Charlotte Kroll (*06.03.1922, Freital)
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- Signatur
- 01133/sdje/0030
- Institut
- Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin
- Sprache
- deutsch
- Ort und Datum der Aufnahme
- Berlin, den 20. Juli 2012
- Dauer
- 01:37:56
- Interviewter
- Charlotte Kroll
- Interviewer
- Daniel Baranowski , Lennart Bohne
- Kamera, Licht und Ton
- Kai Schulze
- Redaktion
- Lennart Bohne
- Transkription
- Lennart Bohne
Ohne Angabe von Gründen wurde Charlotte Kroll 1942 verhaftet. Ein Jahr ihrer zweijährigen Haft verbrachte sie als politische Gefangene im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. Erst nach ihrer Entlassung 1944 erfuhr sie durch Zufall den Grund: sie hatte einer russischen Zwangsarbeiterin Babykleidung geschenkt. Charlotte Kroll wurde 1922 im sächsischen Freital geboren. Ihre erste Tochter – Kind einer Kriegsehe – wurde 1940 geboren. Während die Großmutter sich um das Kleinkind kümmerte, arbeitete Charlotte Kroll in einer nahe gelegenen Munitionsfabrik und schenkte dort 1942 einer schwangeren russischen Zwangsarbeiterin gebrauchte Babykleidung. Kurz darauf wurde sie verhaftet und kam für ein Jahr ins Gefängnis nach Dresden. Im März 1943 wurde sie ins Konzentrationslager Ravensbrück überstellt, wo sie als politische Gefangene Zwangsarbeit bei der Firma Siemens leisten musste. Auch als sie nach einem Jahr entlassen wurde, kannte Charlotte Kroll immer noch nicht den Grund ihrer Haft. Erst als sie einige Zeit später durch Zufall eine ehemalige Polizeibeamtin traf, die ihr den Grund nannte, wurde ihr das eigene Schicksal bewusst: Für ihre Mitmenschlichkeit wurde sie mit zwei Jahren Haft bestraft. Das erlittene Unrecht war der Anlass für ihr späteres Engagement als Zeitzeugin, für das sie im Juni 2010 mit dem Brandenburger Verdienstorden ausgezeichnet wurde. Zum Zeitpunkt des Interviews war Charlotte Kroll neunzig Jahre alt.
Vorkontakte
Ursprünglich war geplant Charlotte Kroll bereits vor einem guten Jahr zu interviewen, als auch das Interview mit ihrer Freundin Ilse Heinrich stattfand. Aus gesundheitlichen Gründen konnte CK damals kein Interview geben, hat danach aber mehrfach ihr bleibendes Interesse daran geäußert. Danach erneute Kontaktaufnahme und Etablierung des üblichen Ablaufs.
Bedingungen
gewohnt gute Bedingungen im OdI
Gruppensituation
zwei Interviewer, ein Kameramann (Kai Schulze) und Charlotte Kroll`s Betreuerin Frau Radosh-Hinder
Unterbrechungen
eine geplante Pause nach ca. 60 Minuten
Protokoll
Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin
Eindrücke
Charlotte Kroll beginnt sehr hektisch und unstrukturiert verschiedene Ereignisse ihres Lebens zu erzählen. Durch gezielte Fragen findet sie jedoch immer wieder in die Chronologie ihrer Biographie zurück und schildert sehr ausführlich und emotional ihre Verfolgungsgeschichte und ihre Zeit in Ravensbrück. Auch andere Teile ihrer Biographie, die unter Umständen verborgen geblieben wären, kommen durch diese Nachfragen zur Sprache. Wie auch im Vorgespräch betont sie immer wieder ihre Frfeundschaft zu Ilse Heinrich, da sie durch ihr Schicksal miteinander verbunden sind, und die gemeinsam als Zeitzeugen aktiv sind. CK und auch Frau Radosh-Hinder schienen mit dem Verlauf des Interviews sehr zufrieden zu sein. Auch ich schließe mich dem an und denke, das wir ein weiteres, sehr interessantes Interview aufgenommen haben.
[0:00] heute ist der zwanzigste Juli 2012 wir sind im Ort der Information des Denkmals für die ermordeten Juden Europas in Berlin und führen heute ein Interview mit Charlotte Kroll für das Projekt »Sprechen trotz allem« mein Name ist Lennart Bohne ich führe
[0:16] das Interview gemeinsam mit Daniel Baranowski Kai Schulze ist für Kamera Ton und Licht zuständig
[0:22] ich ? ich heiße Charlotte Kroll geborene Görner bin am sechsten Dritten 22 in Freital in Sachsen geboren [räuspert sich] weiter ? (was) weiter ?
[0:40] vielleicht ähm erzählen Sie uns am Anfang ein bisschen was von Ihren Eltern was hatten die für Berufe ? wie hießen Ihre Eltern ?
[0:47] [gleichzeitig:] mein mein Vater w- hieß Paul mit -m Vornamen der war Glasbläser das war ein sehr schwerer Beruf meine Mutti war Hausfrau wir waren drei Kinder ich ha- ich hab noch zwei Brüder ich bin die Älteste mein einer Bruder ist dann zum Militär
[1:02] gekommen und der kleine war Kraftfahrer aber sind beide gestorben ich bin die Älteste und leb noch bin neunzig Jahre alt bin am sechsten Dritten 22 geboren in Freital in Sachsen
[1:14] mhm
[1:16] wie die Rote Armee kam bin ich getürmt und zwar bin ich erst nach Hamburg und von Hamburg nach Berlin und lebe jetzt schon etliche Jahre in Berlin habe wieder geheiratet und habe habe zwei Kinder zwei Töchter die eine ist der Schwiegersohn
[1:40] ist gestorben und mit der einen Tochter bin ich leider nicht mehr in Kon- in Kontakt und was die kleinere Schwester meine Tochter ist die hat hier einen Schrebergarten und wir verstehen uns blendend
[1:54] wie viel ähm Jahre sind die Geschwister voneinander entfernt gewesen also Ihre beiden Brüder sind die sehr viel jünger als Sie ?
[2:04] nein nein nein nein also die sind glaube ich drei Jahre auseinander
[2:08] ja
[2:10] sind drei Jahre auseinander die Brüder oder zwei ich hab ja da auch die F- die Bilder ja da sieht man das drauf die Bilder ja
[2:15] [gleichzeitig:] ja Sie haben ein Bild von Ihrer Mutter mitgebracht
[2:18] [gleichzeitig:] ja
[2:20] vielleicht können Sie das einmal in die Kamera zeigen
[2:22] mhm [zeigt Foto] meine Mutti
[2:24] ist das wissen Sie wo das ist ist das bei Ihnen im Garten oder
[2:27] ja das ist in Freital bei uns im Garten [räuspert sich] meine äh von meinem Bruder der nach mir kommt der der geheiratet hat die haben dann der hat ein Haus in Freital das ist bei Dresden ja und da ist das hier im Garten das Grundstück die haben ein
[2:44] sehr schönes Grundstück ist gut ? kann ich weglegen ?
[2:47] und dort in Freital haben Sie dort auch Ihre Kindheit verbracht und sind dort zur Schule
[2:51] [gleichzeitig:] ja ich hab in Freital meine Kind- Kindheit verbracht ja ja ich war wenig zu Hause ich war viel bei meinen bei meinen Großeltern [räuspert sich] ich bin eigentlich so richtig bei meinen Großeltern groß geworden [räuspert sich] mein mein
[3:03] Großvater war Kutscher in der Brauerei die Pferde ich bin ja sehr tierlieb und na ja wo die Pferde waren da waren viele Katzen ja da war ich dann Hahn im Korbe bis damals sind wir ja noch mit Pferdekutschen gefahren so mit Bierfässern hinten drauf da
[3:20] bin ich immer mitgefahren mit Pferde und ja wenn der Opa die Pferde geputzt hat dann hab ich auch mit geputzt und gemacht und ja ich ha- ich hatte -ne schöne Jugend doch (schön)
[3:31] ist Freital ähm wir haben gestern schon mal kurz drüber gesprochen ei- eine äh ist eine Stadt ähm wissen Sie wie viel Einwohner oder wie groß ist das gewesen ? es ist bei Dresden
[3:46] es ist bei Dresden ja
[3:48] mhm
[3:50] da gibt -s dann noch Freital-Häslich Freital-Gittersee Freital- (Bürgischt) alles so kleine Kleckerdörfer
[3:54] haben Sie Erinnerungen an an das äh an die Stadt Ihrer Kindheit ?
[3:59] ja hab ich ja ja ich weiß noch wi- wo wir wo wir in dem Haus wo wir gewohnt haben da war unten ein Fleischer [räuspert sich] und ein Uhrmacher und da ging war so ein [betont:] große große Einfahrt und früher wurden ja noch waren noch richtig die Schlachthöfe
[4:14] noch richtig jeder Fleischer hatte seinen eigenen Schlachthof [räuspert sich] und äh da kamen dann morgens kamen dann Kühe oder oder Schweine oder je nachdem was geschlachtet wurde ich weiß noch die Schweine da war so ein großer Trog und dann kamen
[4:28] die Schweine rein und dann wurden gebrüht abgebrüht und dann kam war so -ne Dings haben sie abgeschabt alles wir Kinder haben dann zugeguckt ne und na ja wenn dann wenn dann gewurstet wird dann haben wir schon mal ein Würstchen gekriegt und dann gab -s
[4:44] Wurschtbrühe weiß ich noch es war ja damals auch schlechte Zeiten mit der Esserei so ne haben wir immer mit der Kanne Wurschtbrühe geholt hat die Mama dann mit Graupen und so gekocht na ja es waren schlechte Zeiten wir waren froh wenn wir so was kriegten
[4:57] ja Vater und die Oma ha- die hatten so einen großen Hund so -n so -n einen so -n braunen der ging immer selber einkaufen der kriegte -n Korb und und seinen seinen Zettel in in drin und dann ging der einkaufen der Hund [räuspert sich] kann ich mich noch so
[5:12] erinnern ja ne also wir hatten ich hatte eigentlich -ne gu- schöne schöne Jugend meine Großeltern sind viel mit mir weggegangen die sind viel mit mir weggefahren und und wenn da bei uns Rummel war sind ma Karussell gefahren und Rutsche und ja doch ich kann
[5:26] mich noch gut erinnern
[5:29] wie kam das dass Sie mehr Kontakt zu Ihren Großeltern hatten oder mehr bei denen waren
[5:35] ich ich weiß auch nicht nein erst mal darum meine äh meine Mutti hat ja nicht gearbeitet sie aber ist ab und zu mal zu die Leute gegangen mal aushelfen mal da mal was und da mal was und dann blieb uns an uns Kindern nicht andern über wir mussten zu den
[5:50] Großeltern ne und ich bin immer bei Großeltern ne und der hatte nu die Katze und ich bin tierlieb und der Großvater und da bin ich also auf Deutsch gesagt mehr bei meinen Großeltern wie zu Hause gewesen also meine Großmutter und mein Großvater gingen
[6:04] mir über alles mein Großvater ist aber zeitig gestorben der wi- früher mussten sie doch ich weiß nicht ob Sie das wissen wenn sie haben die Fässer abgeladen da waren dann noch die Fässer damals gab -s dann noch da haben die so solche solche solche
[6:19] Säcke gehabt und da plumpsten dann die die die Fässer so drauf ja und da hat er da und da hat er dann so -n Fass über gekriegt und dann war er war er blind und dann konnt er nit mehr arbeiten und dann ist er auch bald gestorben und dann war die Großmutter
[6:36] alleine ja und dann war sie froh dass ich da war ne dass sie nicht alleine war (da ist sie dann) die Großmutter ich war wenig zu Hause auch trotzdem meine Eltern waren mir doch waren doch meine Eltern also
[6:52] und sind Sie auch in Freital zur Schule gegangen dann ?
[6:58] ja ich bin in Freital zur Schule gegangen ja bin erst zur Schule raus bin zu dann in in in die Berufsschule da haben wir kochen gelernt und nähen und all so was gelernt ja und dann aus der Schule dann hab ich meine erste Arbeitsstelle war ein ein war
[7:16] ein Fahrradladen weiß ich noch genau und na ja
[7:19] was mussten Sie da machen in diesem Fahrradladen was war Ihre Aufgabe ?
[7:26] ja ich musste so die Fahrräder bissl das alles schön blank ist alles putzen und machen so bisschen (mehr) ja und dort waren der Chef von da das war ein Bekannter von meinem Papa und da hab ich da ganz gut ich war gerne da hab gerne da ja
[7:42] wie alt waren Sie da als Sie angefangen haben zu arbeiten ?
[7:46] na wie ich aus der Schule kam wie alt war ich denn ? ach da hat ich noch als wo ich Schule ich aus der Schule kam hatte ich noch Diphtherie da war ich im Krankenhaus noch da musste ich noch -ne ganze Weile im Krankenhaus bleiben und [räuspert sich]
[8:02] da war doch dann die Entlassung von der Schule und dann die Konfirmation dann habe ich dann [betont:] zum Glück konnte ich noch zur Konfirmation gehen ich weiß noch was ich für ein Kleid an hatte und doch konnte ich noch zur Konfirmation gehen doch ja
[8:17] ja ich hab dann [räuspert sich] ja dann hab ich in einer bei Siemens aber nicht hier von mit (KZ) mit dem Siemens hier nichts zu tun [räuspert sich] das ist eine die wir wir haben so Konservengläser gemacht und dann hab ich da gearbeitet und meine
[8:41] Mutti hat auch da mitgearbeitet wir haben die Gläser sechs Stück immer in so eine Rolle gepackt und da hab ich hab ich meinen ersten Mann kennengelernt aber den mochte ich gar nicht [guckt auf Fotos]
[8:53] [leise] ist das der hier ?
[8:56] ne den nicht ne den nicht den hab ich nicht den hab ich nicht den will ich von dem will ich auch nicht
[9:00] den haben Sie bei der Arbeit kennengelernt
[9:03] ja und det war so -n na [gestikuliert] »hallo wer bin ich« und die Eltern waren auch so (ma bissch-) da -n Löffelchen und da -n Löffelchen und und da -n Serviettchen und das und das war ich nicht so dafür war ich nicht ich war ein Arbeiterkind und
[9:20] bei uns gab -s en Teller und da gab -s was druff und nit das wir bloß -n Teller haben und da so -n Häufchen ne [räuspert sich] ja mit dem bin ich dann wieder auseinander das
[9:32] aber Sie haben geheiratet Sie waren verheiratet eine Zeit lang
[9:37] ja wir haben geheiratet es war -ne Kriegsheirat Kriegsheirat ich weiß da haben wir noch »Mein Kampf« gekriegt weiß ich noch »Mein Kampf« haben wir da vom Standesamt gekriegt und dann sind wir zu sind wir sind wir noch in der Kirche haben kirchlich
[9:51] geheiratet noch und na ja
[9:55] das heißt Ihr Mann war damals schon an der Front und ist dann zur Heirat zur Hochzeit nach Hause gekommen
[10:01] [gleichzeitig:] ja nach Hause gekommen ja
[10:03] und musste danach wieder an die Front
[10:06] wieder Front an die Front ja ja der war wieder weg ja
[10:08] und Sie waren zu dem Zeitpunkt schon schwanger das erste Mal ?
