Ilse Heinrich (*17.07.1924, Hornstorf)
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- Signatur
- 01134/sdje/0031
- Institut
- Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin
- Sprache
- deutsch
- Ort und Datum der Aufnahme
- Berlin, den 5. April 2011
- Dauer
- 01:53:52
- Interviewter
- Ilse Heinrich
- Interviewer
- Gabriele Zürn , Daniel Baranowski
- Kamera, Licht und Ton
- Daniel Hübner
- Teilnehmer am Gespräch
- Lennart Bohne
- Redaktion
- Lennart Bohne
- Transkription
- Lennart Bohne
Nachdem es ihr fast ein Jahr lang gelungen war, Zwangsarbeit und Misshandlungen im Konzentrationslager Ravensbrück zu überleben, kehrte die zwanzigjährige Ilse Heinrich im Mai 1945 zu ihrer Familie zurück. Doch auch dort stieß die vom nationalsozialistischen Regime als »asozial« Verfolgte auf Ablehnung. Mit dem Tod ihrer Mutter im Jahr 1930 begann für Ilse Heinrich eine schreckliche Leidenszeit. Die zweite Frau ihres Vaters zwang sie nach Beendigung ihrer Schulzeit, auf einem nahe liegenden Bauernhof zu arbeiten. Immer wieder flüchtete sie von dort, weil sie sich in der Stadt ein eigenes Leben aufbauen wollte. Schnell geriet sie so in das Visier der nationalsozialistischen Behörden, wurde verhaftet, als »arbeitsscheu« klassifiziert und musste ab 1943 Zwangsarbeit im Güstrower Schloss leisten. Im August 1944 wurde sie nach Ravensbrück deportiert. Sie überlebte das Konzentrationslager und entging dem Todesmarsch, doch mit der endgültigen Befreiung durch die Rote Armee erlitt sie den nächsten Schicksalsschlag: Sie fiel einer Vergewaltigung zum Opfer. Nach mehreren Jahren ohne ein festes Zuhause »begann« ihr Leben erst 1951 in Berlin, wo sie ihren späteren Mann kennenlernte und eine Familie gründete. Von Anfang an pflegte Ilse Heinrich einen offenen Umgang mit ihrer Verfolgungsgeschichte und begann schon früh, sich als Zeitzeugin zu betätigen. Zum Zeitpunkt des Interviews war sie 86 Jahre alt.
Vorkontakte
Der Kontakt zu Ilse Heinrich wurde über Constanze Jaiser (Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas) vermittelt. In einem Vorgespräch am 4. April 2011 wurden Ilse Heinrich, die von ihrer Schwiegertochter Barbara Buschmann begeleitet wurde, das Denkmal für die ermordeten Juden Europas, der Ort der Information und das Videoarchiv vorgestellt.
Bedingungen
Das Interview fand im Ort der Information statt.
Gruppensituation
zwei Interviewer, ein Kameramann (Daniel Hübner), ein Hospitant (Lennart Bohne) und Ilse Heinrichs Schwiegertochter Barbara Buschmann, die im Verlauf des Interviews mehrfach von Ilse Heinrich angesprochen wurde
Unterbrechungen
zwei Unterbrechungen, um Fotos und Dokumente zu sortieren, die anschließend gezeigt wurden
Protokoll
Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin
[0:00] ja wir sind im Ort der Information am Denkmal für die ermordeten Juden Europas heute ist der fünfte April 2011 wir begrüßen Ilse Heinrich mit der wir heute ein Interview führen werden außerdem ist ihre Schwiegertochter Barbara Buschmann anwesend ich
[0:19] bin Daniel Baranowski führe das Interview zusammen mit Gaby Zürn Daniel Hübner ist für Kamera Licht und Ton zuständig und Lennart Bohne der im Projekt »Sprechen trotz allem« für das wir dieses Interview führen für die Organisation und den Ablauf
[0:36] verantwortlich ist ist ebenfalls anwesend [Schnitt]
[0:38] noch nicht ? ah jetzt rotet Licht bin Ilse Heinrich bin 86 Jahre alt und ich möchte gerne meine Leidensgeschichte erzählen und zwar ich bin geboren als TBC-kranker Mensch meine Mutter war schwer TBC-krank habe sie verloren wo ich vier Jahre alt war
[1:07] ja und dann fing mein schwere Kindheit an mein Vater hat nach einem Jahr wieder geheiratet es kam dann die Stiefmutter ins Haus und wir konnten von Anfang an nicht vertragen und hab immer gesagt »du bist nicht meine Mutter du bist nicht meine Mutter« also
[1:27] es war ne ganz schwere Kindheit und so bin ich dann zur Schule gekommen mein Bruder war aber besser in der Schule und konnte denn was lernen weil Vater ja auch nicht viel Geld hatte und er sagte er kann nur einen was lernen lassen der besser in der Schule
[1:47] ist und mein Bruder ist dann zur See gefahren bis zum Rentenalter und mit mir mus- ist Folgendes passiert meine Mutter hat ja dann gesagt wie ich aus der Schule kam äh »mit ihr raus aus dem Haus« weil wir uns ja nicht vertragen konnten ja na ja und dann
[2:04] fing mein schlimmes Leben an warum ? weil ich aufm Lande sowieso ich war kein Landmensch ich moch- ich wollte keine Landarbeit machen ich wollte einen Beruf lernen Schiffsschwester oder Säuglingsschwester werden (Vater) hatte aber leider kein Geld nur für
[2:21] einen ja und dann hat meine Mutter gesagt also w- wo ich aus der Schule kam raus zum fremden Bauern also das war ja nu ganz und gar schlimm weil ich ja schon nicht für Landwirtschaft war ja und dann was hab ich denn gemacht ? ich bin denn immer äh abgehauen
[2:37] bei eine Familie mit elf Kinder und die hatte immer einen Teller Essen für mich hab sie denn geholfen aber es war leider verboten für mich weil ich durfte mich ja inne Stadt nicht aufhalten und die lieben Nachbarn haben dann wieder gesagt »da hält sich
[2:53] ja wieder einer auf« also wurde angerufen bei der Polizei ja und die Polizei war ja denn schnell da und haben mich kassiert na ja und dann hab ich ein paar Tage gesessen in Wismar auf der Polizei denn ging die Zelle auf na ja jetzt wat nu ? ach wieder zum
[3:11] anderen Bauern
[3:12] so ging das denn hin und her bis wir eines Tages gesagt haben »also jetzt können wir mit ihr nichts mehr machen die reißt ja immer wieder aus« denn haben sie mir nach Trans- ich war paar Monate erst in Wismar in der Zelle und dann kam ich
[3:27] ins Arbeitshaus nach Güstrow und das Arbeitshaus im Güstrower Schloss das war noch sehr gut zu ertragen weil äh wollen mal so sagen wir gingen auch beim Bauern aber wir sah- waren denn in der Kolonne das hat ja denn Spaß gemacht ja und dann äh das ging
[3:49] so anderthalb Jahr und dann hieß das »du kriegst morgen deine Sachen« ach man wird entlassen man kommt nach Hause nein es war aber nicht an dem denn morgens mussten wir runter die Treppen das war o- ganz oben unterm Dach da in der große Saal die Treppen
[4:11] runter und unten aufm Schlosshof stand schon Polizeiauto wir haben immer gesagt die grüne Minna da waren Zellen na schon hat man wieder en Schock gekriegt man dachte ja man geht kommt nach Hause
[4:25] na ja die Minna fährt los zum Bahnhof und der Güterwagen
[4:32] der Güterzug steht schon da Waggon geht auf ach schon war schon alles überfüllt und ein Gestank da drin ja aber man hat nicht geahnt was auf einen zukommt keiner wusste das dann kamen wir in Fürstenberg an und wie dann die Waggons aufgemacht wurden denn
[4:55] hat man erstmal gesehen die Menschen die Massen was da raus kam na ja mussten wir zu fünft aufstellen und denn um Fürstenberg rum nicht durchs Dorf die denn die An- die Dorfbewohner durften uns ja nicht sehen na ja und dann kamen wir bis vorm Tor vorm
[5:16] Lager aber wir wussten nicht was hinter der Mauer ist jetzt geht das Tor auf haben immer noch nichts gesehen wir haben wohl die Baracken gesehen aber nicht so äh das war so gemacht das man noch nichts sehen konnte und dann wurden uns die Haare runter geschoren
[5:36] dann kriegten wir unsere Sträflingskleidung an und dann hinten raus also ne- wollen mal sagen ins Lager rein dann hat man erst gesehen die ganzen Baracken und was da rumläuft aber man wusste nicht was das ist dass das ein Konzentrationslager ist wusste
[5:59] man ja gar nicht hat man ja nie wat von gehört na ja [räuspert sich] man musste sich damit abfinden ich hatte im dritten Stock hatte ich damals mein mein äh Bett und ich weiß noch wie heute wir hatten damals genauso wie jetzt die letzten zwei Jahre so
[6:18] einen strengen Winter und wir hatten nur ein Kleid einen Schlüpfer so en so en alles war so wie selbst genäht so so en Oma-Schlüpfer so en Oma-Hemd und das gestreifte Kleid da drüber das war alles und Holz-Klotschen das war alles kein Mantel kein nix ah
[6:36] so was gab es ja gar nicht na ja jedenfalls ich lag im dritten Stock und wir hatten 45 damals genau so einen strengen Winter wie wir jetzt hatten und die Eiszappen [gestikuliert] ich konnte ja nur der dritte Stock war vielleicht so das man gerade sich so rein
[6:53] und dann hingen die Eiszappen und die dünne Decke man wurde gar nicht warm denn die Aufregung die Angst schon alles
[7:02] na ja jedenfalls habe ich in Ravensbrück drei schwere Strafen gekriegt und zwar die erste Strafe war hab ich war ich im Hofkommando eingeteilt
[7:17] und man hat ja nu schon so en wahnsinnigen Hunger gehabt und da standen ja denn diese Abfalltonnen und obendrauf lag eine Kartoffel wo eine kleine Ecke noch bisschen dran war und die hab ich mir genommen und hab das gegessen und das hat die gleich gemeldet
[7:38] die SS Bergmann hab ich mir ge- genau gemerkt und die ist auch in der Ausstellung heute in dem Haus wo wo die alle ausgestellt sind [räuspert sich] na jedenfalls hat sie das gemeldet und dann haben wir in unserer Baracke abends war so en lange so en langer
[7:56] langer Tisch und da musste ich mir na- inne Ecke stellen und musste zugucken wie die gegessen haben und der Magen hatte schon so en Hunger na das war die erste Strafe die zweite Strafe kam ich im Strick-Kommando da haben wir in eine Baracke Strümpfe gestrickt
[8:15] das habe ich nicht begriffen mit dem Hacken da den lässt man hängen oder wa- ich weiß es heute auch nicht mehr jedenfalls alles was man nicht begriffen hat oder oder äh »du stellst dich ja nur blöde an« so ungefähr schon der also als Arbeitsverweigerung
[8:32] zum Beispiel na ja dann hat sie mir raus genommen vor der Baracke und dann hab ich en Eimer Wasser übern Kopp jekriegt und dann musst ich so lange stehen bis das schön eingefroren war und das war ja im Hochwinter schon und denn so wie jetzt wie wir jetzt
[8:49] hatten na ja aber man wurde ja sowieso immer mehr apathisch also man hat ja man hat nur noch gedöst na ja und denn musst ich wieder rein und dann musste ich mich hinsetzen von wegen die Sachen ausziehen ? die sind am Körper getrocknet die sind am Körper
[9:08] getrocknet na ja das war die zweite Strafe und die dritte kam ich nachher in die Schneiderei und Schneiderei muss man sich so vorstellen die Gebäude stehen heute noch weil das alles Steingebäude sind sind dann saniert worden und das sind so Ausstellungen
[9:29] drin und unter anderem sind immer so große so große wie so ne Fabrikhallen immer nebeneinander in eine war Schneiderei in eine war Schusterei in eine waren die Webstühle drin und und so muss man sich das vorstellen da in die langen äh Häuser da in die
[9:48] langen äh Räume na ja und denn ich saß an der Maschine und das war ja nu ganz schlimmes Erlebnis weil ich kann Nähmaschine nähen aber am Fließband ist das ja ganz was anderes denn Fließband wenn man das nicht versteht und man man muss ja nur mit mit
[10:07] mit dem Knie so en bisschen an dem Hebel dann ist das ja schon losgegangen dat Ding nun ist man voller Angst man hat Hunger man is- man hat Kälte und allet man man sitzt nur verkrampft an der Maschine dann hat man nur geguckt wo er läuft mit seinem Knüppel
[10:22] nech ? und jetzt hab ich nicht weiter geschoben und die vor mir hatte keene Arbeit das wurde immer höher und das hat er dann gesehen ne und dann hat er mir rausjeholt in den Gang wo er immer gelaufen ist und dann hab ick mitm Knüppel gekriegt hab ich sowieso
[10:37] ich war ja nu schon abgebaut ich war ja schon im Dezember war ich ja schon äh (Parterre) sozusagen na ja und dann hab ich auch gedacht jetzt ist sowieso dein Ende na jedenfalls äh der ist auch zum Tode verurteilt worden alle beide Graf und Binder und mein
[10:53] Vordermann wo ich hätte weiterschieben müssen die äh die äh konnte hatte ja nu keine Arbeit jedenfalls alles was man die will ja nicht die will ja nicht die will ja nicht jedenfalls hab ich gesehen mir ist nicht passiert aber ich habs gesehen der ist beigekommen
[11:12] so und sind ja solche brutalen Menschen der hat sie ins Genick gefasst und hat sie mitn Schädel auf die Maschine das ist nur das Blut ist nur so gespritzt das war doch denen egal die wollten uns doch kaputt machen so war das tatsächlich na ja das war
[11:30] denn das dritte Erlebnis
[11:33] und es war ja nu schon Dezember Januar der Körper war schon so abgebaut und denn nachher im April ach so vor allen Dingen muss ich nochmal sagen [betont:] das ganze Lager war überfüllt weil sie damals wo ich reinkam im August die
[11:57] Nebenlager alle aufgelöst haben dadurch wurde das Essen noch weniger wir haben zu fünft in einem da musste man warten bis der eine geschlafen hat das man überhaupt sich bisschen runterlegen konnte oder man hat sich auf den Boden gelegt ne also das das war
[12:13] äh wo ich rein kam da fing das Schreckliche an mit der Überfüllung das Essen noch weniger und alles ne na ja jedenfalls es war ja nu schon äh ungefähr Februar März und die haben sich ja da schon mit die wussten ja schon dass der das das Lager aufgemacht
