Hedwig Brenner (*27.09.1918, Czernowitz)
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- Signatur
- 01151/sdje/0046
- Institut
- Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin
- Sprache
- deutsch
- Ort und Datum der Aufnahme
- Haifa, den 20. Mai 2012
- Dauer
- 03:52:00
- Interviewter
- Hedwig Brenner
- Interviewer
- Teresa Schäfer , Daniel Baranowski
- Kamera, Licht und Ton
- Daniel Hübner
- Redaktion
- Barbara Kurowska
- Transkription
- Barbara Kurowska
Obwohl der gebürtigen Czernowitzerin Hedwig Brenner Uniformen schon immer ein Gräuel waren, wusste sie, dass sie etwas unternehmen musste, als ihr Ehemann im Sommer 1941 verhaftet wurde: Wagemutig ging sie zur deutschen Kommandantur und setzte sich für seine Freilassung ein – mit Erfolg. Hedwig Brenner wurde 1918 als Tochter jüdischer Eltern im österreichischen Czernowitz geboren. Obwohl die Stadt kurz darauf infolge des Ersten Weltkriegs an Rumänien fiel, wuchs sie in einem deutsch geprägten Milieu auf. Bereits zu Schulzeiten machte sie Erfahrungen mit Antisemitismus. Nach ihrem Schulabschluss 1936 studierte sie in Wien und Genf, kehrte jedoch nach dem »Anschluss« 1938 nach Czernowitz zurück. Bald darauf lernte sie den Ingenieur Gottfried Brenner kennen; im folgenden Jahr heirateten sie. Zwischen 1940 und 1941, als Czernowitz unter sowjetischer Herrschaft stand, arbeitete Hedwig Brenner in der Stadtbibliothek. Nach der deutsch-rumänischen Besetzung der Stadt musste sie kurzzeitig ins Ghetto ziehen. Durch die Arbeitsstelle ihres Mannes erhielt sie eine L-Karte, die sie vor der Deportation schützte. Im Frühjahr 1945, als die Stadt wieder von den Sowjets eingenommen war, nahm sie drei Auschwitz-Überlebende für mehrere Wochen bei sich auf. Im April reiste sie mit ihrer Familie nach Bukarest aus, und ließ sich schließlich in Boldești nieder. 1982 wanderte sie mit ihren zwei Söhnen, ihrer Mutter und ihrem Mann nach Israel aus. Zum Zeitpunkt des Interviews war sie 93 Jahre alt.
Vorkontakte
üblicher Ablauf; Vorgespräch in Haifa zwei Tage vorher, telefonisches Vorgespräch durch TS
Bedingungen
in ihrem Wohnzimmer; längerer Aufbau; offenes Fenster, Geräusche von draußen (Autos, Sirenen, Bauarbeiten, Vögel); später laute Bohrmaschinen- und Klopfgeräusche aus der Nachbarwohnung
Gruppensituation
zwei Interviewer, ein Kameramann (DH)
Unterbrechungen
etwa jede Stunde (Kaffee, Mittagessen, Kaffee und Kuchen), und mehrere kurze Pausen zwischendurch (Technik; Geräusche)
Protokoll
Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin (intern)
Eindrücke
wir waren auf einen langen Tag eingestellt, der es dann auch wurde (obwohl wir wohl mit "noch länger) gerechnet hatten; obwohl HB für ihr Alter beeindruckend fit und fidel ist, merkte man ihr die Anstrengung des Interviews deutlich an; anfangs bat sie nach jeweils einer Stunde um eine Pause; wir waren insgesamt für vier "Interviewstunden" knapp neun Stunden bei ihr; die Bewirtung schien für sie eine willkommene Ablenkung zu sein, und ich hatte den Eindruck, dass es sehr gut war, das Interview bei ihr zuhause durchgeführt zu haben, um ihr die Möglichkeit zu geben, sich zwischendurch immer wieder in ihrem Umfeld bewegen zu können; HB erzählte sehr frei und flüssig und ging auf alle Fragen ein (auch wenn sie sie akkustisch nur schwer verstand); bis auf das Ende des Interviews schien sie sich fast ausschließlich auf DB zu konzentrieren (schien nach zwei Stunden auch etwas überrascht, dass ich ja auch ein Mikrofon hätte); zusätzlich zur eigenen Müdigkeit und den Hörschwierigkeiten war es dadurch zwischendurch schwierig für mich, konzentriert bei ihr zu bleiben. Ich denke aber, dass es ein sehr schönes, lebendiges Interview ist, dem man gerne und empathisch zuhören wird.
[0:00] heute ist der zwanzigste Mai 2012 wir sind zu Gast bei Hedwig Brenner in Haifa in Israel und führen mit ihr ein Interview für das Projekt »Sprechen trotz allem« der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas das Projekt wird unterstützt durch
[0:17] die Kulturstiftung des Bundes ich bin Daniel Baranowski und führ das Interview zusammen mit Teresa Schäfer Daniel Hübner ist für Kamera und Ton zuständig [Schnitt]
[0:26] ja Frau Brenner noch mal vielen Dank dass Sie uns so nett willkommen geheißen haben bei
[0:34] Ihnen zu Hause vielleicht können wir anfangen damit dass Sie sagen wann Sie geboren worden sind wo Sie geboren wurden und ein bisschen was von Ihren Eltern erzählen
[0:44] [gleichzeitig:] okay okay äh das ist kein Geheimnis es ist äh ich bin am 27sten September 1918 in Czernowitz geboren damals gehörte es noch zu Österreich erst nach fünf Monaten wurde die ganze offizielle Erledigung äh erl- die Bukowina äh den Rumänen
[1:05] übergeben das war am Ende des zwei- des Ersten Weltkriegs äh meine Eltern äh meine Mutter Friedl Friederike Langhaus geborene Feuerstein mein Vater sie war Lehrerin sie hat den be- Beruf nicht ausgeübt aber sie hat das äh pädagogische Institut beendet
[1:27] die Lehrerbildungsanstalt und äh mein Vater war Rechtsanwalt Doktor Adolph Langhaus er stammt aus der Südbukowina und die haben im Jahre neunzehnze- 1911 geheiratet äh ich wurde äh während des Krieges sind sie waren sie auf der Flucht in Mährisch-Ostrau
[1:50] mein Vater hat dort vier Jahre als Rechtsanwalt gearbeitet und sind dann äh zurückge- in 1918 wie ich am E- gegen Ende des Krieges nach Czernowitz zurückgekehrt und ich bin schon in Czernowitz geboren 1918 im Sept- im September
[2:09] [gleichzeitig:] stammten Ihre Eltern auch aus Czernowitz ?
[2:11] ja mein mein Vater stammte aus der Südbukowina aus Vatra Dornei meine Mutter stammte aus Czernowitz u- meine Groß- wollen Sie die ganze ganze über die ganze Familiengeschichte hören ja ?
[2:24] ja erzählen Sie ruhig
[2:27] also meine mütterlicherseits meine Urgroßmutter stammte aus so einem aus einem kleinen Ort in der in Galizien in Polen und äh aus einer sehr streng religiösen Familie jüdischen Familie die ähm mit 15 Jahren äh wurde sie hat sie sich in ei- sie sie
[2:54] wurde von schon als äh als äh bei der Geburt verlobt an einen an einen Sohn eines Rabbiners den wollte sie nicht heiraten und hat sich in einen jungen Praktikanten auf dem Gut verliebt und äh hat heimlicherweise wurden sie getraut in einer Synagoge in
[3:14] äh Kolomea das ist in die das war die nächste Stadt neben diesen Dorf wo sie gewohnt haben und äh und kamen nach Haus und baten um den Segen der der Eltern und sie wurde von zu Hause vertrieben und äh sie ist noch in derselben in derselben Nacht mit dem
[3:36] mit dem Jungen Leon Feuerstein der Praktikant auf dem Gut war äh mit der Postkutsche nach äh Zaleszczyki gefahren und dann nach Czernowitz sie ist nie mehr nach Czer- nach äh zurück in zu ihren Eltern und äh sie hat auch nie wieder ihre Eltern wiedergesehen
[3:55] mit fü- sie war 15 er war 18 Jahre alt äh das ist die Geschichte meiner Urgroßmutter nach der ich heiße Fanny äh sie äh sie blieb in in das ist sie wohnten nicht in Czernowitz selbst sondern in Klokuczka das war weil i- seine Eltern äh Ackerjuden waren
[4:17] der Vater war Ackerjude und die hatten ein kleines Stück Feld das sie selbst gebau- bebaut haben und ähm mein äh mein äh gro- mein Urgroßvater hat dann ist dann in ähm man hat damals die die die erste Bierbrauerei in Czernowitz erbaut das war ungefähr
[4:38] im im Jahre achtzehn- 1855 so was war das und ähm und er hat angefangen dort zu arbeiten mein Urgroßvater mein ähm die hatten die hatten fünf Kinder mein Großvater ist der zweite Sohn und ähm ist auch in Klokuczka geboren das ist dieses klein dieser
[5:04] kleine dieses kleine Dorf das ist ein eine Siedlung an an der Grenze von Czernowitz es war abgeteilt von Czernowitz durch einen Bach
[5:13] das haben Sie uns auf dem Plan vorhin gezeigt ja
[5:16] ja ja ja
[5:19] wollen wir es noch mal äh zeigen vielleicht
[5:21] ja
[5:23] weil man das hier ganz gut sehen kann
[5:25] so [zeigt Karte] da hier das ist Czernowitz da hier in der Mitte das ist die Stadt und da hier ist Klokuczka dieses kleine diese kleine Siedlung an der Grenze von Czernowitz die ähm sie hatten drei sie hatten fünf Kinder a- also der älteste Sohn der
[5:46] äh der wurde der der ist in die in die in diese Bierfab- Bierbrauerei engagiert worden und hat dort gearbeitet und ist dann bis zum bis zum Direktor auf- avanciert er äh Heinrich Feuerstein der der zweite Sohn Moritz Feuerstein mein Großvater ist ähm
[6:10] hat auch das Lyzeum alle Kinder haben haben die Schule in Czernowitz besucht und er hat auch dies das Gymnasium in Czernowitz besucht und ist dann hat dann eine Lehre angefangen in einer in einer Bank in der in der äh wie hieß nur die Bank ich werde Ihnen
[6:28] dann sagen wie die Bank hieß ich hab mich erinnern ähm äh die äh er ist dann äh also er hat dort weiß ich von von 16 Jahren bis äh 25 neun Jahre in der Bank gearbeitet und wurde ähm erst a- hat avanciert und hat da den einen hohen Posten dann in
[6:53] der Bank bekleidet äh im Jahre ähm 1889 sind meine Großeltern nach äh zuerst mein Großvater nach Indien gegangen 1888 äh nach Indien gegangen weil man ihn äh ein ein Verwandter der dort gelebt hat ihn gebeten hat hinzukommen und in seiner Bank zu
[7:20] arbeiten so dass der zwei Jahre in einer Bank in äh in Indien in Bombay gearbeitet hat er ist vorge- vorgefahren mit einem mit einem Schiff von Triest aus ähm »Poseidon« hat das Schiff geheißen und äh v- und hat ähm durch den Sueskanal gefahren und
[7:40] bis nach Bombay er beschreibt ich werde Ihnen zeigen dann die Zeitung ich hab die Zeitung noch im Original er hat einen Artikel über diese Reise äh geschrieben in der »Bukowiner Nachrichten« [räuspert sich] und ähm und die dann meine Großmutter ist
[8:00] nachgekommen mit einem 16 Monate alten Kind der Bruder ältere Bruder meiner Mutter und äh ist allein hat allein die Reise gemacht das sie war eine kolossale stramme Frau ähm diese Großmutter die stammte aus Leipzig sie war äh Zirkusreiterin und ist äh
[8:23] und war mit dem Wanderzirkus nach Czernowitz gekommen und äh und mein Großvater sie hat sich in sie verliebt und die ist in Czernowitz geblieben sie hat aufgegeben die Reiterei und ist in Czernowitz geblieben äh diese Großmutter hat mich erzogen ungefähr
[8:39] zehn Jahre weil wir ha- mit ihr hab ich zusammen gelebt als mein Vater ge- starb ähm
[8:45] also das ist äh das sind die äh die Großeltern mütterlicherseits väterlicherseits wissen Sie das ist so komisch ich glaube überall ist es gleich dass die väterlicherseits
[8:58] hat man nicht so eine Bindung zu den zu den Großeltern oder zu den zu den Urgroßeltern wie wie sch- wie mütterlicherseits das hab ich festgestellt im Laufe meines Lebens nicht nur bei mir und äh aber die äh die Mutt- mein mein Vater stammte aus der Südbukowina
[9:16] aus Vatra Dornei und er war der älteste Sohn es waren sechs Kinder er war der älteste Sohn und gewöhnlich bei nicht sehr begüterten Leuten lässt man den ka- leistet man dem dem ältesten Sohn ein Studium ein Studium die anderen ergreifen andere Berufe
[9:35] und äh so dass mein Vater st- in Czernowitz studiert hat [räuspert sich] äh die Czernowitzer Universität hat man im Jahre 1875 eröffnet das war die erste deutsche Universität in dieser in äh in der ganzen Umgebung war das die einzige und sehr viele
[9:54] Studenten sind aus Polen aus Bessarabien aus Russland sind nach Czernowitz gekommen in diese Universität auf diese Universität zu studieren die hatten eine Philosophiefach gehabt und äh Sprachen und äh äh und äh Jura Jus und äh also der erste Direktor
[10:14] dieser dieser äh Universität der e- der erste Rektor der Universität war ein gewisser Tomaszczuk Doktor Tomaszczuk ein ein Ukraine Ukraine und äh also mein Vater hat dort studiert im Jahre glaub ich im 19- ähm -908 oder -907 hat er hat er die das Studium
[10:37] beendet und äh und hat dann zwei Jahre praktiziert bei einem bei einem Rechtsanwalt in in Suczawa das war eine andere Stadt in der Nähe von Czernowitz
[10:46] ähm meine Mutter wurde verheiratet ganz einfach wissen Sie das ist glaub ich in allen Familien war das
[10:55] so dass man ruft die Tochter herein man sagt »schau das wird dein dein dein Mann sein du wirst ihn heiraten« und fertig das äh man hat die Tochter man hat die Kinder die Töchter nicht gefragt ob sie einverstanden sind oder nicht ganz einfach die Eltern
[11:09] haben haben beschlossen oder Vater oder beide Eltern haben beschlossen den und den Mann heiratest du mein Vater war um 13 Jahre älter als meine Mutter meine Mutter war zwanzig er war 33 wie sie geheiratet haben und äh ja die nach nach der Hochzeit hat
[11:30] man hat mein mein Vater eine advo- eine Rechtsanwaltskanzlei in in Vatra Dornei eröffnet das war im Jahr 1911 und äh und bis 1914 haben sie in Dorna gewohnt in der Südbukowina äh Dorna ist ein ein Kurort mit verschiedenen Quell- Heilquellen und das war
[11:53] schon damals sehr bekannt dieser Ort mhm sehr viele Kurgäste sind gekommen und es waren diese Quellen waren sehr sehr schön sehr schöne Bauten um die Quellen herum das war wirklich so wie so ein kleines Karlsbad sagten wir [lacht] und äh ja
[12:15] hatten Sie Geschwister ?
[12:17] ja meine bitte ?
[12:19] hatten Sie Geschwister ?
[12:21] ich habe keine Geschwister nein meine Mutter hatte eine Fehlgeburt in Mährisch-Ostrau vor mir ähm ich äh
[12:26] mein äh mein Vater war äh also hatte sechs sie waren sechs Kinder alle hatten ein schreckliches Ende alle alle haben waren überhaupt es war eine
[12:40] unglückliche Familie die ähm also der Jüngste ich ich fange an mit dem Jüngsten der jüngste Sohn der jüngste Bruder meines Vaters David der ist im Ersten Weltkrieg gefallen gleich nicht am Anfang gleich drei Tage bevor der bri- bevor der Krieg beendet
[13:00] wurde in 1918 und das ist eine interessante Geschichte weil ich ähm ähm er hatte er war verheiratet er hat eine eine eine Kriegshochzeit gemacht Kriegstrauung mit einer deutschen Frau mit einer deutschen Frau und äh in äh in Zwickau und ähm und er hat
[13:26] er hat in Zwickau gearbeitet als Vitrineur in einer in einem gro- in ner großen Firma in einem großen ha- Kaufhaus und diese diese Else war auch war auch äh dort angestellt und die haben dann geheiratet äh die sie sie ist schwanger geblieben und äh ihr
[13:46] Sohn also das heißt mein Cousin äh Karl-Heinz Langhaus ist ähm drei Monate v- be- also im Juli 18 geboren er hat nie seinen Vater gekannt und ich hab ihn nach achtzig Jahren gefunden äh
[14:01] wo lebt er ?
[14:03] er ist vor drei Jahren gestorben
[14:06] wo hat er gelebt
[14:09] in äh Leipzig und in Zwickau er ähm ich wurde das das ist en parenthèse das ist das mach ich so eine eine Parenthese dazwischen weil äh das ist eine interessante Geschichte ich habe im 1980 19- 19- äh 19- 1998 97 98 wurde hier ein Buch herausgegeben
[14:31] über Vatra Dornei und jeder hat eine Geschichte geschrieben von der Familie über die Familie [räuspert sich] und äh ich hab auch eine Geschichte geschrieben über die Familie Langhaus über meine Großel- Großmutter den Groß- äh -vater den Vater meines
[14:49] den Großvater hab ich nie gekannt er war früh gestorben aber die Großmutter Betty und äh sie hatte noch eine jüngste Tochter war eine die jü- nach dem David war eine Tochter Else die hat äh die war äh buckelig die ist gefa- von dem Tisch gefallen als
[15:07] Kind und es war und ist buckelig geblieben und diese diese Tante die war deportiert nach Transnistrien und hat dort Manikür gearbeitet als Manikür gearbeitet und ist zurückgekommen und im Jahre 51 bin ich mit meinem Mann zu ihr zu Besuch gefahren ich hab
[15:26] ihr jeden Monat Ge- irgendeine Unterstützung Geld geschickt und im Jahre 51 1951 war ich äh zu Besuch mit meinem Mann und mit dem Paul mit meinem Sohn er war damals vier Jahre alt äh war ich bei dieser Tante im Dorna zu Besuch und äh sie erzählt mir erzählte
[15:44] mir »weißt du ich habe gerade eine gerade Geld bekommen vom Karl-Heinz« sag ich »wer ist Karl-Heinz ?« ich wusste überhaupt nicht von diesem Karl-Heinz sagt er »no Karl-Heinz ist der Sohn von David« David ist dieser Onkel der im Ersten Weltkrieg gest-
[15:57] gefallen ist sie ist einen Monat später gestorben ich habe nicht erfahren wo dieser Karl-Heinz wohnt äh im Jahre 98 äh hat man dieses Buch herausgegeben über über die Familien verschiedene Familien aus Bukowina aus Dorna und ich und ich hab meinem Sohn
[16:19] dem Paul erzählt »weißt du ich hab gerade dieses Buch kommt heraus ich habe einen Artikel geschrieben über die Familie Langhaus« sagt »und auch über diesen diesen Cousin ich weiß nicht wo er lebt wo ob er noch lebt und so weiter« »wie heißt er«
[16:34] fragt mich mein Sohn sag ich ihm »Karl-Heinz Langhaus« »und wo wohnt er ?« »in Zwickau soll er wohnen« okay am nächsten Tag ruft mich mein Sohn an und sagt »du ich ich habe zwei Nummern Telefonnummern im Te- im Internet gefunden notier dir die Nummern«
[16:52] au- und äh ich notier die Nummern und ich sag meinem Mann das war äh einen Monat bevor er gestorben ist ich sag meinem Mann »ich ruf diesen Karl-Heinz an« sagt er »sicher selbstverständlich« und ich ruf eine Nummer an meldet sich eine Männerstimme
[17:12] »Langhaus« sag ich »sind Sie Karl-Heinz Langhaus« »ja« »wo äh sind Sie ist Ihr Vater im Ersten Weltkrieg gefallen ?« »ja !« »und ist Ihre Großmutter Betty aus Vatra Dornei« sagt er »ja aber woher wissen Sie das alles« sag ich »i- das ist auch
[17:32] meine Großmutter gewesen« also er hat einen Moment ni- überhaupt nicht geantwortet das können Sie sich vorstellen w- ich bekomm noch jetzt eine Gänsehaut und äh und wir sagt er und dann sagt er »also sind Sie also bist du meine Cousine !« sag ich
[17:51] »ja« also ist der Kontakt hergestellt worden er er wollte sofort herkommen mich kennenlernen aber ähm äh damals waren gerade meine meine Enkel und mein Sohn aus Amerika da und ich konnte ich hab gesagt »du wirst nächsten Monat kommen« am nächsten
[18:08] Monat nächsten Monat ist mein mein Mann gestorben und äh hab ich ihm gesagt »jetzt kannst du nicht kommen« und dann ist er im im darauf folgenden Jahr zu Ostern hergekommen und war 14 Tage bei mir und wir ich hab ihm ganz Israel gezeigt er zum ersten Mal
[18:23] hat war er in Israel zum ersten Mal hat er überhaupt Juden gesehen zum ersten Mal hat er einen einen ein ein ein Osterfest ein Pessachfest mit mitgemacht und er war sehr sehr sehr nett wir haben uns wunderbar verstanden wirklich er war ein paar Monate älter
[18:40] als ich also gleichaltrig ich war achtzig er war auch achtzig und äh und er hat mir aus seinem Leben viel erzählt er war als er war er wurde im Jahre im 19- 1940 als der Krieg ausgebrochen ist wurde er sofort äh zum Militär genommen u- ja die ganze Zeit
[19:02] hat die Mutter ihm gesagt »du (__) pass auf du sollst kein jüdisches Mädchen überhaupt kein christliches Mädchen anrühren und überhaupt du bist Halbjude und pass auf« also das war schon un- unter Hitler wissen Sie seine Mutter war Deutsche aber er
[19:17] war (irristriert) dass der Vater Jude war aber das hat man nicht im Jahre v- im Jahre 39 wie die wie die äh wie man zum Militär genommen hat hat man alle genommen alle alle jungen Leute genommen zum Militär und er wurde direkt in gesch- äh geschickt an
[19:35] die an die französische Front und hat dort gekämpft und dann sollte man das gan- den ganzen das gan- den ganzen das Bataillon oder der Bataillon wie sagt man
[19:45] das
[19:47] äh na- an die Ostfront schicken wie die und ist äh und da hat man begonnen zu kontrollieren die verschiedenen Dokumente wer er ist was ist und man hat gefunden dass er ist Halbjude dass der Vater Jude war also sofort hat man ihn vom Militär entlassen natürlich
[20:02] und man hat ihn in ein Lager gesteckt ein ähm das waren nur das waren Halbjuden Lager die ein Lager die mit jüdischen Vätern äh äh Leute die mit jüdischen Vätern waren und das war neben Leipzig ein Lager in einem in einem verlassenen Salzbergwerk unterer-
[20:22] unterirdisch dort macht- dort hat man eine eine synthetische Benzinfabrik bauen wollen oder gebaut sogar und äh und er hat dort drei Jahre gearbeitet dreieinhalb Jahre dort gearbeitet und äh das war er hat nach dem Krieg hat er geheiratet seine Mutter
[20:44] hat noch gelebt er hat geheiratet und das interessante ist dass seine Mutter in Kontakt mit der jüdischen Großmutter mit der jüdischen Schwiegermutter war in Dorna aber wir haben überhaupt nix davon gewusst weder meine Mutter noch ich niemand hat davon
[20:59] gewusst und er hat mir dann äh wie er hierher gekommen ist hat er mir dann die Briefe geschickt gegeben die meine Großmutter an diese christ- an diese deutsche Schwiegertochter geschrieben hat er war hier 14 Tage wir sind dann gebl- in Korrespondenz geblieben
[21:17] ich habe ein paar Bilder von ihm ich werd Ihnen dann zeigen und ähm und wir sind in Kom- geblieben er hat mich ein- nach Deutschland eingeladen ich bin nicht gefahren und vor drei Jahren ist er gestorben an Krebs gestorben er hat keine Kinder gehabt und seine
[21:30] Frau war zuckerkrank und des- und vor ihm gestorben das ist das ist so en parenthèse
[21:37] wie wurde das Judentum in Ihrer Familie gelebt mit Ihren
[21:41] bitte ?
[21:43] wie wurde in Ihrer Familie das Judentum gelebt ?
[21:45] äh wir waren traditionell aber nicht religiös also die Feiertage hat man gehalten aber sonst äh sonst bin ich nicht in ein Bethaus oder ein gegangen nur an Feiertagen ist meine Mutter gegangen und da bin ich mitgegangen aber meine Mutter hat Kerzen jeden
[22:01] Freitag angezündet und nachdem sie gestorben ist hab ich das übernommen das ist das einzige was mich mit dem Judentum zusammenhält sagen wir ich bin nicht religiös und ich hab auch viele christliche Freunde und auch moslemische Freunde so dass äh ja was
[22:20] möchten Sie noch wissen ? ja soll ich Ihnen weiter was soll ich Ihnen weiter erzählen von der Familie von der Familie meines Vaters also die ähm
[22:27] er hatte drei sch- mein Vater hatte drei Schwestern und zwei Brüder ähm einer also dieser jüngste Bruder
[22:35] der im Krieg gefallen ist der David dann war noch ein jüngerer Bruder der äh ein Uhrmacher geworden ist und eine Uhrmacherwerkstätte gehabt hat in Czernowitz ähm eine eine eine Schwester die die hat einen einen Stoff- äh also ein die haben dann eine Textilfabrik
[22:57] gehabt in Czernowitz ihre Tochter wurde nach Sibirien deportiert mit der ganzen Familie und äh nur der nur der nur der Mann meiner Cousine ist äh zurückgekommen die und und eine Tochter die anderen sind in Sibirien äh umgekommen und äh die andere die
[23:20] andere Schwester hat eine die waren die waren sehr begütert die die andere Schwester hat dann hat einen äh äh hat eine mit jemand zusammen eine Trikotagefabrik gehabt und die wurden auch deportiert nach Transni- nach Sibirien deren Tochter meine Cousine
[23:41] Edith hat Medizin in Frankreich studiert hat einen äh auch einen einen Bukowiner geheiratet der auch auch mit die- sie hat schon schon fünf Jahre war sie schon Ärztin in Tours und der Mann auch die hatten einen Buben von sieben Jahren und die wurden nach
[23:58] Auschwitz deportiert und äh ermordet die ähm die der Mann der Mann meiner Cousine der der einzige der hat überlebt von der die die meine Cousine und das Kind wurden sofort vergast und äh trotzdem sie rumänische Staatsbürger waren und äh der äh
[24:22] der Mann meiner Cousine der hat überlebt der war Lagerarzt beim Men- Mengele und hat überlebt und ist dann nach Paris zurückgegangen an das ist die Geschichte der Familie mei- meine Mutter ha- von mütterlicherseits meine Mutter hatte zwei Brüder einer
[24:41] war Apotheker in Czernowitz und der andere der andere hatte hatte Jus studiert und ist war beide haben waren Offiziere im Ersten Weltkrieg ich hab die Bilder und äh der eine der Onkel einer der Rudolf der Bruder meiner der ältere Bruder meiner Mutter der
[25:01] ist äh äh der war verwundet im Ersten Weltkrieg ich hab sogar ein Bild vom aus dem Lazarett und ähm er ist dann im Jahre zwanzig im Jahre 1917 äh als äh Oberleutnant wurde der sein ganzes Bataillon an die Ostfront die die Weißrussen haben verlangt haben
[25:23] haben gebeten Österreich um Hilfe und so dass er wurde mit dem sein ganzen Bataillon wurde nach Kiew versetzt und in Kiew hat er eine russische Jüdin kennengelernt auf einem Schiff am Dnepr (oder) so war das und äh hat sich in sie verliebt sie er ist dann
[25:41] wurde dann äh dann komm- kam er nach Hause nach Czernowitz sie sie ist mit der ganzen Familie nach Wien nach Genf übersiedelt und äh im Jahre 1917 oder 1918 und die haben dann geheiratet in Genf das ist äh er er hatte ich hab äh ich war drei Mal in
[26:03] Genf also einmal war ich wie ich acht Jahre alt war mit meiner Mutter und meiner Großmutter einmal war ich wie ich 18 Jahre alt war bin ich da zu meinem Onkel aus ich habe in Wien studiert nach der Matura und bin äh für drei Monate nach Genf gefahren zu
[26:19] meinem Onkel und das dritte Mal war ich mit meinem Mann zu Besuch in Genf aber der Onkel war schon weg der der Onkel ist im Jahre vierzig gestorben und meine Cousine ist nach und die Tante sind nach New York übersiedelt die Cousine die Cousine war Pianistin
[26:35] auch d- sie sie hat die die musikalische Ader der Familie geerbt und äh hat Konzerte in in New York gegeben hat dort geheiratet und ihr Sohn ist Professor auf der Juilliard-Akademie Musikakademie in Lon- in äh New York und Operndirigent das ist die Familiengeschichte
[26:57] was noch möchten Sie wissen ? ich steh Ihnen
[27:00] haben Sie haben Sie aus der ähm Zeit als Sie noch sehr jung waren äh aus Czernowitz Erinnerungen was was kommt Ihnen da in den Sinn
[27:09] doch ja
[27:11] aus den zwanziger Jahren
[27:13] also äh mein Vater ist gestorben wie ich äh mein v- als die Eltern geheiratet haben wollte mein Großvater nachdem sie geheiratet haben wollte mein Großvater eine eine Versicherung äh für die eine Lebensversicherung für meinen Schwiegersohn a- bezahlen
[27:33] und der Arzt hat konstatiert dass er einen ha- Herzklappenfehler hat also mein mein Ma- mein Vater war schwer herzkrank und ist auch mit 53 Jahren gestorben ähm die äh
[27:45] wie alt waren Sie da ?
[27:49] bitte ich war damals zehneinhalb Jahre alt als mein Vater starb die ersten zehn Jahre meines Lebens da war ich war sehr verwöhnt ich war das einzige Kind und ich war verwöhnt und ich war ich war wild wie ein Bub ich bin immer gelaufen gelaufen und meine
[28:05] Mutter erzählt mir »du konntest nicht an meiner Hand gehen du hast mich lo- losgelassen und bist gelaufen« und immer hatte ich Wunden alle Knie waren beide Knie waren waren immer verwundet vom Fallen aber ich habe viel Sport betrieben als ich klein als
[28:20] ich jung war ich bin Ski gelaufen Eis gelaufen Eis bin ich gelaufen vom fünften Lebensjahr an bis bis zur bis zur Matura bin ich jeden Tag Eis gelaufen am es waren drei Eislaufplätze in Czernowitz und äh als kleines als fünfjähriges Mädchen bin ich
[28:39] noch an der Hand meiner Mutter Eis gelaufen mit meiner Mutter zusammen und dann ähm dann während der Schulzeit und so weiter jeden Nachmittag von sechs bis neun bin ich Eis gelaufen das war es waren drei Eislaufplätze in Czernowitz und die die ganze Czernowitzer
[28:55] Jugend war sehr sehr sportlich eingestellt vielleicht war dieser Sport ein Ersatz für Sex das ist auch möglich weil äh wissen Sie man musste als Jungfrau in die Ehe kommen und ähm es war selbstverständlich dass man ich werde Ihnen dann eine Geschichte
[29:16] erzählen aus Genf äh und ähm und der Sport war wie ich bin jede Woche am Sonntag sind wir sind wir Skilaufen Ski gelaufen ein in in neben Czernowitz also sagen wir zwanzig Kilometer von Czernowitz entfernt ist ein Berg der Cecina heißt und dort dort war
[29:36] immer dort sind wir Ski gelaufen im Winter und im Sommer Ausflüge gemacht ein bewaldeter Berg sehr schön und äh im im Sommer ist man im waren einige Schwimmbäder am Pruth das war der Fluss der am der neben Czernowitz fließt
[29:59] Czernowitz ist übrigens
[30:02] auf einem Berg gelegen wissen Sie genau wie Manhattan genau wie es hat drei drei drei Niveaus und äh genau wie Haifa wissen Sie da gibt es die untere Stadt die Mittelstadt und die obere Stadt Czernowitz war genau das gleiche und ähm es waren
[30:21] wo haben Sie gewohnt ?
