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Rachel Dror (*19.01.1921, Königsberg)

Signatur
01153/sdje/0048
Institut
Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin
Sprache
deutsch
Ort und Datum der Aufnahme
Berlin, den 20. Juni 2012
Dauer
02:10:05
Interviewter
Rachel Dror
Interviewer
Barbara Kurowska , Lennart Bohne
Kamera, Licht und Ton
Daniel Hübner
Redaktion
Teresa Schäfer
Transkription
Teresa Schäfer

Sozial gut eingebunden und sehr selbstständig genoss die 1921 in eine traditionelle jüdische Familie in Königsberg geborene Rachel Dror ihre Kindheit, bis sich 1933 mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten das Leben der 12-Jährigen änderte und die nichtjüdischen Freunde sich von ihr abwendeten. Rachel Dror hinterfragte bereits als Kind die Autoritäten Erwachsener und verließ mit 13 Jahren die Schule. Nach einer begonnenen Schneiderlehre zog sie nach Hamburg, um sich auf die Auswanderung nach Palästina vorzubereiten. Nach der Reichspogromnacht kehrte sie im November 1938 vorerst nach Königsberg zurück, wanderte aber ein halbes Jahr später aus. Im neu gegründeten Staat Israel kam sie als eine der ersten Frauen 1948 in den Polizeidienst, wo sie bis zu ihrer Rückkehr nach Deutschland 1957 arbeitete. Sie wurde schließlich Lehrerin für Bildende Kunst und Werken. Rachel Dror engagierte sich für Offenheit und Toleranz zwischen Christentum, Judentum und Islam und wurde für ihren Einsatz mit verschiedenen Auszeichnungen geehrt. Die Würde jedes Menschen unabhängig von seiner Herkunft und Religionszugehörigkeit anzuerkennen, war ihr Hauptanliegen. Zum Zeitpunkt des Interviews war sie 91 Jahre alt.

Vorkontakte

Vorbereitung wie gewohnt, Vorgespräch am Vortag im OdI

Bedingungen

gut; war ein ruhiger Vormittag im OdI

Gruppensituation

2 Interviewer, Technik: Daniel Hübner

Unterbrechungen

eine kurze Unterbrechung, eine etwas längere Unterbrechung nach 90 Minuten

Protokoll

SDJE intern

Eindrücke

insgesamt eine etwas schwierige Situation, da RD meinte, ein "Profi" zu sein, dabei brauchte sie sehr viele Nachfragen, um überhaupt zu erzählen. Am Ende hatte ich das Gefühl, sie ist nicht zufrieden mit dem Verlauf des Interviews, sie meinte, wir hätten mehr fragen sollen. Generell war das Interview etwas überschattet von der Veranstaltung mit Frau Drober, mit der sich RD gewissermaßen in Konkurrenz sah. Viele widersprüchliche Aussagen, besonders in Hinblick auf ihre Offenheit Menschen gegenüber und ihre "Machtausübung" bei der Polizei in Israel. Guter Ablauf im Team, ich glaube nicht, dass man etwas hätte anders machen können. Vielleicht sollte man in Zukunft Veranstaltungen mit zwei Zeitzeugen vermeiden, um diese Konkurrenzsituation zu vermeiden.

Barbara Kurowska

[0:00] es ist der zwanzigste Juni 2012 wir sind im Ort der Information des Denkmals für die ermordeten Juden Europas und führen heute ein Interview mit Rachel Dror durch   äh das ist ein Interview das für das Projekt »Sprechen trotz allem« gemacht wird und

[0:14] das Projekt wird unterstützt von der Kulturstiftung des Bundes ich bin Barbara Kurowska und führe das Interview zusammen mit Lennart Bohne durch Daniel Hübner ist für die Technik zuständig [Schnitt] also guten Morgen Frau Dror

Rachel Dror

[0:26] Morgen

Barbara Kurowska

[0:28] ähm könnten Sie vielleicht jetzt direkt mit Ihrer ersten Erinnerung aus Ihrer Kindheit in Königsberg anfangen

Rachel Dror

[0:33] ja da fang ich mit vier Jahren an   äh als mein Bruder geboren worden ist hatte ich eine ganz schlimme Halsentzündung und da kam ein Arzt zu uns ein Kinderarzt und wie das so ist Ärzte mit so einem langen Stab und drückte mir die Zunge runter und ich gab

[0:56] ihm einen Fußtritt und damit war die Untersuchung erledigt und der Mann war nie wieder gesehen bei uns und ich war das schlimme Mädchen   daran erinner ich das ist wirklich -ne Sache an die ich mich erinnere denn ich habe   viele viele Jahre später   in Stuttgart

[1:14] nachdem ich einen Gutschein für eine nichtjüdische Buchhandlung bekam ein Buch gefunden von diesem Arzt und war sehr sehr erstaunt dass es den überhaupt noch gab und ähm ich bekam dieses Buch nachdem ich in diese Buchhandlung ging und gefragt habe als

[1:38] Jüdin ob sie auch normale Bücher haben [lacht] und nicht nur religiöse Bücher und meinte Belletristik hat hat man mich dann verbessert und äh und da hab ich dieses Buch entdeckt   das gehört zusammen mit dieser Geschichte dass ich als Kind diesem Mann

[1:56] eben diesen Fußtritt gab   dann kann ich mich erinnern   mit meinem Bruder mein Bruder und ich wir waren wie Katz und Maus und äh ich hab meinen Bruder schrecklich geärgert und es war nicht nur ich sondern ich hatte eine Cousine mit der ich sehr gut stand

[2:16] das war die Tochter meines Onkels die jüngste Tochter mein Onkel hatte auch sechs Kinder und jeden Freitag äh jeden Samstag nach dem Schabbat sind wir dort hingegangen mein Onkel mit mir und er hat mich abgeholt und er ist immer sehr schnell gelaufen und

[2:34] ich konnte als Kind nicht so schnell hinterher laufen und da hab ich gesagt »Onkel (Hermann) jetzt äh -n bisschen langsamer ich kann nicht so schnell« »ach ja Kind natürlich« dann ging er drei Schritte langsam dann fing es wieder von Neuem an das sind

[2:48] auch Dinge die bei mir im Kopf geblieben sind und äh meine Cousine und ich wir haben meinen Bruder schrecklich geärgert mein Bruder war mehr das Mädchen ich war mehr der Junge er hat mit Puppen gespielt ich hab mit Zinnsoldaten gespielt also es war so ganz

[3:02] klar gewesen und ich wollte mich auch so kleiden ich war ich ich wollte immer einen Bruder aber einen älteren und dann hab ich -n jüngeren Bruder gekriegt ich wollte irgendwie verwöhnt werden vom älteren Bruder und äh ich musste auch immer eine gewisse

[3:18] Kleidung tragen das erinnere ich mich auch noch ich hab meine ganzen Bilder als Kinder sind mit -m Gürtel aber nicht da wo er sonst normal ist sondern immer ums Hinterteil wurde -n Gürtel angelegt auf so -n Hängerchen und so wurde ich dann fotografiert

[3:34] um zu beweisen die Rachel wollte immer -n Kleid mit Gürtel   und ähm ich erinner mich noch an   Dinge ich weiß nicht mehr mit wem das war es waren auf jeden Fall nicht Freundinnen die nicht Jüdinnen waren ich hatte querbeet Freundschaften sowohl von der

[3:53] Schule als auch von der Religions- von der allgemeinen Schule als auch von der Religionsschule in der Religionsschule waren Mädchen in Königsberg gab es viele Ausländer äh Russen Litauern und Polen und ich war mit allen irgendwie befreundet   und ähm ich

[4:12] war immer diejenige die da angegeben hat und ähm die auch dummes Zeug gemacht hat also ich hab absolut dummes Zeug gemacht zum Beispiel die Freundinnen waren da meine Mutter hatte Kuchen gebacken und bis sie nach Hause kam war nichts mehr da das waren Kekse

[4:29] sie hatte Besuch und wie sie den Schrank aufmacht war das leer weil wir beide haben das aufgegessen und mein Vater hat mich natürlich bestraft und mein Vater hat mich immer so bestraft dass er mir gesagt hat »du weißt warum du jetzt -ne Strafe kriegst wenn

[4:46] du eingestehst wenn du sagst ich dazu stehst was du getan hast das ist in Ordnung aber wenn du lügst das ganz schlimm«   und also das ist mir auch noch im Gedächtnis geblieben und äh dann wurde ich ganz schlimm bestraft ich bekam auch irgendwie mein Vater

[5:07] hatte eine Rute und die lag oben auf -m Schrank bei uns und äh   irgendwie kamen wir mal ins Gespräch wegen der Rute und da hat mein Vater damals erzählt dass sie im Militär gelernt haben man kann Ruten mit Zwiebel einreiben und dann ist der erste Schlag

[5:27] und die Rute ist kaputt und das hab ich natürlich auch gemacht und mein Vater hat uns schon mal auf -n Po also nicht ins Gesicht oder sonst irgendwo auf -n Po und ich hatte dann sogar -ne Strieme gehabt und da ich immer mit ganz kurzen Kleidern gelaufen bin

[5:43] bin ich da in die Schule »guck mal was mein Vater mir getan hat« das hab ich damals so gesagt und aber der Vater hat immer gesagt »du sollst eins wissen d- wenn du lügst wirst du ganz schlimm bestraft   wenn du sagst du hast das so und so gemacht und wenn

[6:00] du dann auch sagen würdest ja du machst das nicht mehr« und da hab ich gesagt »dann lüge ich« denn ich kann nicht von vornherein sagen ich mach es nicht ich weiß ja nicht ob ich -s nicht noch mal mache und äh das hat meinen Eltern sehr gut gefallen

[6:13] dass ich von vornherein nicht irgendwas gesagt habe und dann doch negativ war   dann erinner ich mich noch   äh wenn ich gespielt hab hab ich meistens mit Buben gespielt zusammen weil ich eben auch -n halber Junge war bin sehr gern Rad gefahren aber nur auf

[6:33] -m Herrenrad und wenn ich dann absteigen wollte dann kam ich irgendwie ins Straucheln dann bin ich hingefallen dann hatt ich aufgeschlagene Knie ich seh sogar heute noch das war hinter so -m Möbelwagen irgendwann also ist mir so was passiert  

[6:46] und dann in

[6:51] der Schule hatt ich einen Freund einen Jugendfreund denn meine Großeltern v- die Eltern väterlicherseits hatten ein Haus mein Großvater war ursprünglich Leiter eines Sägewerks in Kö- in Ostpreußen in Ostpreußen nicht nur in Königsberg und äh der

[7:12] hatte ein Achtfamilienhaus und dort haben acht äh sechs nichtjüdische Familien äh gelebt und zwei jüdische Familien und ich war mit dem Jungen befreundet der über uns wohnte er hatte -ne alleinerziehende Mutter er war angehender Schauspieler und ich war

[7:28] natürlich sehr stolz mit dem angehenden Schauspieler befreundet zu sein es war -ne Jugendfreundschaft gewesen und ähm   da hatt ich mein erstes Erlebnis im Nationalsozialismus so fing eigentlich das an und die äh mehr Jugenderinnerung hab ich wenig wir hatten  

[7:48] eigentlich das fing erst in der Nazi-Zeit an dass ich da auch in Jugendbewegungen war und da einige Sachen erlebt hatte

[8:00] aber vorher wir sind mit den Eltern mussten wir Sonntag spazieren gehen ja doch jetzt fällt mir noch was ein   wir äh sind dann in so -n

[8:11] Waldcafé gegangen und da hat man in Ostpreußen Kaffee gemahlen mitgebracht und das gab man dem Kellner und dann hat meine Mutter hat sehr gern geteilt wir hatten nicht viel Geld   w- also normal sagen wir mal und wenn wir was wollten Kuchen mit Schlagsahne

[8:28] dann hat sie zwei Portionen bestellt und dann wurde geteilt und mein Vater mochte das nicht aber meine Mutter hat das so gemacht und ich war die erste die aufstand und zu den Leuten gegangen sind die Musik gespielt haben und stand da und hab die angestaunt

[8:45] das war -ne Bewunderung wenn die da auf der Geige diese Lieder gespielt haben und da hör ich noch wie mein Vater sagte »na das wird mal ein Flittchen«   und das hat er so aus Spaß gesagt nur weil ich da stand und die Leute angehimmelt habe   ja und das war

[9:06] jeden Sonntag sind wir da in so -n Lokal gegangen das war in Metgethen ist -n Vorort von Königsberg gewesen -ne sehr schöne Landw- Landschaft und   aber sonst hab ich sehr wenig Erinnerungen ich hab noch -ne Erinnerung wenn ich zu Kindergeburtstagen eingeladen

[9:28] war ich durfte mich nie freuen wenn ich mich gefreut hab war ich krank   das ist aber das ist generell mein Schicksal ich muss immer Angst vor Sachen haben dann gelingen sie   und ähm   aber sonst hab ich eigentlich wenig wenig Erinnerung ich nehme an mein Bruder

[9:50] erzählt mir manchmal Sachen von denen ich k- überhaupt keine Ahnung habe auch geschäftliche Dinge die haben mich nicht interessiert ich war immer schon -n Typ für Bohemien äh Zeichnen Sport Sprachen das war so meine a- meine äh Interessen alles andere

[10:09] hat mich nicht so interessiert   und habe mich gerne hübsch angezogen ich hatte Geschmack habe auch gerne zu Hause äh das hab ich auch gerne gemacht und das mach ich bis heute gern Tisch decken so wenn ich Gäste habe aber ich mach das auch für mich ich

[10:25] deck für mich jeden Morgen den Tisch so als ob ich Gäste habe weil ich meine das soll man nicht nur für andere tun sondern selber ist man auch jemand und   deswegen mach ich das so ich steck mir -ne Kerze an und äh   trink jeden Tag aus -m anderen Geschirr

[10:42] also das das sind Dinge die ich mag

Barbara Kurowska

[10:44] [gleichzeitig:] ich wollte (___)

Rachel Dror

[10:46] und das hat meine Mutter mich auch machen lassen

Barbara Kurowska

[10:48] ja ich äh zu Ihren Eltern wollte ich noch fragen ob sie religiös waren

Rachel Dror

[10:51] ob die ?

Barbara Kurowska

[10:52] ob die religiös waren

Rachel Dror

[10:54] meine Eltern waren ganz streng meine Mutter war   ultrastreng sie kam aus Halberstadt gebürtig aus Fürth aber ihr Vater ist mit 36 gestorben damals in der Laubhütte hatte er -ne Lungenentzündung gekriegt und ist dann gestorben die Großmutter blieb mit

[11:12] vier Kindern und die Großmutter ist dann nach Halberstadt weil die anderen Verwandten von ihr in Halberstadt waren Halberstadt ist -ne Stadt in der sehr viel jüdische Menschen lebten und nicht nur jüdische Menschen äh sagen mal volksmäßig jüdische Menschen

[11:29] sondern sehr viel gelehrte jüdische Menschen dort waren gelehrte Rabbiner gelehrte Wissenschaftler und ähm   meine Mutter ist so in der Atmosphäre aufgezogen worden mein Vater dadurch dass er im Krieg war und im Krieg darf man ja alles tun und äh ist er

[11:49] natürlich -n bisschen anders gewesen aber er war tr- man kann so sagen der Vater war traditionell und die Mutter war mehr orthodox   und ich hab aber immer mit -m Kopf gearbeitet bei mir war immer ich konnte nicht Lügen vertragen und nicht so Heuchelei   ich

[12:10] hatte immer -n Gerechtigkeitssinn   und äh das hat sich bei mir auch zu Hause ausgewirkt zum Beispiel am Sabbat durften wir kein Licht anzünden aber auch nicht ausmachen dann hab ich die Kerzen genommen bin schneller durch die Tür dann ging es Licht aus

[12:25] und dann hat meine Mutter natürlich geschimpft dann hab ich gesagt »ich kann nichts dafür dass das Licht ausging« solche Sachen ja hab ich gemacht aber ich bin sonst religiös erzogen ja

Barbara Kurowska

[12:37] haben Sie auch eine jüdische Schule besucht ?

Rachel Dror

[12:40] eine Religionsschule damals gab -s keine jüdischen Schulen in Königsberg in die gab -s nur in Berlin und Hamburg   glaub München auch aber das weiß ich nicht  

Barbara Kurowska

[12:51] können Sie etwas über Ihre Schule erzählen wie Ihre Schulzeit war ?