[12:38] wird also dass sie flüchten müssen und was haben sie gemacht wer noch einigermaßen laufen konnte haben sie en Transport zusammengestellt ja aber was war ? das hieß Todesmarsch denn das war denen egal es waren so viele die so schwach waren und nicht mehr
[12:58] laufen konnten sind zusammengebrochen die sind gleich erlöst worden gleich sind im Graben reingefallen am Straßenrand ja der Transport ging ja weiter der Marsch der Todesmarsch ging ja weiter das heißt ja Todesmarsch weil er ja beigekommen ist der dann
[13:16] umgekippt ist der hat gleich die Knarre gekriegt der wurde gleich erlöst ne ? und da muss ich sagen es sollte vielleicht es sollte vielleicht nicht sein dass ich im Lazarett war das war vielleicht meine Rettung denn ich hätte das nicht überstanden ich war
[13:35] ja soweit ich konnt ja nicht mehr laufen und im Krankenrevier wars auch ganz ganz schlimm denn da lagen ja halbe Tote schon das war ja an der Tagesordnung die Toten rauszuschleppen ist ja klar wer da rein kam war am Ende na und da muss man sich so vorstellen
[13:56] der Tote ist gerade rausgetragen worden von dieser Krankenpritsche ein Gestank waren ja alle Krankheiten was man sich denken konnte der war rausgetragen worden der Strohsack schon durchgesuppt und da ist man reingeschmissen worden das hat man gar nicht mehr
[14:13] mitgekriegt man war ja schon schon schon na ja und so war dat ja denn auch sie hat die Rote Kreuz-Schwester von Beruf war sie draußen schon Rote Kreuz-Schwester und die war aber Mithäftling und die hat da gearbeitet und die sagt zu mir sagt sie da war das
[14:31] Tor ja nu auf das das wussten wir haben wir ja gar nicht mehr mitgekriegt da sagt sie »du das Tor ist auf wir wollen nach Hause« und was hat die gesagt ? das hab ich doch gar nicht mehr mitjekriegt war ich ja schon weggetreten na ja und denn hat sie mir geholfen
[14:46] und dann hab ich das sehe ich heute noch das sehe ich heute noch bin dann von der von der Krankenbaracke gekrabbelt an der Erde und auch an dem an dem Loch vorbei die Öfen haben ja nicht mehr gearbeitet da war dann ein großes Loch gebuddelt und da war
[15:07] noch vom Krankenrevier die Toten rein denn was darüber gestreut wo sollten sie hin damit ? waren ja keine Männer mehr oder oder die die die Öfen draußen haben wir auch nicht gewusst haben wir nur gerochen ja wo sollten sie hin damit ? und das Bild sehe ich
[15:22] heute noch wie meine Kameraden da drin liegen wo ich vorbei gekrochen bin denn hat sie mir wo wir denn durchs Tor waren hat sie mir immer hochgehoben und so sagt sie »komm« sagt sie »wir wollen doch nach Hause« ja ich wollte ja auch nach Hause aber ich
[15:39] konnte nicht mehr na ja und dann hat sie gesagt »ne ich schaff das mit ihr nicht« und dann hat sie mir weil oben die Offiziershäuser und unten waren die Mannschaftshäuser von die von die Frauen da die die einfachen Aufseherinnen und dann hat sie mich die
[15:55] Treppe da hoch geschleppt ja und dann hab ich da 14 Tage gelegen weil sie mir nicht nach Hause kriegte ne das war ja nu und dann wollte sie mir ja ein bisschen hochpäppeln die Speisekammer die war ja voll die schönsten Sachen die man sich denken kann da
[16:12] hat ja der Oberste darin gewohnt der Kommandant die konnten ja nichts mitnehmen und da hab ich in der Küche gelegen und hab die wunderbare Speisekammer gesehen mit vollen Sachen aber schönsten Sachen aber ich hatte keinen Magen mehr ich konnt ja nicht ich
[16:29] konnt ja nicht essen sie hats gut gemeint wollt mir immer bisschen aber es entweder kam das gleich raus oder ich ich kriegte das gar nicht runter ne
[16:36] na ja und dann hatt ich en schreckliches Erlebnis noch da kamen die ersten Kampftruppen und damals war noch
[16:45] ganz dichter Wald was heute alles äh der hat ja nachher die bis 93 hat das war ja allet abgeholzt und und noch noch Bauten äh Neubauten für die Familien gebaut da und alles alles ist alles anders geworden dann jedenfalls sagt sie zu mir »guck mal« sagt
[17:02] sie »wat da kommt« war ja nur dichter Wald ne und dann kam der erste Russe aufm Pferd ja aber das war auch noch unser schreckliches Erlebnis dat war denen egal denn die waren betrunken die ersten »wir sind ja Sieger« ist ja klar die ersten die im Vormarsch
[17:17] waren na ja und dann sind sie auch noch über uns hergefallen ne dann hab ich laut geschrien »ich will jetzt sterben« ich wollte nicht mehr weil das man liegt da man kann sich ja nicht wehren wenn man keine Kraft hat nech ? und denn so betrunken bis dort
[17:33] hinaus auch die Krankenschwester na ja und dann kamen ja hinterher denen die Offiziere und der haben sie aber zur Räson gebracht die haben auch dann bei uns Quartier bezogen weil weil war mehrere Zimmer waren da und äh die haben ja nu gesehen die Frau ist
[17:51] krank und alles kann nicht die Rote Kreuz-Schwester und haben denn auch wie sozusagen ja Mitleid jehabt und so und die haben uns auch denn auch nicht angefasst oder wat aber 14 Tage durfte ich dann da bleiben da auf meiner Couch da ja und dann äh schrittweise
[18:08] nach Hause nach 14 Tagen
[18:12] und dann komme ich zu Hause an und das erste ist was meine Mutter sagte me- meine Hände die sind ja heute alle krumm meine Hände standen ja so das erste war was meine Mutter gesagt hat zu meinem Vater war »was sollen wir wieder
[18:26] mit ihr anfangen ? ist ja wieder ne Last ist ja wieder ne Last« meine Mutter na das hat sie nicht einmal gesagt oder zweimal ich hab gleich kehrt jemacht wieder zu die Familie mit die mit die äh elf Kinder ach na ja Polizei wieder ist doch klar ich darf mich
[18:42] doch in der Stadt nicht aufhalten na ja kam Polizei wieder hat mir wieder kassiert immer in Wismar in der Polizeizelle da am Markt vergesse ich doch nicht na ja jedenfalls ich fand immer noch keine Ruhe na ja und dann ging das hin und her so ungefähr bis
[18:59] aber ich hatte dann leider Pech das ha- kann ich ja ruhig nochmal sagen ich hatte dann leider Pech weil bei diese Familie ja auch denn nachher weil das die Lebensmittelkarten das hatte alles nicht gereicht für die elf Kinder und da sind die Russen dann vorgefahren
[19:15] mitm Auto und haben abgeladen Fleisch und Brot und allet wie das so war ja aber nicht umsonst ne und da ist dann meine meine Moni geboren ne na ja und denn das ist das was ich noch erzählen wollte meine Moni denn wo sie den Ausschlag kriegte und Vater sagte
[19:36] »unterschreib doch wir haben ne Familie« und das habe ich gemacht ich weiß nicht wo sie ist [weint]
[19:42] na ja und denn ging das wieder weiter ich hatte immer noch kein zu Hause und dann wurde meine Sylvia geboren da hab ich gesagt »so einmal könnt ihr
[20:00] das mit mir machen aber nicht das zweite Mal« was hab ich gemacht ? ich war immer in Rostock in der in der äh Entbindungsklinik als Hausschwangere ein Vierteljahr und konnte dann meine Geburt abarbeiten ja hab Küchenarbeit gemacht und so ja so und nu kam
[20:23] der Tag ja der Entlassung so hab ich gedacht jetzt bist du schlauer das Kind nehmt ihr mir nicht weg ich bleib hier sitzen bis ich weiß wohin mit meinem Kind denn ich habe bei der Schwester von der Frau mit die elf Kindern bei der Schwester ihr Mann war
[20:40] schon tot der war gefallen damals und da die hatte aber nur ein Bett und ein Lebensmittelkarte da haben wir Kartoff- ich habe mit meinem Kind anne Erde Vierteljahr lang anne Erde geschlafen ich weiß noch Weihnachten kam Vater mit nem Rucksack voll aber das
[20:57] konnte ja mein Kind nicht essen ich hatte keine Nahrung drin von was ich hatt ja auch Hunger ja das Kind lag anne Erde im Kissen weil sie ja nur ein Bett hatte die die hat geschrien Tag und Nacht nur vor Hunger na ja jedenfalls wie jetzt meine Sylvia geboren
[21:16] wurde da hab ich gesagt so hier bleibst du sitzen bis einer kommt und sagt wo ich hin kann mit dem Kind denn damals das erste hab ich im Arm genommen und bin mit dem Zug nach Wismar gefahren ne so [atmet durch] jetzt bin ich dann stehen geblieben und
[21:39] hab zu der Schwester gesagt »ich ich geh nicht nach Hause ich geh nicht nach Hause ich bleib hier ich weiß nicht hin wohin mit meinem Kind« und denn haben sie diese Kirchenmission da die mit die lange Sch- Haube dunkeln die lange Schleppe da von von der
[21:55] Haube diese blauen die kam denn mein Kind im Arm und mitm Zug sind wir nach Güstrow gefahren mein Kind kam in Kinderheim jetzt kommt das Schärfste mein Kind kommt am Kinderheim das konnte ich vom Schloss oben immer sehen die ganze Zeit wo damals im Schloss
[22:15] war und wo wir damals in dem Saal waren war jetzt ein Mädchenheim ich war en freier Mensch ich hab denn da jewohnt bin morgens im Kinderheim jegangen und hab mei- mein Kind gestillt und alles und hab Küchenarbeit gemacht das ging ziemlich ein Jahr ja und
[22:37] äh da hab ich ja auch denn meine Arbeit angefangen ich hab tolle Bilder hier weil ich immer zu meine Große gesagt hab »Sylvia« sag ich »ich bin immer mit dir so stolz spazieren gegangen wo du schon laufen konntest u- im Kindergarten so vom im Säuglingsheim«
[22:52] und da hab ich [räuspert sich] so en kariertes Mäntelchen mit karierten Hut hab ich ihr immer angezogen und davon hat ick en Bild und wie das Schicksal so ist das Bild von meinem hatte ich mal meinen Eltern geschickt und meine Eltern sind gestorben und mein
[23:10] Bruder hat die Wohnung ausgeräumt und die Bilder und mein Bruder ist schon tot und ick bin bei meiner Schwägerin nun zu Besuch also manchmal sagt mir der Herrgott lenkt alles jetzt gucken wir uns die Bilder so an sagt sie »du guck mit« die beiden Enkel
[23:27] waren da sagt sie »du kannst ja auch Tante Ilse du kannst ja auch mit gucken« ich sag »ja mach ich« auf einmal finde ich mein mein Bild mit Sylvia ihrem Mäntelchen und Hütchen [an Barbara Buschmann gewandt:] stimmts ? ja ach ich war so glücklich dass
[23:43] ich das Bild hatte weil ich immer zu Sylvia gesagt hab ich sag »du ich bin immer mit dir spazieren gegangen du warst so süß eingekleidet w- war mein ganzer Stolz« sag ich »wenn ich mit dir bis in den Stadt (jegangen) hab« na ja jedenfalls
[23:56]
[23:58] haben Sie das Bild dabei ?
[23:59] bitte ?
[24:00] haben Sie das Bild dabei ? wollen Sie es mal zeigen ?
[24:01] [gleichzeitig:] ja hab ich bei natürlich hab ich dat bei und äh
[24:03] [gleichzeitig:] wollen Sie es mal zeigen ? wollen Sie es mal zeigen an der Stelle ?
[24:05] jetzt ?
[24:06] ja
[24:07] ja äh Moment Couvert meine hab ich das in der Handtasche glaube ich
[24:14] die Handtasche steht da
[24:15] ja [sucht in der Handtasche] ja ja ja ja ja so so hier [zeigt Foto]
[24:16] könnten Sie das so vor sich halten ?
[24:17] [zeigt Foto]
[24:19] ist das beim Fotografen gemacht worden ? dieses Bild ? hat das ein Fotograf gemacht ?
[24:43] na klar [gibt das Foto der Interviewerin]
[24:46] und Ihre Tochter äh heißt
[24:57] die heute mit dem italiensichen Mann verheiratet ist die große hier
[24:59] ah ja Sylvia heißt sie
[25:01] wie alt ?
[25:03] Sylvia heißt sie ?
[25:04] Sylvia heißt sie jawoll
[25:06] und wie alt war Sylvia auf diesem Foto mit dem schicken Hut ?
[25:10] mit dem Mäntelchen ?
[25:12] ja
[25:13] na ja so anderthalb sie konnte gerade so gerade so laufen ne
[25:16] [gleichzeitig:] mhm mhm
[25:17] ne [zeigt Foto] hier ist sie mit ihrem Mann na ja die zeigen wir nachher denn die Bilder ne zeigen wir nachher ne oder ?
[25:23] ja
[25:24] machen wir nachher
[25:30] na weil da ist ja noch [blättert durch Fotos; lacht] das bin ich
[25:33] zeigen Sie es ruhig in die Kamera
[25:35] in die Kamera
[25:36] [zeigt Foto] haha das bin ich [lacht]
[25:38] wie alt sind Sie da ?
[25:40] na Baby noch na halbet Jahr halbet Jahr nehme ich an
[25:44] [gleichzeitig:] ein Jahr ne ? halbes Jahr
[25:44] mhm bisschen älter vielleicht
[25:46] weiß ich nicht [zeigt Foto] und das ist meine leibliche Mutter
[25:52] mit Ihrem Bruder ist das
[25:55] mit meinem Bruder der ist aber im ähm ähm im Polen schon gefallen gleich Polenfeldzug gleich v- vorne ist der schon gefallen
[25:58] Frau Heinrich ähm erzählen Sie doch nochmal was von Ihren leiblichen Eltern was waren die von Beruf ? wie hie- wie hießen die ? wie hießen Ihre Eltern ?
[26:12] meine Eltern ?
[26:13] mhm
[26:14] Zietz bin eine geborene Zietz mein Vater hat eine Landwirtschaft gehabt ne ja
[26:22] [gleichzeitig:] einen eigenen Hof ?
[26:26] eigene Landwirtschaft ja der war äh damals noch wo meine meine zweite Frau also mei- meine zweite Mutter kennengelernt hat äh das war so vorher war er auf en großes Gut und dann war da so en langer Katen da mit die Arbeiterwohnungen und das denn wurde das
[26:44] nachher da hat mein Vater dann anjefangen äh das weiß ich noch in meine Kindheit mit eine Kuh mit einem Pferd hat er angefangen und dann langsam äh wir hatten nachher jetzt wo wo wo meine wo ich abjehauen bin da von meine hatten wir schon zehn Kühe und
[27:01] zwei Pferde und alles ne
[27:03] und wie lange hatten Ihre Eltern diese Landwirtschaft ? wie lange haben die die betrieben ?
