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Eva Erben (*24.10.1930, Tetschen)

Signatur
01144/sdje/0040
Institut
Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin
Sprache
deutsch
Ort und Datum der Aufnahme
Aschkelon, den 30. November 2011
Dauer
03:08:37
Interviewter
Eva Erben
Interviewer
Daniel Baranowski , Barbara Kurowska
Kamera, Licht und Ton
Daniel Hübner
Redaktion
Barbara Kurowska
Transkription
Barbara Kurowska

Als 12-jähriges Mädchen trat Eva Erben in der Kinderoper »Brundibár« im Ghettolager Theresienstadt auf. Aus der Geschichte über den Triumph des Guten über das Böse schöpfte sie Hoffnung. Nach dem Krieg machte sie sich das Gedenken an die Kinder in Theresienstadt zur Aufgabe. Eva Erben wurde 1930 im tschechoslowakischen Tetschen geboren. Ihr Vater war Chemiker und Erfinder, die Mutter Hausfrau. 1936 zog die Familie nach Prag, doch schon bald darauf wurde sie aus ihrem Haus ausgewiesen. Im Dezember 1941 deportierten die Deutschen Eva Erben und ihre Eltern nach Theresienstadt, wo sie mit anderen Jugendlichen Zwangsarbeit leisten musste. Nach drei Jahren wurde sie mit ihrer Mutter ins Konzentrationslager Auschwitz verschleppt. Von dort kamen sie in ein Außenlager von Groß-Rosen und wurden schließlich auf einen Todesmarsch nach Westen getrieben. Bald darauf starb die Mutter, und Eva Erben gelang es durch einen Zufall, die Flucht zu ergreifen. Sie fand bis Kriegsende Unterschlupf bei einer tschechischen Bauernfamilie. Nach einem kurzen Aufenthalt bei Verwandten in Ostböhmen ging sie schließlich nach Prag zurück. Im Mai 1948 begegnete sie ihrem späteren Ehemann Peter Erben; gemeinsam beschlossen sie, nach Israel auszuwandern. Erst in den 1980er Jahren begann sie, sich mit ihrer Verfolgungsgeschichte auseinanderzusetzen. Zum Zeitpunkt des Interviews, das in ihrem Zuhause in Aschkelon stattfand, war Eva Erben 82 Jahre alt.

Vorkontakte

schriftliche Kontaktaufnahme und Telefonat zur Besprechung des Lebenslaufes mehrere Wochen vor dem Interview, gemeinsames Vorgespräch mit allen am Interview Beteiligten vier Tage vor dem Interview

Bedingungen

aufgenommen im Wohnzimmer des Ehepaars Erben, gute Bedingungen

Gruppensituation

zwei Interviewer, ein Kameramann (Daniel Hübner)

Unterbrechungen

fünf kurze Unterbrechungen

Protokoll

Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin

Barbara Kurowska

[0:00] es ist der dreißigste November 2011 und wir sind in Ashkelon zu Gast bei Peter und Eva Erben und führen ein Interview mit Eva Erben für das Projekt »Sprechen trotz allem« der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas das ist ein Projekt ähm

[0:15] das von der Kulturstiftung des Bundes unterstützt wird ich bin Barbara Kurowska und führe das Interview zusammen mit Daniel Baranowski durch Daniel Hübner ist für die Technik zuständig [Schnitt]

Eva Erben

[0:25] der dreißigste Oktober 1930 war ein glücklicher Tag für meine Eltern nach siebenjähriger Ehe und äh großer Bemühung ist endlich ein Baby da dementsprechend wurde ich auch verwöhnt und äh   ich erinner mich auf eine herrliche Kindheit jeder Wunsch wurde

[0:49] erfüllt noch bevor er ausgesprochen wurde und äh   mein Vater war Chemiker mit äh einer kleiner Fabrik für Gummierzeugnisse medizinische wir haben sehr   schön gelebt wir waren nicht märchenhaft reich aber wir waren so gerade genug um ein schönes Leben

[1:10] zu führen   ich erinner mich auf herrliche Ausflüge und auf äh   ähm   schöne behütete Kindheit   in Bodenbach Tetschen wo ich auch in den Kindergarten kam wir haben zu Hause gesprochen Tschechisch oder auch Deutsch viele Freunde gehabt   eine v- Haushilfin

[1:38] gehabt die auch mich behütet hat von Zeit zu Zeit wenn Mama beschäftigt war und äh das Leben war wunderschön und so wie es sein soll   bis äh   1937   wenn äh   [deutet eine Pause an]

Daniel Baranowski

[2:02] kurze Pause [Schnitt]

Eva Erben

[2:04] ja mein Vater war ein Chemiker und er hat die ganze Zeit äh ein Traum gehabt damals war Bakelit das ist eine äh ein Kunststoff was so wie heutiger Plastik ist damals war das nur braun und mein Vater wollte das irgendwie umstellen es soll sein wie Glas und

[2:28] unzerbrechlich und äh da hat er sich sehr bemüht und daran gearbeitet die ganze Zeit und das ist ihm auch gelungen es patentieren lassen aber das war erst in Prag im Ja- Ende 38 wo er schon nicht mehr als Jude es äh auf seinen Namen patentieren konnte und

[2:50] hat das auf einen den Namen auf seinen Freund hat einen Ingenieur Hořak g- gemacht nach der nach dem Krieg mich auch ein bisschen äh damit äh also er hat mir über das erzählt weil ich konnte mich ja nicht so sehr erinnern ich war sehr klein aber das Patent

[3:07] äh wurde nachher auch äh nach dem Krieg meinen Vater zugestanden

Daniel Baranowski

[3:15] war Ihr Vater selbstständig oder war der bei einer Firma beschäftigt

Eva Erben

[3:19] nein er war selbstständig selbstständig und auf diesen Patent hat er jahrelang gearbeitet bei uns waren Kisten von B- nicht Büchern also was er geschrieben hat verschiedene Hefte und äh immer in jedem Haus wo wir auch gewohnt haben war immer ein kleines

[3:35] Zimmerchen seine Lab- sein Laboratorium wo es nach Karbol und Benzin gestunken hat und der Vater hatte immer so einen leichten Geruch von Karbol das war so charakteristisch bei uns und äh ja in dem hab ich irgendwie gelebt und das hat mich auch so die ganze

[3:55] Zeit begleitet dieses tiefe sich hereinzudenken dass da etwas entsteht was äh was noch nicht da ist ja das mein Vater etwas macht und äh ja es war eine bestimmte Atmosphäre bei uns zu Hause also auch gutes Essen und auch gutes Geruch von der Küche und

[4:12] auch der Karbol das war immer ein Mischmasch

Daniel Baranowski

[4:15] durften Sie da rein in dieses Zimmer wo er

Eva Erben

[4:17] ja ei- ja einmal hat mich auch der Vater hingelassen weil ich war immer sehr neugierig und ich erinnere mich auf diese verschiedene Fläschchen mit roten Wasser und gelben und blauen und grünen und das war alles so solche tiefe Farben und ich war ganz fasziniert

[4:34] und äh Chemie hat mich wirklich immer wieder fasziniert und jeden den ich triff nachher also Jahre nachher und der ist ein Chemiker den frag ich immer verschiedene Fragen was ich meinen Vater nicht fragen konnte und zum Beispiel beim Todesmarsch als wir gingen

[4:52] so viele Kilometer haben wir ich hab sehr viel Schnee gegessen und getrunken also ich hab mich damit vollgefüllt mit -n Schnee und äh ich war es hat nicht die Durst gelöscht so richtig und es hat mich auch nicht ich hab mir immer gedacht wenn ich einmal

[5:09] nach Hause komme muss ich den Schnee nehmen und mit Marmelade mischen oder mit Zucker und sehen ob das vielleicht irgendwie anders wirkt   und dann hab ich einen Chemiker gefragt in Berlin gerade und er hat gesagt dass Schnee hat eine gewisse äh   eine gewisse

[5:28] chemische äh   nicht Wirkung also es ist zusammengestellt aus Teilen die nicht den Durst löschen im Gegenteil also ich hab vergessen was er gesagt hat ganz genau aber   na ja apropos Chemie   ja in Bodenbach war auch äh der Vater von mei- mein Großvater der

[5:49] hatte eine [räuspert sich] Fabrik aus auf Fisch- äh -produkte Fischkonserven und ich hab immer gesagt mein Großvater hat eine Fabrik auf Fische und äh dort hat es immer wieder gestunken von herring nach herrings und die hatten dort haben wir sehr oft Besuch

[6:08] waren wir bei ihm und äh ich kann mich erinnern auf die gute äh Rollmöpse und äh alles mögliche das waren in solchen kleinen Kästchen aus ganz dünnen Holz die Fabrik hat geheißen Madria und es hatte eine Blume eine no wie wie hatten wie sagt man wie

[6:30] heißen diese weiße Blumen in im Frühjahr am Feld   Mo- nicht Mohnblumen   Mohnblume ist rot na macht nix werd mich erinnern und äh  

Daniel Baranowski

[6:45] war das der Vater Ihres Vaters ?

Eva Erben

[6:49] Vaters ja der Vater meines Vaters der ist noch nach Theresienstadt gekommen mit 86 Jahren und ist nach einer Woche dort verrückt geworden und ist auch dort gestorben Großmutter hat gestorben noch schön im Bett also ich glaube Sie haben das Bild da von der

[7:09] Großmutter und von dem Großvater

Daniel Baranowski

[7:11] sie ist vor dem Krieg gestorben ?

Eva Erben

[7:13] sie ist vor dem Krieg gestorben na   gleich irgendwie im Jahre ähm 35 oder so

Barbara Kurowska

[7:19] so wir müssen kurz eine Pause machen [Schnitt]

Eva Erben

[7:22] ja   man hat sehr schön gelebt äh religiös waren wir überhaupt nicht äh Synagoge war zwar vis-à-vis weil in der Podmokelská-Straße dort und aber auch gleich die Kirche also die Synagoge und die Kirche und äh wenn ich spazieren ging mit der Boženka

[7:42] mit unserer Haushilfe dort war Schäferwand hinter der Synagoge man ging herauf nach oben nach oben in einen ganz herrlichen Wald und am Rückweg sind wir vorbei auf d- bei der Synagoge gegangen und dann sind wir aber in   d- in den äh in den äh mit der Boženka

[8:03] in die Kirche gegangen weil sie konnte sie wollte so ein bisschen beten und hat gesagt »da- mach macht doch nix also dieser Gott oder dieser Gott sie sind Nachbarn gehen wir mal in in meine Kirche« na und ich war s- in der bei ihr mit ihr und sie hat sich

[8:19] so schön gekreuzt und mit diesen Wasser dort und das hat mir sehr gut gefallen hab ich -s auch gemacht und äh was heißt der Gott ist doch der liebe Gott ist überall und da haben wir eben dort ein bisschen gebetet ich hab alles schön nachgemacht was sie

[8:32] macht und äh dann hab ich -s der Mama erzählt dass wir waren in der Kirche und ja man hat man hat gelacht man hat gesagt »ja schön« also liebe Gott ist überall und äh in die Synagoge sind meine Eltern gegangen einmal im Jahr auf äh Jom Kippur das ist

[8:52] das das höchste Fest und da hat man gefastet und äh ich b- immer zu Hause geblieben mit der Boženka und n-   nach dem Fasten sind die Eltern zurückgekommen immer mit Gästen und da war ein guter Kuchen und Kaffee hat gerochen im ganzen Haus ja und das war

[9:13] das war unsere Religion also ganz locker äh   Christmas Weihnachten haben wir immer einen Baum gehabt und immer geschmuckt und immer Geschenke und Chanukka auch mal wieder Kor- Kerzen hat man geleuchtet und man hat erzählt über   über Mosche und so weiter

[9:34] über den Ausgang aus Ägypten und äh ja also es war ganz äh   leger und sehr   b-   also ohne Vorurteile oder so etwas

Daniel Baranowski

[9:51] vielleicht können Sie noch kurz was zu Ihrer Mutter sagen   wo kam sie her

Eva Erben

[9:56] [gleichzeitig:] ja   meine Mama war zu Hause und äh manchmal mit den Vater sie hat eine o- ihre Bildung war sie hat technische Hochsch- nicht technische äh   wie sagt man diese diese Bil- was man damals so gelernt hat in äh also in Büro als Büroarbeiterin

[10:19] hat sie eine Hoch- äh eine Akademie von das war in Chrudim sie ist in Heřmanův Městec geboren das ist äh auch ein   kleines Städtchen in Süden Tschechoslowakei und äh ja manchmal war sie mit den Vater weg also manchmal war sie gerade mit ihm auch in

[10:39] der Fabrik und aber am meisten war sie mit mir und zu Hause und so   so kein   Muss dass man muss gehen und muss machen oder so es war alles ganz so still und schön auf ruhigen Wellen ist das Leben gelaufen

Daniel Baranowski

[10:58] welche Sprachen wurden bei Ihnen gesprochen

Eva Erben

[11:01] Sprachen wurden bei uns Deutsch und Tschechisch also ich glaube in den gleichen Maße   enorm viele deutsche Bücher also ich kenn enorm viele deutsche Märchen wurden mir erzählt und der Kindergarten war deutsch aber Tschechisch hat man gesprochen also auch

[11:18] ich war ganz fließend in beiden Sprachen ich

Daniel Baranowski

[11:22] [gleichzeitig:] können Sie sich Entschuldigung

Eva Erben

[11:24] bitte

Daniel Baranowski

[11:26] können Sie sich erinnern was ah was Sie gelesen haben oder an die Märchen   die Sie gehört haben

Eva Erben

[11:29] ja   ja also verschiedene Lieder und äh also Piano hab ich gespielt und äh Mama hat wunderschön Piano gespielt und es waren bei uns auch so verschiedene Freunde die sind gekommen wo da man Violin gespielt w- gespielt hat und Mama äh Klavier und da am Abend

[11:49] bin ich immer eingeschlafen mit Mozart und Schumann und B- ja alle diese Sachen waren mir so ganz gang und gäbe zu Hause und äh Märchen   ja was für ein Märchen ja viel aber jetzt werd ich mich gerade nicht erinnern äh

Daniel Baranowski

[12:07] waren das tschechische Märchen   tschechische Volksmärchen

Eva Erben

[12:10] tsche- auch tschechische und auch deutsche Mä-

Daniel Baranowski

[12:12] [gleichzeitig:] oder so Grimm- äh -Märchen

Eva Erben

[12:14] Grimm-Märchen waren und äh es waren auch äh Lada und Božena Němcová und äh   äh   »Pfui ! Der Struwwelpeter« wer war da Busch Wilhelm Busch ?

Daniel Baranowski

[12:30] hm wer war denn nee das ist nicht von Busch

Eva Erben

[12:32] äh ich äh ich hab ja Bilder wo ich spiele ja »der Peter der war gern gesund ja aber die lange Fingernägel ja ›diese Suppe ess ich nicht‹« und so weiter also ganz   das sind solche Splittern von Erinnerungen aber äh

Barbara Kurowska

[12:50] können Sie sich an Freunde aus der Kindheit erinnern ?

Eva Erben

[12:52] also in Bodenbach kann ich mich auf überhaupt niemanden erinnern vom ich hab geguckt jetzt gerade in auf das Bild im Kindergarten wo ich steh bei der Ken- Kindergärtnerin ich weiß nicht mal ihren Namen und kein Kind kommt mir bekannt vor ich kann mich erst

[13:08] erinnern in Prag   da ich äh Freundinnen hatte also dort bin ich in die erste Klasse gegangen nachher und in Bodenbach kann ich mich nicht erinnern aber ich glaube ich war viel alleine ich war al- ich hatte keine Geschwister und äh ich war so viel beschäftigt

[13:28] irgendwie   zu Hause   mein Leben war hat sich viel mehr so bewegt mit den Eltern und ähm mit unserer Boženka und äh spazieren gehen und lesen und spielen also ich hab enorm wunderbare Spielzeuge gehabt wenn ich mich erinnern kann ja eine Freundin kann ich

[13:49] mich [betont:] ja erinnern bei uns zu Hause im Haus unten war eine Molkerei und dort sind wir oft mit Mama gegangen Milch und Eier und so weiter kaufen und dort war ein Mädele ein bisschen älter als ich und die hat sich immer so im in dem Laden so äh wichtig

[14:06] gemacht und äh da hat sie etwas genommen und gewogen und gepackt und das hat mir enorm gefallen und ich wollte so einen Laden haben und etwas auch so machen aber was macht man mit Chemie Vater Chemiker kein Laden da und äh da hab ich bekommen so irgendso

[14:22] eine Kästchen das war so wie ein Zimmerchen es war ein Laden und dort war eine Wiege und dort konnte man kleine Papiersäckchen und kleine Schaufeln und es waren kleine Schachteln mit Zucker Mehl Gries und so geschrieben und dort hab ich gespielt also und

[14:39] die ist manchmal gekommen und hat mich ja gelernt wie man anständig Sachen verkauft also das auf diese kann ich mich ja und w- auf die auf diese Erinnerung ist mir jetzt im Moment gekommen die war schon so verschwommen weit weg

Daniel Baranowski

[14:53] und dann ist die Familie nach Prag gezogen ?

Eva Erben

[14:57] ja also nachher sind die politische Ereignisse gekommen und äh mein Vater hat gesagt jetzt ist genug und wir haben eine kleine Villa gemietet äh in Strašnice und äh dort hat sich mein Vater viel mehr gewidmet also seinen chemischen Patent dort hat er es

[15:19] wirklich zustande gebracht mit diesen Freund dort war auch d- ein die Fabrik die hat geheißen Baklax und die war in Vysočany mit diesen Doktor Hořa- Ingenieur Hořak das hat er zusammen gemacht und dort hat er gearbeitet auch und äh dort ist auch dieser

[15:40] Patent also verwirklicht geworden und die drei Jahre in Prag waren auch wunder- wunder- wunderschön also die Villa war schön und äh die steht noch heute und äh

Barbara Kurowska

[15:53] wo war die Villa   in welchem Stadtteil

Eva Erben

[15:55] in Strašnice das w- heute ist das Prag 10 ja ich geh oft hin spazieren alle meine Kinder und Enkel waren dort und die Leute schauen mich immer so ganz ängstlich an aber ich geh nicht herein und nur so von draußen aber es ist immer noch so wie es war   der

[16:15] Zaun und äh ja der Garten ist nicht so schön wir hatten einen wunderschönen Garten also mit viel Blumen meine Mutter hat Astern geliebt und es war ein ganz großes rundes Beet voll mit Astern dunkelblau und bordeaux und weiß und äh dieses Beet hab ich

[16:33] immer noch vor A- den Augen es war wunderschön und ein Baum mit ähm h- wie heißen diese lila und weiße im Frühjahr na ja jetzt Sklerose jetzt kann ich mich gerade nicht erinnern

Daniel Baranowski

[16:48] mit Blumen sind wir offensichtlich auch schlecht

Eva Erben

[16:51] [gleichzeitig:] Flieder Fl- Flieder

Barbara Kurowska

[16:52] [gleichzeitig:] Flieder

Eva Erben

[16:54] Flieder Flieder [singt:] »wenn der weiße Flieder wieder blüht« also das war unser der Garten war ein Traum heute [schüttelt den Kopf] ist er eine nightmare schrecklich mit Garagen und lich- schmutzig und nicht schön und wir hatten einen kleine äh so

[17:13] ein kleines Häuschen mit draußen sind mit Rosen bedeckt wie heißt das   Deutsch   ja

Daniel Baranowski

[17:21] ich weiß nicht ob es ein Wort gibt

Eva Erben

[17:23] drinnen waren Liegestühle und äh ein Tischchen ja also eine kleine Hau-

Daniel Baranowski

[17:28] ein Gartenhäuschen

Eva Erben

[17:30] Gartenhäuschen ja dort hat man am Nachmittag Kaffee getrunken also da dort ist jetzt ein hässlicher Garage also es hat verloren den schönen f- Flair was es hatte wie wir dort waren   und ja dort waren viele Freunde und dort waren dort war viel Musik und

[17:50] äh dort oben war auch äh die kleine chem- die kleine Lab- das kleine Labor- Laboratorium von meinen Vater und äh   ja das war so ich glaube bis Ende 39

Daniel Baranowski

[18:06] wie war denn die Stadt Prag für Sie jetzt als Siebenjährige ? oder wie alt waren Sie als Sie (__)

Eva Erben

[18:14] [gleichzeitig:] ja ja ich bin ich bin in die erste Klasse in Prag gegangen und äh die Stadt Prag war wunderschön wunderschön wir sind so einmal in der Woche ist Mama in die Stadt gefahren also Strašnice ist ein bisschen man musste mit der Elektrik also

[18:27] herunter äh in die Stadt in die Mitte fahren das war ein bisschen außerhalb und einmal in der Woche ist man gefahren also zu gute Sache einzukaufen die Mama zu der Modistin zu der Schneiderin zu zu der Miedermacherin und alle diese Sachen und ich bin mitgefahren

[18:47] und immer sind wir gekommen mit äh verschiedenen Einkäufe nach Hause ja und um fünf oder ich weiß schon nicht mehr genau haben wir den Vater getroffen im Café Elektra die   die existiert schon nicht mehr dort ist der Vater auf uns gewartet und Kaffee getrunken

[19:07] und war immer versteckt hinter einer breite Zeitung und äh Mama ist ins Café gekommen hat immer den den äh waiter gefragt »ist mein Mann schon da« und er hat immer gezeigt ja wo er ist und einmal hat Mama Freundin getroffen draußen und hat mich geschickt

[19:27] »geh schau ob der Vater schon dort u- schon auf uns wartet« da bin ich herein und hab den Herrn bei der Tür gefragt »ist mein Mann schon da ?« und er hat -s so angelacht und ich hab nicht verstanden warum er so blöd auf mich lacht wenn ich ja frag ob

[19:45] mein Mann schon da ist   also das war Café Elektra und das waren äh unsere Prager ja und auch mein erster Film war »Schneewittchen« und das war schon irgendwie im Jahre wo Juden nicht mehr ins Kino gehen konnten und ich glaube wir wir waren noch ganz einen

[20:05] Tag noch vorher bevor dieses Gesetz   herausgekommen ich kann mich schon nicht genau erinnern aber ich weiß ich hab »Schneewittchen« gesehen und das war so eine glückliche Erinnerung dass ich hab und das war der einzige Film was ich noch vorm Krieg gesehen

[20:19] habe und sonst Prag ja die herrliche Sommerfrischen und äh Skifahren in äh in den   Gebirge und äh das ganze Leben war so ja so sehr sehr schön und sehr bequem und

Barbara Kurowska

[20:37] wo war Ihre Schule war sie in der Nähe Ihres Hauses oder

Eva Erben

[20:41] meine Schule war in der Nähe ja und existiert bis heute und ich hab dort verschiedene Lesungen gemacht nach -n Krieg jetzt und geh sehr gerne hin   und ja Freunde hatten wir  

[20:54] Familie Kraus die hat äh nicht weit von uns gelebt und die hatte eine Trikotagenfabrik

[21:03] und äh dort hat Mama bestellt immer verschiedene Sachen so für meine äh für mein- äh Leben ja also meine Sta- Sta- wie sagt man das wenn ein Mädchen heiratet und man vorbereitet ihr so eine

