sich äh zu beglückwünschen nur in einer ja verharmlosten oder oder oder versteckten Form und jemand kam auf die Idee äh die Kürzel »pf«
[4:25:42] zu verwenden unters nächste Jahr das ist aus dem Französischen und äh heißt »pour féliciter« äh also »zum Glück wünschen wir« »wir wünschen viel Glück« und das konnte niemandem schaden deswegen war man auch nicht dagegen und ich hab es als
[4:26:04] Tradition eingeführt nach der Heirat hatten wir an Bekannte immer ein lustiges Bild geschickt mit dem »pf« und das dem kommenden Jahr das ham wir durchgezogen hier auch mit den Kindern die wir dann äh als sie ein bisschen älter wurden äh immer bestochen
[4:26:22] werden mussten damit sie sich fotografieren lassen eine Dose Cola hatte es dann immer gemacht die die dadurch wurden sie bestochen und waren dann brav ham auch gelacht oder waren traurig je nachdem was wir von ihnen verlangten no äh d- das Berühmteste war
[4:26:41] als wir für das Jahr 69 bereits im September eine Collage angefertigt hatten wir stehen hier vor dieser Wand der Bücherwand und ein Freund von mir stand noch dabei dem ham wir dann den Gorbatschow-Kopf über seinen Kopf geklebt Foto ging ja damals nicht
[4:27:06] anders und äh das haben wir verschickt als es verschickt wurde war schon die Mauer gefallen und die Tschechoslowakei war wieder frei als wir es aber gemacht haben war noch alles offen und da standen wir mit dem äh Genosse Gorbatschow der sich ja so große
[4:27:30] Verdienste um diese Freiheit äh die er erworben hatte und das haben wir dann auch in unseren Freunden drüber geschickt und einige fragten »ja die kennen ihn ihr kennt euch und wie er ist zu euch« da war er noch der größte Mann der Sowjetunion die konnten
[4:27:50] es nicht fassen dass es einfach ein draufgeklebter Koch äh Kopf ist das war das berühmteste und dann gab es nicht mehr so einen Anlass was Politisches zu machen aber wir waren immer bemüht die Familie abzulichten um so mehr dass äh viele Freunde ja nicht
[4:28:09] mehr wussten wie wir aussehen und da wollten wir auf diese Art die Kontakte weiter pflegen äh die letzte das der letzte Neujahrsgruß ist dieser da [zeigt Bild] äh das ist äh sind meine beiden Söhne mit Ehefrauen und äh ein Sohn mit äh einer Tochter
[4:28:31] und der zweite Sohn mit zwei Söhnen wir alle schweben auf einem Luftschiff welches nicht zu sehen ist oder nur zum Teil und äh das hatten wir insgesamt etwa 140 Mal verschickt und hat eigentlich ganz gut gefallen
[4:28:49] hätten Sie zum Abschluss dieses Interviews äh noch was hinzuzufügen
[4:29:01] es müsste was ganz Kluges sein dessen bin ich nicht mächtig nein schönen Dank hoffentlich ist es verstößt es nicht gegen die Regeln
[4:29:09] dann möchten wir uns auch herzlich bei Ihnen bedanken
[4:29:13] vielen Dank
[4:29:16] war mir eine Ehre schönen Dank ebenfalls
[4:29:17] danke schön
| Datum | Ort | Text |
|---|---|---|
| ab 1933 | Pressburg | Geburt als einziges Kind eines Firmendirektors, evangelische Taufe |
| 1939 - 1944 | Pressburg | mehrfache erzwungene Umzüge, zunehmende Enteignung und Entrechtung der Familie |
| 1939 - 1944 | Pressburg | Besuch einer staatlichen und einer evangelischen Grundschule |
| ab 1939 | Pressburg | evangelische Taufe der Eltern |
| ab 1939 | Prag | Scheitern der geplanten Auswanderung der Familie nach England im Anschluss an die deutsche Besetzung Prags |
| 1944 - 1944 | Brunovce | Flucht der Familie vor den Bombardierungen Pressburgs nach Brunovce |
| ab 1944 | Nové Město na Moravě | Verhaftung der Familie in Brunovce und Deportation in das Sammellager Neustadtl |
| ab 1944 | Sered (Zwangsarbeitslager) | Deportation der Familie in das Zwangsarbeitslager Sered |