[30:24] ich hab im Mittelteil gewohnt das waren im mittleren Teil also im unteren Teil haben gewohnt die ganz ganz unten haben die Arbeiter gewohnt weil Czernowitz war um- um- umgürtet von verschiedenen Dörfern und es war Kaliczanka Klokuczka Manasteryska und Rosch
[30:43] u- in Rosch haben sehr viele Deutsche ge- angesiedelt waren sehr viele Deutsche angesiedelt die äh die äh Milchprodukte und Obst und Gemüse auf den Markt gebracht haben und dann waren die ru- Ruthenen und äh die Fabriksarbeiter und vom Schlachthof die
[31:04] Arbeiter haben auch unten ganz unten gewohnt in den in diesen Dörfern dann dann das war w- dieser Berg war wie eine Festung und ringsherum waren diese Dörfer wissen Sie und dann äh also weiter im unteren Teil vom Bahnhof vom vom vom Pruth auf vom vom äh
[31:26] vom Pruthtal hinauf da war da musste man so da war äh ich weiß nicht ich glaube im Jahre 1880 oder 18- nein 18- vorher schon hat man hat man eine Tramway gemacht ge- gemacht also war die Tramway von der Pruthbrücke bis hinauf zum Volksgarten das war der
[31:46] ein großer Park sehr schön angelegt und die ähm [räuspert sich] also ähm dann dann also dieser Teil vom Bahnhof hinauf bis zum bis zum Ringplatz das ist vor dem Ringplatz das war die die Hauptstraße und dort war die Bahnhofstraße die Hauptstraße und
[32:07] dort waren waren äh war das Judenviertel auch das jüdische Viertel wo die jüdischen Arbeiter gewohnt haben das waren einige Geschäftslokale und die Bierbrauerei war dort unten und äh es war eine große Industrie ähm in im Pruthtal waren zwei Sägen
[32:26] zwei Bierbrauereien und noch andere Fabrik eine Textilfabrik und so weiter und die ähm und dann im mittleren Teil also im mittleren Kreis war der waren waren sehr viele Geschäftslokale und Intellektuelle haben dort gearbei- äh gewohnt ähm Rechtsanwälte
[32:49] Büros waren dort und so weiter und dann waren noch ein der der die Spitze des Plateaus also das Plateau oben das waren die äh da wa- haben die reichen Leute gewohnt und dort waren die reichen Gutsbesitzer Fabriksbesitzer und so weiter es war das Villenviertel
[33:05] dort waren lauter einzelne Villen keine Hochhäuser kein also Hochhäuser gabs nicht Dreistockhäuser aber äh die haben dort gewohnt das war neben dem Vol- um den Volksgarten herum dort waren auch die Kasernen dort waren die Spitäler und so weiter dort
[33:20] das war Czernowitz es Czernowitz hatte sehr viele Parks und äh sehr viele grüne grüne Anlagen und so weiter und äh Habsburgshöhe ge- benannt nach der den Habsburg- -dynastie das war ein sehr schöner Ausflugs- nicht Aus- sondern Spaziergang und das
[33:43] größte Gebäude in Czern- das interessanteste Gebäude in Czernowitz das war die Residenz die Bischofsresidenz sie war ein wunderschöner Bau der ist bekannt im im ganzen sü- im ganzen östlichen östlichen Europa das war eine der schönsten Bauten von
[34:01] Osteuropa Czernowitz übrigens war ein Bollwerk gegen gegen die Sowjetunion wissen Sie das war die die äußerste österreichische Stadt an der Gre- in der Nähe der der russischen Grenze ähm es waren einige Regimenter dort es waren einige weiß ich was
[34:24] soll ich Ihnen sagen viele s- es war eine sehr kulturelle Stadt es äh Paul Celan Sie wissen wer Paul Celan war Paul Celan hat gesagt dass äh Czernowitz eine Stadt wo wo Bücher und Menschen leben es waren sehr viele Bibliotheken in Czernowitz es waren vielleicht
[34:41] fünf Bibliotheken in Czernowitz und jede jedes Kind war abonniert und hat gelesen man hat sehr viel gelesen viel mehr als jetzt und ähm
[34:51] auf welche Schule sind Sie gegangen
[34:55] die Schule äh die Schule ich ich ich habe besucht mit se- mit sechs Jahren Schule angefangen das war eine eine deutsche eine deutsch- deutsche Schule eine deutschsprachige Schule also das äh die die die Sprache äh die die es waren Gegenstände Französisch
[35:18] äh und äh Rumänisch als Gegenstand aber die Sprache die die Unterrichtssprache war Deutsch und diese Sprache diese Schule habe ich besucht es war es gab z- es gab zwei deutsche Schulen Privatschulen waren das vol- Grundschulen die Meislerschule und die
[35:35] Comeniusschule also ich hab die Comeniusschule besucht und ähm dann äh dann dann bin ich ins rumänische Lyzeum gegangen das acht Jahre gedauert hat und im 36 hab ich maturiert
[35:48] da haben Sie uns vorhin Ihr Abschluss- äh
[35:52] [gleichzeitig:] der Abschluss ja das war der Abschluss der der Diplom ja
[35:55] [gleichzeitig:] -zeugnis gezeigt wollen Sie das einmal in die wollen Sie das einmal in die Kamera noch zeigen ?
[35:58] ja bitte schön wo ist es nur [sucht] da hier muss es sein
[36:03] sollen wir mal eben gucken
[36:06] ganz unten
[36:09] hier ist es
[36:11] ja
[36:14] das war Sie haben äh den Abschluss gemacht
[36:16] rumänischer Abschlu-
[36:18] 1936
[36:21] ja im 36 hab ich den Abschluss gemacht [zeigt das Zeugnis]
[36:24] mhm
[36:26] da ist unser König Karl der Zweite drauf
[36:35] vielleicht einmal noch umdrehen
[36:39] ja ah die Noten wollen Sie auch wissen [lacht]
[36:43] ja die wir müssen ja nicht so nah ranzoomen aber Sie haben gesagt Sie waren eigentlich keine gute Schülerin
[36:47] nein nein ich war keine gute Schülerin und ich werde Ihnen noch eine Geschichte erzählen ich habe sogar einen Vierer aus Geografie drauf das ist eine schlechte Note mit mit vier konnte man noch durchkommen wenn man an d- wenn die die anderen gute Note waren
[36:58] aber mit drei konnte man nicht durchkommen und ähm bei der mündlichen Prüfung die schriftlich Prüfung hab ich gut bestanden aber die münd- bei der mündlichen Prüfung da war ein antisemitischer rumänischer Professor Geografieprofessor für Geografie
[37:12] und der hatte in seinem äh in einer Schule also die Professoren waren nicht unsere Professoren waren fremde Professoren und der ähm der äh Präsident der Vorsitzende der war ein äh der war ein Universitätsprofessor das war der Universitätsprofessor
[37:32] Alexianu der dann Gouverneur während des Krieges in Czernowitz war äh der dieser also der Professor Alexianu der äh dieser Professor äh wie hat er nur geheißen das hab ich vergessen Diaconescu oder so was ähnliches der der hat mir eine Frage gestellt
[37:49] bei der mündlichen Prüfung äh »womit be- können können die Bewohner des Deltata-« Delta wissen Sie die Rumänen hatten ein Delta die Donaudelta und das Donaudelta und »womit können sie sich fortbewegen im Delta die Bewohner des Delta die Fischer
[38:11] und so weiter ?« also ich hab gesagt »mit Kanus mit mit mit Kähnen mit Flößen mit irgendwie so was« sagt er »nein« sag ich e- »was anderes kann ich kann mir nicht vorstellen was noch was« das war eine Frage welche in keinem Buch gestanden ist und
[38:26] da sagt er »also du weißt es nicht du du du wirst bei mir nicht durchkommen du bekommst einen Dreier von mir« und ich bin nach Hause gegangen habe geheu- hab geweint was soll ich machen d- ich fall durch das ist auch schrecklich und diese Frage konnte niemand
[38:44] niemand das hat der in seinem in seinem Vortrag in den im Bubengymnasium er hatte das hat er das vorgetragen das das auf Stelzen gehen sie in den Stelzen und ich wusste das nicht das hat er nur das stand in keinem Buch und äh meine meine Großmutter hatte
[39:05] wir hatten vier Zimmer ich wir wohnten schon ich wohne ich wohnte mit meiner Mutter schon bei meiner Großmutter weil mein Vater gestorben ist und wir hatten eine große Wohnung im Zentrum der Stadt in Czernowitz in der Herrengasse und meine Mutter konnte
[39:19] dann konnte die hohe Miete nicht zahlen so dass sind wir zur Großmutter übersiedelt ins Haus sie hatte ein eigenes Haus gehabt die Großmutter ein äh ein vie- ein Einstockhaus mit vier Wohnungen und äh die Wohnung von meiner Großmutter hat vier Zimmer
[39:34] gehabt und so dass wir äh dort eingezogen sind und mein äh und ähm das ein- das vierte Zimmer welches einen direkten Eingang vom vom Stiegenhaus gehabt hat das hat wurde vermietet und dort wohnte eine eine Studentin und ich komm nach Hause und weine und
[39:53] sage und ich sage »ich fall durch und so weiter dieser Professor hat mir einen Dreier gegeben« und sie sagt »du weine nicht äh ich werde schauen was ich für dich tun kann« sie ist in die sie war Studentin von Jura und hat hat ihr Verlobter war ein Rumäne
[40:10] der ein ein Pate vom vom Präsidenten des der der Maturakommission war und der äh (__) sie ist zu ihm gegangen »du mach etwas für die Hedi« und er hat mit dem mit dem Präsidenten gesprochen und der Präsident hat aus dem Dreier einen Vierer gemacht dieser
[40:31] Alexianu der dann die Juden ins Ghetto geschickt hat da- er wurde dann er wurde dann äh Gouverneur in der Bukowina in der Nordbukowina und so dass ich durchgekommen bin aber der Vierer ist da ich glaube der Vierer ist dort das war eine Geschichte
[40:49] ich
[40:52] [gleichzeitig:] äh ich muss sagen dass ich dass ich äh nicht immer aber sehr oft Glück im Leben gehabt hab toi toi toi [klopft auf den Tisch]
[41:01] es äh im also nach der Matura wollte ich Medizin in in äh Wien studieren und äh und ich hatte kein Geld und
[41:13] hab auf der Klassenlotterie gespielt und hab 100000 sche- 100000 Lei im im also im Juli hab ich maturiert im August hab ich 100000 Lei gewonnen bei der Klassenlotterie und im und im September zu meinem Geburtstag hab ich noch einmal 25000 gewonnen und äh
[41:33] im Jahre 36 im Jahr v- das heißt im Jahre 34 schon hat meine Großmutter einen zweiten Stock aufs auf das Haus aufbauen wollen und ich hab ich hab ihr gesagt aber das ist doch ein das ist doch ein ein reiner Wahnsinn Hitler ist schon im im man kann nicht
[41:49] wissen wie wie in in Czernowitz die die Politik sein wird es hat keinen Sinn heutzutage ein Haus zu bauen ein noch einen Stock aufzuziehen aufs Haus aber meine Großmutter war sehr starrsinnig das ist die Zirkusreiterin und ich bin ihr ein bissel ähnlich
[42:04] und die äh und die sagt und sie hat sie hat ein Darlehen genommen aufs Haus und hat hat einen zweiten Stock aufgebaut die sie hat gesagt »ich den Stock kauf- die dieses die Vergrößerung des Hauses mach ich nicht für mich sondern für dich du sollst Mitgift
[42:22] bekommen die zwei Wohnungen« sag ich »wozu brauche ich eine Mitgift ich brauch keine Mitgift« »aber es ist gut wenn du wirst du wirst dein Einkommen haben von von der Miete vom Haus und so weiter« bitte schön also sie wollte auf keinen Fall ich hab ich
[42:35] hab vorgeschlagen sie soll ein (___) in Israel in Palästina kaufen »nein ich kann doch die Orange nicht sehen ich kann sie nicht essen also was für einen Sinn hat dass ich hier kaufen soll eine Wohnung« es wär gescheiter gewesen wenn sie das gemacht hätte
[42:48] aber dann hätt ich wenigstens jetzt ein großes Einkommen [lacht] aber also die dieses Geld von ich hab ich hab meiner Großmutter gegeben die Hälfte des Geldes und sie hat das ganze das ganze Darlehen äh aufs Haus äh gelöscht und ähm und im Jahre
[43:13] 36 nach der Matura wa- also was was mach ich was mach ich bevor ich ins Ausland fahre ich werde einen Kurs im Sommer ich werde einen Kurs für Maschinen- und Daktylographie machen und habe einen Kurs gemacht ich habe gelernt und habe einen Posten angenommen
[43:30] und habe ein Jahr gearbeitet als Sekretärin in einer in einer Fabrik
[43:34] und dann ein Jahr später bin ich dann ins Ausland gefahren nach Wien und habe ein äh ein Kunststudium angefangen Medizin hat meine Tante gesagt die das ist die eine Schwester meines Großvaters
[43:47] bei der ich gewohnt hab die Mutter dieser Cousine die die Pianistin war und die äh und da hab ich dort äh bei ihr gewohnt und habe Kunst studiert ein Semester als äh außerordentliche Hörerin weil ich noch nicht noch nicht genau wusste ob ich dabei bleiben
[44:08] werde übrigens ist jetzt in Wien erschienen ein ähm ein so ein dickes Buch ich habe es ich hab es bekommen von Studenten die im Jahre 38 äh wei- nicht weiter studieren wollten und üb- überhaupt über die das äh über die Universität in in Wien äh
[44:28] die Professoren die entlassen wurden und die Schüler die nicht weiter studieren konnten und so weiter und da bin ich auch drin [räuspert sich]
[44:35] wie war das denn für Sie dann als Zwanzigjährige ungefähr
[44:40] 19 Jahre war ich damals
[44:43] 19-Jährige in in eine andere Stadt zu kommen oder waren Sie zuvor schon mal in Wien gewesen ?
[44:45] in Wien war ich mit meiner Großmutter und mit meiner Mutter vorher aber ich habe bei meiner Tante gewohnt ich hab bei der Tante gewohnt und habe studiert und hab mich frei b- das war im Jahr 37 Ende 37 das heißt im September 37 und im Dezember 37 bin ich
[45:05] äh hab ich mei- hat mein Onkel aus aus Genf mir geschrieben »komm doch zu uns komm uns besuchen« und da hab ich eine Studentenkarte mir genommen und bin nach bin zu Weihnachten nach äh nach Genf gewa- gefahren und war drei fast drei Monate d- paar Tage
[45:24] haben gefehlt zum drei Monaten in in Genf gewesen und hab dort die École Pratique de Langue Française besucht auf der Universität und auch Kurse vo- für Kunstkurse und das war eine sehr schöne Zeit in Genf und ich hatte sehr nette Kollegen und so weiter
[45:40] dort in meiner in der École Pratique de Langue Française äh Französisch konnte ich schon von früher erstens erstens meine Mutter hat hat eine eine Professorin Madame Peter hat sie geheißen wie ich fünf Jahre alt war aufgenommen und ich hab Anschauungsunterricht
[46:00] bekommen das heißt »c'est le l'oiseau« und so weiter d- das Bild gezeigt und wie Konversation gemacht und Französisch hab ich sehr gern Französisch hab ich auch äh wir haben in der Schule acht Jahre Französisch gelernt im Lyzeum und ich spreche ganz
[46:19] gut Französisch aber ähm und ähm ich hab Ausflüge ich hab sogar meine Skier mitgehabt nach Genf und habe und bin Ski gelaufen am Salève Salève ist ein Berg neben Genf und wir haben Ausflüge gemacht mit den mit anderen Studenten und äh wie ich Ihnen
[46:41] schon gestern erzählte von diesen zwei Studenten Studentinnen die meine Kolleginnen waren die die ähm Martha Ehrlich aus äh aus Bamberg aus Deutschland und die äh Rut Osjord aus äh aus Norwegen aus Stavanger die waren meine Freundinnen wir haben zusammen
[47:00] sind zusammen Ski gelaufen war sehr sehr nett sehr sch- ich hab eine schöne Jugend verbracht obwohl ich ohne Vater aufgewachsen bin aber meine Mutter hatte nach dem nach dem Tod meines Vaters glaub ich zwei Jahre nach dem Tod meines Vaters einen jungen
[47:17] Advokaten kennengelernt und der wollte sie heiraten und meine Großmutter war dagegen und ich war ich war dafür er war ein wunderschöner Mann er war aber jünger um vier Jahre als meine Mutter und meine Großmutter hat gesagt »nein das kann nicht gut gehen
[47:30] es kann es hat keinen Sinn einen jüngeren Mann zu heiraten« mais das wars ja ja meine Großmutter war ein Kosak [lacht]
[47:41] ähm
[47:44] Sie haben ähm grad schon so nebenbei erwähnt dass die Sie die politische Situation in in Deutschland durchaus wahrgenommen haben können Sie dazu was sagen wie wie ist das gewesen
[47:56] ich kann Ihnen schon sagen das wie die Situation wie die wie die ähm Nationalsola- -sozialisten die Macht übernommen haben in in Deutschland erstens wussten wir überhaupt nix was in Deutschland vorgeht das das war es war es war nicht es war sehr sehr sehr
[48:15] durchsichtig s- sickerten durch verschiedene Nachrichten über über Überfälle über ü- und so weiter aber es war noch nicht so krass wie f- wie dann später und ähm im Jahre im Jahre 33 glaub ich hat mein Onkel einen einen Radioapparat nach Hause gebracht
[48:34] das war so eine große Kiste mit zwei Buttons und wir hatten Muscheln ja und da hat man schon hat man schon verschiedene hat man schon die Reden von Hitler gehört und man hat verschiedene äh in den in den Czernowitzer Zeitungen sind erschienen verschiedene
[48:49] Artikel über über die Judenhetze in Deutschland und so weiter [hustet] dann ähm also im 36 und langsam langsam ist Rumänien äh heruntergerutscht zur Achse wissen Sie die also dann im Jahre vierzig war doch schon klar sie haben doch dort den Pakt gemacht
[49:10] und sind auch in den Krieg gezogen aber bis bis dahin es waren es waren schon schon Ausschreitungen schon im Jahre 26 ich weiß ich erinner mich damals bin ich zu dem in die Schule ich glaube ich in die erste Klasse gegangen und wir haben im Zentrum gewohnt
[49:26] und ähm und vis-à-vis uns war ein äh ein äh Kaffeehaus Café Europe hat es geheißen und dort haben manche manche Leute auch gefrühstückt und so weiter also ich bin aufgewachsen im Zentrum von Czernowitz das die Herrengasse das war die Promenade wissen
[49:48] Sie die Pardinihöhe vom Ringplatz und danach die die Herrengasse das war die Promenade und äh da man ist auf und ab gegangen Studenten und Schüler Schüler nicht in Uniform und so weiter der Uniform du- mit Uniform durfte man nicht auf die Herrengasse
[50:05] kommen und ähm Offiziere das äh das das war die Promenade wissen Sie wie soll ich Ihnen sagen wie der Kurfürstendamm sagen wir [lacht] oder ähm oder die Kö in Düsseldorf und ähm also dam- damals wie ich sechs Jahre alt war erinnere ich mich
[50:32] dass ich ähm es war damals ein äh es waren damals [räuspert sich] eine Maturakommission bei den bei im Bubengymnasium und äh kein jüdischer Schüler ist durchgekommen alle sind durchgefallen alle jüdischen Schüler achtzig Schüler waren Juden und sind
[50:50] durchgefallen alle nur paar Rumänen sind du- sind durchgekommen und und zwar war das ein Professor der der äh äh Präsident der Kommission war ein Professor Diaconescu und der hat ähm der hat gesagt »bei mir kommen keine Juden durch« und daraufhin hat
[51:10] man hat man eine Demonstration gemacht die die jüdischen Schüler und die und die Eltern haben eine Demonstration gemacht und ich erinner mich dass diese dieser Professor Diaconescu hat hat gewohnt in nem Hotel und hat ge- hat Frühstück gegessen vis-à-vis
[51:27] uns in diesem Café Europe und ist äh und einmal wie er herausgekommen ist nachdem die äh nachdem die das Resultat veröffentlicht wurde äh w- wurde erwartet von von Eltern und von Schülern sind ihm nachgelaufen und haben »huu huu huu« geschrien und
[51:44] so weiter und er ist auf einen Fiaker gesprungen am Ringplatz ist gleich in der Nähe und äh wissen Sie was ein Fiaker ist ein Fiaker ist eine eine Droschke sagen wir eine sie es gibt Fiaker mit zwei Pferden und mit einem Pferd also ein so ein äh so ein
[52:03] man es ist auch gedeckt aber i- das können Sie in Wien am Stephansplatz sehen solche Droschken mit zum spazieren fahren also solche das war das stand in Czernowitz am Ringplatz und der ist in ein dieser Professor Diaconescu ist dann in in einen in einen Fiaker
[52:20] gesprungen und während der gefa- schon weggefahren sind sind einige Studenten auf den auf den Fiaker äh ge- gesprungen auf die st- auf die Stufen und haben ihn geohrfeigt und äh dann sind sie heruntergefallen und so weiter also jemand hat es waren wissen
[52:39] Sie immer gibt es Spitzel wissen Sie was Spitzel ist Spitzel sind solche die äh die äh die äh Zuträger äh die die verschiedenen Anzeigen äh also der ist ein der der ist ein Kommunist oder der ist ein Kommunist sie sagen das das ist ein Spitzel und
[53:00] ähm also man hat m- es wurde der Polizei übergeben eine Liste wer diese Jungen waren welche auf den Fiaker gesprungen sind und einer davon ha- war da ein Student Fallik ein äh ein auch ein Schüler und äh der der wurde dann äh es wurde ein ein Prozess
[53:21] angezei- angezettelt und er in ein ein rumänischer Student hat ihn angeschossen in dem im im Gerichtssaal im Gerichts- auf die Stufen im Gericht und er ist drei Tage später gestorben das das ist noch heute ist sein sein äh ein Wallfahrtsort sein äh sein
[53:41] Grab in Czernowitz und äh also das waren die ersten Ausschreitungen die antisemitischen Ausschreitungen in Czernowitz und langsam langsam ich wie ich im Jahre 38 zurückgekommen bin aus Wien da konnte ich nicht mehr studieren weil äh da war schon Numerus
[53:58] Nullus für Juden in Czernowitz auch
[54:01] hatten Sie noch Verwandte in Deutschland ?
[54:05] äh nein ich hatte keine Verwandte in Deutschland ich hatte nur in Wien Verwandte die nach au- die ausgewandert sind nach äh nach London ein o- ein Cousin meines Vaters der bei dem ich auch gewohnt hab wie ich aus aus Genf zurückgekommen bin weil mein der
[54:22] der Mann meiner Cousine in Genf äh gleich in der Nacht verhaftet wurde und nach Dachau gebracht wurde und die Tante hat mir gesagt »du kannst bei uns jetzt nicht wohnen weil das Haus ist äh beobacht- ist beobachtet« und da bin ich zu einem anderen Cousin
[54:37] meines Vaters ge- gegangen und äh der wurde dann deportiert und äh e- ermordet beide er und die Frau äh in Deutschland hatte ich keine Verwandte ich hatte eine Verwandte also eine eine Schwester meiner Großmutter hat in Deutschland gelebt die ist im
[54:54] Jahre 36 gestorben und hat ein äh und ich bin Erbe eines Hauses gewesen sogar in Deutschland in Oldenburg es war die Schwester meiner Großmutter aus Dorna und die äh im Jahre fünfzig im Jahre f- sie ist im Jahre 36 gestorben und das Haus wurde das Haus
[55:18] ist so blo- gestanden ich weiß nicht wie groß das Haus war und äh eines Tages im Jahre fünfzig erhält meine Mutter äh meine Mutter hat die auch in der Südbukowina in Kimpolung gewohnt ich hab schon in Ploiești gewohnt erhält meine Mutter einen Brief
[55:32] von einem Rechtsanwalt aus Dorna es ist auf die Familie Langhaus ist gekommen ein ein Brief aus Deutschland von einem Rechtsanwalt aus Deutschland es ist ein Haus da und wer die Erben von diesem Haus sind hat meine Mutter g- an mich den Advokaten äh ge- geschrieben
[55:51] gesagt dass ich bin die Erbin von dieser Tante und äh also es waren noch zwei Erben eine eine Cousine war in Kiew die zurückgeko- aus Tra- aus Sibirien zurückgekommen ist und eine andere Cousine war in in Bukarest Studentin und äh ich hab ich hab geantwortet
[56:09] diesem a- diesem Rechtsanwalt und ähm daraufhin hat man hat man des das Haus verkauft ich glaube um 50000 Mark hat man damals das Haus verkauft im Jahre fünfzig und man hat drei Töpfe gemacht für die drei Erben ich hab da das Geld bekommen ich glaube
[56:29] waren damals 13000 Dollar damals für auf meinen Teil hab ich bekommen dann äh in in London nicht in äh nach London hat man es geschickt weil äh das das war schon im sozialistischen Rumänien wissen Sie und äh ich hab sofort wie ich den Brief aus Deu-
[56:50] Deutschland bekommen habe zwei Tage später hab ich einen Brief von der Bank bekommen von der Nationalbank äh »Sie haben eine Erbschaft äh übergeben Sie uns die Erbschaft wir bezahlen zahlen Ihnen aus in Lei« und mein Mann hat gesagt »das ist doch ein
[57:05] Blödsinn wir bekommen weiß ich hundert Lei dafür für diese ganze Erbschaft das ist doch lächerlich« und ich hab gesagt »ich nehme die Erbschaft an« und mein Cousin aus London diese die der Mann meiner Cousine äh die Pianistin war äh der war auch
[57:21] Rechtsanwalt der hat die Sache übernommen er hat er hat dann den Anwalt nach Deutschland geschrieben und das Geld wurde deponiert auf meinen Namen in Deutschland so dass ich hab damals bekommen weiß ich äh weiß ich 20000 D-Mark glaub ich oder so was Ähnliches
[57:36] äh ja also machen wir eine Pause ?