Daniel Baranowski

[21:20] Aussteuer

Eva Erben

[21:22] Austeu- ja Aussteuer also ich hatte herrliche Bettwäsche und die war gestickt mit E L Eva Löwidt und ja also dasselbe Monogramm wie Estée Lauder haJom die Kosmetik ja [lacht] und äh einmal hat dort Mama sogar einen Schlafrock bestellt für sich und der

[21:41] Schlafrock hat eine sehr wichtige Rolle bei mir gespielt äh   den   Schlafrock hat sie so getragen manchmal am Abend manchmal in der Früh w- er war dunkelblau und hellrot innen futtiert und äh wenn äh wir so uns schon vorbereitet haben also was kommen wird

[22:04] hat Mama den Schlafrock unserer Schneiderin gegeben zu aufbewahren   mit all meinen schönen Sachen mit der Bettwäsche und mit all den Sachen und äh die Schneiderin die war bei uns jahrelang drei Mal pro Jahr ist sie gekommen hat bei uns eine Woche genäht

[22:24] hat alles genommen in ein Kofferchen und es war unter -m Bett bei ihr und nach -m Krieg hat mich diese Schneiderin gefunden im Waisenhaus und hat mich zu sich   genommen und hat mir alle diese Sachen zurückgegeben und ich wollte gar nichts ich konnte es nicht

[22:43] einmal sehen ich hab so geweint und den Schlafrock hat sie mir direkt mit äh mit aller Kraft und Energie gegeben ich muss es nehmen und sie will alle andere Sachen wird sie aufbewahren bis ich bereit bin es zu nehmen mit den Schlafrock bin ich zurück ins

[22:59] Waisenhaus und hab -s mir angezogen und er hat noch gerochen so nach Mama irgendwie so und ich da ist ein Bild ich werds Ihnen zeigen und ich hab mich so hingesetzt aufs Bett und wollte lesen aber das innerliche Zittern in diesen Schlafrock war schrecklich

[23:17] und auf einmal ist meine Freundin gekommen die hat so die hat auch in dem Zimmer wir waren fünf im Zimmer Magda sie war eine Ungarin sehr eine temperamentvolles Mädchen hat gesagt »was hast du an von wo ist diese Eleganz ?« und da hab ich ihr erzählt von

[23:36] wo dieser Schlafrock ist und sie hat mich fotografiert und das Bild existiert und jetzt ist jedes Mädchen gekommen und hat sich in dieses ha- in diesen Schlafrock gehüllt und ich glaube heutzutage so man hat sich so angesehen im Spiegel und da hat sich etwas

[23:50] gespiegelt von der Welt was was uns genommen wurde was nicht mehr da ist weil dieser Schlafrock war nicht von diesen Wel- von dieser Welt der hat so nicht gepasst ins Waisenhaus der war so hm out of place aber ja und er ist irgendwie irgendwie so verschwunden

[24:07] ich weiß nicht wenn ich äh vom Waisenhaus schon wegging mit meinen Mann war dieser Schlafrock schon nicht mehr hat er schon nicht mehr existiert ja und gut so   also jetzt bin ich wieder gesprungen irgendwo hin  

Daniel Baranowski

[24:22] wie haben Sie -s dann empfunden als dann die Nationalsozialisten nach Prag gekommen sind 1939 können Sie sich da dran erinnern

Eva Erben

[24:31] ja sehr gut sogar aber ich hab so komische Erinnerungen jeden Sonntag sind wir war eine Konditorei so nahe von unseren Haus und ich bin immer mittags gegangen hab Eis gekauft das hat man nachher zu Hause als Nachspeise gegessen und äh   diesen Sonntag bin

[24:51] ich auch gegangen und es war ein Schild auf dem auf der Tür »Juden und Hunden Eintritt verboten« ich hab -s ignoriert und bin trotzdem gegangen hab Eis gekauft hab bekommen und äh bin nach Haus gekommen und hab erzählt was für ein Blödsinn   so ein Schild

[25:10] und da haben mir die Eltern erklärt also ich werd schon nicht mehr Eis kaufen gehen können und dann war selbstverständlich das Radio und äh mit Hitlers Ansprache und mit den schrecklichen Brüllen und Schreien und äh ja   man äh hat vom Radio die Eltern

[25:28] haben zugehört selbstverständlich und mein Vater hat gesagt »ja dieses Ungeheuer wird sich nicht lange halten sie sind doch hysterische diese« und irgendwie hat man das auf äh nicht so   man war erschreckt aber man hat gesagt das wird nicht lange dauern

[25:45] das ist doch unmöglich das äh [schüttelt den Kopf]   das ist äh   ich weiß nicht ich ha- ich war auch sehr man hat mir noch nicht gesagt ich hab nicht gefühlt dass die Situation irgendwie uns lebensgefährlich ist aber ich glaube meine Eltern haben

[26:05] das auch nicht so verstanden man äh war erzogen mi- in demokratischen Land und ja Masaryk war schon gestorben aber trotzdem die die Demokratie und die ganze äh das ganze Denken in äh der Tschechischen Republik man äh es war kein Antisemitismus also nicht

[26:30] so dass man es so gespürt hat oder es war sicher aber nicht so wie in Deutschland äh Tschechen waren viel äh es war ein leiser Antisemitismus irgendwo aber wir haben nie irgendwie   gelitten oder es gespürt und äh   man hat nicht geglaubt dass äh dass

[26:53] es wirklich k- so kommen wird wie es gekommen ist meine Mutter hat ähm irgendwo sie war beim Arzt und hat einen äh   Mann getroffen die s- der sie waren Emigranten aus Rumänien und die wollten nach Amerika aus- äh äh übersiedeln also emigrieren und ist

[27:18] meine Mutter hat sie eingeladen und irgendwie haben wir uns befreundet das war Familie Libon er war Gynäkologe und hatten ein Mädchen so alt wie ich Danuška und die haben irgendwie meine Eltern angesteckt dass man muss weggehen von der Tschechoslowakei

[27:36] und äh die wollten mich mitnehmen nach Amerika also mich so fiktiv adoptieren mich mitnehmen und den Eltern nachher ein Affidavit schicken und auch nach Amerika und man hat sich sehr sehr befreundet jeden Freitag waren sie bei uns Mama hat damals verschiedene

[27:54] Kurse gemacht um irgendwie in Amerika Geld verdienen können also die kalte Küche das hat geheißen »studená kuchyně pana Vrabce« das war eine tsche- ein tschechischer Koch ähm Kochchef und der hat solche kalte Küche propagiert das war damals nicht

[28:13] bekannt nicht wie heute solche Sandwiche und kalte Platten und so das hat Mama gelernt und jeden Freitag ist ein großer Tisch gewes- ge- äh no am Tisch alle diese Raritäten was Mama gelernt hat äh auf -n Tisch gekommen und mit Libons hat man darüber diskutiert

[28:36] und gegessen ob man in Amerika damit etwas Geld verdienen kann und außerdem hat sie gelernt be- künstliche Blumen zu erzeugen das war auch damals große Mode äh Veilchen und Rosen und alles und das waren solche Blumen das hat man auf Kostüme und auf Hüte

[28:54] gegeben also auch ganze Schachteln mit Blumen das hat man alles mit Libons gemacht und   ja   und dann ich wollte selbstverständlich nicht nach Amerika ich hab gesagt ich geh nirgends hin und äh Libons sind weggefahren und Mama hat der Frau Libon einen Ring

[29:15] gegeben den Ring hat sie vom Vater geko- bekommen zur Hochzeit das waren zwei Diamante mit einen Saphir in   und den sollte sie nach Amerika nehmen und bis sie sich wieder treffen   Frau Libon hat mir diesen Ring gebracht im Jahre   68 glaube ich 65 war sie da

[29:37] in Israel und ich hab diesen Ring bekommen zurück und meine heu- Tochter trägt ihn heute und in den deutschen Bu- in den englischen Buch ist ein Bild   na ja also das waren die Libons und da haben wir eben gewartet aber es war nicht so irgendwie prekär dass

[29:55] wir wirklich weg wollen mein Vater war im- hat immer gesagt »was ich bin da geboren meine Eltern sind da geboren sein- meine Ureltern sind da geboren wir sind Tschechen wir haben nie was   gemacht wohin werden wir gehen« dann hat man uns aus unserer Villa

[30:11] ausgesiedelt und ein SS-Offizier mit seiner a- Familie hat sich eingesiedelt und wir sind in ein Haus nicht weit weg eine Straße weiter wo nur Juden waren in eine ganz kleine Wohnung Zweizimmerwohnung eingezogen   aber damals bin ich noch in die Schule gegangen

[30:31] es war noch kein Verbot wir konnten schon kein Dienstmädchen haben und es war so dass man einkaufen konnte nur von fünf und ich kann mich schon nicht genau erinnern   mein Vater konnte schon nicht mehr arbeiten und   in Wirklichkeit äh   erinnere ich mich

[30:52] auf diese Zeit auch irgendwie dass es war immer alles vorläufig es wird vergehen im Moment man muss es überstehen und es   alles geht zu Ende  

[31:03] damals ist auch Winton nach Prag gekommen und äh es wurde der diese Transporte die Kinder nach England und Mama

[31:13] ist nach Hause gekommen einen Tag und ich bin aus der Schule gekommen und sie hat angefangen zu packen in ein kleines Kofferchen hat meine Sachen gelegt wohin fahren wir was machen wir sagt die Mama »das wirst du dir vielleicht nach England mitnehmen wenn

[31:28] du fäh- wenn du nach England fahren wirst« »ich ? nach England warum wozu« da hat sie mir erzählt dass sie mich eingeschrieben hat das war im Hotel Jalta oder Ambas- ich weiß nicht irgendwo am Wenzelsplatz konnte man sich einschreiben ich kann mich schon

[31:43] nicht mehr genau erinnern aber ich hab geweint und ich habe »ich geh nirgends hin ich fahr nirgends hin«   und damit ist es also   gestorben und dieses Kofferchen mit diesen Sachen ist auch gegangen zu der Maria zu der Schneiderin und auch dieses Kofferchen

[32:03] hab ich bekommen von ihr alle diese Sachen was Mama eingepackt hatte innen also dass sie mich weg wollten dass sie gewusst haben dass etwas nicht Gutes kommen wird war klar  

[32:14] und dann am   zehnten Dezember   neu- 41   wurden wir   nach Theresienstadt haben wir

[32:28] bekommen   die Einladung nach Theresienstadt   und äh   ja ich kann mich erinnern auf den letzten Abend wie man so gepackt hat und die letzte Nacht hab ich geschlafen bei unserer Nachbarin sie war Arierin und er war Jude Familie Polak und äh das war gemischtes

[32:55] also arisch gesippt und äh die waren vorläufig noch zu dieser Zeit also nicht bedroht so sehr bin ich dort geschlafen dort war ein Baby Hanička und ich versteh meine Eltern wollten den letzten Abend vielleicht so alleine noch sein   und nächsten Tag war

[33:19] ich schon angezogen alle meine ich ich kann mich erinnern ich hab angehabt drei zwei paar Strümpfe und drei paar Hosen und zwei paar Blusen und Jäckchen und zwei Pullover und äh alles zwei Mal weil man konnte nur ich weiß nicht fünfzig Kilo mitnehmen

[33:37] und äh ja das war schrecklich dieses Weggehen von zu Hause   das war wirklich   nicht schön   und   sind wir angekommen in äh   in äh so eine   in Prag war no   dort hat man verschiedene äh h- verschiedene Aus- äh nicht Ausstattungen also das ist ein großes

[34:14] Haus

Barbara Kurowska

[34:16] vielleicht ein Messegelände ?

Eva Erben

[34:18] ein Messe- Messe- Messegebiet in Prag dort waren wir drei Tage also dort haben wir Nummern bekommen und äh ja schon überhaupt am Fußboden und äh also sehr traumatisch und danach mit ähm   mit ein nicht g- mit einen   wir sind gefahren nicht in einem Güterwaggon

[34:45] also mit gewöhnlichem Zug Personenwaggon nach Theresienstadt

[34:50] und damals war die Station noch nicht in Theresienstadt man ist in Bohušovice herausgeladen geworden und ich glaube das sind noch vier Kilometer nach Theresienstadt also das sind wir alle mit den

[35:03] Koffer und den hohen Schnee gegangen   und sind angekommen in die Dresdner Kaserne   dort auf den Hof gestanden und äh da wurde ein Befehl Männer links Frauen rechts und da wurde auf einmal der Vater weggeführt alle Männer nicht nur mein Vater wir haben

[35:33] nicht gewusst was und wie aber nach äh paar Wochen ist der Vater wieder zurückgekommen und äh also Theresienstadt die ersten Tagen waren sehr sehr traumatisch alles war so hm es war schrecklich kalt ein enorm kalter Winter und äh alles war ich kann mich

[35:53] wirklich nicht so auf Einzelheiten erinnern ich weiß es war schlimm   aber langsam   ist irgendwie ähm   die   die einzelnen die also die Häftlinge alleine haben sehr viel dafür getan dass das Leben irgendwie erträglich wird weil Theresienstadt f- alleine

[36:19] war ein Ghetto was äh was die Häftlinge alleine geführt haben mit der Anleitung der SS und der Kommandantur die alles also vorgeschrieben haben aber es war ein Judenältester der Edelstein und äh es waren ähm so irgend- äh ein Senat ich weiß nicht wie

[36:38] es wie man es heute sagen sollte die sich er war es war eine Kleiderkammer es war ein Gesundheitswesen es war Kultur also na- ich glaube nach einem halben Jahr hat sich Theresienstadt entwickelt in ein wirklich kulturelles Ghetto auch weil die Deutschen wollten

[37:00] dass Theresienstadt als Musterghetto dienen soll und auch die Verwirklichung von äh von den Menschen die was dort äh ghettoisiert waren das waren ja Schriftsteller und Ärzte und Philosophen und das war eine Gesellschaft äh hochwertige Gesellschaft in-

[37:22] intelligent und gebildet es waren ähm Leute was weltbekannt waren Schauspieler was Weltbühnen ihnen offen standen auf einmal waren sie im Ghetto also sie waren haben weiter haben sie gesungen und gemalt und äh das Gesundheitswesen zum Beispiel war wunderbar

[37:44] es waren keine Medikamente und nix und trotzdem die Ärzte waren fantastisch man hat für jedes Leiden also nur wie möglich etwas gefunden und äh Theresienstadt heute wenn ich so denke wenn der Krieg mit Theresienstadt geendet hätte hätte ich gesagt och

[38:05] ein eine schweres äh Scout- äh -training oder so   aber es man konnte man konnte leben ja wir waren auch jung und Kinder waren sehr äh protegiert in Theresienstadt also wir haben ein bisschen besseres Essen bekommen und äh wir haben im Garten gearbeitet

[38:28] nachher   Jugendgarten Theresienstadt ist doch so eine Mulde ringsher- und oben hat man Garten gepflanzt das haben alles das war das war nix das war Erde und wir haben sie umgearbeitet a- für Felder und dort waren Tomaten und äh Gemüse und Bäume und alles

[38:51] mögliche wunderbare Erde alles hat dort sehr schön gewachsen davon hab ich auch sehr viele meine landwirtschaftliche Kenntnisse welche ich bis heute benütze gelernt und äh ja und wir waren Kinder zusammen also es waren äh Jugendliche die haben schon äh

[39:08] vor -m Krieg die waren schon in höheren Schulen also was haben wir gesprochen wir haben erzählt über die Revolution in Frankreich über Marie Antoinette wie sie gesagt hat wenn kein Brot ist essen wir Kuchen also das hat uns gut gepasst kein Brot essen

[39:27] wir Kuchen und äh viele Sachen hab ich so kennengelernt bei der Arbeit draußen im Garten was andere Kinder im in der Schule ler- lernen weil lernen durfte man nicht aber wir haben trotzdem in Theresienstadt ein bisschen gelernt weil das waren fantastische

[39:44] Lehrer in Theresienstadt äh die Frau Lauscher zu erinnern das war meine Lehrerin die war heiß geliebt von uns allen und äh die haben uns beigebracht beim Erzählen und äh so also ohne schreiben ohne Sachen die   sehr wertvoll sind bis heute   also Theresienstadt

[40:08] jeder mein Vater hat ähm in der Proviantur gearbeitet in Magdeburger Kaserne und nach einem Jahr konnten wir sogar zusammenziehen in eine kleine Mansarde weil Theresienstadt waren Kasernen aber auch kleine Häuser wo d- der wo die Leute was das Militär bedienen

[40:32] hat äh gewohnt haben und die woll- die wurden alle ausgesiedelt und in den kleinen Häusern sind auch nachher Leute also Juden gekommen und oben auf den Boden konnten man kleine (Kumbas) machen haben wir das so genannt und dort konnten Familien also wenn

[40:52] sie wenn sie äh prominent waren ja und im gewissen Maße waren wir in Theresienstadt prominent weil das was mein Vater gearbeitet hat war ein Posten der nicht äh so ganz das war keine einfache Arbeit eine ganze Kaserne mit Essen zu äh ver- also das Essen

[41:15] zu bestimmen wohin was kommt und wie viel ich weiß nicht aber Fakt ist dass wir haben zusammen gewohnt und das war fantastisch ein ganz kleines Zimmerchen so groß vielleicht wie das da mit einen Bett und mit richtigen kleinen Ofen wo immer warm war und äh

[41:34] man hat   ein bisschen Suppe kochen können von verschiedenen von äh von den grünen Blättern no was stechen was so beißen das ist so wie Spinat aber das ist kein Spinat Brennnesseln also das hat man sehr das hat sehr viel gewachsen dort überall bei den

[41:55] Kasernen das haben wir gepflückt und von Brennnesseln ja und das war sehr gut ich hab -s einmal probiert auch da zu machen ich wollte es meinen Kindern vorstellen was wir so vor gegessen haben alle alles hat gelandet im Eimer also niemand [lacht] wollte es

[42:12] essen   es war nicht so sehr gut aber damals war es wunderbar  

[42:17] und äh   die Tra- ja wir haben Theater gespielt »Brundibár« und ähm ich hab ähm   wunderbare Konzerte gehört und äh Theaterstücke »Die verkaufte Braut« Mozart »Cyrano de Bergerac« was

[42:40] kann ich mich erinnern auf alle diese Sachen längst vergessen und äh wenn ich es nachher nach -n Krieg in wirklich in Theater in Prag im Nationaltheater gesehen hab habe und so habe ich immer gesagt ja in Theresienstadt war es besser nein [lacht] nicht besser

[42:56] aber aber so besser   kein »Brundibár« so vi- ich hab schon vielleicht äh hundert »Brundibáre« gesehen also überall kein »Brundibár« ist so wie der in Theresienstadt und die Kinder in Theresienstadt

Daniel Baranowski

[43:10] können Sie über »Brundibár« was erzählen

Eva Erben

[43:14] ja   fünfzig Mal haben wir das gespielt den »Brundibár« den »Brundibár« und wir waren sehr begeistert selbstverständlich und jeder konnte jede Rolle ich war im im Chor aber ich konnte die Rolle vom den Hund und von der Katze und äh ja die Vogel so

[43:34] so aber Hund und Katze ganz bestimmt weil vielleicht wird jeder jemand einmal krank sein und da kann man singen na aber niemand war krank am jeder ist gekommen mit Fieber und mit was man will man hat geliebt den »Brundibár« und man hat geliebt die Atmosphäre

[43:51] und man hat geliebt die Musik und das Zusammensein und das äh dass das Schlechte und das Sch-   dass äh dass das Gute gewinnen wird das das Schlechte kann nicht ewig dauern und das haben wir selbstverständlich auf uns appliziert dass äh einmal wird auch

[44:10] unseres Leiden zu Ende gehen und so wie die Kinder da die Milch für die Mutter kaufen konnten da wenn also soll ich den Inhalt von »Brundibár« erzählen ?

Daniel Baranowski

[44:20] wenn Sie wollen

Eva Erben

[44:22] no zwei Kinder Pepíček und Aninka äh so zehnjährige sind haben eine kranke Mutter und der Arzt kommt und sagt die Mutter braucht Milch sie ist schwach und die Milch wird sie gesund machen gehen sie auf den Markt Milch holen aber sie haben kein Geld und

[44:39] der Milchmann will ihnen keine Milch geben und äh singt »ohne Milch niemand kann äh ohne Geld kann niemand auf dieser Welt leben« und äh   da kommt der Leierkastenmann und der spielt und Leute geben ihm Geld und da sagt Aninka »weißt du was wir werden

[44:59] auch was singen und äh Leute werden uns Geld geben und damit werden wir Milch kaufen der Mama« da stellen sie sich auf den Markt hin und fangen an zu singen und die Leute lachen weil sie singen ein ganz kindisches Lied über Gänschen welche welche fliegen

[45:17] und es ist ihnen kalt und so also die Leute lachen und geben ihnen kein Geld und da sind sie traurig und sie setzen sich auf eine Bank so am Abend und sagen »was werden wir machen wir werden nie Geld bekommen und die Leute lachen uns aus« und äh da kommt

[45:33] äh der   der Hund und die Katze und sagen »wir werden euch helfen und wir werden in der Früh   in die Schule gehen und wir werden allen Kindern sagen sie sollen kommen sie sollen auch singen und da wird ein großer Chor sein und die Leute werden uns hören

[45:53] und wir werden ein schönes Lied auswählen und da werdet ihr Geld bekommen« und also die Katze und der die der Hund und die Vögel gehen in die Schule und die Kinder sagen »ja wir kommen« und in der Früh ist ein großer Chor und die singen ein wunderschönes

[46:11] Lied über äh den Vogel dass jedes Kind ist wie ein Vogel und es fliegt von den Nest von seinen Heim also weg und es bildet sich sein eigenes Heim und die Mama ist nachher mit einer kalter Wiege die wiegt Wiege und denkt auf das wie es war als das Kind klein

[46:35] war und ja also jeder weint bei diesen Lied und die Leute geben sehr viel Geld und die haben schon die volle ein volles Töpfchen mit Geld und der Brundibár sieht was sich da tut so viel Geld und er kommt herein und nimmt ihnen das Geld weg und lauft damit

[46:52] weg no jetzt fängt an die ganze die die Kinder laufen der Hund lauft die Katze lauft die Vogel jeder kratzt ihm und beißt ihn und die Vogel geben mit mit mit dem Schnabel no und er lässt das Geld fallen und die Kinder kriegen das Geld zurück und jetzt

[47:11] kommt das schönste Lied also von dem Guten was wieder gewinnt und die Mutter wird gesund und so endet das ganze und wir waren ganz begeistert selbstverständlich dass auch bei für uns wird ein gutes Ende kommen und sogar die SS hat uns besucht man hat das

[47:29] gefilmt ich glaube dieser Film existiert und äh   alle diese Kinder also v- es sind ständig Transporte gegangen die Kinder sind weggegangen also man hat immer wieder neue Proben machen müssen weil neue Kinder sind gekommen manche sind weggefahren nach Polen

[47:49] Auschwitz damals haben wir nicht gewusst wohin aber gewusst haben wir dass es dass es schlimmer ist als in Theresienstadt wegzufahren von Theresienstadt war nicht gut

Daniel Baranowski

[48:00] wie viele Leute haben sich diese Aufführungen angeschaut ?

