Abba Naor (*21.03.1928, Kaunas)
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- Signatur
- 01156/sdje/0051
- Institut
- Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin
- Sprache
- deutsch
- Ort und Datum der Aufnahme
- Berlin, den 8. September 2012
- Dauer
- 02:13:56
- Interviewter
- Abba Naor
- Interviewer
- Teresa Schäfer , Barbara Kurowska
- Kamera, Licht und Ton
- Lennart Bohne
- Redaktion
- Philipp Sukstorf
- Transkription
- Philipp Sukstorf
»Als ich befreit wurde, war ich schon ein alter Mann« – so fasste Abba Naor seine Kindheit zusammen. Als Jugendlicher auf sich allein gestellt, überlebte er das Ghetto Kaunas, mehrere Zwangsarbeitslager und Todesmärsche. 1928 als mittlerer Bruder in einer jüdischen Familie im litauischen Kaunas geboren, wuchs Abba Naor behütet auf. Die Familie Naor versuchte zunächst vor der deutschen Besatzung zu fliehen, kehrte aber nach Kaunas zurück. Im Ghetto, in dem die Familie ab 1941 leben musste, wurde Abba Naors älterer Bruder erschossen. Von Kaunas in das Konzentrationslager Stuttof deportiert, wurde er von seiner Familie getrennt und nach Bayern als Zwangsarbeiter deportiert. Dort erlebte er die Befreiung und traf seinen Vater wieder. 1946 wanderte er ohne ihn nach Palästina aus. In den 1960er Jahren näherten sie sich jedoch wieder einander an, und Abba Naor zog mit seiner eigenen Familie zum Vater nach München. Weil ihn seine Geschichte sehr belastete, fand er erst in den 1980er Jahren die Kraft über seine Erlebnisse zu berichten: Sein Enkel drängte ihn, vor dessen Schulklasse als Zeitzeuge zu berichten. Seit dieser Zeit sprach Abba Naor immer wieder vor Gruppen und bei Veranstaltungen. Zum Zeitpunkt des Interviews lebte der 84-Jährige wieder in Israel.
Vorkontakte
üblicher Ablauf, Vorgespräch einen Tag vorher
Bedingungen
gut, OdI
Gruppensituation
zwei Interviewer, ein Kameramann (Lennart Bohne)
Unterbrechungen
zwei kurze: eine durch ihn um etwas nachzufragen, eine abgesprochene
Protokoll
Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas
Eindrücke
nach dem etwas distanzierten Vorgespräch wurde es ein überraschend gutes, offenes Interview. AN erzählte sehr konzentriert und strukturiert, wusste offensichtlich genau, was er erzählen wollte, ging aber auch offen auf alle Nachfragen ein und ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. der gesamte Interviewablauf (inklusive Vorgespräch) war routiniert und in guter Teamarbeit. rundherum eine positive Interviewerfahrung für mich.
[0:00] heute ist der achte September 2012 wir sind im Ort der Information und führen heute ein Interview mit Abba Naor für das Projekt »Sprechen trotz allem« der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas unterstützt wird das Projekt durch die Kulturstiftung
[0:14] des Bundes mein Name ist Teresa Schäfer ich führe das Interview gemeinsam mit Barbara Kurowska und Lennart Bohne ist für die Technik zuständig [Schnitt]
[0:22] ja ich heiße Abba Naor werde demnächst 85 bin in Litauen geboren und eigentlich war mein Namen (Nauchowitz) auf Deutsch in Litauisch war es (Nauchowičus) Litauen ein kleines Land ein sehr schönes Land viel Wald viel Wasser es war schön in Litauen
[0:50] zu leben als Kind und ich dachte immer ich dass ich ein litauisches Kind bin so bin ich aufgewachsen so kam meine Familie zwei Generationen in Litauen wir lebten dort in Frieden in Freiheit wir hatten unsere eigene Synagogen Kultur jüdisches Kultur in
[1:13] Litauen war bekannt und frei genehmigt von einen Präsidenten der ein sehr äh gemäßigter Mann war am äh mit viel Verständnis für die jüdische Bevölkerung äh in Litauen und ich kann sagen in der Stadt wo ich geboren wurde in Kaunas wo mein Vater meine
[1:33] Mutter geboren sind ich war mir fast sicher dass das eine jüdische Stadt ist es lebten ungefähr vierzig bis fünfzig Prozent Juden Zeit lang in Kaunas später bisschen weniger wir hatten unsere hebräische Schulen wir hatten unser jüdisches Theater wir
[1:52] hatten uns- das jüdische Krankenhaus sehr bekannt der litauische Rundfunkorchester er war fast zu hundert Prozent von jüdische äh äh Musiker besetzt also so gesehen hatten wir ein vt- volles Leben in Litauen was anbelangt äh das Tagtägliche was anbelangt
[2:12] Kultur und vor allem für Kinder wir dürften in hebräische Schulen gehen äh obwohl auch Litauisch gelernt wurde aber die Schule war hebräisch die Lehrer sprachen mit uns Hebräisch ich konnte mit meiner Mutter Hebräisch sprechen weil sie ging in derselbe
[2:29] Schule so war das Leben in Litauen und wir dachten und träumten als Kinder besser kann ja gar nicht sein dort ist unsere Zukunft dort werden wir aufwachsen obwohl es waren zionistische Organisationen die bisschen gesorgt haben für Kinder dass die ihre
[2:50] He- Herkunft ihre (wie hieß es) ihre vor allem ihre religiöse Herkunft nicht vergessen manche haben das Land Litauen verlassen die gingen nach Palästina manche sind auch zurück gekommen aber wir lebten dort mein Vater kämpfte für Litauen 1920 als freiwilliger
[3:11] Soldat als junger Mann äh hatte auch Vorteile später äh für für d- die- für dieses Kämpfen für Litauen also es war ein Leben ein ganz normale Leben und wir hofften so wird das immer sein
[3:29] bis 1940 ist ja bekannt die Sowjets rein marschiert sind
[3:35] kam ja dazu der äh Nichtangriffspakt zwischen den Nazideutschland und der Sowjetunion Polen wurde besetzt und um die Sowjets en bisschen so äh in Rahmen zu halten wahrscheinlich nehme ich an äh ist dieser Nichtangriffspakt unterschrieben worden und dafür
[3:56] bekamen die Sowjets die Erlaubnis ich weiß nicht von wem in den baltischen Ländern einzumarschieren 1940 ist Litauen besetzt worden von den Sowjets manche dachten Litauen ist befreit worden weil es war doch eine Diktatur in Litauen der Präsident von
[4:17] Litauen Antanas Smetona der ist nie ausgewechselt worden er war immer da von Anfang an von 1920 wenn Litauen unab- unabhängig geworden ist äh für uns Kinder war es ganz was Besonderes wie so ein Militär haben wir noch nie gesehen die Sowjets kamen mit
[4:43] die großen Panzer da war f- das war für uns ein Novum man hat immer gescherzt Litauen hat ja auch ein Militär gehabt hat auch Panzer gehabt und man hat immer gescherzt der litauische Panzer sind gut für 101 Mann einer ist drin gesessen hundert müssten
[4:59] schieben so ungefähr das litauische Militär ausgeschaut und sich dagegen stellen gegen diese Macht da hatte man keine Chance aber wie ich schon sagte für uns Kinder war es ein wunderschöner Jahr die haben sehr viel investiert in uns Kinder die Köpfe
[5:17] von Kinder sind ja weich man kann dort reinschieben so viel es geht und später waren wir so stolz darauf wenn wir als Auszeichnung als gute Schüler diese rote Krawatte bekommen haben die äh mit den [fasst an seinen Krawattenknoten] Aufschrift hier äh
[5:35] bud gotov vsegda gotov sei äh so einfach das zu übersetzen äh »sei s- sei sei vorbereitet immer vorbereitet« so ungefähr aber dieses eine Jahr hatte auch nicht lange angehalten
[5:53] obwohl der Nichtangriffspakt unterschrieben worden ist zwischen die zwei
[5:58] Großmächte zwischen zwei Männer einer für Deutschland einer für Russland aber eigentlich war derjenige der für Deutschland unterschrieben hat gar kein Deutscher und derjenige der für Russland unterschrieben hat war doch kein Russe aber [betont:]
[6:16] die hatten die Macht die zwei Diktatoren der eine mit en großen Schnurrbart und der andere mit en kleineren Schnurrbart und ohne Vorwarnung ist äh die Sowjetunion angegriffen worden und das erste Land das angegriffen worden ist war Litauen am 22sten Juni
[6:37] ohne Vorwarnung ist die Stadt Kaunas vier Uhr früh bombardiert worden wir wussten ja nicht dass es Krieg ist niemand wusste mein Vater war bei der Freiwilligen Feuerwehr er musste sofort rein zur Feuerwehr wurde gerufen zur Feuerwehr wir Kinder blieben
[7:01] zu Hause wir waren drei Brüder zu Hause ich hatte ein älteren Bruder der war noch keine 15 so 14einhalb ungefähr ich wurde gerade 13 und ich hatte ein kleinen Bruder zwei Jahre alt ich war das Sandwich wisst ja wie zu Hause die Sandwiche die bekommen immer
[7:21] alles zu machen den Großen darf man nicht belasten den Kleinen kann man nicht belasten der mittlere aber ich kannte ganz gut damit leben mein Vater kam Stunden später von der Feuerwehrzentrale und sagte zu meine Mutter »bereite vor Kleinigkeiten für
[7:44] die Kinder ihr kommt mit mit mir wir haben dort so ein Luftschutz (rohr) [gestikuliert] vielleicht ist es gut gegen die Bomben weil die Stadt wurde bombardiert aber abends wird ihr zurück nach Hause gehen« ja meine Mutter hat vorbereitet Kleinigkeiten vor
[8:02] allem für einen kleinen Jungen er war ja Baby und für uns äh wie üblich den Kakao (frühmo-) aber ich mokte den Kakao nicht es war jedes Frühmorgen aufs neu ein Problem mit den Kakao der Milch war so fett in Litauen und diesmal sagte meine Mutter zu
[8:24] mir »trink trink Junge wer weiß ob es nicht das letzte ist« leider hat sie Recht behalten das war das letzte wir haben unsere Wohnung verlassen die nie mehr gesehen wir sind geblieben über Nacht in der Feuerwehrzentrale und nächsten Frühmorgen
[8:48] so wie meisten Leute ham probiert die Stadt Kaunas zu verlassen [Schnitt] also wir ham probiert die Stadt Kaunas zu verlassen so wie sehr viele Leute probiert haben äh Transportmöglichkeiten waren fast keine da sind gelaufen mit den kleinen Jungen mit
[9:17] den mal mit Pferd und Wagen mal mit Autos dauernd sind wir beschossen worden von Flugzeugen bombardiert worden es war viele unterwegs haben wir vi- viele äh verletzte Leute viele Leichen gesehen äh letzten Endes äh bekamen wir eine Möglichkeit äh durch
[9:38] eine sowjetischen Offizier der bereit war uns mit Lastwagen mitzunehmen unterwegs sind wir auch verloren gegangen voneinander man musste einander suchen weil er wir- beschossen worden ist jeder hat [gestikuliert] eine Ecke gesucht irgendwie sich hinzufallen
[9:53] äh und später ha- haben wir uns wieder gefunden aber diese Lastwagen er fuhr Richtung Vilnius Richtung sowjetische Grenze eigentlich er hat Soldaten stehen lassen und uns die ganze Familie mit drei Kinder mitgenommen wir sind spät nachts angekommen
[10:21] in Vilnius
[10:24] war das Ihr Endzie- also wollten Sie dorthin ? oder hatten Sie eigentlich-
[10:28] [unterbricht:] wir wollten weiter wir worden zur russischen Grenze gehen äh wir sind äh das war Montag der Krieg hat angefangen Sonntag also wir haben viel erreicht dass wir bis Vilnius und da äh wir sahen rundum nur Feuer und der Offizier sagte »ihr
[10:42] dürft mit mir mitfahren wenn ihr wollt ich weiß nicht ob wir durchkommen aber ich schlage euch vor bleibt hier heu- heute Nacht in Vilnius irgendwie und morgen könnt ihr weiterlaufen« wir haben so g- in ein Haus in ein Kellerraum übernachtet und dachten
[10:59] nächsten Frühmorgen gehen wir weiter nächsten Frühmorgen wenn wir draußen raus sind ganz früh haben wir schon die erste Wehrmachtssoldaten mit die F- Motorräder reinfahren sehen in Vilnius also der Weg für uns weiter zu gehen war schon nicht mehr
[11:15] vorhanden Vilnius war für uns eine fremde Stadt wir hatten dort keine Bekannte wir hatten dort keine Verwandte Vilnius war ja bis 1940 Polen 1920 wenn Litauen gekämpft hat gegen Polen hat sie Vilnius verloren die Hauptstadt und jetzt bis 1940 war es
[11:38] eine ausgesprochen polnische Stadt äh wenn die Sowjets kamen isses wieder a- annektiert worden an Litauen und wieder erklärt worden als die Hauptstadt Litauens aber wir waren dort fremd ohne Familie ohne Bekannte ohne Verwandte wir mussten jedes Mal eine
[11:58] neue Bleibe finden war gar nicht so einfach auch mit der Verpflegung aber es war ruhig in Vilnius und wenn ich sage es war ruhig für Juden war es ruhig in Vilnius Vilnius war ein polnische Stadt und die Mehrheit der Einwohner dort vielleicht zu 95 Prozent
[12:17] waren Polen na Polen war ja schon besetzt 1939 und die waren nicht sehr freundlich gegenüber äh die deutsche äh äh Besatzer Besatzer und äh was anbelangt die jüdische Bevölkerung war gar nichts Besonderes es war eine ruhige Stadt was anbelangt die
[12:37] Juden ich rede hier von von [betont:] meiner Religion und in Vilnius lebten 80000 Juden es war eine bekannte jüdische Stadt aber wir wollten zurück nach Hause es war ja nicht unser Zuhause war gar nicht so einfach Transportmittel waren keine vorhanden
[12:56] Verpflegung in Vilnius zu bekommen war nicht einfach also mein Vater fand jemanden mit Pferdenwagen und für gute Bezahlung war er bereit uns Richtung Kaunas zu fahren
[13:10] wie lange waren Sie ungefähr in Vilnius ?