Rachel Dror

[12:57] die Schulzeit ich war faul musste unaufmerksam war nicht dumm ich hab mich nie gemeldet und mich immer wenn die jemand die Antwort gab zu -ner Frage hab ich immer gesagt »das hätt ich doch auch sagen können« aber ich hab -s nie getraut   und ähm ich war

[13:17] unaufmerksam ich hatte alle möglichen Sachen im Kopf das einzige der einzige Unterricht Sprachunterricht äh Erdkunde Geom- nein Geografie da konnte man malen das hat mich interessiert und Sprachen   und Zeichnen generell   das waren so meine Fächer ich war

[13:35] mit den mit allen stand ich eigentlich gut   mit den Lehrern ja gut man hat solche Lehrer gehabt und solche das war unterschiedlich aber   ich hatte an sich keine Probleme mit den Lehrern   die hatten mehr Probleme mit mir   [lacht] und ich musste vorne sitzen

[13:55] ich durfte nicht hinten sitzen   weil ich immer irgendwas gespielt hab mit irgendwas gespielt hab aber sonst n- hab ich Freundinnen gehabt die haben mir die Schularbeiten von Sabbat   Sabbat durfte ich nicht in die Schule gehen und da musste ich entweder Freitag

[14:12] die Arbeiten schreiben oder Montag nachschreiben oder die Sch- die Schülerinnen haben mir die Schul- Hausaufgaben gebracht und ich hab am Sonntag Hausaufgaben machen müssen   das weiß ich auch   und dann hat man mir auch gesagt wenn ich zu Freundinnen geh

[14:29] was ich essen darf was ich nicht essen darf und das wussten unsere Freunde die haben auch darauf Rücksicht genommen also wir hatten bis zum 31sten März 33 in der Richtung keine Probleme vom m- nach meiner Erinnerung

Lennart Bohne

[14:44] hatten Sie besonders enge Freundschaften oder Freundinnen die in Ihrem Elternhaus ein- und ausgingen oder auch Sie

Rachel Dror

[14:51] ja wir hatten nichtjüdische und jüdische   ich hatte -ne Polin die Eltern waren aus Polen dann aus Litauen   die (Rosa Salkens) war eine Freundin   dann durch meinen Bruder der hatte wieder andere   und da bin ich auch die hatten Schwestern oder Brüder und

[15:09] dann war ich im Turnverein im jüdischen Turnverein Bar Kochba Sport hab ich sehr gerne getrieben und bin auch auf -n Fußballplatz gegangen und wir haben geklatscht so wie man das heute macht waren auch Fußballfans   und äh   ja also das ging alles bis zum

[15:28] ersten April 33 an sich  

Barbara Kurowska

[15:32] können Sie sich an den ersten April 33 erinnern an den Tag ?

Rachel Dror

[15:38] ich kann mich erinnern an 31sten März als mich meine Mutter rief abends ich kam nach Hause und da teilte sie mir mit »ab heute hast du deinen Freund Werner nicht wieder zu sehen wenn oben die Tür aufgeht musst du deine Tür geschlossen haben wenn du die

[15:54] Leute im Flur triffst musst -en Bogen machen wenn du se auf der Straße triffst genauso sie werden auch um dich einen Bogen machen« und ich hab mich so aufgestellt und hab so runter geguckt hab ihr gesagt »was hat sich geändert von gestern auf heute bin

[16:09] ich schmutzig ?« ich sag -s mal vulgär »stink ich ?« und da hat meine Mutter gesagt »du bist Jüdin« hab ich gesagt »weiß ich doch ihr erzieht mich als Jüdin« »so ist es und so musst du dich verhalten« und dann bin ich den nächsten Tag in die Schule

[16:21] wir hatten sehr ich war am Lyzeum und wir hatten -n sehr netten Klassenlehrer wir waren alle begeistert die Mädchen alle geschwärmt und der empfing uns »alle Juden sitzen hinten«   und für mich hab ich gedacht okay jetzt kann ich hinten sitzen für mich

[16:39] war das keine Strafe aber ich hab mir gedacht die werden merken was sie davon haben   und nach -m halben Jahr haben meine Eltern -n Brief gekriegt man nannte das damals den blauen Brief »Ihre Tochter kann das Klassenziel nicht erreichen   weil sie unaufmerksam

[16:59] ist«   und für meine Mutter war das sehr schlimm sie wollte dass ich Abi mache und mein Vater hat aber gesagt »weißt du mir ist wichtiger meine Tochter ist äh Kuhmagd in Palästina als Ärztin in Deutschland« ich stamme aus einer zionistischen Familie

[17:16] das bedeutet eine Familie die schon   sehr früh mit dem Gedanken gespielt hat wenn irgendwelche Schwierigkeiten geben es sollte einen jüdischen Staat geben und waren an von der Idee von Herzl sehr beeindruckt   und so ging meine Tante die jüngste Schwester

[17:37] meines Vaters schon 1913 nach Palästina weil sie damals schon das Gefühl hatte es kommt irgendwas auf sie zu   ja so hab ich das damals erfahren   es waren meine ersten Begegnungen

Barbara Kurowska

[17:53] wie alt waren Sie da ?

Rachel Dror

[17:54] zwölf

Barbara Kurowska

[17:56] und wie ist es weitergegangen mit Ihrer Freundschaft mit Werner durften Sie Sie haben

Rachel Dror

[18:00] wir durften uns nicht mehr sehen wir sind uns aus -n Augen verloren haben uns aus -n Augen verloren und ähm   damals war das so es war anders wie heute wenn ich das heute Schülern erzähle lachen die immer weil sie sagen na gut die Eltern haben -s verboten

[18:18] aber es gibt ja andere Wege ganz wenige haben damals was getan was die Eltern nicht wollten die meisten waren einverstanden und   mir wurde das so gesagt also durft ich nicht und vor allen Dingen hat die Frau ja darauf geachtet   die Mutter von ihm hat ja drauf

[18:39] geachtet dass ich da nicht raufkam und dass wir nicht zusammenkamen und äh das war damals sehr schlimm für mich ich konnt das nicht begreifen   denn ich bin erzogen worden jeder Mensch hat seine Würde

Barbara Kurowska

[18:53] gab es denn Gespräche zu Hause wollten Ihre Eltern auch nach Palästina oder ähm

Rachel Dror

[19:01] meine Mutter wollte nie nach Palästina   das war ihr zu orientalisch   sie war deutsch hundertprozentig deutscher als deutsch und deswegen ist mein Vater auch nicht nach ausgewandert sonst hätten sie wahrscheinlich gerettet werden können denn der älteste

[19:17] Bruder ist 33 nach Palästina ausgewandert und da mein Vater wäre auch aber er hat meine Mutter sehr geachtet und meine Mutter hat nein gesagt also ist er dageblieben

Lennart Bohne

[19:28] auch wenn Sie nicht ausgewandert sind waren Sie oder Ihre Eltern trotzdem schon in zionistischen Organisationen haben Sie

Rachel Dror

[19:38] die Eltern nicht mein Vater war im im äh Turnverein so wie ich auch Bar Kochba hatte dort auch Freunde und äh als ich dann später sagte ich geh in eine jüdische Jugendbewegung und es gab keine religiöse hat meine Mutter mir das nicht erlaubt erst als

[19:56] ich sagte ich geh in die BDM ich hab gar nicht gewusst dass man mich da nicht aufnimmt und da hat sie gesagt »also du kommst doch da gar nicht hin was redest du für -n dummes Zeug na gut dann geh dort hin« Tsar Bonim Tsar Bonim war -ne ganz freie jüdische

[20:12] Jugendbewegung und ich war dort bis wir eine jüdische Schule bekamen ich glaube es war 19-   -35 oder -34 das kann ich nicht mehr genau sagen weil ich dort nicht hingegangen bin das war nur für untere Klassen und mein Bruder hat die Schule besucht dann   und

[20:34] da hatten wir -n sehr netten Schulleiter gehabt   Herrn (Kelter Franz Kelter) hieß er und mit seiner Frau das waren auch Freunde waren wir privat befreundet meine Eltern und ähm und der hat einen jüdischen Sportlehrer engagiert und der war fromm   und durch

[20:53] den kam ich dann in die fromme jüdische Jugendbewegung und so hatte ich Kontakt mit Jugendlichen denn der Kontakt mit Nichtjuden hat völlig aufgehört   in an die- seit diesem Datum  

Barbara Kurowska

[21:09] und Sie waren dann nicht also Sie sind dann nach Hamburg gegangen danach könnten Sie sagen wie die Entscheidung dazu gekommen ist

Rachel Dror

[21:18] ja ich war also das hat so angefangen dass ich in der Schule [räuspert sich] ich musste dann raus von der Schule und kam dann in eine Mittelschule heute Realschule und da durften wir noch im Klassenverband sitzen und da war ich noch anderthalb Jahre und

[21:36] ähm   ich bekam dann   ja dann bekamen wir eine Geografielehrerin die fürchterlich aussah und äh wie das so ist wenn man jung ist man lacht ohne zu wissen warum man lacht eigentlich und   wir haben auch gelacht und die Frau hat nie mehr von frontal unterrichtet

[22:00] sondern immer von hinten nach vorne und äh ich hatte immer was in der Hand muss immer mit was spielen und dann hieß es »streck die Hand aus« und dann bekam man mit dem Lineal eins auf die Fingerspitzen das hat weh getan aber die Tränen waren nur im Auge

[22:16] nicht sind nicht gerollt   und das ging drei Mal gut und das vierte Mal ich bekam jedes Mal Bauchschmerzen vor dieser Stunde und immer hab ich gesagt »Herr Lehrer darf ich« wir mussten sagen »darf ich auf die Toilette« und dann bekamen wir die Antwort äh  

[22:33] »ihr wart jetzt gerade in der Pause du wirst ja wohl noch warten können« und das vierte Mal spürte ich wenn ich warte passiert mir was in der Klasse und ich bin aufgestanden raus gegangen Tür zugeknallt und geschworen nie wieder wird mein Fuß in irgendeine

[22:49] Schule setzen und kam nach Hause und war so weiß wie so grau da wie der Fußboden   und meine Mutter war ganz entsetzt »Kind wie siehst du aus ist dir schlecht« und da hab ich gesagt »nein das und das ist passiert« »leg dich erstmal hin Papa kommt abends

[23:07] nach Hause und dann wird dir sagen was man mit dir macht«   und da hab ich gedacht »Papa wird gar nichts sagen wenn ihr mich zwingt ich geh in keine Schule dann lauf ich weg«   und äh meine Mutter hat da nicht geantwortet und als der Vater nach Hause kam

[23:25] hat sie ihm die ganze Geschichte erzählt   und da hat er gesagt »es hat keinen Sinn   [räuspert sich] es hat keinen Sinn das Mädchen zu zwingen   du kennst deine Tochter   geh nochmal zum Rabbiner und erkundige dich was man mit ihr machen soll«   und da ist

[23:47] sie nochmal zum Rabbiner Rabbiner ist das was im Christentum Pfarrer Priester oder im Islam Hodscha ist   da ist sie dann nochmal zum Rabbiner und der hat gesagt »es sind jetzt Gruppen«   nein »äh sie kann sie muss jetzt -n Beruf lernen« und wir in Königsberg

[24:05] war -ne braune Stadt sehr früh wir durften nirgends hin nicht in Konzert nicht ins Kino nicht ins Theater   im Park nicht auf der Bank sitzen überall stand »Juden verboten«   und ähm  

[24:23] da kam man auf die Idee Schneidereiausbildung   und die Schneidereiausbildung

[24:31] deshalb weil ich handwerklich geschickt war   und da durft ich dann also zu zwei sehr netten Damen kommen die waren wirklich nett und tagsüber hab ich alles vergessen was negativ war ich bin so -n Mensch wenn ich unter positiven Menschen bin die Vergangenheit

[24:48] tangiert mich überhaupt nicht erst wenn ich dann zurück komm- kommt alles wieder von Neuem und so war das da auch   und ähm   nur wenn ich abends nach Hause kam hatt ich nur Erwachsene nur meine Eltern   und das war nicht sehr interessant und keine Freunde

[25:08] nichts keine Freundinnen keine Freunde   und da hab ich damals gesagt dass ich in die   äh BDM eintreten werde wenn man mich nicht in die liberale Jugendbewegung lässt aber dann hat man mich doch dorthin gelassen und wie gesagt mit dem Lehrer bin ich dann

[25:26] in die religiöse Jugendbewegung gekommen war auch Jugendleiterin gewesen   und wir sind dann   nach anderthalb Jahren musst ich die die äh   ähm   den Beruf aufgeben unterbrechen weil ich eine Rippenfellentzündung bekam mit Lungenschaden   und ich durfte keine

[25:50] sitzende Beschäftigung mehr ausüben und da stand man wieder da was macht man und zu der Zeit 1936 hat man Gruppen zusammengestellt mit jungen Leuten die für Palästina vorbereitet worden sind man nannte das Hachschara lehachschir ist vorbereiten und ähm

[26:12] die Engländer haben   jüdische Menschen nur reingelassen mit Bürgen Sprache Geschichte und -n Beruf   und   so war ich in so einer Gruppe von 27 jungen jüdischen Menschen zwanzig waren staatenlos und sieben hatten die deutsche Staatsangehörigkeit   und zu

[26:36] denen gehörte ich auch

Barbara Kurowska

[26:38] und das war eine Gruppe komplett aus Königsberg oder die war gemischt

Rachel Dror

[26:41] [gleichzeitig:] nein ganz Deutschland   und religiös eine religiöse Gruppe   und wir wohnten in einer Wohnung von einer Familie (Auerbach) die in Hamburg wohnte die aber schon früh die hatten Geld und sind schon früh nach Palästina eingewandert und haben

[26:57] ihre Wohnung so gelassen und die bekamen wir dazu   und da haben wir auch allerhand Dummheiten natürlich gemacht denn äh waren Buben und Mädchen und äh wir haben getrennte Säle gehabt und das war durch eine Tür getrennt aber oben war so -n Schlitz [gestikuliert]

[27:14] in der Nacht hat sich da alles mögliche abgespielt lauter dummes Zeug aber es war eine nette Zeit denn wir konnten sowohl an der Kultur von Deutschland teilnehmen weil Hamburg war mehr -ne rote Stadt Hamburg war -ne offene Stadt hatte -n offenen Hafen gehabt

[27:33] und da haben Überseeschiffe angelegt und man wollte nicht in Deutschland dass das Ausland genau weiß was dort läuft und so konnten wir noch überall teilnehmen   und das haben wir auch gemacht  

[27:47] und bis zum   ich hatte damals auch -n Jugendfreund der war äh

[27:56] anderthalb Jahr jünger als ich mein erster war älter als ich er war jünger als ich und ähm er war Jugendschachmeister und ich hatte Null Ahnung von Schach ich weiß wie das Pferd zu springen hat das weiß ich bis heute aber mehr weiß ich bis heute auch

[28:11] nicht aber ich musste neben ihm sitzen weil er meinte er hat Glück wenn ich neben ihm sitze also ich war das Maskottchen so nannte man das und am 29sten Oktober 1938 kam ich nach Haus   und das Haus war leer und ich habe gefragt »wo sind die andern ?« und

[28:30] da berichtete man mir dass die wurden heute abgeholt   und da hab ich gesagt »ja abgeholt von wem ?« »ja da sind Leute in Uniform gekommen die mussten Koffer packen innerhalb von zwei Stunden mit Werkzeugen man hat ihnen erzählt sie werden -ne Stadt für

[28:47] nur jüdische Menschen bauen«   und da mussten sich in der Kaserne melden   und äh da hab ich gefragt »ja und Wolfgang hat der alles mitgenommen oder hat der für mich was hinterlassen ?« und da hieß es »guck in dein Fach« wir hatten Fächer gehabt   und

[29:04] äh ja hab ich in mein Fach geguckt und da stand drin   Zettel »Rachel bring mir bitte meine Sachen ich möcht mich von dir verabschieden«   und da hab ich mich erkundigt was ich ihm da alles rein tun muss   ja und da hat man mir gesagt also paar Sachen zum

[29:24] Umziehen aber hauptsächlich Werkzeuge   und ich hab gedacht ich bin doch nicht dumm ich geb ihm doch keine Werkzeuge mit die andern haben Werkzeuge das reicht er kriegt alle Schachsachen mit damit wenn negative Dinge sind er sich bisschen ablenken kann mit

[29:39] den Schachproblemen und mit diesem Koffer bin ich zu der Kaserne die war in der Nähe von uns war nicht weit mit einer Freundin die auch Deutsche war also wir waren sieben mit deutscher Staatsangehörigkeit   und der Rest war alles staatenlos   und äh wir mussten

[29:59] da durch so -ne Bogentür gehen   war ein Riesenhof und da stand -n Mann in meiner Größe kleine Männer haben Aggressionen ich wusste da kommt was auf mich zu   und der war geschniegelt und gebügelt die Bügelfalte so scharf dass man sich damit schneiden

[30:16] konnte die Schuhe haben geblinkt und geblitzt und in der Hand hat er -n Stöckchen gehabt und da hat er so gestanden und immer so gewackelt   und dann schrie er mich an »was wollt [betont:] ihr hier«   kannt- ich den Mann kannte er mich hab ich -ne Beziehung

[30:34] zu ihm gehabt wie kommt er dazu »du« zu mir zu sagen und da sag ich nur ganz ruhig »ich möcht mich von meinem Freund Wolfgang Drechsler verabschieden«   und er schrie mich an »gib her was du in der Hand hast« und ich hab geantwortet »ich glaube ich

[30:51] spreche Deutsch« genau mit dem Tonfall »ich glaube ich spreche Deutsch ich möchte mich von meinem Freund Wolfgang Drechsler verabschieden« das war natürlich zu viel das war ja frech   und da hat er gesagt »ja und wo ist dein Vater«   und äh   nein

[31:11] Entschuldigung das ist falsch was ich jetzt erzählt habe   das stimmt nicht   er hat   nachdem ich ihm das so gesagt hatte hat er nochmal gesagt »gib her was du in der Hand hast« und meine Freundin ich hatte was verwechselt meine Freundin hat mir dann so -n

[31:30] kleinen Stoß gegeben und ich hab ihm den Koffer gegeben und dann kam das worauf ich wartete er knallte mit den Hacken zusammen und ging dann in diesem Stechschritt [gestikuliert] in Richtung Tür und damals waren ja Türen von Rechtsanwälten Ärzten Turnhallen

[31:46] alle ganz dick gefüttert mit Leder   und innen drin war Watte damit von drinnen nichts nach außen dringen konnte   und er musste ja die Tür öffnen so klein er war durchs Schlüsselloch konnt er nicht und so hat er die Tür geöffnet und das was ich da gesehen

[32:02] hab könnt ich Ihnen heut noch malen   es war ein Haufen von Menschen   Betten Töpfe alte Leute junge Leute Kinder wimmern weinen und schreien und die Tür war zu   und als ich das sah hab ich beschlossen jetzt aber weg denn wenn der rauskommt und mich dumm

[32:22] anredet ich hätte dem genauso dumm geantwortet und dann wär ich auch dort gelandet und das wollt ich nicht   und da hab ich zu meiner Freundin gesagt »komm« und dann sind wir gerast nach Hause   und dann hieß es »ja   jetzt müs- müssen wir euch an Familien

[32:38] verteilen«

Barbara Kurowska

[32:41] und was ist was ist mit Wolfgang dann passiert ?