Eva Erben

[48:02] all- ganz Theresienstadt glaube ich ohne Ende

Daniel Baranowski

[48:06] wars ein großer äh Saal oder

Eva Erben

[48:09] ich glaube das war eine Sokolovna das war eine Turnhalle oder so ich weiß nicht muss man jemanden anderen fragen der ich kann ich weiß nicht genau

[48:18] aber nach -m Krieg also alle Schulen machen Theresienstadt äh machen »Brundibár« und ich hab die tschechische

[48:27] Kinderoper begleitet eine Woche sind wir durch Deutschland wir waren in Fürth wir waren ich kann mich schon nicht mehr erinnern aber in Fürth kann ich mich erinnern auf die Aufs- äh Vorstellung dort waren Kinder und äh auch äh also die Eltern von den

[48:46] Kindern und die Großeltern und die Lehrer und alle sind gekommen und ich hab immer angefangen ich hab gesagt was »Brundibár« ist und äh dann wurde gespielt und zum Schluss hab ich gesagt »also die originelle die Originalschauspieler sind alle in den

[49:05] Gaskammern von Auschwitz geendet und diese Kinder gehen jetzt essen und und Ihr schönes Land zu bewundern« oder so ich weiß alle sind weggegangen immer ganz so ja aber das wollte ich eigenl- eigentlich ja weil ich glaube der »Brundibár« ist ein   wunderbares

[49:24] Gedenk- äh Gedenkstein Gedenkmal für diese Kinder der »Brundibár« alleine das gespielt hat in Theresienstadt war ein wunderbarer Junge er war klein und ich hab gehört dass er nach äh Auschwitz gekommen ist mit äh anderen Kindern und Mengele hat zwei

[49:48] Stangen so gegeben eine da eine da und ein äh Strick dazwischen gezogen und gesagt hat wer kleiner ist also wer durchkommt wer nicht äh wer den Kopf nicht höher hat als dieser Strick   taugt nicht also er hat das nicht so gesagt aber jeder wer durchgeht

[50:11] muss also hängen bleiben da und er war klein er ist durchgegangen ist er ins Gas gegangen  

Daniel Baranowski

[50:23] können Sie sich erinnern weil er hat ja die die Rolle des Bösen sozusagen gespielt wie das für für diesen Jungen war (als Kind)

Eva Erben

[50:36] [gleichzeitig:] ja wunderbar er hat das gespielt er hat einen äh Bart gehabt ja angeklebt und mit dem hat er so gespielt und äh hat er er hat soll ich -s Ihnen vorsingen ich kann das noch aber das das ist schon nicht mehr das er hat er war wirklich böse

[50:52] er war wirklich schlecht   er war [singt:] »zatrolená pimprlátka ta ta« er hat geschrien er hat die Kinder weggejagt er die man hatte Angst vor ihm na er war ein   goldiges Kind wenn ich heute an diese Kinder denke als eine alte Frau wenn ich denke dass

[51:13] das wär mein Enkel das wär mein Kind äh mir ist total schlecht ich ich muss sofort etwas machen gehen etwas etwas etwas mich herausziehen wenn ich meine mit meinen Kindern hatte ich das nicht war ich noch jung aber zum Beispiel heute wenn al- wenn ich meine

[51:31] Enkel sehen und wenn jemand elf zwölf Jahre alt ist von meinen Nachkommen und mir der Gedanke kommt dass ich sollte mit ihm nach Theresienstadt oder ich seh ihm in irgendeiner Situation wie ich war mir wird äh direkt direkt physisch schlecht ich muss schnell

[51:50] etwas oder ein Stückchen Schokolade oder am besten etwas arbeiten gehen alle meine Bäume mein Garten mein Gras alles ist gemacht in dieser Energie von dem was ich weg- dass ich wegwollte von diesen Gedanken   das ist das Einzige was mich so wirklich ich muss

[52:08] mich einspannen etwas machen aber ja heutzutage es kommt nicht von alleine ich denk nicht dran überhaupt nicht aber so wenn mich irgendein Kind von der Familie dazu bringt dann äh dann ist es da   ja   aber ich hab meine Rezepte   wie es wegzujagen

Barbara Kurowska

[52:28] Sie sind in Theresienstadt auch zum ersten Mal Ihrem Mann begegnet könnten Sie beschreiben wie   das passiert ist

Eva Erben

[52:38] [gleichzeitig:] ja   äh damals ja hab ich nicht geträumt dass es einmal mein Mann sein wird er war ein äh Jugendführ- führer und äh es war eine Hundertschaft das waren hundert Kinder die konnten einmal äh pro Monat oder ich weiß nicht wie in das Wai-

[52:57] über von Theresienstadt heraus also in die Felder und äh dort waren große Felder mit Tomaten u- oder Kukuruz und dort konnten wir arbeiten und essen und ja und sprechen und das waren immer wunderbar das war so ein Bonbon zu gehen und äh dort hab ich ihn

[53:18] getroffen und äh eines Tages als wir so gingen wir sind wir über vor einen Baum bei einem Baum Kirschenbaum gegangen und er hat gesagt »esst wie viel ihr wollt Kirschen aber nimmt nicht mit« weil wir haben immer Tomaten oder Kukuruz wir haben Patente gehabt

[53:36] wie etwas mitzunehmen also wir hatten Busenhalter und nix in den Busenhalter zu geben anst- eine halbe äh halbe halbes Kraut oder paar Tomaten irgendwie so schön verpackt und also Kirschen nicht das möchte also wir haben gegessen und so alles war schön

[53:57] und gut und am Rückweg auf einmal sehen wir dass unser Arbeitsführer einen roten Fleck hat am Rücken und da wir er hat sich verwundet oder etwas ist passiert nein er hat ein bisschen Kirschen genommen hat sie so in Taschentuch eingepackt und sich da so

[54:14] umgegeben und eine Jacke drüber und das ist für die Mama für die Mutter wollte er das bringen und jetzt waren wir schon viel zu nah zu der Kaserne also es waren schon Posten zu sehen die uns kontrolliert haben und da haben sind wir so bei ihm so vorbei

[54:34] er hat sich immer so gedreht dass er der Rücken sein soll zu uns und mit den Gesicht zu den Posten zu den also es war eine gesch- ein geschickter Trick und auch Zufall und auch Glück dass wir durchgekommen sind ja und so hab ich meinen Mann kennengelernt

[54:49] und nachher Jahre nachher nach dem Krieg als äh am 15ten Mai als der jüdische Staat proklamiert wurde waren wir war ich mit meiner Freundin auf der jüdische Kultusgemeinde damals haben Ben Gurion gehört und so also diskutiert und er ist auch hingekommen

[55:13] mit Freunden was äh auch unsere Freunde waren und so haben wir wieder   so hat es auf einmal gefunkt

Daniel Baranowski

[55:22] also Sie haben sich dann zufällig in Israel wiedergetroffen

Eva Erben

[55:25] [unterbricht:] nicht in Israel nein das war in Prag in Prag äh wir waren noch in Prag als die das war im Jahre äh wie viel Proklamation des Staates des

Daniel Baranowski

[55:37] 48

Eva Erben

[55:39] 48   also damals haben damals war ich noch im Waisenhaus

Daniel Baranowski

[55:42] ah und dann sind Sie zusammen

Eva Erben

[55:43] ja mit meiner Freundin bin ich

Daniel Baranowski

[55:45] ach Sie haben in Paris geheiratet

Eva Erben

[55:47] in Paris haben wir geheiratet ja

Daniel Baranowski

[55:49] auf dem Weg dann oder

Eva Erben

[55:51] ja ich wir konnten nicht in Prag heiraten weil im Waisenhaus äh w- es waren Juden ja das in Amerika Kanada Australien den Krieg überstanden haben und die haben sich für die Kinder überlebende Kinder im Waisenhaus interessiert und haben ein bisschen schlechtes

[56:09] Gewissen gehabt und wollten auch helfen sicher und ähm man hat uns man wollte uns adoptieren also verschiedene Kinder von uns uns ein Affidavit schicken und uns irgendeine Zukunft sichern und da ha- hat man uns gesagt wir sollen ein Curriculum Vitae schreiben

[56:26] jeder was er will und war und äh und Bilder und das haben wir gemacht und ich hab bekommen aus Australien ein Brief ja das man möchte mich gerne adoptieren ich wollte Ärztin werden und ich hab geschrieben ich will studieren damals hab ich die Krankenschwesterschule

[56:46] gemacht weil es ging nicht so gut äh studieren und ohne Geld und ohne Familie und nicht zu wissen was morgen und so also nicht jeder hat dazu die Kraft gehabt und diese Leute haben mir wirklich auch ein Affidavit geschickt und äh wollten mich adoptieren

[57:04] alles schön und gut und jetzt hab ich den Peter getroffen und wollte mich schon nicht mehr adoptieren lassen und aber ich hab schon ein äh Visum gehabt nach Australien und die Reise bezahlt nach Frankreich und der Peter hatte nix   überhaupt nix und äh

[57:23] ich war verliebt bis über die Ohren

[57:26] und äh jetzt hat man gesagt dass der Konsul aus das venezualisch- nicht guatemalische Konsulat ähm Einreisevisa gibt für hundert Dollar aber hundert Dollar war für uns so viel wie jetzt ein Million und äh der Peter

[57:48] ist hingegangen und hat gefragt und so und man hat ihm abgewiesen da hat er gesagt ähm vielleicht ich sollte hingehen ja ich damals hat man gemeint ich bin ein sehr schönes Mädchen und ich werd vielleicht auf den Konsul irgendwie wirken und da bin ich gegangen

[58:06] und   nein nein also er war bereit siebzig Dollar aber ohne Geld nicht und da hab ich so angefangen ein bisschen zu weinen weil es war die Kommunisten waren also die Russen waren dort schon und es war äh damals war schon Antisemitismus und Prozesse gegen die

[58:27] Juden und so weiter da hab ich kann mich erinnern ein bisschen zu weinen und hab eine kleine Puderdose die hat der Vater gemacht meiner Mutter von dem Material was er   gemacht hat mit ein bisschen äh Silber bestickt die Puderdose und die hab ich gefunden

[58:46] bei meiner Tante und die hab ich immer in der Tasche gehabt das ist mein Talisman die hab ich bis heute und die hab ich herausgenommen und damit irgendwie gespielt und damit irgendwie Puder ich weiß nicht was ich gemacht aber der Konsul hat das gesehen und

[59:00] hat gesagt »von woher haben Sie das da ?« sag ich »das hat mein Vater meiner Mutter gegeben als er« sagt er »Ihr Vater war Jindrich Löwidt ?« sag ich »ja« und der hat herausgenommen eine Zigarettendose genau dasselbe sagt er »ich war mit ihm im Militär«

[59:21] also es war ein   das war unglaublich und der Stempel war am Papier und ich hatte das Visum und wir sind rausgefahren nach Frankreich aber man durfte nicht mit dem Visum nach Guatemala fahren das war fik- fikt- eine Fiktion

[59:41] und da sind wir nach Frankreich gekommen

[59:43] nach Paris und äh dort haben wir gesucht einen gewissen Baron von Breuning der war Direktor des Entomologiemuseum Paris und den haben wir verkauft Nadeln für Präparation von Schmetterlingen das war eine Fabrik in Berlin für die Nadeln die einzige Fabrik

[1:00:11] auf der Welt für wo das Museum die Nadeln benützt hat und die war ausbombardiert und hat nicht mehr produziert und eine kleine Werkstatt war in Troppau in Prag und das hat ein Freund von Peter gewusst und hat diese Nadeln dort gekauft   viel und dem Museum

[1:00:38] in Paris in Verbindung mit dem Baron von Brau- Breuning sich in Verbindung gesetzt und der hat gesagt er wird die Nadeln kaufen so haben wir damals irgendwie der Peter hatte irgendwie Geld ich weiß nicht das hat gekostet glaub ich vier fünf Dollar eine Schachtel

[1:00:59] das war so wie Zündholzschachtel aber die konnte man nicht herausführen ohne Bewilligung aus der Tschechoslowakei hab ich damals gearbeitet als Krankenschwester bei einen Arzt der war Venerolog Doktor Neumann in Prag und Venerolog das sind auch äh Geschlechtskrankheiten

[1:01:19] und nach -n Krieg waren viele also es waren viele Soldaten und es waren viele Leute   krank und äh es waren auch Leute die in hohe Position waren die sch- Mädel schöne Mädel gab es überall und kranke Mädel damals auch und wir hatten ein paar Patienten

[1:01:44] die in solche Position waren die mir ermöglichen konnten eine Bewilligung zu geben gewisse Pakete von dieser Art herauszuführen und so hab ich etwas bekommen auch da haben wir etwas nach Frankreich geschickt zu unseren Bekannten die schon emigriert haben

[1:02:02] vor uns und etwas haben wir mitgenommen   wir hatten einen Koffer gehabt und einen kleinen Rucksack damit sind wir weg von der Tschechoslowakei und mit der tschechische Fahne von oben die haben wir hereingelegt und einen Nachttopf kleinen den haben wir unseren

[1:02:19] Freunden gebracht die ermög- die weggelaufen sind von Prag direkt von Minute zu Minute wenn man wollte ihm äh äh verhaften mit einem Baby einjährigen und der hat schrecklich der Nachttopf gefehlt in Paris also den Nachttopf haben wir mitgebracht nach Paris

[1:02:38] [lacht] und in diesem Nachttopf waren auch die Nadeln drinnen also das ist eine und mit den Baron von Breuning waren wir nachher er hat geheiratet eine er war irgendein Cousin von irgendeinen Habsburger aber da er geheiratet hat er eine gewöhnliche Frau vom

[1:02:56] Volk hat er schon keine Rechte gehabt und ich glaube er wollte auch nicht so sehr und äh hatte einen fabelhaften Posten in Paris in dem Museum hat gelebt in Hotel du Suez am Boulevard Strasbourg und dort sind wir auch eingesiedelt mit ihm und die Frau hat

[1:03:18] Marta geheißen wie meine Mutti und sie hat sich so fantastisch um mich gekümmert also ich hab auf einmal auch eine Mama bekommen mehr oder weniger hat mich ge- ich war schwanger und äh ja wir damals haben wir geheiratet also bevor ich schwanger wurde in

[1:03:37] Paris und die haben uns so begleitet die ganze Zeit und äh bevor wir weggefahren sind nach Israel wollten sie haben sie ein kleines Haus gekauft irgendwo und wollten auch ein Haus für uns kaufen wir sollen in Paris bleiben aber der Peter wollte nicht ich

[1:03:55] ich wäre gern geblieben aber der Peter hat gesagt auch in Paris können Sachen passieren und so und ja wir wollten eigentlich nach Australien emigrieren nachher aber weil als wir geheiratet haben ich war bei der OSE das ist eine äh Organisation die hat damals

[1:04:14] geholfen den äh   den äh   Waisenkindern und die haben gesagt ist kein Problem die werden schicken ein permit für uns beide ich hab einen schönen Brief geschrieben dass ich will heiraten und so ich komm sie besuchen aber ich werde nicht äh ich lass mich

[1:04:35] nicht adoptieren alles war also dass wir nach Australien fahren aber äh der permit ist nicht gekommen und ich war schon im achten Monat [hustet] und der Peter hatte ja Familie in Israel und die haben geschrieben immer warum nicht nach Israel und ähm da haben

[1:04:55] wir uns entschlossen dass wir lassen das sein und wir kommen hierher   [Schnitt]

[1:04:59] am äh im März äh sollten wir ich glaube am fünften März sollten wir mit der Kedma mit -n Schiff Kedma nach Israel sind wir nach Marseille gefahren sind angekommen dort im

[1:05:16] Büro und man hat uns gesagt dass die Kedma ist gestern weggefahren also es war irgendeine Verschobung man hat uns nicht gesagt und wir sind geblieben in Frankrei- in Marseille ohne Geld und ja ganz äh   vorbereitet schon dass wir also am Schiff sind und ich

[1:05:38] hochschwanger und ständig hungrig sind wir ins Hotel gegangen und haben nachgedacht was was machen wir weiter also ein Monat bis das nächste Schiff kommt und äh also da damals haben wir noch gemeint 14 Tage aber es war stürmisch März ist immer stürmisch

[1:05:55] am Meer und es hat länger gedauert haben wir Freunden telegrafiert nach Paris Doktor Wehle die haben uns etwas Geld geschickt und man hat uns geschickt in ein Lager das war in Bandol das ist Südfrankreich und dort konnten wir warten auf das nächste Schiff

[1:06:14] sind hingefahren haben wir gesehen ein Lager mit Zaun umgeben und solche Hütten und so und äh haben uns so angeschaut haben gesagt nicht mehr das wollen wir nicht mehr mit mit einen Draht ringsherum und so der Peter hat mich hingesetzt auf -n Koffer sa-

[1:06:34] hat gesagt »warte da ich geh gucken« und äh ist zurückgekommen [gestikuliert] »nein auf keinen Fall wir machen etwas« sind zurückgefahren nach Bandol haben gefunden irgend- bei einem Fischer ein in einen Häuschen hat er uns ein Zimmer gegeben ganz

[1:06:51] billig und lieb und nett mit einer Fischsuppe die beste was ich in meinem Leben gegessen habe und bei diesem Fischermann haben wir einen Monat gewartet auf   das Schiff haben uns dort befreundet mit allen möglichen Leuten was Fische gefangen haben und   P-

[1:07:12] Pétanque ges- dieses Spiel haben stundenlang zugesehen wie sie das machen und wie sie das spielen konnten nicht begreifen   das äh den Charakter des Spieles und sind sogar gefahren nach Menton die französische Riviera haben wir besucht mit -n Autobus sind

[1:07:36] wir schön gefahren alles geguckt jetzt wenn ich jemanden sag wir hatten eine Hochzeitsreise auf der Riviera sagt jeder »wow« [lacht]   und   haben sogar getroffen eine Familie und er war ein Gynäkologe also viel Glück hatte ich im Leben wenn in nix hab

[1:07:57] ich mehr gebraucht auch als einen Arzt am Weg und nachher ist die Transylvania gekommen mit der Transylvania sind wir nachher nach Israel nur der zweite Tag auf em Schiff war ein schrecklicher Sturm schrecklicher Sturm also wie die Titanic das Schiff hat sich

[1:08:16] äh gewogen wie wie wie wie eine Sch- Nussschale und die Wellen waren enorm alle Leute waren aufm Fußboden allen war schlecht und äh der Peter hat gesagt wenn wir gehen auf die Spitze von des Schiffes und wir werden mit den Schiff zusammen rhythmisch so

[1:08:35] sich äh wiegen wird dir nicht so schlecht sein no aber das war unmöglich weil die Wellen waren so hoch sind wir zurückgegangen in die Kabine und ich hab mich hingelegt es waren so Betten so zwei ein und das Hohe also zwei- so -stöckige Betten und der Peter

[1:08:53] hat den einzigen Koffer was wir hatten aufgemacht und in einer Tasche dort hat er Krawatten gehabt und äh er nimmt die Krawa- und viele Krawatten weil er war in Prag elegant und die Krawatten hat er so angefangen zusammen zu schnüren und ich hab ihm angeguckt

[1:09:09] ist er verrückt in diesen in diesen Situation braucht er Krawatten und   und als er einen langen Strick hatte hat er mich auch das Bett zugebunden mit den Krawatten ich soll nicht herunter- wie sich das Schiff wiegt (_) also was haben wir alles durchgemacht

[1:09:29] das Lager den Todesmarsch und jetzt werden wir untergehen mit -n Schiff also werde ich zumindestens gebunden sein auf -s Bett und nicht im Meer frei rumschwimmen   ja aber das hat paar Stunden gedauert das war bei Sardinien und man hat gesagt das ist immer

[1:09:47] so stürmisch dort und nächsten Tag war das Meer wieder schön und die Sonne ist gekommen und äh in Israel angekommen

[1:09:54] war ein Chamsin wissen Sie ein Chamsin ist dieser heißer Wind und äh ich hatte so ein Pra- ein Kleid noch ein europäisches also zum zum

[1:10:08] Verbrennen heiß   und wir sind zu Peters Bruder gefahren haben ein Taxi genommen und äh

Daniel Baranowski

[1:10:18] wo kamen Sie kamen in Haifa an vermutlich

Eva Erben

[1:10:21] wir kamen in Haifa an ja und äh ja dort also man kommt an das ist wunderschön man sieht den Persischen Garten dort und Haifa ist herrlich zu gucken vom Meer und so dort hat mir der Peter gesagt »hier werden wir ein Häuschen bauen und Blumen haben wie du

[1:10:38] gern hast und unsere Kinder werden nichts wissen von der Vergangenheit«   haben andere Zores gehabt da in Israel andere Kriege   äh no ja sind dann nach Nesher gefahren Peters Bruder war in Israel in der mit der Jugend-Alija gekommen als äh 15-Jähriger hat

[1:11:01] man ihn hierher geschickt und hat in Nesher gewohnt und auch dort in der Zementfabrik gearbeitet hat uns geschrieben er hat eine ga- er hat ein ganz kleines Zimmer und wir können bei ihm sein no   äh die Begegnung war   herzzerreißend also die haben sich

[1:11:21] ja zehn Jahre nicht gesehen und äh es war sehr sehr zum Weinen äh   und die das kleine Zimmerchen was er hatte war ein Lift aus Holz äh ei- reiche Leute haben sich ja Möbel hierher gebracht mit -n Schiff und die Möbel waren in solchen Holz- äh -kisten

[1:11:44] großen also das kann sein auch drei Meter auf drei Meter und in dieser Kiste hat er gewohnt das war seine sein kleines Zimmerchen und dort sind wir angekommen   ähm mit einen einzigen Bett ein Tischchen alles so ganz ma- man kann sich -s heute überhaupt

[1:12:03] nicht mehr vorstellen kein Badezimmer keine Toilette das war alles draußen das Badezimmer war eine Pumpe und bei der Pumpe war ein Orangenbaum und das war also das schönste Badezimmer was ich je [lacht] mit den Orangenbaum und mit den Wasser das war immer

[1:12:19] so also jeden Tag in der Früh als wir dort waren bin ich zu der Pumpe gegangen mich zu waschen und eine Orange zu essen es war so ja also es war im Freien und äh nächsten Tag ist ein Cousin gekommen   vom Peter hat gesagt »da könnt ihr doch ja nicht bleiben

[1:12:39] ihr kommt zu uns« und äh da hatten wir schon ein richtiges Zimmer das war Peters Cousine weil Peters Mutter ist von 13 Kindern und die alle waren sehr zionistisch und sind äh viele nach Israel gekommen im Jahre 38 und äh da haben sie uns so schön also

[1:13:03] haben sich um uns gekümmert   äh aber der An- der Anfang war schrecklich die Sprache die Leute die Kultur das Essen das Wetter die Hitze der Sand alles war total fremd ja aber   man hatte keine   es war so war es fertig und es war gut dass es so war   langsam

[1:13:33] hat der Peter Arbeit gefunden unsere Tochter kam zur Welt und äh in Haifa haben wir gewohnt äh zwei Jahre so in Untermiete   und dann haben wir gesagt dass es geht nicht so weil eine Wohnung zu kaufen wir hatten kein Geld es war schrecklich schwer und man

[1:13:57] hat gesagt dass da im Negev also in der Wüste wird gebaut und man kann äh leichter etwas zu und eine ba- Fabrik eine Wasserrohrfabrik wurde da gegründet und der Peter hat äh eine Stellung   er hat sich bemüht und dann hat er auch die Stellung bekommen

[1:14:17] mit ist beko- ist gekommen ein kleiner Holz- Holz-Tsrif also ein Holzhäuschen mit zwei Zimmern und äh eigener Toilette und eigenen Badezimmer es war super Luxus und äh da sind wir da sind wir im Jahre 51 gekommen nach Ashkelon und ich bin nachher gegangen

[1:14:42] als Krankenschwester zu arbeiten weil alle diese Siedlungen da in den Süden ringsherum wurden besiedelt von verschiedenen Emigranten aus den arabischen Staaten auch es war viel Marokko Algiers äh   Jemen und die hatten verschiedene Krankheiten also solche

[1:15:02] unbekannte europäische Krankheiten und die musste man bekämpfen und das war gut gezahlt weil es war auch ansteckend und ich war sehr also hatte ha- große antibodies ich war weil ich war gewöhnt wahrscheinlich es war die Nazi-Camps und die Nazizeit hat

[1:15:25] mich gut äh für diese Arbeit [lacht] gerüstet und äh damals bin ich arbeiten gegangen um eben ein st- dieses Land zu kaufen und da das Haus zu bauen da weil wir wollten ja nicht ständig in einen Holzhäuschen wohnen was uns nicht einmal gehört und dann

[1:15:44] bin ich noch schwanger geworden und hab einen Sohn den zweiten geboren und   dann sind wir dann haben wir dieses Haus gebaut das hat der Peter alleine gebaut mit irgend- paar Arbeitern was er sich so gelegentlich genommen hat jeden Samstag sind wir hierher

[1:16:02] gekommen mit äh mit meinen Picknick- äh äh -korb und haben da gesessen und geplant und den Beton begossen und äh Peter hat gearbeitet das gemacht ja man sieht das ist ein handgemachtes Haus die Wände sind ein bisschen schräg und manchmal ist es so ein

[1:16:23] bisschen originell anders aber es hat uns gut gedient die ganze Zeit alle Kinder haben da   sind da groß geworden einer ist da sogar im Jahre 70 noch zur Welt gekommen unser drittes Kind geheiratet hat man da no und jetzt jetzt wird man da auch sterben  

[1:16:46] [lacht]

Daniel Baranowski

[1:16:49] lassen Sie uns jetzt wieder ein Stück zurückgehen in der Geschichte

Eva Erben

[1:16:51] [gleichzeitig:] ja zurück

Daniel Baranowski

[1:16:54] ähm wie lange waren Sie in Theresienstadt ?