[13:13] um die drei vier Wochen drei vier Wochen ungefähr genau kann ich nicht sagen also wir fuhren mit diesem Pferd und Wagen Richtung Kaunas durch ein Wald trafen dort drei junge deutsche Offiziere mit Auto die waren eingegraben die konnten nicht weiter mit
[13:34] uns war noch eine junges Ehepaar also wir halfen den Wagen zu schieben und dann fragte meine Mutter »fahren Sie nach Kaunas ?« und der eine junge Offizier die waren so gut gekleidete auf Kinder hat das immer imponiert schöne junge Burschen »ja wir fahren
[13:53] nach Kaunas« »sind Sie bereit meinen Mann mitzunehmen ?« das klang komisch da ist eine Frau mit drei Kinder »sind Sie bereit meinen Mann mitzunehmen ?« »ja« und meine Mutter war so traurig und weinte und der eine Offizier sagte zu ihr »ach weinen
[14:14] Sie doch nicht liebe Frau in zwei Wochen sind wir in Moskau und dann ist das Krieg zu Ende« so sagt er musste ja gewusst haben war ja deutsche Offizier so hab ich es verstanden mein Vater ist weg gefahren mit diesen Leuten diese drei Offiziere das
[14:34] junge Ehepaar ist sehr schnell von uns weg da blieben wir alleine eine Frau mit drei Kinder der Bauer der mit uns gefahren ist noch ne Zeit lang aber da hat er uns abgesetzt in ein kleinen kleine Ortschaft und eine sehr nette litauische Familie war bereit
[14:51] uns aufzunehmen sehr nette Leute waren viele junge Leute dort Studenten die gerade äh von Urlaub- Urlaubszeit war es war ja Sommer wir blieben dort vielleicht zehn Tage na wir Kinder wir waren Kinder haben sich auch benommen wie Kinder war nicht was Besonderes
[15:16] wir haben mitgeholfen mit die Kühe mit [gestikuliert] Butter machen mit äh war toll aber meine Mutter war immer traurig wir wussten nicht warum und der Bauerfamilie hat immer meine Mutter beruhigt »machen Sie sich keine Sorgen ich bring Sie heil nach
[15:33] Kaunas« warum ? musster sie immer beruhigen war uns ein Rätsel und so wie er versprochen hat mit Pferdenwagen fuhren wir Richtung Kaunas in jeden kleinen Ortschaft sind wir angehalten worden durch litauische Partisanen mit Gewehren der Bauer hat mit
[15:59] die immer geredet wir durften weiterfahren na zu dieser Zeit wussten wir nicht was sich schon in Litauen abgespielt hat eigentlich dass der Massaker gegen die jüdische Bevölkerung schon längst in Gange war dass die litauische Partisanen zusammen mit
[16:17] die Einsatztruppen mit Polizeieinsatztruppen schon längst den Massaker in Litauen a- angefangen hat dass die kleinen Ortschaften eigentlich schon fast judenrein waren uns Kinder war es nicht bekannt meine Mutter wusste was sich abspielt und wahrscheinlich
[16:37] auch der litauische Bauer dieser nette Bauer der uns mitgenommen hat der uns untergebracht hat zehn Tage lang und der immer probiert hat auf meine Mutter einzuwirken »lassen Sie diesen [gestikuliert] Jungen bei mir« ich konnte mal schön singen und hab
[16:52] immer gesungen dort und war immer so zufrieden »lassen Sie den Jungen bei mir Sie werden ihn später abholen« also der Bauer hat uns abgesetzt bei einer jüdischen Familie in einem Vorstadt von Kaunas und dann sagte meine Mutter zu mir mein älterer
[17:12] Bruder der war ein dunkler Typ und er war auch groß und stark meine Mutter hatte wahrscheinlich Angst gehabt ihn zu schicken deswegen sagte ich im Anfang »ich war das Sandwich« der Sandwich der war immer zuständig meine Mutter sagt war klein nicht dass
[17:30] ich heute groß bin man sieht es nicht wenn ich sitze »geh nach Hause schau was mit em Vater ist« war gar nicht so einfach nur ich wusste es nicht meine Mutter gab mir eine Tasche [gestikuliert] mit en schmutzige Wäsche von mein kleinen Bruder aber
[17:48] unten hat sie Geld runter gelegt ich weiß nicht warum wusste damals nicht warum heute schon ich ging nach Hause ich wusste nur nicht dass man braucht schon zu dieser Zeit nen gelben Davidstern vorne haben und hinten wer geschnappt worden ist ohne nen
[18:07] gelben Davidstern ist erschossen worden der Massaker auch in Kaunas war schon in vor- vollem Gange die meisten Männer waren schon nicht mehr am Leben das war mir alles nicht bekannt als Kind ich weiß nicht in wie viel meine Mutter wusste also ich ging
[18:24] nach Hause zufrieden ich werde mein Vater treffen wo wir lebten im Haus lebten mehrere Familien auch litauische Familien mit die wir sehr befreundet waren Kinder spielten zusammen und wenn ich ankam so nicht weit weg von unser Zuhause da stand unsere litauische
[18:43] Nachbarin draußen und ich war so froh die zu sehen sie wahrscheinlich weniger wenn die mich sah ich war so ungefähr siebzig achtzig Meter von Zuhause hat sie ganz laut geschrien »aha die Juden kommen schon zurück« da war mir schon klar mein Vater
[19:04] ist nicht zu Hause bin ich schnell davon gelaufen ging zu einer Tante von mir eine Schwester von mein Vater wir waren eine große Familie in Li- in Kaunas Schwester und Brüder und Cousins und Onkel und Tanten und Großeltern also ich ging zu meiner Tante
[19:23] und hab dort meinen Vater gefunden nicht nur meinen Vater sondern einen größeren Teil der Familie die haben sich alle konzentriert in diese Wohnung weil in manche waren schon verschwunden man dachte zusammenhalten vielleicht ist es leichter vielleicht ist
[19:39] es besser ich war froh meinen Vater zu finden und hab ihm erzählt wo meine Mutter ist und die zwei Brüder ich musste zurückgehen um die zu holen das war auch nicht so einfach ich war ja nur ein Kind 13 Jahre alt aber ich hab die Tasche zurückgelassen
[20:01] bei meine Vater ich hab bisschen Geld genommen und ich i- ich t- traf ein ein äh Mann mit äh so eine ei- ein Droschke wie man in Österreich eine Fiaker er war wahrscheinlich en cleverer Mann ich hab ihm gesagt der Richtung wo ich fahren will normalerweise
[20:22] Kind und gleich ihm reingesteckt bisschen äh äh äh damals nannte man das Tscherwonzes dieses russisches Geld war ja kein litisches Geld mehr die Rubels der hat rauf gestellt den den den den Dach so [gestikuliert] und es waren gute Kilometers hinzufahren
[20:43] ich habe meine Mutter meine zwei Brüder geholt zu dieser Zeit war es schon so die Lage in Kaunas die Leute durften nicht mehr zur Arbeit gehen einkaufen nur paar Stunden am Tag in gewisse Läden dauernd sind vor allem Männer gesucht und geschnappt worden
[21:03] und weggeführt zur Exekution und später hat sich rausgestellt dass wir Kinder dürfen auch nicht mehr zur Schule gehen na ich muss sagen als 13-Jähriger nicht mehr zur Schule gehen damit konnte ich leben da war nicht so schlimm aber später [nickt]
[21:21] wie es so im Leben ist man war ja im L- im Ghetto später oder im Lager ab 15 war man arbeitsfähig bin ich auch zur Arbeit gegangen wenn ich schon 15 war und auch vorher und sah Kinder zur Schule gehen war ich ja voller Neid ja so isses manchmal im Leben
[21:42] was man hat schätzt man nicht und was man nicht hat vermisst man
[21:46] dann kam ein Befehl alle die sich noch in der Stadt Kaunas befinden müssen die Stadt verlassen sich konzentrieren irgendwo in ein kleinen Teil so abgekommenes Viertel dort wurden zwei Ghettos
[22:04] geschaffen und was in Kaunas geschehen ist ist auch in Vilnius geschehen und auch in andere Städte von Litauen äh die Menschen die noch am Leben war sind alle konzentriert worden irgendwie so in größere Ghettos oder kleinere Ghettos also wir durften
[22:22] die Wohnungen verlassen mitnehmen nur was die Leute mit sich tragen können alles andere musste zurück gelassen werden na Wohnungen zugeteilt hat niemand bekommen jeder musste irgendwie eine Bleibe finden wir waren zu dieser Zeit 23 Familienangehörige
[22:41] normal waren es vielleicht hundert oder mehr wir fanden eine Zweizimmerwohnung mit Küche waren überglücklich Möbel war ja keine da so nachts sich hinzulegen war überhaupt kein Problem das Problem war wie wird es mit Verpflegung sein wir wussten dass
[23:02] am 15ten August das Ghetto geschlossen wird Läden waren ja keine da und schon vorher durfte man nur in gewisse Läden paar Stunden am Tag einkaufen auch nicht jeden Tag wie wird es sein mit Verpflegung ? vor allem sind ja auch Kinder da man wurde gewarnt
[23:22] wenn jemand geschnappt wird beim Einkaufen außer die genehmigte Stunden wird er erschossen werden aber wenn man Hunger hat wenn man Kinder hat riskiert man auch manchmal also wir wussten dass am 15ten August wird das Ghetto geschlossen die zwei Ghettos
[23:43] wurde auch eine Brücke gebaut zwischen den zwei Ghettos man konnte besuchen einander Klein-Ghetto waren ich es vielleicht 3000 Einwohner die Zahl ist mir nicht so bekannt aber das Groß-Ghetto das Groß-Ghetto war eine großes Ghetto zirka 30000 Leute
[24:03] waren dort hm
[24:05] wie haben Sie diesen Übergang damals erlebt Sie haben hm gerade gesagt dass Sie nicht mehr zur Schule mussten das fanden Sie ganz in Ordnung war die Situation für Sie als Kind bedrohlich ? oder waren das einfach Veränderungen die so passierten
[24:18] wir waren zwar Kinder aber blöd waren wir nicht blind waren wir auch nicht man kon- konnte nicht mehr uns Geschichten erzählen man konnte nicht verschleiern man konnte nicht vertuschen wenn jemand verschwunden ist wir wussten genau wo er verschwunden
[24:38] ist also zu dieser Zeit waren wir schon mehr oder weniger aufgeklärt und wir haben es sehr schnell auch nicht nur begriffen den Preis bezahlt und ich war gerade dabei zu erzählen wir hatten keine Verpflegung und man durfte nicht einkaufen außer die Stunden
[24:56] man hat überlegt wen soll man schicken zum Einkaufen Kinder man hat überlegt man wird doch keine Kinder erschießen weil die irgendwas einkaufen wollen also gingen solche Kinder zum Einkaufen 26 solche Kinder sind geschnappt worden am selben Tag wurden
[25:16] die erschossen unter diese 26 Kinder war auch mein Bruder er war noch keine 15 aber musste mit dem Leben bezahlen weil er irgendwas für die Familie einkaufen wollte so wie die andern Kinder glauben wollten wir es nicht kann ja nicht sein wieso ? die
[25:40] werden mit Sicherheit zurückkommen
[25:43] was wir sehr schnell erfahren haben was erlaubt ist und was nicht das Einzige was erlaubt war Hoffnung man durfte hoffen das war nicht verboten also hofften wir sehr lange jedes Mal aufs Neue wenn jemand verschwunden
[26:04] war am 15ten August sind die Ghettos geschlossen worden hat man auch gewählt eine Verwaltung eine Ghettoverwaltung im Klein-Ghetto wie es genannt worden ist ist auch ein Krankenhaus aufgemacht worden für Kranke für k- Neugeborene man hatte schon zu
[26:28] dieser Zeit ein Problem mit viele Waisenkinder was macht man mit diesen Waisenkinder wie kann man auf die aufpassen man wusste ja nicht was uns bevorsteht und man wollte nicht glauben dass diejenigen die verschwunden sind dass die sind für ewig verschwunden
[26:43] Illusionen man hat uns probiert Illusionen zu verkaufen und es war nicht schwer uns das zu verkaufen wir waren gute Abnehmer zu dieser Zeit man war noch so naiv weil wer kann es glauben ? kann doch nicht sein wir waren ja normale Menschen die zur Arbeit gingen
[27:03] die die die die Theater spielten die Ärzte waren die Rechtsanwälte waren die das normale Volk waren so wie das litauische Volk Litauen war kein reiches Land und so war auch die jüdische Bevölkerung in Litauen waren sehr viele Landarbeiter man lebte in
[27:23] kleine Ortschaften in kleine Dörfer zusammen mit den Litauern die später ihre jüdische Nachbarn äh ermordet haben und man hat immer überlegt heute auch warum ? wie konnte es dazu kommen dass mein Nachbar mit dem ich seit Generationen zusammen gelebt
[27:41] hab mein Vater mein Großvater meine Kinder und von heut auf morgen sind die nicht nur Feinde geworden sondern Mörder geworden was steckte dahinter war es der Neid ? oder war es eigentlich der Drang de- den Leuten wegzunehmen was die haben nur solange
[28:08] die lebendig sind kann man doch nicht wegnehmen man muss sie er- erstmal fertig machen wahrscheinlich Antisemitismus war immer in Litauen das ist ein streng katholisches Land es war nicht neu für uns manchmal beschimpft zu werden auch als Kinder aber
[28:27] haben wir uns kein Dings davon gemacht dav- damit lebte man gehörte daz- genauso wie er mich beschimpft hat hab ich ihn auch versch- beschimpft aber es war eine gegenseitige Spiel vor allem ge- zwischen Kinder aber jetzt das war doch eine ganz andere Sache
[28:46] und da man wollte hoffen dass vielleicht stimmt es nicht weil äh so viele Tausende sind verschwunden von heut auf morgen
[28:57] wie sah Ihr Alltag aus im Ghetto in dieser Zeit wo Sie nicht mehr zur Schule gingen aber auch noch nicht arbeiteten
[29:05] mein Alltag wenn das Ghetto geschlossen worden ist äh die Eltern müssten zur Arbeit gehen ich hatte ein Aufgabe ich hatte einen kleinen Bruder er war zwei Jahre zweieinhalb Jahre ich musste auf ihm aufpassen ich hab ihn drei Jahre lang erzogen diesen
[29:27] Jungen bis ich arbeitsfähig wurde ja das Problem war wir hatten zwei Begleiter vor allem war es der Hunger der uns begleitet hat aber damit war es noch leichter zum leben das Zweite und ich rede von mir die Angst kommen die zurück ? oder kommen die
[29:52] nicht zurück manche sind nicht zurückgekommen der Vater geht weg zur Arbeit frühmorgens die haben sich immer gewechselt mit den Schichten kommter zurück oder kommter nicht zurück was mach ich mit den kleinen Jungen wenn ich alleine bleibe also diese
[30:06] permanente Angst die war schlimmer als der Hunger wie lebte man damit ? man lebte weil man nicht erschossen worden ist wir waren Kinder wir haben auch Fußball gespielt im im Ghetto wir haben äh äh Dummheiten gemacht im Ghetto äh so wie Kinder sind
[30:29] in diese enge äh äh Nachbarschaft in die man lebte nachts hatten wir andere äh Aufgaben es war ja kein Holz zum Heizen und zum Kochen wir haben keine Holz bekommen aber äh dieses [gestikuliert] Ghetto dieser Teil von von Stadt das war alte Holzhäuser
[30:55] so und die wa- waren auch umzäunt [gestikuliert] mit Holzbretter wir sind nachts auf Jagd gegangen es war lebensgefährlich um Bretter zu um Holz zu besorgen na manche Leute haben die Stücke Möbel doch mitgebracht nur die standen draußen weil wir hatten
[31:12] kein Platz jeder Zimmer hatte Minimum zehn Einwohner na haben wir uns bedient mit sehr schöne Buffetts und so und Schränke ich und meine Mutter fast jede Nacht waren wir auf Jagd also das wa- das war das Leben ganz einfach man gewöhnt sich der Mensch
[31:34] ist ne komische komische Tier gewöhnt sich sehr schnell an Dingen an unnormale Dingen aber das war un- für uns das Normalität das Normale man hat abends gewartet bis die Eltern zurück kamen von der Arbeit am Tor nicht weit weg vom Tor von Zeit zu Zeit
[31:53] sind ja Selektionen durchgeführt worden äh die Ghettos sind geschlossen worden äh die Ghettopolizei ist geschaffen worden Feuerwehr im Ghetto äh äh Arbeitsamt äh verschiedene Institutionen im Ghetto und das Leben hat eigentlich es hat angefangen
[32:16] mehr oder weniger normal zu sein ob man in ein Ghetto überhaupt normal leben kann aber das war für uns das war das Normale Menschen gingen zur Arbeit und diejenigen die zur Arbeit gingen obwohl die ja mitem Leben riskiert haben haben auch probiert bisschen