[27:08] ja die mussten aufgeben nachher weil sie nicht mehr konnten aber wann war denn das kann ich gar nicht mehr sagen jetzt wann dat war weiß ich gar nicht mehr aber die haben sind dann nach Wismar in die Stadt reingezogen haben gar nicht mehr lange gelebt
[27:22] mhm
[27:24] und Ihre leibliche Mutter hat mitgearbeitet auf dem Hof ?
[27:29] meine leibliche Mutter die war nur aufm Krankenlager
[27:33] mhm
[27:35] die hat in der Wohnung nur aufm Kranken- die war doch schwer TBC-krank
[27:38] die haben Sie gar nicht mehr gesund erlebt ?
[27:41] ich war nur immer bei meine Mama am Krankenbett ne das war die große stattliche Frau ja ? aber das war ja leider so Lungen-TBC wurde ja nicht ausgeheilt ne heute fahren Sie dann nach Heckeshorn oder wo und das wird ausgeheilt ne aber früher nicht früher
[28:00] nicht ja
[28:01] was mich auch interess-
[28:05] [gleichzeitig:] ich muss noch das Erlebnis erzählen meine Mutter wurde ja nu beerdigt stellen Sie sich das mal vor sie haben mich ja nicht mitgenommen bei der Beerdigung aber was war eines Tages haben sie mich gesucht und das war nicht weit gleich um die
[28:24] Ecke war der Friedhof und eines Tages haben sie mir gesucht »wo ist die Dirn ? wo ist bloß die Dirn ?« und die haben mich gesucht wissen Sie was ? mit der Schaufel war ich bei meiner Mutter wollte sie ausbuddeln [weint] ja ja meine Kindheit war schrecklich
[28:51]
[28:53] Sie waren vier Jahre zu dem Zeitpunkt
[28:55] vier Jahre wo sie gestorben ist ja ja und die hat mich ja abgöttisch geliebt sie wusste ja ne dass sie äh s- sterben muss ne und sie hat ja denn auch immer zu Hause noch gelegen die letzte Zeit ne war ja denn auch wie das so war auf dem Lande war aufgebahrt
[29:11] im Schlafzimmer und allet ne aber wie gesagt die haben mich immer ferngehalten ne auch bei der Beerdigung aber das konnte ich nicht verkraften wollte sie wieder ausbuddeln [weint]
[29:23] hat Ihr ähm Vater dann nochmal geheiratet ?
[29:32] gleich nach ein Jahr später hat er gehei- die war da auch im Dorf war aber von Beruf Schneiderin
[29:37] ja
[29:39] ich muss ein Taschentuch haben von Beruf Schneiderin [an Barbara Buschmann gewandt:] Babsi hast du welche mit ? ich hab vergessen da ne ne ne ne ist gut
[29:47] sonst haben wir auch noch andere da
[29:48] die war von Beruf Schneiderin und früher war das ja so auf dem Lande [putzt sich die Nase] man hat ja alles selber genäht aus Leinen na und die hat sich denn gleich hinge- (__) weil wir ja ziemlich runtergerissen waren weil meine Mutter ja im Krankenlager
[30:06] war und die hat sich dann gleich hinge- (__) hat ge- ge- nech aber ich hab gleich [betont:] sofort wie die Frau ins Haus kam »du bist nicht meine Mutter ! du bist nicht meine Mutter !« hab immer nach ihr gehauen ne
[30:17] wie alt war die zweite Frau Ihres Vaters als sie zu Ihnen kam ?
[30:24] die Frau ?
[30:25] ja
[30:26] wie alt war denn mein Vater weiß ich gar nicht mehr also da muss ich lügen das weiß ich gar nicht mehr mehr aber jedenfalls waren sie noch meine Mutter war ja noch auch noch nicht alt wo sie gestorben ist ne aber äh ja das hat er gemacht weil weil die
[30:40] war Schneiderin und hat sich gleich hingesetzt und hat für uns überhaupt genäht äh das wir wat zum Anziehen hatten ne früher wurde ja noch vieles selber genäht und fe- selber gestrickt wie das so war auf dem Lande ne
[30:51] wie groß ist eigentlich dieses ist es ein Dorf gewesen ?
[30:55] ist ein Dorf ja ja ein Dorf ja ja ein Dorf
[30:58] mhm man also Sie kannten auch die
[31:02] [gleichzeitig:] ich ich könnte nachforschen ich könnte nachforschen weil meine weil meine Schwägerin sich wo mein Bruder nu ja schon tot war und wir gucken uns die Bilder an und alles und sagte sie äh ich sag »na ja« sag ich » (Brandtes) « war mir in
[31:17] Erinnerung (Brandtes) die wollten doch da haben wir uns so unterhalten sagt sag ich » (Brandtes) wollten doch damals ein Kind adoptieren« jetzt weiß ich nicht mehr aber ich hab war ja hellhörig entweder Wieschendorf oder Mieschendorf die die ein Kind adoptieren
[31:34] wollten und da wurde ich hellhörig ne aber ich habe das ist noch gar nicht lange her mit Dieter damals mitn Auto sind wir hingefahren nach Hornstorf und ich hab bei (Brandte) gesucht das hat doch meine Schwägerin mir nachher zu spät gesagt und seitdem hab
[31:50] ich bin ich noch nicht wieder auf Suche gegangen aber Kinder das hat doch keinen Zweck es hat doch keinen Zweck mehr
[31:56] haben Sie heute noch ähm Beziehungen zu diesem Dorf ? fahren Sie da nochmal hin nach Hornstorf ?
[32:04] nein nein nein ich hab ja dann nachher das war 47 war doch die die Sylvia geboren und 49 die Monika also ich ich kam ja gar nicht zur Ruhe ich war nicht war und die die ne 47 die Monika wurde wo sie den Ausschlag kriegte wo sie ins Krankenhaus kam nech und
[32:23] seitdem hab ich denn und ich hab Vater unterschrieben ja aber Vater alles ohne meine Mutter gemacht der ging mit mir in in Schlafzimmer und sagt »Mensch mach das doch« sagtse »du kannst doch nochmal wieder Kinder kriegen und so alles« so hat mein Vater
[32:39] auf mich eingeredet ne was hab ich gemacht ich hab unterschrieben [weint] aber mei- meine Babsi weiß das auch ich find keine Ruhe [schüttelt den Kopf] weil ja die anderen Kinder auch alle lieb sind ne aber mir fehlt was ne die geben keine Auskunft
[33:04] die geben keine Auskunft ich würde nie erfahren wo sie mal wo ob sie geheiratet hat oder wo sie jetzt ist würde ich nie erfahren die dürfen keine Auskunft geben die Behörden das ist ja das Schlimmste [putzt sich die Nase] aber ich sage immer um Gottes
[33:24] Willen macht das nicht wenn da einer mal die Absicht hat bloß nicht denn man findet keine Ruhe man findet keine Ruhe es ist ein Stück was fehlt na ja und ich hab denn damals kam ja die Sylvia wie ich denn in der in der Ho- ich hab sie dann gestillt und
[33:48] dann fing ich ja in der Holzfabrik an in Güstrow und Sylvia Sylvia war noch im Kinderheim
[33:56] [gleichzeitig:] darf ich ganz kurz was zwischen fra- fragen ? und Sie haben in diesem Schloss gewohnt was vorher das Arbeitshaus war im Nationalsozialismus und dann im Mädchenheim genau
[34:04] [gleichzeitig:] war en Mädchenheim ja aber frei konnte morgens raus bin runter gegangen zum Kinderheim runter und ganzen Tag da gewesen weil ich sie ja gestillt habe hab Küchenarbeit gemacht ne und so bis dann nachher hab ich mir ne Arbeit gesucht in Güstrow
[34:18] in der Holzfabrik na ja und da da hieß das doch mit mit die Weltfestspiele da und da hab ich gedacht na ja nu denn hab ich immer hab ich immer gedacht du hast dein Kind da und so und ich habe das weiß auch Babsi ich hab gleich zu meinem Mann gesagt »heiraten«
[34:39] sag ich »ich will er- mein Kind haben wat ich im Kinderheim ist« und da sagt mein Mann »na ja wo du bist und wo die anderen Kinder sind so- soll auch die Moni die äh die Sylvia« na ja und da ging ich damals mit die Christina hier die aus Essen hochschwanger
[35:00] hab mir ein ärztliches Attest geben lassen und ich hatte ja Angst ich war ja geflüchtet und die hatte ein ärztliches Attest und da war Moni ni- war Moni nicht äh Sylvia nicht mehr im Kinderheim in Güstrow sondern in Hagenow im Kreis- großes Kreiskinderheim
[35:21] na ja und denn ha- mit dem ärztlichen Attest ist die losgefahren das war von meine Freundschaft war das eine die hat immer schwarz [lacht] Fleisch rübergeschoben zu der Oma Karsucha sagen wir heute noch immer aber die lebt nicht mehr aber da sind wir meine
[35:40] Kinder dann immer hin gegangen und die hat immer viele Kinder groß gezogen Pflegekinder gehabt unsere Oma Karsucha na ja und die da kamen immer eine Frau und hat bei ihr Fleisch schwarz rüber gebracht und der hab ich das der hab ich das ärztliche dit dit
[35:58] Attest gegeben dass ich hochschwanger bin weil ich ja Angst hatte Mensch die kassieren dich nachher weil du bist doch abgehauen ja und die hat tatsächlich mit in Güs- äh äh in in Hagenow die das sehe ich heute noch da hatte ich aufn Schlag drei Kinder
[36:17] aufn Schlag will ich Ihnen gleich erzählen wieso Dezember also Sylvia kam am sechsten Dezember die stand in der Tür das sehe ich heute noch und hat nach mir gehauen ich war ja fremd die war richtig so [imitiert Geräusch] hat die Abends im Bett gelegen
[36:35] die hat die Kacke an die Wand geschmiert die Sylvia so war die schon Heimkoller hab ich aber schön hinjekriegt na ja jedenfalls äh ma- mit Liebe natürlich ist ja klar ne und so na ja jedenfalls Sylvia kam am sechsten Dezember der Werner wurde im Dezember
[36:58] vier- 26sten der hatte am ersten Feiertag Geburtstag wurde der ein Jahr und zwei Monate später war meine Tina geboren da hatte ich aufn Schlag drei Kinder ich war glücklich ich hatte mein Zuhause trotzdem mein Mann immer [gestikuliert] oh oh was hab ich
[37:17] da da aber was Sie glauben gar nicht was ich da durchjemacht hab nicht Schlechtes nicht Schlechtes aber ich war ja pfiffig ne es gab ja damals die Cari- Caritas-Pakete und durch Sylvia kriegte ich vom Jugendamt Geld
[37:32] und da waren Sie noch in Güstrow oder waren Sie da schon in Berlin ?
[37:36] nein nein da war ich ja schon in Berlin
[37:38] [gleichzeitig:] ach so
[37:39] ja ja da war ich ja schon in Berlin ich bin ja mit die Weltfestspiele ach hatte ich das nicht erzählt ? doch mit die Weltfestspiele bin ich ja hängengeblieben in Charlottenburg ne und da hab ich ja meinen Mann nachm Vierteljahr schon kennengelernt ne aber
[37:51] ich will nur sagen in drei Monaten hatte ich drei Kinder ja ja und das Schlimmste war mein Mann war ja ein Trinker der war ja Koch der war noch gar nicht nüchtern da ging das schon wieder annen Kochpott und schon wieder Durst na Geld war so knapp das Geld
[38:10] war so knapp freitags musst ich ihn abholen musste sehen dass ich noch wat gerettet habe ne ja naja jedenfalls ich hab immer gesehen wo ich geblieben bin ich bin nach Zehlendorf bei die Rote Kreuz hab noch Klamotten geholt für die Kinder zum Anziehen durch
[38:25] Sylvia die kriegte ich ja vom vom Rathaus Geld auch da bin ich gegangen und habe mir äh äh mir auch noch Sachen geholt und so und dann bin ich immer in die Fleischfabrik passen Sie mal auf wie ich das gemacht hab ich bin in die Fleischfabrik gegangen ich
[38:41] weiß nicht ob sie heute noch existiert in Charlottenburg hinterm Rathaus bei Heiber das vergesse ich nie und da gab das früher wunderbare Fleischknochen und da war aber Fleisch dran noch man sagt Fleischknochen aber das waren wirklich da waren aber grob
[39:01] rausgeschält richtig bo- richtig und die hab ich denn ich hab keine kranken Kinder gehabt meine Kinder waren so kerngesund da hab ich en Eintopp mit jekocht aber wat fürn Eintopp da hab ich das Fleisch dann abgepellt und so ne und äh ja so hab ich mir dann
[39:18] durchgeschlagen ne oder ich bin bin nach Zehlendorf gefahren und hab mir en Rote Kreuz-Paket geholt oder da war ne Kleiderkammer hab mir meine Kinder einkleiden lassen und so ick war immer hinterher von wat sollt ich denn äh we- we- wenn der Mann kein Geld
[39:32] nach Hause bringt ne also ick bin immer also m- meine Kinder waren wirklich äh ich hab ja auch ein Babybild da so ne [gestikuliert] Paus- hatte der ja für meine Kinder hab ich alles gemacht nur durch diese hab ich mein Kind verloren durch diese Stiefmutter
[39:47] den Drachen da aber wie gesagt ich find keine Ruhe
[39:52] wie ist denn das wie ist denn das Verhältnis zu der Stiefmutter nach dem Krieg insgesamt dann gewesen ? wie lang hat die noch gelebt ?
[39:59] ich hab sie denn ich hab sie denn ich bin nach zehn Jahren und zwar ich bin ja 51 geflüchtet und wann war die Mauer sechzig ne ?
[40:11] [gleichzeitig:] 61
[40:12] oder 61 ja zehn Jahre später und mein Vater hatte Geburtstag und das weiß ich heute noch und höre ich heute noch wie mein Mann sagte »ja renn mal rin in dein Unglück die werden dich schon kassieren und so« aber ich hab gedacht versuchen egal nach zehn
[40:27] Jahren aber [gestikuliert] ja wenns geklingelt hat bei meinem Vater da bin ich schon zusammengefahren jetzt holen sie dich so ungefähr ne und hatte die Tina mit die war sechs Jahre und äh das war aber auch das letzte wo ich meinen Vater gesehen habe der
[40:42] ist ja ach so und dann kamen wir freitags zurück und Sonntag war die Mauer dicht Sonntag wurde die Mauer dicht gemacht im August
[40:53] mhm
[40:54] 17ter hatte mein Vater Geburtstag ja so so zwanzigster rum oder wann war die Mauer dicht ja ja wo ich nach Hause gefahren bin gerade noch so durch freitags nach Hause und sonntags dicht die Mauer
[41:07] und da lebte Ihre Stiefmutter aber noch ?