[10:10] ja ja meine Große die da habe ich aber gar keinen mit der hab ich gar keinen Kontakt die ist die ist so von nehmen die will nur haben haben haben haben und das ist nichts finde ich nicht so gut ich gebe schon was wenn was ich geben kann geb ich aber
[10:27] was nicht geht geht nicht und ich kann das nicht so wenn die s- die fordert die fordert die fordert wenn die kommt die fordert die will das eben haben und dann und das finde ich nicht so gut und die Kleine guckt dann zu die sagt »ja Mutti wieso kriegt
[10:40] die das und ich krieg das nicht« aber das gibt -s nicht bei mir kriegen sie beide gleich
[10:48] ja und dann na ja dann bin ich so na ja (hex hex) und dann kam kam die dann kam ja war dann die Zeit dann wie die Rote Armee ein reingekom- eingewandert ist also
[11:04] rein nach Dresden kam und äh erste erste Zusammenkunft mit der Roten Armee war so ein junger Soldat und zwar bei uns war so -n Seifen die haben Seife gemacht war -n Seifen- äh -fabrik und da gab es so kleine Männeken und meine Mutti wir hatten früher
[11:26] so -n wir sagten Regulator das ist so -ne große Uhr
[11:29] wie sagten Sie ?
[11:31] Regulator
[11:33] mhm
[11:35] das ist eine Uhr und unten geht dann der [gestikuliert] (Dippel) der Perpendikel immer hin und her und da hatte meine Mutti so ein kleines Tierchen hatte sie so da drinne stehen und da ist so ein junger Russe ins Haus rein bei meiner Mutti ins Zimmer
[11:47] rein und hat des das Tier gesehen das und das wollte der unbedingt haben und meine Mutter hat ihn aber nicht verstanden und ich komm nach Hause und meine Mutter hör meine Mutter oben schreien und schreien die hatte Angst ja dann bin ich hoch und dann hab
[11:59] ich gefragt was er will und dann hat er gezeigt und dann hab ich zu meiner Mutter gesagt »gib ihm doch das Ding« na und dann hat er sich bedankt und ist und ist abgehauen nächsten Tag kam er an mit Brot und Butter und Wurscht hat er alles »das ist für
[12:13] Mama für Mama ist das« hat er sich also bedankt ne den haben wir [räuspert sich] den haben wir gar nicht mehr los gekriegt der war jeden Tag kam der an mit Brot und Butter und und Wurscht und Fleisch und was und so und hat der auch überall weg geklaut
[12:25] bloß ja und dann na ja dann hab ich die Schnauze voll gehabt mit dem ganzen Theater da das durftest du nicht und da musstet du aufpassen und das war ja so -ne Zeit wo du auch vorsichtig sein musstest mit allem bin ich abgehauen und zwar nach Hamburg
[12:45] und Hamburg das war für mich wie andere Italien oder so war na ja ich war in Hamburg
[12:53] waren sie schon mal vorher da gewesen in Hamburg ?
[12:55] nein nein
[12:57] warum haben Sie sich entschieden warum Hamburg ?
[12:59] [gleichzeitig:] ich weiß auch nicht ich hab das so irgendwie immer mal gehört Hamburg Hamburg und dann die Lieder von Hamburg und so ne also es war so in mir drin Hamburg also ich weiß auch nicht was ich da jetzt lach ich drüber ne denn Hamburg ist
[13:08] doch auch nichts weiter na jedenfalls bin ich dann abgehauen mit -n mit nach Hamburg und zwar ich war mit meiner Freundin tanzen und hab mit einem Herrn getanzt und der sprach so komisch und das sag ich »w- wo kommen Sie denn her ?« und da sagt er »na
[13:22] ich komm von Hamburg« na ich Hamburg da war ich ja bei dem richtigen und da hab ich gesagt »Hamburg Stadt meiner Träume« »ja« sagt er »dann können Sie ja mitkommen ich nehm Sie mit nach Hamburg« ich sag »ja ehrlich ?« »ja« na ja gut ich nach Hause
[13:35] ich in Rucksack einen noch ein Kleid das Bügeleisen [lacht] Bügeleisen na ja und so noch Kleinigkeiten im Rucksack so und nach Hamburg jetzt hab ich bei ihm gewohnt aber das war nicht so das Richtige der wollte mir an die Wäsche das wollte ich aber
[13:51] nicht bin ich abgehauen und dann habe ich meine eine Freundin getroffen in Hamburg und die hat mich dann mitgenommen zu sich und dann hab ich da gewohnt und äh da hab ich dann meinen zweiten Mann kennengelernt ja ja und das war mein bestes Stück
[14:10] ja
[14:12] zeigen Sie das ruhig auch noch mal
[14:14] [zeigt Foto] das war mein bestes Stück
[14:16] wie hieß er ?
[14:19] (Erwin) das war mein bestes Stück ja
[14:23] er kam aus Hamburg ?
[14:25] ja der wir sind dann ja nach Berlin gezogen ne sind dann nach Berlin und es war kein Armer aber das wusste ich nicht das wir haben uns einen Ga- Garten gekauft und neu- alles neu gebaut alles neu gemacht alles richtig einge- wie wie zu Hause alles
[14:43] wir hatten das war -ne zweite Heimat den ganzen Sommer haben wir in der Laube gewohnt und im Winter sind wir rumge- sind wir weggefahren da waren wir in der Türkei wir waren fünfmal in der Türkei in Antalya Antalya ja und dann na überall sind wir mal da
[15:00] mal da mal da mal gewesen ja leider ist er gestorben
[15:04] aber ich muss jetzt noch mal fragen damit ich hinterher komme also Sie sind nach dem Krieg von Dresden nach Hamburg gegangen und haben dort Ihren zweiten Mann kennengelernt und sind mit ihm zusammen nach Berlin gezogen
[15:17] ja
[15:19] dann ähm wann wissen Sie wann das war ungefähr ?
[15:21] [leise] weiß ich gar nicht kann ich Ihnen nicht sagen
[15:24] und wohnen seitdem in Berlin
[15:26] ja hier bleibe ich auch [lacht] hier werde ich auch verbuddelt [lacht] ja und jetzt habe ich einen meinen Mann den ich jetzt habe der ist sehr krank also er sieht hat ja bloß ein Auge und er hat Unfall gehabt die haben als Kinder so mit
[15:52] Murmeln gespielt also die Ku- Kegeln ne und der hat sein mit den er gespielt hat den hat er so auf den Stra- auf -s Asphalt und das ist hoch gesprungen und ihm ins Auge und das Auge ist das ist blind
[16:04] als Kind schon ?
[16:06] ja als Kind schon und der geht auch nicht geht auch nicht mehr zu machen und das andere Auge hat jetzt auch und es waren wir beim Augenarzt aber er hat gesagt er er kann operieren aber also hundertprozentig sehen das wird nicht mehr und ob das überhaupt
[16:22] noch wird das kann er ihm keine Garantie geben dann hab ich gesagt »ne dann lassen wir das« warum soll er sich da quälen wenn das doch nicht wird und jetzt hat er -ne Lupe gekriegt na ja dann kann er -n bisschen gucken geht -s -n bisschen
[16:34] wie lange sind Sie mit ihm verheiratet ?
[16:36] sieben Jahre
[16:39] mhm also ganz spät nochmal geheiratet mhm
[16:41] ja sieben Jahre ich habe erst auf derselben Straße aber ein Stückchen weiter vorne gewohnt mir hatten -ne große größere Wohnung und vor allen Dingen im dritten Stock und ich kann ja mit meinem Bein drei Stöcke das geht ja nicht ja da sind wir da vorne
[16:56] hingezogen jetzt sind wir da wohnen wir jetzt auch schon ich glaube sechs Jahre
[17:02] lassen Sie uns nochmal zurückgehen ähm in die Zeit als der Krieg begann beziehungsweise als Ihr erster Mann dann ähm an der Front war wie wie war das für Sie alleine zu sein dann mit diesem ich sie waren dann schwanger
[17:19] [gleichzeitig:] ja ja
[17:22] wie ist das wie ist das gewesen ? können Sie sich daran erinnern ?
[17:24] ja ich hab alleine gewohnt hatte hat -ne schöne Wohnung kann mich kann mich nicht beklagen hatte -ne sehr schöne Wohnung ich weiß noch es war zwar im Hinterhaus aber das war so Hinterhaus kann man nicht sagen das waren drei Eingänge war ein riesengroßer
[17:38] Komplex und drei Eingänge im ersten Eingang Parterre hab ich gewohnt oben drüber hat dann meine meine Großmutter gewohnt mit meiner Tante zusammen und ganz oben -ne ältere Dame mit -m jungen Mädchen und wir beide wir haben immer da gingen so drei Stufen
[17:53] hoch da wir haben immer auf den Stufen gesessen und haben Mandoline früher war doch Mandoline wir haben Mandoline gespielt da hat man solche Blättchens dazu ne die Blättchen hat man immer gegenseitig gesucht die waren immer ja da haben wir Mandoline gespielt
[18:07] und war sch- war nett ja haben wir ganz da na ja er kam ab und zu mal in U- Urlaub aber war ja ni- einen Tag und dann wieder weg und dann die sind ja dann immer von einer sind ja immer weiter immer weiter rein ins ne Krieg äh er war er war Fleischer von
[18:29] Beruf und hat dann in in in der Kaserne und so wo sie waren hat er in der Küche gearbeitet wenn der kam hat er immer allerhand mitgebracht ne denn die Zeit war ja auch schlecht mit -m Essen hat immer alles mitgebracht ja
[18:44] und Sie haben zu diesem Zeitpunkt schon in der Munitionsfabrik gearbeitet ?
[18:49] ja ich hab in der Munition ja ja in der Munitionsfabrik gearbeitet und na meine Tochter die war in der Zeit war meine wie gesagt in der ersten Etage wohnten ja meine Groß- Großmutter mit der mit meiner Tante und die haben dann auf meine Tochter aufgepasst
[19:05] die Zeit und äh [räuspert sich]
[19:09] ich bin dann zur Arbeit gegangen und da war eine die ha- da waren so äh Russenfrauen oder Russenmädchen die haben da gearbeitet die waren wohl so Zwangs- Zwangsarbeiter oder wie sich das nannte ne und da war eine schwanger
[19:26] und da ich hatte so Kindersachen und die Tochter war rausgewachsen hab ich gedacht ach päckst das ein nimmst mit gibst ihr das ich pa- wollt ja sowieso kein Kind mehr haben also da nim- nimmst das mit dann bin ich morgens zur Arbeit und wir hatten so Stechuhren
[19:41] für wenn wir kamen wir hatten alle so ein Regal da waren waren die Uhren die die Karten alle drin mit Namen haben wir rausgenommen und in die Uhr rein dann ging das klack haben wir rausgenommen und da reingestochen wenn wir gegangen sind haben wir die wieder
[19:55] klack und dann da reingenommen und äh [räuspert sich] na jedenfalls bin ich morgens zur Arbeit hab das Paket eingepackt schön und es kam die kamen ja immer rein alle ges- die kamen ja nicht einzeln die kamen ja immer zusammen mit einem Herren der sie da
[20:08] reingebracht hat und da hab ich ihr das Paket gegeben und hab gesagt hab gezeigt auf -n Bauch »für Baby« weil die verstanden ja kein Deutsch ne und dann hat sie sich noch bedankt und alles »danke schön und danke« und [räuspert sich] na ja nächsten
[20:22] Tag morgens komm ich zur Arbeit wollte gerade meine Karte rausnehmen und da sagt er stand der der Meister da sagt er »ne ne hol mal deine Sachen alle de- nimm mal alles mit mach deinen Schrank leer« [räuspert sich] und wir hatten ein Stückchen weiter
[20:38] an meiner Wohnung ran hatten wir einen Zweitbetrieb und da hab ich gedacht oh jetzt kommst du in den Zweitbetrieb hast morgens nicht mehr ganz so weit kannst -n bissl länger schlafen hab ich gedacht na jedenfalls musst ich mit dem mit ins Auto rein und
[20:52] dann denk ich wo fährt er denn hin das ist doch gar nicht deine Richtung und dann sagt ich zu dem [räuspert sich] sagt ich »sagen Sie mal Sie fahren ja ganz verkehrt da wohn ich doch gar nicht« »ja« sagt er »Sie kommen ja auch nicht in die Wohnung Sie
[21:02] kommen nach Dresden« ich sag »was soll ich in Dresden ich wohne in Freital« »ne ne Sie kommen nach Dresden ins Gefängnis« ich sage »wie bitte ?« ich sag »warum soll ich ins Gefängnis ich hab doch nichts verbrochen« »ja« sagt er »da kann ich
[21:14] nit mit Ihnen drüber reden« jedenfalls hat er mich nach Dresden ab vorne abge- abgeliefert und ist dann weg na ja und dann musste ich meine Sachen abgeben und alles und dann kriegte ich das so -n so -n Kittel da und meine Ringe und was die Uhr alles musste
[21:30] ich abgeben und dann kam ich in die Zelle und ich wusste gar nicht was los war ich hatte die Schlüsseln keiner konnte in meine Wohnung [räuspert sich]
[21:40] hat man Ihnen irgendwas gesagt ?
[21:43] keiner ! keiner was gesagt einfach in die Zelle und hab ich da gesessen und hab gedacht was soll denn das ? was soll denn das ? du hast ich hab ich hab doch keinem was getan ich hab immer gedacht ach das ist bestimmt ein Versehen [räuspert sich] na jedenfalls
[21:56] da kam dann -ne Aufseherin da sag ich »sagen Sie mal warum sitze ich denn hier was ist denn hier los ?« »ja« sagt sie »ich ich kann dir da keine Auskunft geben« so na ja nu nu hab ich gesessen so ja immer wieder immer wieder und dann hab ich zu der
[22:11] einen Aufseherin gesagt sag »sagen Sie mal können Sie nicht mal den Schlüssel zu meiner Gro- zu meiner Großmutter schaffen die hat meine Tochter und die kann nicht in die Wohnung rein und das Kind braucht ja das Essen und Kleider und so ne« da sagt sie
[22:22] »ja ich wir dürfen das nicht wir dürfen das nicht« dann sagt sie »aber ich werde mal sehen was wir machen können« na da kam dann eine Aufseherin nicht so eine junge und die hat dann meinen Schlüssel zu meiner Großmutter geschafft hat aber nicht hat
[22:34] nur -n Schlüssel abgegeben hat nichts gesagt wo ich bin oder was hat nur den Schlüssel abgegeben hat gesagt »soll ich hier abgeben den Schlüssel« und dann konnte wenigstens meine Großmutter in die Wohnung rein und für das Kind Nahrung und Zeug holen
[22:45] ich hatte auch noch einen Goldfisch [lacht] hatte ich auch noch im im im Glas na jedenfalls ein Jahr [betont:] ein ganzes Jahr habe ich da gesessen in Dresden im Gefängnis ohne dass ich was wusste also ich wusste gar- ich hab hin und her geräts- überlegt
[23:02] hab gedacht hast du denn irgendwas falsch gemacht denn wir haben ja da mit Munition zu tun gehabt ne hast du irgendwas falsch gemacht aber ich konnt mir das gar nicht überlegen na ja
[23:13] und nach ein Jahr morgens hieß »alle Mann raus !« ich weiß noch da war
[23:17] eine lange lange Bank da mussten wir uns hinsetzen und warten jeder hatte sein Päckchen auf einmal ging die Türe auf da kam die SS mit Hunde rein und dann hieß es »ihr Schweine« und alles also ich kann die Ausdrücke will ich gar nicht sa- nennen alles
[23:32] na jedenfalls raus und dann mussten wir ein Stückchen laufen und dann rein in Ka- Waggon immer rin und es hat gestunken in die Waggons die waren schon halb voll immer rin immer rin
[23:42] in Eisenbahnwaggons ?