[32:32] äh äh Speisen äh reinzuschmuggeln im Ghetto wenn man geschnappt worden ist hat man dafür meistens mitem Leben bezahlt aber das war das einzige Möglichkeit die Familie die Kinder zu ernähren und sich selber Geld war ja fast nicht mehr da hat ja nicht
[32:50] funktioniert man hat Tauschgeschäfte mit den Litauern gemacht nur das Problem war was ham wir zu erwarten morgen übermorgen
[33:03] am 15ten August sind die zwei Ghettos geschlossen worden aber es hat ja nicht lange gedauert Ende September ist das Klein-Ghetto
[33:12] umgesiedelt worden so hieß es damals wenn die Menschen zur Exekution geführt worden sind nicht weit weg [gestikuliert] von unsere Ghetto das hieß umgesiedelt worden den Krankenhaus mit den Kranken mit den Ärzten mit den Kindern den hat man angezündet
[33:28] ich war nicht lange her in Kaunas ich hab dieses Platz gesehen dort steht ein [gestikuliert] Tafel wo das Krankenhaus angezündet worden ist man hat en neues Haus gebaut dort äh auch das wollte man nicht glauben obwohl es gelang manchen Leuten von den
[33:49] Gruben zu entkommen die die Geschichte erzählt haben es ist ja nicht verborgen geblieben wir konnten hören [gestikuliert] die Schießerei aber das Groß-Ghetto ist das Leben so weiter gelaufen aber nicht sehr lange Ende September ist das Klein-Ghetto
[34:08] umgesiedelt worden äh so zu Ende Oktober kam ein Befehl Wertsachen müssen abgeliefert werden Schmuck Elektrogeräte Pelze wer nicht abliefert und es gefunden wird wird erschossen werden und zu dieser Zeit waren wir schon mit Erschießen werden befreundet
[34:28] war schon nicht was Neues für uns aber das andere kam am 28sten Oktober der Befehl lautete alle müssen früh morgens die Wohnungen verlassen sich konzentrieren auf ein gewissen Platz schöner Namen Platz der Demokraten wer zu Hause bleibt wird erschossen
[34:50] werden haben wir auch geglaubt ich nehme an alle waren dort und wir standen dort stundenlang ohne zu wissen was uns bevor steht Stunden später sind reinmarschiert äh äh litauische Polizei und deutsche Polizei und dann kamen drei wichtige Leute ich
[35:13] weiß einer hieß glaub ich Jordan der andere hieß äh (Tennenbaum) ? oder so ähn- ähnlich den Namen hab ich nicht genau ist auch egal die waren alle gleich äh dann kam ein Befehl jede Familie muss vorbeimarschieren diesen Leuten äh Fragen haben
[35:37] die uns nicht gestellt der Mann der dort gestanden ist wo wir gegangen sind hat nur gezeigt miten Finger [gestikuliert] nach rechts oder nach links na wussten wir nicht im Anfang was bedeutet rechts oder links nach einer gewisse Zeit wenn auf der rechten
[35:54] Seite eine größere Masse von Menschen sich angesammelt hat wurden die abtransportiert da hab ich es schon verstanden dass es kann nicht sehr gut sein auf der rechte Seite geschickt zu werden also wir sind ich bin auf der linke Seite geschickt worden mit
[36:11] meiner kleine Familie Mutter Vater und kleinen Bruder an diesem selben Tag sind 10000 Einwohner von Groß-Ghetto umgesiedelt worden zu den Festungen wenn wir kamen zurück nach Hause waren wir schon keine 22 mehr waren wir nur noch 15 (wieder Teil) wir
[36:37] haben uns so verteilt dass jede Gruppe ausschaut wie eine normale Familie aber es ist nicht gelungen nicht ganz gelungen sieben Mitglieder inklusive mein Großvater sind äh äh umgesiedelt worden auch das wollte man nicht glauben kann ja nicht sein sie
[37:00] waren ja äh normale arbeitsfähige Leute der Alltag im Ghetto nach dieses Umsiedlung ist mir schwer zu sagen Selektion Umsiedlung so hat das geheißen ist wirklich das Leben normal geworden im Ghetto so normal geworden man hat erlaubt wieder eine
[37:27] Schule aufzumachen wir haben nicht verstanden zu dieser Zeit warum man und die Schule aufgemacht hat wir haben nicht verstanden die möchten wissen wie viel Kinder in Ghetto da sind man hat ja überhaupt Litauen ist ja auserwählt worden als Beispielland
[37:46] wie wird sich die Masse benehmen bei Massenexekutionen es war das erste Land in Europa wo so viele Menschen umgebracht worden sind äh äh wie in Litauen ich weiß nicht war es deswegen weil äh die Litauer so gut mitgemacht haben oder war da ein anderer
[38:10] Grund dafür ich weiß es nicht auf jeden Fall die litauische Juden äh zahlmäßig äh relativ haben den größten Preis bezahlt es lebten ja in Litauen inklusiv Vilnius so um die 250000 Juden unter diese 250000 Juden waren zirka 60000 Kinder und wenn
[38:43] wir befreit worden sind diejenigen die überlebt haben ungefähr 10000 sind am Leben geblieben und von den Kindern 350 400 so ungefähr na wie konnte das passieren und äh man redet von Zahlen überhaupt spielt das eine Rolle ? ob das fünf
[39:20] waren oder 5000 und wenn das nur ein einziges Kind unschuldig umgebracht worden ist ist es nicht einer zu viel ? und manche auch heute die äh »ach es waren eins Komma fünf Millionen Kinder sind umgebracht worden stimmt doch gar nicht« ist das
[39:47] überhaupt ein ein ein äh ein normales Denken ? was haben die Kinder verbrochen ich werde gefragt ob ich an Glott Gott glaube na wie kann ich an ihn glauben ? ich beneide jeden der gläubig ist wo war er wenn ich ihn gebraucht habe mein Gott
[40:15] ich rede von mein Gott er war nicht da er hat total versagt wie kann ich an ihn glauben
[40:32] das Ghetto im Leben ist so normal geworden ich sagte schon die Schule ist aufgemacht worden aber nicht nur das unsere Musiker die durften wieder Konzerte machen
[40:46] nicht für uns für die Machthaber die Gestapo die SS die kamen jedes Mal in Ghetto und unsere Musiker haben Konzerte gemacht das war eine gewisse Normalität die Schule ist aufgemacht worden die Musiker spielen wieder Musik man dachte na jetzt wir
[41:11] sind so wenige geblieben was kann uns schon passieren wahrscheinlich werden wir gebraucht und äh wir wussten ja noch nicht zu dieser Zeit was sich abgespielt hat in andere Ghettos oder so heute wissen wir es aber damals wussten wir nicht dass schon über
[41:33] 100000 litauische Juden ermordet worden sind Leute gingen zur Arbeit man konnte einkaufen obwohl es lebensgefährlich war aber Menschen haben riskiert von Zeit zu Zeit ist jemand erschossen worden oder gehenkt worden öffentlich im Ghetto um den Leuten zu
[41:52] warnen aber sonst der Alltag war mehr oder weniger normal der Hunger war da die Angst war da aber man gewöhnt sich daran und so lebten wir im Ghetto von Zeit zu Zeit sind auch äh in- innerhalb des Ghetto äh Umstellungen äh gemacht worden wenn das Ghetto
[42:18] kleiner geworden ist kleiner Menschen sind weniger geworden hat man so Straßen abgeschnitten da musste man wieder irgendwie eine Bleibe suchen die Familie diejenigen die noch äh da waren müssen sich äh zerteilen [gestikuliert] einer hier und einer da äh
[42:36] aber man lebte noch und wie ich schon sagte man hoffte war nicht verboten konnte man weiter machen mehr oder weniger hm manche haben probiert zu entkommen man hat probiert Kinder weg zu geben für gute Bezahlung auch die Kirche hat mitgemacht was
[43:04] Kinder anbelangt nicht sehr viele aber doch welche manche haben die Kinder genommen und nächsten Tag abgeliefert an die Gestapo auch das war nicht neu man hat auch überlegt ob man soll nicht einen Aufstand machen im Ghetto es waren verschiedene Untergrundbewegungen
[43:23] von Zionisten bis Kommunisten in Ghetto im Ghetto und da äh man ist gekommen zum Beschluss ein Aufstand im Ghetto Kaunas kann dauern vielleicht ein Tag nicht mehr weil die Waffen war ja nicht genügend da und es war ein kleines Ghetto es war kein relativ
[43:45] zu anderen Ghettos war es fast gar nichts also es ist überlegt worden erstmal dass die Untergrundbewegungen nicht gegeneinander sondern miteinander äh äh funktionier- arbeiten und vor allem eine Möglichkeit suchen in den Wäldern zu gehen und so haben
[44:06] sich geschaffen Gruppen die gingen in Wälder und vor allem diejenigen die eine Gewehr beschaffen konnten waren nicht viele waren welche da mein Vater war in der Untergrundbewegung er sollte auch gehen aber er hatte gesagt »ich gehe wenn ihr meinen kleinen
[44:23] Jungen versorgt solange er nicht versorgt ist gehe ich nicht«
[44:27] also ich war schon erwachsen ich war schon arbeitsfähig war schon alter Mann äh äh eigentlich bei mir wenn ich befreit worden bin war es bei mir anders wie bei en Jungen ich bin befreit
[44:43] worden als alter Mann ich war 17 Jahre alt ich bin jedes Jahr jünger geworden normalerweise wird man jedes Jahr älter bei mir war es umgekehrt ich bin jedes Jahr jünger geworden bis ungefähr so eine ein ein Gleich- äh -gewicht so geworden ist mehr
[45:03] oder weniger äh das Ghetto in Kaunas hat ja nicht ewig existiert von Zeit zu Zeit sind Menzen rau- Menschen rausgeführt worden nach nach Estland nach Lettland oder nach an- in andere Plätze äh Zeit lang hab ich bekommen Arbeit äh bei der Polizei im
[45:26] Ghetto als äh äh Laufbursche als Eilbote es waren ja keine Telefone da da waren Eilboten wir standen von äh äh Abstand voneinander [gestikuliert] hundert oder 150 Metern und wenn ein irgendwas zu melden war ist man gelaufen von einem zum andern äh bis
[45:43] man am richtigen Platz ankam um um die Meldung durchzugeben und wir wurden auch benutzt äh durch die Untergrundbewegungen weil wir durften frei äh rumlaufen hat man uns auch benutzt so für verschiedene viel wussten wir nicht aber äh äh bisschen schon
[46:03] aber hat uns auch Spaß gemacht äh wir haben uns gefühlt so wichtig und alte Kämpfer das war das Leben das war das Alltag im Ghetto äh manchen ging es besser manchen ging es schlechter äh der Wunsch zu überleben war bei jedem wahrscheinlich vorhanden
[46:29] und äh und äh die Hoffnung dass vielleicht das alles gar nicht stimmt kann doch nicht sein dass so viele Menschen verschwunden sind einfach nicht mehr da das Krieg müsste wohl mal zu Ende gehen die werden zurück kommen manche werden zurück kommen
[46:52] man wusste ja man wusste zum Beispiel 1943 nachdem die die Sowjets näher kamen zu den baltischen Ländern wenn man angefangen hat die Leichen zu ausgraben und die zu verbrennen äh wir haben ja gerochen [gestikuliert] diesen diesen äh äh die- diesen Geruch
[47:16] diesen Leichengeruch den man verbrannt hat das kam ja bis zum Ghetto es war ja nicht weit weg vom Ghetto und letzten Endes gelang es den Leuten die dort gearbeitet haben weil äh manche sind ja auch auch äh äh m- gewechselt worden gewechselt man hat de-
[47:32] dem teils erschossen und wieder neue gebracht aber die letzte Gruppe ist ja entkommen von dort es gelang denen es war äh Weihnachten 1943 da die Wachmannschaft war besoffen dann gelang es die Häftlinge die dort waren waren Großteil von unsere Ghetto waren
[47:52] auch sowjetische Kriegsgefangene dabei Großteil von denen sind nicht geschnappt worden die kamen zu uns ins Ghetto und erzählt was sie dort erlebt haben die müssten erstmal die Goldzähne entfernen von den Leichen die dort ausgegraben haben und dann die
[48:07] Leichen verbrennen und äh da die Front näher gekommen -komm ist an an äh Litauen das Ghetto ist umgewandelt worden in ein KZ und das war schon ein ganz andere Musik vor allem im im Ghetto äh äh lebten noch mehr oder weniger Familien mit Kinder waren
[48:29] Kinder da aber im KZ braucht man keine Kinder man braucht keine Leute die nicht arbeitsfähig sind so kam es dazu in März das war der 27ste 28ster März 1944 wenn die meisten Erwachsenen bei der Arbeit waren kamen die Busse rein im im Ghetto mit SS-Leuten
[48:52] mit äh die gingen von Haus zu Haus um nach Kinder zu suchen die meisten Kinder sind da gefunden worden und verfrachtet in diese Busse abtransportiert nach Auschwitz um vergast zu werden das muss man sich vorstellen wie es ausgeschaut hat wenn die Mütter
[49:10] kamen zurück von der Arbeit und haben ihre Kinder nicht gefunden das war einer der schlimmsten Tage im Lager Kaunas mein kleinen Bruder konnten wir ausbehalten wir hatten ein Kachelofen in der Wohnung dort haben wir ein Versteck ausgebaut und der kleine
[49:28] Junge wusste wenn irgendwas los ist muss er rein und ruhig bleiben so konnte man noch bei dieser Selektion diesen Jungen ausbehalten
[49:38] aber lange sind wir ja nicht mehr im Ghetto geblieben äh eines Tages ist das Ghetto Lager umzingelt worden wir dachte man
[49:51] suchte vielleicht paar hundert Leute für irgendwo niemand wollte von der Familie weg von dem Teil der klein Teil von der Familie die noch zusammen war so wie bei uns zwei Kinder miten Vater und Mutter und äh 1944 war ich schon 16 Jahr alt pah beste Alter
[50:10] im Ghetto im Lager wir haben uns versteckt ich und mein Vater wir hatten auch ein Versteck weil es ist umzingelt worden wir dachten man sucht paar hundert für irgendwo aber nach einer halben Stunde hat meine Mutter gerufen »kommt raus das ganze Lager wird
[50:27] evakuiert« also teils sind gebracht worden zum Bahnhof verfrachtet in diese Viehwaggons wir sind gebracht worden zum Teich und verfrachtet in so offene Boote wir fuhren Tage lang über Memel in de- Königsberg eines nachts sind wir angekommen später
[50:51] wussten wir in Danzig dort mussten wir aussteigen die brachten uns in eine riesengroße Halle haben dort gefunden Berge von Schuhe und Kleidungsstücke aber wir waren noch zusammen dort haben wir übernachtet und nächsten Frühmorgen sagten die uns jetzt
[51:08] werden die Männer in Männerlager gehen Frauen und Kinder in Frauenlager waren auch manche Kinder dabei aber am Wochenende dürft ihr einander besuchen und für die Kinder würde gesorgt na wir wussten ja genau wie die sorgen für Kinder vor allem und
[51:28] wir kannten schon die Versprechungen wir haben uns verabschiedet von meine Mutter und mein kleinen Bruder er war schon ein großer Junge ich und mein Vater mit andere Männer sind gebracht worden zu Waschräumen dort müssten wir uns entkleiden rasiert
[51:47] total rasiert worden wir bekamen eine Nummer anstatt ein Namen diese Streiflingskleider mit Holzschuhe ohne Strümpfe eine Hose eine Jacke und eine Mütze ein sehr wichtiger Gegenstand im Lager eine Mütze der Lager war Stutthof ein bekannter Lager in
[52:10] dieser Gegend dann müssten wir marschieren zum Appellplatz wir sahen die Baracken von draußen die ordentlich ausgeschaut haben
[52:23] am Appellplatz zeigte man uns wozu wir die Mütze brauchen im Lager hat ja jeder ein Dreieck gehabt mit eine gewisse Farbe wir
[52:35] bekamen die rote Farbe politische Gefangene es waren vor allem die miten grünen Dreieck miten grünen Dreieck die waren auch die Kapos aber meisten waren es Schwerverbrecher die hatten die Oberhand im Lager Lager Stutthof für uns war kein Arbeitslager
[52:54] es war entweder für manche ein Durchgangslager oder für manche war es der letzte Lager am Appellplatz zeigte man uns wozu wir die Mütze brauchen man musste zwei Mal am Tag gezählt werden Stutthof war kein Arbeitslager wir haben dort nie gearbeitet aber
[53:15] man musste zwei Mal am Tag gezählt werden die Zahl musste immer stimmen lebendig oder tot musste man draußen entweder raus ge- sch- -lagen werden oder raus getragen werden und da da kam der Blockälteste dann kam der Lagerälteste der Lagerkapo und jeder
