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Regina Steinitz (*24.10.1930, Berlin)

Signatur
01136/sdje/0033
Institut
Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin
Sprache
deutsch
Ort und Datum der Aufnahme
Tel Aviv, den 28. November 2011
Dauer
07:48:21
Interviewter
Regina Steinitz
Interviewer
Barbara Kurowska , Daniel Baranowski
Teilnehmer am Gespräch
Agathe Jacquemin
Kamera, Licht und Ton
Daniel Hübner
Redaktion
Lennart Bohne
Transkription
Lennart Bohne

»Es ist meine Pflicht, für die anderen das Wort zu ergreifen« – in ihrem fast achtstündigen Interview würdigte die 1930 geborene Regina Steinitz nachdrücklich das Schicksal vieler Freundinnen und Freunde, die anders als sie und ihre Zwillingsschwester Ruth den Holocaust nicht überlebten. Sie kamen in Berlin als Kinder eines unverheirateten Paares zur Welt und nahmen den Familiennamen der Mutter an, die zum jüdischen Glauben übergetreten war. Ihr Vater konnte sich 1938 ins amerikanische Exil retten. Als die Mutter 1940 an Tuberkulose verstarb, kamen Regina und Ruth in das Jüdische Kinderheim in der Fehrbelliner Straße, wo sie in den Erzieherinnen und den anderen Kindern eine neue Familie fanden. Doch schon bald wurde das Kinderheim aufgelöst und die beiden Zwillingsmädchen fanden Aufnahme bei einer Pflegefamilie. Nachdem sie mit ihren Pflegeeltern verhaftet wurden, gelang es ihrem nicht-jüdischen Onkel, dem Bruder der Mutter, die beiden Zwillingsschwestern zu sich zu holen, da er vorgab, dass man nichts über den Vater der beiden wüsste. Nachforschungen der Gestapo, um die Identität zu klären, liefen – begünstigt durch die Bombenangriffe der Alliierten – ins Leere, so dass die beiden Zwillingsschwestern in Berlin die Befreiung durch die Rote Armee erlebten. Auch nach der Auswanderung nach Israel im Jahr 1949 blieb für Regina Anders die »Vergangenheit immer Wirklichkeit«, und es war ihr nur im Rahmen einer Psychotherapie möglich, die Bürde des eigenen Überlebens zu tragen.

Eindrücke

Wie beim ersten Interview ist RS vor dem Interview sehr aufgeregt, fast aufgelöst, was sich wenige Sätze nach Interviewbeginn legt. RS erzählt über die 5 Stunden hinweg fast ohne Nachfrage und mit kleinen Umwegen eine sehr persönliche, teils emotionale Lebensgeschichte. Das Zusammentreffen war wie beim ersten Mal trotz der bewegten Geschichte eine sehr schöne Erfahrung, da RS und ZS äußerst sympathisch sind und die ich trotz der wenigen gemeinsam verbrachten Stunden als sehr interessante und liebenswürdige Menschen empfinde. Technik: Bild gut, Ton die erste halbe Stunde aufgrund meines Zögerns RS nach einem anderen Oberteil zu fragen nicht zufriedenstellend. Dank DB und seiner Frage nach etwas Jacket-mäßigem ist der Ton die restlichen viereinhalb Stunden gut.

Barbara Kurowska

[0:00] es ist der zwölfte Mai 2011 und wir machen heute ein Interview mit Regina Steinitz für äh das Projekt »Sprechen trotz allem« der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas wir sind im Ort der Information des Denkmals ich bin Barbara Kurowska und

[0:15] führe das Interview zusammen mit Daniel Baranowski durch Daniel Hübner ist für die Technik zuständig und Agathe Jacquemin hospitiert [Schnitt]

Regina Steinitz

[0:23] ja ich möchte mich erstmal vorstellen mein Name ist Regina Steinitz   und eine geborene Anders der Familienname   und äh ich bin 1930 geboren in der Charité in Berlin mit meiner Zwillingsschwester Ruth   in eine Familie äh da ist das gar nicht so einfach

[0:49] zu erklären aber ich hoffe alle werden das verstehen meine Mutter war aus kam aus christlichem Haus und hatte einen wohnte in Mitte Berlin und hatte einen sehr netten jüdischen jungen Mann kennengelernt die heirateten und meine Mutter dann zum Judentum übertrat

[1:09] äh über- trat ja übertrat äh und dann äh wurden zwei Söhne geboren der eine hieß Benno und der andere hieß Theo äh die dann meine sozusagen Halbbrüder wurden äh wie ich sie in meinem Leben niemals so sah weil leider der Mann meiner Mutter der erste

[1:35] Mann meiner Mutter der starb das war ein Moritz Raifeld also die zwei Jungs hießen Benno und Theo Raifeld und meine Mutter hieß Martha Raifeld   und mei- dieser äh Moritz Raifeld hatte ein ein Fotogeschäft und   in Berlin und er hatte einen guten guten guten

[2:00] Freund der hieß Simon Welner der kam aus Polen aus Krakau als sehr junger Mann nach Berlin und äh war irgendwie so wie ein Lehrling in dem Fotogeschäft von seinem Freund   und der als der Moritz Raifeld wurde sehr krank an einer an einer Lungentuberkulose

[2:30] dann auch nach zwei Jahren starb meine Mutter ihn sehr also mit großer Liebe pflegte und ihm auch beweisen wollte dass er nicht so krank ist und hat sogar von seinem Loffel Löffel gegessen um ihm zu sagen er braucht keine Angst haben also jedenfalls hat

[2:48] sie sich von ihm angesteckt sie ist dann in späteren Jahren auch an dieser Krankheit gestorben und dabei werde ich noch später erzählen   und dieser äh Freund bat meinem Vater seinen Freund auf seine Frau und seine zwei Kinder aufzupassen b- und sie zu

[3:09] unterstützen bevor er starb mein Vater nahm diese D- Dinge sehr ernst   und äh kümmerte sich also um diese Witwe mit ihren zwei kleinen Kindern   und diese zwei kleinen Kinder kannten eigentlich nicht ihren richtigen Vater und so wurde mein Vater für ihnen

[3:30] der Papa   und daher als äh ähm dann verliebten sie sich ineinander äh und wir kamen meine Schwester und ich aber heirateten nicht wir kamen dreißig 1930 äh auf die Welt meine Schwester und ich   und dadurch haben wir den Mädchennamen von meiner Mutter  

[3:57] also ich bin aufgewachsen mit drei Namen Raifeld Anders und Welner und das war immer kompliziert für mich als Kind denn wenn man da irgendwat zu irgend äh in ein Büro kam »ja warum äh wie heißt deine Mutter ?« also Martha Raifeld »wie dein Vater ?«

[4:16] S- Simon Welner »warum bist du denn Regina Anders ?« ungefähr so ging das jedes mein ganzes Leben und man ist ja sehr bürokratisch äh und da fragt man eben alle Fragen die man eigentlich gar nicht die eigentlich gar nicht nötig sind zu fragen und bringt

[4:35] die äh diese Kinder in Verlegenheit also das war schon irgendwie äh ähm da muss ich sagen dass es spät anfing weil dann als wir klein waren ja meine Mutter und oder mein Vater diese bürokratischen Dinge ja immer erledigten aber später als wir dann allein

[4:56] blieben äh äh litt ich sehr darunter auch meine Schwester   das Interessante ist dass mein Bruder Benno das gar nicht so verstand [lacht]   wir waren seine Schwestern der seine Mutter war seine Mutter und sein mein Vater war sein Vater also also er hatte ja

[5:18] den den Namen Raifeld seine Mutter war ja verheiratet war ja sie war er war ja kein uneheliches Kind also ich hatte immer das Glück irgendwie etwas ganz Besonderes zu sein so niemals ganz etwas normales und daran musste ich mich äh schon früh in meinem

[5:36] Leben gewöhnen  

Daniel Baranowski

[5:38] [unterbricht:] wo wohnten Sie in Berlin ?

Regina Steinitz

[5:41] also d-   in Mi- Berlin-Mitte wohnte ich Auguststraße 50b   also äh ich wusste a- darum bin ich auch in die Auguststraße in die Schule gegangen   in die Jüdische Mädchenvolksschule   ähm aber unser Leben äh äh war eigentlich äh   s- was heißt normal also

[6:06] ich bin ja dreißig geboren und bis 33 also   nach 33 konnte ich mich ja nur erinnern als ich drei Jahre alt war das ist im (vierten) Lebensjahr zu- das äh [berührt Mikrofon ihr und lacht] können Sie das weg löschen ? nein also das macht nichts   ich bin

[6:29] nämlich immer muss ich meine Hände festhalten sonst sind sie irgendwo anders [lacht]   was wollte ich sagen ? ja also äh   als dann die Hitlerzeit anf- also der Nazismus an- Hitler an die Regierung kam da waren wir drei Jahre alt meine Schwester und ich

[6:51] ja meine Brüder waren natürlich älter   und ich kann mich ganz genau erinnern wie das damals zuging   und zwar das ist das Komische wenn ich heute darüber nachdenke das erste was so aufregend war war ja äh 34 als man die Bücher verbrannte   das war 34 ich

[7:18] äh kenne keine so die Daten ich weiß nur dass ich mich erinnere dass da große Aufregung war dass man also äh von den besten Schriftstellern die damals äh ähm so bekannt waren alle Br- Bücher verbrannte das war eine äh war die erste Tat äh äh die

[7:43] eigentlich   irgendwie äh die Menschen erschrecken ließen dass so eine Möglichkeit gab später hab ich immer äh Heinrich Heine der ja ein deutscher jüdischer Schriftsteller war der auch mal viele Jahre früher geschrieben hat »wo man Bücher verbrennt

[8:05] verbrennt man nachher auch die Menschen«   und ich denke dass Leute das gewusst haben denn man war sehr aufgeregt und das haben wir alles als Kinder mitbekommen außerdem das Geschreie im Radio Goe- die Stimme Goebbels' die Stimme Hitlers' die Propaganda also

[8:27] in meinen in unseren Kinderohren sausten immer da- dieses Geschrei und dieses äh aggressive brutale äh das da aus dem Radio kam   die Nachrichten waren ja immer verbunden mit Hetzereien   und auch auf der Straße also von 33 34 35 konntest du sehen dass ähm

[8:56] also die die SA marschierte durch Berlin und die Fahnen die Fackelzüge und äh ähm   also es war immer ähm es war immer Krach es war immer äh was Aufregendes auf den Straßen und das man dann die jüdischen Menschen besonders äh äh jüdische Menschen

[9:22] die religiös waren mit Bärten spez- äh spez- äh spezifischen äh spezifischer Kleidung also auch äh schlug manchmal zerschlug ihnen den Bart zog abriss und also äh brutale Wörter gesagt worden wo wie »Judensau Judendreck« und und so weiter und   also

[9:50] damit wuchsen wir auf also wir wuchsen auf in einer äh Umgebung [seufzt] die uns äh   diskriminierte rassistisch war und also z- zu unserem Bewusstsein äh kam äh also uns verstehen ließ dass wir eigentlich hier nicht erwünscht sind   zweiter Klasse Menschen

[10:21] Minderheit und äh in dieser Atmosphäre bin ich aufgewachsen   trotzdem meine Eltern   äh   meine Eltern auch gearbeitet haben aber auch versucht haben uns das Leben schön zu machen ich habe wunderbare Erinnerungen an meinen Vater der uns dann in zum Lustgarten

[10:50] nahm das ist in unserer Nähe gewesen über die Oranienburger Straße dann da durch in den Lustgarten wir haben dann vom Bäcker der bei uns in der Ecke war da waren wir sehr beliebt meine Schwester und ich waren zwei ganz süße Mädchen Zwillinge sahen sich

[11:07] so gleich aus dass man zu Hause nannte man uns nur Püppchen und das die Püppchen und äh in der Familie auch von Seiten meiner Mutter und auch von der Seite meiner meines Vaters seine Schwester äh das werde ich noch erzählen die lebte in in Hamburg   und

[11:25] die besuchten wir dann auch äh daran kann ich mich auch noch gut erinnern und äh   da also mei- äh wir waren am Lustgarten also die die Frau von der Ecke die -ne Bäckerei hatte da gab es noch irgendwie Kontakte zwischen Juden und Christen also da waren

[11:49] noch nicht an den Geschäften dran wi- äh für Ju- »Nicht für Juden erlaubt« oder so äh wie es dann später war meine Schwester schreibt das in in dem Buch   das kann ich ja mal nehmen das muss ich hier haben   also das Buch hier ist ein äh sehr wichtiges

[12:10] Buch [zeigt das Buch] nicht weil wir da drin geschrieben haben   äh sondern weil es einfach authentisch ist   äh das heißt dass hat die Inge Franken geschrieben und recherchiert und da kommt ihr ein ein sehr herzlichen Dank also mehr als herzlich dafür zu

[12:29] weil sie dieses Jüdische Kinderheim in der Fehrbelliner Straße 92 nicht hat vergessen gehen lassen und das Buch heißt »Gegen das Vergessen«   es ist jetzt äh zweite äh äh na zweite wie hieß das noch

Daniel Baranowski

[12:53] Auflage

Regina Steinitz

[12:55] ja die zweite Auflage mit noch zusätzlichen Dingen drin geschrieben die sehr wichtig sind also wie sich herausgestellt hat nach vielen Jahren ähm   wir sind 33 34 35 mein On- mein Vater ging noch mit uns in die Museumen mein Vater der selbst ein Waisenkind

[13:17] blieb nach dem Ersten Weltkrieg er ist 1905 geboren meine Mutter auch sie waren in einem Alter also äh als wir geboren wurden meine Schwester und ich   und ich da war die beiden waren 25 Jahre alt und meine Mutter hatte schon zwei Kinder also ganz äh wenn

[13:40] man sich das heute vorstellt die Menschen heiraten ja nicht so so äh früh ähm also wir fu- wir wir nahmen diese von dieser Bäckerei bekamen wir eine große Tüte mit mit Resten von Brot und Kuchen und mein Vater ging stolz mit seinen zwei Püppchen also

[14:00] bei der Hand spazieren bis zu Unter den Linden und da haben wir dann die Täubchen gefüttert und das ist w- wirklich wahr meine schönsten Kindheitserinnerungen wir sind auch damals noch konnte man ja fahren man ging ja nicht mit dem Judenstern in den Grunewald

[14:21] gefahren Picknick machen also man nahm Kartoffelsalat und Würstchen mit und äh also pflückte Blaubeeren oder was wir da alles äh gepflückt haben äh und äh und man war eben eine glückliche Familie  

[14:38] aber dann wurde es immer immer immer schlimmer   mein

[14:45] Vater der kein deutscher Jude war und mein Vater der aus Krakau stammte also polnischer Staatsangehörigkeit war der musste sich von 35 an glaube ich ging das los also jede zwei Wochen drei Wochen auf das Polizeipräsidium auf dem Alexanderplatz melden um

[15:10] seinen Aufenthalts- seine Aufenthaltserlaubnis zu verlängern aber damals war das also also wer nicht wer nicht dieses Polizeipräsidium auf dem Alexanderplatz zu der Nazizeit gekannt hat oder -haupt überhaupt versteht was äh dieses Wort Polizeipräsidium

[15:33] sagt das ist nicht heute so heute ist das eine ähm heute ist eine   nicht Diktatur das irgendwie das Gegenteil also

Daniel Baranowski

[15:46] Demokratie

Regina Steinitz

[15:49] ja danke schön ich meine achtzig Jahre da suche ich immer die Wörter   ja eine Demokratie und da kann man auch auf ein Polizeiamt gehen und muss nicht vor Ängste zittern aber damals in der Nazizeit war das sehr gefährlich man konnte äh manchmal äh von

[16:08] dort nach Sachsenhausen kommen oder woanders landen Mauthausen also es war immer sehr gefährlich und wir zitterten alle äh meine Mutter und wir Kinder äh dass mein Vater wieder da runter bekommt und wir äh herunterkommt und wir haben wir waren immer gespannt

[16:27] und ich war sehr klein fünf Jahre alt sechs Jahre also das ging so ähm ähm also diese Ängste haben fing äh sehr früh an in unserer Kindheit   und mein Vater dann wann er wieder zurück kam und hatte eine Verlängerung das war dann sehr schö- äh sehr

[16:48] schön aber mein Vater bekam dann auch eine ähm   einen Brief dass er nicht mehr arbeiten darf und wenn er eine Arbeit ausführen geht dann wird er eben äh äh festgenommen   also er konnte nicht mehr arbeiten und dann fiel es meiner Mutter zu das Geld zu

[17:14] verdienen und meinem mein Vater machte den Haushalt und wir waren ja vier Kinder und also das ging auch und er half meiner Mutter sehr   äh das war wolln mal sagen 35 damals bemühten sich schon viele jüdische Leute Menschen wie kommt man aus Deutschland

[17:34] raus und das will ich auch sagen ich habe viele jüdische äh ich hab im Spital gearbeitet also jüdische Ärzte jüdische Rechtsanwälte aus Deutschland getroffen in Israel dann später die sind gleich 33 oder 34 weg weil sie ihre Arbeitsplätze einfach verloren

[17:58] und nichts mehr verdienen konnten also die haben die waren die ersten außerdem waren sie auch äh äh äh also äh hatten sie einen guten Beruf den sie überall ausführen konnten und hatten auch das Geld dazu die Auswanderung   man musste ja von jemandem

[18:17] angefordert werden also mein Vater ist Gott sei Dank von seinem Bruder ähm der ist hier auch auf einem Bild den würde ich dann auch zeigen das ist   von Onkel Aaron mein Onkel der in New York wohnte also angefordert worden und wir auch aber m- mein Vater

[18:37] erst angefordert und dadurch dass er mit meiner Mutter nicht verheiratet war äh hatte er eigentlich hat er angeben können und das war seine Rettung dass er gar keine Familie hat und keine Kinder da hat man ihm in Amerika schnell ein Visum gegeben wenn er

[18:58] hätte gesagt also er hat ne Familie und vier Kinder dann dann wäre es also schlimm gewesen aber mein Onkel hat uns auch angefordert und ähm   das will ich nun erzählen und das muss jeder sehr gut begreifen er   was das für Kinder damals war erst wurden

[19:23] die Familien zerrissen und meine Familie ist ein typisches Beispiel dafür äh und ich muss ja sa- sagen dass zum Glück sind wir am Leben geblieben das wird sich ja auch noch herausstellen aber die meisten sind zerrissen worden und nicht am Leben geblieben

[19:43] nicht die Kinder und nicht die Eltern und und nicht die ganze Familie also   äh Onkel und Tanten und Großvater die sind dann also alle umgekommen und wenn dann einer ist vielleicht am Leben geblieben der Auschwitz überlebt hat der ist dann ganz bitterseelenalleine

[19:59] geblieben also mein Vater äh diese Zeit wie er da immer auf dieses Pr- Präsidium musste a- auf dem Alexanderplatz das waren spannende Zeiten

[20:11] und dann endlich 36 1936 hat mein Vater uns noch mit meiner Mutter zusammen in die Jüdische Mädchenvolksschule

[20:23] in die Auguststraße eingeschult damals 36 konnten zum Beispiel äh jüdische Kinder überhaupt nicht mehr in eine christliche Schule gehen das war schon nicht mehr früher vor drei- vor 33 sind christliche Kin- äh jüdische Kinder auch in christliche Schulen

[20:41] gegangen also äh da war das schon nicht mehr möglich es wurden die christ- die äh die jüdischen Kinder die auf christlichen Schulen gegangen sind herausgeworfen aus den christlichen Schulen und mussten aufgenommen werden in die jüdischen Schulen ähm

[20:59] die da waren und dadurch wurden die jüdischen Schulen sehr besetzt und ich werde das in dem Fortschritt dann noch weiter erklären und wir bekamen sehr viele äh neue jü- äh Mädchen dazu in der Klasse in allen Klassen weil sie eben die christlichen Schulen

[21:18] verlassen mussten   aber meine Schwester und ich sind gleich in eine jüdische Schule eingesch- sch- äh -schult worden und da dadurch dieses Trauma haben wir Gott sei Dank nicht miterlebt wir wurden sehr nett a- also unsere Schule in der Auguststraße hatte

[21:37] wunderbare Pädagogen ich will da hinzufügen ähm dass die meisten Geschichts- also von den äh Akademikern 33 34 also rausgeworfen wurden wurden von den a- a- aus den Un- Universitäten und dann durch die Jüdische Gemeinde bekamen Arbeiten die hat man dann

[22:03] aufgeteilt in die jüdischen Schulen ähm da hat man sie hat man ihnen Arbeitsplätze gegeben also meine Ge- meine Klassenlehrerin war eine Frau Doktor ähm ich hab jetzt ihren Namen (Rosenthal) die Ruthchen weiß das meine Ruthchen die weiß das weil die

[22:23] hat hier in ihrer in ihr Poesiealbum äh ähm etwas hineingeschrieben also die ist hier aber auch auf dem auf einem der Bilder und diese Frau war eine Geschichtslehrerin äh und äh Geschichtslehrerin und Literatur hat sie uns gelehrt was für eine fantastische

[22:44] Frau eine außergewöhnliche Lehrerin und mit einem   pädagogischen Wissen und Können ausführ- (wollt können) und sie sie ist für uns Kinder die wir da am Leben geblieben wie die Ruthchen also meine Freundin und für meine Schwester und für mich ist diese

[23:13] Frau in unserem ganzen Leben äh lebendig geblieben sie hat mir eigentlich ermöglicht nach dem Krieg   schwere Bücher zu lesen [lacht] die mein Sohn als er das Abitur machen wollte sagte »ach Ima das ist zu schwer« die bra- aber ich habe das mit 15 Jahren

[23:36] gelesen ich hab es äh ich erzähle es immer es war Dostojewski »Schuld und Sühne« und ich bin gelegen äh und habe es gelesen also äh vom Nachmittag bis zum nächsten Tag früh ich konnte dieses Buch nicht aus der Hand legen und das habe ich meiner lieben

[23:54] lieben Klassenlehrerin zu verdanken die leider auch in Auschwitz umgekommen ist und das ist eine ähm   das ist eben eine   ein großer Verlust meine Schwester schreibt das ist nicht nur Verlust für die jüdischen Menschen   deutschen jüdischen Kinder das ist

[24:18] auch Verlust für für Deutschland gewesen solche wunderbaren deutschen jüdischen Menschen zu verlieren   es äh ich will hier und das ist vielleicht der Moment   die deutsch-jüdischen   ach Menschen waren Deutsche   wie jed- und waren jüdisch   die deutsch-christlichen

[24:52] Menschen   waren Christen und Deutsche   ihr müsst verstehen dass ich spreche jetzt vor der Nazizeit im Ersten Weltkrieg ich hab hier ein Bild von meinem Onkel der hat mitgekämpft im Ersten Weltkrieg mein Mann sein Vater war mitgekämpft im (_) sie waren sie

[25:19] waren Deutsche sowie Franzosen jüdische Franzosen Franzosen waren   und christliche Franzosen Franzosen waren und ungarische Juden Juden waren und Ungarn waren und christliche Ungarn Christen waren und Ungarn waren so wie es heute in Amerika ist jeder der

[25:44] da einwandert kommt spielt gar keine Rolle woher er kommt wie was er für Farbe hat oder aus welchen äh wa- was seine Nat- äh Kultur ist er wird zum Amerikaner   und das bleibt er   aber meine Freundin Ruthchen hat ein Buch herausgegeben das heißt »Aus Juden

[26:11] Aus Nachbarn wurden plötzlich Juden«   da durftest wenn du meine Freundin warst   zum Beispiel durfte ich dich nicht besuchen kommen du durftest mich auch auf der Straße nicht   nicht ansprechen als ich mit dem Judenstern gang   ja ? dann wäre dir schon etwas

[26:32] passiert   also es ist es war das kann sich niemand vorstellen es ist überhaupt unerklärbar ähm welche Unterschiede plötzlich erschienen welche äh äh   Freundschaften zerrissen wurden ähm   wie die Liebe plötzlich aufhörte   unter den Menschen   und

[27:03] in diesem Falle äh und wie Kinder zum Hass erzogen wurden   zum Beispiel die Hitlerjugend   Kinder deutsche Kinder die zufälligerweise bei Christen geboren wurden also ich kein Mensch sucht sich ja aus wo wo er geboren wird   äh die kamen in in die Hitlerjugend

[27:31] und in die BDM und sie bekamen äh diese schreckliche Erziehung zum Hass   aber auch haben sie viel Sport gemacht und das war auch äh waren auch schöne Sachen dabei für diese Kinder aber   ich habe sie nie beneidet   mich hat mal jemand gefragt als diese Hitlerjugend

[27:55] auf uns Steine geworfen hat mit Schnee herum   im Winter Schnee und innen Steine und wir sind äh mit dem Judenstern dann schon ähm Gruppen gegangen aber als wir aus der jüdischen Schule raus kamen die Auguststraße Mädchenvolksschule war ja eine bewusste

[28:15] jüdische Schule da war der J- da hatten wir noch nicht den Judenstern aber da haben sie uns auch schon mit mit Steine beworfen oder irgendjemanden geschnappt und geschlagen also du warst immer immer in Gefahr   das w-

[28:30]

Daniel Baranowski

[28:33] haben Sie das zu Hause erzählt wenn Ihnen sowas passiert ist als Sie so jung waren noch ?

Regina Steinitz

[28:35] natürlich wir haben alles erzählt ich habe alles meinen Eltern erzählt äh aber meine Eltern haben das auch äh gewusst   da konnten sie uns helfen ? da konnte keiner helfen die Polizei hat sich nicht eingemischt da war man wehrlos

Daniel Baranowski

[28:54] haben Ihre Eltern Ihnen irgendetwas erklärt ? können Sie sich daran erinnern ?

Regina Steinitz

[29:00] äh   es ist hochinteressant diese Frage   das ist interessant   also da komme ich noch drauf   zu sprechen   meine Eltern brauchten mir das nicht zu erklären   ich habe   mit drei Jahren angefangen bewusst zu ver- verstehen was sich um mich tut   so also aufzunehmen

[29:35] und Erinnerungen sind geblieben   und ich habe die bis heute und ich bin eine jüdische Schule gegangen   und unsere Lehrer unsere Lehrer   das will ich jetzt erzählen   Kinder kamen weinend in die Klasse oder ich kam weinend nach Hause dann wurden wir nur in

[30:02] die Arme genommen und getröstet   was kann man da erklären ?   das war allgemein im Radio auf der Straße   dieser dieser Anordnung dieser Hass   kam nicht von einem X oder Y Menschen das kam von oben von der Regierung aus das kann man sich heute nicht vorstellen  

[30:29] das Mord und Totschlag wurde organisiert heute wissen wir das ja ja alle und Sie besonders die ihr mit mir zusammen sind aber damals wurde d- war das Selbstverständlichkeit   ich hab das nebenbei gesagt ich gehe al- wenn man die S- Stolpersteine jetzt meiner

[30:51] Freundin stellt meinen zwei Freundinnen Erika und Meta Haitner haben wir meine Schwester und ich eine Rede vorbereitet und da schreibe ich schreibe ich diesen Satz   ja dass das war da gang und gäbe

Daniel Baranowski

[31:06] hatten Sie Angst ? auf dem Weg zur Schule zum Beispiel ?

Regina Steinitz

[31:09] ja wir hatten Angst   wir hatten Angst sicher ich werde euch noch erzählen   also ich will nur sagen dass unsere Lehrer uns die Moral gehoben haben uns versucht haben unser Selbstbewusstsein zurückzugeben auf der Straße brannte es in der Schule war ein Paradies

[31:35] das werden alle Überlebenden und wir haben einige Überlebende aus diesen Schulen die in Israel leben und wir uns auch treffen und kennen und jeder Einzelne wird das sagen und beim anderen Lehrer also bei der Lehrerin meiner Klassenlehrerin oder so weiter  

[31:54] ähm   ich habe gesagt äh ich will das immer wieder betonen dass unsere Lehrer haben uns   Gedichte gelernt von Schiller Goethe Heinrich Heine Fontane   die wir auswendig lernen mussten   mit [betont:] großer Liebe ich war besonders verliebt in den die Deklamarie-

[32:28] von einem Gedicht ich hatte so -ne schauspielerische Art an mir ich hab auch gespielt auf der Bühne in der Schule mit meiner Schwester also da gi- da in der Schule ging das Leben weiter als wenn draußen nichts passierte in der Auguststraße in dieser herrlichen

[32:47] Schule das war eine moderne Schule mit einer Turnhalle mit einer Musikaula mit einem Park hinten das war das jüdische Vi- Viertel da waren die Schulen Kinderheime die Synagoge die Jüdische Gemeinde das war dieser Komplex Oranienburger Straße Kurt-Tucholsky-Straße

[33:10] Auguststraße und in dieser Umgebung wohnte ich also wohnten dort auch viele jüdische Menschen wir waren eigentlich damals unter uns und da konnten wir sein wie wir wollten aber auch nur in der Schule   und dann äh ähm möchte ich sagen dass diese Gedichte

[33:33] und besonders Gedichte von Schiller   auf mich einen Einfluss hatten und m- m- also mich stolz machten und glücklich machten und mein ähm Sicherheitsgefühl wieder ge- an die Menschheit weiter zu glauben   trotz allem was pa- passierte zum Beispiel »Die Bürgschaft«  

[33:57] ich weiß nicht ob ihr sie kennt von Schiller da zwei Freunde einer muss will will der König aufhängen und den anderen äh ähm sa- äh der will   äh also er muss sich aber noch verabschieden von jemandem und da bleibt sein Freund als äh ähm bei dem König

[34:20] anstelle dem anderen und der sa- da musst aber in 24 Stunden zurück sein und dieses ganze Hin und Her von dem jungen Mann der seinen Freund gelassen hat wenn er nicht zurück kommt wird der aufgehangen also diese ganze »Die Bürgschaft« das müsst ihr lesen

[34:39] Schiller habt ihr sie gelesen ? ja also dann macht doch ein Gesicht so [lacht] also gut und das entzückende am Ende ist dieses »dann will ich sein in Eurer Mitte der Dritte«   da kommt der Freund zur Zeit zurück und der König ist ganz entzückt dass und

[35:03] der der ach der Freund sagte noch wie ich mich erinnere glaube ich dass er also aufgehängt wird er wusste er wird aufgehangen anstelle des Freundes und da ist der König so beeindruckt beeindruckt von diesen zwei Freunden und dann geht er auf sie zu und sagt

[35:24] »dann möcht ich sein der Dritte in Eurer Mitte« und das ist ein Gedicht   so sind wir aufgewachsen

Daniel Baranowski

[35:35] in welchem Alter haben Sie denn die Gedichte gelernt ?

Regina Steinitz

[35:37] [gleichzeitig:] ja das will ich noch dazugeben da war ich sieben acht neun Jahre alt dann äh haben wir den Glacéhandschuh das kann ich nicht vergessen also auch wie diese Dame diese aristokratische Dame den den Edelmann äh äh also die sollte eine die sollte

[36:01] ähm die sollte die suchte einen Mann suchte einen Mann für sie und wer ihr den Glacéhandschuh aus dem Löwenkäfig brachte also den hätte sie dann ausgew- es war natürlich keiner da der Mut hatte aber einer ging rein und dieser junge edle Mann der ging

[36:23] zwischen die Löwen und der holte diesen Glacéhandschuh sie saß oben auf einer Bühne   und alle ringsherum beobachteten das und dann kam er mit dem Glacéhandschuh und gab ihr den ab und sagte »den Dank meine Dame den brauch ich nicht« also mit so einer

[36:44] Xanthippe würde er nicht heiraten also das ist mir geblieben

Daniel Baranowski

[36:49] was hat Sie denn ähm so berührt an diesen Gedichten ? das sind ja äh das sind ja schwierige Stücke für jemanden in dem Alter was können Sie sich da dran erinnern was Sie was Sie daran ähm so berührt hat ?

Regina Steinitz

[37:01] ja natürlich diese Frau war brutal meine Umgebung war brutal das war es der M- der äh und der Mann war stolz der Mann war stolz der sagte zu ihr »Ihren Dank meine Dame den benötige ich nicht« ja und is- hat sich umgedreht und ist stolz weg gegangen wir

[37:28] waren auch stolz wir haben in der Schule gelernt werd ich gleich -ne Antwort geben »schäme dich nicht ein Jude zu sein schäme dich nicht ein Jude zu sein   gräme dich nicht ein Jude zu sein   schäme dich nicht ein Jude zu sein gräme dich nicht ein Jude

[37:49] zu sein dein Stolz und dein Ruhm sei Kämpfer fürs Judentum« wenn ich heute zurück schaue wir haben dieses alles so genossen das hat uns unsere Moral gegeben unsere und äh wir hatten irgendwie dadurch die Möglichkeit eine Wand zu ziehen   zwischen dem

[38:18] und das in dem Buch   gestern Sie geschenkt habe   da sieht man das   auch in Auschwitz   haben Menschen versucht [betont:] Menschen zu bleiben meine alle Freunde die die Lager überlebt haben die die können immer nur wieder den Satz wiederholen »zum Unmenschen

[38:43] haben sie uns haben sie mich nicht gemacht«   denn »meine Gedanken sind frei die Gedanken sind frei wer kann sie erraten sie flie-« (Regina) »sie fliegen vorbei wie nächtliche Schatten kein Mensch kann sie wissen kein Jäger erschießen es bleibe dabei

[39:09] die Gedanken sind frei   und sperrt man mich ein im finsteren Kerker das alles sind rein vergebliche Werke denn meine Gedanken zerreißen die Schranken und fliegen vorbei es bleibe dabei die Gedanken sind frei« auch in der Schule [singt:] »die Gedanken sind

[39:45] frei« ich hab im Chor gesungen in der Schule mit sechs sieben Jahren könnte ich hier auch noch vorsingen aber wir haben nicht so viel Zeit also aber ein Gedicht eine Sache haben wir noch auch gelernt »jeder Mensch auf der Welt hat ein Heimatland wo er auch

[40:06] geht und wo er auch steht da ist er zu Haus« [beginnt zu singen:] »nur ein Mensch auf der Welt hat kein Heimatland wo er auch steht und wo er auch geht wirft man ihn hinaus ein Jude bist du raus !«   das haben wir auch in der Schule gelernt   und das hat uns

[40:43] begreifen lassen es ist eine das Judentum ist eine Minderheit auf eine Minderheit geht man äh wie haben wir das begriffen auf eine Minderheit geht man los   ja das war immer so der Vater hat immer seine Kinder geschlagen der Lehrer hat gegeben mit dem Stöckchen

[41:08] auf die Händchen das war die Ent- Erziehung also nicht würde sagen nicht in unseren Schulen unseren jüdischen schon gab -s das nicht dass man auf ein Kind die Hand gehoben hat   also das will ich jetzt nicht verschönern aber so war -s weil alle Kinder die

[41:27] die christlichen Schulen deutschen christlichen Schulen verlassen mussten kamen zu uns die waren ganz erstaunt dass man nicht auf die Finger kriegt wenn man was macht aber das ist eine andere Sache

[41:38] ich will nur sagen Juden sind verfolgt worden   tausende von

[41:45] Jahren seitdem sie in die Diaspora gingen   aus I- aus äh Israel weg   und und auf die Welt verstreut wurden   da waren sie immer Fremde da konnten geboren sein die Kultur können und so weiter und so fort   sie wurden immer verfolgt da gab es die Inquisition

[42:09] in Spanien da gab es die Pogrome in Russland ja und die ersten Einwanderer nach Israel waren russische Juden   nach den Pogromen in Russland da konnte man auch die Kosaken auf Pferden einfach rein in jüdische Viertel   und Menschen töten   also das war nicht

[42:37] neu   Juden haben gewusst dass man sie immer ver- immer wieder angreifen kann   und das ging von Generation zu Generation und gerade in Deutschland   wo man sie doch auch nachher auf Universitäten gehen hat lassen es war doch hier sehr eine Zeit lang sehr liberal  

[43:03] da hat man ja haben sich ja viele jüdische Leute sehr assimiliert sie sahen erst eben also von Frommheit aufgehört mit der mit der also j-- jüdischen Religion sie waren nicht fromm sie waren erst Deutsche Religion oder das das war dann die zweite Seite  

[43:25] also ein jüdisches Kind hat bald begriffen wohin es gehört und wer es ist musste ihm man   musste man ihm gar nicht so viel erklären   zum Beispiel die jüdischen Feiertage   die symbolieren immer irgendeine Sache im Judentum die passiert ist und an der wir

[43:53] uns heute erinnern und sie feiern   ich möchte nachher über das Chanukka-Fest sprechen die Makkabäer   die die Römer besiegt äh äh ja die Römer besiegt haben nein Antiochus die Griechen nein Römer

Daniel Baranowski

[44:13] ich glaube die Römer

Regina Steinitz

[44:16] ja es stimmt und da brannte ein Licht im Tempel ein so -n kleines Öllicht Lämpchen das sollte einen Tag brennen und als die Makkabäer den Tempel wieder einnahmen brannten dann dieses Licht brannte acht Tage daraufhin stecken wir [gestikuliert] unseren Chanukka-Leuchter

[44:39] an jeden Tag feiern wir einen Tag von diesen acht Tagen und das geht jetzt schon tausende Jahre ja also das ist schon so dass ähm   jedes Fest irgendwie seine Symbole hat zum Beispiel das Pessach-Fest wie das jüdische Volk aus Ägypten ausgewandert ist und

[45:06] dieser f- ähm Chametz vom Himmel gefallen ist und das sind die Matzes das haben sie gegessen in der Wüste da macht man heute Matzot ja Saures also nichts Gebackenes so und das isst man acht Tage   und dann ähm   ja das Ganze an sich ist das mit dem mit der

[45:31] Religion so dass man kein Brot isst die ganze Woche aber das ist nicht so die Leute sind nicht so religiös und die gehen sich dann Brot kaufen und sie haben Brot aber wer religiös ist wirklich religiös ist   fromm der isst es nicht der isst eben die acht

[45:47] Tage die Matze und macht Matzeknödel und so weiter und so fort   das heißt in dem   die Bibel ist für uns jüdischen Menschen unsere Geschichte   und dann kommen noch die anderen Geschichten dazu   aber jüdische Geschichte war niemals leicht   sie war [betont:]

[46:16] immer schwer und wir sind jetzt in Israel   da haben wir es auch nicht leicht   da hab ich auch schon so viel Kriege mitgemacht   also im Ganzen habe ich schon acht Kriege gemacht mitgemacht   aber   wir bitten um den Frieden hört ihr das alle ? Menschen können

[46:41] auch bei uns zusammenleben   und F- in friedlicher Friedlichkeit wenn sie vernünftig sind und Komp- auf Kompromisse eingehen   aber da hat mir mal ein Holländer gesagt das muss ich jetzt dazu sagen der hat uns zum Abendbrot eingeladen der Leiter von dem Blumenexpetion

[47:02] in Aalsmeer mein Mann hat dort gearbeitet für den Export und Import für Israels Blumen und wir waren bei ihm eingeladen und dann habe ich ihm gesagt »Andre« ich bin so nach dreißig Jahren [lacht] wo ich nicht in Europa ka- war also nach Europa gekommen

[47:21] bin »ach Andre ihr habt -s herrlich so einen Frieden« also und ihr könnt von einem Land zum anderen gehen und die Grenzen sind frei das was euch ja jungen Menschen ja sehr selbstverständlich ist   da sagt er zu mir »aber Regina du hast vergessen dass wir

[47:40] in Europa 300 Jahre Kriege hatten und ihr in Israel wenn ihr 300 Jahre nach 300 Jahren werdet ihr auch Frieden haben«   also haben wir noch Aussichten aber es ist ein jüdisches Land und das muss man verstehen   jüdische Menschen können kommen   in dieses

[48:05] Land und wo es ihnen auch gefährlich wird weil sie die Minderheit sind   können sie in dieses Land kommen und werden aufgenommen   und sie gehören dazu  

[48:19] also ich gehe zurück in unsere Schul es ist 1936 meine Schwester und ich sind eingeschult äh es gab

[48:30] einen wunderbaren Chor wir hatten einen Lehrer der hieß L- Loewy das ist alles hier drin beschrieben der hat sogar hier ein Bild in dem Buch und der war ein Genius also es war ein Musikolog der kam auch von irgendeiner Universität und äh der hat wirklich

[48:53] wahr jedes Kind individuell   herausgebracht also welches Instrument es Fähigkeiten ich sang sehr gut der hat mich im Chor äh Solo singen lassen ich hab auch im Synagogenchor Solo gesungen in der Oranienburger Straße   äh wo jetzt das äh J- Judaica ist

[49:18] da ja ?   aber dieser Mann hat also jemand Flöte jemand Geige jemand also Klavier uns einen wunderbaren Chor aufgebaut er war verrückt nach Mozart und das bin ich bis heute geblieben das ist das hat der übertragen und ich liebe auch am meisten Mozart trotzdem

[49:42] ich also viele Kompositoren liebe von ganzem Herzen und ich eigentlich Volkslieder und und und Chorale und ich liebe alles ich liebe einfach Musik aber äh an Mozart Mozart hab ich doch am liebsten und wir haben als Kinder schon wirklich äh also Volkslieder

[50:04] gesungen von Mozart Lieder gesungen   »Brüder reicht die Hand zum Bunde das ist auch eine Sache in dieser schönen Freudenstunde« zu der Hitlerzeit draußen wurden wir mit Steinen beworfen innen haben wir dieses Lied gesungen auch von Beethoven   also alles

[50:27] was mit Freiheit mit Humanisten zu tun hatte was der menschlichen Seele Freude Glück bringen konnte wurde dort in dieser Schule getan es gab eine Turnhalle   wunderschöne Turnhalle und draußen war ein großer Platz da liefen wir also Wettrennen und ich lief

[50:55] mit einem Mädchen und anstelle so [gestikuliert] wieder da zurück zu laufen sind wir zusammen gestoßen da war ich schon im Jüdischen Kinderheim und ich äh die bekam eine äh Riesenbeule blaues Auge und ich habe äh eine Gehirnerschütterung erlitten da

[51:12] bin ich dann gelegen aber nur zu erzählen was wir noch alles 36 37 38   äh 39 in dieser Schule getan haben

[51:24] inzwischen komm ich jetzt dazu mein Vater ist am Anfang 38 bekam er sein A- Auswanderungs- also sein Zertifikat nach Amerika und er nahm Abschied von

[51:40] uns   er   sch- das sehe ich bis heute wir haben ihn nach 18 Jahren wiedergesehen er stand vor un- vor seinen Püppchen   und weinte bitterlich ich hab meinen Vater [betont:] niemals weinen sehen   bitterlich umarmte uns küsste uns er konnte sich nicht losreißen

[52:07] und wir mit ihm zusammen   und dann ging mein Bruder der älteste mit ihm zum Anhalter Bahnhof da f- fuhr er nach Hamburg und ab Hamburg ist er mit dem Schiff nach New York gefahren   später haben uns Leute in Israel gesagt »ach ja wie konnte euer Vater euch

[52:28] Gott behüte verlassen die ganze Familie lassen« und so weiter ja   war ich immer sehr böse   wenn solche Sätze kommen die die damalige Zeit überhaupt nicht verstanden haben wer hätte seine Familie gelassen ? alles ist doch mit Gewalt zugegangen wir waren

[52:52] glücklich meine Mutter und die Kinder dass mein Vater der weil die Männer erst in Gefahr gerieten äh und die großen Söhne   36 äh also 37 hat man schon Leute abgeholt kamen Kinder in die Schule und äh äh weinten bitterlich den Vater hat man heute Nacht

[53:16] abgeholt   und da saßen wir da gab -s keinen Unterricht da saßen wir und trösteten das Mädchen den nächsten Tag kam ein anderes Mädchen an »man hat heute Nacht meinen Vater und meinen Bruder abgeholt« wohin ? nach Sachsenhausen Sachsenhausen dieses Konzentrationslager

[53:37] und Meinekestraße 10 wo dieses Palästina-Amt war wo alle anstanden um nur raus noch raus kommen zu können zwischen 35 und äh äh bis der Krieg ausbrach 39 also Leute jüdische Leute standen dort Schlange an und mit der Hoffnung noch im letzten Moment raus

[54:00] kommen zu können   diese zwei Orte waren für uns Kinder Begriffe   wir wussten zwar nicht wo wir wussten was da vorgeht wussten wir nicht in Sachsenhausen aber wo woher wussten wir es dann doch weil die Leute die abgeholt worden sind zwischen si- also 36 und

[54:27] 39 da ist ein Teil von diesen jüdischen Männern frei gelassen worden und die mussten in 24 Stunden Deutschland verlassen   ohne dass sie irgendwo ein Visa hatten oder ohne dass sie vielleicht auch kein Geld hatten das sind ja nicht reiche Menschen gewesen  

[54:46] ein Teil von denen wurde gleich erschossen oder in andere äh Lager dann über gebracht wie Mauthausen   aber ei- äh also das waren die drei Möglichkeiten die die Männer erleben konnten warum das so war dass der eine frei gelassen worden also ich äh ja

[55:11] da war auch ha- ha- also ich hab gehört dass man zum Beispiel ge- wenn jemand hatte eine Möglichkeit raus zu kommen schon irgendwie irgendwie dann hat man ihn auch frei gelassen damals

[55:23] also jedenfalls ich habe diese zwei Freundinnen wo wir jetzt die Stolpersteine

[55:29] stecken der Vater wurde war vier Monate das wissen wir jetzt alles äh weil ja alles recherchiert ist in Sachsenhausen äh er war vier Monate in Sachsenhausen ist dann nach Hause gekommen zurück zerschlagen blau und grün äh äh deprim- depressiert traumatisiert

[55:52] mit diesem Brief dass er in 24 Stunden Deutschland verlassen soll diese Frau seine natürlich sehr erschrocken und seine Töchter auch diese Frau ging auf die Meinekestraße musste sich nicht anstellen denn das war first priority dass die Menschen die 24 Stunden

[56:15] na das ist dann nachher meinem Bruder auch passiert ähm die bekamen dann die ersten zuerst äh Zertifikate damit sie nicht noch zurück gehen nochmal nach Sachsenhausen also der Vater kam zurück die Mutter bekam zwei Zertifikate für sich und ihren Mann

[56:35] aber nicht für die zwei Töchter nicht für die Erika und nicht für die Meta und diese zwei Mädels kamen dann in unser Jüdisches Kinderheim sie waren vor mir dort 39 mit mit dem Glauben dass sie äh wie man in der Meinekestraße v- also versprochen hat

[56:58] dass sie äh mit dem nächsten Schiff nach fahren und mit der nächsten Eisenbahn   aber das ging nicht und diese beiden Mädchen mit denen bin ich zwei Jahre lang wir waren acht Mädchen in diesem Kinderheim äh versch- also ungefähr ein Jahr jünger ein

[57:21] Jahr die waren die eine war ein Jahr jünger und die andere war drei Jahre äh eine war ein Jahr älter und die andere war drei Jahre älter als ich aber wir waren wir äh in diesem Raum in dem wir schliefen äh acht Mädchen äh und äh wir kannten jeder

[57:39] eine die Geschichte des anderen jeder hatte eine andere äh Tragödie also und wir hielten sehr zusammen und wir spielten auch Mama und Papa in also Brüder und Schwestern in der am Abend bevor wir schliefen dabei waren wir schon erwachsen aber die Sehnsucht

[57:59] nach der Familie wenn ich heute überlege waren wir doch schon also zehn Jahre alt 1940 und die waren sogar schon zwei zwölf Jahre alt aber wir haben immer noch Mutti und Vati und Geschwister gespielt also das war ähm wenn ich jetzt heute daran denke ist

[58:18] es k- kommt mir das direkt komisch vor aber das war scheinbar die Sehnsucht danach also diese zwei Mädchen sind auch in Auschwitz umgekommen und man stellt ihnen jetzt Stolpersteine ich bin die Einzige die diese Mädchen kennt die Eltern an das kann ich will

[58:34] ich jetzt nicht eingehen darin denn da habe ich nicht Zeit die Eltern sind auf einem Schiff nach Palästina gekommen die Engländer haben sie nicht rein gelassen das Schiff ist untergegangen mit sehr viel äh von Deutschland kommenden jüdischen Menschen mit

[58:52] K- Kleinkindern sind da sehr viele ertrunken und die ans Land geschwommen sind oder mit Booten ans Land gebracht wurden haben die Engländer nicht rein gelassen denn die Engländer waren die Herrscher von von Palästina und haben die auf Mauritius geschickt

[59:12] für fünf Jahre sind sie von 1940 bis 45 auf Mauritius gesessen und ich weiß von einer anderen Freundin eine Wienerin ihre Eltern waren auch auf dem Schiff war auch auf Mauritius und der Vater also es waren dort sehr viele Krankheiten es waren ja auch nicht

[59:31] so junge Menschen also ähm sie selbst ist noch nach England raus gekommen die Tochter und der Sohn war schon lange Jahre in Palästina also darum sind die Eltern zu dem Sohn gefahren   raus gekommen aus Wien und die sind auch auf Mauritius hin und der Vater

[59:53] ist gestorben dort sch- schwer krank geworden und er liegt dort auf Mauritius begraben also nur die Mutter ist eingetroffen in Israel nachdem der Staat existierte und hat bei äh ihrem Sohn gewohnt und die Tochter ist dann auch aus England gekommen damit die