[41:10] ja die hat einen ganz schlimmen Tod jehabt die war ganz ganz schwer krank die kriegte keine Luft mehr und nix die so hat meine Schwägerin erzählt ne dat die soll sehr sehr äh elendlich zu Grunde gegangen sein ne aber Vater ist nach zwei Jahren wo ich da
[41:26] war zum Siebzigsten ist der gestorben ja und der wollte mich noch be- wollte nochmal zu Besuch kommen ja
[41:34] na ja und äh ich muss sagen dadurch dass ich ma- dass ich dann mit die Weltfestspiele muss ich auch nochmal erzählen wir hatten wir sind dann äh mitn
[41:50] auch wieder mit die Güterzüge gefahren und ich hatte aber mit eine zusammen wurden wir eingeteilt Privatquartier und äh ich hatte aber die Schlüssel meine Gedanken waren ja nur wie kannst du bloß weg du willst doch frei sein du willst doch weg beste
[42:10] Moment na ja und die geht auf Toilette ich zu ihr gesagt habe das war en heißes Eisen ich sag »wollen wir nicht abhauen ?« oh die wollt davon nichts wissen und dann hab ich gedacht nur jetzt musst du jetzt musst du du hast das und das geäußert die die
[42:29] verpfeift dich nachher und denn haben sie dich wieder am Kragen na ja jedenfalls bin ich stiften gegangen mitsamt des Schlüssel weiß nicht wie die abends in ihr Quartier gekommen ist weiß ich nicht na ja
[42:40] [gleichzeitig:] wo sind Sie denn hingegangen dann ?
[42:41] bitte ?
[42:42] wo sind Sie hin gegangen nachdem Sie äh
[42:44] [gleichzeitig:] ja und es gab ja damals hier schon vier Zonen England Amerikaner der Russe und und äh der äh hier
[42:52] Franzose
[42:54] Ami ja aber ich war auch da bin ich ja gelandet erst bin ich in Tempelhof gelandet und da sagt der zu mir »Sie gucken ja so ha- sind Sie auch mit die Wescht- Weltfestspiele hier ?« ich hab nach die Bananen geguckt hat er mir noch ne Banane gegeben war ja
[43:08] nu wat Neues ne ne schöne Banane na ja ich bin dann aber in Charlottenburg gelandet hab mich in der Kuno-Fischer-Straße gemeldet da war ne Flüchtlingsstelle ich hab heute morgen noch gesucht ich weiß nicht wo ich das habe den Abschnitt da von äh 59 von
[43:25] 59 ne wir waren 51 51 von 49 von 49 bis 52 war da die Flüchtlingsstelle und 51 hab ich mir da gemeldet hab auch heut meinen das hätte ich auch mitbringen können siehste hab vergessen da das von der Flüchtlingsstelle ja und da äh ich war ja auch nicht
[43:47] lange alleine hab ich ja meinen Mann kennengelernt und dann fing mein Leben an jetzt biste in die Stadt dein Wunsch ist in Erfüllung gegangen so fing mein Leben denn an und hab mir denn meine Familie aufjebaut und habe heute das was meine was ich nicht hatte
[44:04] fragen Sie meine meine Schwiegertochter meine Kinder sind mein ein und alles [an Barbara Buschmann gewandt:] nich- nicht Babsi ? das kommt doch zurück mein Sohn macht mir allet wat in der Wohnung zu machen ist Repara- Reparaturen und so ne der hat jetzt auf
[44:21] mich eingeredet »Mutter« sagt er »Mann« sagt er »koof dir doch en Fernseher en großen« »ach« sag ich »Werner wat soll ich noch mitn großen Kasten« ich hatte aber schon einen einen Achtziger oder wie war der von der alte Klopper da [lacht] der
[44:37] hat mir tatsächlich dazu gekriegt dass ich en 107 stehen habe ganz schönes Bild na ja er will Mutter soll alles noch schön haben ne ja und der macht auch alles repariert alles also der hat ja auch Goldhände hier [zeigt auf Barbara Buschmann] ihr Mann
[44:52]
[44:54] haben Sie denn mit Ihren Kindern immer schon über diese ganze Verfolgungszeit gesprochen ?
[44:57] äh mit meinen Kindern was ich durchgemacht habe ja die wissen das alles
[45:04] von Anfang an ?
[45:05] die wissen das alles auch meine Große weil die ist ja nu ganz stolz wo sie wo ich immer gesagt habe damals wo ich noch nicht das Foto hatte von meiner Schwägerin »Sylvia« sag ich »ich bin mit dir immer spazieren gegangen du hattest so en süßes Mäntelchen
[45:19] mit en Hütchen« sag ich »das war mein ganzer Stolz immer« weil das war ja mein Eigentum wenn ich mit ihr spazieren hab ich ihr das angezogen außer das hat ja mitn Kinderheim nichts zu tun ne und auf einmal kriege ich dat Bild von meine Schwägerin das
[45:34] hat sie ja natürlich ganz stolz stehen »siehst du« sag ich »wat hat deine Mutter erzählt« ja ne aber äh ich sage immer das was mir jefehlt hat dafür musst ich sehr sehr viel büßen dass ich keine Mutterliebe hatte dass dies und dies verboten war
[45:53] bei Hitler dadurch ging mein ganzet Leben schief ne mein Leben fing an erst 51 da fing dat an
[46:04] ja und es ist ja so äh mit dem KZ dass ich da mit meine Kollegin da noch dass das nicht vergessen wird was wir durchgemacht haben und deswegen gehen wir ja
[46:23] die ganzen Jahre schon in Schulen Vorträge halten und so weiter ne das das in Erinnerung bleibt und nicht vergessen wird ne ja
[46:32] Sie haben vorhin gesagt dass Sie aus Güstrow nach Ravensbrück mit mehreren anderen zusammen gekommen sind
[46:42] ja
[46:44] waren die waren die alle aus dem Arbeitshaus in Güstrow ?
[46:47] nein nein das war alles gemischt weil wollen mal sagen ja viele viele Städte immer den Transport gefüllt haben ne de- also die kamen überall her also dat war allet durcheinander also außer da äh die Jehovas also die haben die haben sie schon bisschen
[47:05] bisschen gesondert gehalten ne aber sonst waren wir alle durcheinander alle Nationen
[47:09] als als Sie da angekommen sind in haben Sie ja beschrieben dass man Sie rasiert hat die Haare abgemacht hat und Sie diese Häftlingskleidung bekommen haben hat man Ihnen dann bei der Ankunft auch gesagt warum sie in diesem Konzentrationslager jetzt sind oder
[47:28]
[47:29] [gleichzeitig:] nein nein man wir waren von dem Moment wo man reinkam war man stumm man hat sich gar nicht getraut was zu sagen
[47:34] mhm
[47:35] man hat da gesessen und die Tränen liefen einem was soll man man konnt sich doch nicht wehren konnt sich ja nicht wehren man musste ja dit allet mitmachen und so
[47:43] und haben Sie dann auch so ne Markierung gekriegt so einen Winkel auf Ihre Häftlingskleidung ?
[47:50] ja ich hatte einen schwarzen und Charlotte hatte einen roten politisch Jeho- Jehova hatte einen blauen ne lila hatte Jehova hatte en lila äh wat war denn noch na ja eben die anderen Nationen noch da die die andere Generationen da also Nationen ne
[48:12] wussten Sie wofür dieser schwarze Winkel steht was was damit gesagt ist ?
[48:16] schwarze Winkel und und ne Nummer wir waren ja nur ne Nummer ne bei manchen war dat ja bei die bei die Juden wa- hatten sie das ja äh auf die Haut ein- eingebrannt die Nummer aber aber wir hatten wir hatten das auf dem auf unser Kleid drauf unser gestreiftes
[48:33] Kleid die Nummer ich hatte ja damals inne 50000 war ja die letzte die letzte äh die letzten Monate wo die überfüllt war wo äh die Nebenlager alle waren wir inne 50er000 [nickt] ja
[48:47] kannten Sie aus dem Transport andere oder waren Sie vollkommen alleine ?
[48:55] ne man kannte sich nicht nein man kannte sich nicht und de- denn nachher in den Baracken da hat man sich ja kaum getraut was zu sagen und so äh ich weiß nicht man war als wenn man wat getrunken hatte man war nur im [gestikuliert] (__) vor Hunger vor Kälte
[49:12] wat wat man hat nur äh ich kann das gar nicht erklären wie man da hingedöst hat denn man denn man hatte ja mit dem Leben abgeschlossen ne weil man ja nur noch Hunger hatte und gefroren hat und und der Körper wurde immer weniger ne und da denkt man nicht
[49:32] mehr da denkt man nicht mehr
[49:34] und Sie mussten unterschiedliche Arbeiten in unterschiedlichen Arbeitskommandos ähm äh arbeiten im Lager ?
[49:43] ja je nachdem wo man eingeteilt wurde ne die meine Kollegin die Charlotte war ja bei Siemens ne die haben da mit die Hände da was weiß ick aber ich hab ja nu wirklich grobe Arbeit gehabt ne außer die Nähmaschine aber das hab ich auch nicht begriffen ich
[49:58] kann Nähmasch- Nähmaschine nähen aber nicht am Fließband sch- und denn wenn man da Angst hat und Hunger hat ne das ist das Schlimmste ne ja
[50:09] und was waren das für Arbeiten ?
[50:11] wir haben Tarnanzüge genäht fürd Militär in der Schneiderei Tarnanzüge haben wir genäht ja ja na ja
[50:25] ich würde gerne
[50:28] [gleichzeitig:] ich
[50:29] ja Entschuldigung
[50:31] ja ich hab mich mit allem abgefunden aber äh da wir das ja nu ich mach das ja schon 15 Jahre weil wir wollen dass die Jugend das äh weiß was was damals war und das soll nicht vergessen werden deshalb [betont:] das das darf nicht vergessen werden was der
[50:50] Hitler damals gemacht hat wir haben ja manchmal auch dann sagen wir »Mensch warum rennen die durchs Lager ?« da ist ja gar nichts mehr was kann man da groß erklären da ist ja nichts mehr das ist ja alles von dem Russen allet allet weg da wir waren ja äh
[51:04] äh vor zwei Jahren in Buchenwald das war für uns so ergreifend was wir da gesehen haben noch was von früher was man sich äh was man gesehen hat ob das Kleidung war oder ein Haufen Schuhe war oder äh dat Krematorium war noch größer da die Öfen waren
[51:29] noch mehr und allet und und der Keller wo unten die Leichen dann mitn Fahrstuhl hochge- äh äh äh -geholt wurde für die Verbrennung und so das war für uns ja nur natürlich wir sehen das ja mit andere Augen ne is ja klar war sehr interessant wogegen hier
[51:44] in Ravensbrück ja gar nichts mehr ist außer im Strafblock na ja da ist noch äh dat Gebäude wat da noch steht an dem Krematorium da der der äh Strafblock sagen wir immer dazu das ist ja außerhalb der Mauer jewesen und der der ist ja stehen geblieben
[52:01] denn der Russe war ja hinter der Mauer was ja außerhalb der Mauer war äh das ist ja äh da- zum Beispiel dit Komman- dan- Kommandanturgebäude sagen wir immer und die die Öfen und der der Schießstand muss ich auch gleich nochmal erklären wat dat ist und
[52:20] der der Strafblock da das ist ja alles außerhalb der Mauer und das steht original da und da sind lauter Ausstellungen in den Strafblocken unter anderem ist auch der Prügelblock da der steht auch noch wo der Eimer da steht und der die Peitsche da und wo sie
[52:37] drin drin mussten sie ja rüber sch- und dann wurden die Hände festgeschnallt die Beine wurden festgeschnallt und dann haben sie 25 Hiebe gekriegt war allet aufjeplatzt und dann eventuell wenn sie ganz große Strafe kriegten nach acht Tage nochmal rin und
[52:54] dann sind sie opps jegangen (___) und wehe die haben nichts mehr gesagt oder nicht mehr geschrien dann haben sie noch en Eimer Wasser übern Kopp jekriegt aber waren ja denn sowieso weg ne der steht noch der Prügelblock ist alles noch da der Eimer die Peitsche
[53:08] alles ist noch da und unter anderem ist auch außerhalb am Krematorium der der Schieß- Schießgang sagt man dazu aber das haben wir ja auch nachher nach den Jahren erstmal alles denn wo wir drin waren haben wirs ja auch nicht gewusst das nennt sich Schießstand
[53:26] [gestikuliert] hier ist ein Gebäude und hier ein Gebäude und denn ist der Gang so breit und vielleicht lang na bis hinten zur Toilette bestimmt und denn haben sie die da rein und da hinten war zu da war zu und hier war zu und denn nur der Gang haben sie
[53:48] sie rein und denn haben sie von die Mauern haben sie Schießscharten gehabt durch die Mauer na klar die haben alle en Genickschuss gekriegt oder sind so ab- das sind n- das ist auch ne große Tafel da wat da umgekommen ist in diesem Gang haben sie erschossen
[54:08] alle da drin konnte ja auch keiner mehr raus vorne stand die Wache wurden sie reingestoßen und und von der Dings die Schießscharten ne ja aber das haben wir auch nachher erst alles dann da das war ja außerhalb das haben wir nicht gewusst und das die Verbrennungen
[54:27] das haben wir nur gerochen ne denn äh die Mauern waren ja zu hoch man hat ja nichts gesehen oder was ne
[54:34] hat man sich darüber unterhalten unter den Häftlingen ?
[54:38] ja wir haben uns unterhalten aber Sie müssen sich das so vorstellen man stumpft so ab man man äh äh wie soll ich das erklären ? als wenn man da sitzt und man hat wat wat intus man man der Hunger ist zu groß die Kälte war zu groß nech und und äh mit
[55:02] der Arbeit wollten die wollten uns mit mit Arbeit mit Kälte und Hunger wollten sie uns ja umbringen das war ja ein Vernichtungslager ne
[55:10] [gleichzeitig:] gab es jemanden
[55:13] und ich sag auch immer wieder ich würde hier heute nicht sitzen vielleicht zwei drei Monate später denn ich war ja schon auf dem Totenbett zwei drei äh äh Monate später oder Wochen wäre ich nicht mehr [schüttelt den Kopf]
[55:26] haben Sie jemanden äh unter den anderen Häftlingsfrauen gehabt mit denen Sie enger zusammen waren also wo Sie so en bisschen ähm sich
[55:34] man hat sich unterhalten und so ja doch doch doch da waren wir ja alle gleich ne also das muss man da bloß alle verängstigt alle waren sie voller Angst und der Hunger die Kälte also da nur das Nötigste so sozusagen ne
[55:58] waren Sie da ähm nur mit Frauen zusammen die auch den schwarzen Winkel hatten oder war das gemischt zu dem Zeitpunkt ?
[56:06] na die Jehovas waren extra aber sonst war es gemischt ja ja sonst war es gemischt ja ja aber die Jehovas waren extra und denn war eine Baracke wo sie die Mädels hatten die bei der SS da zur Verfügung stehen mussten ne war ja ne extra Baracke kriegten auch
[56:24] feine Kleidung feines Essen ist ja klar Bordell ne war ja auch da [schüttelt den Kopf] oh ne
[56:33] wie sahen die Baracken aus ? können Sie das beschreiben ? wie groß waren die wie viele Leute waren in den Baracken ?