[53:42] hatte was zu meckern und dann kam der Lagerkommandant dem Appell abzunehmen und wenn der Lagerkommandant kam müssten wir Mützen ab machen aber nicht einfach Mützen ab wir müssten die Mütze klopfen am Bein und die wollten Einklang haben jetzt muss man
[54:01] sich vorstellen da stehen hunderte Häftlinge jahrelang im Lager nach so einer Fahrt ohne Verpflegung und gerade von der Familie weg gerissen worden sind von der Rest der Familie und jetzt müssen die Soldaten werden Mützen-ab-Einklang diese Schikanierung
[54:24] hat stundenlang gedauert bis es Einklang war dann dürften wir rein in der Baracke so eine Baracke hatte Platz vielleicht für 250 300 Leute ich weiß nicht wie viel Hunderte wir dort rein gestupst worden sind so nachts sich hinzulegen davon war keine Rede
[54:43] die einzigen die sich irgendwie hinlegen konnten das waren so Drei-Stock-Betten das waren die alte die alte Häftlinge mit alte Kapos die gesucht haben kleine Kinder nur die hatten eine Chance ins Bett sich hinzulegen ganz früh müssten wir zum Waschraum
[55:09] im Laufschritt durch eine schmale Tür auf beiden Seiten standen Kapos mit Gummiknüppel und jeder der durchgelaufen ist hat auch die Gummiknüppel zu spüren bekommen das waren die die Jungs mit den grünen Dreieck dann raus am Appellplatz »Mützen ab
[55:28] Mützen auf« ich bin so schikaniert worden und dann den ganzen Tag einfach draußen sitzen es war Hochsommer es war Juli Monat ungefähr um zehn Uhr bekamen wir unsere Hauptmahlzeit das war eine Suppe da kamen zwei Leute mit nem riesengroßen Topf [betont:]
[55:48] draußen wir müssten quasi im Laufschritt vorbei mit die äh die Büchse die wir hatten die irgendein Geschirr die Suppe zu bekommen wir müssten es draufstellen [gestikuliert mit Wasserglas] genau auf dem Kant von dem Topf und wenn es nicht gelang bekamen
[56:02] wir die Suppe auf den Kopf das war die Hauptmahlzeit in Lager Stutthof [trinkt] den ganzen Tag dürfte man nicht rein in der Baracke nicht Toilette kein Wasser trinken abends wieder mal Appell dann dürften wir rein in der Baracke dann bekamen wir auch
[56:27] eine Scheibe Brot manchmal war auch ein Dreieck Käse dabei oder so was das war die Verpflegung im Lager Stutthof arbeiten dürften wir nicht so ich war mit mein Vater zusammen äh eines Tages äh werden wir vom Appellplatz zum Tor äh ge- gebracht ich
[56:53] ging mit meinen Vater mein Vater dachte ich bin noch ein kleiner Junge ich war schon ein alter Mann mit se- mit 16 der hat meine Hand angehalten so wie Vater und S- Kind nur der Mann der da am am am Tor die Selektion gemacht hat ihm isses aufgefallen dass
[57:17] wir zusammen gehören so ist mein Vater weg geschickt worden und nicht zurück ins Lager äh dann bekamen wir Arbeit ich mein Freund Solly Ganor sein Vater hatte dort eine Funktion Bro- die das Brot zu schneiden wir hatten noch einen Freu- einen Freund der
[57:38] leider gestorben ist in Amerika wir haben den die Baracke sauber machen dürfen also so gesehen dürften wir den ganzen T- wir konnten den ganzen Tag auch in der Baracke sein aber niemand dürfte rein niemand dürfte rein zum Wasser trinken oder zur Toilette
[57:57] aber die Leute wollten mal und wir haben sie einzeln rein gelassen der Blockälteste hatte seine Ecke gehabt wo er geschlafen ist vor allem seinen Nachmittagsschlaf weil der hat nicht die Suppe gegessen die wir gegessen haben die waren alle so abgefressen
[58:18] da konnte man sehen wie die ausgeschaut haben das waren sehr alte Häftlinge wahrscheinlich die Funktionäre waren im Lager und äh weil wir so wenig bekommen haben wahrscheinlich der Grund war weil die geklaut haben auch das wenige was wir zu bekommen hätten
[58:38] also der ist aufgewacht weil d- die Leute ham bissel so waren bissel nicht ruhig und ich und mein Freund Solly und mein Freund von Amerika der später gestorben ist wir sind verurteilt worden jeder 25 auf den Hintern mit diese [gestikuliert] breite Gummi
[59:01] da [atmet schwer] aber es war nicht so schlimm ich bin noch da äh meine Mutter mein kleiner Bruder die waren noch im Frauenlager aber nicht sehr lange ich sah eines Frühmorgens die Kolonne Frau mit Kinder die vorbei dem Zaun sind das war der 26ste
[59:21] Juli 1944 was ich später erfahren hab von Arolsen die sind nach Auschwitz gebracht worden am selben Tag vergast worden
[59:32] ich blieb noch in diesem Lager nicht lange man brauchte wahrscheinlich noch Arbeitskräfte wir sind am Appellplatz kontrolliert worden
[59:43] weil wir waren die letzten Mohikaner die noch da waren ob wir noch bei Kräften sind mehr oder weniger 650 von uns sind äh auserwählt worden verfrachtet in Viehwaggons und nach tagelanger Fahrt sind wir irgendwo angekommen wir wussten ja nicht wo die meisten
[1:00:02] die die in diesem Transport war das waren litauische Juden äh nicht von unserer Stadt die kamen von Ghetto Šiauliai wir war ich glaub wir waren insgesamt aus Kaunas acht da war der Vater von Solly Ganor dabei ich Solly der (David) ich glaub acht Jungs so
[1:00:24] waren wir aber äh äh vier von uns haben sehr zusammen gehalten man brachte uns in Utting am Ammersee in ein Waldstück war ja gar nicht da wir müssten unser Lager dort selber bauen diese bekannte Erdhütten äh wir haben dort auch ein Fabrik aufgebaut
[1:00:45] für die Firma Dyckerhoff die Betonplatten produziert haben das Leben im Lager man gewöhnt sich sehr schnell an diese Dinge es war kleiner Lager kein großer man arbeitete zwölf Stunden zwei Schichten ungefähr [seufzt] im Anfang äh müssten wir
[1:01:13] den Boden vorbereiten um man dass man den Fabrik bauen kann man hat unsere unsere Erdhütten gebaut wir bekamen es war Bretter bisschen Stroh drauf zwei Decken äh das wars die Häftlingskleider diese Pyjamas hatten wir ja schon und äh so hat sich das tägliche
[1:01:35] Leben in diesen Lager angefangen ich möchte Pause machen [Schnitt] ja also es gelang uns diesen Fabrik aufzubauen hatte ziemlich schnell sehr schnell gelaufen weil äh die waren hinter uns äh die Meister die verschiedenen Meister die OT-Leute äh
[1:02:00] diese Baracken diese Baracken ist gut gesagt es waren keine Baracken es waren solche Erdhütten so eine Erdhütte hatte Platz für fünfzig Leute 25 auf jede Seite wir bekamen ein bisschen Stroh zwei Decken Pyjamas haben wir ja mitgebracht von Stutthof
[1:02:20] und das wars na wie war so ein Tag in so genannten Arbeitslager es wurde genannt Arbeitslager der Tagesablauf wa- ein Vorteil war schon da wir bekamen so ein äh die sagten es ist Kaffee so eine schwarze Dings es war warm heiß äh bevor wir zum Appellplatz
[1:02:50] äh gingen aber das war schon irgendwas dann wieder mal am Appellplatz antreten schikaniert werden müsste man ja äh man musste gezählt werden »Mützen ab Mützen auf« und dann zur Arbeit und Utting der Gang war nicht schwer es die Fabrik war gerade wie
[1:03:09] man in Englisch sagt around the corner äh nur das Problem war schwer schwere Arbeit Verpflegung erst wenn wir zurück kamen von der Arbeit nach zehn zwölf Stunden war gar nicht so einfach diese so genannte Arbeitslager diese Außenlager von Dachau eigentlich
[1:03:35] waren die mehr Vernichtungslager als Arbeitslager Vernichtung durch Arbeit die Umstände in die wir lebten in diesen Lagern die hygienische Umstände in die wir lebten die Schwerstarbeit die wir zu machen müssten die spärliche Verpflegung lange konnte
[1:04:03] man es nicht aushalten jeder zweite Häftling ist gestorben in diesen Lagern da sind Leute nicht vergast worden nicht erschossen worden na manchmal konnte man erschlagen werden oder ausrutschen irgendwo bei einer Betonarbeit aber das Sterben war leicht
[1:04:30] aber manche sind auch am Leben geblieben ich bin auch am Leben geblieben war alles Zufall
[1:04:38] hatten Sie im Lager immer noch Hoffnung ? weil Sie gesagt haben dass Sie im Ghetto eigentlich immer noch Hoffnung hatten obwohl die Situation so bedrohlich war und so Sie so viel Angst hatten wie wars im Lager
[1:04:48] na ich sagte äh das Einzige was erlaubt war war Hoffnung
[1:04:54] [gleichzeitig:] hm
[1:04:56] also das konnte man uns nicht verbieten
[1:04:58] ja und im Lager
[1:05:00] im Lager äh unsere Träume waren andere und ich weiß wir sind manchmal so gesessen unter uns die Jungs was für Träume hatten wir und wir träumten werden wir noch eines Tages bei normalen Tisch sitzen und genügend Brot haben [betont:] das waren unsere
[1:05:18] Träume es waren keine Träume von Kinder von 16- 17-jährige Kinder die eigentlich normal sein dürfen wir waren schon alte Leute Erwachsene mit sehr viel Erfahrung schlechte Erfahrung und äh Träume waren äh wir haben nicht mal nicht mal geträumt von
[1:05:39] einer Familie ab und zu kam es kam dieser Gedanke wo sind die jetzt wo können die jetzt sein der einzige der bei sich sein Vater hatte war mein Freund Solly Ganor
[1:05:54] wussten Sie w- was mit Ihrem Vater passiert war ?
[1:05:57] ich wusste gar nicht ich wusste ich hab mir vorgestellt dass er muss sich gefinden in eine den Außenlagern von Dachau so wie ich davon werde ich noch erzählen äh wir bekamen eine kurze Zeit bekamen wir Arbeit als Pferde für die für die Wachleute wir
[1:06:17] waren vier Jungs wir hatten ein kleinen Wagen damit sind wir gefahren im Dorf mit Wachmann selbstverständlich um die Verpflegung zu holen äh und in Brotladen wo wir in d- wo wir reinkamen hat die Frau dort immer so kleines Päckchen für uns hingelegt
[1:06:35] war gefährlich auch für die Frau auch für uns im Anfang hat es ja wie wir ihn genannt haben der (Kutter) in Par- Pantoffel der SS-Mann der uns bewacht hat hat er die weggenommen äh wir haben sehr schnell verstanden wir müssen ein Doppeldeck machen in
[1:06:53] diesen Bogen Wagen und ein Versteck äh bauen von dort gingen wir zu der Fleischerei dort haben wir die Fleischprodukte geholt unser Wachmann hat dort seine Pause gemacht und wir entdeckten dort diese Schweinezucht und äh die bekamen ja gutes Essen die Schweine
[1:07:12] en Kartoffel gekochte Kartoffel und alles na ja die haben nicht verstanden dass wir so viel Gemeinsames haben wir und die Schweine die waren zum Tode verurteilt und auch wir nur die hatten es viel schöner als wir die hat man gut versorgt uns weniger
[1:07:32] na wir haben probiert die Kartoffel zu klauen von denen unter Lebensgefahr die haben furchtbar gequietscht wenn wir da reingesprungen sind aber das war der einzige Möglichkeit zu überleben ne Zeit lang haben wir diese Arbeit gemacht dann hat jeder seine
[1:07:51] andere Arbeit bekommen ich hab bekommen Arbeit als Heizer da war ein ein Dampflokomotiv der fuhr von der Fabrik zur Kiesgrube war keine schlechte Arbeit mal nachts mal am Tag und war alter Bayer der Lokführer er hat ent- entweder nachts oder tags er hat
[1:08:11] sein Bier getrunken seine Zigarre geraucht ich hab meine Arbeit gemacht nur es war mir problematisch im Anfang er war gscherter Bayer ich hab kein Bayerisch verstanden ich musste sehr schnell Bayerisch lernen um den alten Mann zu verstehen und sonst hatte
[1:08:29] ich keine Probleme eines Tages hat man diesen alten Mann weggenommen in meinen Augen war er alt vielleicht war er gar nicht so alt man hat auch den Lok weggenommen man brachte ein klein Diesellokomotive man zeigte mir wie man so was bedient und da ist ein
[1:08:47] Kindertraum in Erfüllung gegangen ich bin Lokomotivführer geworden ich dürfte alleine von der Fabrik zur Kiesgrube und zurück fahren durch die Felder von Utting ohne Wache und ich konnte mich bedienen bisschen so mithelfen die Felder zu bearbeiten
[1:09:08] meine Freunde im Lager haben auch darauf gewartet wenn ich zurückkam von diese Arbeit und auch äh andere Freunde der der Solly und der (David) die arbeiten in der OT-Küche auch die konnten was besorgen so konnten wir über der Runden kommen so sind wir
[1:09:26] auch am Leben geblieben wahrscheinlich äh Lager Lager Utting war bekannt kleiner Lager gar nicht so schlimm sind Leute gestorben dort na war ja nicht was Besonderes
[1:09:38] äh aber ich hatte ein Gefühl mein Vater muss irgendwo in den Außenlagern sein man suchte
[1:09:50] Freiwillige für Lager Kaufering Lager I das war einer der schlimmsten Lager Kaufering in Kaufering hat gebaut den unterirdischen Flugzeugfabrik äh ich hab mich freiwillig gemeldet in der Hoffnung ich werde meinen Vater finden ich weiß nicht wozu hab
[1:10:10] ich meinen Vater gebraucht damals ich war ja schon wie ich schon sagte en alter Mann aber irgendwo wahrsch- wahrscheinlich war ich doch noch ein Kind hab gesucht diese Geborgenheit meim Vater helfen konnter mir nicht das war mir bekannt aber ich wollte
[1:10:27] weg wollte sehen vielleicht treffe ich meinen Vater ich kam nach Landsberg meinen Vater hab ich nicht gefunden was ich gefunden hab war dieser Monster den der gebaut worden ist in Kaufering und da war schon kein Lokomotiv mehr da war nur diese Fünfzig-Kilo-Zementsäcke
[1:10:49] im Laufschritt zwölf Stunden am Tag oder nachts lange konnte man da nicht aushalten na für mich hat dieser Lager nicht lange angehalten paar Monate glaube ich weil äh dort äh die Sterberate in in Kaufering die die Leichen haben sich gestapelt die ganze
[1:11:10] Woche dort nur einmal in der Woche wenn Leute si- wer sich freiwillig gemeldet hat die Leichen wegzuschaffen konnte noch eine Scheibe Brot oder noch eine Suppe bekommen war auch eine Möglichkeit irgendwie den Hunger zu stillen äh Teil der Schikanierungen
[1:11:28] in diesem Lager und ich überlege auch heute immer wieder die brauchten so dringende Arbeitskräfte man hat uns geschleppt von Litauen nach Bayern wir haben die deutsche Kriegsverletzte Kriegsverwundete auf dem Bahnhof von Kaunas zurückgelassen und man hat
[1:11:46] uns in die Waggons gesteckt warum haben die uns sterben lassen warum haben die uns keine minimale Verpflegung gegeben dass wir es überleben es sind von 30000 Häftlinge in diesen Außenlagern von Dachau über 15000 gestorben im Verlauf von sieben acht Monate
[1:12:06] wie konnte das passieren ? und warum kann ich bis heute nicht begreifen Teil der Schikanierungen in Kaufering war die Musiker von Kaunas die waren auch dort wenn wir zurückkamen manchmal von der Arbeit um uns en bisschen noch zu schikanieren müssten
[1:12:26] wir am Appellplatz anstehen und die haben für uns Musik gespielt
[1:12:30] äh für mich glücklicherweise hat dieser Lager nicht lange gedauert wie so war am 24sten April vom Appellplatz sind wir der Lagerkommandant kam und sagte »jetzt wird ihr gebracht zur
[1:12:46] Schweizer Grenze dort wird ihr ausgetauscht mit deutsche Kriegsgefangene« wir ham das geglaubt so wie alles andere wir sind marschiert bis Dachau nächsten Tag sind wir in Dachau angekommen in Hauptlager dort haben wir übernachtet und wieder mal in Marsch
[1:13:02] gesetzt ich weiß wir marschierten insgesamt von 24sten April bis zum zweiten Mai diejenigen die nicht laufen konnten wurden erschossen unterwegs
[1:13:14] wussten Sie zu dem Zeitpunkt was mit Ihren Freunden war nachdem Sie das Lager gewechselt hatten ?