| 1944 - 1945 | Auschwitz II-Birkenau (Vernichtungslager) | Deportation der Familie in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, Inhaftierung im Kinderblock, schwere Erkrankung des Vaters, Deportation der Mutter zur Zwangsarbeit nach Lippstadt |
| ab 1945 | Melk (Konzentrationslager) | Eisenbahntransport nach Melk, Zwangsarbeit im Kartoffelschälkommando und Aufnahme im Krankenrevier |
| ab 1945 | Mauthausen (Konzentrationslager) | Todesmarsch und Eisenbahntransport nach Mauthausen |
| ab 1945 | Mauthausen (Konzentrationslager) | Eisenbahntransport nach Mauthausen, Inhaftierung im Zeltlager |
| ab 1945 | Gunskirchen (Konzentrationslager) | Todesmarsch nach Gunskirchen |
| 1945 - 1945 | Linz | Aufenthalt wegen Tuberkulose in Krankenhäusern in Hörsching und Linz, Niederschreiben erster Berichte über die Verfolgungszeit |
| ab 1945 | Gunskirchen (Konzentrationslager) | Befreiung durch amerikanische Soldaten |
| ab 1945 | Pressburg | Wiedersehen mit den Eltern |
| 1945 - 1946 | Dolný Smokovec | Aufenthalt wegen Tuberkulose in einem Lungen-Sanatorium in der Hohen Tatra |
| ab 1946 | Pressburg | Besuch des Gymnasiums |
| ab 1965 | Tschechien | Heirat mit Katja Mestitz |
| ab 1968 | Frankfurt am Main | aus Angst vor antijüdischer Verfolgung Auswanderung mit der Ehefrau nach Deutschland, Arbeit als Redakteur bei der satirischen Zeitschrift »Pardon« |
| ab 1970 | Deutschland | Geburt des Sohnes Martin |
| ab 1973 | Deutschland | Geburt des Sohnes Jan |
| 1979 - 1996 | Frankfurt am Main | Redakteur bei der satirischen Zeitschrift »Titanic« |
| ab 2010 | Frankfurt am Main | Tod der Ehefrau |
Mit Bildung der formal unabhängigen Ersten Slowakischen Republik am 14. März 1939, die aber tatsächlich ein von Deutschland abhängiger Staat war, ergingen gezielt gegen Juden gerichtete Erlasse und Maßnahmen. Eine geplante Auswanderung der Familie nach England scheiterte am Einmarsch deutscher Truppen in Prag. Weil die Eltern noch kurz zuvor dem evangelischen Glauben beigetreten waren und der Pfarrer den Taufschein Pavel Taussigs fälschte, bestand zunächst ein gewisser Schutz für die Familie. Pavel Taussig konnte eine staatliche Grundschule besuchen, erlebte aber schon früh antisemitische Diskriminierungen, die er in Unkenntnis seiner Herkunft nicht verstehen konnte.
Als ein Erlass jüdischen Kindern das Spielen auf öffentlichen Plätzen verbot, klärten ihn die Eltern über seine jüdischen Wurzeln auf. Für Pavel Taussig, der in seiner Erziehung keinerlei Berührung mit der jüdischen Religion oder Kultur erfahren hatte, brach eine Welt zusammen. Nach dem Krieg sollte er sich weder der christlichen noch der jüdischen Religion besonders zugehörig fühlen.
Die Familie litt zunehmend unter der antijüdischen Entrechtung und Verfolgung, die Firma des Vaters wurde »arisiert«, mehrfach musste die Familie in immer ärmere Wohnverhältnisse umziehen. Als Pressburg infolge der vorrückenden sowjetischen Front im Sommer 1944 bombardiert wurde, suchten die Taussigs gemeinsam mit weiteren Verwandten Schutz vor dem Kriegsgeschehen in dem Dorf Brunovce unweit der Stadt Piešt'any. Am 26. Oktober 1944 verhafteten slowakische Gardisten die Familie und deportierten sie über ein Sammellager in Neustadtl in das Konzentrationslager Sered. Am 3. November 1944 wurden sie von dort weiter in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Innerhalb der Lagerbereiche bestand zunächst noch Kontakt zu den Eltern, der aber abbrach, als die Mutter zur Zwangsarbeit nach Lippstadt deportiert und der Vater in den Krankenbau eingewiesen wurde. Pavel Taussig, der vom weiteren Schicksal der Eltern nichts wusste und von ihrem Tod ausgehen musste, war im so genannten Kinderlager inhaftiert.