[56:41] die Baracken äh erstmal die drei Stock- äh drei übereinander ja und in der Mitte war denn so groß wie sie waren in der Mitte war denn so en langer Tisch und so so ne Bänke und so weiter wo man denn dort si- sitzen konnte da ach und denn war in der E-
[57:01] in in ne ziemlich in der Ecke war so en großen Eisenofen im Winter war es ja kalt so en Eisenofen aber der hatte die Baracke ja gar nicht geschafft ist ja klar ne da kam wohl in die Nähe was aber aber was das denn ein bisschen weiter da die haben ja gefroren
[57:17] alle auch ne das ist ja [schüttelt den Kopf] ja
[57:22] und und hatten Sie einen festen ähm Schlafplatz äh haben Sie immer an der in derselben auf derselben Pritsche geschlafen ?
[57:29] das Schlafen war ganz schlimm das war erstmal weil das ja überfüllt war und denn wenn wenn sozusagen äh fünf Mann in einem Bett das das ging nur mit Ablösung oder man hat sich vo- davor gelegt auf auf der Erde denn man war ja so durch die Kälte und durch
[57:49] Hunger man war auch müde war man ja immer ne
[57:51] mhm
[57:53] ist ja klar weil sie uns ja auch in der Nacht rausgeholt haben in der Nacht die Sirene im Schnee man war gerade ein bisschen eingeschlafen ach die Sirene geht wieder Appell stehen draußen in der Kälte
[58:08] also die Sirene hat äh Sie zum Appell geholt oder mhm war nicht Fliegerangriff
[58:15] [gleichzeitig:] die Sirene da wussten wir schon jetzt jetzt müssen wir raus ja ja die Sirene ja wir sagen immer die (Johle) die Eule sagen wir immer dazu ja wenn die Eule geheult hat und wir haben auch gesehen dass ach so wenn einer geflüchtet war wir
[58:31] mussten dann Appell stehen bis sie denjenigen jekriegt äh bis sie denjenigen gebracht haben haben sie ja jekriegt aber war ja schon vonne Hunde zerrissen haben sie uns hin geschmissen »guckt euch das an so wird euch das auch gehen« hat man denn gesagt und
[58:47] wenn de- ei- wenn ma Appell gestanden haben und da is eine Kameradin neben uns vor Schwäche zusammengefallen anne Erde konnst du nicht helfen durftest nicht helfen hättse gleich einen mitn Knüppel rüber jekriegt durften wir nicht helfen durften wir nicht
[59:04] anfassen war schlimm dass man die nicht helfen durfte das war schlimm [schüttelt den Kopf]
[59:11] ja und deshalb sag ich immer wieder wir machen das damit das nicht vergessen werden soll was dass die Jugend das äh ne und und in Ravensbrück wir sehen das
[59:31] ja immer wenn wir da sind wie die ganzen Busse kommen und allet denn sag ich immer ne erstmal weil ja nicht viel vorhanden ist ich sag »was haben die jetzt davon ? der Bus hält auf dem Parkplatz dann gehen sie da die Öfen angucken oder oder da die die die
[59:47] wo die Toten alle liegen da aber im Lager können sie gar nichts verstehen da ist ja nichts mehr ist ja nichts mehr« ne ich sag na ja nu der ausm Büro der macht immer Führungen mit manchen Gruppen und so weiter ne aber und erklärt dann ein bisschen aber
[1:00:04] das ist traurig dadurch dass dass der Russe bis 93 ist nichts mehr das ist das ist das Traurige ne ja und wir hatten ja mal an- ja mal angeschlagen da war ne äh von von Dessau ne von Halle Dessau nicht von Halle ne Schulgruppe da und die haben dat nu
[1:00:29] auch allet gesehen und da war auch das Gespräch man müsste ne Baracke aufbauen ja dann haben wir das im Büro erzählt und so weiter und die die Gruppe von H- Halle die waren in so ne da waren so ne Jugendwerkstätten Zimmerei und äh Schusterei und so wo
[1:00:49] die Jugendlichen von der Straße und da nech und unter anderem haben sie gesagt »wir liefern Holz und allet wir würden dat aufbauen« ne aber wir haben denn unsere Frau Jacobeit ist nicht mehr und mit der anderen werden wir nicht warm mit der anderen äh
[1:01:05] Leiterin werden wir nicht warm und wir wollten sogar und da wir haben ja eine Lagergemeinschaft und das sind ja die Frauen da nicht wie soll ich das erklären die Lesben da alle die Lagergemeinschaft ja und die das war ja auch die waren ja bei Hitler auch
[1:01:33] eingesperrt war ja so was war ja allet verboten ne homosexuell und so was war ja allet verboten aber wir haben eine Lagergemeinschaft alle die mit Mädels zusammenleben mit ne Freundin zusammenleben aber da ist so eine Kameradschaft dat glauben Sie gar nicht
[1:01:51] also die die auch wenn wir dann kommen die bringen sich bald um und kümmern sich um uns und allet und unter anderem haben die oben äh in die Häuser die ja schon fertig sind wo wir immer jetzt schlafen wo wo wir alle da drin sind jetzt immer wenn wir da
[1:02:07] die Jahresfeier haben die Häuser die da schon saniert sind da sind wir mal Charlotte und ich wir sind mal äh waren e- was war denn da in dem in dem äh Informationen wo man sich melden kann wenn man da Auskünfte haben will wo auch ne Ausstellung ist und
[1:02:28] allet dat erste Gebäude wenn man rein kommt und da war die Rede davon den Tag war irgendwas Besonderes und dann haben wir ging das darum wir wollten gerne wenn die Besucher rein kommen ins Lager mit mit ihre Autos und alles wir wollten gerne auch dass die
[1:02:53] mit die Boote ranfahren können es ist ja der See ist ja bis dahin irgendwie eine Grenze wo die Asche liegt wo die nicht mitn Boot die dürfen nicht ganz ran an die Stele da fahren da ist abgegrenzt und da wollten wir aber denn hinter dem wo die wo die Abgrenzung
[1:03:13] ist wollten wir dass da ein Steg gebaut wird dass die Schiffe da ranfahren können weil wir sagen dann kommen noch mehr Leute und und und äh zum Besuch und allet mit die da ranfahren ja und dann hat eine gesagt »da wurden früher die Kohlenschiffer mussten
[1:03:32] die Häftlinge die Kohlen da aus« nech und da sind ja auch viele denn umgekommen und zusammengebrochen vor weil sie schlecht ernährt waren und so weiter haben viele ihr Leben gelassen und da hat sich eine von der ne Ehemalige auch hat sich dafür eingesetzt
[1:03:49] dass das haben wir nicht zugelassen ne das das wurde nicht mehr wurde abge- ne also wir haben in der Lagergemeinschaft wir sind ja nu ich bin ja nu Häftling aber die die Frau- anderen Frauen sind nicht Häftling die sind ja aus Berlin da die Lagergemeinschaft
[1:04:07] der Lesbenverein da ne aber wir haben wollen mal sagen die sind die sind sehr für uns die die also die und wir sind auch mit denen zusammen und allet ne wenn wir jetzt unsere Jahresfeier wieder haben denn haben wir ja auch Besprechung und alles da gehören
[1:04:28] wir zu deshalb hab ich das hier dran da hier [zeigt auf Namenschild] Zeitzeugen- und Lagergemeinschaft da sind sie ne ne und äh also da machen wir denn ja mit denen auch mit ne aber e- sind viele Sachen die wir hätten gerne so und so aber wenn nichts da
[1:04:48] ist und und und von was das ist das Schlimmste dass der Russe bis 93 ja dadurch ist ja alles kaputt gemacht worden was noch einigermaßen vorhanden war ne außer da oben die die äh Werkstätten da alles das ist ja mit Stein alles gebaut das nech da da haben
[1:05:07] sie denn ihre Panzer da drin jehabt und allet aber das wurde denn das Dach wurde neu gemacht und allet also so als Besucher- äh -ausstellung jetzt ne da wo wir unsere Werkstätten hatten ne
[1:05:19] Frau Heinrich [räuspert sich] wann haben Sie denn angefangen als Zeitzeugin sich zu betätigen wann haben Sie Ihre ersten
[1:05:27] [gleichzeitig:] vor 15 Jahren das war ganz komisch durch diese Christa Schikorra und zwar war dat die erste Begegnung äh da war der der Pracht der Präsi- Landtagspräsident aus Schwerin der Pracht ich habe heute noch ein ein so ein kleines Tonband davon
[1:05:50] denn hab ich eine eine Ma- Medaille gekriegt und ich war so verklemmt oh Gott dat erste Mal erzählen da sitzt Christa neben mir [gestikuliert] ich sitz hier und der der Landtagspräsident sitzt neben mir und zwar war das denn noch in dem in dem Gebäude da
[1:06:05] in dem äh was da steht da dat wie man sagt Ma- Kommandantur ne da war die erste Begegnung vor 15 Jahren na ja und denn hat Christa auch gesagt äh und hat sich immer dahintergeklemmt wenn da mal wat wa und da und so ist der Stein ins Rollen gekommen dadurch
[1:06:23] mach ich das nu schon so lange ne und mit Charlotte mache ich das schon 13 Jahre also zwei Jahre alleine aber 13 Jahre mit Charlotte weil wir haben uns so ja nicht gekannt aber wir haben unsere Jahresfeier und dann sitzen immer alles fa- so wie jetzt wieder
[1:06:41] im April vorne sitzen wir Ehemaligen noch die noch am Leben sind und eingeladen sind und sie sitzt neben mir na wir kommen so ins Gespräch und so sind wir dann zusammen gekommen vor 13 Jahren denn im Lager da hat man sich ja nicht gekannt ne denn Charlotte
[1:07:00] ist sowieso nach Hause jegangen entlassen worden ja ja ja
[1:07:08] ich ähm würde nochmal gerne zurück gehen
[1:07:13] [gleichzeitig:] ja (wir machen) gehen wir zurück
[1:07:15] ähm weil Sie haben das vorhin so schnell erzählt ich hab das vielleicht auch nicht richtig mitbekommen als Sie bei diesem Bauern waren wo Sie dann nachher verhaftet worden sind da mussten Sie auch arbeiten auf dem auf dem Feld nachdem Sie von Zuhause weggegangen
[1:07:30] sind
[1:07:31] [gleichzeitig:] ja ja ja [nickt]
[1:07:33] da mussten Sie arbeiten und da sind Sie immer wieder weggegangen ?
[1:07:35] ja ich b- ich bin äh ich ach hab den Koffer noch gar nicht abgestellt da war ick schon weg
[1:07:40] mhm
[1:07:41] wieder nach die Familie
[1:07:43] da- mhm
[1:07:44] ja und so ging das hin und her
[1:07:46] [gleichzeitig:] und woher kannten Sie
[1:07:47] aber das machen Sie nur zwei- dreimal denn sagen sie »so jetzt haben wir genug weg mit ihr !«
[1:07:50] woher kannten Sie diese Familie mit den elf Kindern die Sie immer aufgenommen hat
[1:07:55] ja
[1:07:57] woher kannten Sie die ? haben Sie die waren die im selben Dorf oder
[1:08:01] ne ne inner Stadt inne Stadt
[1:08:03] [gleichzeitig:] in der Stadt ach so
[1:08:05] ja ja die kannte ich schon vorher die da von früher so ja ja die kannte ich von früher aber schon ne
[1:08:10] und als Sie dann verhaftet wurden oder besch- gesagt wurde Sie müssen jetzt in dieses Arbeitshaus wie genau ist das gegangen kam die Polizei und hat Sie nach Wismar gebracht habe ich das richtig verstanden ?
[1:08:21] [gleichzeitig:] genau erst aufn Polizeirevier
[1:08:22] [gleichzeitig:] ja und dann
[1:08:23] ne und da hat man denn so en paar Wochen gesessen und denn wurde ja diskutiert wat machen wir je- wat machen wir mit ihr ne
[1:08:30] mhm
[1:08:31] und so haben sie dann so jetzt jetzt äh lassen wir sie nicht mehr los jetzt kommt sie ins Arbeitshaus so war das damals so war der Weg
[1:08:38] wissen Sie wer das entschieden hat wer Sie dass Sie in dieses Arbeitshaus müssen ?
[1:08:43] von der Polizei ?
[1:08:45] ich weiß nicht ich f- weiß nicht wie so ne Entscheidung
[1:08:48] ob ich mir die gemerkt habe oder die Namen ?
[1:08:50] ne aber war waren da vielleicht Fürsorger oder war das en Richt-
[1:08:52] direkt Polizeirevier
[1:08:54] [gleichzeitig:] direkt das mhm
[1:08:55] da waren ja Zellen direkt Polizeirevier
[1:08:57] mhm mhm
[1:08:58] ne also wollen mal sagen wo auch Kripo sitzt und so ne
[1:09:01] mhm und die konnten dann Sie da haben Sie dann dahin gebracht ?
[1:09:05] das wird denn diskutiert die haben ihre Versammlung oder wieso ihre Zusammenkunft dann wird über uns Ehemalige gesprochen also die da inne Zellen sitzen weiß ich wat da noch war ne und denn heißt das »die und die ab mit ihr« oder oder »die und die kommt
[1:09:20] dahin« oder wat ne ja
[1:09:22] also Sie saßen in diesem Polizeirevier richtig in einer Zelle Sie waren richtig im Gefängnis sozusagen ?
[1:09:29] natürlich haben die Polizeiwachen haben Zellen Polizeiwache hat auch Zellen
[1:09:33] Sie Sie ähm wurde Ihnen Kontakt nach Hause gestattet oder ähm konnten Sie ähm keinen hatten Sie keine Möglich-
[1:09:43] [gleichzeitig:] da kam man nicht mehr raus da hat man auch keine Verbindung mehr gehabt meine Eltern wussten nicht wo ich bin oder wat ich hatt ja mit meine Eltern sowieso keinen Kontakt
[1:09:51] wann ist denn das eigentlich gewesen ? das ist dann schon nach ja natürlich das ist nach Kriegsausbruch das ist 43 oder so schon gewesen ne ?
[1:09:58] ha ne ne das war ja ja das war warten Sie mal 39 kam ich aus der Schule 39 ja na komm ich denn 39 kam ich aus der Schule 42 nein ich kam 42 auf der Polizei 43 und 44 September August kam ich ja nach also da war ich die anderen Monate war ich in Güstrow
[1:10:30] und von Güstrow kam ich denn 44 im August nach Ravensbrück so war das ja [leise zu sich selbst:] 44
[1:10:39] was mich noch interessiert Sie mh haben von diesem Arbeitshaus Güstrow gesprochen das ist ja in diesem Schloss ich hab mir die Bilder mal angeguckt im Internet das sieht ja ganz äh romantisch aus dieses Schloss in dem dieses Arbeitshaus untergebracht war
[1:10:54] wie war das da ?