Eva Erben

[1:16:58] ja also in Theresienstadt waren wir von Dezember 41 bis Oktober dreiund- 44 äh da war Typhus ausges- ausgebrochen schrecklich eine Epidemie und äh es war auch etwas das Ghetto in Varsha ganz einfach die SS-Kommandantur hat gesagt im Ghetto ist es zu eng

[1:17:26] und es man muss ein neues Ghetto   bauen weil die san- es waren 60000 Leute glaube ich damals im Ghetto und Theresienstadt war für 20000 geplant also die Kanalisation und alles war schrecklich Leute sind gestorben also Männer von 18 bis fünfzig oder vierzig

[1:17:47] weiß ich nicht schon nicht mehr alle wurden transportiert ein neues Lager zu bauen und damals ist gegangen auch die äh die jüdische Verwaltung und alle die prominente Menschen die vor den Transporten geschützt waren und jeder war überzeugt dass wirklich

[1:18:07] ein neues Ghetto irgendwo in Polen gebaut wird und so so ist mein Vater gegangen   und wir haben ihn noch begleitet zum Zug   und alle Männer junge und damals ist auch der Peter gegangen in in v- neben den Waggon von meinem Vater war der Peter und er hat nicht

[1:18:29] damals haben sie nicht gewusst dass der zukünftige Schwiegersohn fährt in denselben Transport wie der Schwiegervater   14 Tage oder gewisse Zeit danach haben die hat die Kommandantur äh ein so ein Befehl herausgegeben dass man sich freiwillig melden kann

[1:18:50] wer auch wieder mit den Männern also das neue Ghetto ist fertig und man kann sich freiwillig melden also man hat uns nicht gezwungen wir haben uns freiwillig gemeldet aus Theresienstadt wegzufahren wieder mit den Vater zu sein   und so sind wir ich weiß nicht

[1:19:09] genau irgendeinen Oktober am Anfang Oktober auch nicht mit Viehwaggons sondern normale Waggons die Fenster waren mit f- mit Brettern zuge- zuge-   -macht dass man nicht heraus kann selbstverständlich aber man konnte so zwischen den Spalten ein bisschen heraussehen

[1:19:31] die Landschaft und ja es war voll mit Leuten und Gepäck und jeder das Kofferchen und also niemand wollte Theresienstadt verlassen aber man wollte mit den Männern wieder zusammen ein neues Ghetto sind wir irgendwie drei Tage gefahren und es war immer bombardiert

[1:19:50] und äh das Geleise war irgendwie gestört und da sind wir gewartet dort sind wir gewartet ich kann mich so nicht mehr ganz gut erinnern aber der Zug ist stehen geblieben und Mama hat so herausgeschaut durch die Spalten und sagt nur »da bleiben wir nicht

[1:20:09] das ist ein irgendein Gefängnis   gestreifte Kleider Hunde«

[1:20:15] und so wurde die Tür aufgemacht mit Geschrei »alles raus« bum bum bum   man hat uns herausge- nicht gejagt ge- weiß nicht hab nicht einmal das Wort dafür also auf der Rampe sind wir nach auf

[1:20:32] einmal gestanden draußen die Sachen alles im Wagen zu lassen ich hab ein Stückchen Schokolade gehabt in im in meiner Tasche das hab ich bekommen von einen äh Polizist in Terezín und ich wollte das dem Vater mitbringen und das ist auch dort geblieben und

[1:20:51] meine Puppe und äh ja und auf einmal waren wir draußen und auf m- einmal stand Julia eine Freundin von meiner Mutter die hat geheißen Julia Beck noch in Theresienstadt Freundin von Mama die war in Auschwitz schon vorher das war eine sehr energische Frau

[1:21:08] die hat sich immer sehr gut durchge- durchge- ähm wie soll ich sagen durchge-   -bohrt durch alle diese   Situationen und hat mich sofort von der Mutter getrennt hat gesagt äh »du bist allein und wenn man dich fragt wie alt du bist sag du bist 18« ist mir

[1:21:30] so komisch vorgekommen aber ich war in solchen Stress in solchen also die Situation war schrecklich und die Kolonne ist so gegangen ganz langsam und dann hab ich gesehen die Stiefel und die Leute also Mengele ist ist dort gestanden mit diesen Stäbchen links

[1:21:50] rechts links rechts hat sich alle Leute angeguckt aber ich hab immer nur geschaut wo die Mama ist und ich hab nicht einmal Mengele gesehen und er hat mich nicht gefragt ja ich hab gesehen die Stiefel weil ich hab herunter geguckt ich wollte sehen die Füße

[1:22:04] von der Mama wo sie sich bewegt und dann sind wir vorbeigekommen und dann bin ich gelaufen zu der Mama und dann waren wir dann wurden wir in solche Waschräume geführt und dort hat man uns die Sachen weggenommen und das Haar geschnitten und die Leute was  

[1:22:24] was äh Gläser hatten hat man ihnen das weggenommen und was Gold manch- damals hatten Leute noch Goldzähne und die hat man ihnen irgendwie heraus geschraubt heraus ge-   schrecklich und das Schlimme dass man nackt war auf einmal und äh es waren Duschen und

[1:22:46] jemand hat uns gesagt Leute die nicht nackt waren die dort äh also äh beschäftigt waren haben gesagt dass das ist das ist Wasser wir müssen keine Angst haben das ist Wasser weil jemand hat gesagt das ist Gas wir haben gemeint wir sind in in verrückt-

[1:23:03] in einen v- äh Verrücktenhaus das was erzählen die Leute und alle Leute was dort waren hatten solche Basedow-Augen die Augen waren so groß und das hab ich auch nachher herausbekommen dass diese Ängst- dieser Zustand von ständigen distress von ständiger

[1:23:23] Angst dass äh macht chemische Änderungen im im Körper das macht der Adrenalin weil man ist ständig im huh ! [gestikuliert] was wird sein also das pufft den Adrenalin und der Adrenalin macht diese also also so hat man so wurde es mir erklärt hab ich -s

[1:23:42] nachher auch gelesen also nachher ist wirklich Wasser herausgekommen und wir wurden geduscht und ähm   dann waren solche große nicht Töpfe das sind solche nicht Eimer nicht Töpfe solche große mhm barrels do-

Daniel Baranowski

[1:24:02] Fässer

Eva Erben

[1:24:04] Fässer mit äh verschiedene Kleidung die hat man aus den Wasser herausgenommen und so in der Hand ausgewrungen und jeden wurde geschmissen etwas [gestikuliert] also man hat bekommen die verschiedenste Sachen es war direkt ein Karneval ich hab bekommen ein

[1:24:20] blaues Kleid das war mir   zehn Nummern zu groß z- zu lang zu breit alles wurde so irgendwie herumgewickelt keine Hosen keine Strümpfe   nix das und jeder hat bekommen etwas anderes also es waren Kleider zum Beispiel Ballkleider mit großen Dekolleté und

[1:24:43] es waren nur Jacken also wir haben ausgesehen manche Leute haben hysterisch gelacht und die konnte man auch ersch- die haben die SS erschossen weil man hat direkt Anfälle bekommen von das war nicht w- das war etwas   Unbeschreibliches und Holzschuhe die waren

[1:25:04] auch paar Nummern groß für mich und äh Auschwitz hat einen Boden äh so das rutscht wenn ein bisschen Wasser ist oder wenn ein bisschen äh äh bewässert ist es ganz schmierig wie heißt das jíl heißt das Tschechisch ich weiß nicht was Deutsch heißt

[1:25:24] es ist auch gut für Keramik glaube ich man benützt das diesen Boden also Sie rutschen schrecklich und diese große Schuh und die sind immer in den Boden geblieben und meine Füße waren schon irgendwo der Schuh war im im Bo- also das war hm und diese nasse

[1:25:40] Kleidung   und   jetzt sind wir zu den Baracken geführt man hat uns zu den Baracken geführt und Mama hat kurz gesagt in den Baracken wird vielleicht warm sein und da können wir die nasse Kleider ausziehen ich weiß nicht aber   es war so kalt dass das Ende

[1:26:03] von den Kleidern irgendwie gefroren hat und manche Leute hat das direkt so wie sch- wie ein   wie eine Schere oder wie eine Messer und sie haben geblutet also das war eine nighttraum dieses schrecklich dieses dieser erste Augenblick in Auschwitz

[1:26:25] no und in der

[1:26:27] Baracke war nicht warm dort hat jeder eine Decke bekommen und die war auch die war auch nass   und äh ich weiß nicht genau wie lange wir in Auschwitz waren ich glaube nach all dem was ich gefragt hab und gelesen habe waren wir drei Wochen in Auschwitz und

[1:26:45] diese drei Wochen hat man paar Mal irgendwo draußen gearbeitet in   schrecklicher Kälte um Graben zu machen und in diesen Graben hat man äh nicht Eisen Draht Draht gegeben so Draht was äh no   Stacheldraht was das hat man dort gemacht und ich hab auch das

[1:27:12] Orchester spielen gesehen gehört   wie wir gegangen sind und drei Selektionen hab ich durchgemacht also drei Mal ist Mengele gekommen und drei Mal haben wir so vor ihm nackt getanzt und äh   so   dann wurden wir zur Arbeit ausgewählt und sind von Auschwitz

[1:27:40] quasi weggegangen   und ich hab zwei linke Schuhe bekommen damals haben wir wieder andere Kleider bekommen und wieder hat je- jeder bekommen Kleider aber nicht nass diesmal normale trockene Kleider aber auch wie vom Karneval und äh Schuh so von man sieht diese

[1:28:01] große große Haufen von Schuhen es ist heute in Auschwitz dort ausgestellt also jeder Schuh anders Sie konnten bekommen einen Stiefel und einen Sandal u- und ich hab bekommen zwei linke Schuh und da bin ich gegangen zu diesen Haufen und austauschen no   den

[1:28:21] Schuh und da hat mich dieser was dort den gehütet hat den Schatz die Schuh mit den Gewehr so gestrichen [gestikuliert] und irgendein Zahn ist mir ein bisschen rausgefallen und und der Schuh ist geblieben also zwei linke Schuhe sind geblieben und äh   wir

[1:28:43] sind zu irgendeinen Zug geführt geworden und da hat man gesagt das ist unseres Ende weil in diesen Zug wir man nachher Ga- den Zug wird man vergasen aber ich hab das alles nicht so gut verstanden das weiß ich vielleicht nachher ich hab das gehört aber die

[1:29:00] Mama ist mit dieser Julia und Paula das waren zwei Freundinnen wir waren immer zusammen immer immer und die haben sich gesetzt in irgendeine Ecke auf -n Fußboden und haben gekocht gekocht erzählt was sie werden kochen und backen wenn sie nach Hause kommen

[1:29:15] und direkt ignoriert die Situation was dort war keine Panik also ich war in totaler Ruhe und ich schätze diese Sachen so sehr heute diese Momente ich sag immer den Kindern wenn sie mir sagen »warum habt ihr euch nicht gewehrt ?« »weil da sich zu wehren

[1:29:33] das heißt zu schießen« so so sag ich man kann sich auch wehren seelisch innerlich äh die die die mit mit der no ähm   mit irgendeiner moralischer Kraft und das war eine enorme moralische Kraft was da meine Mutter zur Wel- zu Licht gebracht hat dass sie

[1:29:55] hat sich hingesetzt und hat mit mir gekocht und sie hat mir erzählt was wir essen werden und hat die Leute gelassen weil leu- viele Leute haben Herzanfälle bekommen und sind gestorben so ohne Gas weil diese Angst ist schrecklich wenn ich heute daran denke

[1:30:10] dass ich mit meinen Kind so sein müsste   [seufzt] ist mir nicht gerade gut und

[1:30:16] so sind wir gekommen nach Groß-Rosen   in einen herrli-   be- man ist glaube ich in Breslau oder Groß- so irgendwie rausgestiegen vom Zug und gegangen und gegangen und gegangen

[1:30:32] und gegangen durch Wald herrliche Gegend   verschneit [nach außerhalb des Bildes:] der Peter ist da

Daniel Baranowski

[1:30:39] kurze Pause [Schnitt]

Eva Erben

[1:30:41] äh wir sind angekommen ich muss nur sagen die Natur war so herrlich dort das kann überhaupt nicht vorstellen dass diese misery in dieser Natur steht die Bäume war v- waren voll mit Schnee es war Januar und nein es war nicht Januar entschuldigen Sie es war

[1:31:01] äh so wie je- November müsste es sein aber schon Schnee es war sehr sehr kalt und frostig wir sind angekommen und beim den großen Tor ist eine talle SS-Frau blonde gestanden mit einer Spritze so groß [gestikuliert] wie für Pferde und jeder musste den

[1:31:24] Arm geben ich hab bis heute da eine eine wu- nicht eine Wunde

Barbara Kurowska

[1:31:32] [gleichzeitig:] eine Narbe ja

Eva Erben

[1:31:37] Narbe und jeder hat bekommen mit mit derselbe Nadel bum bum bum bum bum bum bum jeder hat bekommen irgendetwas und nach diesen irgendetwas nach 24 Stunden hab ich solche Hand bekommen und Fieber krank war ich zum Sterben und Mama mit der Paula und Julia haben

[1:31:53] sich irgendwie in die Küche gemel- irgendwo haben sie sich freiwillig gemeldet in die Küche aber dort war nix nix zu essen nur Wasser Wasser hat man gekocht ständig hab ich gesehen nur Wasser und mit dieser schreckliche Wunde halb tot hat man mich in diese

[1:32:09] Küche gebracht und irgendjemand ich weiß nicht wer hat einen roten einen Messer ganz rot gehabt in den in der Hand und hat mich da in die Hand geschnitten und   das Eiter vereiterte Hand total ist geflossen und auf das kann mich so erinnern und ständig hat

[1:32:37] man mir etwas beim Mund gehalten und bei der Nase gehalten und mit heißen Wasser irgendwie (verbrannt) und dann bin ich geschlafen und geschlafen und geschlafen und geschlafen und dann war ich gesund so irgendwie war das und

[1:32:50] bei den ersten Zählappell also

[1:32:52] das waren zw- drei Scheunen so [zeigt] und nur Heu drinnen nix anderes und man alle haben gearbeitet auf diesen Graben mit den Stacheldraht alle sind wir gegangen und ich war so alleine in dieser Scheune drei Tage und Mama hat gearbeitet in dieser Küche und

[1:33:11] was man dort gegessen hat ich kann mich erinnern auf eine Suppe von was ist das was auf den Feldern wächst w- das war eine weiße Rübe das gibt man auch den Kühen viel viel viel viel wächst das in Europa die Rübe ist schwarz Zuckerrübe ja also so eine

[1:33:33] Suppe aus der Zuckerrübe da das war das ganze Essen dort und äh   irgendeine Latrine war am Hügel oben und dort hat man gesehen viel Lichter am Abend und ich glaube man hat mir nachher gesagt nach -n Krieg dort war der richtige Groß-Rosen also das große

[1:33:53] Lager und dort wo wir waren war nur ein Nebenlager etwas kleineres und äh als ich wieder gesund war bei den ersten Zählappell hatt ich schon keine Schuh meine Füße waren eingepackt irgendwie in Heu etwas hat meine Mutti gemacht und der   Lagerkommandant

[1:34:15] hat mich gefragt ob ich ein Zögling bin ich hab keine Ahnung gehabt was das heißt ein Zögling und äh   wo o- ob ich keine Schuh hab   und ich hab solche Angst gehabt ich hab irgendwie gar nichts gesagt und da hat er gesagt ich soll mich melden dort und hat

[1:34:37] mir gezeigt ein kleines Häuschen ich soll hingehen bin ich hingegangen und dort hab ich gefunden ein Mädchen die war älter als ich etwas drei Jahre älter und die hat dann mich angefangen äh Ungarisch zu sprechen   Ungarisch kann ich nicht so etwas aus

[1:34:57] Theres- aus Auschwitz ja aber aber sie hat gesprochen   ich muss verstehen zum Schluss hab ich verstanden dass das ist das Zimmer von den Kommandanten und man soll dort rein halten und das Feuer hüten es soll immer warm sein und immer soll ein Kessel mit warmen

[1:35:19] Wasser   kochenden Wasser auf dem Ofen stehen und das war ein Paradies der Kommandant ist gekommen nach paar Stunden und hat mir Schuh gebracht hat richtiges paar hohe Schuh gebracht und in diesen Zimmer haben wir seine Decken seine Wäsche äh gehütet das

[1:35:42] warme Wasser getrunken und ich hab a- ich hab Ungarisch gelernt weil diese Goldi war ein wunderschönes Mädchen und sehr gescheit und immer hat sie mir erzählt und nachher gezeigt was sie erzählt hat und was dieses Ungarisch ist mir so gut gekommen weil

[1:36:00] der Peter war nachher der Präsident der Bauunternehmer da im Süden und wir er wurde nach Ungarn geschickt nach der ko- nach nachdem der Kommunismus gefallen ist dort und man hat dort gebaut Israel hat dort gebaut und wir sind nach Ungarn gefahren und jetzt

[1:36:17] das war gleich nach dem m- nach den Aufstehen des Ungarn wieder und Ungaren können keine Sprache die sprechen Ungarisch und damit ist fertig wenn ich nicht Ungarisch hätte   gewiss gesprochen hätte niemand gegessen hätte niemand die Television im Zimmer

[1:36:35] gehabt hätte hätte niemand zu zu zu Ruh gekommen mit mit meinen a- äh Auschwitz-Ungarisch hab ich wunderbar gesprochen und wunderbar alles organisiert [lacht] also was was so passieren kann und diese

[1:36:51] also   in diesen Lager war es also hungrig waren wir ständig

[1:36:59] kalt war   es waren nur Frauen dort und eine Frau war dort die war eine Chanson- Chansonsängerin vor dem den und in der Mitte im Hof von diesen wo die Scheunen waren war eine Laterne   und die hat am Abend geleuchtet   in einen ganz so gelblich dünnen Licht

[1:37:31] und diese Frau das werd ich nie in meinem Leben vergessen hat sich so bei der Laterne eingehakt und hat angefangen [singt:] »hinter der Kaserne vor den großen Tor steht eine Laterne« und so hab ich gelernt über Marlene Dietrich über ihre schöne Füße

[1:37:51] über die Laterne in Groß-Rosen in diesen Lager   und das ist auch etwas wenn Sie das nachher sehen in schönen gepflegten Raum mit wirklichen Schauspielern wirkliches Orchester wirkliches Theater Sie sind nicht in den wirklichen Theater Sie sehen nicht [betont:]

[1:38:11] diese Leute aber Sie sehen dort weit weg zurück in Groß-Rosen hören Sie »unter der Laterne« also das war auch ein Bild und außerdem war dort eine Frau die war ein äh Medium die hat gesagt sie kennt die Zukunft und sie kann einschlafen und wenn man ihr

[1:38:31] sie schneidet kommt kein Blut no also man hat in diesen schrecklichen Situationen alles mögliche geglaubt und diese Frau hat gesagt dass äh in 14 Tage ist Ende des Krieges no und da haben wir alle mit viel Energie 14 Tage gelebt aber nach zwei Tagen haben

[1:38:52] wir schon gehört bum bum die Armee ist na- näher gekommen also die Alliierten waren schon irgendwo und auch am Abend sind gekommen äh Fahrzeuge Jeeps versch- vier und ganz junge wunderbare äh Soldaten und jeder hat geschrien »das sind die Amerikaner das

[1:39:14] sind die Amerikaner« aber es waren keine Amerikaner es waren flotte SS Hitlerjugend mit v- Hunden mit äh mit äh diesen Schäferhunden deutschen Hunden gebellt und geschrien und in paar Stunden waren wir alle evakuiert alle waren weg wahrscheinlich die Front

[1:39:35] war ganz nah und der Todesmarsch hat begonnen

[1:39:37] und so sind wir gegangen jeden Tag jeden Tag jeden Tag dreißig Kilometer bis 38 Kilometer alles ist äh alles ist äh aufgeschrieben alles hab ich gefunden nachher die haben geführt die deutschen eine ganz äh

[1:39:55] Kartothek wo man gerastet hat und wo man geschlafen hat das werd ich nachher sagen wie ich dazu gekommen bin und äh manchmal sind wir auch draußen geblieben weil war nicht überall waren Scheunen wo man uns untergebracht hat wenn sie eine Scheune gefunden

[1:40:11] haben irgendwo da haben damals waren wir noch tausend Leute und in den Scheunen war alles klein und viele Leute sind zu Tode gerumpelt geworden es war hm schwer zu erzählen   aber immer sind weniger und weniger Leute gew- geworden weil viele Leute sind am

[1:40:35] Weg gestorben und die was nicht gehen konnten hat man ganz einfach erschossen und äh sind liegen geblieben so am Rand   und dann sind wir gekommen das heißt Grünberg das weiß ich auch heute damals hab ich nicht gewusst dort sind wir geblieben welche vier