Rachel Dror

[32:44] Wolfgang hab ich später als ich in Palästina war   hab ich mit einem Mädchen zusammengelebt die aus Magdeburg war seine Eltern stammten aus Magdeburg   sie hatten -n Schuhgeschäft gehabt und äh Wolfgang ist mit der ganzen Gruppe ermordet worden die kamen

[33:01] nach Lemberg (Labaschin)   und dort angekommen wurden sie ermordet wir haben keinen von denen gesehen die ganze Gruppe nicht   ich hab auch nichts mehr gehört

Barbara Kurowska

[33:11] und das war also Sie haben ihn zum letzten Mal im Oktober 38 gesehen

Rachel Dror

[33:16] ja

Barbara Kurowska

[33:18] und wann

Rachel Dror

[33:21] [gleichzeitig:] am Morgen vom 28sten Oktober hab ich ihn noch gesehen als er zur Arbeit ging

Barbara Kurowska

[33:24] und waren Sie dann noch die zwei Wochen später in Hamburg als die Reichspogromnacht war ?

Rachel Dror

[33:28] äh das war so dass wir dann äh verteilt worden sind und ich hatte zu der Zeit eine Tante die Schwester meiner Mutter   ich kann Ihnen meine Mutter zeigen   hab vergessen Ihnen meinen Vater zu zeigen aber das kommt dann nachher [zeigt Foto]  

Barbara Kurowska

[33:53] können Sie sagen wie Ihre Mutter hieß ?

Rachel Dror

[33:57] meine Mutter hieß Erna Ester geborene Rosenbaum   okay ?

Daniel Hübner

[34:04] mhm

Rachel Dror

[34:08]   und ähm   ja die hatte eine Schwester die unverheiratet war ich hab leider kein Bild von ihr da   und die ähm   war in einer Bubenschule in der Talmud-Tora-Schule in Hamburg   und die wohnte bei einer älteren nichtjüdischen Dame einer Witwe   also keine

[34:30] Männer waren im Haus und ich hab da angerufen ob ich kommen könnte für bis zum zehnten November   und da hat man mir gesagt »ja«   und so war ich dort   aber da hab ich nichts erlebt   wir waren nur Frauen   ich hab das erst erlebt als ich am zehnten November

[34:48] morgens früh   mit meiner Tasche freudestrahlend dann zurück zum Heim weil bei meiner Tante war es sehr autoritär und ich war das nicht mehr gewohnt   und ähm   da sah ich so Gruppen auf der Straße von SA-Männern die -n Bajonett hatten und   nur Männer

[35:08] vor sich hergetrieben haben alte Männer junge Kinder wenn einer hingefallen ist dann bekam er -n Fußstoß   wenn ich in Schulen bin sag ich immer »so wie man das heute macht in S-Bahnen dass man auf Menschen mit Füßen tritt die betrunken sind oder die

[35:24] geistig behindert sind also damals hat man das mit den jüdischen Menschen gemacht« und ähm   und ich hatte damals   ja als ich das sah hab ich gedacht da muss was Schlimmes passiert sein und ich bin schneller gegangen   und wie ich an unsere Straßenkreuzung

[35:44] kam wir hatten das war so -ne Kreuzung ungefähr dort haben wir gewohnt [gestikuliert] und hier an der Kreuzung direkt war ein Kiosk   und ähm   an diesem von diesem Kiosk haben wir täglich bis zu dem Datum täglich unsere Zeitschriften und Zeitungen geholt

[36:02] und der Mann kannte mich   aber der hatte Zeitungen so übereinander gestapelt [gestikuliert] und das sah aus als ob da Blut rübergelaufen ist oder rote Farbe gestrichen worden ist und das waren die Flammen der Synagogen die in der Nacht vom neunten auf zehnten

[36:20] November angezündet wurden   und eine Riesenmenge davor   und S- Sie sehen meine Größe Sie wissen wie groß ich bin ich musste mich auf recken und trotzdem konnte ich nicht über die Leute rübersehen   aber der Verkäufer hat mich erkannt und der kam stellte

[36:36] sich so hin mit den Händen   in der Hüfte »na Judje willste auch sehen wie deine Synagogen brannten« er war Berliner   und da hab ich gedacht Synagogen brannten ? ich wusste von nichts weil   wir haben geschlafen bei uns waren keine Männer   unser Haus wurde

[36:54] nicht durchsucht es war alles okay   und da bin ich sofort ins Heim   das erste war »was war los ?« und da hat man mir das erzählt und dann hab ich zu Hause angerufen denn mein Vater war Offizier im Ersten Weltkrieg er hatte ein Waffenschein durfte -ne Waffe

[37:12] haben und ich hatte schreckliche Angst um meinen Vater dass er irgend -nen Blödsinn macht und die Leitung war tot   und da hab so andauernd angerufen das hat nichts geholfen   und   dann hab ich gesagt   »ich geh nochmal zu meiner Tante denn die ist in einer

[37:31] Schule in der nur männliche Sch- Schüler da sind« und die Lehrer waren hauptsächlich auch nur Männer waren nur zwei Frauen Pädagoginnen   und ähm   ich kam zu dieser Dame   und die empfing mich »Kind Gott sei Dank dass du kommst endlich die Flora sitzt

[37:52] da zusammengekauert« sie saß wirklich wie so ein Häufchen Unglück saß so [gestikuliert] auf dem Stuhl und hat immer geschluchzt »alle weg alle weg alle weg«   sie haben mich kennengelernt bei mir   ich reagier nicht   und vor allen Dingen nicht alte Leute

[38:09] alte Leute wie soll ich alte Leute trösten   ich kann Kinder in meinem Alter Jugendliche aber mit alten Leuten hab ich Probleme   und ähm   bin aber doch rein ins Zimmer und sah die da sitzen und sie fing auch bei mir an »alle weg alle weg« und ich hab mir

[38:30] gedacht Tante Flora jetzt sag doch mal was ist passiert   kam immer wieder »alle weg alle weg« und da hab ich sie erstmal gestreichelt hab sie so in Arm genommen   und dann so ungefähr zwanzig Minuten dann hat sie sich -n bisschen beruhigt   und ich hab dann  

[38:49] mir das erzählen lassen sagt sie »ja ich war vor der Klasse die Tür wurde aufgerissen und Leute in Uniform kamen rein gingen zu den Buben griffen sie an nen Schopf« damals waren noch Haare modern heute sind Glatzen modern und ähm   wer nicht rausgegangen

[39:07] ist den hat man rausgezogen Fußtritt gegeben die Lehrer wurden geschlagen der Schulleiter wurde so geschlagen dass er gestorben ist   und die beiden Frauen haben -n Schock gehabt   meine Tante   Schwester meiner Mutter hat zwei Brüder   gehabt die beide im Ersten

[39:29] Weltkrieg für Deutschland gekämpft haben und meine Tante war noch deutscher wie meine Mutter »wir sind doch Deutsche wir sind doch nicht Polacken« so hat sie immer gesagt es ist schlimm also aber ich sag so wie sie es gesagt hat »wir sind doch Deutsche

[39:44] wir sind nicht Polacken   und äh   wir haben doch gekämpft das betrifft uns ja nicht im halben Jahr ist alles vorbei«   und äh   ich hab dann wieder versucht zu Hause anzurufen hab aber bis abends um halb neun keinen Kontakt bekommen   und erst abends um halb

[40:05] neun   kam der Kontakt zustande »pack deine Sachen und komm« und da hab ich gesagt »Papa wo bist du was ist passiert« »ich habe dir gesagt pack deine Sachen und komm« und da konnt ich schon nichts mehr sagen hab ich gesagt »ich komm morgen«   und dann

[40:23] bin ich den nächsten Tag nach Königsberg gefahren  

Barbara Kurowska

[40:28] und was ist dann weiter passiert in Königsberg wie war wie sah die erste Begegnung mit Ihren Eltern dann aus

Rachel Dror

[40:34] ja ich hatte noch -n Erlebnis im Zug   ähm im Zug war das so   äh damals gab -s keine Großraumkabinen sondern Kabinen und da waren junge Leute drin die wollten mit mir reden und ich hab nur so an die Wand geguckt und gedacht ihr könnt reden von morgens

[40:53] bis abends   interessiert mich nicht   auf einmal sagt einer »bist du st- taub bist du stumm kannst du nicht reden« hab ich meinen Ausweis vorgezogen   gezeigt da stand drauf Rahel Zipora Lewin drei jüdische Namen und da guckte er mich an »ah daher das Schwarze«

[41:13] ich hatte pechschwarze Haare und dunkle Augen   sag ich »ja«   und dann war Ruhe   und dann kam ich an Bahnsteig mein Vater hat gesagt er holt mich ab   und ich hab ihn nicht gesehen   und wie ich da draußen stand und so mich umgeguckt hab   kam -n Mann mit dem

[41:33] Hut so ins Gesicht und hier so -ne Beule   und spricht mich an und sagt »kennst du deinen Vater nicht mehr«   ich sag »Papa wie siehst du aus« »sei ruhig du wirst alles erfahren«  

[41:45] wir mussten am ersten April das Haus meines Großvaters verscherbeln   nicht

[41:52] verkaufen so kann man das nicht nennen denn wir haben nie das bekommen was das Haus wert war wir hatten zum Beispiel die Eingangshalle war aus Marmor   ich seh das heute noch ein roter Teppich mit so Stangen damit der Teppich nicht rutscht und die ganzen Wände

[42:07] und die Treppen waren aus Marmor und der Aufgang war Eichenholz   und die haben so -n bissel geknarrt wenn man da gegangen ist und ich bin immer Treppen ich bin nie Treppen gegangen ich bin Treppen gesprungen bin Mal mit sechzig Eiern das erinner ich mich jetzt  

[42:23] mit sechzig Eiern runter   äh Kopskegel wie sagt man ja ?   äh runterge- wenn man so -n   wie nennt man das

Lennart Bohne

[42:32] gepurzelt ?

Rachel Dror

[42:35] ja gepurzelt also regelrecht Kopf und dann immer wieder überschlagen überschlagen   und ähm   und kam ich mit diesen Eiern da nach Hause und es war schrecklich kalt damals und die sind draußen gefroren und so wie ich reinkam fing es an zu tauen und zu tropfen

[42:55] und da kam ich auch in -ne Apotheke   und in Ostpreußen sagt man zu Kindern zu Mädchen Marjellchen und da hat eine Frau zu mir gesagt »Marjellchen bei dir g- äh   bei dir tropft das Eierl von der Tasse«   und äh   ich musste ja dann nach Hause natürlich

[43:18] -ne Moralpredigt »bist du wieder nicht gegangen   hast du wieder gesprungen« aber so war es gewesen also jedenfalls das war da und dieses Haus mussten wir verscherbeln und wir bekamen eine Zweieinhalbzimmerwohnung in einer Gegend die asozial war

Barbara Kurowska

[43:33] wo war das Haus das äh ursprüngliche wo war das

Rachel Dror

[43:36] [gleichzeitig:] an der äh Kö- Schleusenstraße 3b an direkt gegenüber vom Hauptbahnhof in Königsberg war ein sehr schönes Haus   und

Lennart Bohne

[43:45] und das war jetzt im April 1939 schon ?

Rachel Dror

[43:48] nein das war 1933 mussten wir das verkaufen

Lennart Bohne

[43:51] okay

Rachel Dror

[43:54] aber ich war ja weg ich war ja nicht zu Hause und äh ich kannte die neue Wohnung noch nicht   und da bin ich da hin und mein Vater hatte keine Schlüssel das konnt ich überhaupt nicht verstehen mein Vater ein selbstständiger Mann   und er klingelte und meine

[44:10] Mutter öffnete die Tür und hinter ihr stand mein Bruder hielt sie da am Rock und da sagte sie » (Abusch) das ist nur die Rachel« (Abusch) war sein Ko- Kosename »das ist nur die Rachel du brauchst keine Angst haben«   denn meinen Bruder hat man nachts um

[44:26] halb zwei mit einem elektrischen Ofen der auf seinem Nachttisch stand er hatte nur -n Bett und -n Nachttisch in seinem Zimmer seine Kleider hatte er bei meiner Mutter weil es war nur ein halbes Zimmer -n schmales Zimmer und mit diesem Ofen hat man ihn geweckt

[44:42] »Saujud steh auf« und er hat -n Schock gehabt und hat seine Sprache verloren und hat seit der Zeit nur gestottert   und er hatte schreckliche Angst wenn er irgendein Geräusch gehört hat und er hat gesehen wie mein Vater   mit einer   Ofenklinke das haben

[45:00] die Leute die kamen mit Axt rein und das erste was die gemacht haben mit der Axt die die Klinke von der Ofentür das war eine   ähm   eiserne Ofentür -ne eisern geschmiedete Ofentür   äh die haben sie abgeschlagen und mit dieser mit dieser Klinke haben sie

[45:19] nach ihm geworfen   und da hat er hier so -ne Beule bekommen   und ähm   mein Bruder hat das alles gesehen wir hatten kein Glas wir hatten keinen Stuhl wir hatten kein T- es war nichts mehr da  

[45:34] und als ich das sah   hab ich gedacht ich fahr weg   hier bleib ich

[45:40] nicht   mein Vater hat gesagt »wo fährst du hin ?« »nach Palästina« »ja wie kommst du da hin ?« »na du zahlst«   hat mein Vater gesagt »Kind es tut mir leid aber ich kann nicht zahlen   äh ich hab kein Geld mehr«   und da hab ich gesagt »gut ich ruf

[45:59] die Tante (Anna) an«   und da hab ich die Tante (Anna) angerufen   und die hat gesagt »du brauchst überhaupt nicht reden   wir wissen alles   was in Deutschland passiert ist ordne deine Ge- deine Papiere ich besorge ein   äh Stelle für dich in der Schule und

[46:22] ich besorge   deine Bürgschaft ich bürge für dich und das Geld für -ne Fahrkarte schick ich dir auch du brauchst nicht fliehen du fährst mit -m normalen Schiff«   und so hab ich alles vorbereitet zur   zur Ausreise

Barbara Kurowska

[46:38] hatten Sie keine Angst ohne Ihre Eltern

Rachel Dror

[46:41] [gleichzeitig:] nein

Barbara Kurowska

[46:42] und ohne Ihre Familie auszureisen

Rachel Dror

[46:44] nein ich war sehr früh in der Pubertät   und ich war mir eigentlich sehr selbstsicher   ich bin ja mit jungen Menschen gewesen   nicht allein wir waren -ne ganze Gruppe von jungen Menschen   und äh die mussten alle heiraten   wir sind dann in solch Freundschaften

[47:01] reingekommen es war also ganz schlimm   d- da in Israel damals war es Palästina haben sich wieder scheiden lassen es war nur zur Einwanderung weil die Engländer das so verlangt haben   und die Überfahrt das war eigentlich was ganz Tolles ich erinner mich

[47:18] noch dass der Kapitän zu mir gekommen ist mich aufgefordert hat zum tanzen ich hab sehr gerne getanzt und da hab ich gesagt »nein äh ich tanze keine bürgerlichen Tänze« ich hatte Bundschuhe an   Seidenstrümpfe zwar aber diese ganz groben Bundschuhe  

[47:35] also man musste möglichst bündisch angezogen sein   mir tut -s heut noch leid dass ich damals nicht getanzt hab aber so war das damals   und ähm   ja und   das war -ne tolle Fahrt

Barbara Kurowska

[47:51] Sie sind über Berlin ausgereist also von Königsberg sind Sie nach Berlin

Rachel Dror

[47:55] [gleichzeitig:] mein Vater durfte mich am 29sten   April 1939 nach Berlin bringen   er musste sich drei Mal am Tag bei der Polizei melden auch in Königsberg aufgrund dessen dass ich   mal gesagt habe als ich zur Polizei kam und gefragt worden ist »was war

[48:17] gestern Abend in der Veranstaltung« das war die Geheime Staatspolizei   und ich gesehen hatte dass der Mann am Abend so geschlafen hat   da hab ich gesagt   »wer ist Gestapo Sie oder ich hätten Sie nicht geschlafen hätten Sie gewusst was los war« und da

[48:35] hat er mich angeschrien »du dumme Göre   wo ist dein Vater«   und da musst ich meinen Vater holen   und von der Zeit an musste mein Vater sich drei Mal täglich melden

Barbara Kurowska

[48:46] wie haben Sie sich von Ihrer Mutter verabschiedet Ihre Mutter war dann in Königsberg (_)

Rachel Dror

[48:54] [gleichzeitig:] ja ich hab nur gesagt »Mama du weinst nicht wenn du weinst sag ich nicht auf Wiedersehen ich mache alles dass ihr so schnell wie möglich rüberkommt«   und für mich war wichtig dass mein Vater mich bringt   ich war wirklich Vaters Tochter

[49:08] also ich hab meinen Vater sehr geschätzt sehr verehrt

Lennart Bohne

[49:12] war es zu dem Zeitpunkt denn dann so dass Ihre Eltern auch gewillt waren auszuwandern und äh noch nach Palästina zu gehen

Rachel Dror

[49:21] [gleichzeitig:] nein nein

Lennart Bohne

[49:24] weil Sie sagten Sie holen sie nach

Rachel Dror

[49:29] ich hab gesagt ich hol sie nach weil das geschehen ist aber gewollt hätte meine Mutter nie   mein Vater ja  

Barbara Kurowska

[49:38] und Ihr Bruder ist dann auch in Königsberg erstmal geblieben ?