[1:10:56] ja das Arbeitshaus war ja nicht nur äh n- nicht nur äh das Schloss war ja nicht nur für für uns als Arbeitshaus sondern da war ja auch ein Siechenhaus alte Leute und äh äh Männer Männer waren da untergebracht die au- die sie auch kassiert hatten und
[1:11:13] so also war schon wir hatten auch haben auch gesehen we- wenn wir dann so ach und das Schärfste war haben wir uns immer gefreut wenn wir eingeteilt wurden bei die Aufseherfrauen bei denen denn Gartenarbeit machen oder im Haushalt »du kommst morgen dahin
[1:11:35] du hast da morgen ne Arbeit« dann haben wir uns immer gefreut wenn wir privat bisschen im Haushalt helfen konnten bei der bei der äh Frau von dem Aufseher oder im im Garten weil denn haben wir doch immer extra gekriegt ne die hat uns doch immer zugesteckt
[1:11:49] ne dann hat man sich schon gefreut ja
[1:11:52] wie war das so äh von der ja Atmosphäre oder wie wie wie war das so unter den Arbeitshausbewohnerinnen ich weiß nicht wie wurden Sie genannt ? waren Sie
[1:12:03] das war eine Vorstation
[1:12:04] ja
[1:12:05] eine Vorstation bevor man ins Lager kam Arbeitshaus denn entlassen wurde da auch keiner
[1:12:12] ja
[1:12:14] weiß ich nicht ich hab aber das Schreiben mit hier wo wo ick äh wo der Transport denn wurd ausgestrichen war das hat hab ich ja alles vom Archiv gekriegt ne vom Landesarchiv ne
[1:12:25] und Sie mussten da Zwangsarbeit machen also Sie sind da zu Arbeit gezwungen worden in diesem A- Haus ?
[1:12:32] [gleichzeitig:] ja auch Bauernarbeit jemacht auch aufm Lande ja ne ne arbeiten mussten wir schon das stimmt schon wir haben nicht da war nicht nur eingesperrt was heißt eingesperrt waren ja die riesen Fenster dat war ja schön großer Saal wie dat so im Schloss
[1:12:47] ist war nicht schlecht
[1:12:49] aber Sie konnten nicht kommen und gehen äh wie Sie wollten sondern das war war haftähnlich
[1:12:55] [gleichzeitig:] nein nein nein nein raus kamen wir nicht nein nein das wir da Ausgang hatten oder wat sowas gabs nicht nein sie waren in dem Schloss eine Gefangene ne
[1:13:04] mhm
[1:13:07] ne
[1:13:10] als Sie dann ähm abtransportiert wurden nach Ravensbrück da haben sie zunächst gedacht es geht nach Hause
[1:13:14] ja ja alle
[1:13:16] man hat Ihnen also nicht gesagt was was passieren wird
[1:13:18] [gleichzeitig:] nein nein nein nein nein nein egal ob dat von Wismar nachn KZ war oder oder ob das hier nach nach äh Dings war da äh das hat man alles nicht das sagt man uns doch nicht nein das sagt man uns doch nicht
[1:13:31] [gleichzeitig:] wussten Sie denn was von Konzentrationslagern ?
[1:13:33] bitte ?
[1:13:34] wussten Sie denn was von Konzentrationslagern ?
[1:13:37] nein nie was gehört davon nie was davon gehört nein [schüttelt den Kopf] nein
[1:13:42] ähm das ist ne Frage die hatte ich vorhin schon als Sie davon erzählt haben weil Sie gesagt haben dass ähm wie ich finde sehr eindrucksvoll gesagt haben dass äh man gar nicht beschreiben kann was alles passiert ist im Konzentrationslager weil es Sie habens
[1:14:00] Sie haben gesagt es wär so gewesen als stände man unter Drogen oder so die ganze Zeit weil der Hunger und die Kälte da waren
[1:14:07] [gleichzeitig:] genau genau genau genau in dem Moment wo man äh wo der Hunger so groß ist oder man hat gefroren man hat gefroren man wird so [gestikuliert] apathi- man läuft wirklich wie im Tran man wi- läuft wirklich im Tran
[1:14:21] aber können Sie sich denn noch an den Moment erinnern als Sie zum ersten Mal in das Lager reingekommen sind wie da Ihre Gefühle waren ?
[1:14:29] ja das kann man sich noch entsinnen denn äh wollen mal sagen äh bevor vorm Tor standen und marschiert sind und vorm standen wussten wir noch nicht und wo wir da ins ins in Badezimmer in in ist ja gleich rechts der Sockel ist ja heute noch ist ja gleich rechts
[1:14:48] kommt man ja gar nicht weiter weil wir denn nachher hinten raus mussten ne denn hat man den ersten Schock gekriegt mit die Haare abschneiden ne oder zieht euch mal allet aus allet so wie die Sachen allet runter und der sitzt da in der Ecke ne der SS und und
[1:15:05] guckt uns an och ne das war doch schlimm ja na ja nu man muss sich das so vorstellen man konnt sich doch gar nicht wehren und man hat sich gar nicht getraut den Mund aufzumachen nech da hat doch keiner sich sich gewehrt oder was ne man muss sich mit allem
[1:15:22] abfinden gleich dem Moment wenn man wenn man da reinkam ne hat man früher vom KZ gehört oder Konzentrationslager hab ich nie wat jehört ne auch nicht vom Arbeitshaus ne ja so war dat
[1:15:45] Sie sind äh in den neunziger Jahren dann zum ersten Mal wieder nach Ravensbrück gegangen Sie haben uns vorher erzählt dass das Lager aber noch nicht zugänglich war dann
[1:16:00] da wars nein da wars noch nicht zugänglich das war 91 92 ungefähr ne
[1:16:07] mhm und konnten Sie dann auch wenn die Baracken nicht mehr standen konnten Sie Dinge wieder erkennen äh Wege ?
[1:16:14] ne das ne da da da war da waren ja gar keine Baracken mehr war doch scho- hatte schon alles der Russe hat sie abgebrannt denn die Läuse hatten schon die Baracke nicht die Baracke die Läuse ne so viel Ungeziefer Krätze und och kann man ist doch klar die
[1:16:35] Hygiene fehlte doch Frauen haben ihre Tage gehabt dat lief die Beine runter so da gabs doch gar nichts da gabs doch gar nicht ja oder ein Kind wurde geboren keine Windel kein Jäckchen zum Anziehen kein nichts rin in Ofen Mutter weggerissen ab ja
[1:16:54] wurden viele Kinder zu dem Zeitpunkt in Ravenbrück geboren ?
[1:16:57] [gleichzeitig:] sind viel geboren ja ja kamen ja auch viel Schwangere denn rein in die ja
[1:17:01] konnten konnten Säuglinge überleben in Ravensbrück ?
[1:17:06] Säugling überleben nein die haben sie doch gleich weggenommen war ja keine Nahrung für die Säuglinge es war keine Windeln für die kein nix zum Anziehen für die Säuglinge ja war für die Mütter schlimm ja ach man kann das gar nicht so gar
[1:17:30] nicht so äh aber ich lebe weiter und aber so wie Charlotte und ich wir woll- wir gehen nicht wir gehen mit schweren Herzen immer in die Schule immer um das zu erzählen aber es soll ja nicht vergessen werden und des- machen deshalb machen wir das gerne
[1:17:53] ne damit die äh Schüler das überhaupt auch (ne w- w-) die stellen manchmal ganz schön Fragen ne das soll nicht vergessen werden was da gemordet wurde
[1:18:06] was fragen die Schüler denn ?
[1:18:10] bitte ?
[1:18:11] was fragen die Schüler denn ? was interessiert die ?
[1:18:14] ja na die sind denn von der Lehrerin schon vorbereitet worden nech und äh manchmal un- u- uns kommt manchmal das Lachen sogar wat sie so so so naive Sch- Fragen stellen so ne weiß ich auch nicht jetzt vergessen aber manchmal denn ist das so interessant wat
[1:18:33] die so Fragen die sind dann ja erst zwölf oder mehr sind sie ja noch gar nicht ne ja und die letzte Klasse jetzt da hat sogar der Herr Wind der uns betreut hat und der das auch von Diakonie da der Chef ist ich sag »ja« sag ich ich sag »Herr Wind«
[1:18:55] sag ich »das haben wir gemerkt« da sagt er »ja die letzte Klasse hat sich bisschen schlecht benommen« die haben nur rumgeredet und rumgealbert und haben gar nicht gehört ich sag »das haben wir gemerkt« sag ich nich und das das ist ja für ihn denn auch
[1:19:09] nicht gut wenn die er macht setzt sich ein dafür dass die Schüler da sich das da anhören sollen und alles wird alles eingereicht und gemacht und wenn sie denn da sitzen und rumalbern aber das selten selten meistens sind sie bei der Sache das ist schon mal
[1:19:23] ne Ausnahme denn ne aber die stellen auch ganz schöne Fragen denn die Kinder da also muss ick sagen ja
[1:19:31] erzählen Sie den Schülern dann dass sie als so genannte Asoziale ins Lager
[1:19:36] wir fangen an so wie ich das heute gemacht habe von A bis Z ne erzählen wir dann ne
[1:19:42] und verstehen die das verstehen die das dass das ein vorgeschobener Grund war ?
[1:19:46] ich sage dann immer zu den Kindern dass sie sollen Gott danken und freut euch wenn ihr Mutterliebe kriegt und so das erzähl ich denen dann da nichts ist schlimmer wenn man keine Mutterliebe hat ne ja ja ist manchmal nicht so einfach also [schüttelt
[1:20:08] den Kopf] aber wir hoffen dass wir das noch lange machen und äh habe Kinder die das verstehen die Kleine sagt immer »Mutter reg dich doch nicht wieder so auf du regst dich wieder so uff« aber bis jetzt ist alles gut gegangen und ich mach das
[1:20:35] auch weiter ne aber das werde ich wohl langsam alleine machen müssen Charlotte habe ich keine Hoffnung mehr [schüttelt den Kopf] glaube ich nicht ja
[1:20:53] Frau Heinrich wir würden Ihnen
[1:20:57] [gleichzeitig:] ich sag dann immer zu den Kindern »habt ihr noch Fragen« sag ich sagen wir dann immer zum Schluss
[1:21:01] Sie haben ja noch einige Fotos mitgebracht wir machen jetzt vielleicht kurz einen Schnitt und dann gucken wir uns noch ein paar Fotos an
[1:21:09] ich möchte noch en bisschen wat [dreht sich] ach hier ist noch trockenen Hals ja
[1:21:13] genau und ich muss wir machen jetzt [Schnitt]
[1:21:15] [zeigt Fotos] ja da ist immer ein Gedenken auch jedet Jahr und da sitzen wir dann Charlotte und ich und das auch ne Ehemalige aber die die äh hat sich da nur eingeklinkt das ist keine Ehemalige
[1:21:28] [gleichzeitig:] und wo ist das ?
[1:21:29] [zeigt Foto] und hier sitz ich auch mit Charlotte haben wir auch en Vortrag gemacht
[1:21:34] ähm Frau Heinrich dieses Foto das erste das sie gerade gezeigt haben das ist ist das ist im Jugendschutzlager Uckermark nicht wahr ? ist das richtig ?
[1:21:42] das ja ja ja ja ja ja warte mal ja das ist in Uckermark das ist hinterm Lager im Wald und hier haben wir eine ganz große so so geht das immer wenn wir denn äh unsere große Feier haben und wird denn äh zum Schluss kommen denn die Schüler und überreichen
[1:22:08] uns Blumen und so allet [zeigt Foto] hier sitz ich auch mit ner Klasse mit Charlotte und dies ist das was ich Ihnen erzählt habe an dem Dom wo ich gesagt habe da äh hab ich mit dem äh mit dem Franzosen gesessen wo die dat Zelt aufjebaut haben den Tag
[1:22:34] wo Charlotte so böse war dat ich alleine jegangen bin aber sie war ja nicht eingeladen das ging ja nur über Asoziale das war auch ganz toll da sitzt die noch von vom Rathaus bei [zeigt Foto] da sitzt die noch vom Rathaus neben mir und das ist der Ehemalige
[1:22:51] der König der auch Häftling war und das ist der weiß ich nicht wer dat ist der hat uns Fragen gestellt hier [zeigt Foto] ja das ist der Herr König wir beide waren ja ja eingesperrt und das ist ein Bild [zeigt Foto] das ist die äh die Landtagspräsidentin
[1:23:13] aus Schwerin und das ist unser vom Büro da der uns betreut das ist unser Thomas vom Büro und das ist Charlotte und ich
[1:23:23] das ist in der Gedenkstätte Ravensbrück ?
[1:23:26] [gleichzeitig:] ja das ist auch in der Gedenkstätte und zwar äh jetzt im im Ende April Anfang Mai da kommt Potsdam immer extra wegen Kranzniederlegung das ist ganz groß und zwar machen die das so Potsdam Landtag und Schwerin Landtag die das ist die aus
[1:23:47] Schwerin das ist der Herr Fritsche aus Potsdam die kommen denn immer und das die Sekretärin die kommen denn immer und dann Kranzniederlegung an die an dem äh an der Stele da an dem See [zeigt Foto] das ist immer jedes Jahr ganz toll und das ist ein ganz
[1:24:05] wunderbares Bild [zeigt Foto] das ist so eine schöne Erinnerung und zwar im Lager kamen voriges Jahr äh Technisches Hilfswerk und denn noch eine vonne F- vonner Feuerwehr oder wat dat war die auch denn da acht Tage äh geholfen haben das Unkraut und allet
[1:24:30] acht Tage waren die da stationiert und die haben abends Lagerfeuer gemacht und wir beide waren ja da in Ravensbrück denn haben sie uns Fragen gestellt ob wir wir können uns gerne abends da einklinken und uns da mit hinsetzen ich sag »Charlotte ich setz
[1:24:48] mich doch da nicht hin« und dann hat unser Thomas ausm Büro der hat gesagt »na klar ich komm mit euch mit« und dann haben wir abends bis nachts um zwölfe gesessen am Lagerfeuer die war doch wat für den dat wir alten Omas uns da dat mitmachen und das
[1:25:06] hat geknistert und die Flammen so hoch das war so schön dat war so ein- ist so eine schöne Erinnerung ja bis nachts um zwölf haben wir da gesessen ja [zeigt Foto] das ist auch wieder ne Klasse noch wo wieder in ne Schul- ach so hier hier [zeigt Foto] da
[1:25:24] sitz ich mit Charlotte wieder ja das war noch die alte alte Kommandantur wo es wieder abgerissen worden ne neue ja [zeigt Foto] ja haben wir auch ne Klasse und dann äh ist das erstmal dann kommen meine Familienfotos
[1:25:40] mhm
[1:25:44] wollen wir weitermachen ?