[1:00:13] Mutter ihre Kinder wieder hat und sie ihre Mutter waren schon keine Kinder mehr waren erwachsen also es gab solche Schicksale diese Geschichte mit dem Dings also die zwei Mädels ähm  

[1:00:25] wir kommen jetzt mein Vater ist weg März glaube ich 38 er sagt immer »ihr

[1:00:35] wart alt äh acht Jahre« wir hatten -ne Diskussion und wir sagen »Papachen wir waren alt sieben Jahre« weil wir im Geburtstag also am Ende haben am 24sten Oktober und er ist Anfang gefahren wir sind erst am 24sten Oktober acht Jahre geworden aber es war

[1:00:56] 38 und es geht mir bis heute so also immer weil wer am Ende geboren wird der ist ja eigentlich also das Jahr äh äh ist ja vorbei also ich meine da ist noch immer sieben Jahre und dann ist er achtzig nicht bis vierund- äh bis vier Oktober aber jedenfalls

[1:01:14] es ging war dann später -ne Diskussion ähm mit meinem Vater und er holte seinen passport raus und der zeigte mir und dadurch weiß ich überhaupt wann er genau gefahren ist das wusste ich ja dann gar nicht als Kind nicht auf das Datum geschaut mein Vater

[1:01:31] war weg und meine Mutter die wurde schon sehr krank also die hat sich ja von ihrem ersten Mann angesteckt Tuberkulose aber die brach dann aber auch   irgendwie aus   also da hatten waren wir die zwei Brüder meine Schwestern und wir blieben noch zu Hause wir

[1:01:53] gingen immer noch in die Schule in die Auguststraße da wurde noch kein Judenstern getragen in m- meine Brüder gingen in die Rykestraße Jüdische Jungsvolksschule Rykestraße zur Schule   und äh   dann wurde es irg- irgendwie also will ich schon sagen immer

[1:02:19] gefährlicher also es gab immer mehr und mehr Gesetze mehr und mehr Menschen wurden abgeholt und äh Männer vor allen Dingen Männer ich spreche jetzt nicht von Frauen mit Kindern   ja und äh   es wurde immer gefährlicher und äh also der Heil äh das Schlimmste

[1:02:41] was geschah war dann die Kristallnacht   die Kristallnacht war eigentlich äh   also in der Pyramide   schon der oberste Teil   da verstand man erst richtig   also in der Öffentlichkeit würde ich sagen weil die Leute die man abgeholt hat die hat man ja in

[1:03:14] der Nacht abgeholt und nach Sachsenhausen geschickt und das ist ja auch nicht allen passiert sondern Einzelnen also   äh die Propaganda und das Geschrei und so weiter äh ähm war man immer erschrocken aber es es nahm wirklich stufenweise zu und dann kam die

[1:03:37] Kristallnacht wo auch also alle Deutschen Christen nicht nur deutsche Juden oder also alle Menschen   sehen konnten und erkennen konnten dass dieses Regime ein ganz gefährliches ist   es war folgendermaßen meine Mutter ha- wir hatten eine christliche Nachbarin

[1:04:06] und die ist natürlich eine wunderbare äh Freundin gewesen von meiner Mutter also es waren ja es war ja immer Verkehr zwischen Christen und Juden aber dann wurde es äh vorsichtiger aber die klopfte plötzlich an unsere Tür und sagte »ja Frau Raifeld Frau

[1:04:25] Raifeld   Sie können sich gar nicht vorstellen« das werde ich nicht vergessen das höre ich jetzt bis heute in meinen Ohren »die« da meinte sie die Nazis mit »die haben alle Synagogen von Berlin in Brand gesteckt und alle jüdischen Geschäfte wurden werden

[1:04:46] eingeschlagen« und alles geraubt also man war   meine Mutter war krank also die ist nicht los gelaufen aber meine Brüder und hörten das und dann sagten meine Brüder »oh ! die Torarolle die Torarolle man muss die Torarolle retten gehen« die Torarolle ist

[1:05:08] das noch in Ordnung ? die Torarolle ist das wichtigste äh der wichtigste Teil in einer Synagoge man liest jeden Schabbat einen Teil vor also von der Bibel das ist eigentlich die Bibel man liest äh äh immer also das ganze Jahr immer neu vor und man singt

[1:05:32] und man betet der Kantor und es gibt also in unserer Synagoge gab es einen Chor weil es eine liberale Synagoge war also ähm äh eine orthodoxisch aber keine äh ähm   warte mal   mhm komm ich jetzt nicht auf den Namen die ganz Frommen äh   ja ich werde

[1:06:00] kommen ich werde darauf kommen also bei uns in der Synagoge äh sind zwar Frauen und Männer extra auch gesessen aber es gab eine Riesenorgel wunderschön und es gab einen Riesenchor das in einer ganz religiösen Synagoge nicht gibt und sie war auch riesengroß

[1:06:24] es war die größte Synagoge im maurischen style äh gebaut in ganz Europa in der Oranienburger Straße das Schiff ist ja leider nicht da und was mich eigentlich ärgert dass das Schiff nicht aufgebaut wurde das wenigstens in Berlin eine Syna- wenn man den

[1:06:45] Vorderteil der ist ja geblieben dann könnte man ja auch das Hinterteil den Schiff das Schiff wieder aufbauen ja das war wunderschön ich habe Bilder zu Hause aus dieser alten Zeit   und äh meine Brüder liefen heraus um die Ecke nicht weit von unserem Haus

[1:07:09] gab es die Kleine Auguststraße und da war eine ganz   das sind die Namen also sagen wir mal orthodoxe Synagoge und äh die war klein und meine Brüder liefen dorthin um die Torarolle aus dem Feuer zu holen und daraufhin das war schon getan aber da gab es viel

[1:07:37] angebrannte Bücher die noch also die äh sifre haKodesh sagt man auf Hebräisch ähm heilige Bücher also Gebetsbücher auch Gebet- äh -bücher wo jeder daraus gebetet hat wo die unter den Tischen lagen wenn du kamst also (_)   und die brannten also liefen

[1:08:03] wir hin und versuchten meine Brüder ich machte alles nach was meine Brüder machten ich habe überhaupt nicht bemerkt dass meine Schwester nicht neben mir ist so war das für eine Tohuwawohu man war so erschrocken also ich lief nach und wir machten äh wir

[1:08:17] löschten mit mit Kleidern oder Jacken oder was heißt Blusen die man hatte das Feuer und schleppten die da waren viele jüdische Leute in diesen brennenden in dieser brennenden Synagoge und man schleppte die Bre- äh die ausgelöschten oder noch anbrennenden

[1:08:37] Bücher nach Hause und mein Vater hatte im Korridor das war da war kein Fenster so ein Korridor den man hinten war eine hatte eine Dunkelkammer gehabt der war eine also auch Fotograf und der hat immer f- immer fotografiert und immer ähm entwickelt damals

[1:08:57] [lacht] war das nicht so leicht wie heute und äh die Dunkelkammer und da haben wir die Bücher aufgestapelt und die hatte auch einen Vorhang diese Dunkelkammer und den Vorhang davor zugemacht das war 38   und dann   ich habe gar nicht äh äh wir sind zurück

[1:09:20] gekommen immer hin und her gelaufen zurück gekommen und dann bin ich weg gelaufen auf die Straße ich war neugierig ich war damals das war äh September also im Oktober ein also ich war bald acht Jahre alt und ähm bin auf die Straße gelaufen die ganze Rosenthaler

[1:09:38] Straße runter dann da waren auch viele jüdische Geschäfte und dann wollte ich bis zum Alexanderplatz kommen weil die Geschäfte äh die Ein- großen Einkaufshäuser gehörten auch jüdischen Besitzern Tietz und Hertie das ging ja bis heute noch mit dem

[1:09:58] Besitztum zurück kriegen nicht zurück kriegen also ich hab das aber damals bin ich gar nicht so weit gekommen ihr könnt euch das überhaupt nicht vorstellen na das ist unglaublich da waren der die Straßen ich möchte sagen von hunderten Menschen überfüllt

[1:10:19] unter denen bestimmt großer Pöbel der in die Geschäfte r- rein sprang durch diese zer- Glas äh zersprungenen Fenster alles was war auf die Straße warf damit die alle da was abkriegen konnten also   es war ein grausamer Anblick   und natürlich da waren

[1:10:49] verschiedenartige Geschäfte da waren Kleiderschäfte da waren ähm Geschirrgeschäfte da waren Juweliergeschäfte äh und zwischendurch waren aber auch christliche Geschäfte dann war ja immer auch schon geschrieben »Jude« also jedenfalls sie das lag alles

[1:11:08] auf der Straße und ich lief durch wollte eigentlich auf den Alexanderplatz durch diese Menschenmenge äh habe ich mich durchgesch- -schlichen und so und plötzlich   mein Bruder der ist 84 geworden der Theo der ist hier auf diesem Bild   der sagt der schnappte

[1:11:31] mich am Schlawickel und zog mich so weg und na so zurück in die andere Richtung und er sa- äh sagte mir ins Ohr »bist du verrückt geworden ? die können dich hier ermorden !« ich war acht Jahre alt ich hab das gar nicht richtig begriffen in was für einer

[1:11:54] Gefahr ich war weil soviel Pöbel war und bestimmt darunter furchtbar viele äh äh Nazis also die es war einfach so dass man jeden Juden konnte nehmen und ihn auch töten darf das wäre legitim gewesen also das war die Zeit also man kann es heute nicht glauben

[1:12:13] und äh ich war natürlich schrecklich erschrocken dass mei- mein Bruder hat das gar nicht äh elegant gemacht der war so in Schreck sagt er »wo ist Ruthchen ?« meine Schwester ich war Ginchen und sie war Ruthchen sag ich »weiß nicht ich hab sie überhaupt

[1:12:32] nicht gesehen« dann haben wir nach ja meine Schwester sie ist überhaupt nicht mit gewesen in der Synagoge die Bücher und den sie hat die Synagoge nicht brennen gesehen sie ist gleich zum Alexanderplatz gelaufen   sie kam dann auch nachher alleine zurück

[1:12:47] lebendig aber so war das das ist und mein Bruder der 84 geworden ist in England und mit dem ich telefonisch ver- verbunden war der ha- wir haben niemals darüber gesprochen also wir trafen uns ja sehr selten im Leben und dann haben wir dann gerade nicht über

[1:13:07] die Kristallnacht gesprochen aber er war schon sehr krank er hatte äh cancer und äh da sprachen wir über Dinge ich fragte ihn sehr viel über meine Mutter aus weil er älter war ich war neun Jahre alt als sie starb und ich weiß nur ich habe meine Mutter

[1:13:25] abgöttisch geliebt und äh   aber ich wusste nicht so äh was sie für eine Persönlichkeit war als Mensch und fragte ich ihn viel aus ich hatte noch Gelegenheit und dann sagte er plötzlich zu mir »sag mal erinnerst du dich als ich dich am Schlawickel raus

[1:13:45] geholt habe da am am an der Kristallnacht unter den hunderten von Menschen ?« da da sag ich »und wie ich mich daran erinnere das hab ich schon so vielen Leuten erzählt« ja da war er ganz erstaunt dass ich so mit acht Jahren noch nicht mal acht Jahren mich

[1:14:05] so gut äh an diese also Situation erinnere aber das sind Dinge die einem bleiben also die begleiten einen das ganze Leben ich habe die Kristallnacht niemals vergessen also   es ist ja unglaublich das ist ja nicht nur in Berlin gewesen stellt euch vor in ganz

[1:14:27] Deutschland   gut das ist mein Anteil an der Erzählung der Kristallnacht das persönliche äh   dann kamen nach der Kristallnacht hat man alle Juden die polnischer Staatsangehörigkeit war äh waren also mit ihren Kleinkindern oder so an die Grenze gescheckt

[1:14:58] geschickt irgendwo ich hab dann alles später erfahren   aber äh aus Deutschland weg wir ha- so wie mein Vater der wäre auch geschickt worden aber er war Gott sei Dank nicht mehr in Deutschland

[1:15:11]

Daniel Baranowski

[1:15:13] hatten Sie eigentlich dann nachdem Ihr Vater weggegangen ist noch Kontakt zu ihm ? brieflich oder äh hat er sich gemeldet als er angekommen ist ?

Regina Steinitz

[1:15:18] [gleichzeitig:] ja   ja   ja oh ja   ja da das das werde ich im Kinderheim erzählen ich komm bald dahin also auf jeden Fall ähm äh mein Vater ist weg natürlich haben wir gleich gewusst er ist angekommen also meine Mutter da haben wir schon Briefe bekommen

[1:15:34] es war ja noch kein Krieg   zwischen Amerika und äh äh also wir wussten wann er angekommen ist ähm wir haben Briefe erhalten auch zu Hause aber wie es sich dann nachher weiter entwickelt hatte äh also die polnischen Juden wurden ab nach Polen zurück gesetzt

[1:15:56] und mein Vater hatte einen Freund der gerade geheiratet hatte und ein kleines Baby hatte und den hat man auch abtransportiert   und zufälligerweise also das das erzähl ich hier nicht das kann ich euch nach dem erzählen das ist er hab ich seinen Bruder in

[1:16:14] Israel getroffen durch einen ganz großen Zufall   weil seine Tochter gesagt hat »mein Vater ist auch aus Berlin« u- und äh sag ich »ja wo hat er denn gewohnt ?« und dann sagt sie »äh da in die äh in Mitte Berlin« also nicht weit von uns und da sagte

[1:16:31] ich »ach nein ist ja interessant« und dadurch habe ich den Vater kennengelernt also der kam der war ein Kibbuznik und der kam dann mich besuchen und dann kam heraus dass er der Bruder ist von einem sehr nahen Freund von meinem Vater aber er wusste dass die

[1:16:49] alle ermordet worden sind alle diese jüdischen Leute sein Bruder mit seiner Frau und und und dem Baby   und mein Schwager der in Lodz der aus Lodz ist und im Lodzer Ghetto war der weiß äh äh hat miterlebt wie diese Gruppe von äh deutschen jüdisch äh

[1:17:11] polnischen äh jüdischen polnischen Juden aus Deutschland heraus geworfen worden sind die also gar da sind Kinder und so die gar nicht Polnisch sprechen konnten die die sprachen eben nur Deutsch weil sie waren ja schon einige Generationen und die hatten nicht

[1:17:28] die Staatsangehörigkeit also jedenfalls mein Schwager erinnert sich und er wusste auch dass die er ist ja auch nach Auschwitz äh in Auschwitz gelandet also wusste er dass die äh sind dort auch mit   und das ist der zweite (Teil) und dann ist etwas passiert

[1:17:47] mein älterer Bruder der Theo   das ist er hier [zeigt Foto] dieser   das ist mein Papa das ist mein Bruder Benno der in Auschwitz war das ist meine Schwester Ruth sie war hier schwanger mit ihrer ersten Tochter und ich in Israel da haben sie uns nach 18

[1:18:21] Jahre mit meinem Papa wiedergesehen der ist dann   darüber werde ich noch erzählen   also auf jeden Fall bekamen wir einen Brief von der Gestapo der da war damals 14 Jahre alt er muss in 24 Stunden Deutschland verlassen   also wir hatten kein Geld [hustet]

[1:18:45] kein Zertifikat nirgends hin und meine Mutter wusste nicht was zu tun also mein Bruder sagte zu meiner Mutter die damals schon krank im Bett lag »Mama was soll ich tun ? was soll ich tun ?«   was kann man da machen ? dann fiel meiner Mutter ein   und das ist

[1:19:09] auch in- hochinteressant also   wie einem Dinge einfallen wenn man in Not ist also es hat ja schon jeder Mensch mal mitgemacht dass dann plötzlich so ein Blitz durchgeht und dann findet man irgendeinen Weg die sagte zu meinem Bruder »geh mal auf die Jüdische

[1:19:26] Gemeinde« das war damals in der Oranienburger Straße »und frag mal ob sie dir da helfen können«   und das ist ähm äh dann geschehen da ist ein Transport von 5000 jüdischen Kindern hat Berlin verlassen ähm nach England und wurde dort von Pflegeeltern

[1:19:51] und auch auf verschiedenen Institutionen da gab es auch Kibbuzim mein Bruder ist dann dort auf Hachschara gekommen   also mit Jungen Landbau und so aber damit er nachher weiter nach   nach Eretz Israel fahren kann ähm   und die haben dafür gesorgt trotzdem

[1:20:16] er schon ein ziemlich erwachsenes Kind war er war 14 Jahre alt dass er sich anschließen kann also e- den haben sie mitgenommen nach England also war der Papa weg war der Bruder   eigentlich waren sie gerettet beide   so blieben meine Mama und mein Bruder Benno  

[1:20:35] ähm   ich weiß nicht du kannst ihn ja hier aufnehmen [zeigt Foto] denn ich erzähle jetzt von ihm Benno   und das ist ein Bild   [zeigt Foto] von meinem Bruder nach Auschwitz von diesem   also es ist in unseren   wir haben uns nicht so schnell erholt wie man

[1:21:08] sich wir sahen damals nicht so wie heute aus also es brauchte viele Jahre damit man wieder lachen konnte   das war er das ist er jetzt also dann das nicht jetzt aber das ist schon viele Jahre her [zeigt Fotos] ist das gut ?   ja ? äh mein Bruder Benno war

[1:21:38] noch da er pflegte nämlich seine Püppchen das waren wir meine Schwester und ich und meine schwer kranke Mutter   auch die Mutter oder die Schwestern von meiner Mutter kamen und äh äh halfen meine Mutter zu pflegen also sie blieb zu Hause sie hatte dann

[1:21:59] Kehlko- äh -kopf die schwi- also von den Lungen ging es in den Kehlkopf sie erstickte vor unseren allen Augen am siebenten Januar 1940 ist sie gestorben wir standen alle um ihr Bett und dann ähm [weint]   ja das war ein schwerer Moment   und dann ist

[1:22:37] mein Bruder nach Schniebinchen auf Hachschara gegangen auf landwirtschaftliche Ausbildung für die Zukunft weiter zu fahren nach Israel um dort einen Kibbuz aufzubauen   so haben wir dann auch noch Abschied nehmen müssen von unserem Bruder Benno und die verwöhnten

[1:23:02] Püppchen meine Schwester und ich wurden ja von alle sehr verwöhnt und mein Mann sagt bis heute dieses verwöm- verwöhnte Püppchen ist immer noch in dir drin also ich das kann man nicht weg radieren und auch nicht alles was passiert ist ich lass mich gerne

[1:23:20] verwöhnen [lacht] bis heute also die verwöhnten Püppchen blieben alleine also ohne äh Vater Mutter und ohne ihre geliebten Brüder die viel älter waren als wir und die uns wirklich verwöhnten also v-   die die mit uns spazieren gehen mussten und und und

[1:23:42] und und uns unterhalten mussten und so weiter   ja und da war der Abschied von meinen Brüdern war auch sehr schwer   und dann kamen wir nach dem Tode meiner Mutter im Februar äh äh 19- ja -40 in das Jüdische Kinderheim Fehrbelliner Straße

[1:24:08] mein Onkel Robert

[1:24:11] der der Bruder von meiner Mutter war der hatte uns einen Monat bei sich äh zu sich nach Hause genommen der war verheiratet die hatten keine Kinder und aber die konnten uns nicht weil wir jüdische Kinder waren in einem christlichen Haushalt halten und der

[1:24:32] ich weiß nicht bis heute ich habe ihn auch niemals gefragt was dummerweise war der ist scheinbar auf die Jüdische Gemeinde gefahren gegangen zum Sozialamt da war ein Sozialamt und hat gefragt äh ob äh was man ob sie ihm helfen können also in dieser Situation

[1:24:50] und der da die haben uns dann scheinbar in dieses Jüdische Kinderheim Fehrbelliner Straße gebracht er brachte uns dorthin und dann äh das beschreibt meine Schwester sehr nett in dem Buch und darum gehe ich jetzt nicht in details ein also wer das äh äh

[1:25:12] will der kann das Buch lesen das Buch ist ja da und ähm mein Onkel war natürlich äh der liebte uns auch weil er hat ja keine Kinder und wir waren immer für ihn auch die Püppchen und der musste uns jetzt dort   hinterlassen und musste dann wieder weg gehen

[1:25:37] und meine Schwester die hat das direkt gefühlt als hielt uns an die Hä- Händchen und die beschreibt das wie wie schwer das scheinbar meinem Onkel gewesen ist dieser Moment vor allen Dingen wo er auch seine geliebte Schwester verloren hatte und das und die

[1:25:55] Zeit war also wo alles diese Dinge passierten und das ist äh   ja und dann kamen wir dort an und wurden in ein Zimmer gesteckt von der mit äh Frau Frau Fräulein Bamberger der Heimleiterin da sind hier Bilder das werde ich nachher zeigen   Bamberger da- das

[1:26:19] Haus hat drei vier Stöcke und unten die Büros und unten war auch eine Krippe für Kleinkinder da brachten arbeitende Mütter ihre Kinder am Tage hin und äh in der Mitte war ein Hort da sind die Kinder nach der Schule bis die Eltern von der Arbeit gekommen

[1:26:40] sind haben sie dort gespielt und ihre Schularbeiten gemacht das war so ein richtig vom Sozialamt eingerichtetes äh Kinderheim ähm also ein Ort wo man Kinder ab- abliefern konnte für gewisse Stunden und der vi- der dritte Stock da wo wir waren das hat man

[1:27:05] Unterkunft genannt da waren an sich gar nicht viel Kinder früher das Haus war gar kein richtiges Waisenhaus aber darum weil so viele Kinder zu Waisen wurden wurde das zu einem Kinderheim einer Unterkunft wo man auch in der Nacht schlief und auch nach Hause

[1:27:26] kommen konnte   wir blieben eine Woche in einem Zimmer unten wurden wir isoliert das hat sich da Quarantäne genannt bis man sich sicher war dass wir keine Krankheiten hatten   ja damit wir die Kinder oben im Kinderheim nicht anstecken das ganz Außergewöhnliche

[1:27:49] ist das auch Unglaubliche dass wir Kinder keiner von uns vier Kindern uns bei unserer Mutti angesteckt haben keiner hat Tuberkulose bekommen trotzdem mein Bruder Benno doch in solche furchtbaren äh äh Nöte war er hungert un- und Arbeit und alles keine Tuberkulose

[1:28:13] ausgebrochen und auch nicht bei uns also bei meiner Schwester und mir   wir haben uns von unserer Mutti mit der wir doch so nah waren äh   also den Bakterius Koch nicht geholt haben der diese Krankheit zum Ausbruch bringt   aber sie hat sich leider von ihrem

[1:28:35] ersten Mann ange- -steckt   also wir waren jetzt im jüdischen Kinderheim mein Vater in Amerika mein anderer Bruder in England der eine der Benno der war ging nach Schniebinchen und bald hat man dieses diese Farm hat man alle Jugendliche genommen und zur Zwangsarbeit

[1:28:57] da haben sie noch Zwangsarbeit getan bevor sie nach Auschwitz kamen also es war schon keine richtige Hachschara aber die Freunde unter sich waren zusammen die haben auch irgendwo dort natürlich geschlafen aber ich weiß jetzt nicht genau was die für Arbeit

[1:29:17] gemacht haben aber sie waren in Zwangsarbeit also wir bekamen Briefe von meinem Bruder   das ging noch

Daniel Baranowski

[1:29:24] aus Schniebinchen ?

Regina Steinitz

[1:29:26] aus Schniebinchen und wir bekamen auch Briefe aus Amerika bis der Krieg ausbrach ähm und das ist will ich jetzt hier mal zeigen   ah   das ist zum Beispiel ein Beweis m- meine Erz- unsere Erz- ja also wart noch mal nein einen Moment wir sind dann nach dieser

[1:29:50] Quara- Quarantäne waren wir in Ordnung in den dritten Stock gekommen in dieses Zimmer wo die acht Mädchen liegen wurden bekannt gemacht mit all denen und und unsere Erzieherinnen das war Fräulein Guttmann und Fräulein Levin und Fräulein Bamberger war

[1:30:04] äh die Direktorin des Hauses und sie hat natürlich auch bei der Erziehung geholfen das ist alles hier drin über diese Frau wurde auch recherchiert andere Dinge wer sie ist und so weiter das alles wusste ich gar nicht wir haben sie einfach »bei Fräulein

[1:30:21] so und so« ich wusste gar nicht von diesen Menschen ihre Lebensgeschichte   ich wusste nur dass sie sehr lieb und und pädagogisch äh gute Erzieher waren also äh und das war ja damals wichtig da ist zum Beispiel ein äh die Briefe gingen   und so lange Menschen

[1:30:44] äh von den Kindern noch Kinder hatten im Ausland zum Beispiel der Vater von der Erika und Meta Haitner wo man heute die Steine stellt die Stolpersteine der war ja in Mauritius angekommen anstelle in Israel nicht der hat aus Mauritius noch seinen Mädchen

[1:31:07] B- einen Brief geschrieben dass sie dort eingetroffen sind und nicht in Israel der hat ihnen nicht alles beschrieben aber dass sie dort sind und dass es gab einen Briefwechsel und daher wussten wir und wusste ich und das war ja besonders wichtig als die Inge

[1:31:27] Franken hat diese- als das Manuskript dieses Buches zu mir geschickt wurde durch meine Freundin Ruth Gross-Pisarek [zeigt Foto] die hier in der Mitte ist   ha- ha- ja ja sie hat noch bessere Bilder als dieses aber na ja das ist gleich nach der Befreiung

[1:31:56] also nicht lange da haben wir sie wieder gefunden   ja ? gut [gestikuliert; zum Kameramann:] musst mir zeigen das muss ich sehen also meine äh wir hatten dort werde ich jetzt mal bekannt machen das Schlafzimmer wo wir acht Mädels drin lagen dann gab es

[1:32:19] noch ein Zimmer wo jüngere Kinder lagen dann gab es ein Klappbettenzimmer das auch unsere Bibliothek war da wurden die Betten nachts aufgestellt am Tag nachts aufgestellt am Tage zugemacht und das wurde unsere Bibliothek und unser Schularbeitszimmer wir haben

[1:32:37] da ein mitten in einen Tisch gehabt da saßen wir machten unsere Schularbeiten und unsere Erzieher hatten Kontakt mit unseren Lehrern aus der Schule und sie halfen uns auch bei den Schularbeiten das war wirklich wunderbar und dann äh wenn wir mit allem fertig

[1:32:55] waren konnte jeder die Freizeit äh äh verbringen wie er wollte ich meine Schwester wir waren zwei Leseratten und wir saßen dann in diesem Klappbettenzimmer dieser Bibliothek äh zwischen einem Klappbett und dem anderen st- war mal ein Stuhl und wir lasen

[1:33:14] Bücher da lasen wir Bücher zum Beispiel von Else Ury »Nesthäkchen«-Bücher ich weiß nicht ob das jemand hier kennt aber die waren sehr bekannt das waren Kinderbücher »Nesthäkchen also zu Hause« »Nesthäkchen äh ist in den Zoo gegangen« also es

[1:33:34] waren wirklich also viele Bänder von und war hübsch geschrieben wirklich e- wunderschöne Bücher und ich war verliebt in die die haben mich in eine andere Welt gezogen also äh ich hab viel an meine Mutter gedacht und wie es ihr gegangen ist und das hat

[1:33:53] mich abgelenkt und auch meine Schwester und äh diese es- diese ähm Else Ury diese wunderbare Kinderschriftstellerin die war hier in Deutschland sehr bekannt also jedes Kind ob jüdisch oder christlich hat ihre Bücher gelesen die ist auch in Auschwitz umgekommen

[1:34:14] das war ich wusste nicht mal ob -s dass sie Jüdin war also ich la- las ihre Bücher wusste nicht dass sie Jüdin ist aber äh ich bekam von der Zeitung ich bekomm immer die Zeitung vom Berliner Bürgermeister so ein jedes halbe Jahr äh äh die Geschehnisse

[1:34:34] in Berlin und dann war es auch mal hinten ist Such- äh suchen also man sucht sich und da steht geschrieben stand geschrieben dass sie also die Else Ury eine Jüdin war und ihre Lebensgeschichte wo sie gewohnt hat und dass sie ist in Auschwitz umgekommen also

[1:34:53] das wusste ich nicht also meine meine Erzieherin kam ja und dann gab -s noch einen großen Raum wo wir gegessen haben und die Feiertage verbracht haben mit gedecktem Tisch Freitagabends Oneg Schabbat also äh Lichte gezündet das werde ich noch erzählen äh

[1:35:13] alle Feiern gefeiert haben die jüdischen Feiertage wo wir gesungen deklamiert haben wo wir auch Gesellschafts- Intelligenz-Gesellschaftsspiele gespielt haben  

[1:35:28] also dieser Raum war sehr vielseitig äh ich will nur erzählen jetzt das [zeigt Foto] das kann

[1:35:38] man jetzt aufnehmen dass unsere Erzieherinnen haben sich individuell um jedes Kind gekümmert das ist glau- kaum erklärbar und unsere Fräulein Guttmann die ist hier auf den Bildern die hat meinem Vater geschrieben genau was wir tun und die hat das fotografiert

[1:36:01] und hat dieses Bild damals 1940 zwischen 1940 und 41 das Bild noch meinem Vater geschickt   ich hab also das ist direkt aus dem Kinderheim ja da waren wir neun Jahre alt gingen dann in das zehnte Jahr ja   dieses Bild ist dann zurück in meine Hände geflogen

[1:36:32] als ich dann nach Amerika kam mein Vater äh mit 82 Jahre ein alter Mann gestorben aber er war schon krank und als ich da war sagt er »Regina nimm dir« der hat -ne Kiste gehabt darum hab ich die Bilder von seinen Geschwistern auch aus dem Ersten Weltkrieg

[1:36:50] also [lacht] »nimm die Bilder« denn seine Söhne aus der zweiten Ehe die werden sich dafür nicht interessieren und die Bilder werden dann einfach verschwinden und die waren ihm so teuer und da sag ich »Papachen ich hab schon so viel Albums« und ich bin

[1:37:09] auch eine Fotografin das habe ich geerbt also ich mein Vater hat immer fortwährend fotografiert und das ha- mache ich bis heute ich sag »ich hab schon so viel Albums und und und und und also wirklich wahr also die werden die die werden die Bilder nicht wegwerfen

[1:37:25] hab keine Angst« »nein ! nimm sie mit !« also und dann noch bev- ta- Tag bevor ich gefahren bin ich habe immer nämlich so getan als wenn ich das jetzt vergessen will aber nein das ging nicht [lacht] er hat mich daran erinnert und ich hab gesehen dass ihm

[1:37:40] das so zu Herzen geht da hab ich mir gedacht »ne die Bilder schleppst du« und fand dieses Bild [zeigt Foto] unter den Bildern und da war ich und noch andere sehr schöne Sachen da hab ich mir gedacht »ach ein Glück dass ich dieses Kiste da mit geschleppt

[1:37:58] habe«   und äh   das Leben in diesem Kinderheim es war 1940 ging zu 41   es trafen immer mehr auch Kinder ein ich gehe nicht in auf die Einzelnen ein äh   die Waisenkinder blieben und wir gingen noch in die Schule vom Kinderheim in die Auguststraße äh in

[1:38:33] die Auguststraße also Fehrbelliner Straße sind wir die Choriner Straße Elsässer Straße Linienstraße über den Koppenplatz rechts in die Auguststraße dann waren wir in unserer Schule ich erkläre das hier weil vielleicht Berliner die das Programm sehen

[1:38:50] sich dann ganz ich hatte mal eine Klasse aus Pankow aus Berlin die wussten alle den Weg äh den ich ihnen erklärte und das ist auch sehr wichtig weil da ist nämlich etwas vorgefallen äh das uns alle schockierte (das erste) wir gingen jeden Tag zur Schule

[1:39:11] und kamen wieder zurück und der Judenstern war noch nicht da   aber dann hörte man dass sie diese jüdische Schule Auguststraße war schon gegen 41   davor 41 also genau kann ich das nicht sagen ich hab bin äh hab mir das nicht aufgeschrieben als Kind ich

[1:39:34] war eben ein Kind aber man man es ist recherchiert also man weiß ganz genau wann man hat jüdische Institute geschlossen Häuser die der Jüdischen Gemeinde angehörten um daraus zum Teil hat man -s also was wir wussten ähm äh ähm Lazarette gemacht der

[1:39:57] Krieg fing schon an es gab zu viel Verwundete und die hatten hatten nicht genug Spitäler und da brachten sie einen gewissen Teil von äh verwundeten Soldaten nach Berlin und sie brauchten Häuser dadurch wurde unser hörten wir unsere Schule wird geschlossen

[1:40:19] und wir kommen in eine jüdische Volksschu- Jungsvolksschule in der Kaiserstraße die existiert überhaupt nicht mehr die Kaiserstraße heute diese Schule habe ich niemals mehr wiedergefunden die lag aber am Alexanderplatz und weil dann so viele hunderte Kinder

[1:40:43] dann waren gingen wir schichtweise in die Schule also vormittags und nachmittags gab es Unterricht und ich erinnere mich noch dass in mittags war es immer am gefährlichsten der meiste Druck weil da ka- waren schon Kinder die für nachmittags kamen und noch

[1:41:03] Kinder die vormittags endigen und dann in der Pause sind wir dann rumgelaufen so wie in einem Kreis verstehst du ? weil man nicht alle Kinder äh äh also wir sind wirklich organisiert äh so herumgelaufen weil man muss sich ja die Füße auslaufen es war nicht

[1:41:25] genügend Platz   aber unser Lehrer der Sch- der der Loewy der in Auschwitz umgekommen ist der lehrte dort auch Musik nebenbei gesagt lehrte der auf alle jüdischen Schulen also auch auf dem Gymnasium Mittelschule Vol- auf allen Volksschulen lehrte der Musik

[1:41:42] er hat auch Religionsunterricht genommen und meine Freundin Sylvia die hier auf den Bildern ist die hier im Buch beschrieben ist Sylvia Wagenberg   äh die lernte bei ihm Flöte spielen ich sagte schon vorher dass er jedes Kind individuell äh sein- Talente

[1:42:02] prüfte und beschloss äh irgendwie man war man bemühte sich einem Kind ein Hobby zu geben damit es abgelenkt wird und Musik also meiner Ansicht nach ist eine oder Malen ist ein wunderbarer und oder Lesen das hat uns abgelenkt es gab ja keine Television oder

[1:42:22] so etwas   diese Schu-

Barbara Kurowska

[1:42:26] [gleichzeitig:] können Sie vielleicht ? Entschuldigung könnten Sie vielleicht etwas über Sylvia erzählen weil Sie äh jetzt Ihre Freundin Sylvia erwähnt haben

Regina Steinitz

[1:42:31] ja das (könnte) würde ich gerne tun   meine Sylvia   ja   die Sylvia Wagenberg die dann später hieß äh Schulamith Khalef also sie änderte vollkommen ihren Namen d- Sylvia den deutschen Namen hatte hatte sie in Israel Schulamith so wie mein Mann Helmut Zwi

[1:42:55] Leute nahmen hebräische Namen an [trinkt]   [Schnitt] ja Sie haben mich gefragt und gebeten ich möchte gerne über diese Sylvia äh Wagenberg sprechen   also die ist in Dessau geboren in Dessau hat man auch ein Denkmal gestellt also wenn jemand sich dafür

[1:43:18] interessiert da ist ein gewisser Doktor Grossert der auch schon bei uns in Israel war äh der leider die Sylvia und ihre Schwester nicht mehr lebend angetroffen hat aber der sich dafür eingesetzt hat dass man sich an diese Familie Wagenberg erinnert denn

[1:43:40] Dessau war schon 1932 Nazi   also da waren die ha- hätten schon 32 die Stimmen bekommen also war nazistisch eingestellt so hat er mir erzählt aber meine Freu- oh Gott ja meine Freundin die ist mit ihrer Mutter dann ihr Vater hat sich geschieden von der Mutter

[1:44:05] und dann ist der Vater nach Israel damals und die Mutter die geschiedene Frau ist mit ihren zwei Töchtern nach Berlin gekommen   sie hat   also mit den Kindern zusammen gewohnt aber wann wurde es so gefährlich äh die Arbeit und die Kinder also sie hat dann

[1:44:31] die zwei Mädels abgegeben im Jüdischen Kinderheim in der Fehrbelliner Straße die Sylvia war vor uns dort   die Sylvia ist älter gewe- zwei Jahre älter gewesen als wir aber sie lag in unserem Zimmer   ähm sie war klein keine hohe Person und darum sah sie

[1:44:55] nicht so viel älter aus als wir was für ein hoch intelligentes Mädel schon damals gewesen und in diesem ihre Schwester war auch da also ich kannte die Carla Wagenberg aber dann sie war älter als wir und sie hat die Kleinkinder gepflegt oder was aber dann

[1:45:13] ist sie auch äh nach Neuenfeld gegangen das ist auch auf Hachschara äh äh nach äh   also auch verlassen und die äh die ähm   ja das muss ich erzählen ich bekam das Manuskript von dem Buch das ging bis 1939 durch meine Freundin Ruth Pi- Gross-Pisarek äh

[1:45:44] die Inge wollte Bilder haben von aus dem Archiv von Pisarek und da erwähnte die Ruthchen »ja ich hab zwei Freundinnen   in Tel Aviv Schulfreundinnen in Tel Aviv   vielleicht die waren da in diesem Jüdischen Kinderheim in der Fehrbelliner Straße« vielleicht

[1:46:04] äh äh würden sie interessiert sein das Manuskript zu lesen sie wusste dass wir eigentlich keine Verbindungen haben wollten der Grund dafür war dass ich hier im Krieg nach -m Krieg hat jeder gesagt er weiß von nichts das ging so drei Jahre niemand wusste

[1:46:23] von nichts was eigentlich los war mit (Juden) aber ich wusste dass man von Auschwitz nicht alle wussten das war klar aber das man die Juden mit Judensternen und geschlagen hat und die Kristallnacht war das wusste ja jeder in Berlin also es war so äh   Berlin

[1:46:47] war für mich immer eine traurige Zeit und auch heute wenn ich komme kann ich mich in Berlin nicht vergnügen trotzdem ich manchmal einen vergnügten Eindruck mache nach so viel Jahren ist das immer traumatisch erneut traumatisch und die se- sie schickte das

[1:47:05] Manuskript mir die Ruthchen und schrieb mir auch einen netten Brief und sagt »hör mal zu wenn du willst nicht brauchst du nicht« und   sie hatte auch das Manuskript gelesen und es gefiel ihr   und sie meinte da sie mich sehr gut kannte dass es sehr wichtig

[1:47:22] ist dass wir da zu schreiben aber das hat sie mir nicht geschrieben sie hat mir gesagt ich soll also alleine entsch- ich soll mich alleine entschließen und so bekam ich das Manuskript von dieser Inge Franken bis 49 und ich war sehr aufgeregt und ging gleich

[1:47:43] ans Telefon und rief sie an   die Inge und äh sie beschreibt das hier in dem Buch sie dachte sie ist schon fertig so kann es herausgegeben werden aber plötzlich meldet sich die Stimme aus dem Hintergrund und so aufgeregt und ich hatte gleich das Gefühl ich

[1:48:01] will nach Berlin fliegen also das sie sie hörte auch dass man ein Denk- -mal ein Zeichen anbringt an das Haus was ich mir doch immer gewünscht hatte und ich hatte alleine habe ich gedacht ein Buch zu schreiben und es aber niemals geschrieben und da (hinten)

[1:48:18] da ist eine Frau die so was schreibt also das da und auch authentisch also mit Zeitzeugen und so weiter also ehrlich und authentisch äh wiedergibt trotzdem sie nicht dabei war aber durch die anderen also da hab ich gesagt na also ich konnte nicht zur zur

[1:48:41] ähm   Gedenktag -tafel äh -verleihung kommen aber ich sagte ihr »wir sind hier drei Überlebende die von 39 bis 42 in diesem Kinderheim waren   eine hat Auschwitz überlebt und meine Schwester und ich in Berlin« und da sagt äh äh ach na ja sie war sehr

[1:49:09] glücklich dass ich sie anrufe sag ich »aber meine Freundin Sylvia Wagenberg das heißt die spätere Schulamith Khalef die ist sehr schwer krank und die bekommt Chemotherapie und ich weiß nicht ob sie bereit ist in diesem Zustand mir äh also niederschreiben

[1:49:32] war gar nicht die Rede dazu hatte sie gar nicht die Kraft aber wenigstens erzählen also ich möchte sie benachrichtigen und meine Schwester die war zufälligerweise auf Ferien und die hatte genug Zeit die sagte »ich schreibe gleich los« und das Hochinteressante

[1:49:50] daran sie hat geschrieben meine Schwester heißt Ruth Malin und sie hat geschrieben und das gleich an die Inge geschickt das ist das an- Interessante an diesem ganzen Geschriebenen über das Kinderheim von durch uns drei die wir eigentlich in der gleichen

[1:50:08] Zeit also derselben Zeit dort waren dass eigentlich ziemlich das Gleiche erlebt hatten und äh da habe ich mir gedacht jeder wird schon dasselbe erzählen aber nein denn wer das Buch gelesen hat der weiß das es so unterschiedlich ist also meine Schwester

[1:50:25] hat gar nicht gedacht dass sie muss mir zeigen sie hat das gleich an die Inge geschickt die Inge war sehr beeindruckt von dem was meine Schwester geschrieben hat und äh auch sehr glücklich dass sie das hatte und ich ging dann meine Freundin besuchen   die

[1:50:44] Sylvia und ich fragte sie in ihrem Zustand sag ich »Sylvia hör mal zu wir ha-« brachte ihr das Manuskript sag ich »guck dir das mal an wir haben diese Frau macht einen wirklich patenten Eindruck« also wegen ihrer irgendwie doch Objektivität und Authenti-

[1:51:04] oah Authentigkeit und und über diese ähm   die Frau ist also ähm   fähig sich in diese Lage zu versetzen men- menschlicher Art und Weise das war mir sehr wichtig und da ob sie schreiben möchte und »du bist doch so krank und du bist« sagt sie zu mir »nein

[1:51:29] ich rede du schreibst« und sie hat sehr viel Chemotherapie bekommen in Rehovot sie wohnte in Rehovot das ist eine Universitätsstadt und auch äh Weizmann-Institut und sie arbeitete selbst äh als Laborantin äh äh sie hatte ihr Master das ist auch eine

[1:51:54] Geschichte in Biologie und Chemie und sie arbeitete in ein wichtiges Laboratorium research laboratorium auf dieser Agriculture University in in ähm Rehovot und sie war eigentlich die rechte Seite rechte Hand ihrer Professorin der Leiterin dieses Laboratoriums  

[1:52:23] und äh ich ich sage das nur dazu weil ich weiter über sie erzählen werde sie hat sehr viel erreicht in ihrem Leben sie hat sich vom ersten Mann geschieden und blieb mit zwei Söhnen ist trotzdem arbeiten und lernen gegangen sie ist eigentlich Laborantin

[1:52:44] hat sie gelernt und dann hat sie als einfache Laborantin gearbeitet und zwei Kinder aufgezogen und dann ist sie äh also auf akam- akademische Bildung rüber gegangen und das hat sie alles gemacht noch ein zweites Mal geheiratet mit diesem Khalef warum heißt

[1:53:06] der Khalef ? de- der Vater von diesem das war auch ein Wissenschaftlich- äh -schaftler dieser Khalef den sie kennengelernt hat und dann haben sie geheiratet und sie haben einen dritten Sohn zusammen und der Khal- sein Vater war ein Arzt in Ägypten und hat

[1:53:26] den letzten äh äh wie heißt er der der wie hat man den genannt König nicht König der von Ägypten bevor Ägypten

Daniel Baranowski

[1:53:39] ich weiß es nicht

Regina Steinitz

[1:53:41] ach Gott lieber Gott mir fällt jetzt   ah na als ich ein Kind war war der an an der Regierung der hat der war das Haupt von Ägypten es war ein Aristokrat und sein Vater der bekam den den Namen Khalef als Anerkennungsnamen von ich werd schon darauf kommen

[1:54:03] tut mir sehr leid mir fallen immer alle Wörte aus aber vielleicht kann mir jemand helfen [lacht] hier   werde mal meinen Mann fragen und der darum hieß der Khalef also das ist eigentlich ein ägyptischer Name das ist ein aristokratisches ein aristokratischer

[1:54:21] Titel   und da hieß sie Schulamith Khalef also einen ganz anderen Namen als Sylvia Wagenberg aus Dessau   ja und sie äh ähm   hatte einen keinen leichten Weg überhaupt niemals in ihrem Leben der Mann ist leider gestorben durch eine Krankheit und dann blieb

[1:54:43] sie mit drei Kindern allein also sie war eine Heldin und sie war auch äh eine hochinteressante Person   jedenfalls als wir ins Jüdische Kinderheim kamen   war sie schon dort und da hörte ich ihre Geschichte   ich weiß nicht ob ihr gehört habt dass es gab

[1:55:09] äh in Caputh   wo Einstein sein Haus hatte das heute ein Denkmal ist   ein äh jüdische   Erziehungs- ein Institut für jugendliche Z- Erziehung Institut die Leiterin war die Frau Feiertag sie war eine   Vorgängerin eine Pädagogin natürlich in der Erlebnispädagogik

[1:55:48] also ich habe ei- ein wunderbares Broschüre zu Hause ich konnte das alles nicht schleppen über dieses Caputh   die hatten ähm Kontakt mit Einstein sie durften wenn Einstein nicht zu Hause war auch sein Haus benutzen   und als die Gä- äh die Kristallnacht

[1:56:18] kam also die fühlten sich da sehr gut Carla und Sy- und die Sylvia kamen in dieses dorthin durch ihre Mutter die scheinbar eine Freundin war von der Frau Feiertag und die Fei- Frau Feiertag dann auch der Vormund als die Mutter von ihr äh noch der Mutter

[1:56:41] gelang es noch nach England raus zu kommen um ihre Töchter nach holt so war das wenn einer raus kam konnte er von dort hatte manchmal Glück wenn der Krieg noch nicht ausgebrochen wäre Zertifikate zu schicken um die andere Familie nachzuholen also so sind  

[1:57:01] so war die Absicht   äh s- also sie waren dort in diesem wunder- auf diesem wunderschönen Platz das äh äh ich glaube Heiligensee oder Wannsee liegt das   Einsteinhaus ich war dort

Daniel Baranowski

[1:57:20] am Wannsee

Regina Steinitz

[1:57:22] Wannsee nicht ? am herrlichen Wannsee und äh äh dieses äh also ein wunderschöner Platz da steht jetzt ein großes Denkmal das erinnert an dieses Heim und da steht äh also sehr viel über die Frau Feiertag die leider in Auschwitz umgekommen ist und die  

[1:57:46] ja das werde ich noch erzählen von Sylvia also die ähm war ihr Vormund   äh bis zu dieser Stelle die Sylvia war e- äh sie war zwei Jahre älter als wir und da hat die Heimleiterin und das beschreibt sie auch äh für sie einen Platz bekommen in der Mittelschule

[1:58:13] in der Großen Hamburger Straße die steht ja heute noch sie schreibt in dieser Mittelschule hat da hat sie sich sehr wohl gefühlt äh hatte viele Freundinnen von denen ist sie ja auch fotografiert äh das kann ich mal zeigen   [zeigt Foto]   wenn Sie das klar

[1:58:33] rauf bekommen diese Mädchen hier waren ihre Freundinnen da sieht man hier auf dieser Seite wenn Sie das vergrößern können den Judenstern   dadurch dass sie a- also alle die hier auf diesem Bild sind sind nicht zurück gekommen außer Sylvia da erzählt

[1:59:05] sie auch hier in dem Buch also damals noch mir äh   ja das das hat sie mir erzählt   über Caputh   und zwar als als da ausbrach äh die Kristallnacht sind hunderte von Menschen aus Caputh aber auch aus einem anderen Ort in der Nähe Potsdam ich glaube Potsdam

[1:59:39] ja   sind ge- gelaufen gekommen und haben diese Häuser überfallen und zerstört äh die F- die Frau Feiertag und die anderen Erzieher die Kinder waren mittendrin oder beim Turnen oder bei Sch- Schularbeiten oder äh bei in der Klasse äh wussten gar nicht

[2:00:05] was ihnen passiert die Leute kamen mit Knüppel und Axen und zerschlugen effektiv alles und die Sylvia sagt »ich erinnere mich noch wie das Klavier von Hause von Einstein auf dem Wannsee schwimmte« oder auf der Havel glaube ich schwimmte ne ? auf der Havel

[2:00:29] also so wie ich werde es gleich mal nachschauen also jedenfalls es war ein derartiger Pöbel der da rein kam und das ganze Haus zerstörte wenn man heute nach Caputh kommt sind die immer noch äh nicht freundlich ich bin in ein Geschäft reingegangen für

[2:00:48] Karten und vielleicht haben sie ein Buch über die Zeit eine Broschüre oder so äh und ich fragte danach waren sie direkt also da war ein junges Mädel sagt sie »wir haben sowas nicht« aber Ton macht die Musike na ja und ich wollte mich mit diesem Ton nicht

[2:01:11] abgeben also bin ich raus gegangen ich habe ihr nur gesagt »es ist sehr schade«   denn wenn die alten Leuten das ver- verschweigen wollen dann kann man das verstehen sie gehörten zu dieser Generation aber wenn jen- junge Generationen die dieses Erbe furchtbare

[2:01:29] Erbe übernommen haben dieses Erbe das was damals geschehen war verschweigen wollen dann kann man dafür kein Verständnis haben aber diese gehörte dazu es war scheinbar grausam die Erzieher haben die Kinder z- zusammen gerufen die haben nicht mal ihre Sachen

[2:01:49] nehmen können   und sie haben   die f- die Kinder äh in die Bahn gesetzt oder Autobusse oder irgendwie nach Hause geschickt   die Sylvia schreibt über diese Momente sehr deutlich in diesem Buch also sie hat mir das sehr klar gemacht und sie ist dann nach Hause

[2:02:12] gekommen es wurde schon dunkel und sie hat ihre Mutter nicht zu Hause angefunden und sie ist dann noch das war immer noch die Kristallnacht also durch das brennende Berlin und sie beschreibt diese Geschäfte sie wohnte nicht weit von der Kur- Kurfürstendamm

[2:02:29] in irgendeiner Straße also sie zeigte dann dieses Viertel diese Orte hat sie beschrieben also Caputh und einen anderen Teil von Tel Aviv sie kam dann die Mutter bemühte sich weg zu kommen und der die kam dann mit diesen äh um den Kindern nachzuholen und

[2:02:48] die Kinder kamen zu uns und die Sylvia weil sie wirklich so intelligent war wurde zu unserer Direktorin die Fräulein Bamberger gerufen ins Büro war natürlich erschrocken was die der Direktorin ruft sie ins Büro und die sagte ihr dass sie ab morgen äh

[2:03:07] sie hat dafür gesorgt dass sie ab morgen nicht mehr in die Volksschule gehen wird sondern in die Mittelschule in die Iranische Straße in die Große Hamburger Straße ist eine wunderbare Schule die besteht ja noch bis heute ich war schon drin in dem Musikzimmer

[2:03:23] von der von der Schule steht ein großes Bild von Stifte also Stifte haben wir den Lehrer Loewy genannt weil er klein war haben wir ihn Stifte genannt so was sehen wie er so -ne Flasche zu macht unsere Lehrer hatten alle Kosenamen der Sportlehrer hieß Tarzan

[2:03:43] und da äh äh steht ein ist ein großes Bild an der Wand also auch mit Instrumenten und da Beethoven und da äh Mozart also mit allen guten süßen Komponisten steht auch das Bild dort und da war ran als ich dahin kam war gerade -ne Klasse ähm Musikschulklasse

[2:04:07] und ich kam rein mit der Direktorin von der Schule weil sie mir das Zimmer zeigen wollte und den Stifte dort an der Wand und dann hab ich den Mädchen erklärt eigentlich wer dieser Herr war äh äh der da fotografiert ist was für ein wichtiger Musiklehrer

[2:04:27] er war   da gehen jetzt aber auch jüdische und christliche Kinder in in eine Schule in diese jüdische Schule in der Großen Hamburger Straße   äh   Sylvia äh ja also

Barbara Kurowska

[2:04:47] können Sie Ihre Freundschaft damals im Kinderheim mit Sylvia beschreiben ?