[1:13:20] äh ich hab die Freun- meine Freunde von Utting getroffen in in Lag- in Hauptlager in in Dachau alle sind dort konzentriert worden wir gingen zusammen den Marsch haben wir zusammen gemacht ich habe auch im Lager Kaufering einen Cousin von mir getroffen mit
[1:13:36] seinen Vater äh also die nicht mehr laufen konnten sind erschossen worden auf der Stelle sehr viele haben ihr Leben gelassen die letzten Tage wir wussten ja nicht dass es zu Ende geht man spürte und zwar aber wir wussten nicht aber die Wachleute wussten
[1:13:55] es warum haben die gemordet bis zum letzten Tag bis zum ersten Mai wir sind am zweiten Mai befreit worden am ersten Mai sind wir angekommen in Waakirchen bei Waakirchen ein kleiner Dorf dort fanden wir ein toten Pferd und da die Menschen so verhungert waren
[1:14:13] haben die probiert Fleisch von diesen Pferd zu reißen sind erschossen worden von die Wachleute dort ham wir übernachtet und äh dauernd hat geschneit und geregnet nächsten Frühmorgen wenn wir aufgewacht sind diejenigen die noch aufgewacht sind waren
[1:14:31] äh keine Wachen mehr da Stunden später kamen die Amerikaner das war die Befreiung der zweite Mai 1945
[1:14:47] erinnern Sie sich wie das war als die Amerikaner kamen oder haben Sie irgendetwas gedacht ? haben Sie verstanden dass Sie befreit wurden ? dass das vorbei ist
[1:14:58] [seufzt] na normal waren wir ja nicht ich weiß nicht ob ich heute normal bin fragen Sie meine Frau die würd sagen dass ich meschugge bin vielleicht hat sie Recht nein eigentlich nicht ich ging mit meinem Freund dem (David) und wir suchten irgendwas zu
[1:15:15] essen im Dorf äh wi- wir gelangen so in ein kleinen Hof dort stand ein großer Mann in einer Küche zivil gekleidet ich bin sicher war sicher auch damals hat sich schnell umgekleidet er hat gekocht und wir haben gebeten Essen der hat uns Kartoffelschalen
[1:15:34] gegeben und hat uns erlaubt ein kleine Feuer zu machen in dem Ofen bei ihm und wir haben uns voll gegessen mit diesen Kartoffelschalen und dann gingen wir weiter einfach die Straße entlang [gestikuliert] uns kam entgegen ein ein Lastwagen mit Leute drauf
[1:15:51] in zivil mit Gewehren mit eine Fahne wir wussten nicht zu wem die gehört die haben gestoppt neben uns runter gesprungen vom Lastwagen uns beiden geschnappt rauf aufn Lastwagen und reingefahren im Dorf in Zentrum vom Dorf dort war wie es üblich ist in einem
[1:16:11] Dorf die Gaststätte die haben uns reingeführt in die Gaststätte man konnte auch hören [gestikuliert] es wurde noch geschossen ab und zu und wir sahen dort viele Leute schon drin gedeckte Tische von allem schönsten und besten und wir waren vollgestopft
[1:16:27] mit diese äh äh Kartoffelschalen die haben uns son bissel Wein gegeben und ganz schnell haben wir uns auf der Bühne hingelegt und eingeschlafen bis nächsten Frühmorgen das war der Tag der Befreiung für uns später müssten wir äh ja das verlassen
[1:16:46] und äh Richtung äh äh Bad Tölz gehen dort sind wir konzentriert worden in dieser Junkerschule dort hat man uns son bissel aufgepäppelt ich hab mir umgekleidet mit mit SS-Kleidung [lacht] ich wollte die die die verläuste äh äh KZ-Kleidung nicht haben
[1:17:12] aber ich bin sehr schnell äh aufgeklärt worden [lacht] wenn ich noch am Leben sein will soll ich schnell diese K- Kleidung Kleidung wegschmeißen ja und dann ich und mein Freund (David) dort war in der in der in der Junkerschule war ein Schwimmbassin kam
[1:17:30] ein amerikanischer Offizier und sagte »you two« [gestikuliert] wir haben nicht gut ver- wir haben überhaupt nicht verstanden was er redet wir sollen aufpassen auf diesen Schwimmbassin sauber machen und dafür hat er uns gegeben ein einen Zettel so und
[1:17:44] sagt uns: »hier und hier [gestikuliert] ist eine Küche damit geht ihr bekommt ihr jeden Tag ein Essen« das war unsere äh unsere ersten Befreiungstage und da haben wir genossen die amerikanische Militärküche so ungefähr hat das ausgeschaut später
[1:18:02] sind wir von dort über transportiert worden nach Freimann in die in die Freimann-Kaserne und äh ich weiß nicht wie lange später eines Tages da waren wir alle Jungs zusammen und äh wie eben Jungs sind wir hatten genügend zum Essen wir hatten keine
[1:18:20] Sorgen wir bekamen eine so so quasi eine Wohnung und eines Tages bin ich äh jemand sagt »geh zu deiner Wohnung jemand wartet auf Dich« ich und mein Freund der (David) wir sind beide rein in der Wohnung stehen geblieben da saß mein Vater und sein Vater
[1:18:37] die zwei Väter die waren schon als Kinder Freunde ja also die Familien war so wie eine richtige Familie miteinander war mir sehr komisch meinen Vater zu sehen nachdem ich ihn jahrelang nicht je nicht mehr gesehen hab ja aber ich musste mich schnell daran
[1:18:55] gewöhnen dass ich einen Vater hab und äh das Leben ist nicht mehr so wie es mir gefällt muss ein bisschen im Rahmen sein aber mein Vater hat sehr schnell und auch der andere haben sehr schnell beschlossen zurück nach Litauen zu gehen man gab uns die Möglichkeit
[1:19:11] es war ja eigentlich so
[1:19:13] auch die Amerikaner wollten uns nicht haben wir sind in Deutschland geblieben in diesen DP-Lager ging uns nicht schlecht in diese DP- die haben uns ja alles versorgt aber eigentlich wollten die uns nicht haben und da wenn ich heute
[1:19:32] das bedenke damals haben wir es nicht verstanden mein Vater sagte »ja wir gehen wir s- suchen die Familie vielleicht s-« wir haben uns gar nicht vorgestellt [gestikuliert] dass meine Mutter nicht mehr am Leben ist dass die Brüder nicht am Leben sind dass
[1:19:47] die Schwester und Brüder von meinem Vater dass die alle eigentlich diese Umsiedelung dass es- alle ermordet worden sind also wir gingen zurück in der Heimat mit solche äh mit mit äh auch mit mit verschiedene äh Transportmittel mit mit Lastwagen
[1:20:10] äh und dann mit mit äh miten Zug aber sehr schnell haben wir angefangen zu spüren im Zug wo die russische äh Mitfahrer die Macht im Zug übernommen haben sich sofort geschaffen mit rote Banden [gestikuliert] auf der auf der Hand solche Politruks ja und
[1:20:31] die haben gesagt wo es lang geht und man musste schon um eine Decke zu bekommen wir waren Tage lang un- unter- unterwegs um eine Decke zu bekommen musste man schmieren so einen miten roten miten roten Band und sobald wir die Grenze rüber gefahren sind bei
[1:20:48] Meißen das war die russische äh äh Zone sind wir gefragt worden »wie sind wir am Leben geblieben ihr habt gearbeitet für die Nazi- äh äh -Kriegsindustrie so seid ihr am Leben geblieben« das war noch nicht so schlimm das andere war ab 17 bis 47
[1:21:11] muss man zum Militär gehen ich war 17 mein Vater war 44 24 Stunden waren wir Soldaten und dann abgehauen auf Umwegen es hat lange gedauert zu Fuß mal mit dem Güterzug gelang es uns nach Lodz zu kommen in Polen und jemand in dem letzten Zug wo wir
[1:21:42] waren ein Pole sagte zu meinem Vater »geh nicht nach Litauen alle gehen zurück von Litauen die möchten bei die Kommunisten nicht bleiben aber geh in Lodz dort gibt ein jüdisches Komitee dort gibt es auch Listen wer am Leben ist« also wir gingen dorthin
[1:22:00] und mein Vater hat seine Schwester gefunden dort sie war dort sie war schon länger weil sie war auch in Stutthof und sie war in einen Außenlager von Stutthof sie ist befreit worden in ein Platz Ciechocinek hat das geheißen und sie sagte äh »ich ich
[1:22:23] hab schon eine kleine Wohnung« s war es war ein Durchgangs- (so was) ohne Boden und ohne gar nix »ihr kommt zu mir« und der Freund der mit uns war der Freund von meinem Vater mit seinem Sohn der (David) und sie sagte ihm »deine Frau und deine Tochter die
[1:22:39] sind befreit worden in Ciechocinek die sind noch immer dort fahr hin und hol die« also er hat seine Frau und Tochter gefunden wir haben niemand mehr gefunden und dann selbstverständlich hat man angefangen zu suchen Wege wie geht man zurück zu den Amerikanern
[1:22:54] this was a long way to Tipperary war gar nicht so einfach man musste falsche Papieren haben man musste erstmal Geld besorgen man hatte ja kein Geld Papiere kaufen war teuer man konnte kaufen jugoslawische Papiere nach Jugoslawien dürfte man rausfahren
[1:23:15] die waren ja auch Kommunisten also mein Vater und sein Freund die haben einen Tipp bekommen fahrt nach Danzig dort gibt es solche Bleche [gestikuliert] wo man Dächer äh äh decken kann damit und die liegen so einfach rum man kann die holen man muss sie nur
[1:23:37] nach Warschau bringen die sind sehr gefragt und das kann man verkaufen das haben die gemacht wochenlang haben die das gemacht waren da auf der Strecke Danzig von von von Dings nach Da- äh von Lodz nach Danzig äh äh und dann Warschau bis die genügend
[1:23:56] Geld hatten um zu kaufen falsche Papiere dass wir fahren nach Jugoslawien
[1:24:00] und Sie waren während dieser Zeit in Lodz bei Ihrer Tante
[1:24:04] ne Zeit lang war bei der Tante aber äh in Lodz war schon so ein so genannter Kibbuz
[1:24:09] [gleichzeitig:] mhm
[1:24:11] wo wo junge äh Kinder äh äh äh aufgegriffen worden sind die ohne Eltern waren also wir als Kinder dürften auch dort rein hatten wir wenigstens äh äh nicht aufm nassen Boden zu schlafen sondern wir hatten fast ein Bett so also und hatten auch Verpflegung
[1:24:29] dort bekommen
[1:24:31] aber dann sobald mein Vater die Papiere besorgt hat fuhren wir Richtung äh zu München eig- wir wollten München nicht Jugoslawien unterwegs müssten wir uns schon teilen ging nicht zusammen ich bin acht Tage lang aufm äh Bahnhof von
[1:24:53] Kattowitz geschlafen draußen äh unsere Wege haben uns haben sich getrennt meine und mein Vater auch mein d- der Freund von mir mit seine Schwester wir mussten uns wir konnten nicht zusammen ist ne lange Geschichte gehört nicht da rein äh gossip
[1:25:10] [lacht leise]
[1:25:13] äh also es gelang uns noch jemand hat sich angeschlossen an uns wir waren eins zwei drei vier Jungs und eins zwei drei Mädchen eine war ein Schwester von mein Freund von (David) es gelang uns nach Prag zu kommen ohne Geld ohne gar nix [seufzt] man wird
[1:25:38] äh nachdem man in Lager war war man nicht verwöhnt man war auch sehr äh äh erfinderisch und äh Angst hat war kein Artikel den wir bereit waren zu kaufen musste ernährt wer- man musste ernährt werden ich ging es war eine Küche dort von Caritas
[1:26:03] und Caritas hat Suppe verteilt und da fragten die mich »willste auch arbeiten ?« ich hab gesagt »ich will arbeiten wenn ich hab einen Schlafplatz bekomme dann kann ich auch arbeiten« na hat er mir einen Schlafplatz gegeben ich war zwei Wochen ungefähr
[1:26:22] dort ich hatte genügend zum Essen aber mir wurde gesagt nicht nur mir auch den anderen »wenn ihr willt weiter gehen müsst ihr nach Bratislava gehen in Bratislava sitzt die palästinensische Untergrundbewegung und die sind diejenigen die sind zuständig
[1:26:39] die werden euch schon aufn richtigen Weg bringen« also wir kamen nach Bratislava sind dort auch ne Zeit lang geblieben ich weiß nicht wie lang und dann äh bekamen wir äh äh zu verstehen dass eigentlich sind wir Griechen die gaben uns ein rung- runde
[1:27:01] Béret so [gestikuliert] und äh uns wurde gesagt keine sch- mit niemandem sprechen am Bahnhof nirgend am Bahnhof nur irgendwas murmeln dass die Leute nicht verstehen wir fahren nach Griechenland wir sind gelandet in Wien dort sind wir ne Zeit lang geblieben
[1:27:22] und äh von dort hat man uns gebracht wir waren in der englischen Zone dort in Kapfenberg Trofaiach nicht weit von Linz dort war en paar große DP-Lager von den Engländern aber raus von dort man konnte rein raus no way weil die Engländer wussten wir möchten
[1:27:46] nach Palästina vielleicht also die haben uns gehalten aber wir wollten dort nicht bleiben also wir ham wir sind äh raus von den Lagern äh reingeschmuggelt in Zug Geld hatten wir ja keine da und äh nach paar Stationen sind wir angehalten worden von den
[1:28:07] Engländern und haben kontrolliert Papiere und selbstverständlich haben die uns rausgeholt zurück vom Zug es war so eine Grube dort und dort war Obstbäume und wir haben immer geschmissen äh Hunger hatten wir Steine dass die Apfel oder Birne runterfallen
[1:28:23] (klein) und da keine Steine da waren ich fande ein eine halbe Flasche so und ich hab diese halbe Flasche geschmissen [gestikuliert] und das hat mir fast den Finger runtergerissen furchtbar geblutet und ein Engländer hatte Mitleid wahrscheinlich der hat mir
[1:28:44] Bandage gegeben und gesagt »du kannst runtergehen brauchst nicht zu schmeißen geh runter darfst sammeln deine Apfel dort« ich bin runter und langsam sind auch der andere runter und sobald es en Möglichkeit gab sind wir verschwunden auf der andere Seite
[1:29:00] sind vier fünf Kilometer gelaufen und rein wieder im Zug und da waren keine Kontrollen mehr und sind angekommen in in Salzburg in Salzburg waren schon die Amerikaner aber wir wollten nach München wir wussten dass zusammen wird es nicht gehen jeder muss
[1:29:19] irgendwie sehen auf seine Art seine Weg oder seine Möglichkeiten obwohl die Möglichkeiten dieselbe waren nach München zu kommen die Brücke von Salzburg zu rüberfahren die war gesprengt nur ein ein Waggon konnte rüber rüberfahren und in diesem einen
[1:29:39] Waggon haben die amerikanische Militärpolizei kontrolliert wer Papiere hatte nur wer gültige Papiere hatte durfte ich hatte keine Papiere es ist mir gelungen in diesem einen Waggon rüberzugehen auf die Seite die schon kontrolliert war ihr wisst ja im
[1:29:57] Lager haben wir gelernt im Regen zwischen die Tropfen zu laufen und nicht nass zu werden man konnte uns keine Märchen mehr verkaufen ich bin angekommen in München nachts im Deutschen Museum dort war ein DP-Lager hatte kein Geld ich wusste dass mein Onkel