[1:25:47] ja
[1:25:48] [zeigt Foto] das ist meine leibliche Mutter mit meinem ältsten Bruder der aber schon im Polenfeldzug gleich gefallen ist
[1:25:59] wie hieß Ihr Bruder ?
[1:26:00] bitte ?
[1:26:02] wie hieß Ihr Bruder ?
[1:26:03] Walter und der jetzt gestorben ist in Rostock der hieß Gerhard und dann war ick
[1:26:10] ah Sie hatten also zwei ältere Brüder ?
[1:26:12] zwei Brüder ja
[1:26:13] mhm
[1:26:14] na ja und das ist ja meine meine [zeigt Foto] Sylvia ne ja wo ick gesagt habe ja da ist sie nochmal mit Mutter [zeigt Foto] denn ist sie hier mit ihrem Mann [zeigt Foto] Schwiegersohn und dann kommt der kleine Sohn [zeigt Foto] der ihr mein Sohn
[1:26:57] wo er klein war und da ist er [zeigt Foto] groß das bin ich [zeigt Foto]
[1:27:08] [gleichzeitig:] die kleine Ilse
[1:27:11] als Baby mein Vater hat immer gesagt ich war so wild die mussten mir mit dem Körbchen zwischen Sofa und Tisch zwischen den dat Körbchen zwischen sonst wäre der ganze Korb umgefallen so wild war ich ja
[1:27:29] wo sitzen Sie da auf einer Bank oder ich kann das so schlecht sehen
[1:27:33] [lacht]
[1:27:35] und auf einem Fell glaube ich
[1:27:37] [gleichzeitig im Hintergrund:] auf einem Fell
[1:27:38] da sitzen Sie auf nem Fell ne ? en Schafsfell
[1:27:39] ja klar das ist ein Foto beim Fotografen
[1:27:41] ja
[1:27:42] ja ja das ist ein Foto beim Fotografen ja und so sah ich 47 48 schon aus also wo ich mir schon wieder ein bisschen erholt hatte [zeigt Foto] und ich glaube da entweder geh bin ick mit der Moni gegangen oder mit der mit der na mit der Sylvia eins von den
[1:28:01] beiden ich weiß es nicht mehr genau steht das nich hinten drauf ? [liest:] »zur Erinnerung eure Tochter« ne ach ne das hatte ich meine Eltern mal geschickt ja so das ist mein Enkel ja der ist aber heute schon sieben- [zu Barbara Buschmann] 27 ist Daniel
[1:28:21] ne ? [Barbara Buschmann bejaht] was ? [Barbara Buschmann bejaht; zeigt Foto] und das ist mein Drachen meine Stiefmutter ist dat letzte Foto wo ich äh wo die Mauer gebaut wurde wo ich wo Vater siebzig wurde da ist das Bild jemacht worden bitte siebzigster
[1:28:41] Geburtstag ja wo ich Angst hatte wo ick äh dass sie mir nicht holen ja [zeigt Foto]
[1:28:46] und und mit Ihrem Vater ?
[1:28:49] ja das ist mein Vater mit der zweiten Frau ja mit der zweiten Frau mit der ick mir nicht vertragen konnte meine leibliche Mutter ist ja das hier gewesen [blättert in Fotos] hier dat war ja meine leibliche Mutter ne ja
[1:29:10] [gleichzeitig:] was ist denn mit
[1:29:12] das wird heute alles ausgeheilt ne und früher mussten sie sterben ne so dat haben wir erstmal dann gehts weiter
[1:29:22] mhm
[1:29:23] kann ich einstecken ne ?
[1:29:27] mhm [Schnitt]
[1:29:29] [zeigt Verdienstkreuz] meine Auszeichnung ja war ein ganz toller Tag und ist vor allen Dingen eine Anerkennung wo wir uns sehr darüber gefreut haben mitsamt der Familie [schließt die Schatulle]
[1:29:46] und das ist diese
[1:29:49] ja ne warte mal das ist noch was anderes das kommt noch nicht
[1:29:54] das kommt noch nicht
[1:29:55] das ist noch ein Jahr später das ist hier
[1:30:00] aha okay
[1:30:01] das ist hier wo wir die Ehrenurkunde gekriegt die die äh ja die Ehrenurkunde von dem [zeigt Fotoheft; blättert] so die Familie da
[1:30:26] mhm
[1:30:28] oh [blättert] das ist ein schönes Bild mit Herrn Fritsch
[1:30:35] mhm
[1:30:36] ganz toll joa und hier ist meine Familie wieder druff [an Barbara Buschmann gewandt:] Babsi wo bist du denn ? ach da du bist nur halb druff tja das war auch ähm nicht ganz so groß wie das andere war aber wir sind auch kommt gleich auch ganz find ich
[1:31:04] auch toll wa ?
[1:31:05] ja
[1:31:06] hübsch ne ?
[1:31:08] ja sieht gut aus finde ich gut
[1:31:09] dann freuen wir uns immer [zeigt auf Foto] wenn der kommt denn freuen wir uns immer der ist so ich bin vor zwei jahren an zwei Krücken gegangen der sagt der sagt dann zu jemand weiß ich nicht mehr wer soll die Krücken mal nehmen dann hat er mich untergehakt
[1:31:25] ohne Krücken der ist so wie soll ich sagen so väterlich so ja ja da sind wir nämlich im Cecilienhof essen gegangen kommt gleich ja die haben uns im im Landtag da den Pa- Panal- Pan- den Saal da gezeigt den Parlamentssaal da oder wat und unter anderem
[1:31:57] haben wir beide uns am Pult gestellt als wenn wir ne Rede halten wollen ja das ist ja manchmal so [blättert] ach so komm kommt da wo wir gegessen haben ganz toll draußen im Garten mal gleich sehen mh ganz toll da tolle Aufnahmen ne ganz toll
[1:32:37] ja Charlotte
[1:32:52] das ist das jetzt hier noch dazu ?
[1:32:58] das hier ach so äh so habe ich das zu Hause allet wat ich hier mitjebracht hab so hab ich das zu Hause
[1:33:07] ah ja
[1:33:08] und da drunter hab ich en Schrank mit die ganzen Bücher und ach du lieber Gott ja das ist noch en bisschen klarer ne ohne Folie
[1:33:17] eine besondere Ecke in Ihrer Wohnung ?
[1:33:18] und das ist sind wir 13 [zeigt Foto] die ausgezeichnet wurden mit diesem mit diesem äh da ist auch Henry Maske der steht hinter uns hier da die haben alle Ehrenämter
[1:33:35] [flüstert:] legen Sie es mal hin
[1:33:37] die haben alle Ehrenämter hier 13 die wo wir ausgezeichnet sind weiß ich nicht was alle der Maske der ist hauptsächlich der spendet doch viel Geld und so allet ja ja so hab ich mir das zu Hause gemacht [zeigt Foto] so
[1:34:01] und das haben Sie jetzt extra von der Wand genommen um uns hier zu zeigen ?
[1:34:08] können Sie mal eins be- behalten weil ich doppelt hab
[1:34:11] danke schön
[1:34:13] ja bitte ? das war das war ne oh auf der Bühne gehen oben und dann alles voll oh ich hab richtig ne rote Bombe gehabt also ich seh da so richtig äh furchtbar furchtbar
[1:34:38] nein
[1:34:39] ja aber aber ähm allet guckt einen an das ist nicht so einfach wat ist denn dit hier ? [liest:] »Anerkennung außerordentlichen Verdienstes Landes« ach so ja das ist das hier wo wir unsere Medai- Dings gekriegt haben ja Matthias Platzeck
[1:35:00] mhm
[1:35:01] [zeigt Anerkennungsschreiben] haben wir das auch schon ? [zeigt Foto] das haben wir aber schon ne ? [zeigt gerahmte Fotos] ja das war vor zwei Jahren war das mit dem
[1:35:30] jetzt haben wir hier noch zwei ähm Urkunden
[1:35:34] einmal das ist aber glaube ich von der Lagergemeinschaft
[1:35:41] ja
[1:35:42] das ist von der Lagergemeinschaft die haben uns auch find ich toll
[1:35:47] mhm legen Sie es hin kurz dann können wir es mal abfilmen
[1:35:51] ja
[1:35:52] und das zweite vom Landtag
[1:35:58] [zeigt Urkunde] ja das vom Landtag als wir ne Urkunde gekriegt haben ja das ist ja müssen wir erstmal so und dann aufklappen ne oder wat ? was hat sie denn hier geschrieben überhaupt ? ach [liest:] »liebe Frau Heinrich eine wunderbare Erinnerung
[1:36:33] an Ihren Ehrentag es hat uns sehr gefallen beste Grüße« ah die Sekretärin hat das geschrieben von vom Landtag so dann gehts weiter
[1:36:56] [leise:] ich kann das auch blättern wenn das für Sie
[1:37:00] [gleichzeitig:] ja das ist die Medaille und die Urkunde [zeigt auf Fotos] das ist meine jüngste Tochter und das ist unser vom vom Büro in Ravensbrück Herr Heyl [flüstert:] was ist das hier ? ach quatsch mit Charlotte da ja das ist auch wieder die ganze
[1:37:32] Gruppe die 13 ne da halten die Moment mal was ist das ? so Herr Fritsch spricht denn da ja da haben die die äh Bürgermeister oder die ähm Landtagspräsidenten ja auch Rede gehalten ne [zeigt Foto] hier ist der Platzeck in Rede [zeigt Foto] hier ist
[1:37:59] der Fritsch von ja der der Dings ist ja en bisschen mehr noch der Platzeck ne
[1:38:07] mhm Ministerpräsident Ministerpräsident
[1:38:12] ja und der der der Herr Fritsch ist ja
[1:38:17] [gleichzeitig:] Landtags-
[1:38:19] Landtagspräsident ja ja oh dat war en Tag oh [blättert in Fotobuch] [lacht] ganz toll tolle Bilder aber das hat oh ach so da gehen wir gerade vonne Bühne runter da haben wir ja unser schon gekriegt weeß nicht warum ich da [zeigt auf
[1:39:03] Foto] das war unsere frühere äh Lager- von Ravensbrück unsere Leiterin von Ravensbrück die frühere die war so nett die wir jetzt haben ach werden wir nicht warm mit Frau Jacobeit ja is auch von der Lagergemeinschaft die uns immer betreut ist auch
[1:39:30] en gutes Bild ne
[1:39:32] mhm
[1:39:33] [blättert] das sind aber alles Aus- Aufnahmen draußen im Garten schon war so en Gartenfest dann hinterher [zeigt auf Foto] so vonne Lagergemeinschaft der ist unsere Sekretärin Frau Klein weiß nicht wat die gibt uns da gerade was keene
[1:40:05] Ahnung was es da [blättert] ach da da s- spricht der Herr Fritsch nochmal ein paar Wörter mit uns [blättert] ja das ist ein ganz tollet Bild ganz tollet Bild [zeigt auf Foto] das ist mei- das ist die Große mit dem Mäntelchen und Hütchen da und
[1:40:33] das ist meine aus Essen die hat da bei der Commerzbank die ist jetzt im Ruhestand aber die hat gelernte Commerzbank und hat aber jetzt ist jetzt in Ruhestand gegangen [lacht] ja das ist auch jut von Henry die hat einfach gesagt »Henry wir möchten
[1:40:59] Foto mit äh möchten Foto haben«
[1:41:02] [gleichzeitig:] können wir das nochmal genauer sehen ? kleinen Moment noch
[1:41:03] hat er auch nicht hat er auch nicht abgelehnt da ist ja Charlotte kess ich kriegte das nicht fertig sie hat gesagt zu ihm möchte en Foto haben na ja und das ist ein Familienbild ne [zeigt auf Foto] bloß der steht verkehrt der gehört hierher
[1:41:32] zur Familie und nicht dazwischen bei mir ja ja hier steht es ja auch mit Verleih Landesorden an 13 Persönlich- fertig ? ja ? wat haben wir denn noch ?
[1:41:58] vielleicht können Sie hier noch einmal sagen wie die einzelnen Personen jetzt heißen
[1:42:03] [gleichzeitig:] ja das ist meine Familie [zeigt auf Foto] mein Schwiegersohn meine Tochter meine Schwiegertochter meine Tochter mein Sohn das haben wir Weihnachten gemacht glaube ich ne Babsi wo ihr alle nicht jetzt den schon vor zwei Jahren oder
[1:42:30] drei Jahren
[1:42:31] okay Frau Heinrich dann bedanken wir uns dass Sie uns Ihre Lebensgeschichte erzählt haben vielen Dank
[1:42:44] [gleichzeitig:] ich danke auch [lacht]
[1:42:45] vielen Dank
[1:42:46] ich danke auch für alles [Schnitt]
[1:42:47] okay
[1:42:50] habs schon mitgekriegt rote Lampe leuchtet
[1:42:53] [lacht] ja
[1:42:55] [liest vor:] äh »sehr geehrte Frau Heinrich auf Ihre Anfrage steht hier gemäß äh Aktenlage dass Sie ab ersten Achten 44 in Vorbeugehaft waren das geht aus einem Vermerk in der Akte so und so Bestandteil fünften zwölften und Landtagsfürsorge und Landesarbeitsamt
[1:43:13] Güstrow im Landeshauptarchiv Schwerin hervor dennoch war dies der Zeitpunkt Ihrer Verlegung aus dem Landesfürsorge- und Landesarbeitshaus Güstrow wo Sie seit dritten Elften 43 zwangweise und haftähnlich untergebracht waren in das KZ Ravensbrück im Namen
[1:43:32] Ilse Zietz« hieß ich da Zietz »wurde in einer Liste jugendlicher Zöglinge des Landesfürsorgehauses vom achten Achten 44 aus dem Grunde gestrichen und mit einem entsprechenden handschriftlichen Vermerk versehen eine be- beglaubigte Kopie des Dokuments
[1:43:51] lege ich bei« hier da hier da bin ich ausgestrichen worden die aufn Transport gingen
[1:43:58] zeigen Sie das mal so in die Kamera vo- genau so
[1:44:01] [zeigt Dokument] wat ausgestrichen ist die sind aufn Transport jegangen gut ? ich habe doch gestern erzählt von die Stiftung da wat ick inne Zeitung gelesen hatte Moment wo sie wo sie sagten »na die muss ja dagewesen sein die weiß ja soviel«
[1:44:44] ne
[1:44:45] mhm
[1:44:47] [liest vor:] »sehr geehrte Frau Heinrich wir freuen uns« und zwar wadel- war das äh zwanzigste Juli 88 »sehr geehrte Frau Heinrich wir freuen uns Ihnen mitteilen zu können dass der Vorstand der Stiftung in einer Sitzung am 14ten Juli 88 beschlossen hat
[1:45:03] Ihnen eine einmalige Zuwendung in Höhe von tausend Mark in Worten zukommen zu lassen« weil für Rente reichte dat nicht weil ich hatte ja keine Dokumente ne so wo ick mit meiner Tochter da den Urlaub
[1:45:18] [gleichzeitig:] was war das für eine Stiftung ?