[23:44] ja in die Eisenwaggons dann wurde zugemacht man konnte ja nicht sehen war ja kein Fenster drin [hustet] jedenfalls sind wir gefahren gefahren gefahren und dann auf einmal hielt -s hat er aufgemacht standen SS da einer da einer »raus raus raus ihr Schweine
[24:00] raus raus raus« zu viert anstellen und dann sind ma marschiert nach Ravensbrück aber nicht durch die Stadt sondern hinten rum jetzt kommen wir da nach Ravensbrück rein ich an dem an dem Tor ich guck ich denk was ist denn da los ? da rannten nur Gerippe
[24:16] rum waren nur Gerippe die hatten keine Haare auf dem Kopp ich hab gedacht du liebes bisschen was was passiert denn jetzt ? ja rein und dann alle Mann ins Bad rein rein auf war so -n so -n Sitz bisschen höher mussten wir uns druff setzen kriegten ma die Haare
[24:30] runter war das Erste die Haare ab dann so in der Ecke saß ein SS der hat aufgepasst dann mussten wir uns ausziehen ganz ausziehen Sachen weg alles die Ringe alles weg Ohrringe alles was wir hatten kriegten wir abgenommen und dann kriegten wir so -ne so
[24:45] -ne Omahose wie man früher wie sie früher hatten so von anno wuppdemal und dann ein ein Hemd so -n so -n Leinenhemd und ein Kleid gestreiftes Kleid mit der Nummer aber ich weiß meine Nummer nicht mehr also es war so an die 500 das weiß ich mi- mit Nummer
[25:05] und -n roten ich hatte -n roten Winkel ich war politisch ich weiß gar nicht was ich mit Politik hatte ich ja gar nichts jedenfalls politisch so und dann hieß es »da und da du kommst in den und du« und wir wurden ja alle wir waren ja die Asozialen und
[25:19] die die die die jeder kam in eine Baracke also wir waren nicht mit Asozialen zusammen wir waren nur Politische in einen in einem in einem Block ja jetzt war ich da in dem Block ich hab immer noch überlegt was hast du bloß verbrochen was ist denn hier los
[25:34] wie ich die die die die Frauen da hab gesehen mit mit die ha- das waren ja nur Gerippe also ohne Haare es war grauen- das kann man gar nicht war grauenvoll na ja
[25:46] und dann ging das los nichts zu essen nichts zu trinken und dann morgens Appell so und dann hieß
[25:53] es »du gehst nähen du gehst stricken du gehst das« so und ich kam zu Siemens na ja zu Siemens und dann die Fu- die die Fü- das war ja so eine fisselige Arbeit wir haben so das war für Flugzeuge und für für Schiffe das weiß ich noch so wie soll
[26:10] ich denn sagen so ich hab das auch schon gesehen das waren so na was war das kann man wir hatten so -ne Zange so -ne Flachzange hatten wir und diese Teile die [gestikuliert] wollen ma sagen so und die mussten wir so vor dass das hier vorne richtig alles
[26:27] zusammen war da mussten ma die Zange nehmen und das vor das hieß justieren nannte sich das justieren das mussten wir und dann mussten wir so und so viel schaffen kriegten wir so -n großen Kasten hin und da waren die Teile drinne und das mussten wir schaffen
[26:42] und die mussten dann alle richtig einge- rein und dann kam einer und hat das weggenommen und wir haben ja am langen langen langen Tafel gesessen und auch noch -ne Bank und die Aufseherin [gestikuliert] eine ging so und eine ging so also immer aufgepasst dass
[26:56] wir ja arbeiten dann haben sind ma einmal konnt ma- einmal konnt man austreten alle Mann wir haben ja kein Klo gehabt wir haben ja nur so -ne Latrine gehabt
[27:07] und dann sind ma mittags um zwölf sind ma wieder rein marschiert ins Lager dann hat man
[27:16] eine Stunde Zeit nach -ner Stunde wieder raus Appell stehen wieder los nach Siemens da haben ma gearbeitet bis sechs um sechs mussten ma wieder raus sind wir wieder ins Lager na ja und dann mussten wir erst mal Appell stehen und wenn da in der Zwischenzeit
[27:30] jemand ausgerissen war oder es war irgendwas passiert mussten wir Strafe stehen wir haben manchmal Stunden gestanden da sind etliche umgefallen durften wir nicht aufheben wehe wir haben die aufgehoben nein und wenn wenn der mal unser Gesicht nicht gefallen
[27:45] hat da ist sie gekommen und hat gleich drauf immer gleich drauf die haben nur geschlagen nur geschlagen und ich musste einmal mir so -n wir sind rei- hin und ich musste so nötig auf -s Klo musste Pipi machen und die hat sich gerade mit der anderen Aufseherin
[28:01] unterhalten da denk ich oh jetzt re- gehst du mal raus bin raus schnell hab Pipi gemacht und in dem Moment wo ich rein hat sie mich (aber) gesehen da hat die mich so geschlagen die hat mir die ganzen Zähne locker geschlagen ich hab die ganzen Zähne weg
[28:13] hat mir die ganzen Zähne rausgeschlagen also nicht raus sondern alle locker die sind aber dann alle rausgegangen wir hatten ja auch das Essen danach ne na ja Essen was gab -s zu essen ? wir haben gekriegt ein Kommissbrot na ja det war so [gestikuliert]
[28:28] dann haben wir mit wie viel Mann haben wir am Tisch gesessen dreie sechse siebene achte zehn Personen haben wir am Tisch gesessen und da gab -s ein Kommissbrot ganz dünne Scheiben haben wir gekriegt und -n Kübel Kaffee na Kaffee kannst ja auch nicht
[28:43] sagen braunes Wasser so das war -s und Nachmittags na ja Suppe war auch nur Wasser und und und bisschen was Grünes drin wir haben ja nur Wasser Wasser Wasser oben rein unten raus ja wir wurden immer weniger immer weniger immer weniger und ich kriegte
[29:00] ein kriegte ich hier [gestikuliert] unterm Arm so so -n Geschwür und ich bin immer so gelaufen und wir hatten eine ältere Aufseherin ich weiß noch so -ne kleine war das ältere und die sagt zu mir »na Mädel was hast du denn ?« ich sag »ah ich hab hier
[29:14] ich hab hier irgendwas unterm Arm« sagt sie »zeig mal« sagt sie »komm raus komm raus ins Revier« dann hab ich gedacht oh weia na jedenfalls sagte sie zu mir »na ja wir werden versuchen dass dass wir das aufkriegen« das war so -n so richtig
[29:30] so Eiterding hier unten drunter sagt sie »wenn wir das aufkriegen dann hast du Glück wenn wir das nicht aufkriegen sagt sie dann« dann wäre ich weg gewesen hätten sie mich -ne Spritze dann wäre ich weg gewesen und dann hab ich hab ich hier so so Bestrahlung
[29:43] gekriegt na ja und das ist aber zum Glück aufgegangen das Eiter kam dann raus und das waren das war die einzige nette Aufseherin die hat schon mal so -n bisschen aber sonst waren alles alles richtige Schweinetanten das waren furchtbare Weiber waren
[30:04] das die Männer gingen noch aber die Weiber waren furchtbar mit die Hunde die haben ja die Hunde die haben die haben die Hunde auf jemanden auf einen ge- gehetzt der hat -s vollkommen zerfleischt und das kapu- das kaputte Wesen haben sie uns dann vor die
[30:18] Beine geschmissen haben sie gesagt »so könnt ihr euch angucken so geht -s euch wenn ihr nicht spinnt« ne mussten wir uns angucken wie gesagt wir durften auch nicht helfen und wenn mal eine abgehauen war sind haben ja viele versucht auszureißen dann mussten
[30:31] wir so lange A- Appell stehen bis sie die gefunden haben wir haben manchmal nachts gestanden wir waren müde wir sind zusammen zusammengefallen weil wir übermüdet waren wir hatten auch al- wir hatten auch sämtliches sämtliches Ungeziefer alles was es
[30:46] gibt wir hatten Flöhe wir hatten Wanzen wir hatten was gibt -s noch ? alles was was was dir denken kannst na ja auf dem Kopf Läuse konnten hatten ma ja auch aber wir hatten ja keene Haare aber wie gesagt wir haben die Kleider ausgezogen und was so die Säume
[30:59] sind hier so ne das haben waren alles die Viecher drin haben wir immer [gestikuliert; imitiert Geräusch] so ging das immer ne war furchtbar
[31:06] also das war also da darf gar nicht an die das war ja ne dass ich da mal nach Hause komm ne ne jedenfalls nach
[31:16] -em halben Jahr und donnerstags war immer die Zeit da wurde immer aufgerufen die Nummern aufgerufen die und die und die und da hieß es immer »aha« die kamen dann nicht mehr wieder die Nummern die da aufgerufen die kamen nicht mehr wieder die haben sie
[31:30] entweder erschossen oder also es war so -n furchtbarer Tag und einen Donnerstag wurde ich mit aufgerufen dann habe ich gedacht ach je ade Heimatland na ja jedenfalls ich musste dann vor zum so -n so -n Clown da musste ich hin musste ich meine Nummer melden
[31:47] rein Schuhe Klotschen ausziehen da sagt er zu mir »hm hm hm hm« so saß er da »hm ach du wolltest doch nach Hause« da hab ich so im Inneren gedacht na Mensch Meier wer will denn hier nicht nach Hause ne und dann hab ich gesagt »ja« sagte »du hast
[32:03] doch ein Kind« ich sag »ja« »wo ist denn das ?« ich sag »is bei meiner Großmutter« »aha mhm« mhm hat er immer gemacht so »mhm« und dann sagt er »na ja« hat er so gesch- gekritzelt was sagt er »ist gut wegtreten !« dann bin ich weggetreten raus
[32:17] meine Klotschen angezogen wieder in mein in mein mein mein Heim dann kam die Stubenälteste und sagt »sag einmal Charlotte was was wollte der denn von dir ?« ich sag »du der hat mich das und das gefragt« sagt sie »pass mal auf du gehst nach Hause«
[32:32] ich sage »Mensch hier geht doch keiner nach Hause hast du schon mal jemanden nach Hause gehen sehen ?« »ne« sagt sie »aber das ist ist komisch so was ist noch nie passiert« ich sag »na« ich sag »wer weiß was der von mir wollte« jedenfalls ein halbes
[32:44] Jahr darauf genau auf den gleichen Tag wurde ich wieder aufgerufen und dann kam eine Aufseherin sagt sie »nimm deine nimm deine Sachen« was sie denn meinen Fressnapf und was und Löffel was man so hatte ne »und komm mit« na ja bin ich mit hab gedacht
[33:01] wer weiß was die mit dir vorhaben ich hab doch keene Ahnung dass ich nach Hause kann na jedenfalls musst ich das dann abgeben und dann musste ich zum Arzt da wurde ich untersucht ob ich schwanger bin wo soll ich denn schwanger her werden ? ich w- waren doch
[33:12] keene Männer da also es waren schon Männer aber die haben sich doch nicht mit uns abgegeben na jedenfalls gut alles und dann kam ich in die Effektenkammer da musste ich die Klamotten abgeben und ich kriegte meine Sachen wieder da hab ich gedacht oh
[33:26] Heimat was geht denn jetzt los und da war noch -ne Kollegin und da war so die Zeit da war so -n Dirndlzeit bei uns so Dirndlkleider und da haben wir dann so Tücher und da hab ich das Tuch so durchgeschnitten dass wir so wie -n Dreieck hatten das haben wir
[33:41] dann so [gestikuliert] drumgemacht hier und hier oben so -n Knoten wir hatten ja Glatze jedenfalls kamen wir dann erst mal runter ins ins ins Kittch- also ins Gefängnis runter in in im Bunker und da haben wir so (sehr) wie ich sitze jetzt hier und so wie
[33:54] Sie sitzen so uns gegenüber gesessen und da kam einer da- von der SS und hat uns richtiges Essen gebracht ganz normal mit Fleisch und Soße alles ne bloß wir konnten das ja nicht essen es hat doch unser Magen wir hatten doch gar keinen Magen mehr auf Deutsch
[34:07] gesagt es hat uns (zusammen) hat der gar nicht angenommen ne jetzt haben wir da gesessen und haben das so angeguckt und dann nach -ner Weile kommt und sagt er »was ist denn los ? ihr Schweine ! verfluchte Bande ! ist euch das nicht gut genug ?« und hat er uns
[34:22] alles (___) ich hab den bloß angeguckt und dann hat er das Essen genommen und hat uns das so ins Gesicht geschmissen na ja hab ich gedacht was soll wie soll denn das hier weitergehen ist er raus und wir haben jetzt da gesessen jetzt mit dem [gestikuliert]
[34:37] Ge- Gelömpe im Gesicht und hier waren wir auch alles voll und dann kam er und hat uns von so -ner Rolle so Papier gebracht ne das wir uns Gesicht abwischen und dann »raus raus raus raus raus« und dann mussten wir in die in die Minna wir sagen Minna in
[34:50] die den Auto reingekommen und dann haben sie unten am Fürstenberg in in zur Bahn gebracht dann haben wir -ne Fahrkarte gekriegt und dann ging -s nach Hause
[34:59] die Leute haben natürlich alle geguckt ne wir hatten ja keene Haare wir hatten zwar hier
[35:04] vor ne aber man hat doch hier vorne noch das das gesehen und wir waren doch bloß so [gestikuliert] wir waren doch wir waren doch wir hatten doch nichts mehr war ja -n Strich in der Landschaft ne dass wir überhaupt auf die Beine stehen konntest ist ein
[35:16] Wunder und na ja jedenfalls sind wir dann nach Hause gefahren sie ist weiter gefahren ich bin in in bin nach bis nach Dresden und von Dresden dann bin ich nach Freital gefahren und erst mal in meine Wohnung meine Wohnung war zu die war also war alles
[35:35] zuge- geklebt und gemacht dann bin ich zu meiner Großmutter hoch die war natürlich erst mal er- erschrocken und hat mich gar nicht erkannt die hat gedacht ich bin ein Geist und na ja dann sind ma bin ich erst mal gegangen dass ich meine Wohnung aufkriegte
[35:48] das hat auch erst mal muss ich dahin und dahin und der hat mich wieder da geschickt und wie es so ist ne na ja aber die wurde dann aufgemacht die Wohnung und dann bin ich aber erst mal zu meiner Mama die wohnte Stückchen weiter weg da hab ich geklopft an
[36:01] meiner da kam sie raus und hat gesagt »wir kaufen nichts« Türe zu hab ich nochmal geklopft kam sie nochmal raus sagt sie »ich hab doch gesagt wir kaufen nichts« ich sag »Mama kennst du mich nicht ?« »ach Lottl« die sagt immer Lottl zu mir nu ich heiß
[36:16] ja Charlotte Lottl sagt »Lottl wo kommst du denn her ?« die haben gedacht ich bin tot die haben ja zwei Jahre nichts von mir gehört also ich war für die tot ne na ja »nu komm rein« nu meine Mutter die wollte mir nu gleich das und das kochen und das
