Chanan Bachrich (*01.02.1924, Aussig)
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- Signatur
- 01142/sdje/0038
- Institut
- Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin
- Sprache
- deutsch
- Ort und Datum der Aufnahme
- Ramat Gan, den 22. November 2011
- Dauer
- 02:31:22
- Interviewter
- Chanan Bachrich
- Interviewer
- Barbara Kurowska , Daniel Baranowski
- Kamera, Licht und Ton
- Daniel Hübner
- Redaktion
- Teresa Schäfer
- Transkription
- Teresa Schäfer
Sein starker Überlebenswille gab Chanan Bachrich den Mut zur Flucht aus dem Ghetto Zamosch und die Erkenntnis, dass er nur mit der Unterstützung anderer Menschen das Kriegsende erleben würde. Durch einen ausgeprägten Gemeinschaftssinn und gegenseitige Hilfe überlebte er mehrere Ghettos und Konzentrationslager. Chanan Bachrich wurde 1924 als zweites Kind einer assimilierten jüdischen Familie im böhmischen Aussig geboren. Als Halbwaise wuchs er in Prag auf und erlebte dort als 15-Jähriger den Einmarsch der deutschen Wehrmacht und die Entrechtung der jüdischen Bevölkerung. Im Alter von 18 Jahren wurde er zunächst in die Ghettos Theresienstadt und Zamosch und anschließend in die Konzentrationslager Auschwitz, Warschau und Kaufering deportiert. Er schaffte es stets, sich mit anderen Häftlingen zu solidarisieren und so zu überleben. Nach seiner Befreiung kehrte er nach Prag zurück, wo er heiratete und seine Ausbildung zum Elektriker und Flugzeugmechaniker abschloss. Gemeinsam mit seiner Frau wanderte er 1949 nach Ramat Gan, Israel, aus. Er eröffnete eine Kfz-Werkstatt und gründete eine Familie. Zum Zeitpunkt des Interviews war Chanan Bachrich 87 Jahre alt.
Vorkontakte
schriftliche Kontaktaufnahme und Telefonat zur Besprechung des Lebenslaufes mehrere Wochen vor dem Interview, gemeinsames Vorgespräch mit allen am Interview Beteiligten am Tag vor dem Interview
Bedingungen
schwierige Licht- und Tonverhältnisse, da das Interview im Schwimmbad der Seniorenresidenz stattfand
Gruppensituation
zwei Interviewer, ein Kameramann
Unterbrechungen
drei; zwei wegen Hintergrundgeräuschen, eine abgesprochene längere Pause
Protokoll
Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin
[0:00] es ist der 22ste November 2011 wir sind in Ramat Gan in Israel und wir machen heute ein Interview mit Chanan Bachrich für das Projekt »Sprechen trotz allem« das ist ein Projekt der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas und wird unterstützt
[0:12] von der Kulturstiftung des Bundes ich bin Barbara Kurowska und führe das Interview zusammen mit Daniel Baranowski durch Daniel Hübner ist für die Technik zuständig [Schnitt]
[0:21] ja ?
[0:27] mhm
[0:28] [räuspert sich] also mein Name ist äh Hans heute Chanan Bachrich ich wurde am ersten Zweiten 1924 in Aussig an der Elbe geboren [räuspert sich] wir lebten zwar damals in Deutschland in Bochum Langendreer aber meine Mutter zog es vor zu ihren Eltern äh
[0:52] mich zu gebären und dann haben wir bis zum Jahr 1930 in Deutschland gelebt mein Vater hatte dort einige Möbelgeschäfte ich hatte noch eine äh zehn Jahre ältere Schwester und im Jahr 1930 [räuspert sich] hat sich mein Vater das Leben genommen und zwar
[1:17] war dies eine Folge der Inflation die damals in Deutschland war denn mein Vater hat äh äh im Ruhrgebiet die Möbel an meistens an Arbeiter verkauft und die haben ihm Wechsel gegeben für die für die um zu bezahlen und natürlich in dem Moment wo die Inflation
[1:41] war ham sind sie schnell gekommen und haben die Wechsel gegeben und die waren nix mehr wert und so ist mein Vater also um alles gekommen und hats nicht ausgehalten und hat sich das Leben genommen nachher [räuspert sich] äh hat meine Mutter beschlossen mit
[1:59] mir und meiner Schwester zurück in die Tschechoslowakei zu gehen mein Vater w- hatte interessanterweise ich weiß nicht warum obwohl er vor dem Ersten Weltkrieg schon nach Deutschland gezogen ist nie auf die tschechische Staatsbürgerschaft v- verzichtet
[2:17] also sind wir zurück nach äh in die Tschechoslowakei meine Mutter hat in Prag eine Wohnung gemietet und ich wurde ein- äh eh- ehe meine Mutter sich äh in Prag arrangiert hat äh wurde war ich ein Jahr in Aussig an der Elbe bei einem Onkel später noch
[2:41] ein Jahr in Teplitz-Schönau und dann kam ich also nach Prag das Leben in Prag war m- äh mei- meine Jugend sozusagen war eigentlich so wie die die die der meisten jüdischen äh Jugendlichen ich ging äh später ins deutsche Staats-Real-Gymnasium in
[3:15] der Stephansgasse in Prag wir waren ungefähr zehn Prozent Juden in der Klasse und ich äh seit meinem achten Lebensjahr äh ging ich auch in einen äh ich ich glaub man nannte das damals Wanderclub oder Jugendverein der hieß »Blau-Weiß« und dort bekamen
[3:38] wir schon eine gewisse Erziehung zu Palästina aber auch hauptsächlich äh machten wir sehr viele Ausflüge wir hatten Sommerlager in Zelten und äh lernten sogar etwas Hebräisch aber das äh war kaum kaum zu benützen äh im Jahr 1939 kamen also schon
[4:16] äh eine äh ein zwei Jahre früher flüchteten viele Juden aus dem Sudetengebiet das von den Deutschen 1938 glaub ich besetzt wurde und kamen nach Prag darunter auch viele meiner meiner Verwandten im Jahr 1939 besetzten dann die Deutschen die Tschechoslowakei
[4:48] und äh hatten schon einen genauen Plan wie äh die Juden zu vernichten vorher will ich Ihnen noch vielleicht erklä- äh erzählen in Prag selber in meiner Jugend äh die die die Juden in Prag haben hauptsächlich mehr zur deutschen Kultur geneigt äh
[5:24] Sie wissen ja vielleicht über von Kafka Werfel und äh andere äh Max Brod und auch [räuspert sich] äh in meiner Zeit als äh Schüler äh besuchte ich öfter schon deutsche Theater auch d- die Oper und die Operetten die damals sehr populär waren und
[5:55] äh ich kann mich noch heute erinnern dass ich in »Carmen« im Kinderchor mitgesungen hab und dafür haben wir dann Freikarten auf der Galerie bekommen so dass ich dann viele Opern gesehen hab und g- äh äh klassische Musik äh eingeatmet hab
[6:16] können Sie sich an an einzelne Opern erinnern ?
[6:19] an »Carmen« natürlich wo ich aufgetreten bin
[6:22] [gleichzeitig:] ja
[6:25] und dann noch einige äh äh natürlich »Die lustige Witwe« von äh äh als Operette und dann die tschechischen äh Opern wie äh von Smetana »Die verkaufte Braut« und »Der Kuss« nennt sich das ja der »Hubička« »Der Kuss« auch äh andere tschechische
[6:45] Opern und natürlich auch »Rigoletto« zum Beispiel au- außerdem kamen war sehr interessant dass die meistens äh die später berühmten Opernsänger wie Jan Kiepura oder äh Richard Tauber erst einmal in den äh Sudeten aufgetreten sind in den kleinen
[7:14] Opern in Aussig Teplitz und anderen Städten auch in Prag dann [räuspert sich] ich k- hab sogar es gab einen bekannten Tenor äh Schmidt Joseph Schmidt der aber zu klein war um in der Oper aufzutreten und er hat meistens Konzerte gegeben und Filme Filme
[7:38] gedreht zum Beispiel ich kann mich noch an ein ein eines seiner Lieder »Ein Lied geht durch die Welt« [lacht] das kennen Sie heute schon nicht mehr und der hat in Prag in der im Luzerner Saal auch Opern gesungen so dass ich als Kind obwohl wir nicht sehr
[7:57] äh vermögend war aber äh meine Mutter ist zum Beispiel jede Woche ein Mal oder zwei Mal mit einigen anderen Damen im Kaffeehaus gesessen in Prag im Café Berger und Myschak Nachmittag so eine Art Kaffeekränzchen und da bin ich immer hingegangen und hab
[8:18] gesagt »küss die Hand gnädige Frau« und dann hab ich ein Trinkgeld bekommen und dann konnt ich dann auch abends mir mal Karten kaufen äh aus d- ich will erst einmal mich v- wirklich wenn Sie es interessiert über Prag was ich da noch gemacht hab ich
[8:39] war äh äh ich hab meine meine Mutter sehr wie sagt man äh meschugge gemacht [lacht] ich hab zum Beispiel einen ein Radio gebaut einen Detektor ich weiß nicht ob Sie wissen was das ist das ist ein Radio mit Kopfhörern und äh das arbeitet auf Kristalle
[9:02] und da hab ich in der Küche eine g- eine Antenne gezogen und hab natürlich die g- [lacht] Löcher gemacht in der in der Küche meiner Mutter hat sich zwar geärgert aber ich hab doch Radio gehört dadurch ich werd auch nie vergessen äh zum Beispiel im
[9:21] Jahr 38 ist hat die tschechische Fußballnationalmannschaft äh ist sie einmal oder das einzige Mal ins Finale vom Europacup gekommen und hat gegen Italien gespielt das hab ich dann im Radio gehört und hat Eins Null verloren ich weiß sogar bis heute noch
[9:43] ich kann sagen die Hälfte der tschechischen äh äh Fußballspieler Plánička Nejedlý Svoboda (Braine) und andere [lacht] also auch Fußball hab ich öfter mir angeschaut
[9:59] wo haben Sie gewohnt in Prag ?
[10:03] äh in der Manesgasse
[10:06] [gleichzeitig:] könn-
[10:09] das ist eine im äh das ist im Teil der Weinberge Viso- äh Vinohrady gegenüber dem etwas höher wie der Wenzelsplatz ja also man konnte in fünf bis zehn Minuten war ich am Wenzelsplatz und meine Schule war auch in der Stephansgasse neben dem Wenzelsplatz
[10:28] äh in dem in dem äh äh Wanderclub oder in dem äh jüdischen äh Verein haben wir auch Pingpong gespielt und später war ich dann mit 14 Jahren glaub ich schon der ein äh wie sagt man ein Leiter von einer anderen Gruppe und hab dann schon gelernt wie man
[10:52] ein Gespräch mit denen vorbereitet äh was mir vielleicht später auch geholfen hat äh äh dass ich irgendwie eine eine Ahnung bekommen hab wie man ein Gespräch leitet und so weiter
[11:09] wie war denn das Verhältnis Ihrer Mutter zur Religion ?
[11:14] also mein Großvater ja also ich hab vergessen das kann ich Ihnen auch erzählen mein Name ist Bachrich und äh einer meiner Onkel hat das äh äh s- studiert oder wollte wissen woher wie wir zu dem Namen Bachrich gekommen sind und da hat er festgestellt
[11:35] höchstwahrscheinlich äh hieß äh stammen wir aus Bacharach am Rhein
[11:42] ah okay
[11:45] und sind mit Napoleon Sie wissen doch äh äh Sie haben doch äh Sie haben doch sicher von der Dreikaiserstadt äh äh Dreikaiserschlacht bei Austerlitz gehört ja ? [Stimmen im Hintergrund] äh in dort hat äh äh Napoleon gegen äh gegen den österreichischen
[12:03] Kaiser und den russischen Kaiser gekämpft und gewonnen und so sind meine Ur- Vorvorah- meine Vorah- meine Ahnen als Marketender wissen Sie was Marketender sind ?
[12:17] mhm mhm
[12:21] ja das sind äh Leute die die dem Militär äh äh nu äh Lebensmittel verkaufen oder mitbringen ja also so sind wir nach Austerlitz gekommen und seit dem Jahr ungefähr 1800 lebte mein Großvater in Austerlitz äh es ist auch interessant dass zur Zeit
[12:44] von Maria Theresienstadt oder eigentlich schon von Josef des Zweiten die Juden eine Art Autonomie hatten das war kein Ghetto mehr sondern mein Großvater war richtig d- der Bürgermeister der Jüdischen Gemeinde in in Austerlitz war dort ein sehr schöner
[13:01] Tepl- äh Tempel und mein Großvater war also noch gläubig und äh mein meine Eltern schon weniger wir haben nur soweit ich mich erinnern kann nur wie man hat das genannt zu den Hohen Feiertagen das heißt zu äh Rosch Haschana zum neuen Jahr Jom Kippur
[13:22] das ist der heiligste Tag wo man f- fastet z- die Tage haben wir gehalten aber sonst waren wir also nicht religiös [räuspert sich]
[13:35] Ihre Muttersprache war Deutsch aber Sie haben in Prag gelebt würden Sie sagen dass Sie sich als Tscheche gefühlt haben oder ?
[13:45] also man hat mich extra in äh ein Jahr in die fünfte Volksschulklasse man konnte in der Tschechei nach vier Volksschulklassen direkt ins Gymnasium übergehen aber mich hat man in die fünfte Volksschule au- in der tschechischen Sprache geschickt damit ich
[14:02] eben auch äh Tschechisch lerne meine meine Mutter hat ein das haben sie das hat man Kuchelböhmisch genannt wissen Sie was Kuchelböhmisch ist ? das ist Tschechisch dass d- dass die meine meine Verwandten also die Mutter und die die Tanten in der Küche von
[14:21] der von der Köchin gelernt haben von der tschechischen also hat man das Kuchel- Köchel- äh Kuchelböhmisch genannt äh ich weiß noch meine Großmutter in Austerlitz hat oft gesagt äh äh hat das gemischt »zavřit den oken« äh äh äh »mach mach mach
[14:43] den oken zu mach das Fenster zu« also halb Tschechisch halb halb äh halb Deutsch ja also was kann ich Ihnen noch über Prag erzählen vor dem Krieg ja also nach dem Krieg ha- können wir ja später noch etwas reden äh Prag ist natürlich eine wunderschöne
[15:08] Stadt ich kenn Prag in- und auswendig äh bin viel dort herum gestreucht
[15:13] gab es Orte wo Sie gerne hingegangen sind die
[15:17] bitte ?
[15:20] gab es bestimmte Orte wo Sie gerne hingegangen sind in der Stadt die Ihnen in Erinnerung geblieben sind als Junge
[15:23] äh in Erinnerung schauen Sie es war äh wir wir sind sehr oft auf den Petřín das ist so eine Art Berg mit einem Garten von dort sieht man d- ganz Prag da sind wir herauf g- gelaufen und äh ich kann mich natürlich auch an die äh äh an die Fußballstadions
[15:41] von der Slavia und von Sparta das waren die zwei bekanntesten Fußballmannschaften er- äh äh äh erinnern und dann war ich viel d- durch dadurch dass unser unser Club also der Jugendclub in in der Altstadt war hab ich mich war ich auch sehr viel dort aber
[16:06] sonst äh äh h- hab ich mich immer heute weiß ich äh mehr erinner- erinnere ich mich mehr an die schönen alten Häuser in Prag und auch zum Beispiel an den Waldsteingarten ja der nicht zu reden vom Schloss mit Umgebung also soll ich jetzt über Prag
[16:33] endigen ungefähr oder
[16:36] wie Sie möchten also
[16:39] ich ich weiß ja nicht äh vielleicht springt mir w- kommt mir dann wieder noch was vor oder soll ich schon au- äh auf die Nazizeit übergehen
[16:43] erzählen Sie ruhig weiter
[16:46] bitte ?
[16:49] erzählen Sie ruhig weiter wir kommen bestimmt dann wieder darauf zurück
[16:52] wenn Sie dann will- wollen irgendwelche Fragen haben sa- kann ich mich dann mehr erinnern wenn man mich frägt ja
[16:55] ja
[16:58] also im Jahr 39 hab ich gesagt sind die Deutschen nach Prag eingezogen ich erinnere mich noch heute wie also im Jahr 38 war äh haben die Tschechen ein äh äh das m- Militär mobilisiert ich glaube wenn sie sich damals gewehrt hätten so wär d- der ganze
[17:19] Krieg anders ausgefallen denn die Tschechen hatten gute Befestigungen und hatten auch gute Waffen die dann von den Deutschen schnell eing- die ganzen Tanks und so weiter von den die wurden dann von den Deutschen eingenommen denn die Tschechen hatten ja in
[17:34] Pilsen eine große Rüstungs- äh -fabrikation also äh im Jahr 39 äh früher wie die wie die äh Deutschen nach Polen einge- äh äh Polen überfallen haben bis heute ich kann wenige Worte konnte ich damals in in äh Polnisch aber ich weiß ich hab wieder
[18:02] bei dem Radio gehört wie der wie der äh äh Redakteur dort in in in Warschau gesagt hat »uwaga ! uwaga !« das war »Achtung ! Achtung ! L- Luftangriff« ja und ich erinner mich auch noch wie die äh Deutschen nach Österreich eingezogen sind hab ich auch
[18:25] im Radio den äh Bundeskanzler Schuschnigg gehört und er hat die die Rede hat er geendigt »Gott schütze Österreich« das geht mir noch heute bis hier [klopft sich auf die Brust] zum Herzen ja äh also mit dem An- mit dem äh wie die Deutschen nach
[18:49] äh gekommen sind so stand ich mit vielen andern äh in Prag das nennt sich die Příkopě das ist die eine eine eine der Hauptstraßen neben dem Wenzelsplatz und hab von hinten gesehen wie die mit den Tanks ein- einziehen konnte natürlich noch eigentlich
[19:11] nicht fassen was uns jetzt erwartet aber die Deutschen hatten schon genau einen Plan sie hatten ja schon Erfahrung aus Deutschland was mit den Juden wie die Juden zu konzentrieren und äh nach ganz kurzer Zeit äh begannen dann die verschiedenen äh neue
[19:31] Gesetze also ich du- wir Juden durften äh nach acht Uhr abends nicht heraus gehen man konnte nur in bestimmten Geschäfte gehen einzukaufen man äh äh ah das hab ich gesagt man musste mit dem gelben Stern gehen und äh in der im Zug oder in der Elektrischen
[20:05] musste man im im letzten Waggon hinten sitzen und äh [räuspert sich] einen Tag nachdem die nach dem Einzug ging ich in die Schule und al- fast alle unsere Lehrer es waren ja natürlich na äh damals hat man d- äh im Gymnasium ich weiß nicht ob das
[20:31] heute ist aber jeder Lehrer wurde Professor genannt ja also alle unsere Professoren haben auf einmal hinter dem hier hinter dem Hemd das Hakenkreuz heraus gezogen bis auf die vier oder fünf jüdischen oder tschechischen Lehrer die dort waren und haben uns
[20:49] natürlich sofort in die hinteren Reihe hinteren Bänke gesetzt und nach einer Woche wurden wir aus der Schule heraus geworfen nachdem also nachdem wir raus geworfen wurden äh schickte man mich in die Lehre als Elektriker als Bauelektriker und äh nach
[21:18] drei Monaten war mir auch verboten also das zu machen dann äh machte ich noch einen so genannten Umschulungskurs auch als Elektriker und ging dann äh äh in der ersten Zeit war die äh äh w- haben die Deutschen beschlossen den die Juden noch den Juden
[21:50] zu sagen »ihr könnts auswandern« und da war in Prag in äh Strašnice ein Palais und dort ist der Eichmann geses- gesessen und die Leute sind schon ich glaube 24 Stunden vorher dort Schlange gestanden wenn sie irgendwo aus irgendeinem Staat ein Visum bekommen
[22:13] haben und äh das haben Vis- Visum gekauft nach Shanghai das waren manche war auch gefälscht Shanghai äh Plätze die die man nie geglaubt hat dass Juden auswandern werden und sind dann zu dem Eichmann gegangen und der hat ihnen nachdem sie auf all ihr ihr
[22:32] Vermögen da was noch dort war und so weiter verzichtet haben hat er ihnen die Ausreise erlaubt das war am Anfang ich weiß nicht wie viel wie viel Leute g- so auf dieser diese Art sich noch gerettet haben
[22:47] aber Ihre äh Mutter hatte nicht vor sich um ein Visum zu bemühen
[22:52] sie hatte auch wahrscheinlich nicht die Möglichkeit ja
[22:55] ja
[22:58] äh ich hatte [räuspert sich] von meiner Familie also äh es gab damals auch eine eine Kindertransporte aus Prag nach England jemand in England hat das arrangiert und hat gesagt äh »wir sind bereit so und so viel jüdische Kinder aufzunehmen« also mein
[23:20] mein Onkel aus Brünn zum Beispiel war klug genug obwohl es für die Eltern sehr schwer war hat die Kinder mit dem Jahr die waren damals glaub ich äh ungefähr 14 oder ja 14 15 Jahre alt hat er dann also mit so einem Transport nach England geschickt und
[23:40] die haben sich dadurch gerettet wurden dadurch gerettet also was bei mir dann nicht der Fall war ich konnte äh viele Leute aus der zionistischen B- Bewegung sind dann mit der Jugend- das h- nannte sich Jugend-Alija das ist Jugend- äh Jugendbewegung nach
[24:03] Israel ja ? die sind dann nach äh die sind erst zu Bauern gegangen und man hat sie dort äh eine Vorbereitung für Israel gemacht äh Landa- landwirtschaftliche Arbeiten und äh äh konnten eine Zeit lang konnten dann Gruppen noch irgendwie nach Pa- Palästina
[24:26] auswandern aber nachdem äh äh meine Schwester hatte inzwischen geheiratet und hat einen jüdischen Arzt in Prag geheiratet und äh meine Mutter äh konnte sich wahrscheinlich nicht entschließen äh sich von mir als kleinem Jungen oder ich war bei ihr immer
[24:47] d- der kleine Junge also hat sie einen einen Ausweg gefunden und hat gesagt »nein ich kann dich nicht schicken weil in Austerlitz« dort war das äh ein klei- ein ein Haus nach dem Großvater »und dort ist der 16te Teil auf deinen Namen geschrieben und dadurch
[25:05] erlauben dir die Deutschen nicht auszuwandern« also so bin ich also so mit ihr dort geblieben äh ich tu das vielleicht bisschen mischen aber was kann man nix machen die als als weiterer Weg war dann dass man die Juden in Prag in gewisse Bezirke äh
[25:37] äh regis- äh ein- eingeordnet hat dass zum Beispiel wenn jemand so wie wir eine Vierzimmerwohnung hatten blieb uns ein Zimmer und in drei andere Zimmer wurden andere jüdische Familien dazu gegeben auch äh äh das einzige Vergnügen was ich noch gehabt
[26:08] hab ich hatte damals eine Freundin und in Prag gab es einen jüdischen Fußballpla- äh äh -platz und dort konnten haben wir sozusagen sind wir noch war erlaubt dass man hinfahren konnte und man konnte dort äh äh dort war äh war eine ein Park daneben den
[26:29] konnte man noch benützen so sind wir öfters mit der Elektrischen im letzten im letzten Abteil auf den Fußballplatz gefahren [räuspert sich]
[26:39] darf ich noch etwas zu dieser ganzen Zeit ähm fragen weil Sie ja dann sehr früh Ihren Vater verloren haben
[26:47] [gleichzeitig:] ja
[26:50] ähm wie war denn die Situation dann in der Familie das ist ja nicht einfach gewesen für Ihre Mutter ähm äh zurück zu gehen in die Tschechoslowakei und Sie ähm haben Sie Ihren Vater gekannt eigentlich noch weil Sie sechs waren als er gestorben ist ?
[27:05] [gleichzeitig:] also ich kann mich erinnern einige Sachen kann ich mich an meinen Vater erinnern erstens Mal hat er war er ein Kettenraucher und ich hab oft gesehen wie er ich ich leide ja auch an Asthma aber damals gab es hab ich gesehen wie er äh über
[27:20] einem lavór mit einem äh mit einem äh be- Kopf bedeckt mit einem Handtuch und hat a- sa- etwas eingeatmet also das kann ich mich erinnern außerdem kann ich mich erinnern wir waren ja bis zu meinem sechsten Lebensjahr waren wir sehr reich und äh ich hatte
[27:41] ein Kindermädchen wir hatten eine Köchin und äh einen Chauffeur hatten damals schon ein Auto und zwar einen Fiat einen sechszy- einen Sechssitzer-Fiat und wir sind das kann ich mich auch erinnern jedes Jahr ist mein Vater mit äh mit der Mutter mit meiner
[28:03] Schwester mitm Chauffeur mit mir und dem Kindermädchen zu Besuch in in die Tschechei zu den Großeltern gefahren mit dem Auto das war damals eine ganz große Sache der Chauffeur der war natürlich gleichzeitig Mechaniker und alles und äh äh dann kann
[28:24] ich mich noch erinnern mein Vater damals war die Erziehung ganz anders als hier eines Tages ich hatte ich hab nie gern Spinat gegessen sagt man auch Spinat in Deutschland ja ? und äh wir haben mittags Spinat gehabt am Nachmittag sollten wir in Zirkus gehen
[28:41] und ich hab gesagt »ich will keinen Spinat« hat mein Vater gesagt »wenn du keinen Spinat isst gibts keinen Zirkus« ich hab keinen Spinat gegessen und wir sind nicht in den Zirkus gegangen also so hat man damals die Kinder erzogen heute glaub ich gibts
[28:57] so was nicht das kann ich mich an meinen Vater erinnern ich glaube ich bin dann äh nach dem Krieg noch mit meiner Frau mal nach Langendreer gefahren und hab u- das ei- das Haus angeschaut wo eines der Geschä- wir waren über haben über einem der Geschäfte
[29:15] gewohnt die äh das Haus ist stehen geblieben in der Kaiserstraße in in äh Langendreer Langendreer ist ein Vorort von Bochum und äh was kann ich noch erzählen aus meiner ah was Sie Sie haben mich gefragt nachdem mein Vater gestorben ist also h- hat die
[29:39] Familie einen meiner Onkel äh geschickt um meine um meiner Mutter zu helfen und zu liquidieren was noch zu liquidieren ist wir haben wir konnten noch die Möbel mit- mitnehmen in die Tschechei was noch übrig geblieben ist also der Onkel hat uns geholfen
[29:56] und dann hatte ich einen den Bruder von meinem Vater der äh Hau- Haut- und Geschlechtskrankheitenarzt war so hat mans damals genannt ich weiß nicht ob das heute noch so genannt wird in Brünn und der hat meiner Mutter jeden Monat tausend Kronen geschickt
[30:15] tausend Kronen das war ich glaub das Gehalt von einem Briefträger die die die Beamten waren ja wer sehr äh wenig äh haben schwache Gehälter gehabt aber man hat immer gesagt »dein Gehalt ist zwar wenig aber sicher« also meine Mutter hat dadurch dass
[30:36] sie von dem Onkel das Geld bekommen hat und dann hat sie noch Zimmer vermietet und hat auch für die Untermieter hier und da gekocht so dass sie sich dadurch ernährt hat und meine Schwester musste dann also bald sie war damals 14 oder äh sicher mit 16 Jahren
[30:55] hat sie dann gelernt Verkäuferin zu werden und hat war in Prag in einem äh erste Mal einer meiner Onkel hat in Prag am Wenzelsplatz ein Schirmgeschäft und äh der hat in Brünn gelebt hatte drei Geschäfte eins in Brünn eins in Mährisch-Ostrau und hat
[31:17] dann meiner meiner Schwester äh das Geschäft leiten lassen aber meine Schwe- er hat der Onkel bis heute werden wir ihm das nie vergessen äh äh hat sie sehr ausgenützt hat ihr ein sehr kleines Gehalt gegeben so dass sie nach kurzer Zeit gesagt hat äh
[31:36] »ich verlasse dich« und hat ist dann in ein anderes Geschäft gegangen wo sie Leiterin Verkaufsleiterin in Konfektion wurde hat aber dann äh meine Schwester war sehr hübsch hatte viele Verehrer ich kann mich noch bis heute erinnern ich hab immer abends
[31:51] geguckt wenn sie nach Hause gekommen ist mit wem sie heute nach Hause kommt und ob sie noch geküsst wird oder nicht [lacht] und äh hat dann also den Doktor Kafka äh ge- äh geheiratet
[32:08] nu je- wo sind wir jetzt geblieben ? ich spring irgendwie nicht
[32:16] aber ja dann wurde natürlich den Juden äh mussten die Juden alle Musikgeräte wie Geigen Klaviere äh äh Cello was sie eben gehabt haben abgeben und äh äh dann später war auch verboten äh sich zu treffen in dem Jugendheim
[32:44] [unterbricht:] Herr Bachrich wir müssen kurz eine Pause machen ja
[32:47] ja bitte [Schnitt]
[32:52] so wir können jetzt weitermachen
[32:56] ja also ich erinner mich auch an meine äh deutsch sagt man sicher Konfirmation nicht äh in äh Hebräisch ist das äh mit 13 Jahren äh wird sozusagen der jüdische Junge als Mann erklärt und da ist eine Feier im Tempel dann äh liest er einen Teil
[33:16] aus der Tora vor und dann bekommt man natürlich auch Geschenke und da hab ich also heute ist das lächerlich ich hab damals eine Uhr bekommen kann mich sogar noch erinnern das war die die Marke hieß Wyler [lacht] heute jedes Kind mit vier fünf Jahren
[33:33] hat schon eine Uhr damals mit 13 Jahren die erste Uhr einen S- Siegelring hab ich bekommen das war also die Feier der der Bar Mitzwa obwohl wir nicht äh religiös waren diese Sachen hat man eingehalten
[33:49] wissen Sie noch wo Sie gefeiert haben ? in welcher Synagoge das war
[33:56] in der Klaus-Synagoge in Prag ja es gab äh in Prag äh sehr viele Synagogen ja die bekannteste ist die Altneuschul ich weiß nicht ob Sie die mal waren Sie wenn Sie ob Sie mal in Prag waren ob Sie das gesehen haben ja das ist die älteste Synagoge aus äh
[34:13] im Mitteleuropa ja also wir sind äh stecken geblieben bei äh bei den Verhältnissen meiner Familie in Deutschland äh ich glaube die die jüdischen Familien haben wenn es ging doch einer den anderen geholfen so wie Sie sehen dass der Onkel meine meine
[34:44] äh Mutter unterstützt hat ich hab mich immer gewundert äh interessanterweise man hat mir nie erzählt hab ich das schon erwähnt ? dass mein Vater Selbstmord begangen hat hab ich das schon mal erwähnt
[34:59] nein gestern
[35:02] [gleichzeitig] das haben Sie gestern kurz gesagt
[35:05] äh man hat immer gesagt »dein Vater ist an Herz- Herzattacke gestorben« erst bis vor ein paar Jahren hat mir dann meine Schwe- hab ich irgendwie ist mir das irgendwie durch -n Kopf gegangen und dann hat meine Schwester mir also die Wahrheit erzählt so
[35:17] vor 15 Jahren meine Schwester ist jetzt vor vor acht Jahren ungefähr gestorben in Deutschland d-
[35:28] wie haben Sie das denn empfunden dann ?
[35:31] bitte ?
[35:34] wie haben Sie das denn empfunden dass Sie Zeit Ihres Lebens das gar nicht wussten ?
[35:37] [lacht etwas] äh das ist so irgendwie
[35:40] haben Sie Ihre Mutter verstanden dass sie Ihnen das nicht gesagt hat
[35:43] wahrscheinlich ja sie wollten nicht mich mich nicht äh äh schauen Sie das ist sehr interessant meine ich spring da bisschen no gut meine äh eigentlich wollte ich das später erzählen ich weiß nicht ob das jetzt passt äh meine meine mein Schwager
[36:07] und meine Schwester sind na ich werd das später sagen nach dem Krieg ja lassen wir das bei zur Seite gehen wir vielleicht mehr chronologisch vor ja da also war dann verboten äh äh in den Jugendheimen das musste alles geschlossen werden und so haben
[36:27] wir dann in uns in äh Familien getroffen immer so sechs sieben äh Freunde vom man hat das Bund genannt vom Jugend- von der Jugendbewegung und da haben wir zum Beispiel Musik gehört noch da war das Grammophon noch mit einem mit einer Kurbel und da hat
[36:48] ich werd nie vergessen wir haben dort äh Beethoven die »Fünfte Symphonie« gehört das werd ich nie vergessen heute wann immer ich diese Symphonie hör erinner ich mich an die Zeit in in Prag
[37:02] ja also ich glaube wir müssen inzwischen weiter machen
[37:12] und äh uns an die Zeit anfangen mit dem äh mit der Z- Besetzung der der Tschechoslowakei wie ich schon erzählt hab kamen die Deutschen also nach in die Tschechei und nach im Jahre 41 wurden die ersten pro- äh Transporte aus äh der Tschechoslowakei
[37:42] nach Polen geschickt hat man tausend Juden zusammen gerufen und nach Polen ich glaub die ersten Transporte sind nach Lodz nach Litzmannstadt gegangen die d- die Deutschen haben Lodz also dann wieder den deutschen Namen Litzmannstadt gegeben und dann äh
[38:01] kamen Gerüchte dass Hitler der große Führer der Führer den Juden eine Stadt schenkt schenkt und zwar äh schenkt der jü- äh der Führer den Juden Theresienstadt und dort werden sie äh die Juden der Tschechoslowakei der Tschechei eigentlich n- d- Slowakei
[38:31] war glaub ich schon selbstständig die hat sich die hat sich dann von von Böhmen das Böhmen nannte man dann das Reichsprotektorat und die Slowaken haben sich selbstständig gemacht die Slowaken äh waren ja katholisch und die Tschechen protestantisch das
[38:50] ist ein Unterschied der sich auch im Antisetis- Antim- Antisemitism gezeigt hat die Tschechen waren viel weniger Antisemiten als die Slowaken die mehr äh also mehr äh eingefleischte Katholen äh Katholiken waren die und der der da- dortige Präsident war
[39:14] auch ein äh Nationalsozialist äh hieß dann äh Hlinka glaub ich ja und äh hat sich die haben sich dann dort selbstständig gemacht äh also natürlich hat sich dann später herausgestellt dass der ganze äh die ganze Geschichte von Theresienstadt
[39:41] dass der Ju- der Hitler den Juden eine Stadt gibt wo sie Auto- Autonomie haben werden wo sie hauptsächlich nur zu arbeiten haben und ihr Leben weiterführen können ein großer wie sagt man ein Bluff sagt man Deutsch ein Bluff ja ?
[39:59] ja
[40:02] ein also war und äh Theresienstadt war eigentlich nur ein Durchgangslager um die Juden weiter in den Osten zu schicken die Sache begann so dass meistens gegen zwölf Uhr in der Nacht äh wurde an der Wo- äh geklingelt oder geklopft an der Wohnung
[40:26] und dann erschien ein tschechischer äh Polizist mit einem Beamten von der jüdischen Kultusgemeinde mit einem äh schriftlichen Befehl an die und die Familie also zum Beispiel bei uns am siebenten Februar 42 äh erschienen die zwei Leute und gaben meiner
[40:51] Mutter also den das Papier und dort stand äh »Sie haben sich binnen sieben Tagen in Prag im Messepalais zu melden Sie dürfen pro Person dreißig Kilo mitnehmen Sie müssen alle Ihre äh Papiere mitbringen auch Bankkonto wenn Sie eventuell haben und die
[41:19] Schlüssel von der Wohnung« das war natürlich für meine Mutter ein großer Schlag äh ich war damals noch ein Junge war 18 Jahre alt und hab ihr gesagt »schau ich bin jung was kann uns schon passieren ich werd arbeiten und ich werd dich ernähren«
[41:39] aber für meine Mutter hieß das die ganze Vergangenheit zu hinterlassen nicht nur die Möbel die Kleider die die äh Bücher alles alles zu Hause lassen meine Schwester war schon nicht mehr hat schon mit ihrem Schwa- mit ihrem Mann nicht weit von uns gelebt
[41:59] also man kam zu uns um uns zu helfen uns wurde empfohlen hauptsächlich warme Kleider und äh viel Lebensmittel mitzunehmen so sind wir dann am siebenten Februar 42 in der Früh auf den Weg gegangen natürlich meine Mutter war auch herz- herzkrank so dass
[42:30] ich die meisten so ein Rucksack und die meisten Sachen tragen musste wir steigen in die Elektrische ein und hinten natürlich im hintersten äh Waggon und ich schau so um mich herum was sagen die was sagt die Bevölkerung die Tschechen die die da in die Arbeit
[42:51] fahren oder so was wenn sie da solche paar Leute sehen bepackt und vorbereitet in irgendwohin zu fahren ins Unbekannte die Leute haben einfach den Kopf weg gese- zur Seite gegeben sie wollten einfach nichts wahrnehmen von von Reden ist natürlich gar keine
[43:10] gar keine Möglichkeit so kamen wir in den Messepalais ein Riesensaal ringsherum ähm Mikrofone die ganze Zeit wurde äh herein geschrien »wer immer noch Geld Zigaretten Wertsachen oder andere Sachen mitgebracht hat bitte es sofort« nicht bitte sondern
[43:36] »sofort in der Kanzlei abgeben es wird später eine Untersuchung sein und bei wem man etwas finden wird der wird sofort erschossen« ich hab zu Hause noch auf Anraten wahrscheinlich meiner Schwester in einer Mütze äh tausend Mark oder ich weiß nicht
[43:58] mehr eine eine größere Summe in deutschen äh äh deutschen Geld einge- eingenäht wie ich das gehört hab hab ich die Mütze genommen und so wie hier der Saal ist hab ich hinten auf einen Nagel die Mütze hin gehängt und hab gesagt entweder wird sie jemand
[44:15] stehlen oder wenn wir raus gehen werd ich sie dann mitnehmen also so hab ich die wirklich dann die Mütze mit nach Theresienstadt und weiter nehmen können äh wir sind sind in einer Ecke gesessen und wenn man aufs Klo ge- auf die Toilette gegangen ist so
[44:32] konnte man sehen wie das Leute noch Geld weggeworfen haben und andere Sachen die Wert- Wertpapiere was immer weil sie Angst bekommen haben das hat haben sie dann alles auf der Toilette weggeworfen ich werd nie vergessen in einer Ecke sind Asthmakranke gesessen
[44:51] die schwer geatmet haben erst heute kann ich verstehen was die Leute damals gelitten haben denn äh äh Medikamente werden sie schon kaum mehr mitgehabt haben nach nach äh ein oder zwei Tagen nachdem äh wir ins Büro vorgeladen wurden wo alles äh alle
[45:15] unsere Personalien aufgenommen wurden und äh meine Mutter musste den Schlüssel abgeben von der Wohnung äh wurden wir dann in einen Zug verfrachtet und nach Theresien- der nach Theresienstadt ging das ist ungefähr eine äh eine Stunde anderthalb Stunde
[45:37] von Prag mit Personenzug ich weiß nicht wie lang wie wir g- gefahren sind aber wir sind noch in Personenzug gefahren später äh äh nach auf meinen weiteren Reisen durch die Konzentrationslager hab ich dann auch schon einige Reisen in Viehwaggons mitgemacht
[45:56]
[46:02] [unterbricht:] was war denn
[46:05] [gleichzeitig:] wir kamen
[46:08] äh was war denn mit Ihrer Schwester ?
[46:11] meine Schwester war wie ich gesagt hab mit einem jüdischen Arzt verheiratet und er hat am jüdischen Krankenhaus in Prag gearbeitet und sie ist später als Schwester dort und die beiden kon- waren unter den Letzten die aus Prag nach Theresienstadt transportiert
[46:23] wurden ich glaube erst im Jahre 43 oder 44 so dass sie noch längere Zeit in Prag waren äh
[46:34] angekommen in Theresienstadt wurden wir kam ein Onkel d- bei dem der Onkel der uns der hieß äh Laufer Ernst Laufer der also damals meiner Mutter geholfen hat also
[46:57] aus Deutschland nach äh nach äh in die Tschechei zurück zu kommen der war unter den ersten Leuten in Theresienstadt der arbeitete dort das nennte man Transportkommando der hat geholfen den Leuten ihre ihre Sachen ins ins Ghetto zu bringen also der hat uns
[47:17] dort empfangen und äh hat uns gleich etwas aufgeklärt ich hab mich sehr gewundert denn der Mann war zuckerkrank wie er die Koffer schleppen konnte und ich hab ihn auch gefragt hat er gesagt »hier bin ich schon nicht mehr zuckerkrank das Essen ist so äh
[47:34] so sparsam dass der Zucker vo- vorüber ist« und er hat also dadurch irgendwie da so gearbeitet hat uns auch dann gesagt wir haben zum Beispiel einen Spirituskoff- -koffer äh -kocher mitgebracht den hat er schnell mitgenommen und herein sonst hätte man
[47:54] uns ihn weggenommen so sind wir in äh Theresienstadt also ist eine Festung äh die Maria Theresiens- äh Maria Theresia gebaut hat und eine eine äh Garnison von von Soldaten mit großen Kasernen ringsherum ein Graben mit Wasser also eine richtige Festung
[48:20] und es war sehr sehr äh man hat alle alle Einwohner von dort äh übersiedelt und äh war geeignet am besten für so ein Ghetto oder Lager für die für die Juden man trennte uns d- später in der ersten Zeit [räuspert sich] haben Männer und Frauen extra
[48:43] gewohnt später hat sich das geändert aber wie ich ge- angekommen bin hat man meine Mutter also in eine andere Kaserne gebracht und mich in eine andere ich wurde in der Sude- das hat man äh man nannte die die Häuser oder die Kasernen verschiedene Namen
[49:02] äh ich war in der Sudetenkaserne meine Mutter war in der Hamburger Kaserne und äh äh also ich kam an auch ein ein Raum ungefähr zwanzig Leute im Raum mit drei drei Stockwerk hohe äh Betten und äh ich hab mir dann gleich ausgesucht hab gebeten mich
[49:30] zusammen mit Freunden aus der Jugendbewegung in dieselbe in dasselbe Zimmer zu zu bringen stört Sie was da ?
[49:42] machen wir nochmal eben ne Pause [Schnitt] oder Dreier
[49:49] bitte ? ja
[49:52] und ähm sind wir schon drauf ?
[49:55] ja ja
[49:59] ach so okay
[50:02] also ich hab mich da mit meinen Freunden hauptsächlich äh zusammen genommen und die haben mir dann erst einmal erzählt ich war ja eigentlich nur zwei Monate in Theresienstadt Theresienstadt war sozusagen ein Musterghetto und äh am Anfang wars wars anders
[50:21] als in den nächsten Jahren also er man hat mir gesagt »schau hier wird Essen verteilt es ist nicht viel aber man leidet nicht an Hunger äh nicht an richtigem Hunger« außerdem hat ja jeder noch von zu Hause Essen mitgebracht äh und jeder äh muss womöglich
[50:39] arbeiten also ich hab mich äh ich war immer ein wie sagt man ich hab äh wissen Sie was Chuzpe ist ?
[50:49] ja
[50:52] [lacht] ich war immer etwas chutzpetik ja ich hab natürlich erklärt ich bin Elektriker obwohl ich noch nicht sehr viel davon verstanden hab aber man hat mich bald als Gehilfen äh mit einem andern Elektriker zusammen gegeben so dass ich mich im Ghetto
[51:09] herumdrehen konnte weil man dort verschiedene Sachen repariert hat und so auch meine Mutter äh besuchen konnte zu meinem Überraschung hat meine Mutter sich irgendwie sie war in Prag war sie ganz äh down ganz erledigt aber hier hat sie sich irgend wieder
[51:33] erfasst sie war sogar verantwortlich auf der Stube für die Reinlichkeit äh und hat äh äh äh hat sich sehr gut äh äh eingelebt nach äh ich kann nur noch erzählen ich war ja nur zwei Monate in Theresienstadt ja ich war vom äh siebenten Februar bis
[52:01] zum ersten Mai in Theresienstadt später in den nächsten Jahren hat hat man Theresienstadt äh noch anders entwickelt es gab dort ein Kulturleben man hat abends Konzerte gegeben und äh äh Vorträge nicht immer man hat bei den Vorträgen hat man natürlich
[52:27] acht gegeben dass nicht ei- ein Deutscher hereinkommt damit man weil die äh äh und man musste natürlich achtgeben worüber man spricht und äh das äh der damalige der erste man nannte das den Judenältester der der Leiter des Ghetto der jüdische äh
[52:49] hatte eine äh sein äh Plan oder sein seine Konzeption war man muss die Jugend unterstützen er hat gesagt die älteren Leute werden sowieso nicht überleben also geben wir den Jungen mehr zu essen und versuchen den Jungen äh äh äh Schulunterricht zu
[53:15] geben soweit es ging man hat ihm das manchmal v- sogar vorgeworfen aber das war seine vielleicht hat er recht gehabt ja in die alten Leute konnten sowieso nicht überleben und hat vielleicht einigen Jungen äh geholfen äh natürlich teilte ich mit meinen
[53:41] Freunden nachdem ich einer der Letztgekommenen war auch das mit dem Essen w- wir äh unterstützte ich sie etwas und äh dann verdienten wir uns noch etwas und zwar einer zum Beispiel einer meiner Freunde arbeitete in der Tischlerei und er hat dann äh äh
[54:07] nu hat äh äh nu was man an die an die Wand hängt äh
[54:17] Regale ?
[54:20] ah ja hat so kleine Regale so mit Schwarzarbeit kleine Regale gemacht und die hab ich dann wenn ich wenn ich mich als Elektriker rumgedreht hab an Leute gegen Bro- für Brot und so weiter verkauft so hat man sich auch etwas geholfen [räuspert sich]
[54:37] nach also wie gesagt nach zwei Monate bekamen meine Mutter wieder ein ein Befehl »morgen früh musst du beim am Bahnhof antreten« natürlich mit mir zusammen äh ja meine Nummer nach nach Theresienstadt war X420 hab ich mir auch gemerkt und dann sind
[55:06] wir also wussten wir natürlich nicht was los sein wird wohin geht das niemand hat gewusst man wusste nur man schickt Juden aus Theresienstadt in den Osten denn äh äh Hitler war ja sein Plan war er brauchte äh nicht Zeitraum äh Wohn- äh äh wie hat
[55:31] er das genannt er wo-
[55:34] Lebensraum
[55:37] [gleichzeitig:] Lebensraum
[55:40] Lebensraum ! ganz richtig um Lebensraum zu schaffen erst einmal aus aus aus Mitteleuropa und dann später plante er natürlich auch aus aus äh Polen weiter äh die Leute zu vernichten damit er Lebensraum für für die äh für die äh deutsche Nation haben
[55:57] wird würde also wir äh traten an natürlich hatten wir schon viel weniger Gepäck weil das ganze Essen schon verbraucht war und so ging es los wir fuhren noch immer in einem Personenzug aber im äh äh drei oder vier Tage lang erst einmal verließen wir
[56:20] sahen wir nach einer kurzer Zeit die schöne Gegend aus Böhmen hat sich in einer Ebene verwandelt und so sahen wir wir sind wahrscheinlich in Polen angelangt lauter Ebene und äh hier und da gab man uns Wasser in in den Waggon herein und nach einigen Tagen
[56:44] kamen wir dann erst einmal hab ich das gesehen Lublin an eine w- große B- äh Station und später z- ungefähr sicher zwanzig Kilometer von dort entfernt wur- kamen wir an einen Bahnhof dort stand Zamość wir wussten natürlich nicht was das ist und draußen
[57:07] äh deutsche Poliz- äh Soldaten mit äh Hunden und äh haben in die Luft geschossen »schnell Juden raus raus raus alle laufen laufen hier in dem Weg laufen laufen« so hat man uns aus dem aus der Bahn heraus getrieben wir sind durch die Stadt gelaufen viel
[57:32] hab ich damals von der Stadt nicht gesehen bis wir an ein Tor gelangt sind dort stand schon ein äh Mann mit einem äh äh Judenstern äh jüd- Magen David mit einer Streife hier da stand »Ordnungsdienst« drauf und so trieb man uns herein in das Ghetto Zamość
[57:53] g- äh Zamość selbst äh wie ich später äh doch gesehen hab ist eine wunderschöne Stadt die die ein gewisser Graf Zamość vor vielen Jahren laut äh einer italienischen Stadt nachgebaut hat wund- also sehr schön aber der Teil in dem wir getrieben
[58:17] wurden in dem das Ghetto war war das gewesene Armenviertel von der Stadt das man ausgeräumt hat und in d- in dass man die die Juden herein gezwercht hat und da sagte man uns »also hier ist eine Straße die ist leer da sind Baracken jeder geht in eine Baracke
[58:38] und kann sich ein eine Ecke aussuchen« also ich mit der Mutter haben uns ein äh sind in eine Baracke gekommen äh später hab ich erfahren äh dass äh warum diese Straße frei war die äh Gestapo oder die dortige äh Polizisten äh sicher nicht Polizisten
[59:04] sondern SS-Männer haben bevor wir gekommen sind ein zwei Tage vorher alle Juden polnischen Juden die dort gewohnt haben auf Lastautos genommen und au- ungefähr 5000 Leute außerhalb der Stadt genommen und dort haben die Leute sich ihr Grab selber also äh
[59:24] solche äh äh wie sagt man äh äh nu mussten sie ausgraben damit und wurden dann hingestellt und in in d- in das Tal oder was sie da ausgegraben haben wie sagt man nicht Tal
[59:42] Gruben
[59:45] bitte ?
[59:48] in die Gruben
[59:51] in die Gruben herein geworfen so dass natürlich die Ju- äh polnischen Juden die dort geblieben waren das Verhältnis zwischen uns und ihnen war nicht gerade das beste denn schließ- erstens einmal sind wir anstatt ihrer Leute gekommen und wir waren sozusagen
[1:00:06] schuld dass man sie äh äh getötet hat und dann gab war noch ein großer Unterschied zwischen uns die polnischen Juden waren sehr fromm und wir tschechischen Juden die da gekommen sind ein Transport von tausend Leute äh waren meistens nicht fromm und wir
[1:00:27] konnten auch äh kein Jiddisch die Leute haben jiddisch gesprochen und wir haben Jiddisch kaum ge- kaum gekannt nicht gekannt mein Großvater vielleicht noch ja da kann ich mich erinnern [lacht etwas] mein Großvater war Viehhändler und äh das einzige
[1:00:45] was ich mich erinnern an Jiddisch kann bei meinem Großvater war wenn er äh da ist jemand gek- ein Bauer gekommen und wollte eine Kuh kaufen und ich hab ve- gehört wie der Großvater zur Großmutter sagt »dos is lav a koine« das ist auf Jiddisch »das
[1:01:04] ist kein Kunde« er hat d- ja ? das war sein Jiddisch also das ist das haben wir Jiddisch gekonnt und die Leute haben natürlich sich gewundert das was sind das für Juden die die diese Sprache diesen Slang nicht kennen äh am ersten Tag wurde uns eine Suppe
[1:01:23] verteilt ich werde nie vergessen der Koch da ist so ein dicker Koch mit einem schrecklichen Bart und da ist ihm da alles runter gelaufen und der hat uns da die Suppe gegeben also das war auch ein ein surrealistischer Anblick und äh dann wurde uns erklärt
[1:01:43] also hier ist es nicht wie in Theresienstadt sondern hier muss sich jeder um sich selbst kümmern jeder muss arbeiten und man bekommt für die Arbeit bezahlt also bezahlt hatte man jedem pauschal fünf Zloty pro Tag für fünf Zloty pro Tag konnte man sich
[1:02:06] ein Kilo Brot kaufen jetzt aber man hat uns für die Ecke die wir dort in dem in dem äh fast zertrümmerten äh äh Häuschen Holzhäuschen haben ha- gehabt hat man Mi- haben wir Miete bezahlen müssen man braucht natürlich außer ein Kilo Brot zum Leben
[1:02:28] noch andere Sachen vielleicht sogar eine Seife zu kaufen oder was anderes so dass das natürlich kaum kaum äh äh kaum gereicht hat der der Raum in dem wir waren war in schrecklichem Zustand der Fußboden der einmal aus Holz wahrscheinlich war wu- war
[1:02:54] schon herausgerissen die Fenster äh waren äh nur noch der Rahmen da in der Mitte war einmal ein Ofen ein Kaminofen der auch halb zertrümmert war also ein alles in schrecklichem Zustand am nächsten Tag gleich in der Früh jeder muss zur Arbeit gehen also
[1:03:16] ich bin herausgegangen und man hat mich in eine Arbeitsgruppe ge- gesch- gesch- ge- geschickt äh hundert Leute und man schickte uns äh äh Kanäle g- graben für elektrische Leitung zu zu machen ringsherum deutsche Soldaten und auch ukrainische Polizisten
[1:03:44] die noch ärger als die Deutschen waren und wenn einer sich irgendwie nur eine Weile ausgeruht hat bekam er natürlich Schläge und Geschrei und es war sehr sehr schlimm abends komm ich nach Hause nach Hause in der Ecke und meine Mutter ist nicht da ich
[1:04:09] frag andere Leute »was ist hier passiert wo ist meine Mutter« und da hat man uns gesagt hat man mir gesagt also nachdem die Leute die nicht in die Arbeit gegangen sind hat man auf Last- äh Lastauto äh verfrachtet und weggeschickt äh nach dem Krieg konnt
[1:04:29] ich dann feststellen dass sie höchstwahrscheinlich direkt nach Treblinka ins Gas geschickt wurde also das war der letzte Tag an dem ich meine Mutter noch gesehen hab jetzt war ich also eigentlich nur noch auf mich angewiesen und dachte darüber nach wie
[1:04:51] kann man hier überleben wieder traf ich mich mit einigen Freunden jüngeren Leuten und meldete mich am nächsten Tag beim äh Arbeitsamt und hab gesagt »ich bin Elektriker« also hat man mir Arbeit Arbeit als Elektriker äh besch- gegeben und ich fuhr
[1:05:15] jeden Tag um fünf Uhr früh mit dem Zug eine Station in den nächsten Ort wo wo man an der Bahnstation äh äh elektrische Kabeln also eingeführt hat also hab ich dort mitgearbeitet hatte den Vorteil dort bekam man sogar eine Suppe und äh die Arbeit war
[1:05:38] leichter ohne z- ohne dass man uns geschlagen hätte sondern war verhältnismäßig gut trotzdem hab ich gesehen lange werden wir das nicht aushalten können wir äh um uns zu helfen begannen wir an die äh von unsern Kleidern die in Polen sehr gesucht
[1:06:04] waren wie zum Beispiel gute Schuhe oder andere Kleider an die äh jüdischen äh Einwohner Ureinwohner zu verkaufen die teilweise noch äh verhältnis- äh noch äh vermögend waren natürlich z- bekamen wir nicht den Preis den den äh die Sachen wert waren
[1:06:26] aber ich erinner mich sogar dass man uns also uns junge Burschen äh ein oder zwei Mal Abend zu jemanden zum Nachtmahl am Freitagabend eingeladen hat wir gingen dann auch abends irgendwie aus dem Ghetto heraus obwohl es eigentlich verboten war und äh trieben
[1:06:46] uns in der Stadt herum und begannen zu betteln also und ich sah wie lange kann man noch Sachen verkaufen bald wird Winter sein und in dem Zustand im Winter in dem Zustand wie das Haus ist werden wir doch kaum überleben können so sagte ich meinen Freunden
[1:07:09] »ihr wisst was ich lauf davon ich geh nicht ich halte es hier nicht aus« [trinkt] die haben natürlich gelacht haben gesagt »was« ich hatte einen Plan und hab gesagt »schauts ich geh ich versuche zurück nach Prag zu kommen und werde mir dort falsche
[1:07:29] Papiere beschaffen und als Fremdarbeiter arbeiten« die haben noch gelacht haben gesagt »du wirst zwanzig Kilometer weit weiter kommen man wird dich packen und am Platz erschießen« nur ein Freund ein gewisser Pavel Stein hat gesagt »ich geh mit dir«
[1:07:51] also so begannen wir unsere Flucht zu planen erstens einmal verkauften wir alles was wir noch gehabt haben behielten uns nur einen äh Anzug mit äh saubere Wäsche mit einer Decke und alles andere äh wech- äh wechselten wir in Geld ein was ich mir nicht
[1:08:16] was ich nicht verkauft hab ich hatte bis dorthin erstmal hatte ich noch das Geld in der Mütze und zweitens einmal hatte ich noch die Uhr die ich äh als Kind bekommen hab die hab ich nicht nicht äh verkauft äh wenn ich früh in die Arbeit gegangen bin
[1:08:38] so hatte ich einen einen Personalausweis m- eine Art (tze poly) sagt man Sie werden das wissen bumaszka wissen Sie was eine bumaszka ist ? ein Stück Papier eigentlich auf dem geschrieben äh geschrieb- äh stand dort dort »der Saujude Hans Israel Bachrich«
[1:08:56] das war ja auch zur Zeit der Nazis äh hat jeder äh jeder männliche Jude wenn er irgendein Papier gehabt hat musste er vor seinem Namen äh Israel geben oder wenns eine Frau war dann Sara also ich dort stand »der Saujude Hans Israel Bachrich arbeitet als
[1:09:20] Elektriker an der äh Station Zawada« ich hab nat- dieses »Saujude« ausgewischt und hab da drauf geschrieben »Fremdarbeiter« und hab den Namen von meinem Freund dazu geschrieben und hab mir Folgendes überlegt wir sind in Polen die Leute verstehen hier
[1:09:41] kein Deutsch und in dem Moment wo sie irgendein deutsches Dok- sozusagen Dokument sehen äh werden sie vielleicht glauben und das war richtig so
[1:09:52] also sind wir eines Tages in der Früh anstatt in die Arbeit heraus gegangen ich hab meinen Freunden gesagt wir
[1:10:01] waren ja noch nicht in einem Konzentrationslager im KZ musste man ja jeden Tag war ein Appell das gabs dort im Ghetto nicht und ich hab gesagt »wenn man uns suchen wird so sagt ihr wisst nicht wo wir sind vielleicht sind wir in eine andere Straße gezogen«
[1:10:19] [trinkt] also wie stehen wir mit der Zeit bitte ?
[1:10:29] ähm wir haben noch -ne Viertelstunde bis halb eins
[1:10:35] [nickt] also sind wir in der Früh we- heraus sozusagen in die Arbeit und haben angefangen zu marschieren bei Tag haben wir uns in Kornfelder hingelegt und sind bei Nacht gegangen aber wie v- äh der Vorteil war dass man in Polen dort noch auch überall
[1:10:54] äh für Geld äh Brot und Butter und alle möglichen Sachen bei den Bauern kaufen konnte und wir haben haben uns bei den Bauern immer als Tschechen ausgegeben als Fremdarbeiter und sie haben ob sie geglaubt haben oder nicht man hat uns äh Lebensmittel verkauft
[1:11:12] und so sind wir weiter aber wie weit kann man gehen man kann dreißig Kilometer im Tag gehen vierzig Kilometer also hab ich meinem Freund gesagt wir müssen was anderes machen wir sind in die nächste Bahnstation gegangen und ich hab dort einen Zug gesehen
[1:11:31] nach Krakau das ist eine große Stadt in in Polen in Mittelpolen und äh dort stand war ein Waggon auf dem stand polnisch »tylko dla Niemców« nur für Deutsche hab ich gesagt Paul mein mein Freund konnte gar kein Deutsch der war ein richtiger man hat das
[1:11:48] früher bei uns in Prag nannte man das ein Tschecho-Juden der einer der wenigen die nur Tschechisch gekonnt haben »Paul wir gehen da rein und du schweigst« also sind wir rein in den Waggon »Heil Hitler« [gestikuliert] hingesetzt und dort wirklich hat
[1:12:03] man keine Untersuchung gemacht wir sind nach Krakau gekommen und äh äh natürlich haben wir schon viel bessere Laune gehabt und sind in ein Hotel gegangen und haben uns diese bumaszka gezeigt und haben gesagt »wir möchten ein Zimmer haben wir sind tschechische
[1:12:21] Fremdarbeiter und unsere Papiere sind beim Arbeitsamt wir äh wir warten auf die Papiere« na da hat man uns ein Zimmer gegeben und wir waren natürlich ganz glücklich äh wir sind ins Kino gegangen wir sind in die Konditorei gegangen Sach- Sachen die wir
[1:12:41] schon lange Zeit nicht mehr miterlebt haben durch in äh Krakau gab es auch ein Ghetto und durch das Ghetto fuhr die elektrische Bahn da sind wir paar Mal mit der elektrischen Bahn durchgefahren und haben gesagt »schau die armen Leute die sind noch in dem
[1:12:56] Ghetto wir sind schon frei« nu nach zwei drei Tagen äh haben wir uns irgendwie eine eine Landkarte beschafft und haben uns den äh ersten Grenzort in die Tschechei wie in die Tschechei zu kommen äh ausgesucht sind wieder mit dem Zug bis zum zur letzten
[1:13:23] Station gefahren und vor der vor der Grenze in einem Dorf haben wir alt- alte Leute angesprochen am Feld und haben gesagt diesmal haben wir schon eine andere Geschichte erzählt wir haben denen erzählt wir sind äh tschechische Fremdarbeiter und unsere Mutter
[1:13:45] in Prag ist gestorben und die Deutschen haben uns kein kein Urlaub gegeben also wir sind davongelaufen und wir wollen wir wollen also über die Grenze kommen nach Hause und da hab ich hat uns jemand gesagt »du weißt was hier am Ende vom Dorf dort ist ein
[1:14:02] Mann der schmuggelt der bringt abends äh Wodka nach Deutschland und bringt von Deutschland äh Textil zurück« also wir sind zu dem Mann gegangen und ich hab ihm gesagt »schau ich hab noch so und so viel polnisches Geld nimm uns mit« er hat sich das
[1:14:24] überlegt hat seine Freunde gefragt zum Schluss hat er uns wirklich mitgenommen und war wie man sagt anständig ja hat uns wirklich über die Grenze gebracht und wir sind dann also erst einmal in Deutschland angekommen da hat man haben wir erst einmal gesehen
[1:14:41] den großen Unterschied dort war alle äh dort waren alle äh Lebensmittel auf Karten wenn man in ein Restaurant gegangen ist konnte man kaum etwas zu bestellen ohne ohne Lebensmittelkarten zu haben dann sind wir also über äh an die tschechische Grenze gekommen
[1:14:58] auch dort hat uns jemand geholfen herüber zu kommen und sind in gelandet in Mährisch-Ostrau und wir haben natürlich nicht gewusst in was für schreckliche Zeit wir hereinkommen wir sind gerade im Jahre 42 [trinkt] verhältnismäßig kurze Zeit nachdem
[1:15:29] äh tschechische äh Parachutisten äh sagt man Fallschirmjäger äh den Reichsprotektor Heydrich äh ermordet haben sind wir hier gelandet das haben wir natürlich nicht gewusst und da war in äh im ganzen Protektorat war war Standrecht abends durfte man
[1:15:51] nicht herausgehen und wen man ohne Papiere gepackt hat den hat man am Platz erschossen haben wir nicht gewusst wir setzen uns in den in Ostrau in Zug und ich sag »weißt du was probieren wir ob meine Schwester vielleicht noch zu Hause ist« wir kommen früh
[1:16:11] an wirklich meine Schwester hat noch in derselben Wohnung gewohnt und sie kommt gerade vom Nachtdienst sie hat uns angeschaut ich weiß nicht wie wir ausgesehen haben verwahrlost und wer weiß wie hat uns schnell ins rein genommen was dann eigentlich vorgekommen
[1:16:28] ist weiß ich nicht denn ich war so müde dass ich in das Bett gefallen bin und geschlafen hab bis Abend dann hat man mir natürlich gesagt da ist Folgendes gewesen die haben ja nicht allein in der Wohnung gewohnt und die andern Leute haben sofort ge- gesehen
[1:16:45] dass da zwei solche äh Flüchtlinge erschienen sind und haben ihr gesagt »wenn ihr die Leute über Nacht hier lässt so geben wir sie an wir haben Angst wir wollen unser Leben nicht riskieren« also mein Schwager ist äh auf die jüdische Kultusmein- -gemeinde
[1:17:05] gelaufen und hat irgendwie durch Beziehungen eine Adresse in die Slowakei bekommen mein äh Freund hatte dort Verwandte in der Slowakei unser eigentlicher Plan von nun an war was man uns erzählt was mein Schwager mir erzählt hat in Budapest hat sich ein
[1:17:27] äh ein M- jüdischer junger Mann äh wie war nu der Name diesen Namen werd ich später in SS-Uniform äh äh ist dort h- herumgelaufen und hat eine Untergrundba- äh Untergrundbewegung geleitet und hat Leuten Flüchtlingen auch geholfen also zu dem ah
[1:17:57] Rafi Friedl hieß der Mann äh und zu dem wollten wir eigentlich durch die Slowakei kommen also wir sind abend gleich wieder aufn Zug gesetzt worden und äh an der Grenze hat uns schon ein Tscheche erwartet der uns gegen einen äh Geldbetrag in die Slowakei
[1:18:22] geschmuggelt hat [trinkt] kann ich noch ein bisschen Wasser kriegen ja ?
[1:18:32] mhm
[1:18:35] und äh also er ist mit uns gegangen und wir gehen hin und jetzt sagt er »also hier verlass ich euch wir sind jetzt fünf Kilometer im slowakischen B- Gebiet« und wir sind vor der Stadt Žilina gewesen wir gehen in die Stadt und haben natürlich haben
[1:18:59] einen großen Fehler begangen ich gehe man muss doch etwas essen gehen wir in ein Restaurant und bezahlen mit deutschem Geld und da schaut uns der Mann an und sagt »ja was was w- wo kommts ihr her was ist da los ihr seid doch in der Slowakei in der Slowakei
[1:19:16] gibts kein deutsches Geld wir wir sind selbstständig« und der Mann hat schnell äh die Polizei gerufen wir sind noch gelaufen aber ich seh noch vor mir ich bin mit der letzten Kräften in das Schloss in Žilina äh herein in den Hof und dort hat mich der
[1:19:36] Polizist dann gepackt und meinen Freund natürlich auch und wir wurden der slowakischen Gendarmerie übergeben die Slowaken haben sich verhältnismäßig äh gut haben uns gut verhältnismäßig gut behandelt nachdem sie uns etwas verhört haben sie haben
[1:19:58] natürlich einen Fehler gemacht äh das heißt als- später also sie haben uns äh da haben wir erzählt dass wir davongelaufen sind haben natürlich nicht gesagt äh dass wir in Prag waren sondern wir haben gesagt wir sind direkt aus Polen hierher gekommen
[1:20:16] und äh sie haben uns dann geglaubt und äh wir konnten sogar Essen von der Jüdischen Gemeinde die noch in der Slowakei waren und wir konnten mit den Leuten reden wir konnten ihnen etwas über Polen erzählen ich weiß nicht ob sie uns geglaubt haben denn
[1:20:35] wir haben ihnen gesagt »Kinder wenn ihr könnt irgendwie lauft davon denn in Polen werdet ihr alle sterben« nach- äh -dem wir 14 Tage oder einige Zeit dort gesessen sind ich hab nie in meinem Leben geraucht aber dort haben mir die Leute die von der Gemeinde
[1:20:59] von der Jüdischen Zigaretten gebracht hab ich geraucht sogar und dann eines Tages kommt der Gen- Gendarm und sagt uns »also man hat beschlossen ihr werdet vor einen Richter gebracht und der wird entscheiden was man mit euch macht« wir kommen zum Gericht
[1:21:18] und ich seh schon hinten zwei Leute typisch für Gestapo-Leute angezogen mit Ledermäntel mit Stiefeln und der der Richter sagt uns also »wir haben beschlossen nachdem ihr äh Staatsbürger des Protektorats seid euch den deutschen Behörden in äh im Protekto-
[1:21:43] ins Protektorat zu übergeben« ah ich hab da so zufällig die Hand an den Tisch von dem Richter gegeben und da hinten schreit schon der Gestapo-Mann »Saujude gib die Hand runter gleich wirst du sehen wie man wie man dich behandeln soll« also man hat uns
[1:22:01] übergeben wir wurden in ein Auto gesetzt die Schuhe äh natürlich Schuhe ausgezogen den den Gürtel abgenommen und die zwei unterhalten sich schon und sagen »ha eigentlich ist es schade ums Benzin wir hätten die Leute doch gleich hier begraben können«
[1:22:19] und wir haben gezittert und geglaubt w- unser Ende ist schon nahe ich weiß nicht warum hat man uns also doch noch über die Grenze gebracht wir waren erst in einer Grenzstation äh gesessen und äh ich ich hab nicht gern zu erzählen wie man Verhöre unter
[1:22:44] den Deutschen gehabt hat es war nicht sehr leicht wir wurden geschlagen und am schlimmsten wars für meinen Freund der kein Deutsch gekannt hat und wenn er zum V- Verhör vorgeladen wurde dann musste man an die Tür anklopfen und sagen »der Saujude Hans Israel
[1:23:05] Bachrich bittet eintreten zu dürfen« das hat mein Freund natürlich nie nie richtig gesagt und immer wenn er wenn er dann äh herein gegangen ist und gestottert hat hat man ihn geschlagen bis er ohnmächtig war mit Wasser begossen und von neuem verhört
[1:23:21] zum Schluss hat man doch wahrscheinlich äh geg- gesehen dass wir nur zwei zwei davongelaufene Juden sind und äh hat beschlossen erst einmal wurden wir in ein größeres Gefängnis nach Brünn äh geschafft und dort sah ich zum ersten Mal das war ja nach
[1:23:50] der Heydrich-Affäre hat man ich s- äh Sie wissen ja dass man äh damals ein ganzes Dorf Lidice liquidiert hat und die die äh Männer äh getötet hat und die Frauen ins KZ geschickt hat und äh wir sind dort also in in der Zelle auch mit tschechischen
[1:24:12] Bürgern gesessen ich hab die Leute gefragt »wozu äh warum seid ihr hier im Gefängnis ?« ah einer sagt »schau ich hab ein ein Schwein schwarz getötet äh geschlachtet« der andere hat gesagt »ich hab Radio London gehört« und man hat den Mann man hat
[1:24:33] den Mann zum Verhör genommen wie er zurückgekommen ist hab ich ihn schon nicht mehr erkannt das Gesicht war so verstellt und so erledigt und er hat nur gemurmelt »ich bitte euch schreibt an die Wand« und man hat wirklich an die Wand geschrieben äh »hier
[1:24:50] wurden äh Leute gemör-« äh äh äh wie sagt man äh (marter)
[1:24:57] ermordet ?
[1:24:59] wie ?
[1:25:02] ermordet ?
[1:25:04] äh ermordet oder äh ge- ge- nu man
[1:25:07] gequält ?
[1:25:10] gequält ja ungefähr so ja also dann eines Tages also hat man auch einige Leute zum Tode verurteilt aufm Galgen und da hat man uns zwei Jungen äh ausgesucht und wir mussten die das erste Mal dass ich überhaupt einen Toten gesehen hab und dann mussten
[1:25:31] wir den den Mann von dem Galgen herunter nehmen irgendwie weiß ich nicht warum warum man beschlossen hat uns nicht zu töten nach einiger Zeit ruft man uns ins äh Büro das heißt vors Büro man stellte uns einige Stunden gegenüber zur Wand mit den
[1:25:57] Kopf bis uns bis wir schwindelig wurden und hingefallen sind mit Wasser begossen natürlich wieder und dann herein ins Büro und da hat man gesagt also äh »wir haben beschlossen euch in ein Konzentrationslager zu schicken alle eure eure Kleider sagt
[1:26:22] wem wir das schicken sollen« also ich hatte eine Tante in Austerlitz die mit einem äh äh Arier verhan- äh verheiratet war der sich von ihr nicht scheiden ließ so dass sie dort geblieben ist hab ich gesagt »schickt der Tante meine diese Sachen« also
[1:26:40] meine Tante nach dem Krieg konnt ich erst feststellen hat meine Tante wusste nicht was da los war sie wusste genau ich wurde erst nach Theresienstadt geschickt und sie wusste d- dass ich dann von dort weiter aber dass ich auf einmal aus Brünn äh Kleider
[1:26:59] von mir das hat sie nicht gepackt also wurde beschlossen wir werden in ein KZ geschickt und äh zwar ich glaub wir machen jetzt eine Pause und ich werde dann anfangen wie ich das ins KZ gekommen bin ja ?
[1:27:24] mhm okay
[1:27:27] gut ? [Schnitt]
[1:27:30] so wir können jetzt weitermachen
[1:27:32] so ja ? mhm ? also mit dem wir wurden ich weiß wie ich hab schon mal gesagt glaub ich dass ich nicht weiß wieso man uns eigentlich [räuspert sich] äh nicht getötet hat sondern beschlossen hat uns nach Ausch- äh nach Auschwitz zu schicken das wussten
[1:27:50] wir ja nicht wohin sondern man äh wir wurden äh wir kamen mit einem Sondertransport das heißt zehn Leute ausm Gefängnis mit zwei äh Soldaten als Bewachung fuhren wir also mitm Zug von äh Brünn bis Auschwitz in Auschwitz kamen wir an ich sah das schön-
[1:28:16] schöne Tor mit dem mit der Aufschrift »Arbeit macht frei« wir kamen ins Büro dort hat man uns alle unsere Kleider genommen und äh wurden dann in äh ja einen Moment wurden dann in einen Waschraum gebracht nachm Waschen schickte man uns dann in einen
[1:28:45] anderen Raum dort bekam ich dann die meine Nummer [zeigt Häftlingsnummer] 77058 mit einem kleinen Dreieck drunter und zwar war das kleine Dreieck war ich eigentlich ein politischer Häftling jüdischer politischer Häftling weil ich dav- irgendwie davongelaufen
[1:29:03] bin so hat das gegangen ja aber ich wusste damals ja noch nicht dass es ein großes Glück war für mich dass wir mit diesem Sondertransport angekommen sind denn alle anderen Leute die aus Theresienstadt oder aus anderen Plätzen äh Orten nach Auschwitz
[1:29:21] gekommen sind wurden tausend Leute ausm Zug herausgeworfen oder ge- ge- gelockt und da stand dann unter anderem stand dann äh äh äh eine stan- standen dort einige Ärzte unter anderem äh also der Hauptarzt war Doktor Mengele und der stand dann mitm mitm
[1:29:48] Finger so und machte links rechts äh wer links wo er links zeigte und er glaubte die Leute sind zu alt die wurden gleich auf Lastautos äh verladen und äh in die Gaskammern geschickt und diejenigen die noch irgendwie arbeitsfähig waren wurden ins Lager
[1:30:08] geschickt also wir kamen direkt ins Lager äh wir bekamen gestreifte eine Art Pyjama angez- wurden uns angezogen ich kam zusammen mit meinem Freund auf ein man nannte das Block und ich weiß nicht wieso man das nannte immer die diejenigen die die die Vormänner
[1:30:37] oder die Verantwortlichen waren da nennte man Blockältester Lagerältester also immer Ältester und da war der Blockälteste der hat uns empfangen hat uns jeden ein ein wieder mal dreistockhöchrige ein Bett zugeteilt und äh erklärte uns wie die Arbeitsordnung
[1:31:00] ist dass man in der Früh wenn schnell aufwachen musste und die Betten gerade die Decken ganz gerade schön viereckig zu legen hat später hat ich dann gesehen dass das ein Grund war wenn jemand die die Decken nicht richtig gelegt hat war das ein Grund den
[1:31:22] sich die der Lag- der Blockälteste ausgesucht hat um den Mann abends in die Mitte von dem Block zu zu nehmen und zu verprügeln das war sein sein Vergnügen äh die Verantwortlichen ich war ja in einem im Hauptlager also gemischt zwischen Ariern und Juden
[1:31:46] äh wir Juden haben natürlich noch schlimmere Bedingungen gehabt und äh jeder musste in der Früh zur Arbeit gehen und zwar wurden immer hundert erstenmal war es ein Frühappell da hat man die Leute gezählt und äh ich glaub in der ganzen Zeit ist es
[1:32:15] aus Auschwitz ein oder zwei Leuten gelungen davonzulaufen wenn man dann äh die ihn gepackt hat oder nicht gepackt hat hat man dann seine Familie hergebracht und beim Tor aufgehängt als Warnung für andere dass sie nicht versuchen äh zu entkommen die
[1:32:43] Arbeit in Auschwitz also ich wurde eingeteilt in ein äh Arbeitskommando hundert Leute man die Arbeit war eigentlich äh wie sagt man eine eine nur um um die Zeit zu verbringen man schaufelte Erde von einem Platz in den andern und äh die L- die Wachleute
[1:33:15] äh in dem Moment wo sich irgendjemand bisschen ausgeruht hat oder was ham natürlich drauf los gesch- -geschlagen verantwortlich für die Leute waren also äh äh Leute die man Kapo genannt hat das waren meistens äh Deutsche die man aus äh Gefängnissen
[1:33:42] in das Lager gebracht hat und zwar hat man gesagt das waren meistens oder Mörder oder Raubmörder oder oder äh äh Bankräuber oder verschiedene andere solche Typen man hat gesagt anstatt dass wir ihnen äh äh unnützes Brot im Gefängnis geben bringen
[1:34:05] wir sie ins Konzentrationslager und diese Leute die brutal genug sind werden uns helfen auch mehr Juden zu töten was auch der Fall war wenn man da also in der Früh hundert Leute zu so einer Arbeit herausgegangen ist so wurden immer einige erschlagen und
[1:34:28] man die andern mussten dann am Rücken die die Körper mit ins Lager bringen und der Kapo hat dann d- die die tägliche äh äh Brot und äh das tägliche Essen von dem Toten bekommen so dass sein Zustand viel besser war er konnte das dann umtauschen gegen
[1:34:51] Zigaretten und äh konnte auch Pakete bekommen äh am kurze Zeit nachdem ich dort also angekommen war in der Nacht schlaf ich ich hab im dritten Stock geschlafen auf einmal rüttelt jemand mich diese Geschichte erzähl ich eigentlich nur um äh zu erzählen
[1:35:19] wie man äh brutal war eigentlich um um Leute zu zu zu wie sagt man zu quälen tak oben schüttelt er und sagt »Saujude Saujude runter komm mit« er führte mich durch den Block am Ende vom Block war ein Zimmer das war wahrscheinlich das Zimmer vom Blockältester
[1:35:45] und dort saßen einige auch Häftlinge aber ihr Pyjama ihr ihre Kleidung war ge- gebügelt ganz anders als unsere und äh sie warn man konnte sehen dass sie gut ernährt waren zum Unterschied von den andern Häftlingen und man konnte auch hier sehen jeder
[1:36:11] jeder Häftling hat hier eine Nummer gehabt und unter der Nummer äh ein Zeichen also sagen wir ein Jude hatte ein gelbes gelbes äh äh Stern gehabt ein äh Schwerverbrecher ein Mörder oder was hat ein schwarzes Dreieck gehabt dann glaub ich gab es rosa
[1:36:33] das waren äh Homosexuelle die man auch ins Lager gebracht hat und äh äh ich weiß nicht ich glaub die die äh katholische Priester haben auch ein Extrazeichen gehabt also er führt mich in das Zimmer und da sagt mir der kommt der eine der da vorsitzt
[1:36:56] und sagt »also Saujude jetzt werden wir dein äh Gold herausziehen« nu ich hab ihn angeguckt und hab gesagt »Verzeihung aber wie kann ich Gold haben Sie wissen doch genau dass man uns genau untersucht hat dass man uns wasch- gewaschen hat und dass man uns
[1:37:16] die Kleider gewechselt hat« sagt er »nein nein nein ihr sud- ihr Juden ihr habts das wahrscheinlich noch auch verschluckt wir werden jetzt das Gold aus deinem Magen herausziehen und zwar um es dir leichter zu machen nimm hier diesen das Glas trink das
[1:37:35] aus das ist dort ist äh äh äh ein Beruhigungsmittel drin und wir werden dann weitersehen« und wie er mir so das Glas vor die Nase nickt merke ich dass das äh Alkohol war Wodka und ich hab gesehen die Leute die die die paar äh bevorzugte Häftlinge
[1:37:56] die dort gesessen sind waren ja eigentlich besoffen also wie er mir das gibt hab ich mir gedacht was kann schon passieren sag ich »hopp oder tropp geben Sie her« und da hat er -s schnell zurückgezogen hat er gesagt »also das ist mir noch nicht passiert
[1:38:10] bis jetzt hat jeder gebeten äh Verzeihung aber äh ich will das nicht trinken und so weiter es ist schade« sagt er »dir für dich denn die Wodka zu verschwenden geh geh zurück auf deinen Platz« also das war irgendein psychologischer Trick mit dem sie
[1:38:32] sich unterhalten haben als als äh Abendunterhaltung Leute so zu quälen
[1:38:38] konnten Sie Ihren Mithäftlingen davon erzählen ?
[1:38:41] bitte ?
[1:38:44] konnten Sie Ihren Mithäftlingen davon erzählen ?
[1:38:47] ich weiß w- kann mich nicht erinnern ob ich erzählt hab oder nicht weil kann ich kann mich nicht erinnern ich weiß überhaupt nicht ob ich viel mit mit den Mithäftlingen gesprochen hab obwohl ich dann später einen jüdischen Jungen äh kennengelernt
[1:39:04] hab mit dem ich mich sehr befreundet hab [räuspert sich] also wie dann dieser [räuspert sich] äh äh so weiter gegangen ist langsam hab ich wahrscheinlich schon an Gewicht verloren [räuspert sich] und da hat eines Tages sagt der der Stubenälteste oder
[1:39:26] Blockälteste sagt »komm her du warst doch damals abends so tapfer du weißt was ab heute wirst du nach der Arbeit den Block auskehren da kriegst du noch eine Suppe« also hat er mir dann noch eine Suppe abends gegeben [räuspert sich] und ich hab dann
[1:39:46] überlegt und hab mir gesagt [räuspert sich] hab mich mit einem der dieser Schwerverbrecher der Kapo der äh äh ich wurde dann einem einem äh Kommando da hat man das genannt hundert Leute mit einem deutschen Kapo [räuspert sich] und wir wurden [räuspert
[1:40:05] sich] waren das Zaun- Zaunkommando wir haben einen Zaun um ein dort gab es in mitten im Lager gab es Zivilarbeiter aus verschiedene Länder die man hingebracht hat also wir haben um das Lager herum einen Zaun gebaut und da hab ich den Kapo angesprochen und
[1:40:25] hab gesagt »schau [räuspert sich] du darfst doch Pakete bekommen« sagt er »ja aber mir schickt niemand Pakete meine Familie du weißt doch ich bin wegen Mord äh angeklagt gewesen meine Familie will von mir gar nichts wissen« hab ich ihm gesagt »schau
[1:40:42] ich gib dir die Adresse von meiner Tante in Austerlitz schreib ihr und vielleicht wird sie dir Pakete schicken« und die Tante hat ihm wirklich jeden Monat zwei Pakete geschickt also ich hab nicht viel von den Paketen bekommen aber ich war jetzt für den Kapo
[1:41:00] ein ein äh wie sagt man ein Verdienst äh wie sagt man ein äh nu ein ein Zusatz ja ?
[1:41:11] hm
[1:41:14] so dass [räuspert sich] so dass zum Beispiel bei der Arbeit durfte ich beim Feuer stehen er hat mir sogar dann zusammen mit noch einem Freund [räuspert sich] äh eine leichte Arbeit während der Arbeitszeit haben wir [räuspert sich] in dem Lager der
[1:41:30] der Fremdarbeiter äh sauber gemacht die die die Stuben sauber gemacht und haben dafür [räuspert sich] die haben uns dann Mittag immer einen Kessel mit Suppe dort gelassen den haben wir auch für andere mit- mittags mitgebracht [räuspert sich] und zwar
[1:41:51] war das immer Mittag haben wir das gesehen wenn der Wachmann äh der uns dort äh behü- äh begleitet hat der hat mittags so ein Mittagsschläfchen gemacht da haben wir schnell die Suppe genommen und haben unsern Freunden gebracht [räuspert sich] [trinkt]
[1:42:09] einmal hat er uns gepackt no und da hat er uns genommen und hat dann mit uns äh äh turn- geturnt so haben die das genannt also wir haben äh nu Turnübungen auf und nieder auf und nieder und mit Prügeln bis wir ohnmächtig geworden sind und wieder mit
[1:42:34] Wasser begossen zum Schluss waren wir schon ganz erledigt da hat er uns genommen und hat uns dem Kapo sozusagen zugeworfen und hat gesagt »so jetzt endig du mit ihnen« wenn ich nicht der Mann gewesen wär der die Pakete bekommt hätte der Kapo mich sicher
[1:42:53] erledigt aber so hat er mich zur Seite genommen und einige Tage behütet dass ich weniger gearbeitet hab so dass ich die Sache überlebt habe äh eines Tages äh in der Früh sagt mir mein Freund Paul »man hat mir meine Schule meine Schuhe gestohlen«
[1:43:15] nu und dann ist er in die Arbeit gegangen und hat sich das die war doch schon äh Frost kalt und hat sich die die äh die Füße mit irgendwelchen Fetzen oder Zeitungen die man irgendwie gesehen hat zu- äh zugebunden aber die F- Füße sind trotzdem erfroren
[1:43:38] und nach einigen Tagen hat er mir gesagt »ich kann schon nicht mehr ich geh morgen zum äh äh Krankenappell« da hab ich dem ihm gesagt »lieber äh Paul du weißt doch genau Krankenappell das gibts hier nicht du wirst herausgehen und endigst« wir haben
[1:44:00] das wir haben das so schon mit einem Jargon gesprochen »du gehst gehst herein und kommst durchn Kamin heraus« so haben wir gesprochen und hab ihm so gesagt aber er konnte nicht anders in der Früh ist er äh hat er sich krank gemeldet und wurde natürlich
[1:44:19] ins Gas geschickt also so endigte die seine Geschichte aber wenigstens hatte auch er den Drang und hat wenigstens versucht irgendwie äh äh etwas davonzulaufen und versucht die Sache zu überleben ich konnte dann nur nachm Krieg hier in Israel in äh Kibbuz
[1:44:43] Neot Mordechai seiner Schwester erzählen was mit ihm aus ihm geworden ist so war ich ein Jahr in Auschwitz eines Tages äh immer in einmal in der Zeit äh gab es äh wie nannte man das Revision oder Appelle da sind also wieder äh so genannte Ärzte sie
[1:45:15] waren zwar Ärzte aber man kann nicht sagen dass sie dort als Ärzte funktioniert haben die sind abends durch die Blocks gegangen haben die Leute angeschaut und wen sie geglaubt haben äh dass er schon zu schwach ist dass er schon gar nichts mehr gibt den
[1:45:32] haben sie ausgesucht und haben haben ihn äh dann in das Gas geschickt und da wurde immer wenn so was passiert ist hat der Kapo mich vorher zur Seite äh irgendwo versteckt
[1:45:46] eines Tages nach einem Jahr äh gab es wieder so eine Art Appell und ich wurde genommen
[1:45:56] [räuspert sich] und man sagt »hier geh zu den Leuten das ist ein Transport der von Auschwitz weggeschickt wird« nu von Auschwitz weggeschickt das heißt ich war sehr zufrieden denn jeder der der in Auschwitz war wusste dass ihm was ihm drohte äh man
[1:46:20] hat ja immer wieder den Rauch dort gesehen und äh nur gewartet wie lange kann mans noch aushalten also hat man tausend Leute und man hat gesagt »das ist ein sehr guter Transport wir nehmen dort nimmt man keine polnischen Juden hin das muss was Besonderes
[1:46:37] sein« also man hat uns äh in ein äh äh zum Zug gege- genommen aber diesmal waren wir schon fünfzig Leute in einem Viehwaggon eingesperrt und es ging los man hat uns vorher die die Pyjamas gewechselt man hat uns äh Zivilkleider gegeben aber hinten
[1:47:03] mit einem großen Zeichen als äh als äh Häftling und als Schuhe hat man uns solche Ho- Holzpantoffel gegeben wahrscheinlich damit wir auch nicht davonlaufen können der Transport in dem Viehwagen war schrecklich äh das dauerte ungefähr zwei drei Tage
[1:47:25] man hat uns immer wieder mal Wasser herein gegeben einen Kübel mit Wasser aber die Leute haben sich auf den Kübel gestürzt und dadurch ist natürlich alles äh verschüttet worden man lag auch auf Leichen und so kamen wir dann an es hat sich herausgestellt
[1:47:45] wir kamen in Warschau an wurden in Warschau wieder mit äh m- mit Begleitung mit Schüssen äh mit mit Rufen »schneller schneller laufen laufen« in einen Platz gebracht mitten im gewesenen äh Ghetto von Warschau und zwar hat man uns äh in Warschau Sie
[1:48:10] wissen vielleicht äh war doch der Aufstand der Juden im Jahr 43 und äh es wurden auch viele deutsche Soldaten äh verhältnismäßig getötet natürlich äh wurde das Ghetto denn bombardiert und mit Kanonen zerschossen uns hat man hingebracht um das was
[1:48:34] von den Häusern übrig geblieben ist also Ziegeln oder Holz oder äh Stahl herauszuziehen denn die Deutschen planten dort einen großen Park zu machen die Arbeit war eigentlich nicht allzu schwer jeden Tag wurden wir heraus äh au- zur Arbeit geschickt und
[1:49:01] äh jeder hatte eigentlich schon wusste er muss so und so viel Ziegel im Tage (aufstalpern) äh man brachte na keine polnischen äh Juden hin damit diese sich n- damit sie sich nicht mit nach äh mit der polnischen Bevölkerung die äh äh verständigen
[1:49:26] könnten denn es kamen Leute äh po- polnische äh äh Arbeiter mit einem Pferdewagen meistens her und die haben die die Sachen aus dem Ghetto gewesenen heraus transportiert ich hab mich dann auch wieder an einen solchen polnischen Fuhrmann gewendet ich konnte
[1:49:50] ja Tschechisch und konnte mich so mit ihm verständigen und hab ihm auch die Adresse von meiner Tante gegeben und er hat wirklich auch einmal in der Zeit ein Paket mit Kleidern bekommen und Kleider waren in Polen sehr viel wert und er hat mir dann immer wieder
[1:50:07] Brot und andere Sachen gebracht die ich dann ins äh Lager mit herein geschmuggelt hab die Deutschen machten einen großen Fehler und zwar äh wechselte man uns lange Zeit keine Wäsche und es gab auch keine richtige Sanitätsanlagen wo man sich waschen
[1:50:34] konnte und es brach also ähm die Leute bekamen Läuse und es brach ein Flecktyphus aus Flecktyphus ist eine schreckliche Krankheit da bekommt man hohes Fieber und viele Leute starben dann dort ich war auch lag auch unter diesen Kranken aber hab das irgendwie
[1:50:58] überlebt aber es war kein Problem denn anstatt den paar tausend die dort äh gestorben sind brachte man ungarische Juden aus Auschwitz die äh die das Lager wieder angefüllt haben so verbrachten wir äh dort auch längere Zeit ich freunde freundete mich
[1:51:21] auch es gab dort einen gewissen Doktor Halperin der war das nannte man Revierältester der war der Verantwortliche für für den das den Krankenbau und äh ein tschechischer Jud der mir auch viel geholfen hat indem er mir äh äh leichtere Arbeit besorgt
[1:51:44] hat und auch hier und da was zu essen gegeben hat es es ist zum Beispiel etwas sehr Interessantes dieser Doktor Halperin hat sich später herausgestellt war kein war gar kein Arzt der Mann hatte zwei Semester äh Medizin studiert und gab sich dort in Warschau
[1:52:06] als Doktor aus so weit dass dass die äh Deutschen äh Offiziere ihn manchmal äh gerufen haben um um äh äh äh um äh ein Gutachtung äh in Krankensachen zu bekommen aber so der Mann ist dann ich nenn das Hans im Glück der Mann ist äh später nach Auf-
[1:52:32] Kaufering gekommen er ist dann nach dem Krieg hat er ist ist er nicht zurück gleich in die Tschechei sondern hat ist nach München gegangen und es gelang ihm dort eine Wohnung nach einen äh hohen deutschen Offizier zu liquidi- zu äh zu bekommen in der
[1:52:54] Wohnung hat er ein äh eine sehr wertvolle Briefmarkensammlung gefunden mit der Briefmarkensammlung und mit einem schönen Auto ist er nach dem Krieg in die Tschechei zurückgefahren bevor er nach Prag äh gekommen ist haben ihn äh die Russen dort er- die
[1:53:18] Leute erst einmal das Auto weggenommen er hat sich dann in Prag am Wenzelsplatz ein Geschäft aufgemacht und dann sind die Kommunisten zur zur Wacht äh zur Macht gekommen und dann ist er auch um das Geschäft wieder gekommen also ich nenn das Hans im Glück
[1:53:33] der Herr Doktor Doktor Halperin was aus ihm später geworden ist weiß ich nicht also zurück zu Warschau im Jahr 43 äh ist eine Sache wir wir waren doch ich war doch dreieinhalb Jahre in verschiedenen Lagern meistens hab ich nicht gewusst was l- draußen
[1:53:58] los ist wir hatten kaum Nachrichten wenn jemand ein Stück Zeitung gefunden hat hat er äh und etwas Interessantes vielleicht war hat er das gleich verbreitet unter anderen aber wir wussten nicht wie die Lage ist wir wussten kaum dass die Amerikaner in den
[1:54:16] Krieg äh herein gegangen sind wir wussten nicht dass die Russen schon eine Offensive äh gemacht haben erst im Jahr 43 das war schon Ende 43 oder 44 Verzeihung 44 äh auf einmal haben wir gehört die Russen nähern sich an schon zu Warschau nu jetzt haben
[1:54:41] wir große Angst bekommen was werden die Leute mit uns machen wird man uns hier v- äh töten oder was anders doch die äh deutsche
[1:54:52] äh die Deutschen haben beschlossen uns nach Deutschland zurück z- mitzuschleppen weil sie Arbeitskräfte brauchten also
[1:55:05] hat man uns auf einen Marsch gen- genommen man kann sagen eine Art Todesmarsch von Warschau bis ich glaub das hieß Kunowice das ist äh ein ein äh ein äh ein Strom wie heißt der Strom no ich kann mich schon nicht erinnern auf alle Fälle wer wer nicht
[1:55:29] mehr weitergehen konnte wurde hinten erschossen wer irgendwie sich durchgeschleppt hat ist bis an den San San heißt glaub ich der Strom gibts so etwas in Polen ?
[1:55:39] mh
[1:55:42] ja
[1:55:45] an dem Strom angekommen war schrecklich heiß man hat den ganzen Tag nichts zu trinken bekommen und Leute haben sich in das Wasser stürzen wollen da haben natürlich die die Soldaten oder ich weiß nicht ob das SS-Männer waren äh sich ein Vergnügen draus
[1:55:59] gemacht und haben vor dem Fluss Hunde aufgestellt und hinten waren auch einige mit Gewehren und wer sich dann in das Wasser vor vor äh Sucht nach W- nach Wasser gestürzt hat der wurde oder von den Hunden angepackt oder erschossen dann haben sie gesehen
[1:56:21] also wenn sie uns doch noch irgendwie ausnützen werden können kann man so nicht weitermachen und haben uns dann mit einem Zug wieder in einem Viehwaggon natürlich nach Dachau zurück geschleppt in Dachau ließ man uns zwei Wochen zur Rekonvaleszenz [lacht]
[1:56:46] man gab uns etwas mehr Essen man tauschte uns die Kleidung und schickte uns dann in die Umgebung von Dachau und zwar gab es dort 14 kleinere Lager bei Kaufering ich glaube 14 Lager waren dort äh in der Nähe von Kaufering bauten die Deutschen unterirdisch
[1:57:09] unterirdische äh Gebäude in denen äh soweit ich weiß sie die äh V- V2-Raketen entwickeln entwickelt haben um äh um England äh anzugreifen wir wurden also hingebracht und haben die das Zement geschleppt und um für die Bauten und ähnliche Arbeiten gemacht
[1:57:38] die Arbeit war sehr schwer und so hab ich wie gesagt den Doktor Halperin der war auch dort wieder Revierältester äh der hat mir dann eines Tages gesagt »du weißt was du bist doch äh ich ich kann dir einen Posten beschaffen du wirst Totengräber sein
[1:58:00] da musst du nicht in die Arbeit dort gehen« also wurde ich Totengräber das hieß äh in unserm Lager Kaufering das war das Kaufering-Lager Nummer IV gab es jeden Tag im Durchschnitt zwanzig bis dreißig Tote die haben wir dann in der Früh auf einen Karren
[1:58:19] genommen und außerhalb des des Lagers begraben in einem Massengrab haben wir das ausgeschaufelt und die Leute dort hereingebracht am Anfang haben wir noch äh das jüdische Totengebet gesagt das Kaddisch-Gebet gesagt ja ? vor dem wir die Leute so genommen
[1:58:44] haben es war keine schwere Arbeit denn die Leute waren waren äh leicht die haben nix gewogen das waren lauter äh man nannte das im Lager Muselmänner ja ? wer wer schon so viel vom Gewicht verloren hat dass er zwanzig dreißig Kilo gewogen hat nannte man
[1:59:00] einen Muselmann und die hat man dann dort haben wir dort begraben wir waren dann so abgehärtet dann wenn wir noch ein Stück Brot gehabt haben so haben wir das beim bei der Arbeit gegessen der Vorteil war das dass wir nicht in die schwere Arbeit gehen mussten
[1:59:15] und auch mehr zu essen bekommen haben so hab ich dann Zeit gehabt bin in dem Lager bisschen rum gegangen und eines Tages h- sagt man mir »es ist ein neuer Transport aus Auschwitz gekommen und das sind hauptsächlich Juden aus äh der Tschechei« also hab
[1:59:34] ich mir gesagt muss ich doch schauen ich dreh mich da unter den Leuten herum und äh frage vielleicht kennt jemand meinen Schwager oder andere b- Verwandte und da sagt mir einer »ja der Doktor Kafka der ist da« und ich schau mir an wir haben uns beide nicht
[1:59:51] erkannt er war äh mit dem Bart und und und ganz verwahrlost und ich wahrscheinlich hab auch ganz anders ausgesehen so haben wir uns nach drei Jahren unter den Millionen Leuten in Kaufering wieder getroffen nu ich konnte den meinem Schwager helfen durch
[2:00:12] dass er als Arzt wieder durch den Doktor Halperin einen eine Art Posten als Arzt natürlich der Arzt hatte nicht viel zu tun denn Medikamente gab es ja nicht aber es war dort schon ein Arzt in in dem so genannten Krankenbau äh in in den Lagern um Kaufering
[2:00:33] ist dann Typhus ausgebrochen und Typhus sagt man im Allgemeinen kann man nicht zwei Mal bekommen das Lager IV wurde als Typhus-Lager äh bereitgestellt also man konzentrierte alle Typhuskranke im Lager IV nachdem ich schon gewusst hab ich hab in Warschau
[2:00:55] Typhus gehabt hab ich gesagt das ist doch eine eine gute Gelegenheit ich bl- melde mich freiwillig ich bleibe hier und bin also als Pfleger in dem Lager geblieben denn ich wusste da wird genug zu essen sein weil die Leute nix essen und mein Schwager ist mit
[2:01:14] mir dort geblieben äh komischerweise nach einer gewissen Zeit auf einmal bekomm ich hohes Fieber und fange an zu fantasieren später hat man mir erzählt äh dass ich mich da mitten in den Saal gestellt hab und angefangen hab zu singen und hab gesagt »ich
[2:01:38] bin Caruso der beste Sänger« dann hab ich eine Rede gehalten wie wenn ich Hitler gewesen wär also so war mein war ich ganz außer mein Schwager konnte mir nur helfen ah aber das war wahrscheinlich genug dass er mir äh Flüssigkeit ein- äh gegeben hat
[2:01:55] und ich konnte später ihm auch helfen nachdem er auch den Typhus bekommen hat
[2:01:59] Sie können sich da gar nicht selber dran erinnern
[2:02:02] wie ?
[2:02:04] Sie können sich selber nicht daran erinnern
[2:02:07] nee kaum nein ich kann mich nur erinnern ich weiß ich war ich bin dann langsam zu mir gekommen dann hab ich mich im Kopf äh bemüht äh äh lei- äh leichte äh äh Rechnungen zu machen zwei mal drei sechs und vier mal vier und so weiter und so hat der
[2:02:27] Kopf angefangen wieder zu arbeiten ich war dann auch so so äh ausgehungert da hab ich einmal äh ist dort eine Reihe gestanden und das war man hat dann Leute die schon sich besser gefühlt haben sozusagen wieder zur Arbeit genommen und ich natürlich hab
[2:02:46] gesehen dort verteilt man Brot hab ich mich schnell hingestellt und da ist ein ein anderer äh äh Bekannter ein ein ungarischer Arzt der mich gekannt hat ist schnell gekommen und hat mich raus geschleppt sonst wär ich wahrscheinlich mit dem Transport zur
[2:03:02] Arbeit gekommen und ich war noch so schwach dass ich äh nicht lange ausgehalten hätte so blieben wir also in waren wir dort in in Kaufering und es begannen wir haben dann jeden Tag äh waren dann Luftangriffe auf München und da haben wir jedes Jahr zu
[2:03:24] einer gewissen Zeit waren sind sind dann hunderte oh ? [guckt zur Seite] hunderte amerikanische oder englische ich weiß nicht Flugzeuge ist immer zur selben Zeit auch über unser Lager nach München geflogen und äh da sind unsere unsere äh Wachmänner natürlich
[2:03:43] schnell in Bunker gegangen und wir haben nur geschaut nach oben und haben gesagt »oh jetzt kommt die Rettung« das ist also so gegangen und eines Tages äh sagt man »die Amerikaner kommen näher und äh es gibt zwei Möglichkeiten« hat man uns gesagt »entweder
[2:04:03] ihr bleibt hier im Lager oder ihr kommts morgen früh zum Tor und äh wir bringen euch in ein anderes Lager« wir haben uns untereinander einige Freunde beredet besprochen und wussten nicht was zu machen was ist besser doch trotzdem haben wir gesagt wir verlassen
[2:04:23] das Lager wir gehen noch zu Fuß also wir haben uns in der Früh auf den Weg gemacht man hat uns wieder äh äh eine eine Portion Brot gegeben und äh marschieren lassen wieder so eine ich weiß nicht später hat man das Todesmarsch genannt wieder einen
[2:04:43] Marsch wo jeder der nicht weiter konnte am Ende natürlich erschossen wurde und so schleppten wir uns weiter nachdem wir äh einige Kilometer vom Lager entfernt waren haben wir gesehen äh äh wir haben noch daran gedacht wir haben noch vorher gesagt vielleicht
[2:05:01] ist es besser dort zu bleiben wir werden unter die Typhuskranken gehen dort wird doch niemand herein kommen aber äh dann haben wir gesehen dass wir ein Glück gehabt haben denn nach einigen Kilometer haben wir dann gesehen dass die Deutschen das Lager angezündet
[2:05:17] haben und alles mit den Leuten die dort geblieben sind verbrannt haben so wurden wir weiter geschleppt äh hatten schon kaum Kraft und äh dann sahen wir dass unsere Posten unsere Wachmänner schon neben sich Pferdewagen gehabt haben und äh auf den Wagen
[2:05:41] haben haben sie dann schon Zivilkleider gehabt äh und sie haben uns noch bis nach Allach das ist ein Lager neben Dachau gebracht dort nach einigen Tagen sehe ich auf einmal in der Früh so auf dem Wach- äh Wachturm eine weiße Flagge und anstatt den
[2:06:07] deutschen Soldaten steht dort ein ein äh gewesener Häftling und so sind die Amerikaner eingezogen die Amerikaner haben uns haben dann noch einen großen Fehler gemacht sie wollten natürlich die Leute schnell wieder äh gut ernähren und haben aus der
[2:06:30] Umgebung äh alles mögliche äh Schweine und und äh äh äh requ- äh wie sagt man req- requ- äh requiert ? requi-
[2:06:41] requiriert
[2:06:47] äh
[2:06:50] äh beschlagnahmt
[2:06:54] mhm
[2:06:56] und haben den Leuten die haben sich natürlich auf das Essen gestürzt und viele sind dann noch an Dysenterie gestorben so waren wir einige Tage in dem Lager ich konnte wieder mal nicht ruhig sitzen und nimm m- mit noch jemand hab gesagt ich »warum lässt
[2:07:05] man uns noch nicht heraus« und hab bin bin gegangen und bin allein mit einem Freund äh aus dem Lager heraus in das nächste Dorf und komm herein in das Dorf und in ein Haus und die Leute müssen schrecklich er- erschrocken sein da zwei solche äh äh verwahrloste
[2:07:24] und dünne Leute zu sehen und wir sind herein und haben gesagt »wir wollen gar nichts wir wollen nur schöne Kleider und wir wollen Essen haben« obwohl wir Essen im Lager genug hatten also die die äh die Leute dort haben gesagt »ja ja ich da hast du ein
[2:07:43] Anzug der g- hat meinem meinem Sohn gehört der ist bei Stalingrad ges- ge- gefallen nimm den Anzug« dann haben wir noch ein Fahrrad mitgenommen und sind so stolz in neuer Kleidung ins Lager zurückgekommen am Weg haben zwei stärkere Leute als wie wir die
[2:08:02] haben uns das Fahrrad weggenommen also und dann am nächsten Tag haben die Amerikaner äh beschlossen man muss die Leute die die gewesene Häftlinge entlausen da haben wir erst einmal das DDC DDC nennt man das ja ? gestaubt
[2:08:18] [gleichzeitig:] T oder ?
[2:08:22] um die Läuse loszuwerden aber haben wir auch die die Kleider wieder verloren und die haben uns dann irgendwelche äh deutsche Uniformen ange- äh gegeben
[2:08:32] dann hat man äh also gefragt »wer will nach Hause gehen ?« die meisten polnischen Juden wollten
[2:08:42] nicht mehr nach Polen erstens mal haben sie Angst gehabt dass dort wieder Pogrome sein werden und sind dann in äh Flüchtlingslager in Deutschland geblieben mein Schwager und ich haben gesagt wir wollen zurück nach Prag wir wollen wissen erst einmal wer
[2:09:00] zurückgekommen ist und so hat man uns mit Lastautos äh nach Prag gebracht wir kommen in Prag an wir steigen aus deutsche Uniform na hier hat man uns [deutet auf seinen Oberarm] eine tschechische Trikolore also die die tschechische Farbe gegeben und da
[2:09:21] steh ich nun mitten in der Stadt und weiß nicht was wohin soll ich mich erst einmal wenden also mein Schwager hat gesagt »du weißt was ich gehe ins Krankenhaus äh äh wo ich studiert hab ich werd dort jemanden finden der mir etwas Geld borgen wird vielleicht«
[2:09:38] und ich hab gesagt »du weißt was ich geh schauen was in der Wohnung ist wo in der wir gewohnt haben« also gut ich geh in die Wohnung äh läute bei der Tür jemand macht mir auf und ich sag »Verzeihung vielleicht ist eine Frau Bachrich hier erschienen«
[2:09:55] der schaut mich an und sagt »Sie sind ja nicht normal hier in der Wohnung i- seit dem Jahr 42 haben sich schon vier fünf Mal die die Parteien gewechselt« und hat mir die Tür zugesch- äh äh zugeschlagen dann hab ich mir gedacht bin ich zur Wohnung in
[2:10:15] das Haus wo meine Schwester mit dem Schwager vor dem Krieg gewohnt haben und schaue mir an unten steht Gertrude Bach- Kafka also hat meine Schwester ist zurückgekommen und hat äh wieder eine sogar etwas größere Wohnung im selben Haus zugeteilt bekommen
[2:10:35] dann ist natürlich mein Schwager auch erschienen und so äh so haben wir uns wieder getroffen es dauerte eine Zeit lang eh ich mich daran gewöhnt hab mit Messer und Gabel zu essen eh ich daran gewöhnt war in einem sauberen Bett mit äh äh zu schlafen
[2:10:56] äh und äh dann hab ich mich entschlossen ich muss doch irgendein wenigstens äh etwas in der Hand haben und hab dann also meine Meisterprüfung in als Elektriker gemacht äh habe dann auch meine Frau eigentlich hab ich meine Frau schon vor dem Krieg
[2:11:21] gekannt wir waren beide im in der Jugend- äh -bewegung aber hatten jeder sie hatte einen anderen Freund und ich hatte eine andere Freundin aber nach dem Krieg also haben wir uns dann äh sozusagen ineinander verliebt und haben beschlossen zu heiraten aber
[2:11:41] wir haben gesagt äh wir wollen nicht in der Tschechei bleiben wir wollen nicht in Europa bleiben damit unsere Kinder nicht noch einmal so etwas erleben was wir hinter uns haben mein Schwager und meine Schwester mein Schwager äh meine Schwester war ja zehn
[2:12:01] Jahre älter mein Schwager noch mehr also die haben gesagt »ihr könnts ruhig nach Palästina gehen wir ich äh bin schon zu alt« und äh äh er bleibt in der Tschechei er hat auch damals geglaubt dass der Kommunismus äh die Rettung oder die die Gleichheit
[2:12:21] bringen wird die die eigentlich äh der richt- der der pure Kommunismus versprochen hat es gab damals ich weiß nicht ob sie wissen aber damals hat die Tschechoslowakei äh dem neuen Staat Israel sehr viel geholfen und zwar wurden Waffen Flugzeuge und äh
[2:12:45] äh und äh m- äh Ausbildunglager in der Tschechei für das neue Israel gegründet mit Hilfe der Russen denn die Russen glaubten damals dass hier in äh Israel na- nachdem sie gehört haben es gibt hier Kibbuzim und äh äh hier eine kommunistischer Staat
[2:13:08] sein wird also äh hörte ich dass man sich äh dass ein äh äh dass man äh Flugzeugmechaniker in der Tschechei ausbildet und hab mich dort zu einem Kurs als Flugzeugelektriker äh gemeldet in äh Liberec das ist Reichenberg und äh zwar haben wir dort
[2:13:35] einen halbjährigen Kurs gemacht den normalerweise äh die tschechischen Soldaten zwei Jahre lang gemacht haben aber wir hatten ja nicht viel Zeit und außerdem hatten wir viel mehr Motiva- wir haben selber gesagt ihr habts viel mehr Motivisation ihr ihr wollts
[2:13:51] ja äh äh viel mehr schneller lernen
[2:13:54] und so bin ich also im Jahr 49 hab dann in Prag geheiratet und zwar hab ich in der Altneuschul in der ä- im ältesten Synagoge geheiratet und äh bin dann mit meiner Frau also nach Israel gekommen ich war dann hier
[2:14:16] äh noch ein Jahr äh eineinhalb Jahre als Soldat und dann gab es hier nicht genug Fachmänner für die Flugwaffe also hat man mich noch nachdem ich nicht äh Soldat bleiben wollte ich war ja immer so ein Mensch der der nicht gern hatte dass jemand über ihm
[2:14:35] ist ja ? war immer li- lieber selbständig also musste ich dann noch als als Zivilarbeiter am äh für die Luftwaffe arbeiten aber nachher hab ich mich dann äh hab ich also einen Freund kennengelernt einen Wiener bei Militär der schon l- früher als ich in
[2:14:58] Israel war und der Autoelektriker richtig von der Pike auf gelernt hab so hab ich mit ihm zusammen dann in Tel Aviv eine Auto- äh äh -elek- äh Autoelektriker äh Reparaturwerkstätte ge- geöffnet es war nicht sehr leicht im Anfang aber später waren wir
[2:15:20] also zwei Kompagnone und hatten ungefähr drei zwei bis drei Arbeiter äh ich habe zwei Töchter acht Enkelkinder und zehn Urenk- äh acht acht Urenkel und zwei am Weg und ich muss sagen ich hab eigentlich nie nie bereut nach Israel gek- gekommen zu
[2:15:52] sein das ist also glaub ich meine Geschichte bis heute ja nachdem ich äh äh äh das äh Pensionsalter erreicht hab war die Arbeit schon bisschen zu schwer ich hab ja noch immer äh persönlich mitgearbeitet und wir haben auch viel Lastautos äh repariert
[2:16:15] also hab ich mit äh mit 65 Jahren wie wir ins Pensionsalter äh gekommen sind haben wir alles verkauft und äh seitdem bin ich im Ruhestand vor acht Jahren ungefähr hatte wie ich wohnte hab eine Wohnung in Ramat Gan im zweiten Stock ohne Lift und meine
[2:16:38] ich hatte hab ja zu tun mit Asthma zu tun es war mir schwer die Stiegen herauf zu gehen und meine Frau Frau hatte Probleme im Knie also sind wir in ein äh Haus für Rentner umgezogen in dem wir bis heute leben das ist glaub ich alles wenn Sie noch eine
[2:17:02] Frage haben bin ich gern bereit zu antworten
[2:17:05] ähm Sie haben schon kurz nach dem Krieg äh angefangen äh über die Zeit etwas zu schreiben
[2:17:14] ja
[2:17:17] was Sie uns auch vorher gegeben haben können Sie das vielleicht noch mal erzählen wie es dazu kam dass Sie so früh was sehr was relativ ungewöhnlich ist meines Wissens so früh schon einen so ausführlichen Bericht geschrieben haben
[2:17:31] ja ich hab ungefähr drei Monate nachdem ich mich in Prag sozusagen bisschen erholt habe und äh äh man hat uns natürlich auch unterstützt aber ich hab mei- bei meiner Schwester gelebt und äh äh nachdem ich so bisschen zu mir gekommen bin hab ich mir
[2:17:52] gesagt ich muss mich hinsetzen ich muss die Geschichte vom Lager aufschreiben denn ich werde vergessen und das war richtig so es viele Sachen die ich da aufgeschrieben hab hätte ich heute hätte ich mich heute sicher nicht erinnert sind auch viele Sachen
[2:18:10] in dem was ich da geschrieben hab das ich hier nicht erzählt habe und nicht erzählen konnte weil es ja immerhin in dreieinhalb Jahren hat man sehr viel erlebt aber ich glaube das war gut dass ich das aufgeschrieben hab damit ich auch mei- auch schon gut
[2:18:27] ich hab das dann in verschiedene Sprachen wurde man hat Hebräisch hat mir das jemand übersetzt ich habs Deutsch äh äh ausm Tschechischen ins Deutsche übersetzt dann ins Englische und habe zum Beispiel auch für meine Enkelkinder für jeden ein Compact
[2:18:44] Disc gemacht damit er auch wenn er heute es nicht so sehr durchliest in einigen Jahren oder bis er älter wird wird er wenigstens die Geschichte vom Großvater äh äh sicher äh äh lesen und viele interessieren sich auch von meinen Enkelkindern ich hab
[2:19:04] natürlich bis bis zu meinem bis zum bis zur Pension glaub ich hab ich sehr wenig über das Lager gesprochen und äh seitdem rede ich vielleicht zu viel sagen meine Kinder [lacht]
[2:19:17] als Sie das aufgeschrieben haben
[2:19:21] ja
[2:19:24] äh hatte das einen Effekt auf Sie ?
[2:19:26] ich kann mich nicht erinnern
[2:19:29] also ähm wars befreiend oder gings Ihnen
[2:19:32] [gleichzeitig:] ich glaub das war ich hab mir das vom vom Herzen heruntergeschrieben ja
[2:19:34] ja
[2:19:38] mit der Schreibmaschine noch
[2:19:40] wie lang wie lang haben Sie daran geschrieben ? wissen Sie das ?
[2:19:43] ich glaub das ist so spontan nicht sehr lange
[2:19:46] mhm
[2:19:49] das muss sehr schnell gegangen sein ich kann äh ist schon hübsch lange her ich kann mich schon nicht so genau erinnern aber das muss schnell gegangen sein da war noch alles frisch in mir ich kann Ihnen noch erzählen eine eine äh wie sagt man eine
[2:19:56] grausige Geschichte meine Tante in Austerlitz die mir die Pakete geschickt hat hat den Krieg überlebt mit ihrem Mann ihr Mann sie hat immer gesagt äh schon vor dem Krieg hat sie gesagt ihr Mann war zehn Jahre jünger als sie und sie selber hat gesagt »ich
[2:20:18] weiß es wird eine Zeit kommen wo es nicht so klappen wird zwischen uns« also der Mann der gewisser Herr Badura nach dem Krieg nachdem meine meine Tante ist in Austerlitz geblieben später hätte man sie wahrscheinlich wenn die Deutschen den Krieg gewonnen
[2:20:34] hätten hätte man sie weiter transportiert aber ihre Kinder sind umgekommen äh äh um es noch zu sagen von meiner ganzen Familie engen Familie was Tanten Onkeln Cousinen und G- Großeltern betrifft ungefähr 45 Leute sind äh äh im Großen und Ganzen
[2:20:57] vier übrig geblieben also diese Tante äh der Herr Badura war ist selber in ein Arbeitslager geschickt worden und war also äh nach dem Krieg zur Zeit des Kommunism eine Art äh Widerstandskämpfer und wurde in die Partei aufgenommen und er hat dann dort
[2:21:17] in der Partei eine Defraudation gemacht hat Geld gestohlen und wurde in ein Gefängnis geschickt in dem Gefängnis ist er dann Sie wis- ich weiß nicht ich kann mich genau erinnern genauso wie wir im Gefängnis waren da hat man nicht viel zu sagen sondern
[2:21:34] erzählt sich einer mit dem andern er ist dort mit einem mit einigen Leuten gesessen unter ihnen einen äh richtigen Raubmörder der und hat erzählt da in Austerlitz da sitzt eine eine Jüdin die muss viel Geld haben also der Mann wurde w- äh äh seine
[2:21:55] Zeit ist abgelaufen er wurde befreit und der Mann kam nach Austerlitz und hat meine Tante getötet und äh zwar so die Tante ist allein wir haben ihr immer gesagt »Tante warum bleibst du in dem Häuschen in Austerlitz allein« und sie hat immer gesagt »ich
[2:22:13] fühl mich dort gut ich kenne alle Leute dort« der Mann hat die also die Tante umgebracht und richtig im Keller zerstückelt herein geworfen und äh der Postbote ist dann nach einigen Tagen hat gesehen dass niemand die Post raus nimmt dann sind sie drauf
[2:22:31] gekommen haben meine Tante dort gefunden man hat ihn dann gepackt und zwar hat er hat er äh äh Bettwäsche mit Monogramm meiner Tante verkauft so hat man ihn gepackt er bekam dann zwanzig Jahre soweit ich weiß also das ist die traurige Geschichte noch
[2:22:53] von der Tante aus Austerlitz
[2:22:56] sind Sie nach dem Krieg ähm nach Prag äh nachdem nachdem Sie nach Israel gekommen sind hm ähm nach Prag nochmal zurückgegangen ?
[2:23:06] also äh mein äh mein Schwager hab ich ja gesagt ist in äh Prag geblieben [trinkt] und hat dann erst gesehen wie wie in Prag die die Prozesse gegen Slánský und andere Leute waren hat er gesehen dass der Kommunismus äh nicht das ist was er geträumt
[2:23:32] hat und äh hat sich dann zur Zeit wie Dubček ans Ruder gekommen ist äh für die äh Progressive also für Dubček äh engagiert und dann sind die Russen nach Prag im Jahr 68 68 glaub ich ja ? nach Prag eingezogen und da hat man ihm gesagt »wenn du kannst
[2:23:56] äh lauf weg weil äh weil man wird dich ins Krank- äh Gefängnis nehmen« und er hatte die Möglichkeit er hatte einen Bruder in London und hatte die Möglichkeit zu der Hochzeit von einem seiner Kinder dort nach London zu kommen und ist also mit zwei Töchtern
[2:24:17] äh nach äh London und später äh ist er nicht nach Israel sondern nach Deutschland gezogen weil es erst einmal in Deutschland einer der wenigen Länder war wo er nicht äh ein Arzt muss noch einmal Prüfungen machen er musste dort keine Prüfungen machen
[2:24:37] er war ja Dozent äh nachdem er Jude war unter den Kommunisten ist er nie Professor geworden und hat dann in Deutschland äh in Essen gelebt bis zu seinem Tode nachdem also mein Schwager nach Deutschland äh emigriert ist äh und nachdem es mir finanziell
[2:24:58] mit Hilfe von Wiedergutmachung aus Deutschland die wir bekommen haben sowohl eine äh Rente als auch für Vermögen von meiner Frau äh ist es uns auch finanziell besser gegangen so dass wir einmal im Jahr ist meine ist mein Schwager mit Schwester her gekommen
[2:25:17] und einmal im Jahr sind wir nach Deutschland gefahren und das war noch die Zeit wo noch in Prag der Kommunismus war und [räuspert sich] äh mein Schwager konnte natürlich nicht nach Prag fahren aber eine seiner Töchter ist in Prag geblieben die war mit
[2:25:35] einem Tschechen die ist auch Ärztin in Prag war mit einem Tschechen verheiratet und äh so sind wir von meinem Schwager immer v- nach nach Prag gefahren um äh auch haben ihr Geld mitgebracht und ihr geholfen äh und nachher äh hat es uns immer wieder äh
[2:25:56] in die Tschechei gezogen so dass wir ich kann sagen jede zwei drei Jahre äh in die Tschechei gefahren sind hauptsächlich haben wir äh gelechzt meine Frau hauptsächlich nach Wäldern die hier ja in Israel nicht sind und haben dort viel haben uns meistens
[2:26:15] ein Auto gemietet und sind im Böhmerwald gefahren sind auch in Deutschland mit meiner Schwester viel im Schwarzwald gewesen
[2:26:23] wie es ist äh zieht uns noch bis heute noch immer die die äh die Vergangenheit ja sowohl die tschechische als auch die deutsche
[2:26:36] die doch noch ist doch noch etwas geblieben zum Beispiel wenn ich ein Buch lesen wollte hab ich immer ein deutsches Buch vorgezogen weil es mir l- leichter gegangen ist ja das Hebräische war doch bisschen schwerer
[2:26:50] Sie sagten dass Sie heute sehr viel von der Vergangenheit erzählen könnten Sie vielleicht ein bisschen ähm etwas über Ihre Aktivitäten in Israel heute erzählen über Beit Theresienstadt und über Ihre Zeitzeugengespräche was Sie da so machen
[2:27:06] also äh bevor ich hab immer sehr sch- verhältnismäßig wenn ich gearbeit soll hab ich schwer gearbeitet denn die Arbeit war ja so nicht leicht ich bin äh hab die äh meine Werkstatt war in Tel Aviv und ich hab in Ramat Gan gewohnt bin früh um äh äh
[2:27:26] äh halb acht von zu Hause weg und hab äh von acht gearbeitet hab mir aber immer das hat meine Frau drauf bestanden äh Mittagszeit eine Stunde genommen bin nach Hause gekommen hab äh hab mir das so ausgerechnet zehn Minuten war die Fahrt mitm Auto nach
[2:27:45] Hause zwanzig Minuten Mittagessen zwanzig Minuten äh Schlafstunde und dann zurück in die Arbeit und dann hab ich natürlich äh haben wir je nachdem fünf sechs sieben gearbeitet ja und äh aber w- ich hab den Vorteil gehabt dass ich den guten Kompagnon
[2:28:04] gehabt hab er vielleicht auch und wir konnten zum Beispiel wenn ich äh im Sommer Urlaub genommen hab hab ich sogar manchmal einen Monat Urlaub ge- genommen also äh ohne da hab ich gesagt äh einen Monat er einen Monat ich und da haben wir hab ich gesagt
[2:28:23] »so jetzt hast du sozusagen da sind die Schlüssel« ich komm nach einem Monat zurück hat er mir gesagt »das und das haben wir verdient« niemand hat gefragt wie was wir haben immer ein äh volles Zutrauen einen z- zum andern gehabt und äh wie ich dann
[2:28:38] äh in Ruhestand gegangen bin äh haben wir begonnen äh nicht weit von uns war ein so genannter Country Club wissen Sie was das ist so ? ein Schwimmbad wo auch Turnen äh Turnen war und auch und dann haben wir beide angefangen Bridge zu lernen eine Sache die
[2:28:59] die ich jedem empfehle weil das äh ein Kartensp- nicht nur Kartenspiel ist sondern auch eine Sache ist die den Kopf bewegt also dann äh wie ich dann in Ruhestand gegangen bin außerdem später hab ich mich dann entschlossen einmal in der Zeit das heißt
[2:29:20] einmal im Monat in im Museum Beit Theresienstadt in Givat Haim wo vor äh vor Soldaten oder vor Schülern auch meine Geschichte zu erzählen außerdem gibt es hier in Givatayim ein einen äh einen Platz und es ich werde auch hier und da noch von Schulen eingeladen
[2:29:43] um meine Geschichte zu erzählen
[2:29:46] war das ein Bedürfnis von [betont:] Ihnen das zu erzählen oder
[2:29:53] ich glaub ich glaub ja ich glaub ich sehe heute denn schließlich und endlich wenn ich mein Telefonbuch anschaue werden immer weniger hab ich dort immer weniger Adressen das heißt Leute in meinem Alter bald wird niemand sein der der persönlich den Leuten
[2:30:09] erzählen kann was eigentlich damals war und äh es ist wichtig dass es dass die Jugend w- weiß was eigentlich war denn schließlich und endlich ist es ihm ja dem Hitler Gott sei Dank nicht gelungen äh das ganze jüdische Volk zu vernichten und wir
[2:30:34] hoffen hier weiter leben zu können
[2:30:38] möchten Sie zum Schluss noch etwas sagen noch etwas hinzufügen ?
[2:30:42] na ich glaube ich hab so ungefähr schon alles erwähnt und gesagt und ich danke Ihnen dass Sie hergekommen sind und ich hoffe Sie genießen noch den Aufenthalt in Israel
[2:30:53] vielen herzlichen Dank
[2:30:56] wir danken Ihnen danke schön
| Datum | Ort | Text |
|---|---|---|
| 1924 - 1930 | Bochum | Kindheit |
| ab 1924 | Aussig | Geburt |
| 1930 - 1931 | Aussig | Leben bei einem Onkel |
| 1931 - 1932 | Teplitz-Schönau | Leben bei einem Onkel und Besuch der Volksschule |
| 1932 - 1942 | Prag | Umzug zu Mutter und Schwester, Schulbesuch |
| 1942 - 1942 | Theresienstadt (Ghetto, Konzentrationslager) | Deportation mit der Mutter und Unterkunft in der Sudetenkaserne |
| 1942 - 1942 | Zamosch (Ghetto) | Deportation mit der Mutter, Ghettoarbeit |
| ab 1942 | Sillein | Flucht aus dem Ghetto durch Böhmen Richtung Sillein |
| 1942 - 1942 | Brünn | Haft in verschiedenen Gestapo-Gefängnissen |
| 1942 - 1943 | Auschwitz (Konzentrations- und Vernichtungslager) | Deportation und Zwangsarbeit |
| 1943 - 1944 | Warschau (Ghetto, Konzentrationslager) | Zwangsarbeit |
| 1944 - 1945 | Kaufering (Konzentrationslager) | Zwangsarbeit und Krankenlager |
| ab 1944 | Dachau (Konzentrationslager) | Todesmarsch bis Kunersdorf und Deportation nach Dachau |
| 1945 - 1949 | Prag | Lehre und Arbeit als Elektriker und Flugzeugmechaniker |
| ab 1945 | München-Allach (Konzentrationslager) | Todesmarsch und Befreiung durch die US-Armee |
| ab 1945 | Prag | Rückkehr zur Schwester |
| ab 1949 | Ramat Gan | Auswanderung nach Israel, Arbeit als Automechaniker |
| ab 1989 | Ramat Gan | Pensionierung |
| ab 2012 | Ramat Gan | verstorben |
| Prag | Niederschrift der Erlebnisse während des Krieges und Heirat |
In Folge des Münchener Abkommens vom 29. September 1938 besetzte die deutsche Wehrmacht im März 1939 Prag, das von nun an Hauptstadt des Protektorats Böhmen und Mähren war. Chanan Bachrich erlebte den Einmarsch der Deutschen auf der Straße mit. Es wurden sofort antijüdische Gesetze verhängt, und er wurde nur eine Woche später aus der Schule ausgewiesen. Er begann eine Lehre zum Bauelektriker, die er aber ebenfalls nach drei Monaten beenden musste. Die Juden der Stadt wurden in einzelnen Stadtgebieten konzentriert, und die Familie musste den Großteil ihrer Wohnung abgeben, so dass Mutter und Sohn in einem Zimmer wohnten. Nachdem auch der Jugendverein verboten wurde, trafen sich die Freunde heimlich in Privatwohnungen.
Anfang Februar 1942 erhielten Chanan Bachrich und seine Mutter den Befehl, sich bei der »Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Prag« zu melden. Die von Walter Stahlecker und Adolf Eichmann geschaffene SS-Dienststelle war vorerst für die zwangsweise Emigration von Juden aus dem Protektorat zuständig und organisierte nachfolgend die Deportationen in Ghettos und Konzentrationslager. Am 7. Februar wurden Chanan Bachrich und seine Mutter in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Er fand sich dort in einer Gruppe von Freunden aus dem ehemaligen jüdischen Jugendverein wieder. Die Freunde unterstützten sich gegenseitig, und neben der Arbeit als Elektrikergehilfe verdiente er sich in Zusammenarbeit mit einem Freund durch Schwarzarbeit Extrarationen Essen dazu. Nach etwa zwei Monaten wurden Chanan Bachrich und seine Mutter in das Ghetto Zamosch im von Deutschland besetzten Polen (Generalgouvernement) deportiert. Die dortigen Lebensbedingungen waren erbärmlich, und die Situation wurde durch das schwierige Verhältnis und die Verständigungsschwierigkeiten mit den bereits ansässigen polnischen Juden weiter erschwert. Kurz nach der Ankunft wurde die Mutter in das Vernichtungslager Treblinka deportiert und ermordet. Chanan Bachrich verrichtete an einem nahegelegenen Bahnhof Ghettoarbeit und schmiedete gemeinsam mit einem Freund Fluchtpläne. Nach einigen Wochen flohen sie mit gefälschten Papieren Richtung Krakau. Über Mährisch-Ostrau und Prag gelangten sie schließlich in das slowakische Sillein, wo sie verhaftet wurden. Nach einem Gerichtsverfahren wurden sie den deutschen Behörden übergeben und mehrere Wochen in einem Gestapo-Gefängnis in Brünn inhaftiert.
Mit einem Sondertransport wurde Chanan Bachrich im Sommer 1942 in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Die Gewalt und Machtausnutzung der Kapos prägten die Zeit seiner Inhaftierung. Durch Tauschhandel und Hilfe von seiner Tante in Austerlitz erhielt er einen gewissen Schutz und zusätzliche Essensrationen. Nach etwa einem Jahr meldete er sich zu einem Arbeitskommando, das im Konzentrationslager Warschau Aufräumarbeiten durchführte. Als im Sommer 1944 die Rote Armee näherrückte, wurde das Konzentrationslager aufgelöst und die Insassen auf einen Todesmarsch bis Kunersdorf getrieben. Von dort wurde Chanan Bachrich erst in das Konzentrationslager Dachau und kurz darauf in das Außenlager Kaufering deportiert. Er arbeitete als Totengräber, bis er an Typhus erkrankte und in das Krankenlager verlegt wurde.
Bei Näherrücken der US-Armee wurden die Häftlinge auf einen weiteren Todesmarsch getrieben, bis sie schließlich am 30. April 1945 im KZ-Außenlager Allach befreit wurden.
Gemeinsam mit seinem Schwager, den er in Kaufering wiedertraf, beschloss Chanan Bachrich, nach Prag zurückzukehren. Er wohnte bei seiner Schwester, schloss seine Ausbildung als Elektriker ab und ließ sich zum Flugzeugmechaniker weiterbilden. Gemeinsam mit seiner Frau, die er kurz nach dem Krieg heiratete, wanderte er 1949 nach Israel aus. Mit einem Freund eröffnete er in Tel Aviv eine Kfz-Werkstatt, die er bis zu seiner Pensionierung 1989 leitete. Obwohl Chanan Bachrich seine Erlebnisse bereits kurz nach Kriegsende niederschrieb, fing er erst im Ruhestand an, sich intensiv mit dem Erlebten auseinanderzusetzen und darüber zu sprechen. Als Zeitzeuge berichtete er in Gedenkstätten und Schulen von seinen Erfahrungen.
Zum Zeitpunkt des Interviews lebte Chanan Bachrich mit seiner Ehefrau in Ramat Gan. Er hatte zwei Töchter, acht Enkel und acht Urenkel.