Rachel Dror

[49:41] äh drei Wochen später   als ich ist mein Bruder nach England gekommen   die Engländer haben 10000 jüdische Kinder gerettet   und er kam zu einem   äh   Cousin von mir   sein Vater   war Arzt in Bensheim [zeigt Foto] Doktor Lehmann   Felix Lehmann und bis heute

[50:09] gibt es eine Felix-Lehmann-Straße   die Parkstraße ist umgenannt worden dort war sein Haus Parkstraße zwei und vor drei Jahren war ich dort   und habe die Leute besucht wurde sehr nett aufgenommen mir wurde alles gezeigt und mein der zweite Sohn meines äh

[50:32] Onkels   der Onkel konnte nach Palästina auswandern der zweite Sohn meines Onkels der war in der englischen Armee   und der hat die ganze Geschichte mitgekriegt was nachher mit meinen Eltern geworden ist   kann ich -n Schluck trinken ?

Barbara Kurowska

[50:48] ja natürlich

Rachel Dror

[50:49] [greift zur Seite; etwas fällt] oh   oh oh   ist jetzt alles aus- [Schnitt]   geben Sie mir einen Stichpunkt

Barbara Kurowska

[50:59] äh wir waren bei Ihrem Bruder Ihr Bruder ist nach England gekommen

Rachel Dror

[51:02] ja mein Bruder kam nach England äh der kam zu diesem Vetter der auch streng nach den Sitten und Gebräuchen des Judentums gelebt hat der war verheiratet und er ist dort wie ein Kind aufgenommen worden er hat ihn auch adoptiert später   mein Bruder ist erst

[51:19] in die Schule gegangen aber bis er dorthin kam ist er durch verschiedene Lager gekommen und er hat mir nie was davon erzählt ich krieg das immer nur so beiläufig mit   mein Bruder gibt mir keine Bilder mein Bruder erzählt nichts er kann nicht   nur manchmal

[51:37] sagt er »was das weißt du nicht ?« sag ich »das tut mir leid   woher weißt du das ?« »ja also der Vater hat doch dies und jenes gemacht« keine Ahnung  

[51:46] ich nehme an dass ich das so erzählen kann auch so   ohne   Emotion   das muss damit zu tun hä- äh

[51:58] hängen dass ich einfach unwissentlich die Dinge von mir   ferngehalten habe und ähm   und ich deshalb objektiv reden kann   ich hab auch keinen Hass   kenn ich nicht   und ich hab auch Verständnis   für viele Dinge   das geht so weit   dass ich sogar sage   man

[52:28] darf nicht sagen »ich hätte das so gemacht«   denn kein Mensch weiß was er wirklich gemacht hätte   denn ich bin im einmal in einem Zug gefahren das war auch -n Nebenerlebnis in einem Zug gefahren und der Zug musste halten das waren zwei Brücken   und ich

[52:50] saß im Abteil und gegenüber stand -n anderer Zug und der andere Zug fuhr an und eine Frau ist rausgefallen auf den Bahnsteig   meine Pflicht wär gewesen ich kann nicht sehen also ich   wär sofort daneben gelegen aber Hilfe zu holen und ich stand auf und

[53:08] ich war so   ich hab gezittert am ganzen Körper und hab gesucht schnell schnell mich wieder hinzusetzen damit ich da nicht zusammenbreche und da   hat -s bei mir Klick gemacht und da hab ich gedacht komisch du sagst doch »ich hätte das so« kein Mensch weiß

[53:26] der Kopf sagt die Logik sagt du musst das und das so machen aber was der Bauch sagt ist -ne andere Sache   und deswegen find ich falsch wenn man sagt »ja ich hätte das damals so gemacht«   wir wissen alle nicht wie wir -s gemacht hätten   und man sieht es

[53:45] ja auch heute an den Menschen   sicher äh es werden nicht so fürchterliche Sachen getan aber   äh   gegen Fremde hat man hier immer noch was im Allgemeinen nicht alle   klar   aber es ist noch -ne große Tendenz da   und wenn man das Thema anspricht äh dann  

[54:08] redet man drum rum   und direkt gerade nicht es kommt dann meistens »aber es ist doch so und da muss ja doch irgendwas dran sein« und das kommt heute mehr raus wie früher   -ne Zeit lang war das unter der Erde heute hat das wieder Gültigkeit   und ähm ich

[54:30] sprech Dinge an deswegen kann ich Dinge auch ganz hart ansprechen aber ich fühl dabei nichts   und zu meinem Bruder zurück äh mein Bruder war eben viel emotionaler   er war auch als Kind sehr oft krank und schwach und meine Mutter hat sich sehr mit ihm abgegeben

[54:52] und dadurch hatte er es viel schwerer ich sagte ja schon ich war Vaters Tochter und er war Mutters Sohn   und so war das bei uns

Barbara Kurowska

[55:01] was für ein Gefühl war es Deutschland 39 zu verlassen haben Sie Erleichterung verspürt oder

Rachel Dror

[55:09] [gleichzeitig:] Glück !

Barbara Kurowska

[55:12] Glück

Rachel Dror

[55:14] Glück   ich war ich bin gesprungen als ich das gekriegt hab   weg weg von allem   und in was Neues es mich interessiert bis heute wenn Sie mich heute nach Afrika schicken sag ich »okay«   ich werd auch dort Menschen finden ich werd dort auch -n Leben machen

[55:30] können   nur die Reise dahin das ist die Schwierigkeit aber sonst   also ich hab keine Probleme mit fremden Dingen   irgendwie komm ich zurecht und   alles was neu ist ist für mich interessant   Menschen Umgebung alles   also ich möcht nicht nur so [gestikuliert]

[55:53] leben das wär ja schrecklich

Barbara Kurowska

[55:54] und Sie sind dann in Haifa angekommen oder wo sind Sie angekommen

Rachel Dror

[55:59] [gleichzeitig:] wir sind in Haifa angekommen und das war auch typisch man hat mir was mitgegeben   und ich hatte schreckliche Angst etwas mitzunehmen was ich nicht mitnehmen durfte   und man hat mir in Königsberg gesagt »brauchst keine Angst haben da kommt

[56:15] jemand auf dich zu und der holt das«   und das hat mich sehr sehr belastet aber er hat -s gekriegt Sache war auch in Ordnung und wir kamen direkt nach in die Schule   ich kam nach Nahalal in die landwirtschaftliche Schule und das war -n Pensionat -n Mädchen-Pensionat

[56:34] und ich war doch mehr Freiheit gewohnt von Hamburg wir waren Jungen und Mädchen zusammen und es war anders   und jetzt musste man bis obenhin zugeschnürt sein wir durften Hosen nur tragen bei der Arbeit wenn wir rausgingen mussten wir Röcke anziehen   und

[56:50] äh wir mussten um zehn Uhr zu Hause sein und abends wenn -s dunkel war durften keine Buben mehr in die Stuben kommen und all solche Sachen denn die Leiterin hat in England gelernt   das war die Hannah Maisel   sie war Russin   eine tolle Frau   und die hat die

[57:10] Schule wirklich hat -s nicht leicht gehabt es kamen ja Jüdinnen von der ganzen Welt   und äh die Mädchen waren nicht einfach das musste ja -ne gewisse Ordnung da rein   und ähm   für mich war das z- da hab ich dann Heimweh gekriegt in das war -ne Woche -n

[57:29] Monat danach   und da bekam ich Bauchschmerzen   und ich hatte ja diesen Onkel und dann   bin ich zum Arzt und hab gesagt »Herr Doktor schreiben Sie mich krank« »na ich kann dich nicht krankschreiben« es war -n Russe   Doktor (Rodewenski) hat gelispelt ich

[57:45] erinner mich heut noch dran   und ähm und da hab ich gesagt »okay ich komm nächste Woche wieder« dann hab ich Talkum genommen hab mein Gesicht schön mit Talkum eingeschmiert nicht so dass man die Schicht sieht aber es war weiß   und hatte eine helllila

[58:02] Bluse an und die macht das Gesicht noch bleicher   und hab gesagt »können Sie mich jetzt krankschreiben ?«   »na ja ich schreib dich krank«   und dann hat er mich krankgeschrieben dass ich einen Monat nach Jerusalem sollte mein Onkel lebte in Jerusalem   und

[58:20] ich vor lauter Freude spring im Heim Treppen nehm drei Stufen auf einmal mir ging -s glänzend   als ich hörte ich geh weg aus der Schule   und dann kam die Leiterin   und äh sagte »ja ich denk du bist krank« sag ich »ja ich muss ganz schnell auf die Toilette«  

[58:37] hab ich dann als Ausrede benutzt und ähm   und dann bin ich weg   und dann haben die sich bei meinem Onkel gemeldet und haben gesagt »ja was sollen wir mit Ihrem Kind machen   die hat scheinbar Probleme und deswegen hat sie Magengeschichten«   und da hat er

[58:57] gesagt »geben Sie ihr -ne verantwortungsvolle Aufgabe« und da bekam ich die Aufgabe ich war verantwortlich für -s Abspülen von Besteck   wir waren ja -ne große Schule war ja alles sehr viel   und wenn nur ein Krümchen dran war dann hab ich die ganze Chose

[59:17] genommen und hab die wieder ins Wasser geworfen und die mussten wieder von Anfang also ich hab mich da ausgetobt quasi aber das hat mich irgendwie beflügelt und langsam langsam bin ich dann   da hab ich mich eingewöhnt

Barbara Kurowska

[59:31] wenn Sie sagen dass Sie Heimweh hatten haben Sie da Hamburg vermisst oder haben Sie Königsberg vermisst oder

Rachel Dror

[59:39] [gleichzeitig:] da hab ich schon die Eltern vermisst

Barbara Kurowska

[59:41] mhm   hatten Sie Kontakt ?

Rachel Dror

[59:43] [gleichzeitig:] vor allen Dingen meinen Vater

Barbara Kurowska

[59:45] hatten Sie Kontakt zu Ihren Eltern gehabt

Rachel Dror

[59:47] nur brieflich

Barbara Kurowska

[59:49] und was haben Ihre Eltern geschrieben in diesen Briefen haben sie geschrieben was los ist oder

Rachel Dror

[59:51] [gleichzeitig:] ähm da ich meine Briefe schon halb Deutsch halb Hebräisch geschrieben hab hat meine Mutter geschrieben »entweder du schreibst Deutsch oder Hebräisch das Kauderwelsch will ich nicht lesen«

Barbara Kurowska

[1:00:00] also Ihre Mutter hat dann

Rachel Dror

[1:00:03] [gleichzeitig:] ja

Barbara Kurowska

[1:00:06] immer zurückgeschrieben

Rachel Dror

[1:00:07] ja Vater hat nur Grüße

Lennart Bohne

[1:00:09] haben Sie damals schon erfahren dass Ihr Bruder nach England gegangen ist haben Ihre Eltern Ihnen das geschrieben

Rachel Dror

[1:00:13] [gleichzeitig:] das habe ich erfahren

Lennart Bohne

[1:00:15] hatten Sie auch Kontakt ?

Rachel Dror

[1:00:17] zu meinem Bruder nein wir waren sowieso auf Kriegsfuß also   wir verstehen uns heute sehr gut aber damals waren wir als Kinder wie Katz und Maus   er hat mich auf die Terrasse ausgeschlossen ich hab dann mit der Faust gegen die Scheibe und da hab ich hier  

[1:00:35] so -n Riss gehabt und es hat geblutet und ich hab geschrien und ich hab dann die Hand zugehalten das weiß ich noch   ah wir waren schlimm   und mein Bruder hat nachher gestottert und ich hab gesagt »wer stottert der lügt wer stottert der lügt« das war so

[1:00:52] -n Lied   also ich war ganz schlimm  

Barbara Kurowska

[1:00:54] und Sie waren dann wieder in Nahalal in dieser

Rachel Dror

[1:01:01] Schule

Barbara Kurowska

[1:01:03] Schule

Rachel Dror

[1:01:07] und die hab ich beendet und danach musst ich ja irgendwo arbeiten da kam ich als Au-Pair-Mädchen auch zu einem Vetter das war -n Sohn der zweite der älteste Bruder meines Vaters konnte 33 Deutschland verlassen und die hatten mehr Geld   mit den Kindern und

[1:01:19] der Sohn hatte -ne kleine Tischlerei   seine Frau hat als äh Steuerberaterin gearbeitet und sie hatten ein Kind   das erste Kind ist an der Beschneidung gestorben damals ist verblutet die Eltern haben das nicht gemerkt   und der zweite Sohn also den hab ich

[1:01:39] dann verwöhnt und gehegt und gepflegt und dann musst ich putzen   und hab dort alles getan für Essen und Schlafen   und hab denen ein ganzes Porzellan von Rosenthal zerbrochen   denn äh das war so   die Küche hatte wenn das die Spüle ist in der Höhe  

[1:02:02] [gestikuliert] dann war das Fenster da oben   und ich hatte damals -n Bekannten und wollte mal sehen ob der vorbeikommt und da hab ich mich da gereckt da sind mir die Teller   aus der Hand gefallen   [hustet] und so hab ich -n ganzes Rosenthal was die damals

[1:02:19] noch mitnehmen konnten hab ich denen zerschlagen das werden die mir nie vergessen es heißt das haben die mir nie vergessen bis sie selber nachher nicht mehr äh die sind jetzt die leben nicht mehr   aber sie haben -s im fröhlichen Ton gesagt sie haben gesagt

[1:02:33] »ja das hast du gemacht aber unsern Sohn hast du sehr gut behandelt« also darüber waren sie sehr froh   und dann bin ich zu -ner russischen Familie als Au-Pair   da hab ich Hühnerzucht und äh Rosenzucht gelernt   und dann kam ich hörte ich dass ein Freund

[1:02:51] meines Vaters in einer Siedlung von deutschen Juden war Ramot HaShavim   die Aufzucht betrieben haben vom Inkubator bis zum fertigen Huhn und da war ich bis 1947

Barbara Kurowska

[1:03:04] und was haben Sie da gemacht was war Ihre Aufgabe

Rachel Dror

[1:03:09] [gleichzeitig:] Hühnerzucht alles aber hauptsächlich draußen   drinnen hab ich -n bisschen geputzt aber keine Wäsche da hab ich mich immer gewehrt ich hab gesagt »ich bin bereit Klo zu machen aber keine Wäsche zu waschen« und äh hab auch nur gegen

[1:03:23] Taschengeld gearbeitet Taschengeld und Essen   es war von morgens bis abends wir sind mit den Hühnern aufgestanden mit den Hühnern schlafen gegangen so ungefähr   hatten natürlich Freunde

Barbara Kurowska

[1:03:35] [gleichzeitig:] und in dieser ganzen Zeit hatten Sie nichts aus Königsberg gehört aus also Sie hatten nicht gehört was mit Ihrer Familie passiert war

Rachel Dror

[1:03:42] Sie müssen davon ausgehen in Israel war kaum eine Familie in der nichts passiert ist   aber man hat selber gewusst dass   Dinge passiert sind   und ja gut es ist passiert ja also ich hab das nicht an mich rangelassen   und wir waren oft wissen Sie das waren

[1:04:04] Akademiker   Doktor sowieso Doktor sowie- Doktor med Doktor ing und die haben schon in Deutschland meine Kinder deine Kinder schlagen unsere Kinder so haben die gelebt und haben dort auch so gelebt   und wir sind da mehr oder weniger auch so in solche Sachen