Regina Steinitz

[2:04:52] ja die war natürlich also wir waren [betont:] alle nicht nur mit Sylvia wir waren alle acht Mädel in einem Zimmer Sylvia beschreibt das ihr Bett stand am Fenster da konnte sie noch lange lesen weil von draußen da vis-à-vis von dem Haus ist der Teutoburger

[2:05:08] Platz als Kinder habe ich hier Bilder s- sind wir dorthin gegangen dann sta- stand »Für Juden verboten« als wir in der Fehrbelliner Straße in diesem Kinderheim waren konnten wir in diesen Park nicht rein aber es gab ja Lampen draußen und die Sylvia erzählt

[2:05:25] auch bei äh dass sie da äh da also ich war mit Sylvia mein ganzes Leben befreundet also als ich sie in Israel wiederfand frisch verheiratet und mit ihrem Baby auf dem Arm der Junge den ich jetzt hier der jetzt schon erwachsen also schon eigene Kinder hat

[2:05:47] äh die Freude war unglaublich [betont:] unglaublich das ist eine Freundschaft und ich war auch mit ihr zusammen bis zu ihrem Tod   ich bin immer bei jeder Chemotherapie dabei gewesen   weil ich alles aufgeschrieben habe und ich war auch dann nach der Chemotherapie

[2:06:11] im Spital sind wir dann nach Haus gefahren zu ihr sie hatte eine Pflegerin eine Philippinin eine Krankenschwester aber ich bin ja auch Krankenschwester und ich war auch pensioniert ich war immer bei ihr   äh   bis sie starb also da sind wir alle im Salon diese

[2:06:40] die hier alle auf den Bildern sind das will ich nachher zeigen   nachher bei mir waren nachdem sie begraben war die saßen auch kamen und gingen in ihrer schweren Zeit so beliebt war sie so anerkannt war sie also an man kann nicht glauben dieses Mädchen das

[2:06:59] was sie da in Auschwitz auch mitgemacht hat sie beschreibt das also aber im Kinderheim haben wir die jüdischen Feiertage gefei- und sie beschreibt auch dass jeden Freitagabend wurden die Lichte gezündet die Schabbat-Lichte und äh äh das Brot die Challe

[2:07:19] das ist so ein Weißbrot ge- geflochtenes Weißbrot das schneidet man an ab man sagt die ähm das Gebet für das man dankbar ist dass man das Brot hat und dann jeder bekommt der um den Tisch sitzt so ein Stückchen von dem Brot und dann war das Essen sehr

[2:07:39] gut und man hat nachdem das Shier Hamalot gesungen das ist das Dankesgebet für das Essen das man gegessen hat und nachdem wurden zwei äh Gruppen Kinder in Gruppen eingeteilt äh eine Gruppe saß und spielt Intelligenz- äh äh -spiele also   wie sagt man  

[2:08:07] äh nicht nur Intelligenz also f- äh   Spiele die man untereinander spielt so -ne Kartenspiele die äh wo ist die Stadt oder so also es waren sehr äh saßen und spielten mit Fräulein Levin und meine Schwester und ich wir hörten äh Frau Guttmann zu die

[2:08:31] las immer Bücher jeden Freitagabend ein anderes Kapitel also »Doktor Doolittle und seine Tiere« und äh weiß ich äh Tarzan-Bücher und alles und also verschiedene äh Bücher und wir meine Schwester und ich liebten diese Geschichten und die Sylvia saß

[2:08:50] immer wo man diese Spiele Intelligenzspiele spielte und äh wir hatten sch- eine schöne Zeit zusammen wir liebten und schätzten uns und wir äh   litten   und leideten zusammen wenn einer weinte hatte schwere Minuten dann waren wir um ihn herum also

[2:09:24] wir waren eigentlich die die Brüder Eltern Cousins also die Familie er- ersetzte wir waren so wie Geschwister wie eine Familie also da natürlich die älteren acht Mädels die da waren und jeder hatte seine Geschichte ähm die Schwester die Carla Wagenberg

[2:09:48] die auch in dieses von Caputh in dieses Kinderheim wohn- die verließ auf Hachschara Neuendorf und die Sylvia war dann auch bitterlich allein aber bei der Sylvia war auch noch ein Problem sie ging in eine ganz andere Schule als wir in die Große Hamburger

[2:10:05] Straße sie war die einzige die auf eine Mittelschule ging und äh da war sie sehr gefährdet weil sie auch wie sie sagte sie sah sehr jüdisch aus also das kann man hier nachher fotograf- ja vielleicht hier [zeigt Foto] kannst du ganz ran kommen sie hatte

[2:10:25] schwarze pechschwarze Augen schwarzes Haar   und äh da man von Hitler angeordnet bekam dass man keine blauen Augen sondern auch keine klei- äh Stupsnase haben sollte sondern also blondes äh also als Jüdin mein ich da wurde sie gleich als Jüdin erkannt

[2:10:50] und wurde manchmal von den Hitlerh- -jugend oder auch von irgend jemand anders der ein Antisemit war und der gerade Laune hatte zu schlagen wurde sie angegriffen also sie war sie lief zitternd in diese Schule und kam auch zurück aber in der Schule selbst

[2:11:12] fühlte sie sich sehr glücklich

[2:11:15] als äh ich muss einen Feiertag nennen äh um es war 1941 wir feierten Chanukka   äh schon Monate vorher haben wir Handarbeiten gemacht f- f- also Geschenke für unsere Erzieher oder äh wenn jemand noch -ne Mutter draußen

[2:11:40] hatte für ihre Mutter oder so   und für alle Leute die dort gearbeitet haben jeder bekam ein Geschenk   es ist äh es gehört nicht zu Weihnachten hat nicht dieselbe Story aber in Feierlichkeit war ist das für uns äh dass wir die Makkabäer   ähm   die Römer

[2:12:04] besiegt haben und dass dieses Licht brannte ähm das ist natürlich eine äh eine Errungenschaft gewesen trotzdem es so viele tausend Jahre her war und das Fest feiert man noch bis heute ich woll- will nur sagen die machten Geschenke und jedes Kind bekam ein

[2:12:27] Geschenk und freute sich mit denen und es gab auch B- Süßigkeiten irgendwas besseres Gebackenes auf dem Tisch und meine ähm es war eine fröhliche Atmosphäre wir sangen die Chanukka- äh -Lieder es gibt viele Maos Zur wie »Ner li Ner li« das heißt Lichtlein

[2:12:52] ja und so zünden wir dich an es gibt sehr viele Chanukka-Licht äh -Lieder auf Hebräisch und wir sangen sie und es war eine sehr fröhliche Atmosphäre 1941   ich bekam eine Pfeife mit äh äh mit verschiedene Seifen verschiedener Farben und ich konnte da

[2:13:16] Seifenblasen machen aus verschiedenen Farben und ich werde es bis heute nicht vergessen wir alle war ich war sehr glücklich und alle ringsherum erstaunten plötzlich wie diese Seifen bunten Seifenblasen da heraus kamen und das werde ich niemals vergessen  

[2:13:32] aber für diese Kinder gab es kein neunzehnhundertzwei- Chanukka 1942   sie wurden alle ermordet also am Anfang neun- Jahre 1942   und das ist eine ein Geschehen das ich mein ganzes Leben zu Chanukka meine Kinder durften das nicht merken wenn wir die Chanukka-Lichter

[2:14:00] zünden   dann habe ich mich immer umgedreht irgendwie oder bin in die Toilette verschwunden damit sie nicht meine Tränen merken o- oder meinen äh traurigen Gesichts- Gesichtsausdruck mitkringen -kriegen   diese Kinder die da umgekommen sind stehen zu Chanukka

[2:14:29] immer neben uns   ich meine meine Schwester und mich   die sind niemals vergessen und an dieses letzte Chanukka kann ich mich so gut erinnern weil es eben so traumatisch für mich für uns wurde wir wussten keiner dass da so eine furchtbare Zukunft vor uns steht

[2:14:56] und äh dann will ich einige Schicksale erzählen von den Kindern Sylvia zum Beispiel das steht jetzt hier ausdrücklich geschrieben im Buch äh äh kam zu ihrer also da war bekam man den Auftrag dass man die jüdischen Schulen schließt auch die Kaiserstraße

[2:15:19] auch das Kinderheim 1942 und jede alle Kinder die zwölf Jahre alt wurden wurden zur Zwangsarbeit eingeteilt meine Schwester und ich auf der Jüdischen Gemeinde die inzwischen von der Gestapo äh also festgelegt wurde da wurden eigentlich nur Listen ausgegeben

[2:15:43] wo Juden wohnen damit man äh Briefe oder wo genau weiß wo man die Juden zum jüdischen Menschen ich sage immer jüdische Menschen nicht Juden weil die Juden waren keine Menschen dann gebe ich immer dazu und wenn ich komme und ich höre das Wort Juden bin

[2:16:05] ich immer ganz äh dabei sind wir Juden das ist ja gar nicht also wie die anderen Christen sind sind wir Juden aber bei mir ist so ein Kon- äh so eine sensitiv- Sensavität geblieben bei diesem Ausspruch weil der eben äh so immer nicht nett ausgesprochen

[2:16:25] wurde also alle jüdischen Menschen wussten mussten jüdische Kinder mussten von zwölf Jahren wir sind einge- arbeiten gehen wir sind eingeteilt worden meine Schwester und ich in der Oranienburger Straße auf der Jüdischen Gemeinde wir haben dort die Toiletten

[2:16:40] sauber gemacht und und die f- äh Büros Sylvia bekam eine extra Erlaubnis mit Briefen die an äh die geschrieben wurden in denen geschrieben stand zum Beispiel äh sie ist gefahren nach äh äh nach Schönefeld oder Potsdam oder ich weiß wo hat Briefe ausgeteilt

[2:17:02] dass diese jüdischen Leute sollen an dem und dem Datum zu Hause sein denn sie werden zum Transport abgeholt so was gab es auch und äh sie war bei der Frau Feiertag und dann äh muss ich jetzt erst mal meine Geschichte erzählen äh oder ich werde das so

[2:17:29] lassen mein Bruder und das ganze äh Neuendorf und wie äh Schniebinchen alle diese landwirtschaftlichen äh Häuser oder oder Institutionen wo diese jungen Leute gearbeitet haben schon Zwangsarbeit gemacht bekamen den Auftrag dass sie auch am 19ten April

[2:17:50] äh sich fertig machen sollen sie werden auf den Transport geschickt und die kamen hunderte von diesen äh es steht übrigens auch hier drin kann man das sehen auf den Eisenbahnlinien   die kamen wurden alle nach Berlin gebracht von außerhalb Berlin [blättert

[2:18:13] in Buch]   wo sind die das ist hier hinten drin   da sieht man direkt den Transport ne [an Kameramann gewandt:] also nimmst du vielleicht später auf ich das ist geht eben nicht und ähm äh und zu die die und die Carla Wagenberg die hatte äh äh war mit

[2:18:42] dem Transport mit meinem Bruder und all diesen jungen Menschen die dann nach Berlin kamen und die äh Sylvia hat das erfahren und die Frau Feiertag hat ihr gesagt äh »hör mal zu melde dich lieber zu den jungen Menschen wenn du mit den Alten geh-« so hat

[2:19:00] man angenommen oder haben die angenommen wenn du mit den älteren Menschen gehen wirst dann wi- äh wirst du nie vielleicht also zur Arbeit eingeteilt werden oder um- umgebracht oder oder so etwas und da hat sie sich zu dem Transport gemeldet sie ist also

[2:19:19] mit meinem Bruder mit den allen Freunden auch mit der Hildegard äh Grünbaum die noch in Israel lebt und dem Pise die da in dem Kibbuz Netzer Zereni wohnen noch und leben Leute die heute schon über 85 sind nach Auschwitz gekommen   und in Auschwitz wurde

[2:19:46] sie auch gab es viele Wege ausgesucht für die Hildegard war erst in der in dem Orchester für Mädchen und die hat dann dafür gesorgt dass auch die Carla und die Sylvia weil sie Flöte spielten dass sie erlernt hatten durch den Lehrer Loewy äh äh in also

[2:20:15] in dieses Orchester reinkommen   na sie wurden geprüft und äh wurden aufgenommen und das hat eigentlich d- war ein Grund dass ihr das Leben gerettet wurde sie bekam dann später auch äh Typhus und kam auf die Kranken auf -s Krankenrevier und die meisten

[2:20:36] vom Krankenrevier in Auschwitz kamen in die Gaskammer und sie hatte Typhus und sie kam dort auch sehr geschwächt und krank an aber da war die Anordnung dass die Leute die von dem Orchester sind also soll man bemühen dass die gesund be- werden also die hat

[2:20:58] die hat man auch separat gelegt aber da hörte plötzlich die Sylvia eine Stimme aus dem Hintergrund ganz schwach ganz schwach das war die Frau Feiertag sie rief »Sylvia« sie hatte ihre Stimme erkannt also sie war schon mehr tot als lebendig und dann h-

[2:21:21] ist sie auf sie zu und sie haben sich gefreut dass sie sich wieder sahen und dann hat die hat sie ihr ihre Geschichte erzählt alle diese Leute die da in den Büros auf der Jüdischen Gemeinde gearbeitet haben auch wie meine Frau Doktor Silbermann da werde

[2:21:39] ich euch noch erzählen (___) die sind dann nach Sachs- äh nach äh Theresienstadt gekommen und nach Auschwitz gebracht worden und da vergast worden den nächsten Tag ist die Frau Feiertag in die Gaskammer geschickt worden und das ist eigentlich die Geschichte

[2:22:01] von Sylvia die ist dann äh mit dem Todesmarsch also Befreiung Auschwitz nach Bergen-Belsen gekommen und dann ist sie äh dort ist sie befreit worden da sind ja auch noch viele umgekommen so wie die Anne Frank und so weiter an Typhus gestorben äh sie ist

[2:22:23] dann nach Israel gekommen und war im Kibbuz zusammen mit meinem Mann in Afikim und dadurch dass sie den jungen Mann kennengelernt der sie Hebräisch gelehrt hat und der nachher sei- ihr ihr Mann wurde ist sie raus aus dem Kibbuz in nach Petach Tikwa wo seine

[2:22:43] Eltern wohnen und da hat sie ihr erstes Kind geboren   ja also wir sind jetzt im Kinderheim das ist die Geschichte der Sylvia von der von der ähm ähm   Meta und Erika Haitner wisst ihr dass das die sind noch raus also er ist noch raus von Sachsenhausen und

[2:23:08] die Kinder sind geblieben und nach Auschwitz gekommen die Eltern haben es überlebt die haben einen Sohn gehabt in London und in London der der der Sohn der   Leo hieß der ist dann zu seinen Eltern nach Israel gegangen mit no- verheiratet mit einem kleinen

[2:23:26] Baby das wissen wir jetzt nach sechzig Jahren weil dieses Buch in Englisch übersetzt ist und im Internet ist haben die Leute die Enkelkinder geschrieben also Ruth und Thea Fuß und dann kam das Buch vor oder Meta und Erika Haitner und dann kam das Buch ans

[2:23:45] Licht im Internet und so sind sie Ver- in Verbindung gekommen mit der Inge Franken und mit mir ich habe eine Korrespondenz mit denen also auf jeden Fall das ist jetzt jetzt haben wir die Ruth und die Thea Fuß   Ruth und Thea Fuß waren auch zwei Freundinnen

[2:24:04] die mit mir in dieses da kamen der Vater wurde abgeholt 1937 38 und nach Sachsenhausen gebracht worden   wie sich -s raus stellt war er auch ein polnischer Jude und äh   die Mutter da ist überhaupt eine ganze Geschichte könnte man bis morgen früh erzählen

[2:24:31] der ist da sind da war ein die Baum-Gruppe da gibts jetzt ein Buch von Er- Regina Scheer über die Baum-Gruppe ist eine jüdische junge Gruppe gewesen die anti- äh -nazistische fascists äh antifaschistische Gruppe war und die gefangen genommen wurde und

[2:24:51] die getötet worden und weil die das gemacht hat man in Sachsenhausen 150 Männer einfach erschossen jüdische Männer und unter diesen 150 Männern war auch der Abraham Fuß das wusste seine Frau alles nicht das wussten auch seine Kinder nicht aber als wir

[2:25:17] in die Augusscha- Auguststraße in die Schule gingen und diesen Koppenplatz herum kamen der ein Spielplatz war da sahen wir plötzlich ganz neugierig dass man da eine Grube ausbaut eine Riesengrube und wir schauten so in die Grube rein und die Ruth Fuß   die  

[2:25:46] plötzlich fing an zu schreien sie erkannte ihren Vater der in Sträflings-   äh -tracht da unten arbeitete und sie schrie herunter den sie jahrelang nicht gesehen hatte ihr müsst verstehen das war also neun- zwischen 1940 und 41 sie schrie da runter »Papachen

[2:26:10] Papachen Papachen   Papachen« also wollte nun dass er sie hört und er hebte den Kopf und [gestikuliert] machte so   er hatte Angst sie soll schweigen er hatte Angst dass man ihn erschießen kann oder das Mädchen erschießen das war ja -ne Leichtigkeit und

[2:26:34] die dieses Mädel kam in derartige Ekstase von Weinen und Schreien dass wir sie wegschleppten von dem Ort   zu bis zur Auguststraße in die Schu- bis zur Schule sie konnte gar nicht gehen und in die Schule rein wo man sie dann übernahm und pflegte beruhigte

[2:27:01] und wir dann nach diesem traumatischen Er- Erlebnis in die sch- Klassen rein gingen   das war das Erlebnis von der Ruth Fuß   nicht Ruth Fuß von der Thea und der Ruth Fuß die gingen wir gingen ja in eine Schule   also dann diese beiden Mädchen als das Kinderheim

[2:27:26] geschlossen wurde sind mit dem Transport und das wissen wir heute nach Riga geschickt worden mit dem Ernstl den kleinen Zwillingen äh Herbert und Ernstl die einer blond und einer dunkel war und in Riga hat man jetzt recherchiert das hat alles die Inge Franken

[2:27:49] raus bekommen zum Beispiel die sind da an einem acht- 28sten gekommen an einem 28sten äh sogar ge- das ist alles geschrieben und sind an einem drei- in einem im Ghetto in Riga angekommen und am Dreißigsten waren sie alle tot und jetzt den letzten äh Holocaust

[2:28:13] Day habe ich das eigentlich erst ich wollte niemals wissen wie die umgekommen sind aber jetzt habe ich mir das angesehen das ist auf zufällig ist das da gewesen wie die jüdischen Leute in Babi Jar umgekommen sind ja in Kiew in äh und wie sie umgekommt also

[2:28:34] die in äh äh Riga und das hab ich mir dann angeschaut na ja also wenn man die Menschen kannte an sie gebunden war ich meine das ist Ruth und Thea Fuß dann eines Tages

Daniel Baranowski

[2:28:52] können wir eine kurze Pause machen ?

Regina Steinitz

[2:28:55] ja ich bin sehr glücklich [Schnitt] ja   also haben wir diese Geschichte von der Ruth und der Thea Fuß die leider äh in Auschwitz umgekommen sind nachdem das Kinderheim nicht in Auschwitz in Riga das wissen wir heute umgekommen sind und der Vater erschossen

[2:29:16] wurde in Sachsenhausen und die Mutter die eigentlich äh nach Schweden geflüchtet ist über die schwedische Grenze kam das wissen wir heute aber es war noch Postverbindung mit der Mutter aus Schweden die Mädchen wussten s- dass die Mutter in Schweden angekommen

[2:29:49] ist und dass sie sie nachholen wollte so wie die Fa- Mädchen die Haitner Mädchen wussten dass der Vater und die Mutter in Mauritius angekommen sind also es war Briefver- -verbindung und äh das wurde auch uns erzählt und als ich die Inge traf erzählte

[2:30:14] ich ihr die Ge- also äh also sagte ich ihr das   ähm es ist noch ein wirkliche tragische Geschichte von einem Zw- äh die alle Geschichten sind traglich diese Zwillinge Ernst und Herbert die mit drei Jahren in dieses Kinderheim wo- kamen und von denen ich

[2:30:37] überhaupt nicht ihre Geschichte weiß äh die sind dann mit fünf und sechs Jahren in Riga umgebracht worden die wir alle liebten und verwöhnten die waren süße kleine zwei Zwillinge nicht ein- äh nicht eineiig zweieiig der eine war blond und der andere

[2:30:56] war schwarz ich hab hier noch Bilder und das ist wirklich diese Kinder liegen auch immer noch auf meiner Seele und äh die da war ein Fall wir waren alle im Esssaal äh so beschäftigt man hat auch Strümpfe gestopft dort also man war überall waren Kinder

[2:31:20] beschäftigt und da ging plötzlich die Tür auf und ein Mädchen in unserem Alter ungefähr es war alt also zwölf Jahre kam bitterlich weinend in Begleitung eines Herren ob er Gestapo war oder ihr Vater oder wer er war wussten wir nicht genau was sich nachher

[2:31:43] herausstellte war dass dieses Kind ein Adoptivkind war und ihr Vater ein Nazi und ir- irgendwer hat herausbekommen dass dieses Adoptivkind eigentlich von jüdischer Abstammung war dieses Kind wurde christlich erzogen ich glaube sie wusste nicht mal dass ihre

[2:32:14] Eltern nicht ihre Eltern sind sondern der Papa und die Mama und äh äh also sie wusste auch nur das scheinbar auch dass die Juden Hörner haben also ganz schlimme Menschen sind äh denn sie wurde von in einem nazist- äh äh Nazi- äh -haus erzogen   und sie

[2:32:41] weinte bitterlich und sie war voll Ängste und äh der Herr der da neben ihr stand der sie brachte der war brachte sie eben ich weiß nicht also es war ich glaube das war einer von der Gestapo der sie da abgeholt hat aber ich weiß es   nicht genau bis heute

[2:33:05] wir nehmen an   dass man den Vater sie nicht hat bringen lassen in ein jüdisches Kinderheim also das ist unsere äh Analyse darauf aber das ist nicht also wir wissen das nicht genau unsere Erzieherinnen äh flüsterten uns ins Ohr wir sollen uns doch ihrer

[2:33:27] annehmen und wir gingen auf sie zu und sagten ihr »hör du bist traurig und du bist du weinst und es ist für dich schlimm dass man dich hierher gebracht hat aber wir sind alles gute Menschen du wirst es hier schön haben und du wirst uns lieb haben wir werden

[2:33:48] dich lieb haben« und wir haben sie so langsam in unseren Kreis gezogen in unseren Kreis gezogen und beruhigt also das ist wirklich unglaublich also wirklich unglaublich und dieses Mädchen wurde dann auch nach Auschwitz   äh gebracht

[2:34:14] und jetzt erinnere ich

[2:34:16] mich an einen Fakt und damit werde ich die Geschichte vom Jüdischen Kinderheim versuchen zu endigen aber der ist sehr wichtig und auch ein Grund ist warum ich hier noch auf diesem Sessel sitze und erzählen kann   äh wir gingen noch mit dem Judenstern vom

[2:34:36] jüdischen Kinderheim in die jüdische Jungsvolksschule weil doch in der Auguststraße schon geschlossen war zu Gruppen man erzählte uns unsere Erzieherinnen einen Nachmittag dass wir ab morgen einen Judenstern tragen müssen der sie zeigten uns genau wie

[2:34:58] er angenäht werden musste wie groß er war und äh äh und ab morgen sind alle jüdischen Menschen äh verpflichtet diesen Judenstern zu tragen wenn nicht werden sie verhaftet und wir setzten uns dann also das war natürlich furchtbare Aufregung furchtbare

[2:35:22] Ängste und was wird sein es gab jüdische Kinder die blond und blaue Augen hatten und äh äh überhaupt nicht jüdisch aussahen also dann wurden auf sie weniger Steine geworfen oder weniger Judensau gerufen aber Kinder die jüdisch aussahen äh äh also

[2:35:41] jüdisch aussahen wie Hitler sie beschrieben oder   also als Karikaturen aus dem »Stürmer« auf malen hat lassen ähm die wurden natürlich mehr überfallen also wir unsere unsere Erzieherinnen sagten uns noch ähm »ihr müsst vorsichtig sein ihr müsst

[2:36:05] jetzt in Gruppen gehen« was wir auch schon früher taten »aber ihr müsst in solcher Gruppe gehen dass sie rund ist damit eu- man ihr euch beschützt einer den anderen« und so liefen wir zu Fuß in die Kaiserstraße es war schon verboten sich auf eine Bank

[2:36:27] zu setzen da »Für Juden verboten« jede Bank es war schon verboten zu fahren mit der Straßenbahn nicht also da konnten wir nicht rein wir liefen hin und zurück in die Kaiserstraße natürlich zu Fuß über den Alexanderplatz und die Kaiserstraße war eine

[2:36:46] Nebenstraße vom Alexanderplatz in die Jüdische Schule   ähm   eines Tages hörten wir dass man das Jüdische Kinderheim schließen will und die alle Kinder weil man das Haus braucht dass die Nazis das Haus brauchen und äh alle Kinder mit Erzieherinnen

[2:37:12] in das Auerbach'sche Waisenhaus rüber bringen   das Auerbach'sche Waisenhaus war ein Riesenwaisenhaus schon jahrelang und i- wie ich gehört hatte ob das Wahrheit entspricht kann ich auch nicht sagen aber die haben die gleiche Kleidung dort getragen also Waisenhauskleidung

[2:37:32] und das kann ich mir sehr gut sch- vorstellen weil da hunderte von Kinder gehen und wichtig also die schon äh nicht nur neue sondern alte Waisen waren also wo man Eltern verloren hat weil sie gestorben waren und so weiter unser Kinderheit waren wir Kinderheim

[2:37:50] waren wir fünfzig Kinder und das ist alles so geschehen also bei mir ist die Mutter gestorben und bei den meisten war es aber so dass der Vater abgeholt wurde und die Mutter irgendwie Zwangsarbeit machen musste und dann abgeholt wurde auch abgeholt wurde

[2:38:08] von der Zwangsarbeit oder weg so wie bei den bei den Fuß ist die Mutter nach Schweden weg und bei äh   bei den Meta und Erika Haitner äh bis nach Mauritius gekommen also äh ich bekam wahnsinnige Angst   bei uns war alles so individuell und so nett die Erzieherinnen

[2:38:33] liebte ich ich muss sagen sie haben ja zwei traumatisierte Mädchen aufgenommen wie meine Schwester und ich die bis dahin schon so viel verloren hatten und jetzt sollten wir noch also auch dieses Haus verlieren und wir wussten nicht genau wer unsere Erzieherinnen

[2:38:54] oder Pflegerinnen in diesem Waisenhaus werden werden und das also irgendwie stuf- also stufenweise wu- wu- wurden uns jede meiner Schwester und mir nicht nur uns also allen Kindern die Beziehungs- äh -personen weg genommen den man anstelle Eltern hatte also

[2:39:23] gut wir äh das wird geschlossen und das Auerbach'sche Waisenhaus und da bin ich ohne meiner Schwester etwas zu sagen von der Kaiserstraße über -n Alex o- und niemand etwas zu sagen auch nicht meine Erzieherinnen von der Kaiserstraße über die äh äh über

[2:39:46] -n Alexanderplatz Rosenthaler Straße Oranienburger Straße zu unserem Vormund gegangen auf die Jüdische Gemeinde eine gewisse Frau Doktor Silberst- -mann   diese Frau hat in der Sozialabteilung von äh der Jüdischen Gemeinde gearbeitet eine ältere Dame

[2:40:08] ich äh so wie heute seh ich sie vor mir sie hatte äh graumeliertes Haar und hier einen Kropf so etwas an der Thyreoidea irgendwie   sie saß vor mir hinter ihrem Schreibstift äh -tisch ich weinte bitterlich und ich sagte ihr dass meine Mutter hätte nicht

[2:40:31] gewollt dass ihre Püppchen in so ein riesenhaftes Waisenhaus kämen wo man über- wo man dieselben Kleider trägt   also   ich war furchtbar unglücklich und konnte mich nicht beruhigen und diese Frau stand hinter ihrem Schreibtisch auf kam rings um den Tisch

[2:40:51] auf mich zu legte mein Köpfchen auf ihre Schulter und sagte mir »beruhige dich beruhige dich mein Kind   erstmals hör auf zu weinen ich will dir was sagen« ja und ich langsam habe ich mich beruhigt und dann sagte sie mir und ich glaubte ihr   sie sagte mir

[2:41:17] »es sind so viele Waisenkinder« ah ich sagte ihr noch »haben sie keine Pflegeeltern für uns für meine Schwester und mich ?« da sagte sie »du weißt doch wie viele Waisenkinder es jetzt gibt und Pflegeeltern sehr wenige da daher sind da sind ich kann

[2:41:38] dir mein Kind nichts versprechen aber du wirst äh ich werde mich bemühen   werde mich bemühen ich kann dir nichts versprechen« und da habe ich mich beruhigt und ich wusste dass diese Frau ehrlich ist aber ich war auch äh äh darauf vorbereitet dass sie

[2:42:00] niemand für uns findet und ich äh sie fragte mich nur noch »sag mal weiß jemand dass du bei mir bist ?« sag ich »nein« »deine Schwester Ruth ?« sag ich »nein« sagt sie »na hör mal« da bin ich dann mit dem Judenstern ganz alleine aus der Kaiserstraße

[2:42:21] über den Alexanderplatz Rosenthaler Platz Oranienburger Straße bis zur Jüdischen Gemeinde gekommen das war eigentlich lebensgefährlich also man konnte immer ein jüdisches Kind oder einen jüdischen Menschen mit -m der war ja jetzt die äh also gezeichnet

[2:42:41] wir waren ja dann alle gezeichnet den konnte man ja überfallen oder schlagen oder Steine bewerfen oder   da würde sich niemand darum kümmern ob   oder sich einmischen das war auch für dann für den gefährlich der sich eingemischt hat also ich kam sie rief

[2:43:04] sofort an das Kinderheim die f- unsere Erzieherin die verantwortlich war die Fräulein Guttmann und sagte ihr inzwischen war meine Schwester mit der ganzen Gruppe eingetroffen und ich war nicht da das war natürlich aufregend und die Frau Guttmann war außer

[2:43:20] Häuschen und meine Schwester fragte sie »wo ist die Regina ?« sie sagte »ja das weiß ich nicht« dann dann hat die Frau Doktor Silbermann angerufen und hat gesagt »also äh Regina ist« ich will nur sagen dass wir sind raus gekommen aus dem Kinderheim

[2:43:39] bevor es noch geschlossen wurde meine Schwester Frau Doktor Silbermann rief an den nächsten Tag sie hat für uns Pflegeeltern gefunden jüdische Pflegeeltern in der Grenadierstraße und die haben uns aufgenommen das war ein älteres Paar die ihre drei Kinder

[2:43:57] erwachsenen Kinder schon in Israel hatten also die uns aufnahmen der Mann a- arbeitete in Iranische Straße also wir haben uns dann von allen Kindern ähm verabschiedet und von den Erziehern und die die Sylvia auch ist zu Frau Feiertag gegangen wie man später

[2:44:19] lesen kann ist die Erika und Meta Haitner weil sie erwachsen sind auch in ein anderes Heim gegangen und noch auf Zwangsarbeit gegangen also die sind auch nicht mit diesen Kindern weggeschickt worden das Kinderheim ist absolut nicht in das Waisenhaus gekommen

[2:44:36] sondern das habe ich damals noch gewusst weil ich sie besucht habe da haben sie das Altersheim in der ähm in der Schönhauser Allee geleert und die Me- alten Menschen nach Theresienstadt geschickt das ist da auch der Alte Friedhof und diese unser Kinderheim

[2:45:00] mit allen Kindern und Erziehern in diese dieses Haus rein gegeben ich bin sie noch besuchen gegangen und die Kinder haben auf dem Friedhof gespielt und von oben konnte man auf den ganzen Friedhof schauen also diese Erinnerungen habe ich noch bis ich eines

[2:45:20] Tages kam und sie waren nicht mehr da also sie sind früher abtransportiert worden als ich und meine Schwester und die Pflegeeltern und dann und das damit endige ich dieses äh Kapitel es ist also diese äh Zeit vom Jüdischen Kinderheim und wir machen dann

[2:45:45] weiter

Daniel Baranowski

[2:45:48] genau wir haben uns jetzt in der Pause darauf geeinigt dass wir jetzt unterbrechen weil wir ähm weil Sie einen Termin haben den Sie jetzt einhalten möchten gerne und dass wir das Interview zum späteren Zeitpunkt fortführen werden vielen Dank bis hierhin

[2:46:03] auf jeden Fall

Regina Steinitz

[2:46:05] ja also vielen Dank auch Ihnen [Schnitt]

Daniel Baranowski

[2:46:08] ja wir haben den 28sten November 2011 sind in Tel Aviv bei Zwi und Regina Steinitz zu Gast ich bin Daniel Baranowski und führ das Interview mit Regina Steinitz zusammen mit Barbara Kurowska Daniel Baranowski entschuldigung [betont:] Daniel Hübner ist für

[2:46:27] die Technik zuständig ähm das Ganze ist weiterhin ein Interview für das Projekt »Sprechen trotz allem« der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas wir haben das Interview begonnen im Mai in Berlin haben es dann wegen äh eines Termins den Frau

[2:46:42] Steinitz ähm an dem gleichen Tag wahrnehmen musste unterbrochen und führen es jetzt also ungefähr fünf oder sechs Monate später fort wir waren geendigt ähm bei dem Moment als Frau Steinitz aus dem Kinderheim zu ihren Pflegeeltern gekommen ist und machen

[2:47:02] jetzt an der Stelle weiter [Schnitt]

Regina Steinitz

[2:47:04] ja ich äh   will mich äh brauch mich nicht nochmal vorstellen ich äh habe erzählt über das Jüdische Kinderheim da gibt es noch viele Dinge zu sagen die ich vielleicht auch noch später erzählen werde aber äh meine erste Lebensrettung   jeder der überlebt

[2:47:28] hat den Holocaust der hat viele Lebensrettungen und äh eines der eindrucksvollsten äh Interviews die ich einmal gehört habe von äh hier in der israelischen Television über eine Überlebende ist die dass der äh sie gefragt wurde »ja wie haben Sie denn

[2:47:50] überlebt«   und sie eine Sekunde nachdachte und dann sagte sie plötzlich einen Satz der mir sehr gefiel sie sagte »ich bin 99 Mal gestorben und ein Mal am Leben geblieben« und so war es jeder Einzelne von von uns Überlebenden der war immer irgendwie an

[2:48:14] der Grenze   Millimeter würde ich es kann sogar kürzer gewesen sein äh am Leben und Tod vorbei gegangen   und äh für mich äh ist diese der erste Gang den ich getan hab zu Frau Doktor Silbermann auf die Jüdische Gemeinde um nicht in das Auerbach'sche Waisenhaus

[2:48:39] zu kommen äh der erste Schritt gewesen der mir dazu verholf noch ein ganzes Jahr   nicht abgeholt zu werden zum Transport und so kamen wir durch die Hilfe der Frau Doktor Wilmer- ähm Doktor äh Silbermann äh zu unseren Pflegeeltern Familie Schier da möchte

[2:49:04] ich mich verbessern ich sagte sie wohnten in der Grenadierstraße aber sie wohnten in der Dragonerstraße und die Hausnummer habe ich vergessen aber das Haus weiß ich genau wo es steht   und äh   äh das war ein älteres Ehepaar die drei Kinder äh hier im

[2:49:25] Land hatten und äh sie waren nicht aus Berlin sie sind irgendwo von einem kleinen Ort wo furchtbarer Antisemitismus war nach Berlin gekommen weil da viele jüdische Leute leben und äh dachten sie würden sich da eben beschützter sein und wohler fühlen  

[2:49:45] und sie nahmen uns auf und wie es dazu gekommen ist also ich meine ob sie bezahlt wurden oder nicht bezahlt wurden für unseren Aufenthalt dass äh ich glaube die dass das Sozialf- -fürsorgeamt aus der äh Jüdischen Gemeinde hat für unseren Aufenthalt bezahlt

[2:50:04] bei den Leuten   ähm aber ähm   wir kamen dann zu denen wir hatten zwei Zimmer und es gab ein Rieseneisenbett ein doppeltes   Eisenbett das stellten wir meine Schwester und ich jeden frühmorgens au- äh jeden Abend auf und frühmorgens wieder zu und im Korridor

[2:50:28] war ein Vorhang da wurde das Bett abgestellt das war dann dieses Zimmer in der Nacht ein Schlafzimmer für uns und und am Tage war es ein kleiner Salon und daneben war das Schlafzimmer von unseren Pflegeeltern  

[2:50:41] äh   d- das war äh   das Abschiednehmen im Jüdischen

[2:50:49] Kinderheim von allen unseren geliebten äh äh Erziehern und Freundinnen äh war natürlich sehr traumatisch und äh   wir waren darüber sehr unglücklich dass wir sie verlassen mussten hatten aber keine blasse Ahnung dass äh   äh dass die in kürzester Zeit

[2:51:15] abgeholt werden würden und umk- umgebracht würden   also das hatten wir Gott sei Dank nicht gewusst und ähm   sie sollten in das Auerbach'sche Waisenhaus kommen aber das Auerbach'sche Waisenhaus war scheinbar überfüllt   äh sie kamen in ein äh in ein früheres

[2:51:39] Altersheim in der Schönhauser Allee am alten Friedhof äh das nicht vor langer Zeit besucht habe äh als ich in Berlin war mit meinem Mann da ist auch jetzt äh der der Maler Liebermann begraben   äh   sie man leerte das Haus schickte alle alten Leute nach

[2:52:03] Theresienstadt machte das Haus äh frei und so kamen die Kinder aus dem Kinderheim mit den Erziehern äh in dieses äh Haus in dieses äh neue Heim sozusagen spielten unten d- im Friedhof auf also durften runter gehen spielen auf -m Friedhof das war ihr Spielplatz

[2:52:26] und ich habe sie noch   v- von der Dragonerstraße bin ich zu Fuß gelaufen äh und habe sie noch dort des Öfteren besucht   ähm ich erinnere mich sehr gut als ich dann au- aus dem Fenster von oben schaute da sah ich dann den Friedhof das war das Panorama

[2:52:49] von diesen Kindern und äh   aber äh   die freuten sich mit meinem Besuch und auch unsere Erzieherinnen und sie äh   keiner glaubte natürlich dass er äh   abtransportiert wird das war das irgendwie ähm   das Unheimliche äh   das Gerissene der   der deutschen

[2:53:29] Organisation die Juden wurden und ich sage immer die jüdischen Menschen ich kann das Wort Jude nicht vertragen trotzdem wir Juden sind Yehuda in Hebräisch sagt man Yehudim und nicht Jude das ist schon wir stammen von dem Stamm Yehuda ab und äh das ist äh

[2:53:56] ein ganz anderer eine ganz andere Ausdrucksweise und überhaupt in der Nazizeit der äh Juden waren eben keine Menschen also also   da habe ich immer noch eine eine Sensativität in mir die wenn ich das ausspreche es einfach nicht aussprechen möchte ich sage

[2:54:18] eben alle jüdischen Menschen wussten eigentlich nicht was mit ihnen geschehen wird es ging stufenweise und raffiniert   auf der raffiniertesten Art und Weise das Menschen überhaupt nicht äh   wer konnte begreifen dass man ihn in eine Gasp- -kammer bringt

[2:54:36] und besonders Kinder also ähm äh wenn ich heute zurückdenke wie naiv Menschen waren also wie wie wie man äh wie man einfach nicht von ein ein also es ist die Zeit war ja äh äh Deutschland war ein sehr kultiviertes Land und sehr angesehen   und äh   also

[2:55:00] vor dem Krieg   s- m- also vor Hitler auf jeden Fall   also das konnte man gar nicht glauben dass dass solche Sachen eigentlich passieren könnten ich besuchte die Kinder noch und und auch meine Erzieherinnen und hatten viele Freuden Freude zusammen und eines

[2:55:18] Tages als ich wieder zu Besuch kam   waren sie nicht mehr da   also äh sie sind einfach also ich war ich habe äh das Datum also sie sind äh Anfang 42 also ab-   -transportiert worden   natürlich wussten wir nicht wohin man alle in Berlin jüdischen Leuten

[2:55:45] glaubten man kommt in ein Ghetto   ein Ghetto kannte man wusste man es gab schon früher Ghettos äh in anderen Ländern und äh äh da haben wir gedacht kommt überall hin wo eben äh nur jüdische Menschen leben sollten   ich habe nicht angenommen dass die  

[2:56:11] und nicht gewusst angenommen ist ja gar nicht von zu reden aber überhaupt nicht gewusst dass die schon eigentlich sch-   Monat später oder äh Tage später tot waren als sie abtransportiert wurden das wissen wir heute denn Ruth und Thea Fuß sind nach Riga

[2:56:32] gekommen und äh da gibt es Dokumentation die die Inge gefunden hat in den Archiven äh sind sie angekommen weiß ich an einem äh 29sten und am 31sten waren sie tot ungefähr ich sind nicht genaue Datum die sind geschrieben im Buch also ähm   und der A- Ernstl

[2:56:54] und der Herbert Czerniak diese wunderbaren süßen Zwillinge also   mit allen und und die Erzieher und es ist mir auch nicht klar gewesen dass ein Teil ist überhaupt nach Auschwitz gekommen und ein Teil ist nach Riga gekommen das habe ich alles nach -m Krieg

[2:57:14] erfahren aber dann als ich sie besuchen kam waren sie nicht mehr da

Daniel Baranowski

[2:57:18] als Sie dann dahin gegangen sind war das Haus dann leer oder war da jemand anders drin

Regina Steinitz

[2:57:24] also äh   wirklich wahr ich hab äh   ich bin kann nicht bezeugen ob das leer war ich weiß nur da war die waren nicht mehr da   und da habe ich mich nicht mehr interessiert äh ob da jemand im Haus ist oder nicht oder m- also ich weiß nur eine Sache dass ich

[2:57:46] sie nicht mehr vorfand   k- keine anderen Menschen ge- getroffen ich erinnere mich nicht daran ich erinnere mich nicht daran ich glaube das Haus war leer   dann würde mir doch jemand entgegen gekommen sein oder was   sie waren einfach nicht mehr da   a- andere

[2:58:05] Leute habe ich mich nicht kann ich mich nicht erinnern  

[2:58:07] und äh jetzt bin ich bei sind wir bei der Familie Schier   ähm   der Herr Schier arbeitete im Jüdischen Kinder- äh äh im Jüdischen Krankenhaus Iranische Straße die Frau Schier arbeitete n- nicht  

[2:58:28] und äh ich glaube deswegen haben sie uns auch aufgenommen weil sie äh eben äh äh äh zwei Kinder dann bekamen und ähm   da war schon die Zeit dass wir meine Schwester und ich ähm mit zwölf Jahren mussten äh auf die äh äh Zwangsarbeit gehen das

[2:58:55] heißt alle jü- Schulen wurden geschlossen alle jüdischen Schulen   und äh die Kinder die über zwölf Jahre waren wur- mussten zur Zwangsarbe- also arbeiten gehen und meine Schwester und ich wurde eingeteilt äh auf die Jüdische Gemeinde die Toiletten

[2:59:15] sauber machen und die Büros sauber machen und äh da waren auch viele andere Kinder   in diesem Haus von unseren Schulen von aus der äh Kaiserstraße nicht von der Auguststraße auch die Sylvia hatte auch dort gearbeitet meine Freundin Sylvia und äh auch

[2:59:36] die Inge Levy von der ihr noch wissen wird werdet äh erfahren werdet und dann auch ein auch Jungs waren da die alle hatten sie dort irgendwie eine Beschäftigung in diesem Haus ähm   die- dieses Haus war äh die Jüdische Gemeinde war von der Gestapo eigentlich

[2:59:57] besetzt die Leute die da noch arbeiteten arbeiteten für die Gestapo zum Beispiel äh die ähm Listen raus geben wo jüdische Leute wohnen die Angehörige der Jüdischen Gemeinde sind also äh die waren ja äh in der Jüdischen Gemeinde eingeschrieben und

[3:00:18] äh die Büro- in diesen Büros arbeiteten eben solche Menschen die äh schriftliche Arbeiten taten für   für die Gestapo es hatte es war keine Jüdische Gemeinde mehr in dem Sinne ähm wie das Sozialamt oder in dem Sinne äh für religiöse Zwecke oder äh

[3:00:43] also Betreuung für Altersheime für für Kinderheime oder für Familien die eben Hilfe brauchten also das war gar äh das war nicht mehr äh es war ein nicht mehr eine Jüdische Gemeinde es war ein Haus in dem d- das die Gestapo besetzt hatte und äh von

[3:01:08] den jüdischen Menschen die da angestellt waren eben verlangten das auszuführen was sie   was sie brauchten für ihre für ih- für ihre äh zu ihrem Nutzen   und äh   das ist äh äh   ja für zwölfjährige Kinder plötzlich da die Toiletten sauber zu machen

[3:01:37] und die die äh äh Büros sauber zu machen müsste das ja eigentlich und nicht mehr in die Schule gehen zu können   also das hörte ja ganz auf also ich habe immer eine eine Sache ich be- ich bewundere immer wie ähm wie ich also n-   wir sind bis elf Jahre

[3:01:58] in die Schule gegangen also von der ersten Klasse und ich h- hab mich nachher immer ge- gewundert was wir alles konnten und wie viel Wissen wir hatten und äh was ich damit nachher aufbauen konnte mit diesen paar Schulklassen das ist überhaupt äh [lacht]

[3:02:15] überhaupt unglaubbar das ist mir immer äh dann später erst richtig bewusst geworden ich glaube ich sprach darüber dass wir drei Sprachen gelernt haben wir haben Hebräisch Deutsch und Englisch das habe ich ja voriges Mal schon besprochen gehabt äh natürlich

[3:02:35] [räuspert sich] Deutsch war unsere Muttersprache also sie war die erste Sprache und dann gab es Englisch und dann äh äh schon von der ersten Klasse an hatten wir äh Englisch gelernt und was ich in Englisch kann heute das kann ich eigentlich von damals