[57:41] können wir machen [Schnitt]
[57:44] also wir waren zuletzt in Genf und vielleicht können Sie jetzt erzählen wie Sie äh Sie waren drei Monate glaub ich in Genf wie Sie dann zurückgekommen sind
[57:53] [gleichzeitig:] knappe knappe drei Monate ja
[57:55] vielleicht können Sie erzählen wie Sie zurückgekommen sind
[57:57] also ähm ich habe in Genf die École Pratique de Langue Française besucht und auch äh auch Kunst- Kunst- äh in der Kunst- äh Kunstakademie äh Kurse gehabt und äh äh weil ich wollte ich woll- ich habe ich hatte doch ein Semester verlor- in Ge- in Wien
[58:17] verloren weil während ich in Genf war so dass ich wollte irgendetwas nachholen äh und äh und bin am elften am elften äh März 1938 in den Zug gestiegen in Genf um sechs Uhr Nachmittag in äh bis in Zürich waren schon um zwölf Uhr nachts waren sind wir
[58:39] in Zürich angekommen da waren schon Extraausgabe Extraausgabe in den an den an den Bahnhof und äh ich kaufte eine Zeitung und da las ich dass die öst- die deutsche Armee die österreichische Grenze überschritten hat und in in in Österreich einmarschiert
[58:59] ähm ich war ich war die ei- ich war ganz allein im ganzen im im ganzen Abtei- nicht nur im Abteil im ganzen Waggon war ich die einzige vielleicht war noch irgendjemand irgendwo aber ich glaub nicht ich hatte schreckliche Angst ich wusste nicht wohin ich
[59:15] fahre ich wusste ich komm nach Wien aber was unterwegs sein wird das wusste ich nicht weil überall gleich in f- Feldkirch gleich nach der Grenze in Feldkirch in äh waren schon die ganz ganz lange Hakenkreuzfahnen und so weiter überall gan- an der auf der
[59:32] ganzen Strecke auf jedem Bahnhof waren schon Hakenkreuzfahnen und in ähm in Sankt Anton in Arlberg kommt äh öffnet sich die Tür und drei und vier Studenten kommen herein ko- schieben auf die Tür auf des Abteil und kommen herein und fragen ob Platz da
[59:49] ist es war genügend Platz in der ganzen im im ganzen Waggon aber ausgerechnet zu mir sind sie gekommen und ich hatte schreckliche Angst ah und sie haben sich sofort vorgestellt »wir sind äh wir sind Studenten aus Wien wir sind Juden und wurden äh von unseren
[1:00:07] Eltern verständigt sofort den die den Skia- den Skiausflug abzubrechen und nach Wien zurückzukommen« und äh wir haben verschiedene Sachen diskutiert sie haben sich alle vorgestellt einer ha- einer hieß Hans Fink einer hieß ich kann noch genau die Namen
[1:00:24] mich erinnern einer hie- hieß ähm Herbert Grossmann einer hieß äh und zwei waren sch- hießen Schüler aus ähm au- alle waren aus Wien und zw- zwei Brüder und die ähm und äh wir haben uns unterhalten über Musik über Kunst über Literatur nur keine
[1:00:43] Politik wir haben nie nicht ein Wort über Politik gesprochen wir ähm wir kamen ungefähr vor Linz kommen wir kommt der Schaffner herein und verlangt die die Karten die äh die Billett die Tickets also ich gebe meine Karte er schaut sie an er dreht
[1:01:06] sie um hin und her schaut mich an und sagt »äh diese Karte ist ungültig Sie müssen Sie müssen 24 Schilling dazu zahlen eine neue Karte nehmen bis Wien u- wenn Sie wenn Sie nicht wollen setz ich Sie in Linz ab« ooh das war was Schreckliches für mich
[1:01:23] was soll ich machen mit ich war noch keine zwanzig Jahre alt ich war allein im in in Hitler- Hitler-Österreich im äh ich wusste nicht und ohne Geld ich wusste nicht was ich machen soll ich war wirklich ganz ganz ganz verzweifelt und ich beginne zu weinen
[1:01:40] und einer der Jungen dieser Peter Grossmann sagte klopft mir auf die Schulter »aber weinen Sie nicht gnädiges Fräulein wir helfen Ihnen« und jeder von diesen von diesen vier Jungen haben in den Taschen gekramt und haben zusammengestellt das das Gel- 24
[1:01:54] äh ich hatte noch sieben sieben Schilling bei mir zwanzig haben sie mir gegeben und äh und ich habe ein neue Ticket gekauft und so konnte ich konnte ich weiterfahren wenn wenn die nicht gewesen wären ich weiß nicht wirklich nicht was geschehen wär
[1:02:08] und äh ich hab die ad- die Adresse von von ihnen ge- verlangt und sie haben mir ihre Adresse einer hat mir die Adresse gegeben und ich erinner mich noch Schwarzspanierstraße 21 und am nächsten Tag hab ich von meiner Tante von der von der Cousine meines
[1:02:26] Vaters Geld geborgt und habe es ihnen hab es zurückgetragen hin die zwanzig Schilling und eine sehr elegante Dame hat mir gekommen es war ein sehr elegantes Haus am äh es stand ein Schild am es war ein Eisentor eine Villa ein Eisentor und da stand Doktor
[1:02:44] Schüler ich weiß nicht mehr wie er geheißen hat der Vor- der der Vater war Arzt und äh und diese Dame die gekommen ist sa- das war die die Mutter die Jungen waren nicht zu Hause und ich hab ihr das Geld gegeben und bin äh
[1:02:58] und war glücklich dass ich
[1:03:01] in Wien angelangt bin aber in Wien hat mich niemand erwartet obwohl ich ein Telegramm geschickt habe und äh ich hab angerufen von Wien der dieser Peter Grossmann einer hat bei ist bei meinem Gepäck geblieben und und äh und ich bin zu einem Automattelefon
[1:03:17] gegangen und habe angerufen und die Tante die Tante Klara das war die Schwester meines Großvaters die Mutter von der Pianistin hat mir gesagt dass der Lolo der der äh der auch Rechtsanwalt war diese Nacht ausgehoben wurde und nach Dachau nei- er ha- damals
[1:03:34] das wusste nicht wohin er wohin er gebracht wurde erst dann nachher hat sie uns geschrieben dass er in Dachau war und äh als Rechtsanwalt weil er äh ich weiß nicht warum er war kein Kommunist aber er hat Kommunisten wahrscheinlich verteidigt und deshalb
[1:03:50] äh wurde er verhaftet auf jeden Fall man hat damals sehr viele Juden verhaftet und nach Dach- Dachau gebracht
[1:03:56] können wir eine kurze Pause machen
[1:03:58] [nickt; Schnitt] also ich bin da in Wien angekommen ich äh ich konnte nicht äh bei bei meiner Tante wohnen sondern sie sagte mir dass der äh dass der Lolo in äh verhaftet wurde das Haus ist unter Beobachtung und äh ich und ich bin dann zu einer zur Cou-
[1:04:16] zu einer Cousine meines Cousin meines Vaters gegangen der auch Rechtsanwalt war und äh der äh bei dem hab ich fünf Tage gewohnt am äh nächsten Tag bin ich in äh bin ich auf die Gesandtschaft auf die rumänische Botschaft gegangen und hab meinen Pass
[1:04:33] gezeigt und habe in den Pass den ganzen Tag musste ich dort herum warten es waren schrecklich viele Leute alle rumänischen Staatsbürger wollten sofort weg aus Deutsch- aus Österreich und äh da hab ich einen einen sta- Stem- Stempel bekommen einen Stempel
[1:04:51] oder Stampiglie Stampiglie bekommen in der in einem in in meinem Pass »bon pour rentrer en Roumanie« und so konnte ich nach fünf Tagen nach Hause fahren ähm
[1:05:00] diese diese vier Jungen äh d- einer einer der ein sehr netter junger Mann ich weiß nicht mehr
[1:05:10] we- was er studiert hat auf jeden Fall er i- er ist am nächsten Tag zu meiner Cousine gekommen und hat hat mir erzählt über diese verschiedenen ähm äh Zwischenfälle die in der Stadt waren man hat man hat äh jüdische Häuser äh auf jüdische Häuser
[1:05:27] Hakenkreuze gesch- gemalt man hat jüdische Geschäftslokale die Fenster eingeschlagen und und sehr viele Verhaftungen waren [räuspert sich] er selbst ähm ich glaube er hat mir damals gesagt dass er nach äh dass er einen schon einen Bruder in Uruguay hat
[1:05:45] und er will zu ihm auswandern ich hoffe er es ist ihm gelungen auszuwandern ähm der andere der Hans Fink der äh er während des also während des Krieges haben wir sehr oft das Freie Europa gehört das war äh das war schon in Czernowitz und es war äh
[1:06:04] in äh während des Krieges war die rumänische Besetzung nach dem Ghetto aber mein mein Mann hatte einen Kollegen einen Rumänen [räuspert sich] einen Rumänen der eine Zweitwohnung in Czernowitz hatte aus Bukarest der eine Zweitwohnung in Czernowitz hatte
[1:06:22] und eine und und befreundet mit den m- mit einem jüdischen Ingenieur war und er hatte die die Schlüssel der Wohnung und äh wir gingen ich immer mit Herzklopfen hin in die Herrengasse 45 war das ich erinner mich ganz genau am zweiten Stock war eine Wohnung
[1:06:40] der er schloss auf die Tür und in der Ecke stand ein Radio und wir alle hatten Muscheln und wir hörten die verschiedenen Nachrichten die ganz anders waren als die offiziellen Nachrichten aus London das war das Freie Europa es hat gehei- es war es hat angefangen
[1:06:57] mit »bing bing bong« das war der Big Ben der d- d- der das war der Anfang der Nachrichten und dann waren die deutschen Nachrichten die äh aus London die ganz anders waren als die wir in der Zeitung gelesen haben natürlich das war schon das war schon in
[1:07:14] der Nähe von das war schon um die Zeit wo Stalingrad gefallen ist wissen Sie wo Stalingra- wo die Schlacht in Stalingrad war und äh der Ansager war Hans Fink also ich glaube das war dieser Hans Fink der mi- mit der den ich getroffen der im im Zug getroffen
[1:07:31] habe
[1:07:33] ähm ja soll ich Ihnen weiter erzählen also
[1:07:39] [gleichzeitig:] (hab-)
[1:07:43] als ich als ich aus äh Genf zurückkam aus Wien zurückkam da konnte ich konnte man nicht konnte ich nicht weiter studieren ich war damals zwanzig Jahre alt ich bin gerade zwanzig Jahre alt geworden damals äh ich im September hatte ich Geburtstag zwanzig
[1:07:53] Jahre und die ähm die äh studieren konnte ich nicht also was macht man man man macht Handarbeiten man liest sehr viel man man die Bibliothek bei meiner von meiner Schwiegermutter war noch offen das war noch das war noch vor dem vor dem Krieg und da dort
[1:08:12] war ich abonniert auch schon von zwölf Jahren an hab ich dort äh Bücher gel- geborgt äh ich wusste nicht dass sie dann meine Schwiegermutter werden wird aber auf jeden Fall sie war eine sehr sympathische Dame da ist sie hier diese Dame hier oben [zeigt
[1:08:25] nach hinten] das ist ihr Portrait das Portrait wurde im Jahre 42 von einer Nachbarin die Malerin war gemalt
[1:08:36] w- 42 ?
[1:08:39] Paula Brenner im Jahre 42 es steht sogar das Datum dort aufgeschrieben das während des Krieges und äh also man man ist zusammengekommen m- Jungen und Mädel man hat getanzt man hat äh es war noch kein Krieg es war z- 38 und äh dann im Herbst am
[1:09:07] also nach meinem zwanzigsten Geburtstag äh ungefähr paar Tage später im Anfang Oktober sagt eine f- die Mutter treffe ich ei- die Mutter meiner Freundin Anni diese die ich hier die dann erschossen wurde über dem Bug äh »Hedi willst du nicht mit mir zu
[1:09:25] Anni fahren äh sie ha- Anni hat am achten Oktober Geburtstag« »ja selbstverständlich« und ich bin mit ihr nach pu- nach Putna gefahren Putna ist ein ein Ort ungefähr zwei zwei Stunden Autofahrt oder eineinhalb Stunden Autofahrt von Czernowitz im sü-
[1:09:40] in der Südbukowina ein großes Kloster dort ein sehr bekanntes Kloster ein ein sehr schönes Städtchen ein ganz kleines Städtchen mit drei Fabriken und äh sehr schön gelegen ringsherum Wäl- Berge Wälder sehr schön und äh also es war schon anf- es
[1:09:58] war Anfang Oktober es war der siebente Oktober und es war schon ei- sehr sehr starker Winter es war schon ganz hoher Schnee Schneemassen wie wir nach nach Putna ankamen da war ganz alles sch- alle Straßen waren verschneit nur ein schmaler schmaler Fußweg
[1:10:13] war z- auf den Straßen und ähm und an der Station stand ein junger Mann der erwartete jemanden er und dieser junge Mann das war dann dann mein Mann äh ich hab ihn damals kennengelernt er hat jemand anderen erwartet ein junges Mädchen das kommen sollte
[1:10:30] und nicht gekommen ist und da bin ich gekommen aber damals hab ich ihn kurz kennengelernt die f- die Mutter von meiner Freundin hat ihn mir vorgestellt »das ist Ingenieur Brenner« äh »guten Tag« er hat keinen besonderen Eindruck auf mich damals gemacht
[1:10:44] und äh und wir sind nach Hause gegangen mit meiner Fr- bei meiner Freundin und es war sehr nett und so weiter und am Sonntag hat sie Geburtstag gehabt und am Sonntagvormittag äh sagt der Mann der Mann meiner Freundin war auch Ingenieur dort äh sagt er »komm
[1:11:00] wir machen wir einen schönen Spaziergang so im Schnee das ist wunderschön« es war wirklich f- fabelhafter ein Wintertag mit Sonne und blauem Himmel das war phantastisch und der ganze Schnee war so bläulich wissen Sie das war wunderschön sehr romantisch
[1:11:14] und äh und wir gehen und da bleibt der der Heinz das der Mann meiner Freundin bleibt stehen äh bei dem Haus und f- gibt zwei Finger in den Mund und pfeift und zwei Männerköpfe erscheinen am f- am Fenster äh einer von ihnen war war mein Mann der andere
[1:11:31] war ein anderer Ingenieur der auch der mit ihm zusammen gewohnt hat [räuspert sich] und äh der Mann meiner Freundin fragte »wollt ihr mit uns spazieren gehen« »ja« sagen beide und sind runtergekommen und sind zusammen spazieren gegangen ich weiß nicht
[1:11:44] wie das sich so arrangiert hat dass ich bin mit meinem Mann gegangen äh mit dem Gottfried Brenner gegangen und die anderen sind separat weiter gegangen sehr schnell und ich und ich sag äh ich sag ihm »also schau schauen Sie da wir s- wir sind die anderen
[1:11:59] ganz weit vorne« fragt er mich »haben Sie Angst mit mir allein zu sein« sag ich »nein ich hab Sie sind doch kein Wau-Wau« das hab ich ihm geantwortet [lacht] und dann ähm also dann am Nachmittag ist er auch hingekommen zum Geburtstag von meiner Freundin
[1:12:11] und äh dann ist er ich bin für drei Tage hingefahren und äh ich bin drei Wochen dort geblieben also das wars ähm und äh nach drei Wochen bin ich weggefahren und äh dann hat er mir einen Brief geschrieben wir waren die ganze Zeit per Sie er hat mir keinen
[1:12:28] Kuss gegeben er mir nicht mal an die Hand gehalten und nach drei Wochen f- äh bekomm ich einen Brief äh »wollen Sie mich heiraten ?« und ich hab nicht gleich geantwortet hat er mir ein bekomm ich am nächsten Tag ein Telegramm »das das riecht nach Czernowitzer
[1:12:43] Gesellschaft« das waren die Studenten aus dem Ausland welche so mit der Nase waren [gestikuliert] die Czernowitzer waren so wissen Sie das war er hat in Prag studiert gehabt also das ist ein kleines Intermezzo und ähm also m- ich hab ihm dann geantwortet
[1:13:04] »ja« und er ist gekommen wir haben uns verlobt und nach drei Monaten haben wir geheiratet
[1:13:08] wie war die Hochzeit ?
[1:13:12] es war eine ganz große Hochzeit wild- Bilder zeigen sind sehr schöne Hochzeit der Oberrabbiner Mark hat uns getraut und der ist dann von den Deutschen erschossen worden im Jahre 41 und er äh und äh dann war zu Hause ein großer Empfang bei meinen bei meinen
[1:13:28] bei meiner Großmutter zu Hause in der in der Wohnung sind also alle der Tisch war ausgezogen durch drei Zimmer und das d- vierte Zimmer war ein Ankleideraum weil es war noch Winter es war im März und ähm und ich habe eine sehr schöne sehr schön ich werd
[1:13:47] Ihnen Bilder dann zeigen von meiner als Braut
[1:13:50] und äh dann haben wir eine Hochzeitsreise gemacht nach nach Dorna und damals hab ich noch meine Tante diese Tante die alte Tante kenn- getroffen und äh wir haben im Hotel gewohnt drei Tage und dann sind wir
[1:14:04] weitergefahren so eine Rundfahrt über durch durch ganz Rumänien bis nach Bukarest und dann zurückgefahren nach nach Putna wir haben noch d- noch 14 Tage in Putna gewohnt und da in der Zwischenzeit das hat mei- mein Mann mir ni- mir nicht erzählt äh er
[1:14:19] hat in der ähm noch bevor wir verlobt waren hat er ein Interview gehabt einer großen Firma Royal Dutch Shell Company in äh Bukarest das war eine eine Petroleumfirma die äh extrahiert das Petroleum aus dem Boden durch Sonden Bohrtürme und äh und dann
[1:14:40] wurde die äh das Rohöl verarbeitet in der Raffinerie in den Raffinerien in Ploiești und äh er hatte damals ein Interview und hat mir nicht gesagt und da gerade am Hochzeitstag ist die ist die Antwort von der von der Firma gekommen dass er engagiert wird
[1:14:55] dass er ange- bekommt den Posten als äh Praktikantingenieur und äh da muss man alle sechs Monate als Praktikant die ersten zwei Jahre muss man äh alle sechs Monate den den ganzen den ganzen Betrieb kennenlernen also zuerst in den in den bei den Bohrtürmen
[1:15:14] in den Naphthagruben dann in der Raffinerie und in den in der in den äh Werkstätten und so weiter das an verschiedenen Orten in der Nähe von Bukarest das ganze Ploiești das ganze Petroleumgebiet liegt ungefähr sechzig Kilometer nördlich von Bukarest
[1:15:29] und äh also die ersten sechs Monate die haben wir a- haben wir gewohnt am äh in Boldeşti das ist ein kleines ein kleines Dorf zwischen den Weinbergen ringsherum sind nur Weinberge und Bohrtürme und die Kolonie äh die Kolonie der Ingenieure das war das
[1:15:51] war so eine sehr schön ausgebaut von ganz modern mit einem mit einem Schwimmbad mit Tennisplätzen mit ähm ein Swimmingpool und so weiter mit einem Beamtenhaus für die für die Ledigen oder für die Jungverheirateten die keine Wohnung haben und dann waren
[1:16:06] an einzelne Villen für die anderen Ingenieure und dort haben wir gewohnt im Beamtenhaus im in dem boarding house war das und in der Kantine gegessen das war sechs Monate und dann sind wir nach dann sind wir nach Câmpina gezogen Câmpina ist ist äh ungefähr
[1:16:22] hundert Kilometer v- nördlich von achtzig Kilometer nördlich von Bukarest entfernt äh dort waren die äh die Werkstätten und so weiter [räuspert sich] dort haben wir privat gewohnt und dann sind wir äh sechs Monate haben wir in Ploiești gewohnt das
[1:16:42] ist der und mein Mann hat in der Raffinerie gearbeitet und ähm
[1:16:47] das war im Sommer äh einund- im Sommer vierzig und am sechsundzwa- am 25sten Juni 46 äh vierzig kommt mal hör ich ähm kommt meine meine Hausfrau wir haben zwei Zimmer privat gemietet gehabt
[1:17:05] kommt meine Hausfrau und äh sie war auch eine Bukowinerin und hat mir gesagt »wissen Sie man spricht dass die Bukowina abgetreten wird an Russland a- die Nordbukowina« wieso wo was warum es war nämlich ein ein Nichtangriffspakt zwischen Molotow und Ribbentrop
[1:17:22] äh ein Nichtangriffspakt zwischen Deutschland und Russland und dieser äh und in diesem Pakt wurde die Bukowina die Nordbukowina an Russland abgegeben und am 26sten Juni sollte das sein also wie ich hab das gehört am 25sten Juni ist schon der r- der äh
[1:17:45] ging schon da die von Mund zu Mund die diese äh die die Nachricht und äh es war gar nichts offiziell man niemand hat wusste davon und ähm und am Nachmittag mein Mann kommt nach Hause und am Nachmittag wir hören Radio auf einmal im Radio sagt man dass man
[1:18:03] die Nordbukowina am nächsten Tag übergibt äh gi- den Russen übergibt also was macht man meine Mutter ist in Czernowitz und seine Mutter ist in Czernowitz und und wir sitzen dort was macht man also wir packen schnell einen Koffer alle anderen Sachen sind
[1:18:20] in Ploiești geblieben wir packen einen Koffer und und und laufen zum Zug der Zug hat eine Stunde Verspätung und war schon voll voll voll besetzt von von Leuten die nicht einmal wussten dass die Nordbukowina abgetreten wird sondern es waren Schüler die zu
[1:18:36] zu den Großeltern gefahren sind es war damals gerade äh Anfang der Schul- Schulschluss wissen Sie es war Ende Juni äh es war es waren sehr viele Soldaten die einberufen wurden in die Kaserne in die Regimenter in die Bukowina nach Czernowitz und so weiter
[1:18:52] also der Zug war bombenvoll niemand wusste dass am nächsten Tag die Russen da sein werden aber wir haben das im Radio gehört am letzten Tag am letzten t- vorher und äh also wir sind bis nach Czernowitz mit dem Zug gekommen die ganze Nacht neun Stunden
[1:19:07] sind wir gestanden neben der Toilette und äh wir sind nach Czernowitz angekommen und der und haben einen Koffer gehabt es war keine Möglichkeit irgendein irgendein Vehikel in die Stadt zu bekommen i- in Czernowitz gibt es zwei Bahnhöfe einer einer im Süden
[1:19:26] am Station Volksgarten und der andere im im Norden im am Pruth gelegen neben dem Pruth also der der Zug ist nur bis zur bis zum Volksgarten gekommen er konnte nicht mehr weiterfahren weil am anderen Brücken- Brückenende schon die Russen waren [räuspert
[1:19:43] sich] und der Zug wurde mit Ansturm wurde von Rumänen die durchgegangen die durchgehen wollten überfüllt also wir konnten kaum aussteigen und ich hab den Koffer zu einer in eine nahe gelegene Fabrik getragen die deren Direktor ein Bekannter von uns von
[1:20:01] mir war und weil ich hab doch ein ein Jahr gearbeitet bis ich bis ich weggefahren bin ein Jahr nach der Matura hab ich gearbeitet und war Sekretärin in in einer Nagelfabrik und diese Nagelfabrik war nahe der Station dort hab ich den Koffer zurückgelassen
[1:20:16] und wir sind zu Fuß in die Stadt gegangen und kommen zu meiner Schwiegermutter und sagt »was macht ihr wozu seid ihr gekommen« also wir wir konnten dann nicht mehr wegfahren die Grenze wurde sofort am nächsten Tag gesperrt es war nur one way also man
[1:20:32] konnte in die Bukowina hereinkommen aber aus der Bukowina konnte man nicht weg aus dem aus der von Russen besetzten Gebiet und so sind wir dort picken geblieben
[1:20:41] die Russen sind gekommen meine Großmutter sagt »ah ich hab auch in der ersten Russenzeit im
[1:20:48] Ersten Weltkrieg hab ich die Russen erlebt ah die Russen kommen sie gehen wieder so war es im Ersten Weltkrieg« aber dam- jetzt war es nicht wieder so und im Zweiten Weltkrieg sie sind dort geblieben also geblieben für ein Jahr vorläufig und dann sind sie
[1:21:03] wiedergekommen nach nach vier Jahren nach dem Krieg ähm ja also was soll ich Ihnen weiter noch erzählen wie es in Czernowitz war unter den Russen ?
[1:21:12] wie haben Sie denn dort gelebt dann ?
[1:21:15] ähm es ist so in Czernow- in in Sowjetrussland musste jeder arbeiten wer nicht arbeitet bekommt kein Essen ja also jeder muss arbeiten ich hab in einer i- ich hab mich beworben um einen Posten in einer in der Stadtbibliothek und äh ich weiß nicht ob Sie
[1:21:35] wissen Sie wer der Alfred Kittner ist ? haben Sie vom ihm gehört ?
[1:21:39] nein
[1:21:42] das ist ein Dichter der äh er er ist nicht so be- so bekannt wie Paul Celan aber einer der sehr bekannten Dichter deutsche Dichter er hat nach dem Krieg auch weiter er ist dann in Düsseldorf gestorben er ist dann nach Düsseldorf gegangen also der Alfred
[1:21:55] Kittner und der äh Maurüber und das waren einige einige die eine die die Bibliothek organisiert haben es waren Millionen Bücher aus den verlassenen Wohnungen aus den ähm erstens sind sehr viele durchgegangen die Rumänen sind alle durchgegangen und haben
[1:22:18] die ganzen Wohnungen gelassen die möblierten Wohnungen und mit Büchern und alles mögliche die Juden sind sind viele Juden auch durchgegangen also es waren sehr viele Wohnungen frei und be- möbliert mit Sachen mit Büchern und so weiter ähm man hat diese
[1:22:34] Bibliothek arrangiert und zwar [räuspert sich] aus den aus den äh verlassenen v- wir mussten Bücher tragen also ich hab mich beworben um einen Posten dort weil ich wollte nicht gerne im Büro arbeiten und als äh als Beamtin und so weiter mit Büchern ist
[1:22:51] immer interessant zu arbeiten und äh und ich wurde aufgenommen ich war sehr verwundert dass man mich aufgenommen hat obwohl ich d- weder Russisch noch Ukrainisch konnte aber äh diese Bücher waren in allen möglichen Sprachen es waren Kunstbücher es waren
[1:23:07] Literatur es waren Kinderbücher es waren Kochbücher es waren äh also alles mögliche in verschiedenen Sprachen und ähm ich hab mich um den Posten beworben und äh es war eine Kommission dort ich hab ich hab äh Deutsch gesprochen Rumänisch gesprochen
[1:23:24] und so weiter es war ein ein äh ein ukrainischer äh Beamte dort irgendein ein Literat Literat oder was der war ich glaube er war Literat a- und es war der Alfred Kittner auch unter diesen die die bei der Kommission waren zum auf- zu au- zum Aufnehmen von
[1:23:44] von Leuten und ähm ich hab mich beworben um den Posten ich hab meine Biografie gesagt weil jeder muss seine Biografie ge- sagen also w- wer wo man geboren ist wann man geboren ist wer die Eltern waren das ist sehr wichtig ob sie sch- ob sie Beamten waren
[1:24:02] oder Kaufleute oder das war das ist sehr wichtig bei so einer in in Sowjetrussland gewesen die die äh was der Vater war also und ähm und ich hab meine Biografie hergesagt und der äh einer der äh der sie haben mich angeschaut und so weiter und so und
[1:24:25] ich bin herausgegangen und hab gewartet aufs Resultat und dann kommt der Alfred Kittner der in dieser Kommission war heraus und sagt »du bist aufgenommen« ich warum sagt er mir »du« auf einmal und er sagt mir spricht mit mir wieder Deutsch und sagt »du
[1:24:38] bist aufgenommen« dieser Alfred Kittner als ich noch ein kleines Mädel von drei vier Jahren war drei Jahre war äh hab ich in der Herrengasse gewohnt und äh wissen Sie die die Häuser in äh in also im im alten Österreich das waren noch österreichische
[1:24:55] Häuser die haben solche äh Klopfbalkone am zum Hof gehabt wissen Sie das ist so ein langer Gang mit Fenstern die Küche geht dahin und so weiter und äh mit einer Tür also die wir hatten damals fünf Zimmer dort in der Herrengasse die äh der ein Eingang
[1:25:13] war für die ka- für die für das Büro meines meines Vaters von direkt vom Stiegenhaus und der andere Eingang war v- über diesen Gang und ich hab immer auf diesem Gang gespielt mit meinen Puppen und so weiter und am anderen Ende vom äh dieser Gang hatte
[1:25:29] zwei Enden [gestikuliert] eines hier eine Wohnung war hier eine Wohnung war hier auf der anderen Wohnung war ein Doktor Kapralik ein Arzt ein Frauenarzt gewohnt und zu diesem Doktor Kapralik ist je- sind zweimal wöchentlich ein äh ein junger Stu- ein junger
[1:25:44] Schüler gekommen zum Essen äh das war ein Neffe von diesem Doktor Kapralik und äh und der hat oft mit mir gesprochen und hat mir erzählt Geschichten und er er war damals 15 Jahre alt und ich war drei Jahre alt und hat äh hat gefragt wa- was ich mache
[1:26:02] und wie heißt meine Puppe und so weiter dieser dieser Schüler ist dann geworden der Alfred Kittner der Dichter und der war in der Kommission und der hat mich erkannt und hat ge- und hat mir »du« gesagt ich hab mich gewundert warum e- also es waren damals
[1:26:18] schon ich war damals äh drei- 22 und er war schon über dreißig und es waren zw- 15 Jahre dazwischen ver- verstrichen seitdem ich ihn gesehen hab er war noch ein Junge damals sagt er »ich bin der Freddy Kittner weißt du erinnerst dich du wie du mit Puppen
[1:26:35] gespielt hast« und so weiter also der hat mich aufgenommen dank ihm hab ich bin ich in die Bibliothek hereingekommen und hab dort ein Jahr gearbeitet es war wirklich eine sehr sehr schöne Arbeit ich hab im Lesesaal gearbeitet und ähm also am Anfang hat
[1:26:49] man die Bücher ge- Bücher sortiert beschriftet und so weiter nach geordnet nach dem Dewey-System wissen Sie was der Dewey-System ist nein ? das äh die die Russen haben gesagt es ist deren System aber das ist das Bibliothekssystem der nach einen gewissen
[1:27:07] Dewey benannt der äh der die die einzelnen äh die einzelnen Fächer die einzelnen äh ähm Gegenstände nicht Gegenstände wie soll ich das sagen die einzelnen äh Fächer der Bücher
[1:27:22] [gleichzeitig:] Themengebiete
[1:27:24] die die äh nach Sprache und nach nach Wissenschaft und nach eingeteilt also Geschichte ist ein Nummer eins und Geografie ist Nummer zwei und Literatur ist drei und so weiter Literatur ist acht zufällig so so weit ich mich noch erinnere und äh also nach
[1:27:39] Fä- nach jede alles hat seine eine Vornummer und dann in Parenthese ist dann in in Klammer ist ist noch eine Nummer nach d- und der Autor mit A B C und so weiter also das ist das Dewey-System die Russen sagen haben gesagt das ist nicht das ist deren System
[1:27:54] es heißt anders (_) ich weiß nicht mehr wie aber auf jeden Fall die Russen haben behauptet das ist nicht das Dewey-System aber es ist genau das gleiche die haben kopiert vom Dewey [räuspert sich] also das wurden alle alle Bücher beschriftet nach Nummern
[1:28:07] und so weiter nach Wissenschaft und äh weil das war eine riesengroße Bibliothek das waren Hunderte Tausende Millionen Bücher vielleicht und es die haben so in Haufen gelegen und da ha- musste man sie rausnehmen und beschriften und so weiter das war eine
[1:28:21] sehr schöne Arbeit und dann äh und dann war die Ausgabe von den Büchern man hat dann ein ein ein Kino hat man in ein in eine Bibliothek umgewandelt die Russen und äh dort war ein großer der Kinosaal war ein großer Lesesaal den hat man als Lesesaal ge-
[1:28:38] benützt und äh und oben war die Ausgabe der äh nach Hause die Bücher also wir hatten ungefähr vielleicht z- vielleicht 10000 Bücher in der Bibliothek wirklich wirklich phantastische Bibliothek war das und äh und es war eine sehr schöne Arbeit mit
[1:28:55] Büchern
[1:28:57] wo haben Sie denn zu der Zeit gewohnt ?
[1:29:00] ich hab gewohnt mit meiner Schwiegermutter die ganze Zeit
[1:29:02] bei der Schwiegermutter ?
[1:29:04] im in der Maria-Theresiengasse
[1:29:07] mhm
[1:29:09] meine Mutter hat mit meiner Ta- mit meiner Großmutter gewohnt und meine Schwiegermutter war allein so dass wir bei ihr gewohnt haben am meine Mutter hat mit der mit meiner sch- Großmutter gewohnt in im in ihrem Haus das Haus wurde nicht nationalisiert weil
[1:29:17] es eingeteilt war in Wohnungen also eine Wohnung hat gehört meiner Mutter eine Wohnung gehört meiner meiner Großmutter eine Wohnung hat gehört meinem meinem Onkel eine andere die dri- die vierte Wohnung hat noch jemand gehabt und alle zwei die zwei Wohnungen
[1:29:32] vom neuen Stockwerk haben mir gehört so dass wir nicht deportiert worden sind sonst wenn das ganze Haus einen Hausbesitzer gehabt hätte dann wär wär wären wir alle depor- nach Sibirien deportiert worden
[1:29:43] und wer hat in Ihren Wohnungen gewohnt ?
[1:29:46] nein nein nein sie waren vermietet ich hab gewo- wir haben gewohnt beim mit meinem Mann bei meiner Schwiegermutter weil sie allein war und wir haben dort gewohnt aber sie hatte drei Zimmer und in der Russenzeit durfte jede Familie nur ein Zimmer haben und
[1:30:02] da haben wir hat meine Schwiegermutter Freunde die aus aus äh aus der Südbukowina nach Russland nach Czernowitz gekommen waren in dieses vierte Zimmer ge- genommen so dass wir alle drei Zimmer besetzt waren
[1:30:14] was hat Ihr Mann gemacht in der Zeit ?
[1:30:17] mein Mann hat in der Telefonzentrale gearbeitet und äh das komisch dass er hat einen sehr netten Ingenieur als Chef und er äh und dieser sagt ihm dieser Ingenieur sagt ihm äh konnte nur Russisch und mein Mann hat einige Sprachen gesprochen er hat auch
[1:30:37] sehr rus- sehr rasch Russisch gelernt und er äh und er sagt ihm also dieser Ingenieur sagt meinem Mann »na schön gut dass du Sprachen kannst aber ich brauch keine spr- anderen Sprachen« sagt er »warum brauchst du nicht schau die Russen gewinnen den Krieg
[1:30:53] und du wirst die Russen gehen weiter« sagt er »ja wir kommen bis nach bis nach Brüssel wir kommen bis nach Belgien« sagt er »was wirst du machen wenn du wie wie wirst du dort sprechen ?« »nu die Belgier werden Russisch lernen !« das war die Antwort
[1:31:06] [lacht] ja also das war das war vierzig 41
[1:31:14] im 41 ähm also es war im vierzig hat schon der Krie- im 39 hat schon der Krieg für Polen begonnen am ersten September einund- äh 39 glaub ich und ähm die ähm es waren sehr v- sehr viele Flüchtlinge aus Russ-
[1:31:32] aus Polen sind über Czernowitz nach Bukarest gefahren sehr viele Flüchtlinge die die Leute die gefahren sind nach Bukarest sind dann weitergef- weitergefahren übers Mittelmeer Mittelmeer war noch war noch frei nach England und da- daraus ist geworden die
[1:31:49] Anders-Armee die polnische Anders äh ander- Anders-Bataillon gegen Hitler wissen Sie es war ein General Anders hat organisiert eine eine ein eine Armee die die mit den mit den Franzosen und Engländern gegen die Deutschen gekämpft haben und sehr viele von
[1:32:13] diesen Polen die aus Polen durchgegangen sind auch auch auch äh ei- fremde Botschafter und so alle sind durch Czernowitz gefahren nach äh nach Bukarest und dann weiter ähm das war noch im 39 also im vierzig da waren die Grenzen gesperrt man konnte es
[1:32:33] konnten noch drei Monate lang konnten konnte man noch aus Rumänien nach nach in die Nordbukowina kommen aber zurück konnte man nicht das war die das war one way herein haben sie gelassen die Russen aber heraus haben sie nicht gelassen [räuspert sich]
[1:32:49] im äh also der Krieg hat begonnen im Jahre in 39 schon für Polen im Jahre vierzig wurde dieser dieser k- ähm Molotow äh Molotow- äh -Ribbentrop-Pakt geb- von den Deutschen gebrochen und die Deutschen deutschen Flieger haben schon begonnen zu bombardieren
[1:33:14] be- bombardieren die äh die ganze Front die es war also eine Frontlinie von oben von von Danzig bis hinunter bis ans Schwarze Meer war die Front wissen Sie und ähm und Czernowitz wurde schon in den der Flughafen von Czernowitz wurde schon in den ersten
[1:33:32] Tagen bombardiert die hatten einen Flughafen dort und alle russischen Flugzeuge wurden am Boden zerstört das war so ein so ein äh so ein äh plötzlicher Angriff deutscher Angriff und alle Flugzeuge sie konnten nicht einmal aufsteigen alle Flugzeuge wurden
[1:33:50] am am Flughafen von von Czernowitz zerstört und dann begann der vorschma- Vormarsch der Deutschen
[1:33:57] wie haben Sie diese Bombardierungen erlebt ?