[36:29] und ich konnte aber ich konnte es nicht essen ging ja nicht ha- hat ja mein Magen nicht der Magen das war ja schon gar kein Magen mehr jedenfalls ich konnt es nicht essen na ja und dann erst mal dann musst ich mich jeden Tag melden bei der Polizei meine
[36:43] Wohnung wurde dann aufgemacht ich konnte mein Kind auch wieder nehmen aber wie gesagt ich war ich war fertig mit der Welt ich war ja ich war ja so ich konnte ja erst mal gar nichts essen dass ich der Magen hat das ja gar nicht e- aufgenommen ich
[37:01] hab nur erst mal auf Deutsch gesagt Wassersuppe alles so sehr langsam Milch verdünnte Milch bissl paar Haferflocken bissl Kartoffelmus so langsam habe ich angefangen
[37:09] dann musste ich mich jeden Tag bei der Polizei melden und musste aber da wo ich entlassen
[37:15] worden bin unterschreiben dass ich keinem was erzähle wo ich herkomme da hab ich gesagt das machst du sowieso nicht und dann geh ich nach -ner Weile geh ich mit meiner Tochter mit der Karre mit -m Wagen spazieren und da kommt -ne Schulkollegin und da sagt
[37:31] sie »ach Charlotte sieht man dich auch wieder mal na wie war -s denn« da denk ich was will die denn von dir halt hab ich gedacht hier biste vorsichtig und da sag ich »ach im im Urlaub war es ganz schön« hab sag ich »war ganz gut ne hat mir ganz
[37:48] gut gefallen« ich kann doch nicht konnt doch nicht sagen ich war im Konzentrationslager ich hab gesagt ich war im Urlaub und dann sagt sie »Urlaub ?« ich sag »ja ich war im Urlaub« »Mensch« sagt sie ich sag »na ja ich war im Urlaub und es war ganz
[38:01] ganz nett was willst du denn von mir ?« ne und dann sagt sie »ich weiß doch wo du warst du warst doch im Konzentrationslager» ich sage »was is -n das ?« ich hab mich ganz blöde gestellt ne »was is -n das« »na ja« sagt sie »du warst doch eingesperrt«
[38:13] ich sag »eingesperrt warum ? ich hab doch keinem was getan« »ne« sagt sie »du hast doch der Russin die Wäsche geschenkt« und da ging mir erst mal hab ich halt wegen weil ich der Russin das geschenkt habe bin ich ein Jahr im Gefängnis und ein Jahr
[38:28] im im Konzentrationslager gewesen das war mein für meine Gutheit bin ich eingesperrt worden das war mein Leben
[38:36] und dann hab bin ich ers mal so langsam musst ich erst mal mich wieder überhaupt ein- konzentrieren dass ich überhaupt noch noch lebe
[38:47] und noch ja meine Tochter hat mich auch angeguckt ich war ja bloß -n Strich auf die Straße konnt ich ja gar nicht groß gehen da haben ja die Leute alle geguckt und Haare hatte ich auch keine auf -m Kopp was sollte ich denn sagen ? was sollte ich denn sagen
[38:59] wenn mich jetzt eener frägt ? was warum ich keine Haare auf -m Kopp hab ich kann doch nicht sagen mir haben sie die Haare abgeschnitten ich war im Konzentrationslager da hätten sie mich gleich wieder hingebracht war eine schlimme Zeit und im Lager [schüttelt
[39:12] den Kopf] im Lager -s war also es war ein- nur Hunger Durst Hunger Wasser wurde uns abgedreht ab und zu kriegten wir mal Wasser wenn ma wenn Wasser war dann haben sie alle Mann glei- sind alle Mann los gestürzt dann musste sehen dass du -n bissl Wasser
[39:27] kriegst na ja und dann abends haben wir auf -n ihre Viere haben wir im in in der im Bett gelegen es war ja kein Bett es war ja nur so -ne so -n so -ne Pritsche [gestikuliert] ihre Viere zweie da zweie da da hatst immer von der anderen die Beine im im Gesicht
[39:41] also es war und dann das Viehzeug die die wir hatten die Wanzen wir hatten die Flöhe also wir hatten alles was es an Viehzeug gibt also wir hatten -n richtigen Zoo hatten wir auf deutsch gesagt ja das war ne das war was die mit uns gemacht haben das war das
[39:58] können die mit Geld gar nicht wieder gut machen dann bei Siemens die Arbeiterei Kinders ne das Gefissele und kalt wir haben gefroren und dann mussteste das feine Zeug das war ja so das musste ja genau stimmen alles da haste gezittert und dann hinter
[40:15] dir ist dann einer gekommen und hat dir einen hier auf den Kopp haste einen auf -n Kopp gekriegt biste mit -m Kopp auf den Tisch gestürzt und ja kann man gar nicht das kann man gar nicht so wiedergeben
[40:26] ja ich hatte ja nun das Glück dass ich nur in
[40:31] eine Firma ging aber die Ilse die hatte ja nu Pech ne die hatte ja nu verschiedenes die war ja in der in der Näherei in in der Strickerei und und wir haben uns im im im Lager nicht gekannt denn die Ilse die hatte ja einen schwarzen Winkel die war ja
[40:47] Asoziale ich hatte rote Winkel ich war politisch und was hab ich denn mit Politik zu tun ? ich hab doch mit Politik gar nichts zu tun !
[40:54] wussten Sie eigentlich was der Winkel bedeutet als Sie den bekommen haben ?
[40:59] ne die haben nur gesagt »politisch« aber was ich hab immer gedacht Politik du hast doch gar nichts mit Politik zu tun ich hab doch gar nicht Politik
[41:09] Sie Sie sagten schon dass Sie in einem Block waren wo nur politische Gefangene waren
[41:15] ja ja nur politisch ja
[41:17] wie war das bei der Arbeit waren dort auch andere Gefangene oder waren das alles politische Gefangene ?
[41:20] [gleichzeitig:] bei der Arbeit ne ne da waren verschiedene da war alles da waren alle zusammen
[41:22] [gleichzeitig:] und
[41:25] da gab -s nichts da war politisch und und mit schwarze Winkel und lila Winkel und was weiß ich alles da war alles zusammen da gab -s das nicht und wir sind ja gar nicht wir sind ja nicht zusammengekommen ne wir haben ja ge- also getrennt gesessen wir waren
[41:40] wohl zusammen aber gesessen haben wir zusammen die Politischen für sich die Asozialen für sich und die mit grünen Winkel das waren glaube ich weiß gar nicht was da alles da war ja sämtliches sämtliche Menschen da
[41:53] hatten Sie Kontakt zu anderen Gefangenen konnten Sie sprechen mit ihnen ?
[42:01] ja ich hat- ich hatte mit mit einer ah wie wie Bibelforscherin sagen wir da hat die hatte ich mal mit den ir- irgendwie bin ich mal auf der Lagerstraße spazieren gegangen und dann hab hat die mich angesprochen und dann haben wir irgendwie so und dann kamen
[42:18] wir so auf -s Essen zu sprechen und dann sagt sie »ja wir kriegen jeden Sonnabend -n Stückchen Wurst Blutwurst« und das essen sie ja nicht ne die haben da so -n Glauben so und dann sagt sie »stellen Sie sich stellen Sie sich mal vor« sagt sie »wir
[42:33] kriegen Blutwurst jeden Sonnabend und die essen wir gar nicht« ich sag »na das sollen sie im anderen Haus« sagt sie »die geben uns keene die geben uns ja absichtlich die Wurst weil wir die nicht essen ne« sagt »das macht ja nichts« sagt sie »ph entweder
[42:46] geben wir die irgendjemand oder wir schmeißen sie weg wir essen sie jedenfalls nicht ne« und da sag ich »ja« sag ich »wir kriegen keine Wurst« sag »wir haben wissen gar nicht wie Wurst aussieht« da sagt sie »na wenn Sie wollen können Sie sich ja
[42:59] Sonnabend die Wurst holen« na ja natürlich bin ich dahin hab ich mir die Wurst geholt und für -n paar mehr noch und dann hab ich die verteilt bei uns im Glo- Block ne na ja das haben wir ein- zweimal gemacht und dann haben das die Aufseherinnen gesehen
[43:11] und dann war auch wieder Theater los die wurden wir auch wieder bestraft weil wir das weil die das nicht gegessen haben nicht wir haben das Strafe gekriegt sondern die weil die das nicht gegessen haben ne die waren doch so kein kein Krieg kein kein das
[43:28] nicht essen und das nicht essen ne und ja wir haben mal bei bei Siemens wo wir mal gearbeitet haben wir mal Marken gekriegt Lebensmittelmarken wir hatten ja da war so -n so -n aber da gab -s ja nichts zu essen da gab -s nur Seife Kämme was sollen man
[43:49] kämmen wir hatten ja keine Haare alles solche Sachen die wir nicht gebrauchen konnten gab -s da ne und da war das war für uns auch uninteressant also Seife wir hatten ja kein Wasser wenn wenn wir uns waschen wollten war das Wasser abgesperrt war alles so
[44:03] was also das war schon so gemanagt ne hab ich nehme ich an weil sie uns das die Marken gegeben haben aber dat war nicht lange dat war nur einen Monat mal
[44:11] gab es ähm dort Spiegel konnten Sie sich irgendwo sehen oder haben Sie sich
[44:17] [gleichzeitig:] nein nein nein gab keine Spiegel also wenn Sie rein kamen [gestikuliert] war hier ein langer Tisch und eine lange Bank da und da -ne Bank und hier und hier war -n Stuhl und an der Seite waren so wie in in der Kaserne solche Eisen- solche
[44:28] Blechschränke da waren unsere Näppe drinne wir hatten solche rote Essnäppe und so -n so -n Holzlöffel und das haben wir da rein gestellt so und dat war alles und dann hatten wir da noch ein bissl Platz und dann ging -s hier rein und da war das Schlaf-
[44:44] also Schlafzimmer das war alles
[44:46] aber Sie konnten sich im Lager bewegen Sie sagten
[44:52] konnten wir ja das konnten wir ja wir konnten aber wir sind vor Angst nicht raus gegangen ne wir sind vor Angst nicht wenn da so -ne Trulla kam und die uns gesehen hat entweder hat sie mit -n die hatte immer den Stock die hatten doch so Stiefel an und hatten
[45:05] solche solche Stöcke solche Gerten und die haben sie immer so am an ihren Stiefeln dran und wenn sie uns sahen und denen hat unser Gesicht nicht gepasst haben sie zugeschlagen kriegste eins auf -s Kreuz ne die haben nicht gefragt ob ich dir was gemacht
[45:18] hast also du hast einfach einen drüber gekriegt da ist man schon vor Angst gar nicht raus gegangen ne na ja
[45:25] dieses ähm Appellstehen wir haben ja schon wir haben natürlich von vielen schon darüber gehört aber ähm man weiß das schon so lange schon kurz nach dem Krieg gab es ja Berichte darüber was das bedeutete Appell zu stehen aber trotzdem würde ich Sie
[45:44] gerne nochmal fragen dieses stundenlange Stehen Sie haben das vorhin gesagt ähm wie können Sie sich daran erinnern woran haben Sie gedacht wie haben Sie ähm wie haben Sie das ähm geschafft was was ähm was ist da in einem vorgegangen ?
[46:01] [gleichzeitig:] ja wir haben ja ja ja ich hab immer gedacht was soll das was soll das überhaupt warum soll warum stehen wir hier warum stehen wir hier überhaupt es war ja es war ja nischt entweder oder es war es es kam es wurden ja welche aufgerufen wenn
[46:15] man wenn wir Appell gestanden haben wurden welche aufgerufen die kriegten Strafe oder war das oder dies war immer immer da war immer was und wenn denen ihr Gesicht wenn der Aufseherin ihr dein Gesicht nicht gepasst hat da hat sie dich eben aufgerufen und dann
[46:28] biste eben raus und da haste eben mit der Gerte eine gekriegt so oder die haben dich so geschlagen dass du denn da lagst und wir durften sie aber nicht aufheben wir hätten sie ja gerne aufgehoben oder wir hätten ihr ja gerne geholfen aber wir durften ja
[46:41] nicht wenn wir das hätten gemacht dann hätten sie uns auch niedergeschlagen wir durften die nicht aufheben wenn die neben uns gefallen sind die mussten wir liegen lassen es hat uns weh getan aber wir ko- ich konnte die nicht aufheben ich durfte die nicht
[46:53] aufheben es war die haben die haben zugeschlagen die die haben überhaupt keinen ich glaube wenn die nachts mal keinen richtigen äh ihren ihren richtigen Schlaf gekriegt haben oder was weiß ich dann hatten die ihre Wut und haben die dann an uns ausgelassen
[47:09] die Wut die Aufseherinnen das waren ja noch ganz junge Mädchen Mensch die Männer waren gar nicht so die Männer die sind na ja die waren auch mal wenn sie gerade mal schlechte Nacht hatten vielleicht waren sie auch verrückt aber sonst am bes- am schlimmsten
[47:25] waren die Weiber die waren da war doch in der Zeitung ich weiß nicht ob Sie das gelesen haben mit der roten Lola ach schade ich hab Ilse hat das ich hab das weggeschmissen also ich ich bin ja sonst Zeitung le- ich les wohl aber ich hab da keen nie
[47:49] Zeitung geholt ich hab mir die Nachrichten angehört und den Tag sag ich zu meinem Mann »hol mir doch mal die BZ« mein Mann sagt »wie kommst du denn auf die BZ« ich sag »hol mir mal die BZ ich will die BZ haben« also das war so -n richtiger Drang ich
[48:02] woll- musste die BZ haben mein Mann bringt mir die BZ der legt mir die BZ hin ich guck ich sag »oh ! die rote Lola« sagt mein Mann »spinnst du ?« ich sag »ne« sag ich »das ist ja -ne Aufseherin« und die hieß die hatte rote Haare und die hieß bei
[48:19] uns die rote Lola und die ist nach Israel glaub ich nicht die Ilse hat Ilse hatte die Zeitung schade da- ist ja nicht da die ist nach und hat geheiratet und hat -n Juden geheiratet als Aufseherin die war ja Aufseherin und hat -n Juden geheiratet und
[48:41] ist der er ist dann gestorben und sie ist nach hier nach Berlin gekommen und die haben sie hier verhaftet und da ist sie dann aber auch entwe- ich weiß nicht ob sie ob sie sie kalt gemacht haben jedenfalls ist sie auch tot ne das war auch so ein Miststück
[48:56] die rote Lola
[48:59] [gleichzeitig:] (__) Sie
[49:02] gleich wie ich die also als wenn ich das gewusst hätte ich musste unbedingt die Zeitung haben die rote Lola ja war auch so ein Aufseherin so ein richtiges Miststück auf Deutsch gesagt die hatte so rote Haare und die haben wir rote Lola genannt
[49:14] aber kennen Sie die aus Berichten oder haben Sie das erlebt haben Sie die Frau erlebt ?
[49:20] ne ne wir haben sie ich hab sie ja gekannt im vom Lager sonst hätte ich die ja gar nicht gekannt ne ich kannte sie ja vom Lager jetzt bringt mein Mann die Zeitung und ich seh de- ich seh die da auf der Zeitung da fang ich an zu brüllen »die rote Lola«
[49:30] mein Mann denkt ich sp- ich fang an zu spinnen ich sage »du die kenn ich aus aus -m aus -m Konzentrationslager aus Ravensbrück« ja und da steht ja auch drinne die ganze Geschichte von ihr steht stand ja drin in der Zeitung in der BZ schade ich hätte sie
[49:44] müssen aufheben Ilse hat sie aufgehoben die die hat sie hätte ich das gewusst hätte ich sie mit aber ich weiß nicht ob die schon zu Hause ist
[49:53] ja und dann hab ich noch eine Begegnung gehabt mit einer Aufseherin in Hamburg da war ich in Hamburg auf
[50:00] Besuch bei jemand und wir stehen wir stehen draußen vor der Tür und und plaudern quatschen wir beiden und da steht da -ne Frau und da guck ich immer so und sagt meine Bekannte sagt sie »was guckst du denn ?« ich sage »Mensch ja« sag ich »die da steht
[50:17] die kenn ich« da sagt sie »wo willst denn die her kennen ?« ich sag »ich weiß es nicht ich kenn die und ich hab immer gegrübelt wo kennste die bloß her ? wo kennste die bloß her ? ich bin alles so im Geiste durchgegangen bin nie darauf gekommen und dann
[50:31] auf einmal wie wie so -n Stich Ravensbrück ich sage »du weißte wo ich die her kenn ?« »ne« sagt sag »du die kenn ich von Ravensbrück« »ach« sagt sie »Quatsch« ich sage »die kenn ich von Ravensbrück« und ich natürlich so verrückt wie
[50:48] ich bin dahin hab die vorne a- [gestikuliert; lacht] so angepackt hab gesagt »mein Fräulein dich kenn ich von Ravensbrück« da sagt sie »was wollen sie von mir ?« ich sag »warst du in Ravensbrück ?« »ja« sagt sie »ich hab aber meine Strafe abgesessen«
[51:01] ne und da sagt meine meine Freundin sagt sie »du lass wenn du die hat ihre Strafe abgesessen wenn du der jetzt an die Wäsche gehst machst du dich strafbar« ne da hab ich gesagt »also wenn ich dich nochmal seh ist mir egal was« sag ich »ich bring dich
[51:15] dich bring ich dahin wo wo du mich herge- wo du mich gequält hast« ich hätte die umgebracht ich hätte die umgebracht hundertprozentig dann wär ich nochmal in den Knast gegangen aber dann hätte ich gewusst warum ich gehe dat war so -n Miststück stand
[51:30] die da auf der Straße aber die war ab- schon abgeur- abgeurteilt die hatte ihre Strafe schon weg und wenn ich mich da an ihr vergangen hätte dann hätte ich die hätt ich Strafe gekriegt ne die hätten gar nicht gefragt für das die mich gequält hatte
[51:43] ja das war nee also es war eine schlimme Zeit die armen armen Menschen alle die Armen die da gelitten haben
[51:54] nein ich ich kann ja sagen vor allen Dingen es ist keiner es ist keiner entlassen worden es glaubt keiner dass ich entlassen worden bin weil es
[52:02] waren gar keine Entlassungen wieso ich entlassen worden bin also muss von von außen irgendwas geschehen sein aber ich ich weiß es nicht die haben alle gesagt »das gibt -s doch gar nicht entlassen das gibt -s ja gar nicht« Ilse sagte auch »das gibt -s
[52:18] ja gar nicht dass du entlassen bist das ist doch« ich sag »ja ich kann -s auch nicht ändern ich bin entlassen worden und«
[52:25] Ihnen wurde ja eine Schweigepflicht auferlegt
[52:29] [gleichzeitig:] ja ja
[52:32] Sie durften ja nicht erzählen
[52:34] [gleichzeitig:] ja nein und ich muss-
[52:36] und als Sie nach Hause kamen haben Sie denn Ihrer Mutter und Ihrer Großmutter trotzdem davon erzählt oder haben Sie selbst denen nichts
[52:40] [gleichzeitig:] ja ja na ja denen habe ich schon denen musste ich habe ich schon ich mein die haben mich doch gesehen wie ich aussah die haben mich doch gefragt wo »wo kommst denn du her ?« hat meine Mutter gesagt l- »wo kommst du denn her ?« ich sag »na
[52:48] ja lasst mich erst mal rein und lasst uns erst mal« ne ich hab aber meiner Mutter und meine Großmutter gleich gesagt ja »tut nicht keinem was erzählen um Gottes Willen keiner sonst muss ich komm ich gleich wieder weg« ne ne ne denen hab ich das erzählt
[53:04] aber sonst keinem
[53:08] wann haben Sie denn das erste Mal offen darüber gesprochen dass Sie im Konzentrationslager waren wann ging das das erste Mal ?
[53:10] puh ! das erste Mal also so äh dass ich dass ich nicht äh äh bestraft wär so
[53:21] mhm
[53:24] na ja dann wo auf Deutsch gesagt wo dann wo ich dann abgehauen bin nach nach Hamburg und so ne da hab ich ja dann gedacht na jetzt ist alles vorbei jetzt kannste ja reden ne da hab ich dann erzählt ja aber das glaubt ha- das glaubt einem doch gar nicht
[53:39] wenn man das erzählt die Menschen glauben einem das gar nicht die sagen ich spinn ne »wer weiß was du verbr-« dann heißt es was hab ich verbrochen »du hast da was verbrochen« das ich hab doch keen Verbrechen gemacht ist doch keen Verbrechen wenn ich
[53:52] jemand was schenke ich hab hätte ich das gewusst dass man das nicht darf dann hätte ich -s ja auch nicht gemacht aber ich hab gedacht Gott ne die Sachen liegen zu Hause und der der Frau hilfste ich hab -n gutes gutes guten was Gutes getan und dafür bin
[54:05] ich bestraft worden
[54:08] nee also Ravensbrück war -ne Katastrophe nein was wir da alles so gesehen haben und und erlebt haben und und ne wie gesagt hier meine n- man freundet sich ja da so -n bisschen an in wenn man so in ein in ein so -n Ding zusammen
[54:26] ist und zusammen schläft ich hatte da -ne -ne Freundin also die hieß genau wie ich auch Charlotte wir bei- wir beide waren Charlotten und die hat mir erzählt warum sie da war und zwar die hatten die hatten so Ausländer die haben da gear- mussten
[54:42] da wohl arbeiten es war ja damals so die Zeit ne dass die die Ausländer da arbeiten mussten beim Bauer und so und die hat sich dann in den verliebt und so und d- das war verboten ne mit -n Ausländer und dann hat der eigene Vater der eigene Vater hat die
[54:55] Tochter angezeigt na und dann haben wir dann uns so unterhalten und so und und das sie sagt auch sagt sie das war -ne Erzkommunistin -ne Erzkommunistin die die hat mir da immer von von ihrem Kommunist aber ich hab da nicht wollen mich hat das nicht interessiert
[55:13] ich hab mich nicht für Politik interessiert ich hab mir das so angehört und hab »ja na und nee« gesagt aber sonst aber wir beide haben uns schade ich hab aber ich kenn nur der ihren Vornamen ich kenn Familiennamen kenn ich nicht und ich weiß auch nicht
[55:27] ich hätte sie gerne besucht und und aber ich weiß ich weiß gar nicht von ihr ne man muss ja auch vorsichtig sein auch im Lager musstest du vorsichtig sein musstest du es gab ja so viel Spitzel also man musste kannst du ja auch nicht gleich jeden
[55:45] ve- anvertrauen du so und so und so und das und das konnst konnte man auch nicht ne ich hab bin da vorsichtig gewesen ich hab mein hab vor mich hinge- -gedöst und hab immer ich hab immer gedacht was hast du bloß verbrochen was hast du bloß verbrochen
[56:06] was hast du gemacht du hast doch nichts gemacht du hast doch deine Arbeit gemacht du hast doch auch nichts nichts Falsches gemacht also was hab ich gemacht was hab ich verbrochen und meine Gutmütigkeit
[56:21] Sie haben vorhin sehr eindrucksvoll den Moment beschrieben als Sie dann erfahren haben warum Sie dort waren durch diese
[56:31] [gleichzeitig:] ja
[56:33] ehemalige Bekannte auf der Straße ähm ähm ich stell mir vor dass in so einem Moment ähm
[56:39] [gleichzeitig:] also ich bin bald zusammengebrochen ehrlich ich hab ich hab gedacht ich hab gedacht ich bin nicht mehr richtig ich bin nicht mehr normal hab ich gedacht wie kann wie kann man -nen Menschen bestrafen der was Gutes tut ich meine wenn das nu
[56:52] ob das nun ein Russe ist oder oder oder oder ein Türke oder was sind doch alles Menschen ich und ich hab doch auch mit denen weiter nichts ich hab ihr nur das gegeben ich hab ja nicht nicht mit ihr zu tun gehabt ich hab ihr das Paket in die Hand gegeben
[57:06] und bin wieder an meine Arbeit gegangen ich hab ja mit ihr auch keinen Kontakt gehabt weiter
[57:11] als Sie das dann gehört haben von der Bekannten konnten Sie sich sofort an die Situation erinnern
[57:15] [gleichzeitig:] ja ja ja ja
[57:21] wie Sie dieses Paket übergeben haben
[57:25] [gleichzeitig:] hab ich gleich ja ja ja ich hab ihr auch gesagt ich sage »weißt du« sag ich »und deshalb haben die mich eingesperrt für meine Gutheit für meine Dummheit was ich da das geschenkt hab« ich sag »ich hab -s ja nur gut gemeint ich hab
[57:32] gedacht wenn das zu Hause liegt und die kann das gebrauchen ne« sagt sie »ja wei- hast du nicht gewusst dass das verboten ist ?« ich sag »warum soll denn das warum soll das verboten sein warum soll das verboten sein wenn ich Ihnen etwas schenke ? ne«
[57:44] nur weil sie eben -ne anderen anderen also war kein anderer Mensch aber weil sie -ne andere weil sie -ne Russin war so was Blödes na ja also das das Lager das das das kann man gar nicht beschreiben d- wie das da war das kann man nicht beschreiben das
[58:05] ist das war die Hölle das war die Hölle zum Beispiel neben uns war das Polen-Lager und in Polen haben sie doch hier von die Beine die die die Knochen rausgenommen ne ist ja bekannt eigentlich und da ha- sind sie einen Tag sind sie gekommen wir waren wir
[58:23] waren gerade wir waren gerade zu also in der in der Baracke da sind sie gekommen die SS »du du du gehst mit Krankenhaus« da haben sie alle sind sie alle auf den drauf zu und haben gesagt »nein ! keiner hier geht keiner raus« ja da haben sie gesagt »was ?
[58:40] gut geht keiner raus« haben sie die Türen zugemacht Fenster zugenagelt haben gesagt »so ihr kriegt nichts zu essen nichts zu trinken dann werdet ihr euch schon besinnen« da haben die zugenagelt 14 Tage haben die das aufgemacht ich kann Ihnen sagen das
[58:55] hat gestunken bis bei uns in die Baracke das hat gestunken sind ja die sind ja gestorben die haben ja so so schon nichts gehabt ne sind viele gestorben haben die Leichen dann raus geschafft und die die noch gelebt haben denen haben sie trotzdem noch die Beine
[59:08] das raus genommen die die die Schiene rein ge- raus genommen das haben sie meistens dann mit die Polen gemacht mit Polen-Frauen ist ja bekannt ne mit dem da haben wir gehört da in in in dem Krankenlager da wenn sie da haben sie was gemacht wenn die Leute
[59:27] ge- wenn die Me- Frauen geschrien haben das haben wir gehört bis in Block vor Schmerzen ja nee also
[59:39] ich möchte nochmal kurz zurückgehen zu der Situation als Sie erfahren haben auf der Straße von der Frau warum Sie ins Konzentrationslager kamen was war das für ein Gefühl zu erfahren warum Sie offensichtlich aus Unrecht inhaftiert wurden und aber was
[59:59] war das für ein Gefühl nichts gegen das Regime tun zu können kein war das ein Gefühl der Ohnmacht
[1:00:05] nein k- das war mehr wie Oh- wie Gefühl der Ohnmacht also ich hät- ich hätte wenn ich die gehabt hätte ich glaub ich hätte die zerrissen für meine Gutheit ich hab gedacht du hast doch nichts Böses getan ich hab doch nichts Böses getan ich hab doch
[1:00:17] Gutes getan und dafür nee hab gedacht erst hab ich gedacht die spinnt ich hab erst gedacht die will mir bloß was erzählen ne und dann sagt sie »nee nee du hast« und da hab ich gesagt »ja das stimmt« aber woher sollten die das wissen nee also ich hab
[1:00:31] erst gedacht die will mir was erzählen aber [räuspert sich] die konnte das ja nicht wissen ja konnte da- also ich bin nach Hause ich sag zu meiner Mama ich sag »du stell dir mal vor das und das« sagt sie »was ?« ich sag »ja« sagt sie »Mädel warum
[1:00:44] warst du denn auch so dumm« ich sag »ja warum war ich so dumm« sag »du weißt ja ich bin so ich kann nie jemand leiden sehen ich geb und wenn ich noch so wenig hab ich geb« mach ich heute noch mein Mann sagt manchmal »du wirst das noch lernen« ich kann
[1:00:59] das nicht ich kann keinen Menschen ich kann kein Tier und ich kann auch keinen Menschen leiden sehen ich bin so ich kann das nicht ich würde mein Letztes geben wenn es sein müsste ich glaube wir sind so erzogen (ich kann nicht)
[1:01:13] und Sie mussten dann ja trotzdem danach immer noch jeden Tag sich melden
[1:01:17] halbes Jahr lang halbes Jahr und denn war denn brauchte ich nicht mehr
[1:01:21] wo mussten Sie da hingehen ?
[1:01:23] zur Polizei ich sehe noch im Geiste sehe ich noch das Zimmer
[1:01:27] aber auch dort haben Sie nichts gesagt dann dass Sie jetzt erfahren haben warum
[1:01:32] nein nein nein ich musste hin und ich weiß noch genau da war hier so -n so - n so -n so -n wie so -ne Theke und hier stand dann der Polizist und ich kriegte dann so -n Schein musste unterschreiben beim ersten Mal hab ich gefragt warum ich überhaupt unterschreiben
[1:01:45] muss ne und da sagt er »na das musst du doch wissen« ich sag »entschuldigen Sie mal wenn ich -s wüsste würde ich nicht fragen« und dann sagt er »na ja Ravensbrück« aha dann dann wusste ich ja ein halbes Jahr habe ich müssen da immer immer hin
[1:02:02] nur unterschreiben rein unterschreiben dann konnte ich wieder gehen aber ich hatte auf Deutsch gesagt das Gefühl dass dass ich irgendwie beobachtet werde ich hatte das ich weiß es nicht ob ich spinn aber ich weiß auch nicht ich hatte das Gefühl
[1:02:20] so aber na ja ich hätte doch hier niemandem erzählt wo ich herkomme nee das haben sie von alleine gesehen ich hatte keene Haare auf -m Kopf Mensch
[1:02:31] wie lange hat das gedauert bis Sie wieder bei Kräften waren und wieder so aussahen wie vorher
[1:02:36] [gleichzeitig:] oh ganze Weile das hat -ne ganze Weile gedauert ich war ja nur Knochen und Haut Knochen und Haut mehr war ich nicht dass ich überhaupt auf die Beine stehen konnte das war das ist war ein Wunder ich hatte ja ach Gott nee wie ich ausgesehen
[1:02:48] hab und keene Haare auf -m Kopf ich sah mir überhaupt nicht ähnlich dass meine Mutter die Türe zugemacht hatte und mich nicht erkannt hat das kann ich ihr gar nicht verübeln dass ich dass wir überhaupt noch laufen konnten war ja war ja auch ein Wunder
[1:03:01] ja dann hatten ma noch die ollen Holzklotschen an wir hatten ja keene Schuhe wir hatten ja nur die Holz so Pantoffeln ne hatten ja vorne hier vorne hatten wir schon alles aufgerieben weil wir hatten ja keine Strümpfe [seufzt] ja
[1:03:18] war eigentlich Ihr Vater zu dem Zeitpunkt dann im Krieg als Sie zurückgekommen sind ?
[1:03:25] mein Vater ne
[1:03:28] [gleichzeitig:] ja
[1:03:30] mein Vater war gar nicht im Krieg der war nicht der der war immer der hat nur gearbeitet der war Glasbläser und ich weiß nicht die brauchten glaube ich nicht also im Krieg war mein Vater nicht
[1:03:35] also der war auch zu Hause
[1:03:37] ja er hat dann irgendwas war dann mit mit der Partei oder was der hat sich dann das Leben genommen Gashahn aufgedreht
[1:03:48] während des Krieges ?
[1:03:50] [nickt] meine Mama und ich wir sind von der Arbeit gekommen und war die Türe abgeschlossen und es steckte von drinnen der Schlüssel und ich sag » (hör mal) Mama« hat die geklopft mein Vater hieß Paul »Paul mach doch auf« und dann ich sag »Mama
[1:04:04] riech mal« sagt sie »es riecht nach Gas« und dann hat sie nochmal geklopft und dann haben wir dann jemand weiß gar nicht irgendjemand hat dann die Türe aufgebrochen und dann mussten wir die Polizei holen und dann hat er da gelegen nicht also hatten
[1:04:21] wir hatten einen Wellensittich den hat er noch raus raus gestellt auf -n Gang dann hat er sich vergiftet warum weshalb weiß man weiß man gar nicht warum ob da irgendwas auf der Arbeit war oder was haben wir wir haben das nie raus gekriegt für mich
[1:04:40] war das schlimm ich hab sehr an meinem Vater gehangen wenn bei mir irgendwas im in der Wohnung irgendwas war »Papa Papa kannst Du mir das mal« »aber ja« na ja und dann haben wir zusammen gesessen und haben gequasselt und haben geredet ja und mein Vater
[1:04:55] meine Mutter war bissl herrisch die war wah die war so Ilse Ilse die würde gut zu meiner Mutter passen [lacht] Ilse ja
[1:05:05] ich würde gerne nochmal wissen Sie haben ja gesagt dass Sie ein Jahr in Ravensbrück waren und ein Jahr auch vorher in dem Gefängnis in Dresden
[1:05:14] [gleichzeitig:] mhm ja
[1:05:17] da haben Sie jetzt gar nicht so viel von ähm erzählt
[1:05:19] von Dresden ?
[1:05:21] wie wie ist das in dem das ist ja der erste die erste Haft gewesen ähm wie ist das dort gewesen oder war das ein sehr gleichförmiger Gefängnisalltag sozusagen der jetzt hinter der Ravensbrück-Erfahrung irgendwie verschwindet aber Sie waren ja ein Jahr
[1:05:36] im Gefängnis auch ohne zu wissen was ähm was der Grund war
[1:05:38] [gleichzeitig:] ja äh also im Gefängnis war -s im Gefängnis war es auszuhalten also es war nicht schön aber es war ha kein Vergleich mit Ravensbrück ne das wenn ich wär noch ein Jahr im Gefängnis gewesen das wär mir lie- also wär mir was heißt
[1:05:52] lieber aber wär mir lieber gewesen wie Ravensbrück ne im Gefängnis ham sind wir morgens sind ma ham ma sind sie auf ham ma auf ham wir erstmal unser Frühstück gekriegt ham wir aufgeschlossen gekriegt die Türen und dann sind wir auf unsere Arbeit gegangen
[1:06:03] jeder hatte seine Arbeit ne in der Küche gearbeitet mit bin in die Küche und da haben wir dann auch immer ma was gekriegt was nebenbei gekriegt so zu Essen was die anderen nicht gekriegt haben aber da da ging es also trotzdem man hat sich immer gesagt
[1:06:20] warum warum warum ist man hier warum ist man hier ne da hat man die anderen gefragt »warum bist denn du hier ?« »na so und so« einer sagt »na ich weiß es auch nicht warum bin ich denn hier und so na ja« da konnte man sich auch unterhalten und da war
[1:06:33] das war ja nicht so wie war ja kein kein Konzentrationslager aber im Lager das war ja war ja -ne Katastrophe also nee das kann man gar nicht das kann man gar nicht so wiedergeben wie d- wie das war das war die Hölle [betont:] die Hölle wirklich
[1:06:51] dass ich das dass ich das da durchgestanden hab wie ich wiedergekommen bin man keine Haare auf dem Kopp ich war ja ich war ja nur ach ich war ja nur Haut und Knochen das war ja es ging ja auch nicht so schnell dass du wieder auf die Beine richtig kommst
[1:07:10] weil man der Magen ist ja nicht der man muss ja langsam mit der Esserei ne ich konnte mir nun nicht gleich Lachs oder was kau- gleich essen ne das ging ja gar nicht man musste ja langsam anfangen mit essen
[1:07:24] haben Sie dann später mit Ihren Kindern die Sie dann bekommen haben darüber gesprochen ?
[1:07:31] ja die wissen das meine Kinder wissen das dass ich da war ja die Kleine die Kleine die sagt immer »Mutter dass du dass du das dass du das durchgehalten hast also« »ja« sag ich die ist auch ganz lieb also mit meiner kleinen Tochter komm ich bestens
[1:07:49] wir treffen uns bloß jetzt ist schlecht weil die hat -n Hund und wir die Katze [lacht] und die kann den Hund nicht alleine lassen das ist so -n großer Boxer -n ganz junger Boxer den kann sie nicht alleine lassen und Schwiegersohn muss arbeiten der arbeitet
[1:08:03] im Krankenhaus und mitbringen kann sie ihn nicht was soll ich mit der Katze machen ? müsste ich ja einsperren
[1:08:11] wann sind Sie das erste Mal wieder in Ravensbrück gewesen ?
[1:08:17] oh Gott oh Gott oh Gott oh Gott oh Gott das ist schon lange her das ist schon lange her ich weiß gar nicht wieso ich überhaupt nach Ravensbrück das erste Mal gefahren bin weiß ich gar nicht irgendwas irgendwas wollt- ich irgendwas weiß ich auch nicht
[1:08:32] na jedenfalls ich bin nach Ravensbrück gefahren und da war ja noch die Frau Jacobeit die Frau Jacobeit ist ja hier drinnen mit die was früher die Leiterin war sie standen mit drei Damen da und haben sich unterhalten und da sagt sie »ach da kommt die Frau«
[1:08:50] also ich »und die war im im Konzentrationslager die kann gleich was erzählen« und da hab ich erst mal geguckt da hab ich erst mal die Leute angeguckt ich denke was ist denn hier los und das hab ich da erzählt so ein bisschen und na ja und dann hat sie
[1:09:07] mir erzählt von von Gu- Wiedergutmachung und ich sag »Wiedergutmachung« w- wat ich wusste erst gar nicht was das sein sollte Wiedergutmachung ne und da sag ich »na ja« sag ich »wissen Sie das können sie sowieso nicht wiedergutmachen das was wir durchgemacht
[1:09:20] haben das kann kein Mensch wiedergutmachen ne« und da sagt sie »ja da gibt es Geld und so und so« und ich sag »ach» sag »wissen Sie Geld kann das auch nicht wiedergutmachen« und da sagt sie »na da reden wir dann noch von« na jedenfalls hab ich dann
[1:09:33] so bisschen erzählt und die Frauen waren dann natürlich dann auch gibt -s denn so was und kann denn so was möglich sein und ja jedenfalls haben wir uns dann unterhalten und da sagt sie »warten Sie mal jetzt gehen Sie mal da rein in das Zimmer« dann
[1:09:46] bin ich da rein und da hat sie da ist so -n junger Mann runter gekommen und der hat so eine große Liste und der hat dann alles so von aufgeschrieben und da sagt sie »das reichen wir jetzt ein und da werden wir sehen dass wir eine Wiedergutmachung für
[1:09:59] Sie kriegen« und da hab ich gesagt »ach« sag ich »wissen Sie brauchen Sie sich gar nicht ab- gibt -s sowieso nicht« sag ich und »das können sie uns sowieso mit Geld nicht wiedergutmachen« was nützt denn das wenn sie uns Geld geben gelitten haben wir
[1:10:10] trotzdem »nee nee« sagt sie »warten Sie mal« na jedenfalls hat sie alles aufgeschrieben wie lange ich drinne war und wie und was und alles so -ne große Liste und na ja ich bin dann wieder nach Hause gefahren
[1:10:22] und dann war irgendwas war irgendwas
[1:10:27] irgendwas war in Ravensbrück und da hat die mich angerufen die Frau Jacobeit und da bin ich wieder hingefahren und da war irgend so ein Gedenktag und da haben wir wir haben ja immer vorne gesessen in der ersten Reihe die er- die also die von Ravensbrück
[1:10:44] und da hab ich neben Ilse gesessen na ja und Ilse hat mich da angequatscht [lacht] »waren Sie auch in Ravensbrück ?« »ja« »ja und warum und wieso« und da haben wir uns unterhalten und da sagt sie »wo wohnen Sie denn ?« ich sag »in Berlin« »ach«
[1:11:01] sagt sie »ich wohn auch in Berlin« na ja da können wir uns ja nochmal wieder treffen und so ich sag »na ja gut wenn Sie wollen können wir uns schon wieder mal treffen« ja und so sind wir zusammengekommen und zusammengeblieben und dann hieß es ob wir
[1:11:11] würden mal zusammen gehen in die Schule ich sag »ja« sag »ja wenn wir helfen können gerne ne« ja und so sind wir zusammen so gehen wir ja schon die vielen Jahre
[1:11:21] vielleicht machen wir an dieser Stelle eine kleine Pause und nach der Pause erzählen Sie uns dann davon weiter [Schnitt]
[1:11:27] so was wollen wir jetzt erzählen
[1:11:31] Sie haben uns vor der Pause erzählt dass Sie Ilse Heinrich kennengelernt haben und seitdem machen Sie ja gemeinsame Zeitzeugenarbeit erzählen Sie uns ein bisschen davon und warum Sie das tun
[1:11:42] warum ich das tue ? ja damit die Jugend die Jugend mal weiß was erst mal was wie das war damals und es darf ja nie mehr es darf so was darf nie mehr passieren und da muss man die Jugend bisschen denen muss man das erzählen wie das war was wir durchgemacht
[1:11:58] haben und dass das nie wieder die glauben das ja gar nicht manche d- d- wir haben gehabt da haben die Mädchen geweint wie wir das erzählt haben die die konnten das gar nicht glauben wie kann man einen Menschen so so so quälen ne aber man muss man
[1:12:17] muss doch den Jugendlichen guckt doch heute an was was was mit der Jugend los ist ne wie die auf der Straße rum was in der Zeitung immer steht was das kann nicht mehr so weitergehen das muss sie müssen sich das mal bisschen mal bisschen anders das ist
[1:12:35] ja furchtbar tun sie die älteren Leute tun sie beklauen auf der Straße und umschmeißen und und hab habt haben habt ihr ja doch jetzt gesehen ne wie ach na wir wie der alte Mann ne wenn wir nicht gekommen wären wer hätt -n sich da um den gekümmert ?
[1:12:53] keiner so was so was hat -s früher nie gegeben also wenn ich wenn ich so was sehe dann renne ich (renn ich) und helfe ich ich kann so was ich könnte so was gar nicht übersehen vor allen Dingen die die Jugend müss- die muss die muss das hören die
[1:13:11] muss das wissen was wir durchgemacht haben damit die mal sagen »nee das können wir nicht mehr machen das müssen wir anders machen« das ist nee
[1:13:19] Sie teilen sich dann diese Vorträge zusammen mit Frau Heinrich
[1:13:25] ja na ja sie ich fang an
[1:13:27] mhm
[1:13:29] weil ich bin ja eher dagewesen und auch eher aus nach Hause und dann ist ja Ilse hinterher und die ist hat ja dann die hat ja ganz anders die hat äh auch -n paar Stellen gehabt die hat gestrickt das konnte sie nicht also hat sie nicht gekriegt nie fertig
[1:13:44] gekriegt sie konnte es nicht und wenn man das nicht konnte hieß es ja man will nicht ne dann hat sie was hat sie denn noch gemacht nach -m stricken ha- hat sie allerhand hat die durchgemacht und dann ist sie ja zum Nähen gekommen da in Näherei und das konnt-
[1:13:57] sie konnten ja mit der elektrischen Maschine sie kann aber sie konnte das nicht weitergeben und hier mit dem man arbeitet ja mit dem Fuß auch ne und das konnte sie nicht und dann hat er sie ja in in die Mitte genommen hat sie so ve- verhauen und na das war
[1:14:10] auch konnte sie auch nicht und es ist ich hab bin ja nur in einer gewesen ich bin bei Siemens und bin bei Siemens geblieben ich hatte den Vorteil dass ich nur eine Arbeitsstelle hatte und Ille Ilse hatte paar Arbeitsstellen [räuspert sich] paar Arbeitsstellen
[1:14:26] gehabt und im Lager haben wir uns ja nicht gekannt das war ja auch mit der Zeit so ich bin ja dann schon bald nach Hause gegangen wo sie und dadurch auch dass sie noch vergewaltigt worden ist ist da oben bei dem in dem in dem einen Haus da was
[1:14:46] sie jetzt da wieder zu- fertig gemacht haben da waren wir ja neulich waren wir waren wir da oben da ist sie zusammengebrochen ich hab noch gesagt ich sag »Ilse wir gehen da nicht hoch das ist nicht für dich das sind die Erinnerungen das ist nix« na ja
[1:15:04] aber sie wollte gern den Leuten nu das erklären und so und dann ist sie oben zusammengebrochen aber ich wusste da schon dass das kommt da kann die dann ich kann kann man nicht verkraften da was wir durchgemacht haben was sie durchgemacht hat ne also das sie
[1:15:18] war ja nur noch Haut und Knochen und dann kommt der Russe da noch und vergewaltigt sie noch das war war und dann geht sie da noch hoch und guckt sich das da an wie ich sag »ne das kann man nicht haben« das hat nichts das war ja für mich schon furchtbar
[1:15:33] dass weil weil ich wusste das ist ja meine Kollegin dass sie das durchgemacht hat ne aber sie geht jetzt nicht mehr hoch dafür sorge ich die kommt da nicht mehr hoch die kann sich das von Weitem angucken wir können das ja wieso nicht das sind die Treppen
[1:15:47] kein kein Geländer hüben und drüben die breiten Treppen und kein Geländer ne jetzt haben wir gesagt die sollen doch mal Geländer da dran machen dass man alte Leute die können doch da nicht so auf der Treppe [gestikuliert] das ist doch auch ein ganzes
[1:16:00] Ende da hoch zu klettern ka- haben Sie doch das alles neu gemacht jetzt das Haus haben sie doch alles eingerichtet ne und da hat die die (Jule) da gesagt das ist das können sie das ging nicht und warum geht warum geht das denn nicht da ein Geländer dran
[1:16:16] zu machen muss doch gehen viele ältere Leute wollen das sehen oben man kann wohl von hinten mit -n Auto ran aber es hat doch nicht jeder Auto aber na ja die olle Trulla da das ist sowieso -ne olle Trulla
[1:16:30] die Gedenkstätte wurd ja 1993 nach der Wende dann neu eröffnet und vor einigen Jahren sind ja auch Ausstellungen gekommen und wenn ich das richtig verstanden hab finden die Führungen die Sie und Ilse Heinrich dann ja auch zusammen geben auch oft dort statt
[1:16:45] vielleicht zeigen Sie uns einfach mal ein paar Fotos davon wie wir uns das vorstellen müssen
[1:16:51] [reicht Fotos] ich geb Ihnen die mal ich weiß jetzt nicht ob das -ne richtige Reihenfolge is aber vielleicht können Sie die in die Kamera kurz zeigen und nochmal kurz sagen was man darauf sieht
[1:17:02] [zeigt Fotos] also hier war wir im hier waren wir im im [räuspert sich] der Verbrennung und die zwei Herren die hier drauf sind die haben sich da unterhalten und von der Verbrennung und wir sind da zugekommen und das haben wir gehört und da haben wir gesagt
[1:17:18] »ja hier sind die Leute verbrannt worden und so und da ist noch ist noch ein Ofen zugekommen und so« und da haben die sich für interessiert und dann stehen wir hier bei den bei den zwei Damen und hier steht Ilse und ich auch da da legen wir meistens Blumen
[1:17:35] aber da haben wir gerade mal keine hingelegt sonst legen wir da meistens Blumen hin wenn man dann hier weitergeht das ist ja dann am an der Dings sind ja dann alles die die ganzen Städte und da werden ja dann wenn d- wenn die Feier ist werden ja dann
[1:17:50] alles Blumen hingelegt Kränze und so ne hier sind wir ja hier hier ist am am am Denkmal wenn die Feier ist da kommen ja alle ist ja »Die Tragende« ne die da oben ist die in ganz oben ist »Die Tragende« hier ist auch die ganze Jugend da kommen
[1:18:16] ja die ganzen Jugendlichen und alles und hier hier Moment hier hinten geht es rein und da ist so ein schmaler Gang hier ist die Mauer zu und auf der Seite sind oben so Scharten so offen und da haben sie haben sie die Leute dann rein getrieben und dann haben
[1:18:38] sie durch die Scharten haben sie rei- erschossen hier waren wir mit Ilse und weiß gar nicht wer das noch alles ist noch irgendein hier waren wir im im Jugend bei der Jugend mit der Jugend zusammen
[1:18:59] das ist nochmal ein großes Porträt-Bild
[1:19:05] [gleichzeitig:] ja das bin ich mit Ilse ja
[1:19:08] vielleicht zeigen Sie das mal in die Kamera ?
[1:19:11] Ilse ja meine Ilse
[1:19:15] wir haben jetzt glaube ich gar keine von den Bildern hier wo Sie zusammen die Führungen machen
[1:19:20] ach so ja ja [sucht nach Fotos]
[1:19:23] ich dachte auch wir hätten also nicht schlimm
[1:19:28] [leise:] aber das ist noch interessant
[1:19:30] ja
[1:19:33] das ist die Näherei [zeigt Foto] von Ravensbrück hier hat Ilse hier hat Ilse genäht ich war ja nicht in der Näherei ich war ja bei Siemens
[1:19:43] jetzt müssen Sie uns noch sagen was das mit dem Orden den Sie anhaben auf sich hat
[1:19:52] das ist -n ja den haben wir gekriegt weil wir doch äh schon jahrelang äh gehen von von Schule zu Schule und eben wie gesagt in die Schulen erkläre was wir durchgemacht haben und wie alles so wie so alles war und alles und dafür haben wir den Orden gekriegt
[1:20:10] und das ist der Landesverdienstorden
[1:20:16] ja
[1:20:19] wie heißt das genau können Sie auch noch ruhig zeigen wenn Sie wollen
[1:20:22] [liest vor:] »Verleihung von Verdienst- Verdienstorden des Landes Brandenburg und Potsdam Landtag am 14ten Juni 2010 Charlotte und Ilse« [zeigt Bild] ja aufmachen ma
[1:20:42] soll ich mal eben die anderen Fotos nehmen ? damit die nicht
[1:20:52] ja was soll ich hier zeigen ? mein Mann [lacht] [blättert; zeigt Fotos] na ja hier sieht man hier kriegt man überall die Leute die gratulieren uns und ja wir haben aber noch -en Orden Ilse und ich gekriegt und zwar vom von der Lagergemeinschaft
[1:21:19] mhm
[1:21:21] haben wir auch noch den hab ich aber zu Hause an der Wand hängen ja und wir waren jetzt kurz kürzlich waren wir ja wieder in Potsdam und zwar da sind andere sind ausgezeichnet worden und wir konnten da zugucken ne mhm hier sind wir alle Mann drauf
[1:21:43] [zeigt Foto] die werden dann ausgezeichnet und wir können da zugucken und wir werden dann auch zu uns kommt der dann auch die Herren dann und gratulieren uns und da gab -s gut zu essen [lacht] und trinken
[1:21:59] da ist das können wir vielleicht jetzt noch für die Kamera sagen dann auch rechts Ihre Tochter ähm zu sehen und Ihr Ehemann Ihr jetziger Mann
[1:22:09] ja [zeigt Foto] das ist meine Tochter mein Ehemann hier bin icke das ist Ilse Ilse ihre Tochter und das ist auch die Tochter und hier sieht man den aber den sieht man bloß so -n bisschen mit seinem langen Bart das ist die Sch- die ist meine Tochter
[1:22:32] das ist mei- die Schwiegertochter von Ilse aber wir beide wir wenn wir nach Ravensbrück kommen wir sind immer die Zwillinge »ah da kommen die Zwillinge« [lacht] ja
[1:22:50] weil Sie immer zusammen sind
[1:22:55] [leise:] wir sind immer zusammen ja es gibt nichts was wir alleine machen drum das ist ist mir gar nicht so dass Ilse dass wir alleine sind so das kenn ich gar nicht wir haben wir haben uns geschworen entweder einer oder keiner also entweder zusammen
[1:23:10] oder keiner aber nu war das ja damals wie ich krank war dass es ging wirklich nicht sonst hätte ich schon
[1:23:15] deswegen haben wir jetzt ein Jahr nach dem Interview mit Frau Heinrich erst das mit Ihnen
[1:23:19] [gleichzeitig:] ja ja ja sonst hätte ich hier vielleicht erst zusammengebrochen und dann hätte das auch keinen keinen Sinn gehabt ne aber sie hat immer mich gequält »mach doch mach doch mach doch mach geh doch geh doch geh doch« sag ich »ich kann doch
[1:23:28] nicht einfach gehen« ich hatte ja auch keine Adresse von Ihnen und ich hab zu Ilse die hatte sie aber ich sag »na ruf du doch mal an« »ja ja« aber na ja sie hat es auch nicht gemacht auch keine Zeit und dann hat sie es vergessen und dann hat sie mir doch
[1:23:42] mal gegeben und dann habe ich mal angerufen da waren sie weiß nicht wer waren Sie dran ja ? na ja und jetzt sitze ich hier
[1:23:51] wir haben ähm in der Pause vorhin noch überlegt dass wir einen Teil Ihrer Biographie noch gar nicht besprochen haben und Sie davon noch gar nicht erzählt haben weil Sie sind dann noch während des Krieges von Freital nach Dresden gezogen vielleicht können
[1:24:08] Sie dazu noch kurz was erzählen
[1:24:10] von Freital
[1:24:15] oder wie es in Dresden war
[1:24:18] ja in Dresden war ich ja gar nicht lange weil dann war ja gleich der Angriff ne es war ja schon es war es war ja schon also ich war damals im Krankenhaus und bin operiert worden und bin dann aus dem Krankenhaus raus und da war der erste Angriff der war
[1:24:32] war in in in so -nem kleinen Dorf da waren so viele Gefangene und da haben sie da bombardiert und dann hieß es ja und dann hab ich zu meiner Mutter gesagt »ach weißte ich« wir haben ja in ich wir haben ja in in Dresden -ne Wohnung gesucht und das hat
[1:24:50] auch gleich geklappt und zwar ich hatte so in Hinter- Hinterhaus kann man sagen da war so -n extra angebaut da hab ich dann ganze richtig große große Wohnung gehabt und wie gesagt da war ja dann der Angriff dann sind wir in den Keller alle Mann und wir hatten
[1:25:09] so -n Durchgang und da sind die Auto- und ganz hinten war dann mit Pferde damals sind sie ja auch noch mit Pferde gegangen da war so -n Pferde und die hatten so na ja so pf was hat denn der gefahren alles Mögliche war so Obst und Gemüse und und und dann
[1:25:26] mal Kohlen und alles so hat der ist der gefahren und da ist der immer hinten hat hinten den Pferdestall gehabt und das war hinter meiner Wohnung und dann auf einmal und wenn man reinkam [gestikuliert] hatten wir hier so breit und das war unser Abstell- da
[1:25:40] haben wir Kohle und was wir so brauchten hat man da drinne gehabt und da haben die uns immer gesagt und es war ja schon immer mal Angriff aber nicht so doll mal und es war auch nicht in Dresden es war auch schon mal weiter weg und da haben sie gesagt immer
[1:25:55] »geht nicht da in Keller wenn ihr in den Keller geht da drunter wo der Eingang ist wenn die dadurch da geht die Bombe gleich durch geht in Keller da ist immer noch sind die Wohnungen drüber weg da ist das schon ein bisschen« na jedenfalls wir hatten hier
[1:26:08] den Eingang ging -s runter ins Waschhaus und im Waschhaus war hinten -ne Türe die ging dann in den Keller rein und da hab ich immer gesagt »lasst die Türe auf wenn mal was ist dann können wir gleich in den Keller rein« na ja und dann hat dann doch mal
[1:26:23] so ein Esel die Türe abgeschlossen und es war Angriff und wir waren alle Mann im Keller und jetzt haben wir gehört oh jetzt haben -s hat -s bei uns eingeschlagen man das hat man ja gehört wie das alles die Steine runter kamen und alles ja und wie kamen
[1:26:37] wir nun raus na ja ich war die Jüngste ich hab dann ich muss irgendwo muss ich hier noch irgendwo muss ich hier noch ich hab die Sch- Scheibe oben eingeschlagen hab sie da war in so -ne Scheibe drin unten runter gegangen hab die Türe von innen aufgemacht
[1:26:52] dass wir ins Waschhaus und vom Waschhaus kamen wir dann raus da war ja dann der Ausgang das konnten wir dann die Treppen hoch denn da konnten wir ja nicht mehr raus da waren wir ja zu da ist ja der ist ja das die Bombe reingegangen so aber wir konnten ja nicht
[1:27:08] auf die Straße es war alles voller Phosphor war dort die ganze Straße war doch voller Phosphor konnten wir nicht raus da waren wir drin und da hat uns dann das Rote Kreuz hat uns dann rausgeholt die sind dann mit -m Auto gekommen und haben uns an die Elbe
[1:27:21] geschafft an die Elbe und das das geht da so schräg runter [gestikuliert] und hier geht das dann ist so -n kleiner Weg und hier geht das so hoch und das ist leer und oben ist dann ist die ist dann wo man geht und in diesem leer da haben sich dann die äh
[1:27:36] haben sich dann die Verka- Leute haben da Bier reingemacht Bierflaschen und und na und Obst und Gemüse was sie so hatten über Nacht wurde das dann so auf (Wa-) und die Bierflaschen die sind alle zerplatzt durch den durch den Luftdruck ne und wie die wie
[1:27:52] die Flieger die Tief- sind ja die Tiefflieger gekommen da sind die Leute da reingerannt und haben sich da alles die Beine zerschnitten die Flaschen waren ja alles kaputt und vor ihrer Angst sind die da reingerannt na wir haben da gesessen ich konnte nichts
[1:28:04] sehen ich hab da gelegen ich konnte nichts sehen ich war vollkommen blind von entweder v- von irgend von was ich weiß es nicht mehr jedenfalls war ich blind na ja ist dann das Rote Kreuz gekommen und die haben uns da irgendwo hingeschafft irgend so -n großes
[1:28:18] großes äh äh Haus und da haben sie uns haben wir erst mal was zu essen gekriegt
[1:28:24] und dann hieß es ja nach Hause nach Hause aber wie komme ich nach Hause wie komme ich von Dresden nach Freital ich hatte ja keen nach Hause mehr meins war ja kaputt alles
[1:28:33] weil ich war ja total ausgebombt ich hatte nichts mehr gar nichts mehr ich hatte nur das was ich an hatte und das war auch alles schon dreckig und kaputt und dann sind sind sie gekommen und haben gefragt »können wir euch mitnehmen ? können wir euch mitnehmen ?«
[1:28:49] so Autos die so gekommen sind noch na ja und dann hat mich einer mitgenommen nach Freital und da komm ich und da denk ich bei uns mal hier so -ne Ecke so -ne Ecke war da bei uns und denn war mein das Haus von meiner Mutti das stand da so hinten und da hab
[1:29:04] ich gedacht oh Gott hoffentlich ist das nicht kaputt und da hab ich zu dem Fahrer gesagt »warten Sie erst mal ich muss erst mal um die Ecke gucken« ich hab immer gedacht das Haus ist auch kaputt also Gott sei Dank stand das Haus noch und da bin ich na ja
[1:29:16] und dann bin ich zu meiner Mutter hab ich gesagt »ich bin ausgebombt« ja was blieb musst ich erst mal bei meiner Mutter wohnen ich hatte ja nichts ne und dann hab ich mir -ne Wohnung gesucht aber wir hatten doch nichts es gab doch nichts konntest doch keine
[1:29:29] Möbel du konntest doch nichts kaufen du kriegst Bezugsscheine kriegten wir aber du kriegtest ja auf die Bezugsscheine kriegtest du ja nichts kriegst weder -n Teller noch Gabel noch k- es gab gar nichts nichts gab -s nichts dann gab- s noch die Markt- die
[1:29:43] die die Scheine die Bezugsscheine da konntste mal da wurden mal aufgerufen Eier oder oder oder mal -n Apfel na ja wenn du dann beizeiten hin kamst kriegteste auch nichts da war das schon alles verkauft ja das war -ne schlimme Zeit auch ja wir haben
[1:30:00] schon allerhand mitgemacht ja und dann war ja alles weg wir ha- ich hatte gar nichts nichts war alles alles weg alles hatte gar nichts da war alles ich hab vor die Trümmer gestanden und war vollkommen musste von vorne wieder anfangen und es gab ja
[1:30:19] nichts konntest ja nicht anfangen es gab ja nichts wenn es wenigstens was gegeben hätte dann hättest ja können gehen und was kaufen aber es gab ja nichts gab ja nichts ich hab mein Mann war beim Militär der war eingezogen und ich bin dann gegangen
[1:30:31] und wenn ich was gesehen hab na ja dann hat man das gekauft da hat man mal mal kriegte man ein Bett mal kriegte man man mal kriegte bissl Wäsche man kr- gab -s immer mal gab -s mal was wenn die so man musste eben immer rumlaufen und gucken wo es was gab ja
[1:30:48] und wenn es was gab musstest du gleich zugreifen sonst zum Beispiel Schlafstube die hatten eine Schlafstube im Schrank äh im im im Schaufenster bin ich rein sag ihm »die Schlafstube möchte ich kaufen« sagt er »ja« sagt er »das ist schön aber da ist
[1:31:00] schon das ist schon verkauft und das ist verkauft den Rest können Sie kaufen« ich sag »ja gut dann kaufe ich den Rest« da ist mein da lebte mein Vater noch da ist mein Vater mit -m Tafelwagen kennen Sie Tafelwagen so -n flacher Wagen nur so -n paar Räder
[1:31:14] drunter ist der gegangen und hat da aufgebaut da hab ich gekauft zwei Nachtschränkchen und zwei und zwei Nachtschränkchen und zwei Betten so »den Rest« sagt er »der ist verkauft aber vielleicht können wir können wir den mal später mal nachmachen«
[1:31:31] so hab ich meine Schlafstube dann so nach und nach hat man sich dann so eingerichtet und da hab ich dann gewohnt bei einer Frau die hieß genauso wie ich Charlotte wir haben uns toll verstanden und da ist das war 19- ist meine meine Gisela geboren die
[1:31:49] Große ist da geboren und dann immer Angriff und dann mit -n Kind immer in den Keller und es hatte ich hab im dritten Stock gewohnt keiner hat einem geholfen ne die waren alle alle schnell im Keller und ich musste immer mit meinem Körbchen in den Keller
[1:32:05] ich hatte so einen Wäschekorb da hatte ich die Kleine drinne ja mir hatten ja nichts Wäschekorb in Keller wieder hoch und dann wenn mein Mann auf Urlaub kam na ja der hat dann immer was mitgebracht der war ja Verpflegungsoffizier der hat ja dann immer
[1:32:20] na na aber das war auch nichts Schokolade oder Bonbons oder so was das hat uns auch nicht viel genutzt na ja das haben wir dann verkauft dann hatten wir Geld und dann konnten wir uns was anderes kaufen es gab wohl aber es war ja dann auch die Preise ne die
[1:32:36] hat gab ja dann auch na ja ja wir haben schon was mitgemacht
[1:32:43] von der Bombardierung Dresdens bis zur Befreiung dann drei Monate später etwa durch die Rote Armee im im Mai 1945 können Sie sich daran erinnern wie Sie das wahrgenommen haben ?
[1:32:54] ach so pf ich weiß auch nicht die war- die waren auf einmal da und ich meine mir haben sie nichts getan ich ich hab auch gearbeitet mal -ne Weile bei denen ich musste da sauber machen und pu- putzen und so aber ich hab immer [betont:] Kinder die haben ja
[1:33:09] Kinder geliebt ne die Russen waren ja für Kinder die Rote Armee also ja Kinder ich hatte ja nu meine Tochter und dann hab ich sie Obst wenn sie Obst hatten hab ich Obst gekriegt für die Kinder und so dann ja ich musste da pu- sauber machen und und ja haben
[1:33:24] wir die haben schon gegeben da die haben uns schon bissl geholfen und die waren auch alle nett also kann nicht sagen dass da einer frech war oder uns angepackt hätte oder so die waren alle nett es war -ne große große Firma wo wo die drin gewohnt haben
[1:33:41] die Rote Armee also die Russen die hatten auch einen einen einen ja wie nennt denn der sich da so -n so -n der oberste der da war der oberste Russe der da so der da war der Kommandant das war so ein kleiner kleiner kleiner Scheißer so -n kleiner Russe so
[1:33:59] -n richtig kleiner runder aber der war so nett und der konnte nit Deutsch der hat immer zu mir gesagt » (Lida Lida Lida) « hat der immer zu mir gesagt » (Lida) « ich also ich war (Lida) ne (Lida) ja ne ne also mir haben sie jedenfalls nichts getan ich hab
[1:34:16] meine Arbeit gemacht und mich hat auch keiner angegriffen mir
[1:34:20] kann mich nicht beklagen aber trotzdem wollte ich sie nicht ich bin dann abge- wie gesagt ich bin ja dann abgehauen ich bin abends nach Dresden rein hab Karten gekauft also Billets für die
[1:34:36] für Fahrt dann hab ich mir meine Tasche geschnappt alles was ich so brauchte rein alles zu und ich alter Esel -n Wecker Wecker hab ich oben druff gelegt [lacht] Wecker ich Schlaue hab alles eingepackt und den Wecker hab ich obendrauf gelegt und meine Tochter
[1:34:54] und der (__) die hatte so zwei kleine Puppen bei sich noch so mit so Draht festgemacht wie es damals gab und dann sind wir abends spät noch ich hab meine ganzen Sachen mein- meine Einrichtung Wohnung hat mein Bruder übernommen und ich abgehauen und die
[1:35:13] und in in unterwegs Kontrolle kam Kontrolle ja na ja dann das das das und da ist war einer der war aber kinderlieb und der geht zu meiner Tochter und nimmt da so -ne Puppe und sagt »ach ist das aber niedlich wo hast du die denn her« und so und lässt die
[1:35:30] Puppe fallen und meine Tochter ach die hat gebrüllt und geschrien und er sagt »ach schrei mal nicht weißte was« sagt er »wenn du zurückkommst kriegste von mir -ne neue Puppe« ich dachte du du Esel wir kommen doch nicht wieder zurück aber na ja dadurch
[1:35:42] hat er uns nicht kontrolliert hat er nicht in die in die in die Koffer und so geguckt ne ja dann sind wir hier nach Berlin und hier waren wir dann ja im Lager ganze Weile im Lager und von da aus sind wir bin ich dann nach Hamburg Gott ich bin auch
[1:36:01] schon durch durch die Gegend gekommen einmal da einmal da einmal da einmal aber na ja bin immer ganz gut zurecht gekommen und jetzt bin ich in Berlin und will auch nicht mehr weg von Berlin hier bleibe ich und hier sterbe ich
[1:36:17] Frau Kroll möchten Sie zum Abschluss des Interviews noch etwas sagen ?
[1:36:26] was soll ich sagen ? also jedenfalls ich werd mit Ilse wenn wir angefordert werden alles weiter machen so lange wie ich kann ich bin ja sonst geht mir -s ja nicht schlecht nur mit meine Beine und da hab ich ja meinen Stock aber das ist ja nicht so schlimm aber
[1:36:46] wie gesagt in die Schulen geh ich noch so lange wie ich kann das mach ich noch mit Ilse zusammen jetzt geh ha- geht sie ja erst mal zur Kur Ilse geht ja jetzt zur Kur und wenn sie wiederkommt dann wird das ja bestimmt wieder weitergehen ne ich geh ja jetzt
[1:37:06] sowieso ich geh ja jetzt weiß gar nicht hab ja die Einladung gekriegt ne da was ist -n das was ist -n das überhaupt [aus dem Hintergrund: »Generationenforum«] mhm ja da bin ich ja eingeladen hab ich die Einladung schon gekriegt ja ja muss ich auch
[1:37:24] ohne Ilse gehen die ist ja dann noch nicht da ja da schlaf ich glaube ich drei Nächte da mein Mann
[1:37:39] [gleichzeitig:] Frau Kroll
[1:37:42] drei Tage alleine bleiben mit der Katze da bleibt der mit der Katze [lacht]
[1:37:46] dann möchten wir uns recht herzlich für dieses Interview bei Ihnen bedanken
[1:37:52] ach
[1:37:54] vielen Dank
[1:37:56] bitte war doch sel-
| Datum | Ort | Text |
|---|---|---|
| ab 1922 | Freital | Geburt als Tochter eines Glasbläsers |
| 1940 - 1942 | – | Arbeit in einer Munitionsfabrik gemeinsam mit russischen Zwangsarbeiterinnen |
| ab 1942 | – | Verschenken von Kinderkleidung an eine russische Zwangsarbeiterin, Verhaftung |
| 1942 - 1943 | Dresden | Gefängnisaufenthalt ohne Angabe von Gründen |
| 1943 - 1944 | Ravensbrück (Konzentrationslager) | politischer Häftling und Zwangsarbeit bei Siemens |
| 1944 - 1944 | Freital | Entlassung aus Ravensbrück, Heimkehr nach Freital und regelmäßige Meldepflicht bei der Polizei |
| 1944 - 1950 | Dresden | Umzug nach Dresden, Überleben der Bombardierungen im Februar 1945 |
| 1950 - 1959 | Hamburg | zweite Heirat, Geburt der zweiten Tochter |
| 1955 - 1960 | Berlin | Umzug nach West-Berlin |
| ab 2003 | Ravensbrück (Konzentrationslager) | Begegnung mit Ilse Heinrich, Beginn des Engagements als Zeitzeugin |
| ab 2005 | Berlin | dritte Heirat |
| ab 2016 | – | verstorben |
| bis 1938 | Freital | Aufwachsen bei den Großeltern |
| bis 1940 | Freital | Kriegsheirat und Geburt der ersten Tochter |
| bis 2010 | Potsdam | Auszeichnung mit dem Brandenburger Verdienstorden |
Einen Tag später wurde sie von ihrem Meister dazu aufgefordert, ihren Spind zu leeren. In dem Glauben, dass sie in eine näher gelegene Fabrik verlegt würde, folgte sie dem Meister, der sie im Dresdner Polizeigefängnis ablieferte. Charlotte Kroll erhielt keine Antworten auf ihre vielen Fragen, so dass sie den Grund ihrer Verhaftung nicht erfuhr. Sie fragte sich, ob sie womöglich der Sabotage verdächtigt wurde, da sie in einer kriegswichtigen Rüstungsstätte arbeitete, wo kleinste Fehler sogleich bestraft werden konnten. Das einzige, was sie erreichen konnte, war, dass ihr Wohnungsschlüssel zur Großmutter gebracht wurde, damit diese an die Lebensmittel und Kleidung für die Tochter gelangen konnte.
Nach einem Jahr im Gefängnis, wo sie in der Küche arbeiten musste, wurde sie im März 1943 gemeinsam mit einigen Mithäftlingen in das Konzentrationslager Ravensbrück überstellt. Vom Bahnhof aus wurden sie von SS-Soldaten mit Hunden unter brutalen Schlägen und erniedrigenden Beschimpfungen in das Lager getrieben. Ihnen wurden sofort die Haare geschoren und sie bekamen Sträflingskleidung zugeteilt. Charlotte Kroll erhielt ihre Häftlingsnummer und einen roten Winkel. Fortan war sie ein politischer Häftling. Am nächsten Tag begann die Zwangsarbeit – in den auf dem Gelände des Konzentrationslagers errichteten Fertigungsbaracken musste sie für die Firma Siemens in der Rüstungsindustrie arbeiten. Neben der unzureichenden Verpflegung waren es vor allen Dingen die Schikanen und Misshandlungen der Aufseherinnen, die den Lageralltag unerträglich machten. Insbesondere, wenn sie Appell stehen mussten, kam es immer wieder zu Gewaltausbrüchen von Seiten der Aufseherinnen.
Nach etwa einem Jahr wurde Charlotte Kroll entlassen. Sie wurde dazu verpflichtet, nirgendwo und mit niemandem über ihre Zeit in Ravensbrück zu sprechen. Daraufhin erhielt sie ihre Kleidung und persönlichen Gegenstände zurück, man gab ihr etwas zu essen und eine Fahrkarte nach Freital.
Ausgemergelt und mit geschorenem Kopf wurde sie auf ihrer Heimreise skeptisch beäugt. Zu Hause angekommen stand sie vor einer versiegelten Haustür. Sie ging zu ihrer Großmutter, die sie zunächst nicht erkannte. Gemeinsam verschafften sie sich Zugang zu ihrer Wohnung; dann ging sie zu ihrer Mutter, die in der Nachbarschaft lebte. Diese wollte ihr zunächst nicht die Tür öffnen, da sie sie für eine Hausiererin hielt. Nachdem die Mutter sie erkannt hatte, wollte sie Charlotte Kroll bekochen, doch deren Magen war anfänglich nicht in der Lage, Nahrung aufzunehmen. Nur langsam kam sie wieder zu Kräften. Außerdem war sie verpflichtet, sich täglich auf dem örtlichen Polizeirevier zu melden. Bei einem Spaziergang traf sie auf eine ehemalige Mitschülerin und spätere Polizistin, die sie fragte, wie es im KZ gewesen sei. Charlotte Kroll gab vor, in Urlaub gewesen zu sein, doch die Polizistin drängte darauf, dass sie im Konzentrationslager gewesen war. Auf die Frage, warum sie dort gewesen sein sollte, entgegnete die Polizistin, dass sie der russischen Zwangsarbeiterin doch Babykleidung geschenkt hätte. Auf diesem Wege erfuhr Charlotte Kroll nach über zwei Jahren der Unwissenheit den tatsächlichen Grund für ihre Haft. Für eine gute Tat bestraft zu werden, konnte sie bis zum Zeitpunkt des Interviews nicht verstehen.
Nach dem ungeklärten Freitod des Vaters zog sie mit ihrer Tochter nach Dresden, wo sie im Februar 1945 unter den alliierten Bombenangriffen zu leiden hatte. Zurück in Freital fand sie zunächst bei ihrer Mutter Unterschlupf, wo sie schließlich im Mai 1945 die Befreiung durch die Rote Armee erlebten. 1950 verließ sie illegal die DDR und kam über Berlin nach Hamburg. Dort lernte sie ihren zweiten Ehemann kennen, mit dem sie sich in West-Berlin niederließ.
Als Charlotte Kroll das erste Mal nach Ravensbrück zurückkehrte, kam sie in Kontakt mit der ehemaligen Gedenkstättenleiterin. Ihr wurde geholfen, einen Wiedergutmachungsantrag zu stellen, sie wurde in die Überlebenden-Gemeinschaft aufgenommen und fortan zu den jährlichen Gedenkfeierlichkeiten eingeladen, wo sie 2003 die Ravensbrück-Überlebende Ilse Heinrich kennenlernte. Die beiden befreundeten sich und hielten fortan Vorträge vor Schulklassen und gaben Führungen im ehemaligen Frauenkonzentrationslager. Ihre Motivation war, die jungen Generationen zu erreichen und sich aktiv gegen das Vergessen zu stellen. Für dieses außergewöhnliche Engagement wurden die beiden Überlebenden Ilse Heinrich und Charlotte Kroll 2010 mit dem Verdienstorden des Landes Brandenburg ausgezeichnet.