[3:02:52] -n bisschen dazu gegeben ich habe niemals richtig weiter Englisch gelernt äh lernen müssen das ist weil in dem Alter kriegst du das so wie eine Muttersprache das ist wirklich interessant und und wenn man äh man merkt sich das viel äh äh   also äh die

[3:03:13] Sprache die man die Fremdsprache die man lernt kann man trotzdem viel besser wenn man sie sehr jung erlernt scheinbar war es so denn ich habe nachher nicht nicht mehr Englisch gelernt außer auf dem Gymnasium nach -m Krieg und äh das war natürlich gar nichts

[3:03:30] ähm   auch Hebräisch wir haben Hebräisch gelernt und ähm also Hebräisch d- die moderne Sprache nicht als Betsprache sondern als Sprache z- zu sprechen weil wir ja wussten dass man auswandert äh oder nach Palästina oder nach England oder Amerika dass

[3:03:56] man diese zwei Sprachen braucht und ich [lacht] lache immer hier mit meinen Freundinnen weil ich äh einen Satz mich immer erinnere und der [singt:] »ve ha matate hu roked jafe« das heißt und der Besen tanzt   schön weißt du das haben sie uns gelehrt das

[3:04:16] [lacht] diesen diese leichte Sprache ähm natürlich hat man äh mir das sehr viel geholfen äh also ich hatte ja auch äh   äh ja also ich komme jetzt ab von dem äh äh von der Jüdischen Gemeinde aber wir sind auch in die Synagoge noch gegangen sind wir

[3:04:39] noch Freitag und Schabbat und die Synagoge war noch äh durfte man noch gehen also äh   da dadurch ist äh die religiöse Sprache wie die Bibel und alle jüdischen Gebetsbücher äh konnten wir lesen aber nicht verstehen das wäre schweres Hebräisch gewesen

[3:05:01] aber äh äh einige Sachen haben wir sehr gut verstanden weil sie sich ja immer wieder wiederholten   ähm   ich sprach darüber dass man eigentlich unglücklich war hätte sein müssen die Toiletten sauber machen oder t- aber wir waren auch viele Freunde dort

[3:05:22] also wir trafen die Inge Levy und die Sylvia und noch Jungs aus der Schule und irgendwie haben wir das verbunden noch wir konnten sogar noch mal äh lachen äh w-   und Freunde sein wir waren unter uns   auch bei der Arbeit in der Jüdischen Gemeinde und äh

[3:05:43] äh so und alle mussten wir arbeiten und äh und das taten wir dann auch   also   will ich nicht äh äh sagen dass wir ähm äh irgendwie zu unglücklich waren wir taten das und und äh das war so gang und gäbe aber ich muss jetzt etwas erzählen von einem

[3:06:10] Mann der in einem Büro arbeitete das war der Rechstha- Rechtsanwalt Siegfried Baruch das war ein älterer Herr und der arbeitete in einem der Zimmern in dem einen Büroz-   einem Bürozimmer das ich säuberte und dann äh mit dem also hab ich mich dann angefreundet

[3:06:32] und der war so wie ein Vater zu mir und der ließ mich auf der Schreibmaschine schreiben   auf seiner Schreibmaschine ich wollte wissen wie man das macht und äh der war sehr freundlich zu mir   und den habe ich nach -m Krieg wieder getroffen und das werde ich

[3:06:48] euch erzählen der hat für mich etwas sehr Wichtiges nach dem Krieg für mich getan   und äh und so waren wir auch mit den Erwachsenen die dort arbeiteten äh also die waren sehr nett zu uns und äh irgendwie ging das ein ganzes Jahr sind wir jeden Morgen

[3:07:08] früh aufgestanden und bin zur Arbeit gegangen und wieder nachmittags zurück gekommen und die Frau Schier hatte ähm hatte vorbereitet das Mittagessen da haben wir ihr dabei geholfen ähm

[3:07:24] für jüdische Kinder ähm   äh gab es äh äh für jüdische Kinder

[3:07:35] sag ich für jüdische Menschen gab es nicht auf den Karten was es für Christen gab zum Beispiel äh es es gab äh nur schwarzes Brot kein Weißbrot konntest du kaufen beim Bäcker   ähm Kohlrüben   wer wer das kennt diese Kohlrüben also nur Gemüse das

[3:08:00] sehr äh einfach war kein feines Gemüse konnte man nicht äh gab es für Juden nicht ähm und so weiter äh also ich habe da einige Ge- Geschichten die mir   bis heute so äh   im Herzen sind und die ich nicht vergessen kann die durch Leute geschehen sind die

[3:08:29] eigentlich äh   konfrontiert wurden äh christliche Menschen mit der   mit ähm   mit der Wirklichkeit die plötzlich da war wir haben an die jüdischen Leute hi- also ich rede jetzt von einer Bäckersfrau die eine sehr hübsches äh Bäckerladen hatte wo es

[3:08:56] auch Kuchen gab wo es B- Brötchen gab und wo es auch Brot gab und äh ähm äh meine Pflegemutter die hat mich mit so einem Täschchen geschickt da- Papier gab es nicht also man hatte so ein Täschchen wie und ähm geschickt ich soll eben Brötchen bringen  

[3:09:15] und ich kam äh mit dem Judenstern in das Geschäft und kaufte die Brötchen und sie sagte zu mir äh diese Bäckersfrau »gib mir mal dein dein Säckchen rüber« und sie packte mir dass ich nachher festgestellt habe wir haben solche Schustersemmeln bekommen

[3:09:40] schwarze Schustersemmeln und heute essen wir ja die nur man isst ja gar kein Weißbrot mehr weil das gar nicht gesund ist aber das haben die Nazis damals nicht gewusst scheinbar also [lacht] wirklich also die schi- die gab mir diese Semmeln äh die Schustersemmeln

[3:09:59] da rein in die Tasche äh und ich bezahlte ihr und die Karten da die abgeschnitten wurden und dann bin ich raus aus dem Geschäft und nach Haus gekommen mit dieser Tüte und als ich äh äh   die Tüte auspackte also diesen Säckchen ausschüttete da waren

[3:10:20] unter den unter den Schustersemmeln waren auch zwei weiße Semmeln und das könnt Ihr Euch gar nicht vorstellen wie äh wir irgendwie äh trainiert waren   ich habe mich zu Tode erschrocken   dass diese Frau das gemacht hat   für diese zwei Semmeln die sie so

[3:10:44] einem jüdischen Kind in die   in diesen äh Stoffsäckchen gesch- dazu gegeben hat da hätte sie verschwinden von der Erde verschwinden können sie hat sich in eine ganz furchtbare Gefahr gebracht und das das kann man heute nicht äh begreifen aber das war

[3:11:07] die Atmosphäre   ja sie durfte kaum mit mir sprechen sie konnte mir das Brot geben also diese nicht diese Semmeln geben oder schwarzes Brot geben aber sie durfte auch nicht mit mir sprechen sie durfte nicht freundlich zu mir sein nicht nett zu mir sein und  

[3:11:25] was ihr noch mis- wissen müsst und ich werde das nachher spezi- äh spezifisch erzählen dass es gab Spitzel von der Gestapo die rein äh angezogen waren äh zivil und überall rumgetanzt sind in den Straßen in den Geschäften und Leute beobachtet haben

[3:11:46] dass sie nicht äh etwas äh ähm wie man sagt bei uns nicht nichts Koscheres tun dürfen nicht wahr also nicht was nicht in Ordnung ist und ähm   äh da ist sie äh war ich zu Tode erschrocken als Kind   und das hat mir irgendwie äh äh Überwindung gekostet

[3:12:15] dass ich noch mal in ihr Geschäft ging gehen wol- gehen wollte ich wollte die Frau nicht gefährden und das habe ich mit zwölf Jahren verstanden das ist eine Sache die man ähm eigentlich Leute gar nicht begreifen können die heute leben können gar nicht

[3:12:34] begreifen das es so etwas gab in einem kultivierten Land in   bei gut erzogenen Menschen bei äh also ich meine d- d- dass so eine Diktatur so eine fanatism so eine fanatische Welt und alle Leute sich anpassen mussten was da die von oben   anordneten also von

[3:13:01] oben nach unten anordneten und äh [seufzt]   d- das ist war wirklich eine das war eine Geschichte die ich erlebt habe meine Schwester schreibt in dem Buch noch über andere Geschichten die mir nicht passiert sind aber m- äh ich habe noch eine Sache   es war

[3:13:25] doch Verdunkelung   bei der Familie Schier es war Verdunkelung und es äh ich bin äh von irgendwo nach Hause gekommen und ähm kam die Treppen nach oben und es dämmerte und ich dachte da muss man doch die Jalousien die waren aus Papier   runter lassen damit

[3:13:50] kein Licht auf die Straße kommt das war ja die Anordnung es war Krieg es gab Bombenangriffe schon und  

Daniel Hübner

[3:13:57] Entschuldigung [Schnitt]

Regina Steinitz

[3:14:01] ja also da waren schon Bombenangriffe auf Berlin   und es war Verdunkelung   und das natürlich wurde bestraft wenn irgendwelch- ein Licht auf die Straße kam also für die ganze   V- Bevölkerung nicht nur für die jüdische   und ich kam nach Hause und es wurde

[3:14:25] also es war Dämmerung und ich dachte mir ich kam die Treppen rauf und da war ein Fenster hatte eine Jalousie äh die spezifisch zurechtgemacht war die wurde dann runter gerollt äh damit sie das äh genau äh abgrenzt das Licht und ich dachte mir ja ich mach

[3:14:47] mal hier die Rolllade runter es ist ja gleich wieder dunkel und äh ich bin jetzt   verantwortungsvoll und wie ich das herunter rolle fällt mir entgegen ein Judenstern der auf ein E- äh Eisen äh gezogen war mit einem mit einer Stange den man hier eigentlich

[3:15:12] in einen Mantel oder so reinstecken konnte dann sah er aus wie angenäht das war natürlich ganz viel verboten und das will ich nur erzählen dass es gab viele junge Menschen die äh riskiert haben äh s- mit so einem Gestell äh rauszunehmen haben das und

[3:15:39] sind ins Kino gegangen   denn Ju- jüdische Leute durften ja nicht mehr ins Kino nicht ins Theater nicht in der Straßenbahn fahren nicht in der mit der U-Bahn fahren also mit keinem äh Fahrgerät fahren und so weiter und auch keinen Vergnügungsplatz haben

[3:15:58] und junge Menschen haben riskiert aber ich habe mich zu Tode erschrocken warum ? als das mir in die Hand fiel und ein Spitzel wäre gerade die Treppen hochgekommen ich saß auf de- Trep- also äh beschuldigt wäre ich gewesen äh   das mir hätte niemand geglaubt

[3:16:16] dass ich also ich äh äh wenigstens so nahm ich an dass mir äh äh dass ich hatte das in der Hand   also ich war zu Tode erschrocken also solche Sachen äh äh hatte jeder erlebt auf diese und auf eine andere Art und Weise meine Schwester ist einmal von einem

[3:16:35] Mann aus -m Geschäft gestoßen worden der hat gesagt »hast du nicht gesehen das ist für Juden hier verboten« es waren Geschäfte da stand »Für Juden verboten« es waren Geschäfte wo nicht stand »Für Juden verboten« und sie hat das äh war eine Apotheke

[3:16:52] und sie brauchte irgendein Medikament oder was und eine Erzieherin hat sie geschickt und äh da hat der Apotheker äh   sie herausgeworfen oder so auf die Straße geschmissen sie schreibt das äh- in dem Buch beschreibt sie das und sagt mir   also so so sind

[3:17:13] jedem einen äh ungefähr solche Dinge erzählt äh erfahren   ähm hat er solche Erfahrungen gemacht und   solche Geschehnisse   Geschehnisse überleben müssen und wir waren Kinder und wir lebten eigentlich immer unter Angst also mit der Angst sind wir eigentlich

[3:17:38] groß geworden ähm   äh   das hat sich dann auch nachher bei bei mir speziell äh bemerkbar gemacht das werde ich dann später erzählen   äh es war eben eine es war eine eigentlich äh furchtbare Kindheit und Jugend in der man immer Angst haben musste überhaupt

[3:18:05] alle Menschen haben Angst gehabt auch vor den Bomben auch die christlichen Menschen vor den Bomben äh sie waren ja mit Kindern und äh ja sind viele umgekommen ganze Familien sind umgekommen nach einem Bombenangriff konnte das Haus weggefegt sein die Leu-  

[3:18:29] also es ist äh äh und auch damit   man durfte nichts sagen wenn man irgendetwas gesagt hat dann wurde man festgenommen und dann kam man eben nach Sachsenhausen oder weiß nicht wohin also man musste schweigen   und das ist ähm   das ist alles unglaubbar heute

[3:18:55] bei der demokratischen liberalen Welt wo jemand jeder denkt es wird ihm Unrecht angetan und er kann darüber laut schreien oder reden oder ähm   er kann auch marschieren mit äh   mit äh   ähm mit geschriebenen Kar- äh Zetteln was man nicht ihm gut tut das

[3:19:22] ist die freie Welt aber damals äh so etwas gab es gar nicht also so etwas äh war alles äh alles für alle verboten  

[3:19:32] und das 42 zwischen 42 und 43 war der Auftrag Berlin judenfrei zu machen   und so langsam langsam verschwunden eigentlich die jüdischen Menschen

[3:19:48] von der Straße wurden abgeholt äh oder nach Straßen lang äh   oder wie die Sylvia hat ausgeteilt zum Beispiel Briefe sie hat eine spezielle Erlaubnis gehabt nach   außer Berlin nach Spandau Schönefeld zu fahren gab da den Leuten die Briefe ab von der Gestapo  

[3:20:11] aus der Jüdischen Gemeinde die bekam eine Erlaubnis zu fahren in den Transport- äh mit der U-Bahn mit der mit der Straßenbahn oder der S-Bahn und sie brachte diese Briefe dorthin dass die Leute am na- irgendeinem Datum möchten sie zu Hause sein weil sie

[3:20:32] werden abgeholt »für den Transport« genau geschrieben und die   äh die Sylvia äh hatte mir damals auch als ich ihr das Interview machte und sie schon so krank war hatte sie mir gesagt dass sie wusste genau   was für furchtbare Briefe sie eigentlich verteilte

[3:20:53] und was jetzt sie wusste nicht was dass die gehen nach Auschwitz in die Gaskammer aber das die Leute abgeholt werden werden   und das die an diesem diesem Datum zu Hause sein müssen und so weiter und so fort also das war schon die Atmosphäre in der wir lebten

[3:21:10] bei meinen Pflegeeltern wir wussten dass jeden Tag kann man uns kann man an die Tür klopfen und uns abholen   und darauf waren wir vorbereitet   und äh und alle jüdischen Menschen wussten das ist ihr Schicksal sie können nicht mehr weg können nicht raus

[3:21:34] aus Deutschland mehr denn das war ja Krieg äh   und so lebte man eigentlich jeden Tag mit dem Gefühl dass äh dass wir in jeder Stunde kann man klopfen und dich abholen und dann kam einmal meine Pflegemutter und sagte ja sie hätte gehört dass man ähm morgen

[3:21:58] und das haben die immer frühmorgens gemacht noch wenn es dunkel war fünf Uhr frühmorgens äh da damit die nicht die Bevo- -völkerung das so sah äh hat sie gehört dass man die Dragonerstraße und die Grenadierstro- -straße also abholen kommen wird die

[3:22:18] jüdischen Menschen und die hat gesagt man soll äh   wir wir werden flüchten irgendwo sie und ihr Mann gehen ins Jüdische Krankenhaus und meine Schwester und ich sollten gehen zu jemandem äh von unserer Familie von meiner Mamas Familie aber da sind wir

[3:22:38] nicht hingegangen und da werde ich euch nur erzählen von einer F- Frau die ich habe Bilder von ihr   eine eigentlich eine Heldin war   und die hieß Tante Gretchen es war eine Freundin von meiner Mutter und von meinem Vater sie wohnte in einem Haus mit uns

[3:23:00] sie hatte keine Kinder und ähm   äh   und äh wir waren auch ihre Püppchen und sie nahm uns auch spazieren ich habe Bilder mit ihrem Mann Onkel Otto und Tante Gretchen und diese Tante Gretchen hat sich immer sehr viele Sachen äh erlaubt äh gegen Hitler

[3:23:25] und zwar wir sind von der Gra- äh von der Dragonerstraße also   Dragonerstraße Mulackstraße Rosenpla- -thaler Platz Linienstraße äh sind wir in die Oranienburger Straße gekommen auf die Jüdische Gemeinde um arbeiten zu gehen und a- und sie hat uns dann

[3:23:47] immer abgefangen   und hat uns und wir waren mit dem Judenstern sie war eine Christin und sie hat uns immer äh abgefangen und umarmt und geküsst auf der Straße   und sich gefreut dass sie uns sieht und da hab ich ihr gesagt »Tante Tante Gretchen du bringst

[3:24:09] dich in Gefahr mach das nicht !« wir haben zwölfjährige Mädchen für sie waren wir besorgt um sie und da hat sie gesagt »mir wird niemand sagen ob ich mit meinen Püppchen sprechen darf oder nicht« ja und   diese Tante Gretchen äh wir haben aber uns geeilt

[3:24:32] weiter zu gehen und und sie zu verlassen weil wir waren wollten sie nicht in Gefahr bringen also äh wir wa- waren sehr verängstigt mit diesem Treffen mit ihr   und eines Tages klopfte es an unsere Tür bei der Frau äh in der Dragonerstraße bei der Frau

[3:24:55] Schier an der Tür die Frau Schier öffnete die Tür und die Tante Gretchen stand vor der Tür und [lacht:] das werde ich auch niemals vergessen und die Frau Schier sagte nur zu ihr   die hieß Grete Reitzig mit -m Nachnamen »Frau Reitzig bitte Sie können

[3:25:15] hier nicht reinkommen Sie bringen sich in Gefahr« und hat ihr die Tür von innen zugestoßen aber sie hat die Tür mit Gewalt aufgestoßen sagt sie »ich bin in keiner Gefahr und lassen Sie mich rein !« und hat sich rein gestuppt in die Wohnung und die Frau

[3:25:30] Schier hat vor lauter Angst die Tür schnell zugemacht und ähm und sie packte aus feines Gemüse es war Rotkohl und Blumenkohl und es gab Obst und Schokolade und was sie alles auf ihre Karten hatte hatte sie angeschleppt na wir waren natül- natürlich alle

[3:25:51] sehr glücklich über die Esswaren und so weiter und äh Frau die Frau äh Schier sagte nur »Frau Reitzig Sie müssen gehen !   Sie bringen sich in Gefahr Sie müssen gehen !« und ähm sie umarmte uns [weint]   und sie ging dann und äh das werde ich niemals

[3:26:21] vergessen   und dann haben wir gehört später nach dem Krieg   dass sie hat einfach auf der Straße gestanden und hat geschrien »wann ist wann wann tötet man schon diesen Hitler ? wann bringt man ihn denn schon endlich mal um ?« auf der Straße und sie ist

[3:26:46] abgeholt worden und in die Verrücktenanstalt gekommen habe ich gehört nach äh äh ist nicht   nicht Weißensee nein das   ist eine ganz bekannte Verrücktenanstalt gewesen Verrücktenanstalt hat man damals gesagt heute sagt man äh ähm   chole nefesch für

[3:27:06] kranke für seelisch kranke Menschen   und sie ist nicht zurückgekommen also man hat sie scheinbar dort umgebracht   also es will nur erzählen dass es auch solche Menschen gab und äh   aber leider ha- leider viel helfen konnten die auch nicht trotzdem sie

[3:27:35] mutig waren konnten die nicht viel helfen sie konnten nicht nicht alle jüdischen Menschen retten   sie konnten nicht den Krieg aufhören nicht den Hitler von der Regierung schaffen nicht die Diktatur brechen   also sie konnten nur mit ihrem Leben bezahlen  

[3:27:55] und äh also das war das war mein Erlebnis mit mit der Tante Gretchen   also in diesem Jahr von 42 bis 43 waren wir äh eigentlich äh immer in   ah à propos hab ich erzählt die Frau Schier das da hab ich die hat gesagt »geht zu der Tante Gretchen übernachten«  

[3:28:25] und sie gehen ins Krankenhaus und das will ich erzählen und da sind wir gegangen zu Tante Gretchen und haben dort die Nacht überlebt und als wir dann alle zurück kamen in die Wohnung   die Wohnung war nicht beschlagnahmt nachdem man jüdische Leute festgenommen

[3:28:47] hat hat man ein äh beschlagnahmen also die äh man konnte äh nicht mehr rein in die Wohnung   wie nennt sich das denn ? beschlagnahmt en Zettel so was

Barbara Kurowska

[3:29:00] versiegelt

Daniel Baranowski

[3:29:02] [gleichzeitig:] (__)

Regina Steinitz

[3:29:04] ja versiegelt   konnte niemand mehr rein das heißt wenn wir auch geflüchtet wären und das war auch so der Fall weil für viele sind untergetaucht war zwecklos weil dann warst du untergetaucht und dann musstest du jeden Tag suchen wo du schlafen essen trinken

[3:29:21] konntest und das musstest du dazu Geld haben oder Bekannte haben oder äh also es wäre es wäre sowieso nutzlos gewesen aber aus lauter Angst hat man diese Sachen getan nachher ham sich die Leute auch freiwillig gemeldet auf der Gestapo in der Großen Hamburger

[3:29:38] Straße sind eingetroffen weil sie hatten nicht wo oder sie sind gefasst worden von den Spitzeln die sich überall herumgetrieben haben äh äh herumge-   herumspaziert sind wollen wir so sagen   und äh wir kamen nach Hause und wir konnten die Tür aufschließen

[3:30:00] es war nicht versiegelt das war niemand ist abgeholt worden   aber

Daniel Baranowski

[3:30:08] [gleichzeitig:] die Wohnung war auch nicht verwüstet oder so es war äh

Regina Steinitz

[3:30:10] war normal

Daniel Baranowski

[3:30:13] war normal

Regina Steinitz

[3:30:15] war niemand drin in der Wohnung es ist niemand gewesen es waren weißt du was wie man sagt ähm   es gab äh   [lachend:] davon hat man überhaupt gelebt   das war die ganze Zeit gang und gäbe man hat gesagt das und das wird sein das und das wird sein wie wie

[3:30:34] wie ich komme jetzt nicht auf das Wort äh   ich komm jetzt nicht auf das Wort es es wurde vorerzählt also äh G- die Gefahren das

Daniel Baranowski

[3:30:48] mhm

Regina Steinitz

[3:30:50] ähm ich komme ich werd auf das Wort kommen 81 Jahre da komme ich nicht auf das Wort man wird mir entschuldigen   also jedenfalls äh ach Gott behüte [lacht] es gab Sachen die man gesagt hat die werden passieren oder äh äh und äh man man sollte sich vorsehen

[3:31:08] oder so oder das wird man   am Anfang hat man gesagt man wird nicht mit dem Autobus fahren können und dann wieder ähm äh   man kann nicht in Geschäfte gehen also immer was neu passieren wird hat man schon im Voraus gesagt ha- solche   ach schade dass mein

[3:31:29] Mann nicht da ist der würde mir das bestimmt sagen

Barbara Kurowska

[3:31:31] vorhergesagt oder

Regina Steinitz

[3:31:34] [gleichzeitig:] ja ja vorhergesagt ist ja nein nein also es gibt ein spezifisches Wort

Daniel Baranowski

[3:31:37] eine Vorahnung ?

Regina Steinitz

[3:31:39] j- es war nicht eine Vorahnung Leute haben irgendwelche Leute haben das erfahren und haben das durchgebracht also und ähm das ist dann wirklich passiert äh konkrete Sachen also ich komm da ist nicht wichtig also jedenfalls äh ähm   darunter war auch dieses

[3:31:59] dass dass die uns abholen kommen und das war ein es war eben also es hat nicht stattgefunden also und wir sind äh immer noch also zur Arbeit gegangen und wir sind immer nach Hause gekommen und wir   äh [seufzt]  

[3:32:14] und mein Pflegevater der ist immer noch auf

[3:32:18] die Jüdische Gemeinde auf die Jü- ins Jüdische Krankenhaus Iranische Straße zur Arbeit gegangen und so ging es weiter und denn äh   im im März äh i-   43 ich hab genau das aufgeschrieben   äh klopfte man an unsere Tür   fünf Uhr frühmorgens Frau Schier

[3:32:48] öffnete die Tür da standen zwei junge Männer gut aussehende Männer vor   meine Schwester erinnert sich nur dass sie Stiefel an hatten   erinnere ich mich gar nicht ich hörte nur zu was die sagten zu meiner wir liefen alle heraus aus den Betten also an die

[3:33:05] Tür da sagten die »Frau Schier äh machen Sie sich fertig ziehen Sie sich an was sie am Körper haben« ich erinnere diese alle Sätze sind mir in dem ins Gedächtnis geschrieben also »ziehen Sie sich an was Sie am Körper haben das bleibt Ihnen« also

[3:33:29] und äh »Sie dürfen ein Täschlein mitnehmen eine kleine Tasche mitnehmen und versuchen Sie nicht zu flüchten Sie sind von der Polizei umringt umzingelt«   und äh   meine Pflegemutter [hustet] gab uns also zwei Hemdchen anzuziehen zwei paar Strümpfe

[3:33:54] anzuziehen also wir waren wie die Bären angezogen   das alles doppelt und äh doppelt gemoppelt weil di- wir dachten d- das bleibt uns also und das war natürlich auch wieder mal eine perfekte Lüge wie alles Lügen waren wie man auf raffinierteste Art und

[3:34:15] Weise Menschen aus ihren Häusern geholt hat äh und sie gar nicht wussten denn   die Wahrheit war ja dass man nackend stehen blieb man nahm ja auch das ab   was man mit hatte das Täschchen und was man am Körper hatte so dass äh dass man eigentlich irritiert

[3:34:38] wurde also irgendwie annehmen sollte man kommt auf irgendeinen Platz also wo man noch die paar Sachen gebrauchen könnte und äh meine Pflegemutter die passte nur auf dass wir uns anziehen und sie und ihr Mann auch und dann nahm sie das Täschchen (___) täschchen

[3:35:01] und dann gingen wir die aus dem Haus und da will ich dazu sagen   das sind alles Dinge die ein Mensch sich überhaupt nicht vorstellen kann und das was mich manchmal w- erschüttert äh wenn ich mich in Situationen versetze damalige Situationen in heutiger

[3:35:26] Zeit wenn ich denke mir Gott behüte man holt mich morgen hier heraus hier aus diesem Heim   was man sich so alles angeschafft hat im Leben worauf man aufgepasst hat was wirklich schon dreißig Jahre existiert also wie ich Euch so gesagt habe und gepflegt und

[3:35:44] gehegt und geliebt hat und jede Sache jedes Buch jedes Bild jede je- äh   also ich meine äh jede Platte   Musikplatte und man nimmt seine Kinder und man geht ahnungslos aus seinem Heim raus in eine Welt   die man sich dann herausgestellt hat grausam war   also

[3:36:12] grausam und da- und das das dann das Ende das Ende des Lebens war   das kann man das kann man sich nicht vorstellen ich denke immer ich sage immer wenn ein Mensch ermordet wurde wird kommt er ins Gefängnis lebenslänglich   oder er verbricht was kann er sch-

[3:36:35] äh   jahrelang im Gefängnis sitzen   und hier   in diesem Fall sind Millionen rausgeholt worden aus ihren Häusern ermordet worden   und nach dem Krieg äh sind diese Leute ich meine nicht alle Leute äh haben jüdische Menschen ermordet   äh aber [betont:]

[3:37:06] die Leute die dafür zuständig waren wirklich zuständig waren denen ist gar nichts passiert die sind nach nach Argentinien weitergekommen die sind äh äh noch raus aus Deutschland oder sie haben in Deutschland gelebt und sind sogar im Gericht gesessen und

[3:37:22] haben weiter ihre Arbeit getan das sind Dinge die ich nach dem Krieg nicht verstehen konnte als junges ich war ich bin befreit worden da war ich vierzehneinhalb mit 15 16 17 ich bin ja erst ins Land hier her gekommen mit 18 Jahren hier habe ich meinen 18ten

[3:37:41] Geburtstag gefeiert also es war mir unbegreiflich [Schnitt]

Daniel Baranowski

[3:37:48] also ähm Frau Steinitz ich wollte ausgehend von dem was Sie gerade erzählt haben und dieser Angst ähm   von einem Moment auf den anderen alles zu verlieren was man hatte ähm was einem lieb war ich wollte Sie fragen ähm wie das heute ist ob Sie heute und

[3:38:10] Sie leben jetzt lange in Israel ob Sie ob diese Angst immer noch da ist dass das passieren kann alles was man hat zu verlieren

Regina Steinitz

[3:38:17] die ist immer da   das kei- das hat nichts mit Israel zu tun   das ist mi- hat nur mit der Vergangenheit zu tun weil die Vergangenheit für mich Wirklichkeit ist also ich meine äh ähm zum Beispiel ich kann Ihnen ein anderes Beispiel geben jetzt wenn wenn ich

[3:38:37] hier mit erlebe äh dass da äh da äh identifiziere ich mich sehr mit den Menschen wenn zum Beispiel ein ein äh Erdbeben ist oder was jetzt in Japan passiert ist ich finde das furchtbar ich empfinde mit den Menschen   genau was die überleben denn was sie

[3:39:00] verloren haben kriegen sie niemals mehr wieder zurück der Moment dass sie da äh ähm ihr verlieren ja auch ihre ihre Lieben ich mein manchmal kommen ja auch ihre Kinder oder der Mann um der äh bei einem Erdbeben oder was in der Türkei war also   äh diese

[3:39:19] Ängste die wir haben hatten [seufzt] gehen niemals weg die haben wir immer in uns und ähm   es gibt Zeiten wo ich sie einfach nicht beherrsch- äh beherrschen äh konnte und das werde ich noch erzählen ich komme jetzt darauf aber zum Beispiel dass ich weiß

[3:39:47] nicht ob ich das jetzt sagen sollte also ich meine äh in Berlin die das letzte Mal da war es mir zu viel   und da ist eben d- und das ist sogar   physisch zum Ausdruck gekommen also also es hat meinen ganzen äh meinen ganzen Körper und Seele mit mitgenommen  

[3:40:08] also und äh   da habe ich zu meinem Mann gesagt »und jetzt ist Schluss !   denn ich möchte nicht mit dem Leben bezahlen« aber im Allgemeinen im Leben äh will ich jetzt dazu geben haben wir versucht und alle Überlebenden ich kenne das von allen Überlebenden  

[3:40:35] ähm manche haben seelische Hilfe bekommen wie ich hatte Glück   aber die auch keine bekamen äh manche tun dann ablenken das Ablenkungsmanöver nenne ich das oder mein Mann sagt immer wenn einer von dem anderen in irgendeine Depression kommt wegen irgend

[3:41:05] Gedanken wir sagen immer »die Gedanken sind frei«   »was hast du Regina ?« sag ich »die Gedanken sind frei« er soll wissen ich muss jetzt alleine damit fertig werden oder umgekehrt äh wenn man gerade reden möchte darüber dann redet man wenn man nicht

[3:41:23] reden möchte dann dann dann äh äh tut man etwas um sich selbst zu retten und das tun wir das ganze Leben und auch die anderen Überlebenden die ich kenne meine Freundinnen und so weiter bei mir zum Beispiel und bei Zwi die Arbeit wir hatten hochinteressante

[3:41:42] Arbeit wir beide   äh ausgefüllt unser ganzes Leben und viel gelernt dabei   äh meine Arbeit war eine humanistische Arbeit als Krankenschwester und ich hab mit vielen ich war Oberschwester in einer Kinderabteilung so hab ich viel Kindern helfen können und

[3:42:08] ihren Eltern und äh das hat mich vollkommen abgelenkt da hatte ich keine Ängste   [betont:] überhaupt keine Ängste da hatte ich nur Glücksgefühle das ist kaum zu glauben m- m- ich mein Mann hat mir immer gesagt »dir muss man noch du brauchst kein Gehalt

[3:42:27] dir muss man du musst denen bezahlen dafür das du zur Arbeit gehen kannst« [lacht] ja so war das also ich habe 45 Jahre in meinem Beruf gearbeitet in vielen äh und viele Ämter ausgefüllt   und viel Möglichkeiten gehabt äh meine Ideen äh zu meinen Zugang

[3:42:50] zu meinem Beruf äh zu erfüllen und auch andere ar- andere zu belehren ich war acht Jahre Lehrerin in einer Schwesternschule äh dazu hat man mich ausgesucht also ich ha-   ich an sich hatte glückliche Momente in meinem Leben durch meine Arbeit und der Zwi

[3:43:15] auch wir haben geholfen äh Dinge zu entwickeln hier im Land äh für das Bestehen dieses Landes auch und vor allen Dingen äh äh der Zwi in der Landwirtschaft und ich im Gesundheitsministerium also äh zwei wichtige äh Sektoren in der Entwicklung eines

[3:43:46] Landes und das haben wir sehr gut gemacht und da kamen die Ängste nicht aber ich will Ihnen sagen äh   so wie ich darüber spreche oder so wie ich äh damit mich beschäftige wieder äh und das tut man ja viel wenn man alt wird ist das ja äh sehr viel weil

[3:44:07] man auch gebrechlicher wird also man körperlich und so weiter dann ist man viel in der Vergangenheit   und das ist gar nicht gesund das ist äh das ist wirklich eine schwere Zeit das älter werden von den Überlebenden für äh ich denke auch für jemand der

[3:44:30] ähm in der Kindheit viel überlebt hat ah wollen wir sagen nicht durch Hitler sondern äh es gibt immer äh andere ich habe andere schwere Schicksale ich hab -s mit meinen äh Patienten sagt man also Leute die ich gepflegt habe und gehört habe die sich ausgesprochen

[3:44:52] haben bei mir genug Geschichten gehört die nicht mit Hitler zu tun hatten und nicht mit dem Nazismus und auch als Kinder überleben -leben mussten also   die Leute haben es bestimmt auch schwer wenn sie alt werden weil das Dinge die traumatisch sind [hustet]

[3:45:11] begleiten die Menschen [trinkt; hustet]   mein Gott [hustet]   und werden auch nicht geheilt durch eine Psychotherapie [Schnitt]

[3:45:33]   ja wo waren wir stehen geblieben warte mal   ja als wir haben wir wir gingen die Treppen runter   also konnten uns kaum bewegen

[3:45:49] so viel hatten wir an- -gezogen und als wir auf die Straße kamen   das ist eine Geschichte da ist standen eine ganz lange Reihe [gestikuliert]   lange Reihe mit vier oder fünf oder sechs Reihen Menschen ge-   die ging   also nach vorne und   wir äh sch- kamen

[3:46:23] runter von den Häusern wir waren nicht die einzigen   alle jüdischen Menschen und stellten uns dann an in diese Reihe die aus vier Reihen oder fünf Reihen war also die hat die ganze äh Straße in Anspruch genommen die ganze Dragonerstraße müsst ihr mal

[3:46:43] abmessen dort die steht ja noch die ist ja da wie viel Reihen da hingehen und an der Seite war die SS und äh ich weiß nicht ob Polizei also bewaffnete Leute und dann gingen wir Schritt für Schritt weiter und immer wieder holte man die Leute ab aus den Häusern

[3:47:08] dann blieb man stehen man brachte die Neuen runter und man ging weiter und das ging die ganze Dragonerstraße nach unten   [seufzt]   also von rechts von links kommste auf -n Alexanderplatz und von rechts kommste zum Rosenthaler Platz   ja ? und äh und dann äh

[3:47:32] wie heißt der Bahnhof der da ist ? da sind wir ja auch vorbei an der Bahnhof ? am an der Rosenthaler Straße oben   wo das Weidt-Museum ist da   sind wir vorbei

Daniel Baranowski

[3:47:46] [gleichzeitig:] das was Museum ?

Regina Steinitz

[3:47:49] Weidt von Otto Weidt-Museum

Daniel Baranowski

[3:47:51] [gleichzeitig:] ach so Hackescher Markt

Barbara Kurowska

[3:47:53] [gleichzeitig:] Hackescher Markt

Regina Steinitz

[3:47:55] Hackescher Markt oh ! und da alles vorbei in die Oranienburger Straße rein und dann rechts rein und dann sind wir [räuspert sich] aufgenommen worden da alle rein marschiert in die äh das Gestapo-Amt also die das hat sich Sammellager damals genannt in die

[3:48:12] Oranienburger Straße und die Sylvia erinnert sich dass sie sogar in der Schule dass sie die Jüdische Schule die heute noch äh existiert und in der sie zur Schule ging ähm war die deu- war eine Jüdische Mittel- äh -schule die äh da also das wurde alles

[3:48:35] vollgefüllt mit Menschen also   äh wir wir kamen dort rein und äh in die Zimmer die leer waren und man setzte uns alle also alle auf den Fußboden   es gab keine Stühle oder Schlafmöglichkeit gar nichts wir waren alle auf dem Fußboden   und äh wenn das

[3:48:58] Zimmer voll war dann also in den anderen Zimmern die Leutchen die in dieses ist ein altes jüdisches Altersheim gewesen in der Großen Hamburger Straße ich hab hier noch ein Bild von d- äh von dem Haus also wie es aussah und hinte- hinter dem Haus lag ein

[3:49:24] alter jüdischer äh äh Friedhof in dem äh Mendelssohn begraben ist das einzige Grab das heute dort noch steht und äh   diese alten Leute hat man bevor man das als Sammellager äh zurecht gemacht hat die hat man alle nach Theresienstadt ab- -transportiert

[3:49:49] und dann das Haus mit Gittern woran ich mich erinnere es waren Gitter Gittern an den Fenstern und äh als also richtiges Gefängnis geworden also da konnte niemand heraus nur herein   und äh   und die Leute lagen auf dem Fußboden man bekam dann interessanterweise

[3:50:17] äh Zettelchen wo man hinkommt also od- die Leute wurden also nummeriert wo sie äh abtransportiert werden   nach Auschwitz nach Theresienstadt nach (_) die Leute haben gar nicht gewusst was das überhaupt ist kannten ja die Leu- Plätze nicht vielleicht haben

[3:50:42] die Erwachsenen gewusst ich weiß nicht auf jeden Fall dort sammelten sich hunderte Menschen die abgeholt worden sind und dann eines Tages wurden sie auf Autos nach die nach -m Bahnhof gebracht und von dort abtransportiert   [räuspert sich]   und äh in -n

[3:51:08] paar Tagen waren sie tot das das ist nicht zu glauben aber so so hat das stattgefunden und äh wir waren jetzt da drin   ich will noch eine Sache erzählen dass meine Mutter hatte ja Geschwister meine Mutter ist äh hab ich ja schon erzählt ist als Christin

[3:51:30] geboren und zum Judentum übergegangen durch die erste Ehe und aber ich hatte eine Oma und ich hatte Tanten und Onkels die Christen waren aber wir durften die nicht besuchen darüber weiß ich nicht hab ich im Kinderheim noch glaube ich nicht gesprochen ist

[3:51:47] mir eingefallen wir durften am Schabbat unsere Verwandten besuchen gehen aber da meine Verwandten eigentlich Christen waren konnten wir die nicht besuchen gehen mit dem Judenstern und da gab es ja ich hab erzählt eine Familie eine jüdische F-   ein Freund

[3:52:04] von meinem Vater der auch nach Lodz ist dann abtransportiert worden mit seiner Frau   auch umgekommen   seinen Bruder habe ich hier im Land getroffen das habe ich glaube ich erzählt äh zu diesen seinen Eltern sind wir gegangen am Schabbat und haben Kaffee

[3:52:23] getrunken und die hatte noch -n Kuchen gebacken die sind auch alle äh abtransportiert worden also zu meinen Verwandten meiner Oma konnten wir nicht gehen oder zu meinen Tanten und die konnten auch nicht zu uns kommen weil sie brachten sich in Gefahr äh  

[3:52:46] also wir lagen dort alle auf diesem Fußboden und die Leute waren eigentlich äh un- waren mit Babys mit Kleinkindern und ge- größeren Kindern und alte Leute und äh   verschiedenen Alters und die haben eigentlich gar nicht äh im ersten Moment begriffen

[3:53:06] was ihnen eigentlich geschieht dass es keinen Tisch gibt keinen Stuhl gibt und eine Toilette   für alle und äh diese sanitären Zustände und äh von Essen ist schon gar nicht die Rede also es war es war gleich schockartig äh grausam also man hat gef- man

[3:53:34] hat gemerkt man ist jetzt gefangen man ist kein freier Mensch mehr man äh man wusste ja noch nicht was einem bevorsteht also   äh Leute haben natürlich geweint Leute waren aufgeregt Kinder haben geschrien wollten äh essen und schlafen und und so weiter

[3:53:56] also es es war ein ziemlich äh durcheinander tohuwawohu sagten wir Hebräisch   und äh in dieser Situation lagen wir da alle aber wir hatten noch Herrn Schier und Frau Schier mit uns und da waren wir auch noch beruhigt dass wir mit Erwachsenen waren dass

[3:54:20] wir zu jemanden gehörten die Leute die da waren kannten wir gar nicht meine Schwester und ich es waren alle jüdische Leute ich weiß nicht woher sie alle kamen aber wir wir kannten sie nicht und wir sind da ungefähr glaube ich zwei Tage d- da auf diesem

[3:54:39] Fußboden gelegen und da kamen kam einer von diesen SS   Gestapo-Beamten   und der sagte suchte die Familie Schier und äh also mein Pflegevater meine Pflegemutter die wurden wieder freigelassen weil mein Pflegevater noch in der Iranischen Straße in d- im Spital

[3:55:03] gebraucht wurde da gab es jüdische Leute die hatten -ne rote Binde die waren äh wichtig für noch zu helfen irgend- äh weiß ich was zu machen Arbeiter- -sachen also de- die wurden freigelassen und wir beide lagen dort auf dem Fußboden jetzt ohne Eltern

[3:55:23] ohne irgendjemand ohne alleine zwischen ganz fremden Menschen und wir äh weinten bitterlich und das kann ich nicht vergessen [räuspert sich] diese Leute standen auf vom Fußboden und kamen zu uns und rings um uns herum und sagten uns dass sie äh wir sollen

[3:55:48] nicht traurig sein wir sollen nicht weinen wir sind nicht allein sie werden mit uns sein sie werden für uns sorgen äh was sie haben werden werden wir auch haben äh äh bekommen und äh wir sollen äh nicht denken dass wir sind jetzt allein gelassen und

[3:56:09] so hi- fi- meine Schwester und ich hörten langsam auf zu weinen und beruhigten uns aber trotz alledem das war wirklich äh äh   wenn ich mich heute erinnere dass   ihr müsst verstehen wir wurden immer allein gelassen also erst hat mein Vater uns verlassen  

[3:56:32] und dann ging mein großer Bruder und dann starb meine Mutter vor m- unseren Augen die kr- kran- so schwer krank war dass ich darüber sehr wenig gesprochen habe aber das war war -ne furchtbare Situation meine Mutter konnte konnte schon nicht mehr äh auf

[3:56:56] die Toilette gehen und mein Bruder half ihr auf -s Töpfchen setzen und ich kann eine Sache nicht vergessen dass sie wir kamen durch das Schlafzimmer ihres und sie saß auf dem Töpfchen und und meine Schwester und ich lachten das kam uns so komisch vor und

[3:57:13] sie hat so [gestikuliert] den Finger gehoben   äh und der Finger war nur noch Knochen weißt du so -ne richtig schwer kranke Frau und dieses Bild habe ich nicht vergessen das hat mich verfolgt also ich glaube nur mit der Psychotherapie bin ich das los geworden

[3:57:32] dass ich eigentlich ein Kind war und ha- musste mich nicht beschuldigen ich hab nicht meine Mutter ausgelacht das dass das eigentlich wir waren alt acht   Jahre alt und aber mein Bruder der nach Auschwitz kam der hat meine Mutter sehr gepflegt also das   also

[3:57:53] dieser meine Mutter starb wirklich furchtbar zu Hause ohne Hilfe und und und ist dann erstickt vor unseren Augen und mit dem allen musste man leben und dann kamen wir ins Jüdische Kinderheim und dann wurden die auch alle genommen ja und mein Bruder ging noch

[3:58:08] auf Hachschara der ist ja dann nach Auschwitz den haben wir dann auch noch verloren dann alle Erzieher alle die Lehrer die Schulen wurden geschlossen alle Freundinnen alles wurde uns weggerissen und jetzt kommen wir in dieses Große Hamburger Straße und die

[3:58:25] Frau Schier und Herr Schier wurden ähm   frei gelassen und die wussten auch nicht warum und weshalb und wieso und und wir blieben alleine zwischen ganz fremden Menschen und äh also es es es war für uns äh   sehr traumatisch  

[3:58:48] aber wir haben uns beruhigt und

[3:58:53] wir haben mit den Leuten dort äh noch einige Tage zusammen gelebt und eines Tages ganz plötzlich kam Herr Schier und Frau Schier zurück   ich weiß noch nicht mal lange wie lange wir da waren in dieser in dieser Großen Hamburger Straße aber die Leute waren

[3:59:13] -ne Woche zehn Tage bis sich das Haus gefüllt hat bis man eine eine Eisenbahn füllen konnte zum Transport nach Auschwitz oder Riga weißt du da hunderte also tausende Menschen hat man da rein gepfercht in dieses Große Hamburger Straße ich habe äh eigentlich

[3:59:31] nur die Leute ge- gesehen und war mit denen in mit denen ich in einem Zimmer war und plötzlich kam Frau die Familie Schier was haben wir uns gefreut was war passiert ?   er wurde zurück gerufen zur Arbeit in die Große Ha- äh in die Iranische Straße von

[3:59:53] der Dra- äh das musste er ja zu Fuß laufen von der Dragonerstraße zur Iranischen Straße und immer mit dem Judenstern und unterwegs wurde er drei vier Mal angehalten von Spitzel von den von der Gestapo die immer noch Juden suchten und wissen wollten warum

[4:00:14] die noch frei rumlaufen ja es war ja schon Anfang 43 und äh   daraufhin äh i- äh er konnte das nicht mehr aushalten das ging so einige Tage auch auf -m Rückweg auf -m Hinweg dass hat er zu seiner Frau gesagt »das ist ja   das ist äh äh Quatsch wir wir

[4:00:39] gehen uns freiwillig melden« weil sie uns auch gelassen hatten dort und weil er gesagt hat »sowieso werden die uns morgen oder übermorgen wieder abholen« und so haben die sich freiwillig gemeldet in der Großen Hamburger Straße und sind bei uns eingetroffen

[4:00:56] und haben uns das erzählt   also das dass dass äh äh dass eine Qual war   für ihn also   sie wären natürlich abgeholt worden ist ja ganz klar sie wären ja nicht geblieben also niemand ist ja geblieben aber ihn hat man noch gelassen weil man ihn eben noch

[4:01:18] brauchte für irgendwas und die in der Großen Hamburger Straße haben die rein gelassen wir waren nicht die einzigen die da sich gemeldet hat wenn jemand gewusst hat man hat seine Mutter abgeholt zum Beispiel Kinder erwachsene Kinder   die Mutter abgeholt

[4:01:35] wollten sie mit der Mutter zusammen sein oder wenn die Mutter gewusst hat die Kinder sind abgeholt worden hat sie sich freiwillig gemeldet und die haben die Tür aufgemacht haben sie rein gelassen die haben ja sowieso gewusst wo die Leute hinkommen also n-

[4:01:51] nur nur das begreifbar zu machen mit welcher Ironie mit welcher äh äh   mit welcher großen Lüge das alles stattfand   die Leute waren a- naiv wer konnte all das glauben wer wer wer hat überhaupt die Fantasie an Dinge zu glauben die dam- nachher geschahen  

[4:02:26] also ich glaube d- d- mich fragt man heute wenn ich nach Deutschland komme wenn ich in den Schulen spreche ähm fragt man mich äh »ja sagen Sie mal Frau Steinitz wie ist wie konnte das passieren ?« junge Menschen sag ich »du fragst mich ich weiß nicht

[4:02:45] wi- wie so was passieren konnte« wer kann denn dafür eine Erklärung geben ? ich war dabei und konnte das nicht erklären und Leute die in Auschwitz waren konnten das nicht erklären und bestimmt nicht die Leute die in die Gaskammern kam- kamen konnten das

[4:03:00] bis zum letzten Moment überhaupt begreifen ja wo sie da hin kommen und also es ist äh es ist eine unbegreifliche Angelegenheit dass   sch- in der menschlichen Geschichte geschehen ist   also wir waren jetzt glücklich   die Familie Schier war mit uns zusammen

[4:03:27] na dann haben wir gedacht wir kommen in ein alle in ein Ghetto äh werden wir da wir haben die Frau Schier und den Herrn Schier   zurück bekommen

Barbara Kurowska

[4:03:37] könnten Sie vielleicht kurz etwas über Ihre Beziehung zu dem Ehepaar Schier sagen ähm was was waren das für Menschen und hatten Sie eine gute Beziehung zu ihnen oder ?