[1:34:00] ja die ich hab sie gehört ich hab sie nicht gesehen wir haben nicht wir haben nicht in der Nähe des Flughafens gewohnt ziemlich weit vom Flughafen entfernt aber wir haben gehört Bombardieren Bombardieren wir wussten nicht war geschehen ist weil der Krieg
[1:34:11] ist so plötzlich ausgebrochen und ähm ja und dann dann s- dann ist das deutsche Militär und das rumänische Militär langsam langsam in Czernowitz eingekommen die Russen haben sich zurück- ja schon in den letzten Tagen vor dem das heißt v- wir sind
[1:34:30] am wir sind einen Tag bevor der vor dem Abzug der Russen gekommen aber in der Nacht schon hat man haben alle haben die Russen alle alle i- russischen Staatsbürger ähm m- wie soll ich sagen evakuiert ja sie haben die f- fak- die Universitätfakul- evakuiert
[1:34:50] mit allen Studenten nach Russland und sehr viele sind mitgelaufen sehr viele sehr viele jüdische Kommunisten und äh und Leute die Angst gehabt haben vor den Deutschen und so weiter also äh Czernowitz die Bevölkerung von Czernowitz war halbiert sagen wir
[1:35:08] erstens waren keine Rumänen zweitens die die Deutschen haben die Russen abgezogen schon im Anfang Anfang 41 im Winter 41 das heißt im im im Jänner 41 äh es waren 12000 Deutsche in in äh in Czernowitz in der b- in Czernowitz und der Umgebung ja 12000
[1:35:31] Deutsche haben gelebt und die sind alle die sind alle von Hitler nach Deutschland ein- eingezogen worden »Heim ins Reich« hat diese gehei- geheißen diese Aktion und die sind alle auch Kolleginnen gewesen die Kolleginnen von mir die Deutsche waren sind
[1:35:48] sie sind mitgegangen die haben die Brukker die war dann in Wien eine große Dichterin sie ähm das waren Kolleginnen die deutsche Kolleginnen die ich im Lyzeum habt hatte habe hatte also die sind alle nach Deutschland und nach Österreich abgezogen worden
[1:36:04] das war die große Aktion und geheißen »Heim ins Reich« [räuspert sich] im Haus meiner Großmutter hat gewohnt ein Polizeikommissär äh Kuczinsky hat er geheißen er war Ukrainer aber sie haben sich als Deutsche ausgegeben und sind nach Deutschland gegangen
[1:36:19] die Tochter ist nach Bukarest gegangen und hat einen deutschen Botschafter geheiratet und die beiden Söhne der Willi und der Fritz das waren Zwillinge sie waren um drei Jahre älter als ich und wir sind zusammen aufgewachsen ich hab sie sehr gut gekannt die
[1:36:35] sind äh die sind auch nach Deutschland weg und dann nach dem Krieg hab ich gehört die sind beide in nach äh ins äh zur SS gegangen einer wurde erschossen und der andere wurde erhängt in äh in Polen als Kriegsverbrecher
[1:36:49] haben Sie zu der Zeit noch die jüdischen Feiertage gefeiert ?
[1:36:53] ja Feiertage hat man immer gefeiert das heißt man konnte damals in dieser Zeit konnte man nicht in Synagogen gehen oder in k- in den Tempel gehen weil all das war alles war gesperrt aber zu Hause hat man hat man gefeiert so gut man konnte
[1:37:10] wollen Sie was
[1:37:14] wissen ? ja die Deutschen sind äh die äh in den ersten Tagen der be- der deutschen be- der deutsch-rumänische der deutsch-rumänische Militär erstens waren zwei Tage waren wir ganz vogelfrei es war kein es war kein Militär und es war kein noch noch kein
[1:37:31] Militär in Czernowitz und es waren die äh alle Hausmeister und und Verbrecher und so weiter w- Juden waren vogelfrei man hat erschossen wen man konnte auf der Straße das war das war gang und gäbe auf jeden Fall man hat es waren Einbrüche man hat die Fensterläden
[1:37:48] die äh die Schaufenster eingeschlagen und und äh und herausgeholt alles auf aus den aus den Vororten sind alle Leute ge- alle Ukrainer waren Rumänen waren keine mehr nur Ukrainer sie sind gekommen und haben haben gestohlen und haben ermo- gemordet und so
[1:38:08] weiter dann ist das Militär hereingekommen das rumänische Militär mit dem deutschen mit dem deutschen Militär zusammen es waren nicht genau ich g- ich ich erinner mich genau es war an einem Dienstag es waren ich glaube es waren drei Tage nachdem die Deu-
[1:38:23] nachdem die Russen abgezogen sind äh alle Häuser die äh das heißt die großen Häuser die Wohnhäuser wo ein zwei Stockwerke war ein Hausmeister ja und die Hausmeister waren gewöhnlich Ukrainer und ähm unser ukrainer Hausmeister ist gekommen mit zwei
[1:38:44] mit zwei rumänischen Gendarmen und äh geklopft an alle es w- es wir waren die einzigen es waren drei jüdische Familien im Haus die anderen waren Rumänen und waren geflüchtet und sind hereingekommen und haben geklopft an die Tür und eine und das Durchsuchung
[1:39:02] gemacht der Wohnung und ähm alle uns alle verhaftet mitgenommen und zwar hat man uns geführt und und es war eine ganz lange Reihe von es waren sehr viele jüdische Ein- jüdische Bewohner in dieser Straße eine kurze Straße und ähm wir wurden alle verhaftet
[1:39:21] Frauen und Kinder und Männer und Greise und wurden zur Gendarmerie geführt Gendarmerie war in der Nähe war eine eine Kaserne und wir wurden dort in die Kaserne hereingepfropft und ähm im äh wissen Sie das ging so ein Lauffeuer ich erinner mich noch
[1:39:43] im Hof waren noch war noch Stroh von von den von den äh Solda- von den Pferden der Soldaten die dort dort äh waren äh in russische Soldaten und da die Stroh- Heu- Strohbündel waren noch im Hof und da ging das Lauffeuer dass man will uns verbrennen und
[1:40:03] man wird das anzünden dass sie uns verbrennen dann hat man hat man geteilt Männer und Frauen die Frauen wurden separat geteilt äh wohin anders geführt in ein anderes Zimmer geführt die Männer wurden in ein anderes Zimmer geführt und äh wir waren 300
[1:40:20] Frauen alle eingepresst in eine Ecke dort in dem Zimmer inzwischen das Elektrizitätswerk haben die Russen gesprengt wie es wie wie sie abgezogen sind das Wasserwerk das Elektrizitätswerk und die Pruthbrücke also es waren nur äh es war ganz finster es
[1:40:38] war kein Licht gar nichts es war schon wir sind bis am Abend dort gewesen dann hat man hat man und äh hat man gesagt äh ein Offizier ist hereingekommen und hat gesagt »die Frauen sollen der Reihe nach je eine in ein in das andere Zimmer kommen« und man
[1:40:56] hat uns man hat uns nach Waffen kontrolliert und zwar äh äh es ist nicht schön dass ich das erzähle aber ich muss das erzählen weil so wahr mir Gott helfe dass es wahr ist und äh zwei Soldaten zwei Gendarmen haben waren dabei und haben gesagt »ausziehen !«
[1:41:16] und ich bin geblieben im Busenhalter und Höschen und dann sagen sie »alles !« und wo sucht man eine Frau nach Waffen ? und äh das war schrecklich und dann hat man uns gesagt »ihr könnt du kannst wieder hinausgehen« und eine andere kommt herein die
[1:41:38] alte Frauen haben gewöhnlich w- die noch die reicher waren auf jeden Fall sie haben hatten Schmuck bei sich gehabt und haben im Bu- ah ich hab das hier wieder ge- [fasst ans Mikrofon] und haben im Busen den Schmuck versteckt also das wurde alles weggenommen
[1:41:51] und äh und dann waren wir wieder alle zusammen alle 300 Frauen und man hat uns gesagt äh man hat uns nach Hause geschickt mit einem mit einem Soldaten allein der alle drei Frauen angeführt hat bis nach Hause also die die meisten waren d- fast fast alle
[1:42:11] waren aus unserer Gasse unserer Straße das war um drei Uhr in der Früh und äh wir sind nach Hause gekommen wir wussten nicht was mit Männern geschehen ist
[1:42:21] in der also das das hab ich dann erst erfahren am nächsten Tag in der Früh sind wir hingelaufen
[1:42:27] zur zur Gendarmerie f- schauen was mit den Männern ist damals war noch kein Ausgehverbot auf jeden Fall war es gefährlich zu auf die Straße zu gehen allein aber ich bin mit meiner mit der Tochter von diesem von dieser Familie die bei uns gewohnt hat sind
[1:42:43] wir beide gelau- hingelaufen man hat uns gesagt die Männer [räuspert sich] die Männer wurden auf die Poli- auf die Polizeiwache gebracht Polizeistation gebracht wir sind zur Polizeistation gelaufen da war schon eine ganz lange Reihe weil von anderen Straßen
[1:42:58] hat man genau dasselbe gemacht und äh und wir sind gestanden ich spür noch heute die die den Peitschenhieb es ist ein rumänischer äh Kommissär Polizeikommissär herausgekommen mit einer ganz langen Peitsche wissen Sie diese Peitschen sind solche die bei
[1:43:17] den Rumänen das ist eine eine ein Volks- äh -sage oder ich weiß nicht wie wie ich das sagen soll zu Ostern hat m- haben die solche ganz lange Peitschen und und schlagen damit so und machen so einen Lärm damit also das das das ist so eine ähm ein Gebrauch
[1:43:36] ein Brauch und äh und dieser ich erinner mich noch dieser äh Onciul hat er geheißen dieser Kommissär ein junger Kommissär vielleicht dreißig Jahre alt äh ist rausgekommen mit so einer Peitsche und hat d- geschlagen auf diese auf diese Frauen die dort
[1:43:52] gest- angestellt gestanden sind hat gesagt »ihr Jüdinnen ! ihr habt die russischen Tanks geküsst voriges Jahr wie sie gekommen sind« und so weiter und man hat schreckliche Schreie gehört von draußen von der von der durch die offenen Fenster es war doch
[1:44:06] Sommer äh von den l- gefolterten Leu- Männern die dort gefoltert wurden weil äh die wollten unbedingt herausbekommen äh was die äh Russen gemacht haben welche Kommunisten waren so weiter aber die Kommunisten waren alle f- durchgegangen und äh dann
[1:44:25] hat man uns gesagt also wir sind wir haben uns wir mussten wir durften nicht mehr dort warten und äh dann sind wir wieder hingegangen nochmals hingegangen hat man sie die alle Männer von dort transportiert in ein Altersheim in ein leeres Altersheim und äh
[1:44:42] das ganz leer war ohne Möbel ohne nichts ohne Wasser dort hat man sie drei Tage gehalten ohne Wasser und ohne ohne Essen und wir konnten überhaupt nicht hinzukommen und aber ich sag doch immer ich hab doch immer gesagt dass ich immer nicht immer aber fast
[1:45:02] immer ein wenig Glück im Leben gehabt hab und äh in unser Haus ist eingezogen ein in die leere Wohnung die die ru- die die Russen verlassen haben ist eingezogen ein äh ein Major der Gendarmerie hat geheißen Ciocardel und ähm wir Frauen sind zu ihm gegangen
[1:45:23] mit einer großen Silbertasse und mit Uhren und Ringen und alles möglichen drauf und gebeten dass unsere Männer dass man unsere Männer herauslassen soll und wirklich er hat das er hat das gemacht und die Männer sind am nächsten Tag nach Hause gekommen
[1:45:41] von unserem Haus die anderen wurden deportiert nach Transnistrien also mit Bakschisch hat man immer etwas erreichen können in Rumänien wissen Sie was Bakschisch heißt ja
[1:45:53] also das war in der ersten Woche wie das rumänische Militär eingezogen ist an
[1:46:01] der in der gleichen Woche am Samstag ist ähm sind SS-Leute haben die unsere Straße abgesperrt und sind von Haus zu Haus gegangen »wohnen hier Juden ?« ja wurden die Männer und haben alle Männer verhaftet ich hab meinem Mann äh am das erste Mal wie wir
[1:46:22] verhaftet wurden von den Rumänen hab ich äh hab ich hab ich gefragt den diesen Gendarmen diesen Soldaten der gekommen ist uns zu verhaften äh sollen sollen wir Dokumente mitnehmen »ah« sagt er »zum Erschießen braucht man keine Dokumente« und das zweite
[1:46:38] Mal wie die SS gekommen sind hab ich ohne zu fragen meinem Mann das Ingenieurdiplom in die Tasche geschoben und sind und man hat die Männer verhaftet zu s- zu Laster ge- ge- ge- getrieben al- also die st- es war eine kurze Straße und beide Enden der Straße
[1:46:56] waren waren mit Lastern ver- ver- versperrt und man hat die Männer zu den Lastern getrieben und äh und auf die auf die Autos gesetzt ich hab gewusst wir haben gewusst dass eine Woche v- zuvor an einem Samstag vor hat man 400 Leute aus 400 Juden von der st-
[1:47:15] Männer von der Straße genommen und den Oberrabbiner Mark von zu Hause abgeholt SS-Leute zum zum Tempel gebracht zum Czernowitzer Tempel war ein großer schöner Bau ich werde Ihnen zeigen den Bau wie er früher geschau- ausgeschaut hat und äh und den Bau
[1:47:31] angezündet hat und die und die Männer zu einem zu einem Kasino zu einem Militärkasino in der Nähe gebracht und dann auf Laster geführt und in ein in ein Wäldchen hinunter zum Pruth geführt und erschossen alle 400 Leute [räuspert sich] an diesem Tag
[1:47:52] wo die SS-Leute die Männer unsere Männer äh abgeholt hat die ver- verhaftet hat auch in Laster bin ich mit meiner Freundin dem dem Auto nachgelaufen ich hab meinen Regenmantel schön genommen weil es war so trüb und bin nachgelaufen die ganze lange Herrengasse
[1:48:08] nachgelaufen dem Auto und immer gefragt wohin das Auto gefahren und ich hatte so irgendeinen einen einen einen einen einen Spurius dass dass man sie wieder dorthin bringt in dieses Kasino am Theaterplatz und richtig das war so man hat sie hingebracht um am
[1:48:22] nächsten um am Nachmittag äh auch erschossen zu werden auch an derselben Stelle wo da wo früher die anderen äh paar Tage vorher die anderen erschossen wurden und ich ähm wir stehen draußen dort es waren no- außer auch andere Straßen wurden abgesperrt
[1:48:40] und die Juden verhaftet nicht nur unsere Straße also es waren damals zusammen 400 Leute die dort 400 Männer dort in diesem in dem Kinosaal dieses Kasinos äh eingesperrt und mein ähm ich stehe in der in der Nähe des Tors und äh wir warten wir warten
[1:49:02] es einige Leute kommen heraus ein bekannter Arzt von mir ha- kommt hinaus und sagt » (_) pass auf dein dein Mann kommt auch bald raus« und so weiter aber dann ha- dann wu- es wurde am Vormittag hat eine Kommission zwischen deutschen und rumänischen äh rumänischen
[1:49:18] Polizeikommissären getagt am dann um haben sie Mittagspause gemacht und dann sind keine Rumänen mehr gekommen nur Deutsche waren dort deutsche SS-Leute und äh also mein Mann ist nicht rausgekommen und äh ich steh bei in der Nähe des Tors auf einmal öffnet
[1:49:34] sich die das Tor und und ein deutscher Offizier kommt hinaus ich hab nicht die Uniform erkannt ich hab auch nicht ich hab mich nicht ausgekannt weder Uniform noch Grad und so weiter und ich weiß nicht warum aber auf irgend- irgendjemand gibt mir sagt mir
[1:49:49] eine innere Stimme geh geh und sprich ihn an und ich gehe geh zu auf ihn zu und sag äh »entschuldigen Sie Herr Offizier« ich wusste nicht wie ich ihn welchen Grad er hat »entschuldigen Sie Herr Offizier könnten Sie mir sagen was mit den Männern die
[1:50:04] dort verhaftet sind geschieht« er hat so ein wenig gelächelt wie ich ihm gesagt hab »Herr Offizier« und er sagt äh »ich bin Flieger und ich kann Ihnen nur s- ich ich ich ich wünsche Ihnen dass man sie zur zur Arbeit zur wie- zur Wiederaufbau des der
[1:50:24] Pruthbrücke nimmt« salutiert und geht weiter alle Leute um mich herum sagen »du bist doch ganz normal du bist doch bist doch ganz bekloppt wie kannst du einen deutschen Offizier ansprechen« ich weiß nicht ich irgendjemand mein mein Schutzengel hat mir
[1:50:40] gesagt ich muss ihn ansprechen und äh wir sind nach Hause gegangen man hört Schüsse man wusste nicht leben die Männer hat man sie schon erschossen wird man sie erschießen das wussten wir nicht am äh am Nachmittag sag ich meiner Schwiegermutter und
[1:50:58] der Renée dieser Freundin »komm wir ich ich habe beschlossen zu gehen zum Obersturmbannführer Finger Major Finger« »bist du verrückt das ist ein das du willst in die Höhle des Löwen gehen das ist doch der höchste Mann der SS du willst zu ihm in Audienz
[1:51:15] gehen« »ja ich will zu ihm au- au- Audienz gehen und ihm sagen dass mein Mann Nützliches für den Wiederaufbau der Stadt und so weiter« meine Schwiegermutter sagt »man wird dich auch dort behalten« aber ich bin doch ein immer ein Trotzkopf gewesen und
[1:51:29] ich nehme wieder meinen Regenmantel und sag »komm Re wir gehen wir gehen zu ihnen zum zum Hauptquartier der SS« und äh und sie kommt mit mir wir gehen dorthin wir kommen das ist da war ein ein ein großes Hotel im Zentrum der Stadt ein äh der »Schwarze
[1:51:48] Adler« hat er geheißen das Hotel und dort war das Oberkommandantur der SS und ich gehe direkt zum zum zum Offizier der Wache steht zur Wache und sage »ich möchte mit dem Obersturmbannführer Finger sprechen« sagt er »es ist leider er ist leider in
[1:52:08] einer Sitzung es ist nicht möglich« ich »na dann warte ich« und geh hinaus auf die Straße und gehe vor dem Tor spazieren auf und ab und auf und ab vor diesem vor diesem Hotel und auf einmal kommt von der Ecke entgegen eine deutsche Uniform und geht an
[1:52:25] uns vorbei dreht sich um bleibt stehen und sagt »wen haben Sie dort im im Offizierskasino« das war der deutsche Offizier den ich in der Früh angesprochen hatte und ich sage »mein Mann« schaut er mich so an ich hab sehr jung ausgeschaut schaut er mich
[1:52:43] an und sagt »Ihr Mann« sagt er sag ich »ja das ist mein Mann und der Vater meiner Freundin ist auch dort drin« »was ist er von Beruf« sag ich »Ingenieur« »wo hat er studiert« »an der Deutschen Technischen Hochschule Prag« »Moment mal« sagt
[1:53:00] er er nimmt einen Papier heraus und einen Bleistift »sagen Sie mir genau den Namen« und nimmt den Namen meines Mannes und ich sage »aber der Vater meiner Freundin ist auch dabei« und den Vater den ihren Namen Michael Berler und sagt »warten Sie hier ich
[1:53:15] will sehen was ich für Sie tun kann« und geht herein in die in das in das in äh in die Oberkommandantur es vergeht eine Stunde er kommt nicht es war Ausgehverbot bis sechs Uhr durften die Leute durfte man noch gehen durften Juden auf der Straße sein
[1:53:33] und ich sag der Renée äh »Re komm nach Hause es hat keinen Sinn er hatte er hat sich lustig über uns gemacht und so weiter« und wir gehen weg er war nicht mehr da die ganze Nacht hört man Schießen und Schießen und wir wussten nicht hat man unsere
[1:53:52] Mä- hat man meinen Mann erschossen hat man ihn nicht erschossen wir wussten gar nichts am nächsten Tag in der Früh gehe ich hin um acht Uhr früh war ich schon dort am Platz es waren viele Leute auf diesem großen es war so ein großer Platz mit einem versenkten
[1:54:04] Garten dort vor diesem Kasino und äh alle Leute sagen »man hat sie nicht erschossen man hat sie nicht erschossen« weil es hat schrecklich geregnet während der Nacht auch schon am Vorabend wie wir schon wie wir noch dort waren hat sich begonnen ein schrecklicher
[1:54:18] Sturzregen und äh man hat sie nicht erschossen und ich bin dort in der Nähe wieder von dem Tor und auf einmal öffne ich wieder die Tür das Tor und der Offizier kommt raus er schaut sich um und und er winkt mir ich soll zu ihm zukommen und ich gehe zu
[1:54:37] ihm zu und er sagt äh »sie wurden nicht erschossen und äh Ihr Mann wird heute Nachmittag nach Hause kommen und Sie kommen jetzt mit mir« und ich denke mir wo was will er mit mir er will mit mir ins Bett gehen das sind doch Rassenschande das geht kann
[1:54:58] kann doch nicht sein aber was was will wozu soll ich mit ihm gehen also ich gehe mit ihm wir gehen vorbei wir gehen langsam langsam dorthin hinunter die Straße zum zum äh Oberma- Oberkommandantur der Luftwaffe und er sagt »hier ist unsere Oberkommandantur
[1:55:13] kommen Sie herein« und ich ich geh herein und ja seine Ordonanz war noch d- war noch auch der hat geheißen (Hans) erinnere ich mich und ähm ich geh herein die sind ist ein langer ein langer Saal mit Büro mit wie auch so Schreibtischen und überall sitzen
[1:55:32] sitzen Soldaten auf ich weiß nicht was und alle stehen auf »Heil Hitler« sagen sie mir ich hab nicht gewusst soll ich die Hand heben soll ich sie nicht heben ich ich und ich hatte auch so ein so ein unangenehmes Gefühl und äh er führt mich bis zu einer
[1:55:45] Tür klopft an die Tür drinnen höre ich »herein« er öffnet die Tür und schubst mich herein das war so ein kleines Büro es war so die Hälfte halb so groß wie dieses Zimmer und äh ein es war so ein Halbdunkel es war ein ein ein großer Schreibtisch
[1:56:04] war dort und vor dem Schreibtisch am Schreibtisch ist gesessen ein ein älterer Offizier der äh der die Hand der eine verbrannte Hand gehabt hat in einem in in einer Schlinge und ein halbes Gesicht war verbrannt und äh er steht auf und sagt »küss die Hand
[1:56:22] gnädige Frau« denk ich mir ich träume ? ein deutscher Offizier sagt mir »küss die Hand gnädige Frau« das ist doch hirnverbrannt äh sagt er »nehmen Sie Platz ich« und stellt sich vor »Oberst Mayritsch von der v- von der siebenten Flugstaffel« und
[1:56:39] äh er »ich ähm ich bin Wiener« sagt er und »ich hatte sehr viele Freu- jüdische Freunde wohin ich komme helfe ich Juden und äh ich möchte Ihrem Mann auch helfen ist er ich ähm wir bleiben noch einige Tage hier Ihr Mann kommt heute nach Hause wir
[1:57:02] haben ihn angefordert für die Flugwaffe und er wird mit uns arbeiten als Übersetzer er kann einige Sprachen und äh der Freund Ihres Mannes der Herr Berler auch« [räuspert sich] und er äh und ich war so »er wird mit uns den ganzen f- den ganzen Krieg
[1:57:27] mitmachen er wird mit uns weiter gehen bis zum Ural wir überschreiten dann den Ural wir kommen über über Syrien kommen wir nach Palästina dort lassen wir ihn frei und Sie kommen dann hin und werden mit ihm zusammen sein« denk ich mir das ist jetzt doch
[1:57:45] ein ganz ver- verblödeter ja er hat mir noch gesagt »dort dort äh vereinen wir uns mit der Rommel-Armee« das hat er auch gesagt und äh ja ich sag und ich s- ich war ganz perplex und sag ihm »muss das sein« sagt er »ist Ihnen lieber wenn er hier bleibt
[1:58:02] und erschossen wird ?« also ich hab ihm schon nix mehr geantwortet ich bin aufgestanden und sagte ich hab mir gedacht es ist schon Zeit wegzugehen und äh er sagt wieder »küss die Hand gnädige Frau« und ich geh weg ich komm heraus aus dem wieder ich geh
[1:58:17] jetzt allein durch dieses großen durch diesen das große Büro und alle wieder st- stehen auf und sagen mir »Heil Hitler« alle Soldaten und ich komm bis an die bis ins Stiegenhaus und äh dort wartet der Hans der die Ordonanz vom vom Oberleutnant und sagt
[1:58:34] »der Herr Oberleutnant erwartet Sie in seinem Zimmer« na (___) [klatscht in die Hände] also was geschieht jetzt und äh ich er führt mich hinauf die Stiegen und klopft an die Tür »herein« ich komm herein der Herr Oberleutnant Geppert heißt er Klaus
[1:58:49] Geppert dieser steht und rasiert sich gerade und er entschuldigt sich und äh zieht seinen Waffenrock an die Uniform an er war in Hemdsärmeln »nehmen Sie Platz gnädige Frau« also ich nehm Platz denk mir was will er von mir und äh er sagt »schauen Sie
[1:59:05] äh jetzt möchte ich Ihnen erklären warum ich das alles warum ich i- Ihnen geholfen habe erstens sind Sie mir sehr sympathisch gut schön das ist nicht so wichtig aber ich habe auch die Deutsche Technische Hochschule in Prag absolviert im Jahre 36 genau
[1:59:24] wie Ihr Mann er war mein Kollege wir waren in den Parallelklassen ich hab ihn nicht gekannt aber i- es war für mich selbstverständlich dass ich einem Kollegen helfen soll« und ähm also das wars er war sehr an- »wollen Sie wollen Sie heute Abend ins
[1:59:42] Kasino zu uns kommen zu einer Party ? Sie und Ihre Freundin« sag ich »ja aber ich glaube nicht dass es eine sehr gute Idee ist weder für mich noch für Sie« und ich bin weggegangen er hat mich nicht einmal einen Handkuss gegeben er hat mir keinen Kuss gegeben
[1:59:56] er hat mich nicht ins Bett gesteckt er war ein Gentleman und und am und ich bin nach Hause gekommen mein Mann war schon zu Hause das ist Klaus Geppert und Oberst Mayritsch das sind die beiden die beiden deutschen Offiziere die meinen Mann gerettet haben
[2:00:12] hatten Sie später noch mal Kontakt mit ihnen ?
[2:00:15] ich konnte nicht kontaktieren wir waren dann in Rumänien nach dem Krieg und in Rumänien einen deutschen Offizier konnte ich nicht kontaktieren jetzt wie ich das die den das Verdienstkreuz das deutsche Verdienstkreuz bekommen habe habe ich den Oberst den
[2:00:28] äh Botschafter gebeten er soll sich interessieren er sagt er sagt man kann man kann finden also sie leben beide bestimmt nicht mehr aber vielleicht kann ich finden irgendwie wo sie d- ob sie dann überlebt haben den Krieg ob nicht und so weiter
[2:00:44] wie war das Wiedersehen mit Ihrem Mann dann als Sie nach Hause gekommen sind
[2:00:51] das ich werde Ihnen gleich erzählen was mit meinem Mann damals geschehen ist dort in diesem weil er war doch äh zwei Tage äh einseinhalb Tage dort in diesem in diesem das waren 400 in einem in einem Kinosaal 400 Männer in dem Kinosaal in den Bänken gesessen
[2:01:09] und man hat verlangt von ihnen die Dokumente und zwar es war s- Pardon sind drei SS-Leute hereingekommen und haben verlangt also alle alle Juden müssen Medikame- äh Dokumente am Ende des der jeder soll sein Dokument herausnehmen und am Ende der äh der
[2:01:30] Bank ein aufstapeln ja dann haben sie alle diese Dokumente zusammengenommen und haben sie gelegt auf einen großen Tisch es möchte er »ich möchte drei studierte studie-« so hat er »gelernte Juden« gelernte Juden so hat er gesagt das hat mir mein Mann
[2:01:48] dann erzählt »ich möchte drei gelernte Juden haben« es hat sich einer gemeldet der »also was bist du« »ich hab st- in in in äh Wien« äh nein »ich hab in in Prag« oder nein nicht in Prag er hat gesagt eine deutsche Uni in Italien studiert »Italien ?«
[2:02:05] eine Ohrfeige »geh hinaus« der zweite hat gesagt hat in Paris studiert Ohrfeige »hat niemand in einer deutschen Hochschule studiert ?« hat der gef- laut gefragt mein Mann hat gesagt soll er sich melden soll er sich me- also er hat sich gemeldet »wo hast
[2:02:21] du studiert ?« »in Prag an der Deutschen Technischen Hochschule Prag« »okay komm raus du hast auch mit (__) gearbeitet und Geld gesammelt für die Kommunisten« sagt er »nein ich habe überhaupt nichts gemacht« also er war der einz- einz- der zweite
[2:02:37] war ein äh der Michel Berler dieser der m- ein der Freund der mit uns zusammen gewohnt hat der hat in Wien studiert also den hat man auch genommen war schon älterer Herr und der dritte war ein der in Brünn studierte auch ein ein Ingenieur also die drei
[2:02:53] hat man ausgewählt die sollen sortieren diese diese verschiedenen Dokumente mein Mann hat dann erzählt das waren solche Dokumente das kannst du dir überhaupt nicht vorstellen es war in allen spr- möglichen Sprachen es waren Briefe in in jiddischer Sprache
[2:03:07] es waren hebräische Dokumente es waren es waren rumänische Dokumente äh deutsche äh russische Dokum- alles alle möglichen Sprachen und er hat gesagt dieser SS-Mann hat gesagt »in einer Stunde komme ich wieder hier soll alles nach Alphabet geordnet sein«
[2:03:25] also die haben mein Mann hat gesagt die haben drei Haufen gemacht drei drei Häufchen gemacht von den Dokumenten alle drei haben dran sehr fieberhaft gearbeitet dann hat mein Mann alles zusammen koll- kollektioniert alles zusammen nach Alphabet und äh z-
[2:03:43] und nach einer Stunde war alles fertig die äh dann ist nach einer Stunde ein hereingekommen ein äh ein Offizier ein SS-Mann und gesagt hat angeschaut hat »ja okay ihr habt das gut gearbeitet ich werd« und macht Stichproben nimmt einen Brief hinaus der
[2:04:02] war in jiddischer Sprache geschrieben er konnte bestimmt nicht Jiddisch lesen er fragt meinen Mann »was ist das ?« sagt mein Mann »das ist ein ein Geburtsschein« so auf gut Glück hat er das gesagt weil das war kein Geburts- das war ein gewöhnlicher Brief
[2:04:14] also gut er konnte das nicht kontrollieren und man hat sie wieder auf i- auf ihre Plätze geschickt er hat die ganzen Dokumente mitgenommen und sie haben weiter g- dort gesessen dann ist hat man i- i- dann hat man hereingebracht Knäckebrot und zwei Fässer
[2:04:29] Wasser und zwar zwei Kisten Knäckebrot hat jeder ein Knäckebrot bekommen und Wasser konnte jeder trinken also wenn einer geschöpft hat un- aus dem Fass Wasser und hat getrunken und und weggestellt das hat er bekommen ne Ohrfeige »du musst waschen diesen
[2:04:49] das Gla- die den den Krug nachdem die Schale nachdem das und dann wegstellen« also Hygiene musste sein auch in bei der SS auch bei verhafteten Leuten und dann hat man die Fenster verriegelt mein Mann hat erzählt man hat die Fenster verriegelt und verklopft
[2:05:06] und und äh und die Türen alle verriegelt und dann hat man au- aufgemacht den äh den Ventil- die Ventilatoren und alle waren waren überzeugt dass man sie vergast dort also es war schrecklich schrecklich dann hat man wieder geöffnet alles und die Leute
[2:05:22] die SS-Leute sind hereingekommen und haben gelacht »ah wir haben euch gut erschrocken ja ? erschreckt« äh das war es so das war die ganze Nacht so und wie es am nächsten Tag in der Nacht um drei Uhr früh sagt mein Mann hat mein Mann dann erzählt öffnen
[2:05:35] sie die Tür und ein Offizier und zwei SS-Leute kommen herein »wer ist Brenner ?« also mein Mann hat schon gedacht jetzt wird man dich erschießen oder hängen oder irgendetwas machen wahrscheinlich hast du eine Anzeige dass er Spion ist oder was auf jeden
[2:05:53] Fall wieso kommt man auf seinen Namen ? er wusste doch nicht dass ich mit diesem Offizier gesprochen hatte und er geht vor und er sagt äh und er wird geprüft »wo hast du studiert wann hast du studiert wer waren deine Professoren« das war der Ingenieur
[2:06:08] Geppert der die gleichen Professoren gehabt hat wie mein Mann aber er wollte kontrollieren ob ich die Wahrheit gesprochen habe und es waren die glei- er hatte die gleichen Professoren gehabt und äh man hat ihn dann zurückgeschickt dann ist wieder einer
[2:06:23] gekommen er hat ihn gefragt noch einmal wieder zwei SS-Leute gekommen [räuspert sich] ob er kann ob er kann Russisch mein Mann hat nicht gewusst woz- was er sagen soll soll er sagen dass er kann ja Russisch oder nicht Russisch das war also und er gibt ihm
[2:06:38] ein ein einem äh ein Buch zu lesen in ukrainischer Sprache das war ein ukrainischer Hausmeister der der ihn geprüft hat aber mein Mann konnte nicht Ukrainisch und er hat begonnen zu buchstabieren sagt er sagt dieser dieser Ukrainer »er macht sich« er die
[2:06:55] konnten kein Deutsch sprechen »er macht sich« das heißt er er gibt vor dass er dass er nicht kann und so weiter also das waren die die Proben und dann hat man äh ist dann ist der Ingenieur Geppert hereingekommen und s- gesagt »Sie können nach Hause gehen«
[2:07:09] hat meinen Mann hinausgerufen und den Herrn Berler und sie beide nach Hause geschickt die anderen sind noch d- noch einen Tag dort geblieben dann wurden die nach Transnistrien deportiert in die Lager nach Transnistrien
[2:07:22] wollen wir eine kurze Pause machen ?
