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Karla Wolff (*22.11.1928, Breslau)

Signatur
01141/sdje/0037
Institut
Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin
Sprache
deutsch
Ort und Datum der Aufnahme
Berlin, den 1. November 2011
Dauer
04:56:09
Interviewter
Karla Wolff
Interviewer
Daniel Baranowski , Teresa Schäfer
Kamera, Licht und Ton
Daniel Hübner
Redaktion
Teresa Schäfer
Transkription
Teresa Schäfer

Durch ihre christliche Mutter geschützt, musste Karla Wolff hilflos miterleben, wie ihre Freunde und Verwandten aus Breslau deportiert wurden. Dieses Gefühl des Zurückgelassenwerdens begleitete sie ihr Leben lang. Karla Wolff wurde 1928 als Tochter einer christlichen Mutter und eines jüdischen Vaters in Breslau geboren. Sie wurde in der jüdischen Tradition erzogen. Während des Zweiten Weltkriegs verrichtete sie in einem jüdischen Altenheim und auf einer Krankenstation Zwangsarbeit. Mit der Unterstützung von hilfsbereiten Nichtjuden, vor allem aber durch den unermüdlichen Einsatz der willensstarken Mutter, überlebte die Familie den Holocaust. Schon früh stand für Karla Wolff fest, dass sie Deutschland verlassen und nach Palästina auswandern wollte. So verabschiedete sie sich 1947 von ihren Eltern und baute sich nach einer aufregenden und gefährlichen Einreise in Israel ein neues Leben auf. Karla Wolff war zum Zeitpunkt des Interviews 82 Jahre alt und lebte mit ihrem Ehemann in Naharija.

Vorkontakte

schriftliche Kontaktaufnahme und Telefonat zur Besprechung des Lebenslaufes mehrere Wochen vor dem Interview, gemeinsames Vorgespräch mit allen am Interview Beteiligten einen Tag vor dem Interview

Bedingungen

gute Aufnahmebedingungen, Seminarraum im Ort der Information

Gruppensituation

zwei Interviewer, ein Kameramann (Daniel Hübner)

Unterbrechungen

eine Unterbrechung durch die Interviewer

Protokoll

Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin

Daniel Baranowski

[0:00] wir haben den ersten November 2011 sind im Ort der Information und begrüßen Karla Wolff in Berlin wir führen mit ihr ein Interview für das Projekt »Sprechen trotz allem« der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas das Interview wird unterstützt

[0:14] von der Kulturstiftung des Bundes ich bin Daniel Baranowski und führ das Interview zusammen mit Teresa Schäfer für Kamera Licht und Ton ist Daniel Hübner zuständig [Schnitt]

Karla Wolff

[0:25] [atmet tief] ich bin Breslau geboren   und ein einziges Kind geblieben   ich sollte ein Karl werden aber   daraus ist eben eine Karla geworden   ich bin ein Mischling   ein   ein Kind von einem jüdischen Elternteil und einem christlichen Elternteil meine Mutter

[0:58] war keine Jüdin   nach dem Glauben aber sie war eine Jüdin in Herz und Seele   und ein jüdischer Mensch wie wir das so kennen   unser Haus war auch jüdisch eingestellt war nicht orthodox aber die ganze Atmosphäre die Feiertage wurden gehalten äh die

[1:31] Atmosphäre die war jüdisch war ähm   war in dem Rahmen der der   der Feiertage und im Rahmen des was man Judentum nennt aufgebaut und äh und gelebt h- wurden gelebt   wir hatten keinen koscheren Haushalt zum Beispiel aber verbotenes Fleisch kam nicht auf

[2:06] den Tisch so wie Schwein wie das bei den Juden üblich ist kam nicht auf den Tisch   ich muss ein wenig über meine Eltern sprechen   oder über das Elternhaus meiner Eltern meine Mutter war eine von sechs Geschwistern mit einem sehr strengen Vater   und äh

[2:29] mit einer   schwächlichen Mutter   aber sie war die einzige der aller Geschwister die hatte ihren eigenen Kopf sie war sie wusste genau was sie wollte sie hatte auch immer in der Schule oder bei den Tanzstunden immer mehr jüdische Freunde und Tanzstundenverehrer

[2:51] immer mehr jüdische Freunde und mehr jüdische Verehrer als als christliche   im Hause wohnte ein jüdisches Ehepaar die keine Kinder hatten und dort war sie wohl zu Hause dort kam ihr das Judentum auch näher trotzdem die Leute dieses Ehepaar die auch später

[3:12] sozusagen meine Großeltern wurden äh nicht fromm waren aber die ganze jüdische Atmosphäre eines Hauses kam ihr dort näher und wurde ihr bekannter außerdem hatten sie eine Theateragen- -agentur und brachten ihr das Theater sie brachten gaben ihr ähm

[3:29] äh manchmal äh Möglichkeiten ins Theater zu gehen und brachten ihr das alles näher der Vater wie ich sagte war ein sehr strenger Mann äh   wie sie die Schule beendigte und sagte sie will Schauspielerin werden hat er sie erst mal in sein Kontor gestellt

[3:49] und am stehend am Pult musste sie dort Briefe und Rechnungen für Müller und Co das war seine seine Vertretung für Wolle die er im Hause führte er selber hatte dieses Haus in Breslau auf der Sadowastraße hatte die die Parzellen selber gekauft er hatte

[4:11] das Haus gebaut und dahinter ein wunderschönen großen Garten angelegt und äh sie bewohnten die große Familie die sechs Kinder hatten bewohnten den ganzen ersten Stock die Mutter war sehr kränklich   eine Schwester machte den Haushalt eine Schwester mühte

[4:28] sich um die kleineren und meine Mutter musste im Kontor stehen und wurden so wurden dachte er wurden werden ihr die Theaterflausen aus dem Kopf gejagt aber es half ihm alles nichts er nahm sie nahm äh   Stunden bei den Schauspielern der Breslauer Bühnen sie

[4:48] wurde keine Schauspielerin aber sie wurde ein Rezitator was damals in den damaligen Zeiten sehr Mode war dass Leute Rezitationsabende oder Vorträge gaben das heißt sie erzählten und deklamierten von allen Dichtern ob es äh Dramen oder Prosa war und äh  

[5:09] es waren öffentliche Abende oder Nachmittage und und immer sehr gerne und gut besucht   sie gab ihren ersten Vortragsabend in den nicht in Breslau sondern in den Provinzen und hatte große sehr gute Kritiken und bald kam sie auch nach Breslau und trat öffentlich

[5:31] auf und war sehr bekannt als Rezitationskünstlerin dass auch der Vater wusste aber er hat nie ein Wort darüber gesagt aber sie hat ihn hat sie mir erzählt manchmal sitzen sehen ganz hinten in den letzten Reihen bei ihren Vortragsabenden aber er hat nie

[5:49] etwas von ihr gesagt über si- äh zu ihr gesagt über ihre Vortragsabende

Daniel Baranowski

[5:55] wissen Sie was sie da rezitiert hat Ihre Mutter ?

Karla Wolff

[5:59] bitte ?

Daniel Baranowski

[6:01] wissen Sie was Ihre Mutter da rezitiert hat ? erinnern Sie sich an   hat sie das erzählt

Karla Wolff

[6:04] ah ja meistens damals war es noch aus den Dramen Rilke war einer ihrer Großen Werfel und Rilke waren ihre   Großen damals damals hat sie mehr Prosa gehabt die Dramen kamen später wie sie mit meinem Vater zusammen Abende gegeben hat weil das immer mit äh

[6:18] Personen er die er die äh männlichen sie die weiblichen Rollen so aber äh Rilke Werfel und auch Schiller und äh die Goethe ja   ähm   auf dieser Basis durch die Rezitationsabende lernte sie Karl Grabowski kennen   kurz über die Familie möchte ich erzählen

[6:45] äh von Karl Grabowski   er war der Bruder meines Vaters   er war kam aus einem sehr orthodoxen jüdischen Haus mein Großvater der aus der Provinz Posen stammte aus Ostrowo und nach Breslau kam und sich äh in Breslau ähm ähm durch äh Papiergroßhandel äh

[7:10] ernährte hatte seine erste Frau verloren die erste Frau hatte ihm zwei Kinder geboren Karl und Betty die in Pensio- Pensionaten in Berlin äh erzogen wurden   er man hatte ihm dann später dem Großvater hatte man ihm später eine   noch eine Frau verschadchent

[7:37] wie man bei uns sagt das heißt man hatte ihm durch einen Heiratsvermittler noch eine Frau äh ähm vermittelt die aus Liegnitz stammte meine Großmutter die aus Liegnitz stammte auch aus einer Familie sie war vielleicht nicht mehr ganz jung ich weiß nicht

[7:55] genau als sie meinen Großvater sie kam nach Breslau und hat meinen Großvater heiratete und ihm einen Sohn gebar das war mein Vater   der Karl der f- der Sohn aus vo- aus erster Ehe lebte zu Hause und war sehr gut zu seiner Stiefmutter und half ihr sehr viel

[8:14] denn mein Großvater so sagte w- so sagte man war nicht so einfach war vielleicht so -n bisschen jähzornig und ein nicht so einfach äh nicht nicht so ein einfacher Mann   also meine Mutter   ähm lernte Karl Grabowski auf dieser Ebene der Rezitations- kennen

[8:37] denn auch er wollte Schauspieler werden nachdem er seine Studium seine Schule absolviert hatte aber auch er musste verdienen um auch dem Vater und seine zweite Mutter und den weiter weiter mithelfen zu erhalten und äh hatte eine Arbeit in einer als Prokurist

[8:59] in einer Firma Getreidemittel Futtermittel   und wie er wie wie wie meine Mutter hat auch er auf das Schauspiel- äh Schauspiel- äh -studium verzichtet und hat Rezitationsabende er hat Rezitation studiert bei den Schauspielern und gab selber Abende und traf

[9:20] auf dieser Ebene meine Mutter und sie hatten ein einen   gemeinsamen Rezitationsabend zusammen   es war eine große Liebe und sie verlobten sich   ein Jahr später brach der Krieg aus er wurde eingezogen und 1915 fiel er in Polen   es muss für meine Mutter

[9:52] ein   ein großer Schlag gewesen sein denn wie ich schon sagte sie war zu den Juden hingezogen in jeder in jeder Beziehung menschlich ähm   vielleicht auch äh durch besondere Literatur aber vor allen Dingen menschlich Freunde Freundinnen Freunde waren meistens

[10:15] Juden durch die Familie Bernhardt die bei uns unten wohnten für die sie vi- für sie waren das die Eltern die sie eigentlich die Eltern die sie verstanden die sie nicht hatte   äh zu Hause durfte man den Tod des Verlobten nicht mit einem Wort nicht erinnern

[10:38] am Frühstück nachdem sie die Nachricht bekommen hatte durfte keiner ihrer Schwestern ihr etwas sagen sie musste sofort wieder ins Kontor und an den Schreibtisch und und weiter arbeiten unverständlich unverständlich   ich will kurz die ähm   das Zuhause

[11:01] meines Großvaters Grabowski schildern er war   also die zwei äh er war der Sohn war gefallen   ein Jahr später nachdem der Sohn gefallen war starb die zweite Frau meine Großmutter an hohem Zucker Blutzucker und ließ diesen vereinsamten und unglücklichen

[11:26] Mann zurück mit einem kleinen Sohn der gerade ein Jahr vorher seine Bar Mitzwa sein das sein   muss man das erklären Bar Mitzwa ? seine Bar Mitzwa hatte er war also 14 Jahre oder an die 15 Jahre   die Schwester aus erster Ehe die hat sich die war überhaupt

[11:48] nicht zu Hause die hat sich woanders in Stellung war in Stellung und hat sich nicht sehr viel um den Vater gekümmert   er war also verbittert und vereinsamt mit seinem jungen Sohn zurückgeblieben   aber die Verlobte seines Sohnes meine Mutter ging ihn besuchen

[12:12] kümmerte sich um ihn nahm mal den alten Mann mit mit dem kleinen Bruder äh zum Essen aus lud ihn ein zu ihren Vortragsabenden und kam am Freitagabend zu ihm Freitagabend Erev Schabbat   der der Abend vor dem Schabbat was eine wichtige Sache ist wenn man die

[12:36] Lichte zündet und und den Segensspruch über den Wein macht und verschiedene Gebete sagt kam oft Freitagabend zu ihm   und der Vater der alte Vater war glücklich über diese denn er war vielleicht vorher dass der Sohn sich verlobt hatte mit einer keiner Jüdin

[12:55] war für ihn als frommer orthodoxer Mann sicher schwer zu   zu verdauen und so sah er hier diese Frau die trotzdem der Sohn nicht mehr da war zu ihm hielt zu ihm kam all das was er ihr bieten konnte an Jüdischkeit aufnahm mit großer Interesse und großer

[13:17] Liebe und sich um den jüngeren Sohn kümmerte   ihn mitnahm manchmal zu ihren Rezitationsabenden auch den alten Vater mit ihm mal essen ging oder so etwas   diese Verbindung   äh hat ihm sicher sehr gut getan   sicher   mein Vater   wurde erwachsen absolvierte

[13:46] die Schule   und sagte zu seinem Vater »ich will Schauspieler werden« was er natürlich nicht konnte denn er musste auch in Stellung gehen und helfen und   aber er hatte auch nicht viel Zeit äh sich der Rezitation zu widmen die er von seinem Bruder und jetzt

[14:08] auch durch meine durch die Abende meiner Mutter die er besuchte be- kennenlernte denn er musste wurde eingezogen in den Krieg und äh es gibt eine Menge Anekdoten über den äh   über den Soldaten Schweyk   der mit dem Goetheband im Stiefel Appell stand er

[14:33] war so kein Soldat er war alles andere ich glaube auch ich weiß nicht ob er jemals zum Schießen gekommen ist er hat mir das nie richtig verraten ich nehme an nicht dass vielleicht wollte er mir das nicht sagen [lächelt]   er war nicht lange Soldat es kam

[14:49] dann zum Kriegsende und er kam zurück nach Hause und äh wie ich sagte wollte Schauspieler werden aber musste natürlich ist dann in dieselbe Firma eingetreten wo sein Bruder gearbeitet hatte und wurde äh äh Reisender für diese Firma die Fung- äh Futter

[15:06] und Düngermittel äh an die Bauern ver- verkaufte   aber auch er wurde Rezitator   und mit meiner Mutter zusammen alleine und mit meiner Mutter zusammen gaben sie viele Abende und wurden offiziell oft eingeladen in Logen oder in kleineren Saalen vorzutragen  

[15:29] und eins brachte wohl zum anderen und   1923   der Vater Jeltsch der Vater meiner Mutter sch- war gestorben wä- nach dem Kriege   sie musste das sie hat ihre alte Mutter gepflegt und hat auch weiter gewohnt in dem Haus was der Va- dem Vater was der Vater gebaut

[15:56] hatte alle Geschwister waren verheiratet und weggezogen aus Breslau   aber äh sie pflegte ihre Mutter dort und äh führte das Geschäft weiter   und 23 äh beschlossen sie und heirateten   sie war neun Jahre älter als mein Vater   sie war christlich   er

[16:27] war jüdisch   ich denke mein Großvater der sehr fromm war immer noch sehr fromm war äh   der sie aber kennengelernt hatte in der Zeit nachdem der große Sohn gefallen war äh   und der sie viel später denn sie hat ihn bis zu seinem Ende wunderbar gepflegt  

[16:48] sich sehr ausgesöhnt hat mit dem dass sie keine Jüdin war   und aber es muss schon merkwürdig gewesen sein sie haben nur standesamtlich geheiratet und zu Hause eine kleine Feier gemacht und äh   mein Vater hat nicht verlangt dass sie zum Judentum übertritt

[17:11] denn er war fromm aber nicht orthodox wie sein Vater aber er war religiös nicht fromm religiös im normalen Sinne wie wir das heute sagen   zehu und er zog sie wohnten zu Hause das bei uns zu Hause auf der Sadowastraße in Breslau in dem Haus was mein Großvater

[17:36] gebaut hatte ihre Mutter lebte noch   und sie pflegte sie   und später zog auch der Großvater Grabowski zu uns also es war eine ganz gemischte Familie mit der christlichen Großmutter und dem jüdischen Großvater  

[17:54] und 28 wurde ich geboren und sollte natürlich

[17:59] ein Karl werden ein Karl Grabowski der gefallen war   aber ich wurde eine Karla   meine Eltern haben mich   na- nicht taufen lassen natürlich und auch nicht eingeschrieben in die Jüdische Gemeinde sie haben sich »später wenn sie groß ist wird sie wird sie

[18:23] sich allein entscheiden was sie werden will« das Haus wie ich schon sagte war ein jüdisches Haus nicht orthodox ein jüdisches Haus alle Feiertage wurden gehalten   die Mutter zündete Freitagabend Lichte der Vater machte Kiddusch und äh   es war Freitagabend

[18:45] und jeder Feiertag wurde gehalten Pessach war Pessach ich ging jeden Freitagabend mit meinem Vater in die große Synagoge das war die die liberale Synagoge   der Storch der heute noch steht den sie damals nicht verbrennen konnten weil ringsherum ja Häuser

[19:04] waren   äh war die orthodoxe Synagoge aber die große Synagoge war die liberale da war liberaler Gottesdienst ich ging jeden Freitagabend mit ihm in die Synagoge und   Feiertage und alles [betont:] aber   es es war kein kein Zwang es war kein man fuhr am Schabbat

[19:26] man machte alles am Schabbat aber aber   zum Beispiel Pessach wenn man die Haggada ja ? das Buch von der   der Auszug aus aus Ägypten das Buch was man liest ich hab nie ein Wort verstanden was ich lese ich mein heute versteh ichs weil heut kann ich die Sprache

[19:46] aber äh nie ein Wort verstanden heute muss ich manchmal lächeln darüber weil wie ich das ausgesprochen hab damals aber es war nicht wichtig man hatte deutsche Übersetzung und man las man las es wurde gehalten und es war gut   man fühlte sich gut damit

[20:00] man hatte ein man hatte eine wie soll ich das sagen eine   einen Rahmen   es gab einen Rahmen in d- in dieser Familie es war   auch die Mutter kam in die Synagoge an Feiertagen natürlich   meine Mutter nachdem sie geheiratet hatte   äh sie hatte ja keinen eigentlichen

[20:21] Beruf sie waren beide Vortragskünstler aber das war vielleicht es war auch ein Beruf aber nicht so aber sie   durch die Vortragskunst hatte sie auch Sprachunterricht wie man sprechen muss dass man nicht heiser wird also wie man sprechen muss wie ein wie ein

[20:40] wie ein Sänger sprechen muss hatte sie lange Sprachunterricht und so ist ihr wohl der Gedanke gekommen und sie hat noch bevor ich geboren wurde Sprachheilunterricht genommen und war oft in Berlin in der Charité hier bei den Professoren oder in Wien bei Kongressen

[20:58] und war und wurde Sprachheillehrerin das heißt sie hatte viele Schüler Kinder zum großen Teil aber auch Erwachsene die oder Stotterer oder irgendein an irgendwelchen anderen Sprachfehlern litten private zu Hause und war auch angestellt an einem Krankenhaus

[21:18] in äh Breslau wo sie zwei Mal in der Woche Nachmittag sprachgestörte Kinder in einem in äh in einer Gruppe unterrichtete also sie hatte ihren Beruf was sehr gut war und der Vater hatte seine Arbeit   und ich wurde geboren und ich wurde eingeschult dann in  

[21:39] in die jüdische   Privatschule für die für die ersten vier Vorschulklassen   wo es aber auch äh christliche Lehrer gab natürlich und äh christliche Kinder weiß ich nicht aber es war eine Privatschule bei Fräulein Wohl   und da ging ich vier Jahre   in

[22:04] die allein es war nicht weit von uns aber ich konnte alleine dorthin gehen dann später   ähm   35 35   nein 37   jedes Jahr kamen neue Gesetze raus von den Nazis ich hab das nicht so mitbekommen als Kind natürlich   ähm  

[22:32] das erste was ich was mich vielleicht

[22:37] erschüttert hat war 35   nicht richtig   37 1937 kam das Gesetz raus dass alle Mischlinge die keine Religion haben eine Religion annehmen müssen entweder sie lassen sich taufen oder sie schreiben sich in eine jüdische Gemeinde ein   meine Mutter die alles

[23:04] in der Familie   bestimmen musste so war es   mein Vater war ein wunderbarer Mensch   aber weich   nicht fähig ein vielleicht fähig aber immer alle alle Beschlüsse von sich wegschieben er war ein Künstler die Muttel hat immer gesagt   in Schlesien wir sagen

[23:30] alles mit l hintel die Muttel und der Vatel und so ist das bei uns   [lacht] die Muttel hat immer gesagt äh »er ist der wahre Künstler« weil äh   er ist wirklich in seiner Kunst trotzdem er das Büro die äh nicht Büro aber diese Getreidemittel Düngermittel

[23:52] Futtermittel äh vertei- äh verkaufen musste aber der wahre Künstler er lebte in den Dichtern er lebte in den Vortragsabenden die sie immer vorbereiteten bei uns zu Hause gab es in ei- in dem Wohnzimmer war der Flügel und die Wohnecke und hinten war ein

[24:11] kleines Podium   und da zwei Stühle und dort haben die Eltern gesessen und ihre ihre Vortragsabende einstudiert und ich hab oft da unten gesessen auf dem Podium und zugehört und nichts verstanden aber ich hör ihn bis heute sprechen »Jeremias !« wenn es

[24:28] um Jeremias ging ich glaube von Stefan Zweig »Jeremias !« und ich   ich ich hörs er lebte in diesen Dichtungen er lebte in in der Kunst er lebte später kam noch der Gesang dazu aber   er wollte kein er konnte kein keine Beschlüsse fassen er   also jetzt kam

[24:50] dieses 37 dieser Beschluss das Kind hat keine Religion   mein Onkel der Mann meiner Tante von Schwester meiner Mutter also der kein Jude war ein großer Sozialdemokrat wurde von den Nazis 33 sofort er war äh   er war Schuldirektor an einer Schule wurde sofort

[25:14] rausgeschmissen weil er war politisch äh   großer Sozialdemokrat   der sagte zu mei- wir warn das war ihre jüngste Schwester und die beiden Familien die wohnten in Bunzlau nicht so weit von Breslau und wir beiden Familien waren so befreundet auch   sie hatten

[25:32] auch ein Mädchen ein Jahr jünger als ein Jahr älter als ich und wir wa- haben viele Ferien zusammen verlebt mit dieser Cousine   also dieser Onkel sagte zu meiner Mutter »lass das Kind taufen ! was ihr im Herzen seid ist doch ganz egal« 37   waren schon

[25:50] dunkle Wolken über den jüdischen Stä- jüdischen Gemeinden es war noch nichts äh Konkretes   aber es waren schon Verhaftungen davon wusste man vielleicht nicht es waren schon äh Beschlagnahme von äh von Geldern oder von Bankkonten davon wusste man auch

[26:09] im allgemeinen von nicht aber es waren schon dunkle Wolken und es war es waren schon Verbote und Gebote   der Onkel sagte »lass das Kind taufen was ihr im Herzen seid das seid ihr das kann euch niemand wegnehmen« aber du weißt meine Mutter konnte sich nicht

[26:26] entschließen sie wusste auch dass dass es schon   nicht mehr so war wie es vor vor vor fünf Jahren oder war sie konnte sich nicht entschließen sie konnte sich nicht und mein Vater war   war nicht anzusprechen oder er wusste nicht was zu machen also sie fragte

[26:45] mich sie fragten mich ich war neun Jahre   ich liebte die Schule ich liebte die besonders eine Lehrerin die gar keine Jüdin war   äh   sag ich »natürlich jüdisch !« also hat sie mich gefragt »willst du« sie hat mir das probiert zu erklären nun was kann

[27:07] ein neunjähriges Kind verstehen äh »lass dich taufen und so weiter das mö- alles bleibt so wie es ist aber du wirst in eine andere Schule gehen das wird alles sehr schön werden« also sie probierte es mir sehr schön zu machen aber   sag ich »natürlich

[27:19] jüdisch bleib ich jüdisch«   zehu   [klopft auf die Stuhllehne] natürlich blieb ich jüdisch   muss für sie sehr schwer gewesen sein weil im Herzen war sie auch jüdisch   sie war eine große Frau meine Mutter eine große Frau   äh viele Juden wanderten

[27:48] schon aus in dieser Zeit die es möglich hatten die Möglichkeit hatten man ich weiß es nicht ganz genau aber man konnte vielleicht noch Gelder raus nehmen aus den verschieden Konten ich bin da nicht so bewandert darin wann das und das äh geschlossen wurde

[28:03] oder das und das verboten wurde auf jeden Fall ähm 36 37 begannen schon die doch Leute   [klopft sich an die Stirn] hier den Kopf auf zu machen und und den Verstand zu bekommen und fingen an wo sie nur konnten irgendwo hin auszuwandern meine Eltern dachten

[28:22] überhaupt nicht daran mein Vater überhaupt nicht daran   »ich bin doch Deutscher ! ich bin doch ist doch mein Heimatland ich bin doch Deutscher«   ähm

Daniel Baranowski

[28:32] darf ich kurz fragen diese

Karla Wolff

[28:38] ja

Daniel Baranowski

[28:40] ähm als Sie selber dann diesen Entschluss gefasst haben ähm dass Sie Jüdin sind haben Sie da mit ähm mit Mitschülern oder so drüber geredet war das ein Thema ?

Karla Wolff

[28:49] Mitschülern ?

Daniel Baranowski

[28:52] ja   oder mit Freunden

Karla Wolff

[28:54] nein nein das war f- selbstverständlich mir bei mir ging es weiter   das Leben ging weiter ja   sie hat mich gefragt aber ich hab   auch mit neun Jahren nicht so viel darüber nachgedacht könnte etwas passieren oder so was ich war mir nicht bewusst was eigentlich

[29:08] ringsherum schon vor sich geht   ein Jahr später schon   erstens war dann schon 38 also November aber auch vorher noch das erinner ich mich das hab ich auch irgendwo aufgeschrieben ein Jahr später schon musste man mussten die Juden Silber abgeben und bei uns

[29:26] gerade rüber war so eine   von unserem Haus gerade rüber so eine Abgabestelle und da standen schon eine lange Reihe Juden   meistens alte Leute und ich sehe es vor mir heute noch so ein altes Mütterchen die hatte ein paar Leuchter in der Hand verbeult wie

[29:44] sie selber war so ungefähr aber wahrscheinlich waren sie Silber so   und die standen in einer Reihe und warteten so in in der   ich damals hab ich mir nicht so viel dabei aber dieses Bild ist mir in Erinnerung geblieben damals hab ich nicht so viel nachgedacht

[30:01] aber viel später   Leute haben diese altes Mütterchen das hat wahrscheinlich das letzte was von ihrer Hochzeit oder von ihrer Familie geblieben war mussten die Silberleuchter Silberleuchter abgeben ja also damals schon musste man das war so vielleicht ein

[30:17] Jahr später 37 38 noch   musste man das Silber abgeben aber ich hab davon nicht so viel gemerkt von all dem was schon vorher war auch ja meine Mutter die damals wo man das Silber abgeben musste sie hat sofort   alles Silber eingepackt was wir hatten die Leuchter

[30:35] ich hab sie heute zu Hau- bei mir zu Hause die Kidduschbecher die Becher aus Silber Bestecke und so weiter und so weiter und ihren Schmuck hat alles eingepackt ist zu ihrer Schwester einer ihrer Schwestern gefahren und hat alles dort deponiert   und ich hab

[30:51] die Leuchter heut noch   aber das war mir alles nicht so   war mir nicht so bekannt aber

Daniel Baranowski

[31:02] also diese Entscheidung

Karla Wolff

[31:05] [gleichzeitig:] aber das wollt ich [zum Interviewer:] wie bitte ?

Daniel Baranowski

[31:09] diese Entscheidung ist gar nicht   das hat gar nicht mehrere Tage oder so gedauert sondern das das haben Sie eigentlich sofort entschieden

Karla Wolff

[31:14] wer ?

Daniel Baranowski

[31:17] Sie

Karla Wolff

[31:19] ich hab was entschieden ?

Daniel Baranowski

[31:21] also die Frage ist ähm ob das ähm ob Ihre Eltern Ihnen das gesagt haben dass Sie sich für eine Religion entscheiden müssen und Sie haben dann mehrere

Karla Wolff

[31:25] [gleichzeitig:] nein also das war selbstverständ- hab überhaupt nicht nachgedacht

Daniel Baranowski

[31:28] [gleichzeitig:] also

Karla Wolff

[31:30] ich konnte das auch nicht fassen   weil ich wir waren nie in einer K- die Muttel hat mich nie in eine Kirche genommen nur mal so um zu zeigen was das ist ja ? es hätte ja an und für sich äh   wäre ja normal gewesen auch bei volljüdischen Familien war es

[31:43] normal wenn sie mal man geht mal in eine Kirche um mal zu sehen äh wie das aussieht oder w- was da ist na Bilder und so weiter es gibt viele Bilder in Kirchen nachon ? also sie hat es es wär ihr nie eingefallen mich mal in eine Kirche zu nehmen während sie

[31:58] als Kind natürlich sind sie in die Kirchen gegangen nicht so fromm jeden Sonntag aber zu Feiertagen oder so was ja   a- für mich war das war überhaupt nicht natürlich bleib ich jüdisch ich wollte in der Schule bleiben ich liebte meine Lehrerin besonders

[32:14] die die nicht jüdisch war und äh natürlich jüdisch was sollte ich was will ich ja nichts ändern na klar

Teresa Schäfer

[32:21] hat der christliche Teil der Familie Sie mal mit in Kirchen genommen oder die christlichen Feiertage mit Ihnen gefeiert ?

Karla Wolff

[32:28] nein   nein das haben nicht aber ähm   es ist mir so in Erinnerung und das war wahrscheinlich auch so wie ich sehr klein war noch   ich erinner mich dass im Wohnzimmer ein oder zwei Jahre sogar in der Ecke   ein Weihnachtsbaum stand   mit Kerzen Lametta und den

[32:55] ganzen und ein Jahr auf dem Klavier der Chanukka-Leuchter stand und erst sage- haben wir »Moaus zur« gesungen und dann haben wir »Stille Nacht heilige Nacht« gesungen das erinner ich mich aber dann ähm ich muss sehr klein gewesen sein vielleicht vier

[33:08] fünf   höchs- höchstens sechs ich ging noch nicht in die Schule glaub ich   aber dann hat sie selber das ha- später hab ich sie mal gefragt hat sie gesagt will damit dann nichts mehr zu tun haben und der Vater mein Vater wollte ihr mal zum Advent so   nicht

[33:25] kein Weihnachtsbaum wollte ihr mal so ei- einen grünen Strauß bringen so zum Advent na da hat sie »na das brauch ich nicht« das erinner ich mich   das erinner ich mich   so gab so Sträuße mit ein bisschen Lametta oder mit so rote Schleife oder so irgendwas

[33:40] da so »das brauch ich nicht« erinner ich mich   nein sie war sie war so jüdisch   sie hat so sie hat wirklich gefühlt jüdisch   sie sie wenn sie in die Synagoge gekommen ist hat sie auch das Gebetbuch sie konnt nicht Iwrit lesen aber sie hat alles auf

[34:01] Deutsch gelesen was man   was äh gesungen oder ge- gebetet wurde

Teresa Schäfer

[34:05] und von der

Karla Wolff

[34:08] sie war innen hm ?

Teresa Schäfer

[34:10] von der Gemeinde gab es nie ein Problem dass sie

Karla Wolff

[34:13] nein kein Problem nein   weil nichts offiziell wurde jetzt jetzt kommt es also siebenund- 37   38 glaub ich ich weiß es nicht mehr genau 37 oder 38 hab ichs aufgeschrieben ? türlich türlich 37 ich hab alles aufgeschrieben also wozu zerbrech ich mir den

[34:31] Kopf   37 kam das Gesetz raus dass alle diese Mischlinge die kein keine Religion haben eine Religion annehmen müssen ah das hab ich schon erzählt   hab ich schon erzählt und ich hab gesagt »natürlich jüdisch« also ich musste jüdisch werden ja   offiziell

[34:47] jüdisch werden   jüdisch werden das heißt ich brauchte keinen Unterricht denn ich ging in die jüdische Schule   das war klar ich war neun Jahre   und ich brauchte keinen Unterricht   äh   ich musste in eine Mikwe gehen Mikwe ist das Ritualbad   wir waren vier

[35:10] Mädchen alles Mischlinge die ins Judentum aufgenommen wurden und wir gingen in die Mikwe   wo wir uns vollkommen ausziehen mussten und vier Mal untertauchen mussten da dazu jedes Mal ein war eine Frau die das äh geleitet hat   die R- man sagt die Rabbiner

[35:33] haben drau- der Rabbiner hat oder einer von der Gemeinde hat draußen gestanden und das hören können was die Mädchen sagen die Frau die d- innen war die hat uns untertauchen lassen wenn wir hoch kamen hat sie uns einen Spruch in Hebräisch gesagt ich weiß

[35:49] nur das mussten wir nachsagen und noch vier Mal mussten wir untertauchen und immer einen Spruch dazu sagen   aus einem Gebet ich hab das dann später mal natürlich nachgelesen   ich erinner mich daran weil eins von den Mädchen hatte lange Haare und wenn sie

[36:08] untertauchte dann schwommen die Haare oben auf dem Wasser werd ich nie vergessen [lacht]   und dann ähm   k- wurden wir also mit unseren Eltern gingen wir in die   da stand die Synagoge noch die große Synagoge noch die liberale Synagoge ähm   und äh es gab

[36:31] auch eine   eine Woch- das nannte sich Wochentagssynagoge dort wochentags hat man in einer kleinen Synagoge ge- gebetet das war im Haus von der Gemeinde da war einfach ein Zimmer als Synagoge war eine Torarolle drin und eingerichtet als Synagoge gibts auch

[36:46] heute in jeder jüdischen Gemeinde auch in Breslau heute gibts eine Wochentagssynagoge das heißt äh nur ein Zimmer wo man eine Torarolle ist und wo man äh beten kann   also wir kamen in die Wochentagssynagoge und da stand der Rabbiner Vogelstein und wir

[37:04] wurden unter eine Chuppa geführt unter den Baldachin und er sprach zu uns er hat uns angesprochen vier Mädchen waren wir   ich weiß nicht mehr was er sagte   ich hab so geweint ich war so aufgeregt   ich war so mitgenommen ich hab nicht verstanden was er gesagt

[37:24] hat wahrscheinlich hat er irgendetwas   Nichtalltägliches gesprochen über einen Spruch oder irgendwas ich weiß es nicht aber   der ganze ma'amad wie sagt man das die ganze ganze Szene es war   es war so aufregend ich ich   ich hab furchtbar gewei- und es tut

[37:47] mir heute so leid dass ich nicht weiß was der Mann gesagt hat tut mir so leid   es war sehr aufregend   es war sehr mitnehmend   auch für die Eltern   aber dann äh   gingen wir Kaffee trinken   und das war dann äh d- der Kaffee trinken und ich durfte mir auswählen

[38:14] was ich essen durfte Baiser mit Schlagsahne   [lacht] musste doch gefeiert werden   ja   der Doktor Vogelstein ist noch ein oder zwei Wochen später ausgewandert   hatte noch das Glück und konnte noch auswandern   denn   dann kamen seine Vertretung ein Doktor Rabbiner

[38:41] Doktor Lewin der kam aus äh Königsberg zu uns mit seinem Sohn bin ich noch in k- in dieselbe Klasse gegangen   denn ein Jahr später brannte die große Synagoge 38 November neunten November 38 brannte die große Synagoge   und der Doktor Lewin das war daneben

[39:08] war ein Haus ein Rabbinerhaus wo die Rabbinerfamilie wohnte wollte reingehen noch während sie schon brannte wollte die Torarollen rausholen und die Polizei oder Soldaten die da rumstanden haben gesagt »rein kannste aber raus kannste nicht mehr«  

[39:26] ja  

[39:32] 37 sind schon viele Juden ausgewandert   die noch Geld an das Geld ran konnten die jemanden im Ausland hatten der für sie gebürgt hat   und so wanderten auch die Chefs von meinem Vater aus so dass er   äh arbeitslos wurde also die ganze Fa- die ganze   ähm

[39:58] Sternberg hieß das die ganze   Fabrik nicht Fabrik äh Gesellschaft Sternberg äh wurde aufgelöst und er wurde arbeitslos kurze Zeit hat er noch probiert das selber zu führen was er von bei den er war ja Verkäufer von dies- er hatte noch die ganzen Adressen  

[40:20] von den verschiedenen äh   Plätzen wo man äh aber er war doch kein Geschäftsmann also das ging auch nicht lange also er war arbeitslos es war es ging nicht darum dass er verdienen musste weil die Muttel hatte viele Schüler Sprachheilschüler und hat gut

[40:35] verdient und äh   es ging nicht darum aber   er musste ja etwas tun [trinkt; hustet]   man darf nicht vergessen er war neun Jahr jünger als meine Mutter   also er war noch ein junger Mann   er musste etwas tun   mein Vater war ein sehr   eine sehr weiche ein

[41:08] sehr weicher Mensch   der sich schwer entschließen konnte zu irgendetwas der   nicht gerne ähm äh   wie soll ich sagen nicht gerne ähm Verantwortung auf sich nahm vielleicht   er war ein sehr religiöser Mensch religiös im Herzen mein ich nicht nicht nach

[41:37] außen war ein sehr religiöser Mensch   er hatte eine schöne Stimme vom Vortragen her vortragen eine Stentorstimme ich hab oft hinten in meinem Bett gelegen und wenn sie Vortrag vo- wenn sie geübt hatten noch hab ich noch gehört äh wenn sie vorne im im

[41:58] Wohnzimmer äh geübt haben und äh seine Stimme   »Jeremias !« so außerdem wurde ihnen ich weiß nicht mehr in welchem Jahr wurde ihnen verboten öffentlich aufzutreten also bis dahin hatten sie mit Plakaten in der Loge oder in diesem Saal öffentlicher

[42:16] Vortragsabend äh Fritz Grabowski Gertrud Grabowski-Jeltsch mit ihrer sie hat immer ihren äh Familiennamen Jeltsch war ihr Geburtsname dazu gegeben   und große Plakate und das wurde dann ich glaube das war schon fünf- oder 36 verboten f- öffentlich aufzutreten

[42:34] und die Vortragsabende wurden zu uns ins Haus gelegt wir bewohnten damals noch den ganzen ersten Stock es war ja unser Haus also Muttels Haus mit ihren sie sie hat das Haus für die für alle Geschwister verwaltet   es war fünf Stockwerke es war alles vermietet

[42:51] und sie hat das alles äh in der Hand gehabt für alle Geschwister   jeder bekam seinen Anteil aber sie hat gewohnt wir hatten noch den ganzen ersten Stock   zwei Zimmer waren vermietet an eine Tante und so aber wir hatten zu Anfang wohnte noch mein Großvater

[43:08] in einem Zimmer der starb äh 32 ich war vier Jahre oder fünf Jahre alt kann mich an ihn nicht erinnern aber er hat jedenfalls noch gesehen dass äh dass sein Sohn auch noch ein Kind hatte das war eine Freude für ihn   also wir hatten noch äh vier Zimmer

[43:26] für uns also die ersten drei Zimmer vorne raus die liefen einer ins andere man konnte die Türen aufmachen   also da waren drei Zimmer da wurden die Türen aufgemacht woher die ganzen Stühle kamen hab ich keine Ahnung aber irgendwo wahrscheinlich standen

[43:41] sie auf dem Boden also es wurden Stühle aufgestellt und da war auch   es wurde so kleine Plakate durfte man noch so an der Haustür anmachen Vortragsabend dann und dann und ungefähr welches Programm Rilke oder das oder Klassiker und sie haben sehr viel ähm  

[43:58] ähm   mit verteilten Rollen gelesen also sehr viel wie sagt man das äh ähm

Teresa Schäfer

[44:05] Dialoge

Karla Wolff

[44:07] Theaterstücke nein da gibts noch einen anderen Ausdruck dafür ja also mit verteilten Rollen gelesen s-   sie die Frauen er die Männer   und die auf den Proben war ich hab ich natürlich oft zugehört hab ich da unten gesessen und zugehört wenn sie zu Hause

[44:21] geprobt haben   und da kamen Menschen und haben das weiß nicht ob sie da etwas eine Kleinigkeit bezahlt haben das weiß ich gar nicht aber hatten eben noch das ganze Entrée mit -m großen Spiegel und ich hab hinten geschlafen mein Zimmer war hinten raus zum

[44:37] Garten raus da hab ich immer -n bissel die Tür aufgemacht und geguckt wenn die Damen da vor dem groß großer großer goldener Spiegel haben sich noch die Hüte abgenommen und ein bisschen über die Haare gestrichen und so ha-   und ab und zu kam auch mal

[44:50] jemand zu mir herein Freunde von den Eltern ham mir was Süßes gebracht oder so

Daniel Baranowski

[44:54] wie viel Leute kamen da immer ?

Karla Wolff

[44:57] wie ?

Daniel Baranowski

[45:01] wie viele Leute kamen da immer ?

Karla Wolff

[45:03] ja da haben Platz gehabt sicher an die fünfzig sechzig Leute in den drei Zimmern ja mit Stühle standen so in Reihen im Herrenzimmer waren die Clubsessel die wurden alle so an die Ecke geschoben aber es war   ich denke schon so an die fünfzig sechzig Leute

[45:16] hatten Platz ja und am Ende kamen die Eltern zu mir rein die waren neben mir im Schlafzimmer und da kam die Muttel immer in ihren schönen Kleidern und so kam sie mir gute Nacht sagen da hab ich immer noch gehört wenn sie   es waren Erlebnisse für mich   zum

[45:28] Beispiel  

[45:30] »Der junge David« von Beer-Hofmann ist das glaub ich   »Der junge David« haben sie gelesen   und das hat es über König David und äh Saul die da aufm B- auf dem Berge Gilboa äh sch- kämpfen gegen die Philister und fallen dort und so weiter  

[45:54] viele viele Jahre später kam ich nach Palästina   mein erster Platz in Palästina war in einem Kibbuz   im Emek Jisre'el in dem Tale Isra- Jisre'el geraderüber dem Gilboa und ich steh dort und ich denk lo !   dort hat der David und der Saul die haben dort gekämpft

[46:16] für mich war das   war das Wirklichkeit   da oben ich war dann später im Krieg hab ich da oben auch [lacht] hab ich gek- na nicht gekämpft   war hinten hab die Verwundete bekommen war ich auch aufm Gilboa äh   da das ist ist kein großer Berg das ist ein kleiner

[46:37] Bergzug aber für mich war das   es war wie ein Traum   das von den Eltern hat hier in meinem Kopf [klopft sich auf den Kopf] wenn sie gesagt haben David David und (_) und jetzt steh ich dort dort haben sie gekämpft dort sind sie gefallen unheimlich   alles

[46:57] hat Wirklichkeit angenommen   also da waren noch Vortragsabende zu Hause   bis das dann natürlich auch aufhörte also der Vater verlor dann seine Stellung

Daniel Baranowski

[47:08] da- darf ich noch ganz kurz was fragen Frau Wolff zu dem was Sie gerad erzählt haben

Karla Wolff

[47:12] [gleichzeitig:] ja sicher natürlich

Daniel Baranowski

[47:16] auch wenn das jetzt weit vorgreift

Karla Wolff

[47:18] ja macht nichts

Daniel Baranowski

[47:21] ähm als Sie dann ähm dem Berg gegenüber standen das erste Mal

Karla Wolff

[47:23] ja

Daniel Baranowski

[47:25] da waren Sie ja ohne Ihre Eltern

Karla Wolff

[47:27] ohne Eltern

Daniel Baranowski

[47:30] das das werden Sie ja gleich noch erzählen   haben Sie da gedacht »ich will denen das hier zeigen« ? ich will dass die dass die hierhin kommen und das sehen

Karla Wolff

[47:33] [gleichzeitig:] ich hab ihnen geschrieben geschrieben hab ich ihnen das weiß ich noch   zeigen es war   weiß ich nicht ob ich das gedacht glaub ich nicht

Daniel Baranowski

[47:37] [gleichzeitig:] aber Sie habens ihnen geschrieben ?

Karla Wolff

[47:39] ich war so ich war so gepackt aber ich hab ihnen geschrieben »ich bin hier   ich der Kibbuz ist geraderüber von vom Gilboa Gilboa   wo David und Saul Saul Shaul Saul«   geschrieben hab ich -s ihnen

Daniel Baranowski

[47:50] und wissen Sie ob die darauf

Karla Wolff

[47:53] und später haben sies auch haben haben wirs sind wir auch vorbei gefahren

Daniel Baranowski

[47:56] [gleichzeitig:] ja

Karla Wolff

[47:59] da war ich schon nicht mehr in dem Kibbuz aber wir waren dort   ich weiß nicht ob sie ob die Eltern das so   ob sie das so empfunden haben   also weil für mich für mich trotzdem ich gerade angekommen bin für mich war das schon »ha ich bin zu Hause«   trotzdem

[48:15] ich gerade zwei Wochen angekommen war   aber für mich war das schon »Endstation !« für mich war das schon ein   ein Stein vom Herzen ich bin da   ich i-   ich bin zu Hause   dorthin wollt ich die letzten zwei drei Jahre und das war hart weil   d- die Eltern so

[48:43] dagegen waren   was ja verständlich ist wenn man ein einziges Kind hat   und in so ein Höllenloch bis heute ist es ein Höllenloch Palästina [lacht] ist ist verständlich ja aber für mich deshalb war das so besonders ja es war ein Stück von zu Hause dieser

[49:02] Berg und ich bin jetzt hier ich bin hier es ist nicht mehr nur ein Vortragsabend   es ist Wirklichkeit und so gings mir auch in Jerusalem in Jerusalem   das ist überhaupt das   in Jerusalem das viel später war ich schon verheiratet und äh viel später war

[49:21] öfter in Jerusalem aber dann äh nach nach dem Sechs-Tage-Krieg nachdem d- Altjerusalem frei wurde und äh   hab ich mal zu Mosche gesagt »ich muss nach Jerusalem fahren ich muss alleine nach« und da bin ich   [lacht] bin in ganz Altjerusalem linksherum gegangen

[49:40] zu Fuß um die ganze Stadt ich musste das war nach Hause kommen   ich weiß nicht ob ihr das verstehen könnt   ich bin nach Haus gekommen   [bewegt] nicht Breslau   ich war in Breslau vor zwei Jahren mit Kindern und Enkeln das war wunderschön ich konnte ihnen

[50:02] zeigen das Haus steht nicht mehr aber die alte Synagoge und da und dort und der Friedhof und in die Schule die Schule stand noch und so weiter   es war sehr interessant es war für mich   auch so mit bisschen Wehmut äh hier [zeigt auf ihr Herz] wo das Herz

[50:18] ist natürlich ja es war Kindheit   aber es war kein Zuhause   aber wenn ich heute wenn ich morgen übermorgen nach Hause fliege wenn ich wenn i- das Flugzeug runter geht übers Meer und anfängt man sieht die die Landstreifen   [deutet auf ihr Herz] macht mir

[50:36] was ma la'asot   [lacht] tov   das war so nebenbei ja aus der Reihe ganz aus der Reihe gekommen [lacht] ein Taschentuch ? ähm   ich hab hier [putzt sich die Nase]  

[51:11] also ähm   der Vater musste etwas unternehmen er war entlassen und er musste etwas machen  

[51:19] die Muttel hat gesagt eine schöne Stimme hat er durch das Vortragen so religiös war sie hat sie hat immer gewusst was zu machen   religiös innerlich war er   »Kantor lernen du wirst Kantor lernen«   und es es war so ich ich weiß nicht was sie zwischen sich

[51:41] gesprochen haben das weiß ich nicht aber vielleicht war das wirklich einmal sein Wunsch gewesen und er hat es ihr gesagt das kann sein das weiß ich aber nicht das weiß ich nicht auf jeden Fall er war einverstanden es gab in Berlin noch eine öffen- noch

[51:55] eine Kantorenschule die noch fungierte ich wusste auch mal den Namen jetzt hab ich vergessen den Namen   er hat er ist nach Berlin gekommen hat sich hier ein Zimmer genommen   und hat in der Kantorenschule gelernt hat äh Gesangsunterricht genommen bei Kammersänger

[52:14] Glass das weiß ich noch so hieß der Mann   und hat hier Kantor gelernt das war 38 ist er 38 ist er nach Berlin gezogen   für mich war das eine ich hing sehr an meinem Vater weil die Muttel war die die Schularbeiten Ordnung Waschen Zähneputzen und so weiter

[52:36] ja ? so   und mitm Vater konnte man   träumen Gilboa David Saul [lächelt] hat mir vorgelesen von den Dichtungen und das   es war mir sehr schwer wie er wegging aber ich bin in sein Bett gezogen mit der Muttel zusammen wir haben zusammen abends äh englische

[52:56] Vokabeln gelernt und ich hab ja schon Hebräisch gelernt in der Schule ich bin inzwischen äh 38 nicht 39 nein 38 noch nicht aber wir haben schon Hebräisch gelernt auch hab ich ihr die Vokabeln die ich lernen musste hab ich ihr auf Lateinisch aufgeschrieben  

[53:12] so dass sie mich abhören konnte ob ich alles gelernt hab 38   November 38   ich ging wollte gerade rausgehen aus der Tür zur Schule sie bekam die »Schlesische Tageszeitung« oder was   und da stand »von Rath« großes Kreuz und sie sagte »um Gottes Willen«

[53:36] sag ich »was um Gottes Willen ?« »gar nichts gar nichts geh in die Schule«   aufm Weg schon neben uns auf der auf der anderen Straße war ein großes ähm Herzberg jüdisches äh Wein- Schnapsgeschäft alles zerbrochen alles gestunken nach Wein weil die

[53:55] die die Schaufenster waren zerbrochen die ganzen Weinflaschen und Schnapsflaschen lagen zerbrochen aufm auf dem auf der Straße wir kamen in die Schule alle sofort still und schnell nach Hause gehen alle wurden wir nach Haus geschickt ich wusste noch nicht

[54:10] was war   kam nach Hause die Mutter war zu Hause »gut dass du da bist die Synagoge brennt   die Synagoge brennt und und sie nehmen äh man verhaftet die Leute auf der Straße komm mit« nimmt mich an der Hand ja so   [macht eine Faust] nimmt mich an der Hand

[54:27] und es war nicht weit laufen dort zu der Neuen Synagoge und standen von weit und sahen die Synagoge brennen   und viele Menschen herum keine Juden nur sie konnte sie hat das [zuckt mit den Schultern] sie hatte ja keine Angst   und wir sahen die Synagoge brennen  

[54:44] und viele Menschen ringsherum und unterwegs das hab ich nicht so war ich war zehn Jahre ich hab das nicht so gefasst ähm   später hat sie mich mal daran erinnert man man Männer auf der Straße aufgegabelt und und auf Autos geschmissen aber ich hab das nicht

[55:03] so gefasst und man hat ja von der Straße damals viele genommen äh   woher wussten die dass die Juden waren wahrscheinlich haben sie Angst die Leute haben gesagt dass sie Juden sind und auf Autos geworfen und dann in die Konzentrationslager genommen   der Vater

[55:20] war in Berlin   das war sein seine Rettung   mittags kamen sie die Stiefeln auf der Straße [klopft auf die Stuhllehne] mit den Fäusten an der Tür »aufmachen los !«   meine Mutter Eis [deutet auf ihr Gesicht] Eis also die war [lacht] war eine Schauspielerin

[55:40] die Tür aufgemacht   wollten Fritz Grabowski »mein Mann ?« sagt sie »der wohnt hier nicht mehr«   nach Kindern haben sie damals nicht mehr noch nicht gefragt   ich stand da so hinter ihr   [nickt] das war seine Rettung das war seine Rettung er hätte er

[56:03] hätte einen Tag in einem Konzentrationslager nicht überlebt   das war seine Rettung   in Berlin war er nicht gemeldet niemand hat ihn äh gesucht niemand hat ihn   geholt   Nachmittag das war ein Donnerstag jetzt der das war schon der zehnte November da war  

[56:24] auf der Nacht vom neunten zum zehnten hat man die angezündet   es war ein Donnerstag und die Muttel musste auch an einem so einem Tag muss man seinen Dienst tun so war das bei den Deutschen sie hatte Donnerstagnachmittag musste sie im Allerheiligen-Hospital

[56:41] da hatte sie Stunden mit den Kindern mit den sprachgestörten Kindern sie wollte mich aber nicht allein lassen in der Wohnung und brachte mich zu Verwandten meines Vaters der hatte eine Cousine die auch in Breslau wohnen mit zwei kleinen Mädchen die auch

[56:57] öfter zu uns kamen mit denen ich auch spielte und so   und sie hatte einen äh polnischen Juden geheiratet die Tante diese Tante Wally der   der nicht sehr   nicht sehr hatte keinen richtigen Beruf und es ging ihnen nicht so sehr gut aber sie brachte mich dorthin

[57:18] zu dieser F- die wohnten mit noch einer Familie in einer Wohnung Juden hat man damals schon sehr zusammengepfercht   wohnten zusammen in einer Wohnung brachte mich dorthin und sagte sie holt mich am Abend wieder ab wenn sie fertig ist   aber auch dort kamen

[57:31] die Nazistiefel die Treppe rauf gestogen und die Fäuste an der Tür »aufmachen los aufmachen !«   warum weiß ich nicht aber sie schickten mich die Tür aufmachen ob sie glaubten dass meine christliche Mutter d- weiß nicht aber so manchmal gab es haben Menschen

[57:50] solche   sie schickten mich die Tür aufmachen die Tür wurde so zurück gestoßen und zwei oder drei   Stiefel kamen herein marschiert und ich blieb hinter der Tür zwischen Tür und Wand ich blieb so wie wie versteinert es ging sehr schnell sie haben die beiden

[58:09] Männer genommen »raus los raus« und   und äh in fünf zehn Minuten war der ganze Spuk verschwunden   den Onkel und den anderen Mann haben sie weggenommen   die Frauen blieben zurück weinend   und dann am Abend kam mich die Mutter holen und das sind meine

[58:37] Erinnerungen vom zehnten November   aber der Vater war gerettet der war in Berlin

Daniel Baranowski

[58:49] gab es da eigentlich irgendeinen Kontakt zu dem Vater in der Zeit ?

Karla Wolff

[58:52] wie ?

Daniel Baranowski

[58:55] gab es da

Karla Wolff

[58:57] [gleichzeitig:] ja wir hatten Kontakt sicher er kam auch öfter mal besuchen wenn irgendwelche äh Ferien waren oder so im Konservatorium oder da   er kam besuchen auch und wenn er besuchen kam das war das waren wunderbare Tage da hab ich schon vorher haben

[59:09] wir   hat er uns immer ein Konzert gegeben auch Schubertlieder aber auch von den synagogalen Gesängen die er gelernt hat das war war sehr schön ich hatte natürlich Klavierstunden wie jedes gute jüdische Kind musste auch Klavierstunden nehmen was ich gehasst

[59:24] habe vor allen Dingen [zeigt auf die Kamera] der schläft schon [lacht] was vor allen Dingen [lacht] das üben   aber dann wenn der Vater wusst ich der Vater kommt zu Besuch da hab ich mir also ein Schubertlied ausgesucht was ja leichte Begleitung hatte und

[59:37] hab das d- »Der Leiermann« ich weiß noch ganz genau »Der Leiermann« von Schubert [singt:] »drüben hinterm Dorfe« und so weiter und äh [lacht] und hab d- probiert die Begleitung weil ich wollte den Vater begleiten zu einem Lied wenigstens und das hab

[59:53] ich auch getan dann gut und schlecht recht und schlecht also immer wenn er kam hat man ein paar Freunde eingeladen und äh und dann hat er so ein Konzert gegeben mit Schubert und auch von den synagogalen Gesängen die er die er   studiert hatte   und einmal

[1:00:09] hab ich Teresa schon erzählt die Muttel sa- sie hat mir hinterher immer gesagt »wir waren doch in Berlin einmal« also ich war schon mal in Berlin aber ich kann mich überhaupt nicht erinnern daran und hat er hat amtiert in in Weißensee aufm Friedhof da

[1:00:23] hatte man damals zu den Feiertagen einen Zweiggottesdienst gemacht wahrscheinlich war die ich weiß nicht welche Synagoge damals hier war er hat jedenfalls dort amtiert und wir sind dann nach Berlin gefahren paar Tage und haben ihn dort amtieren hören also

[1:00:40] haben gehört wie er denn einen Gottesdienst leitet aber ich kann mich überhaupt nicht daran erinnern

Daniel Baranowski

[1:00:45] und haben Sie unmittelbar nach ähm

Karla Wolff

[1:00:48] hm ?

Daniel Baranowski

[1:00:50] haben Sie unmittelbar nach der Reichspogromnacht denn dann Kontakt zu ihm aufgenommen ?

Karla Wolff

[1:00:53] wann ?

Daniel Baranowski

[1:00:55] unmittelbar nach dem November 38

Karla Wolff

[1:00:58] ja sicher natürlich sicher ja und weiß nicht t- wahrscheinlich telefoniert auch und so oder sicher natürlich   er er ist 37 nach Berlin gekommen und er war bis 41 in Berlin   bis der Stern aufkam dann musste ja jeder zurück   also und so vergingen diese

[1:01:14] Jahre dann brach der Krieg aus   und äh aber Vater war blieb noch in Berlin   ich ging noch in es war noch Schule äh 40 ich ging ins Gymnasium inzwischen machte die Sexta und die halbe Quinta   [lacht] das ist meine ganze Schulausbildung vier Vorschulklassen

[1:01:40] Sexta und halbe Quinta ähm   ein schönes großes Gymnasium und das Gebäude steht es ist stehen geblieben trotz der Festung und allem das hab ich vor zwei Jahren besucht mit meiner ganzen Familie   da ist wieder jüdische Schule drin   polnische J- Juden und

[1:02:01] der der Direktor hat uns gesagt er mit nur mit den jüdischen Kindern kann er kein nicht mal eine Klasse füllen also hat er sie f- auch für die Polen aufgemacht   also kommen auch viele polnische Kinder weil sie sagen es ist eine bessere Schule als die polnischen

[1:02:16] Schulen also so dass er zwei oder drei Klassen aufmachen kann also wir waren im Gebäude und äh er hat uns ein bisschen rumgezeigt und wir waren in einer Klasse und äh ähm   es war sehr schön ich hab ihnen dann gesagt auf Englisch hab ich ihnen erzählt

[1:02:33] dass ich äh ich komm aus Israel ich bin hier in die Schule gegangen meine ganze Familie beide alle Kinder alle alle ähm   der Tomer war gerade aus dem Mili- der war noch im Militär er war noch im Militär und hat eine spezielle Erlaubnis bekommen dass er

[1:02:50] ins Ausland reisen darf mit d- an und für sich dürfen Soldaten nicht ins Ausland reisen aber er hat da eine spezielle Erlaubnis bekommen ins Ausland zu reisen   er war noch im ich glaube ja weiß nicht ganz genau auf jeden Fall mit allen allen Enkelkindern

[1:03:02] mein Sohn und   war es war sehr sehr schön hab ihnen die ganze Familie vorg- ich bin hier in die Schule gegangen und ich hab dann an der Tafel gesehen dass sie da Ivrit lernen sag ich ich freu mich dass ihr auch Hebräisch lernt und wenn ihr das schön könnt

[1:03:20] dann kommt mich besuchen und dann kön- also Schmonzes was man so redet ja dann sind aufgestanden drei oder vier kleine Mädchen aus der haben sich da hingestellt und haben uns ein hebräisches Lied vorgesungen es war [lächelt; schüttelt den Kopf] sehr rührend

[1:03:34] ja das war vor zwei Jahren oder so   also ich wir sind noch in die Schule aber das Gebäude hat man uns weggenommen schon vierzig   vierzig oder 41 das Gebäude großes Gebäude st- hat man uns weggenommen und da gab es den berühmten Freundesaal von dem ihr

[1:03:53] ja auch schon gehört habt wahrscheinlich   ähm es war ein Ku- Kultur- äh jüdischer Kulturbund oder so was wo es früher so äh   Kulturveranstaltungen gab das wurde jetzt äh umgebaut ich nehme an man hat da das weiß ich nicht genau man ha- ich nehme an

[1:04:13] wahrscheinlich hat man kleinere Zimmer davon gemacht also dort wurde die Schule untergebracht das war ein mit einem Stockwerk ich glaube nur ein Stockwerk war aber unten gab es man konnte hinten raus gehen einen kleinen Garten ein kleinen Hof oder Garten so

[1:04:26] etwas und noch ein K- Kellergeschoss   das wurde später der Sammelplatz für die Transporte Freundesaal hieß das   und da gingen wir noch ein Jahr zur Schule so was ungefähr ja bis a- ganz 41 aber jetzt begannen auch   die Transporte   41 im September 18ter

[1:04:53] September kam der Stern raus   der gelbe Stern den jeder annähen musste und tragen musste und jeder Jude musste dort wohnen wo er zu Hause ist das heißt mein Vater musste nach Hause kommen   und hat war wieder zu Hause   hat wieder zu Hause gewohnt die ich

[1:05:14] s- soviel ich weiß so wie ich mich erinnere hat die Kantorenschule auch damals schon geschlossen war schon damals geschlossen aber er hat hier noch in Berlin gelebt weil er hat hier Möglichkeit zum äh zum Amtieren gehabt   äh nicht hier ja hier in Berlin

[1:05:29] Möglichkeit zum Amtieren gehabt weil in Breslau gab es schon einen Kantor also die dort waren die Möglichkeiten nicht aber äh   er hat ja auch hier in der Schule das Lesen aus der Torarolle gelernt das ein ganz besondere besondern äh besondere Noten hat

[1:05:50] eine besondere Melodie hat ein ganz das hat ganz gemalte Noten und das muss man können da [singt:] dadadada dadada dadada das ist eine ganz besondere äh Melodie oder das ist keine Melodie aber ein besonderen nussach wie man sagt ähm   und das hat er gelernt

[1:06:07] und das konnte dieser da- damalige Kantor in Breslau nicht also zum Leinen wie wir nennen das Leinen wenn man jeden Schabbat wird immer ein Abschnitt aus der Tora gelesen   fünf Bücher Moses in einem Jahr muss man alle fünf Bücher fertig lesen sind immer

[1:06:24] Abschnitte jeden Schabbat ist ein anderer Abschnitt aus der Tora und dann am am Ende am wenn es Sukkot ist wenn das Laubhüttenfest ist am Ende vom Laubhüttenfest ist dann das äh Simchat Tora die Freude der Tora dann beginnt man wieder von neu von dem ersten

[1:06:44] Buch Moses und geht wieder es ein Jahr durch alle fünf Bücher ja   also zu dem Leinen zu d- hat man ihn öfter gerufen weil er der Kantor nicht konnte und so hat er auch öfter auch mal amtieren können und so  

[1:06:55] aber das Schlimme war er war zu Hause und wurde

[1:07:00] sofort zum wie alle anderen Juden zum Arbeits- -einsatz geholt   Juden Arbeitseinsatz das heißt Straße fegen ähm schwere Sach- schwerer Arbeitseinsatz   Juden durften ja nicht mehr ihren ihren äh Berufen nachgehen sie wurden in oder in Rüstung äh Rüstungs-

[1:07:25] äh -fabriken gesteckt oder äh   F- Fabriken meistens ja oder Schwerarbeiten im Straßenbau oder so etwas   wie ich schon sagte mein Vater war ein äh   sehr weicher und sehr und kein Mensch mit äh   er konnte sich nicht zusammen nehmen er wollte nicht dann

[1:07:50] konnte er nicht   schwer schwierig er bekam den ersten Aufruf zum Arbeitseinsatz zu einem Malermeister wurde er zugeteilt damals   begann man auch schon   es war ja schon 39 es war ja schon Krieg also hab ich ja übergangen 39 begann der Krieg ja bin ja schon

[1:08:14] 41 man trug schon den Stern   ähm begannen schon Bombardierungen in Deutschland Breslau sehr spät aber auch in Schlesien begannen schon Bombardierungen   also n- die Menschen und besonders die Haus- Hausbewohner oder Hauseigentümer begannen äh äh ihre Böden

[1:08:36] zu kalken gegen Bomben gegen Feuergefahr   also er wurde einem Malermeister eingeteilt und musste so Kalkeimer mit Kalk fünf Stock hoch schleppen auf die Böden die dann gekalkt wurden   [schüttelt den Kopf] mein Vater n- ein Glas Wasser war schwer zu heben

[1:08:58] ich mein ich übertreibe ja   ja so ungefähr es ging zwei Tage dann brachte man ihn auf einer Bahre nach Hause war er vollkommen zusammengebrochen   also er hat sich wieder erholt und er   er   es war schlimm er wollte auch nicht mehr er wollte nicht mehr

[1:09:23] hat geschrien und nach er geht nicht und   meine Mutter wurde so hart und hat ihn zurechtge- wie ein Kind   was »kannst dir das nicht erlauben was heißt das ? alle müssen du weißt in was für einer Zeit wir leben ich kann dir hier nicht helfen ich werd probieren

[1:09:42] dir -n aber du musst arbeiten wie jeder andere was willst du in ein« wir wussten noch nichts von Konzentrationslagern wir wussten dass dass in in 38 man die Leute nach Buchenwald geschleppt hat manche wurden inzwischen nach einigen Monaten -nem halben Jahr

[1:09:58] oder so was entlassen mit mit der nur mit der mit dem Befehl auszuwandern aber man hat mit ihnen gesprochen man wusste was ein Konzentrationslager war man wusste noch nichts von Vernichtung aber was Konzentrationslager war wusste man »was willst du in ein

[1:10:13] Lager kommen ? musst dich man wird sehen dass man dich der Gemeinde zuweist« weil er war ja Kantor er könnte ja hätte ja auf der Gemeinde auch Arbeit finden können »aber jetzt musst du erstmal gehen« also es hat man wieder nachdem er die Krankentage hinter

[1:10:28] sich hatte hat man ihn eingeteilt auf die Straße es war schon Winter Schnee schaufeln oder so was ging drei Tage vier Tage   zusammengebrochen nach Hause gebracht   ich weiß nicht ob es nur körperlich war oder auch seelisch beides beides   meine Mutter ich

[1:10:49] hab   er hat geschrien weil er das nur nur so konnte er sich äh Luft machen   ich hab ihn nie so schreien hören und die Muttel hat ihn angeschrien nur so konnte sie ihn zur Vernunft bringen aber ich hab gehört wie meine Eltern einer auf die anderen schreien

[1:11:07] für mich ist eine Welt zusammengebrochen so ein Zuhause von Ruhe und Frieden und und nur Schönheit plötzlich fangen die Eltern an aufeinander los zu gehen das war für mich   ich hab doch nicht verstanden so genau wie ich heute verstehe   Herr Marsch von

[1:11:26] der Gau- von der Gauleitung   der war verantwortlich für die Arbeitseinsatz der Juden und meine Mutter hat ein Kuvert genommen mit Geld   ist in das Büro von Doktor Ma- v- Doktor sag ich von Herrn Marsch gegangen und hat ihm gesagt »mein Mann so so so er

[1:11:48] kann nicht schwer arbeiten   vielleicht ha- tei- teilen Sie ihn zu der Jüdischen Gemeinde zu die haben ihn schon angefordert hier ist etwas für die Winterhilfe« hat ihm das Kuvert zugeschoben »er kann jetzt noch nicht gehen er braucht auch noch ein paar

[1:12:03] Tage« drei vier Tage Ruhe hat Herr Marsch geschrieben beseder nach drei vier Tagen hat er einen neuen Befehl bekommen irgendwohin ich weiß nicht mehr wohin wieder aufn auf der Straße oder irgendwo anders arbeiten gehen   wieder dieselbe Sache es ging zwei

[1:12:20] drei vier Mal vielleicht so meine Mutter ist wieder hingegangen zu Herrn Marsch wieder Geld dann ist sie ist sie gegangen dann »Herr Marsch« sagt sie sie hatte ja keine Angst keinerlei Angst »Herr Marsch so geht das nicht mein Mann kann keine schwere Arbeit

[1:12:36] machen ich bitte Sie äh teilen Sie teilen Sie ihn der Jüdischen Gemeinde zu übrigens« sagt sie »haben wir noch ein einen schönen Clubsessel zu Hause auch eine Uhr und und ein Bild wenn Sie sich das mal ansehen wollen ist ja noch schön« wir hatten noch

[1:12:51] die zwei Zimmer vorne mit dem ganzen und hinten Schlafzimmer man hatte uns schon rein gesetzt aber zwei Zimmer waren noch da Herr Marsch kam [deutet mit dem Finger] das das das gab die Adresse wir mussten Pferdewagen bestellen und haben ihm das geschickt  

[1:13:06] eine Woche Krankenurlaub für Herrn Grabowski

Daniel Baranowski

[1:13:10] haben Sie das eigentlich alles zu dem Zeitpunkt schon so genau mitbekommen oder hat Ihre Mutter Ihnen das nachher erzählt ?

Karla Wolff

[1:13:18] [gleichzeitig:] nein das hat sie hinterher erzählt das hab ich nicht mitbekommen nein   also darüber haben wir später   gelacht   [macht Anführungszeichen in der Luft] darüber haben wir später oft gesprochen nein das hab ich zu dieser Zeit nicht mitbekommen

[1:13:31] sicher nicht   und dann d- der letzte Stoß war eine Flasche Cognac oder irgend so was ihr Bruder war ja im Militär Muttels Bruder war ja eingezogen ne und der hat ihr mal aus Paris w- wahrscheinlich war er in Paris nehme an es war Paris weiß es nicht eine

[1:13:52] Flasche guten Cognac mitgebracht sie hat den Cognac genommen und früh um sechs oder wann Herr Marsch zum Büro ging er ist ja nicht ist sie nicht ins Büro gegangen mit dem Cognac gegangen »Herr Marsch« sagt sie [lacht] ich weiß nicht das sag ich jetzt

[1:14:06] so ja so genau hat sie mir nicht gesagt »es geht nicht mehr er muss in die Jüdische Gemeinde« [gestikuliert] der Cognac   er hat ihn zugeteilt zur Jüdischen Gemeinde   Herr Marsch   Herr Marsch ist nachdem die Russen und die Polen nach Breslau rein marschiert

[1:14:24] sind   auf die Wallstraße das ist dort wo die Synagoge noch ist und wo die jüdischen Häuser waren und in dem einen Haus wohnten noch paar Mischehen wir nicht aber noch paar Mischehen die sich so noch gerettet hatten in den letzten in den letzten Wochen Herr

[1:14:41] Marsch kam dort gerannt   »versteckt mich« zu einem Freund von uns ja wir waren nicht dort das haben wir nur gehört die haben ihn in den Keller ge-   äh geschickt und dann haben sie die Polen gerufen   er war ja doch ein Nazi   er war kein schlechter Nazi

[1:15:00]   Herr Marsch aber er hat meinem Vater das Leben gerettet ohne Zweifel in gewissem Sinne   es war eine sehr schlimme Zeit   sehr schlimme Zeit aber dann war er bei der Gemeinde er hat da Beerdigungen gemacht und er hat im Büro bisschen gearbeitet und er

[1:15:26] hat er hat   er war beschäftigt   aber wir mussten ja auch leben   äh das ist alles noch ich rede alles noch von 41   [guckt auf ihren Zettel] ja jetzt muss ich noch ein- 1941 begann die große Wohnungsaktion in Breslau äh Deutschland war schon bom- wurde schon

[1:15:52] bombardiert es gab schon viel Ausgebombte im Westen besonders   Leute brauchten Wohnungen   die Wohnungsaktion begann bei den Juden natürlich in Breslau begann es im Süden man machte sukzessiv Straße für Straße judenrein   das heißt man nahm die Familien

[1:16:14] raus mit dem was sie tragen konnten Möbel alles musste natürlich bleiben und man öffnete in Schlesien erst eins Toma- Tormersdorf was auch Soar Zoar hieß das wusste ich nicht [schaut auf ihre Notizen] Zoar nannte man es auch Tormersdorf   später Riebnig  

[1:16:34] wo das genau ist weiß ich nicht aber alles ist in Schlesien und am Ende das Kloster Grüssau   machte man zu Ghettos   [macht Anführungszeichen in der Luft] sozusagen man nahm die Juden aus Breslau   und damals war noch kein Freundesaal   man nahm sie so aus

[1:17:03] den Wohnungen »nehmt jeder   eine Handta- einen Koffer zehn Kilo oder so weit-« auf die Autos und es gab in außerhalb Breslau   ähm am Odertor-Bahnhof das war so der Güterba- Güterbahnhof ja ? da gab es einen großen Saal der Schießwerder hieß das warum

[1:17:16] weiß ich nicht vielleicht hat man früher dort so geschossen oder so der Schießwerder dort brachte man sie hin entweder ein paar Stunden bis der Wag- die Bahn war und man schob sie ab nach Tormersdorf dort hatte man verschiedene Häuser schon so   es war

[1:17:30] nicht eingezäunt die Leute konnten raus gehen denn sie mussten ja auch arbeiten sie bekamen Arbeitsplätze sie gingen alle mit Stern Arbeitsplätze zugeweist -gewiesen aber äh sie durften auch sogar einkaufen gehen so wenn sie Geld hatten oder Marken hatten

[1:17:45] es gab ja alles schon war Krieg alles auf Marken   aber mussten immer wieder zurück ins äh   in das Ghetto sozusagen (_) und später in Riebnig und später dann noch in in Grüssau Grüssau war ein Kloster das man auch so als Ghetto umarbeitete so machte man

[1:18:05] langsam vor allen Dingen die guten im Süden waren die großen Villen und von den reichen Juden machte man frei für Ausgebombte aus d- aus ganz Deutschland  

[1:18:14] das war das 41 im Frühling 42 wurden die Schulen geschlossen gab es keine Schulen mehr also es wurde

[1:18:24] nicht mehr geöffnet die Schule nach dem Winter   es w- gab keine Schulen mehr und der Freundesaal wo wir noch Schule hatten   wo auch schon immer wieder Kinder verschwanden oder Lehrer verschwanden die noch die Möglichkeit hatten aber sogar nach Anfang des

[1:18:40] Krieges noch auszuwandern so aber das war schon aber sehr sehr schwierig ähm   ähm   aber die trotzdem manchmal noch also es gab keine Schule mehr und äh   äh der Freundesaal wurde ein Auffangslager für die kommenden Transporte das war im Frühling 42   die

[1:19:04] Kinder die jetzt frei wurden von der Schule wurden in ähm in ähm   Rüstungswerke gesteckt also Kinder in äh 13 14-Jährige 15-Jährige und so weiter Rüstungswerke zur Arbeit   die Männer aus den Mischehen und die Jungs aus d- und die Jungen aus den Mischehen

[1:19:27] so wie der Klaus   da öffnete man Grüntal   Arbeitslager Grüntal nicht weit von Groß-Rosen die aber nur aus den Mischehen das wussten wir aber noch nicht dass sie mit den Volljuden noch einen anderen andere äh ähm   anderes vor hatten wussten wir noch nicht

[1:19:47] von den großen Transporten nachm Osten das war noch nicht äh 41 war noch nicht so von Breslau jedenfalls noch nicht so   ähm   die Mischehen die Jungs und die die Männer kamen alle nach nach Grüntal ins Arbeitslager   mein Vater nicht der war bei der Gemeinde

[1:20:09] er hätte ein Tag hätte er nicht überlebt in einem Lager   ähm   auf dem ersten Transport nach Tormersdorf in dieses Ghetto sozusagen nahm man das ganze war ein Kinderhaus im Vorort Krietern das ganze Kinderhaus dorthin und das Altersheim Beate Gutmann kam

[1:20:31] dorthin erst die Alten und die Kinder   Riebnig nannte sich ein Reichsarbeitsdienstlager nannte sich das für Breslau und für Brieg für die Juden von Breslau und für Brieg   und 42 Frühling 42 also gabs kei- gabs keine Schulen mehr alle mussten zum Arbeitsdienst

[1:20:57] in irgendwelche äh Fabriken oder so ich hatte großes Glück   ich ha- hatte mich auch beworben und man nahm mich als Hilfe in das jüdische Altersheim   alle die Synagoge die große war verbrannt aber die alte Synagoge die man den Weißen Storch nennt   die

[1:21:20] steht ja bis heute noch weil die steht mitten in der Altstadt und die hatten Angst sie anzuzünden denn Altstadt mit den kleinen Gässchen das hätte Feuer hätte sehr leicht von S- Straße zu Straße äh gehen können   nehm- nehmen wir alle an deshalb haben

[1:21:39] sie sie nicht angesteckt und das ist ein so ein vier- ein Komplex sagt man ja ? [gestikuliert:] da steht die Synagoge und direkt daran sind Häuser hier ist das große Tor da geht man rein in den Hof und hier hier waren die Gem- die Jüdische Gemeinde das Krankenhaus

[1:21:56] was man schon lange weggenommen hatte das große Krankenhaus jüdisch das jüdische da war ein Stockwerk Krankenhaus ein Stockwerk hatte man noch Anfang noch -n bisschen Schule ähm   unten war der Kindergarten denn die Eltern mussten alle zur Arbeit und die

[1:22:12] brachten früh um sieben ihre Kinder dorthin und haben sie Nachmittag wieder abgeholt wenn sie von der Arbeit alle waren im Arbeitsdienst in Fabriken oder irgendwo und auf der anderen Seite   in die Häuser war Waisenhaus Altersheim   noch einige Leute die dort

[1:22:29] wohnten die dort arbeiteten   und die Gemeinde natürlich ein ganzes Stockwerk die Jüdische Gemeinde das war so ein Vierkomplex man war so zu Hause in der Mitte war der Hof ein Hof und die Synagoge dahinter die der Weiße Storch also in dieses Altersheim nahm

[1:22:44] man mich auf als Hilfe   waren dort äh zwei oder drei Schwestern richtig und äh eine Leiterin Frau Sandberg und ich war Hilfe und   ich hab die Arbeit sehr geliebt   ich hab das sehr sehr genossen direkt da mit den Alten zu arbeiten u-   ich hatte ein Zimmer

[1:23:08] unter mir ich weiß nicht mehr welche Nummer es war die waren drei Mädchen drin Mädchen so in den zwanziger oder dreißiger Ja- die waren nicht normal das war am Anfang   die hat man hat die Familie dort als Altersheim untergebracht damit sie nicht irgendwo

[1:23:24] hin v- verschickt werden weil die Unnormalen hat man später dann hat man sie sowieso alle   abtransportiert aber   am Anfang konnten die Familien wenn sie auswanderten oder wenn sie irgendwo anders hinzogen k- hatte man sie konnte man sie noch irgendwie unterbringen

[1:23:39] also die waren nicht das waren die rot- die Hannale roter Kopf hatte Rotschopf also die waren so   war nicht direkt aber sie waren so unarti- unartikulierte Laute und so spastisch gelähmt es war furchtbar erschreckend für mich aber ich hab mich dann gewöhnt

[1:23:56] dran also die liebten mich und ich liebte sie und die mu- mussten gewaschen werden und gefüttert und äh blieben in ihren Betten und so aber   also das das war mein äh auch hab auch bei den Alten geholfen aber das das Zimmer von den Dreien Regina Hannale

[1:24:12] die dritte hab ich vergessen wie sie hieß das waren meine Schützlinge dort hab ich gearbeitet   gut ich war untergebracht der Vater war in der Gemeinde aber wir mussten ja auch leben   also meine Mutter hat äh   v- aus   aus dem Krankenhaus wo sie die Sp- die

[1:24:32] sprachgestörten Kinder unterrichtet hat wurde sie entlassen mit einem jüdischen Mann Vortragsabende gabs schon lange nicht mehr das wurde natürlich untersagt seit der Stern war all- schon alles untersagt also sie h- bemühte sich und bekam eine Assistentenstellung

[1:24:49] bei einem Neurochirurgen in seiner er war eingezogen im Militär aber in seiner Pra- in seiner Privatpraxis der wohnte in Breslau und hatte eine Privatpraxis Doktor Kroll und äh sie war sie b- sie sie bekam seine Sekretärin sie war nie Sekretärin bei einem

[1:25:07] Arzt aber wie alles im Leben hat sie so angepackt und sie hat das gelernt wie die Sprache und wie zu schreiben was für Brief und so   und er war äh ein sehr netter Mann er hat uns das Leben gerettet später   er kam zu ihr nach paar Tagen sagt er »hörn Sie

[1:25:23] mal zu Frau Grabowski da hat mich doch die Gestapo angerufen und hat mir gesagt ich soll sofort meine Judensekretärin entlassen was sagen Sie dazu ?   der hab ich aber gegeben Frau Grabowski ist keine Jüdin und wen ich anstelle bestimme ich ! und nicht Sie«  

[1:25:41] und er kam das erste Mal er war ja auch im Militär er war auch Militärarzt im Lazarett das war seine Privatpraxis einmal kam er aber in seiner Uniform meine Mutter ist erschrocken und wollte sofort denn er war in schwarzer SS-Uniform und sie wollte sofort

[1:25:57] verlassen die Stellung das w- sie wusste ja nicht was für ein Mensch er ist aber war ein SS und er musste wahrscheinlich als Chefarzt großer Stabsarzt oder was äh in der SS sein weiß ich nicht und er sagt dann sagt er »der hab ich gegeben sag ich wer

[1:26:14] meine Sekretärin ist das bestimme ich !« also die war die Gestapo war ruhig die hat nichts mehr gesagt und dann sagt er zu ihr »wenn Sie mal Hilfe brauchen Frau Grabowski dann kommen Sie zu mir« er hat uns das Leben gerettet meinem Vater und mir   später  

[1:26:34] also sie hat bei Doktor Kroll gearbeitet und hat gut verdient   und wir waren ich war im Altersheim der Vatel war in der Gemeinde also es war alles wir hatten noch ein Zimmer in unserer eigenen Wohnung ein Schlafzimmer wo wir alle drei gewohnt haben und das

[1:26:50] Badezimmer wurde Küche und alles mögl- also wir hatten noch in unserem eigenen Hause ein Zuhause   und in den Garten durfte ich nicht mehr gehen natürlich aber [winkt ab]

Daniel Baranowski

[1:27:00] und die restlichen Zimmer waren belegt

Karla Wolff

[1:27:04] waren belegt

Daniel Baranowski

[1:27:06] mhm

Karla Wolff

[1:27:08] zwei waren schon vorher vermietet und in eins waren k- eine Mischehe in ein Zimmer und ein Zimmer haben sie uns rein gesetzt ein Ehepaar so ein solche   Nazis als Spitzel   so ins Herrenzimmer haben sie uns rein gesetzt solche   [lächelt] tov meine Mutter hat

[1:27:26] keine Angst vor niemandem [lacht]

Teresa Schäfer

[1:27:28] hatten Sie mit den anderen Menschen in Ihrer Wohnung Kontakt ?

Karla Wolff

[1:27:30] äh wenig wenig  

[1:27:32] ja in dem einen Hinterz- v- im Eckzimmer so da wohnte eine F- schon lange vorher noch eine Freundin eine Schulfreundin meiner Mutter die jüdisch war aber getauft war   Tante Else und die trug auch keinen Stern weil sie getauft war aber   41

[1:27:52] schon   41 das ist glaub ich einer der ersten Transporte wurde sie zum damals warn wurde man noch nicht so war es noch nicht so ähm d- dass es so Sammellager gab wie der Freundesaal dann später die Leute wurden am Anfang die ersten Transporte   wurden sie

[1:28:11] zur Polizei bestellt und Tante Else wurde zur Polizei bestellt mit mit zehn Kilo Gepäck Muttel und ich wir haben sie begleitet zu unserem Polizeirevier   und wir haben sie nie mehr wieder gesehen wir bekamen eine Karte da schrieb sie an der Grenze ist ihr

[1:28:26] der Rucksack gerissen haben wir verstanden dass man ihr alles weggenommen hat n- nie mehr gehört von ihr   ähm   das war einer der ersten Transporte im November 41   das war eigentlich der erste große Transport da wurden die Leute aus den aus den Wohnungen

[1:28:44] geholt auch überraschend nachts und wurden dort raus in den Schießwerder was ich sagte oben am außerhalb der Stadt etwas an den Odertor-Bahnhof gebracht an die ich weiß nicht wie viel es waren es waren einige hundert Leute da kam der ich weiß nicht ob

[1:29:01] ihr von dem sicher gehört habt ähm   großer Historiker äh   Cohn   äh wie hieß er mit Vornamen nicht Benjamin äh

Daniel Baranowski

[1:29:11] Willy

Karla Wolff

[1:29:14] was ?

Daniel Baranowski

[1:29:16] Willy

Karla Wolff

[1:29:18] Willy Willy Cohn der kam bei diesem Transport mit   ähm   mit seiner Familie ha- habt ihr mal das Tagebuch gelesen von ihm ?   so ein Mann   so ein so ein kluger Mann   ha- haben Sie das Tagebuch gelesen ? ich kann das nicht lesen das ist so so   äh es bringt mich

[1:29:36] zur Verzweiflung wie er das schreibt 19- äh -40 -39 -40 er schreibt von dem allem schon   und er schreibt und und   und gar nichts geschieht nichts macht nichts um seine Söhne hat er raus gebracht   hier kennen Sie die Tamar seine seine Enkeltochter ? nein war

[1:29:56] nie hier   Tamar Gazit Professor   aber   er schreibt wie ein wie ein Kind schreibt er dieses Tagebuch als ob nichts geschieht als ob die Synagoge nicht gebrannt hätte als ob nichts geschieht   [seufzt] der war bei diesem Transport mit dabei d- den haben sie

[1:30:15] aus den Wohnungen geholt 41 das war ein Tag vor meinem Geburtstag deshalb weiß ich das war November 41 äh haben sie die Leute aus den Wohnungen geholt und dort in den Schießwerder gebracht und die wurden kamen nach Kowno nächsten Tag wurden sie erschossen

[1:30:29] dort   wieso komm ich jetzt auf den Namen weiß ich nicht   auf den Transport   auf jeden Fall ähm   ja 42 na das war 41 November 41 das war eigentlich der erste große Transport   nach -m Osten Transporte nach Grüssau Tormersdorf dort in die Ghettos in

[1:31:01] Schlesien das ging die ganze Zeit da hatte man sich irgendwie so gewöhnt dran aber nachm Osten das war der erste Transport   denn ich kam da war noch Schule sogar ich kam früh in die Schule da fehlten schon drei Mädels   da wussten wir das noch nicht später

[1:31:19] hat sich erst haben wir erst erfahren wie das vor sich ging dass man nachts einfach in die Wohnung kam in -ner halben Stunde ja da sagt »schnell schnell schnell« was zusammen packen und weg   42 1942 das war das war   das schlimmste Jahr   da gingen Transporte  

[1:31:40] jede zwei Monate beinahe   nachm Osten das hieß nachm Osten wir haben noch nicht gehört von Auschwitz noch nichts keinen anderen keine anderen Namen aber ähm nachm Osten wir haben noch nichts gewusst von Vernichtung   da war der Freundesaal   Schule war

[1:32:06] nicht mehr da war der Freundesaal die Aufnahme der Sammelplatz   wenn dann so ein Transport   da bekamen die Leute vorher eine Mitteilung an dem und dem Tag zehn Kilo Gepäck im Freundesaal an dem und dem Tag bekamen sie vorher Mitteilung

Daniel Baranowski

[1:32:28] kriegte man das per Post ?

Karla Wolff

[1:32:30] hm ?

Daniel Baranowski

[1:32:33] kriegte man das per Post oder wurde das vorbei gebracht

Karla Wolff

[1:32:35] also ich weiß es be'emet nicht ich kann ich kann Ihnen nicht darauf antworten weil ich weiß es nicht genau ob man das im Briefkasten oder gesteckt hat oder per P- das weiß ich nicht aber ich glaube nicht dass Leute oder p- das weiß ich nicht kann ich

[1:32:57] nicht beantworten   aber sie bekamen vorher Nachricht   oft war niemand kam niemand   da wurde sofort Ordner geschickt in die Wohnung da war aber niemand mehr abzuholen   nur noch ins Leichenhaus haben sich dann ihr eigenes Leben genommen   haben ihren eigenen

[1:33:05] Transport gemacht   oft  

[1:33:09] wenn die wie die diese Transporte begannen 1942 die blieben oft über Nacht denn bis sich so ein Transport von zwei- oder dreihundert Leuten geb- gesammelt hatte bis alle da waren   man hat sie dann zusammen zum Bahnhof gebracht nicht

[1:33:33] wahr das dauerte dann ein Tag oder ein Tag und eine Nacht dann blieben sie in dem Freun- da brauchte man Helfer da hat man mich immer wenn so ein Transport hat man mich aus dem Altersheim raus genommen und ich ging in d- kam in den Freundesaal zum Helfen  

[1:33:47] da mussten Kinder beruhigt werden da mussten alte Leute musste umgepackt werden denn jeder brachte noch etwas mehr wie die zehn Kilo weil man kann sich doch nicht trennen von dem dann musste doch umgepackt werden und dann musste etwas weggenommen werden weil

[1:34:03] und dann   dann musste beruhigt werden da musste si- der Freundesaal war gar nichts waren keine Betten es waren Tische und Stühle auf die man sich legen konn- und wenn ein Kind mal hinlegen sollte kleine Kinder unten im Keller waren Frauen die haben irgendeine

[1:34:22] Brühe oder ne Suppe oder Tee oder irgend so was ge- gekocht und das wurde verteilt dann oft blieben sie über Nacht wie ich schon sagte oft ging es nicht am selben Tag weg dann blieben sie über Nacht dann blieben wir auch über Nacht jedes Mal wenn ich nicht

[1:34:42] nach Hause kam kam meine Mutter   vor die Tür es war da vorn ein Türwärter natürlich das war zu »Karla Karla« gerufen »Karla« »die Karla ist da« der kannte sie schon wenn er da war »Karla ist da Kar-« sie hatte immer Angst dass man mich mitschicken

[1:34:51] würde   »Karla ist da«   wir blieben natürlich auch über Nacht dann mussten beruhigen mussten   Kinder trocken legen und   füttern   und am nächsten Tag kamen die Autos da durften wir nicht mehr mit   und Aufladen und dann fuhren sie dort zum Odertor-Bahnhof

[1:35:21] außerhalb der Stadt   aber wir wussten nichts   von Auschwitz und von nichts   und bei mir   wurde es immer dunkler [klopft sich auf ihr Herz] in meinem Herzen weil mein Gewissen war so schlecht   alle meine Schulkameraden alle meine Freunde   und ich musste zurück

[1:35:43] bleiben [betont:] ich musste zurück bleiben weil ich eine christliche Mutter hatte   ich weiß nicht ob man das verstehen kann ich wusste ja nicht wir wussten ja nicht was mit ihnen geschieht wir wussten ja nicht dass das das Ende ist wir wussten dass es schrecklich

[1:35:58] ist kalt   und Hunger und schwere Arbeit aber sie waren zusammen dachten wir   dachten wir   und ich hab ein warmes Bett mit einer Decke und hab immer was zu essen und wenn wenns auch eine Kartoffel ist   aber ich bin bleib allein zurück   denn viele die Freunde

[1:36:25] aus der Klasse die da in den Freundesaal kamen und ich war dort und hab geholfen eine gab mir noch »du bleibst doch hier halt m- heb mir das auf bis ich wieder ko-« gibt mir ein Buch »du bleibst doch hier« du bleibst doch hier ! das war ein ein Fluch ein

[1:36:42] Fluch !   du bleibst doch hier weil ich eine christliche Mutter hatte   natürlich äh   ist das nicht zu verstehen heute nachdem man alles weiß   natürlich vielleicht auch damals hätt ich es nicht vers- hätt ich es verstehen müssen aber ich habs eben nicht

[1:37:11] verstanden es war   ich blieb zurück   ich blieb zurück   wer mich verstanden hat das war   die Frau Rabbiner   der Rabbiner Lewin der 38 zu uns kam mit dessen Sohn ich in die Klasse ging noch   der eine große Liebe von mir war der kleine Ulrich Lewin   trotzdem

[1:37:42] man noch so in Strickhöschen kam   und so sehr Mutter- Mütter- Mütter- Muttersöhnchen war tr- so und ich war entwickelt schon   [lacht] war meine große Liebe die Frau Lew- Frau Lewin die hat verstanden   zu der bin ich manchmal gegangen   hat verstanden  

[1:38:02] was mich bedrückt   und sie hat probiert mich zu   später viel später als ich erwachsen war hab ich manchmal mit der Muttel darüber gesprochen sie hat genau gewusst was in mir vorgeht sie war eine sehr kluge Frau   sie hat gewusst was in mir vorgeht   im

[1:38:27] Großen sie hat auch verstanden natürlich hats ihr weh getan natürlich   aber sie hats verstanden war eine große Frau   so ging das ganze Jahr 42 beinahe alle zwei Monate oder so waren große Transporte   und immer wieder   immer wieder Freunde auch von

[1:38:57] den Eltern und so weiter und wenn es ruhig war dann war ich im Altersheim der Vater war untergebracht und wir lebten weiter in unserem Zimmer dort auf der Sadowastraße   Februar 43 das war das Ende   das war das Ende der Jüdischen Gemeinde   27ster Februar

[1:39:23] 43 war der letzte große Transport und da war auch im Synagogenhof Aufnahme Sammelplatz und auch im Freundesaal und da ich im oben gearbeitet hab im äh Altersheim blieb ich im Synagogenhof als Hilfe nicht mehr im Freundesaal   und da kamen sie   langsam mit

[1:39:46] ihren   Päckel hinterher ziehend Februar kalt Breslau kalt   auf der Erde sitzen in dem großen Synagogenhof   die Synagoge war offen   manche gingen auch rein und saßen drinne auf ihren Koffern auf ihren Säcken auf ihren Päckeln und sie liegen dazwischen

[1:40:11] haben probiert irgendwas Warmes auszuteilen   da gab es eine ganze Menge   [nickt] Selbstmorde die Obertoni nannten wir sie war die Oberschwester vom Krankenhaus sie hatte   Zyankali oder irgendwas   Obertoni eine ganze Familie Berger er war spielte Harmonium

[1:40:34] bei den Gottesdiensten   er sie   Tochter und Sohn   im Hof   [schüttelt den Kopf] die mussten dann weggenommen werden nicht von mir n- da hat man mich nicht ran gelassen ältere   und da musste man auch dabei sein und   helfen und umpacken trösten was und

[1:41:04] die Muttel da ist ein großer Bogen und ein Eingang in den Synagogenhof vorne war das Gittertor das war zu   und dann Nachmittag so gegen Abend kam die Muttel an hab sie ges- an das Tor »Karla Karla« sie hatte Angst sie hat gesehen all- sie hatte Angst alles

[1:41:21] ist zu und ich durfte nicht ran aber einer von den Tür- hat dann gesagt »Karla ist hier Karla ist«   und am nächsten Morgen kamen die Autos und alle wurden aufgeladen   es war das Ende der Jüdischen Gemeinde in Breslau   Hampel war der rosch der   der

[1:41:54] Oberste von der Gestapo in Breslau   Gestapo braucht man nicht zu erklären aber er hatte großen Respekt vor Rabbiner Lewin großen weil der hat sich keinen Mund kein Blatt vor den Mund genommen Rabbiner Lewin   der hat manchmal in den Freitagabend war immer

[1:42:31] noch Gottesdienst nicht in der großen Synagoge nicht aber es gab eine Wochentagssynagoge wie ich sagte also ein kl- Zimmer aber wo wir Freitagabend konnt- hat niemand mehr gearbeitet denn Schabbat musste man ar- Sonnabend musste man arbeiten aber Freitagabend

[1:42:42] war Gottesdienst noch nicht bis zum Ende aber also kam man immer und um nur um Rabbiner Lewin zu hören weil er hat gepredigt hat den Wochenabschnitt   also ich hab gesagt schon die Tora hat man gelesen also jede Tag gab es ein jede Woche gab es einen Abschnitt

[1:42:47] man ging auch immer weiter in den fünf Büchern Moses   und über diesen Abschnitt hat er eine Predigt gemacht und mit Iwrit reingemacht hat er   [schüttelt die Faust] auf die   Nazis gesch- die ham das nicht verstanden bei jedem Gottesdienst waren zwei standen

[1:43:03] hinten zwei Beobachter natürlich von der Gestapo aber die haben nicht verstanden was er gesagt hat weil mit Iwrit reingemengelt und so ich hab auch nicht verstanden mein Vater hat mir dann erklärt was er sagt   und   er hatte keine Angst wenn wenn es irgendeine

[1:43:19] besondere   irgendetwas Besonderes war mit einem Alten irgendetwas zu regeln oder ein Kind zu einer Mutter zu lassen oder irgendwas er ging zu Hampel dem Obersten der Gestapo und sagte so und so das muss man regeln und er hatte großen Respekt der Hampel vor

[1:43:39] Lewin weil der hatte kein er war so klein [zeigt] aber er hatte keine Angst   vor dem Transport dreiund- Februar 43 kam der Hampel zu Lewin und hat ihm gesagt »Sie und Ihre Familie können später dieses Jahr nach Theresienstadt gehen«   oder »werden später

[1:44:00] dieses Jahr nach Theresienstadt geschickt«   und man wusste schon Theresienstadt waren schon Transporte nach Theresienstadt von älteren Leuten von Altersheimen oder so was   hat er gesagt Lewin »ich geh mit meiner Gemeinde mit« er hätte gehen können vielleicht

[1:44:18] hätten die Kinder überlebt   vielleicht   er ist mitgegangen   nach Auschwitz   er war ein großer Mann klein aber groß   also nächsten Tag sind alle kamen die Autos und alle weg und es w- gab keine Jüdische Gemeinde mehr   außer den   200 oder wie viel Mischehen  

[1:44:45] so wie wir   der ganze Komplex Wallstraße neun wo die Synagoge und Gemeinde und Alters- die Altersheime waren noch da zwei Altersheime dort wo ich gearbeitet hab und in derselben Straße noch ein Altersheim gab es die waren noch und ich ich hab auch noch

[1:45:08] weiter gearbeitet bis ich weiß nicht mehr genau welches welchen Monat im selben Jahr äh das war schon es war nicht mehr so furchtbar kalt es war wahrscheinlich Mai oder April Mai oder so was ja wurden diese Altersheime nach Theresienstadt geschickt   das

[1:45:27] war auch   [schüttelt den Kopf] man musste sie alle   raus holen aus ihren Betten meine Zimmer neun mit der Hannale und der Regina musste man zusammenbinden die Hände und die Füße weil   die waren doch spastisch die konnten ja nichts dafür   die wurden alle

[1:45:50] rausgeholt aus den warmen Betten die Alten   man musste sie wir mussten sie runtertragen auf Bahren oder auf Händen oder wie nur möglich   am Vormittag oder Mittag und auf den Boden legen im im Synagogenhof dort Matratzen   Decken was man Matratzen was man

[1:46:10] konnte   kalt und sie haben gejammert und gew- sie haben doch nicht gewusst um was es geht sie wussten doch nicht mehr man konnte ihnen doch nichts mehr erklären und es hat auch Stunden gedauert nicht eine Nacht aber hat Stunden gedauert bis man sie dann mit

[1:46:25] Autos geholt haben und wir hab- mussten sie verladen und   in beiden in a- auf derselben Straße mein Alters- mein Altersheim und paar Häuser weiter von der A- Frau Annie Cohn das Altersheim   und das das war dann das wirkliche Ende der der Jüdischen Gemeinde

[1:46:44] außer den Mischehen   das Ende einer großen blühenden jüdischen Gemeinde in Deutschland   ja und die Mischehen   mussten ja auch   äh also Arbeit hatten wir hat- hatten wir ja mein Vater war jetzt   [trinkt] musste eine neue Arbeit finden   aber es es blieb

[1:47:21] ein   also ein so genannter Vorsteher für diese Mischehen   äh in seinem eigenen Haus wo er da wohnte hat er auch die Sachen der Mischehen geregelt   ähm   hat mein Vater da und dort ein bisschen äh beschäftigt so dass er nicht ähm nicht in Arbeitsdienst

[1:47:44] musste also in irgendeine Fabrik oder so was   der ganze Komplex wurde geschlossen und oben drüber prangte ein großes Schild über dem Eingang zu dem Hof zu der Synagoge »Haus der deutschen Schwester«   da zogen wahrscheinlich äh Schwestern oder ich weiß

[1:48:05] n- ich war nie drinnen   Schwestern oder Nonnen oder so was  

[1:48:10] aber die Mischehen brauchten ja auch ein Krankenhaus   sie konnten ja nicht in arischen Betten liegen oder von arischen Ärzten be- behandelt werden   also gab man uns einen Pferdewagen   und äh   so

[1:48:27] und so viel Betten und Nachttische und so was man alles so brauchte Instrumente und so weiter   und gab uns das Verwaltungsgebäude auf dem jüdischen Friedhof außerhalb der Stadt in Cosel   war ein jü- es gab zwei jüdische Friedhöfe   und der der ält- äh

[1:48:45] der jüngere jüdische Friedhof wo auch meine Großeltern liegen   außerhalb der Stadt geraderüber vom Flughafen   ähm   da da gab man uns das Verwaltungsgebäude es war ein Haus Verwaltungsgebäude wir sollen dort eine Krankenstation einrichten   also man

[1:49:08] gab uns dieser Pferdewagen fuhr einige Male hin und her mit äh Betten und Gesch- Küchensachen und äh Utensilien für den Operationssachen und so weiter und wir wir waren   Ärzte gab es genug waren aus Mischehen vier Ärzte waren   die in Mischehen lebten  

[1:49:28] und wir es waren äh drei richtige Krankenschwestern   und ich als Hi- als Mädchen für alles und eine gute Freundin von mir äh   die leitete die Küche   [lächelt; zu sich:] na leitete die Küche und äh ein noch ein kleiner Junge war ein [lächelt] ein

[1:49:51] kleiner Junge also er ging in meine Klasse war in meinem Alter der machte das Laboratorium wir alle bekamen ähm spezielle Ausweise denn Juden durften an und für sich die Straßenbahn nicht benutzen aber das war ja sehr weit draußen außerhalb der Stadt

[1:50:06] also bekamen wir Ausweise diese spezielle Linie die Straßenbahn die dort raus fuhr zu benutzen ich hatte einen speziellen Ausweis dass ich ein Fahrrad halten durfte denn ich war auch der Einkäufer für den für den Krankenhaus Krankenstation   also wir begannen

[1:50:25] das Haus da sauber zu machen und so weiter und einzurichten   da gab es eine große Blumenhalle unten   die Blumenhalle wurde wo man wenn man auf den Friedhof ging konnte man dort äh -n Topf kaufen oder so was man Blumen kaufen die wurde äh zugemacht da- wur-

[1:50:43] hatte Fenster das wurde zu- alles zugemacht das war der Opera- wurde umgestaltet als Operationssaal   das war ein größerer Platz   und die Station hatte   ich glaube drei drei oder vier Krankenzimmer ich bin mir nicht mehr ganz sicher Krankenzimmer und die

[1:51:01] Küche und vorne gab es äh ein Büro und dahinter gab es das Dokt- äh Ärztezimmer und oben gab es einen ersten Stock da war ein Zimmer das war Isolationszimmer da hatten wir längere Zeit ein Tuberkulosenmann dort gepflegt die Gestapo kam je- der Hampel

[1:51:21] Herr Hampel kam jede Woche   die Runde machen die b- äh   wie sagt man beim Ärzte- ? d- d-

Teresa Schäfer

[1:51:30] Visite

Karla Wolff

[1:51:32] die Visite machen   Hampel kam jede Woche Visite machen und er sagte oft »der kann nach Hause der kann zur Arbeit« Hampel ja   oben ist er nie hingegangen da hatte er Angst dass er sich anstecken würde an Tuberkulosenkranke er hat durch die Tür mit ihm

[1:51:47] gesprochen   oben war das im äh   das Zimmer und und das Laboratorium   also ich war Mädchen für alles wir hatten drei Schwestern und Suse Suschko war die in der Küche und ich war Mädchen für alles ich hatte das Fahrrad   ich wurde einkaufen geschickt was

[1:52:09] man so bekam auf äh auf die Marken für das Krankenhaus Brote Mehl Margarine Zucker mal mal Marmelade   und äh   ich räumte auf   ich half bei Operationen wenn äh nur eine Schwester also nicht direkt nicht steril aber ich half den Ärzten in den Mantel oder

[1:52:34] brachte die Schüssel oder [lacht] na   ähm   wenn ich sage es war eine schöne Zeit ist das   ist   ist das schwer zu verstehen weil draußen blieb alles dasselbe und äh Hampel kam jede Woche   und äh Leute verschwanden von der Straße die den Stern trugen

[1:53:01] einer hat der Vater von der Suse die die Küche geführt hat   der ist in ein Geschäft gegangen hat einen Moment die Aktentasche vor vor den Stern gelegt weil er wollte irgendwas kaufen schon war einer da   schon war er in Auschwitz schon nach paar Monaten

[1:53:18] kam die Urne zurück sie haben die Asche zurück geschickt   an Lungenentzündung gestorben oder so was   also ich meine   es ging alles weiter   in kleinen im kleineren äh Maße wir waren wenig ich weiß nicht genau wie viel Familien wir waren wie v- wie viel

[1:53:40] Mischehen wir waren ich hab keine Ahnung aber ich nehme an so 2- 300 mehr werden wir nicht gewesen sein Mischehen

Teresa Schäfer

[1:53:47] dazu darf ich da eine Frage stellen ? die meisten

Karla Wolff

[1:53:51] ja sicher

Teresa Schäfer

[1:53:54] haben ja in so genannten Judenhäusern in zwei Straßen gelebt und Sie waren noch in Ihrem Haus

Karla Wolff

[1:53:57] wir nicht wir durften das   wir wir das hab ich gestern auch gesagt weg- mit den Briefen aus Auschwitz   weil die Mutter die die Inhaberin von dem Haus war und wir nur dann wirklich nur in einem Zimmer lebten aber die Gestapo hat nicht gewagt uns raus zu setzen

[1:54:16] sie war ja die Inhaberin des Hauses   und da waren noch fünf Geschwister also vielleicht hätten die   und sie und ihre ganze Familie war an der Front ihre ihr Bruder und ihre Neffen und so weiter ja ? deshalb nehmen wir an ja   haben sie nicht gewagt uns raus

[1:54:33] zu setzen sie haben uns ja aber nicht raus setzen ja während die anderen wie Sie richtig sagen in Judenhäus- Sonnenstraße 19 21 und noch verschiedene waren Judenhäuser meine Freundin die ich äh damals im Gymnasium kennenlernte   bis heute noch sind wir

[1:54:51] befreundet sie hat Auschwitz überlebt   die haben in einem in in der in einem dieser Häuser weiß ich vier vier ich glaube vier Parteien in einer Wohnung mit einer Küche einem Klo gelebt also äh   das hab ich vergessen zu sagen übrigens weil fällt mir

[1:55:09] jetzt ein weil ihr Vater Renate von meiner Freundin die noch heute noch lebt ähm ähm   war Kriegsverletzter vom ersten Krieg   und die wurden äh erst später mit den Alten un- ungefähr um die Zeit mit den Altersheimen nach Theresienstadt geschickt mit ihren

[1:55:31] Familien die wurden nicht nach Auschwitz geschickt ja   die lebten noch ein Jahr in Theresienstadt er hatte nur ein Bein   die le- die lebten äh ungefähr noch ein Jahr in Theresienstadt bis der Vater starb in dem Moment wo der Vater starb nahmen sie die Frau

[1:55:47] und die Kinder und schickten sie nach Auschwitz also in dem Moment wo der   Betreuer also für den sie nach Theresienstadt gekommen sind nicht mehr da war wurden auch die Familie weiter transpor- deportiert nach Auschwitz weiter

Teresa Schäfer

[1:56:04] und haben Sie sich zu der Zeit noch Freitagabends getroffen   auch als der Rabbiner schon weg war oder

Karla Wolff

[1:56:08] nein die ganze das war alles zu wir hatten keine Synagoge mehr   der ganze Komplex wo die Synagoge war und die Gemeinde das war alles zu Haus der deutschen Schwestern da hat- wir hatten keine Gemeindehaus mehr wir hatten keinen Platz mehr um wo sich zu treffen  

[1:56:25] nein nie haben wir nicht mehr getroffen manchmal haben wir jemand noch so getroffen zufällig ja aber äh oder kam ins Krankenhaus jemand ha- lag im Krankenhaus kam die Familie besuchen hat man mal jemand so getroffen von Bekannten aber wir hatten keinen Platz

[1:56:41] mehr wo man sich hätte treffen können und dort raus konnte man auch nicht da brauchte man ein s- es war sehr weit zu gehen ein mit der Straßenbahn brauchte man einen speziellen Ausweis nur der der dort gearbeitet hat mein Vater der bei der Beerdings- äh  

[1:56:57] -gruppe war der hatte ein Ausweis dort raus zu kommen auf den Friedhof mit der Straßenbahn ja also auch die Möglichkeiten waren   man hatte kein man hat sich nicht mehr nicht mehr getroffen man aber man hat wie das so ist wie sagt es gibt dafür einen Ausdruck

[1:57:16] Post so von Mund zu Ohr ja also man hat gehört der und der ist   ist weg oder der und der da gab es doch auch schon vorher schon wo der Klaus war dieses Grüntal dieses Arbeitslager für die Mischehen für die für die für die jüdischen Männer und jüdischen

[1:57:33] Jungs kein Mädchen Frauen hat man nicht dorthin gebracht die waren in den Rüstungswerken hat man in die Rüstungswerke geschickt aber Männer und Jungs hat man eben in dieses Arbeitslager in Grüntal gebracht die dort haben die hat dort die Gräben gegen

[1:57:46] die russischen Panzer geschaufelt und äh und so weiter   das war nicht weit von äh   von dem Konzentrationslager ähm   nu neben uns äh

Daniel Baranowski

[1:57:59] Groß-Rosen

Karla Wolff

[1:58:02] wie ?

Daniel Baranowski

[1:58:04] Groß-Rosen

Karla Wolff

[1:58:07] Groß-Rosen danke   also wir lebten dort wie auf einer Insel auf auf dem Friedhof   mit den Kranken   ähm   wenn ich Zeit hatte mein Onkel Karl nach dem ich heiße der ist der liegt dort begraben denn mein Großvater damals nachdem er gefallen war hat alles

[1:58:23] dran gegeben und bezahlt denn seine Kameraden wussten genau wo er gefallen war in Polen   und die hatten ihn dort unter einem Baum irgendwo begraben also sie wussten das genau der hat ihn z- meine Mutter hat immer erzählt sie hat dann dass Großvater hat einen

[1:58:39] speziellen Sarg bauen lassen Zinnsarg oder so was denn das war ja schon dann nach dem Krieg und hat hat die Gebeine oder was war nach Haus gebracht und er ist dort ge- begraben es gibt einen speziellen Platz von von den gefallenen Soldaten von 14 18 auf d-

[1:58:57] auf diesem Friedhof auf diesem jüdischen Friedhof also bin ich zum Karl zum Onkel Karl gegangen und hab dort gesessen bisschen meine Großeltern liegen dort und wenn ich mittags son bisschen halbe Stunde frei hatte dann hab ich dort gesessen es war ruhig

[1:59:12] dort man war musste nicht immerfort hinter sich blicken ob nicht einer hinter dir ist und dich äh bei irgendwas erfasst es war eine Ruhe auf dem Fried- es war ja ein Friedhof es war   und ich hab die Arbeit sehr gern gehabt im Krankenhaus sehr gern gehabt  

[1:59:31] wenn überhaupt wenn man mich dazu zu Operationen zugezogen hat ich durfte die Kittel halten wenn die Ärzte   steril schon rein gefahren sind oder so oder ich durfte dann hinterher auf- aufräumen oder so ich hab das sehr gern gehabt da wollte ja auch dann

[1:59:48] immer Krankenschwester dann lernen aber mit der kurzen Schulbildung die ich hatte   hatte ich nie die Möglichkeit etwas richtiges zu lernen  

[1:59:56] al- so lebten wir dort   und eines Tages fahr ich mit dem Fahrrad zur Arbeit   und   vor mir fährt ein Auto   Menschen

[2:00:12] stehen da und alle haben auf Brust und aufm Rücken einen weißen Stern aber ohne Jude   und ich denk ich seh nicht richtig es gibt doch keine Juden hier und ich fahr hinter ihnen her und ich zeige ihnen hier mein Stern [zeigt sich auf die Brust] und die gucken

[2:00:28] und ich hör sehe wie sie zwischen sich und ringsherum Soldaten natürlich und ich seh wie sie sich unter sich unterhalten aufgeregt und zeigen   später haben sie mir gesagt sie haben nie geglaubt dass es noch freie Juden gibt die so auf dem Fahrrad fahren

[2:00:41] oder noch frei sind und ich konnte nicht so schnell fahren wie das Au- aber so bisschen also ich sie haben mir nur irgend so was zugerufen wo sie hinfahren sie sind auf die Baustelle gefahren und den Namen von einem Lager also jeden Morgen das war auf meinem

[2:00:56] Weg zur Arbeit hab ich dort an dieser Stelle gestanden und gewartet ob das Auto kommt und oft si- ist es gekommen und ich bin hinterher gefahren und und äh und dann haben wir im Krankenhaus hat man das erzählt natürlich den Mädchen und wir haben so kleine

[2:01:12] Päckchen gemacht mit Verbandszeug oder so was und mal so irgendwas rein getan und ich hab probiert von meinem Fahrrad rein zu werfen   erstens konnt ich nicht so schnell fahren dann wenn mal eins rein gefallen ist haben die Soldaten gelacht es waren Soldaten

[2:01:26] es war keine SS und keine es waren äh Soldaten haben sehr gelacht dann haben sie das genommen haben wieder runter geschmissen ja also aber es hat sich sehr schnell herausgestellt wir haben mit ihnen guten Kontakt bekommen mit diesen Juden   denn sie brachten

[2:01:43] dann die Toten zu uns denn wir waren ja auch Friedhof   jetzt stellt euch mal vor   die   sie haben nicht nur ermordet die Juden   oder sie sind gestorben sie haben sie nicht ermordet es war gab kein Gas dort die Juden sind gestorben von schwerer Arbeit von keiner

[2:02:02] Ernährung oder von zu guter Behandlung   aber sie haben sich nicht geschämt diese Juden zu uns zu bringen zur Beerdigung wir waren ja jüdischer Friedhof auch   auf jeden Fall für uns war das nur gut denn wir dadurch haben wir Kontakt bekommen zu diesen Juden

[2:02:22] also es kam m- manchmal ein Anruf das haben wir viel später erfahren es gab vier Läger Arbeitsläger um Breslau herum   äh   kam ein Anruf äh zu erwarten heute weiß nicht zwei oder drei   Leichen von Hundsfeld von Masselwitz von wie die ge- dann kam ein

[2:02:45] Lastwagen ein Last- nicht Wagen ein Leiterwagen mit Pferd   mit einem großen Trog   sagt man so ? große Truhe aus Holz und darin die Leichen   aufn jüdischen Friedhof zur Beerdigung   nu eifo yesh davar kaze ? dort ist Auschwitz und da rauchen die Schornsteine

[2:03:11] und da brennen zu hunderten zu tausenden Menschen und hier bringen sie zur Beerdigung äh   wer kann so was fassen ?   na für uns war es eine Freude möcht ich sagen na nicht dass die Leute gestorben sind aber dass wir die Möglichkeit hatten einige Juden menschlich

[2:03:30] zu beerdigen   die hat man dann in die Leichenhalle gebracht war ja Friedhof war eine Leichenhalle   hat man dort die haben die dort hingelegt und das schöne war schöne   das gute für uns war dass man immer zwei oder manchmal drei Leute Juden sie begleitet

[2:03:49] haben die das runter nahmen rauf nahmen ja die die Soldaten haben sich doch damit nicht beschäftigt die F- Freunde also So- das waren Soldaten die sie begleitet haben keine SS keine   Gestapo oder so was Soldaten und wenn es kalt war überhaupt dann sagt kommt

[2:04:08] rein in die Küche trinkt -n Glas Tee mit den Soldaten konnten wir die Menschen auch in die Küche nehmen diese Juden konnten fragen woher seid ihr was fürn Lager seid ihr was macht ihr dort wieso   das war für uns   es war unheimlich auch für die   was sie

[2:04:27] uns später immer erzählt haben es war ein Kontakt der der es war ganz egal ob wir die Leute kannten ja sie waren aus Polen oder von dort es war ganz unwichtig es waren Juden die noch lebten und die uns noch erzählen konnten dass da noch Leute sind die leben

[2:04:42] und was sie arbeiten und dass sie irgendwie durchkommen werden hoffen durchzukommen   und woher sie waren aber unheimlich diese   diese Begegnungen ich weiß nicht   ich weiß nicht ob man das verstehen kann es war   in so einer Zeit   es war unheimlich   mein Vater

[2:05:08] und noch zwei andere das war die Begräbnis- äh -kommission oder so was   die wurden dann gerufen natürlich den nächsten Tag   und die Leute wurden beerdigt wie wie Menschen beerdigt wir die Schwestern also mich haben sie nicht ran gelassen weil ich die Jüngste

[2:05:25] war   aber die Schwestern und auch die Suse die in der Küche gearbeitet haben die haben die Leu- Leichen gewaschen wie wie das so üblich ist bei den Juden und   so lange man noch äh die Totenhemden hatte angekleidet wenn nicht hat man sie in die Gebetsmäntel

[2:05:41] einge- wenn nicht mehr hat man sie in Papier eingewickelt also in irgendetwas Särge hatte man natürlich nicht also wo soll man Särge hernehmen aber irgendwie menschlich gemacht   und die wurden begraben alle auf einem Feld   und das hab ich jetzt nachm Krieg

[2:05:57] auch wiedergefunden das Feld   weil ich ha- hab mich erinnert dass man konnte auch keine Grabsteine machen aber jedes Grab hat so einen kleinen Stein bekommen so einen kleinen Stein bekommen mit ähm aus Blech so -n Namensschild alle Namensschilder waren weg

[2:06:15] jetzt nachm Krieg das war Blech das hat man ab- abgenommen das wahrscheinlich gab das nicht also nachm Krieg ja w- w- weil wir wissen nicht wer da unten liegt aber es ist Feld 24 das weiß man nachm Plan und alles dieselben Steine Reihe für Reihe liegen alle

[2:06:33] dort in Breslau   [seufzt] das waren große Tage wenn die   ich meine es war traurig aber es waren große Tage wenn die wenn so ein Lager kam und und seine Last brachte und manchmal brachten sie auch einen Verwundeten   äh nicht schwer verwundet aber einer

[2:06:56] hat sich -n Bein gebrochen oder ist in was gefallen oder irgendwas da haben sie ihn auf den Trog gesetzt dort auf den   verwundet und wir durften ihn ins Krankenhaus nehmen und verbinden oder wenn man einen Knochen zurechtrücken musste oder äh kleine Operationen

[2:07:13] machen aber durfte nie bleiben man durfte ihn nicht behalten also man musste selbst nach Operationen selbst wenn er bisschen betäubt wurde musste er wieder mit dem Leiterwagen zurückfahren natürlich aber wenigstens konnte man ihm helfen   aber sag mir jetzt

[2:07:30] dort w- wie kannst du das verste- wie kann man das verstehen   wie kann man dieses dieses deutsche Hirn fassen dort verbrennen sie Millionen und hier sorgen sie sich dass die Leichen   menschlich beerdigt werden oder dass der Verwundete äh verbunden wird   wie

[2:07:55] kann man das verstehen ?   für uns jedenfalls war es immer ein   es war ein Freudentag wenn sie kamen man konnte sprechen mit den Leuten man konnte man konnte ihnen Tee machen man konnte ihnen was geben bisschen Brot zustecken V- Verbände oder Medikamente

[2:08:14] wie viel m- wir hatten ja auch nicht viel aber etwas man konnte ihnen was sie brauchten ihnen geben   dann haben sie uns mal gesagt dass sie speziell auf dem und d- auf einem von einem Lager sie arbeiten auf dem und dem Platz da au- auch alles außerhalb

[2:08:32] der Stadt auf auf einer Baustelle arbeiten sie   sie brauchen dringend auch -n bisschen warme Sachen wenn man wenn wir haben können wir zusammen machen ich hatte ja ein Fahrrad   es war sehr riskant aber wir haben gesammelt bei verschiedenen Leuten ein bisschen

[2:08:48] warme Sweater o- Schals oder irgend so was und ich hab das so vorne gepackt so [gestikuliert] mit der Hand auf dem Stern so mit dem Fahrrad das war nicht so weit weil wir waren auch schon außerhalb der Stadt und das war in unserer Richtung also in dieser

[2:09:03] Richtung lag diese Baustelle dann   ich bin da hin gefahren und die haben mir gesagt also das ist fahr nicht auf die Baustelle sondern aber da und dort da ist ein Baum oder -n Graben lass das dort liegen   also ich bin da klopfenden Herzens und zitternden Beinen

[2:09:17] [lacht] aber ich bin dort hin gefahren   und äh   paar Mal und hab da ein Paket einfach hinterlassen ich hab nie jemanden gesehen ab- war hinter- sie haben das bekommen sie haben sich das geholt mal warme Sachen oder Sch- auch mal -n Brot reingelegt oder irgend

[2:09:31] so was   und dann hat man uns einmal gesagt einer von -ner anderen -n anderen Lager hat uns gesagt ein es war nur -ne Zeit lang ein Trupp geht hinten früh um sechs hinterm Friedhof da war auch noch -n Weg hinten am Ende vom Friedhof die gehen da vorbei zur

[2:09:49] Baustelle um sechs da war aber -n ein Gitter natürlich war alles begittert also die Schwester die Nachtwache hatte   die bis sieben Uhr Nachtwache hatte die hat dann auch so klein- kleinere Päckchen gemacht hat sich da hingestellt die sind vorbei gegangen

[2:10:05] mit Soldaten das waren immer   das das war das Glück die Bewachung waren immer Soldaten   nie SS oder so was immer Soldaten   und die haben na haben gelacht oder haben das mal mit dem Fuß weggemacht so aus Spaß aber   aber es ist nie was passiert sie haben

[2:10:23] nie jemanden äh und da hat die Schwester hat das probiert über den Zaun zu werfen also da konnten sie vielleicht etwas aufheben davon also   es hat natürlich es war keine Hilfe aber es war   es war das Gefühl dass man irgendetwas tun konnte  

[2:10:45] so während

[2:10:48] das 43 zu Ende 44 das ganze Jahr 44   ähm hab ich was vergessen

Daniel Baranowski

[2:10:58] [gleichzeitig:] darf ich noch darf ich noch fragen ?

Karla Wolff

[2:11:00] ja

Daniel Baranowski

[2:11:02] ähm in in dieser ganzen Zeit wenn Sie nicht gearbeitet haben

Karla Wolff

[2:11:05] hm ?

Daniel Baranowski

[2:11:07] wenn Sie nicht gearbeitet haben

Karla Wolff

[2:11:09] ja

Daniel Baranowski

[2:11:12] in in diesen anderthalb Jahren oder wie lang das war ähm was haben Sie gemacht gab es ein ein Familienleben oder ähm   spielte das überhaupt keine Rolle ? können Sie sich an was erinnern ?

Karla Wolff

[2:11:20] bei uns zu Hause ?

Daniel Baranowski

[2:11:22] ja wie wie Ihr Leben außerhalb dieser Arbeit ablief

Karla Wolff

[2:11:25] [gleichzeitig:] ah nu ja also gut Familienleben insofern gab es weil am Abend haben wir uns immer getroffen zu Hause   so so lange wir noch im Haus waren ja solange das das ging äh bis Mitte 44 so ja ? waren wir noch in unserem Zimmer in unserer Wohnung in

[2:11:42] unserem Zimmer und die Muttel war bei dem Doktor Kroll bei ihrem Arzt   und der Vater war immer meistens auf dem Friedhof oder Gemeinde Gemeinde gabs nicht mehr aber war aufm Friedhof u- der der die Gemeinde noch gel- Gemeinde der die Mischehen sozusagen geleitet

[2:11:59] hat   also der hat ihm auch immer was zu schreiben gegeben oder noch was musste auch immer von diesen Beerdigungen zum Beispiel die wurden alle bei uns alle aufgeschrieben ja die Beerdigungen oder auch Beerdigungen von von   von Gemeindemitgliedern die ja auch

[2:12:15] gestorben sind oder manchmal kamen Transporte durch Breslau durch und jemand starb und der wurde einfach dort äh dann auf -m Bahnhof gelassen Transporte die von anderen Städten in den Osten gingen manchmal aus Güterwaggons ja manchmal sch- hatte man hatte

[2:12:38] man Tote drinne die hat man einfach wenn es so eine Stadt kam und sie haben an einer Stadt gehalten haben sie die Toten gelassen auf dem B- man hat dann d- den benachrichtigt der die Gemeinde geleitet hat ein Ludnowsky und der hat er dann hingeschickt meinen

[2:12:46] Vater und andere Leute dass sie die Toten holen   von dem Bahnhof und die musste man dann raus bringen nach äh aufn Friedhof und wurden dann auch bestattet wir haben dann noch Listen auch noch   die hat man jetzt hat der Herr Loose hat viel geholfen bei diesen

[2:13:00] Listen   Listen äh raus bringen und w- bei den Namen finden und so das   hat mir der Sklarz erzählt der in Naharija die nicht Naharija in Israel die Breslauer Gemeinschaft noch gel- geleitet hat ja   äh dass der Loose äh durch den kenn ich auch ich kenn ihn

[2:13:25] nicht persönlich aber d- d- durch den weiß ich von von Doktor Loose bichlal dass der sich viel damit beschäftigt auch ja   mit den Namenforschung nach äh nach Toten die man so einfach   äh da gelassen hat die von einer anderen Stadt nach Polen geschleppt

[2:13:39] wurden unterwegs gestorben sind die hat man dann wenn man an einer Stadt gehalten hat einfach auf dem auf dem Bahnhof also irgendwo liegen gelassen und das wurde dann benachrichtigt die Juden da oder die Mischehen die in der Stadt lebten und die mussten das

[2:13:52] holen und dann beerdigen   also   da hat mein Vater war da beschäftigt damit mit den   hat sich beschäftigt aber am Abend haben wir uns immer oder ich kam nach Hause von der Arbeit und haben uns am Abend haben wir immer getroffen und am Abend   gab es immer

[2:14:11] was zu essen bei meiner Mutter wie weiß ich nicht erstens war es immer in dem einen Zimmer wo wir noch wohnten Schlafzimmer von den Eltern ich hatte ein Sofa da und der Vater wo- lebte war so ein kleines Kabinett in dem Zimmer der schlief da hinten und die

[2:14:27] Muttel aufm Sofa   es war immer warm   g- gab keine Kohle mehr aber sie hat im Garten es war ja ihr Garten   hat sie da jemanden genommen und hat abgeholzt die ganzen Büsche und so weiter und hat das Holz oben rauf gebracht dass abends bevor wir alle dann zu

[2:14:45] Hause waren hat sie immer ein bisschen Feuer gemacht es war immer warm in der Schlafstube und es gab immer was zu essen es gab immer irgendein Rübensuppe oder irgendetwas   nu hatte sie hatten wir ja eine normale Lebensmittelkarte   die Mutter hatte eine arische

[2:15:00] Lebensmittelkarte   also da gabs immer etwas Milch und Fleisch glaub ich gabs damals nicht mehr aber so Kartoffeln oder Gemüse oder was s- was was alle Leute alle Deutschen bekommen hat sie auch bekommen wir hatten mit Jude gestempelt da gabs äh kim- beinahe

[2:15:17] gar nichts aber sie hatte eine normale arische Lebensmittelkarte das war sehr viel   es gab immer etwas zu essen war immer warm   und wir saßen dann vor dem Ofen ein weißer Kachelofen   um den um den viereckigen Tisch rum und jeder hat so erzählt ein bisschen  

[2:15:35] was er gemacht hat und was es bei ihm bei der Arbeit gab oder so

Daniel Baranowski

[2:15:40] und spielte in der Zeit für Ihre Eltern noch die Literatur oder die Musik -ne große Rolle ?

Karla Wolff

[2:15:45] nein das war alles das war dann n- wo ? es war ja alles besetzt die Zimmer nein nein das war schon lange aus

Daniel Baranowski

[2:15:52] nein ich meine auch ähm im privaten ähm   ähm spielte das immer noch -ne Rolle wurde viel gelesen

Karla Wolff

[2:15:57] ob sie noch darüber gesprochen haben ?

Daniel Baranowski

[2:16:00] ja

Karla Wolff

[2:16:03] vielleicht haben sie sich erinnert an weiß ich nicht mehr so genau vielleicht erinnert an schöne Vortragsabende die sie mal gegeben haben und so mal   und so   aber   Grammophonplatten hatten wir das Grammophon haben wir mitgenommen ins Schlafzimmer   [lacht]

[2:16:18] na als wir raus ziehen mussten aus den vorderen Zimmern und ein zwei drei vier Platten so was haben wir manchmal haben wir aber wir hatten wir wollten auch nicht Krach machen   dort saßen die Spitzel in dem Herrenzimmer saßen die Gestapospitzel und dort war

[2:16:34] -ne Mischehe und dort war weiß ich schon nicht mehr wer noch war war doch alles voll fremder Leute die ganze Wohnung aber   ja sie haben schon mal geredet über ihre gewesenen Vortragsabende und sich erinnert so ja wie schön das war   aber sie haben dann

[2:16:57] später   nicht mehr in diesem Stil aber wie sie dann in Düsseldorf waren   mein Vater war dann Kantor in Düsseldorf   viel viel später und wie dann viel viel später die Mutter aus Amerika zurück gegangen ist und zu ihm wieder g- sie ist in Amerika geblieben

[2:17:13] sie wollte das kommt später dann   [winkt ab] aber dann haben sie oft haben sie noch vorgetragen so im kleinen   nicht zusammen jeder einzeln in äh so Frauengruppen oder bei der Jüdischen Gemeinde oder so kleine Nachmittage sie haben vorgetragen im Kleinen

[2:17:29] ja [lacht]   aber so wir haben uns jeden Abend getroffen und jeder hat erzählt was er so was so passiert ist am Tag aber so ist das ist das Jahr so 43   bis halb 44 vergangen  

[2:17:47] halb 44   dann kam plötzlich halb v- weiß nicht mehr genau wann es war aber  

[2:17:54] es war schon Herbst glaub ich so   44 ein Aufruf nächsten Tag hab ich im Krankenhaus bekommen den Aufruf müssen sich alle dort und dort melden   letzter Transport   der Vater und du musst dich melden mit zehn Kilo und so weiter   ich weiß nicht ob man das

[2:18:18] verstehen kann ich war glücklich   ich hab vielleicht nicht genug betont hier mein   meine seelische Verfassung nachdem alle   weg   waren nachdem alle weg mussten nachdem man alle Freunde und alle meine Bekannten und alle meine Lehrer   verschickt hatten  

[2:18:46] und da und dort hat man schon 1944 gehört dass es nicht nur Arbeit ist man hat nicht genau gewusst um was es ist aber man hat schon gewusst zum Beispiel die Suse die bei uns im Krankenhaus Suse Gattel die bei uns im Krankenhaus die fü- Küche geführt hat

[2:19:08] auch eine Mischehe der Vater hat   den Stern verdeckt mit einer Tasche und ist in ein Geschäft rein wollte irgendwas kaufen ein Gestapomann war jeder hatte seinen Spitzel hinter sich gefasst und weggeschickt einzeln weggeschickt nach Auschwitz   nach einigen

[2:19:27] Monaten bekam die Frau die christliche Frau die Urne mit der Asche   so weit ging die   deutsche Ordnung   an Lungenentzündung gestorben   man hat ihr die Asche geschickt und so gab es viele Fälle von Mischehen die oder den Stern verdeckt haben weil sie irgendwas

[2:19:46] wollten oder in ein Geschäft gegangen sind wo sie nicht rein durften   weil sie wollten gerne irgendwas oder   irgendetwas anderes gemacht haben aber jeder irgendwo hatte sein nicht jeder einzeln aber man hatte man hat immer das Gefühl gehabt hinter dir ist

[2:20:04] der Gestapomensch der sofort zugreift deshalb wenn ich mit dem Fahrrad gefahren bin hatte ich das Gefühl der Freiheit da kann keiner kann hinter mir her mit Stern ohne Stern deshalb konnt ich auch auf eine Baustelle fahren ihnen ein Päckchen ein Paket lassen

[2:20:20] und bin so gefahren auf dem Fahrrad [gestikuliert] damit man den Stern nicht sieht aber weil auf dem Fahrrad kann niemand hinter dir sein kann natürlich ja mit dem Auto aber trotzdem aber so   viele sind so viele unser L- Labormann der noch draußen im Krankenhaus

[2:20:38] das Labor   äh äh dieser Klaus hatten wir den Bruder von einer der Krankenschwestern die dort gearbeitet haben   der war Labor der war wirklich Labor   von der Ruth Roth der Bruder der hat im Labor gearbeitet der ich weiß nicht mehr was er gemacht hat warum

[2:20:56] er den Stern verdeckt hat ich weiß nicht mehr was aber auf jeden Fall hat man ihn erwischt wie er den Stern verdeckt hat weg   geschnappt weg und nach paar Monaten kam die Urne   äh warum sag ich das jetzt also   ähm   ich weiß nicht warum ich das jetzt

[2:21:20] dazwischen gesagt hab ist ja auch egal äh jedenfalls ähm   man war nie sicher man war nie   man wusste nie was im nächsten Moment dir geschehen kann   also 44   war schon war schon nachm Sommer so ich weiß nicht mehr genau wann warum weiß ich nicht mehr i-

[2:21:44] im Krankenhaus hat man gesagt es ist alles zu Ende morgen früh müssen wir dort und dort sein mit zehn Kilo   also du und dein Vater von mir alle die die jüdischen   äh die Juden aus den Mischehen dort und dort es geht der letzte Transport   das wollte

[2:22:02] ich sagen ich weiß schon   ich hab die ganze Zeit   ein schlechtes Gewissen gehabt die ganze Zeit   alle waren weg meine Freunde alle waren weg und ich bin zurück geblieben ich ich   ich hab alles ich kann Fahrrad fahren ich konnte frei rum laufen   ich war wie

[2:22:24] erlöst »ich geh auf Transport«   wir wussten wir wussten schon und wir wussten doch nicht   wir wussten schon was in Polen geschieht aber wir wussten natürlich nicht in welchem Maß wir wussten natürlich nicht was was   immer noch dachte ich sind alle zusammen

[2:22:41] und es ist kalt und man hat Hunger aber   am Abend sitzen alle zusammen und reden von zu Hause [fasst sich an die Stirn]

Teresa Schäfer

[2:22:49] war Ihre Freundin Renate auch schon weg ?

Karla Wolff

[2:22:51] Renate war in Theresienstadt mit ihrem nach einem Jahr ist der Vater gestorben   und in dem Moment wo der Vater der sie nach Theresienstadt brachte hat man die Mutter und die Kinder nach Auschwitz geschickt sie war in Auschwitz   ähm   wir gehen auf Transport

[2:23:08] ich fuhr nach Hause all- man hat uns nach Hause geschickt wir f- fuhren nach Hause mein Vater war zu Hause »wir gehen auf Transport« ja angefangen zusammen Sachen Rucksack zu packen die Muttel kam nach Hause von ihrem Doktor   die einzige Ohrfeige die ich

[2:23:23] im Leben von ihr bekommen hab das war damals ich sag »wir gehen auf Transport« krach hatt- ich eine weg ich war hysterisch ich weiß ja sie konnte nicht anders

[2:23:33] sie hat uns genommen den Vater und mich   wir wohnten ja noch im eigenen Haus sie hat uns oben

[2:23:39] im zweiten Stock wohnte eine eine gute Deutsche   [lächelt] sie hat uns zu der Frau Durniok gebracht »s- schließen Sie die beiden ein« im Zimm- »schließen Sie irgendwo« sie hatte noch eine große Wohnung »schließen Sie die beiden ein« sie hat uns

[2:23:55] eingeschlossen   und sie ist zurück zu ihrem Doktor   zu Doktor Kroll wo sie gearbeitet hat der gesagt hat »wenn Sie mal Hilfe brauchen kommen Sie zu mir« sie hat ihm erzählt »Sie lassen sie dort eingeschlossen morgen komm ich«   nächsten Tag ist er gekommen

[2:24:13] in seiner schwarzen SS-Uniform   in seinem Auto   hat den Vater genommen   Vater hat nicht gewusst wo sein Kopf steht der war der war vollkommen [gestikuliert] also der wusste gar nichts mehr ein Glück er war ruhig aber er war vollkommen durcheinander   die Muttel

[2:24:31] hat ihm nur immer gesagt das das seh ich noch vor mir hat ihm gesagt »kannst beru- kannst ganz beruhigt sein Vatel du kannst ganz beruhigt sein geh mit geh mit dem Doktor Kroll alles ist in Ordnung« hat sie   er hat ihn gebracht zu zwei   äh Universitätsprof-  

[2:24:48] Witwen von Universitätsprofessoren die zufällig oft bei den Vortragsabenden von den Eltern waren   waren zwei befreunde- die wohnten zusammen die waren Witwen von von Professoren die auch vorher schon befreundet waren und die wohnten zusammen in einer Wohnung

[2:25:06] und die waren oft beinahe bei jedem Vortragsabend von den Eltern die kannten die Eltern   dorthin hat er sie gebracht das wusste aber der Doktor Kroll nicht das war zufällig die waren ihre das waren seine Patienten   und hat ihnen erklärt was ist und die wohnten

[2:25:27] zusammen und hatten so eine Art   hat er ich hab es nie gesehen aber hat der Vater erzählt so eine Art äh äh Schrankzimmer so was   also sie haben ihn jedenfalls es war ein Schrank aber dahinter war ein Raum   und sie haben ihn dort untergebracht sie haben

[2:25:43] ihm was zum zum Hinlegen gebracht   sie haben ihm Essen gebracht ab und zu also wenn man musste und sie haben für ihn gesorgt   in jeder Beziehung konnte sich waschen konnte aufs Klo gehen und so weiter   sie haben für ihn gesorgt   ich hab nie gefragt die Mutter

[2:26:00] hätt- ich fragen können denn sie hat sich sicher erkundigt in was für einer seelischen Verfassung er war dort   wei- ist interessant warum hab ich nie mich danach erkundigt viel später   aber ich nehme an er war da die Damen da er die kannte nehm ich an

[2:26:17] dass er auch ruhig war a- vielleicht war er auch ich weiß nicht es war immerhin ein paar Monate   und nächsten Tag kam er und holte mich   und brachte mich   zu einer Frau die eine Tochter hatte ungefähr in meinem Alter in einer ganz anderen Stadtgegend   die

[2:26:39] wo ich nie war w- so Arbeitergegend mehr würde man heute sagen   äh und an und für sich   das war das war auch schon da wohnten viele Leute wohnten schon in Kellern denn in Breslau wurde schon gebombt auch von von Russen aber die wohnte noch bei sich zu Hause

[2:26:56] ihr Mann war natürlich im Feld sie hatte eine Tochter ungefähr in meinem Alter Irmgard   sie hatte eine kleine Wohnung deshalb konnten denn es waren auch schon Breslau war schon überflutet von Leuten aus Schlesien die aus die vom Lande kamen die wenn sie

[2:27:12] Verwandte hatten in Breslau nur gekommen sind um vor den Russen zu flüchten schon es war schon Mitte v- Mitte arba- Mitte 44 war schon   ich weiß nicht ob sie schon über die Oder-Neiße waren die Russen das weiß ich nicht genau aber sie waren sie waren

[2:27:29] aufm Anmarsch nach Deutschland   ähm   äh die die hatte so -ne kleine Wohnung und wohnte dort alleine woher er die Frau kannte wahrscheinlich ich weiß es nicht wie die ich hab nie danach gefragt auch später nicht ich war noch in Briefverwechs- -wechs- Briefwechsel

[2:27:47] mit der mit der Irmgard mit dem Mädchen später noch wie ich schon hier im L- nicht hier im Land bei mir im Land war   [lacht] hab ich haben wir uns noch geschrieben eine ganze Zeit lang bis sie einmal schrieb sie war in Ostdeutschland »schreib mir nicht

[2:28:01] mehr weil d- Briefe aus Israel ist nicht hier so   ist nicht so gut« und da hat die Verbindung aufgehört leider ich wusste dass sie geheiratet hat dass sie ein kleines Kind hat ich hab ihr geschrieben von Ilan der geboren war inzwischen d- mein Großer schade

[2:28:14] wirklich schade   also die hat mich aufgenommen ohne zu fragen die hatten eine kleine Wohnung und in der Wohnung hatte sie einen einen äh   wie nennt man das einen äh Intersol ja ? sagt man so in Deutsch ?   also so ein Hängeboden ja ? da ging eine Leiter rauf

[2:28:33] und das war so ein   so ein Loch aber   es es war ein k- beinahe ein Zimmer es hatte ein k- kleines Fensterle nach draußen   und dort hatte sie hingelegt -ne Matratze und so was und dort hat sie mich eingeschlossen das konnte man abschließen Leiter weg -n Boden

[2:28:52]   sie arbeitete   die Irmgard ging noch zur Schule es war noch Schule für die Deutschen   brachte mir früh was zu essen brachte einen Eimer wenn ich mal raus muss   zehu   es ging mir nicht schlecht   es ist mir ja nichts passiert man hat mir nichts getan  

[2:29:20] nur Gedanken   tagelang sitzen stundenlang sitzen   und denken wo sind die Eltern was machen die Eltern wo ist der Vater und alle Freunde raus gucken aus dem   [gestikuliert] aus dem Glas   sehen wie es Herbst wird sehen wie es Winter wird kalt   abends wenn

[2:29:55] sie nach Hause kam von der Arbeit die Irmgard aus der Schule haben sie mich runter gelassen   halbe Stunde so was haben was Warmes hab ich was Warmes zu essen bekommen irgend -ne Suppe oder so was konnte mich waschen   hab mit der Irmgard so -ne bisschen unterhalten

[2:30:11] oder so was sie hat mir auch Bücher geborgt was sie hatte konnte man zum Lesen oder so   und dann wieder rauf   es ging es wa- es war Flugalarm   sie ging in den Keller mit der Irmgard sie musste   sie hat mir nur zugerufen »wir gehen in den Keller«   es ging

[2:30:32] mir nicht schlecht es es es es es war nichts ich brauchte keine Angst zu haben trotzdem hab ich gehört ob die Nazistiefel nicht auf der Treppe sind trotzdem   oder ob die Fäuste nicht an dem an der an der Tür kloppen   es ging noch lange nach dem Krieg so

[2:30:51] das   das konnt man nicht einfach so wegwischen   so hab ich gelebt bis ähm   einmal kam mich der Doktor Kroll besuchen   am Abend der Doktor von der Muttel »alles ist in Ordnung« er hat mir Eis gebracht im im hohen Winter mit mit zwanzig Grad unter Null [lacht]

[2:31:15] er er wollte mir was Gutes tun hat mir Eis zum Lecken gebracht in der Tüte »die Muttel ist in Ordnung der Vater ist in Ordnung« er hat ihn auch gesehen ich brauch nicht zu sorgen er   aber war unheimlich was für ein Mensch das war   wirklich   al- dort

[2:31:41] hab ich gelebt bis Januar   Januar 45   ein knappes halbes Jahr so was   ich weiß n- ich hab vergessen in welchem Monat ich knappes halbes Jahr   wird schon Juli gewesen sein ich weiß nicht mehr genau   inzwischen ist dieser Transport der den nächsten Tag gehen

[2:32:02] sollte abgeblasen worden weil weil Groß-Rosen schon   war noch nicht in russischer Hand aber sie waren schon sehr nahe und man wollte nicht mehr nach Groß-Rosen schicken und und -n anderes ähm Konzentrationslager hatte man nicht in der Nähe sond- rak Bergen-Belsen

[2:32:18] und da hatte man keine Eisenbahn weil die Eisenbahn waren von den Soldaten besetzt also   dieser Transport war abgeblasen aber man hat trotzdem die ganzen Mischehen-Juden die Juden aus den Mischehen im äh   im Dezember oder Januar   45 noch zusammen getrommelt

[2:32:37] und per Fuß   äh raus geschickt äh   Richtung Bergen-Belsen da ist mitgegangen die äh   also ein Teil glaub ich noch mit der Eisenbahn später mit der Eisenbahn von Breslau gab es keine Eisenbahn mehr weil dann die ganze Zivilbevölkerung hat man ähm   mit

[2:32:57] der wer wollte mit der Eisenbahn raus geschickt es gab auch keine Truppen die Truppen wurden man hat ja die Russen standen schon in Schlesien dann im Januar 45 ähm   ähm   hat zu Anfang zu Fuß aber dann später glaub ich hat mal jemand erzählt ich hab nie

[2:33:15] jemanden gesprochen der zurü- es ist ist auch kaum jemand zurückgekommen von diesem Transport hat man sie dann später mit der Eisenbahn Richtung Bergen-Belsen jedenfalls äh geschickt noch diese ganzen Mischehen unsere Doktoren der Doktor Hayn der Leiter

[2:33:28] von dieser Krankenstation nicht zurückgekommen noch ein anderer Doktor nicht zurück gekommen die Suse Gattel die Suse meine Freundin die so die Küche geleitet hat äh   ist nicht zurückgekommen wo der Vater [verdeckt sich die Brust] den man geschnappt hat

[2:33:40] mit der (_) den man schon nach Auschwitz die ist auch nicht zurück gekommen von diesem letzten Transport  

[2:33:52] ja   aber im Januar kam dann der Doktor Kroll sagt er »ich muss weg« er musste mit seinem Lazarett wurde evakuiert   er war ja Chefarzt in der neurologischen

[2:34:03] Abteilung er musste wurde evakuiert »ich muss weg komm raus« nimmt runter den Stern ich hatte ihn schon runter genommen Vater raus alle drei wieder zusammen im Keller von unserem Haus   das Haus war leer alle waren   geflohen   die ganzen Leute die gewohnt

[2:34:23] hat- die dort gewohnt hatten auch die gute Frau die uns versteckt hatte es war kaum jemand noch auf der Straße wir saßen dann unten im Keller irgendwo die Muttel hatte schon zurecht gemacht dort   wir saßen warteten auf die Russen   wir haben gedacht das

[2:34:39] ist die Befreiung wir haben nicht gewusst was die Russen sind   und der Doktor Kroll ist weg zehu und dann waren wir alle drei wieder zusammen das war die Hauptsache und dann begann die Festung äh   im Januar glaub ich Januar schlossen sie Breslau ein und dann

[2:35:03] begann die Belagerung   bis bis Mai bis zum Ende des Krieges wir sind dann aus dem Hause musste man raus kamen die Soldaten   deutsche Soldaten es war noch noch jemand im Keller war nicht aus unserem Haus irgendwelche Leute die sich in einem anderen Keller versteckt

[2:35:18] hatten auch v- vor Bomben vor allen Dingen das Haus war schon sehr beschädigt aber noch nicht äh stand noch   dann kamen deutschen Soldaten »alles raus alle müssen raus alle raus« so mein Fahrrad hatte ich gefunden im Keller   mein Fahrrad genommen hatte

[2:35:35] noch -n Anhänger irgendwo gefunden haben wir bisschen Bettsachen wir sind immer die Mutter und ich wir sind rauf in in unsere Wohnung noch da waren keine Fenster mehr alles war offen natürlich aber dort haben wir noch -n bisschen äh   da gabs noch Gas Gas

[2:35:50] gabs noch elektrisch gabs nicht mehr aber Gas gabs noch da haben wir noch -ne Gasplatte gehabt haben wir so irgend so was Eier oder so was was sie noch hatte oder so zusammen gebraut äh   und haben noch d- irgendwas mitgenommen und dann sind wir los gezogen

[2:36:05] und dann in Breslau eine Stadt man hat sich in eine leere Wohnung gesetzt alles war offen Leute sind ja geflohen alles war offen man hat sich in eine leere Wohnung gesetzt hat in irgendeinem Bett geschlafen so angezogen wie man war   ähm   die Sterne natürlich

[2:36:22] hatten wir abgenommen der Vater und ich sind zur Arbeit gegangen nachts zum   man hat einen Weg frei gemacht   von einer Brücke von der Oder zur anderen um um dann damit die   damit der Storch hieß das das kleine Flugzeug nannte man Storch weiß nicht d- son

[2:36:44] kleiner ganz kleines Flugzeug wo dann der Hanke d- der Gauleiter und der Gestapomann die wollten dann weg fliegen wenn die Russen dann drinne waren musste man eine so eine Laufbahn frei machen von dem ganzen d-   war doch alles Trümmer alles ist zusammen gebrochen

[2:37:00] die Häuser waren gebombt und alles ist zusamm- man musste also eine Laufbahn frei machen mit Steinen man hat Steine wegge- wegge-   -geholt und   es war für den Vater eine Gefahr auf der auf der Straße zu sein er war in dem Alter wo wo wo er nur Soldaten

[2:37:19] ge- er war Ende vierzig oder so Anfang fünfzig also wie nicht verletzt und ohne Soldatenkleidung es war eine große Gefahr man hat ihn auch einige Mal angesprochen und äh man hat sich irgendwie rausgeredet d- äh er hatte Verletzung und er ist noch so aber

[2:37:38] er hatte keinerlei Papiere dafür bis wir in dem in dem in dieser Wohnung wo wo wir zuletzt gewohnt haben ich war ich war in der Wohnung und die Eltern waren irgendjemand suchen man hatte gehört jemand eine bekannte Familie Juden verstecken sich dort irgendwo

[2:37:54] nicht weit von uns sie wollten sie suchen gehen sind dorthin gegangen ich war in der Wohnung und seh die Flugzeuge kommen und seh dass sie dort die Bomben auslösen und wir waren ja sehr klug alle schon wussten dort lösen sie die Bomben aus das heißt das

[2:38:08] kommt hier wo ich stehe   also schnell runter gelaufen und da kam auch schon die Bombe und hat das Haus vorne abgemäht und ich bin mit dem ganzen Treppenhaus runter gefallen   aber nicht verschüttet gewesen nur mit der ganzen Treppe   und äh in der Nähe waren

[2:38:24] Soldaten und die kamen dann na- gerufen »jemand ist jemand da ist jemand da« woll- helfen mei- u- soweit ich konnte voll mit Mund mit Dreck aber trotzdem man und haben uns dann raus gebuddelt war noch jemand   raus gebuddelt und äh   [lacht] die ganze Vorderwand

[2:38:41] war weg von dem Haus   und ich hab dort in der Nähe bei den Soldaten die haben uns dort die hatten dort so -n Bunker genommen da kamen die Eltern zurück haben gesehen niemand ist mehr da aber sie haben uns wir haben uns wiedergefunden also wir sind weitergezogen

[2:38:54] raus aus der Stadt auf so ein Feld da war ein kleines Häuschen haben uns niedergelassen und dort haben wir dann Ende des Krieges erlebt   [seufzt]

[2:39:06] dann kamen die ersten Russen rein   und ich hatte nur gelernt was heißt Jude auf Russisch Jude heißt jewrejka  

[2:39:17] jewrejka heißt jüdisch   die ersten Russen kamen rein   hab ich die Sterne raus genommen unsere Sterne die wir abgetrennt hatten »jewrejka jewrejka« »nix jewrejka« hem am- »jewrejka kaputt«   [gestikuliert] hem jadu   die wussten die sind durch Polen gekommen

[2:39:38] durch die ganzen Lager die wussten jewrejka kaputt »nix jewrejka jewrejka kaputt«   und haben uns eingesperrt in das das war son kleines Häuschen mit zwei Zimmern in das zweite Zimmer und haben sich vorne hingesetzt und gesoffen und ge-   und gefeiert der

[2:39:57] Krieg war für sie zu Ende sie haben genug gelitten   es war so -n Haus aber so zur ebenen Erde   und wir sind hinten zum Fenster raus war auf dem Feld den Vater haben sie zusammengeschlagen noch vorher haben ihn dann rein geworfen zu uns   wir sind raus gekrochen

[2:40:15] haben den Vatel raus gezogen   haben ihn draußen in ein Gebüsch versteckt und wir haben uns auch versteckt ein Glück sie waren so besoffen dass sie uns dann nicht mehr gesucht haben   sind dann eingeschlafen nächsten Morgen sind sie weitergezogen haben wahrscheinlich

[2:40:29] vergessen   zehu dann   wir hatten ja diesen Leiterwagen mit dem wir immer weitergezogen haben den Vater auf den Leiterwagen gesetzt   aufn paar Betten und ich hab gezogen die Muttel hat geschoben und dann sind wir dann langsam das war außerhalb der Stadt schon

[2:40:48] langsam sind wir in die   Stadt gezogen wir wollten zu Menschen zu Juden irgendwo hin zu Juden   unterwegs mussten wir nochmal irgendwo in welchen Betten irgendwo in einer Wohnung alles war ja offen alles war konntest überall rein konntest dir alles nehmen

[2:41:06] was noch in den Schränken war   wir haben uns auch ein f- es war ja es war April es war ja noch kalt Ende Mai war Ende des Krieges war es Ende des Krieges so ist auch Breslau mit Ende des Krieges gefallen neunten Mai achten oder neunten Mai   es war noch kalt

[2:41:26] haben wir be'emet aus einem der Häuser aus einem Schränke haben wir -n Wintermantel für den Vater genommen da war noch das Parteiabzeichen von den Nazis dran das haben wir abgemacht   [lacht] äh   [schüttelt den Kopf] lo je'uman   nicht zu glauben   jedenfalls

[2:41:42] äh sind wir dann nach zwei Tagen in die Stadt gekommen auf die Wallstraße wo mal die Jüdische Gemeinde war und wo die Synagoge noch stand und wo geht man hin man geht nach Hause nu   ein anderes Zuhause hatten wir nicht und da haben sich langsam langsam

[2:41:59] haben sich dort die Juden äh   die noch aus den Löchern raus kamen so wie wir gesammelt   und langsam kam etwas Ordnung hinein dann kamen die Polen die Polen waren dann die die   o-   die die Russen waren die Macht und die Kriegsmacht oder die Besatzungsmacht

[2:42:18] sagt man und die Polen waren die Zivilverwaltung und die Juden die dann äh   übrig waren also das waren ja nur Mischehen aber es kamen einige schon zurück aus den nahen Lägern kamen einige zurück der Bruder von der Renate eines Tages steh ich dort der

[2:42:35] Renate meiner Freundin die dann nach Auschwitz kamen die Kinder mit der Mutter   ich steh dort vor der Gemeinde und wollte gerade   man man ist einfach es war ja alles zerstört also man ist einfach in eine Wohnung gegangen die noch stand in ein Haus das noch

[2:42:51] stand   man ist einfach in eine Wohnung gegangen die Türen waren offen ja so   wo noch Fenster kaputt waren aber sonst noch alles stand Dach überm Kopf und man hat sich einfach in diese Wohnung gesetzt dann ist man in die anderen Wohnungen gegangen man kann

[2:43:06] sich das ja heut nicht vorstellen in die anderen Wohnungen gegangen die noch standen und hat sich raus geholt was man brauchte Bett und Bettzeug und Schrank oder was ja und so hat man sich eingerichtet ja also so haben wir uns auch auf einer gewissen Straße

[2:43:19] nicht weit von der Gemeinde und dann sind alle möglichen Juden man möglichst immer nur zusammen sein ja in dieses Haus was noch stand in andere   nur zusammen sein nur nicht alleine sein   d- Deutsche waren nicht mehr SS war nicht mehr da aber Russen und Polen

[2:43:35] waren nicht äh auch kein Zuckerlecken   denn wir haben ja alle Deutsch gesprochen was kann ich ihnen erklären dass ich jüdisch bin oder halb-jüdisch bin das das das   das gabs doch für die nicht ja selbst für die polnischen Juden die sich dann langsam

[2:43:51] aus den Lägern auch äh in die Gemeinde setzten so   für für die polnischen Juden waren wir Deutsche   weil wir Deutsch gesprochen haben Jiddisch konnt ich nicht   und Polnisch konnten wir nicht   und u- überhaupt wir waren Mischehen das verstanden die nicht

[2:44:09] in Polen gabs kaum Mischehen   gabs nicht   also das das haben die überhaupt nicht verstanden was sind Mischehen ist das also wir waren Deutsche ja war ein Grund die Helga Hirsch   Helga Hirsch die ist morgen auch dort   bei dem Treffen   die hat ein die hat es

[2:44:26] mir geschickt weil sie hat mich auch interviewt in Israel die hat mir das hat jetzt ein Buch das müsst ihr lesen das ist großartig gro- über diese Zeit großartig das heißt äh   äh   »Hierbleiben oder Wegfahren« so ähnlich heißt es jetzt ganz neu raus

[2:44:43] gekommen großartig über diese Zeit die letzte Zeit und über das Problem der polnischen Juden deutschen Juden und überhaupt äh die Leute die aus dem Lager zurück kamen die übrig geblieben sind   das äh das ist ist sehr wichtig zu lesen also wichtig äh

[2:45:05] sehr interessant jedenfalls zu lesen a- das nebenbei   also so hat man sich möglichst in ein Haus weil ah die Grabowskis wohnen und da hat man sich noch Wohnungen gesucht in demselben Haus und man sich so dass man möglichst so zusammen war und der Vater ist

[2:45:13] auf die Gemeinde gegangen und hat die Gemeinde zurück bekommen dieses Gebäude ja und hat dort angefangen Listen und ich hab auch dort gearbeitet Listen zusammen zu stellen wer ist zurück gekommen wer sucht wen wohin gehst du wo kann man dich finden wenn

[2:45:27] jemand von der Familie kommt also irgendwie bisschen Ordnung reinbringen und eines Tages steh ich dort vor der Gemeinde will nach Hause gehen kommt der der Erich an der Bruder von der Renate von meiner Freundin in der noch in der Sträflingskleidung   und so

[2:45:42] als ob gar nichts sagt er »was machst du denn hier ?« so als ob er gerade gestern von mir weggegangen ist   also das war »hast du was gehört von den Mädels ?« zwei Schwestern hat er sagt er »ich hab nichts gehört noch nichts« sagt er »ich weiß auch

[2:45:53] nichts« aber sagt er   dann war eine Frau dort also Frau Teichmann die war auch eine Mischehe sie hatte ihre Kinder schon vor dem Krieg nach Israel geschickt sie hat alle aufgenommen die nun zurück kamen so wie der Erich alleine ohne Familie jung Jugend hat

[2:46:10] um sich gesammelt so einen richtigen Kibbuz gemacht sie hatte einen christlichen Mann der viel älter war als sie das ist auch eine Geschichte   die hab ich geschrieben in dem in dem Heft   waren eine Mischehe Mann war kein Jude   die Kinder waren schon in Palästina

[2:46:26] aber sie war eine große Zionistin und hat äh   sehr viel unter der Jugend die damals noch da war viel zionistische Propaganda gemacht und so Abende gegeben wo man gesungen hat und von Palästina erz- und so weiter die Gestapo war hinter ihr her   und man hat

[2:46:45] das irgendwie rausbekommen dass man sie   der Mann hat sie der christliche Mann der viel älter war als sie hat sie   wisst ihr was ein Schrebergarten ist sagt man hier auch so ja der die hatten einen Schrebergarten außerhalb der Stadt und äh er hat sie in

[2:47:01] den Schrebergarten gebracht in ihr in das Häuschen   ist jeden Tag mit dem Fahrrad dorthin gefahren hat ihr Essen gebracht   über ein Jahr   und dann   länger wie ein Jahr ja und dann hat man mal eine Leiche eine Frauenleiche in der Oder gefunden und er hat

[2:47:18] geweint ist seine Frau seine Frau mein Vater hat sie beerdigt keiner hat gewusst dass das nicht die Frau Teichmann war dass sie da draußen sitzt im Schrebergarten mein Vater hat sie beerdigt wir waren alle se- wir kannten sie alle von ihren zionistischen

[2:47:32] Liedern und sie war so eine   eine   alle waren wir traurig bis heute seh ich ihr Grab ist ein Urnengrab   [lacht] und mein Vater hat sie beerdigt und ihr Mann ist hingegangen jeden Tag ist er bei Eiswetter und Schnee und Regen rausgefahren in den Schrebergarten

[2:47:52] und hat ihr sie konnte kein Feuer machen nicht dass man den Rauch nicht sah oder so sie hat über ein Jahr gesessen im Schrebergarten die Gestapo kam sie suchen sagt er »meine Frau ist verschwunden ich hab keine Ahnung« also diese Frau hat überlebt diese

[2:48:05] Frau Teichmann   ist auch nach Israel gekommen und hat bei ihren Töchtern im Kibbuz noch lange gelebt und die hat nach dem Krieg in Breslau ein Kibbuz ge- gebildet sozusagen   die hat jeden so wie den Bruder meiner Freundin so kam eine Ungarin mit einem Bein

[2:48:21] die war auf eine Mine getreten als sie aus dem Lager weggegangen ist hatte nur ein Bein war im Krankenhaus lange hatte nur ein Bein sie hat diese ganzen Ungarn keine Familie keine Hei- sie hat alle um sich gesammelt sie hatte da so an die zehn einsame   Leute

[2:48:38] mit all denen   ist sie dann am Ende 45 oder Anfang 46 schon mit all denen ist sie   [lacht] in nach Westdeutschland gekommen mit dem Autobus und in Westdeutschland ist mit denen gabs dann so UNRRA-Lager und so und dann kamen von Israel kamen Leute und so wie

[2:48:59] wir dann auch nach nach Palästina ist mit all diesen einzelnen Leute nach Palästina gekommen   zum Teil legal zum Teil illegal eine und ist zu ihren Kindern in Kibbuz gegangen zu ihren Töchtern im Kibbuz ja ich wir haben sie dort besucht meine Mutter wir

[2:49:15] waren als sie in Israel waren zu bei uns zu Besuch haben wir sie öfter besucht dort die Frau Teichmann   das war nur nebenbei

Teresa Schäfer

[2:49:21] [gleichzeitig:] und ihr Mann ist mit-

Karla Wolff

[2:49:24] wie ?

Teresa Schäfer

[2:49:27] der Mann ist mitgekommen ?

Karla Wolff

[2:49:29] der Mann ist mitgekommen ja   war zwanzig Jahr älter als sie ja der war noch Tischler oben im Kibbuz der der Papa Teichmann der war berühmt der hat alles gerichtet und alles repariert was zu reparieren war ja es gab so Typen   als- so hat man sich -ne Wohnung

[2:49:39] eingeräumt ein- ein- aber keiner wollte dort bleiben   es war russische Besatzung es war polnische ähm   polnische   Zivilbesatzung sozusagen Zivil- äh   und dann kamen auch langsam die polnischen Juden und setzten sich in die Gemeinde es war Polen war Polen

[2:50:02] sie machten sich dort zuhause ist ja au- richtig es war nicht mehr Deutsch- man wusste dass das nicht mehr Deutschland sein wird  

[2:50:09] und dann hat man Autobusse organisiert und äh   in Erfurt nachgefragt und die konnten so und so viele hundert Leute aufnehmen

[2:50:18] und wir sind auch im September 45 aus Breslau in so einem Autobus nach Erfurt gekommen   meine Eltern haben gleich gesagt äh »wir gehen nach Amerika«   die Mutter hatte schon vorher noch noch   hm sie hat   sie hat se- sie hatten beide sehr gute Freunde in

[2:50:41] Amerika   der Mann hatte eine Matzefabrik noch Jugendfreunde meiner Mutter   und die haben sie auch angefordert und hatten auch angefangen Papiere zu schicken noch äh vo- vor Ende des Krieges vor Anfang des Krieges sogar noch ähm   aber es ist daraus nichts

[2:50:59] mehr geworden man hat das auch in die Länge gezogen der Vater hatte keine Lust »ich bin doch Deutscher ich ich bin bin doch Deutscher« ähm   [zum Interviewer:] kürzer machen ?   ich soll es kürzer machen ?

Daniel Baranowski

[2:51:12] nein nein erzählen Sie ruhig   sollen wir -ne Pause machen ?

Karla Wolff

[2:51:16] nein ich frage nur ob   kürzer machen

Daniel Baranowski

[2:51:18] nein

Karla Wolff

[2:51:25] i- manchmal kommt man so von eins ins andere [lacht]

Daniel Baranowski

[2:51:27] ist gut

Karla Wolff

[2:51:30] [lacht] das hab ich von meiner Mutter geerbt [lacht]   ähm   und die Eltern haben beide gesagt »wir gehen nach Amerika«   der Vater der ein Deutscher war aber er hat gesehen dass Deutschland war so   aus dass das keine Möglichkeit er war Kantor er hatte

[2:51:45] endlich Kantor studiert und das war sein es war sein Beruf es war sein Herzensberuf aber er hat gesehen Juden jüdische Gemeinden damals 45 Ende 45 selbst 46 das gabs damals n-   ich weiß nicht woher das kam aber v- ich weiß wirklich nicht woher das kam für

[2:52:04] mich stand es fest »ich geh nach Palästina«   ich kann nirgendswo leben als nur mit Juden   ich kann nur in Palästina leben   nicht in Amerika sowieso nicht in Deutschland gar nicht zu reden   ich geh nach Palästina   sie haben geglaubt ja sicher   und   beseder  

[2:52:27] sie haben nicht geglaubt gut   da haben sie hab ich erfahren dass von dieser Suse Gattel die mit mir im Krankenhaus gearbeitet die auf den letzten Transport gegangen ist die auch ein Mischling war und leider nicht zurück gekommen ist   die ist vor Bergen-Belsen

[2:52:43] erschossen worden haben wir später erfahren   sie hatte einen Bräutigam der war in Auschwitz   der hat überlebt   und irgendwie hab ich erfahren dass der Artur   Artur Posnansky hat nicht weit von Fulda   ein Kibbuz gegründet   und sammelt   Rückkehrer aus Russland

[2:53:06] aus den Lägern aus woher sie kommen Leute ohne Familie Juden junge junge Juden ohne Familie die nach Palästina wollen die   die Familie wollen   er war schon vorher ein Zionist vor dem Krieg   ähm   sitzt dort in Gehringshof bei Fulda   also wir waren inzwischen

[2:53:31] von Breslau nach Erfurt gekommen wir waren dort -n halbes Jahr mit Klaus zusammen auch seine Familie waren   m-   mit Klaus Aufrichtig die waren auch dort mein Vater war dort Kantor hat dort ge-   Gottesdienste abgehalten ich bin bisschen auf die bisschen Englisch

[2:53:49] gelernt bisschen so gelernt bisschen singen gelernt weil ich wollte ja immer singen   nach meinem Vater Musik war eine eine große Li-   eine große Liebe von mir und war sehr wichtig für mich und ich wollte sehr gerne   singen lernen

Teresa Schäfer

[2:54:07] wie haben Sie dort gelebt in Erfurt ?

Karla Wolff

[2:54:09] in Erfurt hat man uns dort eine Wohnung zugeteilt mein Vater war Kantor   ich geldlich weiß ich weiß ich be'emet nicht wie man w- ich weiß wirklich nicht ob wir da etwas bekommen haben als Flüchtlinge möglich ich weiß nicht wie man also gelebt hat er

[2:54:28] hat vielleicht etwas verdient als Kantor das kann nicht kann nicht genu- das weiß ich nicht das   [lacht] und ich hab ich hab erfahren von Artur dass der Artur gelebt hat ich kannte ihn ja nicht nur vom Erzählen und hab an ihn geschrieben und er hat mir geantwortet

[2:54:45] »komm zu uns nach Gehringshof« Gehringshof das war bei Fulda   das war ein   ein Hof   der früher vor dem Krieg in jüdischen Händen war eine Hachschara wie man das nannte ein Vorbereitungslager für Palästina vor dem Krieg schon   und äh das man natürlich

[2:55:04] dann weggenommen hat   und ihm nach dem Krieg aber d- den jüdischen G- den jüdischen Gemeinden wieder zurück gegeben hat und das wurde wieder ein ein Sammelplatz eine Hachschara ein Sammelplatz für alleinstehende junge Leute die nach Palästina wollten  

[2:55:20] äh oder die ein- erstmal eine Hei- ein Heim wollten und und irgendwo ein Zuhause wollten   mit dem Gedanken natürlich dann doch nach Palästina zu gehen   wie ich dort g- wie ich dann hinkam damals in die haben sie mir gezeigt wie die die ersten dorthin kamen

[2:55:41] haben sie in einer Scheune gefunden eine Schrift   »wir sind die letzten sie kommen uns holen« und mit einem Datum von 1944 das Datum weiß ich nicht mehr also bis 1944 waren dort Juden die sich noch auf Palästina vorbereitet haben bis dann die die Gestapo

[2:56:01] oder wer das war die die geholt haben haben sie noch schnell die Nachricht in der Scheune hinterlassen »sie kommen uns holen wir sind die letzten«   also ich hab den Eltern gesagt ich geh nach Palästina »ja ja sicher natürlich« sie haben das nicht geglaubt

[2:56:20] ja »lass das Kind« so die Eltern »lass das Kind nach Gehringshof gehen sie hat keine Jugend gehabt sie hat nur so sch- viel durchgemacht soll sie mit der Jugend ein bisschen zusammen sein bis wir uns so gesettled haben bis wir die Papiere nach Amerika haben

[2:56:32] oder so weiter«   der Vater hat eine Anstellung bekommen als Kantor in Karlsruhe   und die sind dort von F- wir waren erst in Fulda von Erfurt sind wir in die amerikanische Zone gezogen   Erfurt war ja russische Zone noch dann wie die amerikanische Zone sich

[2:56:47] geöffnet hat sind wir auch eine Reise mit der Eisenbahn mit äh   schrecklich mit den Paketen äh mit den riesen äh   Federbetten die man da irgendwo von irgendwo aufgegabelt hatten äh nach Erfurt nach äh   Fulda gezogen das hat sich dann so -ne kleine Gemeinde

[2:57:06] gebildet da hat er auch vorgebetet dann hat er eine richtige normale Anstellung als Lehrer und Kantor bekommen in Karlsruhe und sagte »geh du nach Gehringshof wir gehen Karlsruhe und äh   soll se soll das Kind in soll das bisschen unter Jugend sein soll sie

[2:57:23] bisschen v- bisschen«

Daniel Baranowski

[2:57:25] die Mutter ist mit nach Karlsruhe gegangen ?

Karla Wolff

[2:57:28] wie ? und die Eltern nach Karlsruhe dort waren sie paar Jahre hatte -ne schöne Anstellung als Kantor und als Lehrer und haben -ne Wohnung zugewiesen bekommen und sie haben sehr schön gehabt ich hab sie oft besucht   dort gelebt und er war sehr glücklich

[2:57:39] und er wollte gar nicht nach Amerika er er war gegen Amerika aber die Muttel hatte »raus raus aus Deutschland nach Amerika !« und sie hat alles eingeleitet denn mit dem ihrem Freund Erich Cohn die Papiere und das das dauerte natürlich auch nach dem Kriege

[2:57:53] noch sehr lange   aber ähm   äh das   äh er der Vater hat immer wahrscheinlich geglaubt also das wird sich beruhigen   [lacht] wie sie geglaubt haben ich werde mich beruhigen mit Palästina so denk ich ja   ich kam auf -n Gehringshof   ich hatte nie eine Jugend

[2:58:14] weil ich hatte keine Geschwister ich war immer allein ich hatte Freunde ja natürlich aber nicht keine Geschwister und dann die ganzen Jahre   also für mich hat sich eine Welt geöffnet   mit Jugend Jugend die Furchtbares durchgemacht haben aber Jugend geblieben

[2:58:34] sind   mit singen und tanzen und quatschen und und   Jugend sein die auch gelernt haben erst wieder jung zu sein   mit allem was dazu gehört nur abends wenn wir in den Betten es gab der Gehringshof war wunderschöner Platz   es   ein wunderschöner Platz lag oben

[2:58:55] so ein Haus am am Waldrand bei Hattenhof nicht weit von Fulda   oben am Waldrand war das Haus und dann runter ging es runter so die Wiesen und die die Felder und Kü-   die Ställe der Kuhstall und so weiter hätte euch Bilder mitbringen können na ja   und wir

[2:59:13] wohnten in in Zimmern und so Betten übereinander es war ja alles von der von der UNRRA die UNRRA hat sich damals in Deutschland gekümmert um die Flüchtlinge und um das alles von denen haben wir auch äh   Kleidung bekommen und Essen und und die haben auch

[2:59:30] eingerichtet also Betten Betten übereinander nur abends wenn wir dann im Bett gelegen haben ich   dann hab ich gehört wenn sie angefangen haben die Mädels man hat damals sechs oder acht so in einem Zimmer geschlafen ja   wenn sie angefangen haben so leise

[2:59:46] zu erzählen wo sie waren   manche in Lägern manche aus Russland keine Eltern mehr nichts mehr wenn sie angefangen haben zu weinen und ich lag dort   allein ich hab ja nichts durchgemacht nichts was man vergleichen kann mit ihnen   durchgemacht ja aber nicht

[3:00:04] nicht zu vergleichen ich hab meine Eltern   bin ich hab eine Familie   da ist mir schwer sehr schwer gewesen   aber   am Tag w- waren ei- ich war so glücklich in in dieser   in dieser Gesellschaft in dieser mit dieser Jugend zusammen zu sein wir haben gearbeitet

[3:00:33] auf -n Feldern sicher Kuhstall äh Hühnerstall auf -n Feldern gearbeitet a- h- wir haben uns nicht überarbeitet es gab einen Papa   der war ein älterer der hat auf arischen Papieren gelebt der hat sich ein Pole Jude aus Polen der sich gerettet hat der   am

[3:00:51] durch arische Papiere hat er in Polen gelebt hat sich durchge- und er war er war Landwirt   aber er war judisch jüdisch der Papa leitete der war viel älter als wir der leitete die Landwirtschaft

[3:01:05] und dann gab es so   Madrichim das heißt so ähm Leiter zum

[3:01:11] Teil kamen sie aus Palästina die   war immer einer der aus Palästina kam der uns erstens Iwrit gelehrt hat Hebräisch gelehrt hat Lieder gelehrt hat uns erzählt hat von Palästina und von Kibbuzim was das ist und wie man lebt und so weiter wussten doch nichts  

[3:01:28] und dann auch Leiter die dort sich in äh Deutschland so gebildet hatten die also die ganze Leitung unter sich hatten   aber das ganze war es gab einige solche Plätze wie Gehringshof das ganze war unter einer unter einer Haube also so   von äh von Palästina

[3:01:44] aus ge- geleitet ja   Jugend die man nach Palästina bringen will also übriggebliebene Jugend die die   die man nach Palästina bringen wollte die die wollen natürlich   nach Palästina konnte man nicht einfach so bringen weil die Engländer saßen   und die

[3:02:03] Engländer haben nicht reingelassen nur auf Zertifikat ein Zertifikat konnte man bekommen wenn du schwanger warst oder schon sehr alt warst oder   oder du konntest es einreichen und dann musstest du zwei drei Jahre warten ungefähr dann konntest du auf Zertifikat

[3:02:20] sie haben so und so viele Zertifikate ausgeteilt im Jahr die Engländer weil sie wollten sich das war alles Politik mit den Arabern sie wollten sich das nicht ver- ver- die Araber waren nicht interessiert dass viele jüdische Ein- Ein-   -wohner nicht äh  

[3:02:38] viel Leu- viele Juden einwandern nach Palästina natürlich und die Engländer wollten sich das nicht verderben mit den Arabern also Öl Petroleum das war   und so ist die so genannte Alija Bet entstanden Alija ist   Alija heißt aufwärts gehen und aufwärts

[3:02:59] gehen geht man nach Palästina geht man aufwärts Alija das heißt herauf gehen ja   Alija nennt man im allgemeinen wenn m- wer nach Palästina geht der macht Alija so sagt man in j- in Deutsch   [lacht] Alija Bet   zweite Alija das war die illegale Alija   und

[3:03:18] so dadurch dass die Engländer so lange Zertifikate nur so und so viel ausgeteilt haben hat sich ich sag immer hier aber ich bin ja gar nicht in Palästina   [lacht] hat si-   hat sich in Israel also damals Palästina noch die   äh   eine feste Organisation gebildet

[3:03:44] die die illegale Alija organisiert hat   organisiert das heißt genug Menschen dazu   ähm   genommen hat Gelder gesammelt hat um kleine Schiffe zu kaufen   in Europa kleine   nicht so ganz in Ordnung Schiffe die man ausbessern konnte kleine Schiffe   die die Leute

[3:04:06] geschickt hat nach Europa um um die ganzen Flüchtlinge und die Übriggebliebenen zu sammeln   die meistens ja in den UNRRA-Lägern es gab ja in ganz Deutschland UNRRA-Läger wo nicht nur Juden sondern alle möglichen äh die hat- die Deutschen hatten doch

[3:04:22] vorher die Franzosen verschleppt als Fremdarbeiter hierher die Polen verschleppt nicht Juden   chris- christliche hierher verschleppt nach äh äh zu- zur Arbeit ja ich weiß noch wenn ich ins Krankenhaus gefahren bin   noch im   und ich mus- wir durften nicht

[3:04:39] im Wagen sitzen mit dem Stern wir hatten Ausweise auf der Straßenbahn zu fahren wir durften nur vorne auf -m Perron stehen

Daniel Baranowski

[3:04:46] [gleichzeitig:] in Breslau ?

Karla Wolff

[3:04:48] ich hab mich immer neben den Straßenbahnführer gestellt das waren meistens Polen die hatten ein P   die Franzosen hatten ein F   aber die waren nicht äh   die waren nicht eingesperrt die hatten Läger wo sie wohnten aber sie waren frei denn sie sie mussten

[3:05:03] ja all die all die   Plätze die Arbeitsplätze von den Deutschen äh   ausfüllen die Deutschen waren alle an der Front die waren ja alle eingezogen im Militär   die ganzen Plätze in den Fabriken und überall mussten ja ausgefüllt werden nachon ? die Männer

[3:05:18] waren ja alle eingezogen das waren Franzosen und Polen ähm die hierher gebracht wurden und die in Läger wohnten aber frei herumlaufen konnten nicht ?   ich hab mich immer vorne hingestellt neb- meistens waren es Franzosen und manchmal Polen auch die die Straßenbahnführer  

[3:05:36] hab mich daneben gestellt mit meinem Stern und dann oft »dauert nicht mehr lange hab keine Angst dauert nicht mehr lange« so also das war so eine [lacht] wir waren Verbündete   einmal stand ich auf einem auf -m Perron auch mit meinem   auf -m   mit -m Stern

[3:05:56] und d- die Fahrt ging vorbei zum Krankenhaus da fuhr man vorbei am Schlachthof von Breslau w- lag auch außerhalb aber der der Friedhof war noch weiter   und äh   da standen auch noch Polen die hatten P hier Polen äh und die stiegen dann aus am Schlachthof

[3:06:13] eh sie ausstiegen sag- »mach mal deine Tasche auf Mädchen« machte die Tasche auf jeder warf mir sein Frühstücksbrot rein   was wir für ein   eine Fete hatten   im Krankenhaus die Frühstücksbrote mit der Wurst nicht koscher   [lacht] mein Mann hätte das

[3:06:32] nicht gegessen a-   nicht koscher ein   haben sie uns haben sie mir rein geworfen in die Tasche und wir hatten ein ein großes Frühstück dann   es war irgendwie so eine   aber das war weit zurück also   das wollt ich nur erklären mit der Alija Bet die zweite

[3:06:53] Alija die illegale Alija die wurde von Palästina organisiert   natürlich   die schickten   Menschen nach meistens nach Deutschland aber auch später nach Polen Russland noch Juden sammeln die sie irgendwie nicht wussten wie oder was   und die wurden in Deutschland

[3:07:05] später in Frankreich gesammelt   in solchen Plätzen wie in Gehringshof das war ein Kibbuz ja das war noch was besonderes aber so gab es noch Plätze oder Läger wo gesammelt wurden und dann saß man dort und man arbeitete irgendwo meistens draußen auf -m

[3:07:31] Feld so wie im im Gehringshof und äh b- wurde von der UNRRA beköstigt und und versorgt bis dann von Palästina es war organisiert   [lächelt] man wusste es liegt ein Schiff ein kleines Schiff in dem und dem Hafen in Italien oder in Frankreich   dann bildete

[3:07:52] sich eine Gruppe   mit so und so viel Leute je nach dem wie viel Platz auf diesem Schiff war und die ging illegal meistens über die Alpen mit falschen Papieren durch die Grenzen wurden geschmuggelt so ich erzähl euch dann wie ich gekommen bin also durch die

[3:08:10] Grenzen geschmuggelt und über die Alpen irgendwo nach Italien meistens meistens Italien aber auch Frankreich meistens Italien saßen in irgendeinem Lager dann   einem es gab ja viele DPs nicht nur Juden   es gab ja viele die zurück wollten alle in ihre Länder

[3:08:21] durch den Krieg sind ja viele Leute aus ihren Heimatländern vertrieben worden und saßen irgendwo anders die aber wieder zurück wollten   also es war nicht nur Juden aber es war- in DP-Lägern zusammen   äh und saßen dort bis sie das Zeichen bekamen es war

[3:08:43] un- eine unheimliche Organisation von von äh Menschen die   auch   hin und her fuhren und die ihre ihre Agenten hatten dort überall sitzen und dann sagen wir in dieses Lager in Italien kamen und sagen fertig und dann gings los per F- meistens zu Fuß manchmal

[3:09:05] mit Autos zu dem und dem Hafen und dort lag das Schiff und dann   und so und so viel auf das Boot und dann probierten probierte das Boot zu landen n- nach Palästina zu fahren zu landen meistens wurden sie von den Engländern geschnappt meistens und kamen nach

[3:09:23] Zypern   ja ?   das wisst ihr nicht ?   nach Zypern   heißt das Zypern auf Deutsch ? oder kafrissin sagt man auf Iwrit ja Zypern auf Deutsch und kamen nach Zypern in neue Läger mit neuen Stacheldrähten   bis 48 dann bis die Engländer äh   Palästina verließen  

[3:09:43] das im allgemeinen war Alija Bet also die illegale Alija die illegale Einwanderung   und denn die legale Einwanderung das waren Tropfen die man die legale Papiere bekamen und Tropfen ich weiß nicht wie viele im Monat aber die nach Palästina einwandern konnten

[3:10:04] also ich saß auf dem Gehringshof und war glücklich

Daniel Baranowski

[3:10:06] können wir -ne ganz kurze Pause machen ?

Karla Wolff

[3:10:09] ja [Schnitt] ich aufgehört ?

Daniel Baranowski

[3:10:11] wir waren jetzt Sie hatten gerade über die Alija und die Alija Bet gesprochen

Karla Wolff

[3:10:16] ja die Alija Bet

Daniel Baranowski

[3:10:18] und jetzt ähm wollten Sie erzählen wie Sie selber nach Palästina gekommen sind

Karla Wolff

[3:10:21] ja äh na noch nicht noch nicht als   ja Alija Bet   als die Eltern haben immer noch geglaubt   gut dass das Kind dort im Kibbuz ist sie hat   sie hat äh   Jugend um sich was ich nie hatte sie hat eine schöne Zeit was ich nicht vorher noch nicht gesagt hab natürlich

[3:10:41] nicht nur dass ich jetzt Jugend hatte und Freunde und was ich wirklich wirklich eigentlich mein ganzes Leben nicht hatte weil ich auch als Kind keine große   ich hatte Freundinnen ja   aber es war war nicht so   also wie das heut zum Beispiel mit meinen Kindern

[3:11:02] ist dass meine meine meine Enkeltochter voll mit Freundinnen und so das war nicht so das war anders war -ne andere Zeit aber was vor allen Dingen was ich   natürlich gehörte die erste große Liebe dazu   zu dieser Zeit   eine große Liebe   Chaijimek   aus dem

[3:11:20] Ghetto Radom   ohne Familie geblieben   ein großer blonder Junge der die Pferde unter sich hatte in Gehringshof   und der Papa Papa nannten wir den Alten der die ganze Wirtschaft leitete er war nicht so alt aber für uns war er alt   Papas Liebling war er natürlich  

[3:11:48] war aus Radom   es war eine schöne Zeit wirklich eine schöne Zeit   ich hatte viel Freunde   wir haben gesungen und wir haben getanzt es kam immer einer aus Palästina ein schaliach nennt man das ein ein   der geschickt wird weiß nicht wie man das als Hauptwort

[3:12:15] na- äh nennen kann   ähm der geschickt wird an solche Plätze der lehrte uns Lieder der lehrte uns Tänze   wie man sie h- nicht hier wie man sie in Palästina tanzt und wir haben Nächte durch getanzt und gesungen und waren jung   jung alle alle die in   in

[3:12:36] den Konzentrationslagern waren alle die in Russland waren dort in Sibirien alle die versteckt waren   wir waren jung   wir wurden von der UNRRA verpflegt es war kein Problem von Essen oder von bekamen auch Kleidung was nicht immer so passte aber   ich fuhr

[3:12:58] ab und zu nach Karlsruhe natürlich die Eltern besuchen und erlebte wieder einen Gottesdienst mit dem Vater was auch was ganz besonderes war wie er vorbetete und äh leinte und äh   er glücklich war in seinem Beruf so amtieren zu können   und die Mutter war

[3:13:18] glücklich und die Mutter arbeitete an den Papieren nach Amerika egal was er sagte   und einmal hab ich ihr dann klar-

[3:13:28] »Muttel ich ich komm nicht nach Amerika ich kann nur in Palästina leben« sie hat verstanden es war ihr schwer ein einziges Kind   eine Tochter  

[3:13:38] Palästina Palästina war noch nicht Israel Palästina war auch noch voll Araber auch heute aber ich meine damals war nicht mal ein Staat damals war gar nichts damals waren Überfälle   damals saßen die Engländer sogar noch dort   unheimlich für diese Frau  

[3:14:01] sie hat es durchgeführt bei dem Vater dass er mir den Segen gegeben hat ich wäre nicht gefahren   ohne seinen Segen   er   ich hab ihr das erklärt   ich   ich hab was sollt ich ihr erklären ich wusste ja allein nicht ich wusste nur dass ich nach Palästina

[3:14:26] w- ich wusste nicht warum ich konnte nicht erklären   dass äh w- warum nicht Amerika Amerika lo ich ich ich konn- ich wusste nicht dass ich nicht mehr unter fremden Menschen leben kann   unter fremden Menschen alle sind fremd aber dass ich unter unter   ich

[3:14:43] meine Nichtjuden le- nicht mehr l- ich ich will nicht mehr auch auch Juden sind schlechte Menschen wir haben genug an ihnen in Israel fehlt uns nicht aber nicht das ist es aber ich kann nur unter Juden leben   wie kann man wie kann ich ihr das erklären wie

[3:15:02] kann sie das fassen wie kann man das fassen   aber sie hat verstanden   und sie hat den Vater bearbeitet   dann plötzlich das ging immer sehr plötzlich mit der illegalen Alija plötzlich kam Nachricht so und so viel Menschen ich weiß nicht mehr wie viel Menschen

[3:15:23] in einer Woche   nach Italien so und so mit diesem und diesem Weg sofort wurde die Gruppe zusammengestellt von im Gehringshof waren ja viele aber nicht die die die sie die ersten waren oder die die am am dran- am dransten waren wenn man so sagen darf also ich

[3:15:42] weiß nicht nach welchen Richtlinien das ging aber so   und ich hab ich ich kann noch ich kann noch nicht fahren Chaijimek war natürlich dran war mit   und die ganzen alten die   ich dort   meine Freunde waren mit denen ich zusammen war viele viel schon längere

[3:16:01] Zeit schon sicher ein Jahr nehm ich an ich bin auf -n Gehringshof gekommen ich denke das war äh   46 oder Ende 45   ich weiß nicht mehr genau will ich nicht sagen also auf jeden Fall mit denen den ich befreundet war ich ich kann nicht ich ich kann nicht war

[3:16:19] bei den Eltern bin zu den Eltern gefahren Vater sagt »lo nicht   warte du kannst nach Palästina gehen warte auf ein Zertifikat das heißt geh auf auf gutem Wege   auf normalem Wege« sag ich »ich will mit meiner mit meinen Freunden gehen   ich will nicht wieder

[3:16:35] zurück bleiben ich musste zurück bleiben wie alle nach Polen geschickt wurden« inzwischen wussten wir dass alle umgebracht worden sind wir wussten noch keine Einzelheiten aber wir wussten was dort gewesen ist wir wussten was dort geschehen war   was wir

[3:16:50] nicht wussten als die Transporte gingen   ich musste zurück bleiben   ich ich musste da du bleibst ja hier in den Briefen die ich euch gestern gegeben hab zum äh   in in dem Brief von meiner Freundin wo sie alle du bleibst ja hier heb mir das Buch auf bis ich

[3:17:07] wieder komme heb mir die Brosche auf du bleibst ja hier du bleibst ja hier das war die der Fluch den ich hatte   so hab ich das empfunden ich will nicht wieder »du bleibst hier« ich will nicht wieder da bleiben ich will mit den Freunden gehen ich will mit

[3:17:28] allen gehen ich will wie alle sein   die Mutter hat verstanden aber   aber ich wär nicht gegangen wenn der Vater nicht seinen   Segen gegeben hätte da bin ich zurück geblieben   Chaijimek ist gegangen mit der ganzen Gruppe   sie sind nach Italien über die

[3:17:45] Alpen gegangen illegal über die Grenzen   sie haben in Italien gesessen in einem Lager (Acquasanta) hieß das La- ich weiß nicht wo in welcher Nähe das war haben mir geschrieben ich hab zu Hause alle Briefe äh Karten meistens Karten und auch Briefe   Chaijimek

[3:18:03] konnte ja nicht Deutsch also er hat mir so in Jiddisch aber mit deutschen Buchstaben oder so also so kaputtes Deutsch sozusagen geschrieben   »wart auf dich« und   und sie saßen dort in dem Lager lange bis sich   bis sich ein äh   Schiff äh   bis sie eine

[3:18:24] Gelegenheit hatten ein kleines Schiff in einem der Hafen war und äh   und sie das Schiff besteigen konnten und   kurz vor Palästina wurden sie eingezingelt von englischen Schiffen   und die Engländer haben das Schiff   gefasst sind aufgestiegen auf das Schiff

[3:18:45] und nach Zypern verschleppt   und da saßen sie wieder hinter Stacheldraht   so wie viele tausende andere   und ich saß in Gehringshof   und wir wussten wir haben erfahren d- sie konnten nicht schreiben von dort aber wir haben erfahren dass sie nicht angekommen

[3:19:09] sind d-   inzwischen kam eine neue Gruppe aufn Gehringshof das waren meistens nicht meistens nicht aus äh Konzentrationslägern das waren schon   junge Juden die die mit ihren Eltern noch wie die Deutschen nach Polen eingefallen sind 39 noch die Möglichkeit

[3:19:27] hatten sich nach Russland zu retten   [macht Anführungszeichen] also die nach Russland geflohen sind und dann dort auch in in in Sibir oder irgendwo gesessen haben mit schwerer Arbeit und meistens die Eltern auch meistens umgekommen sind oder   verhungert oder

[3:19:43] von Arbeit oder so jedenfalls nicht mehr am Leben geblieben sind und die Kinder   dann den Weg äh   langsam nach nachdem alles zu Ende war langsam sich durchgeschlagen haben durch Russland und Polen und nach Deutschland gekommen sind in diese Läger und irgendwie

[3:19:59] dann   auch in die in in solche Kibbuzim zu kommen um nach nur nach Palästina alles alles zurück zu lassen nur nach Palästina zu gehen   ähm   also es war eine neue Gruppe mit die auch mit denen ich auch sehr gut befreundet war und so weiter   inzwischen  

[3:20:18] hat die Mutter die Papiere bestätigt bekommen irgendwie also die Ausreise war bestätigt und die die hatte sehr gute Freunde in Amerika   die das Affidavit geschickt haben also die Bestätigung dass für sie gesorgt ist das musste ja jeder vorzeigen können

[3:20:37] dass für sie gesorgt wird wenn sie in Amerika ankommen ja ?   und äh   dass sie dem Staat nicht zur Last fallen und ähm es war sozusagen alles äh schon in Ordnung dass sie warteten auch noch auf irgendetwas und der Vater wollte ja nicht er wollte nicht nach

[3:20:55] Amerika aber er der Mutter zuliebe sie sagt sie bleibt nicht in Deutschland sie bleibt nicht in Deutschland

Daniel Baranowski

[3:21:01] und für den Vater kam -s auch überhaupt nicht in Frage

Karla Wolff

[3:21:04] wie bitte ?

Daniel Baranowski

[3:21:07] für den Vater kam -s auch überhaupt nicht in Frage nach Palästina zu gehen ?

Karla Wolff

[3:21:10] Palästina überhaupt nicht nein

Daniel Baranowski

[3:21:12] stand nie zur Debatte

Karla Wolff

[3:21:15] aber wo nein nein gar nicht   wie sie einmal auf Besuch waren noch viel später ja später wie wir schon verheiratet waren dann ich weiß noch wir sind hinter ihnen gegangen auf -m Haifa waren wir auf dem Carmel oben und so   sie sind vor gegangen und hinter

[3:21:25] hab ich nur gehört wie er zu ihr sagt »ha   alles ist hier so östlich«   [lacht] das war so typisch für ihn   [lacht] gar nicht aufm Carmel Haifa ist es wirklich nicht östlich wirklich nicht das ist eher deutsch   nein das kam überhaupt nicht in Frage  

[3:21:47] frommer Jude aber das   bis dahin   also   ähm   dann kam eben dann kam auch die Nachricht nach -m Gehringshof dass äh es die Möglichkeit in Kürze besteht den die Möglichkeit eine neue Gruppe äh   auf äh illegal zu schicken also ich bin nach äh Karlsruhe

[3:22:13] gefahren und   hab gesagt es geht irgendwann in Kürze ich will fahren ich ich will nach Palästina fahren ich komm mit euch nicht mit   sie hatte ja auch schon ihre Papiere meine schon nicht eingereicht und also die Mutter war wusste ja w-   also der Vater hat

[3:22:31] natürlich auch ähm   seine Zustimmung gegeben also ich war dann noch und wie es dann dazu wirklich kam dass es äh -ne Woche vorher oder so hat man gesagt also in einer Woche geht es los zehn Kilo packen Rucksack packen das und das und das   an dem und dem

[3:22:49] Tag äh fahren wir weg dann bin ich noch nach Karlsruhe gefahren   mir den Segen holen von meinen Eltern wie hab ich das gemacht ?   wie hab ich das gemacht ?   wie hab ich das machen können ?   heute   als Mutter oder als erwachsene Frau   oder als   wie hab ich

[3:23:17] wie hab ich die beiden so allein lassen können ?   i- man musste ganz früh mit dem Zug zurück fahren sie haben mich begleitet zum zum Bahnhof   keiner war auf dem Perron ich guck aus dem Fenster so zwei kleine Gestalten winken mir   langsam verschwinden sie

[3:23:40] wie hab ich das machen können   ein Kind   aber so war es so so sind die Kinder   jeder will sein eigenes Leben leben jeder aber   es hat mich viel gequält in in den Jahren dass ich so gemacht hab  

[3:24:09] gut bin zurück nach Gehringshof und   nach einer Woche

[3:24:15] sind wir los   Lastautos zur belgischen Grenze mit Papieren keiner hat die Papiere bekommen in die Hand das war einer der alles in der Hand hatte die Lastautos waren natürlich ver- äh   mit so   wie nennt man das mit den äh Zeltbahnen oder so was alles war

[3:24:36] zugemacht zur belgischen Grenze Papiere einer war aus Griechenland einer war von dort   alles gefälscht natürlich äh   nicht angenommen zurückgeschickt   zurück   zurück nach Gehringshof noch ein zwei drei Tage ich weiß nicht mehr wie viel genau   noch einmal

[3:24:55] weg zur französischen Grenze über die Grenze   nach Marseille   auch angekommen in das äh Grand Arénas hieß das Lager bei Marseille Grand Arénas   in Baracken Lager   neben einem Lager von deutschen Kriegsgefangenen   ja äh   [gestikuliert] ähm   und da saßen

[3:25:26] wir einen Monat   durften nicht raus auf die Straße natürlich wir haben Iwrit gelernt Hebräisch gelernt   man hat probiert sich zu äh   man bekam Essen von dem Lager aus das war alles organisiert von der Alija Bet von der illegalen   es war eine unheimliche

[3:25:45] Organisation in Europa   hier nicht hier in Israel [lacht] in Europa und überall in diesen verschiedenen Punkten eine unheimliche Organisation   überall waren Leute die sich gekümmert haben die kamen und sich gekümmert haben jemand krank jemand war jemand

[3:26:04] muss ins Krankenhaus oder was brauchte einen Arzt oder so   Essen hatten und so weiter alles war organisiert und dort saßen wir einen Monat dann wurden wir überführt nach Bandol Bandol ist an der   nicht weit von der R- französischen Riviera   ein wunderschöner

[3:26:21] Platz das war mal eine Villa von einem von jemandem mit einem großen Terrain   und wo es auch so kleinere Häuser gab das waren so Pflanzenhäuser oder so was mal früher also wo man überall untergebracht war auch in äh so Pflanzenhäusern oder so   wo viele

[3:26:38] nicht nur wir sondern viele Juden aus anderen an- allen möglichen anderen Län- äh Lägern   waren sich gesamm- das war so ein Auf- Auffanglager bis das war nicht weit vom Meer es war an an der   wo man eben auf di- auf -n Schiff wartete und dort haben wir

[3:26:58] auch -n Monat gesessen und wir waren organisiert also der Kibbuz von Gehringshof wir waren ja ein Kibbuz   jedes Mädchen hatte zwei Jungs zu besorgen das heißt für Wäsche zu besorgen das heißt wenn schmutzige Wäsche war musste man die Jungs haben Feuer

[3:27:14] gemacht   das konnte man dort weil es freier Platz war vorher konnte man nicht in den Grand Arénas war ein Lager mit äh unter   ähm   in äh Baracken da konnte man es nicht aber dort war freier Platz war so -n großer Garten -ne Villa mit so -m großen Garten

[3:27:30] die Jungs haben Feuer gemacht und wir haben dort n- so große Kübel irgendwo gefunden heißes Wasser   und jeder hatte jedes Mädchen hatte so drei oder vier Jungs zu betreuen   wurden die schmutzige Wäsche wurde dort gekocht gewaschen gemacht   und ähm   die

[3:27:48] eigene natürlich auch   und natürlich an und dann wurde sie aufgehängt und an diesem Tag natürlich wo wir Wäsche gemacht haben war früh Appell   und dann wurde uns gesagt »heute Abend«   ihr   also unsere Gruppe von Gehringshof und noch eine andere Gruppe

[3:28:07] von marokkanischen Juden die auch dort in diesem Lager lebten   fünfzig ameri- marokkanische Juden aus Marokko »heute Abend geht -s los« und die Jungs haben geschrien »heute macht ihr Wäsche alles nasse Wäsche die müssen wir jetzt in die Rucksäcke packen  

[3:28:23] die nasse Wäsche und das ist schwer« [lacht] gut das war so nebenbei am Abend ging es los   zu Fuß durch die Wälder   äh einer nach -m anderen   äh man hat schon dann von weitem das Meer sehen können   plötzlich kam ein Befehl »niederlegen !« niederlegen

[3:28:51] war   wir ging an einer Eisenbahnst- an Eisenbahnschienen vorbei kam ein Eisenbahnzug vorbei gefahren wie wie so im gibt so äh   Eisenbahnzug hell erleuchtet innen   alle sitzen im dining room   alle elegante Frauen alle essen da erleuchtet unterhalten sich und

[3:29:12] wir liegen da im Dreck mit dem Rucksack zehn Kilo aufm Rücken   wie so   [lacht] also das ging vorbei dann konnten wir weitergehen   es ging an die zwei Stunden ungefähr zwei drei Stunden bis zu einer Stelle   man konnt das Meer schon sehen   wir konnten dann

[3:29:30] ging es steil runter   aber überall standen Israelis   haben das   die standen und halfen uns runter zur Böschung und dann konnten wir schon draußen weit draußen die Lichter von dem Schiff sehen   es gab ein Gummiboot   wurde ein Seil gespannt vom Ufer bis

[3:29:49] zu dem Schiff   und dann gings immer so sechs sieben acht höchstens in das Gummiboot mit dem Paket mit dem Rucksack aufgepackt   und dann musste man sich an dem Seil langziehen   nach fünf Minuten hatte man schon äh   aufgewundene Hände das Wasser ging bis

[3:30:10] zum Bauch weil das Gummiboot natürlich war voll Wasser sofort   bis zu dem Boot das lag weit draußen   und dann rauf und sofort runter in den äh in den Raum in den Laderaum da waren Pritschen   und dann hieß es also »jeder sucht euch einen Platz und legt

[3:30:30] euch lang und die Rucksäcke wenn man kann unten wenn Platz ist wenn nicht legt den Kopf drauf oder   arrangiert euch«   also bis das   f- Schiff voll war   und dann äh ging es los   wir durften noch nicht raus   auch den nächsten Tag nicht sie wollten erst sehen

[3:30:53] ob sich was sich tut ob jetzt Flugzeuge sind oder was ringsherum ist   dann so den übernächsten Tag durfte man auf die Toilette eine Toilette oben auf -m Deck   natürlich waren schon viele seekrank ich will darüber nicht weiter reden ihr könnt euch das

[3:31:09] alleine vorstellen   [lacht] was sich da so unten in der Schiffsladung getan hat   es waren auch Alte es waren auch schwangere Frauen es waren auch ältere Leute von Marokko vor allen Dingen denn wir waren an die fünfzig unsere Gruppe

Daniel Baranowski

[3:31:22] wie viel waren insgesamt

Karla Wolff

[3:31:25] alles im ganzen waren wir 200 mit etwas   klein klein es war ein kleines Schiff   also die ersten zwei Tage so was äh konnten wir noch äh   immer beinahe einzeln auf die Toilette rauf äh lo am Anfang sogar noch konnten auch immer noch einige hinten war so

[3:31:48] mit Säcken beladen als ob es so ein Frachtschiff ist mit Säcken konnte man so paar hinten auf -m Sack sitzen und sich   Luft schnappen und so weiter oder   aber n- immer nicht zu viele dann mussten die runter und dann konnten andere zehn oder 15 rauf nicht

[3:32:05] mehr nicht si- viel im ganzen war die Besatzung waren sechs oder acht Leute   bis wir durch am durch die   Messina fuhren   da war ein schlimmer Sturm   schwerer Sturm   da waren wir alle unten und es war ja   war schwer und alle waren seekrank ich auch ich war

[3:32:26] die Schwester von allen ich war die Krankenschwester sozusagen   ich war keine Krankenschwester aber auf -m Gehringshof noch das ha- hab ich vergessen zu erzählen hab ich einen Kurs mitgemacht von a- von UNRRA   UNRRA das war die   die haben in Fulda in der

[3:32:41] Stadt das war nicht weit von Gehringshof es war nicht weit von Fulda haben ein Kurs für für alle   ähm DPs ja   alle Displaced Persons ein Kurs abgegeben für Erste Hilfe sozusagen und ich wollte ja immer Schwester lernen und da haben sie mich geschickt und

[3:32:57] da war ich in Fulda ich weiß nicht mehr wie lange das war vielleicht zwei Wochen haben wir so Erste Hilfe gelernt w-   [lacht] also dann wie wir dann auf Alija gingen d- ich war dann die Schwester ich war die Schwester ich hatte d-   den Sack mit der Ersten

[3:33:10] Hilfe ja keine Ahnung ich war mehr seekrank wie alle zusammen   [lacht] konnte sowieso keine Hilfestellung geben also es ist alles vorbei gegangen dann aber dann äh konnte man auch nicht mehr rauf denn die ersten Flugzeuge interessierten sich für das Schiff  

[3:33:27] wussten nicht was ist das ist das ein   haben die Cargo haben die wirklich was zu laden oder   wer ist da und die verließen uns auch nicht so schnell die Schiffe   wir legten mal an der türkischen türkischen   äh sa- äh wie sagt man das an der türkischen

[3:33:45] Seite an   nur die keinen Hafen nur mal so gelegt als ob man irgendwas abladet oder so die Matrosen waren ähm   die Matrosen waren Griechen zum großen Teil waren s-   waren nicht viel waren sechs vielleicht sechs oder acht Matrosen mit Käptn zusammen war nicht

[3:34:03] viel waren Griechen   also man legte mal an an der türkischen b-   nicht in einem Hafen aber so an an der   um   als ob man etwas abladet oder so es war natürlich von von Palästina war einer auf -m Schiff zwei auf -m Schiff die die ganze Sache   auch leiteten

[3:34:22] und die die Verbindung hatten mit Funkverbindung mit Palästina hatten ja die ganze Zeit   und die auch   die a- die Befehle bekamen jetzt ja fahren nicht fahren wie sieht es aus und so weiter wie sieht es dort aus   aber es ging also langsam weiter wir hatten

[3:34:39] Verpflegung die amerikanischen   äh Konserven   Fleischkonserven   zu Anfang gab es noch Brote aber das ging nach ein paar Tagen zu Ende gab also nur Fleischkonserven Fleisch so äh wie so wie hieß das immer b- nicht beef steaks so äh dieses rosa Fleisch gabs

[3:34:58] so früh nach dem Krieg gabs das in Konserven

Daniel Baranowski

[3:35:03] [gleichzeitig:] corned beef

Karla Wolff

[3:35:06] wie ?

Daniel Baranowski

[3:35:08] corned beef

Karla Wolff

[3:35:11] eich ?

Daniel Baranowski

[3:35:13] corned beef oder ?

Karla Wolff

[3:35:15] corned beef ja so was vielleicht corned beef ja   und dann gab -s die Kompottdosen   Ananas Pfirsich so gut und das war mit Saft das hat man getrunken   denn nach einer Woche so was gab -s schon kein Wasser mehr kein Trinkwasser mehr   und das hat man getrunken

[3:35:24] und das war süß und je mehr man getrunken hat je durstiger wurde man natürlich   das war ein große   also am Ende es   wir waren schon eine Woche unterwegs   und ähm   es gab nichts mehr zu trinken es gab auch Brot schon lange nicht mehr es gab auch schon

[3:35:43] kein corned beef mehr und auch keine Ananas mehr zu essen oder so äh es war schwer   viele viele waren krank   ähm   die Schwester konnte nicht viel helfen   [zeigt auf sich; lacht] der ging es selber nicht so gut   äh man durfte rauf ab und zu so einmal am

[3:36:03] Tag oder zwei Mal am Tag höchstens mal so auf die Toilette gehen so aber so Luft schnappen oder so   dann   sagte man sagte der der Israeli der da war ja also der der   der Leiter von der ganzen waren zwei   sagte also wir sind schon in der Nähe wir sind schon

[3:36:24] in den Gewässern sozusagen in der Nähe von   von dem Land aber Flugzeuge flogen die ganze Zeit um uns herum oder ab und zu nicht die ganze Zeit aber ab und zu kamen   äh   Beobachtung gucken aber die sahen wirklich immer nur die Matrosen an Bord   also wir  

[3:36:45] wir werden wir werden vielleicht heute Nacht landen plötzlich   plötzlich kam er noch mal runter in diese furchtbare Grube dort und sagte »habe eben eine Nachricht bekommen vom Land   wir können nicht landen   ähm   ähm die Engländer haben« es war noch

[3:37:04] ein Schiff unterwegs die Kedma hieß die wir hießen Alija   Alija ist hab ich euch schon gesagt Aufgang ja   wir unser Schiff hieß Alija »die Kedma« ein viel größeres Schiff mit viel mehr »die Kedma ist schon umzingelt von englischen Booten«   die waren

[3:37:22] nicht weit von uns ähm   nein slich- Entschuldigung nicht wahr »die Kedma liegt nicht weit von euch« die haben ja genau gesagt wo und wo »ihr müsst zu der Kedma ihr könnt nicht ans Land es ist alles schwer besetzt der ganze Norden« wo wir landen sollten

[3:37:38] äh schw- be- ähm äh   »ihr s- ihr nehmt äh Steuer auf die Kedma und über- übergehen weil die Kedma wird sowieso geschnappt« war ein viel größeres Boot die hatte ein paar hundert Leute an Bord wir waren im ganzen 150 oder wie viele   »ihr geht zu der

[3:37:56] Kedma und übersteigen ihr müsst übersteigen im Meer übersteigen weil die wird die wird so- die ist schon gesichtigt von oben die« die wollten das Schiff retten ein Schiff zu bekommen das kostete viel Geld der Hagana

Daniel Baranowski

[3:38:10] [gleichzeitig:] ach so mhm

Karla Wolff

[3:38:12] Hagana war die   wisst ihr was Hagana war   die Hagana war die   Hagana heißt eigentlich äh ähm   Hagana übersetzt ist äh ähm   Verteidigung aber die Hagana das war ein große   äh wie sagt man das   eine Organisation die diese ganze illegale Einwanderung

[3:38:34] leitete   Hagana w- das war auch illegales Militär damals schon in Palästina jüdisches Militär war kein Militär offiziell durf- war ja englische Besatzung aber illegal war die Hagana war alles illegal die die illegale Einwanderung leitete die illegal schon

[3:38:52] Menschen äh ausbildeten für ein eventuelles Militär mal wenn die Engländer raus gehen oder die Engländer raus um die Engländer raus zu schmeißen um die arabischen Überfälle zu   zu ähm   z- s- sich sich dagegen zu wehren Hagana war ein ein eine ungeheime

[3:39:14] Organisation die auch diese Schiffe aufkaufte die d-   also   von der Hagana ist gesagt ihr müsst übersteigen auf die Kedma w- ihr könnt nicht landen nicht heut und nicht morgen des ist alles voll äh bewacht von den Engländern   und da begann eine Meuterei

[3:39:36] auf dem Schiff da gab es fünfzig   ungefähr fünfzig marokkanische Juden und das sind heißblütige Juden   heißblütig Marokkaner Afrika   und die haben und alles unten in dem Raum bitte alles in dieser Schiffsladung mit 150 Leuten die alle auf Pritschen

[3:39:57] liegen oder nur so rumstehen können   da gab es eine Meuterei die haben den den Israeli da genommen der die verantwortlich war für alles und wollten den ich weiß nicht was   sie sagen sie werden die Matrosen ins ja ins Wasser schmeißen sie nehmen allein

[3:40:11] das Schiff sie gehen allein am an Strand sie brauchen keine Matrosen sie führen das Schiff allein es war eine Schlägerei und eine es war es war sehr   blutig und sehr   sehr schlimm also es ist keiner umgekommen aber äh   ähm es war s- es war sehr schlimm

[3:40:31] bis ich weiß nicht wie lange das dauerte wahrscheinlich nicht sehr lange es war f- erstmal ne große Schreierei natürlich äh   im Schreien sind die Juden überhaupt sehr groß alle   äh   und dann ging es auch handgreiflich vor nat- sie gehen nicht sie werden

[3:40:49] den den den wie hieß er hab vergessen wie er hieß der vom vom Lande dort war   der ähm ähm   haben sie ihn festgenommen und sa- wir gehen alleine wir nehmen also große Diskussion ich weiß nicht wie lange das gedauert hat es hat wahrscheinlich nicht so

[3:41:08] lange gedauert bis oben der zweite runterkam »alles vorbei alles vorbei sofort an Land sofort an Land weil die Kedma ist schon eingezingelt   von den englischen Schiffen   sofort an Land kommen   sofort an Land Naharija« so hat er nicht gesagt das hab ich das

[3:41:21] weiß ich heute dass wir in Naharija angekommen sind   »sofort an Land« also sofort an Land es hat sich alles beruhigt mehr oder weniger schnell   und es hat ich weiß nicht mehr wie lange gedauert aber wahrscheinlich nicht mehr sehr lange das weiß ich be'emet

[3:41:35] nicht mehr   jeder wir können die Rucksäcke nicht könnt ihr nicht mitnehmen könnt nicht ihr müsst an Land schwimmen wir haben nur ein Boot   da war paar schwangere Frauen und paar ältere Männer »ihr springt ins Wasser   man zieht eine Leine   man w- wir

[3:41:51] fahren so so so viel wir können fahren wir an Land und man zieht eine Leine und ihr müsst ins Wasser springen nur die Alten und d- zwei oder drei Frau- schwangere Frauen kommen in das eine Gummiboot und ihr müsst ins Wasser springen nehmt die Leine sucht

[3:42:04] die Leine und zieht euch an Land keine Rucksäcke kann man nicht nehmen« also man zieht an was man kann   keine Rucksäcke man hatte zehn Kilo also man zieht an noch ne Bluse ich hab ein paar Schuhe in die Taschen gesteckt von dem Mantel so   hat man ausgesehen

[3:42:22] [gestikuliert] so sind wir oben auf Bord wir sind also gelandet die das Schiff ist auf eine Sandbank aufgefahren   konnte nicht bis ans Ufer natürlich ich weiß nicht wie lang es war also für mich war es sehr lang   aber   [lacht] ich weiß nicht wie weit es

[3:42:36] war bis zum Ufer   Lichter hat man kaum gesehen es war sowieso alles verdunkelt wegen der Ankunft   also man wir sind rauf die paar Leute die man ins Boot genommen wir runter gesprungen ins ins Wasser man hat die Leine gesucht und die Leine gefunden und ich

[3:42:52] hab an- ich war eine große Schwimmerin in Breslau   im Hallenschwimmbad ich war groß im Springen im Schwimmen ich war eine große Schwimmerin aber ich war nie angezogen so   mit Schuhen in der Tasche und und mit Mantel und so weiter   ich neh- hab die Leine

[3:43:10] gefunden man hat sie mir einer von dem hat sie mir »hier nimm nimm nimm« hab die Leine gefunden hab angefangen mich ranzuziehen es war sehr weit   es hat gescheuert das Wasser Salzwasser scheuert es war November   der 16te November   es ist kalt gewesen trotz

[3:43:29] allem anziehen sag ich »ich kann doch schwimmen« ich war immer in Breslau war ich eine gute Schwimmerin im Hallenschwimmbad ja war die best-   [lacht] ich kann doch schwimmen ich hab nie ein Meer gesehen geschweige denn drin geschwommen   und noch so z- angezogen  

[3:43:44] also ich hab das losgelassen die man war ja auch vollkommen durcheinander war ja gar nicht mehr   [gestikuliert] normal hab ange- und hab angefangen zu schwimmen natürlich bin gesunken   heute   wenn ich mit noch Freunden in Naharija sitze und äh wenn wir so

[3:44:03] darüber reden alle sagen die Männer sagen »ich ich ich ich hab dich an Land geworfen ich hab dich genommen« weil im Wasser waren   es war in Naharija wir sind in Naharija angekommen   also etwas außerhalb der der Siedlung   äh auf d- auf dies- auf den Sand

[3:44:20] aufgelaufen aber es war m- n- es waren viele von Naharija Männer im Wasser die die wus- die wussten ja alle d- von der Hagana die Hagana hat das die Engländer es gibt in Naharija einen Wasserturm der schon hundert Jahre dort steht ein Wasserturm der in  

[3:44:38] so früher war das dort so   für die die ehemaligen alten Naharijaner war das dort auch so so -n Club   dort hat man die Engländer eingeladen und man hat ihnen Mädchen aus Haifa gebracht und man hat ihnen Whiskey gebracht man hat gewusst dass wir ankommen

[3:44:55] müssen man hat ihnen dort Freuden gemacht und ge- ge- gejubelt und äh gedankt und inzwischen sind wir da ich weiß nicht wie viel 200 Meter weiter angekommen   so man hat man hat sie   also und es waren viele Leute im Wasser und die uns aufn Rücken genommen

[3:45:12] haben und äh an Land geschmissen haben und »lauft oben rauf da oben rauf laufen« da oben war ging die Straße Frauen standen am Strand »wer will Wasser wer will Wasser Wasser Wasser« wir hatten schon eine Woche kein Was- »wer will Wasser Wasser Wasser«

[3:45:27] oben waren Autos Lastautos andere Autos alle möglichen Autos auch Autobusse alles mögli- »rein rein in die Autos« und alle in in die ganze Gegend ver-   ver- verstreut dort in den Kibbuz rauf und dort in das Dorf dort in das Dorf wir waren ungefähr in

[3:45:44] einem Dorf äh vielleicht äh zwanzig so von dem Schiff   es war schon so vier fünf gegen Morgen wie wir ankamen dort in dem einen Dorf runter gemacht die wussten alle natürlich dass dass wir kommen alle waren   waren bereit   das war auch ein ganz neues Dorf

[3:46:03] wo wo wir ankamen ist auch nicht weit von uns ganz nah von Naharija die hatten hatten gerade angefangen ihre Häuser zu bauen die wohnten noch in Baracken aber die haben uns heißes Wasser gemacht in so -nem alten Ofen mit Holz damit wir duschen können   [lacht]

[3:46:20] und nach dem Duschen hat man uns fotografiert sofort am Platz falsche Identitätskarte nur mit unserem Bild gemacht ganz falsche Namen ganz falsche das wo wir wohnen ganz woanders na falsche Identitätskarte man musste ja was in der Hand haben   die Engländer

[3:46:39] haben natürlich das Schiff gefunden nachdem sie ihren Rausch da ausgeschlafen Schiff war ja aufgelaufen   aber die Hagana also die Leute von der Hagana haben noch haben noch äh konnten noch auf das Schiff haben die ganzen Rucksäcke die wir ja liegen lassen

[3:46:55] mussten im haben alle Rucksäcke raus geholt und in einem   irgendwo in einem äh   untergebracht dass wir viel viel später haben wir alle unsere Rucksäcke wiederbekommen   also das haben sie noch gem- aber das Schiff hat gelegen die Engländer kamen aus ihrem

[3:47:12] ihrer Feier raus und inzwischen haben sie gesehen dass das Schiff war haben sie angefangen zu suchen   die Leute   dann wir waren dort in diesem äh Regba heißt das wo wir waren wir waren vielleicht zwanzig von dem Schiff im ganzen man hat sie überall verstreut

[3:47:29] auf das in die Kibbuzim in die Dörfer überall   also wir haben wir haben uns duschen lassen sie haben uns Tee mit Marmeladenbrot gebracht w-   und jetzt ihr könnt jetzt nicht schlafen gehen die hatten noch gar keine Häuser die haben gerade angefangen ihre

[3:47:42] Häuser zu bauen war ein ganz neuer Platz   heute [lacht] großer alter Platz »ihr könnt nicht schlafen gehen ihr müsst auf die Felder gehen denn die Engländer werden jetzt anfangen zu such- euch zu suchen die werden die Leute suchen die mit dem Schiff

[3:47:55] gekommen sind ihr müsst auf die Felder gehen mit uns wir wir buddeln Kartoffeln raus« die hatten ein Feld das gerade »wir buddeln alle Kartoffeln raus und wenn die Engländer kommen und euch fragen   nicht Deutsch sprechen nicht Englisch sprechen nur Iwrit«

[3:48:10] »aber wir können nicht Iwrit« »ganz egal Gebete könnt ihr ?   Lieder könnt ihr ? Gebete sprechen die verstehen ja sowieso nicht   sagt was ihr wollt   die verstehen ja nicht nur nicht Deutsch und nicht Englisch sprechen ihr seid hier   nur Iwrit sprechen nur

[3:48:26] Hebräisch sprechen«   wir sind rauf auf -s Feld und wir haben Kartoffeln gebuddelt die Engländer kamen damals nicht zu uns später   und am Abend sie waren sehr wenig noch es war gerade ein neuer Platz der den sie besiedelt haben   war sehr wenig und äh  

[3:48:43] sie hatten Angst über Nacht so hatten sie nicht so viel unterzubringen geraderüber über den Haupt- Hauptchaussee geraderüber war ein viel älterer Platz der schon lange äh   länger auf dem Boden saß wo schon Familien mit Kindern waren und äh große

[3:49:00] richtige Häuser hatten und da haben sie uns gesagt »wir müssen einen großen Teil von euch rüber schleusen   und die werden euch aufnehmen damit das nicht zuviel« also immer aber die Patrouillen von den Engländern sind immer auf dem auf dem auf der Chaussee

[3:49:15] hin und her gefahren wir haben sie gesehen ab und zu kam so ein Patrouillenauto vorbei also wenn das gerade vorbei war wir saßen unten am an der Chaussee im Graben   und d- und dann haben sie gesagt »jetzt der rüber« wir aufm Bauch über d- über die Chaussee

[3:49:31] und auf der anderen Seite in den Graben rein und in dem Graben weiter es war auch -n Stück rein bis zu dem ersten Haus da saß einer schon der uns erwartet hat und der hat uns sofort in Familien verteilt   »du dorthin« und dann kamen die uns holen und die

[3:49:46] haben uns in Betten gelegt sofort d- jeder ins Bett u- gar nicht »du gehörst zur Familie nur nicht wenn jemand kommt wenn die Engländer Besuche machen nur nicht Deutsch und nicht Englisch reden Iwrit ganz egal Gebete was ihr wollt   die verstehen sowieso

[3:49:59] nicht nur nicht Deutsch und nicht Englisch reden«   der dort gesessen hat und die Leute verteilt hat zu dem und zu dem der war aus Deutschland   hat gehört ich bin aus Deutschland es gab sehr wenig deutsche Juden   die   die überhaupt überlebt haben   es gab

[3:50:18] sehr wenig deutsche Juden die mit illegaler Einwanderung gekommen sind   [lächelt; schüttelt den Kopf] überhaupt die nach Israel oder damals Palästina gekommen sind und die mit illegaler Einwanderung also nur so wirklich Jugend so wie ich war ja noch also

[3:50:32] der wollte wissen was war doch kurz nach -m Krieg es war 47 zwei zwei Jahre nach Kriegsende wollte doch wissen was wie das war einer der dort war während des Krieges also der war noch Junggeselle aber er hat er hat mich zu sich er hat mich in sein Haus gebracht

[3:50:49] hat mir sein Bett gegeben sein Pyjama ich ha- hatte doch keine nichts sein Pyjama gegeben   und äh   ich soll mich ins Bett legen er musste wieder raus denn er m- er war der   Verantwortliche für für die security ja für für das Dorf   und ähm   er hat -n

[3:51:08] bisschen haben wir uns unterhalten aber dann kam man ihn rufen dass äh die Engländer kommen suchen da musste er raus da hat er mir gesagt »du schlaf dreh dich um wenn sie kommen wieder dasselbe nicht Englisch nicht Deutsch du verstehst gar nichts du schlaf

[3:51:22] du dreh dich um und schlaf« zehu   man war ja sehr aufgeregt aber man war auch sehr müde von der ganzen d-   und ich weiß nicht ob ich eingeschlafen bin das wei- kann ich mich nicht erinnern ich weiß nur dass ich plötzlich gehört ein furchtbares Schreien

[3:51:40] von Frauen oder Kindern oder   furchtbares Schreien   und ich man war ja auch äh aufgewühlt also man hat gefunden man hat sie gefunden man nimmt sie weg m- ich raus im Pyjama so wie i- von dem großen Pyjama von dem Mann raus und aus dem Haus das hatte so

[3:51:59] ein extra Haus das war alles so Felder und Gebüsch ich hinter ein Gebüsch mich gesetzt und und so gezittert und gewartet und Schreien und Schreien d- bis das aufhörte bis es dann ruhiger wurde und ich hinter gesessen also ich weiß nicht wie lange das gedauert

[3:52:14] hat   bis der Jehuda hieß der Mann   der ist schon gestorben   Jehuda zurück kam er hat mich nicht gefunden mich gerufen »hallo hallo wo bist du« und d- ich   zitternd vor a- d- »hat man alle gefunden ?« »nein« sagt er »warum ? keiner keine« »aber man

[3:52:31] hat doch furchtbar geschrien die Kinder« »nein keiner hat geschrien ich weiß n- was ist denn passiert« und plötzlich begann das wieder das Schreien »hine !« und er hat angefangen zu lachen   das waren Hyänen   Hyänen die ich nie hab schreien hören  

[3:52:51] weißt was d-   Schakale Schakale die man nie wenn man die nicht gehört hat dann weiß man n- das ist w- wie Menschen er hat sich amüsiert tov natürlich das kann man nicht wissen das ist wenn man noch aufgeregt dazu ist dann überhaupt nicht   wie heute hören

[3:53:06] wir sie kommen bis beinahe ans Haus ran zu uns   es ist sehr menschlich ihr Schreien also zehu das war erledigt es war niemand man hat niemand gefunden von dem Schiff

[3:53:16] wir haben dort äh ich hab dort gesessen ein oder zwei Tage   in diesem Dorf   bis man bis man

[3:53:24] dann äh   unsere Gruppe   kam dann einer und hat alle unsere Gruppe eingesammelt von überall wo man uns hingeschickt hatte denn wir waren ja ein Kibbuz wir waren eine Gruppe und wir wir   hatten es war ja ein ein Plan für uns dass wir in einen alten Kibbuz

[3:53:42] kommen als als neue Gruppe ja zur Auffrischung sozusagen   ich wollte ja aber in meinen   zu der vorigen Gruppe die mit Chaijimek mit den ganzen und die waren inzwischen das hatte ich schon erfahren die saßen noch in kafris- äh in Zypern kafrissin die saßen

[3:54:04] noch in Zypern aber es war schon eine Gruppe die vorher gekommen war wo auch Renate dabei war die auch gerettet war von Auschwitz und auch dabei war die waren schon hatten schon einen Platz und hatten schon angefangen ein neuen neuen Platz zu bauen also äh  

[3:54:21] heißt einen alten neuen Platz zu bauen   und zudem das war alles das hieß alles Kibbuz Buchenwald wir hießen schon in Gehringshof in Gehringshof noch in Deutschland ich hab noch ein Bild da steht ganz groß drüber auf dem Haus Kibbuz Buchenwald   weil das

[3:54:39] waren zum großen Teil alles die aus den Lägern kamen   und äh   ich weiß nicht wer den Namen gegeben hat aber so so war es es waren alles alles Gerettete   aus der Shoah auf jeden Fall   und äh   sie nannten es Kibbuz Buchenwald und es es ist ein Bild mit

[3:55:01] dem auf dem Haus steht groß »Kibbuz Buchenwald«   und wir nannten uns Kibbuz Buchenwald also vorläufig   und ähm   also die d- da waren schon zwei Gruppen vor meiner schon ins Land gekommen und die dritte saß in Zypern mit Chaijimek und ich war nun die

[3:55:20] vierte Gruppe alle von diesem Gehringshof   und wir wollten alle zusammen ein Kibbuz gründen einen neuen Kibbuz gründen   aber inzwischen hatte man uns in die alten Kibbuzim so damit wir auch lernen und auch die Sprache und so weiter bis wir einen Platz bekommen

[3:55:36] wo wir bauen und siedeln können   also inzwischen hatte man uns einen Platz gegeben und die erste Gruppe war auch schon dort und ich wollte also w-   was weniger im alten Kibbuz bleiben wo man das ist geraderüber von dem Gilboa wo man uns hingebracht hatte

[3:55:51] also den nächsten Tag kamen wir dort nach Tel Josef heißt das geraderüber im Emek Jesre'el in dem   in dem Tal von Jesre'el wo   Saul und David auf dem Gilboa gekämpft haben und ich also weg war   [lacht] dass ich hier geraderüber vom Gilboa steh   und dort

[3:56:15] war dort war unsere Gruppe dann das war ein alter Kibbuz der schon lange im Land d- die war -n schon lange im Land schon   und hatten schon einen alten Kibbuz äh aufgebaut und   und diese alten Kibbuznike die hatten so ihren   die waren alle sehr etwas eingebildet  

[3:56:36] und die werden trotzdem sie hätten verstehen müssen dass diese Leute die jetzt ankommen durchgemacht haben eine Shoah durchgemacht haben einen Holocaust durchgemacht haben   die keine Fami- zum großen Teil keine Familien mehr hatten nur alleine waren auf

[3:56:57] der Welt und nur nach Palästina kommen wollten um um zusammen zu sein mit   aber sie haben nicht verstanden diese alten Israelis die dann alle waren sie [gestikuliert] mit der Nase hoch und alle und das haben wir auch dort in diesem Kibbuz äh miterlebt aber

[3:57:14] so war das al- und so war das auch in vielen anderen Plätzen   ich blieb dort nicht sehr lange   trotzdem ich mit dieser Gruppe kam aber ich wollte dort nach Kibbuz Buchenwald wo auch Renate war und äh   und die anderen die die auch dann inzwischen aus Zypern

[3:57:31] befreit wurden   Zypern ja ? aus Zypern befreit wurden und äh auch zu uns kamen   äh dorthin kamen und ich weiß nicht mehr wann also ich kam ins Land 47 im November 47 und ich glaube so im Frühling 48 oder im Sommer 48 hab ich mich dann verabschiedet von

[3:57:53] dem und bin   bin dann übergesiedelt in den neuen nach Kibbuz Buchenwald wo wirklich meine meine Chevra meine Kameraden waren mit den ich mehr verbunden war

Daniel Baranowski

[3:58:05] wo ist der gewesen ?

Karla Wolff

[3:58:07] wie ?

Daniel Baranowski

[3:58:10] wo ist der Kibbuz Buchenwald gewesen ?

Karla Wolff

[3:58:12] der ist ähm nicht so weit von Tel Aviv der ist wie soll ich sagen Beer Yaakov ist kein B- Rechovot ist ist das ein Begriff Rechovot ? wo das Weizmann-Institut ist   nicht weit dav- also es ist wie soll ich das erklären   nicht am Meer   das ist was für -ne  

[3:58:29] wird das sein also ist ungefähr   -ne Stunde von Tel Aviv ist nicht mehr so im weiß nicht ob das Norden Osten Süden ist bin ich   [lacht] aber es äh   also keine so schöne Gegend   w- von von Gegend aus von äh Land- Landschaft aus ja keine so schöne Gegend

[3:58:49] äh   viele Haine viel Apfelsinenhaine und so was ja   keine Berge kein Meer   äh also Tel Aviv hat Meer aber so dort direkt äh   also das das war   dieser Platz wo sie schon wo sie gesiedelt haben wie ich kam wa- saßen sie schon auf dem Platz   das war eine

[3:59:13] deutsche Kolonie ich weiß nicht ob ihr wisst aber   es gab ja viele Deutsche in Palästina d- ich weiß nicht die hatten auch einen Namen nachon ?   Deutsche die deutschen Siedler   die hatten auch einen Namen glaub ich   die viele Siedlungen gebaut hatten im

[3:59:30] im Land   ich weiß nicht die kamen zum Teil aus religiösen Gründen   es gibt viele äh   -ne ganze Menge Deutsche die noch mit deutschen Namen also heute sind sie schon hebraisiert die Namen

Daniel Baranowski

[3:59:47] ach die äh ähm   Templer ?

Karla Wolff

[3:59:50] [gleichzeitig:] wie ? so wie Waldheim Waldheim wie ?

Daniel Baranowski

[3:59:53] die Templer ?

Karla Wolff

[3:59:55] vielleicht waren -s ein Teil der Templer ja Templer ja

Daniel Baranowski

[3:59:58] ich glaube wohl ich weiß es aber auch nicht genau

Karla Wolff

[4:00:01] ja das war ich also im vorigen Jahrhundert ? also im vorvorigen Jahrhundert mein ich jetzt

Daniel Baranowski

[4:00:07] nee ja äh

Karla Wolff

[4:00:10] achtzehnhundertsoundso ja ? so was   ist ja nicht mehr das vorige Jahrhundert   [lacht] ähm die Templer ja   die auch in den Städten auch in äh in Haifa eine große eine ganze ganze sch'chona wie sagt man das eine ganze ein Teil von Haifa ist war Templer das

[4:00:21] sieht man an dem Häuserbau sieht man das ist deutscher Häuserbau ja   es besteht heute noch ja   und die hatten auch viel gesiedelt also das hat noch da ist noch Waldheim und Wilhelma alles noch mit deutschen Namen heute hebraisiert aber wir nennen das immer

[4:00:37] noch Waldheim und so und das war auch so ein Platz wo w- wo wir wo der Kibbuz Buchenwald den Platz bekommen hat das war auch das war -n auch deutsche Siedler gewesen die aber äh   während des Weltkrieges dann zurück g- zum großen Teil zurück gegangen sind

[4:00:56] nach Deutschland   also eh die Engländer da einmarschiert sind   also die saßen schon auf dem Platz und ich bin da war -n auch alle meine Freunde von von Gehringshof von vorher und Renate war da und ich war sehr glücklich dort sehr glücklich   ähm   ich hab

[4:01:12] Kibbuzleben sehr gern gehabt   konnt mich sehr sehr gut einleben und war wirklich sehr glücklich ich hatte nur einen großen Wunsch in meinem Leben ich wollte Schwester lernen   und hab es versucht an verschiedenen   Krankenhäusern und verschiedenen Schwesterschulen  

[4:01:33] aber ich hatte keine Schulausbildung ich bin ja nicht in die Schule gegangen   ich hatte vier Vorschulklassen und anderthalb Jahre   Sexta und halbe Quinta   man brauchte aber zwölf Schuljahre um   um auf- aufgenommen zu werden in eine Schwesternschule   das ist

[4:01:57] bis heute eigentlich ein großer Schmerz für mich   ich wollte das wollt ich immer   lernen also man hat mich im Kibbuz beschäftigt in der marpe'a das heißt in der Aufnahme also   es gab so eine   wie nennt man marpe'a na so eine ambulatorische eine Ambulanz

[4:02:20] ja nennt man das so   wo man also wo Leute kommen und verbinden können wenn sie Wunden haben wenn sie krank sind hat der die Schwester die dort war eine wirkliche Schwester die war Schwester sie hat dort ge-   die Schwägerin von der Regina   von der Regina  

[4:02:36] ähm   Schwägerin von der Regina ?   die Regina ist verheiratet mit dem Zwi Steinitz   äh   die Schwester   warte wie ist das ?   äh Benno Benno Benno   Benno ist der   Benno ist der Mann von der Ruth

Daniel Baranowski

[4:02:58] [gleichzeitig; zustimmend:] mhm mhm mhm

Karla Wolff

[4:03:02] gewesen ja Benno Benno ist der Bruder von dieser dieser Krankenschwester also also nicht wichtig aber das   die war die war wirklich Schwester und die hat diese marpe'a nennt man das also diese Aufnahme oder wie ich weiß nicht wie ihr in Deutsch sagt dafür

[4:03:16] geleitet ja also der wurde ich dann zugeteilt nachdem ich wollte doch sehr lernen wurde ich wenn man mich entbehren konnte von Feldarbeit oder oder   Apfelsinen pflücken oder irgend so was anderes   da hat man mich dort zugeteilt und bei ihr hab ich mitgearbeitet

[4:03:31] das heißt wenn jemand krank war im Kibbuz hat er es gab keine Krankenhaus hat er in seinem Zimmer gelegen aber man musste ihm Essen bringen drei Mal am Tag   man musste ihm die mal Medikamente bringen oder behandeln und so weiter war zu tun   äh oder sie hatte

[4:03:49] Sprechstunde in ihrer Ambulanz oder wie man das nennt   und äh so weiter und bei ihr hab ich auch viel gelernt   und dann war eine große Epidemie im ganzen Land von äh Polio   und auch im Kibbuz waren einige Kinder davon befallen die man dann nachdem die nachdem

[4:04:07] die Krankheit abgeflaut war und die manche Kinder mit ge- Lähmungen zurück geblieben sind hat man dann in ein es gab bei Herzlia also viel weiter hinter Tel Aviv dann ein Heim für für diese gelähmten Kinder wo man ihnen mit Physiotherapie vor allen Dingen

[4:04:24] geholfen hat wieder   die die Glieder zu w- dort hat man mich mit einem dieser Poliokinder vom Kibbuz dorthin geschickt für ein paar Wochen paar Monate   ähm   die mussten auch wenn sie ein Kind brachten ein Kibbuz mussten sie auch eine Hilfe bringen also denn

[4:04:41] sie hatten nicht so ein eigenes Personal   aber richtig Schwester lernen konnte ich nie weil ich nicht genug Schulausbildung hatte und das war das ist bis heute ein großer Schmerz eigentlich aber tov heute schon nicht mehr heute bin ich schon Großmutter  

[4:04:59] hab ich genug zu tun   aber [lacht] es war eins meiner ein meiner großen Lieben die ich äh erfüllen wollte

Daniel Baranowski

[4:05:08] und in der ganzen Zeit ähm gab es äh da erst mal keinen Kontakt zu den Eltern ?

Karla Wolff

[4:05:14] [gleichzeitig:] wie ? ah Eltern ha-   doch ich ha- doch doch die Eltern sind inzwischen nach Amerika ausgewandert   und ha-   ah doch es war   gut dass Sie mich erinnern man vergisst  

[4:05:31] ich war ganz kurz in in Netzer in Bu- in Kibbuz Buchenwald da kam ein Brief

[4:05:42] und zwar die Eltern von dieser Familie Cohn die die Eltern angefordert hatten ein Jugendfreund meiner Mutter und auch die Frau war eine gute Freundin meiner Mutter die hatten die Eltern angefordert die mussten ja ein Affidavit stellen ja also eine eine   dass

[4:06:00] sie für die Eltern aufkommen dass sie dem Staat nicht auf der b- Tasche liegen sozusagen   und die hatten die Eltern angefordert und die Eltern bekamen also alle Papiere äh   48 ich war schon im Land   ich war schon in Palästina und 48 sind sie nach Amerika

[4:06:20] eingewandert   ich war sogar schon in in in Kibbuz Buchenwald   und da d- dieser amerikanische Freund meiner Mutter ein sehr reicher Mann und Fabrikbesitzer von Nudeln   und mar- marak äh ma- nu also Teigwaren und machte und Pessach Matze Matze ist das ja ? wisst

[4:06:51] ihr was Matze ist ? was man Pessach isst essen wir kein Brot nur Matze   ja ?   ja ?   also war ein großer Fabrikbesitzer von Matze und der hat meiner Mutter auch eine Arbeit verschafft meine Eltern sind also eingewandert haben auch bei ihnen zuerst in der Wohnung

[4:07:09] gewohnt er hat meiner Mutter Arbeit verschafft in in seiner Fabrik   schwere Arbeit am laufenden Band so zu packen Nudeln zu packen oder so was zu packen und er selber mit seiner Frau sind kurz danach nachdem die Eltern angekommen sind nach Palästina gekommen

[4:07:26] denn er hat jedes Jahr in Palästina in Tiberias gebadet   in Tiberias gibt es äh Heilbäder   und er war ein r- Millionär war ein reicher Mann sehr reicher Mann und konnte sich das leisten und hatte weiß nicht was er hatte aber wahrscheinlich hatte er irgendein

[4:07:45] Rheuma oder so was ist jedenfalls jedes Jahr na- hat auch sehr viel gespendet für Palästina zum Aufbau sehr viel gespendet und ist jedes Jahr nach Palästina gekommen baden in Tiberias   und kurz nachdem die Eltern in Amerika angekommen sind   er hat ihnen

[4:08:05] die auch sei- er hat -ne große Wohnung gehabt also die Eltern auch erst mal untergebracht in der Wohnung bis sie sich was gesucht haben und er hat ges- die fahren jetzt erst mal er mit seiner Frau die fahren nach Palästina nu da sind die Muttel hat ihnen

[4:08:19] gleich   d- die Adresse gegeben ich war schon in Kibbuz Buchenwald   und so weiter   beseder   also ich bekomme   der der   wie nennt man das der Sekretär vom Kibbuz kommt zu mir »hör mal« sagt er »da hat ein Herr Cohn angerufen« Cohn natürlich »hat Herr

[4:08:39] Cohn angerufen der ist aus Amerika   er hat Grüße von deinen Eltern« ich wusste natürlich schon die Eltern hatten mir geschrieben nachdem sie nach Amerika angeko-   dass sie auswandern und dass sie nachdem sie angekommen sind hatten sie mir geschrieben sie

[4:08:52] wussten schon ich war noch in in dem anderen Kibbuz aber das hatte man mir nachgeschickt die Post ich wusste dass sie dass ich im Kibbuz bin   hatten mir geschrieben dass sie jetzt nach Amerika fahren und bald ankommen und sie werden sich melden sobald sie

[4:09:10] angekommen sind   also ich wusste das   und also d- d- kommt der der Leiter vom Kibbuz und sagt »ist ein Herr Cohn hat sich gemeldet und er möchte dass du zu ihnen nach Tiberias kommst in das Hotel so und so   ähm   laden dich ein und du sollst da hin« sag

[4:09:25] ich sagt er »gut beseder geh in die Kleiderkammer lass dir eine anständige Bluse geben« so war das man hatte ja keine eigenen Sachen also man hatte eigene Sachen aber   Arbeitskleidung ja so   man ist dann dann hat man -s in die Wäsche gegeben und dann hat

[4:09:40] man das auch das wiederbekommen dasselbe manchmal nicht dasselbe manchmal was anderes ja also sagt er »lass dir eine weiße Bluse geben« -nen Rock hat- ich noch   [lacht] und äh hat mir Geld gegeben für die Reise und so und äh   »kriegst Urlaub vier Tage

[4:09:54] oder wie viel hast du Urlaub und fahr zu dem Herr Cohn die haben   die haben Nachricht von deinen Eltern« und die wussten das von meinen Eltern dass ich weg bin von mei- das wusste man alles man war ja eine Familie man wusste alles jeder wusste von jedem alles

[4:10:08] ja »und die haben Nachricht von deinen Eltern also   hast vier Tage Urlaub und fahr nach Tiberias«   ich bin nach Tiberias gefahren und hab   ich   ich kannte sie ich war aber ein kleines Kind ich konnt mich nicht an sie erinnern die waren uns in Breslau besuchen

[4:10:24] sie waren zeitig nach Amerika ausgewandert dieser Herr Cohn sehr zeitig noch ich glaube noch vor dem Ersten Weltkrieg das bin ich nicht ganz sicher aber jedenfalls gleich nach dem Ersten Weltkrieg sind d- sehr zeitig ausgewandert und hat dort äh   auch wirklich

[4:10:38] gearbeitet und hat sich aufgearbeitet ist sehr reich geworden mit der Fabrik Matzefabrik   Matze-Nudelnfabrik   also ich bin dorthin gekommen an zu in das Hotel   am See am Kinneretsee Kinneretsee   [lächelt] ein Traum   ein Traum   [lacht] für mich war das ein

[4:11:02] Traum   ähm   und waren sehr nett zu mir ich hab sie nicht erinnert ich war noch klein wie sie mal in Breslau zu Besuch waren waren sehr nett zu mir und äh und haben gesagt ich soll bei ihnen haben Grüße von den Eltern gebracht Briefe von den Eltern gebracht

[4:11:19] und so dass alles in Ordnung und so weiter ich soll bei ihnen bleiben haben mir ein Zimmer genommen in dem Hotel   die Tante Lene hieß sie hat mir einen Badeanzug geborgt ich hatte keinen Badeanzug also ich konnte in den sch- in den See springen und schwimmen

[4:11:32] n-   am nächsten Tag sitzen wir auf der Terrasse und trinken Limonade   kommt ein junger Mann an mit so -ner Mütze an   der hatte auch Eltern in Amerika   die sehr befreundet waren mit diesen Cohns   und er kam auch sich Grüße von seinen Eltern holen die waren

[4:11:51] a- n- noch Studenten zusammen der Herr Cohn mit diesem mit diesem Herrn Wolff mit dem Vater von dem Mann der da ankam   und äh   [lacht] holte sich Grüße von Eltern s- setzen sich hin und äh auch v- wo bist du ja ich bin im Kibbuz dort   der hatte eine Farm

[4:12:09] nicht weit von Tiberias dort und äh und da sagte Herr Cohn ja »wir fahren dann am Abend wieder nach Tel Aviv wir fahren nach Tel Aviv und die Karla nehmen wir mit die lassen wir dann in in Tel Aviv runter die fährt in ihren Kibbuz und der d- Herr Wolff

[4:12:24] der da kam wollte ihnen gerne seine Farm zeigen der hatte nicht weit von Tiberias eine Farm aber das konnte man nicht rein   aber er ist ein Stück mit uns gefahren dort und dann hat er von weitem gesagt s- sein sie sollen den Eltern erzählen dort ist seine

[4:12:45] Farm   also s- viel später hat mir der Herr Wolff erzählt   also s- beinahe sechzig Jahre leb ich ja mit ihm jetzt   [lacht] mit dem Herrn Wolff   äh   [lacht] viel später hat er mir erzählt er hatte   »ich bin so ein Idiot« hat er sich   hat er gesagt zu

[4:12:57] sich selber er hatte Nachtschicht aufm Traktor die waren in einem Moschaw   musste also auch noch ganz jung alles noch sehr neu   und da mussten sie hatten nur einen Traktor so und da musste jeder mal Schicht machen die Felder ackern und so weiter er hatte Nachtschicht

[4:13:13] auf dem Traktor »ich wär doch wär ich doch mitgefahren nach Tel Aviv ich weiß nicht mehr wie hieß denn die das Mädchen   wie hieß denn die weiß nicht mehr wie sie hieß ich weiß nur noch dass sie aus dem Kibbuz   Buchenwald war weiß nicht mehr wie

[4:13:26] sie hieß« also   [lacht] aufm Traktor nachts ist er gefahren hat sich g- »ey ich bin doch ein Idiot wär ich doch mitgefahren« er wird das ja sehen nicht ? [zeigt auf die Kamera] wird er sich amüsieren [lacht]

Daniel Baranowski

[4:13:38] unter Umständen

Karla Wolff

[4:13:40] also also das war Herr Wolff soll ich aber nicht weiter erzählen das   [lacht] also er hat mich ja gefunden natürlich er hat äh sich an den Kibbuz erinnert an den Kibbuz geschrieben   und der der der Leiter vom Kibbuz hat mir den Brief gebracht »hör mal«

[4:13:54] sagt er »bist du das du warst doch in Tiberias nicht lange kannst doch nur du« der wusste doch den Namen nicht mehr »kannst doch nur du gewesen sein du warst doch in Tiberias« [zuckt mit den Schultern] Mosche Wolff kei- kei- kenn ich nicht interessiert

[4:14:06] mich nicht   nach nach -ner Woche zwei Wochen kam noch -n Brief »ja bei Ihnen ist doch d- ist doch jemand der in Tiberias war können Sie das nicht raus finden ?« sagt er »schreib doch dem Mann« kommt der wieder der der   vom Kibbuz der Leiter »schreib dem

[4:14:20] doch« also gut ich hab ihm dann geschrieben n- nach fünf Minuten war er da ja also so so war das davon erzähl ich jetzt nicht d- das ist lange Geschichte ja   tov ähm   ich war im Kibbuz sehr glücklich   ich hab das Leben wirklich sehr geliebt das ich wär

[4:14:39] auch sicher im Kibbuz geblieben wenn mein Mann im Kibbuz ge- gewollt hätte   Schwester konnt ich nicht lernen   aber ich hab immer probiert ähm   ähm   wo ich konnte mich wenigstens mit dem Beruf irgendwie zu befassen oder mit der Arbeit jedenfalls zu befassen

[4:14:59] und sie haben mich auch immer   ähm   ran gelassen wenn nur möglich war dass ich irgendwo pfle- im Pflegeberuf sein konnte   äh bei Pflegearbeit arbeiten konnte   so war das   ich hatte Freunde ich hatte Freundinnen Renate hat geheiratet dort und   ich war sehr

[4:15:23] glücklich   Mosche kam oft   Mosche Wolff der Franz heißt eigentlich aus Hamburg heißt er Franz   aber in Iwrit heißt er Mosche   was Moses ist   eigentlich   das ist sein jüdischer Name   ähm   und er wollte heiraten wollte mich heiraten es hat lange gedauert

[4:15:51] bis ich mich dazu entschließen konnte   äh   inzwischen   ja  

[4:15:57] inzwischen hatte ich guten Kontakt mit den Eltern natürlich   inzwischen war mein Vater sehr unglücklich in Amerika denn als Kantor hat man ihn nirgends angestellt es gab keine freien Stellen für

[4:16:16] Kantoren   er konnte an Feiertagen mal da und dort äh aushelfen aber keine richtige Stelle   außerdem   war er   bis zu seinem Ende in seinem Herzen Deutscher   er war mit Deutschland und mit dem Deutschsein tief verbunden   und dafür konnte er nichts das war

[4:16:39] so   und er war sehr unglücklich in Amerika nicht nur weil er keine Stellung hatte sondern alles was in Amerika   war war   war nicht gut hat er nicht angen- meine Mutter war glücklich   Amerika war frei jeder konnte machen was er wollte sie hat schwer gearbeitet

[4:16:59] an d- in der Fabrik bei Herrn Cohn an dem laufenden Band aber sie war glücklich sie hat gearbeitet und an freien Tagen ist sie zum Meer gegangen und war den ganzen Tag am Meer   und sie ist ins Kino gegangen und hat zwei Mal denselben Film durch gesessen für

[4:17:14] dasselbe Geld konnte man zwei Mal dasselbe durchs-   [lacht] sie war glücklich sie war frei   sie liebte Amerika   mein Vater hat sich um eine Kantorenstelle beworben die frei war in Düsseldorf das er gelesen hat in der Allgemeinen Jüdischen Zeitung   hat sich

[4:17:33] beworben hat dorthin Platten machen lassen Platten geschickt und wurde sofort angenommen   und hat beschlossen Amerika zu verlassen und nach Düsseldorf zu gehen   meine Mutter hat gesagt »ich bleibe hier   ich geh nicht nach Deutschland zurück« sie die Deutsche  

[4:17:53] also Deutsche waren sie beide aber sie die   die hier Geschwister hatte Familie hatte »ich geh nicht«   zu meiner Hochzeit zu der ich mich dann endlich entschlossen hatte   [lacht] 1953 kam sie aus Amerika und er aus Deutschland   sie waren   sie waren nicht

[4:18:16] ge- zerstritten   sie waren nicht geschieden sie waren ein wunderbares Ehepaar   sie liebten sich bis an ihr Ende   beinahe sechzig Jahre zusammen gelebt   aber   sie hat einen Kopf so einen Kopf [gestikuliert] dieser Kopf hat uns gerettet viele Male sonst   wär

[4:18:37] sie nicht zu Doktor Kroll gelaufen und hätte ihn   gebracht und uns versteckt und um uns zu verstecken   sie hatte einen Dickkopf aber   sie liebten sich sie waren   aber sie wollte nicht zurück nach Deutschland so   zu   zu meiner Hochzeit kamen sie beide er

[4:19:01] aus Deutschland sie von dort   und sie sprachen sich aus nehm ich an wir fuhren paar Tage nach Naharija in honeymoon   wir hatten ihnen ein Zimmer genommen in Rechovot wohnten wir damals Rechovot ist nicht weit von Tel Aviv wo das Weizmann-Institut ist ja das

[4:19:19] sagt Ihnen was ?   Weizmann-Institut ?   große Weizmann-Institut das in Rechovot äh   äh nicht weit von Tel Aviv   ähm   und sie haben sich wahrscheinlich ausgesprochen   aber sie ist zurückgefahren nach Amerika und er ist zurückgefahren   nach Deutschland

[4:19:47] denn er war glücklich   er hatte eine Gemeinde er war Lehrer   für jüdische   Sachen für die Kinder er hat die Kinder unterrichtet die ja in deutsche Schulen gingen es gab ja keine jüdische Schule hat sie   Tora und und biblische Geschichte unterrichtet er

[4:20:05] war Kantor und Lehrer er war sehr angesehen und sehr beliebt   und   bis eine ihrer Schwestern ihr schrieb »du weißt dass der Fritz« das war mein Vater »dass der Fritz im Krankenhaus ist und er sehr krank ist«   inzwischen   war sie Amerikanerin geworden  

[4:20:28] sie war pensioniert sie war schon über 65 sie bekam ihre social security ihre Pension   sie war Amerikanerin   sie ist sie war alt sie war ja neun Jahr älter als mein Vater nicht zu vergessen neun Jahr älter als mein Vater   wie sie heirateten   er war 23 sie

[4:20:54] war 32   das hab ich gar nicht vergessen zu erzählen am Anfang [lächelt]   sie war ja verlobt mit seinem Bruder der gefallen ist da ging er noch zur Schule   hab ich ganz vergessen

Daniel Baranowski

[4:21:08] doch haben Sie erzählt

Karla Wolff

[4:21:16] mh ?

Daniel Baranowski

[4:21:19] haben Sie erzählt

Karla Wolff

[4:21:21] ja ?

Daniel Baranowski

[4:21:24] mhm

Karla Wolff

[4:21:26] also sie war auch schon alt geworden und äh hat verstanden   sie hat ihre Sachen gepackt und ist nach Düsseldorf zu ihm gezogen und hat ihm eine wunderbare   ein wunderbares Zuhause gemacht wo ich auch oft zu Besuch war   später überhaupt oft wenn sie noch

[4:21:32] älter geworden waren   hat ihm ein wunderbares Zuhause gemacht und war Frau Kantor das war auch für sie sehr wichtig Frau Kantor zu sein in die Synagoge zu gehen und sie war   hat sich um die alten Leute gekümmert in dem Altersheim und in der Gemeinde viel

[4:21:48] getan in der Düsseldorfer Gemeinde   und war sehr beliebt   und sie haben noch Vortrags-   Vortragsnachmittage gegeben aber jeder einzeln nicht mehr so wie früher aber so in Altersheimen oder in in Fr- wie wie nannte man d- nannte man diese Frauenbund es gab

[4:22:08] hab vergessen es gab so einen Namen dafür Frauenzirkel gab es so   WIZO-Zirkel oder so was und d- haben sie oft vorgetragen die Mutter meistens heitere Sachen und der Vater mehr so [gestikuliert]   also sie hatten auch da noch -n bisschen von ihrer Kunst konnten

[4:22:24] sie noch zeigen und sie haben vor allem die Kunst genossen sie sind sie hatten Theaterabonnement und Konzertabonnement und haben Taxi genommen und sind gefahren ins Konzert und ins Theater und haben das ganze Kulturleben in Deutschland sehr sehr genossen  

[4:22:39] und oft bin ich zu Besuch gekommen   und wie Yair geboren wurde   zu unserer Hochzeit waren sie also da   wie Yair geboren wurde ist meine Mutter gekommen Yair ist der Vater von Tomer   der der ist jetzt 53   ist meine Mutter gekommen um mir zu helfen da war Ilan

[4:23:01] der Große war schon geboren ist sie gekommen hat mir geholfen und   war öfter mehr sie kamen auch zusammen öfter uns nicht öfter aber sie kamen ab und zu uns besuchen ja für den Vater war das immer ähm   gut wir hatten dann schon ein Zuhause wir hatten

[4:23:19] wir wohnten nachdem wir geheiratet hatten wohnten wir ein Jahr in Rechovot   mein Mann war dort äh   ähm   beschäftigt bei äh   wie sagt man das   bei   äh   künstlicher Befruchtung von Kühen   er war Landwirt er hatte   sein seine Landwirtschaft in im Galil

[4:23:46] er hatte ein meschek meschek ist also ein eine Farm   mit einem großen Kuhstall einem großen Hühnerstall   und äh   äh   im Galil n- nicht weit von Tiberias wo wir dann vorbeigefahren sind an dem Abend wie der Herr Cohn ihn nach Hause brachte und mich nach

[4:24:05] Tel Aviv mitnahm   und wir wie wir uns wie ich mich entschlossen hatte zu heiraten da hab ich gesagt »ich geh aber nicht dorthin« das war sie hatten noch kein Licht noch keine Elektrizität das war   sehr primitiv ich meine sie hatten ein jeder hatte ein Haus

[4:24:23] aber   ich wollte Landwirtschaft war sowieso nicht meine   meine Stärke   [lacht] ich wollte oder Gesang studieren oder Krankenschwester werden   [lacht] nichts ist geworden daraus weder noch   [lacht] aber sa- ich hab gesagt »dorthin geh ich nicht« sagt er

[4:24:43] hat er gesagt »gut« er hat verkauft er hat seine Farm verkauft und dann sind wir nach Rechovot gezogen ein Jahr er hatte eine Schwester die in Rechov- Rechovot wohnte das ist eben wo das Weizmann-Institut ist nicht weit von Tel Aviv ist und er hat auch dort

[4:24:58] Arbeit gefunden   bei der   ähm   in einem Institut für landwirtschaftlichen Institut da sind viele solche Institute in Rechovot d- neben dem Weizmann-Institut   und ähm   ich hab auch bisschen gearbeitet so als Krankenschwester privat und   aber uns die Gegend

[4:25:19] hat uns nicht gefallen Rechovot ist so nicht weit von Tel Aviv das ist alles   es ist viel äh ähm   Orangenhaine und so aber keine Berge kein Wasser gar nichts ist so flach langweilig und äh er wollte sowieso wieder ein eine Farm das   ich hab das auch dann

[4:25:38] verstanden langsam ein bisschen   ist lang- es dauert mal bis man so   sechel kriegt sagt man bei uns so bis der Kopf arbeitet   er er war Landwirt von Leib und Seele trotzdem er aus Hamburg kommt aber er war Landwirt mit Leib und Seele kann man nichts machen

[4:25:54] äh   also er wollte wieder eine eigene Farm natürlich haben also haben wir gesucht bis wir dann nach Naharija gekommen sind da war eine Farm zu verkaufen aber das war nicht das aber wir haben uns dann in Naharija angekauft ein kleines Häuschen erst mal mit

[4:26:10] so -nem Stück Boden nur und dann war eine Farm zu kauf- zu zu verkaufen in der nächsten Straße und da wohnen wir heute noch   und da hat er die Farm dann einen großen Hühnerstall mit 4000 Hühnern und äh Boden und hat er erst Gemüse gemacht und dann

[4:26:30] Bäume gepflanzt Nussbäume heute sind Avocaden dort und äh   ähm   Zitronen und so weiter und immer wieder was probiert   und dort leben wir   dort leben wir nicht heute noch also das ist daneben das Haus dort lebt heute ein neues Haus hat er dort gebaut Yair

[4:26:49] Yair   der Vater von Tomer der hat die Farm geerbt   denn Ilan der große Sohn ist äh   ist ein Künstler   der ist äh Fotograf   geworden   der hat äh Fotografie studiert   zwei Jahre in Haifa   und dann ist er nach Hause gekommen hat er gesagt »jetzt muss ich

[4:27:14] mal   fürn Monat oder zwei Monate nach Deutschland fahren muss mal sehen was ich mache mit der Fotografie«   na ich weiß »zwei Monate nach Deutschland ?« na ja »na ja ich muss mich ja umsehen« zwei Monate nach Deutschland ? das war vor wie viel Jahren  

[4:27:35] weiß n- ich weiß schon nicht mehr vor wie viel Jahren also vor Minimum zwanzig oder dreißig Jahren war das   also er war in Deutschland dann war er in Italien dann war er in Holland er war überall in Europa   er war auch in Amerika   er ist Fotograf   nur

[4:27:54] Camera Obscura   er hat keinen Fotoapparat er hat Fotoapparat aber er fotografiert nicht mit einem Fotoapparat   er fotografiert nur mit   Büchsen   oder mit Tellern oder mit allem möglichen wo man ein kleines Loch machen kann oder mit seinem Auto   da hat er

[4:28:15] ein kleines Loch drin das ist sein Fotokamera   sie hat einen Prospekt [zeigt auf die Interviewerin] hab ich ihr mitgebracht den könnt ihr euch ansehen können Sie sich ansehen das ist etwas äh   was man schwer verstehen kann also d- heute heute versteh ichs

[4:28:31] schon nachdem äh   und er macht außergewöhnliche Bilder außergewöhnliche Bilder und er ist sehr bekannt in Europa und sehr beliebt in Europa und wird vor allen Dingen in Schulen   sehr war jetzt in Berlin hier in einer Schule   zwei Wochen hat unterrich-

[4:28:50] Klassen unterrichtet gibt Unterricht in Klassen oder   äh er wohnt jetzt in Spanien er hat überall schon gewohnt in Holland in Frankreich überall hat er eine Freundin gehabt   da und dort hat er auch ein Kind   zwei Enkelkinder hab ich von ihm   eins in   ein

[4:29:15] Junge in F- in Frankreich (Roni) der ist wird jetzt 14 und eine Enkeltochter in der Schweiz   die wird jetzt 13 die hab ich voriges Jahr besucht die wollte gerne dass ich sie zum Geburt- mit beiden hab ich guten Kontakt mit (Roni) ist schwierig weil ich kann

[4:29:33] nicht Französisch aber jetzt lernt er Englisch und da wird es besser werden aber mit der   (Dina) in der Schweiz hab ich guten Kontakt die spricht Deutsch und und Englisch da war ich voriges Jahr zu ihrem Geburtstag wollte sie dass ich mal komme   und wir haben

[4:29:49] bis jetzt sehr guten Kontakt Telefon und und äh Email und Geschenke hin und her und   und kommen uns auch besuchen   also das sind das sind meine Söhne und Yair hat drei Kinder   und wohnt jetzt auf dem in der Farm wo wir wohnten aber er hat das alte Haus runter

[4:30:11] gerissen und sich ein sehr schönes modernes gebaut schon lange   und wir haben von unserem alten Nachbarn der dann zu seinen Kindern gezogen ist das Haus gekauft auch eine Farm also auch mit Land und wohnen also auf einem Hof   aber jeder in seinem Haus aber

[4:30:30] es ist ein großer Hof also wir wohnen nebeneinander es ist eins und meine Schwiegertochter die Orly die Frau die Mutter von äh von Tomer hat eine   eine Gärtnerei aufgemacht also sie sie zieht nicht selber aber sie bekommt die und verkauft sie Bäume und

[4:30:49] Sträucher und große Blumenhalle sehr schön   und äh   wir leben dort sehr glücklich   wir wohnen neben den Kindern neben sehr guten Kindern   d- es wird kein Tag vergehen wo der Yair nicht wenn er keine Zeit hat sich fünf Minuten zu uns zu setzen wenigstens

[4:31:12] den Kopf reinsteckt und sagt »hakol beseder ? alles in Ordnung ja ? gute Nacht«   und das ist alles was wir brauchen   dass wir wissen   wir sind untergebracht wenn was passiert wie jetzt Mosche geht mit -m Walker geht schwer aber er geht aber nichts kann passieren  

[4:31:32] wir sind gut untergebracht   ich glaube ich hab alles gesagt was ich

Daniel Baranowski

[4:31:39] vielleicht

Teresa Schäfer

[4:31:42] ähm wie war das für Sie als als Ihre Familie so ganz aufgeteilt war die Mutter war in Amerika der Vater war in Deutschland Sie waren in Israel ähm wie war das für Sie und   und wie war das dann später als als der eine Teil in Deutschland und Sie in Israel

[4:31:56] waren   war das ein Thema war das ähm für beide Seiten in Ordnung oder wurde darüber diskutiert ?

Karla Wolff

[4:32:03] ich hab nicht alles verstanden was Sie gesagt haben am Ende nicht aber ungefähr   ich hab das Ding nicht an [zeigt auf Ihr Hörgerät] weil es immer rausfällt [lacht] ähm   ich muss ehrlich sagen ich hab mir nicht zu große Sorgen gemacht wie die Mutter

[4:32:30] in Amerika war und der Va- trotzdem sie kamen doch zur Hochzeit beide zu uns und sie haben sich natürlich ausgesprochen und so aber   ich wusste dass sie am Ende sie wird den Vater nicht alleine lassen ich ich ich hab das gefühlt dass sie   ich sie musste

[4:32:40] sich austoben sozusagen sie musste auch ihren ihren ihren   zum Beispiel ich war einmal in Deutsch- ich war   in Deutschland sie besuchen öfter als die Mutter schon in Deutschland war und sie haben mit mir auch immer wenn ich alleine war Reisen gemacht   und

[4:32:56] sie wollten mir einmal Wien zeigen weil ich nie in Wien war und dann fuhren wir mit der Eisenbahn und wie wir zur Grenze kamen kam der Schaffner oder wer das war und prüfte die Pässe und nahm denn Vaters Pass Grabowski Deutschland beseder nahm er Mutters

[4:33:12] Pass Grabowski Amerika hm   dann nahm er meinen Pass bis man den umdrehte da muss man ja falsch umdrehen   Grabowski also w- geboren Israel und dann sagt er ich kann das hier Österreichisch nicht nachmachen »das versteh ich nicht ! d- eine Familie das versteh

[4:33:31] ich nicht !« also   aber ich so war das aber ich ich hab gewusst dass die Mutter ihn   ich hab ich hab ich glaube ich hab mir keine Sorgen gemacht ich weiß es be'emet nicht genau aber ich glaube ich hab mir keine Sorgen darum gemacht außerdem ich war auch

[4:33:47] sehr beschäftigt mit mir selber was mach ich heirate ich den Mann oder nicht ich hatte keine Lust   [lacht; hält den Zeigefinger auf die Lippen; zeigt zur Kamera] ich hatte sehr viel Verehrer und äh   irgendwo hab ich immer noch geweint nach Chaijimek   ähm  

[4:34:06] und ähm   das will ich noch sagen im Ernst jetzt dazu apropos Heirat es ist mir auch im Laufe der Zeit klar geworden   ich kann nicht mit jemandem heiraten   der im Konzentrationslager war   ich hätte dieses Schuldgefühl was ich immer hatte wenn ich mit jemandem

[4:34:36] auch im Kibbuz wie ich war noch in Buchenwald mit all meinen Freunden die alle Auschwitz oder irgendetwas anderes durchgemacht haben   ich war immer im Schuldgefühl ich war   im Inneren ich hab das nie man hat das ich hab das nicht täglich so bemerkt im täglichen

[4:34:53] Leben aber immer wenn ich ein bisschen Moment nachgedacht habe   »ich nicht ich hatte eine eine christliche Mutter« von damals »ich nicht« mir ist so viel erspart geblieben ich hab doch früher gedacht wenn die Transporte gingen ich w- ich war wie ein wie

[4:35:12] ein dummes Kind ich war kein Kind mehr aber ich war wie ein dummes Kind ich hab gedacht die fahren jetzt alle ich man hat ja nicht an Viehwagen gedacht   man hat gedacht in der Eisenbahn fahren nachon sicher sie sind hungrig und es ist kalt sie fahren dann

[4:35:32] nach Polen hat man gewusst irgendwo wie was hat man sich vorgestellt doch nicht ein Auschwitz hat man sich vorgestellt oder so etwas die sind in einem Lager ja es ist kalt es ist kalt und sie haben nicht genug zu essen aber sie sind alle zusammen und sie erzählen

[4:35:42] von zu Hause sind alle zusammen und ich bin alleine in meinem warmen Bett und hab immer etwas zu essen   die Mutter hat immer irgendeine Rübensuppe oder etwas auf den Tisch gestellt und ich hab ein warmes Bett aber ich bin allein ich bleib zurück und die

[4:35:56] sind alle zusammen   war ich so blöd ? war ich so dumm ?   ich frag mich oft so   kann man das verstehen ?   deshalb   es ist mir aber viel später klar geworden nachdem ich schon lange verheiratet war   ich hätte nie mit jemandem der in Auschwitz oder in einem

[4:36:21] Lager war   vielleicht so glücklich glücklich und zufrieden so so zufrieden sein können Glück ist eine eine Sache die   die sehr   die nicht feststeht Glück ist eine Sache die jeder nehmen kann wie er will   verstehst du was ich mein ? aber der so abgeschlossen

[4:36:45] zufrieden sein kann mit seinem Leben   wie ich es bin mit meinem Leben mit allen Tiefen und allen Höhen ja okay   aber mit einem der im Lager der das mitgemacht hat   und der so v- irgendwo verwundet ist es gibt keinen der nicht irgendwo verwundet ist ich seh

[4:37:06] es an Renate die noch lebt und mit der ich noch Kontakt hab es ist es ist furchtbar es ist eine eine Freundin von von   von siebzig Jahren   wir haben uns kennengelernt da war sie waren wir zehn Jahre oder zwölf Jahre   im Gymnasium   und ich sage nichts und

[4:37:27] ich probier auch nicht aber   es sind zwei Welten meine und ihre nun hat sie auch außerdem noch viel Unglück gehabt aber   ich hätte mit einem Mann der so etwas mitgemacht hat ich hätte nie so ein abgeschlossenes zufriedenes Leben haben können wie ich es

[4:37:46] heute hab   das muss ich sagen   und so verständnisvoll   und mit allen meinen meschuggas meschuggas ist hochdeutsch übrigens   [lächelt] und ich mit seinen meschuggas   aber so   zufrieden und glücklich wie wir beide sind

Teresa Schäfer

[4:38:08] Sie haben Ihre Eltern ja dann nach Israel geholt

Karla Wolff

[4:38:14] ah ja

Teresa Schäfer

[4:38:16] [gleichzeitig:] vielleicht können Sie das noch erzählen ?

Karla Wolff

[4:38:19] gut dass du das dass du noch einen jungen Kopf hast   wie ?

Daniel Baranowski

[4:38:22] und auch das Bild wollten Sie ja auch noch zeigen

Karla Wolff

[4:38:25] [gleichzeitig:] ah ja natürlich d- [fasst sich an den Kopf] ich bin ja auch blöd nun gut   kann ja auch   83 darf ich auch was vergessen   ja dann äh die Eltern habe ich oft besucht   natürlich   wir ha- haben auch eine sehr schöne große Reise gemacht mit

[4:38:38] den Kindern mal bis Norwegen und dann waren wir auch in Düsseldorf mit den Enkeln und so   die Eltern waren auch die Muttel vor allen Dingen aber war -n auch öfter bei uns zur Bar Mitzwa von Ilan Bar Mitzwa die 13 Jahre ja wenn die Jungen konfirmiert werden  

[4:38:53] äh waren die Eltern beide in in äh Naharija   zu Yairs Bar Mitzwa war die Mutter sehr krank mit -m Herzen konnten sie nicht kommen   äh   aber je älter sie wurden desto öfter bin ich gefahren   immer war einer nicht vor allen Dingen die Mutter die ja viel

[4:39:10] älter war und auch ein Herzproblem hatte der Vater dem man aber schon lange vorher eine Niere rausnehmen musste   äh der sich aber dann ganz gut erholt hat und sogar noch amtiert hat als Kantor auch mit einer Niere   ähm   aber dann doch vorzeitig pensioniert

[4:39:34] werden musste   zu seinem Leidwesen   äh aber sie haben sich äh trotzdem äh   mit sie haben so die Kultur genossen die deutsche Kultur genossen in Theater und Konzert dass sie wirklich ausgefüllt waren aber ich bin doch immer wieder immer war einer im Krankenhaus

[4:39:55] überhaupt die letzten Jahre also wir haben sie nach Israel gebracht 1980 also sagen wir von von 75 oder von 74 an war ich jedes Jahr äh mindestens einmal dort   gut natürlich äh der Vater hat die Reisen bezahlt aber inzwischen na das hab ich auch vergessen  

[4:40:14] [klopft sich an die Stirn] hach mein Kopf inzwischen hab ich inzwischen hab ich auch Gesang studiert guck mal w- alles hab ich vergessen so was Blödes habt ihr noch Zeit ?

Daniel Baranowski

[4:40:26] mhm

Karla Wolff

[4:40:28] inzwischen ist nach Naharija i- wurde in Naharija ein Konservatorium eröffnet kam von neuer neue Einwanderer aus Rumänien darunter war ein Professor für Musik der in Budapest ein Konservatorium hatte ein Musikprofessor war der hat in Naharija ein Konservatorium

[4:40:45] eröffnet und ich hab dann bei einer Lehrerin in äh   erst in Tel Aviv dann in Haifa G- Gesang studiert al- etwas und hab dort in dem Konservatorium mit ihm gearbeitet mit dem Professor viel gearbeitet mit Begleitung und wir haben eine Menge Konzerte gegeben

[4:41:03] keine großartigen Konzerte keine großen Bühnen aber äh in äh   in Altersheimen in äh in Logen sind wir oft aufgetreten   mit noch anderen Gesä- Sängern zusammen oder mit anderen äh (Musik) und das hat mir eine unheimliche Freude gemacht war schon etwas

[4:41:27] spät in meinem Leben aber trotzdem es war ich hab dadurch sehr viel sehr viel genossen noch und sehr viel kennengelernt an Musik und an an Musik im Allgemeinen an Liedern besonders und äh ähm   und der wa- er war sehr gut nicht nur die Deutschen äh Schubert

[4:41:46] Schumann und äh so weiter sondern auch äh   er hat viel auch ähm   Italienisch und äh andere Sprachen auch Französisch man hat auch Volkslieder und so gesamt nicht nur nicht nur rein klassisch und hat mir große Freude gemacht und viele Jahre hab ich noch

[4:42:02] gesungen da und dort und äh   war ein Teil der Seele ausgefüllt außerdem   wie dann die Kinder wirklich schon also größer waren und n- mich nicht mehr so die Mutter nicht mehr so brauchten sie gingen in ihre Schulen und so weiter hab ich mich beworben am

[4:42:23] äh am äh Krankenhaus in Naharija ich hab mal im Kibbuz noch wie ich noch im Kibbuz war in Buchenwald im Kibbuz Buchenwald war hab ich mal ein äh hab ich einen Kursus begonnen war ein Kursus für ein Jahr hat man mich geschickt für so ähm   Pflegerin nicht

[4:42:44] direkt Krankenschwester braucht drei Jahre aber so Anfang von äh Pflege   aber inzwischen kam dann hat die Mutter geschrieben sie kommt mich besuchen und da sie mich besuchen kommt aus Amerika hat der Vater geschrieben er kommt mich auch besuchen und da die

[4:42:57] ganze Sache mit Mosche Wolff alles so auf der Kante war wenn die Eltern kommen werden wir schon heiraten also ich meine wenn sie schon kommen dann macht man das alles zu- also musste ich den Kibbuz verlassen musst ich auch den Kursus in der Mitte verlassen

[4:43:09] und [lacht] und wir haben inzwischen geheiratet aber ich hatte doch einen Teil von diesem Kurs ein halbes Jahr glaub ich hab ich gelernt und äh hab mich dann in Naharija gab -s ein gibt es ein Krankenhaus ein schönes Krankenhaus und hab mich dort beworben

[4:43:27] und hab ihr gesagt ich der Oberschwester ich hab nur so und so viel gelernt und sagt sie »beseder dann   du kannst äh als äh   Pflegeschwester sein« und hab über zwanzig Jahre als Schwester gearbeitet   meistens in der Aufnahme   äh ja wenn die Leute kommen

[4:43:44] nennt man das Aufnahme hier ?   oder in den äh ambulatorischen Kliniken   meistens äh chirurgische a- ambulatorische Kliniken es gibt ambulatorisch wo die Leute kommen nur nach Operationen vor Operationen oder so weiter   nicht auf Sta- nicht auf Station sondern

[4:44:07] mehr in den Kliniken oder in der Aufnahme und hab das sehr genossen das war das war wirklich eine Erfüllung ich hab das sehr genossen die Arbeit sehr   hab über zwanzig beinahe z- über zwanzig Jahre im Krankenhaus gear- bis ich 65 war und pensioniert werden

[4:44:20] musste   und äh   das das natürlich   und dann wurden die Eltern eben immer immer hinfälliger und ich bin immer mehr gefahren wie ich noch gearbeitet hatte musst ich immer wieder Urlaub nehmen das war nicht so einfach aber sie haben das sehr gut verstanden

[4:44:41] alles und ähm haben mich beurlaubt   und   die Mutter war im Krankenhaus der Vater war im Krankenhaus bis so ich glaube 75 oder so was ich weiß nicht mehr genau 74 äh ging das nicht mehr der Vater war   hatte dann   Gehirn- äh   also war etwas sehr durcheinander

[4:45:03] und die Mutter war ja viel älter war ja neun Jahr älter ist ja war ja neun Jahr älter als er und hätte ihn als aus dem Krankenhaus nicht mehr nach Hause nehmen können mit Pflege und so weiter sie war noch auf den Füßen aber trotzdem nicht mehr also

[4:45:18] ha- wir hatten wir haben beschlossen sie in das jüdische Altersheim dort in Düsseldorf zu bringen also Mosche kam nach Düsseldorf und hat mir geholfen die Wohnung aufzulösen   und wir mussten der Mutter das beibringen der Vater war noch im Krankenhaus  

[4:45:33] dass und sie war auch sehr vernünftig sehr bereit es gab ein jüdisches sehr schönes Altersheim dort und wir haben dort einen Platz bekommen äh erst musste er in Krankenabteilung aber dann haben sie zusammen eine kleine Wohnung oder zwei Zimmer bekommen

[4:45:46] dort in dem Altersheim und wir haben die Wohnung aufgelöst also   äh was was wir konnten das Altersheim Bilder und Bücher und Platten das haben wir alles natürlich mitgenommen damit sie in einer Umgebung waren die sie kannten   ungefähr und manches haben

[4:46:03] wir mit nach Haus genommen und das andere haben wir verschenkt   und da hab ich sie oft besucht noch in dem Altersheim denn m- immer war einer im Krankenhaus oder sie oder er war im Krankenhaus es war es war schon anstrengend und es ging dann nicht mehr weiter

[4:46:20] d-   also Mosche hat gesagt d- »genug   wir nehmen sie zu uns«   inzwischen waren die Kinder natürlich groß Yair hatte schon geheiratet   Ilan war   ich glaube er war schon in Europa ich weiß es nicht   -80   nein noch nicht   aber ähm 1980 haben wir sie   in

[4:46:47] Rollwagen beide in Rollwagen   mit Katheter mit einer Fuß im Gips der Vater   äh mit KLM über   Amsterdam nach Haus gebracht   zu uns nach Haus denn die Kinder wohnten nicht mehr zu Haus Yair   m-   ja Yair war schon v- war schon verheiratet ich weiß nicht mehr

[4:47:13] genau was haben wir jetzt ? elf ?   er ist 25 26 Jahr verheiratet ja war er schon weiß ich nicht mehr

Daniel Baranowski

[4:47:23] mhm   nee dann nicht dann war er noch nicht verheiratet

Karla Wolff

[4:47:26] [gleichzeitig:] nein dann nicht die Mutter lebte nicht mehr   ja war er noch nicht verheiratet aber die Kinder lebten nicht mehr ja rechnen ist schwierig   ähm   die   wir hatten noch ah wir hatten noch ein kleines Häuschen wo wir zuerst gewohnt hatten wo dann

[4:47:40] kamen das hab ich auch nicht erzählt wie wir nach Naharija kamen haben wir erst ein kleines Häuschen gekauft   und da haben wir zuerst gewohnt und dann ergab sich der Kauf von einer Farm und zu derselben Zeit ungefähr sind die Eltern von Mosche aus Amerika

[4:47:56] der Vater war pensioniert die wohnten ja alle in Amerika die sind alle die ganze Familie ist nach Amerika ausgewandert 38 nur er ist nach Palästina er war so wie ich er musste nach Palästina   nur er von der ganzen Familie ist nach Palästina auf Jugend-

[4:48:10] als Jugend-Alija Jugend-   mit einer Jugendgruppe nach Palästina gekommen und in Palästina erst in ein Jugenddorf gekommen eh er dann äh Erwachsener wurde   und dieses und die Eltern wurden dann pensioniert der Vater wurde pensioniert in Amerika und kamen

[4:48:26] nach Israel und haben dieses kleine Häuschen bezogen und wohnten bis zu ihrem Tode dann neben uns in der nächsten Straße ja die Eltern von Mosche   und dieses kleine Häuschen gehörte uns also und äh   und da hat dann Yair mit seiner Frau gewohnt nachdem

[4:48:43] sie geheiratet haben so hatten wir in unserem Haus Platz genug wir hatten noch ein oben aufgestockt mit Holz noch so ein Stock da wohnten wir da haben wir geschlafen und unten haben wir dann die Eltern jeder ein Zimmer untergebracht also wir brachten sie nach  

[4:48:57] Naharija   natürlich nicht für immer sondern nur auf Besuch   [gestikuliert] und äh alle zwei Tage hat der Vater gesagt »wir müssen jetzt die Koffer runter nehmen und packen wir müssen jetzt nach Hause fahren« also sie haben nie verstanden dass das das

[4:49:12] Ende ist   ähm   die Muttel lebte dort noch   drei Jahre neu- mit 92 ist sie gestorben das ist der neunzigste Geburtstag [zeigt neben sich auf ein Bild] ja

Daniel Baranowski

[4:49:27] wollen Sie das zeigen mal ?

Karla Wolff

[4:49:29] ja also noch

Daniel Baranowski

[4:49:31] in die Kamera ?

Karla Wolff

[4:49:34] wie ?

Daniel Baranowski

[4:49:36] wollen Sie das mal in die Kamera zeigen ?   das Bild

Karla Wolff

[4:49:38] ah das soll ich zeigen ja

Daniel Baranowski

[4:49:40] geht das ? ja

Karla Wolff

[4:49:43] also das ist   ah nein das nicht   das ist der neunzigste Geburtstag von der Muttel [zeigt Foto] bei uns zu Hause mit neunzig Kerzen   sie war sehr glücklich   sie war sie war so eine unerhörte Frau ja sie war   sie hat nicht mehr gesehen auch   sie konnt nicht

[4:49:58] mehr sehen   aber sie hat gelesen weil man muss ja lesen nich ist doch klar sie waren doch beide Vortragskünstler also man muss doch ein Buch sie hat auf dem Sofa gesessen und sie hatte ein Buch vor sich dass das Buch umgekehrt war das spielte ja keine Rolle  

[4:50:13] und sie hatte eine Lupe   ja also so ein nennt man das Lupe ? ja so ein Ferngl- und sie hat gelesen   und sie hat auch manchmal umgeblättert und wenn ich kam sag ich zu ihr »Muttel das Buch ist doch umgekehrt« »nein nein das ist in Ordnung du musst das Buch

[4:50:30] lesen das ist also hochinteressant ! hochinteressant ! du musst das Buch lesen« sag ich »ich werd es lesen«   so   [gestikuliert] nicht unterkriegen lassen   so und so ist sie gegangen und so hab ich sie in den Garten gesetzt in den Stuhl und wir hatten einen

[4:50:49] kleinen Hund wir hatten große Hunde aber ich hatte so einen kleinen Hund   äh Sissy das war mein Hund »wo ist das Hundel ?« und sie war also nie hatten wir einen Hund zu Hause früher »wo ist das Hundel ?« das Hundel sprang sofort auf ihren Schoß und da

[4:51:04] ist ein Bild bei den Bildern ist da   die ich gestern gebracht hab da ist ein Bild da sitzt das Hundel schwarze Hundel auf ihr »wo ist das Hundel ? das Hundel das Hundel« dann war sie glücklich haben sie beide unter -m Baum gesessen und er hat immer gesagt

[4:51:14] »ich muss auf die Bank gehen« sag ich »beseder« Mosche hat gesagt »ich ich nehm dich auf die Deutsche Bank« haben in Düsseldorf dort am Platz wo sie wohnten wie hieß der Platz Brehmplatz am Brehmplatz auf die Deutsche »ich muss zur Bank«   Mosche

[4:51:28] hat ihn genommen unter -n Arm ist an die Ecke gegangen »die Bank ist aber nicht hier die ist heut geschlossen Vatel die ist heut geschlossen gehen wir morgen werden wir gehen« ist mit ihm wieder zurückgegangen in den Garten hat ihn wieder in den Liegestuhl

[4:51:39] gesetzt   also beseder »die Bank wird morgen offen sein«   [schüttelt den Kopf] sie   sie hat   sie sie ist gut gestorben   beide sind gut gestorben   beide sind in meinen Armen gestorben zu Hause   äh sie ist wirklich eingeschlafen sie war vollkommen durcheinander

[4:52:05] am Ende aber das machte nichts sie war so gut durcheinander   sie hat dass sie hat das nicht sie hat das nicht empfunden   und sie hat sich gefreut mit jedem auch wenn sie ihn nicht kannte »setzen Sie s- setzen Sie sich hierher   setzen Sie sich hierher haben

[4:52:22] Sie schon Kuchen ? haben Sie schon ?« es äh war ganz unwichtig wer das war   aber nachdem sie gestorben war ging es ihm sehr schlecht dann wurde er ganz durcheinander »wo ist die Muttel was habt ihr mit ihr gemacht ?« hinter jeder Tür hat er sie gesucht  

[4:52:41] »wo ist die Muttel ? was habt ihr mit der Muttel gemacht ?«   das war sehr schwer   das war sehr schwer   äh ich hab mich dann einmal beraten mit einer Ärztin und sie hat mir gesagt mit einer bestimmten Tablette sagt sie »du kannst ihm davon so viel geben

[4:53:00] wie du willst das ist nicht schädlich wenn er so ein   gib ihm eine auf die Zunge« das war auch so und er beruhigt sich   es d- es war ein paar Stunden ruhig das   d- dann kam wieder mal so ein Anfall »leg ihm so eine Tablette auf die Zunge   das ist nicht

[4:53:16] schädlich«   er hat auch noch ähm   er hat noch die Hochzeit mit äh mit Yair erlebt die war bei uns im Garten die   äh also die Trauung war bei uns im Garten der Rabbiner kam zu uns und war sehr sehr schön der Vater war daneben war noch die Bilder und ich

[4:53:35] hab ihm gesagt »weißt du das ist Gingi Gingi« bei uns heißt er Gingi das war so -n so -n Spitzname hat ihm der Ilan gegeben wie er ein Baby war »ist Gingis Hochzeit« »ja ja   wohnst du auch in dem Hotel ?« hat er mich gefragt war bei uns zu Hause er

[4:53:49] hatte sein Zimmer da »ja« sag ich »ich wohn auch in dem Hotel«   [lacht] er war sehr durcheinander schon   »wo ist die Muttel ? wo ist die Muttel ?«   am Ende   ist er auch sehr schön gestorben wenn man so was meinen kann   am Erev Rosch Haschana am Abend

[4:54:09] von Neujahr von unserm Neujahr hat er noch mit uns allen zusammen gegessen er hat noch   Gebet gesagt vor dem Essen   und dann »muss jetzt müde« er hat sich hingelegt dann bin ich nochmal reingegangen   sagt er »ich muss doch mal rausgehen« also rausgehen

[4:54:28] musste nochmal auf -s Klo nochmal sagt er er hat sich hingesetzt sag ich »ich zieh dir die Schuhe an die Hausschuhe an« und ich zieh ihm die Hausschuhe an in dem Moment fällt er zurück so   ich hab ihm noch gesagt »grüß die Muttel schön«   weg   er

[4:54:54] war nicht sehr glücklich zu Ende aber ich glaube er hat es nicht mehr so   trotzdem er hat die Jungs gesehen er hat uns gesehen aber es es war besser so   [atmet tief durch]

Daniel Baranowski

[4:55:21] ähm   würden Sie gerne zum Abschluss des Interviews noch   insgesamt irgendetwas sagen gerne

Karla Wolff

[4:55:29] ich hab so viel gesagt    Daniel ich hab doch die ganze Zeit sag ich schon stundenlang sag ich schon was

Daniel Baranowski

[4:55:36] ja das stimmt

Karla Wolff

[4:55:37] kommt euch doch schon hier raus [lacht; gestikuliert]

Daniel Baranowski

[4:55:39] Teresa hast du noch -ne Frage ?   dann ähm bedanken wir uns sehr herzlich dafür

Karla Wolff

[4:55:48] [gleichzeitig:] ich bedanke mich auch

Daniel Baranowski

[4:55:49] dass Sie die Reise auf sich genommen haben und hier hingekommen sind und so ausführlich ähm   und so intensiv aus Ihrem Leben erzählt haben ich glaub das hat uns sehr beeindruckt alle   vielen Dank

Karla Wolff

[4:56:05] ich bedanke mich auch ich

Datum Ort Text
ab 1928 Breslau Geburt als Tochter einer christlichen Mutter und eines jüdischen Vaters
1935 - 1939 Breslau Besuch einer privaten, jüdischen Volksschule
ab 1937 Breslau offizielle Aufnahme in die Jüdische Gemeinde
1938 - 1941 Berlin Umzug des Vaters und Ausbildung zum Kantor
1939 - 1941 Breslau Besuch des Jüdischen Gymnasiums
1941 - 1942 Breslau Schulunterricht durch die Jüdische Gemeinde
1942 - 1943 Breslau Zwangsarbeit im jüdischen Altenheim und als Helferin bei den Transporten
1943 - 1944 Breslau Zwangsarbeit im Krankenhaus für Mischehen
1944 - 1945 Breslau im Versteck bei einer deutschen, nichtjüdischen Familie
1945 - 1946 Erfurt erzwungener Umzug, Studium
1945 - 1945 Breslau mit den Eltern als »deutsche Familie« getarnt; Arbeitseinsatz auf dem Flugfeld und beim Ausheben von Panzergräben
ab 1945 Breslau Befreiung durch russische Soldaten
1946 - 1947 Neuhof (bei Fulda) Hachschara auf dem Gehringshof
ab 1947 Naharija Abschied von den Eltern und illegale Einwanderung nach Palästina
1947 - 1952 Netzer Sereni (Kibbuz Buchenwald) Aufenthalt und Arbeit in verschiedenen Kibbuzim
ab 1949 Karlsruhe Konversion der Mutter zum Judentum
ab 1953 Rechovot Hochzeit mit Mosche Wolff
ab 1954 Naharija Umzug nach Naharija
ab 1955 Naharija Geburt des ersten Sohns Ilan
ab 1958 Naharija Erwerb des eigenen Bauernhofs
ab 1959 Naharija Geburt des zweiten Sohns Yair
ab 1980 Naharija Umzug der Eltern nach Israel
Karla Wolff wurde am 22. November 1928 als einziges Kind einer christlichen Mutter und eines jüdischen Vaters in Breslau geboren. Auch wenn sie kein offizielles Mitglied der Jüdischen Gemeinde war, waren ihre Erziehung und die Traditionen des Hauses eindeutig jüdisch geprägt. Sie ging zu den Feiertagen mit ihrem Vater in die Synagoge und besuchte eine private, jüdische Volksschule. Als sie 1937 eine Religionszugehörigkeit nachweisen musste, stand für sie zweifelsohne fest, dem Judentum beizutreten. Kurze Zeit später wurde sie durch Rabbiner Vogelstein offiziell in die Jüdische Gemeinde aufgenommen.
Durch die fortlaufenden Einschränkungen für die jüdische Bevölkerung und die immer schärfer werdende antijüdische Gesetzgebung veränderte sich das Leben der Familie: Der Vater wurde arbeitslos, nachdem seine jüdischen Arbeitgeber das Land verlassen hatten. Die Eltern, die gemeinsame Rezitationsabende gaben, konnten diese vorerst nur noch zu Hause und später gar nicht mehr durchführen. Die große Wohnung konnte ihnen zwar nicht genommen werden, da sie dem christlichen Teil der Familie gehörte, wurde aber immer weiter verkleinert, indem sie zwangsweise Zimmer abgeben mussten; zuletzt bewohnte die dreiköpfige Familie nur noch ein Zimmer.
Um der Arbeitslosigkeit zu entgehen, begann der Vater 1938 eine Kantorenausbildung und zog dafür nach Berlin. Seine Abwesenheit bewahrte ihn im November 1938 vor Verhaftung und Deportation, die im Zuge der Reichspogromnacht durchgeführt wurden. Karla Wolff erlebte bei Verwandten die Verhaftung ihres Onkels mit.

Als 1941 im Deutschen Reich die Kennzeichnungspflicht durch den Judenstern eingeführt wurde, musste der Vater aus Berlin nach Breslau zurückkehren und sich zur Zwangsarbeit melden. Der psychisch labile Mann erlebte mehrere Zusammenbrüche, bis die Mutter durch Bestechung erreichte, dass er bei der Jüdischen Gemeinde arbeiten konnte. Das jüdische Gymnasium, das Karla Wolff mittlerweile besuchte, wurde 1941 geschlossen. Ein weiteres Jahr lang führte die Jüdische Gemeinde den Unterricht im Freundesaal fort, bis der Saal als Sammelstelle für die Deportationen genutzt wurde. Nun wurde auch Karla Wolff zur Zwangsarbeit eingezogen und arbeitete im jüdischen Altenheim als Pflegerin. Vor Deportationen half sie an der Sammelstelle im Freundesaal aus, verteilte Tee und betreute die Wartenden. Immer wieder traf sie dort Freunde und Bekannte, die ihr vor dem Transport Dinge zur Aufbewahrung überreichten. Die ständigen Verabschiedungen führten zu einem Gefühlskonflikt, der sie viele Jahre begleiten sollte: Obwohl sie bereits vermutete, dass den Deportierten ein schweres Schicksal bevorstand, überwog für sie das Gefühl, alleine gelassen zu werden. Sie ging davon aus, dass ihre Freunde zusammen bleiben konnten, während sie zurückbleiben musste.

Am 27. Februar 1943 kam es zur letzten Massendeportation aus Breslau, der so genannten »Fabrikaktion« (im Jargon der Nationalsozialisten »Großaktion Juden« genannt). Im Frühjahr des Jahres wurde auch das Altenheim aufgelöst und dessen Insassen nach Theresienstadt deportiert. Nun waren von der ehemaligen Jüdischen Gemeinde Breslau nur noch die Ehepartner und Kinder aus ›Mischehen‹ in der Stadt. Für sie wurde auf dem jüdischen Friedhof in Cosel ein behelfsmäßiges Krankenhaus eingerichtet, in dem Karla Wolff als Helferin arbeitete. Durch ihre Tätigkeit kam sie auch in Kontakt mit jüdischen Häftlingen aus nahe liegenden Konzentrations- und Arbeitslagern, die bei Verletzungen dort behandelt wurden. Diese Begegnungen waren einerseits eine Verbindung zu genaueren Informationen, auch über deportierte Freunde und Bekannte, und boten andererseits die Möglichkeit, direkt Hilfe zu leisten und die Häftlinge zu unterstützen, soweit es möglich war.
Als im Sommer 1944 der Aufruf zum Transport der noch in Breslau verbliebenen Juden kam, sorgte die Mutter mit Hilfe ihres deutschen Arbeitgebers, einem SS-Arzt, für Verstecke für sie und den Vater. Ein halbes Jahr lang verbrachte Karla Wolff auf einem Hängeboden bei einer deutschen, nicht-jüdischen Frau und deren Tochter. Im Januar 1945 musste der Arzt aufgrund des Vormarsches der Roten Armee Breslau verlassen, und die Familie wurde wieder vereint. Als ›Arier‹ getarnt übernachteten sie in verlassenen Kellern, um vor Bombenangriffen geschützt zu sein. Wie andere arbeitsfähige Deutsche leisteten Karla Wolff und der Vater Aufräumarbeiten in der Stadt.
Die Befreiung durch die Rote Armee im Mai 1945 brachte vorerst nicht die erhoffte Erleichterung, da Polen und Russen davon ausgingen, dass sie in erster Linie Deutsche und keine Juden seien. Auch der Kontakt zu polnischen Juden, die von nun an nach und nach in die Stadt kamen, war durch sprachliche Barrieren und Argwohn gekennzeichnet. Im Herbst des Jahres verließ die Familie Breslau und zog mit einer größeren Gruppe Breslauer Juden nach Erfurt, wo sich eine neu gegründete Jüdische Gemeinde organisierte. Für Karla Wolff stand jedoch fest, dass sie in Palästina leben wollte, so dass sie zur Hachschara auf den Gehringshof bei Fulda zog, um sich auf ihre Ausreise vorzubereiten.

Während die Eltern versuchten, ihre unterschiedlichen Zukunftspläne in Einklang zu bringen (der Vater wollte in Deutschland bleiben, während die Mutter in die USA auswandern wollte), nahm Karla Wolff im Herbst 1947 Abschied und machte sich gemeinsam mit ihrem Kibbuz über Frankreich auf den Weg nach Palästina. Die illegale Einreise per Schiff endete in Naharija, wo die Einwanderer auf Kibbuzim aufgeteilt wurden. Nach einer Weile schloss sie sich wieder ihrer ursprünglichen Gruppe im Kibbuz Netzer Sereni (vorerst Kibbuz Buchenwald genannt) an. Ihren Wunsch nach einer Krankenschwesternausbildung konnte sie durch ihre abgebrochene Schulbildung nicht verwirklichen.
Nach ihrer Heirat mit Mosche Wolff lebte sie zunächst in Rechovot, bis der Landwirt ein eigenes Gut in Naharija erstand, wo auch die beiden Söhne des Ehepaars geboren wurden.
Nach langem Hin und Her zogen die Eltern von Karla Wolff gemeinsam nach Düsseldorf, wo der Vater eine Anstellung als Kantor erhielt. In hohem Alter holte Karla Wolff sie zu sich nach Naharija. Dort verbrachten sie im Kreis der Familie ihren Lebensabend.