Regina Steinitz

[4:03:46] ja also äh äh die Beziehungen sind natürlich ambivalent ähm ich hatte äh fantastische Beziehungen zu meinen Lehrern und Erziehern   ähm   mit der Familie Schier äh äh ka- kam es nicht dazu weil die die die Zeit wurde enger es w- Ängste wurden stärker

[4:04:17] die Familie Schier selbst äh erzählte uns nicht alles was sie und ihr Mann dachten das wurde dort bestimmt im Schlafzimmer besprochen also ähm was uns Erwachsene haben bestimmt mehr verstanden was Ihnen vielleicht bevorstand oder aber das das wa- wissen

[4:04:40] wir auch nicht äh äh ich meine sie konnten nicht nicht alles annehmen die ähm   ich habe diese Leute respektiert aber nicht geliebt der Mann war ein sehr ruhiger Mensch ähm ich finde wenn ich mich erinnere an ihn ein sehr netter Mensch sie war eine ziemlich

[4:05:05] äh energetische und äh Persönlichkeit also sie sorgte da für die Ordnung und für das Essen und für die Arbeit für uns die wir für sie ausführten zu Hause trotzdem sie den ganzen Tag zu Hause war mit mir ja bei der Arbeit war aber es waren Dinge die

[4:05:26] die uns nicht gefielen aber äh ohne diese Menschen hätten wir nicht noch ein ganzes Jahr gelebt   wir hatten immer jemanden müssen für unsere Existenz danke schön sagen und in unserer zwar kindlichen Seele aber erwachsenen kindlichen Seele wussten wir

[4:05:53] das also ich äh ich kann euch sagen ähm   ich wusste ja nicht wo die anderen hingekommen sind und ich wusste ja auch nicht wo wir jetzt hinkommen wo wir da in der Großen Hamburger Straße sind aber wollen wir sagen das Verhältnis war ähm gegenseitiger

[4:06:20] Respekt äh sie hat verlangt was man von zwölfjährigen Kindern verlangen [betont:] könnte ja ? und wir haben äh respektiert und gemacht was sie uns angeordnet hat und gesagt hat   und äh ihr Mann war nicht zu Hause der kam erst Nachmittags   und wir waren

[4:06:44] todmüde da wurde dann früh das Bett aufgestellt dieses große Eisenbett doppelte Eisenbett da haben wir drin geschlafen weil wir ja den ganzen Tag von früh bis abends eigentlich gearbeitet haben die Ruth und ich wa- äh äh es gab kein Spiel mehr oder auch

[4:07:03] kein Buch lesen mehr all das war schon nicht mehr vorhanden also wir waren erschöpft   und das war das Verhältnis aber als sie dann uns weggenommen wurden   da war doch das Gefühl der Sicherheit als Kind weg sie waren die Bezugspersonen für uns die uns irgendwie

[4:07:31] doch einen Halt gaben und für uns sorgten äh also äh da fehlten sie uns da waren wir natürlich entsetzt als sie dann äh weg waren und sehr erfreut als sie wieder erschienen und sie waren auch erfreut sie haben so- sowieso gewusst sie können da nicht

[4:07:54] länger irgendwo bleiben und jetzt sind sie waren sie vielleicht erlöst stell ich mir vor sie waren erlöst dass sie zurück gegangen sind und uns vorgefunden haben uns   ja also sie sind in das gleiche Zimmer noch rein gekommen ob Platz war oder nicht Platz

[4:08:13] war also   w- irgendwie äh könnte man sagen ist es äh war jeder dem anderen gegenüber äh bewusst dass er den anderen brauchte oder hatte sie hatten Verantwortung wir haben zwei Kinder übernommen sie hatten die Verantwortung und wir hatten plötzlich äh

[4:08:45] zwei erwachsene Pflegeeltern die Pflegeeltern waren für uns wo wir geschlafen und gegessen haben die Tür aufmachen konnten ein Zuhause hatten und nicht im Auerbach'schen Waisenhaus waren was ja eigentlich Quatsch war wie sich herausgestellt hat aber da-

[4:09:04] damals wusste ich das ja noch nicht so und dann waren wir noch ein paar Tage da und dann kam etwas ganz Überraschendes und zwar [trinkt]

[4:09:19]   schon ein paar Tage früher kam ein junges Mädel mit ihren Eltern dort auch rein in die Große Hamburger Straße

[4:09:32] sie hieß Inge Lewy sie lebt noch bis heute sie lebt in Deutschland   und die war eine Schulkameradin von uns aber die hat auch in der Jüdischen Gemeinde gearbeitet äh diese Zwangsarbeit die hat dort irgendwo beim Kochen geholfen   und die kam mit ihren Eltern

[4:09:54] in dieses äh in die Große Hamburger Straße die sind auch abgeholt worden und äh na da waren wir natürlich glücklich wir haben eine Freundin we- wiedergefunden aber die wurde nach zwei Tagen entlassen ihr Vater scheinbar auch wegen diesem auch so so ein

[4:10:16] Grund dass er noch was ausfüllen sollte und da hat meine Schwester wovon ich nicht ich hab zum Beispiel meiner Schwester nicht erzählt dass ich zu der Frau Doktor äh na wie hieß sie ? Silbermann ging äh sie hat nämlich erzählt sie hat ein Briefchen geschickt

[4:10:37] an meine Großmutter und geschrieben ja also »liebe Oma wir sind abgeholt worden   wir gehen auf Transport« das wusste man man geht auf -n Transport das hat haben sie gesagt »wir schreiben euch von dort«   und äh also »alles Gute und auf Wiedersehen Ruth

[4:11:01] und Ginchen« und diesen Brief hat die Inge Lewy abgeliefert bei meiner Oma   ich persönlich hab überhaupt nichts davon gewusst und meine Schwester wusste auch nicht ob sie gegangen ist weil sie hatte ja den Judenstern und das waren auch Christen und sie

[4:11:26] hat sich ja auch in Gefahr gebracht wenn sie diesen Brief äh (_) und sie sollt- hätte vielleicht den Brief in den Briefkasten werfen sollen oder irgend so etwas   aber es kam anders und werde jetzt euch sagen plötzlich wir sitzen also die Inge Lewy hatte

[4:11:46] verlassen ich wusste von dem Brief nichts und plötzlich wir waren noch alle da auf dem Fußboden und die Frau Schier und Herr Schier waren gerade zwei Tage mit uns und da rief man Ruth und Regina Anders   und das ist natürlich ein großer Schreck gewesen

[4:12:07] in ins Büro und dann kam ein einer äh von der Gestapo und der nahm uns dann in das Büro also wir standen auf wir haben einfach k- kaum also wir wussten nicht dass wir uns verabschieden müssen dass wir jetzt niemals mehr wieder in dieses Zimmer zurück

[4:12:27] kommen wussten wir ja nicht und die wussten auch nicht warum wir ins Büro gerufen werden und wir haben uns zu Tode erschrocken was ruft wenn man jemand ruft äh das ist immer ein sch- äh eine gute Sache ist das nicht und äh daraufhin hat äh sind wir dann

[4:12:48] durch mit diesem Gestapo-Mann in das Büro gekommen und das äh das war kein großes Büro und in der Mitte vom Büro stand mein Onkel Robert   [zeigt Foto] da ist er   da-

Daniel Baranowski

[4:13:18] [gleichzeitig:] sagen Sie kurz mi- mit Ihnen und Ihrer Schwester

Regina Steinitz

[4:13:20] ja das der ist hier mit mir und meiner Schwester wir sind gerade nach -m Bad und man hatte uns in ein Bett gelegt und mein Onkel Robert liebte uns abgöttisch auch als wir kleine Kinder waren und saß neben uns   die Püppchen also auf jeden Fall mein Onkel

[4:13:40] Robert steht mitten dort im Zimmer großer stattlicher Mann war er wir sprangen auf ihn zu und umarmten ihn und er hielt uns fest und wir sagten »Onkel Robert was was machst du denn hier ?« und da sagt mein Onkel Robert und gab uns ein Zeichen »Sie sehen

[4:14:01] das sind meine Nichten sie heißen Ruth und Regina Anders und ich bin Robert Anders die kennen ihren Vater überhaupt nicht« gab uns ein Zeichen   und äh »Sie sehen das sind meine Nichten und hier liegt ein Irrtum vor die sind abgeholt worden äh aber da

[4:14:26] da   sie sind äh   ein Irrtum« und die Gestapo stellten sich zusammen wir waren drei Menschen ungefähr da drin diese Männer und die besprachen die Sache und mein und wir ha- hingen immer noch an meinem Onkel Robert der hielt uns immer noch fest   also nach

[4:14:53] hin und her und hin und her und Schluss oder was haben sie beschlossen uns frei zu lassen   und äh das war für sie äh äh das habe ich nachher erfahren weil ich viel äh dass wenn äh bei denen wenn der Vater Jude war dann waren die Kinder äh Mischlinge

[4:15:20] äh ersten Grades und wenn die wenn der Vater Christ war waren sie zweites Grades also d- die wurden dann äh für für für -s Christliche mehr angesehen also war weniger gefährlich das alles i- ganz idiotisch weil ich habe hier Beispiele dass die Mischlinge

[4:15:40] auch äh mit christlichen Vätern und so weiter ähm ich hab eine Freundin die Marlenchen der Vater war ein Christ die Mutter ist in Ravensbrück umgekommen und die Kinder hat man in der Iranischen Straße gehalten und gar nicht in Kontakt bringen lassen mit

[4:15:58] ihrem Vater also äh na ja drei Kinder aber jedenfalls ähm ähm für sie war das äh war diese Sache wichtig herauszukriegen ob mein Vater ein Christ oder ein Jude war und weil ich den Mädchennamen meiner Mutter hatte weil meine Eltern ja nicht heiraten

[4:16:18] konnten d- äh und äh die auch nicht äh anerkannt hatten die Nazis dass wenn ein Mensch zum Judentum übertritt aber ich habe hier Ausweise von meiner Mutter dass sie uns staatenlos gemacht haben und meiner Mutter den Namen Sara gegeben haben also es war

[4:16:42] irgendwie äh äh gar nicht so richtig klar was sie bei wem und wie es war es ist äh irgendwie äh eine Glückssache auf jeden Fall gewesen   und ähm die haben beschlossen uns frei zu lassen und die haben uns gesagt dass sie werden das weiter forschen danach

[4:17:08] fa- forschen ob mein Vater ein Jude oder ein Christ war   und äh   das war die äh zweite Rettung meines unseres Lebens mein Vater ist nach Amerika gekommen weil er weil sie nicht verheiratet waren uns nicht angeben brauchte also er hat nicht angegeben er hat

[4:17:30] eine Familie er ist ein äh ein äh ein äh Junggeselle   äh dadurch ist er raus gekommen nach Amerika im letzten Moment also sonst wenn er -ne Familie hätte mit vier Kindern war das äh war das ungläublich und wir haben auch Papiere gehabt aber wir sind

[4:17:49] ja nun nicht mehr raus gekommen die hat mein Onkel uns separat geschickt aber hier hat uns der Name meiner Mutter uns wieder das Leben gerettet und äh denn wenn wir den Namen hä- gehabt hätten von meinem Vater Welner dann äh hätte nichts geholfen also

[4:18:11] ich meine der Vater war Schimon Welner also hätte nichts geholfen aber äh so wars wir wurden frei gelassen und sie sagten nur zu meinem Onkel »wenn Sie nach unten kommen äh draußen nehmen Sie den Kindern den Judenstern ab« weil äh wir wussten dass die

[4:18:31] Spitzel herum- -spazieren das wusste ja mein Onkel nicht und sie äh ha- die gaben uns einen Brief dass wir sollen in einem Monat äh auf der äh uns melden auf der Burgstraße das war ein sehr berühmtes äh Gestapo-Gebäude in der Burgstraße sie haben mir

[4:18:53] ges- ich habe immer gedacht Burgstraße drei aber jetzt hat es sich rausgestellt Burgstraße zehn und äh ich war mit meiner Freundin Ruth die ich wollte das Haus werde ich euch jetzt bald erzählen und ähm da sollten wir uns dann in einem Monat melden sie

[4:19:13] werden suchen kontrollieren   und das war ganz einfach weil wir haben am Ende des Krieges gefunden meinen Vater wir wurden geboren in der Charité und mein Vater hat unterschrieben dass er unser Vater ist und für alles verantwortlich ist und das habe ich auch

[4:19:32] hier also äh die ha- ich hatte nur Glück dass die das nicht gefunden haben oder überhaupt nicht gesucht haben und jetzt ist eine äh äh ist der Punkt wir sind nicht mal zurück ins Zimmer gekommen den der Familie Schier auf Wiedersehen zu sagen oder den

[4:19:50] Leuten die uns so freundlich helfen wollten die wussten gar nicht wo wir verblieben sind also äh das ist auch eine Sache die immer äh an die ich immer denke wie furchtbar es ist und furchtbar es war dass du nicht frei warst ähm   zu handeln in menschlicher

[4:20:14] Art und Weise ich meine äh   also das war sehr traurig dass wir uns nicht von denen verabschieden konnten  

[4:20:24] und dann sind wir auf die Straße runter raus in die Große Hamburger Straße und unten stand meine Tante eine Mutter von meiner Schwester und mein Onkel

[4:20:36] sagt »wir gehen hier in das nächste Haus rein« und im nächsten Haus hat er uns den Judenstern abgemacht und dann sind sie mit uns zu meiner Tante nach Haus gegangen und dann wurden wir aufgeteilt meine Mu- meine Schwester blieb bei meiner Oma und ich blieb

[4:20:56] bei meiner Tante so wurden wir getrennt meine Schwester und ich das heißt äh meine Oma nahm meine Schwester auf die Ruth und mei- bei meiner Tante blieb ich und äh ähm da hab ich auch also [sucht in Unterlagen] wartet mal das   werde ich euch zeigen   da

[4:21:23] die das sind alle meine   hier meine Tante konnte uns nicht beide bei sich aufnehmen sie hatte alleine zwei Kinder

Daniel Baranowski

[4:21:38] ich wollte noch kurz fragen ähm können Sie sich daran erinnern ähm wie das für Sie war als er Ihnen den Stern abgenommen hat

Regina Steinitz

[4:21:46] [gleichzeitig:] ja

Daniel Baranowski

[4:21:49] hatte das äh hat das irgendwas gemacht mit Ihnen ?

Regina Steinitz

[4:21:51] ne gar nichts ich habe mich äh weiter gefährdet gefühlt ich äh ich habe daran äh gar nicht a- i- ich wusste nicht in dem Moment dass ich eigentlich gerettet bin weil in einem Monat haben sie uns ja wieder bestellt und wenn und über- übrigens bis Ende

[4:22:12] des Krieges waren wir nicht äh frei von diesen Ängsten und von der Gefahr ja also das ist schon äh [sucht in Unterlagen] ich hab es (__)   ich hab einen zwei-

Daniel Baranowski

[4:22:31] sollen wir nochmal eben unterbrechen bis Sie das gefunden haben ?

Regina Steinitz

[4:22:33] [gleichzeitig:] ja wenn Sie [Schnitt; zeigt Fotos] also das ist meine Tante die hieß Mathilde   eine Schwester von meiner Mutter bei der war ich   das heißt von 43 bis fünfund- 45 bis zur Befreiung nach der Befreiung bin ich dann weg auch noch später  

[4:22:57] das sind wir um die gleiche Zeit ungefähr ja   ach brauchen Sie noch ?

Daniel Hübner

[4:23:14] ne

Regina Steinitz

[4:23:17] ne ? gut also äh diese Tante Mathilde die Sie eben auf dem Bild gesehen haben und der Onkel Robert der s- m- ein äh meine Mutter war die Älteste er war der Jüngste war ein Lieblingsbruder von meiner Mutter und sie war auch seine Lieblingsschw- -schwester

[4:23:35] und äh   ja und wir waren seine geliebten Nichten also wir wurden von allen sehr verwöhnt und sehr geliebt von meiner Vaters Seite aus die Leute die in Hamburg wohnten die dann nach Amerika gingen Gott sei Dank und und von meiner Mutters Seite aus also äh

[4:23:58] äh   wir hatten Familie und wenn alles normal gegangen wäre im Leben wäre es ja ganz schön ausgekommen alles ja aber es ist nicht und wir wären jetzt sind jetzt aus der Gestapo raus   ja äh die haben uns den Judenstern herunter genommen ich hatte gar keine

[4:24:19] Gefühle ich wusste überhaupt nicht wie mir geschah ehrlich gesagt ähm ich hab das alles gar nicht richtig begriffen ich hab nur eine Sache begriffen dass ich meinen Onkel Robert wieder hatte und äh dass die Tante da unten stand und äh und dann haben wir

[4:24:41] langsam begriffen dass wir eigentlich äh das erste Mal denn wir wussten ja mit der Burgstraße hatten wir ja noch nichts zu tun äh aus dem Löwenkrater heraus waren also das begriffen wir ja eigentlich erst später wohin alle diese Leute kamen nach -m Krieg

[4:25:00] bis nach dem Krieg wusste ich nicht äh äh wo diese Leute hingekommen sind und äh was mit ihnen geschah aber äh wir waren weiter sehr beängstigt und äh vor dieser ähm Treffen in der Burgstraße und besonders äh meine Tante die äh die Aufgabe hatte

[4:25:30] mit uns dort hinzugehen an diesem diesem Datum und diese diese Stunde und äh das war natürlich äh äh ich muss das bed- sagen weil meine Tante wurde richtig wie man so auf gut Deutsch sagt ein Nervenbündel sie hatte äh wahnsinnige Ängste dass es herauskommt

[4:25:53] dass wir uns versprechen könnten weil wir unseren Vater ja abgöttisch liebten ich war sehr an meinen Vater gebunden und ich bin noch heute an ihn gebunden der ist schon tot und der ist ja Gott sei Dank alt geworden und ich hab ihn noch viel öfters wieder

[4:26:10] gesehen   aber äh wir waren Kinder sie hatte Angst dass wir irgendw- uns versprechen könnten wenn man uns aushorcht und äh   also sie ging dann ich mach es kürzer sie ging dann mit uns auf die Burgstraße an diesem diesem Tag und dieses Gebäude war eine

[4:26:34] Riesengebäude so wie ich mich erinner mit Eisentüren aber was aufregend war meine Schwester darauf auch äh äh sehr sehr beeindruckt und verängstigt wurde bis zum heutigen Tag dass man hat zum Beispiel die jüdischen äh U-Boote hat man die nennt man die

[4:26:59] heute in Deutschland die äh früher hat man sie nicht genannt also die Leute die untertauchten so nannten wir sie d- die man gefasst hatte die hat man also blau und grün geschlagen und in die Autos geschleppt und raus gezogen aus den Autos in die Burgstraße

[4:27:18] in den Keller runter also in das Gestapo-Gebäude und äh als wir da ankamen kamen auch einige Autos an mit solchen äh Häftlingen und wir haben nicht gewusst wer sie waren und warum die so verblutet sind und zerschlagen sind und so weiter das haben wir dann

[4:27:44] alles erst mal später erfahren und äh ähm herausbekommen aber ähm die wurden dann in die in das Haus geschleppt und meine Tante zeigte diesen Brief gab -nen Eingang dort wo und der sagte we- ich glaube es weiß nicht wievielten Stock zweiten Stock und

[4:28:08] da war sind wir dann die Treppen nach oben in ein ein zweites Stock und die anderen Leute die rein geschleppt wurden die sind woanders hingekommen aber wir waren sehr äh sehr äh be- beeindruckt von dem also äh erschrocken   wahnsinnig erschrocken und wir

[4:28:30] kamen da an und vor der Tür es war so ein kleiner kleiner äh äh kleiner Korridor war -ne Bank und äh meine Tante gab in diesem Zimmer da war -ne Nummer hat der Tür aufgemacht wurde äh diesen Brief ab und der las den Brief und äh er sagte nur zu meiner

[4:28:53] Tante »ja setzen Sie sich« also und und und hat u- uns alleine rein gerufen ins Zimmer mei- mir und meine Schwester und meine Tante hat uns einfach äh den Abend vorher also und uns nicht in Ruhe gelassen und gesagt was wir dürfen sagen was wir nicht unbedingt

[4:29:16] nicht sagen dass wir unseren Vater kennen und das Hochinteressante ist dass die ganze Rede war auch nur ob mein Vater ein Christ war oder ein Jude war weil es ist hochinteressant äh äh wir sind in eine jüdische Schule in jüdischen Kindergarten gegangen

[4:29:34] jüdisches äh äh Kinderheim gewesen all dem entsprechend waren wir jüdische Kinder sind wir jüdisch erzogen also ich wa- das hat die alles nicht interessiert die haben hin und her und hin und her gefragt ja ob wir unseren Vater nicht kennen und wer er

[4:29:56] war und und äh äh andere Fragen gestellt und wieder die Fragen gestellt und dann weiter und ähm äh meine Tante hatte uns äh auch eingetrichtert dieses Gebet »Vater unser der du bist im Himmel« weil sie hat gedacht di- wir müssen beweisen dass wir Christen

[4:30:17] sind also hat sie uns erklärt über über Weihnachten und über und dieses »Vaterunser« ja und äh sie ha- das haben sie auch wirklich äh äh gefragt ob wir wissen was Weihnachten ist und   und ich weiß nicht ob wir das »Vaterunser« gesagt haben also

[4:30:37] das äh ob wir das aufsagen mussten

Daniel Baranowski

[4:30:39] waren Sie zusammen in diesem Raum ?

Regina Steinitz

[4:30:41] [gleichzeitig:] mh ja mit meiner Schwester weil meine Tante haben die draußen sitzen

Daniel Baranowski

[4:30:44] [gleichzeitig:] ja aber mit Ihrer Schwester mhm

Regina Steinitz

[4:30:46] [gleichzeitig:] mit der ja wir zi- eins kann ich euch nur sagen wir zitterten am ganzen Leibe das könnt ihr nicht vorstellen eu- innerlich drehten sich uns die Eingeweide das könnt ihr Bauchkrämpfe hatte ich richtige Bauchkrämpfe äußerlich haben wir

[4:31:03] nichts gezeigt unglaublich wenn ich heute daran denke dass Mädchen von zwölf Jahren paar Monate ja ähm sich derartig beherrschen können und [betont:] so lügen können innerlich habe ich gefühlt ich verrate meinen Vater versteht ihr das dass ich meinen

[4:31:31] Vater verrate ich   dass ich ihm dass ich nicht sage dass er war ein Jude dass er war mein Vater dass er du verstehst dass dass ich ihn gekannt habe dass ich ihn geliebt habe dass ich es hat sich etwas in- innerlich in mir getan und auch in meiner Schwester

[4:31:53] äh   es ist kaum erklärbar es ist kaum erklärbar es ist mir heute nicht verständlich wie man äußerlich konnte eine Fassade zeigen   völlig ruhig bleiben wenn man innerlich körperlich physiologisch innerlich ganz aufgerührt ist   richtige G- Gedärm-

[4:32:23] und Magenkrämpfe hatte ich   und äh   also   das ging einige Minuten und dann gingen die beiden das war ein schmales Zimmer ich sehe das heute noch vor mir ein schmales Zimmer mit -em einem Fenster die gingen hinter in das Hinterzimmer äh hinteren Teil von

[4:32:48] dem Zimmer und besprachen sich weil das waren zwei junge Gestapo-Agenten   und wenn ich sage jung waren sie vielleicht dreißig höchstens keine alten keine alten Männer ja drei- zwischen dreißig und vierzig ungefähr   und die berateten sich was sollen wir

[4:33:10] jetzt machen und dann haben sie beschlossen äh und da war auch eine ich [gestikuliert] eine Diskussion der eine war mehr dafür dass man uns festhält hier in der Gestapo und der andere war mehr dafür dass man uns doch gehen lässt und dann fing die Argumentation

[4:33:33] an und das hab ich alles mitgekriegt ich weiß nur ich hab den Eindruck gehabt der eine war äh äh   äh eben für die eine Seite und der andere für die andere und dann haben sie entschlossen und dann sind sie zu ah auf uns zugekommen und äh haben die uns

[4:33:51] raus gelassen und haben meine Tante gerufen und haben ihr gesagt dass sie werden das noch weiter kontrollieren   also sie haben uns nicht frei gelassen sie haben gesagt dass sie haben noch nicht herausgefunden äh   wer mein Vater war und sie werden das weiter

[4:34:13] kontrollieren und dann sind wir wieder dort die Treppen herunter und aus dieses furchtbare Gebäude heraus und dann habe ich wirklich begriffen dass wir sind wieder mal aus so einem Löwenkrater raus und es äh aber   dass sie werden uns benachrichtigen und

[4:34:40] da werden sie herausbekommen wer mein Vater war und so sind wir dann mit meiner Tante nach Hause und wir waren natürlich äh sehr unsicher   und meine Tante   die war natürlich auch also furchtbar verängstigt ich habe nachher gehört nach -m Krieg nach Jahren

[4:35:08] dass sie hat äh auch anderen jüdischen Menschen geholfen Essen hingebracht in Verstecke von jüdischen Menschen d- die wollten sich bei ihr bedanken oder die Jüdische Gemeinde wollte sich bedanken und sie hat gesagt hä- hätte gesagt ich war nicht dabei

[4:35:25] dass sie äh dass nicht äh sie hat das nicht getan um einen Dank dafür zu bekommen also sie war schon äh eine sehr echauffierte Frau also sehr nervös und sehr äh  

[4:35:41] und das war eben ei- keine leichte Zeit aber ich sage   zwischen 43 und fünfund- 44 45 sind

[4:35:57] fingen dann diese starken Bombardements auf Berlin an Tag und Nacht waren Fliegeralarme und ich sage das Leben hat uns haben uns diese Fliegeralarme haben uns das Leben gerettet trotzdem sie uns treffen konnten also das ist ja Quatsch aber von der Gestapo

[4:36:16] denn eines Tages bekamen wir die Nachricht dass die Große äh Burgstraße die Burgstraße dieses Gestapo-Gebäude ist der ähm der ein Volltreffer rein und die ist vollkommen weg rasiert gewesen mit den Leuten die im Keller waren und auch mit der mit den

[4:36:39] Gestapo-Agenten der ganze Keller alles alles es war ein ein eine ein Riesenvolltreffer und dann sind wir ein bisschen ruhiger geworden trotzdem äh es dann die Iranische Straße gab die Große Hamburger gab -s nisch also nicht mehr die Burgstraße gab -s nicht

[4:37:02] mehr und dann gab es das hab ich überhaupt nicht gewusst äh wo ist diese Straße äh über den Gropius- äh -Museum da war auch ein Gestapo-Gebäude

Daniel Baranowski

[4:37:13] äh Niederkirchnerstraße

Regina Steinitz

[4:37:15] ja was war das für ein Gestapo-Gebäude da war

Daniel Baranowski

[4:37:18] das ist das Hauptquartier gewesen

Regina Steinitz

[4:37:20] aber da waren nur Büros und so weiter was war da hat man auch unten abge-

Daniel Baranowski

[4:37:23] [gleichzeitig:] mh ja

Regina Steinitz

[4:37:25] hat man auch abgeführt ?

Daniel Baranowski

[4:37:27] mhm

Regina Steinitz

[4:37:29] aber da war ich nicht drin da äh äh ich war nur in der Großen Hamburger und [betont:] nur nur und in der Burgstraße aber äh als ich jetzt jetzt war als der Film den ersten Preis bekam da nicht noch nicht den ersten Preis der erste Film äh hat äh den  

[4:37:50] polnisch-deutschen Film über Zwi sein Leben äh »Die blonde Provinz« da wu- ga- gab -s doch den äh vis-à-vis in dem Haus äh des des Terrors nennt sich das Haus   Haus des Terrors ?

Daniel Baranowski

[4:38:07] Topographie des Terrors

Regina Steinitz

[4:38:11] ja Topographie des Terrors da ist da hat dieser Film stattgefunden äh das erste mal nur eine Premiere und da waren wir eingeladen dazu da ist auch mein Sohn mitgekommen   und äh da vis-à-vis hat äh hab ich das Haus besucht unten und gesehen dass da war

[4:38:31] wirklich ein großes Gestapo-Gebäude von dem ich nichts wusste also   auf jeden Fall äh ich sage immer dass uns also die Bomben das Leben gerettet haben

Daniel Baranowski

[4:38:42] wo hat denn vielleicht haben Sie es vorhin schon gesagt wo hat denn Ihre Tante und Ihr Onkel gewohnt ?

Regina Steinitz

[4:38:47] meine Tante hat in der Linienstraße gewohnt   die ist nicht ausgebombt worden   und meine Oma hat in der Auguststraße gewohnt und die sind ausgebombt worden Phosphorbom- -bomben   also ähm   ehrlich gesagt haben wir uns bemüht die ganze Zeit im Hintergrund

[4:39:10] zu bleiben also äh nicht auf die Straße zu gehen denn wir wussten es gibt Spitzel   und zum Beispiel wenn äh Bombenangriffe waren bin ich nicht runter in den Keller bin immer oben äh ich weiß die Tante hat gewohnt vierten Stock glaube ich ähm geblieben

[4:39:33] oben weil man razziot gemacht hat und jüdische versteckte Leute [betont:] gerade bei den Bo- bei den Fliegeralarmen gefunden hat und ähm   wir konnten ja nicht wissen also ich meine du kannst ja nicht wissen in welche Hände du fällst zufälligerweise haben

[4:39:53] die uns zwei Mal frei gelassen aber das ist ja nicht gang und gäbe das äh muss nicht jeder tun also ähm und wir hatten Angst äh äh also das zu provokatieren provozieren ja und ähm also bin ich nicht zu- bei den Bombenangriffen runter gegangen weil mich

[4:40:18] hat jemand mal gefragt und ich hab -s auch im Buch geschrieben äh ob ich äh mehr Angst hatte vor den Bombenangriffen als vor der Gestapo vor wem ich mehr Angst hatte und da muss ich euch ehrlich sagen mehr vor der Gestapo und das hab ich auch gesagt ich

[4:40:33] habe keine Angst gehabt vor dem Fliegeralarm es war mir nicht wichtig tot zu sein wenn ich euch das sage ist das vielleicht etwas äh ähm etwas äh äh hört sich das sonderbar an aber äh eigentlich wollte ich oft tot sein anstelle lebendig und ich war auch

[4:40:55] einmal dabei vom Fenster raus zu springen und wurde zurück gehalten also es ist äh das Leben für mich von in dieser Zeit war eine ein grausames eine grausame Existenz das war äh diese Ängste vor geschnappt zu werden   waren so groß und auch die Situation

[4:41:27] in der ich war auch mit meiner Tante zusammen die auch Angst hatte dass man sie fassen könnte und dann wäre sie auch abgeholt worden und ins Lager gekommen und sie hatte zwei Kinder also ähm ich das waren das war nicht zwei Jahre das war anderthalb sch-

[4:41:55] waren anderthalb schwere schwere schreckliche Jahre   und äh   da kann man nicht alles so erzählen wie das so war denn äh da hat ma- ich hatte mal das ist auch ein Fall gewesen ich hatte so -ne Warze ist bei mir gewachsen kennt ihr das so ne Warze und

[4:42:25] da war eine Frau die sagte zu mir »wieso kommst du darauf da eine Warze zu haben ? das ist doch äh das ha- haben doch nur die Juden«   ja und das hat mich zu Tode erschreckt also ich meine solche verrückten Dinge äh gab es bei diesen Menschen so waren die

[4:42:54] eingestellt auf jüdische Menschen die kannten gar keine jüdischen Menschen aber sie sie waren glaubten an diese an diese Propaganda an diese an diese   furchtbaren Geschichten Juden sind feige Juden   was sie alles sind also ich meine   und was sie alles haben

[4:43:22] was sie alles so übertragen also mein es gibt ja primitive Leute auf dieser Welt   und ich habe mich zu Tode erschrocken   weil ich hab es auch ihr nicht gezeigt ja ich hab nich- nicht mal geantwortet weil ich gar nicht wusste wie ich zu antworten was zu antworten

[4:43:43] also es waren es war eine Zeit es war eine Zeit eigentlich im Versteck sein   und äh in fortwährender Gefahr gefasst zu werden oder heraus zu bekommen dass wir äh was eben heraus bekommen wollten wir hatten nur Glück das sage ich immer es ging Rückwärts

[4:44:15] mit Stalingrad die deutsche Armee verlor gewann nicht mehr und es war es wurde klar in Berlin dass es rückwärts geht also dass die Russen näher kommen dass die Alliierten äh mit den Bombenangriffen deutsche Städte äh zerschlagen und und die deutschen

[4:44:42] Zivilisierten Zivilisation also die äh sind getroffen worden getötet worden viele Menschen haben ihr Heim verloren durch die Bombardements standen auf der Straße ohne ohne we- Ausweise das äh war äh unser Glück auch ja also ähm wenn jemand uns gefragt

[4:45:05] hatte drau- woher die beiden Mädchen sind oder wo das Mädchen ist »meine Schwester aus Köln ist umgekommen im im im äh Fliegeralarm ja also da hat sie das Kind angenommen« also solche Sachen konnte man damals erzählen weil nicht nur jüdische Menschen

[4:45:29] waren ohne Papiere viele viele deutsche Menschen hatten kein Heim und keine Papiere und waren mit dem nackten Leben davon gekommen 44 ja 43 also

Barbara Kurowska

[4:45:44] wie war es für Sie denn diese anderthalb Jahre von ihrer Schwester getrennt zu sein ?

Regina Steinitz

[4:45:50] ja äh die war nicht so weit weg entfernt von mir und wenn Fliegeralarm war und es großes Durcheinander gab auch nach dem Fliegeralarm hat doch alles gebrannt äh Häuser bin ich gelaufen hab ge- äh geschaut ob meine Schwester noch lebt dann sind ganze Balken

[4:46:13] von äh ähm von Häusern herunter auf die Straße also du konntest getroffen werden davon aber dann hab ich äh dadurch gewusst dass meine Schwester noch lebt oder sie dass ich noch lebe na wir haben uns damit abgefunden also das war eben die letzte Trennung  

[4:46:33] von uns beiden also äh dass man uns noch getrennt hat aber   äh aber [Schnitt] wir haben uns dann immer gefreut dass wir am Leben noch sind   also meiner Schwester ging es ziemlich gut bei meiner Oma da waren die Konflikte   nicht so groß meine aber bei mir

[4:47:07] war es eine schwere Zeit   sehr schwere Zeit mit  

[4:47:15] und äh wir sind dann befreit worden von den Russen die Leute hatten Angst auf die Straße zu gehen die Russen junge Mädchen zum Beispiel die Russen vergewaltigen die Russen dies und die Russen das ähm ich

[4:47:34] habe die Russen ich bin die Russen einfach entgegen gelaufen und in die Arme gefallen die haben gar nicht gewusst wie es ihnen geschieht und die haben auch gar nicht gewusst [lacht] wer ich bin also sie waren meine Befreier und ich muss sagen dass die Leute

[4:47:54] so viel Angst hatten vor den Russen aber die Russen haben an den Kindern Essen verteilt und Süßigkeiten und äh ich ich habe geholfen Verwundete von den Straßen aufzuheben und in eine das ist eine ganz andere Geschichte die erzähl ich hier gar nicht weil

[4:48:19] äh wir haben ein ein provisorisches Lazarett aufgemacht ein Arzt und und auch Schwestern in einer Privatvilla und ich habe dort geholfen also geholfen äh waren auch deutsche Verletzte russische Verletzte und auch sogar Franzosen die drei Jahre äh äh franzö-

[4:48:45] in deutscher Gefangenschaft waren und dort in einer Fabrik gearbeitet haben da ist auch einer verwundet worden   und ich bin gegangen zu den Russen die haben mich geschickt mit -ner Roten Kreuz-Binde und ich hab Essen gebracht die haben mir gegeben   äh Verwundete

[4:49:03] Verwundete und der hat gar nicht verstanden aber der [gestikuliert] da hat er mir einen großen Topf mit Reis und Fleisch gegeben und ich bin immer hingegangen und am Abend bin ich zu- nochmal hingegangen und da war er betrunken und dann habe ich mit der Angst

[4:49:19] zu tun bekommen dann bin ich weg gelaufen aber ich ha- die Russen haben noch Essen verteilt an Menschen und äh der wusste nicht genau dass das russi- es waren russi- russische ganz junge Jungs 18 19 Jahre alt die waren schwer verwundet beide und dann sind

[4:49:41] sie sind sie von den russischen Militärarzt gekommen und haben sie dann alle geholt also in die russische Lazarette aber erst die Erste Hilfe   und wer verwundet wurde der wurde aufgenommen und ärztlichen hat Erste Hilfe bekommen Leute haben was getan   also

[4:50:01] das war meine Befreiung   ich liebte die Russen abgöttisch [lacht] und nachher las ich alles was nur mit Russland zu tun hatte also alle äh russische Sch- äh alle russischen Schriftsteller Dostojewski und Tolstoi (Dumas Alexandre) auch also ich meine äh

[4:50:31] die kamen auch nach Berlin der russische Chor der russische Militärchor   Rote der Rote Armee-Chor sang in Berlin also äh nachher wurde ja Berlin aufgeteilt in russischen amerikanischen englischen französischen Sektor dann waren sie ja alle da alle Alliierten

[4:50:53] und so weiter also ähm ich war noch bei meiner Tante einige Monate n- nach der Befreiung und ging dann öffnete sich die Jüdische Gemeinde von Neuem und äh unter diesem Eröffnen der Jüdischen Gemeinde war ein junger Mann der eine Nummer auf dem Arm hatte

[4:51:16] und der in Auschwitz war und äh   ich ging auf ihn zu und fragte ihn ob er nicht meinen Bruder kannte meinen Bruder Benjamin Reifeld Benno Reifeld und da sagt er »ja sicher« er war mit ihm zusammen er war mit ihm zusammen in Buna   Monowitz und äh ja bis

[4:51:42] zur Befreiung hat er j- hat er gelebt also nicht zur Bef- Auschwitz ist ja später befreit worden bis zum Todesmarsch   hat er gelebt und dann sind sie auf den Todesmarsch gegangen und dann hat er äh war er nicht mehr mit ihm zusammen mein Bruder ist auf dem

[4:52:03] Todesmarsch nach Gleiwitz und äh die sind nachher nach noch gekommen nach äh Dora wo die V1 da unten in der Erde das hat er auch noch mitgemacht und der ist woanders hingekommen in ein anderes Konzentrationslager und dort befreit worden also und und mein

[4:52:25] Bruder ist dann nachher im zweiten Todesmarsch sind sie nach Bergen-Belsen gekommen dort ist er befreit wor- er wusste nur dass er gelebt hat bis man auf den Todesmarsch ging also da war ich schon sehr sehr glücklich dass er am Leben ist aber wusste nicht

[4:52:43] ob er am Leben geblieben ist und beim Todesmarsch sind ja noch viele viele Leute umgekommen also ich ging immer auf die Jüdische Gemeinde meine Schwester auch da gab -s ein dickes Buch   und ähm da konnte jeder sich der am Leben geblieben ist einschreiben

[4:53:02] also da ging ich dann jede Woche zweimal schauen ob jemand sich eingeschrieben hat da haben wir erst erfahren dass es ein Auschwitz gab und dass die Leute vergast wurden das haben wir bis dahin nicht gewusst

[4:53:18] und ähm das war natürlich ein ein riesiger Schock

[4:53:29] seelischer Schock das sieht man auch an dem Bild hier mit der Ruthchen das ich euch vorher gezeigt habe

Daniel Baranowski

[4:53:35] möchten Sie es nochmal zeigen ?

Regina Steinitz

[4:53:38] ja

Daniel Baranowski

[4:53:40] ich weiß nicht ob wir es beim ersten Mal schon gezeigt haben

Regina Steinitz

[4:53:42] [sucht Foto; leise:] hier aber wo ist es drin ich glaube

Daniel Baranowski

[4:53:45] ach so

Regina Steinitz

[4:53:47] [sucht Foto] da da sieht man auch mein B- ja hier ist es [zeigt Foto]   da sieht man die Depression es sind  

Daniel Baranowski

[4:53:57] sagen Sie nochmal das ist unmittelbar nach der Befreiung

Regina Steinitz

[4:54:01] ja das ist unmittelbar also äh na ja das ist vielleicht ein halbes Jahr nach der Befreiung oder Dreivierteljahr aber es hat zwei Jahre gedauert bis man das äh irgendwie äh begriffen hat man konnte es einfach nicht begreifen dass keiner mehr wiederkommt

[4:54:20] dass Einzelne nur ganz Einzelne von Millionen von Menschen dass und alle meine Sch-   die Schüler aus unseren Schulen und alle Lehrer und Kinderheim und wen man geliebt hat

Daniel Baranowski

[4:54:33] [gleichzeitig:] ähm Sie sprechen ähm über Ihren Gesichtausdruck

Regina Steinitz

[4:54:37] [gleichzeitig:] ja

Daniel Baranowski

[4:54:39] auf diesem Bild können Sie das nochmal beschreiben was Sie da sehen wie Sie sich da sehen ?

Regina Steinitz

[4:54:42] hm traurig [weint]   diese Trauer habe ich bis heute ich werde sie nicht los   die wird man nicht los das kann man nicht begreifen das trägt man in sich und das war ein furchtbares Bewusstwerden hier außerdem dass die anderthalb Jahre zwei Jahre also Oktober

[4:55:17] bis zum Anfang 45 also die ich überlebt habe die waren auch traurig sehr traurig da war ich   ein sehr unglückliches Mädchen ich wollte mir nicht nur einmal das Leben nehmen   es war furchtbar und dann das zu hören also   ich weiß dass jemand ich weiß

[4:55:47] nicht wo wo ich das erzählt habe ach ja hier war der Klaus Leutner war hier zu Besuch ne wir als wir nach Deutschland zurück kamen nach dreißig Jahren und der da hatten wir wohnten wir in einem Haus und da war so ein äh Portier und äh »ja wir kommen

[4:56:07] aus Israel« und das war ihm natürlich alles fremd d- dem Mann aber der Mann war sechzig Jahre alt der hatte den Zweiten Weltkrieg mitgemacht und auch das die Befreiung und so und auch dreißig Jahre nachdem scheinbar gelebt der sagte mir »ja Sie kommen

[4:56:22] aus (__) « sag ich »ja« »aber Sie haben Sie sprechen so gut Deutsch« sag ich »ja ich bin aus Berlin« »ach« sagt er zu mir »ja aber ich bin dann nach Israel gegangen dann ich habe hier diesen Holocaust überlebt« und dann sagt der zu mir »ach Frau

[4:56:36] Steinitz das müssen Sie doch schon vergessen das ist doch schon so lange her« kann ich nicht vergessen der Mann [räuspert sich] war dreißig Jahre nachdem der kann- konnte das vergessen aber ich nicht also für mich als ich nach dreißig Jahren nach Deutschland

[4:56:59] zurück kam jede Ecke äh jede Ecke st- stand jemand der umgekommen ist jemand   wo das und dies und auch heute wenn ich in bin in Berlin jede Ecke ist für es ist so elegant so schön so so aufgebaut und so weiter aber ich lebe nur in dem Berlin was war ich

[4:57:21] kann nicht äh d- mich glücklich fühlen in einem in d- in diesem neuen Berlin es geht einfach nicht   also   und dann komme ich auch immer nur nach Berlin um um irgendwie meine Pflicht zu erfüllen gegen das Vergessen also ich bin ja immer nur da um i- äh  

[4:57:47] und das denke ich so lange ich lebe denke ich es ist meine Pflicht für die anderen das Wort zu ergreifen   dass sie nicht vergessen werden [weint]   es ist doch ganz ein Zufall dass ich lebe   und warum ich am Leben geblieben bin weiß ich doch auch eigentlich

[4:58:15] nicht   Schicksal weiß nicht sagt man Schicksal man weiß man kann das alles nicht verstehen aber zwei Jahre äh konnte man nicht lachen oder äh zwei Jahre konnte ich mich nicht an nichts freuen äh d-   konntest dich nicht mal freuen daran dass du bist

[4:58:46] am Leben geblieben weil wenn die anderen alle tot sind wenn sie im Gegenteil ich bin immer belastet und bis heute belastet mit dem wie ihr Ende war was haben sie gefühlt ? wie haben sie das begriffen wie   wie grausam war das ? das ist immer das sind immer Gedanken

[4:59:10] die mich bis heute verfolgen wenn ich äh an sie denke nebenbei gesagt auch als wir die Steine gelegt haben für die Erika und Meta Haitner als ich das letzte Mal in Berlin war   also   unglaublich zwei so nette Mädchen goldige Mädchen   entwickelte nette intelligente

[4:59:35] Mädchen   lieb   was haben sie verbrochen ?   na ja das ich hab euch gesagt heute ist der Teil des da kann man nicht nur so erzählen das ist so schon so auf jeden Fall ähm   wir sind auf ich bin auf die Jüdische Gemeinde gegangen um Überlebte z- Überlebende

[5:00:05] zu finden und auch vielleicht kommt mein Bruder zurück i- denn jeder hab ich hatte angenommen dass jeder der den Krieg überlebt hat der kommt zurück äh aber mein Bruder der ist gar nicht zurück gekommen der ist gleich nach der Befreiung von Bergen-Belsen

[5:00:27] aus äh nach Israel gegangen auf mit äh Zertifi- auf Zertifikaten die die Amerikaner den Engländern gegeben haben und er ist in Kibbuz Afikim gekommen auf Hachschara weitere Ausbildung die haben nachher den Kibbuz Buchenwald Netzer Sereni gegründet äh

[5:00:48] und er hat sich verheiratet mit einer Frau die er bei der Befreiung kennengelernt hat   aber äh wir waren in Berlin und was da jetzt kommt ist äh ihr erinnert euch daran an die äh Gestapo-Agentin äh ähm ich hab jetzt ihr Buch hier   äh eine Gestapo-Agentin

[5:01:19] ein junges Mädel mit 17 die hat man gehalten ist ein Buch geschrieben darüber und das habe ich auch hier   ähm na wie heißt sie ? Stella Kübler

Daniel Baranowski

[5:01:34] ah mhm

Regina Steinitz

[5:01:37] ja ? also ich war zufällig gerade in der Jüdischen Gemeinde als die Stella Kübler äh mit ihrem Kinderwagen mit ihrem ihrer kleinen Tochter kam mit dem Babywagen äh und die äh auch die Absicht hatte glaube ich äh Leute wiederzufinden die am Leben geblieben

[5:01:57] sind oder oder äh also ich weiß nicht was sie wollte aber auf jeden Fall hat sie dort jemand erkannt und ich war gerade die Treppen hochgegangen d- die der hat sie direkt zerschlagen ist auf sie zu sie hat ihn nämlich verraten sie war eine Gestapo-Agentin

[5:02:17] und sie hat ihn und seine Frau verraten sind beide am Leben geblieben auch die Frau und auch er und die haben sie getroffen das Kind hat man abgenommen und man hat es in das Jüdische Kinderheim nach Niederschönhausen gebracht und das ist jetzt ein neuer

[5:02:32] Abteil meines Lebens äh

[5:02:36] nach dem Krieg ähm ich traf auch auf der Jüdischen Gemeinde diesen äh ähm Rechtsanwalt Siegfried Baruch der mich auf dem ja und wir freuten uns dass wir lebten und wir umarmten uns und er erzählte mir wie er überlebte und ich

[5:02:57] erzählte ihm wie ich überlebte und das ich noch bei meiner Tante bin und äh aber sehr nicht glücklich bin und da sagte er zu mir äh ja also er hatte jetzt eröffnet ein in Niederschönhausen gibt es zwei Häuser die waren mal Kin- äh ein Jüdisches Kinderheim

[5:03:20] Säuglingsheim früher und ähm äh diese Häuser hat er als Rechtsanwalt wieder zurück bekommen für die Jüdische Gemeinde und wir haben jetzt aufgemacht in diesem Haus ein Jüdisches Kinderheim und ein Jüdisches Altersheim und das Jüdische Altersheim

[5:03:41] nehmen sie auch alle alten Leute die aus Theresienstadt zurückgekommen sind   in Theresienstadt haben alte Leute überlebt das ist auch ein Wunder wenn sie nicht nach Auschwitz geschickt wurden wie die Frau Feiertag   ich weiß nicht hab ich das erzählt von

[5:04:01] der Sylvia die Frau Feiertag aus Caputh aus diesem Erziehungsheim aus Caputh   ja

Daniel Baranowski

[5:04:08] [gleichzeitig:] kann sein ich weiß es nicht mehr genau

Regina Steinitz

[5:04:13] [gleichzeitig:] ja ja mit dem Einstein-Haus   das äh das Klavier auf -s auf -n

Daniel Baranowski

[5:04:16] ach so ja genau

Regina Steinitz

[5:04:18] ja ja also äh einer ein- einige Leute sind von Theresienstadt [räuspert sich] äh nach Auschwitz gekommen umgebracht worden und andere sind am Leben geblieben und zurück gekommen und da gibt es Bilder von diesen Leuten und die die sind dann aufgenommen

[5:04:36] worden in dieses Altersheim n- neue Jüdische Altersheim nach -m Krieg gleich also ein halbes Jahr nachdem natürlich alles sehr primitiv alles sehr kaputt es war auch äh äh also wirklich verhunziniert die ganze die ganzen Gebäude aber die sind haben dort

[5:04:57] Zimmer bekommen und die hatten keine Kinder mehr die alten Leute sind zurück aber ihre Kinder und Enkelkinder nicht also so sind die da aufgenommen worden und dann ist ein aufg- das andere Haus war ein Kinderheim da hat war er der Leiter er der Leiter geworden