[2:07:25] ja [Schnitt]
[2:07:27] äh Frau Brenner ähm dieser wir haben in der Pause kurz noch ein bisschen weiter gesprochen und ich hab Sie gefragt mhm ob Sie diesen Moment heute immer noch in Erinnerung haben wie Sie den Offizier sehen und dann irgendwie die Entscheidung treffen auf ihn
[2:07:48] zuzugehen ähm w- was empfinden Sie heute wenn Sie an diese Situation denken weil es eine Sekunde war die sehr entscheidend war
[2:07:58] erstens wenn ich einen wenn ich einen Regenguss einen einen schrecklichen ein Regen eine re- starke Regenguss wissen Sie ähm gehe dann fühle ich die- dasselbe hab ich dasselbe Gefühl wie vor vierzig fünfzig Jahren ich damals im Regen nach Hause gelaufen
[2:08:17] bin und nicht wusste ob dieser deutsche Offizier etwas machen wird oder nicht ob er irgendetwas tun wird für mich oder nicht das sah das war für mich die Frage aber ähm damals in dem Moment wo wo ich äh wo die das Tor sich geöffnet hat und dieser dieser
[2:08:33] deutsche Offizier a- in einem Deus ex Machina erschienen und und und ich ich starrte ihn an und und ich ich habe ich hatte das Gefühl dass jemand mir einen einen Stups gibt jemand von rückwärts sagt sagt mir geh zu ihm geh zu ihm und sprich mit ihm und
[2:08:52] das war irgendwie ich weiß nicht vielleicht hab ich einen Schutzengel der der mir immer die richtige Eingebung gibt was ich machen soll das ist das ist so wissen Sie ähm auch auch jetzt noch wenn ich wenn ich daran denke wie ich davor vor diesem Tor gestanden
[2:09:07] bin ich wusste nicht was mit meinem g- Mann geschieht ob er erschossen wird ob er nicht erschossen wird ob er ob er noch ich ihn noch ih- ihn noch einmal lebend sehen werde das äh das war so ein so ein ich weiß noch heute wenn ich wenn ich daran denke dann
[2:09:22] denk- überkommt mir mich ein Schauer und ich denk mir wieso wie hab ich dann damals diesen plötzlichen Entschluss gefasst und und auf diesen Offizier zuzugehen und zu und ihn zu fragen was geschieht mit den Männern äh die dort eingesperrt sind ja und s-
[2:09:39] seine Antwort war so äh »ich hoffe« hat er gesagt »ich hoffe dass man sie zur Arbeit an den Pruth nimmt zur Wiederaufbau der Brücke« er hat gesagt »ich hoffe« weil er auch nicht wusste ob man sie erschießen wird oder nicht diese diese Sekunden die
[2:09:55] die bleiben fürs ganze Leben einem äh vor Augen wissen Sie diese diese Situation
[2:10:00] wann in Ihrem Leben ähm ist Ihnen das klar geworden dass das ganz entscheidend war dieser Moment
[2:10:07] das das hab ich erst viel viel später äh darüber denken können wie mein Mann schon zu Hause war und ich s- und ich hab ich konnte ihn umarmen und sagen der du was war los dort und so weiter und er erzählte die ganze Geschichte aber ich war ich war überzeugt
[2:10:25] davon wenn er bis sechs Uhr nicht herausgekommen ist dieser Offizier und da sag ich meiner meiner Freundin »komm gehen wir na- laufen wir nach Hause weil es ist sechs Uhr und wenn man in uns jetzt erwischt auf der Straße dann erschießt man uns sofort«
[2:10:40] und ähm und wir sind nach Hause gelaufen im schrecklichen Regen also diesen Regen dieser Regen dieser Regen hat meinen Mann gerettet eigentlich weil wegen weil dieser Regen so stark war da konnten die Autos mit den die großen Laster mit den Au- mit den mit
[2:10:55] den äh zum zum Erschießen äh äh bestimmten Menschen nicht rausfahren so ein starker Regen war und wenn ich dann nachher dem diesem Offizier gedankt habe dem Herrn Geppert dem Oberleutnant Geppert sagt er »nicht ich hab einen den Ihren Mann gerettet
[2:11:11] sondern der Regen hat Ihren Mann gerettet« weil wenn dieser Regen nicht gewesen wär dann hätt man sie sofort zum zum äh zur Schießstätte dorthin geführt und erschossen aber weil es geregnet hat und nach zwei Stunden nach diesem Regen ein ein äh ein
[2:11:27] Befehl aus Bukarest gekommen ist dass man sie nicht erschießen soll das war das Ausschlaggebende weil äh es war beabsichtigt die also die Deutschen haben haben beschlossen dass al- dass diese Juden erschossen werden ja der Regen hat es verhindert inzw-
[2:11:46] in der Zwischenzeit ist der Befehl aus Bukarest gekommen man soll sie nicht erschießen also diese zwei- st- diese Spannzeit zwischen diesen zwei Stunden das hat mein Leben das Leben meines Mannes gerettet aber auch diese zwei weil die anderen wurden alle
[2:12:00] nach Transnistrien deportiert und viele sind umgekommen dort ja
[2:12:05] das war 1941 im äh Sept-
[2:12:08] das war das war im Juli 41
[2:12:10] Juli
[2:12:13] ja ich kann Ihnen nicht mehr genau das Datum sagen
[2:12:15] wussten Sie damals schon was in Transnistrien passiert ?
[2:12:17] bitte ?
[2:12:20] wussten Sie damals schon was in Transnistrien passiert ?
[2:12:22] ja ja es waren schon es waren schon Lager in Transnistrien es waren schon es war Wapniarka ein Lager für Kommunisten das man schon gleich im gleich im Sommer äh gleich am Anfang dorthin gebracht hat die Kommunisten die verhaftet waren und a- als Kommunisten
[2:12:35] gestempelt dorthin gebracht wurden ähm es war noch es waren noch andere Gefängnisse aber in Transnistrien war dieses Lager Wapniarka das man w- dorthin hat man die Kommunisten gebracht und ähm also den Kommunisten hat man dann Prozesse gemacht und so
[2:12:52] weiter sehr viele wurden nach äh wurden in ein Gefängnis nach äh äh Rumänien gebracht und äh und dann kamen kamen Soldaten herein und haben so eine (raffle) gemacht und haben alle erschossen zwei zwei sind äh vom am Leben geblieben und darunter ist
[2:13:09] ist einer der heißt Go- Gall Gall und der äh der Professor Wiehn hat ein Buch äh v- über ihn herausgegeben [räuspert sich]
[2:13:17] wie ist es Ihnen dann weiter ergangen
[2:13:21] also weiter äh mein Mann mein äh dann hat man das Ghetto errichtet und vor dem Ghetto hat man uns noch äh alle die f- die früher die vorher gearbeitet haben in so in der Bibliothek hat man uns zur Arbeit genommen Bücher von von allen äh m- Wohnungen
[2:13:41] zusammenzutragen und in in Magistrat dort zu zu geben und äh und auch in diese Bibliothek wo wir vo- vorher gearbeitet haben im während der Russenzeit wir haben im ersten Russenjahr ähm jeder musste arbeiten das wissen Sie doch und das hab ich Ihnen erzählt
[2:13:59] dass äh dass äh das heißt äh nach dem nach äh die Bibliothek wurde übernommen von den Rumänen und ich kann Ihnen sagen sogar wie der der Direktor der rumänische Direktor hat geheißen Traian Chelariu ist aus Bukarest gekommen und hat organisiert die
[2:14:15] Bibliothek wir konnten am Anfang dort arbeiten und dann hat man uns entlassen dann hat dann hat das Ghetto das äh Ghetto angefangen im äh Oktober am zehnten Oktober da ist der Erlass gekommen [räuspert sich] dass äh alle Juden aus allen Wohnungen aus allen
[2:14:33] Stadtteilen in das reservierte fürs Ghetto bestimmte Quartal kommen aber das war so dass die Leute die dort wohnten die Juden die dort wohnten haben a- aufgenommen Leute die ja von den anderen Stadtteilen kamen ja aber es waren auch Christen die dort wohnten
[2:14:51] also die Christen hat man nicht herausge- hin- hinausgeworfen die sind weiter dort geblieben im Ghetto wohnen aber sie konnten frei aus- und hereinkommen aus dem Ghetto und das Ghetto war so das hat man man hat einen einen einen Zaun gemacht rund um da- rund
[2:15:07] um diese Straße welche fürs Ghetto bestimmt waren einen Holz- einen Bretterzaun mit drei Toren also an drei Stellen konnte man ein- herein- und herausgehen aus dem Ghetto im Ghetto selbst war ein ähm hat dieser dieser Doktor Traian Popovici der damals äh
[2:15:23] ähm mayor war ähm vor- v-
[2:15:27] Bürgerm-
[2:15:30] [gleichzeitig:] Bürgermeister
[2:15:34] ja der äh der hat der hat der der war wirklich ein ein großer Judenfreund und der hat äh im Ghetto selbst eine bro- einige Brotstellen errichtet um die fa- Brotfabriken hatten haben die Brot- Bäckereien haben dorthin Brot gebracht man konnte Brot kaufen
[2:15:45] und äh auch einige einige Landwirte von außen konnten hereinkommen und äh und Sachen verkaufen drinnen aber drinnen war das wissen Sie so die Leute hatten kein Geld die die armen Juden die dort eingesperrt sind die hatten überhaupt kein Geld also jeder
[2:16:01] hat jeder hat irgendetwas äh zum z- es war so ein trö- Art Trödlermarkt wissen Sie also man hat für für sagen wir für ein Brot hat man ein Kleidungsstück gegeben oder so die Leute die keine Geld hatten Sachen zu kaufen und sehr viele Rumänen sind
[2:16:18] ins Ghetto gekommen und haben sehr billig Sachen gekauft ich erinner mich dass zu meiner meine Mutter hatte einen das war schon nach dem Ghetto ist ähm ist der Direktor der des Elektrizitätswerkes nach Hause gekommen zu uns und äh meine Mutter hatte einen
[2:16:38] Persianermantel Pelzmantel also sie wollte ihn kaufen die Frau vom Direkt- des Direktors und hat gehandelt und hat gesagt »schau ihr ihr werdet doch sowieso deportiert ihr werdet doch sowieso erschossen also was was ist jetzt dran lass lass etwas nach nach
[2:16:52] den Preis« das wars
[2:16:54] und Sie sind mit Ihrem Mann Ihrer Mutter und der Schwiegermutter ins Ghetto gezogen ?
[2:16:59] ja
[2:17:02] [gleichzeitig:] und wo hat
[2:17:04] nein nicht mit meiner Mutter meine Mutter meine Mutter ist wohin anders gezogen mit meinem Onkel mit dem Apotheker mit seiner Familie und mit m- meine Großmutter hat noch gelebt und äh und mein Onkel der Apotheker hat sie interniert im im äh im Krankenhaus
[2:17:19] damit sie nicht ins Ghetto kommt und damit sie nicht äh eventuell deportiert wird wir wussten doch nicht wer ob ob man d- uns deportiert oder nicht das erst nachher hat man diese Autorisationen gegeben diese L-Karte welche gültig war nicht deportiert zu
[2:17:31] werden vom Ghetto hat man schon deportiert die Leute gleich am ersten Tag und wir haben im Ghetto gewohnt bei Freunden meiner mei- wir haben im Ghetto gewohnt bei bei Freunden meiner meiner Schwiegermutter da waren wir vier- 24 Personen in einem leeren
[2:17:50] Zimmer das war Ingenieur Mauerüber der das Zimmer zur Verfügung gestellt hat ein leeres Zimmer und wir waren 24 Personen die dort gewohnt haben äh also sechs Wochen lang weil ähm jeder hat seine seinen p- Polster und seine seinen seinen seinen Decke mitgenommen
[2:18:08] und eine Matratze und wir haben am Boden geschlafen bei Tag hat man das so zusammengerollt das ganze be- und das waren solche das war die Sitzgelegenheit und bei Nacht hat man das aufgerollt und geschlafen 24 Personen es war sechs Wochen lang ja und da war
[2:18:25] nur eine Toilette und ein Badezimmer und das war ein Problem im Ghetto weil ähm die Kanalisierung war nicht sehr gut und es war schrecklich
[2:18:36] was haben Sie die sechs Wochen lang gemacht wie haben Sie die Tage verbracht
[2:18:42] da man hat gesprochen man hat äh was was hat man gegessen das fragen Sie sich nicht das äh man konnte im Ghetto verschiedene Sachen kaufen ja irgendwelche Lebensmittel also Kukuruzmehl und Mehl und solche Sachen haben wir mitgenommen ins Ghetto aber dann
[2:18:59] hatten wir eine äh im in der Mitte des Zimmers da war ein Hocker und darauf ist eine eine Naphthalampe gestanden wissen Sie was eine Naphthalampe ist das ist so eine Art Primus wissen Sie was ein Primus ist ? äh ein Primus macht äh m- mit eine Benzinflamme
[2:19:15] ja aber das war eine Naphthalampe mit Petroleum und das hat gerochen das war schrecklich und wenn es geraucht hat und darauf haben wir alle gekocht der Reihe nach einen Topf darauf gegeben und gekocht ja
[2:19:31] ab wann gab es die L-Karten ?
[2:19:34] die L-Karten hat man dann gegeben nach dem äh nach dem Ghetto hat man die L-Karten herausgegeben das man also im Ghetto wie wir waren da war äh [seufzt] wie soll ich Ihnen sagen ähm da hat man Listen gemacht die äh dieser Doktor Popovici hat hat
[2:19:56] das durchgesetzt dass er 20000 Juden in der Stadt lassen soll damit die Stadt wieder aufgebaut wird weil sie war zerstört die es waren bombardierte Häuser es waren zerstörte Häuser gesprengte Häuser von den Russen bevor sie weggegangen abgezogen sind
[2:20:10] und äh [räuspert sich] und um den um das die die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen hat er gesagt er muss die Juden haben weil sonst sonst sonst geht die ganze Wirtschaft zu Grunde und deshalb hat man ihm gestattet einen Teil der ru- der äh Juden in in
[2:20:26] der Stadt zu bleiben und zwar da hat man Listen gemacht im Magistrat musste man sich anmelden ich hab Ihnen gezeigt diese Deklaration [sucht in ihren Unterlagen] das no das ist die Deklaration die man ausfüllen musste das ist eine [zeigt sie in die
[2:20:46] Kamera] die Deklaration die man ausfüllen musste also der äh der der das Oberhaupt der Familie hat ha- war die erste Person und daran dann wurden die die Mitglieder der Familie zugeschrieben ja und äh so hat das aussch- diese Deklaration die musste man
[2:21:03] ausfüllen die ist dort geblieben und anhand dieser Deklaration hat man dann diese L-Karten ausge- ausgegeben das ist die L-Karte [zeigt] mit Fotografie
[2:21:26] [gleichzeitig:] von Ihnen und Ihrem
[2:21:29] Mann
[2:21:31] das ist die L-Kart- meine L-Karte und die meines Mannes
[2:21:34] mhm
[2:21:37] kann ich umdrehen ? auf der anderen Seite wollen Sie auch ? [zeigt die Rückseite der Karte]
[2:21:49] das ist ausgestellt Mitte in Mitte 1942
[2:21:57] [gleichzeitig:] das ist ausgestellt schauen Sie das Sie können lesen das Datum wann es ausgestellt wird im 41
[2:22:00] 42
[2:22:03] 42 ?
[2:22:06] achter Juli 1942
[2:22:08] mhm aber die Deklaration wann ist sie ausgestellt ?
[2:22:13] ähm das finde ich jetzt nicht hier drauf obwohl Moment die ist vom 24sten also hier ist etwas drunter vom 24sten
[2:22:41] November wahrscheinlich
[2:22:44] November 41
[2:22:46] November ja das ist nach der nach dem Ghetto
[2:22:50] und dann
[2:22:53] nach dem man das Ghetto aufgelöst hat musste man
[2:22:56] ja und es gibt ein einen weiteren Stempel ich kann das natürlich nicht lesen weil es Rumänisch ist vom dritten Juli 42
[2:22:58] ja ja und das ist die au- das ist die aut- spezielle Autorisation ähm meines Mannes das Ghetto zu verlassen und zur Arbeit ge- zu ko- zu gehen
[2:23:07] wo hat Ihr Mann dann gearbeitet
[2:23:09] in der Zuckerfabrik das ist über dem Pruth auf der anderen Seite man musste über den Pruth gehen über die brü- Pruthbrücke gehen das hat er dann dreieinhalb Jahre gearbeitet während der ganzen Zeit unentgeltlich
[2:23:23] und das Ghetto war bewacht ?
[2:23:26] ja sicher
[2:23:30] und durch wen ?
[2:23:33] man konnte von Soldaten von Gendarmen rumänischen Gendarmen man konnte nicht ein- und ausgehen nur wenn man so eine spezielle Autorisation hat für Juden also die anderen Leute die Christen hatten mit äh die dort gewohnt haben die die auch früher dort
[2:23:42] gewohnt haben in diesem Teil die konnten äh mit äh mit ihrem Ausweis herausgehen
[2:23:47] was haben Sie in der Zeit gemacht ?
[2:23:52] na so man hat gestrickt ich hab Pullover gestrickt ich hab äh gewirtschaftet was man konnte und äh wir hatten wir hatten Freunde die äh an drei vier ta- Mal in der Woche äh zu uns gekommen sind am Abend bevor man bevor man aus- das Ausgehverbot war
[2:24:17] also vor sechs Uhr und haben bei uns geschlafen und wir haben Bridge ges- gelernt und ich hab wir haben Bridge gespielt wissen Sie was Bridge ist ? ja Kartenspiel und man hat gelesen Radio hatten wir nicht kein kein Telefon hatten wir nicht ähm Juden
[2:24:39] durften kein Telefon haben durften kein Radio haben und Radio hat man auch am ersten äh noch bevor die Russen abgezogen sind haben die Russen verlangt dass alle Radioapparate äh an eine Stelle gebracht werden noch bevor sie abgezogen sind einen Tag bevor
[2:24:55] sie abgezogen sind hab hat jeder einen seinen Apparat abliefern müssen und äh dann wurde das ganze Haus gesprengt mit allen Apparaten [Schnitt]
[2:25:09] wie lang ging dann diese Phase wo Sie zu Hause waren Ihr Mann gearbeitet hat ?
[2:25:16] ich habe gestrickt
[2:25:19] ja
[2:25:22] nach dem Ghetto
[2:25:25] und wie lang ging das wie lang waren Sie in dieser Situation
[2:25:28] dreieinhalb Jahre äh wir hatten eine rumänische Nachbarin und der Mann war ein hoher Offizier im äh im Gouvernement das heißt in der im äh im Büro des des Gouverneurs und äh der hat äh sie hat mir verschafft unter den rumänischen Freundinnen
[2:25:42] Arbeit und ich hab gestrickt das heißt ich hab sie hat mir Wolle gebracht ich hatte keine Möglichkeit Wolle zu kaufen und sie hat mir Wolle gebracht ich hab gestrickt und sie hat mir was dafür gezahlt oder ge- in in Naturalien gezahlt oder e- irgendwas
[2:25:57] äh weiß ich Eier oder Butter oder irgendwas anderes gegeben dafür das ähm das ist eine Sache die ich gemacht habe während das während dieser Rumänenzeit und dann während der Russenzeit dann wie die Russen wiedergekommen sind im Jahre 44 da hab ich
[2:26:15] äh Sandalen gemacht weil das hat mir es hat nie ausgereicht der Gehalt der äh weder die für alle äh das hat nicht ausgereicht auch mein Mann hat gearbeitet und ich hab gearbeitet und es war immer zu wenig nicht weil wir zu viel gegeben haben aber die
[2:26:31] Gehälter waren sehr klein und da hab ich Sandalen gemacht ich kann noch Sandalen machen
[2:26:36] haben Sie die ganze Zeit am selben Platz gewohnt ?
[2:26:38] ja immer die ganze Zeit sieben Jahre hab ich mit meiner Schwiegermutter zusammen gewohnt
[2:26:42] [gleichzeitig:] Sie konnten
[2:26:45] sie war eine fan- fantastische Schwiegermutter
[2:26:47] Sie konnten dann
[2:26:50] [gleichzeitig:] ich wünsche allen allen Frauen so eine Schwiegermutter zu haben [lacht] sie hat mich auch sehr lieb gehabt und hat immer gesagt »wenn Hedi ins Zimmer kommt da kommt Sonnenschein ins Zimmer« na ja
[2:26:57] Sie konnten nach dem Ghetto wieder in Ihre alte Wohnung zurück
[2:26:59] ja ja ja ja
[2:27:02] war es von vornherein klar dass das
[2:27:07] ja ich wollte Ihnen sagen diese die Familie Berler die bei uns die mit uns gewohnt hat die wurden in zwei- im Jahre 42 nach Transnistrien deportiert und der Sohn war schon vorher genommen zum Arbeitslager in Rumänien in ein rumänisches Arbeitslager wo Jugendliche
[2:27:24] der Paul Celan war mit ihm zusammen im selben Lager im gleichen Lager Sie wissen wer Paul Celan ist ?
[2:27:30] ja
[2:27:32] okay und äh also die äh er ist ins Arbeitslager gekommen die Eltern sind deportiert worden von unserer Wohnung aus man wollte uns auch deportieren dieser dieser Soldat der obwohl wir eine Autorisation die hatten keine Autorisation mehr sie hatten keine
[2:27:49] Autorisation bekommen und sie waren so illegal und man hat sie deportiert diese Familie die Familie Berler diese äh der Mann der Michael Berler der z- der mit meinem Mann zusammen ver- im bei den Deutschen war wie es eingesperrt war den hat man hat man im
[2:28:04] 42 mit seiner Frau und mit seiner Tochter nach Transnistrien deportiert zur Cariera de Piatra die Cariera de Pa- Piatra ist ein ein äh das heißt das war so am Bug gelegen kennen Sie sich aus ? also Rumänien der Dnjestr ja der Dnjestr über den Dnjestr rüber
[2:28:23] hat man deportiert die Leute nach Transnistrien das heißt über den Dnjestr ja das war ein Teil von der f- früher die frühere Ukraina und äh dort war Mogilew Kamenez-Podolsk einige Städte dorthin hat man sie deportiert und auch in verschiedene kleine
[2:28:40] Orte wo überhaupt gar nichts war sie haben in Ställen gewohnt und in [räuspert sich] zer- zerstörten Häusern und so weiter [räuspert sich] nach diesem also dieser Streifen der Transnistrien heißt [räuspert sich] über den Dnjestr hinüber grenzt an
[2:28:58] den Bug der Bug ist ein anderer Fluss der aus Polen kommt und so durch die Ukraina fließt ja und über den Bug herüber dieser Streifen zwischen Dnjestr und Bug das heißt Transnistrien über den Bug herüber auf der anderen Seite war die deutsche Todt-Organisation
[2:29:18] deutsche Todt-Organisation war eine eine Baugesellschaft eine Straßenbaugesellschaft und sie hat keine Arbeiter und kauften bei den rumänischen Soldaten die jüdischen die Juden für die Arbeit in Transni- in äh über den Bug dort ja ähm sie haben für
[2:29:40] jeden Juden 16 Pfennige gezahlt diese Todt-Organisation den Sold den rumänischen Soldaten und von der Cariera de Piatra hat man solche Flöße gemacht das war so ein so wie ein Floß das war kein Boot hat man sie wie eine Fähre hat man sie über den Bug
[2:29:57] ge- ge- gebracht dort in verschiedene Arbeitslager und das waren nicht Arbeitslager sondern waren äh das waren anfangs Arbeitslager und dann hat man alle alle erschossen alle alle Insassen vom Arbeitslager erschossen hier haben Sie ein Buch ich hab Ihnen
[2:30:14] gezeigt wo sind die Bücher die ich Ihnen gezeigt habe dieses rote Buch haben Sie das nein
[2:30:20] ein rotes ?
[2:30:23] ein rotes Buch
[2:30:25] dieses ?