[1:40:54] fünf Tage und dort bin ich fast gestorben weil ich war so schwach ich hab ständig äh äh st- bin umgekommen am Zählappell konnte ich nicht stehen da hat mich meine Mama mit ihrer Freundin immer so gehalten weil wenn die SS gesehen möchten dass jemand

[1:41:12] nicht steht oder umkommt schießt man ihn weg und bei Nacht   hat man mich in ein Zimmer genommen das war ein Revier das war s- Revier hat geheißen so irgendein Krankenzimmer dort hat man Leute was nicht gehen konnten und was man so irgendwie retten wollte

[1:41:31] konnte was äh was die Häftlinge alleine irgendwie machen konnten weil es waren doch auch Ärztinnen zwischen den Leuten äh hat man die Leute dort beigebracht aber in der Früh hat man alle erschossen sowieso und dann hat man in der Früh wieder neue Leute

[1:41:48] hingebracht und am Abend hat man sie wieder wegge- weggeschossen meine Mutter hat musste eine Freundin haben eine Ärztin und die hat mich bei Nacht es war schon dunkel ich weiß meine Mutter hat mich hingebracht und ich hab dort etwas Warmes bekommen ich

[1:42:04] hab ge- die ganze paar Stunden etwas Warmes in den Körper gespürt ob das eine Infusion war ob es etwas zum Trinken war keine Ahnung es war noch dunkel hat man mich heraus geschoben auf die Stiegen und meine Mutter ist gekommen war schon dort hat gewartet

[1:42:23] hat mich wieder genommen und äh es war in Ordnung und dann sind wir weiter gegangen

[1:42:30] weiter von je- von also Ende äh von Anfang Dezember bis Ende März sind wir so gegangen jeden Tag diese Kilometer immer wieder eine Scheune immer wieder von diesen Leuten

[1:42:51] sind noch von den Grünberg das war auch ein Lager das ist auch mit uns nachher gekommen da waren wir eine ganze Schlange eine ganze Kolonne was durch die Gegend gegangen ist und immer wieder irgendwo gerastet hat auf dem Rand des des Weges und äh das Essen

[1:43:12] war ein kleines Stückchen Brot oder ein Kartoffel und Suppe am Abend das ist alles Leute sind gestorben so [gestikuliert] wir waren ich glaube 1900 Leute das ist alles aufgeschrieben und geblieben sind 78 Leute am Leben   von den ganzen ich weiß als ich meine

[1:43:35] Deutschlandsrepatriation angegeben habe und ich hab ge- gebraucht jemanden um mir zu Zeugnis wir haben niemanden gefunden dann haben wir gefunden eine Dame da in Israel eine ältere Frau aber niemand ist am Leben geblieben äh   ja und wir sind gekommen nach

[1:43:57] Zwodau und   das ist bei Falkenau das ist schon bei der tschechische Grenze in ein Lager   dort waren schon sehr wenige sehr wenige sind wir 300 Leute von der ganze Kolonne alle waren schon mit Typhus und alle waren schon und in diesen Lager waren auch Französinnen

[1:44:24] und Nichtjüdinnen und dort hat man irgendetwas mit Textil gemacht entweder hat man gefärbt oder so wir waren dort nach -m Krieg haben das gesehen das Lager damals war noch   sie sind noch gestanden die Häuser dort hat man uns a- eingesperrt und äh der Fußboden

[1:44:45] war mit Lysol bestreut weil alle waren krank a- a- hatten wir Läuse und alle mögliche Viecher was man nur haben kann und äh Dysenterie und äh   schrecklich und äh Lysol also dieses weiße Pulver überall es hat so gebrannt in der Nase in den Augen und

[1:45:07] auf dem wo der Str- Stroh gestreut   und äh alle waren schon total   neunzig Prozent tot und dort ist meine Mutter auch gestorben und dort war ich noch mit der Goldi und als Mama gestorben ist war die Goldi mit mir   und hat gesagt »gut jetzt kochen wir einen

[1:45:34] Gulasch einen ungarischen Gulasch« man war nicht normal   die Frau ist gekommen die Aufseherin und hat das Brot verteilt und hat auch der Mutter ein Stück Brot geworfen das wurde alles immer so geworfen weil die Mutter hat ausgesehen wie wenn sie schlafen

[1:45:58] möchte und da haben wir mit Goldi sich geteilt dieses extra Portion dann ist jemand dann ist eine andere Frau gekommen und mit einen Töp- kleinen Top- Töpfchen so mit Wasser und einen Bleistift man einmal waren Bleistifte wie ink- wie ink wie wie no es

[1:46:26] war kein Feder- es war keine Feder es war ein Bleistift was geschrieben hat wie Feder das man nicht herunter sie hat den das Arm der Mutter begossen mit dem Wasser und mit diesem Bleistift hat sie dort eine Nummer geschrieben auf das und dann sind beko- gekommen

[1:46:44] irgend zwei solche Häftlinge und haben alle Tote herausgebracht und haben sie so wissen Sie so wie man Holz s- gibt man es soll ich hab nachher gefragt es soll Luft durchgehen es soll nicht stinken es soll Luft durchgehen wenn man Holz auf- äh wissen Sie

[1:47:06] gibt man das auch so (_) so hat man die Toten eins auf einander genommen so auf das erinnere ich mich sehr gut nachher erinnere ich mich so auf verschiedene Sachen aber das ist schon so ohne   [schüttelt den Kopf] das hat schon überhaupt keinen das kann man

[1:47:24] überhaupt nicht mehr erzählen nächsten Tag äh ist die Kolonne wieder sind wir weiter gegangen und  

[1:47:32] waren schon ganz wenige und am Abend wurde eine Scheune gefunden und in dieser Scheune war es ganz schön lustig äh äh luftig weil nicht viele Leute da

[1:47:46] waren und ich war tot ich war mir war kalt und ich war schwach und ich hab mich irgendwo hingelegt und zugedeckt über den Kopf mit den schmutzigen stinkenden scheu- äh Heu was dort war dort waren auch Kühe und äh also ich hab mich eingegraben und so bin

[1:48:06] ich eingeschlafen und dort geblieben und in der Früh aufgewacht und war allein niemand war dort alle sind weg haben mich nicht gesehen nicht [zuckt mit den Schultern] bin zurückgeblieben   und ein Junge hat mich dort entdeckt also ich ich bin ein bisschen

[1:48:23] mich aufgegrabbelt und äh hat mir Polnisch erzählt dass er ist äh ein Zwangsarbeiter und hat mir etwas zum Trinken gegeben und hat gesagt ich muss weggehen das Gut also das Stück dort gehört einem polnischen äh schlechten Mann so ich muss weggehen man

[1:48:49] wird mich ermorden   Polnisch hab ich verstanden die Hälfte aber bin gegangen und äh hab nicht gewusst wohin zu gehen es war so im Feld beim Wald   es war schönes Wetter bin gegangen nachher hab ich entdeckt es gibt Gleise dort bei bei in dem Feld so irgend

[1:49:13] es gibt in der Tschechei viel das irgendein Zug fährt hab gesagt OK Gleise wird irgendwo hinkommen bin ich nach dem Gleise gegangen aber ich war so schwach jede ich glaub jede halbe Stunde hab ich mich irgendwo hingelegt und geschlafen und gegessen das Gras

[1:49:29] und verschiedene und Sch- ja Schnee war schon nicht mehr so sehr aber alles mögliche was so wächst und man entwickelt solche Instinkte dass man [Hintergrundgeräusche] mhm ? weiß was man essen kann und so wie ich ein- äh aufgewacht hab hab ich auf einmal

[1:49:47] gesehen dass je- gespürt dass jemand auf mich dass jemand neben mir ist und ein ganz junger deutscher Soldat in Uniform ist neben mir gestanden auf mich geguckt ganz so aufgewühlt   da hab ich ihm   da ganz einfach »guten Tag« gesagt und äh hat gesagt

[1:50:09] »von wo ist Ihnen schlecht was machst du da« nein nicht »Ihnen« »du« hast du immer gesagt ja ich seh noch sein Gesicht er war ganz junger Soldat und äh da hab ich ihm erzählt was ich bin hat   hat er gesagt er der Krieg ist schon zu Ende verloren er

[1:50:29] ist ein Deserteur und er will äh äh   er will so schnell wie möglich seine Uniform loswerden und irgendwo bei einem Bauer bleiben und er hat sich hingesetzt neben mir und hat mir von seinem Kanister hat Kaffee gehabt und so haben wir zusammen getrunken und

[1:50:49] äh hat mir gesagt dass es ist äh April ich glaube er hat gesagt es ist der 15te April   so etwas und äh   ja und äh er hat gesagt dass gleich die das ist noch das Gebiet was du zu Deutschland gehört wo wir sind aber da ist gleich die tschechische Grenze

[1:51:07] also viel hab ich nicht verstanden weil ich war so   [gestikuliert] nicht ganz beisammen und äh   bin ich weiter gegangen dann hab ich s- drei Jungens getroffen kleine Jungens und die haben Tschechisch gesprochen und ich war so z- so glücklich Tschechisch

[1:51:25] zu hören und da hab ich gesagt »ja ich spreche auch Tschechisch kommts« und da haben sie mich angeguckt und einer hat gesagt »ja wir haben getroffen eine Leiche« und i- diese Jungens hab ich nachher nach -m Krieg in dem Dorf getroffen und bis heute also

[1:51:40] die sind gest- schon gestorben aber lange haben wir haben sie haben wir sie mir immer gesagt »ja da geht unsere Leiche« also als als ich schon gefuttert war und schön und haben direkt Angst gehabt vor mir und haben gesagt »no komm mit uns wir nehmen dich

[1:51:55] wir nehmen dich wir werden dich ver- verstecken« und äh ich konnte nicht gehen ich bin gekrochen die   unschreiblich   da haben sie mir gesagt dass   wenn der Weg zu End- das war ein Weg beim Wald wenn der Weg zu Ende geht ist ein kleiner Fluss und hinter den

[1:52:17] Fluss ist das tschechische Dorf Postřekov und es ist nicht weit ich kann hingehen alleine gut schön ich bin gegangen gegangen gegangen gegangen   am Ende des Waldes stand eine Hütte und ich hab gemeint ich muss mich ausruhen ein bisschen und [lacht] von

[1:52:38] der Hütte auf einmal kommt heraus ein Soldat ganz flotter junger Soldat mit einen Gewehr und sagt »halt was machst du da ?   was ist das ? stehen bleiben !« brüllt mich an   und ich hab gesagt ich bin verloren gegangen und er hat gelacht und hat das Gewehr  

[1:53:06] so   in den Lauf gesetzt in dieser Sekunde ist ein anderer ein älterer Mann herausgekommen von derselbe Hütte und hat ihm die Hand so genommen [gestikuliert] sagt er »lass sie gehen die wird allein krepieren schade um die Kugel«  

[1:53:27] und so haben sie mich

[1:53:30] gehen gelassen so bin ich zu dem Fluss gekommen und dort bin ich ein bisschen ohnmächtig geworden ja ich habe gewollt den Fluss überqueren aber das war ein Fluss vielleicht zehn Meter nicht viel nur das Wasser war so wütend und ich war nicht sehr stark

[1:53:52] und irgendeine Frau hat dort Wäsche gespült das damals waren noch keine Waschmaschinen und hat gesehen dass sich etwas nicht Normales also in solchen kleinen Dorf weiß man jeden wer was ist das so eine Person ist was nicht zum Dorf gehört und hat den Mann

[1:54:13] geholt und mit den Mann ist auch ein Junge gekommen und der Junge war dieser Junge was ich getroffen hab am Weg einer von den Dreien und der hat schon gewusst was ich bin und die haben mich zu sich genommen nach Hause und das weiß ich überhaupt nicht mehr

[1:54:30] das hat man mir nur erzählt und haben mir ausgezogen alle meine schreckliche Sachen und mich gewaschen aber das Häuschen wo sie hatten das war bei der äh Bahnstation und diese Bahn dieses Gleise war das Einzige was noch die Deutschen bedient hat das war

[1:54:53] das Einzige wo wo sie noch und es war sehr frequentiert und die Deutschen waren noch in den äh Dorf fest fest im Griff haben sie mich im Keller gelassen zwischen der Kohle und den nächsten Tag ist der Bruder von der Frau gekommen mit einen äh äh Wagen

[1:55:16] mit einer Kuh und äh im mit äh Heu in den äh Leiterwagen und haben mich herein gesteckt und über das ganze Dorf unter der Nase der ganze Ge- deutsche Gesellschaft mich herauf geführt und das Hau- Häuschen was sie hatten beim Wald und dort äh haben sie

[1:55:37] mich äh verpackt in ein äh Versteck und dort bin ich geblieben bei ihnen bis zur Ende des Krieges  

[1:55:46] wir brau- [gestikuliert] ich [Schnitt] ja ich hatte so viel Glück dabei diese Leute waren so so gut und so gescheit also ich war das Erste was ich gehört

[1:56:00] hab dass jemand gesagt hat man soll mir nicht viel zu essen geben weil ich bin äh sehr abgemagert und äh man muss mir nur Brei oder so geben aber sonst alles in Ordnung und äh so da war ich noch im Bett im Zimmer aber nachher hat man mich irgendwo versteckt

[1:56:20] unten äh dort war auch eine Kuh und auch Kohle aber das waren so Stiegen so wie die Häuser sind in Böhmen Bauernhäuser Stiegen herunter in den Keller und in den Keller ist noch eine Tür und die geht wieder in einen anderen Keller und dort sind äh so

[1:56:39] verschiedene Kartoffel Kohle oder so und die Tür macht sich dort auf so herein in den Keller herein so dann wenn jemand die Tür aufmacht sieht er herein aber man sieht nicht nach so und dort war ich hinter der Tür dort war so eine Mulde man hat mir dort

[1:56:55] irgendein Bett gemacht und so und dort hat man mich versteckt und der Bauer ist immer gekommen also mit etwas mir Essen geben und mich ein bisschen streicheln und mit mir ein bisschen sitzen und ich hab nicht gesprochen überhaupt nicht [schüttelt den Kopf]

[1:57:10] ich hab keine Stimme gehabt und äh man hat mich gefragt wie ich heiß hab ich gesagt Eva aber ich hab gewusst ich werde nicht sagen dass ich eine Jüdin bin ich hab schrecklich Angst gehabt ich würde sagen was weiß man für eine Reaktion was die Menschen

[1:57:25] haben wenn sie hören »Jüdin« und da hab ich aber hat immer gefragt wie ich heiß wie ich heiß wie ich heiß und äh da ich hatte eine Freundin die hat geheißen Eva Králová und ich hab gewusst dass ihr Vater war ein Arzt und das war in derselbe Straße

[1:57:42] in Strašnice haben sie gewohnt und da hab ich mir ausgedacht dass der Vater war ein Kommunist und die Deutsche haben ihn genommen und ge-   Märchen und das hab ich nachher erzählt   fertig   am Abend äh wurde ich immer so herauf genommen in die Stube und

[1:58:01] man hat mir Kleider gebracht genähte dort es waren immer noch immer in Trachten gegangen das ist ein Dorf das sind die Chodové Postřekov das jeder Tscheche weiß das das waren die Hüter der tschechischen Grenze für den Kaiser das sind fabelhafte Menschen

[1:58:21] schöne Menschen und äh wirklich Menschen was einen Gott haben wie man es so wirklich Menschen mit großen Ehren die machen Ihnen nix was was sie nicht wollen das man ihnen machen sollte also richtige Religion wie sie sein soll wunderbare Menschen und äh

[1:58:44] also jeder ha- das ganze Dorf hat gewusst dass dort äh ein Mädchen ist und so aber niemand hat gewusst dass ich eine Jüdin bin und äh eines Tages sie hatten eine Tochter die war paar ta- Jahre jüng- äh älter als ich und jeden Abend äh lag das Dorf

[1:59:02] unter Beschuss weil Pilsen war nahe und die Engländ- die Amerikaner haben sich genähert und haben Pilsen und die Straße bombardiert sehr sehr fest dort und jeden Abend wurden wir herunter in das äh Luftschutzkeller so und die Bauerin hat mir gegeben einen

[1:59:21] Glossar ich soll beten ja also mit ihnen zusammen und ich hab immer angefangen so zu be- weil ich wusste doch etwas zu beten von unserer Boženka die hat mich ja genommen in die Kirche aber dann bin ich eingeschlafen dann hab ich gemacht mindestens weil weiter

[1:59:35] konnte ich nicht ich konnte nur paar Worte dann bin ich wieder so eingeschlafen da hat die Bauerin gesagt »das ist eine Gnade Gottes sie schläft und sie hört nicht dieses schreckliche Bombardieren und so« also ich hab alles gut gehört aber ich hab überhaupt

[1:59:51] keine Angst davon gehabt weil das war mir alles so irgendwie far das sind keine Deutschen da sind keine Hunde das ist kein dieses Luf- fa- arme Bomben was können mir Bomben schon machen also ich war ganz ruhig und nachher eines Tages ist die Vlasta Vlasta

[2:00:09] hat geheißen die Tochter gekommen und gerufen »Eva du kannst heraus komm heraus komm heraus« bei Tag war ich überhaupt nie draußen »die Amerikaner sind da der Ende der Krieg ist zu Ende« no »die Amerikaner sind da« alles richtig schön herrlich die

[2:00:25] Musik spielt und man isst Kuchen und man mhm Ende Ende und dann hab ich angefangen zu weinen erst was heißt Ende des Krieges und was jetzt   no dann  

[2:00:37] ist eines Tages der Bauer gekommen hat gesagt dass in Prag meldet man alle Gefangene an äh meldet man an

[2:00:46] die Namen weil die Leute suchen sie und ich hab ja nicht gesehen dass mein Vater gestorben ist und ich war überzeugt mein Vater lebt so so einen Mann wenn ich es überlebt hab hat das mein Vater ganz bestimmt überlebt und äh da hab ich die Wahrheit gesagt

[2:01:04] wie ich heiße und so aber die haben das so genommen haben gesagt »was meinst du wir möchten dich rausschmeißen wir haben dich doch lieb du bist unsere« kein Wort gesagt verstanden alles in Ordnung und dann ist meine Tante gekommen meine Tante war eine

[2:01:20] Arierin hat geheiratet den Bruder von meiner Mutter ha- der Bruder von meiner Mutter wurde verschleppt und in Mauthausen umgebracht und sie hat gefunden den Namen Löwidt also mich unter den Überlebenden also ist sie gekommen und hat mich von dort abgeholt

[2:01:40] ich wollte überhaupt nicht zu ihr gehen weil ich ich war sehr zufrieden und glücklich in Postřekov ich war die Leu-   und äh was sollte ich wohl suchen die Mutter ist gestorben niemand anderen und der Vater ja deswegen bin ich gegangen weil der Vater möchte

[2:01:58] mich ja nie finden in diesen Dorf   und äh so bin ich mit ihr gefahren mit Tränen und mit schweren Herzen und der Bauer hat gesagt und auch die Tante »wenn dir nicht gut ist und wann immer du willst du kannst ja zurückkommen« na ja aber es war nicht so

[2:02:19] bei der Tante war alles so ganz anders dort waren zwei Söhne

Daniel Baranowski

[2:02:23] war das dann wieder in Prag ?

Eva Erben

[2:02:24] das war in Heřmanův Městec das ist äh wo meine Mutter geboren wurde wo mein Urgroßvater eine Schuhfabrik gegründet hat was mein Großvater nachher gel- noch hatte mein Onkel geerbt hat die Nazis gestohlen haben die Villa herrliche Villa wurde gebaut

[2:02:49] drei hohe Häuser dort war man reich weil das äh ist mit der Generation geworden ja das hat nicht ein Mensch gemacht das äh ganze dort war Land und äh Wälder und Teiche und so   und meine   mein Onkel hat sich von der Tante pro forma geschieden um eben das

[2:03:14] Ganze zu retten sie als Arierin hat das Ganze bekommen und er ha- ist durch äh in underground geko- gegangen zu einen anderen Bauer alle Leute waren dort befreundet und haben uns gern gehabt und so und der Bauer hat ihn zu ihm genommen und er war bis 43 bei

[2:03:35] ihm äh untergeschlupft und hat für ihn gearbeitet äh äh alle seine äh no   Büroarbeit und so also die Zahlungen und so weiter und jemand hat ihn angezeigt   und hat viel bel- Geld bekommen dafür dass er einen Juden angezeigt hat und eines eine nachts

[2:04:00] hat man ihm dort von dort geholt und äh er wurde nach Theresienstadt in die Kleine Festung gebracht und das hat hat man uns gesagt weil die Polizisten in Theresienstadt waren auch sehr sehr freundlich manche waren enorm freundlich zu uns und haben sehr geholfen

[2:04:16] und irgendwie mein Vater hatte gute Beziehungen zu allen und die hat- und die haben uns gesagt dass der Onkel dort ist und von dort hat man ihn verschleppt nach Mauthausen und wurde umgebracht und die Tante ist geblieben mit all dem hätten sie sich nicht

[2:04:34] geschie- hätten sie sich nicht scheiden lassen wäre vielleicht besser gewesen wer weiß   so ist es nicht gut gewor- also zu die Tante bin ich gekommen und die hat selbstverständlich keine Ahnung gehabt damals Psychologie war überhaupt nicht groß geschrieben

[2:04:49] niemand hat gewusst was äh was so ein Kind durchgemacht hab und warum ich so bin wie ich bin ich hab zum Beispiel also im Dorf haben wir gegessen mit -n Löffel alles auch die Suppe und nachher auch die Kartoffeln und auch das Fleisch also vielleicht also

[2:05:06] noch ganz einfach und äh ich hab vergessen dass äh dass es auch anders sein kann und da hat meine Tante gesagt »ja so primitiv und äh so« und dann haben wir hat mir der Zahn gefehlt und dann hab ich einmal Schokolade gefunden in der Küche und hab ein

[2:05:24] bisschen zu viel von der Schokolade gegessen da hat sie gesagt wenn ich so viel Schokolade esse wer- werden mir wieder die Zähne herausfallen da hab ich selbstverständlich große Wut bekommen   dass sie glaubt dass ich hab von Schokolade die Zähne und dann

[2:05:40] bin ich ja zum Zahnarzt gegangen dort in Heřmanův Městec und das war noch ein Mann der meine Mutter äh sich erinnern konnte an sie und der hat mir den Mund repariert

Daniel Baranowski

[2:05:53] haben Sie denn darf ich kurz noch mal fragen haben Sie der Tante denn erzählt wie Sie den Zahn verloren haben

Eva Erben

[2:05:58] [gleichzeitig:] ja da hat sie ge-   ja aber sie hat gesagt ich hab eine große Fantasie   die Tante war ein bisschen ein Durchfall die Tante war nicht gut für mich die Tante war ein armer Schlucker weil sie hat alleine so viel verloren und so sie war eine einfache

[2:06:14] Frau und äh von Judentum hat sie keine Ahnung gehabt ja wir hatten alle keine Ahnung von Judentum wir waren ganz assimiliert und wir haben keine diese aber trotzdem war etwas anderes noch im Spiel als da sie hat geheiratet sie war reich sie hat gutes Leben

[2:06:33] gehabt ein herrliche Villa gehabt und äh sie hat Französisch gekannt und Deutsch gesprochen also sie war für diese Zeiten ein sehr ge- gebildete Dame aber menschlich war sie arm sie konnte sich nicht äh sie war prinzipiell macht man nicht das und prinzipiell

[2:06:53] macht man das und man geht nicht prinzipiell sich unterhalten mit äh mit Leuten die zu Hause dienen oder so etwas ich war meine beste Freundin war die Haushilfin-Tochter dort Heřmanův Městec und ich bin immer gegangen zu den Mann der in der Fabrik gearbeitet

[2:07:12] hat al- in den Schuh- in der Schuhfabrik und der noch meine Mutter und meinen Großvater kannte und dort war ich zu Hause und die haben mich verstanden meine Tante hat nie gefragt wie es war was war äh   alles hab ich schlecht gemacht ganz einfach mei- meine

[2:07:33] Kleider waren nie genug rein und ich war nie genug gekämmt und ich war also das war für mich eine   [zuckt mit den Schultern] total andere Welt

Daniel Baranowski

[2:07:41] Sie beschreiben in äh einem der Bücher die Sie geschrieben haben auch eine Szene wo ich glaube die Söhne

Eva Erben

[2:07:51] mhm über Beethoven   ja

Daniel Baranowski

[2:07:53] mhm   können Sie davon erzählen

Eva Erben

[2:07:55] na ja weil das war auch die Söhne haben auch gelitten selbstverständlich der Vater war weg der große Sohn ist nachher zu Partisanen weggelaufen der kleinere ist zu Hause geblieben aber äh keine Gaskammern und keine Hunde und kein Bellen und kein Schreien

[2:08:10] und äh da waren in der Früh Radio hat gespielt Beethoven Symphonie die Neunte glaube ich und das hat mir sehr gut gefallen und die haben dazu so schön im Takt mit dem Kopf gemacht [zeigt] und ich hab gefragt was für ein Lied das ist   na ja das war komisch

[2:08:31] nicht wahr zu fragen was für ein Lied das ist da haben sie mich so ein bisschen ausgelacht ja und äh ich seit damals ich ich hab ich war nicht beleidigt aber ich war gekränkt ich ich wollte nicht ich wollte nicht so ich wollte sein allein ja und dann das

[2:08:51] Schlimme war sie die Tante dort waren drei Etagen in der Villa und sie hat mir oben ein   Zimmerchen gegeben und neben den Zimmer war ein zugemachtes Zimmer das hab ich mir aufgemacht weil ich wollte sehen ganz einfach war allein nix ein Kind und dort hab ich

[2:09:10] auch das Album gefunden und auch die Puderdose und weil ich dort war und hab es ges- sie hat -s mir nicht gegeben ich hab -s gefunden und ich hab -s mir genommen und dann waren dort auch irgendeine Katze und ein Hund so ein Stoffspielzeug und das hab ich mir

[2:09:26] auch genommen und ich hab mir -s in Zimmerchen gegeben und hab hab damit gespielt also die Bilder waren für mich ein dieses und sie hat gesagt ich sollte fragen bevor ich das nehmen und äh sie hat nicht gern wenn man in ihrem Haus stiehlt und ich werd wohnen

[2:09:43] ich soll unten sein in der Küche bei der Küche war ein kleines Zimmer für das Dienstmädchen und sie hat mich übergesiedelt in das kleine Zimmer und von diesen Moment hab ich gewusst ich will weg ich bleib kein   ich will dort nicht mehr sein aber ich bin

[2:09:59] in die Schule gegangen dort in die fünfte Klasse und in der Schule hat man mich sehr gern gehabt dort war noch noch eine Lehrerin was meine Mutter gekannt hat   eine damals ist man nicht so in äh Rente gegangen mit sechzig eine alte Dame   den Namen hab ich

[2:10:20] vergessen   und ich bin ganz gerne in die Schule gegangen ich hatte auch sehr viel Freundinnen und äh   die Leute die Eltern von den Freundinnen   waren sehr nett und sehr verständlich und die Tante war ganz einfach komisch   heute weiß ich was ich war ich

[2:10:40] weiß was ihr gefehlt hat aber damals ich hab sie gehasst von ganzem Herzen und die haben gewusst was die Tante ist was für ein Snob und so was für ein Charakter und äh einer der war in der Arbei- in der Fabrik gearbeitet hat hat sie informiert und hat

[2:10:58] gesagt dass in Prag ist ein Waisenhaus und ich hab erzählt dass ich weg will dass ich muss weg aber ich will auch die Schule beenden weil trotzdem ich hab ja keine Schule gehabt ich hab drei Klassen gehabt seitdem keine formale Bildung und äh da ist dieser

[2:11:15] Mann nach Prag gefahren in die Kultu- tsche- oder jüdische Kultusgemeinde und äh hat sich informiert das Waisenhaus ja das war in der Belgická Vinohrady hat mich eingeschrieben und wenn ich beende das Schuljahr   kann ich hinfahren also das hat mir sehr

[2:11:33] geholfen weil ich gewusst hat alles ist egal noch drei nein fünf Monate noch hab ich noch gehabt hab mir Kalender gemacht Striche jeden Tag ein Strich gestrichen ein Tag weg und bin bei der Tante geblieben aber auf der andere Seite die Tante   ich hab Kuchen

[2:11:53] mit ihr gemacht und ich bin äh sie hat mich auf den Friedhof genommen wo meine Großeltern s- begraben sind und wir haben dort rein gemacht den Friedhof und äh sie war eine auch ihre eigene Söhne haben keine schöne Erinnerungen an sie weil sie war so irgendwie

[2:12:15] steife kalte   Seele ganz arm ar- armes Ding nu ganz einfach schön war sie

Barbara Kurowska

[2:12:26] könnten Sie vielleicht kurz von diesem Album erzählen das Sie gefunden haben

Eva Erben

[2:12:30] ja dieses Album als ich das gefunden habe hab ich gemeint der Himmel hat sich aufgemacht weil auf einmal hab ich gesehen das schöne Leben was damals war die Eltern und äh Sachen die längst vergessen waren sind einmal klar da vor mir und äh ich glaube seitdem

[2:12:49] sag ich auch meinen Kindern schöne Erinnerungen sind das höchste Gut was man haben kann keine Diamanten und kein Geld und nix bringt dieses Glück weil ich glaube das hat mich bewahrt vor verrückt werden krank zu sein das hat in mir solche gute gute Gefühle

[2:13:07] herausgenommen wieder ich hab gewusst Leben ist nicht das was ich im Moment lebe sondern ich werde mir mein Leben wieder so schön machen wie es damals war   und äh das hat mir direkt d- das ganze eklige Dasein im Moment äh wieder erleuchtet und wieder gezeigt

[2:13:26] nein so wird -s nicht bleiben und so will ich -s nicht haben und ich glaube das war auch das was mich so dazu gebracht hat dass vielleicht soll ich nicht Ärztin sein was ist schon werd ich sein Doktor Eva Löwidt okay wird sein schön am Grabstein Doktor

[2:13:42] aber so wäre viel schöner wenn ich werde haben viele Kinder und eine schöne Ehe und ein Zuhause und irgendein anderes Leben aber nicht so und vielleicht war gerade gut dass die Tante so war wie sie war dass dass ich auch gesehen hab dass ähm es nicht so

[2:13:59] ist und äh   als ich   was sollte was haben Sie noch gefragt ?

Barbara Kurowska

[2:14:06] ähm also dieses Fotoalbum da in diesem äh

Eva Erben

[2:14:09] ah ja das Fotoalbum

Barbara Kurowska

[2:14:10] ja

Eva Erben

[2:14:12] ja das Fotoalbum hab ich seitdem ähm also wie meine größtes Gut das ist äh w- einmal hat man mich da gefragt was werde ich machen man hat doch ständig Unruhe da Raketen fliegen da man bombardiert es ist Krieg was würdest du wegnehmen von diesen Haus

[2:14:28] hab ich gesagt das Album [lacht]

Barbara Kurowska

[2:14:31] also da sind äh Fotos Ihrer gan- Ihrer ganz frühen Kindheit

Eva Erben

[2:14:35] ja

Barbara Kurowska

[2:14:36] haben Sie ein Lieblingsfoto aus diesem Fotoalbum

Eva Erben

[2:14:38] ja dort wo ich mit den Eltern bin also do- da wo mich meine Mama so hält und man sieht diese dieses Glück ja weil damals war das so etwas Schreckliches Gallensteine das war Hindernis zu schwanger werden also sieben Jahre hat man gewartet und sich ge- und

[2:14:56] Marienbad Karlsbad Franzensbad alle diese Wässer getrunken und alle nur um schwanger zu werden heute ist es ro- heute lacht man darüber und als ich kam also ich war wirklich eine kleine Prinzessin und das ganze Leben bei uns hat sich über mich gedreht und

[2:15:15] man wollte kein anderes Kind na ja es war auch nicht die Zeit und damals hat man nicht so Kinder erzeugt wie jetzt da manche Länder Kinder erziehen und sie nachher se- senden um umzubringen und so weiter ja man hat Kinder gepflegt und man hat Kinder geachtet

[2:15:31] und äh   so das Album äh ist wirklich etwas alle meine Kinder also wir hatten eine Nachbarin und äh die hat Eltern gehabt selbstverständlich ganz normal und meine Kleine die erste die meine Tochter und mein Sohn die haben immer gesehen die Großmutter Großvater

[2:15:51] kommen zu Geburtstagen und so und bringen Geschenke und kommen und zu uns kommt nie jemand da hab ich eben die Bilder genommen und ich hab ihnen gezeigt das ist deine Großmutter das ist dein Großvater und etwas hab ich gekauft auch wie man Geschenke und

[2:16:08] wenn sie kommen möchten möchten sie dir das da mitbringen und da haben die Kinder die Bilder sie haben gesehen wie das aussieht sie haben das heraus gerissen haben die Bilder geküsst haben die Bilder die sind mit den Kindern schla- mit den Bildern schlafen

[2:16:22] gegangen einmal hab ich gesehen bei meinem Sohn hat meine Mama unter den Polster gehabt und so hab ich sie erzogen und damit sind sie auch sehr irgendwie nicht so alleine gewesen aber dieses äh dieses sich wünschen auch zu mir zu kommen »warum kom- ich

[2:16:42] bin doch auch ein schöner Junge ich bin doch auch etwas wert warum kommt zu mir niemand« also das finde ich das werde ich nie diesen Regime diesen Nazi diesen Hitler diesen allen verzeihen ne dass ich hungrig war dass mir kalt war und dass ich alles mögliche

[2:16:57] gesehen habe okay aber das da was einen das ganze Leben begleitet darüber spricht niemand damit mussten wir uns irgendwie ausgleichen damit musste man irgendwie leben ich wollte doch normale Kinder ba- in die Welt setzen nicht irgendwelche Invaliden was wo

[2:17:15] man die Großeltern umgebracht hat was weil sie Geziefer waren weil sie Deutsche waren weil sie Juden waren Entschuldigung [lacht] das äh ist doch nicht möglich und das gehört nicht irgendwie zu der Shoah da- das gehört zu der Shoah diese Stärke das irgendwie

[2:17:34] zu überwinden und sagen »nein !«   ich hab immer gesagt ja manche Leute sind doch die werfen kein Stückchen Brot weg weil sie einmal hungrig waren und machen verschiedene Sachen weil sie eben einmal es nicht hatten und da hab ich gesagt nein diese vier Jahre

[2:17:54] werden mir nicht mein ganzes Leben irgendwie diktieren dass ich muss jedes Dreck auffressen weil deswegen weil ich einmal hungrig war oder hm mein zweiter Sohn der ältere als er in Kindergarten war hat die Kindergärtnerin gefragt »was ist das äh wichtigste

[2:18:15] Essen im ohne den was nicht leb- man nicht leben kann ?« ist er aufgesprungen hat gesagt »Spinat !« [lacht]   weil eben zu Hause da bei uns wurde gesprochen viel über Spinat weil Kinder haben au- nie so sehr Spinat gern und in Theresienstadt waren große

[2:18:38] Felder von Spinat und um diesen Spinat zu ernten ist im Winter wenn er wächst unterm Schnee da geht man mit irgendeiner Scheibe Glas oder Messer und man schneidet solche ganze Reihen Spinat Spinat Spinat Spinat und dann nimmt man eben so [gestikuliert] weg

[2:18:54] und in die Säcke in die Kästchen Kästen und das ist alles in die deutsche Küche gegangen das ist nicht gegangen für uns aber wir hatten Trainingshosen da mit Gummi und über das solche Jeans nicht so wie heute Jeans aber solche   Arbeitshosen und dieser

[2:19:10] Training war da mit Gummi und in diesen Training haben wir den Spinat gegeben und obwohl er kalt war und mit Schnee äh ist er uns auf den Füßen auch so gut kalt gefroren und hat uns schöne Beine gemacht solche die warum erzähle ich das jetzt auf einmal

[2:19:26] ich weiß nicht und so haben wir den Spinat ins Ghetto gebracht äh das war besser als die Brennnesseln zu essen ja und so haben wir sehr viel Spinat gegessen in Theresienstadt im Winter und so ich weiß nicht warum ist es mir jetzt in den Sinn gekommen dass

[2:19:41] bei uns zu Hause hat man gemeint dass Spinat ist das wichtigste und das beste Essen auf der Welt   also Intermezzo Spinat

Barbara Kurowska

[2:19:49] und Sie sind dann nach Prag gezogen in das Waisenhaus   von Ihrer Tante

Eva Erben

[2:19:56] ja also nachher äh die Schule ist zu Ende gegangen und ich hab a- sogar ein ganz gutes Zeugnis bekommen und äh hab gewusst kein Wort hab ich gesagt nicht der Tante nicht niemanden den Cousins nix nur bei dieser Famoi- Familie wo ich so sehr befreundet war

[2:20:16] auch mit dem Mädchen die haben gewusst und äh die Frau hat mir ein Matrosenkleid ges- genäht so ein brau- blaues und man hat mir in der Fabrik ein paar Sandalen gemacht weiße und in der Tasche hab ich gehabt das Album nix gehabt eine kleine Tasche und

[2:20:37] äh bin mit -m Zug kein Wort hab ich gesagt bin um zwei Uhr ist der Zug gefahren ich kann mich erinnern bis heute nach Mittagessen bin nach Prag gekommen damals war noch vier so vier Stunden nach Prag gefahren war weit und äh ja es war so komisch auf einmal

[2:20:55] dort auf den auf Wilsonova Masarykovo nádraží ist man angekommen glaube ich ja alles war so so bekannt und so neu und äh da hab ich einen Polizisten gefragt wie ich komm   Belgická er hat mir gesagt ich muss die Tram nehmen Nummer 22 und da bin ich so

[2:21:18] gesch- gega- gefahren mit der Tram und hab gesehen alle die Plätze wo ich war mit den Vater und die Erinnerungen da haben wir gegessen da haben wir etwas gekauft und da alles war ich war so wie Alice im Wunderland   und angekommen bin ich nachher und so viel

[2:21:34] Leute auch ja jeder weiß wohin er geht und äh alle alle leben und meine Eltern sind nicht da und ich bin da komisch war das im Waisenhaus war hässliches Haus ist das in einer Straße auf Vinohrady es war schon irgendwie so am Abend bin ich angekommen und

[2:21:57] äh ja aufgemacht alles man kann nicht beschreiben diese Gefühle ein Kind man ist allein man ist jung man ist aber so alt schon und man ist auch so irgendwie müde aber auf der zweite Seite ist man auch so irgendwie ah ! was wird jetzt sein was erwartet mich  

[2:22:15] ich dasa- damals hab ich sicher nicht so gedacht aber heute wenn ich mich so zurückdenke in diese Zeit und ich möchte so gern wissen w- wie hab ich das gemeistert wie war wie wie war das wirklich   äh   man hat mich in irgendein Zimmer geführt und äh dort

[2:22:36] war die große Überraschung dass ich dort eine Freundin gefunden hab in der war ich in Theresienstadt und die mit der war ich in Auschwitz als u- man uns das Haar und diese komische Kleidung gegeben hat war ich mit ihr dann ist sie verschwunden irgendwie

[2:22:54] und jetzt hab ich sie im Zimmer gefunden und die hat drei Brüder gehabt und Eltern und ihr Vater war Chemiker auch und ihre Eltern sind geboren zur selber selbes Datum wie meine und äh ihre Mutter und sie heißt Marta wie meine Mutter also so viel gemeine

[2:23:12] Sachen gemeinsame Sachen haben wir und äh jetzt das war eine große Überraschung dass sie dort im Zimmer war es war sehr lieb und äh ja ich hab mich schnell gewohn- auf auf die Freundschaft auf äh das Zusammenleben und äh   alle haben so nachgedacht also

[2:23:34] was was wird sein was weiter kein Geld keine Familie wir müssen etwas machen keine Schulen gelernt haben wir enorm gut also man hat sich so um uns gekümmert auch die Regierung aber auch die Kultusgemeinde es waren verschiedene solche Arbei- solche Nachtschulen

[2:23:55] Abendschulen äh sch- solche Kränzchen wo man hingehen konnte Vorstellungen äh man hatte auch im Waisenhaus sind Lehrer gekommen haben erzählt also Vorträge und so weiter man hat nicht gelernt also so richtig professionelles Lernen man hat so gelernt aber

[2:24:18] auch nachher sind wir äh also mit die mit dieser Freundin haben wir uns entschlossen wenn wir nicht Ärztinnen sind werden wir sein Krankenschwestern und sind gegangen in die Krankenschwesterschule und bei der war auch so ein Bildungsabteilung so etwas haben

[2:24:35] wir gemacht irgendetwa- und man hat uns sehr gut überhau- überall ist man uns zuvorgekommen ja man hat uns überall also die die Zeugnisse nicht verlangt also wir konnten überall hin und sich beteiligen auf jeder Sache ohne Zeugnis   das war sehr nett von

[2:24:57] der tschechische Regierung und die Schulung und alles war also wir waren wir waren aber fleißig wir haben manchmal im weiten meinen Leben glaub ich ich kann manchmal jeden Maturitäts- äh   äh -absolventen in die Tasche stecken auch ja manchmal weiß ich

[2:25:19] viel schneller als sie [betont:] manchmal und

[2:25:24] äh so haben wir also das Leben im Waisenhaus äh war wenn ich so trostlos weil wir alle wollten wir alle haben uns bemüht irgendwie wieder anfangen zu leben im gewissen Maße trostlos in gewissem Maße war hatten

[2:25:48] wir Vorstellungen und Hoffnungen und wir waren jung und das ist eine große Sache jung zu sein   und positiv und wir haben nie gesprochen über das was war komisch wenn wir heute so zusammen kommen und wir denken daran wir haben nie uns erzählt was wir erlebt

[2:26:10] haben ich mit meiner Freundin die jetzt in Amerika lebt also die Marta und wir sind bis heute total befreundet wir können zwei Stunden am Telefon sprechen bei Nacht   erst Jahre Jahre später als wir schon Kinder hatten wir waren drei Mal in Amerika und sie

[2:26:28] waren da da langsam langsam erzählen wir erst über verschiedene Sachen nie haben wir erzählt ja und diese Freundschaft vom Waisenhaus die ist auch so fest geblieben mit manchen Kindern aber alle haben sie sich so zerstreut ja nachher viele sind gefahren

[2:26:49] nach Australien viele sind in Amerika manche sind in Israel mhm ein Mädchen ist uns verschwunden und wir wissen überhaupt nicht wo sie ist was mit ihr ist und äh auch die was uns in diesen Waisenhaus betreut haben so quasi aber so verantwortlich waren das

[2:27:11] waren auch Leute was im Lager waren und was äh vom Konzentrationslager irgendwie selber   b- bestimmt waren es war so   ich kann nicht sagen dass es war ein schönes Erlebnis aber es war das Beste was sein konnte es war schön dass es war dass man sich um uns

[2:27:37] überhaupt dass man dass man sich dass wir ein Dach überm Kopf haben dass man sich um uns gekümmert hat dass man dass wir etwas machen konnten mit uns also es war ja ganz trostlos man ist nach Hause gekommen und man war homeless man war o- ohne nix   niemand

[2:27:57] da   wohin   ziemlich   trostlos   man hat gemeint wenn der Krieg zu Ende ist wird alles wieder so sein wie es war ja wir kommen immer hat man erzählt ja wir werden wieder nach Hause kommen und wir Papa wird wieder arbeiten sein Patent und das und das wir

[2:28:24] werden neue Möbel haben wir werden neue Sachen kaufen alles wird anfangen wieder an dem Weg wo es zum Schluss kam man wird anfangen zu weiterlaufen aber nix war da nix ist nix war so wie es war alles war weg total   und wir waren anders wir waren anders total

[2:28:44] ich denke so ich bin heute ein ganz anderer Mensch als ich damals war ich bin ganz anders als ich war bevor ich nach Theresienstadt kam und ich bin ganz anders heute als ich war als ich zurückkam vom Krieg wieder in Prag äh also von dem Moment in Israel

[2:29:02] und in meiner eigenen vier Wänden und in diesen Land und äh so ist man irgendwie anders gewachsen wie wenn ich hätte drei Leben   heute seh ich die Sachen ganz anders und ich ich äh entscheide mich anders ich äh hab andere Werte ich äh meine Tochter hat

[2:29:25] einmal in der Schule gesagt »ja meine Mama die lacht wenn andere weinen und sie weint wenn andere lachen« [lacht] damals war sie vielleicht 15 hat sie gesagt »meine Mama ist komisch«   ja sind Fragen da ? ja das Leben zu erzählen ist viel leichter als

[2:29:51] es zu leben

Daniel Baranowski

[2:29:53] ich wollte Sie fragen ob Sie vielleicht noch mal weil ich glaube Sie haben -s noch gar nicht gemacht die Namen Ihrer Eltern sagen können

Eva Erben

[2:29:58] Marta Löwidt und Jindrich Löwidt Jindrich deutsch ist Henry Heinrich Henry ist englisch   ja

Barbara Kurowska

[2:30:09] und Sie haben dann in Prag Ihren Mann kennengelernt also kommen wir wieder an   diese Stelle

Eva Erben

[2:30:15] ja in Prag hab ich den Peter kennengelernt nachher dort bei der Proklamierung des äh israelischen Staat und wir sind nachher gegangen zum Mánes Mánes ist ein Kaffeehaus in Prag an der Moldau sehr schön sehr schön heute schon nicht mehr so schön aber

[2:30:32] damals war es wunderschön und haben dort getanzt und der Peter ist dort hingekommen ich war dort mit meiner Freundin und die Freundin hatte zwei Jungs gehabt einer war ihr Lieber und der andere war so mitgegangen und mit dem war ich quasi so irgendwie aber

[2:30:49] der hat mir überhaupt nicht gefallen aber so für den einen Abend war es OK und na- auf einmal ist der Peter angekommen mit einer Dame und äh hat sich herausgestellt dass die zwei Jungs wohnen bei ihm weil der Peter hatte eine kleine Garçonnière gehabt

[2:31:05] in Prag die hat er zugeteilt bekommen von der tschechische hmhmhm ich weiß was und die Jungens hat er dort als Gäste gehabt und da waren wir eine Gesellschaft und da war ich mit dem Peter ja also dort haben wir uns getroffen und jetzt haben wir uns getroffen

[2:31:20] haben angefangen zu tanzen no und das war schlimm und [lacht] sofort und er   hat gefragt wa- was meine Pläne sind und so da hab ich ihm erzählt ich fahr nach Australien und äh ich äh ich hab schon alles vorbereitet ich sollte fahren so in sechs Wochen

[2:31:43] alles ist vorbereitet und ich werd studieren ich äh will Ärztin sein ja und ich war damals das war er hat mich ja nie gesehen so normal als ich hab ihn oft auch getroffen immer mit einen anderen Mädchen in der tramvaj in der Elektrische und er hat solche

[2:31:59] Frauen gehabt so rot lackiert und äh und so und ich ich war irgendwie ich war anders aber n- nicht ich war nicht so mondän ich war so mehr in die Welt herein aber damals im Mánes hab ich Kleid gehabt mit ganz schönen Dekolleté und hohe Absätze und mein

[2:32:19] Haar war wunderschön weil nach diesen drei Mal kahl geschorenen Haar hab ich mein Haar so gehütet und ich hab herrliches Haar gehabt so lang und wellig und schöne Farbe na ja und das hat seine Sache gemacht also die Dame mit der er gekommen ist wurde sofort

[2:32:38] vergessen und äh [lacht] weitere Pläne wurde geschmeidet   no ja bis heute   lange 61 Jahre mit demselben Mann zu sein ist auch ein   in das Buch vom Guinness könnte man sich eintragen nicht [lacht] no ja   heutzutage ist es nicht so gang und gäbe dass

[2:33:12] man so lange   leidet

Barbara Kurowska

[2:33:15] wann haben Sie angefangen sich mit Ihrer Vergangenheit zu beschäftigen ?

Eva Erben

[2:33:21] wenn mich meine Kinder gefragt haben das äh ist mir immer sehr auf die Nerven gegangen wenn andere Leute mir erzählt haben also was war und wie es war und äh das Leiden und da und das jenes und haben es geschrieben und so okay ich glaube jeder will wissen

[2:33:40] etwas ja wie es aber eine Vergangenheit zu leben ist die ist äh das Leben zu vergeudigen was heißt und außerdem   mich hat niemand so gefragt am Anfang wollte ich ja erzählen und wenn ich was erzählt habe weil der Peter zehn Jahre älter ist alles als

[2:34:02] ich und seine Familie noch älter war und ich etwas gesagt hab zum Beispiel über die Leute in Postřekov da hat man gemeint ich spinne weil ich war zu jung ich kann mich nicht erinnern was heißt mein Vater hat ein Patent gehabt ? äh Juden haben mehr Geschäfte

[2:34:20] gehabt oder Fabriken aber nicht Patente oder auch ich weiß nicht man hat mich immer sehr komisch angeschaut und das ist gesagt okay bis hierher und nicht weiter und hab nichts erzählt nachher meine Tochter die ja der hab ich vom wegen den Großeltern weil

[2:34:38] ich ihnen ja zeigen wollte dass äh dass ich von irgendwo gekommen bin hat man ja etwas erzählt aber ich hab nie erzählt schlimme Sachen Auschwitz oder so das nie ich hab ja mit Humor hab ich die zwei linke Schuhe erzählt mit ein bisschen Humor hab ich

[2:34:58] erzählt den Spinat und äh oder »Onkel Rahm schon wieder Sardinen« ja diese das hab ich nicht erzählt wie dieser Besuch nach Theresienstadt gekommen ist von Roten Kreuz das war am Anfang hab ich gemeint das war der Lord Bernadotte aber das war nicht er

[2:35:15] das war etwas aus Dänemark Lord (Russell) ich hab vergessen wie er hei-

Daniel Baranowski

[2:35:20] Rossel

Eva Erben

[2:35:22] Rossel und da hat man den Kindern in Theresienstadt Brotscheib- br- -scheiben gegeben mit ra- Ros- mit Rosinen mit Sardinen beschmiert und die Kinder mussten warten auf eine Ecke irgendwo und wenn b- Bergl hat geheißen Burger Rahm Onkel Rahm Rahm hat er geheißen

[2:35:43] der Kommandant von Theresienstadt gekommen mit dieser Entourage seiner da muss man sagen »Onkel Rahm schon wieder Sardinen« und so »es geht uns schon durch die Nase wieder Sardinen essen« und das war bei uns wenn wir zwei oder drei Tage dieselbe Suppe

[2:36:00] oder dasselbe Essen hatten hat meine Tochter gesagt »Mama schon wieder Sardinen« ja also es war wieder schon wieder Sardinen also so hab ich erzählt über das aber zu erzählen wirklich hab ich angefangen als da in der Schule mein drittes Kind der war zehn

[2:36:18] Jahre alt   waren da solche äh Terroristen die sind gegangen und haben in den Schulen oder öffentlichen Gebäuden in die Mülleimer kleine solche Bomben gegeben das waren solche Spritzbomben ich weiß nicht was das war wenn Sie was herein die Kinder zum Beispiel

[2:36:37] Bananenschale oder so etwas hat es explodiert und ein Kind ist um ein Auge gekommen und man hat Angst gehabt in der Schule dass äh so etwas passieren kann und da haben die Eltern an sich genommen sich in den Schulen jeden Tag in der Früh zu melden und gehen

[2:36:55] und alles durchzusehen ob alles in Ordnung ist und so am Holocaust-Tag war mein Tag diese Eimer dort durchzusuchen und da bin ich dort gestanden und mit jemanden gesprochen und so auf auf einmal kommt die Lehrerin und sagt »Eva   könntest du nicht in die

[2:37:16] Klasse kommen und etwas den Kindern erzählen es ist Holocaust-Tag und die Sirenen haben da« da läuten immer die Sirenen und die Kinder stehen und gedenken also eine Minute Ruh »und etwas ihnen erzählen über die Zeit weil Amir« das ist mein jüngster

[2:37:32] Sohn »sagt du warst dort und du weißt verschiedene Sachen« es war das erste Mal dass mich jemand so

Daniel Baranowski

[2:37:38] wann ist das gewesen

Eva Erben

[2:37:39] das war im Jahre achtzig   da bin ich in die Klasse gekommen   und wo soll ich anfangen was soll ich sagen da hab ich angefangen mit Prag mit schönen Prag und mit der Moldau und mit den Erdbeeren und schwimmen und Ausflüge und Eltern und mein Kaninchen und

[2:37:59] meinen mein Papagei und äh und meine Spielsachen und so irgendwie ich hab mich verloren in meiner Kindheit und dann bin ich dann hat -s geklingelt und dann hat sie gesagt »na ja aber wir haben nix gehört über Holocaust wir haben gehört nur« und dann

[2:38:15] hab ich die zweite Stunde und so hab ich vier Stunden erzählt und irgendwie hab ich das märchenhaft auch Auschwitz und auch ich hab nicht diese Sachen erzählt so so ich hab ganz einfach   mit ein bisschen schol- Schokolade und Zucker und Sahne und

[2:38:31] am Abend

[2:38:33] haben angefangen Telefone und die Eltern von den Kindern haben gesagt »wir kennen dich so lange und wissen nicht« und so und die Kinder sind nach Hause gekommen und haben erzählt da hat sich meine Tochter die war damals 17 gekränkt und gesagt »das ist

[2:38:48] nicht fair du erzählst in der Schule du hast beim Amir bei uns nicht« und so und der Peter hat sagt »schreib schreib schreib schreib« so hab ich -s hebräisch aufgeschrieben so auf äh in einen Heft von der Schule von den Kindern und   mit viel Fehlern

[2:39:10] weil Hebräisch Aleph und Ajin und Chet und Khaph und He und all das sind alles Sachen das ich mach schlecht ich weiß nie wo und das werd ich auch nie wissen aber meine Kinder kennen sich aus und so hab ich -s geschrieben wie es ist und es ist sehr gut gegangen

[2:39:25] also es ist so geflossen von mir ich hab äh   geschrieben und dann hab ich -s gegeben einer Studentin sie soll mir alles reparieren dort alle meine Fehler und dann hat -s der Peter genommen in eine Druckerei man soll davon machen so 25 Hefte und die werden

[2:39:43] wir haben für die Familie und in die Schule no und in der Druckerei die war eine Frau und die hat gesagt »ich kann das ein bisschen stilisieren ich kann das ein bisschen machen wo ein Punkt sein soll und so Sie verstehen« gut soll sie machen also so haben

[2:40:01] wir das mit 25 Heften herausgegeben alleine und es ist in die Schule gegangen die Familie hat bekommen und so weiter nach einem Jahr circa wurde telefoniert von Tel Aviv von der Kibbuz HaMeuchad das ist ein Verleger da in Israel ob ich bereit wäre das Buch

[2:40:21] zu ver- veröffentlichen weil ein Kind hat das in der Schule in Tel Aviv gebracht zum Holocaust-Tag zu lesen irgendwie hat sich -s ein Buch hat äh ein einen Weg es geht und so ist es nach Tel Aviv gekommen und ich war selbstverständlich einverstanden und

[2:40:38] so ich hab das hebräische Buch irgendwo da vorbereiten Ihnen es zu zeigen aber irgendwo hab ich -s hingelegt nachher und so wurde es äh wirklich ich weiß nicht wie viel es ist schon die achte Ausgabe und es ist immer noch in denselben Zustand und ich war

[2:40:58] oft in Television da Holocaust-Tage und ich hab sogar einen Brief von Zvulon Hamer bekommen der war damals Schul- Schul- no in der Regierung wie sagt man das ? Schul-

Daniel Hübner

[2:41:14] Minister

Daniel Baranowski

[2:41:15] [gleichzeitig:] Minister

Barbara Kurowska

[2:41:17] [gleichzeitig:] Minister

Eva Erben

[2:41:18] Minister äh und mit also ein kleiner Dankbrief dass ich es sch- so in einer Weise so einer zivilierter Weise dieses Thema den Kindern gesagt habe ja also das Buch und nachher wurde es in Deutsche über- dann war da einmal Nathan Jessen der war für die deutsche

[2:41:43] Zeitung da verantwortlich aber er hat das ins Deutsche übersetzt   und mit dieser Übersetzung ist es auch irgendwo nach Deutschland gekommen wo es   wo der »Brundibár« nachher auch bekannt wurde und nach Jahren ist ein Brief beko- gekommen von einer Nonne

[2:42:07] Veronica Schritter Gritter Veronica Gritter in Weinheim glaube ich dass sie den »Brundibár« einstudiert hat mit den Kindern in äh Minsar im äh Kloster und da hat man sie eingeladen nach Israel in den Kibbuz Givat Haim   und selbstverständlich wir alle

[2:42:33] das ist schon vielleicht 35 Jahre her dreißig Jahre damals sind wir alle noch stramm gewesen alle haben uns begrüßt in Givat Haim und die Mädels haben auf die Jungs also der Pepíček war ein Mädchen weil das ist doch ein Kloster ein Mädchenschule und

[2:42:53] fantastisch schön war das und sie hat das die deutsche Übersetzung nach Weinheim genommen und ist damit gelaufen von einem Verleger zum zweiten und wollte das Buch etwas damit zu machen bis sie in Beltz gelangt hat Beltz ist in Weinheim und Beltz hat das

[2:43:16] genommen und das Buch veröffentlicht und jetzt zu der Lesung die war in Frankfurt die Lesung die Vorstellung des Buches und es wurden eingeladen äh dort in der deutscher ich weiß nicht in der jüdischer Kultusgemeinde Lehrer Psychologen Katholiken Juden

[2:43:38] Protestanten alles was Sie wollen und man hat vergessen auf die Nonne auf die Veronica und wir waren schon mit dem Peter in Frankfurt und gegen das sollte sein am Abend um sechs um zwei Uhr fragte Peter die Verlegerin »und die Schwester Veronica kommt ?«

[2:43:59] »uh ! die haben wir vergessen wie konnten wir« also schnell eine Telefon nach w- das ist nicht in Weinheim das neben ich werd mich erinnern nachher das ist neben an einen St- eine Stadt »no ja was gedenkt ihr mich einzuladen paar Stunden vorher ich hab hier

[2:44:19] auch was zu tun« ist eine sehr strikte Dame aber dann hat man sie abgeholt man hat sie abgeholt extra mit den Wagen so man sie gebracht und sie ist gekommen also mit den mit der Haube und so angezogen wie eine Nonne sie war wie wie vom Himmel so herunter

[2:44:37] gekommen wirklich wunderbar sie hat das Buch zur Welt gebracht   und äh mit ihren »Brundibár« wissen Sie äh die Rechte auf den »Brundibár« der der ist doch gestorben der lebt nicht der Hoffmeister und alle diese Leute das hat irgendein Amerikaner weiter

[2:45:00] Verwandter bezahlt irgendwie und er macht bis heute damit Geschäfte und diese Veronica was das wirklich so populasier- popularisiert hat nachher in Deutschland weil sie ist eine Halbjüdin sie war eine Halbjüdin und ihre Verwandte si- waren in Theresienstadt

[2:45:23] sie als Kind hat man in den Kloster gesteckt so dass sie nix mit den deutschen Regime zu tun hatte aber nach -n Krieg ist sie nach Theresienstadt gegangen um zu sehen wo die Verwandte geblieben sind und hat diese Partitur auf »Brundibár« gefunden und diese

[2:45:47] Partitur war ja nur auch für Piano es war keine Violine keine andere Instrumente nur Piano und sie hat das alles dazu gemacht also war Musikologin sie ist äh nachher blind geworden wir haben sie schon wir haben sie noch kennengelernt war sie mit einer starke

[2:46:06] Brille nachher war sie schon blind und noch immer gespielt   also es hat auch seine Tragödie   der »Brundibár« hat eine lange Geschichte   Kinder lieben ihn lieben ihn überall also in Prag hab ich den größten Erfolg weil die Kinder können ja Tschechisch

[2:46:25] und alle Schulen wo ich hin komm ist immer dieses Erzählen und äh nachher selbstverständlich der »Brundibár« und dann sagen sie »singen sie und singen sie uns den ›Brundibár‹« auch wenn sie ihn gehört haben irgendwo immer wollen sie also dort

[2:46:43] dort singe ich ihnen den »Brundibár« [lacht]   einmal hab ich den »Brundibár« gesehen wunderbar in einer religiöser nee nein in einer nicht Kapelle no in einen äh nicht Kloster no dort wo man betet ja in den Tempel nicht Tempel

Daniel Baranowski

[2:47:04] Kirche

Eva Erben

[2:47:06] in einer Kirche äh unter den Altar mit Jesus gekreuzt und so also der »Brundibár« sag ich fragen sie mich ob mich das nicht stört sag ich »nein im Gegenteil was heißt   Jesus war doch auch ein Jude« und ich glaube ich hab ihn sehr gern von meiner Sicht

[2:47:24] an bei mir bei mir ist er immer zu Hause auf den tschechischen Buch steht auch geschrieben das hat mir eine sehr sehr geschätzte Journalistin geschrieben in Prag »wenn jeder in solchen frühen Leben möchte wie wie Frau mit Moses und Jesus wie ich wäre

[2:47:45] die Welt schöner«   [lacht] no ja

Barbara Kurowska

[2:47:50] Sie haben dann nach dem Krieg Orte entlang der Strecke des Todesmarsches noch mal besucht und dann auch herausgefunden wie lange der Todesmarsch war könnten Sie davon erzählen

Eva Erben

[2:48:00] ja äh eine Zeit lang hat mich eine Dame angerufen immer hierher nach Israel und die wollten die wollte ich soll ihr erzählen und sie hat gefragt verschiedene Sachen aber ihr Deutsch war total nazistisch so so so ge- so steif und so so r- so irgendwie messerschneidig

[2:48:20] ich konnte sie nicht leiden und da hab ich mir gesagt »ich bin nicht zu es tut mir schrecklich Leid Frau Erben ist nicht zu Hause« kennt mich doch nicht kann sagen und äh so so ist es drei Jahre hab ich sie so zur Seite geschoben bis wir nach Theresienstadt

[2:48:37] gefahren sind mit Präsident Herzog damals hat man einen Stein von Jerusalem in nach Theresienstadt auf diesen Friedhof dort gegeben und wir paar Tschechen sind mit ihm gefahren also nach hin es hat geregnet es hat geschüttet als wir dort am Friedhof standen

[2:48:55] und äh also der Himmel hat geweint hab ich gesagt und auf einmal steht eine Dame neben mir ganz herzig und so sagt »Sie sind Frau Erben« sag ich »ja« »ich bin Cordula Kappner« ja war da diese Dame was mich sucht schon drei Jahre sag ich »ja schön

[2:49:13] mhm gut« ganz sympathisch alles in Ordnung »kann ich Sie sprechen ?« »gut ja nicht jetzt nachher« also nächsten Tag haben wir uns besprochen in der Kaserne irgendwo auf der Bank sind wir gesessen und ich hab entdeckt was eine ganze Welt hat sie mir aufgemacht

[2:49:30] sie war eine Bibliothekerin in Haßfurt hat sie eine Bibliothek geleitet und hat sich interessiert über das äh das Schicksal der Juden in den Haßbergen und in äh dort überhaupt und dieser Todesmarsch hat sie ganz äh interessiert das war das schwerste

[2:49:53] der einzige der schlimmste der katastrophalste Todesmarsch der längste was es überhaupt gab   und sie hat mir meine sie hat mir zurückgegeben alle diese die ganze Zeit was ich nicht wusste wo ich war ich hab nicht die ho- Städte gekannt ich hab nicht den

[2:50:14] Weg gewusst äh und mit -n Auto sind wir zusammen gefahren und sie ist stehen geblieben bei all den Bauern ich hab äh einen Priester wo wir bei in bei der Kirche geschlafen haben dort äh die Bauer hab ich getroffen welche dort waren und ich kann mich erinnern

[2:50:33] auf einen Gut waren wir irgendwie das war ein großes großes Gut und dort waren Säcke mit Getreide und wir haben die Säcke aufgemacht und das Getreide kann man essen das ist sogar sehr gesund man darf nur nicht die Schalen weil das machts nicht gut die

[2:50:50] Magen aber was unsere Magen und wir haben die Säcke dort aufgegessen also mit alles und äh und da haben sich die und ich hab mich gut erinnert und die Leute haben mir das erzählt also Sachen hab ich erfahren und überall wo ich hinkam sind enorme Quantitäten

[2:51:08] von Essen gekommen Kuchen und Fleisch und Knödel und alles mögliche sag ich ich bin wirklich schon nicht mehr die hungrige [lacht] der hungrige Invalid was da war aber es war rührend alle diese Leute ja und da haben sie auch erzählt »die Scheune mussten

[2:51:27] wir geben die Deutschen das war ein Befehl von der Kommandantur von der Nazi-Kommandantur« ich weiß was dass man muss zur Verfügung stellen den Platz und ja das auch dort waren solche polnische äh deutsch-polnische Bauern die die haben gesoffen und wenn

[2:51:49] Leute besoffen sind dann sind sie da da kann man ihnen ja da machen sie schreckliche Sachen   das ist äh also es waren solche und es waren solche es waren Leute aber ganz sicher nicht alle waren Mörder und nicht alle eine alte Frau hat mir erzählt ja eine

[2:52:10] alte Frau sie ist jünger als ich aber sie hat wirklich so alt ausgesehen damals die sind gerade aus der Schule gekommen als wir mit der Kolonne gegangen sind und da haben Deutschen gesagt den Lehrern sie sollen die Kinder wegräumen also wie räumt man weg

[2:52:25] Kinder sind alle Kinder gegangen unten bei der Straße ist ein wie heißt das eine Mulde so wo das Wasser fließt manchmal manchmal ja manchmal nicht Straße und ein Graben sind sie in den Graben so herunter gesprungen und sie haben uns gesehen zu gehen und

[2:52:43] dann sagt die Frau »ich bin nach Hause gegangen hab der Mama gesagt ›solche Menschen solche Menschen wie sie sich da schleppen Mama kann man ihnen nicht etwas geben‹« na ja halt »Kind« ja und sie durften nicht heraus die Leute sie durften uns nicht

[2:53:00] helfen weil einmal ist ja eine Frau gekommen mit Brot und Wasser und da hat äh irgendein SS oder irgendein anderer Nazi auf sie geschrien »wenn du nicht abhaust kannst du gleich mit marschieren !« also diese Sprache was sie hatten diese Leute d- das ist

[2:53:20] unglaublich äh unglaublich diese diese Kultur dieses Bellen die haben doch nicht gesprochen die haben nur gebellt es war kein ähm   unglaublich was das für

Daniel Baranowski

[2:53:34] hat hat sich eigentlich Ihr Verhältnis zur Sprache dann verändert zum Deutschen

Eva Erben

[2:53:39] ja ja total ich hab wollte nicht Deutsch sprechen kein Wort ich und äh wenn das Buch das erste Mal in Frankfurt äh nachher dieses ich hab nicht gelesen und ich hab mit niemandem deutsch gesprochen ja Englisch wenn man mit mir sprechen kann Tschechisch äh

[2:53:56] auch Französisch mit meinen schlechten Französisch äh kein Deutsch kein Deutsch lange Zeit lange Zeit bis alle gute Leute Lehrerinnen und so weiter na was können solche Menschen dafür dass einmal ein Hitler war ein Eichmann war was können Sie da- ist

[2:54:15] doch ein schwachsinnig muss man sein um äh um euch zu hassen das geht nicht also langsam langsam und außerdem der Peter war auch immer sehr mehr als ich ja der hat Deutsch gesprochen seine Ku- deutscher Kulturkreis und seine deutsche Sprache und seine Goethe

[2:54:33] und Schiller und äh was die waren äh was haben die mit Nazi-Deutschland zu tun also der hat mich sehr dazu gebracht um alle diese Sachen ich wollte nicht mit -n Zug fahren also ist der Peter auch hat gekauft erste Klasse ich weiß nicht einen j- j- den schönen

[2:54:53] neuen Zug was damals in Prag war und hat Kaffee bestellt und alles ich so nur keine diese haben und ich ich ich war nachher ja netter in Frankfurt ist so eine Sache passiert dass sie wollten ich soll mindestens von den hebräischen Buch lesen meine Stimme

[2:55:10] weil jemand hat ich weiß nicht was sie auf meine Stimme haben etwas hat gesagt ich habe jemand hat gesagt ich hab eine dreidimensionale Stimme [zum Kameramann] hören Sie etwas davon ? und ich soll mindestens von den Buch lesen also von den hebräischen hab

[2:55:23] ich gelesen und hab vorher gefragt jemand versteht da überhaupt Hebräisch wenn ich Fehler mache oder so hat eine Frau gesagt »ja ich bin aus Israel ich bin da Lehrerin und mein Mann arbeitet auf der äh auf der Gesandtschaft« »von wo sind Sie aus Israel ?«

[2:55:41] »Sie werden nicht kennen ich bin auf aus einer ganz kleine Stadt im Süden« »ja von wo ?« »mhm aus Ashkelon« »sagen Sie nicht   aus Ashkelon ?« »ja« ja »und wessen Kind sind Sie denn in Ashkelon ?« Ashkelon ist so klein und sie war damals äh an die

[2:55:57] dreißig noch damal- nicht einmal »sag ich ja wir haben gelebt in eine ganz in einer Ecke so ganz verste- verloren wir hatten einen Gut äh mein Vater war ein äh wir hatten Kühe« sag ich »ja ? und haben Sie auch so Milch verkauft für Leut-« »ja« »und

[2:56:22] sie heißen Bilha« »ja ?« »und Sie sind die Tochter« jetzt hab ich vergessen »ja ?« dort hab ich Milch gekauft und bin immer mit meinen kleinen Sohn gegangen so auf der Hüfte und mit einen Topf weil ich wollte die frische Milch haben na also so haben

[2:56:39] wir uns getroffen die kleine Welt und so hab ich hebräisch gelesen in Frankfurt aber ja und alle diese Leute diese Lehrerinnen alle diese Schulen wo ich war man hat mich so herrlich immer willkommen und die Kinder waren auch so äh ein Mädchen wenn sie mich

[2:56:56] fragt »sind Sie nicht böse auf uns nach all dem was Sie da erlebt haben« und so also »ich hab meinen Großvater gefragt und ich hab meine ja mein Großvater war bei der SS aber er war im im   in der sch- in der Kapelle er hat gespielt« oder so also ganz

[2:57:12] solche oder »mein Bruder war bei der Hitlerjugend und er hat so gelitten damals mussten wir gehen weil man hat bombardiert« die haben auch schweres Leben gehabt diese Leute waren nicht alle Feuer und Flamme die Juden zu umbringen ich glaube sehr wenig waren

[2:57:28] das war so eine fantastische Propaganda und das war so eine Zeit und und wenn ich heute so weiß und nachdenke über den Ersten Weltkrieg und über über das was nachher war Versailles und das Abkommen und die Politik ganz sicher ich hab so viele gute und

[2:57:48] liebe und äh Menschen was bis heute Freunde sind und welche ich gern besuche und welche ich einlade und eine kleine Episode werd ich noch erzählen der Peter hat gearbeitet im Süden wo noch kein Verkehr war hat dort gebaut und äh da war nach den Sechstagekrieg

[2:58:06] und ihr junge deu- Leute sind nach Israel gekommen und man wollte ja wissen wer die Jud- wer sind diese Israelis wie schaut das aus und äh das sind ganz außergewöhnlich fantastische Leute was gekommen sind und äh aber ich hab immer mein Anti gehabt ich

[2:58:24] will mit keinen Deutschen nix zu tun haben weil wenn er nicht dann seine Urgroßeltern ich war blöd ganz einfach so ist der Peter eines Tages gekommen mit zwei Kindern her- verhungert und äh auch vertrocknet er hat sie gefunden als Trampisten da am Weg und

[2:58:42] hat sie nach Haus gebracht   Schweden aus Schweden sind sie gekommen blond blauäugig schön die waren ganz tot ich hab sie da hingelegt und äh den Arzt haben sie nicht gebraucht aber viel trinken und so weiter und so weiter und in der Früh war alles in Ordnung

[2:59:01] haben da im Garten gesessen beim Kaffee Milch Butterbrot »von wo seid ihr Dänemark Schweden« »nein wir sind aus München« »ah« [lacht] »und was was hatte euch hierher gebracht« no »wir wollten Israel sehen« und so weiter also ganz liebe diese und

[2:59:23] da haben wir gedacht na ja zwei Kinder und äh hab ich ihnen so ein bissel nur erzählt äh jeder fragt »wieso können Sie Deutsch ?« oder so und mein tschechischer Akzent dazu und da hab ich ihnen gesagt dass meine meine Schuljahre in Deutschland und so

[2:59:40] und äh die haben also die haben wirklich zugehört und die haben gefragt und die wollten wissen und i- aber ich hab gesehen wie peinlich es ihnen ist und die haben mich auch irgendwie dazu gebracht dass ich ihnen gesagt hab ihr könnt ja nicht dafür es muss

[2:59:57] euch nicht peinlich sein weil kann ich etwas dafür was dass meine Kinder vielleicht wenn mein Kind äh Kommunist ist oder etwas ich kann auch ja nix dafür aber man muss Brücken schlagen man muss irgendwie verstehen und äh ja  

[3:00:17] aber schwer war das und schade

[3:00:21] schade dass die Menschheit es zugelassen hat dass es dazu gekommen ist dass eben wissen Sie in in äh Berlin hat man mich eingeladen in das Jüdische Museum und man hat mich gefragt ob ich bereit wäre mit Kindern aus neonazistischen Familien zu sprechen und

[3:00:41] ja ich war sehr bereit selbstverständlich und da sind so zwölf Jungs und zwei Mädchen gekommen und das war alles im Museum mit -n Lehrer alle waren sie so angezogen und beschlagen mit den verschiedenen Ringen und so äh schöne Kinder schöne Kinder wirklich  

[3:00:59] gut gewachsen   aufgewacht und so haben sich hingesetzt   und ich hab gesagt ich fühl mich wirklich so ganz äh äh froh dass ich kann mit ihnen sprechen und ich möchte so gern sie sollen mir sagen was heutige Jugend in dieser Ideologie des Nazismus sieht

[3:01:28] Ideologie was zu so viel Trauer Tränen Unglück Tragödien gebracht hat was gefällt ihnen heute daran was stört sie störten sie die Fremdarbeiter die Türken die die Zigeuner die Juden alle diese Leute was sie glauben dass sie das äh Brot wegnehmen von

[3:01:53] den deutscher äh Bevölkerung die Arbeit dass sie nehmen ich kann das verstehen aber muss man sie deswegen ermorden muss man sie muss man sie anzünden die Wohnungen muss man sie erschlagen sagt mir was ist bei euch der Knospen was ist der Keim dieser dieser

[3:02:16] Ideologie kein Wort haben mir diese Kinder gesagt die haben sich angeschmunzelt die haben sich ange- dieses   gelacht haben sie so debil und kein Wort haben sie mit mir gesprochen und da hab ich gesagt okay wenn wenn ihr nicht spricht werde ich sprechen und

[3:02:37] hat ich ihnen angefangen zu erzählen ich will euch einen Tag in Auschwitz erzählen einen Tag von Todesmarsch und ich hab erzählt die schlimmste Sachen was passiert sind was ich gesehen hab und alle ich hab wirklich ges- gesprochen nicht schön alles so

[3:02:55] ganz nackte Wahrheit die haben die Augen so herunter und nicht auf mich gesehen und kein Wort mit mir gesprochen die ganze Zeit nicht einmal sch- auf Wiedersehen gesagt wie sie gegangen sind nachher hat der Lehrer telefoniert und sich so entschuldigt hat gesagt

[3:03:14] ja mhm es war ihnen peinlich den Kindern selbstverständlich und äh gut okay aber da wurde doch ein Gespräch ich bin ja für sie ich bin überhaupt eine alte Dame da was eben als Kind so etwas erlebt hat und ich komm sie nicht zu ich komm ihnen nicht sagen

[3:03:36] mach nu nu nu ich komm ich komm fragen was ihnen so gefällt [schüttelt den Kopf] keine Reaktion und deswegen glaube ich sind diese Leute auch irgendwie mental äh wie sagt das schön in deutsch zurückgest- -blieben weil äh   ich weiß nicht äh Eichmann

[3:04:01] und Mengele waren sicher intelligent und viele intelligente Leute wenn man geht in Potsdam und man sieht in äh in Villa Wannsee alle diese Leute waren sie ganz sicher nicht dumm es waren ganz intelligente Menschen und was ist das da   also man muss irgendwie

[3:04:26] ich glaube nur nur erziehen und erziehen und erziehen und erziehen aber wo kommt die Erziehung man sieht es überall man sieht es da diese fanatische Glaube was überall auf der Welt die Oberhand jetzt bekommt   wohin geht die Menschheit war nicht genug von

[3:04:48] all dem was war   irgend- irgendein Messias aber wie sagt man das deutsch ein ein nicht ein Prophet irgend irgend es sollte kommen ein positiver Hitler wie der Hitler die Menschheit so an sich ziehen konnte ja was war er im Ganzen und Großen jeder man hat

[3:05:11] geglaubt er die ähm die Welt wird besser sein es wird genug Arbeit sein und Essen sein für alle und äh ja er hat der Welt etwas gegeben wäre es in positiven Wegen gegangen wäre er mit mit den Juden gegangen mit den Know-how mit dem äh mit dem was die

[3:05:32] Juden so positives in sich haben wäre er doch wäre ein Mensch wie Hitler ideal wäre das die Welt besser gemacht   einen Glauben für allen allen einen Herrgott für allen nicht du schlägst meinen Gott ich schlag deinen Gott nein ein Gott eine Jesus Christ

[3:05:50] soll da sein fertig   ohne zu ich möchte die Welt irgendwie besser machen wenn ich noch einmal zur Welt komme als Gott [lacht]   ich hab immer gesagt dass die Holocaust-Zeit das ganze Schlimme muss etwas Positives haben nachher man kann nicht nur gedenken die

[3:06:17] Gaskammern und die man soll gedenken diese große moralische Kraft der Menschen und dieses andere Sehen der Welt was es gegeben hat wa- was es bei den Menschen hervorgerufen hat und dieses dieses schreckliche Nix was es geleistet was es gemacht hat wozu war

[3:06:40] das gut um vernichten um   um vernichten die Menschheit die der Glaube was hat was hat Gutes d- [Telefon klingelt; Schnitt] fragen Sie

Barbara Kurowska

[3:07:00] möchten Sie noch etwas hinzufügen ?

Eva Erben

[3:07:02] [seufzt] ich möchte gern dazufügen dass äh die Menschen irgendwie dass ein gesundes und glückliches Leben haben aber dass sie immer irgendwie zu der zu der humane zu dem Humanismus und zu der Wahrheit stehen und dass sie ja nicht die Menschen betrachten

[3:07:25] dass der schlecht ist wegen dem dass er ein Türke oder ein Jude oder Zigeuner oder ich weiß nicht was ist oder ein Katholik oder was immer dass der Mensch als Mensch wertvoll ist und dass das Leben wertvoll ist dass man nicht lebt um den Tod zu hochpreisen

[3:07:43] sondern das Leben und das heute viele Gesellschaften und viele äh politische Richtungen eben den Tod als eine einen Preis legen und nicht das Leben und das ist glaube ich der höchste Wert was man hat ist das Leben und man kämpft für das Leben und äh man

[3:08:07] soll mit den Leben etwas Gutes machen   und ich glaube das ist das größte Geschenk was man der Menschheit geben kann   ein richtiges gutes schönes Leben

Barbara Kurowska

[3:08:21] dann bedanken wir uns sehr herzlich für Ihr Zeugnis Frau Erben

Eva Erben

[3:08:29] ja ich bedanke mich auch dass ihr meine Worte weiter fließen lässt

Daniel Baranowski

[3:08:35] vielen Dank

Datum Ort Text
ab 1930 Tetschen Geburt als einzige Tochter eines Chemikers und einer Hausfrau
ab 1936 Prag Umzug nach Prag
ab 1939 Prag Zwangsausweisung der Familie aus ihrer Villa
1941 - 1944 Theresienstadt (Ghetto, Konzentrationslager) Deportation mit den Eltern nach Theresienstadt, Beteiligung an der Aufführung der Kinderoper »Brundibár«
ab 1944 Auschwitz II-Birkenau (Vernichtungslager) Deportation mit der Mutter
ab 1945 Deutschland Todesmarsch von Groß-Rosen nach Westen
ab 1945 Christianstadt (Konzentrationslager) Verschleppung in ein Außenlager von Groß-Rosen
ab 1945 Deutschland Tod der Mutter während des Todesmarschs
ab 1945 Hermannstädtel Unterkunft bei der Tante
ab 1946 Prag Unterkunft im jüdischen Waisenhaus, Krankenschwesternausbildung
ab 1948 Paris Heirat mit Peter Erben
ab 1948 Prag Begegnung mit Peter Erben bei einer Versammlung anlässlich der Unabhängigkeitserklärung Israels
ab 1949 Haifa Geburt der Tochter Daniela
ab 1950 Aschkelon Umzug nach Aschkelon und Arbeit als Krankenschwester
ab 1953 Aschkelon Geburt des Sohns Alon
ab 1970 Aschkelon Geburt des Sohns Amir
ab 1980 Aschkelon erster Auftritt als Zeitzeugin vor der Schulklasse des Sohns
Israel Veröffentlichung von Zeitzeugenberichten in hebräischer, deutscher, tschechischer und englischer Sprache
Haifa Immigration nach Israel
Bandol Zwischenstation in Erwartung auf das nächste Schiff nach Israel
Postřekov Versteck bei einer tschechischen Bauernfamilie
Eva Erben wurde am 30. Oktober 1930 als Eva Löwidt im böhmischen Tetschen geboren. Sie war das lang ersehnte Kind des jüdischen Ehepaars Marta und Jindrich Löwidt. Eva Erbens Vater war ein Chemiker und Erfinder, der an der Entwicklung eines Kunststoffes – Bakelit – arbeitete, während die Mutter den Haushalt führte. Die frühe Kindheit Eva Erbens in Tetschen war unbeschwert und glücklich; sie besuchte einen jüdischen Kindergarten und genoss viel Aufmerksamkeit und Zuneigung seitens ihrer Eltern. Zu Hause beging man die jüdischen Feiertage, Eva Erben lernte aber auch viel über christliche Traditionen durch den Umgang mit ihrem tschechischen Kindermädchen. Sie wuchs zweisprachig auf, denn neben Tschechisch beherrschte sie auch frühzeitig Deutsch.
1936 musste die Familie Löwidt aufgrund des wachsenden Antisemitismus in Tetschen und im umliegenden Sudentenland nach Prag ziehen. Der Vater betrieb in Prag eine Fabrik, die Gummierzeugnisse herstellte, und die Familie wohnte in einer Villa im Stadtteil Strašnice. Als kleines Mädchen spürte Eva Erben die politischen Veränderungen um sie herum kaum; ihren Eltern gelang es, ihr ein Zuhause voller Geborgenheit und Liebe zu schaffen.

Nach dem Einmarsch der Wehrmacht 1939 und der Errichtung des Protektorats Böhmen und Mähren begann Eva Erben, die antijüdische Stimmung in Prag stärker wahrzunehmen. Hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, in Prag zu bleiben und der Überlegung, auszuwandern, trafen ihre Eltern erste Vorbereitungen für eine Ausreise. Obwohl Eva Erben die Möglichkeit gehabt hätte, mit einem Kindertransport nach England zu fahren, wollte sie nicht von ihren Eltern getrennt werden. So blieb die Familie gemeinsam in Prag. Noch im Jahre 1939 wurde die Familienvilla enteignet und sie war mit den Eltern gezwungen, in eine kleinere Wohnung zu ziehen.
Im Dezember 1941 wurden die Löwidts über ihre bevorstehende Deportation nach Theresienstadt benachrichtigt. Sie mussten bis auf wenige Dinge alles zurücklassen und sich zur Sammelstelle im Prager Messegelände begeben. Von dort wurden sie ins Ghettolager Theresienstadt deportiert.
Bei der Ankunft wurden Eva Erben und ihre Mutter vom Vater getrennt; erst Wochen später wurde die Familie wieder vereint. In Theresienstadt musste die Zwölfjährige im »Jugendgarten« arbeiten, wo die jungen Häftlinge Gemüse anbauten. Im Lager waren Jugendliche besser versorgt als andere Häftlinge, denn sie bekamen zusätzliche Lebensmittelrationen und wurden von hingebungsvollen Erziehern betreut – so konnten sie auch in der Lagerhaft weiter lernen und ein in Ansätzen normales Leben führen.
Im Ghettolager Theresienstadt gab es ein sehr reiches kulturelles Leben: Zum einen, um die Außenwelt zu täuschen, zum anderen, weil es für die Häftlinge eine Flucht vor dem Lageralltag bot. Eva Erben spielte in der Aufführung von Hans Krásas Kinderoper »Brundibár« mit. In der Oper verkörperten die Hauptfiguren Gut und Böse, wobei am Ende das Gute gegen das Böse siegte. Die Kinder in Theresienstadt schöpften Hoffnung aus dieser Geschichte, die 1943/1944 über fünfzig Mal aufgeführt wurde. Die meisten der Kinderdarsteller wurden bald darauf im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ermordet – die Erinnerung an sie zu wahren, war Eva Erben ein besonderes Anliegen nach dem Krieg.

In Theresienstadt begegnete sie zum ersten Mal ihrem zukünftigen Ehemann Peter Erben. 1948 trafen sie sich erneut in Prag und verliebten sich auf Anhieb. Sie beschlossen, ihre gemeinsame Zukunft in Israel aufzubauen. Über Paris fuhren sie nach Südfrankreich, wo sie mehrere Wochen auf ein Schiff nach Israel warten mussten. Nach der Einreise in ihre neue Heimat ließen sie sich zunächst in Haifa nieder, wo ihr erstes Kind geboren wurde. Aufgrund der Wohnungsnot war der Neuanfang in Israel nicht einfach. 1951 zog das Ehepaar Erben nach Aschkelon im Süden Israels um, wo Eva Erben als Krankenschwester arbeitete. Dort baute Peter Erben, der Bauunternehmer war, eigenhändig das gemeinsame Familienhaus.
[Fortsetzung der Verfolgungszeit auf Nachfrage der Interviewer]
Im Oktober 1944 wurde Eva Erbens Vater aus Theresienstadt zum vermeintlichen Zwangsarbeitseinsatz verlegt. Bald darauf konnten sich weitere Häftlinge freiwillig zum Weitertransport melden: Sie meldete sich mit ihrer Mutter in der Hoffnung, dem Vater folgen zu können. Ziel des Deportationszuges war jedoch das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau.

Bei der Ankunft an der Rampe in Auschwitz-Birkenau herrschte Chaos und Panik. Bei der Selektion, die Lagerarzt Josef Mengele durchführte, gab sie vor, bereits 18 Jahre alt zu sein, wodurch sie zusammen mit ihrer Mutter zur Zwangsarbeit bestimmt wurde. Der Anblick der ausgemergelten Häftlinge und die menschenunwürdige Aufnahmeprozedur waren ihr unbegreiflich.
Die Nähe zur Mutter spielte für ihr Überleben eine zentrale Rolle. Durch Gespräche und Erzählungen schufen Mutter und Tochter sich eine imaginäre Welt, die es ihnen erlaubte, nicht an den Zuständen und der Gewalt im Lager zu verzweifeln.
Im Winter 1944/1945 wurden Eva Erben und ihre Mutter auf einen Todesmarsch in Richtung Groß-Rosen geschickt. Bei der Ankunft in einem Außenlager des KZ Groß-Rosen [KZ Christianstadt] bekamen alle Häftlinge eine Spritze verabreicht – Eva Erben bekam davon eine schwere Entzündung. Ihre Mutter und zwei Freundinnen schafften es, sie heimlich wieder gesund zu pflegen. Nach ihrer Genesung wurde sie als Dienstmädchen beim Lagerkommandanten eingesetzt. Dies war eine relativ gute Arbeitsstelle, denn sie war tagsüber im beheizten Haus des Kommandanten. Sie freundete sich mit ihrer ungarischen Mitgefangenen Goldi an, durch die sie während dieser Zeit auch Ungarisch lernte.
Im Frühjahr 1945 wurden die Häftlinge des Außenlagers auf einen Todesmarsch getrieben. Sie mussten jeden Tag weite Strecken gehen und in Scheunen übernachten. Viele Häftlinge starben vor Erschöpfung oder wurden von den Posten erschossen, weil sie nicht mehr weitergehen konnten. Als die Kolonne in einem Lager nahe der tschechischen Grenze rastete, starb auch Eva Erbens Mutter im Beisein der Tochter an Erschöpfung. Die Leiche der Mutter wurde markiert, weggebracht und verbrannt.

Einige Tage später wurde Eva Erben an einem Rastplatz auf dem Todesmarsch von den Posten versehentlich zurückgelassen. Keiner hatte bemerkt, dass sie sich unter einer Decke verkrochen hatte und noch schlief, als die Kolonne abmarschierte. Ein polnischer Zwangsarbeiter weckte sie auf und riet ihr, wegzulaufen. Auf der Flucht begegnete sie als erstes einem deutschen Soldaten, der desertiert war. Dieser erklärte ihr, wie sie zur tschechischen Grenze kommen würde.
Eva Erben fand im Dorf Postřekov Unterschlupf bei einer tschechischen Bauernfamilie. Aus Angst davor, denunziert zu werden, verbarg sie ihre jüdische Identität und gab an, eine christliche Tschechin zu sein. Geschwächt von den vielen Wochen auf dem Todesmarsch wurde sie von der Bauernfamilie liebevoll umsorgt. Erst nach Kriegsende verriet sie ihren Rettern ihren wahren Namen.
Während für die meisten Menschen das Kriegsende ein freudiges Ereignis war, war es für sie ein einsamer und trauriger Moment, denn sie wusste, dass die Menschen, die sie am meisten geliebt hatte, gestorben waren. Über eine Hilfsorganisation in Prag erfuhr sie, dass ihre Tante in Hermannstädtel nach ihr suchte. Sie verließ bald darauf Postřekov und fuhr zu der Tante.
Diese hatte sich als Nichtjüdin zum eigenen Schutz vom jüdischen Onkel während des Kriegs scheiden lassen, wodurch sie nicht unmittelbar unter der Verfolgung zu leiden hatte. Aus diesem Grund konnte sie jedoch nicht nachvollziehen, was die erst 15-Jährige durchgemacht hatte. Die Beziehung zwischen Tante und Nichte war sehr schwierig, und nicht selten wurde Eva Erben für ihre durch die Lagerzeit entstandenen Bildungslücken verspottet. Sie war sehr unglücklich und plante heimlich ihre Ausreise nach Prag. Nach wenigen Monaten verließ sie die Verwandtschaft in Hermannstädtel und fuhr nach Prag, wo sie ein jüdisches Waisenhaus bezog.

In Prag holte sie ihre Schulbildung nach und machte eine Ausbildung zur Krankenschwester. Im Waisenhaus schloss sie Freundschaft mit anderen Jugendlichen, die die Lager überlebt hatten, doch man sprach nicht über das Erlebte. Nachdem sie Peter Erben wiederbegegnet war, begann das Paar, Pläne für eine gemeinsame Zukunft zu schmieden.
Eva Erben schwieg jahrelang über die Lagerzeit, unter anderem, weil viele ihr keinen Glauben schenken wollten. Ihren Kindern erzählte sie nur humorvolle Episoden, um sie vor dem Grauen zu schützen. Erst 1980 erzählte sie ihre Geschichte vollständig: An Jom HaShoa, dem israelischen Holocaust-Gedenktag, berichtete sie von ihren Erlebnissen vor der Schulklasse ihres jüngsten Sohnes. Die positiven Reaktionen von Schülern und Eltern gaben ihr den Anstoß, ihre Geschichte aufzuschreiben und herauszugeben. Sie begann, regelmäßig vor Schulklassen zu sprechen, sowohl in Israel, als auch in Deutschland und in der Tschechischen Republik. Sie setzte sich auch mit den Orten ihrer Verfolgungsgeschichte auseinander, indem sie mit einer deutschen Bekannten die Strecke des Todesmarsches zurückverfolgte.
In ihrer Gedenkarbeit wollte Eva Erben auf die Bedeutung von Erziehung aufmerksam machen: Nur durch Bildung und positive Vorbilder könnte man sicherzustellen, dass die Geschichte sich nicht wiederholt.