[1:30:17] und mein Cousin mit die ich im Lager I in äh Kaufering war der Cousin ist auch mit uns gefahren nach Litauen aber schon vor der Grenze sagte er »mir schmeckt das nicht« sein Vater ist nicht gefahren »mir schmeckt das nicht ich fahr zurück« und er ist
[1:30:35] geblieben in München und ich bin gegangen ihn zu besuchen die lebten in Schwabing kennen Sie München ? Schwabing kennt man schon junge Leute kennen Schwabing also ich kam dorthin die haben sich gefreut und ich ich hab was zu essen bekommen dann musste ich
[1:30:51] aber zurück in Deutschen Museum Straßenbahn hat damals gekostet zwanzig Pfennig ich hatte keine aber es war nachts ich kann doch nicht laufen so weit bin rein im Straßenbahn und damals waren die Schaffner noch in Straßenbahn »hat alles Fahrscheine ?«
[1:31:07] nur ich hatte keine Fahrschein und ich hab mir so hingestellt ich verstehe gar nicht was er redet ich hatte noch ein Papier in vier Sprachen [gestikuliert] dass ich vom Lager komm ich zeigte ihm diesen Papier er wusste nicht genau was es ist und zwei junge
[1:31:26] Leute standen dort dabei die ham so rein geschaut uns sie sagten zu ihm »lassen Sie der Junge kommt vom Lager« also hab ich gespart die zwanzig Pfennig ich kam in Deutschen Museum da war voll mit Leute Leute die schon dort schon sehr lange waren wahrscheinlich
[1:31:42] da fragte jemand »wir wollen Karten spielen hat jemand Karten ?« na niemand hatte Karten gehabt nur ich Spielkarten »schauen Sie ich hab Karten nein« sag ich »ich spiel nicht ich spiel nicht die Karten« die spielen um Geld Geld »na gib uns die Karten«
[1:32:04] [lacht; gestikuliert] »was heißt gib uns die Karten ihr spielt um Geld ?« »ja« »na gut ich werde geben die Karten ich muss was raus bekommen von eurer Spiel wenn ihr gewinnt also jede Rondell [gestikuliert] muss ich irgendwas bekommen« fünf Uhr früh
[1:32:20] schon die ganze Nacht haben die durchgespielt waren schon manche die keine Geld hatten wollten mir eine Uhr verkaufen weil ich hatte schon Geld [lacht] das wa- war mein Anfang nachher in in in München später kam auch mein Vater ich hab auch en bisschen
[1:32:36] Schwarzhandel gemacht mit Amerikaner mit Zigaretten mit dies- das ist nicht wichtig hier das ist auch wichtig okay mit Zigaretten mit Kaffee ich hab Angst gehabt Amerikaner kamen in in der Gegend in in Deutsche Museum im Hof dort [gestikuliert] dort war ein
[1:32:52] Kaffeehaus dort ist der ganze Schwarzhandel angegangen äh ich äh äh kam mit eine Stange Zigaretten ich hab Angst gehabt äh zu kaufen der hat mich fast gezwungen und und ich hab die Zigaretten gebracht sagt er »ich bring dir noch nachher« sehr schnell
[1:33:11] die verkauft der hat mir noch gebracht und äh Schokolade gebracht und dann hat mir jemand äh Feuer Steine für Feuerzeuge gegeben und Süßstoff das waren alles Artikel die schwer waren zu zu bekommen ich war richtiger Händler geworden und alles hat
[1:33:29] sich abgespielt wenn mein Vater kam hab ich ihm schon 5000 Mark gegeben da 5000 Mark war nicht viel Geld damals ich hatte schon Geld und in diesem Kaffeehaus hat sich abgespielt dieser ganze Handel eines Tages ist der Kaffeehaus umzingelt worden von amerikanische
[1:33:44] Militärpolizei und deutsche Polizei und alle die dort waren sind verhaftet worden auch ich wir sind gebracht worden zum Hauptquartier an der Ettstraße in München alle rein in ein Zimmer vier Tage war ich dort
[1:34:02] und eines Tages am letzten Tag bin ich
[1:34:05] geführt worden zum Verhör gefunden haben die bei mir gar nichts ich hab alles weggeschmissen war kein Problem ich hatte eine Tasche wir war- gingen über die Ludwigsbrücke [gestikuliert] ich hab einfach mein Hand über die Brücke und die Tasche fallen
[1:34:18] lassen gefunden haben die gar nichts [seufzt] wenn ich bin geführt worden zum Verhör um befreit zu werden sah ich einen Wachmann Polizeimann ich hab a Zeit lang während des Ghetto gearbeitet bei der deutschen Schutzpolizei in Kaunas wo die stationiert
[1:34:38] waren äh es war eine gute Arbeitsstelle nicht schlecht nur die Polizisten dort die war- hatten komische Einfälle manchmal manche von denen haben manchmal so bevor man nach Hause ging Flasche mit Wasser aufn Kopf gestellt und gezielt in die Flaschen war
[1:34:57] nicht sehr angenehm aber meisten haben sie die Flaschen getroffen und da seh ich einer läuft da schau den an und sag »hey du warst doch in Kaunas bei der Schutzpolizei auf Kęstučio-Straße« der ist so schnell gelaufen wie ein Kaninchen ich bin
[1:35:24] befreit worden mein Vater hat auf mich gewartet und wenn ich raus bin hab ich sagt ich zu meinem Vater »ich bleibe hier nicht mehr« sagt er »warum ?« sag ich »wenn diese Schutzpolizisten die damals dort waren heute hier bei der Polizei sind ist das
[1:35:41] kein Platz für mich« damals hab ich ver- beschlossen wegzugehen
[1:35:46] bis zu bis zu diesem Zeitpunkt hatten Sie Pläne dort zu bleiben ? oder haben Sie gar keine Pläne gemacht ?
[1:35:52] überhaupt keine Pläne gemacht auf jeden Fall nicht zurück nach Litauen das war klar wir gehen nicht zurück nach Litauen wir sind versorgt von den von den Amerikanern von de- der Joint von de- de- die alle ich nenne es die Unternehmungen sind ja Unternehmungen
[1:36:09] äh äh wir dachten vielleicht nach Amerika wir dachten vielleicht bleibt man man wusste nicht auch mein Vater dachte vielleicht geht man nach Palästina aber er war sehr weit weg von diese äh er war mein Vater war sehr links gestimmt das hat ihn nicht interessiert
[1:36:28] der war äh vor allem war er Atheist immer gewesen ja er war es war nicht seine Sache wir Kinder waren organisiert in wir Kinder hat man äh äh hat m- man hat mehr mehr Wirkung auf Kinder und Kinder wollten zusammen sein aber mein Vater das war nicht
[1:36:52] seine Sache und äh es war wenn ich war mit mein Vater ich hab nie ich hab schon angefangen zu rauchen aber nie geraucht in Gegenwart von mein Vater damals war es anders wie heute heute raucht man zusammen miten Vater damals nicht hatte schon Respekt gehabt
[1:37:12] damals vor mein Vater er hatte zu bestimmen aber dann sagte ich ihm »ich bleibe hier nicht mehr« und dann hat er er war einverstanden dass ich geh nach Landsberg in Landsberg war ein sehr große DP-Lager und es gab auch dort ein ein äh Fachschule ORT-Fachschule
[1:37:36] ich hatte andere Gedanken mit Landsberg weil diese Leute mit die ich in Kibbuz war in Lodz die waren in Landsberg und ich wusste genau was die vorhaben und sagte sagte zu mein Vater »ja okay ich geh geh lernen da ein Beruf« mein Beruf war in Kibbuz ich
[1:37:57] bin in Kibbuz hab mich vorbereitet auf die Auswanderung äh ich hab noch so paar Tätigkeiten gehabt ich bin sehr schnell zugezogen worden zu die Hagana Untergrundbewegung in Europa bin auch ab und zu so rumgefahren um Leute rüber zu bringen von äh Gegenden
[1:38:22] wo es nicht so gut war äh besser zu den Amerikaner weil von den Amerikanern konnte man raus und dann kam auch meine Zeit wegzugehen ich sagte »ich will auch weg ich will nicht mehr bleiben«
[1:38:35] äh wie sah die Vorbereitung aus ? was äh was mussten Sie da machen um sich auf die Ausreise vorzubereiten also war es auch eine Militärausbildung oder was haben Sie da gemacht
[1:38:45] [gleichzeitig:] nein es war es war keine Militärausbildung nit äh nicht dort es war schon eine Militärausbildung es warn paar Plätze wo Militärausbildungen gemacht worden sind auch in Deutschland ja äh es war nicht war nicht mein mein Fall ich hatte
[1:39:01] andere Dinge zu tun und äh letzten Endes sagte ich mir reicht es ich will ich wusste es geht der Transport nach Frankreich wir hatten Papiere dass wir wandern aus nach Bolivien ich hab mein Vater gar nicht erzählt erst en letzten Abend wenn ich schon
[1:39:22] auf München (wir haben) übernachtet irgendwo am Bahnhof in München hab ich meinen Vater wissen lassen dass ich da bin aber ich ich fahre [gestikuliert] und dann ist er mir nachgelaufen im Zug hab ich ihm präsentiert diesen Bild [gestikuliert] ja mit diesem
[1:39:36] Schrift da und ich weg weg nach Frankreich wir sind geblieben in Frankreich äh monatelang weil es war noch keine Möglichkeit man hat den dieses Schifflein vorbereitet äh
[1:39:49] [unterbricht:] wann war das ungefähr ?
[1:39:51] das war [räuspert sich] das war Ende 45 46 und äh in Paris waren wir drei Monate glaube ich und dann von Paris nach Marseille von Marseille nach Salon und wir haben gewartet aufn Schiff da hat man ausgebaut ein altes Schiff vom Ersten Weltkrieg ich weiß
[1:40:16] irgendwo 1350 Leute aufem Schiff und äh sobald wir angefangen haben zu fahren hat das Schiff Leck geschlagen [gestikuliert] es war ein kleiner Motor unten der auf Kohle geheizt worden ist äh glücklicherweise war auch ein Motor ein kleiner Dieselmotor
[1:40:40] oben aufem Deck weil äh der Motor unten ist ganz schnell halb im Wasser gestanden man hat unsere alles äh was wir hatten hat man geschmissen in die Wasser dass es saugt den Wasser wir fuhren insgesamt 14 Tage normalerweise von Port-de-Bouc sind das drei
[1:40:58] Tage dreieinhalb Tage bis Haifa nicht mehr äh man hat immer geschrien [gestikuliert] zehn Leute auf die rechte Seite zwanzig Leute auf die linke Seite weil das Schiff Schifflein hat gewackelt äh es war es war nicht genügend Verpflegung aufem Schiff
[1:41:19] war Was- Wasser war nicht da es war noch ein Tanker mit 10000 Liter Wasser nur man wollte es nicht rausnehmen raussaugen dass das Schifflein wird [gestikuliert] zu hoch gehen man hat uns Kakao mit Salzwasser gemacht es schmeckt von- [lacht] ist gut gegen Schnupfen
[1:41:36] [lacht] äh bis eine eine eine Nacht da war ein Riesensturm und man war sicher das Schifflein wird untergehen der Kapitän das war en 20-jähriger Junge aus Palästina [lacht] hatter gesagt »auch wenn wir untergehen ich werde keine Hilfe su- rufen« sechs
[1:42:01] Stunden hat das gedauert und dann war der Sturm vorbei aber wir bekamen Hilfe von oben [gestikuliert] die englische Flugzeuge haben uns entdeckt und dann zwei Kriegsschiffe haben uns in der Mitte reingenommen im Anfang haben wir probiert rumzuspielen mit
[1:42:18] die dass wir fahren nach Abessinien mit Möbeln es war alles ja mit Brezenten verdeckt aber wenn man gesehen hat dass es schon kein Ausweg da und wahrscheinlich auch bekommen eine Nachricht von Palästina Kinder hört auf zu spielen das Spiel das Spiel ist
[1:42:35] äh hat keinen Sinn runter die Brezenten von allen rauf die Israelfahne nach oben und so sind wir reingefahren in Haifa und äh den Engländern hat es gedauert 24 Stunden bis sie 1350 Leute vom Schiff runtergebracht haben freiwillig sind wir nicht gegangen
[1:42:55] da hat man uns verfrachtet auf die britische Schiff und gebracht nach Zypern im Lager so hat das ausgeschaut ich blieb in Zypern glaub ich bissel länger um die sechs Monate weil ich hab dort äh äh als Instrukteur ein Funktion gehabt ich bin rübergeschickt
[1:43:17] von Sommerlager zum Winterlager und äh verschiedene Demonstrationen gemacht dort und manche sind äh verwundet worden wir haben wir haben Molotow-Cocktails wir waren ja umzingelt mit die britische Soldaten mit die Zelten rundrum die Ins- da haben wir Cocktail-Dings
[1:43:36] geschickt zu diese Zelten und die angezündet war nicht so wir hatten genügend zum Essen das schon Zypern hat eigentlich war es äh so wie heute Urlaub auf Zypern wir hatten genügend zu essen wir waren alle jung kam ein Schiff mit 600 Mädchen aus Ungarn
[1:43:58] in in in Zypern na [lacht] also d- es war tolles Leben in in Zypern aber wir wollten alle raus man hat nur jedes Monat 350 frei gegeben und auch nicht gleich frei da brachte man uns nach Palästina in Atlit in wieder mal im Lager aber langsam dann bin ich
[1:44:23] vom Lager da kam jemand da war jemand von der Hagana hat mich geholt in der Stadt wo ich lebe bis heute und äh so hat mein Leben angefangen als freier Mensch
[1:44:38] haben Sie sich auch wirklich frei gefühlt als Sie dann in Israel angekommen sind beziehungsweise in Palästina noch
[1:44:47] [seufzt] ich hab mich frei gefühlt in dem Sinn ich äh hatte die Möglichkeit auch wenn wenn wenn das Leben nicht sicher war und was ich sagte meinen Vater bevor ich äh abgefahren bin sagt er »dort wird doch Krieg geben in in Palästina« sag ich »ja
[1:45:10] das stimmt schon aber dort würde ich die Möglichkeit haben wie ein Mensch zu sterben« das war mir sehr wichtig damals nach dem was ich erlebt habe also auch wenn es gefährlich war äh äh das war was anderes da äh hat man sich als Mensch gefühlt
[1:45:34] auch wenn auch während des Krieges die Jahre wege- während des Krieges auch wenn es nicht immer einfach war und vor allem jemand da kommst du eigentlich in ein fremdes Land niemand hat dir gefragt äh »hast du zu essen oder hast du« wir haben bekommen
[1:45:53] zwölf F- Pfund zwei Decken und w- w- vier Leute bekamen wir ein Zimmer in ein Pension na ich war in der Lage zwischen die vier die Sprache war mir nicht äh äh fremd ich war schon in Hagana reingezogen vorher und ich bekam Arbeit in der Hagana als Funktionär
[1:46:13] so gesehen war mir besser als den anderen ich hatte ein Gehalt ich in dem Sinne war war ich versorgt ich war frei aber aber äh ich war alleine und von der Vergangenheit niemand hat darüber gesprochen niemand wollte auch hören von der Vergangenheit so nehme
[1:46:36] ich an erst nach dem Prozess von Eichmann hat man angefangen von den Holocaust zu sprechen in Israel bis dann wir haben damit nicht stolziert
[1:46:46] hätten Sie gerne darüber gesprochen ?