Als die Lagerleitung Maßnahmen zur Flucht vor der heranrückenden Roten Armee traf, schloss sich Pavel Taussig am 15. Januar 1945 einem so genannten Todesmarsch an, um einer befürchteten Ermordung im Lager zu entkommen. Häftlinge, die den Strapazen nicht mehr gewachsen waren, wurden unterwegs erschossen. Nur durch die Hilfe von Mithäftlingen, die Pavel Taussig unterstützten, gelang es ihm, den Marsch und einen sich anschließenden Bahntransport in offenen Waggons durchzustehen. Ziel war zunächst das westlicher gelegene Konzentrationslager Mauthausen, Ende Januar 1945 erfolgte dann eine Verlegung in das Konzentrationslager Melk. Dort musste Pavel Taussig im Kartoffelschälkommando arbeiten und wurde wegen einer schweren Erkrankung am Fuß in den Krankenbau eingewiesen. Medizinische Hilfe erhielt er durch den ungarischen Mithäftling und Arzt Ladislaus Szücs. Nach kurzer Zeit wurden die Häftlinge wieder mit der Eisenbahn nach Mauthausen in das so genannte Zeltlager zurücktransportiert, bevor Pavel Taussig am 26. April 1945 auf einen Todesmarsch in das Konzentrationslager Gunskirchen getrieben wurde. In den chaotischen Verhältnissen der Kriegsendphase herrschten in diesem Lager unsagbare hygienische Bedingungen, die Häftlinge konnten sich nur von Grasbüscheln ernähren. Amerikanische Truppen befreiten das Lager am 4. Mai 1945.
Durch Hunger sowie Tuberkulose in Lunge und Knochen schon sehr geschwächt, musste Pavel Taussig zunächst mehrere Monate in Krankenhäusern in Hörsching und Linz behandelt werden, ehe er in seine Heimatstadt zurückkehrte. Von einem Mithäftling hatte er auf dem Weg dorthin erfahren, dass seine Eltern Haft und Zwangsarbeit überlebt hatten und wieder in Pressburg lebten. Auf die Wiedersehensfreude folgte schnell die Enttäuschung, wegen der noch nicht ausgeheilten Tuberkulose sofort wieder ins Krankenhaus zu müssen und damit erneut von den Eltern getrennt zu werden. Pavel Taussig verbrachte fast ein Jahr lang in einem Lungen-Sanatorium in der Hohen Tatra, ehe er im Sommer 1946 wieder nach Pressburg zurückkehren konnte. Nach Abitur und Studium begann er, in Pressburg für eine satirische Zeitschrift zu arbeiten. Während der als »Prager Frühling« bekannt gewordenen Reformbemühungen in der Tschechoslowakei riet ihm der Chefredakteur der Zeitschrift dringend zur Auswanderung. Als die Reformversuche auf Veranlassung der Sowjetunion durch den Einmarsch von Truppen des Warschauer Paktes beendet wurden, mussten insbesondere Juden fürchten, pauschal als »Sündenböcke« oder tatsächliche Unterstützer des »Prager Frühlings« bestraft zu werden.
Zusammen mit seiner Frau Katja, die er 1965 geheiratet hatte, reiste Pavel Taussig im September 1968 über Wien mit einem Touristenvisum in die Bundesrepublik Deutschland ein. Neuer Lebensmittelpunkt wurde Frankfurt am Main. Dorthin bestanden schon berufliche Anknüpfungspunkte, die einen Neubeginn ebenso erleichterten wie der kurze Zeit später erfolgte Zuzug des Vaters und der Schwiegereltern aus der Tschechoslowakei. 1970 und 1973 wurden die Söhne Martin und Jan geboren. Pavel Taussig arbeitete fortan für mehrere satirische Zeitschriften, den »Pardon« und ab 1979 als Redakteur für die »Titanic«. Für seine Arbeiten als Karikaturist und Satiriker erhielt er zahlreiche Preise und Auszeichnungen. Seine Frau fand Anstellung als Bibliothekarin bei der Deutschen Bibliothek und einem Universitätsinstitut. Sie starb im Juli 2010 nach längerer schwerer Krankheit.
Über seine Verfolgungszeit konnte Pavel Taussig lange nicht sprechen, weder in der Familie noch in der Schule oder später im Kollegenkreis. Erste Aufzeichnungen über seine Erlebnisse schrieb er für sich selbst in den ersten Monaten nach der Befreiung nieder, als er wegen Tuberkulose im Krankenhaus behandelt wurde. In der Familie wurde aber über die gemeinsam und individuell erlittenen Erfahrungen geschwiegen. Auch Verfolgungsschicksale im weiteren Familienkreis wurden nicht thematisiert. Außerhalb der Familie bestand vielfach kein Interesse am Schicksal der verfolgten Juden. Ein Wandel ergab sich erst durch die Nachfragen der Frankfurter Redaktionskollegen von »Pardon«, die sich sehr für seine Zeit in Auschwitz interessierten und zugleich allgemeines Wissen über den Holocaust besaßen. Über dieses Geschichtsbewusstsein und die warmherzige Anteilnahme, die ihm entgegengebracht wurden, freute er sich sehr. Auch konnte er mit seiner Frau, deren Vater Jude war, über die Verfolgung sprechen. Seine nach der Befreiung geschriebenen Hafterinnerungen übertrug er ins Deutsche und erweiterte sie zu einer Familiengeschichte, die er 1981 seinem ältesten Sohn zum elften Geburtstag schenkte.