[5:05:18] weil da war kein Pädagoge da das waren alles jüdische Kinder die man ähm gefunden hat ähm ähm untergetaucht waren oder bei Nonnen oder aus Auschwitz kamen 16 15 alle Alter bis bis 17 18 Jahre von Baby an sogar ein Kind zurück gekommen aus Theresienstadt

[5:05:42] das man im letzten Moment 44 noch aus der Iranischen Straße nach Theresienstadt gebracht hat wie die zwei in dem Buch diese zwei Kinder (Süss-) sind die umgebracht worden noch noch Ende 44 die man geschnappt hat äh das steht alles in dem Buch geschrieben

[5:06:01] schreib (man immer wieder das) Buch die (Süsskind) hießen die also jedenfalls alle diese Kinder die kein Heim hatten die keine Eltern mehr hatten die irgendwo aufgefunden wurden jüdische Kinder waren und und in Berlin eintrafen die zur Jüdischen Gemeinde

[5:06:21] kamen hat man sie dann rüber gebracht in dieses Jüdische Kinderheim und dieser Herr Baruch sagte mir »weißt du was Regina du kannst dort eigentlich Säuglingsschwester lernen« weil die Kinder die in der Iranischen Straße waren das war ja auch gehörte

[5:06:41] auch der Gestapo am letzten Ende an und da wurden Kinder gehalten äh äh zwei Jahre wo auch nicht ganz sicher war äh ob sie jüdischen Vater jüdische Mutter oder äh also die Gründe sind nicht alle klar aber da wurden Ki- äh Kinder gehalten und auch junge

[5:07:03] Leute die diese Kinder gepflegt haben die äh dann auch Säuglingsschwestern waren und die sind dann nach dem Krieg als dieses Jüdische Kinderheim aufgemacht wurde sind sie große Gruppe von Kindern mit Pflegern in nach Niederschönhausen gekommen   also als

[5:07:24] ich dort und er sagte mir ich könnte das äh ich könnte dort hätte dort ein Bett und ich äh und zu essen ähm also auch Arbeit ich könnte Kinderpflegerin lernen äh bezahlen war nicht davon so die Rede wie weil wer sollte bezahlen die Jüdische Gemeinde

[5:07:47] war noch nicht äh eingerichtet oder hatte Geld das war ja überhaupt nur nach -m Krieg niemand hatte also es war immer noch Hunger es waren immer noch äh schwere Zeiten und äh da sagte ich ihm »ja« sag ich ihm »aber wie werd ich das meiner Tante klar

[5:08:06] machen« und die hat mir doch mein Leben gerettet und jetzt gehe ich weg also diese Konflikte die hat ein normales Kind nicht das sind alles Konflikte mit denen niemand konfrontiert wird der nicht der nicht als ausgesetzter Mensch äh der von der Gesellschaft

[5:08:28] ausgesetzt wurde äh mit sich damit abgeben muss   also ich habe einfach nicht gewusst wie ich das meiner Tante klar mache denn ich war meiner Tante doch eine Hilfe sie hatte zwei Kinder ich half ihr im Haushalt habe ich alles gemacht und und so weiter und

[5:08:51] und plötzlich sagen »ich geh jetzt weg« und und und so weiter weil ich jetzt befreit bin dass ich i- ich kann gehen damals hätte ich gar nicht im Krieg gar nicht gehen können gab ja gar keine ich konnte nicht nirgends ähm sagen ich möchte jetzt woanders

[5:09:09] hin also so was gab -s ja gar nicht und dann kam ich nach dann sagte er mir nur so ein Rechtsanwalt der ja immer kühl ist »du sagst einfach du gehst einen Beruf lernen da kann deine Tante dir nichts sagen« und das habe ich dann auch getan und sie hat mir

[5:09:26] wirklich nichts gesagt   ich gehe einen Beruf lernen das war für sie logisch aber es war doch äh schwer für sie als ich sie dann verließ und äh ähm   na ja äh aber äh dann kam der Tag und ich nahm dann meine paar Utensilien die ich hatte hatte ja gar

[5:09:52] nichts also und verabschiedete mich und so weiter und äh vor allen Dingen die Kinder ihre Kinder diese ihre kleine Tochter hatte ich sehr lieb die war für mich so also sie hatte mich lieb und ich hatte sie lieb sie war ein Baby als ich sie eigentlich übernommen

[5:10:13] hatte und äh war noch ein kleines Kind als ich sie dann auch verließ das fiel mir dann auch sehr schwer aber dann bin ich los und ging ins Jüdische Kinderheim nach Niederschönhausen und äh verließ eigentlich Mitte Berlin also diese ganze Mitte Berlin

[5:10:35] das war mein Heimatort ich kannte dort jede Ecke jeden [lacht] alle Straßen alles also ähm ich ging nach Niederschönhausen und das war so ein Villenviertel und da standen diese zwei Häuser mit Garten drum war sehr hübsch und ich kam dort an und wurde

[5:10:57] nett aufgenommen

[5:10:59] und man sagte mir das ist auch interessant ich kam in ein Zimmer da waren auch viele Betten drin äh so jeder hatte sein Bett und einen Nachtschrank und wir waren einige Mädels wieder mal so wie in dem jüdischen anderen Kinderheim   und äh  

[5:11:21] und es machte sich dort auch eine solch eine Freundschaft zwischen diesen Mädels also bis zum heutigen Tag also ein Mädel die ich kannte aus der Schule die Auschwitz überlebt hatte Theresienstadt Auschwitz und so weiter ich hab ihre Geschichte hier die

[5:11:42] war die Erika Hecht äh   da war große Freude dass wir uns wieder sahen also ich hab wusste gar nicht dass die lebt und äh sie erzählte man sie erzählte mir sie war mit ihren Eltern in Theresienstadt der Vater war vom Ersten Krieg Kriegsverwundeter und

[5:12:06] verlor ein Bein und dadurch hatte er das Privileg nach Theresienstadt zu kommen mit vier Töchtern und die Mutter äh neunzehnhundert- sie waren ein ganzes Jahr also von 42 bis Ende 43 waren sie in äh Theresienstadt die Mutter mit drei eine Tochter war alt

[5:12:30] 25 die andere 21 die die Erika die mit mir in einer Klasse war die war zwölf zwölfeinhalb und ihre kleine Schwester war sechs die Tanja und die sind mit vier Töchtern nach Theresienstadt gekommen also dann nachher nach einem Jahr wurden wurde die erste

[5:12:50] Tochter die Erika die Große nach Auschwitz geschickt und zwei Monate später die Ruth und die und die Erika und die Mutter hat damals schon gewusst dass Auschwitz äh sind Gaskammern also das hat sich dann damals haben die das schon gewusst und äh die war

[5:13:13] natürlich furchtbar unglücklich hat ihre drei Kinder verloren sie ist sehr schwer krank geworden die ist dann auch gestorben aber die Erika kam nach Auschwitz und das ist auch aufgeschrieben hier ich hab hier ein Interview in New York die lebt in New York

[5:13:28] gemacht damals haben wir gar nicht so viel darüber gesprochen was wir überlebt haben wir wollten eigentlich leben und und gleich aktiv sein also ich für mich war das eine Aufgabe wieder jüdischen Kindern zu helfen und zurück zum Leben zu führen und zu

[5:13:48] finden und zu unserer Tradition zurück zu bringen und mir war das äh richtig heilig und ich war sehr beschäftigt von früh morgens bis spät nachts also ich hab wieder mal nicht auf die Uhr geschaut und äh Erika war freier sie fuhr nach Berlin rein und

[5:14:07] sie hatte äh hatte auch noch ihren Vater und ihre Schwester und die Tanja war auch bei uns entschuldigt dass ihr Vater war äh wusste nicht was mit den beiden Mädels anzufangen da hat er sie in das Kinderheim gegeben als Mann er war ja Witwer und auch traumatisiert

[5:14:25] mit dem was ihm alles passiert ist also jedenfalls die ähm Erika äh die zwei sie ist mit ihrer Schwester Ruth und als sie dann ankamen in Auschwitz mit der Eisenbahn von Theresienstadt und sind aufge- raus gestiegen auf den äh äh auf den Bahnsteig da äh

[5:14:46] hatte man ihm gesagt sie sollen alles stehen und liegen lassen was sie da brachten und da war eine Frau die das eine eine eine ein Häftling die Frau also die hat zusammengesammelt und die hat ihr nur zugezischt »wie alt bist du ?« zu meiner Freundin Erika

[5:15:07] und Erika hat gesagt da war sie damals 14einhalb da sagt sie h äh »sag nicht du bist 18 sag du bist 18« hat sie ihr zuge- und dann äh wie man also die Selektion gemacht hat da hat ihre große Schwester die älter war als sie die Ruth sie einfach zu sich

[5:15:32] gezogen und sie beide sind zur Arbeit eingeteilt worden in Auschwitz sie haben -s überlebt und mit -m Todesmarsch sind sie dann zurück nach nach Theresienstadt gebracht worden haben den Vater und die Tanja lebendig vorgefunden aber nicht mehr ihre Mutter

[5:15:49] und nach vielen Jahren hat die Tanja die Schwester gesucht die Eva wie die umgekommen ist nach vielen Jahren sie sind dann nach Amerika ausgewandert und die Erika hat geheiratet die hat ganz entzückende zwei Kinder Tochter und Sohn und und Enkelkinder und

[5:16:09] wir treffen uns immer und neulich hab ich jetzt gibt es Skype wir sprechen immer in Skype [lacht] und äh aber äh was war die Erika die kleine Tanja die auch verheiratet ist und auch Kinder hat und Enkelkinder die hat eines Tages gesagt »ich fahr« als sie

[5:16:31] noch jung war »ich fahr mal ich suche wo Eva geblieben ist« sie wollte nicht daran glauben dass die Eva umgekommen ist und da ist sie nach Bergen-Belsen gekommen also durchs Rote Kreuz hat sie raus bekommen die Eva war in Bergen-Belsen und die Eva ist befreit

[5:16:49] worden sogar und hatte Typhus und als richtiges Skelett ist sie noch nach Schweden gekommen ins Spital in Schweden ist sie gestorben und sie ist begraben in Schweden auf einem Friedhof und die Tanja hat ihr Grab gefunden und sie hat also normal begraben worden

[5:17:12] also ich meine ich weiß nicht was besser ist aber jedenfalls äh ähm sie hat die Befreiung noch miterlebt die Eva und wenn sie nicht diese Krankheit hätte Typhus war ja furchtbar dort in Bergen-Belsen meine Schwägerin erzählt das ja immer ich hab hier

[5:17:30] einige wo die Anne Frank umgekommen ist also die Hilde Grünbaum die sind äh die sind aus Auschwitz dort nach Bergen-Belsen gekommen und sie sie erzählen aber das ist auch aufgeschrieben also was sich da getan hat in den letzten Monaten furchtbar also weiß

[5:17:50] man auch dass die Eva ist wie sie eigentlich umgekommen ist   das ist äh das ist meine Freundin Erika die habe ich im Jüdischen Kinderheim in Niederschönhausen wieder gefunden dann die Marlene habe ich kennengelernt die war ist hat überlebt in der Iranischen

[5:18:08] Straße mit ihren zwei Brüdern was ein Schicksal auch und dann gab es äh noch zwei K-

Daniel Baranowski

[5:18:16] die haben Sie dann auch im Kinderheim wieder getroffen ?

Regina Steinitz

[5:18:19] nein die die die die Marlenchen nein die hab ich hier jetzt wieder getroffen in Israel ähm aber ähm mit der war ich dann sehr befreundet also Erika und Marlene wir waren äh sehr befreundet mit den anderen anderen Mädchen auch Marianne ja da gibt es viel

[5:18:38] zu erzählen ich h- habe nur erzählt von der Erika weil die mit mir in einer Klasse war die anderen äh erzähle ich nicht alle alle Geschichten denn das wäre ja sehr lang

[5:18:47] jedenfalls wir ich habe angefangen dort zu arbeiten und äh ich habe mein Bett so

[5:18:55] was ist interessant da waren die zwei Nachttische und das Bett stand an der Wand und da hab ich das Bett weg gestellt und meinen Nachttisch dort rein gestellt und da hatte ich so meine Ecke mein eigenes Zimmerchen in dem Zimmerchen von allen [lacht] das war

[5:19:12] -ne wenn ich heute daran denke wie komisch man doch irgendwie seine Individualität haben möchte und äh das ist mir dann auch sehr gelungen weil die anderen sind alle weg gefahren und ich konnte dort viel lesen ich habe dort viel gelesen wenn ich nach acht

[5:19:31] Stunden Arbeit kam dort Krankenschwester Ruth ich hab auch ihre Bilder auf mich zu und sagte »ja du bist jetzt frei Regina also du hast deine Arbeit beendigt« und da fragte ich sie »was ?« ich habe so etwas gar nicht gekannt von meinem neunten Lebensjahr

[5:19:53] an bin ich immer von acht bis spät abends beschäftigt gewesen also meistens gearbeitet und das guckte ich sie so ganz äh blöde an und »ja ja« sagt sie »du bist frei« und dann sag ich »und was soll ich dann da tun ?« wusste gar nicht was da mit mich

[5:20:11] anzufangen und da sagte sie »ja du kannst lesen du kannst schreiben» damals gab es keine Television oder so etwas »du kannst nach Berlin rein fahren in in in in ein Kino gehen deine Schwester treffen« was sie mir alles aufgezählt hat die war toll und

[5:20:30] das ist mir alles so durch den Kopf gegangen ich bin frei ich kann jetzt machen was ich will   das ist eine Situation gewesen die ich jahrelang nicht kannte also ich auch als ich bei meiner Tante war war ich kein freier Mensch   man war ja immer äh unter Angstzuständen

[5:20:57] ich konnte nicht raus gehen ins Kino gehen oder oder wo oder auf die Straße oder in einen Park oder äh zwischen den Bombardements wollen wir mal sagen ja die waren ja auch Tag und Nacht ich hätte es nicht gewagt ich man kann mich fassen sie sagte so einen

[5:21:16] Satz und der ging mir durch den Kopf und das war eine ein ein das war ein Erlebnis das ich auch nicht vergesse bis zum heutigen Tag meine Reaktion   das ist aber unglaublich ich sag du bist ja da habe ich das erste Mal gefühlt dass ich ein freier Mensch bin

[5:21:39] dass es eigentlich so etwas gibt dass ich beschließen kann was ich den nächsten Moment tun oder nicht tun möchte das ist eine   äh das so wie mein Mann äh immer sagt wie er befreit wurde das ist ja auf -ne komische Art und Weise passiert äh das er plötzlich

[5:22:02] frei war und er wusste gar nicht was mit der Freiheit anzufangen ich h- mir ging es nämlich genau so ich ich   und dann ging ich auf mein Zimmer und ich wusch mich und legte mich auf -s Bett und dann habe ich mir gedacht na ja was machst du jetzt ? was tust

[5:22:24] du jetzt ? und dann gab es ein Radio dann hab ich Radio gehört schöne Musik gehört und ein Programm gehört und das hab ich dann getan und äh später natürlich habe ich viel gelesen mit meiner freien Zeit bin auch nach Berlin rein gefahren aber so viel

[5:22:44] bin ich nicht nach Berlin-Mitte gefahren ich äh

[5:22:49] interessanterweise ähm eigentlich äh was später dann passierte ich bin dann nur gefahren ähm wenn oder auf die Jüdische Gemeinde ja und äh ob jemand am Leben geblieben ist und dann gab es öffnete sich

[5:23:12] eine jüdische Jugendgruppe wieder gab es viele äh also die aus Russland auch kamen und nach Polen zurück gingen und da gab es wieder Pogrome wurden angegriffen von polnischen Menschen äh die Angst hatten dass die die Wohnungen zurück geben müssen und

[5:23:32] so weiter wurden schrecklich angegriffen und da sind sie nicht wieder zurück nach Polen und sind nach Deutschland rein gekommen dort hat man diese zwei DP-Camp nicht nur zwei man hat ganz Deutschland DP-Camps eröffnet habt ihr einen Begriff was das ist ?

[5:23:49] also in Berlin gab es zwei ei- eins Schlachtensee und Tempelhof und ich ähm also diese diese vor diesen Lagern spazierten dann die jungen Menschen auf dem Kurfürstendamm herum und wir trafen uns in äh in Gruppen und verbrachten sehr schöne Tage zusammen

[5:24:13] auch wieder die jüdischen Feiertage ich erinnere mich an den ersten äh ähm Feiertag da war Chanukka erste Chanukka da zünden wir doch die Lichter an die und das haben wir ja schon jahrelang nicht also zwei Jahre nicht getan und der letzte Chanukka habe

[5:24:36] ich mit meinen im Jüdischen Kinderheim und das war sehr traumatisch und dann sagte man uns auf der Jüdischen Gemeinde es ist Chanukka und das Chanukka-Fest wird in der Rykestraße da gab -s das war nicht bombardiert also das war nicht renoviert auch aber

[5:24:57] aber da gab -s einen Raum und da können wir hin kommen da zündet man die Lichte an also Chanukka-Lichte und da bin ich dann gegangen und da wurde am Abend äh äh Chanukka erst Chanukka-Licht angezündet und absolut haben wir dann die Chanukka-Lieder gesungen

[5:25:15] alle und man hat also wirklich nur Schluchzen gehört jeder erinnerte sich an seine Familie die nicht mehr war ich an die Kinder die nicht mehr waren [weint] und an die Erzieher aber   so fingen wir an die Feiertage zu führen zu feiern und da erinner ich mich

[5:25:41] dass wir auch äh nachher Räume hatten und äh auch im amerikanischen Sektor diese amerikanischen jüdischen Soldaten einluden zum Feiertag äh französischen Sektor die französisch-jüdischen Soldaten die da bei der russischen die russisch-jüdischen Soldaten

[5:26:06] die in Berlin war amerikanisch russisch französisch ich hab vier und wir sind dann jeden Tag wo Chanukka hat ja äh acht Tage ja jeden Tag woanders war ein Ball ein Chanukka- an -Licht anzünden mit Ball mit Tanz mit Singen und äh und äh war war es dann

[5:26:32] wurde es nach also ungefähr zwei Jahre später also 45 46 47 äh wurde es eigentlich fröhlicher in Berlin gab -s wieder jüdisches Leben also man ging zu Jom Kippur gingen wir zu Fuß von Niederschönhausen über Pankow äh hin fuhren wir   nein ja hin liefen

[5:27:02] wir zu Fuß über Pankow in die Rykestraße und blieben zum Beten und äh den ganzen Tag also hat man gefastet und dann ist man am Abend am Ende wieder mit der Straßenbahn zurück gefahren nach Pankow aber äh es gab wieder jüdische jüdisches Leben in Berlin

[5:27:30] und äh   das war mir sehr teuer da fühlte ich mich wieder zu Haus da war ich   dazu gehörte ich das liebte ich   und alle die mit mir zusammen waren   hatten alle verloren sie hatten alles wir hatten so viel Gemeinsames eine gemeinsame Vergangenheit ein gemeinsames

[5:27:59] Schicksal ein ein   d- du konntest mit jemand sprechen der dich verstand   der dir nicht sagen konnte »na vergessen Sie Frau Steinitz das ist schon dreißig Jahre her« der genau wusste das wird er niemals vergessen das wird ihn immer begleiten und dieses

[5:28:25] Gemeinsame war tatsächlich etwas Wunderbares   und äh eigentlich außerdem außer diesen Momenten den jüdischen Feiertagen und das Treffen mit den mit der jüdischen Gruppe und das ist auch eine Aufnahme die ich vorher gezeigt habe äh mit dem Adolf Diamant

[5:28:53] dem Historiker meine Schwester und mich und (Miriam) wo ich ge- am Schabbat war sechzig Jahre ist sie verheiratet mit (Israel) der auch in Auschwitz war ein Ungare also überlebt hat mit seinem Vater aber Mutter und Schwester sind umgekommen in die Gaskammer  

[5:29:12] jedenfalls ähm  

[5:29:18] ich blieb also im Jüdischen Kinderheim in Niederschönhausen und ich ich arbeitete auch dort viele Überstunden ich habe nicht auf die Uhr geschaut also die Kinder brauchten einen einfach und äh mir war es auch am besten mit ihnen   und

[5:29:42] ich konnte etwas tun und etwas geben von mir selbst aber dann sagte ja und dann wurde der och dann wurde der Rechtsanwalt äh   wie heißt Baruch der hieß   Bernhard Baruch gewechselt mit einem Siegfried Baguch äh Baruch der erste hieß Bernhard Baruch der

[5:30:09] andere Siegfried Baruch der war ein fantastischer Pädagoge der aus Auschwitz zurück kam eine Nummer auf dem Arm hatte und der bekam den äh seine Frau umgekommen ist und der ist damals mit dem Pankow'scher Waisenhaus nach Auschwitz gekommen mit der Jugend

[5:30:31] die dann auch umgekommen sind also vielleicht wenige gelebt ha- die überlebt haben weiß ich nicht aber er bekam die Aufgabe dieses Kinderheim zu leiten weil er Pädagoge war und der Rechtsa- Bernhard Rechtsanwalt Baruch der ist dann wieder ähm Rechtsanwalt

[5:30:51] geworden und dieser Siegfried Baruch war für mich sehr äh sehr ein au- äh ein aus- äh außergewöhnlicher Mensch äh vom pädagogischen Standpunkt aus ich war ein junges Mädel fuffzehn 16 17 Jahre alt und äh hätte gar nicht gewusst was mit meinem Leben

[5:31:25] so anzufangen ich bin einfach aufgegangen in dem dass ich da gearbeitet habe und mir kamen mir war gar nicht wichtig wie viel Stunden oder oder so mir war auch gar nicht wichtig das Geld ich hatte dort zu essen zu trinken mein Bett man hatte sich lieb wieder

[5:31:44] man war frei wenn ich wollte fahren gehen konnte ich fahren ich hatte ein Taschengeld also das war auch gar nicht so und ich werd euch auch bald erzählen warum ich noch Geld hatte der Herr Baruch sagte nur zu mir »hören Sie mal Regina   Sie müssen jetzt

[5:32:04] aber wieder zur Schule gehen« sag ich »das so können Sie nicht bleiben« da sag ich ihm »warum was w- wie wo gehe ich zur Schule ?« die Volksschule hatte ich nicht absolviert einge- konnte ich nicht mit 17 Jahre in die Volksschule zurück gehen ich war

[5:32:24] in die vierte Klasse geendigt also fünfte Klasse   auf -s Gymnasium hat mi- mich niemand an- an- aufgenommen hab ja nicht einmal die Volksschule absolviert »wo soll ich hingehen ?« sag ich zu ihm   ähm   der hat überlegt und so weiter und der hat dann für

[5:32:47] mich gefunden ein Privatgymnasium am Potsdamer Platz Gabbe-Gymnasium hieß dieses war ein sehr gutes Realgymnasium das Schüler aufnahm äh die ihre ihren Schulunterricht unterbra- -brechen mussten und das waren nur nicht nur jüdische Leute das waren auch

[5:33:14] kann ich euch sagen in meiner Klasse dort waren Jungs die dann zum Militär genommen worden sind in den letzten wie heißen die Wolfs- wie haben die

Daniel Baranowski

[5:33:25] Werwölfe

Regina Steinitz

[5:33:28] wie sagt ?

Daniel Baranowski

[5:33:30] Werwölfe

Regina Steinitz

[5:33:32] die Werwölfe ja die waren in meiner Klasse die waren früher auch in der Hitlerjugend Werwolf und und so weiter die hatten auch schon keinen richtigen Schulunterricht mehr und da konnte man in zwei Jahren das Abitur machen [trinkt]

Daniel Baranowski

[5:33:44] als Sie aus der in welcher Klasse waren Sie denn vorher nochmal zuletzt ?

Regina Steinitz

[5:33:49] [gleichzeitig:] ich hab die vierte Klasse ge-

Daniel Baranowski

[5:33:51] vierte Klasse mhm

Regina Steinitz

[5:33:54] in also in die fünfte sollte ich kommen und äh   so denke ich so war das vier vier Volksschulklassen wie alt ist man da ? zehn ? nein ?

Daniel Baranowski

[5:34:07] zehn oder elf

Regina Steinitz

[5:34:09] zehn oder elf also ich weiß nicht ob ich die mir ist so weil ich geboren bin im Ende des Jahres Oktober habe ich nicht die elfte ge- äh nicht die fünfte gemacht nur die zehnte die vierte kann das ein ?

Daniel Baranowski

[5:34:26] ja

Regina Steinitz

[5:34:28] kann sein nicht ? denn ich erinnere mich nicht in eine fünfte gegangen zu sein ? was ich mich woran ich mich sehr gut erinnere dass wir angefangen haben äh Brüche und Prozente zu lehren zu lernen die ich dann in als ich Schwesternschule Lehrerin war Leute

[5:34:44] die Abitur hatten und kamen zu uns Studenten sich nicht mehr erinnert haben und in in der Medizin sind die Brüche und und Prozente wahnsinnig wichtig bei Medikamenten die kannst du kannst nicht äh eine Krankenschwester werden ohne äh das zu können du brauchst

[5:35:02] nicht hohe Mathematik können aber die kannten d- könnten und ich hab die alle unterrichtet ich [lacht] das ist mir in meinem Kopf geblieben und das ist wirklich -ne lustige Geschichte dass ich die unterrichtet habe die eigentlich hier hier im Land normal

[5:35:22] zur Schule gegangen sind und das Abitur absolviert hatten versteht ihr das ? und ich die das das hat ja niemand gewusst ist ja Quatsch d- niemand hat eigentlich dort gewusst dass ich eine Überlebende des Holocaust bin also das ist noch eine andere Geschichte

[5:35:39] ich war immer eine äh   wir wollten so sein wie alle   verstehst du dass man nicht sagt »ah die hat ja den Holocaust darum ist die so darum ist die so« also äh jedenfalls   wir haben also ich hab darüber nicht darüber nicht gesprochen aber ich konnte es

[5:36:04] mir auch erlauben weil ich durch dieses Gabbe-Gymnasium   eben ein Dokument in der Hand hatte dass ich das Gymnasium besucht habe

Daniel Baranowski

[5:36:15] dort waren Sie dann die kompletten zwei Jahre ?

Regina Steinitz

[5:36:18] fast   ganz ganz fast und ich möchte euch ehrlich sagen Mathematik hab ich bis heute weiß ich bis heute nicht aber zum Beispiel Physik und Chemie dass man da neu angefangen hat zu lernen also von Anfang an muss ich das hat mir wahnsinnig geholfen in der Schwesternschule  

[5:36:38] ja und äh dadurch konnte ich das das habe ich auch hat mich auch wahnsinnig interessiert so wie Geschichte   ja ? ich ko- ko- war ein Mensch der sehr gut Geschichte konnte von den Römern Griechen Steinzeit angefangen ich äh das hat mich alles interessiert

[5:37:00] aber Mathematik dazu brauchte man ja ein bisschen mehr ähm also so so da glaube ich hat mir haben mir die Jahre gefehlt der Volksschule und oder hatte ich Angst davor also ich meine äh das werde ich euch mal erzählen jedenfalls ähm dieser Herr Siegfried

[5:37:22] Baruch sagte zu mir »also du musst wieder in die Schule« die Schule du musst jetzt lernen und der fand für mich dieses Gabbe-Gymnasium und da ist noch eine Freundin gegangen mit mir wir waren zwei jüdische Mädchen unter allen christlichen Jungs und Mädchen

[5:37:38] die da hin kamen und da fan- fuhr ich durch einige Sektoren Kinder da gab -s schon Sektoren russisch amerikanisch nein der amerikanische war ich Potsdamer Platz war glaube ich amerikanisch englisch französisch bis ich bin dann in auf dem Potsdamer Platz gelandet

[5:37:57] mit der mit der mit der Straßenbahn U-Bahn S-Bahn so so sind wir dahin ich will einen Fall erzählen äh wie äh was mir dort in der Schule passiert ist war Pause also ich fand die Schule hochinteressant es waren in einem bombardierten Haus waren einige Räume

[5:38:22] äh die gehalten wurden oben war alles kaputt unten gab -s einige Räume die und das war das Gymnasium und dieser Gabbe äh der der Name der war ein Theologe der konnte zum Beispiel auch Hebräisch nebenbei gesagt u- der dieser der der Direktor dieser Schule

[5:38:45] und dann plötzlich das war Pause und so und jeder ist rum gelaufen und plötzlich hörte ich kommt ein junger rein in die Kl- zusammen mit seiner Freundin kommt ein junger Junge aus der Klasse rein und sagt »werft« äh dann ja »werft sie raus die Judenbande

[5:39:02] werft sie raus bis nach Jerusalem sonst kommen sie wieder rin« es war schon 47 Kinder das ist ja   und meine Freundin und ich guckten auf ihn und waren natürlich erschrocken aber aber ich wusste schon dass ich nicht mehr in der Nazizeit bin also ich habe

[5:39:29] nur auf den geguckt und so weiter nachdem wir das die Schule geendigt hatten äh bin ich auf ihn zugegangen sag ich »weißt du was   ich muss dir sagen wie kommst du eigentlich darauf dieses Lied« er es so gesungen »dieses Lied zu singen wir sind äh wir

[5:39:53] sind jetzt im Jahre 1947 und ich verstehe gar nicht äh   du bist doch ein erwachsener junger Mann   wir sind meine Freundin und ich sind zwei Jüdinnen und äh   du weißt doch was mit den jüdischen Menschen passiert ist dass man Millionen sechs Millionen Menschen

[5:40:20] umgebracht hat und du bist doch kein kleines Kind mehr wie kommt es dass du so ein Lied noch singst ?«   und er war ziemlich erschrocken und ich habe ihm gesagt »ich kann dich der Polizei übergeben« und der war ziemlich erschrocken »ja« sagte er zu mir

[5:40:46] »weißt du was ich habe das aus Gewohnheit gesungen ich habe gar nicht überlegt« und ich kann euch sagen ich hab ihm geglaubt das war will ich nur sagen diese Hitlerjugend was die alles so gelernt haben und das waren ihre Lieder und so waren die das gewöhnt

[5:41:10] und der hat das äh ohne zu überlegen gesungen   aber das ist auch passiert 1947 also d-   ähm man man man kann diese Sachen die da der Antisemitismus erzeugt oder der Na- ich meine den allgemeinen Antisemitismus ja   der eben gegen eine Minderheit geht die

[5:41:41] er nicht versteht die er nicht kennt die er äh die er auf der er alle seine Schuld gibt was er empfindet Schuld überträgt projektiv wie wie Freud sagt von seiner schrecklichen Seele heraus überträgt auf dem anderen da muss ich schon sagen äh ich hab

[5:42:10] diesem armen Jungen geglaubt und ich hab ihm gesagt »weißt du was   du musst jetzt viel sitzen und lesen und du musst dir überlegen was du redest was du gelernt hast als Kind ist leider traurig gewesen   und du kannst nur ein neues Leben dir aufbauen wenn

[5:42:36] du diese Sachen versuchst   zu verstehen warum sie in dir drin sind« mehr habe ich ihm nicht gesagt ich weiß nur dass wir sind auseinander gegangen also nicht als Feinde sondern als äh verständliche Menschen aber so das das ist uns auch passiert in Berlin

[5:43:02] und äh das gehört auch zu dieser Zeit ähm   [Schnitt] na ja ich hab soeben erzählt dieses Erlebnis mit diesem jungen Jungen im Gabbe-Gymnasium und ähm das war eine typische Geschichte für junge Kinder in der Nazizeit äh die in die Hitlerjugend aufgenommen

[5:43:33] wurden oder mussten sein nicht wurden sondern mussten sein und den BDM und die dann indoktriniert wurden durch ihre Ideologie Hitler-Ideologie und dass das einen äh ähm einen Einfluss auf ihren Leben auf ihr Denken hatte und zufällig äh bin ich das begegnet

[5:43:56] äh und zwar schon 1947 und darum kann ich das gar nicht vergessen und ich hab den Jungen auch niemals mehr wieder gesehen ich weiß nicht was aus ihm geworden ist und ob das einen Eindruck auf ihn gemacht hat unser Gespräch und der zufällige Gesang seiner

[5:44:11] äh ich hoffe dass das ähm ihm verholfen hatte zu äh toleranter zu werden   ja und ich habe ihn eigentlich äh nicht beschuldigt innerlich weil ich wusste wie das äh zu- zuging in Deutschland und ich war weiter natürlich ich war ich ging in die Schule ja

[5:44:39] fast zwei Jahre ins Gabbe-Gymnasium ähm nicht jeden Tag nicht jeden Tag zweimal oder dreimal in der Woche und äh und es war für mich hochinteressant ich war sehr glücklich dass ich endlich wieder lernen konnte und ich habe trotzdem weiter im Jüdischen

[5:44:59] Kinderheim gearbeitet und ich hab das zu verdanken dem Siegfried Baruch der damals diese jüdischen Kinder mit den äh schrecklichen mit der schrecklichen Vergangenheit und äh Ver- Schulverlusten oder wie man sagt äh hisdahut äh   lehischtajech   wie sagt

[5:45:27] man das jetzt auf Deutsch ? diese Kinder haben leider ver- ver- verloren die Sicherheit im Leben jemanden anzugehören und sich mit ihm zu identifizieren

[5:45:41] aber wie sagt man es gibt äh dazu zugehören also man hat ja das Judentum zerrissen und äh diese Kinder

[5:45:54] sind in verschiedenen verschiedenen Plätzen am Leben geblieben und das war für mich eine wirklich wunderbare Aufgabe diese Kinder wieder eine neue Kindheit zu geben Liebe zu zeigen und ähm also sie zu pflegen mit ihnen zu spielen ich hab Bilder also auch

[5:46:15] äh Gesänge wir haben alle jüdischen Feiertage in diesem Kinderheim wieder ähm gefeiert zum Beispiel wie Pessach Chanukka sie sind zu Jom Kippur in die Synagoge gelaufen und die Kinder haben einen halben Tag gefastet und alles was so zum Schabbat Kerzen

[5:46:38] gezündet und Oneg Schabbat gemacht dass die Kinder zurück fanden in die jüdische Tradition und Religion ähm die sie gar nicht kannten also wo sie vollkommen entfernt von waren kam darauf an auf das Alter wenn jemand so alt war wie ich war war das kein

[5:46:57] Problem denn er war so aufgewachsen aber es waren ja Kinder von sechs sieben Jahren ich hab sie auf Bildern und hier ist ich habe einige von ihnen hier wieder getroffen nach sechzig Jahren äh durch Zufall die sind da zwei Jungs die sind hier eingetroffen

[5:47:15] da war die sind weg 46 aus Berlin aus -m Kinderheim und den in Holland aufgenommen worden und von Holland nach Israel geschickt worden und verteilt worden in einen Moschaw in einen Moschaw von Leuten die aus Deutschland eingewandert waren und wurden unter

[5:47:34] Familien verteilt dort

Daniel Baranowski

[5:47:37] was ist ein Moschaw ?

Regina Steinitz

[5:47:39] Moschaw ist ein ist kein Kibbuz sondern jeder hat ein Stück Land ein äh äh eine Kuh ein Gänse alles individuell das ist [gestikuliert] viele Leute solche landwirtschaftlichen Leute wohnen zusammen nennt sich ein Moschaw keine keine äh jeder alles gehört

[5:47:55] jedem Einzelnen und was er daraus macht ist er und diese äh diese zwei Jungs die mich so wiedergefunden haben nach sechzig Jahren die sind auf den Bildern hier noch mit mir als Kinder und dann als Erwachsene die ähm können das Jüdische Kinderheim nicht

[5:48:15] vergessen die waren diese zwei Jungs zum Beispiel waren in der Iranischen Straße bei der Gestapo die ganze Zeit   ich weiß nicht ob ihr das wisst aber die Iranische Straße war der letzte Platz wo die Gestapo Leute gefangen gehalten hat und von dort nach

[5:48:31] Auschwitz geschickt hat auch Kinder hat sie noch 44 mit -n 44 nach Auschwitz geschickt und diese Kinder waren dort zwei Jahre lang und ähm und äh de- ihr Aufenthalt war natürlich schrecklich sie konnten konnten sich also war dunkel und sie konnten sich

[5:48:54] an Fliegeralarme erinnern und an an äh geschlossene Räume also wirklich und sie wurden von ihren Eltern weg genommen jeder hat sein Schicksal das würde zu lange dauern hier das zu erzählen das habe ich auch jetzt erst erfahren nach sechzig Jahre als ich

[5:49:14] sie damals pflegte im Jüdischen Kinderheim nicht nur ich sondern einige Leute von uns   da wussten wir ihr ihre Vergangenheit gar nicht wir wussten nur sie brauchen uns wir brauchten sie und äh also die beiden Jungs sind aufgewachsen hier in so einem Moschaw

[5:49:36] bei zwei Pflege- bei Pflegeeltern die dann ihre Eltern an sich wurden und äh diese aber diese zwei Jungs blieben wie Brüder die sind in der Iranischen Straße zusammen geblieben in Niederschönhausen zusammen zusammen nach Israel gekommen in denselben Moschaw

[5:49:54] aber sie haben hier Schulen besucht und äh sprechen hauptsächlich also ähm die deutsche Sprache ist ihnen also ähm die zweite Sprache zwar ihre Muttersprache aber sie waren klein also hauptsächlich sprechen die Hebräisch sie können gut Deutsch und verstehen

[5:50:17] auch Deutsch aber aber also man merkt dass ihnen die deutsche Sprache nicht so geläufig ist wie die wie die hebräische und eines Tages k- klingelt hier bei mir das Telefon ich geh ran ans Telefon da kommt jemand ran und sagt zu mir ja ob ich bin ob ich Regina

[5:50:36] Steinitz wäre sag ich »ja« ob ich mal gearbeitet hätte in Niederschönhausen im Kinderheim sag ich »ja vor vielen Jahren« also hat sich raus gestellt die sind gegangen und haben ihre Wurzeln gesucht schon als erwachsene Männer schon verheiratet und

[5:50:53] hatten schon Kinder haben sie beide beschlossen nach Berlin zu fahren und zu suchen und sie haben das Jüdische Kinderheim gefunden und die erste schöne Erinnerung die sie aus ihrem Leben hatten war dieses Jüdische Kinderheim in Niederschönhausen und da

[5:51:08] haben sie jemand getroffen äh das ist jetzt ein pri- verkauft an eine äh das ist ein äh Hospiz geworden für Kinder die äh also sehr krank sind cancer-krank und sterben gehen also das eine Haus für die Eltern und das andere Haus die Kinder mit Pflegepersonen

[5:51:36] dass sie in allen Ehren sterben können diese Kinder wirklich ein sie haben mich dort herumgeführt es ist ein sehr sehr sehr ernstes aber sehr sehr menschliches Heim für jemand der Gott behüte als Kind sterben muss sie haben die Eltern bei sich und und

[5:51:55] ärztliche Pflege und also es ist toll und auch   was sie brauchen und da fand eine Feier statt in diesem Kinderheim als ich dorthin kam und wieder zurück kam der Otto Weidt der hatte Geld gespendet dieser der die Blinden- ähm -fabrik hatte und auch viele

[5:52:24] jüdische Menschen gerettet hat wo es jetzt das Otto Weidt-Museum gibt am Hackeschen Markt in der Rosenthaler Straße der hat auch Geld gespendet für dieses Kinderheim nach dem Krieg das äh denn wir hatten gar keine Gelder es war um Kleider und Essen und

[5:52:41] es war ja nichts da und da hat man eben in diesem äh das hat die Inge Kron- äh Inge Kronberg Kron- Kron heißt die heißt die ja Inge

Daniel Baranowski

[5:52:56] Deutschkron

Regina Steinitz

[5:52:58] Deutschkron die hat er auch das Leben gerettet ihr und ihrer Mutter und die hat das übernommen in eine Gedenkfeier zu machen und da er dieses Jüdische Kinder- dem Jüdischen Kinderheim damals Gelder gespendet hatte und so ist das zu mir gekommen also plötzlich

[5:53:16] hat man sich mit mir verbunden weil man wusste ich war dort Kinderschwester und äh ja ob ich nicht kommen könnte zu dieser Feierlichkeit ich kannte den Otto Weidt gar nicht trotzdem ich aber ein Bild habe mit Herrn Siegfried Baruch zusammen aber ich wusste

[5:53:34] nicht wer er war und das er Gelder gespendet hatte wusste ich gar nicht das hab ich erst jetzt alles gehört also so bin ich in dieses Niederschönhausen zurück gekommen und ich habe auch dort einen Vortrag gehalten weil ich war eine die einzige Pflegerin

[5:53:47] die da noch am Leben war die das erzählen konnte was das war und wie das war wie ich euch jetzt auch erzähle durch den Bernhard Baruch und Siegfried Baruch und so weiter wie das gegründet wurde und die Kinder also da gab -s eine Ausstellung mit vielen von

[5:54:08] meinen Bildern die ich hatte also ich hatte die meisten Bilder mit mir mitgenommen Zeitungsartikel die habe ich auch hier alle und ich bin so ein Aufheber ich werfe solche Sachen nicht weg darum war das eine ganz große Sache als die Kinder hier eintrafen

[5:54:23] zu also diese zwei Ju- die zwei Männer schon nicht Jungs und ich war schon alt ich glaube siebzig war ich alt das ist nicht so lange her also die zwei Jungs gingen da hin und da war eine Sekretärin eine die auch für die Zeitung schreibt über dieses Hospiz

[5:54:42] äh die sagte »ja« als ich hin kam »ja hier war ein Jüdisches Kinderheim« die erkannten die Bäume rings herum interessant die wussten als die da hin kamen haben sie mir erzählt wussten sie das ist es was sie suchen das ist doch nett nicht ? was auf Kindern

[5:55:03] einen Eindruck macht wo es ihnen mal gut ging und so weiter also und die gingen dann rein und und äh fanden diese Dame vor mit der hatte ich einige Gespräche als dieses äh als ich eingeladen wurde zu diesem Jubiläum für Otto Weidt oder Gedenken das war

[5:55:20] ja für Otto Weidt da war eine Ausstellung und da sagten die »ja ja es gibt eine Pflegerin eine Kinderschwester die heißt Regina Steinitz und die wohnt in Tel Aviv« und die haben ihr meine Telefonnummer gegeben also so haben sie hier angerufen ich war gerade

[5:55:39] auf dem Weg nach Amerika ich bin meinen Vater besuchen gegangen sag ich »wenn ich zurück komme rufe ich euch an« da hab ich sie angerufen dann sind sie hier eingetroffen und das war ein Erlebnis wir saßen hier um den Tisch und ich holte natürlich alle

[5:55:53] Bilder raus aus Niederschönhausen und die haben sich erkannt auf diesen Bildern und sie hatten noch niemals in ihrem Leben ein Bild von sich selbst gesehen in dem Alter könnt ihr euch das vorstellen ? die hatten kein einziges Bild und mein Zwi der ist einfach

[5:56:11] der ist einfach hier an der Ecke ist so ein Geschäft da kann man das ab- äh -fotografieren der ist nur immer hin und her gelaufen ich hab andere Sachen gefunden und hin und her gelaufen da die sind hier mit einem Pack Bilder raus aus ihrer Kindheit wo sie

[5:56:30] schon selbst große Kinder haben und die Frauen die haben nebenbei gesagt zwei sehr nette Frauen und auch nette Kinder ich hab die kennengelernt und dann waren sie hier bei mir einige Stunden und das war sehr aufregend und sie haben die damalige Zeit nicht

[5:56:47] verstanden   also ich habe ihnen irgendwie erklärt wie ihre Eltern sind von denen getrennt worden der eine ist geblieben als ein einziges Kind in einer Wohnung paschut die Mutter nach Ravensbrück umgekommen der Vater ist festgenommen worden weil er äh   er

[5:57:09] war ein Christ und er hatte eine Verhältnis mit mit einer Jüdin also der wurde festgenommen der ist nachher geflüchtet aber trotzdem hat man nachher raus bekommen man hat ihn umgebracht also und das Kind blieb allein in der Wohnung das ist nur ein Schicksal

[5:57:28] wieder man nur ein Schicksal und dann hat man ihn auf die Jüdische Gemeinde gebracht   den den Jungen und dann hat man ihn zu Pflegeeltern gegeben und dann ist er äh abgeholt worden und dann hat man ihn weil man nicht genau wusste was der Vater war in das

[5:57:48] Iranische Krankenhaus in diese Gestapo gebracht und dort hat man ist er am Leben geblieben also das ist ein Schicksal aber den nächsten Tag als die hier waren die waren bei mir hier ähm einen ganzen Abend so und ham sich furchtbar gefreut mit den Bildern

[5:58:07] und so weiter die sind schon auf den Bildern sind sie schon so umarmt die die beiden die bis heu- bis zum heutigen Tage wie Brüder geblieben sind also toll das war ganz aufregend aber am nächsten Tag ruft mich der Junge an der da alleine in der Wohnung geblieben

[5:58:23] ist und dann sagt er zu mir ja weil ich ihm die aufgeb- Aufgabe gab ich hab ihm gesagt »ja i- ich suche eine Freundin von mir« Marlene Zodrow hieß die aber die ist auch hier ins Land gekommen weil sie hat den Namen in Lea gewechselt und hat geheiratet und

[5:58:45] hieß nicht mehr Zodrow auch und ich konnte sie nicht finden und die machen manchmal treffen die sich die da in Holland zusammen aus Rumänien Polen hat man Kinder gesammelt in Holland um sie dann alle hierher zu bringen jüdische Kinder von überall die irgendwie

[5:59:03] am Leben geblieben sind und sagt »ja da war« und die treffen sich ma- jede fünf Jahre jede zehn Ja- und da sagt ist ein Mädel auf sie zugekommen und hat gesagt sie war auch dort im Jüdischen Kinderheim und sie hat ihm die Telefonnummer und den Namen gegeben

[5:59:18] und da hat er mich den nächsten Tag angerufen und hat mir den Namen und das Telefon gegeben von der Lea und äh da sagte er mir nur zu mir sagte er nur zu mir so »Regina du musst mich schon entschuldigen aber du bist für mich eine halbe Mutter geworden  

[5:59:40] verstehst du ?« [lächelnd:] sag ich zu ihm »ich muss dir nicht entschuldigen ich versteh das sehr gut« das war so das da plötzlich jemand da war der ihm erklärt hat eigentlich was in welcher Situation seine Eltern waren dass sie ihn alleine in der Wohnung

[6:00:05] hinterlassen haben nicht mit ihrer Absicht nicht mit durch ihren Willen und äh wie überhaupt die ganze Situation in Berlin um diese Zeit auch für den anderen Jungen na ja also und von dem Moment an haben wir uns hier einige Male getroffen also nicht nur

[6:00:27] bei mir sondern bei der Marlene die Marlene habe ich angerufen ihr Mann hat gesagt sag ich »sagen Sie mal ähm ich hab eine Freundin äh Ihre Frau hieß die hieß die mal Marlene Zodrow ?« sagt er »ja« »ach« sag ich »dann bin ich richtig angekommen«

[6:00:44] also wir sehen uns haben uns wiedergesehen wir sind natürlich wieder Freundinnen und wir treffen uns also und die kommen äh wir waren bei ihr eingeladen und und bei dem anderen eingeladen bei mir eingeladen wir laden uns manchmal ein aber als die siebzig

[6:01:01] Jahre alt wurden da zu ihrem Geburtstag haben die Kinder denen Feiern gemacht [räuspert sich] da war ich natürlich eingeladen [lacht] also ich bin ein Stück äh Aufklärungsmutter geworden für diese zwei älteren Herren könnt ihr euch das vorstellen die

[6:01:23] so lange in ihrem Leben nicht genau verstanden haben und wussten äh woher sie stammen wie sie stammen wie das dazu kam also das war mein Erlebnis mit Niederschönhausen ähm das ist wirklich unglaublich und wir haben noch andere getroffen sind noch andere

[6:01:42] eingeladen worden jedenfalls diese Arbeit habe ich dort drei Jahre gemacht und äh äh   würde sagen mit großem Erfolg ich ich ich war sehr glücklich dort und äh und sehr befreundet mit dem Siegfried Baruch und da waren auch äh andere Erzieherinnen eine

[6:02:06] Dame mit der ich die älter war also sie war keine Jüdin sie war eine Christin und sie hat dort gearbeitet als Erzieherin die Kinder hatten keine Schule da war was ich noch erzählen will die Leute die aus Theresienstadt zurück kommen die alten Leutchen

[6:02:24] die waren die Großeltern von diesen Kindern das war ein wunderschönes Zusammensein und man hat auch eine Synagoge ein ein Zimmer in dem anderen Haus als Synagoge gemacht und ich hab sogar ein Bild da wurde die erste Bar Mitzwa von einem Jungen gefeiert der

[6:02:41] ist auch hier ins Land gekommen aber der hat geheiratet mit einer Engländerin und lebt in England ich glaub ich weiß nicht mehr Manfred Kluetzke hieß der aber äh mit der habe ich mich auch noch lange geschrieben also äh auch mit Herrn Baruch da habe ich

[6:02:58] hier ganze Korrespondenz also   so wusste ich immer noch was sich da tut bis das bis das äh Kinderheim bevor die Mauer war hat man schon angefangen zu m- munkeln ja sagt man munkeln dies Wort habe ich vorher gehört es gab immer so ein Munkeln davor was verstehst

[6:03:22] du das und das hat jetzt ist es mir eingefallen weil es auch dazu passt ähm dass man da irgendwie die Russen äh ne Mauer bauen und da ist das Jüdische Kinderheim mit der Herr Siegfried Baruch mit allen jüdischen Kindern in den Westen eines Tages gefahren

[6:03:42] unauffällig und hat das Haus stehen lassen und auch die alten Leute raus gebracht aus dem russischen Sektor also das äh äh von diesem Munkeln und aber ich bin wie gesagt hatte ich mit meiner Schwester Verbu- Verbindung und äh 1947 also wurde der jüdische

[6:04:10] Staat anerkannt und wurde Israel

[6:04:15] und jetzt muss ich noch erzählen äh wie meine wie ich wie wir langsam gehört haben dass mein Vater lebt dass meine Brüder leben also meine Schwester die blieb in Mitte Berlin leben die die äh ging auch ein bisschen auf

[6:04:32] das Gabbe-Gymnasium aber nachher lernte sie Dolmetscherin sie ist äh sie kann sehr gut Englisch sie ist dann Englisch-Lehrerin geworden   aber damals äh war sie mehr mit der mit mit der chevre wie man sagt mit den Jungs und Mädels zusammen aus der jüdischen

[6:04:53] Gruppe ich hatte keine Zeit aber eines Tages äh ja ich muss erst mal erzählen wie es kam dazu dass wie wussten wir dass mein Vater lebt ? oder dass wir leben ? also ich hab immer geträumt dass jemand kommt ein amerikanischer Soldat und da ist ist mein Vater

[6:05:12] aber es kam nicht dazu sondern äh ich habe eine A- Annonce aufgegeben in einer Zeitung in in New York in jiddischer Sprache die d- die Zeitung heißt »Der Weg« und äh »ich suche wir suchen unseren Vater so und so« ich wusste nicht mehr seine Adresse

[6:05:34] und ich habe auch nicht seit neunzehnhundert- also seit der Krieg mit Amerika ausgebrochen ist nichts mehr von ihm gehört und dann plötzlich die Zeitungsannonce aufgenommen und dann plötzlich eines Tages ich war gerade in äh also in der Schule Potsdamer

[6:05:54] Platz und dann bin ich zurück gekommen am Nachmittag und dann sagt man zu mir »heute war ein amerikanischer Soldat hier mit einem Dolmetscher mit einem Brief und einem Bild von deinem Vater« ich war natürlich wahnsinnig aufgeregt und habe gesagt »ja und

[6:06:13] und wo ist er ?« sie haben ihn zu meiner Schwester geschickt meine Schwester hat damals gelernt und ist aber auch hat gearbeitet bei einem Arzt und bei einem Internisten in in in der Sprechstunde und die haben ihn einfach dorthin geschickt weil er mich nicht

[6:06:31] angetroffen hat und der ist dann dahin gekommen und meine Schwester erzählt dass sie kam um es war -ne Pause vier Uhr wieder auf sie kam um vier Uhr zur Arbeit sie kommt rein steht da ein amerikanischer Soldat   der hieß Norton und der äh hielt ihr den Brief

[6:06:52] und das Bild von meinem Vater entgegen und meine Schwester die hat die war so aufgerührt sagt sie sie hat geweint und gelacht und den amerikanischen Soldaten umarmt und geküsst und den Dolmetscher umarmt und geküsst und dann kam noch der Arzt mit seiner

[6:07:10] Frau rein hat sie die auch alle umarmt und geküsst und sie war ganz außer Rand und Band also es ist kaum zu glauben sie war sehr aufgeregt und ähm ich natürlich äh war sehr böse dass man sie weggeschickt hat und und äh bin natürlich zu meiner Schwester

[6:07:31] gefahren gleich aber ich hab den damals äh nicht mehr angetroffen sondern nur das den Brief und das Bild von meinem Vater und so kamen wir in Kontakt mit meinem Vater und dieser Norton wie ist das überhaupt dazu gekommen meine Tante also die so wie eine

[6:07:53] Mutter war für meinen Vater die schon erzählt hat aus Hamburg die anstelle seiner Mutter die ja tot war der war dreizehn Jahre alt die äh eine Freundin von ihr las diese jiddische Zeitung nicht jeder liest heute da in der und sie hat gelesen dass äh dass

[6:08:14] sie wir ja unseren Vater suchen und äh sie hat angerufen meine Tante meine Tante Hella und gesagt »Hella die Kinder von Schimek leben« also von meinem Vater das war ja natürlich nicht so selbstverständlich und meine Tante war auch die hat gleich meinen

[6:08:40] Vater angerufen und dann haben sie gleich telegrafiert und äh zu dem Norton und wir haben Riesenpaket geschickt also mit allen so von Kopf bis Fuß Sachen und Schokolade und (Marzipan) und so und dieses Paket ist angekommen im Jüdischen Kinderheim und ich

[6:09:01] hab so ein großer Kasten und ich hab es geöffnet und raus genommen da waren natürlich viele Sachen die gar nicht mir gepasst haben sondern den anderen Mädels gepasst haben habe ich gleich verteilt und die Schokolade haben die Kinder sich gleich alle darüber

[6:09:15] gestürzt alle waren sie dabei als ich das Paket öffnete und dann kam hab ich meine Schwester angerufen sag ich »hier ist ein Paket Papa hat ein Paket geschickt« und sie kam und sie hatte nicht mal ein kleines Stückchen Schokolade und ihr sollt wissen

[6:09:27] Schokolade à propos [lacht] wa- war was wert ja ? aber es war auch Kaffee drin ich wollte euch noch erzählen w- dass ich trotzdem Geld hatte wie ich kein Geld verdient habe wir hatten damals für 500 Gramm Kaffee hat man sehr viel Geld in Berlin bekommen

[6:09:47] damalige Zeit es gab keinen Kaffee also es waren damit konnte man leben wenn man eine ein Kilo Kaffee kriegte im Monat konntest du damit wunderbar leben also wir haben immer äh »Papa schick uns Kaffee« also und den haben wir verkauft und davon haben wir

[6:10:05] gelebt ich habe damit das G- Gabbe-Gymnasium bezahlt und was ich so ungefähr brauchte aber meine Schwester hat gesagt das wird sie mir niemals vergessen »Mädel« die Sachen die Sachen kann sie ja nicht tragen weil wir waren die gleiche Figur »aber aber

[6:10:19] nicht mal ein Stückchen Schokolade« ich hab gar nicht aufgepasst in meiner Aufregung ich ich hab auch nichts davon gegessen also das waren die Erlebnisse im Jüdischen Kinderheim in der Niederschönhausen also die Freude die die anderen äh freu- sich freuen

[6:10:40] zu sehen also wussten wir meinen Vater mein Vater wusste dass wir leben

[6:10:44] mein Vater war aber immer in Kontakt mit meinem Bruder der nach England ausgewandert ist und der hat sofort meinem Bruder telegrafiert und mein Bruder ist von Italien mit der englischen

[6:10:58] Armee das weiß ich nicht hab ich erzählt ? mein Bruder war in der englischen Armee und ist dreimal verwundet worden das hab ich euch nicht erzählt der Bruder der nach England mit dem Kindertransport weg ist der ist äh englischer Soldat geworden während

[6:11:17] des Krieges nicht am Anfang haben die nicht genommen Leute aus Deutschland weil sie hatten Angst vor Spione auch wenn er jüdisch war haben sie nicht glauben kö- aber nachher haben sie doch äh doch und dann ging er ins Militär war glaube ich kaum 18 hat

[6:11:33] sich gemeldet und ähm er war in Italien in englischen in der englischen Armee und mein Vater war vier Jahre in der amerikanischen Armee er hat äh in in A- in Afrika gekämpft gegen Rommel und a- also da hab ich auch hier Bilder dass äh   mein Vater nachdem

[6:12:00] sie mit Rommel geendigt hatten also   Schluss war ist sind sie dann nach Italien äh versetzt worden und mein Vater war in Rom und in Neapel und mein Bruder weiß nicht wo er in Italien war beide waren sie in Italien aber haben sich nicht gesehen einer in der

[6:12:19] amerikanischen Armee und der andere in der englischen Armee mein Vater wurde entlassen in England aus der Armee weil er war schon vier Jahre im Militär also wurde er entlassen und kam nicht dazu Deutschland zu bekämpfen also nach Deutschland rein und mein

[6:12:40] Bruder ja der blieb in in der englischen Armee und der äh ich sage immer das alle es hören Deutschland wurde nicht nur wir Juden wurden befreit sondern Deutschland wurde befreit und das ist immer eine Sache die ist auf ähm Granit gestoßen oft dieser Satz

[6:13:04] aber ich habe ihn schon sehr als ich sehr jung war gesagt und das bewundere ich heute denn in dem Moment dass diese Armeen Deutschland besetzt haben haben sie Deutschland von Hitler befreit denn am Ende hat ja Hitler nichts äh nichts Gutes für sein eigenes

[6:13:26] Volk getan also ich meine wie alle Diktatoren es ging gar nicht darum und äh ja ich finde Deutschland war befreit ich war auch befreit und mein Bruder saß im englischen Sektor und mein Vater telegrafierte und sagte »die Puppen leben   Theo die Puppen leben«

[6:13:52] wohnen dort und dort und er hat aufgeschrieben meine Adresse Niederschönhausen weil ich hab dies ähm ich habe ich habe das auch nicht so begriffen ich habe meine Adresse geschrieben weil ich habe dieses Inserat in die Zeitung gegeben also habe ich auch meine

[6:14:13] Adresse geschrieben Moltkestraße neun und äh und so äh kam mein Vate- mein Bruder hat das seinem Hauptmann gezeigt und dass seine Schwestern leben und der hat ihm eine ganze Woche frei gegeben und er ist nach Berlin gekommen und äh das war natürlich ein

[6:14:37] großer Moment   mein Bruder ist weg 38 direkt nach der Kristallnacht das habe ich euch erzählt der der mich Schlawickel aus aus aus von der Straße heruntergebracht hat ja und der kam dann ei- an in englischer Uniform und der kam in den russischen Sektor

[6:15:01] aber da war noch keine Teilung von Sektoren da konnte man noch von einem Sektor in den anderen gehen aber äh mein mein Bruder der kam in das Jüdische Kinderheim und dann bin ich mit ihm zusammen nach Berlin gefahren zu meiner Schwester und dann sind wir

[6:15:21] zusammen mit ihm in die englische Kantine und er ist rein in die Kantine und hat [lachend:] das hat er hat er mir neulich bevor er gestorben ist das ist nicht so lange her hat er mir das ja erzählt wie er in die englische Kantine und hat gesagt man soll ihm

[6:15:41] gute Sachen einpacken dort Schokolade und Kuchen in der Kantine dann haben die ihn gefragt »für wen brauchst du das ? was ist äh was hast du so viel Liebchen ?« sind ja viele Amerikaner und viele Engländer viele Russen und Franzosen mit deutschen Mädchen

[6:16:00] gegangen und äh die dachten er will das für seine Liebchen haben »nein« sagt er »das ist ist für meine Zwillingsschwestern« und äh haben ihm gut eingepackt er ist raus gekommen aus der Kantine hat uns das übergeben die allen guten Sachen das war ja

[6:16:18] fantastisch man hatte ja das jahrelang nicht gesehen natürlich haben wir viel verteilt also ich hab auch meiner Familie verteilt zu meiner Tante geschickt und die Kinder und alles immer aus den Paketen und so und ähm   besonders Zigaretten wir haben ja nicht

[6:16:39] geraucht also äh und er ist dann da in der Ka- in diesem Armeecenter schlafen geblieben also er und wir sind nach Hause also ich bin dann nach Niederschönhausen und so war mein Bruder -ne ganze Woche äh   mit uns und das war -ne war wirklich eine schöne

[6:17:02] Zeit und er war schon verheiratet er hat lernte seine Frau kennen in der Armee und die heirateten ziem- schnell und der suchte irgendein Parfüm für seine Frau und wir gingen in eine Parfümerie rein und äh die Dame die uns da das Parfüm verkaufte oder

[6:17:23] empfiehl die sagte zu die sagte so auf Deutsch zu mir »ah das ist wohl ihr Geliebter« ja weil er er war wir waren alt siebzehn dann war er 21 22 (_) ungefähr ja also konnte mein Geliebter sein und da sag- sag ich »nein« hab ich stolz gesagt »das ist

[6:17:46] nicht mein Geliebter das ist mein Bruder« [lachend:] das war auch ein Moment also mit dem Theo haben wir uns als erste wiedergesehen er war der erste den wir nach acht Jahren wiedergesehen haben das war natürlich ein ein ein fantastischer Moment und er wollte

[6:18:04] gleich der Erzieher sein Papa hat uns Lippenstifte geschickt und er sagte »ihr macht keine Lippenstifte das würde Mutti nicht wollen« also [lacht] f- gleich wollte er der große Bruder spielen und das war auch interessant wie das so geht und das kann ich

[6:18:20] nicht vergessen aber ja er ging dann wieder zurück zum Militär  

[6:18:26] also er war der Erste natürlich wussten wir ja schon dass mein Bruder B- ah das habe ich euch nicht erzählt das kommt jetzt an die Reihe also wusste mein Vater dass wir leben mein Bruder Theo

[6:18:37] dass wir leben und mit Benno geschah das eigentlich früher dass ich dann erfahren hab er lebt und wie war das ? ich ging immer auf die Jüdische Gemeinde und da standen so drei junge Männer und äh ich ging auf sie zu ich hörte sie sprachen Deutsch untereinander

[6:18:59] es gibt ja gab ja viele jüdische Leute aus Polen au- aus Rumänien auch die äh die nach Berlin kamen und Jüdische Gemeinde also auch Auschwitz und suchten einen Weg wie nach Israel zu kommen und so weiter oder Amerika oder so also jedenfalls die sprachen

[6:19:18] Deutsch und dann fragte ich sie woher sie kommen äh ob sie ich wusste schon dass mein Bruder in Auschwitz in Buna war das wusste ich ja von ihm den Namen seinen werde ich meine Schwester fragen sie weiß es der war Jahre der der hat der ist nicht vor langer

[6:19:33] Zeit gestorben der war immer noch hat immer für die Jüdische Gemeinde gearbeitet ihr kennt ihn bestimmt das ist eine bekannte Person in Berlin auf jeden Fall er äh ging auf diese jungen Leute zu und äh frage ich sie ob sie w- wo wo sie her kommen und was

[6:19:53] ob sie in Auschwitz waren »in Buna« ja sagt er »was ist ? wen suchst du ?« sag ich »ich suche meinen Bruder Benno Reifeld« »was ? Benno bist du Ruthchen oder bist du Ginchen ?« wussten schon gleich die waren mit ihm früher auf Hachschara sind mit ihm

[6:20:11] zusammen nach Auschwitz gekommen und dann sagen sie zu mir die sind nach Berlin gekommen sind alles äh Berliner Jungs gewesen und äh sehen ob jemand lebt oder was aber mein Bruder ist gleich weg   mit seiner Frau der war beschäftigt mit seiner jungen Frau

[6:20:32] die er in Bergen-Belsen kennengelernt hat und er ist gleich weg er sagt nach Deutschland geht er nicht mehr zurück

Daniel Baranowski

[6:20:38] also nach Palästina weg

Regina Steinitz

[6:20:40] ja gleich gleich also es war noch Palästina er hatte die gab es sogar l- legal ist er gefahren mit -m da gaben sie äh einige Zertifikate äh in Bergen-Belsen aus und da haben die sich gemeldet die Gruppe die früher er war nicht der Einzige der nicht nach

[6:21:00] Berlin zurück kam also die jetzt sitzen die Hilde Grünberg und der Pise und alle der Oneg die sind alle mit meinem Bruder mit gefahren die waren alle auf dem Schiff mit Zertifikate und sind nachher nach Afikim auf Hachschara und haben nachher den Kibbuz

[6:21:16] gegründet also auf jeden Fall also es es war also ich habe ich habe auch war sehr aufgeregt ich hab die auch alle umarmt und geküsst geweint und gelacht und und und es war ja so heimisch fragt mich ob ich Ginchen oder Ruthchen bin und so wusste ich dass

[6:21:37] die müssen meinen Bruder sehr gut kennen nicht ? also die können ihn nicht halb kennen und dann haben sie mir erzählt dass er ist ähm ähm von Bergen-Belsen gleich nach nach Israel na ja da war ich natürlich enttäuscht und die wollten auch dass wir gleich

[6:21:53] mitkommen nach Israel also gleich äh mit die wollten uns mitnehmen und ich hab gesagt »na das kann ich nicht« ich kann ich konnte nicht ähm meine Verwandten verlassen so ohne weiteres man musste sagen äh muss Abschied nehmen und man musste vorbereitet

[6:22:13] sein auch konnte ich nicht Niederschönhausen verlassen die brauchten mich doch noch und so weiter also so ist es dann gekommen dass ich meinen Bruder Benno äh dann äh auch wusste dass er lebt und das Wundervollste war dass wir alle lebten und s- dass wir

[6:22:35] überlebten der eine in Auschwitz der andere mein Bruder Ben- Theo war ver- dreimal verwundet als amerikanischer Soldat also er könnte ja auch gegangen sein im Krieg oder mein Vater in in Afrika oder oder in Italien also es ist wirklich ein Wunder und und

[6:22:53] meine Schwester in Berlin wir beide mit den Bombardements Tag und Nacht und und äh ähm und mit dem Verfolgtsein von der Gestapo äh dass die uns dann äh irgendwie in Ruhe gelassen haben und das ist eine äh   also ich sage euch eine Sache die hätten uns

[6:23:15] be- hätten herausgefunden dass mein Vater mein Vater ist ist ja in der Charité geschrieben ich hab ich habe es ja hier also wir haben es gefunden das Dokument dass er seine Vaterschaft unterschrieben hat aber sie hatten gar keine Zeit dazu das ist durch

[6:23:35] die Bombardements ist das äh Hau- dieses die Burgstraße hat diesen Volltreffer bekommen und Tag und Nacht wurde Berlin äh blitzartig äh bombardiert es äh es wur- die Entwarnung kam und nach zehn Minuten kam die Warnung also die Sirenen gingen aus und

[6:23:58] an also das ist Leute rannten um ihr Leben und äh Berlin wurde zu einem Schutthaufen ich meine wer Berlin nach dem Krieg äh gesehen hat ich wunder mich immer noch heute wenn ich nach Berlin komm wie viel Häuser trotzdem stehen geblieben sind denn es war

[6:24:17] ein Schutthaufen also es ist kaum zu glauben äh wenn auch ein Haus irgendwie aber natürlich wurden wurde es demoliert kann ich mir vorstellen es war alles äh auf den Straßen also äh das also ich weiß nicht aber jedenfalls ist es wieder sehr gut aufgebaut

[6:24:39] worden und zum Beispiel Berlin-Mitte ist jetzt wirklich schön geworden der Prenzlauer äh Wedding diese Prenzlauer Berg und auch die die die kleinen Straßen sind sehr hübsch gemacht worden  

[6:24:55] ja also dann kam meine Schwester plötzlich an ja ich habe schon

[6:25:06] so eigentlich alles erzählt äh es gibt immer noch sehr viel zu erzählen aber belassen wir es dabei da kam meine Schwester eines Tages an das war schon nach 47 und es gab schon äh dass der Staat wurde ausgerufen Ben Gurion äh war und einen Tag später

[6:25:25] nach dem Ausruf die große Freude hier äh dass die UN hat Israel das Land also zugesprochen Hälfte Hälfte mit den Arabern ein Teil und mit uns und wir haben -s auch angenommen wer es nicht angenommen hat waren dann die Araber die uns den nächsten Tag alle

[6:25:49] angegriffen haben äh und äh ich muss schon sagen man war irgendwie darauf vorbereitet man glaubte nicht daran dass sie annehmen werden ihren Teil und dann brach hier der Krieg aus und äh ja man suchte junge Menschen überall jüdische junge Menschen die

[6:26:11] bereit waren es gab ja auch nicht nur jüdische junge Menschen es gab auch einige äh Leute hierher kämpfen die die äh freiwillig also die keine Juden waren Christen ist auch einer hier erschossen worden in dem Film äh gibt es einen Film über ihn   ah ich

[6:26:33] hab den Namen von ihm nicht aber der a- der ist weil er nicht viel Hebräisch verstand und äh nicht antworten konnte das sisma also das äh   sisma sisma ein Wort also äh das Geheimwort ist ein vielleicht ein sisma Geheim-

[6:26:52]

Daniel Baranowski

[6:26:56] [gleichzeitig:] Schibboleth

Regina Steinitz

[6:26:58] bitte ?

Daniel Baranowski

[6:27:00] Schibboleth

Regina Steinitz

[6:27:02] Schibboleth

Daniel Baranowski

[6:27:04] das Geheimwort

Regina Steinitz

[6:27:06] ja ?

Daniel Baranowski

[6:27:08] mhm

Regina Steinitz

[6:27:10] also ein Geheimwort äh nicht antworten konnte auf Hebräisch   äh äh hat er hat man auf ihn geschossen er ist von einem von uns erschossen worden von einem der jüdischen Soldaten also so ein Mensch der hat den Burmaweg gelegt war ein ein fantastischer äh

[6:27:23] äh der das war wirklich großartig es gab viele Mädchen die haben sich eingesetzt aber wir waren ja sehr wenige gegen Tausende Millionen nicht ? also wir hatten Libanon ja Jordan Ägypten alle alle griffen uns an nicht die Palästinenser dass man heute sagt

[6:27:45] Palästinenser wir wurden von einige Länder angegriffen ich weiß das nicht wie wir das überlebt haben oder gewonnen haben das kam das hat- hatte man so den Eindruck das ist ein Zeichen vom Himmel äh also anders konnte man das gar nicht sehen denn wir wa-

[6:28:04] wir waren wie eine menschliche Minderheit also totale Minderheit ist ja erst nach dem äh Befreiungskrieg sind ja erst die Leute eingewandert in großen Massen damals waren sie noch nicht in großen Massen also jedenfalls nach Berlin kamen äh israelitische

[6:28:23] Jungs und fragten wer fahren will nach Israel und meine Schwester von uns der jüdischen Gruppe haben sich viele gemeldet und sind schon sogar weg gewesen also ein Teil ist schon unterwegs gewesen und dann hat meine Schwester gesagt »ja ich schreibe mich

[6:28:46] auch ein« und hat mich gar nicht gefragt und sie hat sich eingeschrieben und wo sie sich eingeschrieben hat und er hat sie so ausgefragt also wie alt sie ist und was sie ist und wie sie ist und dann sagt er sagt sie zu ihm und er war ganz erstaunt dass er

[6:29:03] so einen Menschen vor sich hat wie meine Schwester und dann hat er gefragt hat sie gesagt »ja ich hab noch eine Schwester die äh schreiben Sie mal gleich auch auf« [lacht] und da sagt er »eine Schwester ?« »ja !« na ja die haben aufgepasst wen sie nehmen

[6:29:21] weil sie die brauchten Menschen die Grips haben und Menschen die ähm ein also einen guten Willen haben nicht oder behindert oder oder so waren und äh sagt sie »ja die ist so wie ich die ist meine Zwillingsschwester sagt sie die sieht so aus wie ich« und

[6:29:44] so weiter und äh ja wir sind eigentlich äh dann kam sie zu mir an sagt sie »wir fahren weg nach Israel« am so und so Vielten sie wusste schon das Datum und ähm ich habe ihr gar nicht nein gesagt ich habe mich gleich angepasst denn da war eine Geschichte

[6:30:06] die muss ich euch sagen wir wollten nach Amerika erst also zu meinem Vater aber weil wir nicht seinen Namen hatten und er uns ja nicht angegeben hatte ging das nicht Kinder sind leicht zu Eltern gekommen a- we- wenn du einen Vater in Amerika hattest oder eine

[6:30:28] Mutter waren sie first priority aber weil wir hießen Anders er hieß Welner und er uns überhaupt nicht angegeben hat als er einwanderte nach Israel nach Amerika ähm war die Sache schwierig und dann sollten wir auf normale quota gehen und das hätte lange

[6:30:46] dauern können und dann haben wir gesagt die Ruth hat gesagt »was werden wir so lange warten ? wir fahren erst nach Israel und sehen Benno« mein Bruder den Benno den wir auch nicht acht Jahre nicht gesehen hatten der in Auschwitz war und den wir auch wahnsinnig

[6:31:01] liebten äh dass wir hatten unsere Brüder sehr gern weil die waren wir waren die kleinen Püppchen und die haben immer auf uns aufgepasst und überhaupt mein Bruder Benno hat sehr meine Mutter gepflegt und das alles haben wir als Kinder mit aufgenommen also

[6:31:18] der hat nicht nur sie gepflegt der hat uns auch gepflegt also der ich weiß gar nicht was er alles gemacht hat ist auch in die Schule gegangen er war ein sehr guter Schüler also äh was der auch nachher alles miterlebt hat also jedenfalls ähm wir fahren

[6:31:34] nach Israel ja

[6:31:37] und dann sind wir dann haben wir wir durften nichts mitnehmen richtig und ich wohnte im russischen Sektor in Niederschönhausen und ich ähm   äh wurd- ging dann ohne einfach mit einfacher Kleidung ein Täschlein weg   äh trotzdem da waren die

[6:32:02] Sektoren noch nicht geschlossen aber es war ähm die wie nennt sich die Brücke die die die Luftbrücke habt ihr gehört von ihr ? ja an dem Film zeigt man die ja das ja toll wie der das gemacht hat im Film ich hab erzählt wie ich mit der Luftbrücke raus

[6:32:21] kam und der gibt das in dem Film äh äh der Fotograf der hat gesucht im Internet alles das diese Schiffe die die jüdischen Menschen nach Israel gebracht haben wir waren ja beide auf solche Schiffe ein mein Mann zwei Jahre früher und ich nachdem und da hat

[6:32:43] er schon alles raus genommen und alles in den Film rein gegeben und es ist wirklich ein historisches Dokument dieser Film durch meine Geschichte durch die Luftbrücke hat er auch Tempelhof und die Flugzeuge gezeigt also es ist ja auch eine Geschichte für

[6:32:59] Deutschland und für Berlin und und und und für die Situation die es damals gab also man die Russen äh das wurde schon irgendwie äh hat es schon gemunkelt also das man äh also Berlin schließen will also nicht durch eine Mauer sondern äh einfach keine

[6:33:21] Zufahrt gibt weil die Russen ja ringsherum waren dann hat ja nachher der Kalte Krieg angefangen und so weiter und wir sind mit so einem

Daniel Baranowski

[6:33:32] [gleichzeitig:] können wir eine eine kurze Pause machen ?

Regina Steinitz

[6:33:34] ja   gut ist es sechs ? ja [Schnitt] also es ging dann mit der Lu- Luftbrücke los das Interessante war wir kamen Tempelhof an da kamen nämlich diese Flugzeuge an und luden Kohle und und Esswaren aus für die deutsche Bevölkerung und ihr müsst verstehen es

[6:33:59] ist äh und ich möchte das hier auch jetzt sagen es ist doch wenn ich nach Deutschland komme und manchmal hör solche antiamerikanischen ähm Bemerkungen also dann tut mir das richtig echt weh weil ich muss euch sagen dass nicht wenn die Amerikaner ihr müsst

[6:34:25] verstehen Deutschland hat den Krieg verloren Deutschland hat Millionen Menschen gemordet hat selbst sein ganzes Land zerstört äh äh und und Millionen sind von dem eigenen Volk ermordet worden und äh das ganze Land zerstört worden und äh nach so einem

[6:34:48] nach so einer furchtbaren Zeit äh hat es in Berlin doch ein Leben gegeben und ein ein wirklich interessant die äh natürlich haben russische Soldaten Frauen vergewaltigt und darüber ist ja nicht zu reden wer getroffen wurde das ist schmerzhaft das kann

[6:35:13] er nicht vergessen und so weiter aber im Allgemeinen haben die Alliierten äh ich will das nicht verallgemeinern ich sage immer ich bin aus Berlin ich kann nur erzählen was in Berlin vorgekommen vorgegangen ist und ich muss sagen dass dass die Leute äh zwar

[6:35:34] auch hungern zwar alles auf Karten und es war alles zu wenig da aber die haben effektiert von den Alliierten die nach Berlin kamen also sie haben Zigaretten bekommen und und Essen bekommen und die Kinder Schokolade und Bonbons und Kaugummis und äh es wurde

[6:35:55] verteilt auf der Straße zwischen den Kindern und ich habe neulich mal gehört in in 3 sat also dass das Männer erzählt haben die damals Kinder waren und das hat mich gefreut die sagen sie haben das gar nicht so furchtbar empfunden weil die weil die Soldaten

[6:36:14] ihnen eben Bonbons und und und was sie ja vorher gar nicht hatten also ich meine bevor der Krieg nicht zu Ende war und ähm   das das will ich eben betonen da als ich diese Flugzeuge sah die nach Berlin Kohle brachte und Esswaren brachten trotzdem die Russen

[6:36:37] also politisch das alles geschlossen wurde und dadurch Amerika bewiesen hat dass das nicht geht äh war ich hoch beeindruckt dass man nach so einem Krieg nach solchem Mord und Totschlag wo da über äh Menschen gab in Berlin und in ganz Deutschland d- die

[6:37:07] daran Schuld waren äh direkt oder indirekt und es gab natürlich auch viel Unschuldige das will ich überhaupt nicht in die alle Leute waren nicht Nazis und alle Leute haben nicht getötet und es gab viele Leute die mussten schweigen weil sie ihr Leben und

[6:37:26] ihre Familie retten wollten das muss man verstehen das ist eine Diktatur da da äh muss man immer die Rechnung ziehen was besser für einen selbst ist aber dass da die Amerikaner solch eine humanistische Tat   taten   man sagt der Kalte Krieg und so weiter und

[6:37:54] so fort   aber die waren reif   die waren das verstehe ich heute damals habe ich das nicht verstanden ich habe es nur bewundert ich hab ich hab mir nur gedacht wie ist das möglich wie ist das möglich   heute und in Jahren später ha- habe ich verstanden dass

[6:38:19] das das Beste war   also nicht Gleichem mit Gleichem vergelten sondern wieder Normalisation zu den Völkern zu bringen und äh besonders in Europa das ja immer Kriege gemacht hat und dann gab -s konnte ja der Dritte Weltkrieg ausbrechen und ja mit der Atombombe

[6:38:44] wäre es dann ja also wissen wir ja nachher also wissen ja auch was in Japan passiert ist ähm mit diesen Gefühlen stieg ich eigentlich in dieses kohlenschwarze riesenhafte Flugzeug ein [lacht] mit dieser ich hab ja gesehen wie die das da raus holen alles

[6:39:07] und das war für die Bevölkerung damit sie -s warm haben also

Daniel Baranowski

[6:39:12] die haben Kohle transportiert in dem in dem Flugzeug ?

Regina Steinitz

[6:39:16] na sicher

Daniel Baranowski

[6:39:18] mhm und Sie sind in in dieses Flugzeug danach rein ?

Regina Steinitz

[6:39:20] ja ! wir alle ich war nicht einer also wir waren einige -ne Gruppe und es gab keinen Stuhl oder was oder so weiter wir äh ich muss Ihnen ehrlich sagen wissen Sie was ich bin noch nicht in einem anständigen Schiff gefahren   Sie werden mir das nicht glauben

[6:39:34] weil nach Amerika bin ich nicht auch mit -m Schiff gefahren weil es Flugzeuge jetzt gab ich werde eigentlich in ein äh auf einem furchtbaren Schiff nach Israel gefahren und das ist auch mein einziges Schiff aber äh aber di- dieses Flugzeug war mein erstes

[6:39:52] Flugzeug mein erster Flug im Leben und man setzte uns also gab keine Stühle es war leer es war eigentlich nur gefüllt mit Kohle und Essenwaren und dann bin ich da rein sind wir da rein und da war der Staub von der Kohle in verstreut in dem in dem äh Flugzeug

[6:40:13] und so konnten wir raus aus Berlin über den russischen über die russische Zone ja also so sind wir raus aus Berlin du konntest ja nicht mit der Bahn raus fahren mehr das ging ja gar nicht und äh   ja das war bewunderungswert als wir da dann in München ankamen

[6:40:34] eine Szene will ich Ihnen nur noch erzählen die ist mir gerade eingefallen bevor ich wegfl- -flog von aus Berlin saß ich so in der Untergrundbahn und ich weiß nicht warum von woher bin ich gefahren und mir kamen die Tränen denn das war   [kämpft mit den

[6:40:54] Tränen] es war ein Abschied von einem früheren Leben   von meinen Eltern   von meiner Kindheit   von Berlin   bin doch 18 Jahre bald alt gewesen ja das ist fange ich an zu heulen ich bin sehr und ich mir gingen die Tränen ich bin so ruhig ich denk daran guck

[6:41:22] mal Ginchen du fährst jetzt das letzte Mal mit der U-Bahn und ich hab wirklich geglaubt in meinem Leben nich- werde ich nicht mehr zurückkommen nach Berlin also [lacht] das das war mir klar so weit weg fahre ich bis nach Palästina das war damals äh hier

[6:41:39] nein damals war das schon Israel aber das war also Ende der Welt für u- für uns alle also heute ist man in vier Stunden als ich wieder nach Berlin kam in vier Stunden geht man da wieder runter und dann ist man in Tempelhof nicht ? ja ich bin nicht nach Tempelhof

[6:41:54] Schönefeld aber aber d- stehst in den Straßen du bist wieder in Berlin du gehst hier runter und du bist wieder in Tel Aviv und das ist alles so einfach heute aber damals war das überhaupt nicht einfach du hast gedacht in deinem Leben kommst du da nicht

[6:42:10] mehr zurück also mir liefen die Tränen in der U-Bahn und da saß ein älterer Herr neben mir sah da hatte Mitleid mit mir der sah dass mir die Tränen liefen sagte »Kind« sagte er »warum weinst du denn ?« und da sag ich »ah ich verlasse äh Berlin ich

[6:42:27] verlasse Berlin« da sagt er zu mir »na sei doch zufrieden« [lacht] da war der Mann hatte verstanden dass es gar nicht so lustig werden wird jetzt in Berlin   der hat mehr verstanden als ich ich meine mehr begriffen was eigentlich Berlin bevorstand nicht

[6:42:47] dass man die Mauer baute oder da- dass vielleicht ein Dritter Weltkrieg anfangen kann und so weiter und so fort das war eine Bedrohung diese Munkeleien waren immer Bedrohungen zum Früheren zurück zu kommen was ich gesagt habe ja war auch damals Bedrohungen

[6:43:04] und na das will ich euch nur erzählen das war so ein ein Moment es ist doch ähm   ein Moment der ich hatte ja ich weiß nicht hab das in den ich hatte mit meinen Eltern so lange mein Vater in Berlin war noch ein schönes Kinderleben die versuchten alles vor

[6:43:29] uns zu schützen in den Tiergarten und der Zoo- Zoologische Garten ich kannte alle Museeumen in Berlin ich auch nach -m Krieg bin ich ins Theater gegangen in die Oper gegangen ins Konzert in Konzerte gegangen am Abend ähm ich war eigentlich eine gewaschene

[6:43:49] Berlinerin also ich meine wie man so sagt also äh und jetzt verlass ich das also ist auch das Grab meiner Mutter und und und so weiter und so fort und   alles Schlechte und alles Gute was war verlasse ich jetzt   also für immer und das war so ein wirklich

[6:44:15] ein Gefühl äh   auch nicht ein leichtes Gefühl dass man irgend wieder wieder was verlässt und dann bin ich äh dann sind wir in Frankfurt am im äh äh München angekommen und wir sind uns da waschen gegangen das hab ich schon erzählt in dem Film aber

[6:44:38] dass da kamen uns die haben gesagt wir waren ganz schwarz also wir wir sollen uns bisschen waschen und wechseln Sachen die wir hatten so -n paar andere Sachen und es gibt dort ein Badezimmer unten -ne Toilette und da kam uns die Toilettenfrau entgegen und

[6:44:55] da wars schon wunderschön dort in München war es schon wirklich Westen und war schon wirklich drei Jahre nach dem Krieg und da hat da war das schon irgendwie ganz normalisiert und die hatte so -n Besen und und und weißen Kittel und die ka- wir kamen die

[6:45:13] Treppe runter und die sagte zu uns »wo woher kommt ihr denn ?« und da sagten wir »wir kommen aus Berlin« [imitiert:] »ah ihr Saupreußen« sagte sie zu uns und wir mussten so lachen da hab ich ihr gesagt »dass wir Saujuden sind das wussten wir schon lange

[6:45:31] aber dass wir Saupreußen sind das ist uns ganz neu« [lacht] aber heute als ich zurück kam und ich erzähl das so öfters auch äh damit auch was Witziges dabei ist äh das ist gar nicht so witzig denn die Liebe zwischen Preußen und und und München Bayern

[6:45:49] ist nicht so groß heute auch nicht sagt man mir immer also ähm also das war mein Abschied aus Deutschland ein gewisser Hass weißt du und ich hab immer gedacht man hasst nur die Juden aber man hasst auch die Preußen also das das war mir neu ich also ich

[6:46:09] meine so viel Erfahrung hatte ich nicht und äh das war kein gutes Gefühl also irgendwie hat mich das gestört

[6:46:18] und dann sind wir mit dem mit der Bahn nach Frankfurt am Main und von Frankfurt am Main mit dem Zug nach Marseille   in Marseille haben uns schon

[6:46:33] erwartet wohnten wir in einem äh in einer sehr schönen Villa hoch in den Bergen und ähm konnten eben das Wasser übersehen ja wunderschöne Gegend wunderschön es ist dort so ähm wunderschöne Blüten Palmen das ist wirklich schö- äh wie ich mich an

[6:46:56] an Marseille erinnere eine sehr schöne Stadt also ich war ja auch in einer sehr schönen Villa die scheinbar jemanden gehörte und der die Villa dazu gab damit wir da übernachten konnten und am Tage hat man uns geführt äh Übungen zu machen und Hebräisch

[6:47:14] zu sprechen und zu lernen und dann haben sie waren dort einige israelische Jungs die äh wir sagen keine yehudea golea die keine deu- äh Juden waren aus der Diaspora sondern die geboren sind in einem Land die selbstbewusst waren die Israelis waren die ihre

[6:47:38] Muttersprache Hebräisch war die was für was zu leben und zu kämpfen hatten die   die ihr Land liebten und die standen da in Khaki-Kleidung äh weißt du so Khaki-Hosen und alles und so -ne braunen Mützen haben sie gehabt wunderschöne Jungs gesund stark

[6:48:03] haben auf mich einen fantastischen Eindruck gemacht und dann sangen wir dort die Hatikva das Lied äh Nationallied unseres und dann zogen sie die Fahne nach oben blau-weiß mit dem Magen David drin da habe ich furchtbar geheult ihr müsst verstehen dass ist

[6:48:23] war ein Moment jeder Mensch braucht Zugehörigkeit jeder Mensch braucht sein Land   sein auch wenn er es verlässt braucht er seine seine Heimat meiner Ansicht nach zu zu die er gehört mit Menschen zu die er gehört und ähm   das war ein wunderbares Gefühl

[6:48:57] das ich jetzt habe dass ich jetzt zu etwas gehöre das auch meins ist das man mir nicht abschlagen kann trotzdem es leider Gottes anders aussieht aber das wusste ich damals nicht mit 18 Jahre dass man heute eine eine andere wie gesagt das Land sich noch nicht

[6:49:17] geteilt hat oder beruhigt ist trotzdem alle könnten sehr schön in Frieden zusammen leben und einer dem anderen helfen und könnten hier zwei wunderschöne Länder sein und mit allen Nachbarn könnten wir sehr gut sein hoffentlich wird es mal sein nicht mehr

[6:49:33] so lange ich lebe stelle ich mir vor ich hab es   wir haben es immer gehofft während es Lebz- aber wir haben ja auch viel Kriege mitgemacht   also jedenfalls das hat war ein war schon beeindruckend dieser Moment und wir wussten nicht wann es geht los nach nach

[6:49:54] Israel aber einmal um vier Uhr nachts plötzlich weckte man uns ah ich wollte euch nur noch eine Sache erzählen die da lustig ist   ich las von Alexandre Dumas das Buch »Der Graf von Monte Cristo« ich dachte aber nicht dass das eine wahre Geschichte ist

[6:50:14] es ist auch keine wahre Geschichte aber aber bei Marseille liegt die Insel ja vom »Graf von Monte Cristo« und jetzt haben wir da einen Ausflug gemacht mit der Gruppe nach Monte Cristo und äh und wir waren dort in diesem Keller und da haben sie uns gezeigt

[6:50:37] wie er ist geflüchtet und alles und ich dachte mir mein Gott das ist ja wirklich wie das Buch es ist im Buch beschrieben steht alles so [lacht] also wenn ihr mal seid in Marseille dann fahrt mal auf diese Insel es ist wirklich interessant also das habe ich

[6:50:56] dort noch mitgekriegt hab ich

[6:50:58] und ähm ja dann haben sie uns um vier Uhr nachts geweckt und dann ging es heimlich still und leise ans Wasser und da stand auf dem Wasser eine eine so will ich Euch sagen eine Appelkiste kann man das nennen also und am Motor

[6:51:20] mit -m Glasfenster saß der Kapitän der Steuermann und das war ein Italiener ein sehr netter alter Mann und der sollte diese Kiste also nach Israel bringen also wir wurden einge- mussten Treppen runter gehen und unten waren ähm Bretter ein Brett noch ein

[6:51:46] Brett über das andere und wir wurden rein geschoben wie die Sardinen und plötzlich verlor ich meine Schwester weiß nicht wo sie geblieben ist aber es wurde alles durcheinander lagen jetzt Männer und Frauen die alles junge Menschen in dieser zwischen diesen

[6:52:04] Holz- äh -bar -baren oder wie kann man das nennen ja   und aber ich war so müde das ich einschlief und plötzlich frühmorgens wachte ich auf natürlich vergessen wo ich liege und hab -n [gestikuliert] Kopf gehoben und bekam einen Schlag und da schrie ich

[6:52:23] und guck mich links herum rechts ich sehe nicht meine Schwester schrei ich »Ruth wo bist du ?« sagt sie »hier Regina ich liege hier zwischen zwei Männern« [lacht] »wie kommt man hier wieder raus ?« frag ich die Ruth sagt die Ruth »auf -m Bauch du kriechst

[6:52:40] einfach auf -m Bauch raus« [lacht] und dann waren wir schon auf dem Wasser nicht also die Leute fingen an zu brechen und es war es war ein Gestank und es war ein äh es war unglaublich ja es war unglaublich und äh da sind wir dann auf -s Deck gegangen und

[6:53:04] meine Schwester und ich sagten nur »da runter kriegen uns keine vier Pferde« das war wir gehen da nicht mehr runter schlafen nicht wir bleiben hier auf dem Deck na ja es hat auch nicht geregnet es ging ja äh   (__) zu also wir es war fortwährend Sonnenschein

[6:53:24] aber was ganz unglaublich war war die Nacht es war ein fantastischer Himmel mit Sternen so klar und deutlich hatte ich noch niemals die Sterne gesehen wir sind da auf -m nicht runter vom Deck also auf dem Deck gelegen und äh haben nur in den Himmel geglotzt

[6:53:44] und ringsherum war der Horizont also äh es war eine Fahrt dass dass vom von der Natur aus also wunderbar wenn man nicht da unten drunter liegt mehr also ähm   nur andere Leute sind runter gegangen schlafen aber wir nicht und äh der äh der Steuermann das

[6:54:13] war ein sehr netter Mann der der sah uns da oben immer liegen auf diesem Dings da sagte er ob wir nicht mal schlafen gehen wollen sagt hat er uns gesagt [flüstert:] »kommt mal mit kommt mal mit« da hat er uns nach unten genommen in seine Kajüte der hatte

[6:54:29] -ne Kajüte der hat ja die Nacht gesteuert und da sind wir beide das erste Mal richtig geschlafen [lacht] in dieser Kajüte das war ein Erlebnis und das andere Erlebnis war plötzlich dass man durch einen Lautsprecher rief ob hier nicht irgendwo wir unter

[6:54:47] diesen Menschen eine Krankenschwester wäre ich war eine Säuglingsschwester eine Kinderschwester ich ich habe auch viel von Krankheiten nicht verstanden also ich war eigentlich eine Kinderpflegerin und da habe ich gesagt »ja soll ich mich melden ? ich bin

[6:55:07] keine Krankenschwester« also diplomierte Krankenschwester »soll ich mich melden soll ich mich nicht melden ?« aber ich habe gedacht ich gehe runter in der Kajüte es war ein Arzt dort und ich werde sagen wer ich bin und was ich bin und dass ich bin bereit

[6:55:22] zu helfen was ich kann und der soll mir erklären was man soll machen wenn niemand anderes da ist und so war es es war ja niemand anderes da also ich bin eine Krankenschwester geworden in diesem Schiff für einige Tage und ähm es war unser heiligster Feiertag

[6:55:41] im jüdischen Glauben der Jom Kippur alle haben sie gefastet und es waren kaum [zum Kameramann:] oh hast du gekriegt einen Schlag ? [lacht]   das ist spontan sag ich immer das   typisch [lacht] also   ich war also eine ich war eine Krankenschwester und äh

[6:56:12] er gab mir die Aufgabe der Arzt das war auch ein interessanter Fall der hat Auschwitz überlebt seine Frau ist umgekommen aber ihre Tochter hat er er war mit seinem Töchterchen die Tochter haben sie vorher in Polen in ein Kloster unter- untergebracht und

[6:56:30] er ist gegangen und hat seine Tochter geholt und ist mit ihr nach Israel und die schliefen in einer Kajüte da unten also ich kannte dann lernte dann seine Geschichte kennen und der erklärte mir so da waren zwei Elternpaare wir waren 400 junge Menschen und

[6:56:50] äh da waren zwei Elternpaare die am Leben geblieben sind das war ja sehr selten alle anderen waren waren allein geblieben haben alles verloren und waren allein am Leben geblieben also dieser dieser eine Vater von dem einen es war Jom Kippur der stand auf

[6:57:13] dem Deck mit einem Tallit um den Ha- um den Körper und der betete und alle fasteten an diesem Tag auch die jungen Menschen haben nicht gegessen aber standen nicht und beteten aber der stand und betete der Himmel war blau und ringsherum der Horizont um das

[6:57:33] Wasser herum also es war so wie eine Kugel ja und das Schiff und ich geb- will ihm das Medikament bringen und der Mann steht tief im Beten   und ich gehe auf ihn zu und sage zu ihm   auf Jiddisch der konnte kein Hebräisch und auch kein Deutsch sag ich zu ihm

[6:57:58] »ir darft nemn dos medikament« sagt er »nayn shvester hayt iz yom kippur man fastet« ihr versteht das ja es ist ziemlich deutsch ähnlich nich ? sagt er sag ich »wenn man krank ist und man bekommt Medikamente dann darf man sie nehmen man ist erlaubt zu

[6:58:24] nehmen und sogar wenn man krank ist müsst ihr sie nehmen ein Kranker braucht nicht zu fasten« also hat er -s genommen aber was am Rührendsten war an diesem Mann der sagte plötzlich zu mir »shvester ir vird ayre arbet tin un ik ver vil ik ver fir aykh

[6:58:50] betn« also ich soll meine Arbeit tun und er wird für mich beten und das kann niemand verstehen nachdem man nachdem man das Judentum so verleumdet hat und man erniedrigt hat und überhaupt die Leute speziell die diesen Tallit umgehabt haben die ganz Frommen

[6:59:15] mit dem Bart den Bart geschnitten hat oder raus gerissen und zerschlagen hat das ist alles was ich auch in Berlin gesehen hab als Kind auf der Straße da steht nun dieser Mann wir sind auf dem Weg nach Eretz Israel das Heilige Land für uns der Himmel ist

[6:59:33] blau der Horizont vom Horizont umgeben der Mann steht wie ein Symbol es ist unglaublich der lebt der betet also Kinder ich war fertig ich war fertig ich der sagte mir noch »ich bete für Sie« also ich drehte mi- ich sagte ihm danke und ich drehte mich um

[7:00:00] und lief weg so beeindrucksvoll war dieser Moment das ist ähm das war so symbolisch so so stark und äh den Moment werde ich auch niemals in meinem Leben vergessen diesen Mann

[7:00:19] und dann kamen wir nach Israel also an und wurden aufgenommen in einem es gibt

[7:00:26] dieses Camp also so ein wo man die Neueinwanderer die kommen und die Jungs die da auf dem Schiff waren die sind gleich den nächsten Tag auf die Jeeps ins Militär genommen worden haben a- gekämpft sind viele bei Latrun gefallen heute weiß man nicht mal

[7:00:46] ihren Namen also es ist so dass man sie hatten niemand hier im Land sie hatten niemand sie waren die einzigen Überlebenden und dann hat man war man sehr böse auf Ben Gurion dass er äh diese jungen Leute die aus Europa kamen und gerade den Holocaust überlebt

[7:01:07] haben zum Militär genommen hat   aber ich will das bestreiten weil diese Leute   diese Leute waren   das war ihr Willen die sind ja nicht gezwungen worden man hat sie gefragt und sie sind gegangen es war ihr Willen um dieses Land zu kämpfen denn das jüdische

[7:01:30] Volk brauchte ihr Land denn was ohne ihrem Land war dass man dass man wehrlos war dass wusste schon jeder auf dieser Welt also äh ich sie wussten nicht dass sie in ihren Tod gehen Gott behüte kein Soldat weiß wer leben bleibt wer s- wer stirbt ich meine

[7:01:52] wenn man ins Militär geht aber viele von denen sind gefallen weil sie nicht Hebräisch verstanden haben und nicht die Anordnungen verstanden haben also jedenfalls meine Schwester und ich wir waren Mädchen das sind wir noch geblieben und meine Schwester sagte

[7:02:09] zu die den die Wächter die dort standen also die eigentlich auf uns aufpassten und so weiter die sagte zu denen sie möchte doch äh in Kibbuz Buchenwald fahren weil wir haben unseren Bruder acht Jahre nicht gesehen und sie will ihn herbringen und so weiter

[7:02:29] ähm also dann dann ist sie bereit auch ins Militär zu gehen aber wir wollen erst mal unseren Bruder wiedersehen und das haben sie ihr erlaubt und sie ist los

[7:02:40]

Daniel Baranowski

[7:02:43] ohne Sie ?

Regina Steinitz

[7:02:45] meine Schwester

Daniel Baranowski

[7:02:48] ohne Sie dann ?

Regina Steinitz

[7:02:50] ohne ih- nein ich bin geblieben

Daniel Baranowski

[7:02:52] mhm

Regina Steinitz

[7:02:54] und sie ist los und sie ist in den Kibbuz also das ist auch eine lange Geschichte bis sie ist da eingetroffen also jedenfalls mein Bruder stand da draußen und äh mit seinem kleinen Sohn er hatte einen Sohn von zwei Jahren Jaköbchen und äh auf -m Arm und

[7:03:09] meine Schwester kam ihm entgegen geflogen sie sah ihn hat ihn von weitem erkannt »ach Benno Benno Benno« und sie ist auf ihn zu und mein Bruder wusste gar nicht dass wir kommen der wusste wir fahren nach Amerika also der wus- gar nicht dass wir hier eintreffen

[7:03:26] und dann hörte er dass wir ins Militär gehen und äh dann sagte er »das kommt gar nicht in Frage« also äh jedenfalls der Kibbuz war ein Militärlager er war ähm Kibbuz lag zwischen arabischen Vierteln Ramle Lod Latrun und äh er passte auf also war war

[7:03:54] kein Militärlager sondern er war verpflichtet aufzupassen dass keine Übergriffe sind und so weiter wenn wenn etwas geschah zu melden und dann kam Militär also gut mein Br- Bruder kam an mit meiner Schwester die ganze Nacht sind sie nicht eingetroffen und

[7:04:13] ich war schon furchtbar aufgeregt es wäre ziemlich weit das Lager liegt neben Haifa und das Beer Ya'akov ist sehr weit also und meine Schwester äh kam nicht und die die Wächter dort haben mir gesagt ich soll mich beruhigen und schlafen gehen die können

[7:04:28] nicht heute in der Nacht eintreffen die kommen morgen früh also es wurde den nächsten Tag Mittag und wir standen da an mit unserem (_) da hat man uns so einen Schlag Suppe rein gegeben in diesem Lager und ich stand gerade in der Reihe äh vor mir und hinter

[7:04:48] mir stand jemand und plötzlich hörte kam jemand hier an [gestikuliert] und sagte mir ins Ohr rein »Ginchen« das war mein Bruder und ich hab mich umgedreht so und wir haben uns umarmt und wir haben uns geküsst und geweint und [weint]   es war ein ein

[7:05:24] großer Moment nach so vielen Jahren und was er auch und wir auch überlebt hatten und das ist eine war ein unglaublicher Moment und dann hat er uns frei gekriegt und hat uns mit in den Kibbuz genommen   und da im Kibbuz waren nicht genug Zimmer da war ein

[7:05:50] Haus aber nicht genug Zimmer und er und seine Frau sind aus die hatten ein Zimmer in einem Haus und die sind aus dem Zimmer gegangen und meine meine Schwägerin hatte ein schönes Bild von meinen Eltern hingestellt und Blumen und »Herzlich Willkommen« und

[7:06:06] wir dachten das ist unser Zimmer ich habe gar nicht gewusst dass mein Bruder und meine Schwägerin inzwischen in einem Zelt schlafen gegangen sind [lacht] also als wir das dann herauskam haben wir gesagt »wir bleiben hier in dem Zimmer nicht das kommt gar

[7:06:21] nicht in Frage ihr geht zurück in euer Zimmer« mit meiner Schwägerin hatte ich sofort sehr gute Verbindungen sehr gute Verbindungen und ähm jedenfalls äh mein Bruder wollte nicht dass wir in ein Zelt gehen und in diesem Haus das zeigt der Film da hat

[7:06:39] man dann ein kleines Dachzimmer gehabt war ohne Fenster und da haben sie ein kleines Fenster durchgeschlagen da gingen gerade zwei Betten rein und das war neben meinem Mann mein Mann wohnte nämlich im nächsten Zimmer mit noch fünf äh Junggesellen und es

[7:06:57] waren ja keine Mädchen da wie mein Mann schon erzählte und da kamen zwei solche äh Dämchen dort an und äh natürlich hatten wir v- viele Chancen dort und meine Schwägerin sagte zu uns »ja das sind sehr nette Jungs dort oben« aber wir haben die gar

[7:07:19] nicht angeguckt die waren so in den kurzen Khaki-Hosen und weißt du doch bei der Landschaftsarbeit mit diesen Stiefeln voll Sand und also und [lacht] das war also wir haben die ausgelacht und dabei haben wir beide jemand von diesen Jün- Jünglein geheiratet

[7:07:36] also ich Zwi und und die Ruth einen ihren Mann auch dort kennengelernt äh ich will nur erzählen äh   wir waren   wir haben dann dort gearbeitet in der Küche und in der Sanitare da gab -s so eine Toilette die war rund und hatte solche so -ne englische Militärtoilette

[7:08:01] die haben wir auch sauber gemacht und also ich gehe nicht in details es war nicht ein leichtes Leben also wir hatten ich konnte gar nicht als Kinderschwester arbeiten da waren zwei Kinder der Sohn von meinem Bruder und noch von der Hilde Grünbaum de- die

[7:08:19] ersten zwei Kinder vom Kibbuz und die brauchten nicht zehn Pflegerinnen also also man hat dort gearbeitet und ein- wurde eingeteilt in jede Arbeit die man wollte ich habe dann meinen Mann kennengelernt durch dieses Zimmer ich musste immer durch und er hat

[7:08:37] Musik gehört er hatte das kleine Radio das einzige Radio im Kibbuz hat man ihm gegeben weil er klassische Musik liebte und er sich auch nicht unter die Menschen so mischte er ist ein er ist ein Einzelgänger er ist sehr ruhig gewesen und sehr er spricht jetzt

[7:08:57] viel mehr als früher also früher konntest du kaum hören sprechen also er ist so ein introverse zurückgezogener Mensch und ich bin ihm gerade gut rein geflogen weil ich das Gegenteil bin von ihm also ich habe ihn nur gefragt ob ich mich hinsetzen darf und

[7:09:16] Musik hören es gab Mozart es gab Beethoven es gab Schubert Schumann ja also als äh wunderschöne Schubert-Lieder im Radio es gibt hier jetzt auch ich kann -s anmachen es gibt hier einen Sender der heißt Kol äh Kol Ha Musica die Stimme der Musik der geht

[7:09:34] ja 24 Stunden und wir haben -s immer an also auch jetzt äh so haben wir uns kennengelernt und er ist immer gesessen und hat Bücher gelesen und äh und äh da haben wir Musik gehört da haben wir die Bücher gewechselt und äh er las damals schon Hebräisch

[7:09:57] er war sehr interessiert die hebräische Sprache gut und richtig zu können und aber ich nicht ich hab ja nicht so wie er bei einem Lehrer hier gelernt ich hab gleich angefangen zu arbeiten und äh ich war auch nicht auf Hachschara wo man einen Lehrer gibt

[7:10:15] und da waren keine Arbeitshände also haben wir gleich angefangen zu arbeiten aber ja es waren äh im Kibbuz auch viele B- Bücher in deutscher Sprache und so haben wir haben wir Bücher zusammen gelesen und Musik gehört sich ineinander verliebt und dann

[7:10:34] nach einem halben Jahr geheiratet ja   äh ich möchte nur eine Sache erzählen äh die nämlich zu dem Holocaust gehört und wir bekamen dann ein Zimmer wer heiratete bekam ein Zimmer für sich die anderen die Unverheirateten wohnten alle zusammen und Zelte

[7:11:01] oder Baracken oder so aber äh die Zimmer wurden immer für jemand der heiratet gehalten damit man also eben nicht gestört wird und äh Zwi hat von fünf Uhr früh morgens bis spät abends war er beschäftigt also er war äh gehört er war der Leiter von

[7:11:27] dem G- Gemüsegarten dort im Kibbuz das hat er gelernt in Afikim also und der mein machte immer alle sehr gut also äh das ging auch also nur dass man das nachher nicht verkaufen konnte das war was anderes aber jedenfalls äh am Abend war er beschäftigt er

[7:11:49] war es gibt so va'adat chevra va'adat tarbut das sind alles solche so wie in einem äh das Ministerium für Gesundheit das Ministerium für Kultur jeder Kibbuz hat diese kleinen Ministeriums und da sind Chaverim das heißt Leute die dazugehören und die verpflichtet

[7:12:11] sind demgegenüber und er hat hat das auch alles übernommen er war ja äh er war nicht verheiratet und er hatte auch Zeit dafür aber ich war dann auch sehr viel allein nach der Arbeit

[7:12:24] und äh und dann eines Tages das was ich jetzt sagen will ich bin seelisch

[7:12:31] zusammengebrochen und zwar äh à propos Ängste   äh   diese Ängste die wurden wieder stärker äh äh ich konnte nicht mehr lachen ich konnte nicht mehr essen ich wollte mich übergeben eigentlich das was mir neulich passiert ist darum hatte ich auch große

[7:13:01] Angst das nochmal zu machen äh jedenfalls alle diese Symptome waren da und i- ich habe meinen Mann gar nichts davon gesagt ich habe dem Zwi gar nichts gesagt ich hab mich alleine nicht verstanden ich habe niemanden was gesagt aber meine Schwägerin sie war

[7:13:20] Krankenschwester vom Kibbuz und da habe ich einm- eines Tages gesagt »weißt du solche   ich fühl mich nicht gut« ich hab auch furchtbar abgenommen furchtbar abgenommen und ich hab überhaupt nicht verstanden warum andere Leute lachen oder fröhlich sein

[7:13:41] können oder tanzen können äh unten die waren immer Abende wo die man sich getroffen hat und gesungen hat ich konnte das also ich war äh wollen wir sagen deprimiert auch nicht ?   und ich erzählte ihr das sag ich »ich kann das nicht mehr aushalten ich kann

[7:14:04] das nicht mehr aushalten« und sie sagte nur zu mir »weißt du was wir müssen einen Psychiater sehen   und du musst wir fahren nach Tel Aviv es gibt eine Klinik ich bestell dir einen Platz« und da bin ich ge- -fahren mit meiner mit meiner ähm Schwägerin

[7:14:27] nach Tel Aviv aber im Kibbuz wusste niemand niemand wusste überhaupt über meine Angelegenheit und diese zwei Psychiater haben mich ausgehört   und äh ich habe natürlich auch furchtbar geweint dort ich war   ich war sehr sehr äh fertig und die haben mir

[7:14:50] gesagt dass sie können mir nicht helfen aber sie schicken mich auf einen Platz wo wo wo ich Hilfe bekommen kann   ich muss immer sagen bei all diesen schrecklichen Sachen hatte ich immer Glück und da hatte ich auch großes Glück die brachten mich in ein

[7:15:06] Spital für seelisch Kranke also richtig echt seelisch Kranke mit schizophrenia wirklich äh richtige seelische Krankheiten und es nahm mich dort auf ein Professor Winnik   und da war auch eine Krankenschwester dabei und meine Schwägerin im Zimmer in seinem

[7:15:29] Büro und der sagte nur und der hatte den Brief bekommen von den Ärzten aus der Klinik das ist kein Krankenhaus gewesen das ist so ein Tages- äh -klinik und da sagte er zu mir »ich muss Ihnen soeben doch erzählen« und das Glück war dass die alle Deutsch

[7:15:49] sprachen ich kannte gar kein Hebräisch ich konnte noch nicht Hebräisch ich war eine eine Neueinwanderin also konnte mich nicht so ausdrücken wie äh wie es eigentlich vonnöten war also es war   und da fing ich an zu weinen und sagte nur zu ihm »ich kann

[7:16:11] nicht nochmal das alles wiederholen   ich kann das nicht« und da war der sehr nett das war einer aus Deutschland eingewanderter Professor Psychiater also äh und der sagte zu mir der war der Leiter dieses großen äh seelischen Spitals und der sagte zu mir

[7:16:34] »mein Kind« der stand auf der kam zu mir und ich hatte da hat er mich so umarmt und sagte nur zu mir »mein Kind wenn du nicht sprichst kann ich dir nicht helfen« also äh »beruhige dich und versuche dass du mir erzählen kannst«   und so war es dann auch

[7:16:58] und dann habe ich ihm dieselben Sachen erzählt also ich äh ich hatte noch vieles andere zu erzählen was ich hier nicht erzähle äh   und dann sagte er zu mir einen einen Satz »mein Kind hierher gehörst du nicht« also äh nicht zu den Schizophrenischen

[7:17:20] oder so weiter äh er hat gleich festgestellt dass ich einen Nervenzusammenbruch hatte dass ich am Ende war und da gab es hier in Tel Aviv nicht weit von Tel Aviv eine kleine Villa dass äh war äh so wie ein Sanatorium und da konnte man äh bekam man also

[7:17:45] Psychotherapie und man konnte ruhen Handarbeiten machen und also vollkommen mal zur Ruhe kommen   und die Leiterin von diesem S- äh das hieß Shalvata heute ist das ein Riesenspital geworden auf diesem Platz ist jetzt gebaut auch ein seelisches Krankenhaus

[7:18:08] weil man ja jedes Stück Erde ausnutzen muss aber damals war -s eine kleine Villa mit zwei drei Stockwerken mit einem wunderschönen Garten lag in einem äh Orangen- äh -hain   und ich äh kam zu dieser Leiterin und äh die auch eine deutsch eingewanderte

[7:18:34] Psychiaterin war sie äh Frau Doktor Jaffe hieß und damals auch ihr Professorat gemacht hat also die hat dann jahrelang dieses Krankenhaus geleitet als es auch sich vergrößerte eine ganz berühmte Frau geworden auch der Professor Winnik auch   und in äh

[7:18:57] also in auf dem Gebiet der Psychiatrie und die nahm mich auf hörte mich an und die äh war auch wunderbar also ich hatte jeden Tag eine Psychotherapie jeden Tag hat sie mich genommen ich hab gesprochen und hab alles erzählt alles   also viel mehr was ich

[7:19:23] hier erzähle und das auch ganz äh viele schreckliche Sachen und sie war äh also schreckliche Sachen noch schrecklicher also jedenfalls äh sie wusste nicht wie ich warum ich jetzt zusammenbreche warum ich in Berlin zusammengebrochen bin wieso und sie glaubte

[7:19:51] ich bin ein halbes Jahr verheiratet dass vielleicht mein Mann daran Schuld ist also da hat man den Z- Zwi bestellt und einen Rorschachtest gemacht ich weiß nicht ob ihr wisst was das ist und meine Schwester bestellt und einen Rorschachtest und meinen Bruder

[7:20:07] und alle haben sie die Teste durchgehen müssen meinetwegen und dann hat sie gesagt interessanterweise also sie hat das diagnosiert als eine Angstneurose und sie hat gesagt dass nach der Heirat mit Zwi und die Liebe die ich hatte und aufge- äh Geborgenheit

[7:20:30] und Aufgehobenheit also ich hatte mein Zimmer meine Ecke äh mein Mann der für mich alles äh war ich hab immer gesagt zu Zwi »du bist mein mein Vater mein Freund und mein Geliebter« also äh mein Vater   der Verlust von meinem Vater war trotzdem ist er

[7:20:54] Gott sei Dank am Leben geblieben aber ich habe ihn ja 18 Jahre nicht gesehen und das hab ich auch noch nicht erzählt dass ich ihn wiedergesehen habe äh war war furchtbar traumatisch für mich weil meine Mutter   die habe ich leiden und sterben gesehen ich

[7:21:13] habe eigentlich schon begriffen mit acht und neun Jahren die ist gestorben da war ich gerade neun alt   tja ich habe miterlebt wie sie gelitten hat und ich habe gewusst der Tod war für sie eine Erlösung also ich wusste für sie war das das Beste wenn man

[7:21:33] nicht gesund wird aber mein Vater da hatt ich solch eine Sehnsucht ihn wiederzusehen das kann man sich überhaupt nicht vorstellen und ähm ja also mein Mann wurde dann alles musste alles für mich sein und das ist natürlich für ihn auch schwer gewesen aber

[7:21:54] er hat es erfüllt also vollkommen erfüllt und die   also die Doktor Jaffe hat gesagt äh er hat da war ich zwei Monate zwei Monate Psychotherapie vollkommene Ruhe viel geschlafen   also gut gegessen   ich bin ganz dick geworden dort und viele Handarbeiten

[7:22:20] gemacht also auf lesen konnte ich mich ja nicht konzentrieren Handarbeiten und dann auch spazieren gegangen Zwi ist dann mich besuchen gekommen wir sind spazieren gegangen in den Orangenhainen und in der schönen grünen Umgebung es war wirklich äh eine wunderschöne

[7:22:41] Umgebung   und nach zwei Monaten als ich dieses Spital dieses Sanatorium es war ja kein Spital Sanatorium verlassen musste da fragte sie mich ob ich bereit bin ähm ob ich bereit bin äh eine Psychologin zu bekommen draußen die mir ein weiter Psychotherapie

[7:23:06] gibt und sie möchte sie mir kennenlernen und da hab ich gesagt »bitte schön« und dann habe ich die Doktor Wilmersdorfer kennengelernt was auch wird mir dann machen äh eine Frau die eigentlich äh eine Kinderärztin war und und auch sich in Psycho- äh

[7:23:27] Psychologia und Psychotherapie ähm äh   wie nennt sich das ? also  

Daniel Baranowski

[7:23:36] spezialisiert hat ?

Regina Steinitz

[7:23:38] ja spezialisiert hat und

Daniel Baranowski

[7:23:41] können wir noch eine kurze Pause machen bitte in diesem Moment ?

Regina Steinitz

[7:23:43] ja bitte bitte [Schnitt]   ja wir sprachen von dem dass ich behandelt wurde durch den Professor Jaffe und das ging zwei Monate lang mit Psychotherapie mit gutem Essen und besonders mit äh äh wunderbarer mit also Ruhepausen das heißt ich konnte endlich mal

[7:24:08] zur Ruhe kommen ich konnte ja auch in Berlin nach dem Krieg nicht zur Ruhe kommen weil ich dort im Jüdischen Kinderheim arbeitete weil ich im Gabbe-Gymnasium lernte und weil auch viele andere Sachen also Konzerte und Opern und und diese äh Gruppe mit der

[7:24:24] ich mich traf und so weiter ich war immer noch äh sehr sehr beschäftigt und das erste Mal in meinem Leben nach der Ehe äh äh war ich eigentlich viel allein im Zimmer meine Schwester war noch mein Bruder hatte seine Frau und seinen Sohn und äh waren beschäftigt

[7:24:45] und meine Schwester war eben eine Junggesellin sie war eben noch nicht verheiratet und die vergnügte sich und tat was äh und arbeitete natürlich auch also jedenfalls ähm in die äh ich bekam eine sehr gute Pflege diese zwei Monate und die Möglichkeit

[7:25:05] von vollkommener Ruh und meine Sch- Geschwister kamen mich besuchen und Zwi kam sehr oft angefahren und wir sind spazieren gegangen in die Natur und alles hat mir sehr gut getan und am Ende wir als ich verließ bekam ich als Psychotherapeutin die Doktor Wilmersdorfer

[7:25:30] die eine Kinderärztin war und spezialisierte sich auf Psychiatrie und Psychotherapie und äh die wohnte in Ramat Gan sie war selbst eine Mutter von drei Kindern und ihr Mann war äh ein Internist und Gynäkolog und er war die waren aus Würzburg und er war

[7:25:57] dort der Chef einer internen Abteilung und als Hitler an die Regierung kam äh wurde er aus von seiner Arbeits- -platz herausgeworfen und der ist dann gleich nach Israel die kamen hier glaube ich ins Land war 1934 der hat gesagt hier hat er nichts mehr zu

[7:26:18] suchen und so haben diese Leute beide eine Praxis eröffnet in Ramat Gan und sie waren äh also ihr sie brachten auch ihre Kinder schon mit ich gehe jetzt nicht in die details über ihr Leben aber sie wohnten in einer sehr kleinen Wohnung am Tage war das eine

[7:26:41] Praxis von ihm und eine Pra- Kinderpraxis von ihr und in der Nacht war -s der Salon und und das Schlafzimmer also das waren die Bedingungen hier und äh also sie haben sich nicht beklagt und sie haben sehr viel Gutes getan sehr viel Gutes ich hatte auch äh

[7:27:00] eine starke Freundschaft mit ihm ähm und das Besondere an dieser Frau war dass ich zu ihr kommen konnte und gehen konnte wann ich fühlte ich muss zum Beispiel wenn ich mich nicht gut fühlte dann äh in der Nacht oder was und sie fing ihre Praxis an um halb

[7:27:24] neun oder dann sagte sie »Regina« und dann ich hatte damals arbeitete ich schon im Spital auch dann sagte sie mir »komm um sechs Uhr sei bei mir« und dann war ich bei ihr und war -ne Stunde und dann bin ich zur Arbeit gefahren und sie hat ihre Arbeit angefangen

[7:27:40] also in den unmöglichsten Stunden des Tages oder der Woche oder wie hat sie wenn sie wenn ich es nötig hatte hat sie mich empfangen und das ging so jahrelang also erst dreimal in der Woche dann zweimal in der Woche dann einmal in der Woche dann einmal das

[7:28:02] einmal in vierzehn Tage und also diese Psychotherapie äh ging eigentlich jahrelang und ähm ich war mit ihr befreundet   sie wurde 93 Jahre alt ihr Mann starb früher und sie war in einem Altersheim und ich habe sie immer besucht wir waren eigentlich in Freundschaft

[7:28:29] bis zu dem Moment wo sie gestorben ist also äh das Großartigste an der Angelegenheit war so dass wir hatten beide Distanz einer von dem anderen wir wussten wir dürfen uns nicht zu nahe kommen also die Freundschaft durfte sie durfte für mich keine Mutti-

[7:28:49] Mutter-Ersetzung sein weil das vom psychologischen Standpunkt eben nicht gesund ist und das habe ich ja selbst inzwischen hatte ich selbst studiert Psychologie und äh und wusste das und äh also wurde das immer irgendwie respektiert aber wir waren eigentlich

[7:29:10] immer einer für den anderen da irgendwie dann als sie allein blieb und alt wurde   sie hatte ihre Kinder sind erwachsen der Sohn ist ein Arzt äh und so weiter aber ich glaube ich war für sie sehr sehr bedeutend und sie war für mich sehr bedeutend ja soll

[7:29:33] ich das Bild zeigen ? also das ist sie Doktor Wilmersdorfer [zeigt Foto] Anne Wilmersdorfer   ja ich hab noch ein Bild mit ihr und meiner Enkeltochter [zeigt Foto] als die klein war die Shira die da steht   da ist auch ein kleines Bild von mir mit meinem

[7:30:05] Sohn am (__)   also diese Frau war ausgesprochen bedeutungsvoll für mich weil ähm sie mich vollkommen verstand das Interessante ist dass alle Ärzte die mich gepflegt hatten waren aus Deutschland sind weg wegen Hitler ja haben sie Deutschland verlassen müssen  

[7:30:32] und äh   und sie verstanden was ich überlebte also das war natürlich sehr sehr wichtig wichtig war auch die Sprache ich konnte mit denen sprechen also das ich konnte noch nicht gut Hebräisch ich hätte mich nicht so ausdrücken können die waren einfach

[7:30:54] sie haben mich einfach gut verstanden und ich hatte Glück ich sage das jetzt und äh dass das mir mit 19 Jahren passiert ist der Zusammenbruch weil durch diesen Zusammenbruch bekam ich sehr früh äh psychologische Hilfe was die anderen leider Überlebenden

[7:31:14] überhaupt nicht bekamen nur wer zusammenbrach oder krank wurde irgendwie der bekam Hilfe aber die anderen denen denen der denen ist das gar nicht zugekommen und das ist eine äh das ist bis heute nicht wieder gut zu machen ich meine diese Leute waren waren

[7:31:34] traumatisiert und die hätten die hätten Hilfe gebraucht das sind viele die sich auch das Leben genommen haben auch der Bruder von meinem Schwager hat sich das Leben genommen hier in Israel und es es gab viele äh die nicht mehr weiter leben konnten nach

[7:31:52] dem nach dem Holocaust

Daniel Baranowski

[7:31:55] war die Therapie auf Deutsch ?

Regina Steinitz

[7:31:58] ja

Daniel Baranowski

[7:32:00] die ganze Zeit ?

Regina Steinitz

[7:32:02] die ganze Zeit die ganze Zeit ja wir haben sie und ich haben immer Deutsch miteinander gesprochen dann äh sie konnte Hebräisch und ich konnte auch Hebräisch aber ich weiß nicht ich kann mich nicht erinnern dass wir Hebräisch gesprochen immer Deutsch gesprochen

[7:32:15] das das war schon so natürlich das hat so angefangen und ähm sie war auch weiter Kinderärztin sie war -ne sehr gute Kinderärztin auch eine fantastische Kinderärztin nur ich wurde dann äh ich spezialisierte mich auf Kinder also ich verstand dann viel

[7:32:35] von äh Kindermedizin also das hat uns auch verbunden miteinander   aber was sie getan hat sie hat mir immer Mut gegeben alle beim Studieren »ach das kannst du« sagt sie hat sie immer zu mir gesagt und und äh »ach das wirst du schon schaffen« und so also

[7:32:54] niemals äh ich hatte ja Komplexe weil ich ja wirklich ein großes Loch hatte in mein- in meiner Schulbildung und ich Angst hatte dass äh solche schwere Materie zu übernehmen aber es ging mir wirklich gut ich habe wirklich gut studiert ich habe es geliebt

[7:33:20] gut verstanden und viel Erfolg gehabt also äh und das hätte ich nicht ohne sie sie hat in mir mein Vertrauen erweckt und äh mir mein Selbstbe- mich also in meinem Selbstbewusstsein äh gestärkt und äh viele Ängste die ich hatte sind natürlich nicht

[7:33:42] ganz weg aber sie sind äh sch- viel schwächer geworden ich konnte also leben mit denen das war natürlich -ne eine eine wunderbare Sache   ja und dann äh   kann ich es ihr eigentlich verdanken dass ich der Mensch geworden bin der ich heute bin der ich heute

[7:34:04] bin ihr und der Doktor Jaffe und dem Professor Winnik und äh all diese Leute die die glücklicherweise bin ich in solche Hände gefallen als es mir so schlecht ging ich hab ja das gar nicht alles richtig verstanden  

[7:34:22] und das ist jetzt äh möchte ich jetzt

[7:34:29] erzählen über den das erste Treffen mit meinem Vater   äh das ist schwer zu glauben aber so ist es im Leben   es äh wir sollten ja zusammenkommen dass wir gleich nach Amerika kommen und das konnten wir nicht wegen dem Namen und wegen dem wegen dieser Geschichte

[7:34:50] mein Vater hatte auch Angst dass Gott behüte wenn dann nimmt man ihm seine Staatsangehörigkeit weg er hatte auch Ängste in sich er war auch ein Kind vom Ersten Weltkrieg Zweiten Weltkrieg also und dazwischen und von den Nazis verfolgt worden weil er sich

[7:35:08] immer auf dieses Polizeipräsidium me- melden musste und so weiter er war ein verängstigter Mann mein Bruder sagt mir das immer »ach hat der Angst gehabt um jede Sache« also der ist immer der Polizei aus dem Weg gegangen in New York gar nichts getan aber

[7:35:25] er er da hab ich gesagt »ja das verstehst du nicht« zu meinem Bruder der 17 Jahre jünger ist als ich wie konnte er seinen Vater verstehen ich habe ihn verstanden aber äh äh das konnte er nicht weil er ist einem freien liberalen und toleranten Land aufgewachsen

[7:35:41] in einer Demokratie also hat er das nicht so begriffen aber jetzt ist folgende Sache wir waren hier in Israel und keiner hatte Geld wir hatten nicht Geld nach Amerika zu fahren und mein Vater war wieder jung verheiratet der war gar nicht jung der war schon

[7:36:04] an die vierzig also und da waren kamen diese Zwillinge auf die Welt und er musste arbeiten und das Geld hat nicht gereicht für -ne Auslandsreise die damals mit -m Schiff ging es war noch kein Flug und das wahnsinnig viel Geld kostete   und das ging immer so

[7:36:28] jahrelang das wir »wann kommst du ? wann kommst du ?« und so weiter also jedenfalls nach vielen Jahren ist er dann Gott sei Dank hier eingetroffen und das ist eine Sache die wenn man mir das vorher gesagt hätte hätte ich nicht er- nicht geglaubt dass mir

[7:36:46] so etwas passieren konnte ich war schon viele Jahre nach Psychotherapie ja also das ist äh ich hätte das nicht geglaubt aber mein Vater kam mit einem Schiff hier an über Neapel   und äh wir fuhren alle nach Haifa   alle meine Brüder mein anderer Bruder

[7:37:11] aus England war auch hier und äh die Kinder auch und mein Mann auch wir fuhren alle nach Haifa und da stand das große Schiff und da waren Barrikaden gestellt worden dass man nicht an das Schiff ran geht und mein Vater stand da oben und mit -m Hut weißt

[7:37:34] du so echt amerikanisch sah er aus und ich konnte mich nicht beherrschen dass ich nicht an das Schiff ran gehen kann dass ich nicht rauf laufen kann und in die in die Arme nehmen kann und ich bin dann unter die Barrikaden da war so so höh- gehöht darunter

[7:37:54] bin ich auf -m Bauch durch mein Mann und meine Schwester war auch dabei mein Mann und alle haben d- das Herz stehen geblieben dass ich bin da durch gelaufen zu dem Schiff hoch und ich hab nur immer gerufen »Papachen Papachen Papachen« und mein Papa hat gesagt

[7:38:12] »Ginchen geh zurück ! Ginchen geh zurück !« und [lacht] der hat gar nicht eigentlich gewusst was äh was mit mir los ist ja es ich war ich war nicht ich war damals 25 Jahre alt aber ich war nicht 25 ich war sieben Jahre alt so wie mein Vater mich verlassen

[7:38:36] hat ich hab es selbst nicht verstanden dass ein Mensch kann so reagieren und dann ist mein Vater v- vom Schiff runter der erste der an seinem Hals hang war ich die anderen also meine Schwester zum Beispiel da- die anderen mussten alle zurücktreten und dann

[7:38:58] äh ich war während mein Vater war hier sechs Wochen während diesen sechs dieser sechs Wochen war ich immer mit ihm zusammen wenn er auf die Toilette ging stand ich vor der Tür und wartete er soll wieder raus kommen er ist einmal von Rischon LeZion wir

[7:39:17] wohnten in Rischon LeZion ist er einmal zu meiner Schwester gefahren die war schwanger hochschwanger mit ihrer Tochter die gebar sie auch als mein Vater noch hier war und äh und ich und er kam nicht zurück kam nicht zurück und ich stand am Autobus ziemlich

[7:39:35] weit von meiner Wohnung entfernt bis zwölf Uhr nachts Autobus das aus Tel Aviv kommt und und wartete auf meinen Vater und dann stieg er aus und er sagte »was machst du denn hier um Gottes Willen« »ja ich hab auf dich gewartet« ich habe   es war un-

[7:39:58] un- unglaublich äh die Angst ihn wieder zu verlieren die Angst   ist unerklärlich ich bin mit meinem Vater durch Israel gefahren Geld hatten wir nicht so haben wir Geld geliehen er wir haben ihm auch nicht gesagt dass wir kein Geld haben also mit diesem gepumpten

[7:40:20] Geld bin ich mit ihm habe ich ihm Israel gezeigt ich war mit ihm in Jeruschalajim ich war mit ihm im Galil und im Auto äh habe ich seine Hand gehalten und furchtbar geweint in bei der Fahrt und er sagte »Ginchen warum weinst du denn ?« da hab ich ihm gesagt

[7:40:40] ähm   »ja ich weine aus Freude Papachen mach dir keine Sorgen ich hab ich hab nur aus Freude« ich hab seine Hand gehalten (_) also äh ich wollte eigentlich mit ihm gleich zusammen nach Amerika fahren ich wollte meinen Mann lassen mein Kind lassen also nur

[7:41:04] das hatte ich im Kopf und der Zwi hat überhaupt nicht verstanden d- das war ihm fremd und äh ich hab mich selbst nicht verstanden also das will ich nur sagen dass äh ich hatte das Glück meinen Vater wiederzusehen andere hatten ja nicht das Glück ich hatte

[7:41:25] das Glück und zwar hat es 18 Jahre gedauert wir haben ich hab hier Bilder äh wo wir alle vier drauf sind mein Vater mit uns drauf ist

Daniel Baranowski

[7:41:37] möchten Sie das noch zeigen ?

Regina Steinitz

[7:41:39] ja ich ähm [sucht] das ist hier in diesem Ding drin in diesem warte mal ich hab aber ein großes Bild das werde ich dann auch zeigen   ja und äh   das ist auch ein Bild von nicht von meinem Vater [zeigt Foto] von meinem Bruder Benno als er Auschwitz also

[7:42:05] das ist hier von aus -m Land hier geschickt zu uns nach Berlin das erste Bild sieht er auch sehr traurig aus   und das ist das Bild [zeigt Foto] sind wir alle vier zusammen   in der Mitte mein Vater fünfzig Jahre alt meine Schwester   meine Schwester Ruth

[7:42:38] die schwanger ist in den letzten Tagen der Schwangerschaft also äh mein Bruder Theo der mit dem Kindertransport nach England ist und mein Bruder Benno der in Auschwitz war weiß jetzt nicht äh wo einer steht links werde man gleich sehen [zeigt auf das Foto]

[7:42:57] das ist Theo und das ist Benno  

Daniel Baranowski

[7:43:03] ist das das ist in Israel ja

Regina Steinitz

[7:43:08] ja in Israel im Kibbuz

Daniel Baranowski

[7:43:10] ist das bei dem ersten Zusammentreffen ?

Regina Steinitz

[7:43:14] ja ah das ist nicht im Kibbuz das ist in das ist in Rischon oder im Kibbuz also mein Bruder war noch damals im Kibbuz also aufgenommen ich werde Ihnen ein anderes Bild äh kann ich einen Moment aufstehen und das Bild bringen ? [Schnitt]  

Daniel Baranowski

[7:43:30] also das ist auch ein Bild was an dem gleichen Tag entstanden ist und was bei Ihrem Vater in der Wohnung

Regina Steinitz

[7:43:44] [zeigt Foto] ja in seinem Schlafzimmer und dann ist er gestorben und auch sie ist gestorben seine zweite Frau und dann habe ich das Bild bekommen  

Daniel Baranowski

[7:44:03] ja Frau Steinitz jetzt sind wir alle sprachlos gerade

Regina Steinitz

[7:44:12] warum ?

Daniel Baranowski

[7:44:15] vielleicht weil es jetzt ein eine Art Abschluss irgendwo war ich würde trotzdem Sie gerne noch fragen ob Sie ähm am Ende ähm noch allgemein etwas sagen möchten

Regina Steinitz

[7:44:27] mhm [nickt]

Daniel Baranowski

[7:44:30] oder es muss auch nicht allgemein sein es kann auch was ganz Spezifisches ruhig sein

Regina Steinitz

[7:44:38] [gleichzeitig:] nein wir ich denke ich denke ich habe über die wichtigsten Sachen gesprochen die eigentlich zum Holocaust gehören die spätere Entwicklung eines Menschen äh hat ja jeder Mensch äh individual ob er gut oder schlecht aufgewachsen ist das

[7:44:57] hat er ja und so weiter ich hatte Glück mit meiner späteren Entwicklung ich hatte Glück mit meinem Beruf den ich liebte ich hatte Glück mit meiner Familie mit meinem Mann mit meinen Kindern ich hatte ich habe meine Zwillingsschwester ich hatte Glück meine

[7:45:18] Brüder wiederzufinden   äh Benno und Theo und meinen Vater wiederzufinden ich bin oft nach Amerika gefahren das Geld zusammen gegrabbelt und bin nach Amerika gefahren um meinen Vater als er das erste Mal hier war und ich gesehen hab dass diese Sehnsucht so

[7:45:40] stark ist hab ich gesagt »ich muss das loswerden das muss sich normalisieren ich kann nicht damit bleiben« und ich bin sehr oft nach Amerika gefahren meine Schwester auch einmal sie und einmal ich und so waren wir dann jahrelang oft mit dem Papa zusammen

[7:45:58] außerdem mit seiner Familie er hat zwei Söhne äh die ähm zwei sehr nette Jungs sind Ingenieure verhei- gut verheiratet mit netten Frauen und Kindern und da wenn ich heute nach Amerika fahre ich natürlich die besuchen aber ich fahre nicht nach Amerika

[7:46:24] ist jetzt zu weit aber ich bin auch gefahren nachdem mein Vater schon nicht mehr gelebt hat um ich war so ich war sehr gebunden und habe auch meine Tante wieder getroffen meinen Onkel meine Cousins mit denen wir sehr zusammen äh eigentlich aufgewachsen sind

[7:46:40] mit den Familien die haben Kinder und Enkelkinder und also am Ende kann ich von mir selbst sagen ähm dass meine Familie irgendwie wieder zusammengekommen ist und das wäre ja auch nicht geschehen im Leben wenn es keine Flugzeuge gäbe wie das heute gibt früher

[7:47:09] nach Amerika fahren das war -ne [lacht] wer ist nach Amerika gefahren also ich meine nur ganz steinreiche Menschen aber heute kann man zwei drei Jahre sparen und man kann ein Flugzeug sich leisten und wenn man bei jemandem wohnt braucht man kein Hotel und

[7:47:26] ich hab immer bei meinem Papa gewohnt oder bei meinem Bruder   der Mama also äh man kann sich wiedersehen auch wenn man in zwei Welten wohnt ja und in der Hinsicht kann ich sagen hab ich viel Glück gehabt im Leben   trotz des Unglücks viel Glück  

[7:47:49]

Daniel Baranowski

[7:47:51] dann bedanken wir uns sehr herzlich vor allen Dingen angesichts der Tatsache ähm dass es Ihnen gar nicht so gut ging mit diesem Interview dass sie das trotzdem zweimal auf sich genommen haben wir heute wieder zu Ihnen kommen konnten und Sie so ausführlich

[7:48:12] erzählt haben vielen vielen Dank

Barbara Kurowska

[7:48:15] vielen Dank

Regina Steinitz

[7:48:17] bei uns sagt man la bri'ut zu Ihrer Gesundheit [lacht]

Daniel Baranowski

[7:48:20] vielen Dank

Datum Ort Text
ab 1930 Berlin gemeinsame Geburt mit der Zwillingsschwester Ruth als Töchter einer christlichen Mutter und eines jüdischen Vaters
ab 1936 Berlin Besuch der Jüdischen Mädchenvolksschule in der Auguststraße
ab 1938 Großbritannien nach den Novemberpogromen Auswanderung des Bruders Theo mit einem Kindertransport nach England
ab 1938 New York City Auswanderung des Vaters in die USA
ab 1940 Berlin Tod der Mutter an Tuberkulose
1940 - 1942 Berlin Unterbringung mit Ruth im Jüdischen Kinderheim Fehrbelliner Straße 92
1942 - 1943 Berlin Räumung des Jüdischen Kinderheims, Unterbringung bei der Pflegefamilie Schier, Arbeit bei der Jüdischen Gemeinde
1943 - 1945 Berlin Rettung und Aufnahme gemeinsam mit Ruth durch Onkel und Tante
ab 1943 Berlin Haft im Gestapo-Gefängnis Große Hamburger Straße und Verhör in der Gestapo-Hauptzentrale Burgstraße
1945 - 1947 Berlin Ausbildung zur Kinderkrankenschwester im Jüdischen Kinderheim Niederschönhausen, Abitur und Wiedersehen mit dem Bruder Theo
ab 1945 Berlin Befreiung durch die Rote Armee
ab 1948 Netzer Sereni (Kibbuz Buchenwald) gemeinsame Auswanderung mit Ruth nach Israel, Wiedersehen mit dem Bruder Benno und Heirat mit Zwi Steinitz
ab 1951 Rischon LeZion Umzug nach Rischon LeZion
ab 1956 Tel Aviv Wiedersehen mit dem Vater
1957 - 1995 Tel Aviv Ausbildung und Arbeit als Kinderkrankenschwester, als Lehrerin in einer Schwesternschule und als Leiterin eines Beratungszentrums für schwangere Mütter und Neugeborene
ab 2011 Berlin Zeitpunkt des Interviews (1. Teil)
ab 2011 Tel Aviv Zeitpunkt des Interviews (2. Teil)
Regina Steinitz wurde am 24. Oktober 1930 gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester als Tochter einer christlichen Mutter und eines jüdischen Vaters in der Berliner Charité geboren. Die beiden Elternteile waren nicht verheiratet, so dass die Mädchen den Familiennamen ihrer Mutter, Martha Anders, annahmen. Außer ihrem Vater, Simon Welner, lebten noch die beiden Halbbrüder Benno und Theo Raifeld aus der ersten Ehe der Mutter mit Moritz Raifeld, einem jüdischen Fotografen, mit ihnen in Berlin-Mitte. Bereits die ersten Kindheitserinnerungen von Regina Steinitz sind durch die nationalsozialistische Herrschaft geprägt, die sich schon früh in Bücherverbrennungen, Fackelzügen und der Allgegenwärtigkeit antisemitischer Parolen zeigte. Trotzdem versuchten die Eltern, ihren beiden »Püppchen«, wie die Zwillingsschwestern in der Familie genannt wurden, eine sorgenfreie Kindheit zu bereiten, indem sie mit ihnen viele Unternehmungen und Ausflüge machten. Doch das Klima der Angst hielt schon bald Einzug in das Familienleben – ab 1935 musste sich der Vater von Regina Steinitz, ein polnischstämmiger Jude, regelmäßig auf dem Polizeipräsidium melden, um seine Aufenthaltsgenehmigung verlängern zu lassen. Auch in der Jüdischen Mädchenvolksschule in der Auguststraße, die Regina und Ruth ab 1936 besuchten, versuchten die Lehrer die Kinder von der antisemitischen Stimmung abzulenken, individuell zu fördern und ihnen durch Gedichte und gemeinsames Singen Hoffnung und Trost zu spenden. Im März 1938 gelang es dem Vater, Deutschland im letzten Moment zu verlassen, nachdem er durch seinen in New York lebenden Bruder eine Aufenthaltserlaubnis erhalten hatte. Während der Novemberpogrome 1938 lief Regina Steinitz gemeinsam mit ihren Brüdern zur Synagoge in die Oranienburger Straße, um zu retten, was zu retten war: Ihnen gelang es, einige Bücher und Schriften aus der vollständig in Flammen stehenden Synagoge zu bergen und diese ins sichere Zuhause zu bringen. Danach lief sie alleine zum Alexanderplatz und beobachte fassungslos, wie jüdische Geschäfte von der entfesselten Menschenmenge geplündert und angezündet wurden. Ihr Bruder Theo fand die damals Achtjährige inmitten des Aufruhrs und brachte sie sofort in Sicherheit.

Kurze Zeit später gelang es der an Tuberkulose erkrankten Mutter, dem Bruder Theo einen Platz für einen der rettenden Kindertransporte nach England zu organisieren. Der Bruder Benno und die beiden Zwillingsmädchen blieben bei ihrer Mutter, die am 7. Januar 1940 an den Folgen der Krankheit verstarb. Benno ging mit seiner Hachschara-Gruppe nach Schniebinchen, während Ruth und Regina nach einigen Wochen bei ihrem Onkel Robert, dem Bruder der Mutter, ins Jüdische Kinderheim in der Fehrbelliner Straße 92 kamen. Nach und nach fassten die beiden zu den Erzieherinnen und den anderen Kindern im Kinderheim Vertrauen und Regina Steinitz schloss viele Freundschaften in dieser Lebens- und Leidensgemeinschaft. An die vielen Schicksale der Zöglinge und Waisen zu erinnern, begriff sie zeitlebens als ihre Verpflichtung. Als Gerüchte aufkamen, dass das Jüdische Kinderheim geschlossen werden sollte, lief sie zu ihrem Vormund, Frau Doktor Silbermann, die bei der Jüdischen Gemeinde arbeitete, und bat sie unter Tränen, sich um eine Pflegefamilie für die beiden Zwillingsschwestern zu kümmern.

Dies war die erste Lebensrettung, denn Frau Doktor Silbermann gelang es, für Regina Steinitz und ihre Zwillingsschwester Ruth eine Pflegefamilie zu finden. Während die beiden bei dem Ehepaar Schier unterkamen, wurden die ehemaligen Erzieherinnen und Freunde aus dem Kinderheim Fehrbelliner Straße 92 deportiert, »sie waren einfach nicht mehr da«. Fortan waren die Zwillingsschwestern bei der Jüdischen Gemeinde zum Arbeitsdienst eingeteilt und es war ihnen nicht mehr möglich die Schule zu besuchen. Auch im Alltag kam es immer öfter zu lebensbedrohlichen Situationen. Auch wenn der Familie immer wieder Unterstützung durch mutige Einzelpersonen zuteil wurde, konnten sie ihrem von den Nationalsozialisten zugedachten Schicksal nicht entkommen: Im März 1943 wurden sie von der Gestapo verhaftet. Voller Ungewissheit schrieb Ruth einen Abschiedsbrief an die Verwandten, den der Onkel Robert über Umwege erhielt. Daraufhin wurde er sofort tätig, um die Schwestern zu retten: Dies war die zweite Lebensrettung, denn er wendete sich an die Gestapo und beteuerte, dass ein Irrtum vorliegen müsse: Die Kinder trugen den Namen der christlichen Mutter, über die Identität und den Verbleib des Vaters wisse man nichts. Da die Gestapo-Beamten nichts über die Identität des Vaters in Erfahrung bringen konnten, ließen sie die Zwillingsschwestern vorerst frei. Fortan lebte Regina Steinitz bei Onkel und Tante und Ruth bei der Großmutter mütterlicherseits. Der Onkel trug den beiden Schwestern auf, sich bei der Gestapo und in der Öffentlichkeit als Christinnen auszugeben. Die Bombenangriffe machten den nationalsozialistischen Behörden die weiteren Nachforschungen schwer. Nachdem eine Bombe das Gestapo-Gebäude getroffen hatte, wurden die Untersuchungen unterbrochen, so dass Regina Steinitz und Ruth bis zur Befreiung Berlins durch die Rote Armee überleben konnten.

Nach Kriegsende begann Regina Steinitz durch Vermittlung von Siegfried Baruch eine Ausbildung als Kinderkrankenschwester im Jüdischen Kinderheim Niederschönhausen. Lange Zeit war es für sie ungewohnt, über ihre freie Zeit eigenmächtig bestimmen zu können. Neben der Teilnahme am wieder erwachenden jüdischen Leben in Berlin las sie viel und begann noch während der Ausbildung, ihr Abitur nachzuholen. Schon bald erfuhren die Zwillingsschwestern vom Überleben ihrer beiden Brüder. Über ihren Vater, von dem sie inzwischen gehört hatten, gelang es ihnen, mit Theo in Kontakt zu treten, der als Soldat der englischen Armee in Europa stationiert war. Ihr Wiedersehen mit Theo nach acht Jahren war für Regina Steinitz ein »fantastischer Moment«.

Nach der Staatsgründung Israels bemühte Ruth sich eigenmächtig um eine Ausreisebewilligung für die beiden. Sie verließen Berlin und erreichten nach einer anstrengenden und ergreifenden Überfahrt den neu ausgerufenen Staat Israel. Sie trafen Benno wieder, der das Konzentrationslager Auschwitz überlebt hatte, und zogen zu ihm in den Kibbuz Netzer Sereni. Dort lernte Regina Steinitz ihren zukünftigen Ehemann Zwi kennen, mit dem sie zwei Kinder bekam. In ihrem Beruf als Kinderkrankenschwester und als Ausbilderin war sie sehr erfolgreich. Nach 18 Jahren der Trennung traf sie 1956 schließlich ihren Vater zum ersten Mal wieder. Alle Familienmitglieder hatten das Glück, den Holocaust überlebt zu haben. Doch die emotionale Last des eigenen Überlebens wog so schwer, dass intensive psychologische Hilfe notwendig war, um diese Tatsache zu verwinden und mit den Widersprüchen leben zu können.