[2:30:27] ja äh das ist ein Tagebuch aus dem aus dem Todeslager von einem äh Arnold Daghani geschrieben und äh es heißt »Das Grab Das Grab äh befindet sich im Obstgarten im Weichselgarten« so heißt es äh es ist übersetzt worden in einige Sprachen und das
[2:30:48] ist das äh er hat es rumänisch geschrieben und äh das ist ein schreckliches Buch das ist das können Sie sich überhaupt nicht vorstellen wie das ist ein Tagebuch an jedem Tag hat er in diesem Todeslager geschrieben über wer erschossen wurde wohin man
[2:31:06] sie genommen hat zu welcher Arbeit man sie genommen hat also es ist ein ein ein Tagebuch und ähm hier im letzten Kapitel schreibt er ja dieser betreffende 17 Personen sind durchgegangen vom Lager von diesen verschiedenen La- es waren einige Michailowka Tarasiwka
[2:31:22] und so weiter aber dieser Arnold Daghani der ist äh durchgegangen mit der Frau schwimmend in der Nacht durch den Bug und ist gekommen nach Transnistrien und hat sich dort in einem Ghetto in einem jüdischen Ghetto versteckt weil dort waren auch Ghettos
[2:31:37] und ähm er das letzte Kapitel in diesem Buch beschreibt den Hans Rosengarten unseren Freund wie er zum Erschießen gew- geführt wird das ist schrecklich also von dieser Cariera das ist der Cariera de Piatra heißt der äh ähm Steinbruch dort war
[2:32:09] ein Steinbruch und die Leute haben am Steinbruch gearbeitet und gewohnt in der Nähe des Steinbruchs und wurden zum Steinbruch gebracht also dieser Arnold Daghani beschreibt er ist im Steinbruch und er beschreibt wie die Deutschen SS gekommen sind ausgehoben
[2:32:23] hat heraus raus zur Fähre ge- und über den Bug gebracht wurden ähm dieser Michel die Familie Berler wurde nicht depor- nicht über den Bug gebracht und ist dort in der pa- Cariera geblieben und äh nach dem Krieg also das wie die wie die äh deutsches
[2:32:43] or- die deutschen äh deutsche Armee sich zurückgezogen hat und die ähm und befreit wurde von den Russen befreit wurde kamen sie dann zurück nach Czernowitz ja der Sohn der Kurt Berler der im Arbeitslager in Rumänien war ist in da- im 43 hat man die diese
[2:33:02] Arbeitslager aufgelöst und er ist nach Hause gekommen also er hatte nicht wohin zu kommen und ist zu uns gekommen und wir haben ihn gehalten wie einen wie also er er ist um sechs Jahre jünger als ich wie einen wie ein kleiner Bruder war er weiß ich er war
[2:33:14] damals 17 Jahre alt und äh und hat bei uns gewohnt und gegessen und äh hat tei- teilweise hat man schon angefangen eine eine jüdische Gemeinde zu bilden weil es waren schon die Russen sind vorgegangen es war nach Stalingrad und die Rumänen sind langsam
[2:33:32] langsam haben die haben haben gedacht dass es ist lieber jetzt nicht so scharfe Maßnahmen gegen die Juden zu nehmen weil wir den Krieg verlieren werden und das wird dann die Rancune sein an uns wissen Sie und äh so das ist er hat er hat kleine Arbeiten
[2:33:49] bekommen in der Kultusgemeinde es war schon eine Kultusgemeinde also es war Ende 43 Anfang 44
[2:33:54] und ähm der Rückzug der deutschen Armee das war schrecklich wir wussten nicht was geschehen wird ob die deutsche die deutsche Armee die sich so über Czernowitz
[2:34:06] zurück durch Czernowitz zurückgezogen hat war eine ganz aufgelöste Armee das können Sie sich nicht vorstellen die die Soldaten sind von Haus zu Haus gegangen mit vorgehaltenem Revolver und haben verlangt Zivilkleider und Essen und sehr viele Kadaver sind
[2:34:23] herumgelegen in Czernowitz von Kameraden die erschossen wurden von anderen Kameraden die weiterkämpfen wollten und diese die nicht kämpfen wollten die wollten die wollten Kleider und die wollten den Krieg schon zu Ende haben wissen Sie das war schrecklich
[2:34:36] das war eine Übergangszeit das können Sie sich nicht vorstellen und jeder ist zu Hause gesessen und hat Angst gehabt auf die Straße zu gehen weil man wusste nicht ob man erschossen wird oder nicht und mein Mann hat gefunden ein Versteck wir wussten nicht
[2:34:51] wo wir uns verstecken sollen in der Wohnung das war zu gefährlich jetzt haben wir inspiziert die Boden den Boden wir hatten einen Dachboden ja das Haus hatte zwei Stockwerke und dann war noch ein ein Stock für ein ein ein Dachboden und der Dachboden
[2:35:07] war sehr hoch wissen Sie das Gerüst vom vom Dach war sehr hoch es war ein großer ein großer Zwischenraum und dann war eine Leiter für die um um das Dach zu ri- reparieren und so weiter so dass mein Mann hat gefunden dass das ist ein wunderbares Versteck
[2:35:22] und waren drei jüdische Familien im Haus und wir sind herauf geklettert diese Leiter bis unter den Dachstuhl und haben dort ein ein Biwak gemacht ein Lager ein für für ein zwei Tage damit wir über- über- überdauern die Zeit wo die deutsche Armee sich
[2:35:40] zurückzieht und haben von innen abgesperrt und waren dort zwei Tage und das war schrecklich weil wir wir alles gehört haben durch das Fenster durch das das Bodenfenster wissen Sie das war so ein hohes Bodenfenster und da konnten wir heraus schauen da konnten
[2:35:56] wir gucken auf die andere Seite des Hau- des der Straße bis auf die Straße konnte man nicht gucken aber äh die Deutschen sind gekommen von Haus zu Haus die deutsche Armee die sich zurückgezogen hat wissen Sie und haben verlangt Kleider Zivilkleider und
[2:36:13] äh im Haus vis-à-vis hat eine Familie Besen gewohnt welche am zweiten Stock und die Deutschen sind hin hereingekommen und haben geklopft an die Tür haben geläutet man soll sie einlassen der Herr Besen hat Angst gehabt dass er wird erschossen werden oder
[2:36:26] wie und und ist auf den Balkon geg- gegangen und vom Balkon hat er sich herunter gestürzt und wir haben gehört oben das Fallen von einem Körper und die Schreie von seiner Frau wir wussten nicht was geschieht draußen oder man erschießt draußen oder nicht
[2:36:40] also das war schrecklich das diese diese Übergangszeit das können Sie sich nicht vorstellen
[2:36:44] Sie sind die z- ganzen zwei Tage oben auf dem Dachboden gewesen
[2:36:47] zwei Tage oben am Boden gewesen
[2:36:49] äh Entschuldigung wir müssen kurz [Hintergrundgeräusche; Schnitt] also wie
[2:36:53] also wir waren versteckt zwei Tage lang am Boden und hatten ein Biwak gleich unter dem unter dem Dach und ich hatte gehört wie Schreie von der Straße kommen und ein Fall also diese Familie Besen der hat Selbstmord begangen der ist runtergefallen vom heruntergesprungen
[2:37:10] vom zweiten Stock weil er schr- Angst gehabt hat dass er erschie- erschossen wird oder weil die Deutschen oder an der Tür waren und dann musste die Frau doch öffnen und sie haben Geld verlangt und äh Zivilkleidung und äh dieser Herr Besen der ist heruntergef-
[2:37:28] -gesprungen vom zweiten Stock gefallen auf den ersten Stock und dann herunter geklatscht auf die Straße er war nicht auf der Stelle tot er ist aber danach an den schweren Verletzungen gestorben und das war ein Fall bei meinem bei meiner Tante im selben Haus
[2:37:42] wo wo meine Mutter gewohnt hat da waren auch äh da sind auch die die deutsche Soldaten hereingekommen und haben Zivilkleider verlangt und meine Tante hat hat einen Anzug gegeben und Hemden und so weiter den den deutschen Soldaten weil äh sie sie wollten
[2:37:57] ganz einfach nicht weiter kämpfen aber es waren andere Kameraden die wollten weiter kämpfen also da waren Leichen hier auf der Straße dann nach na- wie sie abgezogen sind wie sie durchgezogen sind durch Czernowitz da waren lagen Leichen auf den Straßen
[2:38:12] von von erschossenen Kameraden wissen Sie die eigenen Kameraden haben die haben erschossen die Soldaten die nicht kämpfen wollten
[2:38:21] und langsam haben sie sich zurückgezogen also die Rumänen haben sich schon schon zurückgezogen mit einem ein ein ganzer
[2:38:28] ein ganzer Fluss von von Blut war das äh das kann man sich nicht vorstellen was die Rumänen angerichtet haben beim beim äh Rückzug im Jahre 45 äh also es war 44 noch Ende 44 der Krieg der Krieg war noch nicht zu Ende aber sie mussten sich zurückziehen
[2:38:49] weil die Russen vorged- vorgegangen sind und ähm in allen Dörfern haben sie die Juden zusammen gesammelt die noch waren die nicht deportiert wurden und und wurden erschossen und in Czudin und in an- Sie werden in diesem Buch werden Sie lesen wie viele erschossen
[2:39:05] wu- i- ich habe ganze ganze Bü- Literatur darüber über den Rückzug der Rumänen der rumänischen Armee nach Rumänien die Deutschen sind dann nach Polen geflüchtet weiter nach Siebenbürgen wissen Sie nicht nach über Rumänien und die Rumänen sind
[2:39:20] dann abgefahren denn im Jahre 23sten August war das zu Ende der Krieg für Rumänien die Rumänen es war nämlich so die die rumänischen äh die rumänischen Soldaten und Offiziere die gegen die gegen die Russen gekämpft haben und und Gefangene waren
[2:39:35] ja die hat man nach Sibirien gebracht und im Jahre 44 ha- hat sich ein Bataillon von Rumänen freiwillig gemeldet um gegen die Deutschen zu kämpfen also alle diese welche von den ge- die gefangenen Rumänen haben gesagt ja wir wollen kämpfen gegen die Deutschen
[2:39:56] und man hat man hat ein Bataillon es hat geheißen Tudor Vladimirescu die Bataillon und die sind gekommen mit der russischen Armee mit der sowjetischen Armee vorgedrungen bis nach Rumänien und haben weiter gekämpft am weiter weil der der Kampf ging doch
[2:40:12] weiter in Siebenbürgen haben die Deutschen haben sich zurückgezogen nach Siebenbürgen und dort waren weiter Kämpfe die Ungarn haben gehalten mit den Deutschen damals waren die Pfeilkreuzler am äh an der Regierung und die haben noch im letzten Moment haben
[2:40:24] sie 400000 Juden aus äh aus Nordsiebenbürgen nach Auschwitz deportiert und ermordet das waren also Rumänen der Teil von Rumänien Moldau und mun- und Muntenien der war schon befreit in Siebenbürgen waren noch Kämpfe in Siebenbürgen waren noch Ungarn
[2:40:43] und die haben noch gekämpft gegen die Rumänen und gegen die Russen
[2:40:47] wie war es dann für Sie als dann die Russen kamen ?
[2:40:51] also als die Russen kamen das will ich Ihnen eben erzählen wie die Russen kamen da war hab ich wieder gearbeitet in der Bibliothek und äh mein ma- hat mein Mann ist weiter in der Zuckerba- -fabrik geblieben auch bei den Russen Weiterarbeit in der Zuckerfabrik
[2:41:05] als als Elektroingenieur und äh ähm das war so dass man es war es war nichts zu bekommen es waren keine Eier und keine Butter und keine also es war doch noch Krieg die Russen haben doch weiter Krieg geführt der Krieg war nicht z- war für Czernowitz
[2:41:26] schon zu Ende aber weiter ging der Krieg weiter in halb Polen und in und in äh also Auschwitz war schon war schon besetzt von den von den Engländern ich glaube die Engländer nein die Amerikaner haben
[2:41:38] die Russen
[2:41:40] nein die Russen haben deutsch- haben Auschwitz besetzt und dann war der Todesmarsch in Deutsch- in Deutschland das wissen Sie doch dass die die SS hat die äh von von Auschwitz verlagert die durch den Todesmarsch
[2:41:50] ja
[2:41:53] den nach äh in eine andere Richtung in Richtung Westen und äh ja und in Rumänien war schon Rumänien war dann schon fast also die Moldau und äh nur Siebenbürgen in Siebenbürgen waren noch Kämpfe und in Czernowitz ist gekommen ähm es war auch eine
[2:42:12] eine tschechische Armee also es war eine polnische Armee die sich gebildet haben hat in Russland eine tschechische Armee eine tschechische Brigade und eine rumänische Brigade also die rumänische war diese Tudor Vladimirescu hat sie geheißen die tschechische
[2:42:28] weiß ich nicht wie sie geheißen hat aber ich weiß dass äh Tschechen die deportiert waren aus aus Polen oder aus Polen die tsche- Tschechisch sprachen die konnten in diese tschechische Armee kommen und d- die tschechische dieser Waggon mit den tschechischen
[2:42:45] mit der von der tschechischen Armee sind durch Czernowitz gefahren und in Czernowitz haben sie Halt gemacht und haben äh und haben gesagt dass alle Studenten die in Prag oder Brünn oder in in in studiert haben können in diese tschechische Armee kommen das
[2:43:01] heißt sie können weiter kämpfen gegen die Deutschen als tschechische Soldaten ein Freund von von meinem Mann ein Arzt der hat sich gemeldet und er ist zu uns nach Hause gekommen und meinen Mann gefragt »willst du nicht auch kommen ?« und mein Mann ist
[2:43:15] bis zur hingekommen zu dieser äh an der Station war dieser Waggon und äh man hat gesagt »ja wir nehmen dich gerne mit mit der Frau« aber mein Mann wollte mei- seine Mutter nicht lassen so dass wir weiter geblieben sind in Czernowitz sonst wären wir wahrscheinlich
[2:43:29] jetzt in Deutschland wo die dann dann aus Prag ist dieser Freund nach Deutschland gegangen nach Düsseldorf und war Universitätsprofessor in Düsseldorf also das sind äh Geschichten äh Nachkriegsgeschichten also es waren noch während des Krieges Geschichten
[2:43:45] a- ungefähr nachdem das Lager äh Auschwitz von den von den Russen befreit wurde hat man die Überlebenden in einen Zug gesetzt und nach Odessa bringen wollte weil äh in in Mitteleuropa war doch noch Krieg ja in Deutschland war doch noch Krieg und die konnten
[2:44:05] nicht aus Auschwitz nach Holland kommen oder nach Frankreich kommen die Insassen die die Lagerinsassen die noch überleben ja also d- hat man sie gesetzt 300 Personen gesetzt in einen Zug und gebracht nach Czernowitz über Czernowitz nach Odessa sollte er
[2:44:21] gehen der Zug aber die Kohle war e- zu Ende und der Zug ist in Czernowitz stecken geblieben und alle Insassen die 300 Leute die hat man in die Stadt gebracht und auf den äh und in ein in ein altes Internat oder in in auf jeden Fall ein leeres Haus hat man
[2:44:40] sie gebracht und dort untergebracht am Fußboden haben sie geschlafen man hat große Kessel Essen gemacht die Russen und man hat sie verköstert weil kö- verköstigt weil die die können können keinen Brennstoff mehr für die Lokomotive ge- hatten weiter
[2:44:55] zu nach nach Odessa zu fahren also bis es hat drei Wochen gedauert bis Nachschub Kohle gekommen ist und in diesen drei Wochen waren die Leute dort diese Lagerinsassen das waren Franzosen und Griechen und Jugoslawen und Ju- Juden auch Chr- auch Christen waren
[2:45:13] darunter und Holländer und Belgier und so weiter die überlebt haben Auschwitz eine von de- also eines Tages geh ich geh ich eink- ein- mach ich ich hab am Nachmittag gearbeitet am Vormittag musste ich Essen besorgen Lebensmittel herumlaufen von einem Greißler
[2:45:31] von einem von einem Supermarket Supermarket von einem Geschäft wo immer die Regale leer waren weil alles hat man schnell abgekau- weggekauft und äh ich komm zu einem es war ein ein ein p- in einer Seitenstraße hat in einem großen Toreingang hat ein alter
[2:45:48] Greißler sich ein kleines Geschäft gemacht also so ein einen kleinen nicht ein Supermarket war das aber so in einem Toreingang einen halben Toreingang wissen Sie so abgeteilt und man konnte bei ihm so unter der Hand ein paar Eier bekommen manchmal ein Brot
[2:46:03] weil dieses Brot das war so ein Ziegelbrot wissen Sie so in einer Form gemacht und das war so schwarz dass die die JPA wissen Sie das heißt die Jüdische Plottke-Agentur äh hat gesagt dass Galoschen drin ein- eingebacken waren so so schwarz war das Brot
[2:46:19] aber äh aber wir waren glücklich dass wir überlebt haben das Ganze wissen Sie und äh also ich ging eines Tages einkaufen und war gerade dabei meinen meinem mein also eine Marmeladekarton zwei Kilo mar- Apfelmarmelade zu verstauen in meiner Tasche und
[2:46:40] da öffnet sich die Tür und vier also v- sagen wir nicht Leichen aber so wie Leichen haben sie ausgeschaut vier Frauen kommen herein und eine spricht ein wenig Deutsch und fragt wo sie wo sie einen ta- Tee bekommen können den Greißler und der Greißler
[2:46:58] sagt »ja am Bahnhof gibt man gratis verteilt man kochendes Wasser« aber es war ein weiter Weg bis hin aber ich bin doch immer sehr spontan und hab gesagt »wissen Sie was kommen Sie zu mir nach Hause ich mache Ihnen einen Tee und ein Marmeladenbrot das kann
[2:47:15] ich Ihnen offerieren« und die vier sind mit mir gegangen und das sie haben sich vorgestellt eine hat geheißen äh Ro van da- Ro Ro de Winter das waren das waren vier Jüdinnen die überlebt haben Auschwitz sie waren so mager das können Sie sich nicht
[2:47:32] vorstellen ganz abgemagert und am am ärmlichen sehr sehr ärmlichen Mantel das war damals a- Anfang Anfang April war oder Anfang April wars ja 1945 haben sie so einen Flick aufgenäht gehabt am Rücken mit dem Strei- so einen gestreiften Fleck das war das
[2:47:52] Lagerzeichen und äh also eine war die Ro de Winter eine war hat geheißen Bep van Damm eine hat geheißen Meta und die Meta aus Eindhoven sie war die Tochter eines Rabbiners die Eltern waren sofort vergast und die vierte war die vierte war hat geheißen
[2:48:12] Fieke und dann am Weg ha- unterwegs hab ich erfahren das war die Freundin vom vom Otto Frank vom Vater von der Anne Frank die Anne Frank hat doch ist doch erled- wor- ist ist gestorben an Typhus und die Mutter auch und die Schwester auch die Margot und er
[2:48:29] hat dann eine Freundin gehabt nach ihrem Tod in Auschwitz und das war sie hat geheißen Fieke und die war dann seine Frau er hat sie dann geheiratet äh die diese Fieke war auch unter diesen vier und äh und sie sind die Fieke unterwegs sagt dann sie muss
[2:48:45] ins Lager zurückgehen ins Lager sie hat damals Lager gesagt in diese Schule zurückgehen weil der Otto krank ist und äh und die anderen drei sind zu mir nach Hause gekommen und sind bei bl- mir geblieben drei Wochen das heißt in unserer Wohnung und ich
[2:48:59] hab sie verköstigt und hab ihnen neue Kleider gegeben wa- was wir schon gehabt haben von neuen Kleidern nicht neu aber auf jeden Fall waren es anders als diese die sie getragen haben drei Jahre lang und äh und jede hat ihre Geschichte erzählt
[2:49:14] und diese
[2:49:16] Geschichten werde ich Ihnen jetzt erzählen eine von ihnen also die Ro de Winter war hat ziemlich gut Deutsch gesprochen die einzige die anderen konnten kaum Deutsch sprechen äh sie war damals vierzig Jahre alt und äh sie stammte aus Deutschland und war
[2:49:32] als 13-jähriges Mädchen ist sie nach Holland gegangen und hat dort geheiratet mit den Eltern und hat dort geheiratet einen Wurstfabrikanten und war sehr gut sie hat eine Tochter von 13 Jahren gehabt sie wurden ausgehoben sie waren versteckt in Amsterdam
[2:49:47] und wurden angezeigt und man hat sie ausgehoben genauso wie die Frank Anne Frank und so weit- an- viele andere und hat sie nach Westerbork gebracht Westerbork war ein Sammellager und von Westerbork nach Auschwitz der Mann der Mann wurde sofort vergast und
[2:50:04] sie und die Tochter haben überlebt und haben und sind zur kommis- zur Ärztekommission gekommen also da war Mengele der Arzt der Doktor Mengele und noch zwei Ärzte Offiziere und man musste sich ganz nackt ausziehen und nachdem man geschoren ganz ab- sie
[2:50:21] sind auch schon gekommen ganz ganz k- ganz ohne Haar vielleicht zwei zen- zwei Millimeter Haar haben sie gehabt und ähm und sie ist mit der Tochter gestanden die Tochter war 13 Jahre alt sehr gut entwickelt und die war so mager also die Tochter hat man
[2:50:37] genommen zur Arbeit zur Zwangsarbeit nach Westdeutschland und ihr hat man eine Ohrfeige gegeben weil sie gesagt hat sie möchte auch und sie ist sie ist in Ohnmacht gefallen wie sie aufgewacht war war die Tochter fort drei Jahre hat sie nicht gewusst ob die
[2:50:50] Tochter lebt oder nicht und äh ich hab dann einen Brief von ihr bekommen also wir waren damals noch in Czernowitz und in ähm wie die weggefahren sind nach drei Wochen und ich hatte schon wir hatten schon die Ausreisebewilligung eine gekaufte Ausreisebewilligung
[2:51:06] aus Czernowitz nach Rumänien auszuwandern mit unserem letzten Geld haben wir diese au- dieses schwarz gekauft so eine illegale Auswanderung wissen Sie aber das das an der Grenze war das gültig und äh und ich hab ihr die Adresse eines Freu- unserer unserer
[2:51:26] Freunde aus Bukarest gegeben und wie wie wir in Bukarest gekommen sind nach einem Monat hab ich dort schon einen Brief gefunden von der Ro sie ist an die die sind dann nach drei Wochen weitergefahren bis nach Odessa von Odessa sind sie mit Schiff übers Mittelmeer
[2:51:41] das Mittelmeer war schon frei Italien war schon von den Engländern besetzt und sie sind bis nach Marseille gekommen und von dort von Marseille sind sie mit dem Zug gefahren nach Holland und an der Grenze »stell dir vor« sagt sie schreibt sie mir »stell
[2:51:54] dir vor an der Grenze ist ein anderer Zug aus Deutschland aus Westdeutschland gekommen und darin war meine Tochter« und da hat sie sie wiedergefunden nach dreieinhalb Jahren und äh das ist die Ro [zeigt ein Foto] das ist die Ro de Winter die hab ich
[2:52:11] nach 25 Jahren in
[2:52:15] das i- da haben Sie sie wiedergetroffen
[2:52:18] da hab ich sie wiedergefunden das denn wir blieben in Kontakt sie hat mir ja geschrieben ich hab ihr geschrieben die ganzen 25 Jahre haben wir ko- haben wir korrespondiert
[2:52:26] mhm als Sie dann ähm also Sie sind dann aus Czernowitz nach Rumänien
[2:52:33] also das war diese mit der Ro de Winter Bep van Damm das war eine Medizinstudentin 22 Jahre alt die hat auch die Eltern verloren ist allein geblieben dort und die äh die Bep die äh die Meta aus Eindhoven war die Tochter eines eines Rabbiners der auch erschossen
[2:52:50] wurde also die wa- was mit den anderen zwei geschehen ist weiß ich nicht ich habe nur nur Kontakt gehabt mit der mit der Ro de Winter
[2:52:58] und äh dann sind wir also im Jahre am es war am 22sten oder 25sten April ähm 1945 sind wir hat man uns gestattet auszureisen
[2:53:14] ähm es ist noch eine interessante Geschichte dabei weil äh ich hab immer Angst gehabt vor Uniformen also ob eine blaue eine eine mi- dunkelblaue Uniform diese von der von der von der Miliz von der russischen Miliz oder eine eine graue Uniform von der SS
[2:53:33] oder eine eine khaki Uniform von den Rumänen das war schrecklich für mich das hab ich immer eine Gänsehaut bekommen wenn ich eine Uniform gesehen habe und ähm meine Schwiegermutter hat gehabt ein Goldkettchen ein Goldkettchen und zwei Goldmünzen und
[2:53:50] 25 Dollar das hat sie gehalten als als Reserve wenn jemand verhaftet wird bei der Miliz oder bei der NKWD und so weiter das soll sein unsere Reserve und hat einen einen m- zur zur Ausreise durfte man solche Kisten machen drei Kisten durfte man mit drei Kisten
[2:54:09] durfte man ausreisen aus der Sowjetunion nicht Möbel nur Kleidungsstücke und so weiter und ähm meine Schwiegermutter hat einen Tischler bestellt der der schon anderen Leuten geholfen hat der gebohrt hat in in l- Löcher in diese Kisten und dort hat sie
[2:54:30] hereingegeben das zwei Goldstückl und äh und 25 Dollar und das Goldkettchen und das hat man wieder zugemacht die Kiste und fertig von dieser Sache wussten wir nicht weder mein Mann noch ich und die äh meine Schwiegermutter hat sie anvertraut einem Freund
[2:54:47] einem einem Nachbar und der Tischler wusste davon und noch ein Freund wusste davon also einer von diesen drei hat geplauscht hat uns angezeigt und als wir in der Früh ins Auto stiegen in den großen Laster stiegen um meine Mutter noch abzuholen und eine
[2:55:06] fr- eine andere Familie wir alle drei zusammen alle drei Familien zusammen das Auto gemietet haben um an die Grenze gebracht zu werden im letzten Moment springen zwei NKWDisten in dieser blauen Uniform aufs Auto und sagen »direkt zur NKWD« und man bringt
[2:55:23] das Auto zur NKWD und man sagt »in welcher Kiste haben Sie etwas versteckt ?« also ich bekomm noch jetzt einen Schüttelfrost wissen Sie es ist läuft mir kalt den und ich war im sechsten Monat schwanger und und mei- und man sagt mein Mann soll herunterkommen
[2:55:43] zur NK- in die NKWD herein ich spring nach hinunter vom Laster und lauf nach und die Tür war nur angelehnt und man beginnt meinen Mann auszufragen »wo hast du gearbeitet bist du mit rastschjot« heißt mit Bewilligung »weggegangen vom Dienst« ich hab
[2:56:02] gehabt eine Bewilligung mein Mann hat ohn- ist ohne Bewilligung weggegangen er wollte nicht sagen seinem Direktor dass er wegfährt und äh und mein mein Mann sagte er hat in einer Zuckerfabrik gearbeitet und äh meine Schwiegermutter war Sekretärin
[2:56:20] in der Schule und ähm »unterschreib dass du nix in der in den in dem Koffer hat in dem in der Kiste hast« und ich öffne ganz leicht die Tür und mach meinem Mann so er soll nichts unterschreiben Gott behüte er soll unterschreiben sagt mein Mann »also
[2:56:39] ich kann nicht wissen was in der Kiste ist ich hab die Kiste nicht gepackt das ist ich weiß nicht ich kann nicht unterschreiben wenn ich nichts weiß« und äh man hat gerufen zwei NKWDisten und man hat zerhackt die Kiste auf Stückl wissen Sie auf Spandl
[2:56:54] und man hat natürlich gefunden alle Sachen wurden herausgeworfen auf den auf Zeitungspapier und äh man hat die Sachen gefunden auf einen Tisch gelegt »also schau was du was du hier versteckt hast« »ich hab nicht versteckt ich weiß nicht wieso sie hereinkommen«
[2:57:09] sagt mein Mann und so weiter und äh alle NKWDisten gehen daran vorbei »ah !« da sagen sie das ist »am- amerikanskije dengi« das ist Russisch der amerikanisches Geld sie haben dort noch nie so was gesehen einen Dollar und das Goldstück war das war etwas
[2:57:27] für sie etwas Kolossales und äh und der einer der äh der Offiziere sagt »du das geht jetzt an die Großbank an die an die Hau- an die Staatsbank diese Sachen und du kommst für zehn Jahren nach Sibirien« also ich hab mir schon wie ich das gehört habe
[2:57:46] wissen Sie das war schrecklich ich hab gedacht ich hab schon ich werd schon mein Kind allein aufziehen und mein Mann wird allein dort in Sibirien sein und so weiter das war schrecklich für mich
[2:57:56] Sie konnten das die ganze Zeit sehen durch die Tür
[2:57:58] bitte ?
[2:58:00] Sie konnten das durch diese Tür die ganze Zeit sehen ?
[2:58:03] ja ich war dabei ! doch an der Tür bin ich gestanden und hab das ganze mitgemacht und dann sind sie rausgegangen und auf einmal kommt ein russischer polkownik heißt das es ist irgendein Grad im russischen Militär ich weiß nicht ein Oberst so was ähnliches
[2:58:16] kommt zu meinem Mann zu und sagt in jüdischer Sprache sagt ein Jud sagt »du brauchst keine Angst haben du wirst nicht nach Sibirien gehen ich garantiere dir alle diese Sachen gehen in die Stiefel herein von diesem die g- dich kontrolliert haben die das
[2:58:32] gefunden haben und du wirst schön per Schub mit einem Offizier an die Grenze gebracht werden« mein Mann wollte nicht glauben das aber so war es die a- diese Offiziere haben alles das in die sich sich selbst genommen für sich genommen nicht an die Bank gegeben
[2:58:49] und man hat ihn mit man hat uns hereingesetzt wieder ins Auto die man hat uns Säcke gegeben die Sachen hereinzugeben in die Säcke ich wir hatten keine Kiste mehr und äh wir sind noch gefahren mit dem Auto meine Mutter abholen und noch Freunde abholen die
[2:59:05] schon gewartet haben und wurden an die Grenze mit diesem Offizier gebracht er hat uns an der Grenze gelassen die Sachen heruntergenommen und mit dem Auto zurückgefahren und wir sind mit den Sachen dort ge- dort gestanden an der Grenze also die Grenze war
[2:59:19] ungefähr 200 Meter entfernt von uns da haben wir ein großes Tor gesehen einen Triumphbogen »ihr seid willkommen« und so weiter das war die rumänische Grenze ja und äh und es war noch vor der
[2:59:34] ja und das war noch vor d- vor der Grenze war noch eine Zollkontrolle
[2:59:39] da musste man alle Sachen ausschütten von den Kisten und die Zollkontrolle die die Zollbeamtin war eine Frau Gott soll jeden behüten einer Frau in die Hände zu fallen als Zollkontrolle das ist schrecklich die sind z- viel schrecklicher als Männer wir
[2:59:57] haben von schon von Ferne gesehen so bunte bunte bunte Flecken auf dies- es war ein ein nach einem Regen war ein ein n- ein nasses Feld ein na- ein Feld dort wo die wo der Grenzübertritt war und und wir haben schon von der Ferne gesehen solche bunte Blumen
[3:00:14] denken wir ah so eine schöne Wiese das waren eine ganze Markensammlung von Leuten die vor uns waren die waren die ganze Markensammlung war am am am Feld ver- verteilt es hat ausgeschaut von der Ferne wie kleine Blümchen wissen Sie bunte Blümchen und ähm
[3:00:31] und wir sind an die Grenze gekommen dort wir mussten die die die Kisten öffnen und äh und Koffer hatten wir noch zwei Koffer und in den Koffer waren deutsche Bücher alle meine deutschen Bücher die von dort sind haben die rumänische Stam- die äh russische
[3:00:50] Stampiglie dass sie kontrolliert wurden wissen Sie und äh und die diese Zollbeamtin sagt »was ! ihr habt hier deutsche Bücher ? wir sind n- wir kämpfen noch gegen die Deutschen und ihr ihr bringt deutsche Bücher b- mit was ist das ?« dann »schau !« sagt
[3:01:07] mein Mann der Russisch sprach »schau das sind alle kontrollierte Bücher sind wissenschaftliche Bücher das sind das gehört zu meinem Beruf« und so sind wir über die Grenze gekommen ähm man durfte man durfte einen Ring haben einen Ring durfte man nur
[3:01:24] mitnehmen einen Ring ja und meine Mutter hat gehabt den Ring den zeig ich Ihnen den sie von den sie noch zur zu ihrer Hochzei- zu ihrer Verlobung bekommen hat einen sehr schönen Ring mit drei kleinen Brillanten und meine Mutter hat äh man hat ihr gesagt
[3:01:41] nein man darf nur einen Ring nehmen also hat sie behalten den Ehering und hat ihn ins Gras gel- heruntergeworfen ausgezogen den anderen Ring und die diese Zollbeamtin war äh beschäftigt hat sie ihn ganz einfach so heruntergeworfen ins Gras und hat den Fuß
[3:01:56] drauf gestellt und dann nachdem sie nachdem man sie gek- äh kontrolliert hat und mich auch hat die Mutter den Fuß aufgehoben und ich hab den Ring aufgehoben und ich hab ihn noch das ist ein [lacht] Ring der die Geschichte des Ringes der der eine weite
[3:02:12] Reise gemacht hat und ähm und so sind wir über die Grenze über die durch die Kontrolle gekommen dann sind Ochsenwagen gekommen Ochsenwagen von Ochsen gezogen Wagen und man konnte aufladen die Sachen auf diese Ochsenwagen und nach Rumänien nach Rumänien
[3:02:30] einfahren ja mit den Ochsenwagen
[3:02:32] [gleichzeitig:] diese ganzen die gan-
[3:02:35] die Sachen sind am Ochsenwagen wir sind zu Fuß neben dem Ochsenwagen gegangen
[3:02:37] diese ganzen Fotos die Sie noch haben sind die da bei gewesen haben Sie die da mitgehabt ?