[1:45:19] [gleichzeitig:] was ?
[1:45:21] was war das für eine Stiftung ? Entschuldigung dass ich Sie unterbrochen hab
[1:45:21] Stiftung Hilfe für Opfer des NS-Willkürherrschaft
[1:45:26] mhm
[1:45:27] so dann hatt ick hier hatten sie nochmal versucht beim Roten Kreuz bin ich auch nicht registriert gewesen war ich auch nicht registriert [zeigt Dokument] so und hier äh »gestern zehnten Mai 1988 haben wir vom Internationalen Suchdienst in Arolsen
[1:46:19] die Antwort auf unsere Anfrage äh Haftzeiten im KZ Ravensbrück bestätigt nicht aufgefunden« da war nichts von mir vorhanden »Ihre Antrag werde weiter bearbeitet« na ja das ist ist gar nicht mal so (__) [zeigt Dokument] und das ist (damit da mal
[1:47:05] ne) andere [liest:] »Antrag auf Staa-« ach so [liest vor:] »betrifft Ihren Antrag an Stiftung Hilfe für Opfer der Willkür sehr geehrte Frau Heinrich wir ha-« und zwar ist das vom neunten Mai 88 wo ich da in diese mich gemeldet hatte wegen äh Ihr
[1:47:31] Antra- »sehr geehrte Frau Heinrich wir nehmen Bezug auf Ihren Antrag und teilen Ihnen mit dass wir eine Überprüfung des uns zur Verfügung stehenden Dokumentar durchgeführt haben leider konnte in den hier nur (vollständig) vorliegenden Unterlagen keine
[1:47:47] Information über Ihre Inhaftierung im Konzentra- er- -mittelt werden sollten Sie uns noch die Häftlingsnummer« und ja na ja das das ist ja das wo ich denn die einmalige ähm Zahlung da jekriegt hab weil ick ja wo ich Ihnen schon vorgelesen hab da wo sie
[1:48:07] sagen »na ja die weiß ja so viel« wo ich schon mal erzählte gestern ne wat das ist [sucht in Unterlagen] und hier wat haben wir denn hier noch ? ach [liest] »Hilfe für Opfer NS-Willkürherrschaft« das ist auch noch von da wo die äh also die haben sich
[1:48:28] sehr viel Mühe gegeben aber man muss ja Zeugen haben nicht und dadurch hatten sie mir ja den einmal den lassen ihr wir mal tausend zukommen Mark damals ne denn die die weiß ja doch viel wat stimmt [liest:] »sehr geehrte Frau Heinrich wir bestätigen ihr
[1:48:45] Telefonat vom 31sten August 87 die Stiftung Hilfe für Opfer der NS-Willkürherrschaft will Personen unterstützen« was in der Zeitung stand was ich sagte »die in der Zeit vom 30sten Januar 33 bis zum achten Mai 45 vom national- -istischen Willkürmaßnahmen
[1:49:06] betroffen worden sind und weiterhin äh haben werden« bisschen geknickt hier wat ist denn dat [sucht in Unterlagen] ach so da kommt ja noch wat zum Vorschein da ist unten noch ein ein ja hier [liest:] »betroffen worden sind und die ihren Hauptwohnsitz
[1:49:30] am ersten Januar 87 im Lande Berlin hatten und weiterhin haben werden die Unterstützung ist in erster Linie für Personen gedacht die wegen der erlittenen Schädigung keine nennenswerte einmalige oder laufende Geldleistung nach Rechts- und Verhaltensvorschriften
[1:49:47] des Bundes und der Länder oder aus Mitteln einer mit gleichen Zwecksbestimmung errichteten Stiftung erhalten haben falls Sie zu dem genannten Personenkreis gehören und die oben genannten Voraussetzungen erfüllen erfüllen bitten wir Sie den beigefügten
[1:50:05] Antrag auszufüllen unterschrieben an uns zurücksenden für eventuell äh sich ergebende Rückfragen stehen wir Ihnen telefonisch zur Verfügung« na ja »wir bitten Sie schon bei Antragstellung eventuell« aber das hat allet nicht jeklappt weil ich ja keine
[1:50:20] Beweise habe (da registriert werden) ach so meine Registriernummer aber wie gesagt Stiftung Hilfe für Opfer äh Kün- äh äh Willkürherrschaft Königin-Elisabeth-Straße war nur so en kleiner Artikel in der BZ dadurch bin ich äh äh da aber ich hat ja
[1:50:44] nichts ich konnte ja nichts beweisen
[1:50:45] [gleichzeitig:] diese Liste die Sie uns mhm diese Liste die Sie uns vorhin gezeigt haben die war dann aber mit ausschlaggebend dafür dass Sie jetzt eine äh eine Rente bekommen oder immer noch nicht ?
[1:50:55] [gleichzeitig:] ich hab ne ne dat war ja dat doofe ich hab ja denn nachher äh wo ich denn von Schwerin das alles beweisen konnte da wollte ich dass das rückwirkend [schüttelt den Kopf] haben sie nicht jemacht haben sie nicht jemacht von dem Tag an wo ich
[1:51:11] das von Schwerin von dem Tag an l- läuft die äh Entschädigungsrente
[1:51:16] und auch von dieser Hi- Stiftung die Sie äh mit der Sie schon seit 87 in Kontakt sind ?
[1:51:22] nix nur nur einmalige Zahlung von tausend Euro weil ich sie konnten ich hatte ja keine Belege ne
[1:51:28] gibt es die heute überhaupt noch diese Stiftung ?
[1:51:33] ich weiß das nicht
[1:51:35] weil ich hab das noch nie gehört
[1:51:38] [zeigt Zeitungsartikel] ja ja das war ungefähr so 47 dit hier [liest:] morgens kam der Leichenwagen man kriegte keinen Zuzug in der Stadt aber das a- a- können Sie gerne mal kopieren wenn Sie wollen
[1:52:35] mhm ja machen wir
[1:52:38] ja ?
[1:52:40] machen wir mhm
[1:52:41] weil das ja auch »Beweise für KZ-Haft zur Rentenverrechnung und großzügige Regelung (Ende) Bank- wat ? im bankrotten Berlin« welche Zeitung war denn das ? Märkische Allgemeine Zeitung ne ? MAZ
[1:52:57] müsste sie sein
[1:53:01] [gleichzeitig:] glaub wohl ja
[1:53:02] mhm
[1:53:04] ja ne ?
[1:53:05] glaub wohl
[1:53:06] MAZ Märkische ja das können Sie gern dann mal kopieren wenn Sie wollen
[1:53:12] danke schön
[1:53:13] [liest] ja
[1:53:14] das war alles was Sie noch hatten ne ?
[1:53:47] ja war alles
[1:53:49] okay
| Datum | Ort | Text |
|---|---|---|
| ab 1924 | Hornstorf | Geburt |
| ab 1930 | Hornstorf | Tod der Mutter an Tuberkulose |
| 1939 - 1943 | Wismar | Schulabschluss, Arbeit bei einem Landwirt |
| ab 1943 | Güstrow (Zwangsarbeitshaus) | Überstellung zur Zwangsarbeit in das Landesfürsorge- und Landesarbeitshaus Güstrow |
| ab 1944 | Ravensbrück (Konzentrationslager) | Überstellung ins Konzentrationslager, Zwangsarbeit im Hofkommando, Strickkommando und der Schneiderei |
| ab 1945 | Ravensbrück (Konzentrationslager) | Vergewaltigung nach der Befreiung durch sowjetische Truppen |
| ab 1947 | Hornstorf | Geburt der ersten Tochter Monika, Freigabe zur Adoption |
| 1948 - 1950 | Güstrow | Arbeit als Küchenhilfe auf Schloss Güstrow, Geburt der zweiten Tochter Sylvia |
| ab 1951 | Berlin | Teilnahme an den Weltfestspielen der Jugend, Umzug nach Berlin, Heirat |
| ab 1952 | Berlin | Geburt des Sohnes Dieter |
| ab 1954 | Berlin | Geburt der dritten Tochter Christina |
| ab 1989 | Ravensbrück (Konzentrationslager) | erstmalige Rückkehr nach Ravensbrück |
| ab 1995 | Berlin | offizielle Anerkennung als Verfolgte des Naziregimes |
| ab 2003 | Berlin | Begegnung mit Charlotte Kroll, Beginn des Engagements als Zeitzeugin |
| ab 2010 | Potsdam | Auszeichnung mit dem Brandenburger Verdienstorden |
Gemeinsam mit unzähligen weiteren Häftlingen kam sie am Fürstenberger Bahnhof an, von wo aus die Häftlinge zum Konzentrationslager getrieben wurden. Im Lager wurden ihr die Haare geschoren, sie bekam Häftlingskleidung und wurde einer Baracke zugewiesen. Der strenge Winter 1944/45 und die Strafen, die sie im Konzentrationslager erhielt, blieben Ilse Heinrich in besonders schrecklicher Erinnerung. Anfangs musste sie im Hofkommando Zwangsarbeit leisten. Als sie eine verfaulte Kartoffel aß, die sie bei der Zwangsarbeit im Müll fand, erhielt sie eine Hungerstrafe. Eine Woche lang musste sie allabendlich den anderen Häftlingen beim Essen zugucken. Danach wurde sie ins Strickkommando überstellt. Weil sie zu langsam arbeitete, kippte ihr ein Aufseher einen Eimer Wasser über den Kopf und sie musste so lange draußen vor der Baracke stehen bleiben, bis das Wasser am Körper gefroren war. Nach einer weiteren Überstellung in das Kommando Lagerschneiderei, wo sie Uniformen nähen musste, wurde ihr von einem SS-Mann erneut unterstellt, nicht schnell genug zu arbeiten und sie erhielt eine schwere Prügelstrafe. Im Frühjahr 1945, von Hunger und vom strengen Winter geschwächt, erkrankte sie an Typhus. Ende April 1945 räumte die SS das Lager und schickte alle verbliebenen Häftlinge auf einen Todesmarsch. Ilse Heinrich hatte Glück im Unglück, denn die Häftlinge im Krankenbau, und damit auch sie, wurden von der SS zurückgelassen. Eine Mitinsassin und ehemalige Rote Kreuz-Schwester nahm sich ihrer an und versuchte, sie zum Aufbruch zu bewegen. Doch sie war zu schwach, so dass die Rote Kreuz-Schwester sie in die verlassenen SS-Behausungen brachte und dort pflegte. Kurz darauf erreichten die ersten Rotarmisten das Lager. Ilse Heinrich und die Rote Kreuz-Schwester fielen einer Vergewaltigung zum Opfer. Als Offiziere und Obere der Roten Armee nachrückten, stellten diese Ilse Heinrich unter ihren persönlichen Schutz und sie blieb bis zu ihrer Genesung in den ehemaligen SS-Behausungen.
Nach ihrer Gesundung kehrte sie in ihr Elternhaus zurück. Doch für ihre Stiefmutter war sie wieder eine Last, so dass sie erneut zu der Großfamilie nach Wismar floh. Nach einer weiteren Vergewaltigung durch einen Besatzungssoldaten der Roten Armee wurde Ilse Heinrich schwanger und gebar im September 1947 ihr erste Tochter Monika. Ihr Vater drängte sie zu einer Unterschrift, die das uneheliche Kind zur Adoption freigab. Sie musste Monika daraufhin an das Jugendamt abgeben und begann als Küchenhilfe im Güstrower Schloss zu arbeiten. Sie wurde erneut schwanger und brachte 1949 ihre zweite Tochter Sylvia zur Welt, die im Säuglingsheim von Güstrow untergebracht wurde. Doch voller Stolz kümmerte sich Ilse Heinrich neben der Arbeit um ihre Tochter. Von ihrem Lohn kaufte sie Sylvia schöne Anziehsachen und ging regelmäßig mit ihr im Dorf spazieren. Im Jahr 1951 hatte sie die Chance, zu den Weltfestspielen der Jugend, die in Ost-Berlin stattfanden, zu fahren. In Berlin angekommen verwirklichte sie ihren langjährigen Traum, in der Stadt zu leben. Sie flüchtete aus ihrem Quartier und blieb im westlichen Teil Berlins, wo sie nach nur drei Monaten ihren zukünftigen Ehemann kennenlernte. Im Dezember 1952 brachte sie ihren Sohn Werner zur Welt. Ein Jahr später gelang es einer Freundin von Ilse Heinrich, ihre Tochter Sylvia, die inzwischen im Kreiskinderheim Hagenow untergebracht war, nach Berlin zu holen. Wegen der Gefahr, zu Hause verhaftet zu werden, konnte Ilse Heinrich diese Reise nicht selbst auf sich nehmen. Als im Februar 1954 schließlich ihre dritte Tochter zur Welt kam, hatte sie innerhalb kürzester Zeit drei Kinder zu versorgen. Doch es gelang ihr zu jeder Zeit, neben dem spärlichen Gehalt ihres Mannes, die Familie zu ernähren und über Wasser zu halten.
Ilse Heinrich, deren Leben erst 1951 »begann«, pflegte von Beginn an einen offenen Umgang mit ihrer Lebens- und Verfolgungsgeschichte. 1994 besuchte sie erstmals das ehemalige Konzentrationslager Ravensbrück, das sie nach der jahrelangen Nutzung durch russische Truppen nicht wiedererkannte. Sie baute Kontakte zur Lagergemeinschaft auf, lernte auf einer Gedenkveranstaltung die Ravensbrück-Überlebende Charlotte Kroll kennen und begann, sich gemeinsam mit ihr als Zeitzeugin zu engagieren. Ihre Motivation war es, dem Vergessen Einhalt zu gebieten und die Erinnerung an die Zeit ihrer Entmündigung aufrecht zu erhalten. Auf vielen Fotos wurde die Zeitzeugenarbeit, aber auch die Auszeichnung der beiden mit dem Brandenburger Verdienstorden dokumentiert, den Ilse Heinrich und Charlotte Kroll vom Ministerpräsidenten des Landes Brandenburg, Matthias Platzeck, verliehen bekamen.
Ende der 1980er Jahre las Ilse Heinrich in einer Zeitung das erste Mal von Entschädigungszahlungen für Opfer des NS-Regimes und bemühte sich in der Folgezeit um eine Anerkennung als Opfer. Zunächst erhielt sie von der Stiftung Hilfe für Opfer der NS-Willkürherrschaft eine einmalige Zahlung in Höhe von tausend Mark. Da sie ihre Zeit im KZ Ravensbrück nicht nachweisen konnte, war dies zunächst die einzige Auszahlung. Erst eine Liste aus dem Arbeitshaus Güstrow brachte Klarheit: Unter Ilse Heinrichs Namen war unter der Zeile »Abgang« der Eintrag »KZ Ravensbrück« vermerkt, so dass sie ab 1994 offiziell als NS-Verfolgte anerkannt wurde und fortan eine monatliche Zusatzrente erhielt.