[1:04:20] reingekommen also wir mein ich jetzt die Praktikantinnen   und das war ein sehr lustiges Leben   wir haben sehr viel Spaß gehabt   und es hat Spaß gemacht man wusste man konnte ich seh mich noch im Hühnerstall da hab ich ausgemistet da hab ich gedacht ist

[1:04:38] doch eigentlich toll deine Gedanken können spielen du musst nicht lernen du kannst denken was du willst und dann machst du die Arbeit und hast trotzdem dein Essen und Schlafen   und das Wetter war schön   also es konnt nichts bes- man hatte seine Freunde gehabt

[1:04:53] war wunderbar   ich hab in einem tz- in einem   tzrif   wie so -n Kiosk aus Holz in so -nem Ding hab ich ge- das war früher ein Möbelwagen

Barbara Kurowska

[1:05:08] ah ein Lift äh

Rachel Dror

[1:05:10] -n Lift ja die jüdischen äh   Leute aus Deutschland sind mit -nem Lift die das noch mitnehmen konnten und aus diesem Lift haben die Häu- haben die Zimmer gemacht und da hatte ich draußen so -n Zimmer und ich hatte damals -n kleinen Hund den hab ich großgezogen  

[1:05:26] und äh hatte auch -n Freund gehabt aber ich wollte nicht dass die genau wissen wie wo was und dann haben wir den Hund abgerichtet mit Schokolade und wenn einer so machte [gestikuliert] ja dann hat er nicht gebellt   [lacht] und solche Sachen also es war sehr

[1:05:42] lustig dort kann ich nicht anders sagen   und die äh Buben waren damals im Militär da war noch nicht der Staat Israel die Buben waren im Militär die Männer die jungen Männer dann kamen sie nach Hause dann haben sie ihre Geschichten erzählt   und die waren

[1:05:58] bei den Engländern im Militär zum Teil   das war ganz nett   man hat gut gelebt also und da Essen für mich nie so -n äh bis heute nicht nie so -n Problem ist ich war zufrieden mit -nem Stück Brot und -nem Stückchen Käse und -ne Tomate   und äh   hab mir

[1:06:21] auch keine Sorgen ich hab das immer gehabt ich hab ja gearbeitet ich hab gearbeitet die ganze Zeit als ich mal von dem Feuchtfutter Ekzeme bekam da hatt ich damals -n Freund da hab ich gesagt »du weißt du w- ich kann nicht arbeitslos sein du bist Schlosser

[1:06:36] kannst du hast du irgend- -ne Idee« und da hat er gesagt »ich mach Lampenschirme« er hat die Lampenschirme den Schirm gemacht und ich hab ihn bezogen mit Papier und bemalt und damit hab ich Geld verdient Gläser angemalt solche Sachen ich hab nie so [gestikuliert]

[1:06:52] gemacht

Barbara Kurowska

[1:06:55] und was haben Sie während des Kriegs dann gemacht äh   während des Befreiungskriegs

Rachel Dror

[1:07:01] während des ja als dann der Staat gegründet wurde war ich ja noch bei dieser Familie und ähm ich hab   mitgemacht als am 29sten Oktober 1947 der Staat proklamiert wurde von der UNO da war ich mit -nem Bekannten im Kino   und äh wir kamen raus und ganz Haifa

[1:07:24] hat getanzt gesungen gesprungen und äh ja was ist los wir waren vorher war alles anders und da hat man das erzählt und äh   ja wir haben auch mitgefeiert   und morgens um fünf bin ich nach Hause hab schnell geduscht mich umgezogen um halb sieben war ich

[1:07:42] wieder bei der Arbeit   und dann als der Staat Israel ausgerufen wurde mussten wir zum Militär oder zur Polizei   und ich hab damals gesagt 89 Familienangehörige sind im Ofen umgekommen   ich gehe in die Polizei da hab ich Chancen zu überleben   ich wollte

[1:08:00] leben   und so bin ich zur Polizei

Lennart Bohne

[1:08:03] was war das für ein Gefühl für Sie dann bei der Polizei aktiv einen Staat mit aufzubauen ?

Rachel Dror

[1:08:09] ein ganz tolles   denn man war vorher Dreck und plö- so wie -ne Besatzung man sagt doch immer die Besatzung man schimpft doch auf die Besatzung ob die Besatzung jüdisch christlich moslemisch ist spielt überhaupt keine Rolle wenn Sie einmal -ne Uniform tragen

[1:08:24] ändern Sie sich   da haben Sie -ne Macht so wie -n Lehrer immer die Macht in der Schule hat der Direktor die Macht über die Lehrer haben so hat man die Macht   und die hat man gehabt und die hat man auch ausgenutzt   da sind Leute aus KZ gekommen weiß ich

[1:08:43] noch und wir haben eine -n Umzug gemacht man musste Ordnung schaffen   und so klein ich war ich hatte Kraft und die Leute haben nicht darauf gehört die standen und haben reingedrängt und die Leute die da marschiert sind konnten nicht gehen und ich bin so

[1:08:58] gestanden und hab nach hinten gedrückt   und ich hab die also zur Seite ich bin nicht weggegangen die haben mich nicht zur Seite gesch- äh bekommen   und äh ich bin eines Tages im Bus gefahren   und äh da gab -s ein Gesetz wenn der Chauffeur sagt   kein Mensch

[1:09:17] darf mehr einsteigen dann darf man nicht und der Bus war voll   und -ne Frau kam und der Chauffeur sagte kein   darf keine mehr   und da fing sie an zu weinen »ja meine Tochter ist krank im Krankenhaus und ich möchte sie besuchen und ich hab keine andere Zeit«

[1:09:37] und ich war drin in der Mitte   und da hab ich den Leuten gesagt »bitte rücken Sie auf dass die Frau noch mit kann«   und wir kommen Haifa ist gebaut Unterstadt Mittelstadt Oberstadt wir kommen in die Mittelstadt wo die das Bürgermeisteramt war   und die

[1:09:55] Frau geht raus   und ich hinter ihr her   sie ging rein ins Bürgermeisteramt und ich sag dem Ch- dem Portier »Türen schließen nicht öffnen«   und die Frau hat was getan was sie wollte sie wollte Steuern bezahlen   nicht zu einem kranken Kind das hat sie

[1:10:15] gelogen   und äh   die kam runter   und sah mich und wollte raus sag ich »nein«   sag ich »hier lügt man nicht wir sind im Staat Israel   wir sind nicht im KZ hier hat man nicht nötig zu lügen«   »uh Poliziante geh zu deinen Jungs mach deine Ambitionen

[1:10:40] dort« so hat die auf mich geschimpft   und ich hab mein Offizier angerufen hab ihm gesagt so und so das und das hab ich gemacht   das und das hab ich gesagt   sagt er »komm wir gehen Mittag essen« sind wir Mittag essen gegangen haben die Frau dort sitzen lassen

[1:10:56] schmoren lassen und sind dann nachher zurück und haben die dann   gehen lassen   und haben ihr dann nochmal gesagt »du sollt eins wissen du bist hier im Staat im freien Staat Israel   und man macht das nicht mit Gewalt   sondern es gibt Gesetze und die Gesetze

[1:11:16] muss man halten und vor allen Dingen gibts -ne Wahrheit und bei der muss man bleiben«   und so war das   das war meine erste negative Be- dann hab ich mal einem eine gelangt   das war ich hab mit den Kindern gearbeitet mit den Schulkindern   weil ähm   es kamen

[1:11:38] ja Juden aus der ganzen Welt die null Ahnung von Autos hatten   die wussten vielleicht noch was -n Fahrrad ist kannten Esel   und die Quote die Unfallquote die stieg ganz wir waren am ersten Platz wir konnten uns brüsten dass wir die ersten waren in der Unfallquote

[1:11:58] und da mussten wir vor den Schulen Zebrastreifen anmalen und morgens wurden die Kinder ausgebildet die durften die Autos anhalten und dann die Kinder mussten warten bis -ne Gruppe kam und die wurden dann über den Zebrastreifen geleitet und wir als Polizisten  

[1:12:14] [räuspert sich] haben Unterricht erteilt und ich hatte 25 Schulen mein Mann   ich war damals schon verheiratet ich hab 1951 geheiratet   und   52 [zeigt Foto]   ist meine Tochter da war sie zwölf   und mein Mann   er war türkischer Jude   hat neun Sprachen

[1:12:46] gesprochen war Architekt von Beruf in Israel war er   äh Verkehrsingenieur

Barbara Kurowska

[1:12:52] können Sie sagen wie er hieß

Rachel Dror

[1:12:55] bitte ?

Barbara Kurowska

[1:12:57] wie er hieß Ihr Mann ?

Rachel Dror

[1:13:00] ja Eitan Dror er hieß Otto Friedmann und ich wollte nicht heiraten mit -m selben Namen ich war die vierte Frau   und wollte nicht denselben Namen wie die andern Frauen und keinen deutschen Namen vor allen Dingen und damals konnte man die Namen ändern und

[1:13:14] aus Otto haben wir Eitan gemacht und aus Friedmann Dror dror ist freier Vogel Freiheit  

Barbara Kurowska

[1:13:21] und Ihren Mann haben Sie dann auch bei der Polizei kennengelernt

Rachel Dror

[1:13:27] der war äh damals Sergeant ich bin nachher auch Sergeant geworden aber er war höher als ich im Rang   er war m- mein zweiter Vorgesetzter sozusagen  

Barbara Kurowska

[1:13:43] und Ihre Tochter Michaela wurde dann 52

Rachel Dror

[1:13:46] [gleichzeitig:] Tochter Michaela wurde 1952 im November geboren   und mehr wollte ich nicht ich wollte eigentlich den Sohn von meinem Mann   er hat -n sehr netten Sohn gehabt der war zehn Jahre alt als ich ihn kennenlernte   und ähm   aber seine Mutter hat ihn

[1:14:03] nicht hergegeben ist klar   und wir haben uns sehr gut verstanden und wir verstehen uns bis heute sehr gut also er lebt ich hab heut mehr zu ihm Kontakt als zu meiner Tochter   meine Tochter hat sich total geändert   die ist dann später die kam mit mir nach

[1:14:21] Deutschland   ja aber das ist ein anderes Kapitel

Barbara Kurowska

[1:14:24] ähm Sie haben dann bei Ihrer Arbeit bei der Polizei ganz zufällig erfahren was mit Ihren Eltern passiert ist wenn Sie vielleicht davon erzählen könnten

Rachel Dror

[1:14:33] ja   [hustet] äh das war so [räuspert sich; hustet]   Entschuldigung [trinkt]   ähm   meine Tochter ist geboren   und mein Mann und ich wir sind gerne tanzen gegangen ich hab das schon mal erwähnt   und äh im Zustand der Schwangerschaft wollte ich

[1:15:05] nicht nachdem die Tochter nun geboren war hab ich gesagt »komm wir nehmen -n Babysitter gehen aus« und wir sind in Haifa auf der Straße   und da kam -ne   sah ich -n Ehepaar entgegenkommen der Mann stützte sich auf die Frau und er hatte -n Stock   und die

[1:15:23] Frau ging auch schwer und die Frau hat mich so angestarrt wie ich Sie jetzt anstarre und kam auf mich zu und sagte »du bist die Tochter von Hugo Lewin«   und ich kannte die Frau nicht ich hab die noch nie gesehen   und da sag ich »ja« und da fing sie an

[1:15:41] zu weinen hat mich umarmt   und die hat mir die ganze Geschichte von den Eltern erzählt   die Eltern konnten erst im März 1940 aus Deutschland raus illegal nach Italien   und der damalige Papst hat sie empfangen obwohl man ihm nachgesagt hat er hat sich um

[1:16:02] die jüdischen Menschen wenig gekümmert aber um fromme hatte er sich bemüht und meine Eltern waren mit einer frommen jüdischen Gruppe rausgewand- äh also geflohen und er hat sie nach Bengasi geschickt in ein Arbeitslager nach Libyen   und dort waren sie

[1:16:22] bis s- ein Kontakt entstand Mussolini hat -n Kontakt mit Hitler ein äh äh Pakt mit Hitler geschlossen und sie mussten wieder zurück nach Italien   und wieder hat der Papst sie empfangen und hat sie dann zu einer katholischen Familie in Siena untergebracht

[1:16:42] und die Familie haben meine Eltern beschützt   bis zum Februar 14ten Februar 1944   denn die ähm   an dem Morgen sind die Wirtsleute auf -n Markt gegangen und meine Mutter hat Geräusche gehört   gegen später und meine Mutter is -n Mensch wenn man ihr -n kleinen

[1:17:08] Finger gibt sie kann das nie vergessen sie muss sich revanchieren und hat gedacht »ich kann doch die Frau und den Mann da nicht stehenlassen voll bepackt ich muss denen helfen wenigstens die Tür aufmachen« und sie macht die Tür auf und läuft den Deutschen  

[1:17:25] äh Militär ins in die Arme und hier sagt man das deutsche Militär hat mit -m Nationalsozialismus nichts zu tun das -ne Lüge das stimmt nicht die mussten dort Häuser   italienische Häuser nach jüdischen Menschen suchen   und wenn sie die Leute gefunden

[1:17:44] hat kamen sie nach Fossoli ins Konzentrationslager und bei Modena ist das und von Fossoli nach Auschwitz   und so sind meine Eltern auch dorthin gekommen und haben nur so -n kleinen Streifen Papier hinterlassen »abgereist 14te Zwoote 44 Erna Hugo«   und das

[1:18:05] ham se dort auf -n Tisch gelegt und der zweite Sohn meines Onkels den ich Ihnen gezeigt habe der war beim englischen Militär und da er auch Arzt war war er Major und der konnte meine Eltern besuchen der hat sich erkundigt und hat rausgefunden wo die Eltern

[1:18:22] sind und wollte die Eltern besuchen kam zwei Tage zu spät   und die Leute haben geweint und haben ihn diesen Zettel gegeben den ham wir dann gekriegt und ähm   und dann hab ich noch einen Koffer zugeschickt bekommen das waren so -n Überseekoffer das waren

[1:18:40] diese großen braunen Koffer mit   die man so nach Übersee genommen hat und da waren -n paar Laken drin bisschen Bettzeug äh ein M- für jeden ein Messer eine Gabel -n Teelöffel -n Esslöffel und -n Leuchter -n Sabbatleuchter   und das hab ich gekriegt   die

[1:19:00] Leute haben das aufbewahrt gehabt das haben sie mir zugeschickt nach Palästina damals   und   von der Frau hab ich nie wieder was gehört   ich nehme an die konnte nicht begreifen dass ich nicht wenigstens eine T- Träne gezeigt habe   erstens hatt- ich im Kopf

[1:19:23] ich wollte ja ausgehen und jetzt kam die Frau und erzählt mir das auf der anderen Seite wusst- ich dass meine Eltern nicht mehr leben können das war 1952 geworden es war sieben Jahre nach Kriegsende   und man hat ja gewusst was alles passiert ist nu warum

[1:19:39] sollen gerade deine Eltern gerettet worden sein aber w- im Unterbewusstsein hatt ich das doch gedacht aber wie gesagt ich hab von der Frau nie wieder was gehört   und diese Leute die waren in derselben Gruppe mit meinen Eltern   die waren aber beide gesund

[1:19:58] als meine Eltern von Fossoli kamen war mein Vater gesund und der wurde auf die linke Seite geschickt der Mengele hat die Leute empfangen der hatte weiße Glaceehandschuhe hatte einen jüdischen Menschen unter einem Arm -n andern hier so die Schulter so raufgelegt

[1:20:14] und hat immer nur so und so gemacht   [gestikuliert] wenn die Leute da rausgepurzelt sind aus den Güterwagen dann ähm   wurden sie entweder nach links oder rechts geschickt   und links waren die Leute die arbeiten konnten und rechts die ins Gas kamen und meine

[1:20:30] Mutter kam direkt dorthin   und mein Vater   wusste   die Tochter ist gerettet in Palästina der Sohn ist gerettet in England   ich muss zu meiner Frau meine Eltern ham -ne sehr gute Ehe geführt und für ihn war selbstverständlich da wo du hingehst geh ich auch

[1:20:50] hin und ist rüber zu meiner Mutter   und beide sind vergast worden und das hat die Frau erzählt die konnten ausbrechen und haben bis zum Kriegsende im Wald   überlebt waren nur noch Haut und Knochen und ein dänischer Soldat hat sie gefunden   und der hat

[1:21:09] sie zurückgebracht ins Krankenhaus nach Dänemark und dort waren sie über ein Jahr   und äh haben dort über ein Jahr überlebt und der Mann ist nie wieder gesund geworden erstens körperlich nicht und geistig auch nicht und die Frau hat mich an einem Bild

[1:21:27] erkannt dass mein Vater im Sträflingsanzug gehabt hat so hat sie erzählt und ihr gezeigt hat »das ist meine Tochter«   so hab ich damals die Sachen von meinen Eltern erfahren   vorher wusste ich nichts   ich wusste nur während der Engländer   während des

[1:21:47] Zweiten Weltkrieges hab ich versucht die Eltern nach Palästina zu holen   und habe einen Brief aufsetzen lassen auch von meinem Vetter der sehr perfekt im Englisch und der High Commissioner hat mich geholt und hat gesagt er wollte eigentlich nur das Mädchen

[1:22:02] sehen dass so -n jammervollen Brief geschrieben hat   und hat mich so in Arm genommen und hat gesagt »Kind ich kann deinen Eltern nicht helfen«   sag ich »was« »nein deine Eltern sind Deutsche«   »ach« hab ich gesagt »für die Deutschen sind wir Dreck

[1:22:17] und f- du sagst meine Eltern sind deutsch« »wir sind mit Deutschland im Krieg«   und so konnt ich meine Eltern nicht holen meine Tante wär Bürge gewesen

Barbara Kurowska

[1:22:28] w- wie sind Sie denn in Israel mit Ihrer deutschen Identität umgegangen also haben Sie haben Sie sich komplett auf Hebräisch dann um- umgestellt oder waren Sie immer noch eine Deutsche wie war das für Sie dann ?

Rachel Dror

[1:22:43] meine   [räuspert sich] ich habe die Eigenschaften behalten   im gewissen Sinne die mir von meinen Eltern überliefert worden ist speziell vom Vater   pünktlich Ordnung gerade   offen   aber ich hab -n orientalischen Mann gehabt und das war sehr gut   man lebt

[1:23:04] leichter man lebt offener das hab ich übernommen   und d- davon profitier ich bis heute   und äh   man nannte mich Jecke   und je nachdem von wo die Leute kamen hab ich dann gesagt »und ihr seid das«   mein Problem waren die Polinnen   die waren nicht

[1:23:31] offen   die meisten   schrecklich süß aber nicht offen   und äh ich bin nur dieses Offene gewöhnt   und das war mein Problem das ich drüben hatte   aber nachdem ich nach Deutschland kam   -n gebranntes Kind scheut das Feuer für mich ist jeder Mensch -n Mensch

[1:23:57] zunächst   äh zum Beispiel heute früh ich war beim Essen   und hab meine Tasche über -n Stuhl gehängt   und bin da so ein- hab meine Sachen geholt kommt eine Frau sie hat Englisch gesprochen nachher mit einem Mann [imitiert Akzent:] -ne richtige Amerikanerin  

[1:24:14] und sagt »Sie dürfen Ihre Tasche da nicht liegenlassen ich hab das gesehen Sie haben Ihre Tasche da hingehängt hier wurde gestohlen«   da hat man einer Frau die Tasche gestohlen im Esssaal Polizei war da und alles ich komm gar nicht auf die Idee warum soll

[1:24:32] man -ne Tasche stehlen von jemand anders ja   das ist so diese legere Art die hab ich behalten   und die hab ich auch in Israel gehabt   und vor allen Dingen mich hat ja alles   mich hat alles Neue interessiert   neue Sprachen ich hab versucht äh wir haben getrampt

[1:24:52] was wir nicht durften   als Schülerinnen wir haben äh wir sind mit mit Röcken raus haben Hosen mitgenommen dann haben wir uns umgezogen die Hosen angezogen dann haben wir getrampt sind wir mit Arabern gefahren und das war ja ganz schlimm von der Schule das

[1:25:07] durften wir nicht   aber wir haben das da solche Sachen haben wir gemacht und ich hab äh   dadurch dass man mit mir nicht Deutsch geredet hat ich hab auch in Deutsch nicht geantwortet   ich hab mir gesagt   und Englisch ja   bis ich Hebräisch konnte und ich

[1:25:27] hab noch in Deutschland bis ich zur Ausreise kam es war ja fast -n halbes Jahr hab ich noch bei einem humanen Professor von der äh Schule   der äh Humanität äh damals auch studiert hat nur äh bei dem hab ich Hebräisch deklinieren und konjugieren gelernt

[1:25:46] ich kam nach Palästina das konnte ich aber ich konnte keine Sätze sprechen aber ich hab keine Angst gehabt vor Fehlern ich hab gesagt die andern können meine Sprache nicht was soll -s nur so lernt man und dadurch dass ich mit Kindern zusammen war auch  

[1:26:01] von Kindern hab ich sehr viel gelernt

Lennart Bohne

[1:26:04] hat sich durch den hat sich durch den aktiven Aufbau des Staates zu dem Sie beigetragen haben und dem gleichzeitigen Erlernen der Sprache bei Ihnen auch eine israelische Identität ausgeprägt entwickelt

Rachel Dror

[1:26:19] [gleichzeitig:] absolut   ich fühl mich als Israelin ich bin Deutsche von Geburt   hab Gott sei Dank auch die positiven Seiten die ich hier gekriegt hab die kann ich nicht ablegen   aber ich bin Israeli ich bin -n freier Mensch ich hab keine Angst ich sag den

[1:26:35] Leuten   knallhart was ich denke wenn es sein muss   ich mach keine Vorwürfe ich hab kein Hass Hass gibt -s nicht   und sage jedem was ich meine ins Gesicht   ich zieh die Leute aus -n Mann bleibt -n Mann -ne Frau bleibt -ne Frau in meinem Gehirn   das was

[1:26:59] da ist und da ist [zeigt auf den Arm] macht auf mich keinen Eindruck ich hab selber -ne Uniform gehabt ich weiß was Uniform bedeutet ich weiß auch was hinter der Uniform ist wie die Leute sich verhalten haben und so weiter ich hab auch immer dafür gesorgt

[1:27:12] wir waren ja die ersten Frauen in der Polizei   und unsere Offiziere kamen »ich bin (Moshe) «   und da hab ich gedacht »Sie sind yes Sir und no Sir«   und d- damit bin ich sehr gut gefahren und bis heute auch mit meinen Schulleitern mein Schulleiter hat

[1:27:31] auch mal gesagt »mein Name ist (Wolfgang) « hab ich gedacht Sie sind für mich der Herr (Eiken) und Sie bleiben für mich der Herr (Eiken)   und ich bin die Frau Dror also da war es v- so   ich weiß genau den Unterschied und äh ich halte das für richtig  

[1:27:46] ähm   weil die Leute die das anders gemacht wir hatten eine bildschöne äh Polizistin die mit mir auch die erste war also   die hat war glücklich dass der das zu ihr gesagt hat die hat nachher Schwierigkeiten über Schwierigkeiten gehabt   da hab ich ihr gesagt

[1:28:07] »hättst du das so gemacht wär es kein Problem« und ich hab hauptsächlich mit männlichen Leuten gearbeitet also ich hab da keine Probleme gehabt   in keinster Weise und äh   ja ich hab auch keine Angst äh ja   zum Beispiel als hier später ich kam ja

[1:28:28] dann zurück nach Deutschland aber das ist wieder -ne andere Geschichte   und äh ich hab da keine   Herr Professor Herr Doktor   die Leute können in Ihren Berufen sehr gut sein aber in der menschlichen Beziehung unmöglich sein  

Barbara Kurowska

[1:28:49] ja vielleicht kommen wir dann zu Ihrer Zeit in Deutschland nach einer kurzen Pause ja ?

Rachel Dror

[1:28:55] okay [Schnitt]

Barbara Kurowska

[1:28:58] wie ist es denn zu der Entscheidung gekommen zurück nach Deutschland zu fahren

Rachel Dror

[1:29:02] das ist nicht meine Entscheidung gewesen   sondern   ich habe   vor der Geburt meiner Tochter eine Krankheit gekriegt die Amöbenruhr   Amöbiasis nennt man das äh Bakterien die im Darm vom Darm   in die Leber gehen ins Blut und entweder man muss andauernd auf

[1:29:23] die Tr- Toilette laufen oder man kann gar nicht   und   bin ich zum Arzt   und der Arzt hat gesagt »ja   äh muss man was machen« sag ich »okay«   »Sie müssen ganz starke Tabletten nehmen wir haben die« und ich hab die Tabletten genommen   und es war besser  

[1:29:45] dann ist meine Tochter geboren   beziehungsweise ich war schwanger und während der Schwangerschaft hat sich das ohnehin gebessert weil ich hatte zwei Leber   und dadurch war meine eigene nicht so belastet dadurch ja dass die Leber der Tochter auch da noch drin

[1:30:02] da war also jedenfalls während der Schwangerschaft war ich weniger belastet damit   und war glücklich hach jetzt bist du das los und so wie die draußen war fing das wieder an   und da hab ich nochmal diese Tabletten und die haben dann das Herz angegriffen  

[1:30:20] und da haben die Ärzte gesagt »ja es tut uns leid Sie müssen Rentnerin werden« und ich hab [lacht] gegen diesen Ausdruck Rentner schon immer was gehabt Pension ist was anders aber Rentnerin da sind in meinem Kopf so gewisse Typen   und da hab ich gesagt

[1:30:32] »Rentnerin nein ich bin viel zu jung« ich war 26 damals   ähm   nein   »ja dann müssen Sie auswandern«   sag ich »okay« England   wir haben während des Krieges mit den ganzen Soldaten die gegen Deutschland gekämpft haben die waren auch bei uns   da waren

[1:30:51] Engländer Amerikaner Kanadier Griechen wir sind mit denen ausgegangen wir haben Kontakte so gehabt gesprochen   und   damals war auch ein junger Engländer der wollte Deutsch lernen   war ein Sohn von einem Lehrer   und war sehr sehr musikin- klassische Musik

[1:31:12] ins- äh interessiert und wir sind sogar zusammen in Konzerte gegangen   und äh damals hab ich England so -n bisschen kennengelernt und Englisch konnte ich da hab ich gedacht »also okay gehen wir nach England« mein Mann der in Deutschland sein Studium gemacht

[1:31:28] hat und neun Sprachen sprach hat gesagt »nee nee wir gehen nach Deutschland da ist prosperity jetzt und da krieg ich auch Arbeit« mein Mann ist 14 Jahr älter als ich gewesen   was sollte ich machen ich war verheiratet also   wir haben uns ja nicht gezankt

[1:31:44] sondern es war einfach die Meinung   gut   gehen wir nach Deutschland und da hab ich gesagt »aber nur unter einer Bedingung du bist Bohemien Typ« mein Mann war das schon dort »ich bin nichts besseres ich hab von Geld keine Ahnung wir müssen jemand mitnehmen

[1:32:01] der -n bisschen was von Geld versteht« und wir hatten zu der Zeit   äh ein Haus das hat mein Onkel angefangen zu finanzieren in einer Siedlung wo nur Iraker Jordanier Ägypter also orientalische Juden waren ganz wenig europäische Juden   und da waren wir

[1:32:23] die Persönlichkeit an sich wenn ich kam die Türen waren auf die Frau vom Architekten und so wei- also das war verrückt ja aber so war das damals   und ähm   so sind wir dort gewesen   jetzt hab ich den Faden verloren   fragen Sie noch mal

Barbara Kurowska

[1:32:44] wie Sie nach Deutschland gekommen sind

Rachel Dror

[1:32:46] ja   und mein Mann hatte zu der Zeit   -n großen Fehler gemacht wir mussten monatlich Geld zahlen und er hat das Geld nicht gezahlt   ich wusste das nicht   und wir konnten die Miete nachher nicht zahlen wir mussten abzahlen mein Onkel der in Amerika war   der

[1:33:06] hat das Geld bezahlt ich hab von meinem Onkel hier [zeigt Fotografie]   der Mann der hier drauf ist das ist der Onkel   der ist von Berlin war der letzte Platz ist dann nach die haben in Breslau gelebt kamen nach Berlin und von Berlin nach Holland und von

[1:33:31] Holland nach Amerika   und dem ging es gut   und der hat äh -ne Anzahlung uns gegeben und wir hätten jeden Monat zahlen müssen   und ich hatte gedacht mein Mann macht das er hat -s nicht gemacht er hat das Geld benutzt zu was anderem also da sind Dinge gelaufen

[1:33:52] die waren nicht sehr schön auf jeden Fall   ähm mussten wir weg   und äh   und so hab ich gesagt »also nach Deutschland nicht   wenn nach England« und dann hat er aber gesagt Deutschland da hab ich gesagt »gut unter einer Bedingung   wir nehmen diesen jungen

[1:34:12] Mann mit«   das war ein irakischer Jude   der sich in Geschäft auskannte der auch Arabisch konnte der kochen konnte und was macht man in Deutschland welche Ideen sind in Deutschland man hat damals gedacht macht -n orientalisches Restaurant auf   und da hab

[1:34:34] ich gesagt »aber ich mach mit Küche nichts ich will nichts mit solchen Sachen zu tun haben das müsst ihr alles machen   ich bin bereit äh   da mitzuhelfen aber nicht zu kochen und so«   kurzum so sind wir mit ihm   und meinem Mann nach Berlin gekommen denn

[1:34:51] ich hab gesagt »wenn nur nach Berlin.« keinen anderen Platz   die Berliner lagen mir immer schon von der Sprache her von der Art her von diesem saloppen her -n bisschen   und äh und so kamen wir nach Berlin  

[1:35:07] und von Berlin haben wir zuerst nur drei Monate

[1:35:11] Aufenthalt gehabt   und meine erste Begegnung war mit einem   Polizeioffizier   der meinte »Sie haben sich ja die Genehmigung irgendwie erschlichen   [hustet] Sie müssen raus«   und da hab ich gesagt »nein ich hab das ganz offiziell bekommen   aber wenn Sie

[1:35:34] meinen« ich hatte meine Geburtsurkunde   sag ich »wenn ich innerhalb von zwei Wochen nicht meine deutsche Staatsangehörigkeit habe dann können wir uns woanders reden   das was Sie hier« [gestikuliert] so wörtlich hab ich gesagt »das was Sie hier haben

[1:35:48] das hab ich da gehabt und die Uniform macht auf mich keinen Eindruck«   und dann hab ich die deutsche Staatsangehörigkeit innerhalb von zwei Wochen gehabt   und dann mussten wir aber doch aus Berlin weil   [räuspert sich] nach Berlin konnten nur Leute kommen

[1:36:06] die vor dem Zweiten Weltkrieg in Berlin gewohnt haben zu der damaligen Zeit und so kamen wir nach Frankfurt   in Frankfurt hab ich zuerst Kindergarten gemacht   denn ist mir ein Kind weggelaufen weil die Kinder hier -ne ganz andere Erziehung hatten wie ich gewohnt

[1:36:22] war   dann kam ich zu einem Vertreter   dann hab ich äh   Pullover vertreten   dann hab ich Handtaschenventilatoren vertreten   dann äh kam ich zu -ner Bank   und äh   da hab ich die Kundenkreditbank kennengelernt und die Kundenkreditbank das war die Bank in dem

[1:36:47] mein Vater zu Hause Geschäfte gemacht hat weil ich kannte noch den ehemaligen Leiter von der Kundenkreditbank   und über meinen Vater nachdem ich in der Bank angefangen hab zu arbeiten   haben die einen Leumund geholt aus Düsseldorf von einem Königsberger  

[1:37:06] und der hat einen sehr guten Leumund über meinen Vater gegeben   und so kam ich in die Bank ich hatte null Ahnung ich war ja nicht ausgebildet   und dann hat ich -ne junge Kollegin und die hat mir alles gezeigt   und so haben wir erst Kredite gegeben und dann

[1:37:23] war ich Kassiererin so -n Sprungkassiererin da wo jemand gefehlt hat durft ich auch   und da hab ich schrecklich viel Geld zahlen müssen weil die Scheine geklebt haben und ich wusste das nicht und ich hab das so ausgezahlt   und dann hat das Geld gefehlt   und

[1:37:39] äh unser Sekretär hat gesagt »die Frau Dror ist -ne sehr nette Frau aber mit den Nullen hat sie -s nicht entweder stellt sie sie vor oder hinterher«   [lacht] und ähm  

[1:37:53] so kam ich auch nach Stuttgart   und nach Esslingen   und in Esslingen hab ich einen

[1:38:02] Dekan kennengelernt   Dekan Pfeiffer und der hat mich zu Weihnachten eingeladen   und dann hat er gesagt »Mädchen   jetzt frag ich dich mal was wolltst du mal werden«   und da hab ich gesagt »was ich werden wollte ich wollte Sportlehrer und Zeichenlehrer werden«  

[1:38:19] »ja jetzt sucht man das«   sag ich »ja ich werd doch nicht genommen ich hab keine Schulbildung ich bin mitten in der Schule weg   Landwirtschaft Polizei und zur Polizei will ich hier nicht«   »das überlass mir«   sag ich »aber wenn ich -ne Prüfung machen

[1:38:36] muss« »das überlass mir«   und dann kam ich zu der Prüfung   und dann hatt ich dort einen Lehrer   der ganz fies war   und der folgende Frage gestellt hat »Frau Dror können Sie sich vorstellen   dass ein Krimineller auch Künstler ist«   und sag ich »ja

[1:38:56] warum nicht was hat das Eine mit dem Andern zu tun« »ja das müssten Sie wissen« sag ich »ich ? warum ich ?« »ja wissen Sie nicht wer Heydrich war«   und ich hatte keine die ganzen Größen kannte ich nicht   sag ich »keine Ahnung« »was ? Sie wissen nicht

[1:39:11] wer Heydrich war ?«   »nein« und dann hat er mir erzählt das war einer der auch Juden getötet hat aber er war Geiger   also sag ich »und im übrigen ich bin zu Ihnen gekommen um gep- um Kunstgeschichte geprüft zu werden und Kunst   und nicht über Politik«