[1:46:49] k- ich nehme an ja weil äh in mir war ja das vorhanden nur es war ich war nicht nur stumm auf diese in diesem Sinne es war äh es hat gedrückt innen drin ja aber ich hab immer probiert zu vertuschen
[1:47:08] und wann haben Sie selber angefangen Ihre Geschichte zu erzählen
[1:47:14] oh [lacht] seh- das hat sehr lange gedauert sehr lange hat mir gezwungen dazu ein Enkelsohn von mir ich hab ja mal in Hannover gelebt ich war tätig bei der Jüdischen Gemeinde nachdem ich schon ein Pensionär war und 1988 musste ich am Herzen operiert
[1:47:36] werden und damals war es noch nicht so entwickelt ich hab vier Bypässe bekommen und sagte zu meine Frau und mein- äh meinen Kindern »sollte ich zurück rauskommen von diesen Krankenhaus entweder fahren wir zurü- geben wir auf die Arbeit hier« obwohl
[1:47:53] war sehr gut sehr gut bezahlt vor allem »oder die Kinder kommen hierher alleine bleibe ich nicht mehr« ich habe es den Kindern ich habe nur meinen Sohn wissen lassen dass ich werde operiert der ist auch gekommen weil ich hab gedacht vielleicht komm ich
[1:48:09] nicht raus er soll aufpassen auf meine auf die Mutter und so und die haben [lacht] die haben nicht lange gewartet die haben sofort ja gesagt wir kommen die haben nicht gesagt k- komm zurück nach Hause wir kommen die sind alle gekommen mit alle Enkelkinder
[1:48:26] meine fünf Enkelkinder ich hab vier von denen haben ihr Abitur in Hannover gemacht die konnten kein Wort Deutsch die ham perfekt die sind alle perfekt in Deutsch die haben die besten Noten gebracht von der Schule die Lehrer haben sich gewundert ja und
[1:48:45] immer bin ich gefragt worden von den Kindern von meine Enkelkinder die die Geschichtslehrerin fragt »bist Du bereit« und ich hab immer gesagt »nein« [schüttelt den Kopf] nur beim letzten Enkelsohn der (Daniel) der jetzt in Los Angeles ist schon en alter
[1:49:03] Bock äh ich konnte ihm nicht absagen sagte »okay (Daniel) ich komm« da war er 15 damals »ich komm zu dir im Gymnasium« ich bin gekommen war mir schwer sehr schwer ich hatte auch Angst ich hatte Angst äh äh im Sinne werde ich verzweifeln irgendwie
[1:49:25] werde ich stecken bleiben wie wird mich mein Enkelsohn anschauen äh der Opa der alles kann äh irgendwie habe ich es geschafft zu erzählen dort und ich sah riesengroße Interesse von den Kindern aber Wissen null ich hab ein Brief geschrieben an die Kultusministerin
[1:49:47] von Niedersachsen das war eine gewisse Frau Pieper was ich im Gymnasium dort erlebt habe und ich hab mir gedacht das kann doch nicht so sein und äh ich hab ihr geschrieben ich bleibe hier noch paar Jahr ich bin bereit jeden Tag in eine Schule zu gehen und
[1:50:08] meine Geschichte zu erzählen hoffentlich gibt es noch solche ich brauch keine Belohnung dafür alles auf Freiwilligenbasis weil ich finde es ist wichtig dass unsere Geschichte nicht äh äh irgendwie verschwindet und es ist wichtig für die Jugend für die
[1:50:29] Zukunft von der Jugend die müssen wissen wenn die falsche Wege einschlägen werden was passieren kann ich habe sofort eine Antwort bekommen von ihr und sie hat veröffentlicht in alle Schulen jeden Monat haben die Schulen bekommen die bekommen ja von von
[1:50:45] von von Ministerium so ein ein ein Schrift ist geschrieben worden meine Telefonnummer dass ich bereit bin mein Telefon ist nie still gestanden drei Jahre lang so hat es angefangen und dann bekam ich äh ich weiß nicht wie äh eine Anruf von Dachau die
[1:51:08] laden mich ein zur Jugendbegegnung in Dachau ich hab nicht gewusst genau was es ist ich nahm meine Frau wir haben uns rein gesetzt im Auto und wir fuhren Richtung Dachau und ich sagte zu meine Frau »stell dir vor wir sind eingeladen nach Dachau und Ticket
[1:51:30] ist aller-retour [gestikuliert] ein Traum
[1:51:36] war das das erste Mal das Sie wieder dort hingefahren sind
[1:51:39] ja ich wusste nicht wo ich hinfahre überhaupt der der Hauptlager Dachau war nicht mein Lager ich bin nur einmal eine Nacht habe ich da übernachtet hat auch gereicht aber so hat angefangen auch die Verbindung miten miten mit Dachau
[1:51:59] vielleicht können wir noch ganz kurz ein Stück zurück gehen Sie haben gesagt Sie waren in Israel in Rechovot und ähm Ende der Achtziger sind Sie nach Hannover gekommen n- nachdem Sie pensioniert wurden haben Sie gesagt was haben Sie gemacht in der Zeit
[1:52:19] wie ist Ihr Leben verlaufen in Israel
[1:52:22] [lacht] was kann schon einer machen wenn er keine Schule hat und kein Beruf hat das einzige was ich machen konnte ist Beamter werden braucht man keinen Beruf [lacht] braucht man wahrscheinlich auch keine Schule das hab ich gemacht
[1:52:40] und wann haben Sie Ihre Frau kennen gelernt und wie ?
[1:52:45] ja meine Frau habe ich kennen gelernt da war ich noch Soldat 1949 und i- eigentlich wundere ich mich bis heute meine Frau war einzige Tochter in ein sehr religiösen Familie bei uns isses so wenn zwei junge Leute sich kennen lernen möchten heiraten die Eltern
[1:53:06] treffen sich man redet man sie- wo kommt er her wer ist die Familie wie ist die Vergangenheit von der Familie wie stehen die finanziell äh wirtschaftlich was hat der Junge gemacht was hat er studiert ich hab studiert Dachau bei mir war es nicht der Fall
[1:53:25] da war keine Familie also es waren schon viele Leute bei der Hochzeit aber nicht von meiner Seite und die waren trotzdem einverstanden der einzige Vorteil den ich hatte ich war ja schon später befreit vom Militär ich war Beamter zu dieser Zeit hatten
[1:53:45] sehr wenige junge Leute eine Möglichkeit eine richtige Arbeit zu bekommen und noch als Beamter obwohl Beamter in Israel ist nicht so wie hier die kann man von heute auf morgen rausschmeißen hier nicht hier Beamter ist fürs ganze Leben in Israel war es
[1:54:01] nicht so aber niemand hat mich rausgeschmissen obwohl ich hatte hinter mir nur sechs Jahre Schule nicht mehr aber pakapaka [gestikuliert] war in Ordnung
[1:54:14] und zwischenzeitlich in den sechziger Jahren lebten Sie aber noch mal in München oder ?
[1:54:19] ja es war so ich hab ja mit mein Vater Probleme gehabt [sehr leise:] Problem ist keine Probleme 1949 da war ich beim Militär kam ein guter Freund von mein Vater nach Rechovot so sind gute Freunde das erste hat er mich aufgesucht und hat mir gesagt »hör
[1:54:44] mal zu dein Vater hat eine deutsche Frau geheiratet stell dir vor« das war für mich eine Bombe ich hab mit meinem Vater korrespondiert zurück geschrieben aber nachdem ich diese Geschichte gehört habe habe ich meinem Vater ein Brief geschrieben »ich
[1:55:03] hab keine Mutter ich brauch auch kein Vater« und damit war die Korrespondenz nur einseitig geworden mein Vater hat mir geschrieben ich hab nie geantwortet jahrelang 1953 kam ich nach Deutschland das erste Mal äh ist auch ne lange Geschichte aber
[1:55:32] ich kam nach Deutschland ich hab mein Vater getroffen ich habe seine Frau getroffen nette Frau nix Besonderes 21 Jahr jünger als mein Vater ich blieb in äh Deutschland damals paar Monate hab mich gut erholt hab es auch gebraucht das war meine erste Erholung
[1:55:53] nachdem ich vom KZ raus bin eigentlich äh ich hatte schon ein Kind ich war verhei- 1950 geheiratet der zweite war schon unterwegs meine Tochter ich kam zurück und die die Beziehungen mit meinem Vater haben sich langsam äh aufgewärmt 1956 kam mein
[1:56:19] Vater das erste Mal nach Israel zu Besuch und äh mi- auch ich hatte Möglichkeiten nachher nach Europa zu fahren hab ihn besucht ab und zu mein Vater kam nach Israel wieder und ich sah konnte sehen auf ihm äh der Zugang zu meinen Kindern der hat zwar
[1:56:49] niemals von der Familie gesprochen niemals von den Kindern wen er verloren hat oder von der Frau die er verloren hat hat überhaupt über den Holocaust niemals gesprochen er war ganz ganz zu aber ich konnte sehen auf sein Gesicht auf seine Augen auf sein
[1:57:07] Benehmen und äh äh die Lage in Israel 1968 nein das war 65 pardon Beamter äh es war ein eine eine gute Sache Beamter zu sein aber viel konnte man damit nicht machen meine meine Frau kam nicht von ner reichen Familie die konnten nicht helfen äh Wohnung
[1:57:38] sich beschaffen das war der Traum von jedem Israeli bis heute ich habe keine Chancen gesehen mein Vater er war sehr gut situiert ihm ging es sehr gut er sagte »sicher bin ich bereit dir zu helfen aber ich will auch en bisschen genießen von der Familie«
[1:57:59] ich habe es auch verstanden »komm bisschen« ich habe mich beurauben lassen beurlauben lassen und wir kamen nach München mit die Kinder und mit der Frau und wir lebten 13 Jahre in München ja ging uns sehr gut der kaufte unser Haus in München das wir
[1:58:22] später verkauft haben und äh er war richtiger Vater und dann haben wir seine Frau kennen gelernt und für meine Kinder war das die Oma sie war zwar war sie kein Mensch sie war Engel so eine Frau hab ich noch nie gesehen was sie sich für meinen Vater
[1:58:45] später geopfert hat und ich war ja in in wenn ich in Hannover war ich war ja der Verantwortliche für das Jüdische Altersheim mein Vater war war er war weg vom Fenster der wusste gar nicht wer sie ist wer ich bin und ich hab gebettelt bei ihr »lass mir
[1:59:04] den Vater ins Altersheim bringen ist ein neues Altersheim sehr modern du kannst ja rüber zu uns in Hannover du kannst jeden Tag ihn besuchen und er wird es viel besser haben« da war jeder in Einzelzimmer sehr modern »nein« sagt sie »so lange ich lebe
[1:59:21] bleibt er zu Hause« zehn Jahre lang hat diese Frau gelitten mit diesem Mann es war nicht einfach gar nicht einfach also das da hat sie viel mehr als Respekt verdient schon vorher aber diese zehn Jahre zwei Jahre später ist sie gestorben sie war 73 konnte
[1:59:46] noch gut leben sie war gut versorgt hatte keinen Grund zum Sterben also das war der der Umschwung [gestikuliert]
[1:59:57] was war es denn ursprünglich gewesen das Sie an dieser zweiten Ehe so gestört hat also war es dass sie Deutsche war oder
[2:00:06] [gleichzeitig:] ja ja
[2:00:08] d- also vor allem dass weil sie Deutsche war
[2:00:10] nur weil sie Deutsche war
[2:00:12] mhm
[2:00:14] ich wollte auch keine Wiedergutmachung in Deutschland ich sagte wer kann es g- k- äh niemand kann kaufen bei mir äh Wiedergut- was ich erlebe heute in Deutschland das ist für mich Wiedergutmachung nicht diese sechsund- sech- 150 Mark pro Monat haben wir
[2:00:27] bekommen äh als als äh Wiedergutmachung das waren 6000 Mark glaub ich oder oder so was ich wollte das nicht nehmen sag niemand kann mir das gut machen man hat mir meine Jugend geraubt mein meine Kindheit meine Mutter meine Brüder meine ganze Familie was
[2:00:44] soll das mit 6000 Mark was ist das für eine Gutmachung warum heißt das überhaupt Wiedergutmachung das ist eine kleine Entschädigung für unser Leiden aber nicht Wiedergutmachung Wiedergutmachung ist wenn ich geh in der Schule und kann frei mit den Kindern
[2:00:59] sprechen und die Briefe die ich bekomme von den Kindern das ist für mich Wiedergutmachung auch heute kann ich nicht akzeptieren diesen diesen Wort Wiedergutmachung genauso wie de- der Alt- äh -bundeskanzler Schmidt geschrieben hat wir wir tragen auf uns
[2:01:18] eine eine eine ewige äh äh ähm wie nennt er das ähm Hypotheke gefällt mir auch nicht es ist keine Hypotheke Hypotheke wenn man in nem Bank nimmt Hypotheke die wird abbezahlt [gestikuliert] goodbye Charlie das ist keine Hypotheke das ist eine Verpflichtung
[2:01:43] und ich sehe es sogar als ein ein ein gegenseitige Verpflichtung wir haben die Möglichkeit die Welt zu zeigen dass es auch anders geht und wenn ich werde nur ein Satz zitieren von der Bibel obwohl ich mit die Religion nichts zu tun hab es ist ge- geschrieben
[2:02:01] in der Bibel vehayitem or lagoyim und ihr sollt Licht für die Völker sein wir zwei haben die Möglichkeit diese Licht den Völkern zu zeigen ja aber nicht Wiedergutmachung oder oder so was
[2:02:16] wie wars denn für Sie als Sie in den sechziger Jahren nach Deutschland gezogen sind
[2:02:23] i- ich ja i- ich hab es war für mich so de- der der erste der erste äh äh wichtige Sache war wie werden meine Kinder empfangen in der Schule einmalig ich w- lag es am Lehrer un- und wir ham erst gestern mit meinem Sohn darüber gesprochen der (Appel)
[2:02:44] de- de- der Lehrer der sagt »sicher ich war in Dachau m- mit der Schule der hat viel über den Holocaust gesprochen« ich rede jetzt von 1965 66 da haben viele nicht darüber gesprochen also und w- wie ich sagte die die die die (Anne-Marie) das war die
[2:03:02] Oma von den Kindern die hat mit denen die Schulaufgaben gemacht die war ja schwer in Deutsch im Anfang aber nachher alle kosmopolitisch bei mir
[2:03:14] äh Sie sind ja direkt nach dem Krieg diesem Schutzpolizisten aus Kaunas begegnet haben Sie dann später auch in den Sechzigern und in den Achtzigern sich Gedanken dazu gemacht wenn Sie Deutschen begegnet sind was sie im Krieg gemacht haben oder wo sie waren
[2:03:28] oder konnten Sie das ausblenden
[2:03:31] i- ich hab mir keine große Gedanken darüber gemacht in 1965 war ich schon auch en bissel älter geworden und wenn ich gedacht habe an die die ich damals getroffen habe die waren schon alte Leute oder w- ich werde heute gefragt äh hätten Sie äh was was
[2:03:49] man hat mich äh gefragt wegen Demjanjuk in einer Schule was halten Sie von Demjanjuk da hab ich gesagt was will man von diesem alten Mann ? weil vor allem hab ich Demjanjuk gesehen als als äh politische Faktum diese diese ähm äh diese diese Gericht
[2:04:13] das gemacht worden ist das war mehr politisch als als was anderes in meinen Augen ja man wollte zeigen wir waren nicht alleine bei uns ist er ja frei gekommen er war ja zum Tode verurteilt und dann frei gesprochen worden und dann wieder weg nach Amerika
[2:04:31] und dann hat ihm Amerika wieder raus geliefert rü- m- nach Deutschland und Deutschland ist auf diesen alten Mann über neunzig [gestikuliert] so gesprungen wozu ? warum nicht den Holländer der letztens gestorben ist der der richtiger Mörder war auf ihm ist
[2:04:49] niemand gesprungen da hat man gefunden ein ein ein ein Gesetz das ich weiß nicht wie der heißt der Gesetz da konnte man gar nicht machen und durfte ihm nicht ausliefern nach Holland aber den Demjanjuk aus Amerika warum ich hätte ihm kein Prozess gemacht
[2:05:10] oder Prozess gemacht und weggeschickt und was hatten die davon er ist hier gestorben irgendwo in en Altersheim ich bin nicht für Show man soll von diese Zeit von diese schreckliche Zeit kein Show machen man soll es ernster nehmen man soll die Konsequenzen
[2:05:32] ziehen sehen was kann man Gutes davon machen und nicht immer zu tun haben mit das Böse davon hatten wir genug kein Sonderbehandlung
[2:05:44] was mich noch interessieren würde Sie sind nach Palästina und dann Israel gezogen und waren dort eine Weile und dann sind Sie für 13 Jahre nach Deutschland wieder zurück nach Israel dann nochmal nach Deutschland dann wieder nach Israel haben haben Sie
[2:06:00] so etwas für sich selber wie wie eine Heimat oder ein Zuhausegefühl für einen Ort oder eine Sprache
[2:06:07] ich kann überall z- zu Hause sein ich bin in dem Sinn bin ich sehr flexibel äh ich hab ja schon erlebt irgendwas in meine fast 85 Jahren Ideologien Ideen Weltverbesserung wir bekommen diesen Geschenk das Leben nur einmal es gibt kein zweites Mal wir
[2:06:35] sollen doch davon das Beste machen und das Beste ist wo ich mich wohl fühle das kann in [gestikuliert] Hotzenplotzen sein und das kann in Alaska sein und das kann in Israel sein und das kann in Berlin sein ist mir egal was mir heute wichtig ist der Schutz
[2:06:54] meiner Kinder meiner Enkelkinder und meiner Urenkel das interessiert mir heute was mir heute Sorgen macht wie wird das sein wie wird das dort bei uns [gestikuliert] sein ja und deswegen bin ich froh dass ein Teil wenigstens ein Teil der Familie kosmopolitisch
[2:07:10] ist einer ist in Los Angeles einer in London einer in Berlin und meinetwegen dürfen sie alle nach Berlin gehen stört mir nicht ich sag immer äh der sicherste Platz für Juden heute für die nächsten hundert Jahr Minimum ist Deutschland kein ander
[2:07:32] Land wir sind bei uns nicht sicher was sich abspielt in Nahen Osten äh das ist ein Pulverfass man weiß nicht morgen oder die nächste Stunde was dort passieren kann und ich will keine tote Helden in meiner Familie ich es- probier auch meinen Kindern zu
[2:07:54] sagen »Kinder genießt das Leben es ist ein einmaliger Geschenk es gibt kein zweites Mal« vielleicht hab ich nicht Recht ich weiß es nicht die Idealisten bin sind sicherlich nicht meiner Meinung manche Freunde von mir sind auch nicht meiner Meinung äh
[2:08:13] ich hab mein Lebenserfahrung und ich mach mir Sorgen nur über die Kin- nur um die Kinder a- alles andere ist mir egal
[2:08:20] äh sind Sie nach dem Krieg noch mal in Kaunas gewesen ?
[2:08:24] zwei Mal
[2:08:26] und wie war das ?
[2:08:28] ein Mal war ich ich hab organisiert das ist auch so eine Sache es gibt äh ein ein Komitee von litauisch- ehemalige litauische Juden in Israel ich war ich war äh mal der General- äh -sekretär von von diese freiwillig ja es kam ein äh litauischer äh
[2:08:51] Konsul nach äh Israel ein Botschafter und ich hab gedacht eigentlich wir stammen ja von Litauen das können wir nicht leugnen es gibt ja auch dort eine neue Generation mal sehen was denkt diese Generation wie kann man Kontakt mit diese Ge- Generation aufnehmen
[2:09:13] für dich für mich Frieden ist das wichtigste im Leben und ich hab Kontakt mit dem Botschafter gehabt ziemlich lange und dann habe ich mir entschlossen eine Gruppe von den litauischen Juden nach Litauen zu fahren ich hab die organisiert obwohl alle dagegen
[2:09:31] waren im Komitee und deswegen bin ich weg vom Komitee und ich durch den Botschafter sollten wir uns mit dem Präsidenten Litauens Präsidenten treffen äh wir kamen dort wir sind empfangen worden von von den von ein Berater vom Präsidenten ein Mann der
[2:09:52] aus Amerika kam der ein Professor der lange in Amerika lebte er ist war zuständig für jüdische Fragen in Litauen ich weiß nicht ob es so ein Amt überhaupt gibt aber zur dies- zu dieser Stunde wahrscheinlich und wir haben uns mit ihm de- der Präsident
[2:10:09] konnte nicht kommen es war jemand von der Botschaft noch mitgekommen und äh äh wir haben uns lange unterhalten und ich hab ihn gefragt sag ich »wir waren doch auch die alle die hier sitzen wir waren alle Litauer warum habt ihr uns gemordet ? wir lebten
[2:10:29] ja in Frieden zusammen wir haben für uns Litauen wenn die litauische äh Basketballmannschaft gewonnen hat haben wir gewonnen wenn die Fußball gewonnen hat haben wir gewonnen wenn der litauische Hymne gesungen worden ist sind wir alle aufgestanden es
[2:10:46] war unserer mein Vater kämpfte für Litauen nicht nur er Tausende andere warum habt ihr uns umgebracht ? und warum heute seid ihr nicht mal bereit irgendwo ein kleinen Schild raufzustellen hier war [gestikuliert] eine hebräische Schule hier war eine Synagoge
[2:11:06] weil äh das ist ja nur das ist ja zurück geblieben litauische Juden gibt doch keine« er hat mir versprochen es gibt heute zwei Tafeln irgendwo das ist alles Antisemitismus in Litauen ist immer da auch heute obwohl es gibt fast keine Juden dort aber
[2:11:27] ich dachte und glaubte und hoffte vielleicht kann man doch es war ja mal meine Heimat ich war kurz dort aber ich hab ja auch schöne Erinnerungen von Litauen vielleicht geht das nicht gelungen
[2:11:43] haben Sie auch Orte aus Ihrer Kindheit aufgesucht ?
[2:11:47] sicher meine Schule die Straße wo ich gespielt man lebte ja auf der Straße wir lebten wo es wa- war so ein Hügel [gestikuliert] ein ein Berg rauf und der Schnee in Litauen der bleibt immer liegen monatelang der wird hart wie Eis ja und wir sind runter
[2:12:04] gefahren im Berg mit die Schlittschuhe rauf und runter rauf un- das war ja mein K- meine Straße meine Kindheit ja das kann man ja nicht vergessen wenn ich heute dort geh und seh wo unser Haus gestanden ist stehen zwei große Villen das Haus ist runter wahrscheinlich
[2:12:21] einer der Funktionäre dort hat das den Boden bekommen um sich eine Villa zu bauen man spürt nicht dass es Juden in Kaunas gegeben hat obwohl die Hauptsynagoge steht wo ich als Kind im Chor gesungen hab aber 300 Juden leben in Litauen von irgendwo reingekommen
[2:12:42] von Russland was weiß von wo ist nicht mein Litauen mehr leider
[2:12:50] möchten Sie zum Abschluss des Interviews noch etwas sagen ?
[2:12:57] also äh auch wenn es so klingt die persönliche Geschichte zu erzählen und ich tu es so oft einfach ist es nicht aber ich finde es wichtig was ihr da macht ist so wichtig niemand kann sich es vorstellen wie wichtig es ist es wächst ja eine neue Generation
[2:13:24] auf und äh nur wer wer weiß was es war und wie es war nur wer Böses erlebt hat kann vielleicht ein bisschen dazu tragen dass die Welt doch ein bisschen besser oder anders aussehen wird macht es weiter es ist sehr wichtig
[2:13:46] wir möchten uns ganz herzlich bei Ihnen bedanken dass Sie uns Ihre Geschichte erzählt haben
[2:13:52] [nickt]
[2:13:54] vielen Dank
| Datum | Ort | Text |
|---|---|---|
| ab 1928 | Kaunas | Geburt in einer jüdischen Familie |
| 1941 - 1941 | Wilna | Flucht der Familie nach Wilna |
| 1941 - 1944 | Kaunas (Ghetto) | Leben im Ghetto |
| 1944 - 1945 | Utting am Ammersee | Deportation zur Zwangsarbeit in ein Außenlager von Dachau |
| ab 1944 | Stutthof (Konzentrationslager) | Deportation in das Konzentrationslager Stutthof |
| ab 1945 | Bad Tölz | Unterkunft in einem amerikanischen DP-Lager, einer ehemaligen SS-Junkerschule |
| ab 1945 | München | Unterkunft in einem amerikanischem DP-Lager im Stadtteil Freimann |
| ab 1945 | Litauen | kurze Rückkehr nach Litauen zusammen mit dem Vater |
| ab 1945 | Lodz | Unterkunft bei einer Tante, Kontakte zum Kinder-Kibbuz |
| ab 1945 | München | Flucht von Lodz über Kattowitz, Prag, Bratislava, Wien und Salzburg in das DP-Lager Deutsches Museum in München |
| ab 1945 | Landsberg am Lech | Vobereitung zur Auswanderung im DP-Lager, Mitglied der Hagana |
| 1945 - 1946 | Frankreich | Ausreise über Paris, Marseille und Salon nach Port-de-Bouc |
| ab 1945 | Dachau (Konzentrationslager) | Todesmarsch in das Konzentrationslager Dachau |
| 1945 - 1945 | Waakirchen | Todesmarsch nach Waakirchen und Befreiung durch amerikanische Truppen |
| 1946 - 1946 | Zypern | nach gestoppter Überfahrt mit dem Schiff Internierung in einem britischem Lager |
| ab 1950 | Israel | Hochzeit |
| 1965 - 1978 | München | Umzug und Wohnungsnahme beim Vater |
| ab 1978 | Israel | Rückkehr nach Israel |
| ab 1988 | Hannover | nach schwerer Herzoperation Umzug der Kinder und Enkelkinder nach Hannover |
| bis 1945 | Kaufering (Konzentrationslager) | Zwangsarbeit in einer unterirdischen Flugzeugfabrik |
| Atlit | Aufenthalt im Flüchtlingslager | |
| bis 1965 | Rechovot | Niederlassung in Israel |
| Hannover | Umzug nach Deutschland zum Ende der 1980er Jahre | |
| Rechovot | Rückkehr nach Israel |
Mit dem Angriff der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion am 21. Juni 1941 kam der Krieg nach Litauen. Als deutsche Truppen Kaunas bombardierten, um dort wenig später einzumarschieren, entschloss sich die Familie zur Flucht. Am 22. Juni brach die fünfköpfige Familie in Kaunas auf und erreichte mit Hilfe der sich zurückziehenden Roten Armee am 23. Juni Wilna. Da auch Wilna bereits von den Deutschen besetzt war, entschloss sich die Familie zur Rückkehr nach Kaunas und trennte sich unterwegs. Nach mehreren Wochen im Versteck schickte die Mutter Abba Naor allein nach Kaunas. Dem damals 13-Jährigen gelang es, seinen Vater bei Verwandten in Kaunas ausfindig zu machen und seine Mutter und seine Brüder aus deren Versteck in einem Vorort nach Kaunas zu bringen.
Ende Juli 1941 mussten alle Juden aus Kaunas in ein Ghetto umziehen. Abba Naors älterer Bruder wurde im Ghetto von der SS erschossen. Die Großeltern und viele andere Verwandte aus der Familie wurden nach einer Selektion deportiert oder sofort ermordet. Trotzdem gelang es seinen Eltern, die Familie bis zur Auflösung des Ghettos zusammen zu halten. 1944 wurde Abba Naor mit seinem jüngeren Bruder und seinen Eltern auf Booten über Königsberg in das Konzentrationslager Stutthof bei Danzig deportiert. Dort musste er sich mit seinem Vater von der Mutter und dem jüngeren Bruder trennen, die in das Frauenlager von Stutthof kamen. Wenig später wurden die Mutter und der Bruder nach Auschwitz deportiert und mit Giftgas ermordet. Im KZ Stutthof musste Abba Naor viele Demütigungen und Schikanen über sich ergehen lassen, bis er nach kurzer Zeit, von seinem Vater getrennt, nach Bayern zur Zwangsarbeit deportiert wurde. Mit ihm fuhren Freunde aus Kaunas, die er in Stutthof getroffen hatte.
Im bayerischen Utting am Ammersee musste er mit anderen jüdischen Zwangsarbeitern eine Fabrik für die Beton-Firma Dykerhoff aufbauen, nach zwölf Stunden harter Arbeit standen ihnen als Unterkünfte nur mit Stroh ausgelegte Erdhütten bereit. Mit dem Ziel, seinen Vater wiederzufinden, meldete er sich einige Zeit später freiwillig zum Arbeitseinsatz im Lager Kaufering I. In den Lagern bei Landsberg am Lech, die wie Utting Außenlager des KZ Dachau waren, mussten Zwangsarbeiter eine unterirdische Flugzeugfabrik errichten. Aufgrund der harten Arbeiten und der mangelhaften Versorgung der Häftlinge starb fast jeder zweite Zwangsarbeiter in Kaufering.
Mitte April 1945 begann die SS, die Kaufering-Lager zu evakuieren: Die Häftlinge wurden auf einen Todesmarsch nach Dachau geschickt. Von Dachau mussten Abba Naor und seine Freunde aus Kaunas weiter Richtung Süden marschieren. Die Befreiung durch die Amerikaner erlebte er am 2. Mai 1945 in Waakirchen.
Während seines Aufenthaltes in einem amerikanischen DP-Lager bei München traf Abba Naor seinen Vater wieder. Zusammen machten sie sich auf den Weg nach Litauen. In der ihnen fremden Heimat waren bereits die Kommunisten an der Macht, doch Angehörige der Familie Naor fanden sie nicht. Kurzfristig verließen sie Litauen Richtung Polen, um von dort in den amerikanischen Sektor zurückzukehren. Nach einem Aufenthalt in Lodz trennte sich Abba Naor von seinem Vater und schlug sich illegal über Kattowitz, Prag, Bratislava, Wien und Salzburg bis nach München durch. Dort lebte er eine Weile im Münchner DP-Camp im Deutschen Museum und betrieb Schwarzhandel. Aus diesem Grund verhaftet, erkannte er in München einen deutschen Polizisten wieder, der als Wachmann im Ghetto Kaunas stationiert war. Diese Begegnung veranlasste Abba Naor, Deutschland zu verlassen. Im Landsberger DP-Camp schloss er sich einem Kibbuz an, der die illegale Ausreise nach Palästina plante und wurde Mitglied der jüdischen Untergrundorganisation Hagana. Von Frankreich aus reiste die Gruppe 1946 mit dem Schiff Richtung Israel, bis sie während der Überfahrt vom britischen Militär gestoppt wurde. Mehrere Monate wurde Abba Naor in einem britischen Lager auf Zypern interniert. Nach seiner Ausreise nach Palästina verbrachte er noch eine kurze Zeit in einem Flüchtlingslager in Atlit, bis er schließlich nach Rehovot zog.
Nach seiner Zeit beim israelischen Militär heiratete Abba Naor 1950 und gründete eine Familie, seine zwei Kinder wurden in den 1950er Jahren geboren. In den 1960er Jahren zog die Familie nach München, wo sein Vater sich niedergelassen und eine deutsche, nicht-jüdische Frau geheiratet hatte. 13 Jahre später kehrte die Familie nach Israel zurück. In den 1980er Jahren zog Abba Naor erneut nach Deutschland und war in Hannover für die jüdische Gemeinde tätig. Nach einer schweren Herzoperation folgten Kinder und Enkelkinder ihm ebenfalls dorthin. Auf Wunsch seines Enkels begann er erstmals Ende der 1980er Jahre, seine Geschichte als Überlebender des Holocaust in dessen Schule in Hannover zu erzählen. Fortan trat er regelmäßig als Zeitzeuge auf, sprach bei Veranstaltungen in Dachau und setzte sich intensiv mit seiner eigenen, ihn belastenden Geschichte auseinander. Zum Zeitpunkt des Interviews lebte er wieder in Israel.