[3:02:40] diese sind sind ge- die hab ich hab ich äh mitgenommen
[3:02:45] so haben Sie die ganzen Dokumente die Sie haben und die ganzen alten Fotos alle mit
[3:02:50] [gleichzeitig:] alles alles hab ich verste- in den in den Büchern war und in den und äh also ich hatte i- i- ich weiß nicht ich ähm wie ich das gemacht hab auf jeden Fall alles hab ich mitgebracht
[3:03:01] wo sind Sie dann in Rumänien hingegangen
[3:03:05] in Rumänien sind wir an die Grenze gekommen über Hertsa Nord- äh Nordmoldau Hertsa Dorohoi ja wird sind nach Dorohoi eingefahren mit drei Ochsenwagen Gepäck mit Matratzen und Pölster und so weiter und und es war ein schrecklicher Regen alles ist ganz
[3:03:23] nass geworden und wir stehen in Dorohoi ja in in Pomârla das ist ein kleines Dorf da haben wir übernachtet in einer in einer zerbombten Synagoge am am Steinfußboden und dann sind wir nach Dorohoi gekommen und sind auf der Straße gestanden das ist eine
[3:03:38] ein Städtchen in in Nord- äh in Nordmoldau und wir wussten nicht wohin wir hatten k- wir hatten niemanden keine Bekannten dort keine v- Verwandten wir wussten nicht was und äh es gehen zwei Leute ein ein Ehepaar geht vorbei ja wissen Sie die Dorohoier
[3:03:55] Juden wurden auch deportiert nach Transnistrien und das war w- das war ein Übergriff weil die haben weder Russen russische äh Okkupation gehabt noch irgendetwas mit den Russen zu tun gehabt es waren ganz einfach sehr viele Juden und sie wollten die Juden
[3:04:11] loswerden so dass sie auch deportiert waren nach Transnistrien aber sie sind schon sie waren schon zurück und zwei äh ein Ehepaar geht vorbei auf der Straße und ich spreche sie an und frag sie ob sie nicht wissen irgendwo ein leeres Zimmer und der eine
[3:04:28] Herr sagt der Herr sagt mir äh ja sein Schwager ist vor einem Monat o- vor zwei Monaten aus Transnistrien zurückgekommen und äh »wir alle waren in Transnistrien« das heißt die waren alle in Tran- alle Juden waren in Transnistrien von Dorohoi und äh
[3:04:42] »er hat eine Dreizimmerwohnung bekommen und hat ein Zimmer leer und ich führ Sie hin« und er hat mich hingeführt und wir haben das Zimmer bekommen alle 24 Personen waren in diesem Zimmer ein leeres Zimmer genau wie im Ghetto mit aufgeschlagenen Pölster
[3:04:56] und so weiter dort hatten wir drei Wochen gewohnt bis wir nach Bukarest gegangen sind
[3:05:00] ich muss noch mal eben kurz fragen weil ich jetzt das nicht genau mehr im Kopf hab
[3:05:04] ja
[3:05:07] das waren jetzt äh das waren Sie Ihr Mann und die beiden Mütter
[3:05:09] das war i- die bei- nei- und beide Mütter waren
[3:05:12] mhm
[3:05:15] und es war noch eine Freundin mit dem Mann und ihren Eltern und es waren noch eine andere mein mein Onkel der Apotheker und die Tante und der Sohn also wir waren vierundzwa- und noch zwei Leute zwei Bekannte waren von dieser Familie von der Familie Singer
[3:05:28] also wir waren 24 Personen und genau wie im Ghetto waren wir haben wir auch gelebt dort wir wa- wir sind drei Wochen dort geblieben aber bis wir nach Bukarest gefahren sind und ähm die äh meine Mutter war sechs Wochen dort sogar bis sie nach Kimpolung in
[3:05:42] die Südbukowina gefahren ist weil dann Onkel wollte wieder eine Apotheke kaufen und so weiter und wollte weiter als Apotheker dort bleiben in und meine Mutter hat die ganze bis zum Jahre 56 hat sie in in Kimpolung gewohnt in der Südbukowina und
[3:05:55] wir haben
[3:05:57] dann wir sind nach nach Bukarest zuerst gekommen äh wir waren äh ich hab in Bukarest entbunden mein mein erstes Kind das tot geboren war und dann äh sind wir äh w- dann haben wir ein Zimmer gemietet und waren sechs Monate in Bukarest bis mein Mann arrangiert
[3:06:15] hat wieder seinen alten seinen alten Posten anzunehmen in den Naphthagruben und äh er hat wieder seinen alten Posten bekommen als nicht nicht mehr als Praktikantingenieur sondern Hauptingenieur Elektroingenieur einer der der Grube
[3:06:29] in Ploiești ?
[3:06:31] das ist nein das ist Boldeşti das ist 14 Kilometer von nördlich von Ploiești ist ein kleines ein es ist ein es sind ein kleines Dorf es sind nur Naphthagruben und äh und Bohrtürme äh Bohrtürme und Weinbi- -berge ringsherum sehr gutes Skigebiet und
[3:06:49] äh im im wenn der Schnee äh aufgelö- sich aufgelöst hat ist man so weit in in in Lehm herumge- herumgestampft das wars
[3:07:01] dort sind
[3:07:03] aber wir ha- wir haben das erste wir haben eine wir haben sofort ein ein Haus bekommen dort in der in der Ingenieurkolonie mit fünf Zimmern und äh dann sind meine Kinder geboren dort und äh so das wars
[3:07:17] wie lange haben Sie dort gewohnt ?
[3:07:25] sieben Jahre also dann sind die Kommunisten gekommen hat man uns drei Zimmer weggenommen hatten nur zwei Zimmer drei Zimmer gelassen und zwei Zimmer weggenommen das war so eine Villa das war sehr äh wie heißen diese Zimmer äh m- diese Wohnungen heißen
[3:07:38] sie haben einen englischen Ausdruck äh m- also Doppelhäuser wissen Sie eine also es ist eine ganze Villa und hat zwei Eingänge jedes jede Familie hat ein halbes Haus wissen Sie und die ähm ähm wie heißt das nur es hat einen englischen Ausdruck ähm
[3:08:00] etwas mit zwei bi- äh bi-
[3:08:05] ist nicht wo wichtig
[3:08:07] nein also das hab ich vergessen wie es heißt und ähm also wir hatten i- einen eine Terrasse einen äh oben waren drei Zimmer unten waren zwei Zimmer und am dritten Stock ganz oben war noch ein Bodenzimmer auch und ähm einen großen Garten einen großen
[3:08:22] Obstgarten waren Weichselbäume und Quittenbäume und einen großen Gemüsegarten und ich habe sieben Jahre lang ganz große Paradeiser ge- gepflanzt und pa- und Radieschen und Zwiebel und Kartoffel sogar im Gemüsegarten
[3:08:36] Sie haben in den fünfziger Jahren schon angefangen äh Anträge zu stellen um nach Israel auszureisen
[3:08:42] ja im Jahre fünfzig waren wir die ersten auf der Liste nach Israel zu fahren und wir hatten vielleicht 150 Ansuchen gemacht und immer wurden sie abge- abgewiesen und äh das Komische daran ist dass weder ich noch mein Mann Parteimitglieder waren wir waren
[3:09:01] keine äh wir waren nicht eingetragen in der kommunistischen Partei und vielleicht gerade deshalb weil Kommunisten wurden ja herausgelassen und wir wurden nicht herausgelassen aber es ist eine ganz andere Sache die wir hatten eine großen Dossar so eine dicke
[3:09:16] Akte mit Korrespondenz aus dem Ausland mei- mein Mann hatte Freunde in Amerika und in Deutschland diese Freunde die äh dieser Arzt der in Düsseldorf gewohnt hat und äh in Brüssel waren die Ber- war der junge Berler und in in Amerika hatten wir Verwandte
[3:09:32] und Freunde und Jugendfreunde meines Mannes aber wir hatt- und in Israel hatten wir meinen Schwager und noch andere Freunde so wir hatten immer sehr viel Korrespondenz und mein Mann wurde immer zur s- zur Security gerufen und gefragt »warum hast du so warum
[3:09:47] schreibst wozu schreibst du so viel ?« wozu schreibe ich versch- ver- sie könnt- konnten das nicht verstehen und ähm mein Mann wurde beobachtet und die sie glaubten dass mein Mann israelischer Spion ist so so hatten sie den Eindruck weil ähm alles wurde
[3:10:03] registriert im Jahre 61 ist ein Universitätsprofessor aus Amerika eingeladen we- gewesen von der Frau Ceauşescu er hat ihr überreicht ein ein Doktor- äh ein Doktordiplom vor dem vor der Television und das war ein gewesener gewesener Apotheker also bevor
[3:10:27] er studiert hat in Italien war er Praktikant bei meinem Onkel in der Apotheke und er hat gewusst dass wir noch da sind dass wir in in in Ploiești sind ich weiß nicht woher von jemanden aus Amerika und ist und hat uns angerufen und hat gesagt er möchte uns
[3:10:42] gerne sehen und wir sind zu ihm nach Bukarest gefahren er hat im Hotel gewohnt natürlich waren überall Wanzen und alles wurde abgehört was wir gesprochen haben [räuspert sich] das war eine Sache eine andere Sache in den siebziger Jahr im siebzig 72 mein-
[3:11:00] der mein älterer Sohn war schon Ingenieur äh war eine internationale Messe eine eine einen eine Wirtschaftsmess- eine technische Messe in in international in Bukarest und mein Sohn ist zur zur Messe gefahren und hat dort die Bücher angeschaut in verschiedene
[3:11:18] von AEG waren es waren verschiedene äh verschiedene Stände von verschiedenen Fabriken von verschiedenen äh technischen Fabriken aus dem aus auchDeutschland und mei- und äh mein Sohn schaut in einem AEG-Buch und äh fragt diesen Herren wie kann man so ein
[3:11:36] Buch bekommen in deutscher Sprache und der sagt ihm äh »geben Sie mir Ihre Ihre Anschrift an und wir schicken sie Ihnen ein so einen Handbuch ein AEG-Handbuch« und äh mein Sohn sagt äh hat ange- gescheit hat er angegeben die Adresse vom Büro nicht die
[3:11:54] Hausadresse und äh er gibt die Adresse von seiner Firma an und der sagt »Brenner ? Sie heißen Paul Brenner ? sind Sie ein Sohn von der Hedi Brenner ?« also mei- mein Sohn war sprachlos woher kennt dieser dieser Herr meinen mich ja also das war mein gewesener
[3:12:12] Bräutigam [lacht] der war äh der hat bei der AEG gearbeitet war auch Ingenieur und hat war ist da er Rumän- auch Rumänisch sprach ist er wurde er geschickt worden als äh als Vertreter von AEG und das wurde natürlich registriert von der Wanze sieben
[3:12:32] Jahre später sieben Jahre danach äh werd ich gerufen zur Security und das war im Jahr 77 es war damals damals war ein eine es war nach dem äh nach dem Erdbeben und alle Telefonleitungen waren geöffnet mit dem Ausland man konnte an das Ausland anrufen
[3:12:52] und so weiter und ähm wurde ich gerufen zur Security und mein Mann auch und man fragt uns verschiedene separat ausgefragt und ich komm zu einem einem Beamten dort zu einem äh se- äh Securitätler und er fragt mich ähm äh »sag mir wer ist der Lu- Ingenieur
[3:13:15] Ludwig Meth« sag ich »Ludwig Meth das war mein mein Bräutigam wie ich war drei Monate mit ihm verlobt bevor ich geheiratet hab« »sag mir warum hat er« ja dieser Ludwig Meth hat meinen Sohn gefr- gesagt »ah du bist der Sohn von der Hedi Brenner du
[3:13:32] wärst fast mein Sohn geworden« das hat er ihm gesagt und das wurde registriert und al- und er fragt mich »sag mir warum hat dieser Ingenieur deinen Sohn gefragt« das war nach sieben Jahre na- äh »warum hat er ihn gefragt ›du fa- wärst fast mein Sohn
[3:13:48] geworden‹ bist du mit ihm ins Bett gegangen ?« ich hab damals einen Wutanfall gehabt das können Sie sich nicht vorstellen ich bin rot angelaufen dabei hat gelaufen ich hab gehört wie es lauft das Magnetofon man alles wurde registriert was ich s- gesagt
[3:14:06] habe und ich sage ihm »es wundert mich dass Sie darüber dass Sie das fragen ich glaube nicht dass ein dass ein Kind das äh im das vor zwanzig vor zw- vor 25 Jahren konzipiert wurde äh jetzt äh auf einmal da ist« und so weiter ich hab ihn so etwas gefragt
[3:14:27] es war es ist unmöglich dass man dass man damals irgendwie äh Kinder konzipierten und äh die nach zwanzig Jahren äh die nach ka- zwanzig Jahren geboren werden er war ist rot geworden und hat nix gesagt und hat gesagt »danke schön« und hat das war
[3:14:44] beendet und inzwischen wurde ich geführt von einem Soldaten zum zum Chef der Security und er sa- und mein Mann hat ist von einer anderen Seite gekommen mit einem anderen Soldat und er sagt ihm er sa- dieser sagt meinem Mann »Sie waren ein bisse- Ihre Frau
[3:15:01] war ein bissel frech zu meinem Kollegen Sie müssen sie ein bissel strenger halten sie soll nicht sie soll nicht so viel sprechen« [lacht] das wars das ist war ein ein ein Mal ich war wurde einige Mal zu Securitate gerufen weil ich so viel äh Korrespondenz
[3:15:17] haben und einmal ich spreche zu viel und so weiter ja das ja
[3:15:24] ja was möchten wir noch Sie noch wissen wie es weiter ging ?
[3:15:26] Sie haben eine Ausbildung dann auch gemacht
[3:15:29] ich habe eine Ausbildung zuerst als Krankenschwester und und dann als äh Physiotherapeutin noch ein Jahr dann im im in einem in Bukarest in einem sch- in einem großen äh Krankenhaus und äh außerdem hab ich noch drei Monate gearbeitet in im äh in einem
[3:15:50] äh in einem äh Laboratorium für äh äh für ähm Histologie und hab dann gearbeitet in in Ploiești in einem Spital einseinhalb Jahre äh ich hab die äh in einem Laboratorium von der Prosektur äh ich hab äh verschiedene Analysen äh gemacht geschnitten
[3:16:18] am Mikrotom wissen Sie die ganz dünnen Scheibchen und dann auf auf Lamellen gelegt und dann zum zum zur Kontrolle f- was da sind k- Krebszellen und so weiter es waren Krebsgeschwüre oder oder äh Nekro- Nekropsien und so weiter und hab beigewohnt das erste
[3:16:35] Mal bin ich in Ohnmacht gefallen bei einer bei einer Obduktion einer Leiche und dann hab ich mein Mann hat gesagt »du riechst nach Formol und riechst nach Leichen hör auf mit dieser Arbeit« und da bin ich dann hab ich äh angefangen in der Physiotherapie
[3:16:51] zu arbeiten und hab auch gleichzeitig diesen Kurs diesen äh dieses Jahr Physiotherapie in Bukarest gemacht ich bin drei Mal in der Woche nach Bukarest gefahren zu Kursen und hab eine Prüfung abgelegt als Assistentin für Physiotherapie und hab dann 25 Jahre
[3:17:05] als Physiotherapeutin gearbeitet in einem in einem Krankenhaus in Ploiești
[3:17:09] vielleicht machen wir hier noch mal ne Pause
[3:17:14] ja wollen Sie eine Kaffeepau- [Schnitt] ich hör nicht gut ich seh nicht gut ich geh nicht gut und so das ist es
[3:17:21] ich wollte noch mal darauf zurückkommen auf die Entscheidung nach Israel auszuwandern wie diese Entscheidung gefällt wurde und was der Wunsch oder der Gedanke dahinter war
[3:17:31] äh von unseren Freunden aus Düsseldorf äh Doktor Hornstein hatten wir einen Zureise- eine wie heißt das Zureisedokument bekommen wir konnten wir konnten ansuchen um nach Deutschland zu kommen und wir das war eine Einreisebew- wie so eine Art Einreisebewilligung
[3:17:51] in den fünfziger Jahren war das ?
[3:17:53] nein das war schon in den siebziger Jahren
[3:17:55] mhm
[3:17:58] und äh aber äh mein Mann wollte nicht nach Deutschland ko- fahren und ich wollte nicht nach i- ich hätte g- wär gern nach Deutschland gegangen wenn wir nach Deutschland gegangen wären hätte er wahrscheinlich noch Arbeit finden können als Ingenieur oder
[3:18:12] an einer Universität er war sehr sehr gebildet und ein er hatte einige einige Erfindungen gemacht elekt- über Elektrizität über Blitzableiter in verschiedenen Bohrtürmen und so weiter ich hab noch seine die Diplome der äh Erfindungen und äh hätte bestimmt
[3:18:31] Arbeit finden können hier hat er nicht gearbeitet er hat in den letzten Jahren er ist frühzeitig in Rente gegangen in Rumänien weil er dachte wenn er wenn er austritt vom von wenn er seinen Job verlässt dann äh wird er leichter ausreisen können aber
[3:18:45] das war nicht der Fall wi- er musste neun Jahre warten nach der nach der äh Pensionierung bis wir Ausrei- bekommen haben und auch mit schwerer wie alle alle Parteimitglieder haben ihn fra- »also warum willst du wegfahren warum willst du wegfahren du bist
[3:19:01] nützlich hier« und so weiter nein also das wars und dann im 82 haben wir doch den Pass bekommen auszureisen mein Sohn der jüngere Sohn hat zwei Jahre vorher alleine den Pass bekommen und ist zwei Jahre vorher nach Israel gegangen der der in Amerika ist
[3:19:16] und äh hat hier gehei- hat hier eine Freundin gefunden er hat geheiratet z- eine Woche nachdem wir hierher gekommen sind und äh sein ältester Sohn ist hier geboren und er e- wir sind hereingekommen wir sind angekommen im 82 im Sommer 82 im im Herbst 82
[3:19:37] hat der erste Libanonkrieg angefangen und mein Sohn war sofort äh beim Militär der der jüngere wurde sofort zum Militär genommen war fünf Monate in Libanon an der Front und äh er war schon verheiratet damals seine Frau war schwanger und er sagte »ich
[3:19:54] will aus Israel weg ich will keine Kriege mehr haben« und ähm also äh er wir wussten nicht dass er im Libanon ist wir wussten dass er auf der Golanhöhe ist so hat er uns gesagt wenn er angerufen hat hat er ge- angerufen »ich bin in der Gol- auf Gol-
[3:20:09] auf dem Golan« aber er war Verbindungs- äh er hat äh m- Militärautos äh chauffiert an die in die in die in die Kriegszone und zurück und so weiter
[3:20:20] sprach er Hebräisch ?
[3:20:22] bitte ?
[3:20:25] hat er Hebräisch gesprochen ?
[3:20:28] ja er hat Hebräisch gesprochen er hat nicht äh er hat hier gelernt das Heb- Hebräisch er hat diese Schule diese Merkaz Klita besucht und die sechs Monate dauert diese sch- für Anfanger Anfänger für neu- Neueinwanderer [räuspert sich] und dann ist er
[3:20:40] im sein sein Sohn ist hier geboren und äh und nach äh einem Jahr sind sie nach Amerika gegangen er hat einen sehr guten er hat hier eine sehr guten Arbeit gehabt als Computeringenieur in der äh bei Elscint das war eine eine der größten Computerfirmen
[3:20:55] hier und äh man hat ihm Urlaub gegeben für fünf Jahre wenn du nach fünf Jahren zurückkommst kannst du auch wieder zu wirst du wieder aufgenommen aber er hat einen sehr gute äh Anstellung bekommen auch bei einer Computerfirma in in Amerika und er wollte
[3:21:11] nach seine Frau wollte nach Amerika gehen und sie ist nie mehr her zurückgekommen und sie lässt auch die Kinder nicht herkommen einmal hat sie die Kinder gelassen aber sie hat Angst vor Kriegen und so weiter vor Bomben und so so dass ich muss ins Ausland
[3:21:24] fahren um meine Enkel zu sehen
[3:21:26] ähm als wir ins Land kamen also im Jahre 82 ähm die äh die die Bücher die ich die in der Bibliothek sind die haben wir äh ein Jahr lang zu je Fünf-Kilo-Pakete konnte man damals schicken mit einer mit mit einer Kontroll-
[3:21:51] mit einer Stampiglie von den rumänischen [räuspert sich] Security äh das es nicht illegale Sachen sind oder oder äh weiß ich kommunistische Sachen oder irgendwie welche nichtkommunistische gegen Kommunismus und so weiter also äh wir durften die Bücher
[3:22:08] v- schicken und äh wir haben zweimal wöchentlich z- je zehn Kilo Bücher geschickt und es war auch die ganze Bibliothek meines meines Sohnes der zwei Jahre vor uns weg ist war auch das so dass wir die ganzen also alle alle zwei drei Tage sind wir ge- zum
[3:22:27] zum Zollamt gegangen mit zwei Bücherpaketen und haben die Bücher geschickt ich hab damals noch gearbeitet und äh zufällig hatte hörte einer meiner Patienten dass ich mit einem Patienten Deutsch spreche und er sagt er fragt mich Rumänisch »du kannst
[3:22:44] Deutsch ?« sag ich »ja« »ah vielleicht gibst du uns wir sind Zollbeamten und vielleicht gibst du uns Unterricht« sag ich »ich hab keine Zeit aber ich werd einen Mann meinem Mann fragen« und so hat mein Mann ein Jahr lang zwei Zollbeamten äh Deutschunterricht
[3:23:01] erteilt und äh als Gegenleistung äh d- sie haben nicht bezahlt natürlich als Gegenleistung waren sie sehr sehr loyal beim bei der Kontrolle der Bücher sie haben nicht alle alle Pakete kontrolliert und äh deshalb konnten wir einige Bücher welche nicht
[3:23:19] durften aus- ausge- äh aus- äh ähm also aus dem Land gebracht zu werden mitgebracht aber wir hatten wunderbare Bücher die wir hatten ein mein Mann hat noch als Student ein (Colligale) wissen Sie was ein (Colligale) ist (Colligale) ist ein ein äh ein
[3:23:41] Sammelband von in in altfranzösischer Sprache aus tei- aus dem Jahre 1- 1560 oder so was Ähnliches in der in der mittel- äh mittelalterlichen französischen Sprache »Les Fables d'Ésope« das war das war wie eine kleine Bibel das war wunderschön daran
[3:23:59] ich ich ich bekomme eine Gänsehaut wenn ich daran denke dass wir das zurücklassen mussten und äh das war wunderschön es hatte Vignetten an jeder jeder je- bei jeder Fabel hat es eine eine farbige Vignette und du hat ge- du würdest schwören dass es gestern
[3:24:16] gemalt wurde so wunderbar war dieses Buch und äh und das ha- zwei Tage bevor wir ausreisen sollten wurde mein Mann zur Security gerufen und gesagt »wir haben erfahren dass du hast wertvolle Bücher wertvolle Bilder und so weiter wir müssen zu Hause eine
[3:24:35] Kontrolle machen« und plötzlich erscheint er mit zwei b- mit zwei mit einem einem Securitzen und und einem di- und dem Direktor der Stadtbibliothek und kontrollieren unsere Bibliothek dieses Buch hab ich nicht versteckt ich hab es in der in der Bibliothek
[3:24:54] ist es gestanden er hat es sofort herausgenommen »das darfst du nicht mitnehmen« und noch andere Bücher also es wir hatten ich hatte einen »Don Quijote« aus dem 17ten Jahrhundert ich hatte einen äh also sehr sehr wertvolle alte Bücher und die hat man
[3:25:07] uns nicht gelassen mitnehmen und er hat gesagt »entweder lässt du das Buch irgendwo an einer Adresse die uns gibst die Adresse bei d- bei wem du das lässt oder du verkaufst es an ein gewisses inte- Antiquariat in Bukarest« und da sind wir nach Bukarest
[3:25:22] gefahren und alle diese wertvollen Bücher haben wir dort verkauft also wir waren sehr knapp Geld und äh dieses Buch hat die haben mir damals 14000 Lei für dieses Buch gegeben das war eine kolossale große Summe und am nächsten Tag es hat mir so leid getan
[3:25:38] Buch ich wollte es wieder zurückkaufen und bin hingegangen sagt er »nein wir haben es verkauft an die an die äh Universität« und äh sag ich »um wie viel ?« um das doppelte hat er verkauft das Buch an die Universität das ist das waren einige Schätze
[3:25:52] um die um die ich noch heute weine aber alles ist vergänglich und alles kann man überleben und äh das war unsere Auswanderung in
[3:26:08] was ich Sie noch fragen wollte in Ihren Texten
[3:26:10] wie ich meine ein Moment
[3:26:13] nein
[3:26:15] ich will Ihnen noch sagen wie ich meine Markensammlung gebracht ich habe eine große Markensammlung noch von meinem vom Vater meines Mannes und wir haben auch die ganze Zeit weiter gesammelt und ähm also bei der bei der Zollkontrolle das heißt man hat
[3:26:27] man hat die die Kisten wurden s- äh Standardkisten man durfte nicht selber Kisten machen nur Standardkisten von einer gewissen Firma bestellen und die haben wir bestellt drei große Kisten und die hat man geliefert und und dann hat man gebracht die Sachen
[3:26:43] zum man durfte drei Ki- man durfte nur achtzig Kilo mitnehmen achtzig Kilo insgesamt me- Möbel und Geschirr und alles was was äh was benötigt wird und äh also äh ma- diese Kisten waren vorbereitet und ich m- man musste alle Sachen die man mitnimmt auf
[3:27:06] lange Tische geben die die der Zollkontrolleur hat da- der Zollbeamte hat das kontrolliert kontrolliert und ich hab in meinem Busen kleine kleine Paketchen Marken versteckt und dann er mir gesagt »du kannst alles zurückgeben« und wie ich zurückgegangen
[3:27:20] zurückgegangen bin hab ich alles fallen lassen in die Kiste und so hab ich Marken gebracht [lacht] ich will noch was anderes sagen einen anderen (__) aber lieber nicht und äh ja das wars
[3:27:36] also wir sind hier angekommen die Kisten wurden ans äh wurden
[3:27:41] in die äh nach Tzrifin das ist neben Tel Aviv in ein Lager gebracht und wir gingen für mit einem Koffer für sechs Monate in die Schule in die Merkaz Klita heißt das Merkaz Klita das ist so ein Auffangslager das war in Kirjat Jam in der Nähe von Tel A-
[3:27:58] von Haifa am Meeresstrand ein da waren zwei große Wohnblocks sieben Stock mit mit Aufzug und wir waren am zweiten Stock wir haben eine Dreizimmerwohnung bekommen wir waren meine Mutter mein Sohn der Paul mit seiner Frau und mein Mann und ich und diese kon-
[3:28:17] diese Wohnung war komplett eingerichtet mit Geschirr und Handtücher und äh und Wäsche und äh Bettzeug und alles was man benötigt weil du ganz nix gehabt hast nur die die Sachen die Kleider die du an dir hast und äh dort haben wir sechs Monate gewohnt
[3:28:34] und äh die Schule war im selben Haus unten im im bei gleich beim Eingang und äh Wäsche waren waren große Waschmaschinen unten im Vorraum unt- im äh im Keller und dort hat man die Wäsche heruntergetragen man musste sich eintragen wann weil es waren sieben
[3:28:56] Stock- sieben sieben Stockwerke und überall waren Leute Neueinwanderer und die Schule war äh jeden Tag fünf Stunden in der Früh äh eines Tages [räuspert sich] äh also ich konnte dann nicht nicht dann hat meine Mutter die Verbrennung gehabt ich bin
[3:29:15] am Anfang bin ich in die Schule gegangen und äh sehr schwer hab ich gelesen und mein Mann wollte unbedingt dass ich die anderen Schüler haben haben haben gelernt indem sie die das was sie gehört haben in lateinischen Buchstaben geschrieben haben mein Mann
[3:29:31] hat gesagt »nein wenn du schon lernst dann sollst du lernen von Anfang an mit hebräischen Buchstaben« oh das hebräische Alphabet das ist schrecklich und ähm
[3:29:39] und wir sind äh also ich bin dort in die Schule gegangen am Anfang und eines Tages das ist eine
[3:29:47] interessante Episode eines Tages äh ja in in meiner Klasse mein Mann war war nicht in meiner Klasse weil er war schon in höheren Klassen und manchmal hat er sogar die die Lehrerin vertreten aber äh und in seiner Klasse war eine eine Jüdin aus Argentinien
[3:30:05] also sie hat sie hat äh sie hat Spanisch gesprochen und sie hat Deutsch gesprochen und auch Holländisch gesprochen und äh und eines Tages bei u- in meiner Klasse waren zwei Deutsche ein deutsches Ehepaar das für drei Jahre einen Kontrakt gehabt hat hier
[3:30:23] zu arbeiten und hat musste die Sprache lernen und ähm und ich hör diese diese Susi sprechen mit diesen mit meinen Kollegen Deutsch und ich geh zu ihr zu und frag sie »entschuldigen Sie woher s- Sie sind doch aus Argentinien woher sprechen Sie Deutsch ?«
[3:30:38] sagt sie »ich bin in Wien geboren« okay und äh »und wie heißen Sie ?« äh im äh hier in Israel stellt man sich mit dem Vornamen vor wissen Sie man sagt »ich heiße Shoshana« »ich heiße Rosi« ich heiße alles mögliche aber nicht nicht den Nachnamen
[3:30:55] und sie sagt »ich heiße Susi« sag ich ihr »Susi ist ein sehr österreichischer Name« »ja ich bin in Wien geboren« okay und dann sagt sie »in der nächsten Pause werd ich Ihnen weiter erzählen« und in der nächsten Pause hat sie mir erzählt dass
[3:31:09] ihre ihr Vater aus Bukowina stammt aus Do- aus Kimpolung das ist in der Südbukowina und ihre Mutter stammte aus Dorna wo woher mein Vater stammt und sie ist in Wien geboren im Jahre 34 und war vier Jahre alt wie Hitler einmarschiert wie die deutsche Armee
[3:31:28] einmarschiert ist und [räuspert sich] ihre Mutter hat einen Bruder gehabt der Arzt in in Indonesien war und die sind nach übergehen worden nach Indonesien ausgewandert und während des Krieges waren sie war der Vater ins Lager genommen weil die Japaner haben
[3:31:45] doch Indonesien besetzt Java haben sie besetzt und ähm und sie ist äh sie war versteckt in einem Kloster mit der Mutter und nach dem Krieg sind sie nach Holland gegangen sie hat in in Paris stu- Sprachen studiert und und äh Malen studiert Malerei und hat
[3:32:04] einen Holländer geheiratet hat zwei Kinder gehabt hat sich scheiden lassen ist nach äh hat einen anderen Holländer geheiratet ist nach Südamerika gegangen hat im Radio im ich weiß nicht in Brasilien oder Argentinien ich kann mich nicht mehr erinnern ich
[3:32:18] hab sie in einem meiner Bücher als Künstlerin sie ist ähm sie war sie hat im im Radio Unterricht Malerei unterrichtet und so weiter und ist dann nach nach Holland zurückgekommen hat sich auch von dem scheiden lassen mit mit dem hat sie zwei Töchter gehabt
[3:32:34] und sie ist mit beiden Töchtern nach Israel ausgewandert das ist ihre Geschichte okay sag ich ihr »wie heißt du wie heißt du ?« sagt sie »ich heiße ich hab meinen Mädchennamen behalten ich heiße Lehrer« »Lehrer ?« sag ich »ja das ist das kommt
[3:32:48] mir sehr bekannt vor meine Mutter hat in Kimpolung gewohnt nach dem Krieg und ich weiß dass es dort war eine Familie Lehrer mit der ich befreundet war bist du verwandt mit diesen Lehrer ?« sagt sie »nein ich habe überhaupt keine Verwandte« okay äh mein
[3:33:04] Mann hat immer gesagt »du bist äh du hättest so eine ein ein Detektiv werden sollen« also b- hab ich begonnen meine Nase zu funktionieren und hat und habe nachgefragt diese Fam- ich hab gekannt eine Familie Lehrer in Kimpolung und habe den a- und der
[3:33:24] war schon 25 vor Jahre vor uns eingewandert nach Israel hat in unserer Nähe gewohnt auch in der Nähe von Kirjat Jam ich hab ihn angerufen und gef- gesagt dass wir gekommen sind und wir freuen uns dass wir uns wiedersehen werden und vielleicht ka- zu zu uns
[3:33:37] herüberkommen in die Kirjat in die äh Merkaz Klita okay sagt er sag ich »sag mir und hat du vielleicht eine Verwandte Susi Lehrer« sagt er »nein ich kenn keine Susi Lehrer« okay »also komm morgen Abend« hab ich ihn eingeladen ich hab die Susi auch
[3:33:52] zu uns eingeladen an diesem Abend und habe gesagt »Susi bring die Bilder die du hast das von von deiner Kindheit und so weiter« also sie bringt die Bilder mit die Alben und und dieser Herr Lehrer beginnt zu blättern in den Alben also ich hab sie vorgestellt
[3:34:07] »Susi Lehrer Dori Lehrer« und äh auf einmal sagt er »oh ! das ist doch mein Cousin Joschi !« also ich bekomm noch jetzt eine Gänsehaut und sie sagt »das ist mein Vater« sie waren leibliche Cousins und die s- also er ist er ist deportiert worden aus
[3:34:28] Trans- nach Transnistrien aus Kimpolung ist dann nach Israel ausgewandert sie war in in in Java und ist nach Brüssel nach Amster- nach äh Bel- nach nein nach nach Holland gegangen und äh und ist dann nach Israel gekommen und ich hab sie zusammengeführt
[3:34:47] das das also ich bekomm noch jetzt eine Gänsehaut alle Leute haben damals geweint nich war meine Mutter und alle haben geweint wie das war wie die wie sie sich einander getroffen haben wie gesagt »also bist du die die die Susi auf meiner Reise nach Paris«
[3:35:01] er hat in Paris studiert ja »bin ich bei euch zu Hause gewesen und hab dich auf d- meinen Knien gehalten du bist diese Susi ?« »ja« also ich hab sie zusammengeführt ich bin ich bin noch heute stolz darauf sie hätten sich nie einander getroffen
[3:35:18] ja was möchten Sie noch wissen ?