[1:39:30] ich hatte mir morgens   eine halbe Tablette Contergan   von einem Arzt geholt bei dem ich Kunde war und gesagt habe »Herr Doktor ich brauch eine Wurschtigkeitstablette   sonst besteh ich keine Prüfung« und da hat er gesagt »gut du kriegst sie aber nur eine

[1:39:49] halbe Tablette«   und seine S- seine Mithelferin Helferin Arzthelferin die hat angerufen morgens früh »Frau Dror sind Sie da« sag ich »ja warum ?« »haben Sie schon die Ta-« »ja die hab ich« »nicht mehr nehmen« sag ich »nein« »und nachmittags zu

[1:40:04] uns zum Kaffee kommen wir wollen sehen dass Sie gesund sind« sag ich »ich nehm nicht mehr ich hab gar kein Interesse an so was«   und so hab ich dem geant- so konnt ich dem antworten   und da wurd ich eingestellt zum Studieren durft ich studieren   und das

[1:40:21] 1967 bis 69   hab ich studiert   äh als Fachlehrer für Bildende Kunst und Technik und Werklehrer nachher kam dazu   nein Werken hieß das Werken und nachher kam dazu Technik   und da haben wir -ne Ausbildung gehabt eine Stunde vor den Schülern also was ich

[1:40:42] gestern gelernt hab musst ich dann morgen den Schülern weitergeben und ich hatte meine Stärke war die pädagogische Stärke ich konnte unheimlich viel von Schülern herausziehen und die haben gedacht ich weiß sehr viel und so hab ich unterrichtet   und die

[1:40:57] Schüler hatten vor mir Respekt wir hatten ein sehr gutes Verhältnis gehabt die wussten ich habe auch ich habe alles mit denen gemacht ich hab wirklich Pferde gestohlen wie man sagt aber wenn ich gesagt hab »aus« ist aus und das wussten sie bei mir konnten

[1:41:12] sie nicht anfangen Blödsinn zu machen   und ich hab auch verlangt dass sie offen sind   und wenn sie über Leute geschimpft haben wir hatten achtzig Prozent Ausländer da hab ich gesagt »bei meinem Unterricht möchte ich so was nie hören« und hab ihnen auch

[1:41:30] gesagt warum   und ähm   die durften auch nicht kommen und sagen »Frau Dror ich hab verschlafen« sondern die sind dann gekommen »Frau Dror   ähm   heute haben wir wirklich verschlafen« sag ich »okay dann hat eure Großmutter nicht euch g- nicht geweckt«

[1:41:47] »nein nein wir haben wirklich verschlafen«   sag ich »okay wenn du morgen da bist ist alles ja in Ordnung«   und so hab ich dort unterrichtet bis 1986   also erst 67 bis 69 studiert und bis 67 hab ich alles das was ich Ihnen erzählt hab alles gemacht

Barbara Kurowska

[1:42:08] sind Sie in Deutschland immer offen umgegangen damit dass Sie verfolgt wurden als Jüdin und dass Sie dann nach Israel gegan-

Rachel Dror

[1:42:16] [gleichzeitig:] wenn man mich gefragt hat ich hab das nicht als Schild vor mir hergetragen   aber der Name bürgt für Qualität Rachel Dror

Barbara Kurowska

[1:42:23] und Sie haben gesagt dass Sie keinen Hass verspürt haben gegenüber den Deutschen aber war es ein- war es einfach für Sie nach Deutschland zurückzukehren oder hatten Sie da Probleme Menschen zu begegnen

Rachel Dror

[1:42:35] [gleichzeitig:] ich hatte keine Probleme weil ich gesagt hab die Menschen die so was gemacht haben   die waren seelisch und -n seelisch kranken Menschen kann man nicht hassen sie waren nicht normal   und das sag ich heute in der Schule und sag auch dass heute

[1:42:50] sehr viel unnormale Menschen gibt denn wenn heute junge Menschen auf die Straße gehen mit den Stiefeln und hipp hipp hurra schreien und Hitler wollen die null Ahnung vom Judentum haben   überhaupt keine Juden kennen   und nur schreien Juden und Ausländer

[1:43:06] und so weiter   dann sind das kranke Menschen und kranke Menschen kann ich nicht hassen   -n kranken Menschen kann man doch nicht hassen   ich muss nicht jeden lieben ich muss nicht jedem um Hals fallen aber für mich hat jeder Mensch -ne Würde   ich habe Ihnen

[1:43:23] nachher auch -ne Visitenkarte mitgebracht die kriegen Sie   alle drei da steht das auch drauf   und ähm   ich kenn wirklich keinen Hass   ich sag wie gesagt wenn ich   schlecht angesprochen werde ich hab keine Angst was zu sagen   ich sag das manchmal im lachenden

[1:43:45] Ton manchmal in sehr bestimmten Ton   aber ich sag es

Lennart Bohne

[1:43:49] Sie haben gesagt Ihr Lebensmotto ist ein Zitat von Theodor Herzl »wenn du willst ist es kein Wunder«

Rachel Dror

[1:43:58] [gleichzeitig:] ja »wenn du willst ist es kein Märchen«

Lennart Bohne

[1:44:01] »wenn du willst ist es kein Märchen«   äh der Staat äh Israel existiert Sie wohnen in Deutschland fühlen sich als Israelin   ist das ein Gefühl dass der Staat Israel existiert für Sie ein Gefühl der Sicherheit jederzeit zurück zu können

Rachel Dror

[1:44:14] ja   ich würde auch nie meine Staatsangehörigkeit abgeben man wenn man von mir verlangen würde ich hab zur Zeit zwei wir dürfen zwei Staatsangehörigkeiten haben weil man uns als Deutsche staatenlos gemacht hat ich hab ja die Geburtsurkunde meine Mutter

[1:44:30] ist bis zum 17ten Jahrhundert Vater bis zum 18ten Jahrhundert in Deutschland war im Militär und so weiter also ich bin Deutsche   und aus dem Grunde weil man uns staatenlos gemacht hat dürfen wir zwei Staatsangehörigkeiten haben   und ich würde die israelische

[1:44:47] nicht aufgeben   ist der Staat der mich gerettet hat der mein Leben gerettet hat Palästina zuerst dann Israel   und das vergess ich nicht   ohne das wär ich vielleicht da gewesen wo meine Eltern gewesen geblieben sind   aber ich kann auch sagen das und

[1:45:08] das im Staat heute ist nicht in Ordnung   also ich glaube ich kann objektiv urteilen ich sag nicht alles was dort ist ist hundertprozentig   da gibt -s Menschen wenn ich das zu Erwachsenen sage jetzt kann ich -s hier wiederholen ich sag wir haben Huren wir haben

[1:45:24] Kriminelle   wir haben Intelligente wir haben Superintelligente und Superdumme   wie ein jedes Volk   sind Menschen wie jedes Volk   zum Beispiel unsere Huren haben damals den Engländern das hat ein Rechtsanwalt gemacht der 500 Jahre schon in Palästina lebte

[1:45:44] und seine Vorfahren auch   äh der hat gesagt die Huren müssen auf die Lastautos   die äh Chauffeure müssen nüchtern sein   und alle andern ihr müsst den Alkohol vom ganzen Land her schaffen die Leute betrunken machen und dann auf die Schiffe bringen und

[1:46:05] so hat man die Engländer damals rausgefahren ich hab das erlebt   mein Mann hat damals seine Käppi auf -n den Boden geworfen hat gesagt bin ich Männlein oder Weiblein ich weiß schon nicht welche Straße ich wo öffnen muss weil das ging innerhalb von Sekunden

[1:46:20] mussten wir ändern ja   wenn ein Auto von da kam dann durften die nicht fahren dann mussten die fahren das ging ganz schnell aber alle das Ende war der Hafen   und die Waffen haben wir gekriegt von den Huren die das den Soldaten abgenommen haben so haben wir

[1:46:36] d- die ersten Waffen gehabt wir hatten keine Waffen   Israel hatte keine Waffen   und das war dieser Rechtsanwalt Rechtsanwalt (Salomon) so hieß er   ich glaube das ist in dem andern Paket   da hab ich noch was   könnt ich Ihnen den zeigen   [blättert]

[1:47:01] ja hier ist er nicht da   in dem andern Paket hab ich noch -n Bild von dem   und deswegen mein ich es gibt   es gibt nicht [betont:] die Palästinenser es gibt nicht [betont:] die Juden es gibt [betont:] den Menschen und jeder Mensch hat einen Namen   und jeder

[1:47:23] Mensch ist für das verantwortlich was er tut und nicht was der andere getan hat und so fang ich jeden Vortrag an in der Schule   und auch vor Erwachsenen auch vor der Führung   und den Schülern sag ich »ihr lebt ihr seid nicht verantwortlich für das was

[1:47:38] war   ihr seid verantwortlich für heute und für morgen«   dass so was nie und nicht nur mit jüdischen Menschen sondern generell mit Menschen nicht passiert   also das ist mein Anliegen   und deswegen   ich glaube deswegen komm ich an bei Menschen   dass ich

[1:48:01] nicht schon mit -m Gesicht Leuten begegne jetzt weil sie deutsch sind   oder schon negativ bei mir k- zu Hause   sind Menschen in den unterschiedlichsten Religionen zu meinen Feiertagen Neujahr   hab ich Muslims evangelisch katholisch   jüdische Menschen lade

[1:48:23] ich nicht ein weil ich keinen koscheren Haushalt führe   zur Zeit   aber   ich lade F-   Bekannte und Freunde ein die daran interessiert sind und mach es so wie ich es zu Hause gewohnt bin   die Leute dürfen mitlesen in ihrer Sprache ich lese es in Hebräisch

[1:48:45] ich frage »darf ich Hebräisch lesen ?« ja ich lese es in Hebräisch zum Beispiel am Passah-Fest den Seder-Abend ich weiß nicht ob Sie wissen ja ?   und ähm   und so sind meine Freundeskreise   wenn Leute kommen »dürfen wir die Schuhe ausziehen ?« bitte hab

[1:49:01] ich weniger Staub in der Wohnung kein Problem   trag ich -n Kopftuch tragen sie -n Kopftuch   ich kann nicht verstehen   dass es ein Gesetz gibt für Lehrer   dass sie keine nicht studieren dürfen wenn sie Kopftücher tragen   und vor der Klasse stehen und

[1:49:23] auf der andern Seite hat man in den katholischen Schulen die Schwestern die Nonnen   die in den Uniformen gehen   und ich kann nicht verstehen dass man heute Gottes Sohn aufhängt in München in Bayern   wenn auch andere Sch- Schüler dort sind die -ne andere

[1:49:44] Religion haben   dann muss das so sein dass   dass man die Menschen anerkennt alle die da sind   und Lehrer machen da einen großen Fehler dass sie von vornherein   einen also die meisten   es gibt sehr gute Lehrer aber die meisten dass sie zu ausländischen

[1:50:11] Schülern schon   »ja der spricht nicht Deutsch der ist nicht dies der ist nicht jenes« schon von vorneherein   negativ eingestellt sind   und das sind meistens Menschen die auch noch nie im Ausland waren   oder zum Beispiel es gibt auch viele die in die   orientalischen

[1:50:31] Länder fahren das erste sie laufen zum Basar   essen dort auch alles auch wenn es Knoblauch ist und wenn hier jemand Gott behüte -n Knoblauch gegessen hat   dann ist das schon so   [gestikuliert] dann wird er schon kommt er in -ne gewisse Schublade   gibt ein

[1:50:49] wunderbares äh Poster von der Landeszentrale   die verschieden- die Schubladen der verschiedenen gläubig- äh Gläubigen   das ist wirklich äh   das ist das was mich ärgert und ich hoffe und wenn -s auch immer nur einer ist oder zwei ist wenn ich in -ne

[1:51:11] Schule komme die mir sagen »Frau Dror danke   schön dass Sie uns das erzählt haben bleiben Sie noch lange gesund«   das gibt mir immer wieder Kraft dass ich sage   und wenn es nur einer ist   aber der kann ja was bewirken so wie Sie hier alle jung deswegen

[1:51:29] hab ich ja gesagt hier sind alles junge Menschen das find ich so toll   dass Sie sich mit diesem das muss Sie doch irgendwo   entweder auch ähm   bedrücken ich mag ja auch wenn ich erzähle und Sie mein Gesicht sehen und ich seh Ihre Gesichter   das muss Sie

[1:51:48] doch auch mitnehmen wahrscheinlich in Ihr Leben oder ich weiß nicht äh ob das nicht manchmal   ich träum darüber nicht   ich kann die schlimmsten Dinge lesen und schlaf wunderbar danach   das heißt nicht dass ich die tue das heißt nicht dass ich die

[1:52:09] Dinge nicht verurteile ja aber das muss man da anbringen wo es Not am Mann ist   ich kann doch nicht heute jungen Menschen beschuldigen   Dinge getan zu haben wo sie noch nicht noch nicht mal geboren waren   und dann mit -m gesenkten Kopf zu gehen das find

[1:52:31] ich falsch   man muss heute mit offenen Augen durch die Welt gehen   und muss versuchen   hinzuschauen nicht wegzuschauen   und   zu versuchen jeden Menschen anzuerkennen   und wenn einer eben negativ ist und er muss unbedingt seine Strafe kriegen soll er auch seine

[1:52:55] Strafe kriegen   zum Beispiel dass solche Dinge wie in der wie in Sachsen passieren dass man acht muslimische Kaufleute einfach ermordet die Polizei nichts weiß und und keiner was gewusst hat jetzt macht man daraus -ne ganze Geschichte   das ist doch nicht

[1:53:13] normal   kann doch nicht sein   nur weil es Muslims waren   wenn es Juden gewesen wären da hätte man das nicht gemacht und das find ich nicht gut das sind genauso Menschen   da gibt -s genauso positive Menschen genauso negative Menschen   also da kann ich

[1:53:36] mich   darüber aufregen weil das find ich einfach nicht gut  

[1:53:43] und wenn Sie mich fragen dass ich mich als Israeli fühle natürlich Sie dürfen eins nicht vergessen man wurde von Dreck wurde man was   nachdem man mich als Dreck behandelt hat ja ?   und dann merkt

[1:54:00] man ja man ist ja eigentlich kein Dreck   man ist ja -n Mensch wie jeder andere auch   und man hat -n Staat und ich weiß nicht waren Sie mal drüben ? nein Sie waren drüben wenn man heute dorthin kommt und sieht was da in den 64 Jahren geschaffen worden ist  

[1:54:19] das ist doch enorm was da gemacht worden ist   aber das ist nicht nur von Juden gebaut das ist auch von Arabern gebaut   und von andern Menschen und ähm   natürlich gibt es man sagt ja die man spricht vom tzabar tzabar ist der Kaktus   außen stachelig

[1:54:46] innen süß und das nennt man die israelischen Männer und die israelischen Frauen sind die tzabrot   [räuspert sich] die sind manchmal so flapsig ja   aber wenn es ankommt kann man sich auf die Leute verlassen   und die stehen zu ihren Familien   das darf

[1:55:13] man nicht vergessen   und wenn die heute sich verteidigen   ja also ich mein ich kenn den Satz in der äh evangelischen in der christlichen Religion äh   wenn de eine Backe -ne Ohrfeige kriegst halte die andere hin ja wer macht das   ich mein wenn ich angegriffen

[1:55:39] werde dann muss ich mich doch wehren und wenn man andauernd gesagt kriegt man ist feige   dann wehrt man sich erst recht   und das ist das was was mir die Stärke [hustet]   was mir auf jeden Fall die Stärke gegeben hat [trinkt]

Barbara Kurowska

[1:56:02] Sie sind ja bis heute noch immer sehr aktiv äh Sie arbeiten sehr viel äh in der Jüdischen Gemeinde geben Führungen in der Synagoge äh und sind auch viel in Schulen äh und halten dort Vorträge könnten Sie etwas über Ihre Arbeit erzählen was genau

[1:56:16] Sie machen und über Ihre Begegnungen mit Menschen

Rachel Dror

[1:56:18] ja also die Führungen in der Synagoge mach ich so dass ich zuerst die drei Begriffe erläutere wer ist Jude   wie wird man Jude   wer ist Israeli und wer ist Israelite   weil das wird in Deutschland alles in einen Topf geworfen und dann erklär ich alles was

[1:56:35] man sieht   und dann können die Schüler fragen   oder die Leute die da sitzen   dann machen wir Essen   äh und ähm   wir sind eine Einheitsgemeinde die streng nach den Sitten und Gebräuchen des Judentums geführt wird und wir haben ein koscheres Restaurant  

[1:56:56] und dort ähm kriegen die Leute ein Essen   und ich erkläre was koschere Küche ist dass es keine jüdische Küche gibt so wie es keine evangelisch katholisch moslemische Küche gibt   und nachdem ich das erklärt hab essen alle zuerst kommen die Getränke

[1:57:13] auf -n Tisch dann essen alle   und dann ist die Führung für die Erwachsenen   dann kommen   Vorträge an Schulen so wie ich es jetzt bei Ihnen gemacht hab nur der Unterschied dass ich da -ne Menge sitzen habe die nicht Fragen stellen sondern ich beginne mit

[1:57:29] den Großeltern und erzähle das fließend   ähm ich erzähl den ersten Teil bis ich auswandere   der zweite Teil   Israel Eltern   und bevor ich Schluss mache les ich einen   erzähl ich kurz den Inhalt eines Buches »Der Junge von der Bernsteinküste« Martin

[1:57:50] Bergau der als Hitlerjunge das erlebt hat und dann ein Erlebnis hatte das ihn dazu gezwungen hat dies Buch zu schreiben   und da schreibt er v- die Sätze   [hustet] »ihr habt uns zu Mördern zu Heuchlern gemacht wo waren die Kirchen uns hat man gelehrt liebe

[1:58:10] deinen Nächsten vor Gott sind alle gleich und heute haben Kirchen äh (Ohren) und alles verschlossen   und wenn das damals anders gewesen wäre   [hustet] dann wären so und so viel tausend Menschen am Leben geblieben« [hustet]   oh jetzt fang ich an [hustet]

[1:58:30]   und äh   ja also das ist die Arbeit dann mach ich Lehreraustausch Israel deutsch   ja das sind so die Sachen die ich mache   in der Gesellschaft christlich-jüd- und Lehrer äh ich hab mit Lehrern gearbeitet [hustet]   ich hab mit Lehrern gearbeitet

[1:58:59]

Barbara Kurowska

[1:59:07] und was hat Sie dazu bewegt äh sich da zu engagieren

Rachel Dror

[1:59:10] weil ein Rabbiner von uns   der vorhergehende zu einer Nonne gesagt hat die gefragt hat »Herr Rabbiner haben Sie auch die Psalmen ?« und da hat er gesagt »die Psalmen habt ihr von uns das Vaterunser habt ihr von uns nun habt ihr noch einen den könnt ihr

[1:59:27] behalten«   und das kam an meine Ohren ich war damals in der Schule   und da hab ich gedacht jetzt muss ich irgendwas tun   und da hab ich ihn gefragt ob ich die kleinen Klassen führen darf ich würde Geld abgeben der Gemeinde dafür   da konnt er nicht nein

[1:59:44] sagen weil ich gesagt hab ich geb Geld ab   und so hat das angefangen das Mund- Mundpropaganda   ich mach keine Reklame für mich   und die Schüler die Arbeiten schreiben gucken im Internet suchen   finden mich und dann kommen sie zu mir rufen an   schreiben dann

[2:00:03] gute Arbeiten   ich sitz da mit denen eins bis zwei Stunden die können Fragen stellen

Barbara Kurowska

[2:00:11] sind Sie nochmal in Königsberg gewesen ?

Rachel Dror

[2:00:16] leider nicht nein ich nicht  

Barbara Kurowska

[2:00:19] wollten Sie es nicht oder ?

Rachel Dror

[2:00:24] doch aber ich war mit einem Königsberger befreundet der nie dorthin wollte weil alles anders ist wie es mal war   und es gibt ja viele Ostpreußen da war jeder -n Gutsbesitzer und jeder hat geglaubt erzählte das auf jeden Fall   und äh die Leute sind sehr

[2:00:43] enttäuscht wie heute Königsberg aussieht und glauben immer noch dass was man war das ist heute so   und äh er ist nie gefahren und alleine wollt ich nicht weil ich nicht Russisch kann  

Lennart Bohne

[2:00:56] Sie kriegen für Ihr Engagement   äh in diesem Monat oder im kommenden Monat den Bundesverdienstorden des Landes Baden-Württemberg verliehen

Rachel Dror

[2:01:12] nein nicht Bundesverdienstorden den Landesorden das -n Unterschied   ich krieg nicht das Kreuz den Landesorden von Baden-Württemberg   nicht das Bundesverdienstkreuz

Lennart Bohne

[2:01:24] so ist es   wie ist es dazu gekommen ?

Rachel Dror

[2:01:28] es hat ein Kollege   ein Oberstudiendirektor aus Villingen den ich nach Israel geschickt habe und der seit der Zeit in Yad Vashem ist im Fernsehen in Israel ist Lehrerfortbildungen in Israel äh macht der ist Englischlehrer spricht ein hervorragendes Englisch  

[2:01:45] ist frei und hat Zeit hat dort Freunde   und kommt lernt von einem den andern kennen hat -ne irre Freundschaftskette dort aufgebaut   und der hat beschlossen dass er das für mich haben will   und ich war entsetzt   weil ich gesagt hab ich brauch kein Kreuz ich

[2:02:08] hab schon   äh die Medaille von der christlich-jüdischen Gesellschaft   und habe die Medaille von der Diaphania ich bin in einem griechischen Verein   für Migration   und aber er hat nicht abgelassen wir waren regelrecht verkracht damals ich hab gesagt »auf

[2:02:26] keinen Fall darfst du irgendwie was weiter machen   wenn dies vergessen haben solls ruhen ich will nicht dass da nachgeforscht wird«   und dann hat äh   Ministerpräsident Mappus   mir gesagt äh dass ich das kriege   und das war an einem Schabbat mit noch 28

[2:02:49] Leuten   das erste Mal war das in Mannheim   im Schloss   und äh am Schabbat kann ich nicht fahren   ist mir verboten als Jude   was ich privat mache ist -ne andere Sache als was ich offiziell ich kriege diese Auszeichnung für meine Arbeit über Judentum Führungen

[2:03:11] in der Synagoge und für mich ist selbstverständlich dass der Rabbiner daran teilnimmt   und m- vom Rabbiner kann ich nicht verlangen dass er am Schabbat fährt und ich mach das auch nicht das wär Heuchelei   und das hab ich geschrieben   ich hab damals zum

[2:03:29] Ausdruck gebracht dass ich mich doch sehr wundere   dass   nachdem jetzt schon lange Jahre jüdische Menschen hier gibt dass man das immer noch nicht weiß   dass am Sabbat gewisse Dinge für Juden verboten sind und dass man da eigentlich nachfragen sollte  

[2:03:45] und ähm   daraufhin Mappus ging weg kam Ministerpräsident Kretschmann hab von ihm einen sehr netten Brief bekommen er freut sich mir die Medaille zu übergeben   und er würde sich noch mehr freuen wenn ich Verwandte und äh Bekannte hätte die ich dazu einlade

[2:04:07] ich darf vierzig Personen zwischen dreißig und vierzig Personen einladen   ich würde von seinem Büro benachrichtigt   und dann hab ich mich erkundigt bei einer Stadträtin weil ich mich da in Bürokratie nicht so auskenn was muss ich machen muss ich irgendwie

[2:04:23] reagieren »nein du musst warten«   und vor drei Wochen am Samstag hat -ne Kollegin mich angerufen mir gratuliert zum großen Tag   und ähm   da hab ich gesagt »großer Tag ? du hast mir zum Geburtstag gratuliert der war Anfang des Jahres was für -n großen

[2:04:44] Tag ich war in Wildbad« »ja du kriegst heute -ne Medaille mit 28 Leuten im Schloss Ludwigsburg«   »das ist interessant ich hab keine Ahnung«   »aber es steht -n Bild von dir und deine ganze Vita« sag ich »ich hab trotzdem keine Ahnung« und dann hab

[2:05:00] ich Montag das äh Büro angerufen   und hab gesagt »ist doch eigentlich komisch dass ich davon nichts weiß«   »ach ja wir hätten Sie benachrichtigen müssen aber der Ministerpräsident hat gesagt die jüdische Seite kann nicht teilnehmen   wegen Schabbat«  

[2:05:16] sag ich »okay   ich bin mit geh mit Ihnen einig aber das hätte man mir sagen müssen mir ist das peinlich der   ähm   Doktor Schuster Bürgermeister Stuttgarts schreibt -n persönlichen Brief an mich verschiedene Schulleiter Lehrer gratulieren mir schreiben

[2:05:35] mir   und ich habe nichts«   und da hat man jetzt dann den das Datum auf den fünften Juli gelegt   und ich kriege das aber nicht von Herrn Kretschmann sondern von Herrn Murawski   ich glaube er hat -n Doktortitel er war früher der Bürgermeister für die Krankenhäuser

[2:05:56] und heute ist er Staatssekretär   und ich durfte v- vierzig Leute einladen   mal sehen wer kommt

Barbara Kurowska

[2:06:06] ja auf jeden Fall gratulieren wir erstmal natürlich das ist äh

Rachel Dror

[2:06:12] herzlichen Dank   ich habs noch nicht [lacht]

Barbara Kurowska

[2:06:15] möchten Sie noch zum Schluss etwas sagen noch   etwas hinzufügen

Rachel Dror

[2:06:23] will ich noch was sagen ?   ja ich bedanke mich auf jeden Fall   erstens dass Sie auf mich gekommen sind   ähm   diese Fragen zu beantworten   zweitens dass Sie das wichtig finden   auch meine Leben zu h- äh zu erfahren über mein Leben zu erfahren   denn es

[2:06:52] gibt bestimmt Menschen die viel viel Schlimmeres erlebt haben   und ich brüste mich auch nicht damit was ich erlebt habe   und ich fühle mich sehr geehrt mehr kann ich nicht sagen und ich hoffe   dass ich Ihnen die Dinge so   beantworten konnte so wie ich meine

[2:07:11] dass es richtig ist   und dass Menschen   wenn die das wirklich mal lesen würden   merken es gibt auch Leute   die die Würde eines jeden Menschen anerkennen   und nicht nur die Würde eines Menschen der von einer bestimmten Religion kommt   das ist mein

[2:07:39] Anliegen nachdem ich selber -n gebranntes Kind bin und war   und   heute eben das Glück hab frei zu sein   und deswegen werde ich solange ich kann   das vertreten   und meine Arbeit fortführen so lange ich kann mir macht -s Spaß und Freude   und ich hoffe

[2:08:05] dass ich junge Menschen   ein bisschen Einsicht geben kann   von älteren Menschen die damals gelebt haben verlange ich nichts weil   ich glaube -n älterer Mensch kann sich schlecht ändern   und wenn er es tut dann macht er das irgendwie so aber im Innern ist

[2:08:28] es doch schwierig   aber mir liegt sehr viel an jungen Menschen   und deswegen mach ich auch meine Arbeit mit jungen Menschen

Barbara Kurowska

[2:08:38] ja vielen herzlichen Dank Frau Dror

Lennart Bohne

[2:08:43] vielen Dank [Schnitt]

Rachel Dror

[2:08:46] [zeigt Fotos] ja mir wär wichtig dass Sie vielleicht dieses Bild noch aufnehmen   als Polizistin   und so sah ich aus als ich ausgewandert bin   und meine Mutter haben Sie doch glaub ich ne ?   Mutter und Vater haben Sie haben Sie Vater in Uniform ?

Barbara Kurowska

[2:09:21] Vater haben wir noch nicht Sie können auch noch das Foto Ihres Ihres Vaters zeigen wenn Sie möchten

Rachel Dror

[2:09:26] ja   und äh kann das vielleicht in Verbindung setzen   [zeigt Foto] das ist das Bild meines Vaters   und damit wollt ich eigentlich zeigen wie Tochter und Vater ähnlich waren und man mich auf der Straße erkannt hat nur aufgrund dessen dass mein Vater ein

[2:09:46] Bild gezeigt hat vor Jahren und ich dann einer Frau begegnet ist die mit meinen Eltern zusammen war und dich mich von der ich dann das Schicksal meiner Eltern erfahren hab

Barbara Kurowska

[2:09:56] ja vielen Dank

Lennart Bohne

[2:10:03] vielen Dank

Rachel Dror

[2:10:03] [gleichzeitig:] bitte gerne

Datum Ort Text
ab 1921 Königsberg Geburt
1927 - 1930 Königsberg Besuch einer Privatschule
1930 - 1934 Königsberg Besuch des Gymnasiums
1934 - 1936 Königsberg Schneiderlehre
1936 - 1938 Hamburg Hachschara
1938 - 1939 Königsberg Vorbereitungen zur Auswanderung
ab 1939 Nahalal landwirtschaftliche Ausbildung in einem Mädchenpensionat
ab 1939 Haifa Auswanderung mit der Jugend-Alija nach Palästina
1947 - 1948 Haifa Arbeit als Kindermädchen
1948 - 1957 Israel Arbeit als Polizistin
ab 1951 Israel Heirat
ab 1952 Israel Geburt der Tochter
ab 1957 Berlin Umzug nach Deutschland
1967 - 1969 Stuttgart Lehramtsstudium
1969 - 1986 Stuttgart Lehrerin für Bildende Kunst und Werken
ab 1996 Stuttgart Verleihung der Otto-Hirsch-Medaille
ab 2012 Berlin Zeitpunkt des Interviews
ab 2012 Stuttgart Verleihung des Ordens des Landes Baden-Württemberg
bis 1947 Ramot HaShavim Ausbildung und Arbeit auf einer Hühnerfarm
bis 1967 Stuttgart Arbeit als Bankangestellte
Rachel Dror wurde am 19. Januar 1921 als Rahel Zipora Lewin in Königsberg geboren. Sie war das erste von zwei Kindern des traditionell jüdischen Holzkaufmanns Hugo Chaim Lewin und seiner orthodox-jüdischen Frau Erna Ester. Sie besuchte eine private Schule, bis sie mit neun Jahren auf das öffentliche Lyzeum wechselte. Zusätzlich besuchte sie eine jüdische Religionsschule. Rachel Dror war ein lebhaftes Mädchen, das gerne tobte und tanzte, Zeit mit jüdischen und nichtjüdischen Freunden verbrachte und Sport trieb. Sie stellte schon früh Autoritäten in Frage, was 1934 schließlich zu ihrem Schulaustritt führte. Die anschließend begonnene Schneiderlehre musste sie nach zwei Jahren aus gesundheitlichen Gründen abbrechen. Sie schloss sich einer Gruppe von religiösen Jugendlichen an, die in Hamburg auf ihre Ausreise nach Palästina vorbereitet wurden, und verbrachte die folgenden zwei Jahre auf Hachschara.

Ende Oktober 1938 wurde der Großteil der Gruppe aus Hamburg deportiert und später ermordet. Die Reichspogromnacht am 9. November 1938 verbrachte Rachel Dror im Haus ihrer Tante, in dem sie vor Ausraubung, Verhaftung oder Angriffen verschont blieb. Erst am folgenden Tag erfuhr sie, was im Deutschen Reich passiert war und kehrte auf Wunsch ihrer Eltern einen Tag später nach Königsberg zurück. Die Familie hatte in der Zwischenzeit ihren Besitz verloren und war in eine kleine Wohnung in einem ärmlichen Viertel umgezogen. Der Vater und der vier Jahre jüngere Bruder wurden in der Reichspogromnacht angegriffen, die Wohnung ausgeraubt. Rachel Dror beschloss, so schnell wie möglich auszuwandern und bereitete mit Hilfe einer in Palästina lebenden Tante ihre Ausreise vor.

Im April 1939 wanderte die mittlerweile 18-Jährige mit der Jugend-Alija nach Palästina aus. Sie zog in ein Mädchenpensionat in Nahalal, wo sie eine landwirtschaftliche Ausbildung erhielt. Nach einer schwierigen Anfangszeit gewöhnte sie sich in der neuen Umgebung ein und schloss die Ausbildung ab. Sie arbeitete als Kindermädchen und auf einer Hühnerfarm, bis sie schließlich nach der Ausrufung des Staates Israel 1948 als eine der ersten Frauen in den Polizeidienst eintrat.

Bei der Polizei lernte sie Eitan Dror kennen, den sie 1951 heiratete. Ein Jahr später wurde ihre Tochter geboren. Durch eine zufällige Begegnung auf der Straße erfuhr sie sieben Jahr nach Ende des Zweiten Weltkrieges vom Schicksal ihrer Eltern, die nach einer gelungenen Flucht nach Italien verhaftet, nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurden. Ihr jüngerer Bruder konnte nach England fliehen und wurde dort von Verwandten adoptiert. Rachel Dror arbeitete weiter als Polizistin, bis sie 1957 aufgrund gesundheitlicher Beschwerden Israel verlassen musste und mit ihrer Familie nach Deutschland zurückkehrte. Nach verschiedenen beruflichen Tätigkeiten in Berlin und Frankfurt zog sie nach Stuttgart um und arbeitete mehrere Jahre lang in einer Bank. 1967 nahm sie ein Lehramtsstudium für Bildende Kunst und Werken auf. Sie war bis zu ihrer Pensionierung 1986 als Lehrerin tätig.

Bereits Ende der 1970er Jahre arbeitete Rachel Dror aktiv in der Jüdischen Gemeinde Stuttgart. Sie begann damit, Synagogenführungen für Schulklassen und interessierte Erwachsenengruppen durchzuführen und als Zeitzeugin Schulen zu besuchen. Jeden Menschen unabhängig von Religion und Herkunft als eigenständiges und selbstverantwortliches Wesen zu betrachten, dem Respekt und Würde gebührt, war dabei ihr Hauptanliegen. Sie war aktives Mitglied der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Stuttgart, von der ihr 1996 die Otto-Hirsch-Medaille verliehen wurde. Im Juli 2012 wurde sie mit dem Orden des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet.