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Gerd Braun (*30.11.1935, Berlin)

Signatur
01137/sdje/0034
Institut
Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin
Sprache
deutsch
Ort und Datum der Aufnahme
Berlin, den 15. Juni 2011
Dauer
03:19:07
Interviewter
Gerd Braun
Interviewer
Daniel Baranowski , Barbara Kurowska
Kamera, Licht und Ton
Daniel Hübner
Teilnehmer am Gespräch
Erika Braun
Redaktion
Daniel Baranowski
Transkription
Daniel Baranowski

Erst im März 1948, als 12-Jähriger, begegnete Gerd Braun zum ersten Mal seinem Vater. Der Junge war während des Krieges von der christlichen Mutter im Zuge der Kinderlandverschickung auf einem Bauernhof im ostpreußischen Schwentainen untergebracht worden. 1937, nur ein Jahr nach Gerd Brauns Geburt, wurde sein jüdischer Vater als einer der ersten Häftlinge in das Konzentrationslager Buchenwald eingewiesen und blieb bis zum Ende des Krieges in KZ-Haft. Die Mutter, die sich von ihrem Mann scheiden ließ und die vorgesehene Aufnahme der Kinder in die Jüdische Gemeinde Berlin verhinderte, schickte ihn 1944 zusammen mit seiner jüngeren Schwester nach Ostpreußen. Durch das Vorrücken der Roten Armee mussten die Kinder in der Folgezeit bei unterschiedlichen Pflegefamilien in Schlesien und Böhmen unterkommen, bis Gerd Braun 1945 mit seinen Pflegeeltern in Hessen ankam. Dort ging er wieder zur Schule und wurde schließlich von seinen leiblichen Eltern gefunden. Er begann in den 1950er Jahren eine Lehre als Bäcker und zog nach Berlin. Nach der Heirat und der Geburt zweier Kinder machte er sich mit einer eigenen Bäckerei in Berlin-Neukölln selbstständig. Die Familiengeschichte war noch über den Tod des Vaters im Jahr 1982 hinaus stark von dessen Haftzeit geprägt. Gerd Braun, der sich selbst nie als Verfolgter begriffen hatte, bedauerte das jahrzehntelange Verschweigen, das ihm den Zugang zu seiner Vergangenheit verwehrte, zutiefst. Zum Zeitpunkt des Interviews, wenige Monate vor seinem Tod, war er 75 Jahre alt.

Vorkontakte

Vermittlung des Interviews durch einen Kollegen der Freien Universität Berlin und dessen privaten Kontakt, Kontaktaufnahme brieflich und telefonisch, Vorgespräch im Ort der Information fünf Tage vor dem Interview

Bedingungen

Das Interview fand im Wohnzimmer des Ehepaars Braun statt. Aufgrund der großen Hitze mussten Fenster und Türen geöffnet bleiben, dadurch sind teilweise Hintergrundgeräusche zu hören.

Gruppensituation

zwei Interviewer, ein Kameramann (Daniel Hübner), Erika Braun (Ehefrau von Gerd Braun)

Unterbrechungen

zwei Schnitte

Protokoll

Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin

Barbara Kurowska

[0:00] so es ist der 15te Juni 2011 und wir sind zu Gast bei Gerd und Erika Braun in Berlin-Rudow wir führen ein Interview für das Projekt »Sprechen trotz allem« der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas ich bin Barbara Kurowska und führe das Interview

[0:15] mit Daniel Baranowski durch ähm für die Kamera äh und Technik ist Daniel Hübner zuständig und anwesend ist auch noch äh Frau Erika äh Braun natürlich [Schnitt]

[0:25] so Herr Braun vielen Dank nochmal dass Sie sich dazu bereit erklärt haben uns Ihre Lebensgeschichte

[0:30] zu erzählen wenn Sie vielleicht äh damit anfangen könnten wo und wann Sie geboren wurden und wenn Sie etwas über Ihre Eltern erzählen könnten

Gerd Braun

[0:38] tja [räuspert sich]   geboren bin ich in Berlin   in der Universitätsfrauenklinik [lacht] zu deutsch in der Charité   meine Eltern war eben der jüdische Kaufman (Lion) Braun   und meine Mutter war   nach damaligen   Gebr- äh   Redensart war sie Arierin ne und  

[1:21] mein Vater stammte aus einer jüdischen Familie die in Chemnitz beheimatet war   die   der Großvater meines Vaters kam   aus äh   Polen irgendwo da kamen ja viele Juden damals nach Deutschland und der war Westennäher   also der hat irgendwie Westen genäht ob

[1:58] det für Anzüge war oder ob die Leute die so getragen haben wahrscheinlich und äh das war scheinbar en en achtbarer Beruf jedenfalls äh hat er da in Chemnitz Fuß gefasst und wann dat los ging dann hatten se hatte diese Familie en Jeschäft und mein Großvater

[2:24] wiederum der war dann en anjesehener Jeschäftsmann in diesem in Chemnitz   wann   und unter welchen Umständen das Geschäft äh nicht mehr da war   weiß ich nicht nich irgendwie ob dat verkauft werden musste oder   jedenfalls sind se nach Berlin gezogen   und

[3:00] der Großvater also mein Großvater der war dann einer der ersten äh Häftlinge in Buchenwald der kam nach Buchenwald [räuspert sich]   und ist dort och   verstorben   worden weiß ich nicht es ist nicht es ist nicht so richtig bekannt aber man hat zu der Zeit

[3:23] dat war wohl 39 oder wat oder   nee   früher viel früher äh   noch die Toten raus gegeben ja   mir ist nicht genau bekannt ob man nur die Asche raus jegeben hat oder ob der Leichnam raus jegeben wurde dat weiß ich nich ich weiß bloß dass es also ein Grab

[3:52] existiert in Weißensee auf dem Jüdischen Friedhof da ist der begraben und nach dem Krieg haben die beiden Brüder die also sich hier in Berlin wieder trafen mein Vater und mein Onkel haben dann noch en Stein setzen lassen und dat eingerahmt und so inzwischen

[4:17] is dat auch ziemlich verfallen und so ich war auch schon en paar Jahre nicht da und da ham se auch der auf dem Stein steht dort drauf da wurde der Großmutter und der jüngsten Schwester gedacht die beede zusammen in Auschwitz vergast worden die kamen erst

[4:41] nach äh wie heißt dat ? Ravensbrück oder ? nee dieses Ghetto da und von da aus sind se deportiert worden und äh   da verliert sich die Spur denn in Auschwitz [räuspert sich]

Daniel Baranowski

[5:00] haben Sie Ihren Großvater ähm gekannt haben Sie noch bewusste Erinnerungen an ihn ?

Gerd Braun

[5:05] nee keine überhaupt keine und en Bild existiert och nicht ich weiß gar nicht wie die Großeltern aussahen ja oder irgendwie nur so von Hören und Sagen hab ick jehört dat det en janz patenter Mann jewesen ist ja [lacht] und von der Großmutter weiß ich

[5:25] gar nischt und die jüngste Schwester die noch zu Hause war die denn mit vergast worden ist die   das war en junges Mädel noch also da da weeß ich och nischt weiter von ne   die andern Geschwister mein Vater der hatte f- also das waren im Janzen fünfe   die

[5:54] also schon älter waren und och teilweise gut situiert die ich weeß bloß die eenen hatten in Halle hier Häuser und och en Jeschäft oder was und   wie da ob dat durch Zuheirat oder irgendwie dat is mir nich bekannt aber jedenfalls war da schon en bisschen

[6:23] Geld und die sind nach die sind nach Argentinien jegangen   und   mein Onkel   der Bruder von meinem Vater der wollte mit seiner Frau also die wollten nach Amerika da war en kleener Sohn schon da und die wollten nach Amerika   und da ham se gedacht wenn sie über

[6:50] Frankreich vielleicht gibts da ne Möglichkeit dat war ja nich so einfach   und dann warn se in Frankreich und äh die Frau hat irgendwie en Visum jekriegt und is auch rüber gefahren aber   der Onkel und der kleene Sohn die   äh kriegten also nicht die Ein-

[7:14] oder Ausreise oder was und die ham dann die ganze Zeit in Frankreich im Untergrund jelebt ja bis   Kriegsende und ha- ham dat och überlebt wobei der Sohn   Kriegsende der war so schwer lungenkrank also das keener en Pfifferling mehr auf ihn gegeben hätte und

[7:42] da da ham se nach em Krieg wurde der in die Schweiz jebracht in so en   Klinik oder was weiß ich ja und da war er mehrere Jahre und ich globe einen Lungenflügel ham se ihm janz rausgenommen und also aber er hat dat überlebt und er is auch verhältnismäßig

[8:03] alt jeworden der is erst vorjet Jahr jestorben im Herbst nich also der war so beinah zehn Jahre älter wie ich und  

[8:13] mein mein Vater den ham se   ich weiß eben nich jenau wann 37 oder war et schon 38 ich ich denke eher is schon 37 abjeholt   und er is   ins KZ

[8:39] jekommen nich und zwar [räuspert sich]   so weit hat er erzählt ma äh in   äh nach Buchenwald da hat er eigentlich Buchenwald mit aufgebaut dat wurde gerade damals so hochjezogen und [räuspert sich] später denn also in in alle namhaften KZ zwar war er

[9:08] irgendwann mal ja und die letzten Jahre ka- war er war er so im besten Mannesalter nich und äh die brauchten ja Arbeitskräfte und da kam er nach Auschwitz ins Arbeits-   Arbeitslager ja   und der war im KZ bis zum Ende also   fast acht Jahre ja  

[9:35] meine Mutter

[9:38] die   stand nun mit uns wir waren also zu der Zeit waren wir dreie   tja die Geschichte meiner Eltern die ist auch nicht ganz so so schön wie man sich dat so vorstellt ja   äh der Vater war verheiratet schon mal und hat mit seiner Frau in Sagan jelebt   und

[10:11] meinem Vater jehörte wolln wer mal so sagen   wat ich so rausjekriegt habe und wat ick jehört habe war er so en bisschen dat schwarze Schaf der Familie wa schon als Kind nur Blödsinn gemacht statt Schule und wat weiß ick und die Eltern ham sich wohl bemüht

[10:35] und haben beede Jungs   in son Internat jegeben dat se da   also erz- erzogen werden sollten [räuspert sich]   ja also Vater hat dann jeheiratet und is nach Sagan jegangen wovon der eigentlich jelebt hat dat weeß ich nich später hab i- hat er jedenfalls Entschädigung

[11:06] gekriegt für ne Schuhfärberei aber dat war dann schon wieder in Berlin die sind dann von Sagan nach Berlin jezogen   und in diesem Haushalt war meine Mutter die Hausangestellte ja   [lächelt; gestikuliert] also sie hat da alles gemacht [lacht] und   eines

[11:30] Tages war se halt schwanger ne   und [räuspert sich] ja   von zu Hause die stammte aus auch aus Sagan in Schlesien irgendwo   der Großvater der war Lokomotivführer der hat sich hochgearbeitet vom Heizer bis zum Lokomotivführer der war sein janzet Leben lang

[11:55] stolz darauf und wenn er denn da die äh vorbeikam mit der Eisenbahn dann ham [gestikuliert] und wir warn zu Besuch mal oder so dann ham wir jestanden und jewinkt [räuspert sich]   ja aber die hatten wohl zu der Zeit nich so dat rechte Verständnis was da

[12:17] so passiert is oder so und wat sollte se nu mit dem Kind machen war en kleener Junge   also ham se dat Kind   äh hat se hat se das Kind zur Adoption freigegeben nech und det kam dann auch in en Heim und kamen auch Leute und   ja die ham sich gleich in den Kleenen

[12:40] verguckt und ham den mitjenommen und   äh der is dann bei denen   sollte er groß werden aber   ich weeß nich was für ne Krankheit aber ick globe irgend ne Kinderkrankheit oder wat nach anderthalb Jahren is der Junge jestorben nech der war denn der war denn

[13:02] tot und meine   meine Mutter war inzwischen wieder schwanger   schon dat zweete Kind von ihm   wann die auseinander jelaufen sind beede denn irgendwann ham se sich dann scheiden lassen ja dat   weiß ich nich aber ick glaube ich war dann das dritte Kind ick glaube

[13:31] bei mir waren se schon verheiratet

Daniel Baranowski

[13:33] hatte denn Ihr Vater mit der ersten Frau auch Kinder ?

Gerd Braun

[13:38] ja da waren zwei Kinder

Daniel Baranowski

[13:40] hmh   hmh

Gerd Braun

[13:42] und zwar en Junge und en Mädchen und   in der Familie war dat Mädchen dat schwache schwarze Schaf [lacht] die wollte denn Sängerin werden und denn nach em Krieg hat se bei den Amis da rumgetingelt und also   [gestikuliert] hat da wohl en ziemlich schlimmet

[14:05] Leben jeführt aber irgendwann hat se dann einen Polen jeheiratet der bei den Amerikanern in Frankreich   äh en höherer Offizier war also der war irgendwie in ner amerikanischen Armee oder wat den hat se jeheiratet dat war wohl och en   wohl en janz Lieber

[14:31] aber sie hat sich dem nich würdig erwiesen [lacht] der is äh irgendwann sind die auch auseinander jegangen und die is denn also die lebt heute noch in Frankreich aber unter so schlechten Verhältnissen also äh wie man sich dat wohl kaum ausmalen kann   äh

[14:57] denn wohnt se da in so ne mehr oder weniger Hütte vom Staat so bezahlt so mit dreißig Katzen und also ganz schlimm [räuspert sich]   und wir ham se ich hab se nach em Krieg och noch kennen gelernt und dann kam se mal nach Berlin mit dem Mädel dat kleene

[15:20] Mädelchen da dat wat se hatten dat war so krank Asthma oder wat und da wollten se hier zu nem besonderen Arzt na ja is e- die Familie hat se herjeholt und dann hat se hier ne Weile jelebt aber nich lange und denn wie jesagt und seitdem hab ick keinen also

[15:42] ich hab gar keinen Kontakt jehabt und   der Junge der war dat war en janz patenter Mensch   der   hat dann Drogist gelernt ja und äh hatte denn also er war sogar ne kurze Zeit im KZ aber det war denn schon die Befreiung war nahe und so und   und denn hat er sich

[16:16] in hier in Berlin selbstständig gemacht so ne kleene Drogerie   in der Oranienstraße

Erika Braun

[16:23] (Hartwig ?)   [gleichzeitig:] (Hartwig _)

Gerd Braun

[16:25] was ? (Hartwig) ja   und   ja er hat Gott der is nich reich jeworden aber er hat en ordentlichet Leben jeführt und hat eben auch viel jearbeitet und die Drogerie hat er dann son irgendwie son Tee rausgebracht und den ham die verschickt bis nach Amerika und nach

[16:49] Australien und so [lacht]   ganz gut zurecht jekommen [räuspert sich]   das war son richtiger   ja wie soll ich sagen dat war en Frauentyp wa [blättert im Fotoalbum]   die Mädels sind auf den jeflogen der hatte immer Mädels also   janz   hier hier unten isser

[17:18] jut zu sehen hier [zeigt das Foto] und   et hat lang jedauert und denn hat er en verhältnismäßig junget ne ziemlich junge Frau jeheiratet   aber na ja   die Olle die war en bisschen bekloppt muss ich sagen wir sind nich mit der zurecht gekommen die wollte

[17:46] immer wat Besonderet sein und oh na ja die ham die ham von Sachen gesprochen d- da hab ick keen Wort von verstanden ja [räuspert sich]   später   is er denn jestorben nich oder war dat Selbstmord nee er is jestorben ja er is jestorben und sie is verrückt

[18:11] jeworden sie sie hatten zwee kleene Mädchen die leben hier och noch in Berlin irgendwo und   zack eines Tages hat sie sich det Leben genommen is irgendwo so da aus en achten Stockwerk da runter gesprungen [räuspert sich]   also die Frau war nich so ja dat

[18:38] waren die beeden Kinder aus erster Ehe und und wir also   der Junge der k- der erste Junge war tot nu kam Mutter is zu den Leuten hin und hat an- hat die anjeheult oder anjebettelt dass se nu dat nächste och nehmen sollten das war en Mädchen   die haben sich

[19:03] breitschlagen lassen also die ham das Mädchen genommen und diese Leute   also als ob die unserer Familie meinem Vater und so hörig waren dauernd wenns irgendwat jab mussten (Bloßfeldts) aushelfen oder äh aushelfen und ja also schlimm   aber für meine Schwester

[19:35] war dat der Himmel auf Erden die ham die Kleene vergöttert wie   wie sonst wat ja also es is   aber weeß nich ob ihr irjendwat am Ende dann doch jefehlt hat sie war also dann 15 und da hat se schon en Freund jehabt und eins zwei drei war se och schwanger [lacht]

[20:00] oh je   der Freund [räuspert sich]   der war Zimmermann der hat Zimmermann jelernt und hat auch ausjelernt und so und war janz stolz dass er det Dach auf en   Sportpalast mit jebaut hatte und und in ner Komödie am Kurfürstendamm den Vorbau da jemacht hat und

[20:26] also   und der hatte der hatte nun wiederum ne Schwester und die hatte mit nem Ami angefangen hat en amerikanischen Soldaten jeheiratet und is nach Amerika gegangen und da ham se von drüben geschrieben die sollen nun och kommen und so weiter und da ham se

[20:44] sich entschlossen auszuwandern nach Amerika inzwischen war en ein kleines Mädchen geboren   aber Onkel (Hermann) hat   immer zu ihr jestanden wa als dat kleene Mädchen dann da war da is dann die Pflegemutter da jestorben aber Onkel (Hermann) hat sich umgebracht

[21:10] um dat Kind und so also   d- der hat die verwöhnt bis zum sonst wat aber trotzdem ham se sich entschlossen dann nach nach Amerika zu gehen er is dann vorgefahren und als Zimmermann hat er drüben gut Arbeit jekriegt   halbet Jahr hat er gearbeitet und dann

[21:32] dann hat er det Jeld jehabt für die Überfahrt für sie und dann is is se nach Amerika jegangen   ja und mit dieser Schwester dat is die einzige aus der janzen Familie mit der ich also   ein Kiek und ein Ei immer schon war ja   das ist die [sucht im Fotoalbum]

[21:58] ich kenn se als Kind nur mit so nem [zeigt Foto] mit so nem roten Propeller im Haar und so ja also war eigentlich auch en ganz niedlichet Kind ja

Daniel Baranowski

[22:11] wie viel Jahre ist sie älter als Sie ?

Gerd Braun

[22:13] hm zwei ?

Erika Braun

[22:15] zwei

Daniel Baranowski

[22:16] zwei Jahre

Gerd Braun

[22:17] zwei Jahre

Daniel Baranowski

[22:19] wann sind Sie eigentlich geboren das hatten Sie

Gerd Braun

[22:20] 36

Daniel Baranowski

[22:21] 36

Gerd Braun

[22:22] 36 ja [räuspert sich] ja   und denn kam ick inzwischen ham se wohl jeheiratet meine Eltern denn kam ick denn kam noch en Mädchen und denn kam en Junge als der Junge kam war der Vater schon im KZ   äh   Muttern stand nun da mit uns drei Jören

Barbara Kurowska

[22:47] könnten Sie sagen wie sie hießen die Geschwister ?

Gerd Braun

[22:50] bitte ?

Barbara Kurowska

[22:52] wie sie hießen die Geschwister Sie haben die Namen noch nicht gesagt

Gerd Braun

[22:54] ach so   also äh der tote Junge der hieß (Hänschen Hans) wahrscheinlich und äh die in Amerika das ist die (Inge Ingeborg) aber wir haben also nur (Inge) jesagt und wir wussten auch unser halbet Leben nich dass dat unsere Schwester war wir sind da zwar  

[23:18] oft zu Besuch jewesen und so weiter ja a- na ja aber man hat die (Inge) der den Pflegeeltern zujerechnet darauf dass wir verwandt waren is keener jekommen   äh da hat meine Mutter auch dat erste Mal auch eigentlich versagt denn als se als als die (Inge) neun

[23:46] Jahre war oder so da hat sie ihr dat auf en Kopp so mal zugesagt »also eigentlich is dat gar nich deine Mutter sondern ick bin deine Mutter« also dat war en janz schöner Schock ja  

[24:01] ja ja nun war Vater weg und Mutter stand nun mit uns drei Jören da und

[24:13] wir wohnten in der im Fischerkiez wissen Sie wo det is ? nee hier Berlin-Mitte so ja   u- in der Neuen Roßstraße und da hatten wir ne so ne Wohnung   komisch von da an setzt also meine Erinnerung   äh jenau ein da von da an weiß ich dann jetzt so wat ich selber

[24:42] erlebt habe die   das war ein Zimmer und dat Haus war so Vorderhaus Seitenflügel so und Hinterhaus und in dieser Kurve da hinten da waren so ne kleene Wohnung und da hatten wir ein Zimmer und ne und so ne Küche   also an Vater hab ich überhaupt keene Erinnerung

[25:11] nich das das überhaupt nich   und da haben ick weeß noch dat Zimmer jenau da standen denn die drei Betten die drei Kinderbetten so nebeneinander und denn stand en Bett war für Muttern oder so und denn war da so ein großer dunkelgrüner Ofen zum Heizen der

[25:38] bis an ne Decke ging ja mit einem mit so nem wie sacht man so en Backrohr oder so ne wat wo man so aufmachen konnte und so ja und vor diesem schwarzen Loch hab ich mein Leben lang Angst gehabt [lacht]   äh [räuspert sich]   ja das war natürlich da ging das

[26:00] schon mit den Bomben los und so   und   also   die konnte uns abends drei so ne kleenen Würmer die konnte uns jar nich ausziehen wir sind so halb anjezogen in die Betten jelegen nich wahr und wenn dann der Fliegeralarm kam ging kriegte man bloß Mäntelchen

[26:23] oder wat über und dann is se mit uns drei da runter in den Keller   ja und wenn se aufs Amt kam und wollte jetzt irjendwat haben damals gabs allet nur auf Bezugsschein nich also en Paar Schuhe oder irjendwat dann is se dahin jejangen und dann war die stereopure

[26:48] Antwort »ja lassen Se sich ersma von den Juden scheiden ja dann können Se auch wat haben vorher jibts nischt wa« und also es blieb ihr eijentlich blieb ihr jar nischt übrig als sich scheiden zu lassen um überhaupt die Kinder durchzubringen ja   wir waren

[27:07] denn im also sie war denn dienstverpflichtet   janz zum Anfang hat se bei der Kosmasept jearbeitet die ham so weeß ick so wie Nivea-Creme jemacht oder wat und da erinner ich mich och dran hat se mich manchmal mit zur Arbeit jenommen vielleicht wenn wer krank

[27:28] waren oder wat warum weeß ick nich   und dat hat mich beeindruckt wie wie die weiße Creme da so aus so nem Rohr rauskam [lacht]   oh je   die   na ja also normalerweise ging ick dann in nen Hort meine Schwester in nen Kindergarten und der Kleene in ne Krippe

[27:52] und det war alles irgendwo in Berlin-Mitte in einen einzigen Komplex so vereint und   ja und denn kam ick ja denn ick kam denn in die Schule erste Klasse rein und die erste Klasse hab ick denn da auch durchjemacht [sucht im Fotoalbum]   warte mal da hatt ich  

[28:20] da kommt ja auch eener ick ich in   aha ja hier   die Jeburtsurkunde die ick dann später brauchte   zum Heiraten [zeigt das Dokument]   und   und dann hab ich hier noch äh   en Impfschein   da wurde ich also am 26ten April geimpft mit Erfolg weeß nich

[29:17] ob das die Pockenimpfung war wahrscheinlich wohl   und später   ja dat müsste eigentlich bis zur Schule denn   allet

Daniel Baranowski

[29:33] hat denn eigentlich Ihre Mutter ähm mit Ihnen darüber gesprochen warum der Vater nicht da war ?

Gerd Braun

[29:41] nein also   ich

Daniel Baranowski

[29:46] [gleichzeitig:] oder ham Sie gemerkt wenn Sie auch in der Schule mit anderen Kindern zusammen waren dass bei Ihnen jemand gefehlt hat oder war das einfach so normal weil er nie da war

Gerd Braun

[29:54] ja

Daniel Baranowski

[29:56] hmh

Gerd Braun

[29:57] und et waren ja die meisten Kinder ohne Väter die Väter waren im Krieg

Daniel Baranowski

[30:00] [gleichzeitig:] hmh   ja das stimmt

Gerd Braun

[30:01] und so und später hat man auch immer anjenommen   mein Vater is im Krieg   [fasst sich ans Mikrofon] oder im Krieg jeblieben und ach so jetzt hab ick da äh   aber uns hat unsere Mutter   nichts erzählt ja das ging sogar so weit also in der Hinsicht verdank

[30:30] ick meiner Mutter eigentlich äh mein Leben   und   als 36 bin ick jeboren ja   da war ja schon   vielleicht nicht die Ausmaße aber es war abzusehen dass ne Judenverfolgung irgendwie kommt und als dann noch der Vater weggeholt wurde oder so ne aber mein Vater

[30:57] wollte dass wir nach jüdischem Ritus äh jek- äh jetauft werden sollten wir Jungs und [räuspert sich] bei den Mädels war det ja nich üblich die wurden so in die Jü- Jüdische Jemeinde aufjenommen gleich was auch geschah und   wir   stehen da zwar drinne

[31:26] als sein das ham wer uns später dann mal anjeguckt da an der Jüdischen Jemeinde in den Listen   da sch- stehen wir auch drin mein Bruder und ick aber da wo es steht sogar der Rabbiner drin der uns eventuell da taufen sollte oder so aber es stand keen Datum

[31:54] da und wir sind ja auch nich jetauft   und ich nehme an das war die Schuld meiner Mutter meine meine Mutter hatte wahrscheinlich in der Familie als Einzige erkannt dass det irgendwie en schlimmet Ende nimmt oder so ja und dass det nich gut ist wenn wenn wir

[32:17] als Juden erkannt würden oder irgendwie so wat und die hat eben da   so stell ich mir dat vor ja die ham keinem ja so was natürlich dass die so was gesagt hat »also an meine Jungs wird nich rumjeschnippelt« oder so ja »kommt nich in Frage« und so is et

[32:41] denn och jeblieben und wie jesacht eines Tages war ja der Vater weg und denn äh   so hat se sich später dann scheiden lassen und so hat se   ham wir wenigstens Lebensmittelkarten jekriegt und mal irgendwelche Zuteilungen oder so ja

[33:06] und nun war dat erste Jahr

[33:12] in der Schule rum und so und da fingen die hier an   die Kinder aus Berlin raus zu bringen mit der KLV also so jenannte Kinderlandverschickung hieß det   da wurden die Kinder zu Transporten zusammenjefasst und aus Berlin raus dass se nicht umkommen da in den

[33:30] Bomben und so nich und   wir sind ja ich weeß das nich ich nehme an hier ist immer von   in den paar Zeugnissen die ich noch habe denn die Rede von einer Frau (Umlauf) die da wohl Klassenlehrerin oder Schulleiterin oder irgendwie wat war   die hat also mit meiner

[34:00] Mutter ham se dat irgendwie durchjekriegt dass dass wir da mit sollten raus und zwar meine Schwester und ich während mein ganz kleener Bruder den hat se nach Sagan jegeben zu den Großeltern   und der is dann da auch geblieben bis Kriegsende bis nach Kriegsende  

[34:27] und wir sind nach Ostpreußen beede jekommen und da hat die wohl och sogar dafür jesorgt da waren große Bauernhöfe dass wir beede zusammen bei einer   einer einzigen also bei einer Bauersfamilie da unterkamen da war son   wenn ich mich heute erinnere en riesiger

[34:51] Hof so acht Pferde und en Haufen Schweine und so im Viereck so jebaut ja und also   na ja da hatten wir en recht unjebundenes Leben da hat sich keener drum jekümmert um uns und die Schule na ja gut wir sind da zwar in die Schule jegangen da ging meine Schwester

[35:12] auch schon in die erste und ick in die zweite Klasse   ja dann hat de- der Lehrer immer runter jeschickt zu meiner Schwester die musste hochkommen hat er jesacht »hier hör dir das an dein Bruder hat wieder nich lesen jelernt« [lacht] und eene Spunde Stunde

[35:35] später dann musste ick runter z- zu meiner Schwester in die Klasse da hat der gesagt »deine Schwester hat wieder nich lesen gelernt« [lacht] aber dat war ne ganz glückliche Zeit wir hatten also Essen in H- und Trinken in Hülle und Fülle und konnten da

[35:53] toben und oh also war schon ganz gut

Barbara Kurowska

[35:56] sind Sie nur mit Ihrer Schwester auf diesen Bauernhof gekommen oder auch mit anderen Kindern aus Berlin

Gerd Braun

[36:01] [gleichzeitig:] ja   nee im Z- auf dem Bauernhof waren wir beide alleine die Kinder ham se alle so verteilt ja also der Kindertransport wurde dann ich weiß gar nich ob wir noch vorher irgendwo kurz im Heim oder irgendwie aber jedenfalls wurden die Kinder alle

[36:21] auf Pflegestellen verteilt und nach eenem Jahr oder wat da die genauen Jahreszahlen hab ick eigentlich och noch überall ei- (ich weiß) ka- kamen die Russen denn schon näher und det wurde jetzt also fing man an det irgendwie zu überdenken und man hat die

[36:43] Kinder den Kindertransport die K- [betont:] die et müssen ja mehrere Transporte gewesen sein äh [räuspert sich] wieder erfasst und in Züge und denn sind wir zurück gekommen nach nach Troppau das liegt da irgendwo Schlesien oder wat also jedenfalls äh

[37:06] Tschechoslowakei besetzte Gebiete da

Daniel Baranowski

[37:09] wo ist das in Ostpreußen gewesen welcher Ort ?

Gerd Braun

[37:13] Ostpreußen das war in Treuburg äh dat kleene Nest hieß Bergenau und das war Kreis Treuburg und dat is heute russisch das war also ziemlich an der russischen Grenze oben

Daniel Baranowski

[37:28] können Sie sich denn daran erinnern ob Sie in der Zeit zum Beispiel Ihre Mutter vermisst haben oder ob Sie Heimweh hatten   es is ja doch en

Gerd Braun

[37:39] [gleichzeitig:] ich weiß e- nee erinnern kann ich mich nich erinnern kann ich mich aber dass se einmal in Ostpreußen war sie kam uns in Ostpreußen da   besuchen und   ich weeß dass sie eigentlich froh war wie jut wir det da hatten wa das wir da also zu essen

[38:01] jekriegt haben noch und noch und als sie dann nach Hause fuhr ham se ihr auch noch son Speck und wat weiß ich allet einjepackt   also sie war da wahrscheinlich janz beruhigt  

[38:14] ja und nu gings zurück nach Troppau und das war so na ja so en bisschen so ne schlesische

[38:23] Stadt so een Häuschen am andern allet so Einfamilienhäuschen aber es gab ne Schule und   da wurden wir dann auch wieder   ins Heim und von da aus vermittelt zu Pflegeeltern und da jabs ja nich so ne großen Bauern und zwee Kinder wollte schon jar keener

[38:48] haben   also warn wir bloß noch   Nachbarn also fast Nachbarn drei Häuser warn dazwischen sie bei einer Familie ich bei einer Familie   an die Familie   hab ick   überhaupt keine Erinnerung überhaupt nich das Einzige was ich   wo ich mich daran erinnere war

[39:17] dat Zimmer wo ick jeschlafen habe da stand also irgendwie so en Bett oder was   und da stand ein Motorrad grün-weiß gestrichen dat seh ich noch wie heute wie blitzblank und all son toll wa   und dahinter an der Wand hing die SA-Uniform [lacht] ick hatte natürlich

[39:44] von beedem keenen keenen blassen Schimmer um wat et sich da handelt aber da in Troppau bin ick zum ersten Mal   mit der Politik so in   Berührung gekommen und zwar sind da schon äh die Häftlinge aus den Konzentrationslagern zurück marschiert ob dat nu schon

[40:14] die so jenannten Todesmärsche waren oder äh zu Mindesten waren die Leute in jestreiften Kleidern und zerlumpt und so und auf äh auf mein Fragen hin wurde mir von den Sch- Pflegeeltern erzählt dass dat eben alles Verbrecher sind und Mörder und wat weeß

[40:39] ick allet an ja   da hab ich auch et erste Mal erfahren dass irgendwelche Leute da Brot rein jeschmissen haben in die Gruppen so ja in die in die also waren nich alle der Meinung   ja aber denn dat dauerte jar nich lange kamen die Russen halt wieder näher also

[41:03] was jetzt sind die Leute aber jetürmt die die Leute von sich aus und um die Kinder um diese Kinder aus Berlin hat sich keen Mensch mehr gekümmert es jab keine keine Organisation oder wat die sich da nun hätte mit befäst- beschäftigt oder wat und da is

[41:29] dat im Allgemeinen so gewesen dass die wenn die Pflegeeltern   eben äh geflüchtet sind ham se die Kinder mitgenommen oder auf dem Heim abgegeben oder also meine sind nicht geflüchtet meine   Pflegeeltern die sprachen auch perfekt da P- äh Tschechisch und

[41:58] so und diese die Bevölkerung da dat war ja auch so en son Mischmasch die sich ja eigentlich nischt jetan hatten früher ne die blieben da   aber mich ham se in so en Flüchtlingszug   aleene da irgendwie reinjebracht oder wat wa ich hatte so en kleenet braunet

[42:27] Köfferchen dat hatt ich noch von Berlin und die ham mich da während meine Schwester   die Leute sind mit jeflüchtet und ham auch meine Schwester mitjenommen und kurioserweise im selben Zug   also   ich da so durchjeströmert hab ick meine Schwester äh auf

[42:54] eenmal wiedergesehen und   aber die die die die die Pflegemutter da die konnte mich nich leiden also die Pflegeeltern waren sowieso da die Nachbarn [gestikuliert] so zerstritten dass se also ick durfte noch nich ma mit meiner Schwester reden wenn wir auf der

[43:16] Straße sind wer aneinander vorbei gegangen und durfte noch nich ma »juten Tag« sagen oder so ja   und da im Zug hat se mir en paar Schellen jehauen und hat mich weggejagt wa  

[43:28] und dann kamen wir nach Mährisch-Trübau   auch Tschechien und [räuspert sich]

[43:39] da sind die alle raus aus den Flüchtlingszug und ich stand da ich wusst gar nich wohin wa wat dat nu eigentlich wat jetzt wird oder kein Mensch hat sich um mich gekümmert auf einmal war dat schon abends und dat war dunkel der ganze Bahnsteig war leer ich

[44:03] erinner mich noch genau so an die hellen Lampen so die so da jebrannt haben ja und äh weeß ick nich ob ich geheult hab oder nich jedenfalls kam eener von ner SA vorbei und hat mich da gefunden ne und da hat er mich an ner Hand genommen hat mich mitgenommen

[44:26] und hat gedacht en Flüchtlingskind oder wat weeß ick ja hat mich dann da Kinderheim oder wat jebracht und ham für mich Pflegeeltern jesucht   und von da an muss ick sagen   ging et mir eigentlich jut also ick kam zu einen Pflegeeltern er war so ja es waren

[44:57] Reichsdeutsche wie die damals gesagt haben nich mussten dat N tragen nachher nachdem die Russen da waren und so   und aber es wusste ja immer noch also von Judentum wusst ich da überhaupt noch nischt ich überhaupt nicht da   da wurde ja auch nich drüber gesprochen

[45:19] und der war so Standesbeamter penibel schreiben da hab ich Schreiben gelernt [gestikuliert] und   die ham sich also sehr um mich bemüht da war also der Standesbeamte seine Frau und dann war noch so ne alte Tante die die die Oma die da mit war die hat die bekocht

[45:48] und na die hatten da so en kleenet Häuschen en kleenen Garten dran und so   da gings mir so weit eigentlich da ganz gut aber Verbindung nach zu Hause gabs da schon lange nicht mehr also unsere Mutter war inzwischen hier in Berlin ausje- [hustet] ausjebombt  

[46:12] die war im Krankenhaus   als die großen Angriffe auf Berlin-Mitte kamen und da is det Krankenhaus warn se im Keller is dat janze Krankenhaus zerbombt worden und da stand se halt mit em Bademantel uf de Straße und dat war allet wat dann noch war kam nach Hause

[46:33] [schüttelt den Kopf] Haus war nich mehr da wa Haus und Wohnung weg is se och wieder Onkel (Hermann Bloßfeldt) die ham se ufjenommen und da hat se denn da jewohnt und so weiter   und wir ick war bei diesen Leuten da und dann war der Krieg zue- also kamen die

[46:57] Russen   die   Besatzung   und die Russen waren eijentlich jar nicht so schlecht zu den Deutschen viel schlimmer waren die Tschechen ja also die Tschechen wollten sich wohl rächen für die Besatzungszeit und also wie gesagt die mussten alle auf schwarzen Untergrund

[47:26] en weißes N tragen dat war sogar in Zentimetern vorjeschrieben wie groß und ah Schule oder so wat jabs schon jar nich und ick hatte ja schon in in Troppau jehabt schon keene Schule mehr weil die Schulen ja waren schon zu Lazarette umjebaut und also da war

[47:51] schon keene Schule mehr also da hab ick grade ma in Berlin een Jahr jehabt und in Ostpreußen [gestikuliert]   na ja auch ne Zeit und   in dieser Zeit [sucht im Fotoalbum; lacht]   da noch en paar Zeugnisse hier zum Beispiel   aus der ersten Klasse noch

[48:21] in Berlin dat war die 28ste Grundschule irgendwo in Mitte aber ich weiß heute nu och nicht mehr wo   also da stand unter »Führung und Haltung   gut doch im Unterricht verspielt« [lacht]   also und sonst war also da nicht Besonderet und bin denn auch versetzt

[48:47] worden   und da gibts hier noch eins aus der zweiten Klasse auch Berlin-Mitte noch aus Berlin also das   [räuspert sich] tja   und dann hab ich hier noch en Zeugnis aus Branka dat war also da aus Troppau Kreis Troppau   ja is also auch unbedeutend   und

[49:24] denn war natürlich in Tschechien gabs denn überhaupt keine Schule für Deutsche   und äh dann kamen ja wohl diese so jenannten Beneš-Gesetze da heraus wonach dann also die Deutschen alle äh raus mussten aus der Tschechoslowakei vorher aber noch nach Kriegsende

[49:51] da hieß et da waren ja nu viele Kinder die ohne Eltern da standen ja und da ham die kam eenes Tages son Erlass raus also alle Kinder die nich bei ihren Eltern   sind müssen abjegeben werden ja   gut also die Leutchen die warn ja an Jehorsam jewöhnt die haben

[50:22] also mein Köfferchen wieder jepackt und der Stiefvater is mit mir los zu dem Sammelplatz hin et war janz früh et war noch dunkel und so   und da st- standen ein Haufen Leute und en Hau- mit en Haufen Kinder ja also nich und haben da jewartet und keener wusste

[50:48] wat nu eigentlich wird oder so weiter ja und irgendw- -wann kam dann dat Jerücht auf woher dat nu kam weiß man nich äh da hieß et »ja die Kinder die kommen alle nach Russland«   ja die Leute ham ja alle irgendwie denn auch Angst um die Kinder gehabt

[51:14] weiß ich nich jedenfalls mein Pflegevater der hat da Mut bewiesen und hat mich an ner Hand genommen hat mich einfach wieder mit jenommen ja nach Hause   und da bin ich bei denen jeblieben und da hat sich dann auch keener mehr drum gekümmert später hieß

[51:35] et immer nur   der Pflegesohn von (Johann Portisch) so hieß der Mann  

[51:39] und [räuspert sich]   ja denn wurden wir aus der Tschechoslowakei ausjewiesen also kamen denn so in so ne Viehwaggons also es war keene Erfindung der Deutschen ham die anderen auch gemacht

[51:59] äh   und haben uns über die Grenze nach   Bayern war denn das Nächste   gebracht und da warn wir irgendwie auch in so nem Lager oder was kurze Zeit und wurden dann auf die Landkreise verteilt und da wurden dann Wohnungen gesucht oder die wurden zwangseingewiesen

[52:22] die Flüchtlinge jeder musste en Raum abgeben oder   tja und ich mi- und die ham mich dann immer mitjeschleift ja später als meine Eltern dann oder wer auch immer das weiß ich nicht äh en Suchdienst nach mir   äh einjeschalten haben da wurden die na ja  

[52:50] irgendwie hat Vatern dat also dass die Juden auch son bisschen bevorzugt nach en Krieg und da hat man in ner Tschechoslowakei richtige Recherchen angestellt und da wurde uns en Brief geschrieben von ner Tschechoslowakei dass se leider nich sagen können was

[53:11] aus mir geworden ist sie wissen bloß dass ich an dem und dem von Mährisch-Trübau mit einem äh Transport Kindern nach Russland verbracht wurde die ham jar nich bemerkt dass ich nich dabei war   äh [räuspert sich] na ja

Daniel Baranowski

[53:27] in der ganzen Zeit ähm   mhm womit ham Sie sich ähm beschäftigt in Ihrer Freizeit Sie hatten ja hatten Sie Spielsachen ?

Gerd Braun

[53:40] ach na ja Spielsachen gabs nich   aber ick weeß wir in Mährisch-Trübau zum Beispiel ham wir im Park mit Munition gespielt die mit der Zange die Köppe abjemacht und dat Sch- Pulver raus und anjezündet so ne Dinger allet [lacht] ja wo auch viele kaputt jejangen

[54:01] sind denn ja aber wie jesacht   also ich erinner mich nich wat ick da sonst jemacht hätte

Daniel Baranowski

[54:12] hatten Sie denn in der Zeit Freunde in den Zeiten wo Sie an einem Ort waren oder war das nicht möglich

Gerd Braun

[54:18] [schüttelt den Kopf] ja teilweise also eigentlich erst nachdem wir dann in Westdeutschland und zwar sind wir nach   Oberhessen jekommen im Kreis Büdingen auf son kleenes Nest

Daniel Baranowski

[54:33] von Bayern aus dann

Gerd Braun

[54:35] ja

Daniel Baranowski

[54:36] hmh

Gerd Braun

[54:37] und ähm Bayern das war bloß ne ganz kurze eben wat se so jebraucht haben und und da wurden wir [sucht im Fotoalbum]   da kriegt ich meinen ersten Ausweis [lacht] und zwar alle die nach Deutschland reinkamen kriegten von den Amerikanern en amerikanischen  

[55:00] Ausweis und zwar   hmh   na sach mal vorhin hatt ich den doch schon am Wickel   ach hier

Daniel Baranowski

[55:31] da is es glaub ich

Gerd Braun

[55:32]   ah ja   hab ich in den nächsten Tagen wat zu tun dat wieder in Ordnung zu bringen und zwar is dat des Ding hier sogar mit sogar mit äh [zeigt das Dokument] F- Fingerabdruck drin ja und dat ham se aus alten Militärkarten so ge- zurecht jeschnitten ja

[56:03] da ham se denn Ausweise für uns draus jemacht und irgendwie is der mir erhalten jeblieben

Daniel Baranowski

[56:11] da ka- ke- können wir noch mal kurz das sehen was da mich interessiert das nochmal was da ähm drauf steht ich kanns auch nochmal so zeigen also Hitzkirchen is dann das is die Adresse in Hessen

Gerd Braun

[56:29] ja ja Kreis Büdingen

Daniel Baranowski

[56:30] hmh hmh   und da steht aber jetzt nichts über Ihre Eltern oder so drauf ne

Gerd Braun

[56:42] nee   also wo Muttern war oder so dat   i- i- wusste ich ja nun gar nich was aus der jeworden ist oder so ich hatte zwar die Erinnerung und   und wenns mal schlimm war hab ich auch manchmal jeheult »wär ich bloß ers wieder bei meine Mutter« wa aber das war

[57:07] dat hab ick och jemacht wenn die Erziehungs- äh äh die Erziehung die ich da jenossen habe mir nich jepasst hat also ick viel rechnen und schreiben musste also wir kamen denn nach und der dieser Sch- äh Pflegevater wir kamen dann nach Hitzkirchen und nun

[57:31] sollte ja auch allet wieder jeregelt werden und ich sollte zur Schule ja ick hatte anderthalb zwee Jahre Schule   und danach überhaupt nischt mehr ne und ich konnte weder schreiben noch rechnen noch sonst irgendwat oder irgendwie oder nur sehr wenig und die

[57:53] Leute haben sich aber bemüht und meinten der Pflegevater hat mit dem kann ich mich erinnern mit dem Lehrer jesprochen und hat jesagt »wir werden den Jungen unterstützen so weit« also und äh se sollen ma versuchen wir sollen ma versuchen um mich in die

[58:14] fünfte Klasse da wo ich eigentlich jetzt hinjehörte einzuschulen und sie wollen zu Hause versuchen dat eben dass ick da und dat ham die auch jeschafft ick war nach een Jahr nach einen Jahr war ick der beste Schüler in der Klasse also die ham sich wirklich

[58:35] um mich bemüht ja   also dass als fremde Leute ja war dat eigentlich ja eine   große Sache wat se da vollbracht hatten   die hatten Verwandte in Amerika ne Tante oder irgendwie so was und die hat nach em Krieg als die sich dann irgendwie wiederjefunden haben

[59:05] oder was   hat die von Amerika jeschickt allet wovon die Menschheit damals jeträumt hat ja die ham so viel jeschickt die ham da drüben ne richtige Hilfsorganisation aufjebaut und e- meine die Pflegeeltern die ham die janzen Dörfer wo die Flüchtlinge so

[59:32] verteilt waren ham se mit Kleidung und allem wat so war versorgt da kamen manche manchen Tag zehn zwölf ick globe dat Höchste war mal 13 Pakete an einem Tag von Amerika an nich und also die ham dat allet organisiert und verteilt und wat weiß ick und die

[59:54] Frau die kam denn als erste Passagierin Privatpassagierin nach em Krieg von Amerika nach Deutschland   das is dann 47 jewesen schon   und hier hat se wohl och weeß ick nich wie die dat veranstaltet haben ob se Jeld mitjebracht hat oder wie oder wat jedenfalls

[1:00:21] ham se sich in in äh   am Neckar in Eberbach en Grundstück gekauft und haben anjefangen haben da en Haus jebaut und sind dann später da auch hinjezogen aber da war ick dann schon nich mehr dabei   im 48 im   März so was   da hatte der Suchdienst uns

[1:00:55] jefunden  

[1:00:56] äh kurioserweise kurioserweise in einer Woche alle beide also mich in Hessen und meine Schwester die war also die Leute mit denen se da jeflüchtet is die ham se auf em Bürgermeisteramt abjegeben und sind wieder zurück gegangen oder wie oder was

[1:01:17] und die ham sich jekümmert und da war se bei so ner Pflegefrau die hatte nur Pflegekinder also sie war dat vierte Pflegekind da und ah es war wohl nich so besonders man musste klauen jehen um satt zu werden und so wat allet   [räuspert sich] aber   irgendwie

[1:01:42] hat se an dieser Frau jehangen diese Mamme die war also bis zum Tode ihr heilig jewesen und also dann kam die Nachricht sie ham meine Schwester jefunden   meinem Vater jings hier im im Osten ja schon ganz gut   die Geschichte meines Vaters war ja dass er auf

[1:02:14] den Todesmarsch   äh   von Auschwitz runter hier   heim ins Reich durfte und dabei ham se also die sind mit 70000 los marschiert und nach Erzählungen meines Vaters waren bloß nachher 5000 übrig also die andern sind also die meisten sind umjekommen einige

[1:02:45] sind wahrscheinlich auch jetürmt und äh   ham überlebt oder was aber jedenfalls als se denn hier nach Jessen an der Elster is ja nich so weit hier   kamen da wusste mein Vater am nächsten Tag is Feierabend da also   hat er gesacht noch en Tag marschieren

[1:03:09] unmöglich und wer nicht mehr konnte wurde erschossen nech aus   und da hat er sich mit em Kumpel denn zusammenjetan und hat eben jesagt »also weeßte ick kann nich mehr ich dat wird nischt morjen abend bin ick nich mehr hier« und da ham se so es war so regnerisch

[1:03:33] März wie jesacht und [räuspert sich]   ham se sich so Decken überjehangen   irgendwie hatten und die SS die also alle fünf Meter en Posten hatten die die ham och jefroren die ham auf en Haufen jestanden Zigaretten jerocht und eenen jetrunken oder wat weeß

[1:03:56] ick und da war ne größere Lücke und da sind se beede durch und hams jeschafft sind abjehauen   die andern sind dann am nächsten Tag mussten eben weiter marschieren die ham auch nich groß jesucht sondern der Volkssturm wurde ausjeschickt die wussten jenau

[1:04:20] dass welche jetürmt sind und der Volkssturm wurde ausjeschickt die zu fangen und umzulegen   ja und die beeden hatten sich versteckt in so ner wie jesagt in ner Ziegelei in so ner wo se den Turm so ausgeschachtet haben in so ner Talsenke und die Wänder die

[1:04:45] Wände die nach oben gingen die waren ringsrum war schon so voller Büsche und also   ham se sich da versteckt   und am nächsten Morgen also auf eenmal ham se Stimmen jehört und dann ham se jedacht weitertürmen oder weglofen oder wat weiß ick jedenfalls

[1:05:07] sind se hoch und wie se oben waren stehen se vor Dreien vom Volkssturm   en älterer Herr   en janz junger Bengel so Hitlerjunge so   und noch eener   und mein und die ham natürlich gleich die Gewehre hoch nech und [gestikuliert] mein Vater noch gerufen »schießen

[1:05:36] Se nich wir ham auch Familie« oder irgendwie so wat man dann in seine Todesangst irgendwie sagt   aber dat die ham sich jar nich beeindrucken lassen sondern ham gleich dat Feuer eröffnet und der   der Kumpel den mit dem mein Vater jetürmt war dat war en Franzose

[1:05:59] der war gleich tot den ham se gleich richtig jetroffen und mein Vater kriegte en Schuss in ne Hand   und die wogen ja damals bloß fuffzig 55 Kilo also dat war ja bloß Haut und Knochen und völlig fertig wa der fiel um und   na ham se gedacht der is auch tot

[1:06:28] ne und dann hat der Jungsche der hat wohl noch jeguckt ich weeß nich obs der Jungsche war et kann auch eener von die Älteren jewesen sein weiß ick nich jedenfalls einer von Dreien hat jesacht »der lebt ja noch na dann Jenickschuss« und dann hat der det

[1:06:47] Jewehr so jenommen so [gestikuliert] plötzlich irgendwie so und hat meinem Vater en Jenickschuss verpassen wollen und dabei hat er dat Jewehr verzogen irgendwie und der Schuss der ging hier an die Seite [zeigt die Stelle am Hinterkopf] statt ins Jenick ging

[1:07:04] er hier irgendwie so hinters Ohr im Kopp rein   natürlich fiel er um und war ohnmächtig und weg und die ham jedacht der is tot nich ham jedacht die sind beede tot und dann sind se runter jegangen und ham   in ne Ziegelei sich Schaufeln jeholt um die gleich

[1:07:23] einzugraben   inzwischen is mein Vater nu nochmal wach jeworden   hat sich ufjerafft weiterjetürmt und irgendwo im Wald da hat er dann noch noch drei Häftlinge getroffen in so ner Köhlerhütte oder ne wie sacht man so Holzarbeiterhütte oder so   also die

[1:07:51] hatten auch schon en paar Kartoffeln geklaut und so und ham se hat auch Feuer gemacht und also der hat gesehen da kommt Rauch raus und so w- irgendwie is er dann da hin und die ham ihn auch aufjenommen und so und da waren se so zwee drei Tage und ham nun darauf

[1:08:10] gewartet die Front kam immer näher nich also [räuspert sich]   ja bis mein Vater gesacht hat »also pass ma auf« der Kopf war so [gestikuliert] allet voll Eiter und wat weiß ich die Kugel im Kopf det also hat er gar nich ausjehalten und hat er jesacht »ick

[1:08:34] muss zum Doktor wenn ick keenen Doktor kriege dann bin ick so hin bin ick so hin also« jut   ham se allet zusammen gesucht der eene hatte schon ne Jacke die zivil aussah weil se ja noch in diese jestreifte Kleidung warn und der eene hatte ne Hose und also

[1:08:56] sie hatten schon en bisschen wat organisiert ja und ham se en Vater so als- so weit det jing als Zivilist herjerichtet und dann is er losmarschiert und wollte zu irgend nen Arzt   ja zuerst kam er zu einen Jehöft   da is er auf en Hof und hat sich in ner

[1:09:23] Toilette da versteckt da warn noch diese Holzhäuschen da draußen und also   die die Bäuerin oder was na ja die Bäuerin die kam raus machte die Klotür auf wa und da saß eben en Mann drin mit so en Bart allet voller Eiter und Blut und halb verhungert und

[1:09:48] so die is gleich ohnmächtig jeworden wa   vor Schreck und aber da hat er en Brot jekriegt oder en Stück Brot und und en Stück Speck und da is er in nen Wald jegangen mit und da hat er sich hinjesetzt und hat er dat allet ufjejessen da hat er jedacht dat

[1:10:12] is seine letzte Mahlzeit   aber wie jesacht er hat die drei im Wald wiederjefunden der hatte den Kopf natürlich auch ach so dieser [winkt ab]   denn kam er denn jing er weiter denn kam er zu nem andern Bauernhof hat er ja gute Erfahrung gemacht und dann is

[1:10:36] er da an den Zaun ran jegangen und da kam auch en Mann raus sacht er »sind Sie einer von den armen Häftlingen die sie hier durch« »ja« »ja warten Se mal« da hat Vatern jedacht jetzt gibts wieder en Stück Speck da kam der mit zwee von ner Organisation

[1:10:54] Todt raus die hatten ja auch so ne wie SA-Uniform so so braunes Zeug   und hat meinen Vater festnehmen lassen und die sind dann auch mit ihm los und äh war ziemlich eindeutig wat da nu passieren sollte ja inzwischen kamen schon die Wehrmacht auf em ihnen entgegen

[1:11:20] die da auf em Rückmarsch war oder was und die von die von die Wagen runtergerufen »wo wollt ihr denn mit dem hin legt den doch gleich um« und so in der Art ja aber die hatten schon keene Achselklappen mehr die hat Vatern jesacht   die also waren schon mal

[1:11:43] mit em Feind in Berührung jekommen in der Hinsicht aber und et waren ausjerechnet auch Berliner und also Vater hat jeredet und die wollten sich nur vielleicht vor vor Kriegsende nu och nich mehr die die Hände schmutzig machen und zum Sch- zum Schluss ham

[1:12:04] se Vater hinten in nen Hintern jetreten ham jesacht »mach dat de weg kommst«   und der hat denn tatsächlich noch einen Arzt jefunden   nähere Umstände weiß ich nich   aber der hatte keene Praxis oder keene   äh was man so braucht so als Arzt ja so Instrumente

[1:12:31] oder wat und da is er mit dem mit und die ha- sind dann in so ne so ne Fabrik gegangen ne ehemalige Rüstungsfabrik die schon verlassen und teilweise wohl och zerbombt war oder was später ham die Russen daraus ne Kaserne gemacht und da hat er dem da drin

[1:12:54] mit Hammer und Meißel die Kugel aus em Kopp raus jehauen wa und so weit er eben konnte verbunden und so weiter und der is denn zurück in den Wald und hat die Dreie och da wiederjefunden   ja und denn wars bloß noch een Tach oder zwee dann kamen die Russen

[1:13:16] die Befreier waren da nun hat er ärztliche Betreuung jehabt und zu essen und zu trinken und also da gings ihm zum ersten Mal richtig gut [räuspert sich]  

[1:13:34] ja wat sollten die mit den restlichen Häftlingen ja also mit die 5000 oder wat da noch übrig war  

[1:13:44] machen die Russen hatten ja selber nischt zu essen wa und da ham se äh bekannt jejeben wer also en Häftling en ehemaligen Häftling bei sich aufnimmt der kriegt en Zettel an die Tür dass die Russen nicht mehr plündern   auf einmal warn es alles jute Menschen

[1:14:09] [lächelt] alle wollten en Häftling haben ne   und een Mann der war janz besonders   hat sich hervorjetan jejenüber meinem Vater und so und »wir ham auch noch en Zimmer wat jar nicht benutzt ist und hm hm hm hm hm« also mein Vater zu dem hin   und nun fing

[1:14:37] die Mühle so langsam an die Bürokratie auch bei den Russen und so also die ham nu weil sich ja viele och da versteckt haben von den Nazis waren auf eenmal Häftlinge und so wa   die haben also die Leute verhört und so und och meinen Vater und dabei stellte

[1:15:01] sich hat dann den den den die Russen da irjendwie jesagt »so und jetzt jehen Sie in die in die äh Ziegelei und dann fragen se wer dann und dann Schaufeln jeholt hat« es waren drei Mann und so wa tja also na ja die ham en da hingefahren und er is dann da

[1:15:24] rin gegangen und da war auch der Chef da und so war nur ne kleene Ziegelei war nich so und   da hat er zu dem gesacht »sagen Se mal« weeß ich nich »vorgen Dienstag oder da warn doch die Drei hier und ham die Schaufeln geholt der Herr«   die hat der den

[1:15:49] Namen gesagt wa und nu wusst er wer det war und dat war der der sich besonders hervorgetan hatte und bei dem mein Vater Wohnung gefunden hatte ja   also der muss an Hand der Verwundung und so   jenau jewusst haben wer det war ne also anders is das ja nich   also

[1:16:19] Vatern natürlich   hat dat den Russen erzählt und mhm   die Russen sind gekommen und haben den weggeholt   der kam nach äh Russland und der is nie wieder aufjetaucht also der is in Russland dann geblieben irjendwie und ähm [räuspert sich] die anderen beeden  

[1:16:47] der kleene Junge also der Hitlerjunge sozusagen den ham se och nach Russland jebracht aber   ick globe zehn Jahre später oder so wat ham se den als Kriegsjefangenen wieder nach Hause jelassen und der dritte das war der ältere Herr   der hat als die Russen

[1:17:17] kamen   und plündernd dadurch jezogen sind uff seinem kleenen Bauernhof da hat der ne Tochter die so 18 oder zwanzig oder in der Art so wat war und äh da wollten die Russen nu ran und da hat er ne Mistgabel genommen und is auf die Russen los jegangen und

[1:17:49] da ham se den erschossen   [atmet aus] ja   den   die Frau und die Kinder von dem wo mein Vater jewohnt hat ham se aus dem Haus rausgejagt dat Haus enteignet damals   und die ham dat Haus meinem Vater in Treuhandverwaltung überjeben und so sind wir eijentlich

[1:18:25] in Jessen hängen jeblieben ja also mein Vater hat dann da jewohnt und nach Berlin Verbindungen da hatten se ja Bekannte und irgendwann hat er die Mutter wiedergefunden und äh also die sind nach Jessen jezogen

Daniel Baranowski

[1:18:42] also die Mutter is dann mit ähm in dieses Haus eingezogen nachdem sich die Eltern wiedergefunden hatten aber das war noch bevor [betont:] Sie

Gerd Braun

[1:18:51] [gleichzeitig:] ja da warn wir noch nich da

Daniel Baranowski

[1:18:53] hmh

Gerd Braun

[1:18:54] und   als erstes kam mein janz kleener Bruder der war mit den äh Großvater mit den Großeltern aus Polen da ausjewiesen worden und die kamen nach Dresden jenau in den schweren Angriff rein der damals Dresden äh   platt jemacht hat   aber sie ham det überlebt

[1:19:27] sie ham sich wohl verloren aber wiederjefunden und so und dann kamen se dann nach   (Dorfhain) hieß glaub ich das Nest da in der Nähe von Bautzen   und [räuspert sich]   irgendwie hat det denn mit dem Suchdienst oder wie die sich nun jefunden haben oder

[1:19:53] auch über Berlin oder wat ja äh also der mein kleener Bruder der kam denn als erstes nach Hause   nach Jessen   und wie jesacht im März denn 48   wurden wir jefunden   und da is mein Vater der hatte damals schon en Auto der hat der hat mit den Russen da rumgekaspert

[1:20:22] Jeschäfte jemacht jeschoben wat weiß ick allet und dem gings also verhältnismäßig   gut und wenn der irjendwat brauchte der der hat von die Russen allet jekricht nich also wenn der fü- wenn der en Brot für für die Familie wollte is der in en Bäckerladen

[1:20:42] rinjejangen hat der Bäcker jesacht »ham Se -n bissl Lebensmittelkarten oder wat ?« »nee« ja dann hat er gewinkt dann kam der Russe rein hat die Knarre hinjehalten und schon hat er drei Brote jehabt ja also so ging det damals [räuspert sich]  

[1:20:57] und wie jesacht

[1:20:59] hatte denn auch schon en Auto en Vorkriegs-Olympia Opel Rekord [lacht] und äh   dann sind die mit det Auto nach Hof jefahren in Bayern da lebte die Schwester von meiner Mutter   und von da aus ham se wohl erst meine Schwester jeholt und mein Vater is dann aleene

[1:21:31] mit der Bahn nach Hessen jefahren und hat da   mich   jeholt   also ich erinnere mich noch ziemlich jenau ick hab auf der Straße da jespielt und äh   da kam auf een Mal so en Mann an   so en Kleener mit Dackelbeene wa dat war der kam rein und sachte »bis

[1:22:00] du der Gerd Braun ?« »ja« »ich bin dein Vater ich komm dich holen« [betont:] momm [lacht] also   ick war ja schon allerhand jewöhnt mit diesem Wechsel und so aber det war doch   ziemlich hart und ich weeß bis heute nich ob man vorher die Leute benachrichtigt

[1:22:25] hatte oder nich und die mir dat nich je- sagen wollten oder so also jedenfalls innerhalb zwee Stunden war ich mit meinem Köfferchen mit meinem Vater unterwegs   weg von den Leuten nach   Hof   zu meiner   zu Onkel und Tante die da wie jesagt wohnten   und det

[1:22:56] is jetzt wieder   jenau det Entjegenjesetzte   hab ick da erlebt also da hab ick dann zum ersten Mal wat jehört von Juden oder so ja oder ja ick weeß noch nich ma ob Va- ob mein Vater deenen dat jesacht hat oder so also [räuspert sich]  

[1:23:21] die Schwester von

[1:23:26] meiner Mutter die is och nich zu Hause aufgewachsen da warn da is die Mutter so früh gestorben und all weiß ich und   hat sich so weiß ich nich wie die sich durchs Leben geschlagen hat oder wat und sie hat dann in so ner   Rüstungsfabrik bei Siemens gearbeitet  

[1:23:52] so und da traf sie   meinen Onkel mein Onkel war verheiratet   die Schwester meiner Mutter nich aber [räuspert sich] später hat sich da dann wat entwickelt   diese Familie von meinem Onkel das waren janz nationale einjestellte Menschen mein Onkel bis zu seinem

[1:24:28] Tod   die waren keene Nazis   die waren national-   -royalistisch würd ick sagen so ja also der Großvater von meinem Onkel war en Berater beim deutschen Kaiser und ick weeß nich warn se schon mal in Goslar ?   nee also in Goslar gibt es die Kaiserpfalz und da

[1:24:58] is unter anderem sind da so große Gemälde an der Wand da   eins zeigt die Krönung   des deutschen Kaisers 1971 äh 1871 und mit seinen   Vasallen da rundrum und da is auch mein Großvater mit drauf der eben naher Berater vom Kaiser war ne und dieset Kaisertum

[1:25:33] is in der Familie immer hoch jehalten worden [lacht]   die sind also recht national gewesen aber   ich weiß nicht ich glaub es nicht dass sie Nazis waren ne   und [räuspert sich]   der   mein mein Onkel da also der Sohn von dem die sind denn der is zu Siemens

[1:26:02] gegangen hat bei Siemens anjefangen   und is ein Siemensianer jeworden durch und durch und zwar kannte er die die die ganze Familie Siemens noch den Werner Siemens und so weiter und war mit den Leuten per Du und hat also die Karriereleiter ging nur immer aufwärts

[1:26:31] dann hat er Jewer- die Werke jeleitet und äh   seine Frau der war inzwischen verheiratet der hatte vi- und hatte vier Kinder und die Frau und die Kinder lebten bei seinem Vater der hier in Berlin Dahlem irgendwo hatten die ne Villa   da ham die gelebt die und

[1:27:02] er war in Westdeutschland irgendwo in nem Rüstungsbetrieb oder wat weeß ick also hat für Siemens jearbeitet und die als die Russen jekommen sind   da ham ja dann ham ja die Nazis viele Nazis ham sich umjebracht nich   also die keenen Ausweg mehr sahen oder

[1:27:26] irgendwie oder was oder irgendwat verbrochen hatten oder weiß der Teufel und da hat der Vater von ihm hat die Frau erschossen hat alle vier Kinder erschossen und sich och wa also is doch unvorstellbar nich   also det war wieder jenau die Gegenseite wa   also

[1:27:54] wie kann man seine eigenen Enkel erschießen oder so ja   jedenfalls als der Onkel dann nach   weeß ick nich später nach Berlin kam und in det Haus ging da lagen die ganzen verwesten Leichen da rum wa noch also dat muss ja och wahnsinnig schlimm gewesen sein  

[1:28:19] also er is aber bei Siemens jeblieben und es gibt keinen in den auch in den nachkommenden Generationen die nich bei Siemens waren ja also es is wie so ne heilige Kuh die Familie Siemens   und äh hat nach em Krieg da in Bayern en Werk ufjebaut en wie hieß

[1:28:53] dat [zu seiner Frau:] nich bei Prien am See sondern   wo die Fabrik war na ja jedenfalls da in der Nähe für haben se angefangen nach em Krieg so Kochherde und wat so jebraucht wurde zu machen ne und der war der Erste der nach später denn Fremdarbeiter nach

[1:29:21] nach Be- Deutschland jeholt hatte aus Griechenland is er in Griechenland jewesen hat die anjeworben und so also er war bei Siemens immer noch die Nummer Eins und als det denn nu jetzt als er nu alt wurde hat er da hat er dat Werk abjejeben und ham se en denn

[1:29:42] noch zum Sicherheitsbeauftragten jemacht äh weil in seinem Werk die wenigsten Unfälle so passiert sind der hatte da en Händchen für oder wat und nachher war er Sicherheitsbeauftragter für die jesamten Jie- Siemenswerke auf der Welt wa und is nur noch

[1:30:06] so rumjefahren und   dann wollten se ihn bei der Europäischen Union wie hieß denn det damals det Erste   Industrie-   äh na ja die erste Organisation die so en bisschen auf europäischer   Basis jearbeitet hat und da wollten se ihn dann dafür haben und

[1:30:32] hat er dann aber nich mehr gemacht da war er dann doch schon zu alt er war en sportlicher Mensch und war   äh Segler   der konnte segeln [gestikuliert] also 36 bei der Olympiade hat er sojar wat jewonnen ja also der hatte schon wat druff der Mann   und ja wie

[1:31:01] jesacht der hat dann meine die Schwester meiner Mutter da im Werk kennen jelernt ick weeß nich ob die Sekretärin oder wat   jedenfalls haben die beeden jeheiratet ham später noch zwee Kinder jekriegt und dat war ich möchte ma sagen dat war ne richtije Vorzeijefamilie

[1:31:21] wa   die   Tante   die Schwester von meiner Mutter war   mir so ans Herz jewachsen also es war überhaupt die beste oder der Mensch den ich am meisten jeliebt habe so   und dat is auch so jeblieben bis se später dann jestorben is   und wie jesacht die Kinder dat

[1:31:56] Mädel war auch so wat von jut wa die hatten dann hatte dann och jeheiratet hat en kleenen Jungen also wunderbar   und der Junge der is natürlich bei Siemens in nach   [winkt ab] ja siehste so wat verjisst man allet   also auch in Bayern da irgendwo zu ne wo-

[1:32:22] die gro- wo große Siemenswerke waren jejangen und is dann von da aus nach Südamerika nich auch in Sie- von Siemens aus hin und war da en paar Jahre so und heute leben die ja immer noch da unten

Erika Braun

[1:32:37] am Chiemsee

Gerd Braun

[1:32:38] was ?

Erika Braun

[1:32:39] am Chiemsee

Gerd Braun

[1:32:40] nee

Erika Braun

[1:32:42] nee wei- nee

Gerd Braun

[1:32:43] [lacht] also jedenfalls   dat war ne janz tolle Familie und ick wollt det bloß erwähnen weil man da so die beeden Seiten sieht uff da da sind die Leute umjekommen und da sind die Leute umjekommen wa also ick hab da in dem Buch jelesen jestern hab ick mich

[1:33:07] da auch so richtig festjelesen von Ihnen dat äh die diese   Vollzugsmeldungen die die da nach Berlin geschrieben haben äh   »so und so viel Juden so und so viel Jüdinnen 1100 Judenkinder« und so erschossen und also seitenweise [atmet aus] da kann man heut

[1:33:36] noch na Luft schnappen wa also d- d- dajegen is ja mein Schicksal überhaupt jar nischt ma sagen wat die Leute so erlebt haben wa oder   nich erlebt haben   tja  

[1:33:54] aber wir kamen nu jetzt nach Jessen   und da fing wieder ne   en janz neue- -s Leben für mich

[1:34:08] an so   also als Erstes ich war ja nun wirklich   bei den Leuten bei den letzten Leuten wo ick also vier Jahre oder so wat war da war ick ja richtig glücklich und da is mir ja och nur Jutes widerfahren ja aber   mein Vater hat dat nich für nötig jefunden  

[1:34:38] da hin zu schreiben oder mit denen Kontakt zu halten oder sich etwa zu bedanken oder irgendwie wat ja nee nichts für die waren die Leute gleich gestorben also det hab ick nie begriffen wa also det det war für mich unfassbar gut ich hab jeschrieben   vielleicht

[1:35:08] zwee drei Briefe   und denn kam Vater an und hat mir en Brief en Brief diktieren wollen und zwar jing et da unter anderem darum dass als die Tante aus Amerika von denen rüber jekommen is   hat die mir zum Geschenk ne Uhr mitjebracht ja und dat war ja also für

[1:35:43] damalige Zeiten en Kind ne Uhr wa ne Armbanduhr also dat war ja sonst wat und die durft ick also nur sonntags ummachen und zum inne Kirche gehen oder so ja ja Kirche   dat nächste Stichwort   in meinen Papieren stand »evangelisch« drin ick weeß nich wer

[1:36:10] dat mal als Erster reinjeschrieben hat und dat war nu eben so ja also ich war evangelisch die Leute bei denen gerade die letzten waren katholisch die kamen ja aus Tschechien da unten also bin ick mit deenen sonntags in ne katholische Kirche jejangen   hat mir

[1:36:33] sehr jut jefallen ja also si- die katholische Kirche fand ick janz toll erstens ma schon so viel in ner Kirche so viel Gold und und Stuck und wat da so allet war ja also dat fand ick schon toll und dann die janze Atmosphäre allet so en bisschen   heilig heimlich

[1:36:57] und also [gestikuliert] fand ick jut   aber in ner Woche bin ick natürlich in den evangelischen Schulunterricht jejangen weil ick ja als Evangelischer einjetragen war ne   und so blieb det bis Kriegsende   überall mit denen in ne katholische Kirche und in ne

[1:37:23] Schule in ne evangelische also und dadurch hab ick halt en bisschen wat jehört [lacht] und   ja als wer denn nach Hause kamen da ham da hat mein Vater von vornherein   völlig versagt der kam mit die ick weeß ja nich   ick hab mir ma später denn als ick dann

[1:37:48] älter und vielleicht jescheiter war hab ick immer jedacht na ja bei dem wat der durchjemacht hat der der konnte nich anders oder wat weeß ick   aber für die Kinder für uns war det ganz schlecht wa also ich weeß nich inwieweit die Religion überhaupt da

[1:38:09] reinjespielt hat mein Vater hat nie uns wat von der jüdischen Religion erzählt also dat wat ick weeß is so lückenhaft und so zusammenjesucht ja also von meinem Vater haben wir überhaupt nischt jehört ja   da hätte er müssen eijentlich er brauchte uns

[1:38:34] ja nicht zum Judentum äh   überreden oder wat weiß ich   aber erzählen nich er hätte uns müssen doch sagen was wie überhaupt ja nich dat Eenzige wat ich gehört habe war im i- i- im Schulunterricht war dass die Juden Jesus ans Kreuz jehauen haben ja ah  

[1:38:58] aber von Vaters Seite kam in der Hinsicht überhaupt nix zumal wir Jungs wir waren sowieso für ihn ja nicht existent oder da oder wat und   während meine Schwester die kleene die hat der verjöttert die hat allet jehabt und jekriegt und jemacht und wenn jüdische

[1:39:25] Feiertage waren ham wer jehört jüdische Feiertage dann mussten wer morgens sagen jut Yontev zu meinem Vater ja dat wurde uns dann so einjebläut und äh dat war et allet ja   und während der unsere Schwester [betont:] immer mit nach Berlin jenommen hat zu

[1:39:48] den jüdischen Feiertagen und da   und in den Tempel jejangen is und wat weiß ick in ne Synagoge aber wir waren nie so uns hat der völlig überjangen

Daniel Baranowski

[1:40:02] wann hat er Ihnen denn ähm von seiner Zeit als Verfolgter erzählt

Gerd Braun

[1:40:07] gar nich   det wat ick weiß davon is nur wenn er anderen wat erzählt hat ja er hat sich dann schon janz jerne ma reden hören lassen ja im späteren Bekanntenkreis wat so alles passiert is und nur daher von diesem Aufjeschnappten weeß ick überhaupt wat

[1:40:34] davon ja also äh also   et w- det   muss ick meinem Vater so vorwerfen dass er also für seine Religion und für überhaupt nischt getan hat ja also die Fa-

[1:40:52] na ja es war ja auch keene Familie (_) er war so en Despot er hat allet bestimmt und Mutter hat sich

[1:41:00] auch nich jetraut ir- irgendwat zu sagen ja   also   fühlte sich och vielleicht irgendwie schuldig oder wat also war nischt

Barbara Kurowska

[1:41:12] ham Sie versucht zu fragen oder ham Sie sich das nicht getraut

Gerd Braun

[1:41:16] dat kann ich gar nich mal sagen ob wir danach jefragt haben   man hat dat so hingenommen in ner Kindheit ohne zu denken oder wat vielleicht ja oder na ja eben wenig

Daniel Baranowski

[1:41:36] hatten Sie denn ähm hatten Sie Angst vor Ihrem Vater das war ja en fremder Mann den hatten Sie ja eigentlich noch nie gesehen

Gerd Braun

[1:41:45] ja also äh zeitweilig   hatten wir auch Angst also et jab schon ma ordentliche Prügel oder so ja [lacht] der da war der unberechenbar also und die Eltern ham sich auch nicht verstanden dauernd war irgendein Krach ja und   da spielte auch manchmal die Religion

[1:42:13] rein ich kann mich erinnern ein Jahr Ostern   Karfreitag   Sonntag sollte irgendwie Besuch kommen oder so wat ja und in Jessen da war ein riesiger Garten dran und nun wollte natürlich wenn der Besuch kommt sollte der Garten schön aussehen und da hat er uns

[1:42:38] Karfreitag da die uns Jören da jeschickt und Papier aufsammeln umgraben oder wat weiß ick also jedenfalls irgendwelche Arbeiten da zu vollbringen   und meine Mutter   d- die hat sich dann darüber aufjeregt dass am Karfreitag wo eigentlich en christlicher

[1:43:05] Feiertag war an ihrem Feiertag nu die Kinder arbeiten sollten da in irgend ner Form   auf dem Herd war schon der   der Osterbraten [gestikuliert]   hat da schon gekocht also zu essen für Essen hat Vater jesorgt dat muss man sagen also wir ham da keenen Mangel

[1:43:30] gelitten   und denn hat se wohl wat gesacht und da ham die sich dat Zoffen gekricht aber wie an diesen Karfreitag also nee da werd ick mein janzet Leben dran denken   er hat die die Jören aus em Dorf die da so rings rum wohnten die standen am Zaun und ham jekiekt

[1:43:53] und ham jefeixt wa wie die Alten sich jefetzt haben da [schüttelt den Kopf]   et war schlimm det endete damit dass meine Mutter äh äh ihre Herztabletten alle auf eenmal schlucken wollte und also [winkt ab]   katastrophal   und dann hat er uns aus em Haus raus

[1:44:16] jeschmissen und dann hat er den Osterbraten mitsamt dem Topp an ne Wand jeschmissen also der war denn außer Rand und Band ja der er konnte sich da dann nicht mehr beherrschen ne und dann kam er rausjestürmt und wollte uns   als erstes wohl meine Schwester

[1:44:39] verkeilen und da hab ick jesacht »renn doch weg lass doch von den Idioten nich schlagen« oder so unjefähr ja und dann war ick dran und dann bin ick weg gerannt und auf em äh wusste mir nich weiter zu helfen also auf so da war so ne Obstbäume da hat er

[1:45:01] doch glattwegs die Scheibe die meine Mutter vorher mit der Hand hat se die Küchenscheibe einjeschlagen dann hat se jeblutet wie doll und verrückt und die Jören die ham jebrüllt vor Angst und wat weiß ick und da hat der doch tatsächlich die en Stück

[1:45:20] Glasscheibe jenommen und hat mit der Glasscheibe nach mir jeworfen und die is so so [gestikuliert] kurz bei mir vorbeijesaust also ick glob der hätt mich umjebracht hätt der mich da in de Hand gekriegt oder wat   aber dat war so dat Schlimmste wat mir in

[1:45:41] Erinnerung ist aber jezofft und Krieg war da dauernd wegen irgendwat äh es war keen keen Familienleben nich

[1:45:52] und jetzt war det so äh also ick war zwölf Jahre alt als als wir nach Jessen kamen da hab ich en zwee drei Jahre Schule jehabt da war die Schule

[1:46:06] zu Ende und nu sollte ja irgendwat passieren sollt ick inne Lehre und ja erst wollt ick Förster werden aber dat wurde dann nischt hab ick mir schon am zweeten Tag en Arm jebrochen   und   danach äh   erjab sich so ne Stelle als Bäcker   na ja wirste eben Bäcker

[1:46:33] wat sollt ah   dann kam ick aber von Jessen weg in so ne in ne Kreisstadt da oder ja   Herzberg   und da war det früher war det so dass die Lehrlinge beim Meister jeschlafen haben   det hieß damals Kost und Keile jab doch ja du kriegtest jut zu essen aber manchmal

[1:47:03] auch en paar hinter de Ohren oh je aber der Meester der war war janz in Ordnung da der hatte also ne kleene Bäckerei hab zwar nich viel jelernt aber äh er hat dann noch nebenbei so en bisschen Feld und war also so en Kleinbauer nebenbei noch ja und seine

[1:47:28] Eltern die hatten en größeren Hof und die hatten auch Pferde und na ja also war ick da mehr auf em Feld als in ne Backstube aber dat is mir wohl   janz jut bekommen muss ick sagen und irgendwann sind die Eltern denn   nach West-Berlin jejangen also es jing

[1:47:53] ja damals los mit den Entschädigungen und so   und   hat sich auch irgendwie wat Besseret ausjerechnet besseret Leben und mit den Leuten aus der DDR konnte er nich und hat auch nicht also die sind oft da gewesen ich kann mich erinnern und ham ihn bearbeitet

[1:48:16] dass er doch in die Partei eintreten sollte oder irgendwie da mitmachen bei denen ja der hätte wenn er jewollt hätte en ziemlich hohet Tier in Be- im im Osten werden können ja   aber er wollte nich da war wohl doch die irgendwie die Unternehmerfamilie irgendwie

[1:48:39] stärker und er is und er hat denn det beantragt und es ist sogar bewilligt worden wir w- die brauchten nicht türmen sondern die konnten regulär mit Sack und Pack nach West-Berlin ziehen   nur ick zählte ja nun nicht mehr dazu [schüttelt den Kopf]   aber

[1:49:03] dann ham se geschrieben ick sollte och kommen ne   na dann bin ick zur Polizei jejangen damals noch in Herzberg und da hab ich gesacht »möchte nach Berlin ziehen« »ja wohin wohin« »na äh Potsdamer Straße 157« jut ham se rein jeschrieben Abjemeldung

[1:49:26] hab ick Papiere gekriegt und dann bin ick los also ick hatte keenen Zuzug und ick   die haben angenommen dat is Ost-Berlin nich die haben ja nich angenommen dass ick mich nach West-Berlin abmelde   na ja et ging aber janz jut   äh ick hatte denn en Koffer und

[1:49:49] so ne   Aktentasche so wie et halt damals so jab und äh [räuspert sich] in der Aktentasche hat mein Vater natürlich mir aufjetragen ich sollte dreißig Eier mitbringen wa na gut ick hab dreißig Eier mitjebracht und äh dann hatt ick noch also ick hatte

[1:50:10] damals schon anjefangen Briefmarken zu sammeln noch bei den Pflegeeltern nee dat stimmt nicht in meiner Lehre ick ging zur Lehre und da war eener der hat Briefmarken gesammelt und so kam ich zu de Briefmarken hab ick anjefangen Briefmarken zu sammeln also

[1:50:28] ick hatte schon en bisschen Briefmarken und die hab ick natürlich dann och mitgenommen och in nen Koffer rin   und in der Tasche   da hatt ich so meine Arbeitsklamotten drin die ick eben so die letzten Tage so an hatte   und beim Bäcker is det so das ist janz

[1:50:47] schön dreckig und janz schön mehlig   so und dann bin ick nach Berlin jefahren   Potsdamer Bahnhof ausjestiegen und brauchte bloß noch die Treppe hoch und dann war ick im Westen der eene Ausgang ging direkt   auf die Potsdamer Straße und da standen dann die

[1:51:08] beeden Fahr- also die Straßenbahnen die für Ost und die für West und du musstest ja je nachdem wo de herkommst oder wat mussteste in Ost oder West bezahlen und   na ja ick war schon auf der Treppe da kamen die von hinten anjerannt zwee Volkspolizisten ham

[1:51:30] mich festgenommen hm und ick war janz erst- ick war wirklich erstaunt also dass s- ick wusste jar nich wat die von mir wollten oder so wa   also Leipziger Straße da waren diese janzen Polizei- -dienststellen und da ham se mich da mit hinjenommen und da ham

[1:51:54] se mich verhört und   ich hab gesacht »na ich hab doch hier ne Abmeldung und meine Eltern wohnen da« und wat weiß ich also die wussten wohl nicht so recht wat se nu machen sollten   mir dann »ja wat ham Se denn« hat er zu mir gesacht »wat ham Se denn

[1:52:14] da in den in in Ihre in Ihren Tasche und Koffer da«   »na ja Umzu- meine Sachen Umzugsgut und so   und«   »na ja dann zeigen Se mal« und da hab ick die Tasche jenommen mit den mehligen Klamotten und hab die ufjemacht und hab die raus und [gestikuliert; betont:]

[1:52:39] ruff auf den Schreibtisch wa phfff so ne Wolke da drin ja [lacht] der h- der hat bloß so mit de Hände jeschüttelt   und sacht er »is jut is jut packen Se ein packen Se ein packen Se ein und wat is da drin« »och na ja dasselbe so soll ich aufmachen ?«

[1:52:59] »neee nee nee« [lacht] hat er gesagt und schon waren meine dreißig Eier jerettet   ja also die ham mich gehen lassen kam dann nach em nach em Westen zu meinen Eltern die wieder wie üblich bei (Bloßfeldts) untergekommen waren

Daniel Baranowski

[1:53:17] das müssen Sie noch mal eben sagen das ist die Pflegefamilie von

Gerd Braun

[1:53:22] [gleichzeitig:] die Pflegeeltern von meiner   von meiner großen Schwester ja   und

Daniel Baranowski

[1:53:24] [gleichzeitig:] hmh okay   waren Ihre Eltern dann eigentlich wieder verheiratet ?

Gerd Braun

[1:53:28] nee da noch nicht die ham dann erst äh en paar Jahre später in ne fuffziger Jahren oder vielleicht sogar schon sechziger Jahren ham se dann wieder jeheiratet ja   also die kriegten dann ne Wohnung da in ner in ner in Friedenau in ner Rubensstraße

[1:53:50] und ja

[1:53:52] und ick so- wollt- sollte ja nun und wollte ja äh weiter nu meine Bäckerlehre machen ja also ick hatte ja ers en halbet Jahr um oder so und also Vater hat sich da auch bemüht kann ich mich erinnern und wir sind da von eenem Bäcker zum   irgendwie hab ick

[1:54:13] ne Bäckerlehrstelle jekriegt und zwar draußen in Schmargendorf und   da bin ick erstmal in dieser Zeit denn in den zweieinhalb Jahren denn bin ick eigentlich erstmal zum Menschen jeworden also da hab ick erstmal so en bisschen wat begriffen oder so ja und

[1:54:37] der mein Lehrmeester   der war so en bisschen burschikos aber det war en richtiger Mensch so der   der hat mich ins Leben einjeführt oder so ja irgendwie hab ick vor dem Mann heute noch so Respekt   der war och im Krieg jewesen und kam aus Kriegsjefangenschaft

[1:55:01] na ja dann hat er den Laden da die Frau hatte den Laden alleene jeführt so in der Zeit und na ja also   er hatte da sein Auskommen und   ick hab da Bäcker jelernt

Daniel Baranowski

[1:55:18] ist das jetzt so Mitte der fünfziger Jahre oder wann ist das

Gerd Braun

[1:55:21] ja also 52   sind wir bin ich nach Berlin jekommen und 55 hab ick ausjelernt ja äh   und in der Zeit muss ick sagen   is auch meine janze Persönlichkeit irgendwie jewachsen wenn die Zu- Schü- [winkt ab] Schulzeugne die ich aus Jessen habe das waren ja denn

[1:55:50] nachher die meisten oder so da kann man richtig sehen während ich in Hitzkirchen   äh die Noten bei im Durchschnitt bei Zwei lagen   [blättert in den Zeugnissen] lagen se in Jessen nachher nur noch bei Drei Vier Fünf also es hat sich keener so auch nicht

[1:56:18] in der Schule um jekümmert oder wat ick weeß auch nich die Eltern ham uns da so völlig im außer   im Stich jelassen und erst als ick denn inne Lehre war   nu war det erste halbe Jahr in der DDR die Schulen die waren ja sehr jut und da musste man schon wat

[1:56:42] äh aufpassen da musste man lernen und so und ick kam denn da wie ick denn hier nach West-Berlin kam und in die Berufsschule ging   det is mir alles zujeflogen na det konnt ick ja allet schon dat ham wir ja schon im ersten halben Jahr im Osten jehabt und   ick

[1:57:01] bin in ner Schule dann jut zurecht jekommen [blättert in den Unterlagen]   äh   ja das sind alles hier Zeugnisse denn   das war dann die erste die Zeugniskarte aus em Westen von ner Schule von ner Berufsschule also war [zeigt das Zeugnis] sch- standen schon

[1:57:31] lauter Zweien drinne ja also da war ick schon war ick schon janz jut [lacht]   aber dat war so en janz wirklich en janz kleener Betrieb also ick war mit dem Meester da aleene morgens hab ick mit der Kiepe Schrippen ausjefahren da in Dahlem die vornehmen Herren

[1:57:51] da ham da sich morgens die Schrippen schicken lassen und   also   ick hatte ausjelernt und det war irgendwo hab ick auch ne Gesellenprüfung [sucht in den Unterlagen] hab sogar glaub ick mit Gut oder wie det war   nee nee nich mit Jut

Daniel Baranowski

[1:58:14] [gleichzeitig:] und Sie

Gerd Braun

[1:58:16] äh ah Gut ja doch äh die Prüfung bestanden und der konnte mich aber nicht behalten weil en Jesellen konnt er nich bezahlen und   also hab ick mir ne Stelle jesucht und kam denn   nach Lichtenrade raus   und da kam ick zum ersten Mal in so en richtijen Bäckerbetrieb

[1:58:38] also da waren vielleicht zehn Jesellen und da war wat los und da passierte wat ick wusste jar nich wo ick war wat ick wat ick da sollte ick hatt jar keen Schimmer und   aber   ick weeß noch wie heute et jab da auch so ne alte Oma die hat Essen für alle jekocht

[1:59:00] da konntest du essen wat du wolltest und wenn du fünf jekochte Eier jejessen hättest zum Frühstück hätte sich keen Mensch drum jeschert wa also es war so gut aber arbeiten arbeiten arbeiten also et jing schon mal von morgens bis um Dreie nachmittags warste

[1:59:23] erstmal schon in ne Backstube   und war die Backstube aus dann mussten wir die wir die wir da wohnten den Hof fegen die Hundekacke wegmachen dat Auto waschen also allet wat so eben anfiel und so ja und wie jesacht   ich kam ja überhaupt nich vom Fachlichen

[1:59:45] überhaupt jar nich mit wat da passiert   der hat so en Auto und fuhr mit mit Auto voll Backwaren da auf die Dörfer oder wat [schüttelt den Kopf]   also es ick kam überhaupt nich zurecht und dann mussten wer abends um sechse mussten wir schon wieder in ne

[2:00:05] Backstube sein da mussten dann die O- Öfen jeheizt werden und äh Sauerteige jemacht werden dat war eben früher so in ner Bäckerei das also abends immer auch noch mal Arbeit anfiel und   dat mussten wir denn machen   unter anderm ham die da so en Vollkornbrot

[2:00:27] jebacken   und das wurde mittags als Letztes gemacht   und dann   in nen Backofen geschoben und blieb dann bis abends um sechs oder sieben im Backofen drin und die Abendschicht die musste denn die Brote rausholen dat war so Kasten- -brote warn immer vier Stück

[2:00:55] oder fünfe in ner Reihe so drin da ham die   ja und ick war dran und hab dat Brot verjessen da drin   hab ick dann bin ick am nächsten Morgen davon wach jeworden   der Werkmeester kam da immer als Erster dass det so jekracht war hat da hat der von oben aus

[2:01:16] dem Herd   die Brotkästen so rausjefeuert wa ach du Scheiße [lacht und winkt ab]   bin ick och gleich rausjeflogen dat Brot ham se mir abjezogen und da kriegt ich och für en letzten Monat keenen Lohn mehr und dann war ick wieder auf der Straße   na ja   ick

[2:01:39] hab mich nicht entmutigen lassen und hab mir dann ne andere Stelle jesucht und dann gings mir   auch nich wesentlich besser der aber der Mann der war also der Bäckermeester war ne Seele von Mensch später als ick denn schon selbstständig war warn wir direkt

[2:02:01] en bisschen befreundet und so und äh

Daniel Hübner

[2:02:02] (__)   wir sprechen jetzt

Daniel Baranowski

[2:02:08] hmh [Schnitt] angeht

Gerd Braun

[2:02:10] ick weeß jar nich mehr wo wer waren

Daniel Baranowski

[2:02:14] na sagen Se ruhig wie Sie dann sich selbstständig gemacht haben hatten Sie (uns erzählt in der) Pause

Gerd Braun

[2:02:19] aber das kam dann wesentlich später also inzwischen war ick ja nu Vater jeworden nech ick war ja nu kaum aus der Lehre da war ich Vater   und meine Frau damalige Frau also Freundin   war Hausmädchen hier und durfte auch nischt anderes arbeiten aufgrund der

[2:02:41] Jesetze damals und das hieß dass se auch da   schlafen musste und so ja also die hatte da in Zehlendorf da so en Ehepaar die hats da nicht schlecht jehabt aber se musste [betont:] immer da sein die hatte nie frei wa   dat Eenzige war sonntags nachmittags da

[2:03:08] durfte se wohl zwee Stunden oder drei Stunden oder wat weg   und   na ja dann sind wir zu den Kleenen der im Heim war   äh hinjejangen da hat se dann zwee Stunden jeheult und dat war dann allet wa   na ja und denn ham wir hab ick hab wie jesacht immer im möbliertet

[2:03:33] Zimmer jewohnt und denn hab ick war det endlich so weit ick war 21 konnte heiraten bis dahin hab ham die Eltern dat natürlich untersagt »mit so ner Penne heiratet man nich und« mein Vater hat »so wat musste bumsen und innen Hintern treten det is et« das

[2:03:56] warn die Reden meines Vater und   na ja also wir ham dann jeheiratet   und wie jesacht jing janz jut   wir ham erst ham wir en möbliertes Zimmer jehabt wo wir det Kind mitbringen konnten also det Kind war denn bei uns und dann ham wer versucht na ja Wohnungen

[2:04:27] damals war dat ja mit den Wohnungen katastrophal ne und aber   irgendwann hat dat geklappt auf dem Wohnungsamt oder wat meine Frau die konnte auf Befehl heulen also dat war und hat denen da wat vorgeheult und so und irgendwann war so ne kleene Wohnung wo keener

[2:04:51] haben wollte und die kriegten wir denn in ner Potsdamer Straße im Hinterhaus Stube und Küche na wat warn wir glücklich dass wir jetzt wat Eigenet hatten nich und   da von da an ham wir nur jearbeitet um   um auch in die Wohnung wat rin zu stellen wa wir hatten

[2:05:19] ja nischt sie hatte jar nischt und ich hatte jar nischt [lacht] oh [räuspert sich]   da ham wer allet jemacht ick bin Teppich kloppen jejangen und ach- ne Hauswartstelle ham wir übernommen und sie hat von ihrer Arbeit äh Heimarbeit mitgebracht da ham wer

[2:05:41] noch die halbe Nacht denn so Elektroschnüre zusammenjebastelt oder wat   aber es ging vorwärts erst kam en Teppich denn kam en Schrank und also dann kam en Bett also wat weeß ick also jedenfalls   und denn ham die auf een Mal und sparsam waren wir natürlich

[2:06:02] och auf een Mal ham die dann hieß et denn dat Volkswagenwerk wird äh privatisiert und soll untert Volk und   na ja und da konnte man sich bewerben um so ne VW-Aktien zu kriegen ne ham wer jemacht hatt ick schon so en bisschen so Geld wat da so zwee- weiß

[2:06:29] ick nich 2000 oder was man da brauchte und   tatsächlich wir kriegten zwee Volkswagen-Aktien und als die alle verteilt waren da war noch en Stapel übrig und da ham se so per Los noch an manche Familien ne dritte verlost ja also   wir hatten Glück drei VW-Aktien

[2:06:57] und dann noch staatlich gefördert dat weß ich nich mehr wat die kamen aber der Staat hat wat zugegeben ne du musstest se bloß ne bestimmte Zeit halten um   durfteste nicht gleich verkofen oder so ne   äh   also ick hab die jekoft oh die ging ja dann gleich

[2:07:24] im ersten halben Jahr warn die bei tausend Mark damals ja tausend   ooch dat is wat wa und da warn se 1100 und da   hab ick gedacht jetzt verkofs- jetzt verkofen wer ham wir jedacht jetzt verkofen wir   inzwischen hatt ich och noch nebenbei -n en Meister-   -kursus

[2:07:56] belegt also man konnte damals während man in Westdeutschland da auf irgend so ne Sch- Internat musste oder so also hier in West-Berlin ging dat auch also so mit Nachmittagsunterricht und so [putzt sich die Nase]   auf der Bäckerinnung   na ja hab ick anjefangen  

[2:08:16] und dat hat mir jelegen also praktisch war ick dann schon en bisschen serv- äh wie sagt man ?

Erika Braun

[2:08:27] versiert

Gerd Braun

[2:08:28] versiert ja in äh durch die sieben Jahre bei der Firma da   und   dann hab ick die Meisterprüfung gemacht ja und ick war eener von die Besten ick war der Eenzige der ne Eins hatte auf em Zeugnis also et war   war jut jeworden wa   und ja man hat so rumjehorcht

[2:08:58] oder wie oder wat und irgendwie   hab ick dann jehört   oder der Nachbar von meinem Vater hat det ihm erzählt dass da ne Bäckerei zu verkaufen ist in Neukölln und [räuspert sich]   na ja wir sind dahin natürlich mein Vater mit und ich und dann   ham wir

[2:09:27] uns dat anjekiekt ne janz kleene Bude so der Meester aleene und zwee Mal in ner Woche kam en Jeselle helfen und vorne war die Chefin alleene und dat Ding sollte 12000 Mark kosten   und ick hatte drei   von den VW-Aktien wa also hab ick schon meine Felle schwimmen

[2:09:55] sehen und da da sitz so auf der Innung und auf der Innung da war en äh Schriftführer nich äh wie sacht man  

Erika Braun

[2:10:05] Geschäftsführer oder ?

Gerd Braun

[2:10:09] ja Geschäftsführer Herr (Heinemann) und der war so en bisschen Jugendfreund und ja der war so   und da hat er mich hal- da hat er mich jenommen und sacht er »na dann jehen wer mal zur Bank und wollen wer mal sehen« und

Daniel Baranowski

[2:10:25] ich hab nicht verstanden der war ein Jugendfreund Ihres Vaters ?

Gerd Braun

[2:10:29] nee so er war der Jugend zujetan so

Daniel Baranowski

[2:10:32] ah okay

Gerd Braun

[2:10:34] wolln mal sagen er hat also   so mit meinem Vater war ick immer mal ham wir zusammen jesprochen   große Zeiten waren wir verkracht miteinander   und dat hat sich so durchs ganze Leben hingezogen ja

Daniel Baranowski

[2:10:52] ab wann ähm ham Sie denn dann über die Vergangenheit gesprochen oder ab wann wussten Sie was mit Ihrem Vater gewesen is

Gerd Braun

[2:11:00] na ja so im Laufe Laufe der Jahre is von da wat zujeflogen von da wat zujeflogen wie jesacht selber hat er auch manchmal irgendwie was verlautbaren lassen vielleicht auch von Mutter oder

Erika Braun

[2:11:15] aber konkret war nie

Daniel Baranowski

[2:11:17] und hatten Sie die ähm die äh den Eindruck dass er so geworden is wie er is aufgrund seiner Erfahrung konnten Sie das irgendwie einschätzen ?

Gerd Braun

[2:11:27] äh

Daniel Baranowski

[2:11:29] oder einordnen

Gerd Braun

[2:11:31] ich weiß es nicht wollen mal sagen je jünger   ich war   um so mehr hab ich ihn schuldig gesprochen   aber mit dem mit dem Alter mit meinem Alter ja wie ich älter wurde da hab ick doch manchmal jesacht na ja   wat der Mann durchjemacht hat und   hab dat teilweise

[2:12:01] auf diese Folgen geschoben wat

Daniel Baranowski

[2:12:03] [gleichzeitig:] hmh hmh

Gerd Braun

[2:12:05] vielleicht auch so war ja also   ich weiß dat nich ja   er hat zwar mit seine ersten Frauen auch Schindluder getrieben und so ah äh   wie jesacht in äh als er dann älter wurde hab ick denn auch nich mehr so hab ick ihm allet verziehen hab ick mit ihm geredet

[2:12:32] und alles so wat und hab n reden lassen und machen lassen aber wie jesacht so ich meine ich kann mich nicht erinnern dass mein Vater mich ma in nen Arm genommen hat oder ich ihn oder so dat so wat da war immer ne Distanz ja

Daniel Baranowski

[2:12:53] und er hat Ihnen nie persönlich seine ganze Geschichte erzählt

Gerd Braun

[2:12:59] nee nee nee   überhaupt nich dat wat ick habe hab ick nur aufjeschnappt von Verwandten Bekannten von vom Zuhören und [räuspert sich]   vielleicht auch von seinem Bruder   der (Max) war ja en juter Jeschäftsmann und der war auch   na ja er hatte auch seine

[2:13:29] Macken aber äh   ich kann mich erinnern ich war mal mit durfte mal mit nach Berlin   und das war gerade zu meinem Jeburtstag da waren wir da im Dings beim beim der hatte damals schon en Haus und so Jeschäfte so so Stricksachen hat der selber fabriziert so

[2:13:57] Strickerei sachte man oder ja   und dem gings eigentlich hatte en großet Auto en Opel Kapitän und immer en Chauffeur dazu weil er jar keen Führerschein hatte und so und   da hat mein Vater gesagt »ja der Gerd der hat heute Geburtstag« »wa der hat heute

[2:14:21] Geburtstag ?« hat er sein Portemonnaie rausjeholt hat dann ne Mark rausjeholt ne West-Mark na dat war ja schon ma wat und hat die mir jejeben   so als Jeburtstagsjeschenk oder wat ja am nächsten Tag wir ham dann da wohl übernachtet oder so wo denn ei- wo

[2:14:40] eigentlich mein Jeburtstag war   da wurde dat überhaupt ni- nicht mehr erwähnt oder so ja nich dass der mir böse jesonnen war aber   war halt so wa   war eben keene Familie ne [lacht]   hat er immer mit seinem Sohn mit seinem kranken Sohn da hat er sich umgebracht

[2:15:03] und   na ja er starb denn auch verhältnismäßig früh nich der Onkel ?

Erika Braun

[2:15:11] ich hab ihn nicht mehr kennen gelernt

Gerd Braun

[2:15:13] du hast ihn nicht mehr kennen gelernt ne   also   [atmet aus] ja dat is alles   aufjeschnappt mal hat mir auch ma hier die kleene Schwester ma wat erzählt wenn se   wenn wir gerade mal nich verkracht waren oder so

Erika Braun

[2:15:33] [gleichzeitig:] (__)

Gerd Braun

[2:15:34] aber ja ne Familie wurde det eben nie und später dat hat sich fortjepflanzt also als ick dann verheiratet war als wir unsere Jungs hatten ick hatte z- aus erster Ehe zwei Jungs   und   die warn für meinen Vater warn die genau so nischt also während die kleene

[2:16:05] Tochter von meiner Schwester mit s- mit der sind die bis nach Amerika gefahren zum Arzt oder wat also die war auch nich jesund so richtig   is auch in frühen Jahren jestorben aber   unsere Jungs also wenn wenn jetzt meinetwegen Ostern war ja   die die Kleene

[2:16:33] von mein von meiner Schwester die hat solche Berge jekriegt und unsere Jungs kriegten dit wat die vom vorigen Jahr nicht ufjejessen hatte ham se liegen gelassen und dat ham se dann unsern Jungs jeschenkt zu Ostern ja   also die die sind auch immer gleich weg

[2:16:57] gerannt wenn wenn Opa und Oma kommt da warn die verschwunden [lacht] dat war war nischt wa war nischt

Erika Braun

[2:17:05] darf ick mal was sagen das ging aber auch nicht nur von deinem Vater deine Mutter war jenau so

Gerd Braun

[2:17:11] ja ? ja die hat ins selbe Horn irjendwie jeblasen in der Zeit also

Daniel Baranowski

[2:17:16] können wir eine kurze Pause eben machen [Schnitt]

Gerd Braun

[2:17:21]   als wir beede dann also auch später als wir [zeigt auf seine Frau] beede zusammen waren und dat Geschäft richtig ausjebaut haben und da war ick eigentlich glob ick ick war en janz tüchtiger Bäcker also   wir ham da ganz schön wat auf de Beene jestellt

[2:17:43] und wir warn ja auch in Neukölln also wir waren die Größten außer v- Thoben oder so wat   und

Daniel Baranowski

[2:17:54] wie lange ähm haben Ihre Eltern gelebt

Gerd Braun

[2:17:57] also mein Vater ist 82 jestorben und unsere Mutter wat hat ick jesacht ick hatte noch jestern nachjeguckt äh später die hat noch zehn Jahre jelebt wa so unjefähr

Barbara Kurowska

[2:18:11] ich wollte da noch fragen also Sie ham gesagt dass Sie mit Ihrem Vater über die Kriegsjahre nicht gesprochen haben ham Sie denn mit Ihrer Mutter gesprochen wie das für sie war sie war ja schließlich das haben Sie ja später erfahren mit einem Juden verheiratet

[2:18:25] sie musste sich scheiden lassen ham Sie dann mit ihr gesprochen ob sie Angst hatte was mit ihren Söhnen sein würde wie das für sie war in der Zeit ?

Gerd Braun

[2:18:34] nee die hat sich auch nie jetraut wat zu sagen

Erika Braun

[2:18:40] nee

Gerd Braun

[2:18:41] in in der Hinsicht also [schüttelt den Kopf]   weil ick denk immer die hat sich och en bisschen schuldig jefühlt vielleicht dass se sich hat scheiden lassen aber et ging ja wohl jar nicht anders also [räuspert sich]   also von den Eltern hab ick dat

[2:19:07] Wenigste erfahren wa   später denn noch von dem von dem Sohn von meinem Onkel hier der vorjet Jahr verstorben is aber der hat auch über die Zeit irjendwie nich so jerne jesprochen nich er is in der Zeit da wo se in Frankreich im Untergrund jelebt haben und

[2:19:30] wo er so schwer krank jeworden is und äh   die Ehe mit der Mutter is denn   die hat in Amerika en andern kennen gelernt und is dann wohl auch auseinander jegangen die Ehe und der Onkel der hat nochmal geheiratet und zwar hat er in Frankreich ne junge Frau kenn-

[2:19:52] oder en junget Mädel oder wat kennen gelernt und   ick globe sogar dat war ne Flakhelferin oder so wat vom Krieg oder wat wie die zusammen   und mit der hat er hier in Berlin dann zusammen gelebt und die ham det Geschäft geführt und die war früher so ne

[2:20:13] jan- eigentlich ne ziemlich elejante Frau und sehr von sich einjenommen und immer auf hohe Stöckelschuhe und so ah je   aber die lebt heute noch also Onkel (Maxe) ist schon dreißig Jahre tot aber die lebt heute noch und   aber schlecht und recht also

Erika Braun

[2:20:35] kurz vor de Hundert is die

Gerd Braun

[2:20:37] ja ja äh   aber von der hab ick von denen da weiß ich och nischt ne ?

Erika Braun

[2:20:45] nee

Gerd Braun

[2:20:47] und die Ehef- die die die Frau von meinem Cousin hier die hatte   die war verheiratet ich glaube auch mit nem deutschen Soldaten oder der is gefallen oder wie und denn hat se den Jungen von meinem Onkel kennen jelernt und denn seitdem sind die zusammen fuffzig

[2:21:13] Jahre und mehr und die lebt och noch und na ja gut aber   et jab eigentlich jar keenen mit dem ich jeredet hab woher ick dat allet wat ick weeß weeß weeß ick gar nich [lacht] nech also

Daniel Baranowski

[2:21:33] ham Sie gelesen ähm über diese Zeit ham Sie Geschichtsbücher gelesen dann irgendwann

Gerd Braun

[2:21:38] ja dat schon und dat wurde ja dann auch nach dem Krieg in den Schulen oder so behandelt und äh   also dat wusst ick schon dass die Großmutter und der Großvater da umgekommen sind also dat hab ick dann och ja dat hab ick wahrscheinlich von zu Hause erfahren

[2:21:59] oder wie also

Daniel Baranowski

[2:22:01] ähm wann ist denn bei Ihnen das Bewusstsein dafür entstanden dass Sie selbst auf indirekte Weise auf vielleicht untypische Weise selber durch die Judenverfolgung gelitten haben   können Sie das sagen wann das überhaupt gekommen ist bei Ihnen dieser Gedanke

[2:22:20] dass Sie selbst ja auch darunter gelitten haben

Gerd Braun

[2:22:23] also dieset Jefühl muss ick Ihnen sagen hab ick bis heute nich   also wat mir widerfahren is oder so von den Eltern weg und   dieset   ick hatte immer dat Jefühl et jibt noch andere denen dat noch noch viel schlechter erjangen is ja also   die viel mehr erlitten

[2:22:54] und vielleicht auch erlebt haben ja und [räuspert sich]   ich kann mich erinnern ich habe in Jessen mal en Buch inne Hand jekriegt und dat war eigentlich en Roman so irgendwie   unbedeutender Schriftsteller   da war von einem Jungen die Rede der im Ersten Weltkrieg

[2:23:24] verloren jejangen is bei Flucht und Vertreibung also da hab ick so ne jewisse Parallele jesehen ja und da wurde dem sein Leben so beschrieben oder so   »Vetter Starmatz« hieß det Buch [lacht] und den ham se so jenannt weil der zu der Zeit jefunden wurde

[2:23:50] als die Stare grade zurückkamen oder so irgendwie   ich weeß och heute nich mehr wie dat wahr aber dat Buch hat mich so zum ersten Mal so en bisschen angesprochen in der Hinsicht   aber so   so so richtig wollen wir mal so sagen dass ich gesagt hätte Mann

[2:24:15] ist dir det schlecht jejangen kann ich nich sagen ja also ick kön- bei den Leuten wo ick auch überall war ick hab immer was zu essen und was zu trinken gehabt und die Leute ham sich bemüht und   und ich wusste ja auch nich weshalb wieso warum ne dat hab

[2:24:38] ick ja dann erst dann irgendwie muss ja zu Hause davon mal jeredet worden sein oder was  

[2:24:46] äh Vater hat da so viel Jeschäfte jemacht mit den mit den Russen und mit mit den Bauern da rum da ham se ihn nach Berlin verschoben und   der hatte en Auto und der hatte

[2:25:07] och von den Russen den Papieren dass er nich so kontrolliert wurde und so äh gut   so lange bis dann hat er sich mit eenen Kaufmann mit so en kleenen Milch- wie sagt man Tante-Emma-Laden-Besitzer in Jessen wa also der hatte der hatte noch so ne elektrische

[2:25:31] Registrierkasse so irgendwie und die wollte der nach West-Berlin verkofen weils da also der hatte och keene Zukunft da in Jessen und da hat Vater gesacht »na ja is jut und nehm ick mit« da ham se die Kasse einjeladen und denn   nach Babelsberg da hat er immer

[2:25:58] dat Auto unterjestellt wenn er wieder nach Berlin rein is   und da ham se die so die Kasse auf so en kleenen Handwagen jeladen die beeden und sind dann über die Grenze oder wollten über die Grenze nach West-Berlin   und dann hat se die Vopo jeschnappt wa  

[2:26:16] also meinen Vater und och den   Koofmann da   und dann kam er ins Gefängnis ja na ja das hat sich ganz schön hingezogen oder wie oder so wat

Erika Braun

[2:26:32] hat er dat jetzt erzählt ?

Gerd Braun

[2:26:35] ja dit dat hab ick ja erlebt also selber noch da waren wir ja dann schon da also Vater war auf eenmal weg und war im Gefängnis und Mutter hat mitm Westen telefoniert und der Onkel und so und   und irgendwo ham sie die ham se och die Russen mit   mit einbezogen

[2:26:58] und die Russen die waren daran nicht interessiert dass ihr Jeschäftsmann da verhaftet wurde von der DDR oder so ja oder vielleicht bestraft werden sollte oder wat und da ham die Russen sich ach so und der   mein Vater war ja en Quatscher der hat sich immer

[2:27:23] dicke jetan mit allem wat er hat der hatte nach en denn zwischen West-Berlin und Sachsen da warn ja damals so diese Perlonstrümpfe kamen gerade auf oder Nylon oder Perlon oder wat und für diese Maschinen die diese Strümpfe herjestellt haben benötigte man

[2:27:48] so ganz feine Nadeln und diese Nadeln   ham nur ham die nur in Sachsen herstellen können ja aus Schweden überall kamen die und wollten von denen ham da die Nadeln die ham die Nadeln herjestellt   aber die hatten in Sachsen nicht den passenden Stahl dazu   also

[2:28:18] mein Vater mit dem Auto   so weit dat Jewicht eben aushielte Stahlblöcke nach Sachsen gefahren und äh Nadeln nach em Westen ja das dat jing jahrelang janz jut und da hat er wohl auch einijermaßen Jeld verdient oder so   und natürlich hat er dat dem alten

[2:28:45] Koofmann da erzählt jehabt und der hat dat natürlich vor Jericht wollt er sich reinwaschen und sagen »ja der hat« und so wa   da hat der de   da der Jerichtsbarkeit erzählt und   aber die Russen haben sich einjemischt   die Russen haben nur zu verstehen jejeben

[2:29:09] dass der Mann nicht zu verurteilen ist oder so irgendwie ja die hatten dann immer noch das Prä da und als dann die Verhandlung war kann ick mich also weiß ich aus Erzählungen dass also mein Vater hat dann gesagt »na ja der hat mich jefragt ob ich ihm helfe

[2:29:31] die den Handwagen da hinzufahren ick hab ja jar nich jewusst dass das nach Westen jeht« jut jeglaubt   und dann hat der Richter gesagt   »sagen Se mal und äh   irgendwas von von Strick- Strumpfstrickmaschinennadeln davon wissen Sie nischt« »nee« hat mein

[2:29:56] Vater gesagt und damit war dat janze Ding abjehakt wa und der is frei gesprochen worden is frei jekommen und den alten Kaufmann ham se glob ick für vier Jahre einjesperrt   na ja also wie jesacht dann sind wir nach em Westen jejangen [räuspert sich]  

[2:30:19] ja

[2:30:21] [zu seiner Frau:] dann ham wir uns beede jekriegt ich hab mich scheiden lassen und seitdem gings uns eigentlich gut ja et jing im Jeschäft aufwärts und   also wir hatten en bisschen en glückliches Händchen ne kann man sagen Geschäft wurde immer größer

[2:30:44] weil auch die Arbeit immer mehr wurde also wir hatten da wirklich   und sie brachte ja ihre kleene Tochter mit sie hatte zwei Töchter und hatte die eine blieb beim Vater die andere kam zu uns   aber die andere kam dann war dann auch die meisten Jahre dann bei

[2:31:08] uns die kam laufend zu uns   mit dem Vater kam die och nicht so zurecht richtig

Erika Braun

[2:31:14] mit dem Vater schon jetzt nur mit der

Gerd Braun

[2:31:16] der Stiefmutter ja der hatte dann bald sich wieder ne andere jenommen und denn ja det war nischt   ja und so   det war et im Großen und Ganzen wat jemanden interessieren könnte ja

Daniel Baranowski

[2:31:34] wo ist Ihr Vater beerdigt ?

Gerd Braun

[2:31:36] mein Vater wurde hier in äh   auf en neuen Jüdischen Friedhof in ner Heerstraße is der beerdigt und meine Mutter auch ham se ne Ausnahme jemacht weil ja eigentlich Nichtjuden da nicht beerdigt werden sollten oder konnten oder wie dat war weiß ich nich wat

[2:31:56] für en Dreh se da gemacht haben von dem Tag an als mein Vater   verstorben war   war meine Tochter äh meine meine Schwester hier in Berlin die ja mit der anderen in Amerika hatt ick ja wenig Verbindungen   oder so

Erika Braun

[2:32:21] ja weil et zu weit war

Gerd Braun

[2:32:23] aber die von den Tag an war se auf eenmal Jüdin vorher vorher ham wir also kaum über so wat jesprochen aber Vater war tot da rannte die dauernd in ne Synagoge die ging jeden Tag auf en Friedhof dann ham se also zu den zu den (Yahana) is se dann dauernd hin

[2:32:49] also et war   und seitdem vertrag ich mich auch nich mit ihr also nich sie hat dann Meinungen vertreten dat   katastrophal wa weil ick jesagt hab »wat is denn wat is denn mit den Opa äh äh äh mütterlicherseits der Mann hatte sein janzes Leben jearbeitet

[2:33:13] hat sich en Häuschen da jebaut und äh wollte nischt weiter als in Ruhe und in Frieden leben und die ham den rausjejagt is d-   det is doch jenau det selbe det is«   »nee nee die ham det ja auch verdient und also   « konnste nich mit ihr reden nich die sind

[2:33:38] dann die alten Leutchen sind och da hier bei in Bautzen oder wat janz jämmerlich da zugrunde jegangen also in janz miesen Verhältnissen   und äh   mit meiner Schwester hab ick   mich ah wir ham uns nur jezankt wenn wir zusammen waren waren wir schon en Pärchen

[2:34:01] bis ick wirklich denn so och in dem Alter war wo ick jedacht habe Mensch lass se doch reden is deine Schwester wat soll nu und warum willse dich [winkt ab]   und ick hab mir denn auch immer auf de Lippen jebissen wenn uff um Politik oder irgendwat jing oder

[2:34:27] so da hab ick mich zurück jehalten also   dat hatte natürlich zur Folge dass ich mich auch so mit ihr nicht richtig unterhalten konnte wa und wenns mal wenns mal kam dann war et Krach wa dann war also dat Theater mit dem vorher hatte die hatte se genau so

[2:34:53] über Vater jeschimpft wie wie ick und wie die andern und   nachher auf eenmal war dat der der liebe Jott oder wat weeß ick also   wie jesacht ick bin meinem Vater nicht   böse und ick rechne dem auch viel zu was er erlebt hatte und wat ihn so hat vielleicht

[2:35:19] werden lassen oder so ja aber wat die veranstaltet denn na ja denn hat se also so ne Grabpflege da von von ner Jemeinde in Anspruch jenommen und da muss dann im Winter wird dat Grab zujedeckt und aufjedeckt und jegossen und Blumen und ah- weiß ich allet  

[2:35:42] und mit de Rechnung kam se dann zu uns [hustet]   hat se alle anderen Viere och meine Schwester in Amerika   schickt se jetzt jedet Jahr im Januar die Rechnung da müssen wir auch inzwischen schon bald an hundert Euro bezahlen wa oder

Erika Braun

[2:36:05] ja (_____)

Gerd Braun

[2:36:06] ja

Daniel Baranowski

[2:36:07] glauben Sie denn dass ähm dass die Art und Weise wie Ihre Schwester damit umgeht dass das auch eine Form von Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist die nur anders ist als Ihre also ham Sie bei allem Ärger und allem Streit irgendwo Verständnis dafür

[2:36:29] dass auch Ihre Schwester von dieser Familiengeschichte so beeinflusst ist dass sie einen einen anderen Weg gefunden hat damit umzugehen

Gerd Braun

[2:36:36] [atmet aus] mög- möglicherweise aber   mir erscheint   dieser plötzliche Wandel nach dem Tod meines Vaters doch en bisschen   problematisch ja also   ick kann ihr dat allet nich so recht irgendwie glauben so wat se sagt ja ne also wie d- die stellt sich die

[2:37:11] is auf einen Nenner stehen jeblieben der vielleicht vor vierzig Jahren mal jegolten hat wa so glaubt sie heute noch dass zum Beispiel die Heimatvertriebenen nischt weiter im Kopp haben als die alten Jebiete wieder an Deutschland zurück zu holen na also da

[2:37:32] redt doch keen Mensch mehr von wer will kann doch da hingehen ne also da da da konnt ich mich da immer nicht mehr beherrschen da hab ick jesacht »du spinnst doch wohl wer will denn heute noch hier in Europa wat verändern also landmäßig oder kein Mensch

[2:37:49] also   nich die Siegermächte und och nicht schon gar nicht die Verlierermächte also   det det wat wat Besseret als jetzt hat et doch noch nie in Europa jejeben die Menschen können überall hin können jeden besuchen et jibt in Deutschland äh es jibt in Europa

[2:38:14] weniger Menschen die die Deutschen noch hassen also   « in Frankreich ham wir es ja manchmal so en bisschen rausjehört wir waren en paar Mal in Frankreich die Franzosen sind immer noch manchmal en bisschen nachtragend aber [räuspert sich] im großen Ganzen

[2:38:32] is et doch nie friedlicher jewesen als als jetzt wie kann man denn da so   noch äh Hass da wird die richtig hysterisch ja so wenn denn   da kann man da kann man nischt machen [atmet aus]

Barbara Kurowska

[2:38:55] ham Sie sich eigentlich als Kinder gut verstanden mit Ihrer Schwester als Sie da auch zusammen in Ostpreußen waren und da in Troppau

Gerd Braun

[2:39:03] so in Ostpreußen ja in Troppau wie jesacht da durften wir nicht mehr so aber da waren also da gab dat keene irgendwelche Au- grundsätzlichen Auseinandersetzungen

Barbara Kurowska

[2:39:17] [unterbricht:] aber gab es da auch Zusammenhalt zwischen Ihnen beiden also dass Sie sich unterstützt haben oder

Gerd Braun

[2:39:21] tja wahrscheinlich ja und nein ja also et is nich irjendwie   und als wir dann in Jessen jewesen sind   dadurch dass Vater so ich kann mich erinnern im Anfang waren wir Dreie janz janz dicke zusammen aber denn wo Vater denn immer die Tochter vorjezogen hat und

[2:39:53] wir ja nich da waren und wat weeß ich hab ick nachher gedacht is doch jibts doch jar nich und dat hat sich dann och wahrscheinlich niederjeschlagen im Verhältnis zwischen den Jeschwistern ja äh [räuspert sich]   und is auch ein bisschen komisch der hat

[2:40:16] sich och nich mit der Cousine da in Bayern verstanden da von meinem Onkel die Tochter trotzdem dass trotzdem dat ne Seele von Mensch war ne   och mein Onkel der konnte ja die Erika jut leiden weil die   v- dat Segeln so schnell hat sie begriffen wa also wir

[2:40:42] sind mit mit meinen Onkel der hatte denn da en eigenes äh Boot am Chiemsee liegen im Jachthafen und das hat er sich nach eigenen Angaben wurde dat jebaut in der DDR damals noch   äh der wollte natürlich auch dat seine Kinder segeln und so   ham se auch gemacht

[2:41:07] aber die ham nie dat erreicht wat wat der Onkel war d- also wenn wir ich weeß noch wir sind an den See jegangen   und in det Boot einjestiegen und dat Wasser war spiegel- -glatt also überhaupt keen Wind ja »mit dem Segeln dat können wir ja wohl heute verjessen

[2:41:35] oder so« hat er gesacht »warte mal warte mal in zehn Minuten segeln wir«   na ja gut ham wers geglobt du da hat zehn Minuten war der Wind da der wusste jenau der hatte schon von Weitem jesehen wo sich dat Wasser kräuselt oder wat weiß ick nach zehn Minuten

[2:41:58] is der mit uns losjefahren und dat war en herrlicher Sejeltag jeworden kann ich mich erinnern also der hatte da unerhört wat druff

Erika Braun

[2:42:06] ja der war auch sehr herzlich und

Gerd Braun

[2:42:10] ja wenn sie dann außen ruff und da am Segel da wat machen sollte oder so dann hat er immer sie jeschickt und dat hat dann och jeklappt also dat war [lacht] ne schöne Zeit mit denen wenn wir da unten waren   tja und dann auf eenmal waren se beede tot wa nich

[2:42:33] lange auseinander  

[2:42:35] ja z- im Beruf war et nachher sehr schön ick hab ja hier eijentlich so ziemlich allet erreicht wat zu erreichen war ick hab denn wurd dann Obermeister in Neukölln und   dann suchten se so Richter fürs   Arbeitsjericht

Erika Braun

[2:43:06] [gleichzeitig:] Arbeitsjericht

Gerd Braun

[2:43:08] und bin ick dann Richter am Arbeitsjericht jeworden und   ach dat war allet prima denn war ick äh   im Jesangverein ick war der Jüngste und bliebs denn auch und war die letzten fuffzehn Jahre Vorsitzender und ach und uff der Innung noch den Ehrenposten und

[2:43:33] den Ehren-   also die letzten Jahre hätt ich mich gar nich so richtig um die Bäckerei kümmern können wenn sie [weist auf seine Frau] nich jewesen wär und denn unsere Tochter schon die war ja denn och schon   die hat den Computer gemacht und so und   war

[2:43:53] schön war ne schöne Zeit ja och wie jesacht wenn man viel arbeiten musste oder so aber

Erika Braun

[2:44:00] haste alles mitjemacht wa

Gerd Braun

[2:44:05] [lacht] ja   war so eijentlich war et en janz wunderschönet Leben   will mal sagen wenn man die ersten Jahre ausblendet   und manchmal frag ich mich wirklich wenn ich die   die ersten Jahre wenn dat alles normal jewesen wär   ob ick bei meinen Eltern jemals so

[2:44:34] jeworden wäre wie ick wie ick mich heute sehe wollen ma sagen ja ick bin och keen guter Mensch ich hab auch viel Scheiße schon jebaut aber äh im Großen und Ganzen bin ick mit meinem Leben sehr zufrieden   dass wir nachher also so nich ganz so en juten Abgang

[2:44:58] beruflich hatten dat war eben och dat war eben och politisch bedingt nich weil die Mauer wegfiel und die Leute nach em Osten jerannt sind einkofen und so   das war   war schlimm   aber ick hab hinterher bin ja denn wir sind ja denn nach Mariental gegangen zu

[2:45:22] dem Steinecke   och da als Anjestellter   erstens ma hatt ick sowieso en bisschen wat zu sagen da und mit den Alten hab ick mir och janz jut verstanden und da noch mehr mit der Enkelin die dat die dat heute führt und äh [räuspert sich] wenn ick nich krank

[2:45:49] geworden wär wer weeß wär ick heute noch da [lacht] aber nein ick wollte ja immer der Beste sein die andern haben jeschuftet und ick hab jeschindert und jeschuftet also ähm so lange bis ick denn da lag und dat Herz nich mehr mitjemacht hat denn   mhm

[2:46:17]   aber wenn ick heute die Katrin treffe noch also jetzt ham wer se schon lange nich gesehen dann freut die sich immer sonst wie eene die Enkelin von dem alten Steinecke   tja det war es wat danach kommt   sind eijentlich nur noch Vergnügungsreisen die

[2:46:48] janzen Alben da drin   und Erika hat immer jeschrieben so äh äh in so nem Büchlein so ne äh

Erika Braun

[2:46:59] (Kalender)

Gerd Braun

[2:47:01] ja Ka-

Erika Braun

[2:47:02] (Kalender von der ___)

Gerd Braun

[2:47:04] und da hat se für jeden Tag also für die letzten 22 Jahre wissen wir was wir jeden Tag jemacht haben hat se alles aufjeschrieben und [räuspert sich] wenn man dat heute so manchmal durchblättert also wir wussten wirklich jar nich mehr wat wer so Wochenende

[2:47:25] m- machen sollten weil wer überall   Einladungen oder Verpflichtungen also jesellschaftlicher Art   und also hauptsächlich eben Innung und Innungsleben Jesangverein und Kegelverein och noch war ick och von die Bäcker Blau-Weiß Kegelverein   und ja   und ick

[2:47:59] bin auch heut noch so froh wenn man heute die Alten die noch leben wenn man die so sieht oder so und man kann sich erzählen und von früher »und wat machste jetzt« früher ham wer vom Bumsen erzählt heute erzählen se vonne Enkelkinder [lacht] das is dat

[2:48:19] Leben

Erika Braun

[2:48:21] Krankheiten

Gerd Braun

[2:48:24] ja haa   sehr viel sehr viel verreist wie gesacht   ja ich äh von meiner Seite aus

Erika Braun

[2:48:36] wärs das

Barbara Kurowska

[2:48:39] Sie wollten ja noch Fotos zeigen möchten Sie ein paar Fotos zeigen ?

Gerd Braun

[2:48:42] ach so ja wir wollten ja mal gucken hier wat hier noch drinne is   [sucht in seinen Unterlagen] wat hab ich hier noch drin dat is et Zeugnis   Zeugnis Lehrzeugnis   das war die erste Heiratsurkunde und das mein Meisterprüfungszeugnis also der Brief hängt da

[2:49:04] drinne   müsste dieset Jahr den Goldenen Meisterbrief kriegen ne  

Erika Braun

[2:49:10] wer macht denn so wat der (Lünemann)

Gerd Braun

[2:49:15] nee na ja der Nachfolger wie heißt er Junkers

Erika Braun

[2:49:21] ach Junkers

Gerd Braun

[2:49:22] Junkers ja da hatt ick in Fachtheorie en Sehr Gut und dat war dat einzige Sehr Gut in der ganzen Gruppe die da die Meisterprüfung gemacht haben   hatt ick och wieder en Gönner den den Vorsitzenden war so en alter Herr der war kam aus Ost-Berlin damals dat

[2:49:45] war glob ick die letzte Prüfung wo dat noch zusammen ging   und der der fand det jut wir hatten also ick musste ne praktische Prüfung da ablegen und da kam ick in den Betrieb und da stand eine Ausrollmaschine und ick hatte so wat noch nie jesehen also da

[2:50:09] wurde auf de eene Seite der Teig hinjelegt und dann haste die jesteuert und dann [gestikuliert] gings nach da und nach da und jedet mal die Walze en bisschen weiter runter und dann konnteste also die Stärken die de brauchtest äh einstellen [räuspert sich]

[2:50:28]   und een Trick war eben   beim Mürbeteig man hat denn son son son dünnes langes Rollholz jehabt und dat hat man dann da raufjelegt und wenn det der Teig die richtije Stärke hatte dass man den weiter verarbeiten wollte dann hat man dat so raufjelegt und

[2:50:51] umjeschlagen und denn mit en Fuß wurde det betätigt dann hat sich det uffjerollt dann kamen die so raus det Band und hat sich in diese um die Rolle rausjewickelt und dat haste dann meinetwegen wenn de irgendwelche Förmchen oder wat machen denn so wieder

[2:51:08] so abjerollt und   hat ick noch nie jesehen aber zufällig hat dat da grad einer jemacht   so und nu war ick dran und äh da sollt ich auch so wat ausrollen da   und da hab ick dat hab ick dat jenauso jemacht wie ick dat vorher jesehen hatte wa dieset Hin und

[2:51:31] Her und dann aufrollen und so ooh der war bejeistert »ham se so an so ner Maschine schon ma jearbeitet ?« »nee« sach ich »seh ick heute zum ersten Mal« und damit war die Prüfung für mich schon jewonnen [lacht] der der fand det irre ja und äh jing dann

[2:51:52] nachher die Theorie war so ufjebaut dass also die Prüflinge in so nem Halbkreis auf Stühlen saßen und die Kommission die saß hier vorne und die ham dann die jeweiligen Fachbereiche denn so abjefragt   dat weeß ick noch wie heute war irgendwat   über den

[2:52:18] Gewerbesteuerhebesatz oder so wat ja   und ick war der Kleenste ick saß am Ende so wie mein Vater als se als se im Lager zwanzig Mann erschossen haben wegen dem   dem Tschechen da den se erschossen haben wer war dat Heydrich oder eenen von die Nazis da ham

[2:52:43] se in jeden Konfenz- Konzentrationslagern zwanzig Mann erschossen kamen die besoffen durch det   äh durch durch die Lager durch die Baracken durch und »du kommst mit und du und du und so«   dann warn se an ne Erschießungs- äh -mauer die hatten da so ne

[2:53:06] Mauer wo die Erschießungen immer stattfanden wa da mussten sich da der Größe nach aufstellen und mein Vater war der Kleenste der stand als Letzter »durchzählen !« »zwanzig 21« hat mein Vater en Tritt in den Hintern gekriegt und konnte wieder in ne Baracke

[2:53:24] gehen die andern ham se erschossen ne ich weeß dat muss doch och   seelisch kaum zu verha- verkraften sein wa so was [räuspert sich]

Erika Braun

[2:53:39] ham se auch in »Schindlers Liste« ham se auch (gezeigt)

Gerd Braun

[2:53:45] na ja   ja und der kam mit die Jewerbesteuer wie gesacht dann hat der vorne anjefangen hat irgend en Frage ich weeß nich um wat et jing dat weeß ick heute nich mehr   aber alle   hattens falsch   jetzt war ich dranne und eigentlich blieb nur noch eene eenzige

[2:54:14] Möglichkeit übrig wa   und die hab ich gesagt da da hat der gesagt der olle (_) gesagt »sehen Se meine Herren das ist der Einzige der sich richtig vorbereitet hat« [lacht] ick hatte überhaupt keene Ahnung aber Glück [lacht] und äh ja so hab ick die Meisterprüfung

[2:54:37] dann bestanden

Daniel Baranowski

[2:54:39] wollen wir noch kurz bei den Fotos gucken

Gerd Braun

[2:54:43] ach so ja jetzt komm ich schon wieder ab [blättert in seinen Unterlagen]   so   det Kleene hatten wir schon jesehen [zeigt im Folgenden die Fotos]

Daniel Baranowski

[2:54:54] ich tu mal das hier weg

Gerd Braun

[2:54:56] ja dat können wir ja vielleicht auf de Erde legen   also das ist meine Mutter also das is sch- jetzt hier in Jessen also nachdem se uns jefunden hatten nech wir drei Jören mit der Mutter wie jesacht unsern Hund und das waren Bekannte mit denen mein Vater

[2:55:22] da Jeschäfte jemacht hat   und das ist hier meine Schwester in Amerika die mit dem Propeller und das war zu ihrer Konfirmation also die is sogar konfirmiert worden   und det is der Hartwig det is der der Sohn von meinem Vater aus erster Ehe   ja und hier sind

[2:55:54] wer nu alle sch- also die drei alle die Jören und wer ist da noch bei ach unsere Mutter da unten ja unsere Mutter und wir Drei   schon im bei meinem

Daniel Hübner

[2:56:11] (___)

Gerd Braun

[2:56:12] ah ja   bei meinem Vater musste man ja immer en Anzug anhaben ne Krawatte um und en Hut uff der hat mich schon als äh in Jessen mit 13 Jahren musst ick schon en Hut tragen wenn ick mit dem wenn wir da wegjegangen sind also das war ja katastrophal ja also für

[2:56:30] für mich   ja hier sind alles so Familienbilder sonntags hier raus nach Gatow oder Kladow   und dann hat er sich äh   hier in Berlin det Auto jekauft   und wat war det für en Auto ? weeß ick gar nich ich glaub dat is war

Daniel Baranowski

[2:57:07] und die Personen wer sind die Personen jetzt das ist wieder Ihre Mutter

Gerd Braun

[2:57:11] Mutter Vater kleener Bruder und (Jutta) also meine Schwester

Daniel Baranowski

[2:57:12] ah ja okay

Gerd Braun

[2:57:15]   das war in ner Rubensstraße unsere erste Wohnung da in Schöneberg meine Mutter und das meine erste Torte die ich alleine gemacht habe da war ich noch Lehrling wir kriegten Besuch hier die waren aus Jessen das waren so ehemalige Freunde   denn   Wannsee  

[2:57:54] die Familie baden jewesen   also in irgend nen See wären wir natürlich nich hätten wir natürlich nich gehen dürfen   wenn dann mit Vater nach Wannsee ja wir waren immer was Besseres [lacht]   ah ja hier is er gut hier is er bombastisch jetroffen   ja

[2:58:35] das is meine Schwester in Amerika   und meine erste Frau   und eigentlich sind wir schon zu dritt da war schon was im Bauch   das is se auch wieder meine Schwester in Amerika

Daniel Hübner

[2:58:52] (__)

Erika Braun

[2:58:54] mach ma en bisschen höher

Gerd Braun

[2:58:58]   wenn wir heute zusammen   telefonieren   also unter ner halben Stunde is da nie wa also [lacht]   da können wir nich vonenander lassen muss ick sagen und äh die Jahre wo es uns nachher denn besser ging dann sind wir rüber nach Amerika und denn war dat

[2:59:31] jahrelang so die kamen von Amerika hier in Urlaub und det Jahr drauf sind wir nach da jefahren dat jing und zwar wenn die nach Europa kamen [räuspert sich]   da ham wer uns äh immer irgendwo getroffen also wir mit dem Auto nach Amsterdam   nach Rom nach Prag

Erika Braun

[3:00:00] Paris

Gerd Braun

[3:00:02] nach Pa- ach Paris ja also und wir ham dann da en paar Tage Urlaub zusammen gemacht und dann sind wir mit en Auto dann so langsam nach Berlin jefahren und so und äh   also wir ham uns schon   immer bombastisch verstanden

Erika Braun

[3:00:20] wenn wir drüben waren auch dann ham wer mal

Gerd Braun

[3:00:25] ja

Erika Braun

[3:00:26] Kanada und

Gerd Braun

[3:00:27] die sind mit uns wenn wir drüben waren sind se mit uns in Urlaub jefahren nich dann   Florida und   ja Niagarafälle   Niagarafälle muss ick immer daran denken dass man jesacht hat   wo ick damals so zuckerkrank wurde ja da hat man immer jesacht das Schlimmste

[3:00:54] ist der Durst also wenn man zuckerkrank ist hat man immer Durscht ja [lächelt]   und äh na ja is auch so aber dann hab ick mal jelesen da hat den Bi- en Diabetiker irgendwie   jeschrieben en Buch oder weeß ich nich wat Artikel oder wat und da hat der jeschrieben

[3:01:19] und det fand ick und find det heute noch so passend   also det kann nur en Zuckerkranker empfinden der hat jesagt »man hat einen Durst man könnte die Niagarafäll- -f- äh -fälle aussaufen« und det det is tatsächlich so [lacht] also äh wenn man so zuckerkrank

[3:01:46] wird und de de also et is wat Furchtbares der Durst ja   nich bei allen aber bei vielen das is äh das die Familie (Bloßfeldt) also ach is ja nur noch der Onkel da der war ja die die Tante is jestorben als die Kleene nu gerade jeboren war

Erika Braun

[3:02:08] ma en bisschen höher

Gerd Braun

[3:02:13]   ja und hier kam dann wie jesacht meine Frau erste Frau ins Spiel

Daniel Hübner

[3:02:26] das ging zu schnell

Gerd Braun

[3:02:32] wa ?

Daniel Hübner

[3:02:34] das ging zu schnell Entschuldigung

Gerd Braun

[3:02:35] ach so   das is in ne Kleisstraße da fuhr damals noch ne Straßenbahn in ne Mitte   tja   und denn kamen die ersten Bilder aus Amerika   und dann wurden die An- die die (Große) dann wurden andere jeboren   ach und dat war en   ja wat war dat eigentlich

[3:03:17] en Jugendfreund von mir ne der hatte   wo ich jelernt habe nebenan jewohnt und irgendwie sind wir janz dicke Freunde jeworden bis er jeheiratet hat und da stimmt och wieder der Spruch »Hochzeitsglocken sind der Freundschaft Sterbeglocken« wa also danach sind

[3:03:40] wir denn auseinander jegangen also ham uns nich mehr so gesehen und später   is erst vielleicht zwee drei Jahre her wa seit ick Rentner bin hab ick gedacht och   kiek doch ma ins Telefonbuch ob der überhaupt noch existiert oder so und hab ick gemacht und da

[3:04:01] stand der Name auch drinne also hab ick anjerufen   war die Frau dran   da sach ick »sind Sie die Frau von« (Manfred Breuer) hieß der »ja« sagt sie »ja ja ja« »ach is ja ulkig« sach ich »ick bin eigentlich ein Jugendfreund von ihm und wollt mal sehen

[3:04:22] wies ihm geht und so wa« da sagt sie »ja der is schon seit 13 Jahren tot« [lacht] wa das war etwas   zu spät   ja dann gabs ma so ne Zeit da also (Jutta) jing denn natürlich in ne Tanzschule und allet war fein und schön und so und denn kamen meine St-

[3:04:46] Stieftochter von meinem Vater aus Frankreich zu Besuch und des is der Sohn   der (Hartwig) und da war er mal auf irgend so nem in nem Tanzstundenball war dat wa   war dat en Tanzstundenball ?

Erika Braun

[3:05:02] keine Ahnung ich denke ja

Gerd Braun

[3:05:05] ick glaube ja war en Tanzstundenball von meiner Schwester   da hab ick auch keenen Verstand für so wat jehabt und hier das bin ick mit meiner ersten Frau   die hatte sehr ne sehr dicht am Wasser jebaut in in   wenn ick denn mit ner andern jetanzt hab oder wat

[3:05:29] also hat se gleich jeweent   na ja es   war halt so   ach und das is hier schon   aus meinem Bäckerleben [lacht]   ja die St- die Stelle wo ick so lange Jahre war   hm die meisten sind och schon tot   weißte

Erika Braun

[3:06:07] ja

Gerd Braun

[3:06:10] wir ham uns alle eigentlich fast alle selbstständig jemacht ne

Erika Braun

[3:06:17] ja ja

Gerd Braun

[3:06:18]   ja das war ach das der Bruder von meiner ersten Frau   war auch en feiner Kerl ja die Familie hat den politisch so fertig gemacht dass der sich dass der eenes Tages daran zugrunde jegangen is   das meine   Schwester und unser Junge   ja und dat waren

[3:06:53] Freundinnen von ihr   wollt ich auch mal am 300er fotografiert werden [lacht]   meine Schwester meine erste Frau   ach wie hieß denn dieset Lokal da draußen in Gatow   war so en Ausflugslokal   hatte mein Vater schon en Mercedes   er hat ja ne janz ne

[3:07:43] janze Menge Entschädigung gekriegt mein Vater   weil [räuspert sich] erstmal die langen Jahre im KZ ne und dann so Einzelsachen zum Beispiel äh war er auf der Fleckfieberstation in   weiß ich nich   in einen war er mehrere Wochen und äh   auch äh   Schaden

[3:08:11] an Vermögen und na ja allet Mögliche   das is jetzt die kleene Wohnung in der Wildenbruchstraße   das eener von die Bäcker die da vorne mit denen waren wir dann so en bisschen befreundet   so schön war ich mal   das is wieder die Familie   ja  

[3:08:59] sind auch alles Bäcker   war wohl Himmelfahrt bei eenem im Garten ne warste nich bei nee

Erika Braun

[3:09:06] nee das ist vor meiner Zeit

Gerd Braun

[3:09:10] ja   denn ging des hier in Amerika weiter das war der Mann von   von meiner Schwester   da waren zwee Kinder wa drei   das wieder Verwandtschaft aus em Osten   von der von meiner ersten Frau die kamen denn immer aus em Osten und   so ganz schöne Zeiten da verlebt

[3:09:45] aber   manchmal so Sch- Schweineschlachten die ham son bisschen alle jeder hat ja da versucht im Osten wat zu werden   na denn   wenn Schweineschlachten war wurden wir immer einjeladen   vielleicht nicht nur Selbstzweck sondern ja Selbstzweck die wollten von uns

[3:10:09] dass wir immer Pf- Pfeffer und Thymian und wat weeß ick die janzen Jewürze die et im Osten nich jab die ham wir aus em Westen mitjebracht und der Fleischermeister der ging noch so von Haus zu Haus und hat geschlachtet da hab ick denn also wir kannten uns

[3:10:29] denn die haben mit der Zeit äh schon ziemlich jut also als Erstet hab ick zwee Flaschen Schnaps einjepackt   dann äh kam ick dahin und dann ham wer erstmal beede zusammen die erste Flasche Schnaps jetrunken und dann sind wer dem Schwein an en Kragen jejangen

[3:10:48] [lacht]   oh na ja ick hab die Wurscht jerührt und all na ja war   war janz jut ja   das wieder die kleene Wohnung in der Wildenbruchstraße   meine Frau und Sohn   was det ? ach so auch wieder Ost-Verwandtschaft   hier och dat war so ne Cousine von meiner

[3:11:31] Frau   und die sind dann nach Kanada ausjewandert   Familie im Tiergarten   hier auch   Grundewald- -see ham wir im Grunewald da am See ja   Winterfeldtplatz da sollte eigentlich der Jüngere denn da einjeschult werden in der Schule aber wie jesacht inzwischen

[3:12:15] hat kam ick meine Selbstständigkeit zwischen   und das ist noch mal en Bild der Vater mit seine janzen Jören [lacht]

Daniel Baranowski

[3:12:24] kann man das letzte nochmal

Gerd Braun

[3:12:28]   also die eene Schwester von meinem Vater die is mit em Mann nach Amerika ausje- äh jegangen und   vor dem Holocaust vor dem [räuspert sich]   und det war ne Seele von Arschloch also mit   mit den hab ick mir verstanden wie zwee linke Latschen ja   und

[3:13:10] da kamen wir und dann hab ick gerade mich selbstständig gemacht oder so   und der war nach Amerika gegangen   fuffzig Cent hat er in ner Tasche jehabt   und   en kleenes Mädchen ne   ja und äh   der war Schuster ja war en janz einfacher Schuster [räuspert sich]

[3:13:38] er hat sich in Amerika selbstständig jemacht also ja en äh Schusterei   en Laden noch en Laden Schuhfabrik zum Schluss hat er 28 Läden und ne Schuhfabrik gehabt ja also der hats da drüben och zu wat jebracht wa aber der is der der is der Einzige der Mensch

[3:14:11] geblieben is in der janzen Familie wa   der war wenn der kam hat ick immer Jesprächsthema hat er mir erzählt »ja« sagt er »pass mal auf das is ja es is ganz einfach« sagt er »also ich habe zum Beispiel mit die Schuhen   also im Herbst wenn der Sommer

[3:14:34] zu Ende war   dann hab ick die janzen Sommerschuhe aufjekauft« sagt er »da bin ick überall hin und da hab ick für für en Appel und en Ei hab ick Sommerschuhe jekauft wa« sagt er »und nächstet Jahr im Frühjahr hab ick überall fünf Dollar ruffgeschlagen

[3:14:52] und so hab ick mein janzet Jeld verdient« [lacht] der konnte och der hatte der hatte auf en Schiff mit en Kapitän jewett- jewettet dass er auf den hohen Mast druff klettert und er is hoch jeklettert ja also der war wirklich der war in Ordnung   denn kam er

[3:15:14] nach Europa hat er gesagt »so lange wie er in Europa is rasiert er sich nich« als er danach weeß ich nich wie vielen Monate nach Hause gefahren ist hat er son Bart [gestikuliert] gehabt [lacht]

Erika Braun

[3:15:25] wir müss- wir müssen jetzt Pause machen oder aufhören du musst was essen

Daniel Baranowski

[3:15:31] ja wollen Sie noch zum Schluss was sagen Herr Braun noch irgendwas was Sie insgesamt gerne sagen möchten

Erika Braun

[3:15:38] zuckerkrank da muss man pünktlich essen ne

Gerd Braun

[3:15:40] tja   wie soll ick mich ausdrücken also ich glaube   ursprünglich is der Jedanke in mir ja jewesen mein Leben zu erzählen   äh   nicht im Wesentlichen wegen des jüdischen Einschlags in mir sondern überhaupt weil mir so will mal sagen in jungen Jahren

[3:16:19] so viel passiert ist oder dass det andere Leute jar nicht verstehen können wa   aber mit der Zeit is mir denn klar geworden dass also das Eene vom Andern ja jar nicht zu trennen is also dass   die ganze Judenproblematik   ja det Leben so jestaltet hat sonst

[3:16:44] wär dat ja jar nich passiert ne   und wenn ick da   lese da diese   Erfolgsberichte nach Berlin   »1100 Juden erschossen   900 Jüdinnen erschossen 1100 Kinder erschossen« [weint] das kann ich bis heute nich begreifen   was da für Sauereien passiert sind

[3:17:18] [schüttelt den Kopf]   ich würde auch immer   [räuspert sich] trotzdem ick ja jetzt nu gar nich in dem Sinne so Jude bin und en frommer Jude ja schon überhaupt jar nich wie gesagt äh   aber irgendwie würd ick immer   mich den Juden zugehörig fühlen

[3:17:52] in irgend ner Form   und wenn die dann da in Israel heute son   so wat veranstalten da allet oder so wat   ick kann nur den Juden beipflichten   trotzdem dat bei den andern Völkern da wahrscheinlich auch jenau so ne Opfer jibt oder so   wie überall also  

[3:18:33] es ist nie een Volk schuld oder   eene Gruppe schuld   aber mehr oder weniger mitschuld nich also   tja ick hoffe ick konnte Ihnen so en bisschen Einblick gewähren in die

Daniel Baranowski

[3:19:00] ham Sie auf jeden Fall vielen Dank

Barbara Kurowska

[3:19:03] vielen Dank

Daniel Baranowski

[3:19:04] für das Interview

Gerd Braun

[3:19:05] [nickt]

Datum Ort Text
ab 1936 Berlin Geburt als Sohn eines jüdischen Kaufmanns
1937 - 1944 Berlin Leben mit der Mutter und den Geschwistern während des Krieges in Berlin-Mitte
ab 1937 Buchenwald (Konzentrationslager) Einweisung des Vaters in das Konzentrationslager
1942 - 1944 Berlin Schulbesuch der 1. und 2. Klasse
1944 - 1945 Świętajno Besuch der 3. Schulklasse
ab 1944 Świętajno Überführung mit der Schwester im Rahmen der Kinderlandverschickung nach Ostpreußen
1945 - 1948 Kefenrod Ausweisung der Pflegefamilie über Bayern nach Hessen, Schulbesuch
ab 1945 Moravská Třebová Vermittlung in eine neue Pflegefamilie, Kriegsende
ab 1945 Troppau Vermittlung in eine schlesische Pflegefamilie
ab 1948 Jessen (Elster) Rückkehr zu den Eltern nach Sachsen-Anhalt
ab 1951 Herzberg (Elster) Beginn der Lehre als Bäcker
ab 1952 Berlin Umzug zu den Eltern nach Berlin-Schöneberg
ab 1955 Berlin Abschluss der Bäckerlehre
ab 2011 Berlin verstorben
Berlin Heirat mit Erika Braun
Berlin Eröffnung der eigenen Bäckerei
Berlin Arbeit als Bäcker, Heirat und Geburt von zwei Kindern
Berlin Geburt von zwei Geschwistern
Auschwitz (Konzentrations- und Vernichtungslager) Deportation des Vaters nach Auschwitz
Gerd Braun wurde 1936 in der Berliner Charité geboren. Sein Vater gehörte der jüdischen Religion an, entstammte einer ursprünglich in Chemnitz ansässigen Familie und war Kaufmann. Einige Angehörige dieses Zweiges der Familie schafften es, vor dem und während des Zweiten Weltkrieges in Frankreich unterzutauchen oder nach Amerika auszuwandern, andere – wie Gerd Brauns Großmutter und Tante – wurden im Konzentrationslager Auschwitz ermordet. Der Vater wurde kurz nach der Geburt von zwei weiteren Kindern vermutlich schon 1937 im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert und verbrachte die gesamte Kriegszeit bis zur Befreiung in unterschiedlichen Konzentrationslagern.
Die Eltern hatten sich in Berlin kennen gelernt, wo Gerd Brauns Mutter im Haushalt des Vaters und dessen erster Ehefrau arbeitete. Sie bekamen sehr schnell zwei Kinder, die sie jedoch aufgrund des vorehelichen Charakters der Beziehung zu Pflegeeltern gaben. Nach der Heirat und der Geburt von Gerd Braun bekamen sie noch zwei weitere Kinder.

Nach der Einweisung des Vaters ins Konzentrationslager musste sich die christliche Mutter alleine um die drei Kinder kümmern. Während des Krieges lebte die Familie in Berlin-Mitte und erlebte dort die Bombenangriffe auf die Stadt mit. Die Mutter weigerte sich, Gerd Braun und seinen Bruder nach jüdischem Ritus beschneiden zu lassen und reichte alsbald die Scheidung von ihrem Mann ein, ein Entschluss, der den Kindern unter Umständen das Leben rettete. Nachdem die Luftangriffe auf Berlin im Laufe des Jahres 1943 heftiger wurden, entschloss sich die Mutter dazu, die Kinder mit der Kinderlandverschickung zu Pflegefamilien nach Ostpreußen zu geben. Während der jüngste Bruder von Gerd Braun zu den Großeltern ins schlesische Sagan gebracht wurde, gelangten er selbst und seine Schwester auf einen Bauernhof im Landkreis Treuburg. Sie verlebten dort einige unbeschwerte Monate, bis sie durch das Vorrücken der Roten Armee gezwungen waren, auch diesen Ort zu verlassen.
Die Geschwister kamen zunächst nach Schlesien. In Troppau wurden sie voneinander getrennt und kamen bei unterschiedlichen Familien unter. Gerd Braun erblickte dort zum ersten Mal einen Zug ausgemergelter KZ-Häfltinge; von seinen nationalsozialistisch eingestellten Pflegeeltern erfuhr er jedoch nur, dass diese Menschen »Verbrecher« waren.
Auch Troppau war nur eine Zwischenstation. Mit dem Zug wurde er in das heute in Tschechien gelegene Mährisch-Trübau verbracht. Dort nahm sich eine weitere Pflegefamilie des damals acht- oder neunjährigen Jungen an. Hier erlebte er das Ende des Krieges. Die russische Armee besetzte die Stadt und deportierte alle deutschen Kinder nach Russland. Sein Pflegevater konnte Gerd Braun vor der Verschleppung retten, indem er ihn nicht in den Zug nach Russland steigen ließ. Stattdessen nahm ihn die Pflegefamilie nach der erzwungenen Ausweisung der deutschen Bevölkerung mit nach Hessen, wo er bis 1948 in der kleinen Ortschaft Hitzkirchen wohnte und trotz der fehlenden Schuljahre – er hatte bislang nur die ersten drei Klassen besucht – gute Schulleistungen erbrachte und eine fröhliche Zeit verlebte.

Unterdessen war der Vater, über dessen genauen Lebensweg während des Krieges nichts bekannt ist, von einem Todesmarsch aus Auschwitz kommend geflüchtet. In der Nähe der sachsen-anhaltinischen Stadt Jessen war er mit einem Kameraden gefangen genommen worden, der Erschießung jedoch schwer verletzt entgangen. Durch die Hilfe eines ortsansässigen Bauern und anderer geflohener Häftlinge schaffte er es, bis zum Kriegsende zu überleben. Er arrangierte sich schnell mit den russischen Befreiern, stellte den Kontakt zur immer noch in Berlin lebenden Ehefrau her und bezog mit ihr ein Haus in Jessen.

Für Gerd Braun völlig unerwartet stand im März 1948 auf einmal sein Vater vor ihm und kündigte ihm an, ihn nach Jessen zur Familie zu holen. Der 12-Jährige hatte seinen Vater nie zuvor gesehen und war von der Begegnung schwer schockiert. Aus dem angestammten Umfeld herausgerissen, fühlte er sich bei seinen leiblichen Eltern nie richtig wohl: »Ich gehörte nicht dazu.« Zwar bemerkte er nach und nach das Judentum des Vaters, erfuhr aber nie Genaueres über dessen Verfolgungsgeschichte. Alle Einzelheiten dieser Geschichte schnappte er lediglich aus Gesprächen auf, die sein Vater mit anderen führte.
Die Ehe der Eltern und das Verhältnis des Vaters zu seinen Kindern waren stark von der beschwiegenen Vergangenheit und daraus resultierenden heftigen Auseinandersetzungen geprägt. Gerd Braun begann 1952 eine Lehre als Bäcker und folgte der Familie, die nach West-Berlin übergesiedelt war, bald nach. Trotz zahlreicher Misserfolge und Rückschläge während der Lehrzeit und in den ersten Berufsjahren als Bäcker baute er sich nach und nach sein eigenes Leben auf. Er heiratete, bekam zwei Kinder, beendete die Meisterschule und machte sich schließlich mit einer eigenen Bäckerei in Berlin-Neukölln und der Hilfe seiner zweiten Ehefrau Erika erfolgreich selbstständig.

Auch nach dem Tod des Vaters 1982 blieb die Familiengeschichte weiterhin präsent. Der unterschiedliche Umgang mit ihr war ein ständiger Streitpunkt zwischen Gerd Braun und seiner Schwester.
Nach einem harten Arbeitsleben setzte sich Gerd Braun in den 1990er Jahren zur Ruhe, war aber immer noch im Gesang- und Kegelverein, bei Tanzveranstaltungen und als ehrenamtlicher Richter am Arbeitsgericht aktiv. Er unternahm zahlreiche Auslandsreisen und pflegte einen intensiven Kontakt zu seiner in den USA lebenden Halbschwester. Dass der Holocaust sein Leben maßgeblich geprägt hatte, wurde ihm erst in den späteren Lebensjahren bewusst. Auch wenn er sich nie als direkt Verfolgter begriffen hatte und sein Schicksal nicht mit dem von Konzentrationslagerhäftlingen gleichsetzen wollte, war in ihm die Erkenntnis gereift, dass sein Leben zu einem frühen Zeitpunkt eine Richtung eingeschlagen hatte, die es unauflösbar mit der Geschichte der europäischen Juden verknüpfte.