[3:35:23] mich würde int-
[3:35:25] die Einwanderung hier sechs Monate in der Merkaz Klita und dann äh haben wir re- eine Wohnung bekommen hier vis-à-vis vom Staat und äh war haben sechs Jahre dort gewohnt mein Sohn hat in dieser Wohnung gewohnt er hat sie gekauft und hat diese w- diese
[3:35:41] Wohnung gewoh- äh bewohnt dann sind die nach nach Amerika gegangen und äh es war die Wohnung war vermietet und wir haben dann die Wohnung übernommen und seither wohn ich hier wohnen wir hier in der Wohnung also jetzt ich hab schon genug geredet jetzt
[3:35:57] sprechen Sie fragen Sie
[3:36:00] [lacht] ich wollte nur fragen in Ihren Texten
[3:36:03] [hustet] bitte ?
[3:36:05] in Ihren Texten benutzen Sie häufiger das Wort Heimat und ich wollte fragen was das Wort Heimat für Sie bedeutet hat und was es heute für Sie bedeutet
[3:36:11] also ich finde dass Heimat ist dies ist das Land wo du geboren bist und dass eine zweite Heimat eine dritte Heimat das sind das sind äh wie soll ich Ihnen sagen das sind Surrogat-Heimaten das sind nicht deine echte Heimat wie man wo man geboren ist und wo
[3:36:32] man die Jugend verbracht hat vielleicht sehen Sie das anders Sie sind jung und Sie sehen das anders aber ich glaube dass man und bei wissen Sie das wir haben so viele Übersiedlungen gehabt und so viele Orte gewechselt so dass äh in bei jeder Übersiedlung
[3:36:48] äh lässt man ein ein Stück seiner Individualität wissen Sie das verliert man so glaube ich und äh i- ich glaube heute dass endlich dass meine Heimat doch Israel ist weil ähm ich hab keine andere Heimat und ich liebe das Land auch wenn ich nicht immer
[3:37:09] einverstanden bin mit der Politik aber äh das ist das Land das ist das ich habe hier zwei zwei Kriege mitgemacht ich war ich äh die Sirenen haben geheult und die die Scud- -Raketen sind über unser Haus geflogen das war in der äh das war in den äh
[3:37:30] ersten Krieg im ersten Libanonkrieg wo äh ringsherum waren Feinde und haben haben dies- das Land bedroht äh wir sind nicht weg aus dem Land wir sind hier geblieben bei der beim ersten Libanonkrieg war noch mein Mann hat noch mein Mann gelebt beim zweiten
[3:37:47] Libanonkrieg war ich schon allein und ähm es ist ähm wie soll ich Ihnen sagen das ist äh mei- es wurde angeordnet man soll im abgeschlossenen Zimmer sein ja man kann nicht wissen ob Gasangriffe werden sei- [hustet] es ähm also ich ich hab wenn die Sirenen
[3:38:11] geheult haben da hier neben uns ist dieses Beit Abba Hushi da sind am Dach ist eine Sirene das können Sie sich nicht vorstellen wie laut sie ist da ha- bin ich ins Badezimmer gegangen das er- beim ersten äh beim ersten Krieg da waren wir haben wir das mein
[3:38:26] Mann noch gelebt und da hab ich die Katze auch hereingenommen ins Zimmer und das Zimmer war ganz abgeschlossen ganz luftdicht ver- verklebt die Fenster und die ähm und mein Mann hat immer eingetragen im Kalender wann eine z- eine Sirene läutet und wann ein
[3:38:44] ein Scud vorüber fliegt das haben wir genau gehört wenn er abgeschossen wird und hier am anderen Berg vis-à-vis da waren die da waren die ähm wie haben sie geheißen diese Raketen welche auffangen die Raketen und auch andere Raketen sind dort gestanden
[3:39:00] das war vis-à-vis uns und ähm das Zimmer war ganz abgeschlossen ganz di- luftdicht verschlossen wir hatten ein Radio im Zimmer a- und äh mit Batterien und ein und das Telefon und ähm das hat einige Tage gedauert ich kann Ihnen zeigen den Kalender
[3:39:20] noch den ich habe wann wann die Raketen gekommen sind und wann die Angriffe waren ähm einige Häuser wurden zerstört in Tel Aviv hier in Haifa waren auch einige Einschläge bei der Post bei der großen Post im Zentrum und noch einige ein- Einschläge es
[3:39:38] waren Tote und Verletzte und äh ich bin nicht hinunter wir hatten unten einen Unterstand im Haus aber ich bin nicht heruntergegangen und dann beim zweiten Angriff war ich allein und habe bin im Badezimmer gesessen wie die Sirene geläutet hat also das hat
[3:39:54] kein direktes Fenster zum aus- zum äh nach außen es hat nur in einen kleinen Innenhof und dort hab ich bin ich gesessen wie die Sirene geläutet hat aber ich war einmal auf der Straße vis-à-vis bin ich in der Autobushaltestelle gestanden wie die Sirene
[3:40:09] begonnen hat zu läuten da bin ich schnell ras- nach Hause gelaufen damals konnte ich noch laufen und ähm und hab mich unter die Stiege Stiege gestellt untern Stiegenaufgang gestellt der aus Beton ist ja das ist es in dem ich hoffe es wird nicht ein ich
[3:40:29] werd nicht noch einen anderen Krieg überleben leben wenn ein anderer Krieg loskommt und ich hoffe es sind keine weiteren Kriege vielleicht findet man doch eine Lösung für die Palästinenserfrage
[3:40:40] haben Sie noch Fragen ?
[3:40:43] dann lassen Sie uns abschließend jetzt noch ein paar der Fotos
[3:40:49] ja das sollten Sie noch wissen dass ähm meine
[3:40:52] ein paar der Fotos ähm vielleicht zeigen
[3:40:54] ja
[3:40:57] ich reich sie Ihnen an und Sie sagen kurz noch ähm wer und wann
[3:40:59] ich will dann noch etwas sagen [zeigt Fotos] das ist meine da da war ich vier Jahre alt mit einer großen Masche 1922 glaub ich war das oder 23 vielleicht
[3:41:06] die sind jetzt nicht sortiert hier aber ist egal ne
[3:41:09] ja es ist egal ja ich war immer ein Dickerchen sogar in der Schule hat man mir gesagt Kugelchen
[3:41:15] Kugelchen ?
[3:41:17] ja Kugelchen Kne- Hedel Knödel hat man mich genannt ja das das war am Balkon in äh am ersten Stock unseres Hauses mit in einem Dirndl haben Sie ei- in Czernowitz hat man sehr viel Dirndl getragen wissen Sie ich weiß nicht ob in wi- Deutschland auch ? in
[3:41:37] Deutschland hat man Dirndl getragen oder es war ein österreichisches äh ja okay
[3:41:40] wohl eher Österreich
[3:41:43] ja
[3:41:45] ich weiß es nicht genau
[3:41:48] äh das ist eine das ist eine Vorverbindung der äh Hasmonäa das ist eine jüdische zionistische Studentenorgani- Studentenverbindung und das ist die Vorverbindung die Davidia heißt da sind nur Jungs ohne Mädels damals v-
[3:42:04] in Czernowitz
[3:42:07] in Czernowitz ja
[3:42:09] von wann ist das ungefähr
[3:42:12] bitte das ist äh hier ist mein mein Schwager da hier kenn ich einige Leute aber es hat keinen Sinn dass ich jetzt alle Namen aufzähle
[3:42:15] wann ist das ungefähr ?
[3:42:18] bitte ?
[3:42:20] wann ?
[3:42:23] ah das war ähm steht sogar aufgeschrieben nein na schön das das dürfte sein im 1934 34 so was ja vier- 35 vielleicht ja okay ?
[3:42:39] mhm
[3:42:42] äh das dieses Bild ist aufgenommen im Jahre also meine Gro- meine Mutter war (_) vier Jahre im Jahre fünf- 1895 vielleicht 1895 das ist meine Großmutter mein Großvater meine Mutter hier in der Mitte als kleines Mädchen ihr älterer Bruder Rudi und der
[3:43:03] der kleine Bruder Emil äh das ist ein Familienbild aufgenommen 1924 ähm also dieses äh das große Mädel mit der Masche das bin ich die Kleine das ist meine Cousine Georgette Pauline aus Genf die war damals zwei Jahre alt ich war ich war sechs Jahre
[3:43:29] alt und äh meine Großmutter meine Großmutter Rosi mein Großvater Moritz und meine meine Mutter mein Vater mein Onkel der damals noch nicht verheiratet war der Onkel Emil der Apotheker dann ist meine Tante da ist meine äh die f- die Tante Berthe aus p-
[3:43:52] aus Genf und das ist der Onkel Rudi aus Genf die waren damals zu Besuch in Czernowitz für drei Wochen und äh bei uns zu Besuch das ist ähm äh zwölfter März 1939 ich hab genau ein Jahr nachdem Hitler nach Wien gekommen ist geheiratet das war die
[3:44:19] Hochzeit das war äh die religiöse Trauung und äh das war das äh ja das war beim Fotografen gemacht weil ich hab noch eine andere zu Hause zu Hause war ein großer Tisch n- über drei Zimmer lang mit hundert Personen und äh bei uns zu Hause äh ja
[3:44:43] es war einmal
[3:44:46] und dieses Bild da wollten Sie auch noch was zu sagen
[3:44:48] ja dieses Bild im Jahre 1934 glaub ich gemacht das ist am äh am Gänsehäufel das war die ein ein Bad am Pruth da sitzen wir alle auf einer Stiege Jungen und Mädels die eine die neben mich umarmt da hier bin ich ja die die erste von von rechts ist meine
[3:45:11] Freundin Anni Rosengarten die Anni Schwarz-Rosengarten die au- über den Bug erschossen wurde von den deutschen SS und äh die nächste das bin ich ich bin damals ich war dam- weiß ich 16 Jahre alt ungefähr so was die anderen da hier in der Mitte ist
[3:45:30] noch meine Freundin Lotte Hirsch die aus- in Amerika lebt und die vorgestern 94 Jahre alt geworden ist die anderen sind schon alle tot
[3:45:45] ja was sollte ich Ihnen noch wollen Sie noch was fragen ?
[3:45:51] ich wollte Sie fragen ob Sie Sie haben jetzt so lange so ausführlich über Ihr Leben erzählt ob Sie gerne am Ende des Interviews noch etwas selber sagen wollen was Ihnen wichtig ist
[3:46:04] ja es ist mir wichtig äh zu erzählen äh dass ich zwei äh zwei Verdienstkreuze bekommen hab vom äh vom das erste Verdienstkreuz hab ich im am ersten äh am ersten März erhalten vom Botschafter der der Deutschen Bundesrepublik und äh m- wie heißt er
[3:46:28] nur Michaelis heißt er Christoph Michaelis und äh das war äh das war sehr sehr äh festlich in einem in einem Restaurant mit vierzig fünfzig geladenen Personen mit einem Nachtmahl und so weiter es war sehr sehr schön und eine sehr schöne Rede hat er
[3:46:44] gehalten und außerdem hat der Botschafter dann noch mit mir privat gesprochen eine halbe Stunde und sich erk- erkundigt was ich schreibe und und äh hat mir auch gesagt dass er dass seine Frau in äh am ersten Juli herkommt und ob er mich besuchen darf mit
[3:47:00] seiner Frau sie ist Lehrerin in Deutschland und äh das das ist das deutsche Verdienstkreuz am Orden und das äh das österreichische hab ich am 16ten April bekommen auch vom in einem äh in einem in der Lobby eines Al- Alters- eines österreichischen Altersheim
[3:47:18] mit äh ähm mit einem großen gedeckten Tisch mit Champagner mit Sekt und äh eine sehr schöne Rede hat der äh Jo- Franz Josef Kuglitsch heißt er der Botschafter der österreichische Botschafter der war auch auch der hat mir das Verdienstkreuz für Kunst
[3:47:40] und Wissenschaft überreicht also ich bin zweimal dekoriert worden ich weiß nicht wie ich das tragen soll eins rechts eins links oder eins vorne eines rückwärts oder eines vormittags einen nachmittags das ist doch die Frage [lacht] wollen Sie das sehen
[3:47:53] wollen Sie das fotografieren ?
[3:47:56] das können wir gerne machen ich hab grad schon um ich geguckt ob es hier irgendwo liegt warten Sie eben
[3:48:01] [steht auf] bitte ?
[3:48:04] äh warten Sie eben
[3:48:07] ja ja ich warte oh ja ah ! wissen Sie was gehen Sie hin aber [Schnitt] ähm ich habe das Verdienstkreuz bek- äh erhalten aufgrund meines Lexikon das ich seit äh seit dem Jahre 1998 das e- als das erste Buch erschienen ist bei vom Professor Wiehn herausgeben
[3:48:24] und ähm ich äh ich habe vier Bände davon geschrieben [zeigt das Buch] dafür hab ich das Kreu- das Verdienstkreuz erhalten aber so ein Kreuz es fällt nicht so vom Himmel sondern es muss jemand ansuchen um das Kreuz meine Freundin Christel Wollmann-Fiedler
[3:48:41] aus wer- aus Berlin hat äh beim ähm Bundeskanzler Bundespräsidenten ähm ein Gesuch überreicht um äh für für für diesen Orden und hat auch beigelegt verschiedene Schriften die ich und Bücher und äh nach einigen Monaten wurde das Kreuz wurde dieses
[3:49:02] Verdienstkreuz bewilligt und ähm der deutsche Botschafter hat es mir überreicht am 16ten am ersten März äh für für meine politisch-sozialen Schriften und auch für dieses Lexikon das sehr sehr viele verschwundene vergaste und ermordete Künstlerinnen
[3:49:25] beinha- Biografien beinhaltet äh das andere Verdienstkreuz das österreichische hat auch meine Freundin Christel Wollmann in Wien eingereicht direkt an den Bundespräsidenten und und sehr rasch wurde die Sache erledigt und äh ich wurde ich wurde verständigt
[3:49:45] von der vom Bundeskanzleramt dass dass das äh dass der äh Bundespräsident Doktor Fischer das bewilligt hat schon unterschrieben hat und es wurde mir überreicht durch den Botschafter durch den österreichischen Botschafter hier in Tel Av- in in hier in
[3:50:05] Haifa z- das ist das deutsche Verdienstkreuz am Orden heißt es [zeigt] für wiss- Wissenschaft ich weiß nicht für für für meine politisch-sozialen Schriften so so stehts im Brief und das ist das österreichische Verdienstkreuz für für äh
[3:50:37] Wissenschaft und Kunst ähm ich arbeite jetzt am fünften Band des Lexikons und es sind fünf Bände erschienen ich habe bis jetzt äh acht Bücher geschrieben und erschienen bei Hartung und Gorre fast alle außer zwei die in der Schweiz erschienen sind
[3:51:00] im Munda-Verlag eine Familiengeschichte und jetzt arbeite ich am fünften Band der Künstlerinnen es kommen aber nicht nur Malerinnen und äh und bildende Künstler herein sondern es kommen auch Musikerinnen ähm Tänzerinnen Sängerinnen und Schauspielerinnen
[3:51:19] herein au- und Architektinnen das ist äh also da- ich hoffe ich we- ich werde es noch beenden das das hängt nicht von mir ab ich danke Ihnen sehr sehr schön dass Sie gekommen sind und dass Sie mein Interview genommen haben und äh tov vielleicht kommen
[3:51:35] Sie noch mal und würde Ihnen ich erzähle Ihnen noch andere Sachen andere über andere sch- Stolpersteine die ich nicht erzählt hab
[3:51:46] vielen Dank
[3:51:48] vielen Dank dafür dass Sie uns hier zwei Tage so freundlich aufgenommen haben und so lange erzählt haben wir wünschen Ihnen alles Gute für den fünften Band
[3:51:55] danke
[3:51:57] vielen Dank
[3:51:59] vielen Dank Ihnen auch
| Datum | Ort | Text |
|---|---|---|
| ab 1918 | Czernowitz | Geburt als Tochter einer Pädagogin und eines Rechtsanwalts |
| ab 1924 | Czernowitz | Besuch der Comeniusschule |
| 1936 - 1937 | Czernowitz | Ausbildung und Arbeit als Sekretärin |
| 1937 - 1937 | Wien | Kunststudium an der Universität |
| 1937 - 1938 | Genf | Besuch einer Sprachschule |
| 1938 - 1938 | Czernowitz | Ausreise nach Czernowitz über Wien unmittelbar nach dem »Anschluss« |
| ab 1938 | Putna | Bekanntschaft mit dem Ingenieur Gottfried Brenner |
| 1939 - 1940 | Ploiești | Begleitung des Ehemanns bei seinem Ingenieur-Praktikum im rumänischen Erdölgebiet |
| ab 1939 | Czernowitz | Heirat |
| 1940 - 1941 | Czernowitz | Arbeit in der Stadtbibliothek |
| ab 1940 | Czernowitz | Rückkehr nach Czernowitz nach dem Einmarsch der russischen Armee in die Nordbukowina |
| ab 1941 | Czernowitz | erfolgreiche Bemühungen um die Freilassung des Ehemanns aus deutscher Haft |
| ab 1941 | Czernowitz | kurzzeitige Verhaftung |
| 1941 - 1941 | Czernowitz (Ghetto) | Umzug ins Ghetto |
| 1941 - 1944 | Czernowitz | Leben unter deutsch-rumänischer Besatzung |
| ab 1944 | Czernowitz | zwei Tage in einem Dachbodenversteck während des Rückzugs der deutschen Wehrmacht |
| ab 1945 | Bukarest | sechsmonatiger Aufenthalt; Totgeburt des ersten Kinds |
| 1945 - 1952 | Boldești-Scăeni | Umzug aufgrund der Arbeit des Ehemanns; Geburt der Söhne Paul und Michael |
| ab 1945 | Czernowitz | Unterbringung von drei Auschwitz-Überlebenden |
| ab 1945 | Dorohoi | nach der Ausreise aus Czernowitz dreiwöchiger Aufenthalt |
| ab 1952 | Ploiești | Umzug und anschließende Ausbildung zur Krankenschwester und Physiotherapeutin |
| ab 1982 | Kirjat Jam | nach jahrelangen Bemühungen Auswanderung nach Israel |
| ab 1998 | Haifa | Tod des Ehemanns |
| ab 2012 | Haifa | Auszeichnung mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland |
| ab 2012 | Haifa | Auszeichnung mit dem Österreichischen Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst |
| bis 1936 | Czernowitz | Abschluss eines rumänischen Gymnasiums |
| Haifa | schriftstellerische Tätigkeit; Veröffentlichung zahlreicher autobiografischer Bücher und eines mehrteiligen Lexikons zu jüdischen Frauen in der Kunst |
Hedwig Brenner genoss eine glückliche und unbeschwerte Kindheit bis zum frühzeitigen Tod ihres Vaters, als sie zehn Jahre alt war. Sie besuchte zuerst die deutsche Comeniusschule und ging danach auf ein rumänisches Gymnasium, das sie 1936 mit dem Abitur abschloss. Als Jugendliche trieb sie besonders gerne Wintersport, und suchte regelmäßig eine der Czernowitzer Bibliotheken auf.
Während der Zwischenkriegszeit machte sie erste Erfahrungen mit Antisemitismus. Sie hätte 1936 beinahe ihren Schulabschluss nicht geschafft, da sie von ihrem antijüdisch eingestellten Geografielehrer schikaniert wurde. Nur durch die Hilfe einer Nachbarin schaffte sie es, eine ausreichende Note, und somit auch die Hochschulreife, zu erhalten.
Nach dem Schulabschluss gewann Hedwig Brenner gleich zwei Mal in der Klassenlotterie. Der Gewinn ermöglichte es ihr, das großmütterliche Familienhaus auszubauen und das darauf aufgenommene Darlehen abzubezahlen. Im darauffolgenden Jahr schloss sie zuerst einen Kurs für Maschinenschreiben ab und arbeitete danach als Sekretärin in einer Nagelfabrik.
Im Herbst 1937 begann sie ein Kunststudium in Wien. Im Winter fuhr sie für drei Monate zu Verwandten nach Genf, wo sie einen Intensivsprachkurs für Französisch belegte. Dort machte sie viele Ausflüge mit ihren Kommilitonen in die Region um Genf, unter anderem ins nahegelegene Skigebiet.
Die Rückreise nach Wien fiel ausgerechnet auf den 11. März 1938 – einen Tag vor dem »Anschluss« Österreichs an das Deutsche Reich. Im Zug begegnete sie anderen jüdischen Studenten, die ihr mit Geld aushalfen, als sich herausstellte, dass sie keine gültige Fahrkarte hatte. Unterwegs sah sie an allen Bahnhöfen bereits ausgehängte Hakenkreuzfahnen, und ihr war klar, dass sie sich in Gefahr befand.
In Wien erfuhr sie von der Verhaftung ihres Onkels. Da das Haus vermutlich unter Beobachtung stand, konnte sie dort nicht bleiben. Nach einigen Tagen bei einer Cousine gelang es ihr, eine Einreisegenehmigung bei der rumänischen Botschaft zu bekommen, um nach Czernowitz zurückzukehren. Zuvor suchte sie jedoch ihre Helfer von der Zugfahrt nach Wien wieder auf, um ihre Schulden zurückzuzahlen und sich zu bedanken.
Ende der 1930er Jahre wurde in Czernowitz das Studienverbot für Juden eingeführt. Da Hedwig Brenner nicht mehr studieren konnte, beschäftigte sie sich zunächst mit Handarbeiten und Lesen. Im Oktober 1938 lernte sie bei einem Ausflug nach Putna den Ingenieur Gottfried Brenner kennen. Im März 1939 wurden sie vom Bukowiner Oberrabbiner getraut.
Das junge Ehepaar zog nach Ploiești, wo Gottfried Brenner eine Anstellung bei der Royal Dutch Shell Company bekommen hatte. Im Laufe des nächsten Jahres zogen sie im rumänischen Ölfördergebiet mehrmals um, da Gottfried Brenner im Rahmen seiner Ausbildung an unterschiedlichen Standorten der Firma arbeiten musste.
Im Juni 1940 erfuhren sie von der bevorstehenden Eingliederung der Nordbukowina in die Sowjetunion. Sie packten das Nötigste und begaben sich sofort auf den Weg zu ihren Verwandten nach Czernowitz. Am nächsten Tag wurde die Grenze zwischen sowjetischem und rumänischem Gebiet gesperrt, und ihnen blieb keine andere Wahl, als in Czernowitz zu bleiben. Zwischen 1940 und 1941, als Czernowitz unter sowjetischer Herrschaft stand, arbeitete Hedwig Brenner in der Stadtbibliothek. Zu dieser Anstellung verhalf ihr der Schriftsteller Alfred Kittner, ein früherer Nachbar, der sie während des Vorstellungsgesprächs erkannte. Die Arbeit in der Bibliothek bereitete ihr Freude, denn sie hatte sich schon immer inmitten von Büchern wohl gefühlt.
Nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion im Sommer 1941 zog sich die Rote Armee aus Czernowitz zurück. Bei einem schweren Angriff zerstörte die deutsche Luftwaffe den Flughafen von Czernowitz, und schließlich wurde die Stadt von deutschen und rumänischen Einheiten eingenommen. In der Übergangszeit kam es zu Gewalttaten gegen die Juden: Wohnungen wurden geplündert und Menschen auf offener Straße ermordet. Hedwig Brenner wurde zusammen mit allen jüdischen Einwohnern ihrer Straße verhaftet und zur Gendarmerie geführt. Die weiblichen Gefangenen wurden von den rumänischen Wachen in einer Kaserne festgehalten, schikaniert und ihrer Wertsachen beraubt.
Was mit den Männern geschehen war, war zunächst nicht klar. Nach ihrer Freilassung ging Hedwig Brenner mit den Frauen anderer Verhafteter zu einem rumänischen Major der Gendarmerie, den sie mit Geld bestachen, um die Männer freizubekommen.
Doch bereits in der gleichen Woche wurde Gottfried Brenner ein zweites Mal verhaftet. Schon in den Tagen davor war es zu Verhaftungsaktionen gekommen, bei denen Hunderte von jüdischen Männern erschossen worden waren. Hedwig Brenner spürte, dass dieses Schicksal auch ihren Mann treffen könnte, und sie machte sich auf die Suche nach ihm. Sie wartete vor dem Kasino, in dem die Männer festgehalten wurden. Durch eine Eingebung sprach sie einen deutschen Offizier an, der sich später als ein ehemaliger Kommilitone ihres Ehemanns herausstellte. Nach einem Gespräch mit Hedwig Brenner in der Kommandantur veranlasste dieser die Freilassung Gottfried Brenners und eines Familienfreundes. Dieser Offizier und sein Vorgesetzter – Klaus Geppert und Oberst Mayritsch – waren für die Rettung von Hedwig Brenners Ehemann entscheidend. Erst nach vielen Jahren wurde ihr klar, wie bedeutend dieser Moment gewesen war, und wie viele glückliche Zufälle dazu führten, dass Gottfried Brenner nicht erschossen oder deportiert wurde.
Im Oktober 1941 richteten die Behörden in Czernowitz ein Ghetto ein. Hedwig Brenner konnte nicht weiter in der Bibliothek arbeiten und musste mit ihrer Familie – insgesamt 24 Personen – in ein Zimmer im Ghetto ziehen. Sechs Wochen lang lebten sie in äußerst beengten und behelfsmäßigen Verhältnissen. Nach der Einführung von Arbeitsausweisen für Arbeiter und ihre Familien, so genannter »L-Karten«, konnte das Ehepaar zurück in die Wohnung der Schwiegermutter ziehen.
Bis 1944 arbeitete Gottfried Brenner in einer Zuckerfabrik, während Hedwig Brenner sich um den Haushalt kümmerte, Essen besorgte und versuchte, mit verschiedenen Handarbeiten Geld zu verdienen. Viele jüdische Familien wurden in dieser Zeit in Arbeitslager nach Transnistrien deportiert, so auch die befreundete Familie Berler.
Anfang 1944 war die Rote Armee auf dem Vormarsch, und die deutschen Truppen traten den Rückzug aus Czernowitz an. Aus Angst vor Übergriffen auf Juden verstecken sich die Brenners mehrere Tage lang auf einem Dachboden. Von dort beobachteten sie, wie ein verzweifelter Nachbar sich aus dem Fenster stürzte, um den Deutschen nicht in die Hände zu fallen. Nach dem Rückzug der Deutschen kam Czernowitz erneut unter sowjetische Herrschaft. Da der Krieg noch andauerte, zogen viele Truppen durch die Stadt, darunter auch die Tschechische Brigade. Gottfried Brenner hatte in Prag studiert, so dass für ihn die Möglichkeit bestand, sich dieser Einheit anzuschließen. Er entschied sich jedoch dagegen, da außer seiner Ehefrau niemand mitfahren konnte und er seine Mutter nicht im Stich lassen wollte. Damals wussten sie nicht, dass sie so die große Chance verpassten, das Gebiet der Sowjetunion vor Schließung der Grenzen zu verlassen.
Im Frühjahr 1945 hielten sich in Czernowitz Auschwitz-Überlebende auf, die auf der Durchreise nach Odessa waren. Hedwig Brenner lernte drei Jüdinnen kennen, die sie für drei Wochen bei sich aufnahm. Sie erzählten ihr ihre Verfolgungsgeschichten. Zu einer von ihnen – Ro de Winter – hielt sie auch noch später Kontakt.
Da Czernowitz nach dem Krieg zur Sowjetrepublik Ukraine gehörte, beantragten Hedwig und Gottfried Brenner, nach Rumänien ausreisen zu dürfen. Im April 1945 wurde dies bewilligt. Sie mussten fast ihr ganzes Hab und Gut zurücklassen, denn auch die Mitnahme von Wertsachen war verboten. Sie versuchten jedoch, ein Goldstück und amerikanische Dollar herauszuschmuggeln. Diese wurden bei einer Durchsuchung von Offizieren des sowjetischen Geheimdienstes entdeckt. Einer von ihnen war ein Jude, der den Brenners versicherte, sie befänden sich in keinerlei Gefahr; die Offiziere nahmen die Wertsachen als Schmiergeld an und brachten das Ehepaar und ihre Verwandten zur rumänischen Grenze.
An der Grenze wurde das Gepäck erneut kontrolliert. Diesmal gerieten Hedwig Brenner und ihr Mann aufgrund der mitgenommenen deutschen Bücher unter Verdacht. In Rumänien blieben sie zunächst in Dorohoi, bevor sie nach Bukarest zogen. Nach einem halben Jahr bekam Gottfried Brenner wieder eine Anstellung bei der Firma, für die er vor dem Krieg gearbeitet hatte, und das Ehepaar zog nach Boldești. Den Brenners wurde ein großes Haus zur Verfügung gestellt, doch nach der Machtübernahme durch die Kommunisten mussten sie einen Teil des Hauses abgeben. In Boldești brachte Hedwig Brenner zwei Söhne zur Welt.
Bereits in den 1950er Jahren wollten die Brenners nach Israel auswandern. Da sie viele Bekannte im Ausland hatten, standen sie unter Beobachtung des rumänischen Geheimdienstes. Hedwig Brenner wurde einige Male verhört, ließ sich jedoch nicht von den Mitgliedern der Securitate einschüchtern.
Nach dem Krieg arbeitete sie zuerst als Krankenschwester, dann in einem Laboratorium. Sie ließ sich schließlich zur Physiotherapeutin ausbilden und arbeitete 25 Jahre lang in ihrem Beruf.
1981 reiste der jüngere Sohn nach Israel aus. Im darauffolgenden Jahr erhielt auch der Rest der Familie die Erlaubnis, auszuwandern. Hedwig Brenner hatte bereits zuvor jede Woche Bücherpakete nach Israel geschickt, um so ihre Bibliothek mitnehmen zu können; bei der Ausreise selbst durfte nur wenig Gepäck mitgenommen werden. 1982 wanderten die Brenners in Israel ein. Während der ersten Monate wohnten sie in einem Auffanglager in Kirjat Jam. Dort bekamen sie vom Staat eine möblierte Wohnung zur Verfügung gestellt und besuchten einen Hebräischkurs. Nach sechs Monaten zogen sie nach Haifa.
Die Czernowitzerin Hedwig Brenner hatte in ihrem Leben viele »Surrogatheimaten«. Sie fühlte sich mit ihrer Wahlheimat Israel verbunden, obwohl sie dort mehrere Kriege erleben musste. In der neuen Heimat befasste sie sich aber auch viel mit der alten Heimat: Nach dem Tod ihres Manns begann sie, autobiografische Bücher zu schreiben. Für ihre schriftstellerische Tätigkeit erhielt sie 2012 den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland und das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst.