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Kenneth James Arkwright (*16.04.1929, Breslau)

Signatur
01129/sdje/0029
Institut
Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin
Sprache
deutsch
Ort und Datum der Aufnahme
Berlin, den 26. Januar 2011
Dauer
03:13:12
Interviewter
Kenneth James Arkwright
Interviewer
Daniel Baranowski , Ruth Preusse
Kamera, Licht und Ton
Timo Preusse
Redaktion
Lennart Bohne
Transkription
Lennart Bohne

Kenneth Arkwright wurde im September 1944 im Alter von 15 Jahren in das Zwangsarbeitslager Grüntal deportiert. Im Februar 1945 gelang es ihm, von einem Todesmarsch zu fliehen und die letzten Kriegsmonate unter falscher Identität als Klaus Schneider auf einem deutschen Bauernhof zu überleben. Geboren in Breslau unter dem Namen Klaus Aufrichtig, erlebte er die Unterdrückung der jüdischen Bevölkerung seiner Heimatstadt durch die Nationalsozialisten, die in Enteignungen, Zwangsumzügen und Deportationen bestand. Nachdem im Juli 1942 alle jüdischen Schulen geschlossen wurden, musste er in der Chemiefabrik Carl Boeger & Co. Zwangsarbeit leisten. Mit einem der letzten Transporte kam er gemeinsam mit seinem Vater im September 1944 in das Zwangsarbeitslager Grüntal, wo er zur Befestigung des Frontabschnittes eingesetzt wurde. Als im Januar 1945 die Rote Armee näher rückte, wurden sie auf einen Todesmarsch in das Konzentrationslager Groß-Rosen geschickt. Kurz darauf mussten sie auf einen weiteren Todesmarsch, von dem ihnen schließlich die Flucht gelang. Seine Mutter traf er nach Kriegsende in Breslau wieder. 1949 wanderte er über Paris nach Australien aus. Im westaustralischen Perth ließ er sich nieder und nahm den Namen Kenneth Arkwright an. Zum Zeitpunkt des Interviews war er 81 Jahre alt.

Vorkontakte

Kenneth Arkwright war anlässlich der Veröffentlichung der Übersetzung seiner Autobiographie in Berlin und Gast der Abendveranstaltung der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas zum Holocaustgedenktag; am Tag vor dem Interview ca. einstündiges Vorgespräch mit Führung im Ort der Information

Bedingungen

einwandfreie Ton- und Bildqualität

Gruppensituation

zwei Interviewer, ein Kameramann (Timo Preusse)

Unterbrechungen

eine Unterbrechung

Protokoll

Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin

Eindrücke

Kenneth Arkwright beginnt mit einer geschichtsphilosophischen Einleitung. Er schafft es jedoch zu seiner persönlichen Lebensgeschichte überzuleiten, die er sehr ausführlich erzählt. Am Ende spannt er einen Bogen zum Anfang des Interviews, so dass sich der Erzählkreis schließt.

Daniel Baranowski

[0:00] es ist der 26ste Januar 2011 wir führen ein Interview mit Kenneth James Arkwright sind im Ort der Information am Denkmal für die ermordeten Juden Europas ich bin Daniel Baranowski Ruth Oelze ist die zweite Interviewerin Timo Preusse ist für Kamera Licht

[0:18] und Ton zuständig das Interview ensteht im Rahmen des Projektes Sprechen trotz allem der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas [Schnitt]

Kenneth James Arkwright

[0:27] ich bin mit mit dem Namen Klaus Aufrichtig geboren äh die Hitlerdeutschland äh hat meinen Namen verändert auf Klaus Israel Aufrichtig ich habe äh unter einem falschem Namen am Ende des Krieges als Klaus Schneider gelebt äh und äh ich heiße jetzt Kenneth

[0:55] James Arkwright ich bin in Breslau geboren und ich lebe jetzt in Perth Westaustralien [sucht in Unterlagen]   Geschichte kommt von dem Wort Geschehen   was geschehen ist   und wer Geschichte schreibt   versucht die Tatsachen zu verbessern und die Lücken an

[1:34] der er oder sie sich nicht mehr erinnern kann auszufüllen   und man versucht auch einen Schuldigen zu finden   und jemanden zu finden der sein Leben verbessert hat   das war schon immer so der äh römische Schriftsteller Vergil hat geschrieben »vi superum

[2:01] saevae memorem Iunonis ob iram« »wegen des Hasses der Götter   über uns   und während des ausdauernden Hasses der Götter Juno ist Troja zerstört worden und hat das römische Reich angefangen«   diese eigenartige Ansicht hat ein römischer Schriftsteller

[2:33] mit dem Namen Tacitus verbessert   jeder Deutsche sollte Tacitus kennen denn er hat ein Buch »Germania« geschrieben   und da sagt er »Geschichte muss geschrieben werden sine ira et studio« »ohne jeglichen Hass und ohne jegliche Vorbildung   Vorliebe« und

[3:01] so ist das geblieben für einige Zeit hat man sich eingebildet dass man Geschichte objektiv erzählen kann   und so war es bis ein englischer Schriftsteller   Thomas Carlyle   die jüdische Geschichte studiert hat und gesagt hat »die Juden sind ein Volk dass

[3:29] keine Geschichte hat«   und warum hatte er es gesagt ?   hier in Berlin in der Oranienburger Straße steht eine Synagoge   und einer seiner ersten Rabbiner Doktor Abraham Geiger hat gesagt »von der Vergangenheit die Lehren zu ziehen aber in der Gegenwart zu

[3:56] leben   und sich mit seinem ganzen Herzen und seiner ganzen Kraft für die Zukunft einzusetzen das ist die Aufgabe des deutschen Judentums« und das hat Thomas Carlyle völlig übersehen   und verpasst   in dem 15ten 16ten und 17ten Jahrhundert gab es dreierlei

[4:31] Menschen   die Menschen die so glücklich waren zum Adelstand zu gehören und Länder zu regieren   die Menschen die Handwerker waren und so ungefähr gut leben konnten und die Untermenschen   und die Untermenschen haben sich zusammengeschlossen die jüdischen

[4:57] und die christlichen Untermenschen zu Rotten   und diese Rotten hatten eine bestimmte Sprache   Rotwelsch hieß es   eine Mischung von mittelalterlichem Deutsch und Hebräisch   es gab dafür auch einen hebräischen Namen Loschen Kochemer Loschen in hebräisch

[5:35] heißt die Sprache Kochemer der Weisheit oder sollte man besser sagen der Eingeweihten und in der deutschen Sprache gibt es noch viele Worte von der Loschen Kochemer und Schiller hat das gewusst denn in seinem ersten Drama 1781 was er geschrieben hat »Die

[6:01] Räuber« da hat er einen jüdischen Gauner mit dem Namen Spiegelberg da mit eingearbeitet versuchen Sie mal die Urfassung der »Räuber« zu bekommen und da finden Sie ihn darin   und die Rotten hatten   Grund Angst zu haben   im Jahre 1812   haben die Juden

[6:35] in Preußen äh das Staatsrecht bekommen Bürgerrecht bekommen   aber nur hundert Jahre vorher in 1712 hat der Herzog Anton Ulrich von Braunschweig ein Edikt rausgegeben in dem er sagte »jeder der was Falsches tut zum ersten Mal   wird geschlagen   zum zweiten

[7:05] Mal wird   gebrandet   zum dritten Mal aufgehängt«  

[7:15] meine Vorfahren die Familie   der Mutter meines Vaters sind 1492 aus Spanien   vom Königin Isabella und König Ferdinand vertrieben worden   und ich habe keine Ahnung   was sie für die nächsten 42 Tage

[7:45] f- 42 Jahre gemacht haben aber sie sind aufgetaucht in Mitteldeutschland oder Westdeutschland in einem kleinen Ort der Oschersleben heißt Oschersleben an der Bode   und dort finden Sie in der Geschichte der Kleinstadt Oschersleben   den Namen meines Ur- Ur-

[8:11] Ur- Ur- Urgroßvaters Simon Leiser der 1640 bis 1712 dort gelebt hat   und er hatte genug Geld von Spanien sich einen Schutzbrief zu kaufen   einen Schutzbrief der ihm erlaubte äh Pferde zu handeln und ein Haus zu bauen   und das Haus hat er 1688 gebaut  

[8:46] und das   [zeigt das kopierte Foto] ist das Haus   und zu dem Fenster guckt meine Urgroßmutter raus   und so sieht [zeigt ein weiteres kopiertes Foto] das Haus jetzt aus   es steht noch da   in Oschersleben   und der letzte der aus diesem Haus ausgezogen wor- ist

[9:16] war Kurt Schimmelburg und er ist von dort nach einem kurzen Aufenthalt in Halberstadt nach   äh dem Warschauer Ghetto   verschleppt worden und er ist dort mit seiner Frau gestorben   nun was hat der Schutzbrief der Familie gegeben ? der Schutzbrief hat ihr

[9:49] erlaubt dieses Haus zu behalten und dem ältesten Sohn weiterzugeben   und hier [zeigt die kopierte Urkunde] ist die Urkunde des Weitergebens   ein Teil ist in hebräisch geschrieben und ein Teil in deutsch und das Datum auf dieser Urkunde hier ist die andere

[10:13] Seite ist 1706 [blättert in Unterlagen]   ich glaube ich will Ihnen nicht alle die Namen der Familie erzählen aber vielleicht äh ist es auf Interesse äh   Leiser Schimmelburg meinen Ur- Urgroßvater zu erwähnen denn er hat als jüdischer Freiwilliger

[10:55] in der Armee Preußens gedient im Kampf gegen Napoleon und sein Bruder ist im selben Kampf umgekommen   und mein Urgroßvater sein Sohn Jacob Schimmelburg hat in dem französisch-deutschen Kampf von 1870/71 in der äh preußischen Kavallerie gedient und hier

[11:30] ist ein Bild von ihm [zeigt ein kopiertes Foto] an seinem siebzigsten Geburtstag zu Pferde   und da hat er eine französische Reiterpistole erbeutet   einen Vorderlader der hing in unserem Wohnzimmer   und damit hab ich als Kind gespielt   bis Hitler Juden verboten

[11:56] hat Waffen zu be- haben   und da hab ich gesehen wie mein Vater diesen alte Pistole in den Ofen gesteckt hat   die hölzernen Teile sind abgebrannt die anderen verglüht und dann haben wir sie zusammen in die in der Straße weggeworfen   Jacobs Tochter war

[12:27] meine Großmutter  

[12:29] so vielleicht soll ich jetzt mal die andere Seite der Familie meines Vaters Seite Ihnen etwas davon erzählen   es gab mal eine   interessantes Land was viele Leute vergessen haben dass es jemals [sucht in Unterlagen] existierte das Land

[12:54] war das Königreich Böhmen   und hier [zeigt eine kopierte Landkarte] ist das Königreich Böhmen   das Königreich Böhmen war aus Böhmen Mähren Schlesien die Ober- und die Unterlausitz und der erste König von Böhmen starb 1490   und der letzte König von

[13:21] Böhmen war Ludwig der Zweite der 1526 ohne Kinder gestorben ist und da hat das Österreich Schlesien übernommen   unsere Vorfahren sind nach Böhmen von Nürnberg gekommen   der Papst hat einen Abgesandten mit dem Namen Capistrani   nach Deutschland geschickt  

[13:56] und Capistrani hat gegen die Juden gepredigt   und er ist auch später nach Breslau gekommen   und in Breslau gibt es einen sehr schönen Platz der hieß wie ich ein Kind war Blücherplatz und der heißt jetzt Salzmarkt   und jeder Breslauer Jude um 1933 waren

[14:26] es äh 35000 ging [betont:] nie über den Blücherplatz sondern [gestikuliert] immer ringsrum denn in der Mitte des   Blücherplatz auf die Anregung Capistranis sind zwanzig Breslauer Juden und ihr Rabbiner lebendig verbrannt worden   und aus Respekt aus Hochachtung

[14:56] sind die Juden Breslaus nie über den Brücher- über die Mitte des Blücherplatzes gegangen   die Vorfahren meines Vaters müssen wahrscheinlich als sie erst von Nürnberg dann von Böhmen vertrieben worden sind zu den Untermenschen den Rotten gehört haben

[15:26]   und Juden   die sich dessen vielleicht geschämt haben   haben sich 1812 für die Bürgerrechte »Ehrlich« genannt oder »Aufrichtig« um zu sagen »wir waren ein Teil dieser Untermenschen aber wir waren nicht diese Gauner wie die Geschichte es erzählt

[15:56] und wie die Menschen jetzt es schon vergessen haben«   der erste für den wir einen Namen wissen ist 1760 geboren Moritz und mein Urgroßvater Emanuel ist 1826 geboren und sein Grab ist noch in Breslau   Emanuel war der letzte orthodoxe Jude unserer Familie  

[16:32] er hatte seine Zeit dazu verwendet jüdische Schriften zu lesen zu studieren auszuleben   das Geld zu verdienen hat er seiner Frau überlassen   und sie haben eine kleine ein kleines Gasthaus in einer Stadt äh Stadt einem Dorf Pitschen in an der schlesisch-deutsch-polnischen

[17:09] Grenze gehabt   Poland Polen gehörte dem König von Sachsen und die armen pol- polnischen Arbeiter sind über die Grenze gekommen zur Erntezeit und die hat man Sachsengänger deswegen genannt und die haben in den kleinen Gaststätten gelebt   und wie das aufhörte

[17:35] und wie die Eisenbahn gebaut wurde war die Gaststätte nicht mehr so lukrativ und mein Urgroßvater ist nach Breslau gegangen er war 1826 geboren und ist 1900 in Breslau gestorben und die beste Beschreibung für ihn war er war Hausierer der von Haus zu Haus

[18:03] gegangen ist äh Stoffe zu verkaufen   wie gut sein Deutsch war kann ich nicht beurteilen aber sein Sohn   Isidor meinen Großvater hat er sich nach Breslau gerufen damit er ihm im Geschäft helfen kann   mein Großvater hat sich selbst Lateinisch und Griechisch

[18:32] beigebracht   es gab wohl wenige Bücher dieser Zeit die er nicht gelesen hat er war sehr begabt und äh hier [zeigt einen kopierten Brief] ist ein Brief meines Großvaters an seine Braut er war ein guter Zeichner ein guter Dichter in der deutschen Sprache  

[18:54] und Isidor Aufrichtig hat   ein- seinen Vater verhindert weiter von Haus zu Haus zu gehen und da hat er eine Damenkonfak- -fektion äh Geschäft aufgebaut das H Aufrichtig hieß und in Breslau an der Junkernstraße war und was das Modell für die deutsche Fertigfabrikation

[19:23] von   äh Anzügen Kleidern und so weiter war   äh   (bloß) dieses Geschäft war in der Junkernstraße in der Nähe des Rings in Breslau   die Straße ist jetzt eine polnische Straße und wie eigenartig es ist dass sie jetzt Straße von Auschwitz heißt  

[19:53] also vielleicht das ist genug

[20:00] mein Großvater Isidor Aufrichtig war vielleicht mein bester Freund   ich bin 1929 in der Weimarer Republik geboren und er ist 1934 ein paar Monate nach na- Nazideutschland gestorben   äh   Großvater äh hat schwer gehört   er

[20:31] hat mit mir gespielt und er hat mir seine Bücher gezeigt und da hat er eine großes Lexikon gehabt und für ihn waren die Bücher nicht wie sie aussahen aber was man damit macht und da hab ich in dieses wertvolle Lexikon reingekritzelt äh   meine Eltern waren

[20:55] damit nicht sehr verstanden einverstanden und konnten nicht verstehen wie Großvater so etwas zulassen konnte aber es hat mir eine Grundlage gegeben mich mit Büchern zu befreunden   wir hatten eine 15-Zimmerwohnung äh ein Mädchen   ein ähm Polierer der einmal

[21:24] im Jahr kam die antiken Firm- äh ähm Möbel äh wieder zu restaurieren einen Hausmeister der die äh Perserteppiche klopfte ich hatte ein Kindermädchen äh eine Köchin die mit uns wohnte einmal im Jahr äh einmal im Monat kam die Waschfrau und nach der

[21:48] Waschfrau kam die Näherin und jeden Tag äh kam der Fahrstuhlführer äh meines Vaters Geschäfts das Essen abzuholen für die Eltern   und alle diese Leu- und dann kam noch die Friseuse einmal am Tag die meiner Großmutter die Haare äh ondulierte waschte

[22:09] äh was nötig war und alle diese Leute fand ich interessant und alle diese Leute haben bis in die Hitlerzeit äh sich unserer Familie zugewendet außer dem Fahrstuhlführer der in dem jüdischen Viertel Breslaus auf Autos rumgefahren ist äh und mit seinen

[22:34] Freunden geschrien hat »Juda verrecke«  

Daniel Baranowski

[22:38] Herr Arkwright lassen Sie mich nochmal einmal kurz zurückfragen diese ganzen Details aus Ihrer langen Familiengeschichte haben Ihre Eltern oder Ihre Großeltern Ihnen davon erzählt oder sind das Sachen die Sie selber nachher rausgefunden haben ?

Kenneth James Arkwright

[22:57] ist eine kombinier- Kombination von allem diesem äh äh erstens Mal haben wir Dokumente davon   äh Fotografien davon   äh dann äh ist es äh Sachen die die meine Eltern mir erzählt haben und äh Freunde der Familie mir erzählt haben und äh dann äh   an

[23:29] Einzelnes kann ich mich selbst noch erinnern äh Goethe hat äh äh seine Autobiografie geschrieben und er hat sie »Dichtung und Wahrheit« genannt und so ist das im Leben manches kann man sich erinnern manches verschönert man sich manches erzählt man nicht

[23:49] und diese Z- Geschichte der äh Familie äh die Zeit der Geschichte der Familie ist eine Kombination von allem diesem ich habe versucht es so wenig wie möglich zu verschönern und soviel wie möglich mich auf Dokumente zu stützen die es dann noch gab

[24:13]

Daniel Baranowski

[24:15] es gab aber wahrscheinlich durch Ihren Großvater ähm Isidor der immer ein Mann der Bücher war wie Sie ähm gesagt haben wahrscheinlich schon eine Art Zug in diese Richtung dass das Erzählen auch der eigenen Familiengeschichte ähm Teil ähm der Tradition

[24:34] tatsächlich war

Kenneth James Arkwright

[24:36] ich glaube der äh die die Familie der Mutter die sich z- bis ins 16te Jahrhundert zurück- -gehen kann und von der es äh ähm Dokumente gibt äh zum Beispiel die jüdische Familie in Oschersleben hat sich so wohl gefühlt in Oschersleben dass in der Stadtkirche

[24:58] in Oschersleben haben sie die äh äh äh Fenster die bunten Fenster für die Kirche gestiftet und bis 1938 war an der Stadtkirche in Oschersleben äh noch ein äh äh Marmorschild äh äh ähm »den Dank der evangelischen Gemeinde von Oschersleben für den

[25:20] Juden äh Jacob Schimmelburg der äh äh diese Fenster gestiftet hat« äh 1938 äh hat Hitler das nicht persönlich dort die diese Regierung das abnehmen lassen und vor einigen Jahren habe ich dem Bürgermeister Klenke von Oschersleben gesagt es wäre sehr

[25:41] nett wenn er es wieder ran machen würde aber inzwischen ist Oschersleben gebomt worden die Fenster sind zerstört worden und jemand anders hat neue Fenster einge (setzt) und äh äh solche solche Dinge gibt es da äh der Urgroßvater äh in in in Oschersleben

[26:01] äh war befreundet mit den Adeligen äh ein Pferdehändler äh hat äh Pferde für das Militär und für die Landwirtschaft äh das ist wie ein Autoproduzent äh jetzt verkauft und äh da gibt es Legenden die ich Ihnen sonst nicht erzählt hätte aber weil

[26:26] Sie mich fragen und erzählen dass äh Großvater äh Urgroßvater Jacob äh hat sich war sehr befreundet mit der den Adeligen in in der Gegend von Oschersleben und hat mit Ihnen er hat gerne äh äh geschossenes Reh gegessen was nicht koscher ist und wenn

[26:46] er nach Hause gekommen ist hat Großmutter zu ihm gesagt »du musst dir erst die Zähne putzen bevor du mich küsst äh du hast wieder nicht koscher gegessen« äh die andere Legende die es da gibt ich war nicht dabei aber das war eine Legende die in der Familie

[27:03] erzählt wurde äh äh es gab ein antisemitisches äh ähm Schlager »Schmeißt ihn raus den Juden Itzig« und Großvater war ein starker Mann äh Sie haben hier das Bild da gesehen äh äh der hat den Sch- äh ist zu einem Tanz gegangen und die haben den

[27:22] Schlager gespielt und er hat sich den Stehgeiger auf den äh Rücken genommen hat ihn rausgeschmissen aus dem Saal zum Beifall der Leute äh die äh äh da auch wa- waren äh ähm ich kann nicht ich habe dies nicht erzählt weil ich nicht weiß da muss ein

[27:43] Kern der Wahrheit da drin gewesen sein äh es gab eine besondere äh ähm äh   mein Großvater Isidor Aufrichtig hier ist ein [zeigt den Zeitungsartikel] Zeitungsartikel zum fünfzigsten Jubiläum von Isidor Aufrichtig äh der äh äh sagt »der Jubilar hast

[28:09] mit Recht in den Kreisen der Berliner Konfektions äh sehr äh erfreut das äh Ansehen des Hauses äh äh ähm ist äh den hohen Verdiensten von Herrn Aufrichtig äh äh« und es gibt noch so verschiedene äh äh Dokumente äh mein Großvater ist am 29sten

[28:34] Dezember 1934 gestorben er ist am 31sten Dezember 1934 beerdigt worden Deutsche ob sie jüdisch oder nicht-jüdisch sind am Nachmittag des äh Silvester äh gehen nicht gerne zum Friedhof zur äh äh Beerdigung und äh die Beerdigung   ist wieder eine Legende

[28:59] äh äh äh die war äh hunderte von Leuten sind zur Beerdigung meines Großvaters gegangen äh und mehr christliche Leute wie jüdische Leute Geschäftsfreunde die beweisen wollten zu dieser Zeit äh äh dass äh sie nicht mit der äh Regierungspolitik übereinstimmen

[29:23] aber das war ein ein ein ehrenswerter aber sehr äh schwieriger Versuch nicht ?

Daniel Baranowski

[29:32] können Sie sich an diese Beerdigung erinnern ? Sie waren damals fünf

Kenneth James Arkwright

[29:36] [gleichzeitig:] ich war vier Jah- fünf Jahre alt äh nein aber ich kann mich an meinen Großvater erinnern äh äh mein Großvater war in der ein Gründer der äh liberalen Synagoge in Breslau äh und ähm   [sucht in Unterlagen] äh   hier äh   gibt

[30:05] es das war eine der größten Synagogen nach der Oranienburger Straße äh der größten Synagogen in Deutschland äh die Oranienburger Straße in Berlin ist eingebaut in in Häuser dies war eine freistehende Synagoge [zeigt ein Bild] hier ist sie   und äh

[30:25] die hatte eine Sitzkapazität von ungefähr 3000 Menschen und äh ich kann mich erinnern mein Großvater ist zu äh kleinen jüdischen Feiertagen ist er äh der jüdischen Religion entwichen und nach äh Karlsbad oder Venedig gefahren zum Ferien bei größeren

[30:49] Feiertagen ist er mit ähm Zylinderhut und Gehrock ähm äh zu der Synagoge gegangen und ich hab auf seinem Schoß gesessen äh da   äh also es ist eine Kombination der Erinnerung der Dokumentierung und der Erzählung anderer die zusammengeschmolzen ist

[31:14]

Daniel Baranowski

[31:15] ja ich habe auch deswegen äh gefragt weil manchmal erinnert man sich ja an bestimmte Sachen auch wenn man sehr klein war weil sie so ne große Bedeutung hatten und ich kann mir vorstellen dass diese Beerdigung   dass das ein Einschnitt war

Kenneth James Arkwright

[31:28] [gleichzeitig:] Sachen ja   ja und der Großvater hatte ja ja aber zur Beerdigung Kinder sind zur Beerdigung nicht mitgegangen

Daniel Baranowski

[31:31] ja das war die Frage die da hintersteht

Kenneth James Arkwright

[31:32] [gleichzeitig:] ja das war ja nein die Kinder sind zur Beerdigung nicht mitgegangen und es ist interessant hier ist das äh äh äh [zeigt eine Kopie] Gesetz äh von äh   Friedrich Wilhelm   von Preußen 1812 das den Juden äh äh Rechte Bürgerrechte gegeben

[31:56] hat bestimmte Bürgerrechte da- damals konnten sie noch nicht ins Militär gehen äh und und äh Regierungsposten bekommen aber es war ein Anfang   dessen   äh äh ich bin eigentlich der einzige   das einzige Mitglied unserer Familie äh die der Deutscher war  

[32:21] deutscher Staatsbürger äh bis 1812 waren die Mitglieder der Familie vogelfrei 1812 äh das ist [zeigt die Kopie] die Geburtsurkunde meines Vaters und seine Staatsangehörigkeit war Preußen   und die deutsche Staatsangehörigkeit ist erst 1919 geschaffen

[32:46] worden   und äh ich bin 1929 geboren also ich bin der einzige der als deutscher Staatsbürger geboren worden ist und 19- -35 also das sechs Jahre nachdem ich geboren wurd hat die äh nationalsozialistische Regierung gesagt dass »Juden sind nicht mehr deutsche

[33:14] Staatsbürger« sondern haben ein neues Wort dafür erfunden »deutsche Staatsangehörige«   das heißt sie sie sie leben in Deutschland aber sie sind nicht Deutsche und äh die nächste äh 1945 bin ich wieder Staatsbürger geworden von der DDR   der Deutschen

[33:42] Demokratischen Republik und äh äh später bin ich jetzt äh australischer Staatsbürger   äh um die Geschichte ein bisschen weiterzuführen äh ähm   die Tradition   äh im   dem deutschen aus Dankbarkeit dem deutschen Staat zu dienen äh ich hab Ihnen erzählt

[34:09] der Bruder meines Urgroßvaters ist gefallen gegen Kampf mit gegen Napoleon äh mein Urgroßvater ist äh äh in äh 1870/71 äh franko-preußischen Krieg äh äh gedient äh und mein Vater ist äh vom ersten Tag des Ersten Weltkriegs bis zum letzten Tag des

[34:33] Ersten Weltkriegs äh hat er in der äh Deutschen Armee gedient äh mein Vater ist 1893 geboren äh und Breslau war eine Sta- interesannte deutsche Stadt in jeder deutschen Stadt gab es eine Börse für Wertpapiere in Breslau gab es auch eine Getreidebörse

[34:53] in der äh die äh russischen polnischen äh Weizen Roggen Hafer gehandelt wurden genauso wie auf einer äh äh Aktienbörse   und mein Vater hatte äh nachdem er sein Abitur in Breslau gemacht hat äh hat er äh an einem jüdischen Getreidehändler Emil Sachs

[35:19] and Co äh gelernt ähm äh den Getreidehandel und äh das war nur eine ganz kurze Zeit und dann ist er in die deutsche Armee eingezogen worden und äh äh er ist dreimal verwundet worden und äh äh ist nach der Verwundung weiter äh dem äh wieder zurückgegangen

[35:44] und äh äh ist hat das Eiserne Kreuz bekommen [zeigt die Kopie] hier ist seine äh ähm Bestätigung des Eisernen Kreuzes und äh   die jüdische äh Beteiligung an dem äh Ersten Weltkrieg war sehr äh beträchtlich äh hier ist ein jüdischer Gottesdienst

[36:11] [zeigt die Kopie] an der   Ostfront nicht ? äh äh das sind alles jüdische Truppen äh und mein Vater ist auf der linken Seite äh 100000 deutsche Juden haben in der Deutschen Armee im Ersten Weltkrieg gedient und ungefähr 12000 von ihnen sind gefallen

[36:32] äh

[36:34] nach dem Krieg äh ist mein Vater äh der Getreidehandel war zu Ende äh Stalin und Lenin haben das äh Russland die russische äh   Produktion von äh äh Getreiden zerstört und da ist mein Vater nach Berlin gekommen äh und äh er hat einen Freund einen

[37:07] jüdischen Freund gehabt der äh einen Schuhe machen konnten und die haben beide hier in Berlin in der Blumenstraße ein äh äh Schuhfabrik aufgemacht [zeigt die Kopie] Basch und Aufrichtig

Daniel Baranowski

[37:22] wo ist das die Blumenstraße ? wissen Sie das in Berlin ?

Kenneth James Arkwright

[37:27] äh das habe ich will ich bevor ich Berlin verlasse rausfinden ich bin noch nie dazu gekommen äh wo die Blumenstraße ist es sagt hier in Berlin O 27 [lacht] wo immer das ist

Daniel Baranowski

[37:39] na ich bin nicht Berliner deswegen weiß ich es nicht aber das kriegen wir raus

Kenneth James Arkwright

[37:42] ja ist ist ist nicht äh weit von der Stadt ja und äh   da gab es auch eine eine eine deutsche Firma Conrad Tack und Co äh die hatten eine Schuhfabrik in in äh Burg bei Magdeburg und die hatten glaube ich 200 Geschäfte aber die hatten nicht viel   äh Luxuswaren

[38:06] die Schuhfabrik Basch und Aufrichtig machten Ballettschuhe und äh Damenluxusschuhe und Basch und Conrad Tack hatten keine äh äh Luxusschuhe und waren schlecht vertreten in Schlesien und da hat mein Vater äh die äh Firma Conrad Tack äh seinen Betrieb

[38:30] damit verbunden und äh äh er hat die Geschäfte die f- für Tack in Schlesien aufgebaut äh und äh der sein Sozius Basch hat ihm geholfen Luxusschuhe zu produzieren und das ging äh äh bis äh zum äh 13ten März 1934 äh hier sehen Sie die Fabrik von

[38:57] Tack [zeigt die Kopie]   äh und äh dies äh äh Abgangszeugnis wenn ich so sagen darf dass mein Vater bekommen hat und äh der letzte Satz wenn ich Ihnen das vorlesen darf sagt »die Entlassung des Herrn Aufrichtig erfolgt mit Rücksicht auf sein Nichtariertum

[39:21] das sein Verbleiben in der Kaufstelle Breslau zu dieser Zeit nicht angezeigt erscheinen lässt« also äh   1934 am März 34 das waren ungefähr zwölf Monate äh nicht sehr lange äh äh nach der ähm   Zeit äh   nach 33 hat Tack alle jüdischen Mitarbeiter

[39:53] beschäftigt also wenn wie Tack äh arisiert wie man das sagte ist ein neues Wort in der deutschen Sprache wie wie Ta- Tack arisiert wurde äh der ähm ein Mitarbeiter meines Vaters war Hermann Krojanker [zeigt einen kopierten Brief] Hermann Krojanker war

[40:14] einer der Leiter der Firma Tack und der war österreichischer Konsul in Berlin und Hermann Krojanker musste auch Tack verlassen und er schrieb hier an meinen Vater äh »ich habe meinen Nachfolger ganz spezi- ganz speziell über die nichtarischen Mitarbeiter

[40:37] gesprochen und werden alle nichtarischen Mitarbeiter soweit solches überhaupt möglich ist gehalten und hierzu gehören Sie in allererster Linie ich bitte Sie aus diesem Grunde sich keine Sorgen zu machen umso mehr Sie voll und ganz Ihre Pflicht und Schuldigkeit

[40:57] getan haben« also der Konsul Krojanker der stand in der äh hatte die fixe Idee gehabt dass alles will wird in Ordnung sein äh er hat ein sehr äh trauriges Ende genommen er ist nach der Schweiz ausgewandert und er ist zurückgekommen und er ist in seine

[41:17] Zentrale hier in Berlin gegangen und dort hat er sich erschossen

[41:20] äh und er hoffte dass äh seine Kollegen äh und äh die Regierung davon etwas lernen wird aber gelernt haben sie davon nichts aber äh Krojanker hat sich da erschossen   äh   meine Zeit äh

[41:37] mit meinen Eltern äh war sehr sorgenlos ich bin in einen Montessori-Kindergarten geschickt worden äh der von einer Professorin Stern die ein äh Erzieherung eine bessere Breslauer Un- Universität war äh zuerst gegangen dann in eine private jüdische Vorschule

[41:57] und äh äh in diesem Kindergarten äh hat war eine eigenartige Erziehung die einen doch das ganze Leben geholfen hat ähm äh sie sie haben jeder eine Blume bekommen und die standen da alle zusammen und die Blume die nicht gewässert worden ist die blieb

[42:23] da und das Kind das die Blume nicht gewässert wurd hatte eine tote Blume zwischen den andern schönen Blumen und äh wir mussten uns ein Buch aussuchen äh und das durften wir eine Stunde lang behalten und wir durften es nicht wechseln und wir mussten still

[42:41] sitzen und solche Sachen äh waren Versuche der Frau Professor Stern äh äh die Erziehung der Menschen zu ver- -bessern und ich habe Ihnen glaube ich schon vor einiger Zeit erzählt äh dass wir viele äh äh in der guten Zeit viele äh Leute hatten die uns

[43:05] geholfen haben und das ist mein Kindergeburtstag hier [zeigt ein Foto] und äh auf der   linken Seite sehen Sie meine Kinderfräulein Lotte Abraham äh die äh nach Auschwitz verschickt worden ist mit ihrem Mann und dort gestorben wurd in der Mitte hier das

[43:24] bin ich und äh äh äh das ist mein der Sohn des Cousins äh meines Vaters Walter Redlich der mit seinem Vater und seiner Mutter äh auch in Auschwitz umgekommen sind ich weiß nicht das Schicksal der anderen Kinder da äh aber ich nehme an da wird nicht

[43:47] viel übrig geblieben sein

Daniel Baranowski

[43:49] wie alt sind Sie da geworden ?

Kenneth James Arkwright

[43:50] das ist eine gute Frage das hab ich hier nicht drauf geschrieben äh ich nehme an das muss der vierte Geburtstag oder so was gewesen sein   ja

Daniel Baranowski

[44:02] mhm und die andere ältere Person ? also

Kenneth James Arkwright

[44:04] die andere ältere Person die andere älte- das ist mein persönliches Kindermädchen

Daniel Baranowski

[44:09] [gleichzeitig:] ja

Kenneth James Arkwright

[44:10] die ältere Person äh war eine Kindergartentante aus dem Kindergarten und äh Sie können sehen da sind nicht so viele äh äh Kinder hier wie viel ah sechs acht und äh die hatten zwei Erwachsene die mit ihnen gespielt und äh sich mit ihnen beschäftigt

[44:31] hat   ähm   [Schnitt]

Ruth Preusse

[44:32] ähm wir haben ja gerade kurz unterbrochen auch um nochmal die Dokumente zu ordnen ähm das bringt mich nochmal zu der Frage äh die äh die ich schon hatte als ich das Buch angeguckt hab wo ja hinten auch ein großer Dokumententeil ist das ist ja sehr selten

[45:00] dass ähm dass so viele Dokumente auch so viel sehr alte Dokumente überhaupt erhalten geblieben sind Sie sind ähm viel umgezogen noch das das werden Sie ja erzählen innerhalb von Breslau Ihre Mutter ist ja die ganze Zeit ähm in Breslau geblieben hat hat

[45:16] sie diese Dokumente verwahrt und immer mitgenommen in einer Mappe oder haben Sie im nachhinein die Dinge   zurück bekommen

Kenneth James Arkwright

[45:23] wir hatten gute wir hatten gute nichtjüdische Freunde äh äh eins war eine ähm   ähm   Angestellte von Tack äh die nichtjüdische Angestellte ein Fräulein Margot Escher äh die äh Dokumente für uns auf- -bewahrt hat die ist sogar nach Berlin-Frohnau

[45:50] gezogen dann später und äh ich glaube sie lebt nicht mehr aber äh wir hatten ein eine Cousine meines Vaters lebte in privilegierter Mischehe in Halberstadt und äh ähm die sind alle wieder zusammengewachsen diese äh Dokumente und Bilder aber äh ähm

[46:11] viele sind auch verloren gegangen ich meine das ist nur ein kleiner Teil einer großen Sammlung   ja

Ruth Preusse

[46:20] [gleichzeitig:] mhm

Kenneth James Arkwright

[46:22] äh   meine äh Breslau war eine   jüdische Gemeinde die im Jahre 900 gegründet ist wurde und äh die Geschichte der jüdischen Gemeinden waren immer äh sind rausgeworfen worden wo woanders hingegangen wieder zurückgekommen und hier wenn Sie sollten Sie

[46:47] jemals Breslau Wrocław besuchen äh dann finden Sie hier den ältesten Grabstein [zeigt eine Kopie] der auf dem historischen Friedhof in Wrocław Breslau jetzt nocht steht äh das Datum ist 1302 und das war ein Kantor des äh äh der Breslauer Jüdischen

[47:08] Gemeinde   äh wenn Sie genügend Mut haben das schöne gotische Rathaus in Breslau abzureißen dann werden Sie finden dass viele Steine äh äh Sandstein zu transportieren äh war ein sehr teures Geschäft und äh die jüdischen äh Friedhöfe die Steine die

[47:36] Sandsteine sind gestohlen worden und die haben sie genommen um Häuser und Kirchen zu bauen äh und ähm äh zum Beispiel in Würzburg gibts eine Sammlung von äh vierhun- 400 oder über 400 jüdischen Grabsteinen die aus dem Bombenkrieg zerstörten historischen

[47:58] äh Häusern wieder zurückgefunden sind äh   vielleicht äh   Breslauer Jüdische Gemeinde ist eine historische jüdische Gemeinde äh äh die verschiedenen Richtungen des Judentums sind darin erstanden entstanden äh das orthodoxe Judentum äh ähm hat

[48:25] sich dort sehr verschärft aber hier gab es in Berlin an der Universität einen äh Philosophieprofessor der hieß Friedrich Hegel und Friedrich Hegel hat äh äh seinen Vorgängern gesagt dass es nicht möglich ist einen philosophischen Beweis Gottes zu geben

[48:45] und er hat gesagt »Gott offenbart sich in der Geschichte« äh das war Friedrich Hegel und zur gleichen Zeit ist in Breslau ein Rabbinerseminar aufgebaut worden und äh äh der Rabbiner Zacharias Frankel der dieses Seminar geleitet hat sa- hat gedacht »das

[49:10] war eine wunderbare Idee« das liberale Judentum war ihm zu äh extrem das orthodoxe Judentum das war ihm zu äh altmodisch und der hatte diese Sch- Rabbinerseminar umgenannt die »Historische Schule« nach Hegel Hegel ist dann äh seinen preußischen äh

[49:35] ähm   Chefs der Berliner Universität hier es war glaube ich Friedrich-Wilhelms-Universität ich bin mir nicht ganz sicher müsste ich in nachsch- äh hat gesagt dass Gott ja Gott äh offenbart sich in der Geschichte aber besonders in der preußischen Geschichte

[49:53] und das war ein bisschen ähm äh dann mussten die Historische Schule von Breslau das wieder mal ein bisschen überlegen ob der Gott und die preußische Geschichte was zu tun haben und dann haben sie das äh Historische Judentum nach Amerika exportiert und

[50:13] die Amerikaner haben das umgenannt auf das konservative Judentum   aber äh  

[50:20] 1934 habe ich Ihnen gezeigt wurde mein Vater wegen des Nichtariertums auf der Tack Organisation rausgeworfen und äh   was hat er dann tun sollen ? und dann hat er von verschiedenen

[50:43] äh jüdischen Firmen und Versicherungen   äh Vertreter geworden äh er ist die Familie vom Hausierer zum Hausierer oder Vertreter wie es ein ein besseres deutsches Wort dafür gibt äh zurückgegangen und das hat nicht lange gedauert äh dann hat Hitler angefangen

[51:08] die Autobahnen zu bauen um die Ostfront mit der Westfront am besten und schnellsten zu verbinden und hier auf der Eisenbahnstrecke zwischen äh Hannover und Berlin gibt es einen kleinen Ort der heißt Werlte und da ist mein Vater mit äh einer ganzen Anzahl

[51:32] deutscher Juden äh und dann später auch österreichischer Juden hingeschickt worden um beim Autobahnbau einer Tiefbaufirma Nicolai äh zu helfen   und äh 1935 sind die Nürnberger Gesetze äh   rausgegeben worden die verboten haben Juden und Christen sich

[51:59] äh zu verheiraten oder zusammen zu kommen oder zusammen zu wohnen oder jede Beziehung zueinander aufzunehmen und äh die Konsequenz war dass die vielen kleinen jüdischen Gemeinden da gab es äh nicht viele Kinder aber die Kinder durften plötzlich nicht

[52:21] mehr auf eine nichtjüdische Schule gehen aber es gab Sch- z- Schulzwang und da sind die ganzen Kinder von den kleinen Gemeinden zu den Großgemeinden wie Breslau Frankfurt Berlin geschickt worden ihre Eltern sind zurückgeblieben aber die Kinder sind da hingeschickt

[52:38] worden und da hat die Gemeinde jüdische Waisenhäuser aufgebaut oder es gab schon jüdische Waisenhäuser die haben sie benutzt um diese Kinder dort äh zu betreuen und manche dieser Kinder äh um von äh äh Breslau wieder zurück zu fahren in diesen kleinen

[53:03] Ort brauchte man von der Gestapo eine Genehmigung warum man das tun wollte und Kinder zu ihren Eltern zurückgehen das war keine politische äh Notwendigkeit und so haben viele dieser Kinder äh niemals ihre Eltern wiedergesehen und äh äh mein Vater äh

[53:25] ist ein äh die Jüdische Gemeinde hat äh gebeten den meinen Vater von Werlte zurück nach Breslau zu bringen dass er diese äh jüdischen Kinder betreuen kann   die Jungs die großen Jungs warum mein Vater ? mein Vater hat sich hier in Berlin sehr wohl gefühlt

[53:48] äh er hatte ein Ruderbu- Ruder- Ruderboot im jüdischen Ruderclub -club Welle-Poseidon ich glaube der besteht wieder in Grünau und er hat die jüdischen jungen Mannschaften ausgebildet äh äh das   hoff- Rennen hoffnungsvoll zu gewinnen und äh äh da haben

[54:14] wir unsere Wohnung aufgeben müssen und da sind wir äh zu den jüdischen in das Jüdische Waisenhaus gezogen und äh das hier sind die einige der Kinder des jüdischen [zeigt Fotos] Waisenhauses äh äh hier ist mein Vater   mit den jüdischen Jungs und hier

[54:37] ist meine Mutter mit den jüdischen Mädchen und äh ich glaube ohne Ausnahme äh ist das Waisenhaus wo sind die Kinder in Konzentrationslagern vergast worden alle diese Kinder die Sie hier sehen ist kaum eine Ausnahme sind umgekommen und ähm   das Waisenhaus

[55:08] steht noch in Breslau   und äh   wie der deutsche Krieg nicht mehr so gut ging d- der Zweite Weltkrieg da äh wurden die Volksdeutschen äh haben sich nicht sehr wohl gefühlt in den die waren gefährdet in den östlichen Gebieten   und die Volksdeutschen sind

[55:33] zurück gekommen nach Deutschland in das Herz Deutschlands und Häuser wie das jüdische Waisenhaus äh die sind beschlagnahmt worden und die Kinder sind äh äh die sind Wohnheime für die Volksdeutschen geworden

Daniel Baranowski

[55:52] ich hab jetzt glaube ich äh eine Sache noch nicht ganz verstanden Ihr Vater war in Berlin in einem jüdischen Waisenhaus ?

Kenneth James Arkwright

[56:00] [gleichzeitig:] nein nein nein nicht in Berlin nein nein   falsch verst-

Daniel Baranowski

[56:03] [gleichzeitig:] dann habe ich das äh äh falsch verstanden dann in Breslau auch ?

Kenneth James Arkwright

[56:04] in Breslau

Daniel Baranowski

[56:06] ja

Kenneth James Arkwright

[56:07] mein Vater war ist von Werlte vom Autobahnbau nach Breslau gekommen er hat in Berlin gewohnt wie er seine Schuhfabrik in Berlin hatte und da war hat er sein Ruderboot hier gehabt und hat äh den äh äh Welle-Poseidon die jüdischen Leutchen in Berlin ausgebildet

[56:27] äh ein bisschen schneller zu rudern [lacht]

Ruth Preusse

[56:29] wie ist für Sie dieser Umzug gewesen Sie sind ja noch äh recht klein gewesen aber haben Sie das als ähm Verlust erlebt dass Sie halt aus dieser großen Wohnung ausgezogen sind äh ins jüdische Waisenhaus oder haben Sie gedacht oh jetzt habe ich ganz viele

[56:44] Spielkameraden und ich finde das jetzt erst mal   schön unter so vielen Kindern zu sein ?

Kenneth James Arkwright

[56:48] soll ich Sie da belügen ? ich kann mich daran nicht genau erinnern

Ruth Preusse

[56:55] [gleichzeitig:] ok

Kenneth James Arkwright

[56:56] äh äh wir haben von der großen Wohnung bis wir ins Arbeitslager äh geschickt wurden äh 16 verschiedene Wohnungen bekommen   und der Prozess war immer der gleiche die jüd- die Gestapo in Breslau hatte eine Judenabteilung und ich kann mich genau an die

[57:19] Namen erinnern und ich weiß nicht wo die Leutchen verschwunden sind äh ich kann in der im Internet oder nirgends ihr Schicksal finden der äh Chef der Judenabteilung war ein Herr Hampel äh der äh scharfe Mann war ein Herr Wagner und der äh sein   Mit-

[57:44] äh -arbeiter war   äh vielleicht müssen wir das später einsetzen kann ich mich im Moment nicht genau erinnern aber diese Leutchen sind immer zu unserer Wohnung gekommen und zu anderen zu jüdischen Wohnungen gekommen und haben gesagt äh äh »Sie müssen

[58:02] die Wohnung räumen   in einer Woche«   und dann haben sie sich umgeguckt und haben gesagt »Sie haben einen sehr schönen Teppich da der gefällt mir sehr gut« und die Antwort war »wollen Sie den Teppich haben ?« »ah ja ich werde jemand schicken um den

[58:21] Teppich abzuholen« oder Bild oder irgendwas und a- haben sie gesagt »da ich werde den Teppich abholen dann können Sie noch zwei Monate woh- hier wohnen« und 16 Mal ist das passiert und aus einer großen Wohnung sind wir dann und ich will Ihnen das später

[58:38] erzählen in einer Fünfzimmerwohnung   ge- -blieben wo in jedem Zimmer eine jüdische Familie   wohnte und äh diese äh Möbel oder Bücher in Geld umzusetz- zu verkaufen äh war unmöglich denn die jüdischen in einer Gemeinde wie Breslau da waren hunderte

[59:04] von jüdischen Leuten die zur gleichen Zeit diese Sachen verkaufen wollten und äh die Käufer wussten das und man hat sie mehr oder weniger verschenken müssen äh   also äh   ich glaube äh   meine Welt   waren meine Bücher und meine Freunde und äh meine

[59:32] Eltern haben mich sehr beschützt so so so wie das möglich war und ich kann mich nicht erinnern dass es für mich eine große äh ein großes Problem war von einem Platz zum anderen zu gehen

Ruth Preusse

[59:48] aber wenn Sie jetzt sagen Ihre Freunde das sind ähm jüdische Freunde gewesen Sie können sich nicht erinnern

Kenneth James Arkwright

[59:52] [gleichzeitig:] nur jüdische Freunde

Ruth Preusse

[59:54] [gleichzeitig:] nur jüdische

Kenneth James Arkwright

[59:55] nach 1935 und das hatte nichts mit uns zu tun denn die anderen konnten durften wir uns nicht das war für die nichtjüdischen Freunde gefährlich und für uns gefährlich äh mit a- anderen zusammen zu kommen   und äh äh das ging so weiter äh ähm die sch-

[1:00:15] äh   Bänke in den Parks in Breslau die hatten »Nicht für Juden« darauf gemalt und die Geschäfte äh hatten »Juden unerwünscht« an den Türen und äh äh interessanterweise während den 1939 in Berlin während der Olympischen Spiele sind die alle abgenommen

[1:00:39] worden und nach den Olympischen Spielen wieder zurück gekommen worden äh also äh   aber das ist äh   nur eine interessante Kleinigkeit und äh  

[1:00:52] ich ging dann in eine äh jüdische Schule und das ist die jüdische Schule [zeigt die Kopie] die steht noch in

[1:01:00] Breslau   und diese jüdische Schule war sehr überfüllt denn äh   früher gingen nicht alle Kinder in eine jüdische Schule die gingen in andere Schulen und dann kamen die Kinder von den äh ähm   Städten kleineren Städten dazu   äh Lehrer es gab nicht

[1:01:28] - genug jüdische Lehrer und äh äh wir haben äh Musikstunden von jüdischen Künstlern gehabt die ähm äh Dirigenten wir haben äh äh Mathematikstunden gehabt von äh Mathematikprofessoren an der Universität äh es war ein interessantes überfüllte

[1:01:57] jüdische Schule mit zu viel Kindern interessanten Lehrern aber äh nicht vielleicht den richtigen Lehrern und äh doch war das Versuch wenn man nicht lernen darf dann lernt man soviel wie man lernen kann und äh vielleicht äh sollt ich Ihnen erzählen äh

[1:02:23] ein Schulkamerad von mir war ein Junge der hieß Peter Zweig und Peter Zweig äh war ein frecher Kerl wie ich und er hat versucht äh die Erwachsenen ein bisschen unter Druck zu setzen und äh äh eines Tages ist Peter Zweig zur Schule gekommen und nicht zu

[1:02:46] Hause angekommen   und Sie können sich vorstellen das die Eltern wollten wissen wo wo ist ihr Sohn geblieben was ist passiert und was passiert war ist dass Peter Zweig äh hat sich in einem ice cream-Laden ein ein ähm Speiseeisladen äh eine   Eis gekauft

[1:03:09] und äh da draußen stand dran »Juden unerwünscht« und äh da ist er in das Breslauer Gefängnis in der Graupenstraße eingeliefert worden weil er das deutsche Gesetz überschritten hat und 14 Tage später sind die Eltern von Peter Zweig eingeladen worden

[1:03:31] sich die Asche ihres Sohnes abzuholen und äh wahrscheinlich ist er verbrannt worden weil er in einer äh der   Körper so behandelt worden ist dass das nicht äh   dass er nicht nach Hause geschickt worden sollte als eine Leiche äh die ganze Schule musste

[1:03:58] auf den Friedhof gehen und zu der Beerdigung Peter Zweigs so dass wir lernen äh solche Sachen nicht (wieder) zu machen ich glaube Peter Zweig war ein Verwandter von Arnold Zweig äh Arnold Zweig ist glaube ich bekannt durch die äh das Buch »Der Streit um

[1:04:18] den Sergeanten Grischa« und äh d- »Die Axt von Wandsbek« und vielen vielen äh Arnold Zweig ist äh von Deutschland der Schriftsteller ist von Deutschland nach Israel USA ausgewandert und war dann wieder sehr beliebt hier in der ostdeutschen äh   Deutschland

[1:04:39]

Ruth Preusse

[1:04:40] äh darf ich nochmal dazwischen fragen

Kenneth James Arkwright

[1:04:43] ja

Ruth Preusse

[1:04:44] äh wenn Sie sagen ähm Sie mussten alle zu der Beerdigung gehen damit Sie daraus lernen dass man die Gesetze nicht übertreten darf man könnte das ja auch anders interpretieren dass die dass die Lehrer sagen ähm »alle kommen mit zur Beerdigung« um die

[1:04:56] ja Solidarität äh zu zeigen mit den Eltern mit dem   ja um um denen zu zeigen »wir sind da«

Kenneth James Arkwright

[1:05:02] [gleichzeitig:] ich glaube ich   das war ein äh das kann vielleicht auch so gewesen sein nein es war die Schule hat das gemacht äh unsere Klasse war eine große Klasse und wir kannten den Peter Zweig aber da waren viele Klassen und viele Schüler für den

[1:05:20] Peter Zweig die äh die noch nicht mal dem Namen nach kannten nein es war eine eine Lern-   (wenns) sagt nicht Juden unerwünscht dann gehste nicht äh äh du das Gesetz nicht äh äh zu beachten ist lebensgefährlich nicht nur dass strafbar ist lebensgefährlich

[1:05:42] das war der der Grund dessen

Daniel Baranowski

[1:05:44] da waren Sie dann acht neun Jahre alt ?

Kenneth James Arkwright

[1:05:49] Peter Zweig 1940 wird das gewesen sein ja

Daniel Baranowski

[1:05:52] elf ?

Kenneth James Arkwright

[1:05:53] ja ja   ungefähr ja

Daniel Baranowski

[1:05:55] ist das   das ist ähm aus heutiger Sicht ähm ganz schwer vorstellbar dass man elf Jahre alt ist und mitbekommt wie der Mitschüler verschwindet und dann tot ist   können Sie sich da dran erinnern wie Sie das empfunden haben ?   es ist ja kein Unfalltod gewesen

[1:06:16] wo man sagt »ein tragisches Schicksal«

Kenneth James Arkwright

[1:06:18] [gleichzeitig:] nein   nein ich glaube das ist   damals gab es so viele tragische Schicksäler [lacht] -säler äh Schicksale äh äh denen ich Ihnen vielleicht noch erzählen werde die die wichtiger sind wie die Geschichtsdaten äh und man hat sich daran gewöhnt

[1:06:39] man hat sich daran gewöhnt   ähm e-  

[1:06:43] Sie haben vorhin gefragt »wie wie war das dass wir alle zusammen aus der großen Wohnung in die kleine Wohnung ge- ge- ge- äh umge- -wohnt worden sind« äh am 25sten November 1941 das war nicht solange dana- danach

[1:07:10] da wohnten wir in der Damaschkestraße in Breslau äh das war ein jüdisches Haus ursprünglich gehörte der Jüdischen Gemeinde für Mitglieder die nicht die Unterstützung brauchten und das jüdische Haus Juden mussten in jüdischen Hausen Häusern wohnen

[1:07:30] und nicht mit anderen Leuten zusammen da wohnten wir zusammen mit einer Familie Korngrün und diese Familie Korngrün hatte einen kleinen Jungen der muss damals weiß nicht vier Jahre alt gewesen sein äh und eines morgens war ein großes Klopfen an der Entréetür

[1:07:48] um sechs Uhr früh »aufmachen Gestapo« und äh meine Mutter hat die Tür aufgemacht und »wo ist der Jude Kornblum- -grün« und meine Mutter hat gesagt »die schlafen noch« das war so damals f- äh »wo ist ihr Zimmer ?« aufgemacht reingegangen die lagen

[1:08:08] noch im Bett »aufstehen ! einpacken !« äh und äh die Familie Korngrün konnte sich jeder einen kleinen Koffer mitnehmen äh und äh »Sie werden nach Ost-«- äh -polen existierte ja nicht mehr das war Ge- wo äh hieß Generalgouvernement »Sie werden ins

[1:08:26] Generalgouvernement geschickt werden um dort ehrliche Arbeit zu machen und äh Ihre Zimmer werden wir versiegeln äh äh Ihre Werkzeuge äh und äh Nähmaschinen alles in Ihr Zimmer und das werden wir später abholen und Ihnen nachschicken« und äh ein Problem

[1:08:50] äh die Frau Korngrün und der Herr Korngrün äh hatten konnten einen kleinen Koffer tragen aber der kleine Junge konnte keinen Koffer tragen und da hat mich der äh Gestapo- an äh -mann gesagt äh »Sie kommen mit   tragen den Koffer für den kleinen Jungen«

[1:09:08] und äh zu diesem äh   da gibt es äh in der Breslauer Universität oder in der Universität von Wrocław sind die Dokumente davon aufgehoben worden an diesem Tag äh sind 693 Männer 1155 Frauen und 152 Kinder an im Ganzen 2000 Menschen von Breslau verschickt

[1:09:39] worden und die sind zusammen gebracht worden in einem Saal äh Schießwerdersaal das war ein   äh you know Ausflugssaal und in dem Buch finden Sie eine Abbildung davon und äh wir sind da in dem Saal angekommen und der kleine Junge Heini Korngrün der hat

[1:10:02] geweint und gebrüllt und äh da waren wichtige Dinge zu zu äh betrachten als als das kleine Kind da das der geweint hat und schließlich haben sie gefragt warum er geweint hat äh beim Einpacken ist sein Teddybär zurückgeblieben und da haben der Herr und

[1:10:22] die Frau Korngrün die haben mich gebeten »bitte bitte bitte gehen Sie zurück finden Sie den Teddybär und bringen Sie den Teddybär«   und ich glaube das ist einmals eins der besten Dinge die ich gemacht habe äh der Kind ich bin hab das gegangen bin den

[1:10:38] Teddybär zurückgebracht und das Kind hat sofort aufgehört zu weinen und die 2000 Menschen das ist äh ähm äh die sind nach Kaunas in Litauen oder Kowno das ist Polish genannt äh gebracht worden und was wir was ich   später nach dem Krieg rausgefunden

[1:11:05] ha- war die mussten sich ihr Grab graben und die ganzen 2000 Menschen sind erschossen worden und ich nehme an dass der kleine Junge Heini äh sich äh wieder wird sich keiner um ihn gekümmert haben die haben alle genug mit sich selbst zu tun und ich hoffe

[1:11:23] dass wenn man das mal ausgraben wird dass der kleine Teddybär da mit dabei ist   und dass der Teddybär ihm ein bisschen äh   geholfen hat   und äh  

[1:11:40] da gab es weiter solche Tragödien äh ich hatte viel gute Freunde in der Schule   äh einer dieser Freunde

[1:11:51] war der Sohn eines Apothekers in der bekannten Familie sein Name war Hans Schwenk und äh die den Versuch der Schule uns beizubringen dass wir die Gesetze beobachten müssen war hoffnungslos   äh wir vier Jungs haben uns den gelben Stern abgemacht und sind

[1:12:19] ins Kino gegangen   und ich kann mich erinnern es war ein deutscher Film der die deutsche Armee und die Erfolge der deutschen Armee im Kriege verherrlicht hat und es war Sie fragen mich »was waren meine Gefühle« da waren wir eine Familie die an deutschen

[1:12:41] Kriegen teilgenommen hat für Generationen und da war ein deutscher Krieg und was sollte man wünschen ? dass sie ihn verlieren oder dass sie ihn gewinnen   oder was   ist our Interesse daran ? ich hab nie einen Film so wenig genossen wie diesen Film   da waren

[1:13:05] meine Gef- Gefühle verwirrt   und wir sind nach Hause gegangen und am nächsten Tag haben die anderen äh allen Leuten war ja nicht rumgekommen und haben gesagt »das war wunderbar ! heute gehen wir baden in der Oder« und äh Juden war das Baden in der Oder

[1:13:25] verboten und äh dann habe ich gesagt »nein ich hab das gestern hat mir das nicht gefallen ich komm nicht mit« und ich bin zu Hause geblieben und am Abend kam die Mutter von Hans Schwenk zu uns und hat sich ihre Augen ausgeweint ob ich weiß was mit dem

[1:13:45] Hans   Schwenk passiert ist und sie hat erzählt dass wir Jungs en Tag vorher ins Kino gegangen sind   und ich glaube mein Vater hat mich niemals verprügelt aber da hat er mich richtig verprügelt wie er das gehört hat denn das war lebensgefährlich   und der

[1:14:04] Hans Schwenk äh die Jungs sind an einem Tal die Oder war ein ziemlich äh gefährlicher Fluss   äh äh der Hans Schwenk ist in Schwierigkeiten gekommen und ertrunken   und die anderen drei waren nur zwei haben keine nicht die äh Kraft gehabt sollten sie jemand

[1:14:31] zur Hilfe rufen und sich alle gefährden oder sollten sie ihn ertrinken lassen ? die Antwort zu dieser Frage habe ich nicht ich weiß es nicht was die Jungs äh gemacht haben   was sie gefühlt haben ich weiß nur dass Hans Schwenk ertrunken ist und dass mein

[1:14:54] Vater mit verboten hat zu dieser Beerdigung gegangen zu gehen und Sie haben mich vorher gefragt was habe ich gefühlt zur Beerdigung des Peter Zweigs zu gehen nicht so viel   ich hatte nicht so viele Gefühle zur Beerdigung Peter Zweigs zu gehen wie ich

[1:15:12] Gefühle hatte zur Hans Schwenks nicht zu gehen   und äh äh so ging die Geschichte weiter äh   äh   wir wurden von einer Wohnung in die andere gegangen bis äh am Ende waren wir wohnten wir alle in der Wallstraße äh war eine Straße wo nur Juden wohnten

[1:15:36] in jedem Haus wohnten jüdische Familien aber inzwischen äh ähm ähm   hatten wir in diesem Umziehen äh wohnte mit uns mal ein Fräulein Schein Fräulein Schein war eine äh Sprachlehrer äh englisch französisch spanisch und äh jeder wollte auswandern

[1:16:06] und äh Fräulein Schein hat war eine sehr geschäftige Dame und äh ähm Schecks hat sie ja Bargeld ge- gehabt und durch diese Hitlerzeit und des Sprach- auswandern und Sprache zu lernen hat sie eine äh n bisschen Geld unter ihrem äh Kissen im Bett gehabt

[1:16:31] da und eines Tages kam Fräulein Schein zu uns und sie hat sich die Augen ausgeweint sie hatte einen Brief bekommen sie soll sich bei dem Gestapo melden zum zur Deportation und ihr Mä- die Dame hatte eine Niere und äh sie der Doktor hat gesagt Bärentraubenblättertee

[1:16:55] muss man da trinken und äh ihr großes   äh Sorge war will ich den Bärentraubenblättertee kriegen dass ich gesund bleibe und was mache ich mit dem Geld was ich da unter der Matratze habe   und da ist meine Mutter zur Fräulein Schein in ihr Zimmer gegangen

[1:17:18] und da haben sie ein Kissen auseinandergenommen und haben das Geldscheine mit Watte umwickelt und in das Federkissen reingemacht und ich bin in einen Stadtteil gegangen wo nie Juden viel Juden gelebt haben von einer Drogerie zur anderen und habe Bärentraubenblättertee

[1:17:39] gekauft und da wie ich zurück kam da sahen die beiden Frauen die Mutter und das Fräulein Schein aus als obs im Zimmer geschneit hat äh die ganzen Federn waren dann überall das Kissen war zugenäht sie hatte einen Koffer voll Bärentraubenblättertee und

[1:18:00] das war ihre einzige Sorge äh sie ist deportiert worden und nie wiedergekommen aber äh man kann sehen was   hat sie äh   dass sie dann nicht wiederkommen wird dass sie das nicht überleben wird das ist ihr nie zu zu zu Sinnen gekommen

Ruth Preusse

[1:18:22] aber Ihren Eltern offenbar auch   nicht die haben es es gab keine Warnung zu dieser Deportation zu dem Aufruf überhaupt Folge zu leisten

Kenneth James Arkwright

[1:18:31] äh es ist interessant die Gestapo hat dem Rabbiner der Gemeinde und ich glaube das wird wohl in allen Gemeinden gesehen sie haben gesagt »wir wollen tausend Leute verschicken«   und der Rabbiner musste die Liste zusammen- äh die Gemeinde musste die Liste

[1:18:50] (zusammenrotten) die Gestapo wollte davon nichts wissen und die Richtlinien waren die Reichen zuerst denn man kann ihre äh Sperrkonten zuschließen und die Armen zuerst dann braucht man ihnen keine Rente bezahlen und die arbeiten in der Mitte zuletzt und

[1:19:15] die Frontkämpfer zuletzt   und äh   die ähm äh haben eine Notifikation einen Brief bekommen »bitte melden Sie sich« wo ? es gab in Breslau eine jüdische Loge die hieß »Gesellschaft der Freunde« und die hatte ein großes Clubhouse und äh ein in dem

[1:19:40] Haus war ein großer Saal in dem der Kulturbund ich weiß nicht ob Sie das das geht zu weit das zu erzählen was der Kulturbund war äh Konzerte gegeben hat und die haben sich alle in diesem Saal versammeln müssen   und äh dann kamen Lastwagen und dann sind

[1:19:59] sie manche sind zum zur Bahnstation gefahren und manche sind zum Auto gefahren Auschwitz war ja von Berl- von Breslau nicht so weit äh von Breslau nach Auschwitz war es äh was 200 Kilometer 250 Kilometer ? nicht so weit

Ruth Preusse

[1:20:13] also die offizielle Version war ähm es geht zum Arbeiten irgendwo hin und (__)

Kenneth James Arkwright

[1:20:19] die offizielle Version war es geht zum Arbeiten und ein Schul- äh äh äh wir sind so weit gegangen eine Schulfreundin von mir äh Anita Lasker die hat ein Bu- Buch geschrieben äh was sie wahrscheinlich im Buchhandel noch bekommen können äh die war eine

[1:20:36] gute Cellistin und die hat äh in äh jeder Schulfeier in diesem Haus hier [weist auf seine Unterlagen] äh Cello gespielt äh die ist hat überlebt und ist hat in England das äh British Chamber Orchestra gegründet und äh die hat äh auf d- die   Juden aus

[1:21:00] Deutschland aus Polen angekommen sind hat das Orchester gespielt ja wie schlimm kann das sein in in in Auschwitz wenn man mit den äh Walzern Johann Strauß begrüßt wird und äh äh die hat auch das Orchester hat auch ähm äh gespielt zu äh ähm SS-Feiern

[1:21:22] oder so was und äh wenn Sie das gerne wissen möchten was sie darüber gedacht hat das ist ein gibts ein Buch was Sie darüber äh wie das

Ruth Preusse

[1:21:31] kannten Sie sie damals oder ist Ihnen nachher ähm durch das Buch klar gewor- worden dass es ne Mitschülerin war

Kenneth James Arkwright

[1:21:37] [gleichzeitig:] nein nein nein nein (wir sind durch) ich ich kannte sie äh ich war damals äh 13 Jahre alt und die sie war 14 15 Jahre alt gewesen und jeder in der Schule kannte Anita Lasker because jedes Mal wenn was los war hat sie ihr ihr Cello gespielt  

[1:21:52] das äh persönlich äh ein 14jähriges Mädchen hat kein Interesse an einem elfjährigen Jungen also persönlich kannten wir uns uns uns nicht äh sie hat zwei Schwestern ich glaube wir wandern jetzt ab äh von was ich Ihnen erzählen soll äh sie hat zwei

[1:22:11] Schwestern   auf-   Sie müssen ihre Geschichte in dem Buch lesen äh d- die es ist eine sehr interessante Geschichte wie sie warum sie so lange überlebt hat und dieses Orchester in in in in Auschwitz ich glaube wurde von einer Frau Rosé äh von Wien ge- äh

[1:22:33] geleitet und die war äh irgendwie verwandt mit Gustav Mahler   äh äh wie genau kann ich nicht sagen

Ruth Preusse

[1:22:41] ich würd gerne kurz noch eine Frage stellen die die jetzt aber zu Ihrer Geschichte ähm zurück geht Ihr Vater ähm hat glaube ich ähm auch gedacht dadurch dass er Frontkämpfer war würde er auf eine bestimmte Art geschützt sein oder warum haben sie nicht

[1:22:56] vorher

Kenneth James Arkwright

[1:22:57] [gleichzeitig:] absolut ! in in jeder jüdischen Gemeinde die Frontkämpfer es gab zum Eisernen Kreuz so eine kleine Abzeichnung und die die alle jüdischen Leute die ein Eisernes Kreuz bekommen haben oder was die haben dieses äh äh immer am äh ähm Mantel

[1:23:19] oder am Anzug getragen um   zu sagen und wie der Judenstern aufkam der gelbe Stern ist es verb- ist Juden verboten deutsche Orden zu tragen man konnte es nicht mehr machen das war da das der äh die äh Hitlerregierung das dachte das ist ein bisschen komisch

[1:23:37] die Hälfte hat den Judenstern auf der einen Seite und die- das Eiserne Kreuz auf der anderen Seite das das passt gar nicht so ganz zusammen   aber äh ähm noch eine andere Geschichte äh ich habe Geige gelernt Geige spielen gelernt und äh mein Geigenlehrer

[1:23:56] war ein äh Professor Siegfried Rosenthal er war der Konzertmeister des Breslauer Opernhaus und äh Schlesischen Philharmonie äh Rosenthal war ein Schüler Joseph Joachims das ist ein bekannten Geigenmann der hier in Berlin gelehrt hat und ähm   äh   sie

[1:24:22] wohnten auch gerade über von uns und eines Tages ging ich zu meiner nach der Arbeit zu meiner Geigenstunde gegangen und äh die waren befreundet mit einer Frau die hieß Eli- äh Elfriede Breslauer Elfriede Breslauer war der die Leiterin der zweiten Geigen

[1:24:41] äh in dem Orchester und da in der Mitte in der Stunde kam Elfriede Breslauer rein und hat sich die Augen ausgeweint sie hat die Aufforderung bekommen ver- verschickt zu werden und äh äh der Rosenthal hat (nicht) gesagt »setz dich hin« und äh die Frau

[1:25:03] vom Rosenthal war eine gute Pianistin und äh er hat gesagt äh »wir spielen das Doppelkonzert Violinkonzert von Bach« und da haben sie das zusammen gespielt und ich habe da gesessen und zugehört und ich habe glaube ich niemals das Konzert so gut gehört

[1:25:22] wie da   das war ihr Abschied   also ähm ah noch was äh äh die Elfriede Breslauer hat die ihre Geige zurückgelassen für den Rosenthal und der Rosenthal hatte noch verschiedene Geigen und äh jetzt werden Sie mich wahrscheinlich noch eine Frage »wo ist

[1:25:43] die Geige geblieben ?« äh ich ha- meine Eltern haben dem äh   Rosenthal die eine Geige abgekauft auf der ich gespielt habe die habe ich jetzt noch in Australien die haben wir ausgelagert bei nichtjüdischen Freunden das ist eine interessante äh äh Gagliano-Geige

[1:26:04] äh die eine andere Erinnerung an diese Leutchen sind   äh   die äh   nächste interessante ich habe Ihnen erzählt dass die Juden in dem Freundesaal zu Transporten zusammengestellt wurden und äh äh   die waren in nicht in einer guten Verfassung äh äh

[1:26:33] und die mussten da auf ihren Koffern und Rucksäcken alle zusammen schlafen in diesem großen Tanzsaal und äh wir mussten wir großen Jungs wurden Ordner was heißt Ordner ? wir mussten ihnen die Koffer tragen und und und helfen auspacken oder einpacken oder

[1:26:54] was wie wir ihnen helfen konnten hatten wir eine Armbinde und da stand Ordner drauf und eines Tages die große Synagoge die ich Ihnen gezeigt hab die hatte eine der größten Orgeln in Breslau und äh die hatten einen Organisten der Organist war Berger war

[1:27:13] ich weiß ich kann mich an seinen Vornamen nicht erinnern und da eines Tages ein großes Geschrei in dem Freundesaal da hat sich der Organist Berger seine Frau seine Tochter äh mit äh Zyankali vergiftet in der Mitte aller Leutchen und da lagen sie da äh

[1:27:39] mit ihren Koffern und äh ein äh menschliche Tragödie für die Familie und eine Tragödie für die ganzen Menschen die da rum sind und wie kann man sie da raus holen und zu dem Friedhof abtransportieren ? und äh noch eine interessante äh äh Geschichte

[1:28:03] der Vorgänger von Berger äh der Organist in der Synagoge war ein Professor Benjamin Pulvermacher und der war verheiratet mit einer Frau Jettka Finkenstein die damals eine bekannte Pianistin war die concert äh Konzerte gegeben hat und äh die waren alte

[1:28:24] Leute und die wohnten in einem jüdischen Haus in so einem Wohnhaus in einem Zimmer   äh äh in einem Zimmer war dann ein Flügel und ihre Schlaf- äh äh voll mit äh Musik und äh äh   man konnte sich kaum umdrehen und die jüdische Gemeinde diese alten

[1:28:45] Leute konnten nicht mehr für sich selber kochen und wir Jungs durften nicht mehr zur Schule gehen äh die Jüdische Gemeinde hat uns Jungs benutzt von der Gemeindeküche im Freundesaal dies Essen zu den Leuten zu tragen und das habe ich gemacht und die waren

[1:29:04] sehr dankbar und eines Tages äh hat er mir Geld was er hatte in die Hand gesteckt und warum soll ich Geld von den armen alten Leute nehmen ? »nein nein ist« das erste Mal dass er sehr ärgerlich mit mir war und ich musste das Geld nehmen und hab meinen Eltern

[1:29:25] gefragt »was soll ich mit dem Geld machen ? wie kann ich ihnen das zurück geben« und am nächsten Tag bin ich mit der Menage da mit dem Essen wieder zurück zum Herrn Pulvermacher gegangen und der Frau Pulvermacher und die Tür war offen und äh das Zimmer

[1:29:41] war fast ausgeräumt und das ganze Zimmer roch nach Kochgas und äh   sie haben mir das Geld gegeben weil sie in der Nacht äh beide das Gas angedreht haben und sie wollten nicht mehr weggehen und äh ich glaube ihre ganzen Musik und alles das war Makulatur

[1:30:05] das war nicht mehr gebraucht und äh das war das Ende der Pulvermachers äh  

[1:30:12] die   vielleicht soll ich Ihnen mal wieder ein Bild zeigen dieses Bild [zeigt die Kopie] ist der Bruder meiner Großmutter Ernst Schimmelburg der hat hier in Berlin gerade über

[1:30:32] von dem Bahnhof Charlottenstraße ähm Charlottenburg gewohnt und ich hab ihn als Kind besucht ähm ich bin in Australien weil sein Sohn war ein äh Ingenieur der äh ähm bei einer Berliner Baufirma Jacobowitz beteiligt war und ähm   ich glaube die haben

[1:30:57] das KaDeWe mit gebaut hier im im im im im Westen und äh der ist nach Australien ausgewandert und Australien war nicht sehr freundlich Australien wollte englische äh Einwanderer und nicht deutsche Einwanderer und der hatte erst musste er in einer Schule äh

[1:31:16] äh Deutsch lern- lehren und dann ist er äh Professor und Dekan von der Universität von der Ingenieurabteilung geworden und ich bin deshalb raus gekommen aber sein Vater äh äh der war zu alt der konnte nicht auswandern und er ist nach Italien geflohen

[1:31:39] und äh äh den haben die er war jüdisch aber die Nonnen in einem Kloster Mailand haben ihn versteckt und da ist er nach Kurzem gestorben und ihn kann man jetzt auf dem Friedhof dem jüdischen Friedhof in Mailand besuchen und äh dasselbe ist äh äh   meine

[1:32:05] die andere Schwester meiner Großmutter äh Tante Meta Bernstein die lebten in Öls   und die hatten zwei Geschäfte in Öls eines für die feinen Leute und eins für die Bauern   ähm vielleicht kennen Sie Cecilienhof das ist das Schloss des Kronprinzen äh

[1:32:27] das hier in Potsdam ist wo die Potsdamer Konferenz drin war aber der Kronprinz hat auch andere äh Mädchen geliebt andere than Cecilie und er hatte ein Schloss in Öls und in Öls hat er gerne gelebt und die Bernsteins haben das Geschäft eine Geschäft war  

[1:32:49] äh bessere (___) und das andere war für die Bauern und da haben die Freunde vom vom Kronprinzen äh gekauft   meine Tante Meta   Bernstein äh äh   die Schwester meiner Großmutter äh die   war in einem jüdischen Altersheim und äh die ist in dem einem der

[1:33:15] letzten Transporte von Breslau nach Theresienstadt abgeschoben worden und meine Eltern waren in Zwangsarbeit ich war auch in Zwangsarbeit aber ich konnte äh ich arbeitete nicht weit von der jüdischen Gemeindehaus wo sie dann verschickt worden ist und äh  

[1:33:33] äh Tante Meta konnte nicht begreifen wenn man mit dem Autobus äh wegfährt dann muss man sich anständig anziehen und Tante Me- Meta hat sich äh äh äh mit einer angezogen als ob sie zu einer Nachmittags-Kaffeetafel geht und hatte eine Perlenkette ob sie

[1:33:57] äh nicht echte Perlen echte Perlen musste man abgeben äh aber culture äh Kulturperlen und äh wie sie auf dem Autobus da nach Theresienstadt eingesperrt äh   aufge-   eingestiegen ist ähm ist der ihr äh äh Koffer mit der Perlenkette da in Verbindung gekommen

[1:34:25] und die Kette ist geplatzt und die Ker- die ganzen Perlen sind da im Autobus äh rumgeflogen und äh äh Tante Meta ha- soll raufkommen die Perlen aufheben ich meine wenn sie da ins Konzentrationslager nach Thersienstadt äh brauchte vielleicht kann sie die

[1:34:44] Perlenkette wieder zusammen machen und äh der Gestapobeamte hat sie da am äh ihrem   Kleid genommen hingesetzt und hat mich rausgeschmissen aus dem Bus und äh da hat sie schrecklich geweint nicht weil sie abgeschoben ist nach Theresienstadt das konnte sie

[1:35:02] nicht verstehen aber weil sie da ohne Perlenkette losschieben musste und ist sehr traurig ähm sie ist vor- äh -beigefahren wie das Autobus vorbeigefahren ist hat sie nicht hat sie mich nicht angeguckt weil ich die Perlenkette nicht ihr geholfen hab und hier

[1:35:24] ist von der äh ähm Ghetto in Theresienstadt [zeigt einen Brief] äh ich hab ihr Grab gesucht ist keine Hoffnung das zu finden äh äh ähm da steht dass Meta Bernstein die 71 Jahre alt damals war und eine ganz gesunde Dame äh äh fünfzig Tage da gebraucht

[1:35:49] hat um in Theresienstadt zu sterben

[1:35:51] und darunter ist eine Nichte meiner äh äh Großmutter äh die heißt Ellie oder die hieß Ellie Ritter die war eine sehr äh äh interessante Dame und ähm die bei dem ersten Transport die war mit dem Chirurgen des Breslauer

[1:36:16] Jüdischen Krankenhaus befreundet und bei dem ersten Transport das war so ein Wintertag wie heute ist sie hingefallen und hat sich den Schenkelhals gebrochen und   zu damaliger Zeit gabs keine äh Einzelteile für den menschlichen Körper hat er den einen Nagel

[1:36:34] dadurch gemacht und äh da ist sie auf die Idee gekommen jeden Transport wo sie mitgehen sollte äh hat sie ist sie ist sie wieder hingefallen mit Absicht äh unglücklicherweise und ist ins Krankenhaus gekommen um den Schenkelhals wieder in Ordnung zu bringen

[1:36:52] und das hat gedauert äh bis äh am zweiten April 1943 und da ist sie nach Theresienstadt verschickt worden und mit allen diesen Schmerzen hat sie überlebt äh bis und war in Theresienstadt bis am 23sten Oktober 1944 und das war ungefähr äh drei Monate

[1:37:25] bevor Auschwitz liquidiert wurde und äh sie hat drei Monate in Auschwitz ist from Theresienstadt am 23sten Oktober 1940 nach Auschwitz geschickt worden und [zeigt die Kopie] die das ist äh das Zertifikat äh dass sie äh ihre Transportnummer war 1005 und

[1:37:51] äh sie ist in Auschwitz äh   drei Monate vor Ende des Krieges dort äh umgekommen   äh  

[1:38:03] ein anderer Schulfreund von mir   war äh   vielleicht dass wir ein bisschen hin und zurück ich hab Ihnen die Synagoge gezeigt hier äh von von Breslau aber auf der

[1:38:24] Synagoge gabs hier ein kleines Haus das sieht man hier nur an von der Seite [zeigt die Kopie] für die Rabbiner und für die Angestellten der Synagoge und äh   dies sind äh   vier tragische Bilder   äh an Kristallnacht   war der Abschiedsgottesdienst für diesen

[1:38:48] Rabbiner sein Name war Hermann Vogelstein äh er war ein   ausgezeichneter Gelehrter der in fünf Bänden die Geschichte der Juden Roms geschrieben hat und äh ist immer noch ein interessantes Werk äh er ist von Breslau nach den Vereinigten Staaten ausgewandert

[1:39:12] er hat versucht äh ein bisschen Torasilber Silber mit dem die die ähm äh Tora in der Synagoge geschmückt ist mitzunehmen er ist am in Berlin am Bahnhof Zoo haben sie ihm äh die Koffer ausgepackt und haben das Torasilber rausgenommen und eingeschmolzen

[1:39:36] und äh er ist in Amerika wollte ihn keiner er war nicht modern genug für die amerikanische äh Gemeinde das ist sein Nachfolger [zeigt auf ein Foto] äh sein Nachfolger ist äh Reinhold Lewin äh Rabbiner Reinhold Lewin der kam nach Breslau eine Woche bevor

[1:39:57] diese Synagoge abgebrannt worden ist das ist Lewins Frau [zeigt auf ein Foto]   und das ist der Sohn von Lewin und 1938 ging er in meine Klasse in die Schule und war mein Schulfreund und weil ich ihm das Rabbinerhaus gezeigt habe nachdem die Synagoge abgebrannt

[1:40:15] hat hat der kleine Junge ungefähr einen Nervenzusammenbruch bekommen und der Rabbiner Lewin weil ich mich ein bisschen mit ihm befreundet habe hat mich eingeladen z- in dieses Haus da zu kommen neben der Synagoge und da haben wir da in diesem Haus äh runtergeguckt

[1:40:33] auf den rauchenden Trümmerhaufen der Neuen Synagoge in Breslau und ich kann mich erinnern der Rabbiner hat mich da und seinen Sohn weggeholt und gesagt »keine Sorge wir werden schon wieder aufbauen«   und diese drei Leutchen äh Rabbiner Lewin hat von der

[1:40:54] Gestapo die äh   konnte sich wählen ob er nach Theresienstadt oder Auschwitz gehen woll- und ich glaube   die Tatsache dass er   entscheiden musste wer wer äh weggeschickt wurde äh hat das für ihn äh die Entscheidung leichter gemacht und er hat gesagt »ich

[1:41:21] gehe mit meiner Gemeinde mit weg mit« und diese drei äh und eine Schwester noch die sind nach Auschwitz gekommen und äh die sind alle dort umgekommen   äh   hier bei äh das ist [zeigt die Kopie] eine Bild der das einzige Bild der brennenden Synagoge in

[1:41:44] Breslau   äh und äh   das ist eine Liste [zeigt die Kopie] von der Gestapo wie viele Menschen verschleppt worden sind nach äh Buchenwald und (___) und äh welche Synagogen zerstört worden sind und ich habe Ihnen vor kurzer Zeit meine Tante Meta ge- gezeigt

[1:42:09] und äh erzählt dass sie in Theresienstadt gestorben ist und die Tante Meta hatte einen Sohn und äh an der Kristallnacht ist dieser Sohn äh nach Buchenwald verschleppt worden er kam zurück von Buchenwald nach Breslau er kam zurück in einer äh ähm  

[1:42:29] Art und Weise dass er sofort ins Krankenhaus ins jüdische Krankenhaus gesteckt worden ist musste und an den Nachfolgen dieses kurzen Besuchs in Buchenwald ist er   dort gestorben   äh

[1:42:47]  

Daniel Baranowski

[1:42:49] haben Sie nach der Kristallnacht eine Veränderung bemerkt ?   im Leben im Alltag ?

Kenneth James Arkwright

[1:42:58]   da gab es viele Veränderungen und wir können hier vielleicht für eine Woche sitzen und ich kann Ihnen das erzählen erstens Mal gab es in Breslau eine orthodoxe Synagoge und eine liberale Synagoge große Synagoge äh äh vielleicht am besten zu vergleichen

[1:43:19] wie katholisch und evangelisch äh ähm die   orthodoxen and liberal das das Wort orthodox ist griechisch orthos means korrekt und äh doxa ist die äh Lehre also sie nehmen an sie haben die richtige Lehre genauso wie in äh 1870 der Vatikan gesagt hat dass

[1:43:46] der Papst äh immer Recht hat äh und das ist ein eine und deswegen hat sa- hat die Jüdische Gemeinde dieses Art der des Judentums das katholische Judentum genannt [gestikuliert] dies ist eine Verbindung da   und äh   also das erste was man merkte ist die

[1:44:07] eine Synagoge die übrig geblieben ist die jetzt noch äh äh wieder äh aufgebaut worden ist äh die mussten die Liberalen und die Orthodoxen teilen und da gab es Ausgehverbot für Juden nach acht Uhr durften Juden nicht in die Straße gehen und auf die Straße

[1:44:31] gehen also die in   Winter äh haben die Orthodoxen erst den Gottesdienst gehabt sind rausgegangen und dann die Liberalen im Sommer war das umgekehrt weil sie soweit wie möglich den Beginn des Sabbattages äh benutzen wollten äh das war eine Sache äh kurz

[1:44:53] danach mussten Juden ihre Silbersachen abgeben äh kurz danach mussten sie äh Fotoapparate abgeben äh äh   kurz danach äh mussten Schreibmaschinen abgegeben word- werden und und und alle möglichen Fahrräder und so weiter und so weiter äh ähm   interessant

[1:45:22] äh   wie meine Eltern und wir in dem Waisenhaus gewohnt haben da zur gleichen Zeit wurde ein neues Gesetz rausgeben dass Juden sehr grausame Menschen haben und sind und deshalb durften sie keine Haustiere haben und ich hatte in dem kleinen Zimmer einen Goldfisch  

[1:45:43] ist ein Goldfisch ein Haustier ? also es hatte keinen Zweck das logisch auszuarbeiten der Goldfisch mit dem Wasser ist ins Klosett geschüttet worden und der Knopf ist gedrückt worden und das war das Ende meines Goldfisches äh ein äh das arme Haustier hat

[1:46:05] eigentlich auch unter der Judenverfolgung gelitten äh manche Leute hatten einen Hund oder oder den sie geliebt haben oder was da war das schon schwieriger ähm

Daniel Baranowski

[1:46:17] hatten Sie denn direkt Kontakt mit der Gestapo ?

Kenneth James Arkwright

[1:46:22] [seufzt] direktes kam von der Gestapo ja folgendes äh Juden mussten sich regelmäßig äh   bei der Gestapo melden   was sie ür- über ihre Auswanderung getan haben und das war ein regelmäßiger nicht mein persönlicher äh b- mein Eltern äh äh ähm Erfahrung

[1:46:52] äh diese große Jüdische Gemeinde hat einen täglichen Gottesdienst gehabt zweimal täglich und zum zweimal täglichen Gottesdienst kamen nicht so viele Leute und da hatten alle Synagogen eine große Synagoge und eine Wochentagssynagoge und äh die große

[1:47:14] Synagoge ist abgebrannt worden die Wochentagssynagoge und das Verwaltungsgebäude steht heute noch und äh den Synagogenraum haben die hat die Gestapo sich   äh oder dieses Haus hat die Gestapo sich zu ihrem Hauptquartier ausgesucht und auf dem Synagogenraum

[1:47:36] auf dem äh Altar hat sich der Gestapoamt darauf gesetzt und die äh äh jüdischen Leute mussten sich auf die Bänke der Synagoge setzen und die wurden dann aus- aufgerufen »was hast du für deine Auswanderung getan ?« aber das hat natürlich aufgehört

[1:47:55] äh wie der Krieg anfing denn äh die einzige mögliche Auswanderung war dann Shanghai äh und äh   nicht so einfach die Auswanderung der Juden in Deutschland und das hat uns auch äh äh affected am bev-   Goebbels und Göring haben sich gestritten wer der

[1:48:22] Nachfolger oder der die wichtigste Person nach Hitler ist äh Goebbels hatte wäre jed- verschiedene Belastungen sein Studium ist äh bezahlt worden von einem Freund der Familie einem jüdischen Rechtsanwalt Doktor Josef Joseph und deswegen haben die Eltern

[1:48:39] ihn Joseph Goebbels genannt   äh zweitens Mal seine Frau Magda äh war ein uneheliches Kind und ähm es ist angenommen äh dass der Vater ein jüdischer Mann Friedländer war ich müsse Friedländer müssen Sie noch nachg- ich glaube ich habe den Namen richtig

[1:49:00] zweitens war Magda äh verliebt in einen jüdischen äh Studenten in Berlin Arlosoroff und äh der dann nach Israel ausgewandert ist und Magda Goebbels ist für einige Zeit mit einem z- äh Anhänger einer Kette mitm star of David rumgelaufen und das hat of

[1:49:20] course dem Göring äh äh äh geholfen den Goebbels ein bisschen runterzusetzen äh später ist der Goebbels äh hat er eine Liebschaft gehabt mit einer tschechischen äh ähm   Schauspielerin Lída Baarová und Hitler der Pate seiner Kinder war hat ihm gesagt

[1:49:44] er soll die aufhören oder oder aus der Regierung ausscheiden und das alles passierte kurz vor der Kristallnacht und äh da um Goebbels um sich zu legitimisieren hat die Kristallnacht viel zu der Kristallnacht beigetragen und äh äh die Göring hat äh dem

[1:50:05] Goebbels o- der Regierung vorgeschlagen dass der Goebbels ein Idiot ist denn die Fensterscheiben in der Kristallnacht die eingeschlagen sind viele haben christlichen äh ähm Hausbesitzern gehört und die Ware die auf die Straße geschmissen worden ist äh

[1:50:24] viele waren noch nicht bezahlt von christlichen äh äh Fabrikanten und äh Göring da gibt es einen Brief äh den er an Goebbels geschrieben ist dass er ein idiotische Sache den Namen Deutschlands beschmutzt hat durch diese Sache eins und zwei äh große

[1:50:44] ökonomische Werke äh zerstört hat und äh da hat der Goebbels sich verteidigt und hat gesagt »das ist ganz einfach zu äh machen« äh alles Privatvermögen von Juden und alles äh Gemeindevermögen wie Krankenhäuser und solche Sachen müssen die Juden

[1:51:08] abgeben und die Buße die Höhe der Buße war eine Milliarde Mark und über Nacht sind alle jüdischen Gemeinden und alle privat jüdischen Personen   ohne Geld   und   das hat uns auch dasselbe war für uns und das hat die äh ähm der der Kristallnacht war

[1:51:36] im November 1938 äh also da äh und und äh September 1939 fang de- fing der Krieg an also äh da gab es nur ein ein Fenster der Mög- eine eine Möglichkeit von nur einigen Monaten noch auszuwandern   und äh das äh äh äh keiner hatte Geld und äh äh

[1:52:05] England Australien Uni- äh Amerika äh die wollten nich- keine äh jüdischen Leute die nicht die Sprache sprechen konnten oder nicht gut sprechen konnten kein Geld hatten und ihre äh Schifffahrtskosten nicht bezahlen konnten also die Auswanderung hat da-

[1:52:24] -durch mit der Kristallnacht aufgehört  

[1:52:27] äh vielleicht äh äh ich hab Ihnen am Anfang erzählt äh weil wir gerade dabei sind zeige ich Ihnen das vielleicht äh ähm am äh 16ten äh nein äh am zwei- 28sten März neunund- 1939 habe ich dieses   [zeigt das

[1:52:49] Dokument] äh Dokument vom Standesamt in Breslau bekommen äh und das sagt hier   »das Kind äh f- äh trägt äh den zuzüglichen Namen Israel« alle jüdischen J- Männer äh mussten Israel genannt werden und alle jüdischen Frauen Sara und äh wenn ich

[1:53:20] etwas zu unterschreiben hatte äh oder jeder etwas zu unterschreiben hatte ich konnte äh ich musste nicht Klaus schreiben ich konnte K Punkt aber Israel musste ausgeschrieben werden und hier äh ist äh meine Kennkarte [zeigt die Kennkarte] äh die ausgestellt

[1:53:42] worden ist ähm   am äh 19ten Juli 1939 das ist kurz danach und jeder Mensch der sechs Jahre und über sechs Jahre hatte die kon- äh mit sich zu tragen zu jeder Zeit und äh am im Juni 1942 äh wurden alle ju- alle jüdischen Schulen geschlossen und das Dokument

[1:54:18] hier auf dieser Seite [zeigt das Zeugnis] das Schulentlassungszeugnis   ich ging zuerst auf eine ähm Gymnasium das wurde geschlossen dann mussten wir die Volksschule gehen und auf der Hinterseite   steht äh dass dieses Zeugnis als Entlassungszeugnis   »aufgrunde

[1:54:44] der behördlicherseits Schließung aller jüdischer Schulen« äh   ausgestellt wird

Daniel Baranowski

[1:54:51] [gleichzeitig:] ausgestellt wird

Kenneth James Arkwright

[1:54:54] das ist ein sehr äh ich weiß nicht wie viel solche Dokumente es noch gibt äh die äh Schuldirektorin war Doktor Sarah äh G Weyl Gertrud war ihr Name und ein Verwandter von ihr war äh äh hat die hebräische Universität in Jerusalem gebildet aufgebildet

[1:55:19] ähm aber das müssen Sie nachprüfen ich weiß nicht genau was dann was er damit zu tun hatte ähm   neunzehnhundert- äh wie die Schulen ausgelöst äh wie die Schulen aufgelöst worden sind äh hatte die jüdische Gemeinde ein Problem was sollten sie

[1:55:41] machen mit mit Kindern wie ich ? äh äh die Eltern arbeiten äh wenn die sich ein äh äh Speiseeis kaufen oder was machen die auf der Straße und da gab es zwei große jüdische äh Friedhöfe in Breslau und da sind wir auf die Friedhöfe in Breslau eingesperrt

[1:56:03] worden von morgens bis abends waren wir auf den Friedhöfen und da haben wir die äh Blätter zusammengeklebt -gekehrt und die die Gräber ein bisschen ausgeputzt die waren kolossal große Friedhöfe äh nicht ganz so groß wie Weißensee hier in Berlin but

[1:56:23] nicht nicht nicht so viel kleiner und das ging einige Zeit bis auf einmal äh kam ein   Wagen Lastwagen mit äh   Papiertüten langen Papiertüten und aus den Papiertüten äh am Ende waren guckten Füße raus   und um Breslau gab es Industrie und da waren polnische

[1:56:49] Juden die äh äh äh in dem Masselwitz war ein Vorort von Breslau die da gearbeitet haben und die hat keiner erschossen oder vergast äh die sind nur zu Tode gearbeitet worden und die sind auf dem Jüdischen Friedhof abgeliefert worden und die Gemeinde sagt

[1:57:11] »grab sie ein !« und äh manche Papiertüten hatten innen mit hebräischen Buchstaben eine Umschreibung ihres Namens und manche sind mit ihrem Namen umschrieben worden und manche nicht   und da gibt es eine vor kurzem sind äh äh äh Daten und und und und

[1:57:38] Dokumente über dieses rausgekommen so das war fürn ersten Mal in einem Land wie Deutschland Menschen in Papiertüten ohne Namen begraben   äh gehen wir nur in die Konzentrationslager zum Arbeiten ? was ist das was was bedeutet das ? das war etwas ganz Neues

[1:58:07] und das hat die Gemeinde sehr beunruhigt

[1:58:10] aber es hat nicht lange gedauert ich bin dann in das Alter gekommen äh dass ich Zwangsarbeit leisten musste in einer äh äh äh chemischen Fabrik Ca- Carl Boeger und Co äh sie haben äh ähm   wie hieß dies ? äh

[1:58:33] Kreide Schlämmkreide um die Wände zu bemalen gemacht und äh äh die Sch- Schlämmkreide war gefärbt für different Farben zum Malen und äh jeden Tag kam ich nach Hause mit anderen Farbe von Unterhosen äh wie der Staub von den äh äh Säcken da durch

[1:58:52] kam und äh ich war ein kleiner Junge und äh ähm dies waren Anderthalb-Zentner-Säcke und äh auf dem mit mir da gearbeitet auf dem Bahnhof auf dem Güterbahnhof in Breslau haben französische äh Frig- Kriegsgefangene und die französischen deutschen hat

[1:59:14] sich nie ganz so äh   aussortiert waren die Franzosen Feinde oder Freunde ? da war das die Vichy- Vichy-Regierung äh jedenfalls die französischen äh äh Männer wurden in Breslau äh   sind in Breslau geblieben und ähm   sie sind äh   die haben Schokoladenpakete

[1:59:40] bekommen und das war lebensgefährlich für mich die Sch- Sch- äh Kriegsgefangenen wollten nett sein und die haben Schokolade in meine äh Tasche sie äh gesteckt und die haben äh für sich selbst äh äh Lebensmittel gestohlen auf dem äh und die haben

[2:00:02] sie in meine Tasche gesteckt now if die wenn die Gestapo die meine Lebensmittel gestohlene Lebensmittel in meiner Tasche ge- ge- gefunden hätte das wär das Ende gewesen also einerseits war das sehr erfreulich und andererseits sehr gefährlich äh   das ging

[2:00:20] einige Zeit und äh ähm   ich war noch ein junger ähm sehr junger Mensch und da hab ich Scharlach bekommen und äh das jüdische Krankenhaus das große jüdische Krankenhaus mit 350 400 Betten äh da war nur eine kleine Krankenstation auf dem Friedhof die

[2:00:43] eigentlich nur Blumenhalle war da bin ich da eingeliefert worden und äh Scharlach ist eine eine sehr harmlose Krankheit aber die Komplikationen die man davon kriegen sind sind nicht so harmlos und ich sollte eine Bluttransfusion bekommen und da hat das jüdische

[2:00:59] Krankenhaus oder was übrig geblieben ist an das Gesundheitsamt in Breslau geschrieben »dieser Mann« oder »dieser Junge braucht ein Blut für eine Bluttransfusion« und da haben sie zurückgeschrieben dass arisches Blu- Blut für Juden nicht dass es kein

[2:01:16] arisches Blut für Juden gibt und äh ähm   der jüdische Arzt hat mich dann mit äh   kolossalen Dosen von Aspirin äh behandelt und jetzt kann ich immer noch kein Aspirin mehr nehmen mein Körper ist noch ganz äh Aspirin ist der Feind meines Körpers danach

[2:01:38] aber ich habs überlebt   und äh  

[2:01:41] dann äh wars soweit äh ich bin äh mit einer der letzten Transporte äh mit meinem Vater äh abgeschoben worden in ein Arbeitslager in Grüntal Grüntal ist äh äh äh äh achtzig hundert Kilometer von Breslau entfernt

[2:02:02] vielleicht ein bisschen mehr   und äh warum handelte es sich das ? äh der Weltkrieg Nummer zwei ist in zwei Schlachten entscheiden entschieden worden eine Schlacht war die Schlacht auf äh el-Alamein wo äh die deutsche Armee äh die Kontrolle des Mittelmeeres

[2:02:38] verloren hat und die zweite Schlacht die war ungefähr zur gleichen Zeit äh war die Schlacht von Stalingrad äh wo äh es dann keinen Aufenthalt mehr   Aufhalt mehr gab zurück zu kommen und da hat äh sich die deutsche Armee gesch- äh entschlossen damit

[2:02:57] die tanks nicht äh aufgehalten werden konnen einen tank äh Anti-tank-Graben zu äh bauen äh und äh Kriegsgefangene und äh Juden und so weiter äh mussten diesen tank-Graben bauen und das Arbeitslager Grüntal war an dem Bartschbruch Bartsch ist der river

[2:03:22] Bartsch ein Nebenfluss der Oder und da mussten wir die äh ähm Weiden- äh -ruten abhacken es war damals ein sehr kalter Winter etwas äh minus zehn Grad habe ich da auf den Bäumen gestanden Weidenruten abgehackt u-

Daniel Baranowski

[2:03:40] [gleichzeitig:] das ist 44 jetzt Winter 44 45   mhm

Kenneth James Arkwright

[2:03:42] ja ja ja ja ja ja ja ja und äh gegraben den you know den den äh   das eine Seite des Ufers äh steil gemacht und dann die abge- die Weidenruten mit (verschiedenen) geflochten [gestikuliert] und da äh also es war eine sehr schwere Arbeit aber es äh ging

[2:04:05] solange bis wir eine sehr interessante Musik gehört haben und das war das tank- und und äh ähm Artilleriefeuer der russischen Armee und ich glaube diese äh Gräben haben keinerlei äh nicht viel geholfen und äh

Daniel Baranowski

[2:04:26] wie haben Sie wie haben Sie in diesem Lager gelebt ?   waren das Baracken ?

Kenneth James Arkwright

[2:04:30] in die- in diesen Lagern lernt man nicht länger auf der Toilette zu sein wie zwei Minuten äh denn es war eine offene Toilette im Winter äh und äh wenn man da länger gesessen ist ist man angefroren äh da hat man äh äh gelernt ähm äh   tolerant zu sein

[2:04:55] es gab da Juden die gekauft waren und die äh Weihnachtslieder gesungen haben äh mit anderen die äh die jüdische Religion de- in derselben Baracke äh äh in our Baracke war ein äh Fleischer äh äh sein Sohn ist jetzt Präsident der Jüdischen Gemeinde

[2:05:18] in äh Erfurt und äh äh da haben wir ein verendetes Reh im Wald gefunden und da haben wir ihn gefragt ob ob er äh äh das sich mal ansehen wird ob das Reh tot war oder ob man das noch essen kann und da haben wir uns das hat er uns das Reh zubereitet und

[2:05:39] dann haben wir das verendete Reh äh äh in einem Eimer gekocht in der Baracke äh äh  

[2:05:46] mein äh Bettgenosse you know waren so zweistöckige Betten da war ein Doktor Heinz (Goetzel) er war Heinz (Goetzel) war ein äh jüdischer Rechtsanwalt aus Görlitz glaube

[2:06:05] ich und er war ein richtiger Preuße und der hat gesagt dass Juden haben zu leiden weil sie sich äh nicht stramm genug gehalten haben und er hat immer gesagt »ihr müsst die Baracken sauber halten und ihr müsst richtig marschieren« und er war sehr unbeliebt

[2:06:23] und ich hab ihn einen sehr netten Mann gefunden er hat mir geholfen mit mit Lateinisch mit Griechisch mit Geschichte er war ein sehr interessanter Mann und er hat mal etwas gesagt was mir das Leben gerettet hat er war ein Rechtsanwalt und er hat gesagt »es

[2:06:41] gibt zwei Dinge   es gibt   Gerechtigkeit und das Gesetz«   und mit allen Nationen und zu allen Zeiten hat das Gesetz sehr oft wenig mit Gerechtigkeit zu tun   und er hat gesagt »in Deutschland gibts jetzt Gesetze aber keine Gerechtigkeit« und ich hab mir das

[2:07:09] gemerkt

[2:07:11] und äh äh wie wir diese Musik der äh russischen Artillerie gehört haben musste das Lager losmarschieren und dann sind wir   ungefähr 300 Kilometer gelaufen   und die müss- hau- kaum kann man sich kaum vorstellen die Straßen waren völlig verstopft

[2:07:34] denn Deutschland hat lieber den Krieg an die Amerikaner verloren wie an die Russen da kamen deutsche Truppen die dies [gestikuliert] so gegangen sind dann sind die äh Konzentrationslagerleute die sind äh so gelangen die deutschen Bauern die deutschen Breslauer

[2:07:54] und so weiter sind auf den die Straßen waren völlig verstopft und da sind wir durch äh äh Dörfer gegangen und ich werde das nie vergessen äh die haben die Kühe zurückgelassen in den Ställen und die Kühe sind nicht gemelkt worden und die haben Milch-

[2:08:11] Milchbrand bekommen und das Schreien der Kühe äh äh ist unvergesslich ab und zu haben die deutschen Soldaten die Kühe erschossen wenn sie wenn se dazu Zeit hatten also jedenfalls sind wir da zu dem Konzentrationslager ähm Groß-Rosen gelaufen und äh

[2:08:33] mein Freund und Nachbar Doktor Heinz (Goetzel) äh ist plötzlich umgefallen ob er eine Herzattacke hatte oder ob er einen Gehirnschlag hatte wer weiß und äh der Gestapo-Wachmann hat den Herrn Nossen den Fleischer Nossen und mich gesagt »grab ihn ein ! und

[2:08:58] wenn ihr nicht zurück kommst« äh hat er sein Pistole an Gesicht äh den kalten Pistolen an an den Kopf gemacht nicht »erschießen wir euch !« und ähm   da haben wir den den Doktor (Goetzel) war keine keine Hoffnung ihn einzugraben denn äh in diesem kalten

[2:09:17] Winter die ist wie Beton die Erde äh das muss man ha- haben wir ihn an den Seite des des äh Grabens da gelegt und der Nossen hat zu mir gesagt »ich sprech Russisch   versteck dich nicht mich äh des des mit mir bi- bis die russische Armee uns übernimmt«

[2:09:39] und ich war ein guter Junge ich b- der hat gesagt er wird mich erschießen äh das das und ich sollte mitmarschieren äh ich hab das nicht gemacht aber der Nossen der hat das gemacht und der ist dann als ein Mitglied der russischen Armee äh äh für kurze

[2:09:57] Zeit äh zurückgekommen äh und wir sind ja ?

Daniel Baranowski

[2:10:02] ähm de die Entfernung von Grüntal nach Groß-Rosen wie viel wie wie viel wie lang ist das ? und die zweite Frage da ist Ihr Vater

Kenneth James Arkwright

[2:10:12] [gleichzeitig:] (___) erstens mal die Frage ist wir sind nicht direkt wir sind über Leubus gelaufen äh sie haben uns laufen lassen wo nicht so viel weniger äh Verkehr war äh ich glaube wir müssen 300 Kilometer oder irgend so was sind wir nicht mehr gelaufen

[2:10:27] und und und das Schlimme war äh wir hatten keine richtigen Schuhe da gabs solche äh Holzsohlen mit äh ähm Leinwand darüber und diese Holzsohlen der Schnee wenn man da drin läuft der äh   klebt an und die Sohlen gehen gehen höher und höher es ist es

[2:10:48] ist so sch- schwer darin zu laufen und wir hatten nicht nichts richtiges warmes zu zu äh tragen und äh äh die vor uns äh liefen die äh Auschwitz-Leute und ich kann mich erinnern vor uns äh marschierten von Auschwitz Hunga- äh Un- Frauen von Ungarn und

[2:11:13] äh wir waren dauernd beschäftigt die Leichen die da auf der Straße zurückgeblieben sind auf der Seite zu legen und äh wie wir da so wie wir Groß-Rosen hier das habe ich hinterher eine Fotografie gefunden äh   [zeigt eine Kopie] Groß-Rosen das ist hier

[2:11:32] ein Appell in Groß-Rosen zum Essen  

[2:11:36] now äh wie wir in Groß-Rosen angekommen sind interessante kleine Kleinigkeiten äh die deutsche Armee die SS die haben sie gebraucht zum Verteidigen Deutschlands und da waren Hitlerjugend äh alte Leute die dies die

[2:11:57] dies geblieben die das Konzentrationslager äh bewachen mussten wir waren 46000 Menschen in diesem Konzentrationslager es war nicht äh in ner kleinen äh ja und wie wir da angekommen sind in Groß-Rosen da war ein junger Soldat der muss gerade weiß nicht

[2:12:19] 18 16 Jahre alt gewesen sein und der hat mich rüber zu ihm rübergerufen und der hat mir eine Zigarette angeboten und ich grübele heute noch   warum hat er mir eine Zigarette angeboten ? hat er hab ich ihm leid getan ?   hat er sich gesorgt was wird mir gesch-

[2:12:41] mit mir geschehen wenn diese ganzen Leute äh äh ähm you know wenn der Krieg zu Ende ist äh und ich hab nicht gewagt das war meine erste Zigarette die ich je geraucht hab ich hab nicht gewagt die Zigarette nicht zu nehmen   das war meine Einfahrt in das

[2:12:59] Konzentrationslager Groß-Rosen und das Konzentrationslager Groß-Rosen war schon im Aufbruch auch   äh vor den Russen zu zu fliehen wir waren ich war eine Z- kurze Zeit da denn die russischen äh tanks und äh äh Geschütze haben bald damit äh sind bald

[2:13:20] damit nachgekommen und äh äh Groß-Rosen war völlig überfüllt denn von Auschwitz von (_) äh wir sind in einem Tanzsaal untergebracht worden ja und äh ähm ich kann mich noch erinnern einer der Mitgefangenen da die haben einen alten Flügel im Tanzsaal

[2:13:43] ge- ge- äh gelassen der hat da gespielt auswendig gespielt Chopin was ist immer kann mich nicht erinnern welche Stücke klassische Stücke und es ist eine eigenartige Sa- saßen wir alle in dem Tanzsaal vor Groß-Rosen und haben zugehört äh äh klassische

[2:14:02] Musik äh und den nächsten Tag ging die Misere weiter also es war eine eigenartige Sache äh

Daniel Baranowski

[2:14:11] man weiß man weiß so wenig heute immer noch über diese Märsche relativ wenig ähm deswegen ähm würde ich gerne nochmal nachfragen ähm   da- das sind ja mehrere Tage gewesen die Sie unterwegs gewesen sind durften Sie sich unterhalten ? sind Sie in Kolonnen

[2:14:29] gelaufen ?

Kenneth James Arkwright

[2:14:31] [gleichzeitig:] ja   in Kolonnen gelaufen ja in Kolonnen gelaufen manchmal mussten wir von der von der Straße runtergehen weil deutsche Soldaten in wir wandern Wege nicht äh äh ähm dann äh haben sie uns äh ne andere Straße gegangen weil äh deutsche

[2:14:51] Bauern mit ihren Wagen Sie sehen ja das auf der Wochenschau jetzt äh geflohen sind von äh Ostpreußen Schlesien Pommern nicht äh von die die waren die Straßen ganz verstopft und äh ähm das Schwierigste war zu essen die ham wir haben keine Feldküche

[2:15:11] mitgenommen also was was hat man gegessen ? was was was die die Bauern hinterlassen haben da gesucht gestöbert you know ? se- se- (sehen Sie uns eine aus) äh also es war eine sehr sehr sehr schwierige Kiste

Daniel Baranowski

[2:15:24] [gleichzeitig:] (__)

Kenneth James Arkwright

[2:15:26] de- diese Märsche waren und und es war ungefähr zwanzig Grad Kälte die Schuhe funktionierten nicht richtig mit denen die Holzschuhe dazu marschieren äh äh Ärzte gabs nicht und äh äh Medizin gabs nicht und äh es ähm

Daniel Baranowski

[2:15:46] wo haben Sie übernachtet ?

Kenneth James Arkwright

[2:15:49] wo haben wir übernachtet ? in einem deutschen Dorf geht in packt sie in äh eine Schule äh in ein äh äh ähm äh   Ba- wir waren verhältnismäßig glücklich denn dieses äh Lager Arbeitslager Grüntal hat vielleicht 300 400 Leute da gehabt also die 300

[2:16:10] 400 Leute in ein Haus einzupferchen war nicht so schwer die Leute die von Auschwitz natürlich gekommen sind die sind vielmehr gestorben die sind äh nicht auf der Straße geblieben (zum Teil)   und äh äh die äh   äh   dann ist Groß-Rosen   abge- -schoben

[2:16:44] und in Groß-Rosen waren 46000 Menschen und die meisten sind äh nach Buchenwald und ähm äh an der äh wo die Anne Frank gestorben ist im

Daniel Baranowski

[2:16:57] Bergen-Belsen

Kenneth James Arkwright

[2:16:59] Berl- Bergen-Belsen gekommen ja und äh äh

[2:17:05] da habe ich mich erinnert an meinen Freund den ich begraben hab [gestikuliert] oder irgend ah den äh Doktor (Goetzel) äh es gibt Gesetz und es gibt äh Recht und da habe ich gesagt »jetzt genug ist genug äh äh  

[2:17:21] ich schiebe ab« und äh zu damaliger Zeit auf dem äh Bahnhof in Jauer das war nicht far von nicht weit von dem Konzentrations-   ein Billett brauchte man sich nicht kaufen zu dieser Zeit äh wenn ein Zug da war konnte man reingehen wenn Platz war äh da sind

[2:17:44] wir am am Zug reingegangen ich habe keine Ahnung wo wo der Zug hatte keine Ahnung wo der Zug hingeht äh äh hab mich in die Toilette des Zugs eingeschlossen und bin da drin geblieben äh äh ich weiß nicht was die anderen in diesem Zug gemacht haben [lacht]

[2:18:03] äh und der Zug ist abgegangen und wir haben Glück gehabt der Zug ist in Halberstadt   geblieben äh   wir sind in Halberstadt ausge- und ich habe Ihnen vorher erzählt in Halberstadt da hatte mein Vater eine Cousine die in privilegierter Mischehe lebte und

[2:18:25] wir sind zu ihr am Abend gegangen und sie hat sich sehr gefreut dass wir gelebt haben und sie war erschrocken äh was wir ih- how wie wir sie wie wir sie gefährden könnten und äh an demselben Tag wie wir nach Halberstadt ge- angekommen sind war ein Luftschutzangriff

[2:18:47] und äh jeder geht in den Luftschutzkeller aber wer waren wir ? wie konnten wir in den Luftschutzkeller gehen ohne sie zu gefährden ? und da haben wir äh sind wir oben geblieben und haben einen Teil Halberstadts abbrennen sehen

[2:19:03] und äh das war dann äh   äh

[2:19:08] auf der in der Bahnhof von Halberstadt war ein Munitionszug ein deutscher Munitionszug der getroffen worden ist und ein Teil des Bahnhofs war dadurch zerstört und da hat die äh Verwaltung da ein Züge organisiert und äh die Frage »was wie heißen Sie ?«

[2:19:34] Klaus Schneider äh »wo was ist Ihre Religion ?« »evangelisch« äh äh »wo äh wohnten Sie ?« in Breslau mit einer falschen Adresse äh »wie äh alt waren Sie ?« äh ich hab mich jünger gemacht mein Vater älter gemacht äh äh denn denn ich wollte nicht

[2:20:02] ähm eingezogen oder irgendwie wer- werden und der Vater auch nicht und äh »steigen Sie ein auf diesen Zug« und da sind wir eingestiegen und da sind wir nach in Tirschenreuth äh das ist äh Unterfranken äh das ist an Fichtelgebirge gelandet

Daniel Baranowski

[2:20:23] entschuldigen Sie dass ich jetzt gerade so häufig unterbreche aber

Kenneth James Arkwright

[2:20:25] [gleichzeitig:] nein nein nein

Daniel Baranowski

[2:20:26] jetzt kommen so viele Stationen können Sie dazu nochmal vielleicht zeigen Sie nochmal ähm kurz das das Dokument   und

Kenneth James Arkwright

[2:20:33] [gleichzeitig:] ja äh ja das Dokument das Dokument [zeigt das Dokument] ist ei- ein Dokument das zeigt hier die Abmeldung von von äh Tirschenreuth

Daniel Baranowski

[2:20:44] [gleichzeitig:] ja   ach so mhm

Kenneth James Arkwright

[2:20:45] äh das ist die Abmeld- das ist ja ja

Daniel Baranowski

[2:20:47] [gleichzeitig:] schon zu okay dann können wir es gleich noch

Kenneth James Arkwright

[2:20:49] vielleicht nachher nochmal

Daniel Baranowski

[2:20:50] wie sind Sie wie sind Sie darauf gekommen sich einen anderen Namen zu geben sich das mit dem Alter zu überlegen ? war das spontan ? haben Sie sich darauf vorbereitet ?   das warn

Kenneth James Arkwright

[2:20:59] [gleichzeitig:] was war   was was konnte könnten wir sonst tun ?   was war was war die Alternative ?   es gab doch keine   viele dieser d- viele dieser Entscheidungen sind einem wie soll ich sagen äh aufgezwungen worden nicht ?

Ruth Preusse

[2:21:20] in welchem äh körperlichen Zustand waren Sie und Ihr Vater ?

Kenneth James Arkwright

[2:21:25] das werde ich Ihnen das werde ich Ihnen gleich äh bald erzählen keinen keinen sehr guten körperlichen Zustand nein äh   wir sind dann   abgezogen in Tirschenreuth äh es war eine ziemlich lange Reise

Daniel Baranowski

[2:21:42] mit Ihrem Vater ?

Kenneth James Arkwright

[2:21:43] ja mit meinem Vater und am am Ende des jedes deutschen Zuges äh das ist deutsche Geschichte äh war ein äh Flugabwehrwagen äh denn die Amerikaner haben die F- äh Züge gebombt oder die Engländer und da gabs eine Abwehrkanone am letzten Wagen des des Zuges

[2:22:07] äh wir ähm  

[2:22:09] Tirschenreuth sind wir eingeteilt worden zu einem Bauern der hieß Häckl und der wohnte in einem Dorf called Neudorf »da arbeiten Sie und helfen dem Bauern mit seinem Vieh und seinem äh Erntearbeiten und dafür kriegen Sie dort ein Zimmer

[2:22:29] und äh ähm   äh Essen« und da sind wir beim Bauern Häckl angekommen und äh dieser Teil Bayerns war eine streng katholische äh Gegend der Sohn des Bauer Häckls war Priester in der nächsten kleinen Dorf das hieß Konnersreuth und Konnersreuth war unter

[2:22:59] den Katholiken sehr bekannt denn in Konnersreuth war die Heilige Therese von Konnersreuth die jedes Jahr ihre Stigmata hatte und die äh der Bauer Häckl war nicht äh dass wir evangelisch da gesagt haben äh war ein guter Zufall denn sonst hätt er uns mit

[2:23:24] in die Kirche geschleppt äh ich hab da nichts gegen die Kirche gehabt aber aber Menschen zu sehen und zu treffen war äh nichts Gutes und ähm   äh   da hab ich gearbeitet auf dem äh da hab ich wieder ein bisschen   äh zugenommen und äh das Feld mit Ochsen

[2:23:56] gepflügt und die Ställe entmistet und was was was zu tun war und äh das ging für einige Zeit und äh  

[2:24:10] äh welchen Zu- Zustand war ich ? da ist muss ich mich an irgendwas gekratzt haben und da ist Kuhmist in meinen Finger gekommen hier sehen Sie noch

[2:24:23] einen Schnitt und äh äh für mich zur äh   Krankenhaus zu gehen das zum Arzt zu gehen das war lebensgefährlich und äh der Bauer sagt »ach das kann ich behandeln äh gekautes Brot macht man darum und Blätter« und äh äh Lehm und Essig drauf ich weiß

[2:24:48] nicht ob das noch gibt essigsaure Tonerde gibts das noch ? ja ? das ist also meine das war Lehm und Essig drauf also das hat gar nichts geholfen ich hab so einen roten Strich darauf bekommen und ob ich es wollte oder nicht wollte ich musste äh äh vier Kilometer

[2:25:08] mit dem Ding da nach äh Waldsassen das nächste Städtchen war gehen und die wollten mich nicht wissen da waren zu viele deutsche äh Ge- Verwundete und äh ich hab mich äh gesorgt äh dass wenn sie mir einen Ätherrausch geben dass ich da vielleicht spreche

[2:25:28] oder was unter den äh äh jedenfalls sie haben mir den Finger aufgeschnitten alles war in Ordnung und äh äh ich musste sofort danach die drei vier Kilometer wieder zurück laufen und zu dieser Zeit äh waren die Jagdflieger die englischen und und amerikanischen

[2:25:50] die haben äh gerne geschossen auf Kühe die da rumgelaufen sind und Bauern die da rumgelaufen sind also auf dem Wege musste man sich in den äh Straßengraben schmeißen um zu hören um um das zu tun und ähm das ging äh dann kam eine neue Tragödie und

[2:26:14] äh die neue Tragödie war dass ich äh eine Aufforderung bekam mich zur Einziehung zum Militär zu melden   und das war ungefähr anderthalb Monate vor dem Ende des Krieges now äh   ich weiß nicht äh jetzt gibt das wahrscheinlich nicht mehr jetzt gibts beim

[2:26:39] Militär Frauen   und Männer die Soldaten sind damals gab es nur Männer Frauen haben beim Militär nichts zu suchen zu gehabt und äh die Männer mussten sich äh oder die Jungs was äh an einer Reihe anstellen äh nackt ausziehen und da wurden sie untersucht

[2:27:03] ob sie militärfähig waren und äh diese Methode nannte sich auf deutsch äh eine Schwanzparade äh und äh [lacht] äh das war für mich sehr gefährlich äh denn b- jüdisch zu sein mein Schwanz sah different aus von every- von jedem anderen und die Frage

[2:27:24] war werde ich das überstehen ? wird ein Doktor fragen »was ist mit dem los ?« und äh der Militärarzt hat mich untersucht ich weiß nicht ob er gesagt hat »aha das jetzt das ist eine interessante Geschichte den werden wir zum Militär schicken« und äh

[2:27:48] ähm er hat äh mich gefragt äh welches will ich Artillerie oder Infanterie oder was wirst will ich sein und ich hab äh gesagt Fallschirmjäger weil ich gehofft hab gehoff- dass keine Flugzeuge mehr gibt dann wenn wenn ich soweit bin und er hat gesagt »nein

[2:28:07] nein nein nein das brauchen wir nicht Fallschirmjäger brauchen wir nicht aber Sie sehen sehr arisch aus und sind sehr groß wir werden Sie zur Waffen-SS schicken« und äh das war musste ich wieder nach Hause laufen und äh Sie haben gefragt äh was habe

[2:28:29] ich an verschiedenen Tagen äh fü- Sachen für Sorgen gehabt da habe ich mich gefragt was soll ich da tun ? soll ich mich äh äh einziehen lassen und die Pistole benutzen um mich zu erschießen ?   soll ich zur Waffen-SS gehen ? wem kann ich dann sagen ich bin

[2:28:52] Jude das war meine meine Sache es war ein hoffnungsloser Fall

Ruth Preusse

[2:28:58] ähm darf ich nochmal eben fragen also Sie sind sich sicher der Arzt äh hat Sie als Jude erkannt was ist mit den anderen äh nackten jungen Männern um Sie herum gewesen ?

Kenneth James Arkwright

[2:29:08] ah das ist äh äh   ka- kann ich Ihnen nicht die Frage kann ich Ihnen nicht beantworten ob der Arzt äh äh auch selber abschließen wollte und gesagt hat »wir machen das so schnell wie möglich ich will gar nicht richtig hingucken« oder ob der Arzt gesagt

[2:29:26] hat »komisch ach ich hab keine Zeit mich darum zu kümmern« äh äh äh ob die Jungs die wussten wie wie schwierig der Krieg war äh nur da gezittert haben und losge- Glück ist das einzige Wort was ich dafür finden kann  

[2:29:47] jedenfalls der Krieg war zu Ende

[2:29:50] bevor das war 14 Tage drei Wochen bevor der Krieg zu Ende war und äh in dem Bauernhof äh gegenüber war der Partei- äh äh -repräsentant in diesem Dorfe und interessanterweise äh ob die Amerikaner das gewusst haben das ist das einzige Haus in Neudorf

[2:30:16] das äh aus mit Brandbomben beworfen ist und leider äh der Besitzer des Hauses hat kein Problem davon gehabt aber die äh ich kann mich noch erinnern das Schreien der Kühe und der Ochsen die aus dem Stall raus wollten und der Kopf äh steckte raus und der

[2:30:37] äh Hinterteil ist ist verbrannt äh aber ich glaube das war Krieg wo   das war das Problem des Krieges äh am nächsten paar Tage kamen die Amerikaner es war ein schöner schöner Sommertag in einer mit ihren Gewehren da lang marschiert und ich muss ich hab

[2:31:04] viele wahnsinnige Sachen gemacht die Bauern die haben eine weiße Fahne rausgehangen Ergebensfahne und ich hab mich ich bin raus gegangen und hab mir das angesehen now die Soldaten äh die sagen »wer ist der guy Junge der da steht können wir abschießen«

[2:31:24] jedenfalls äh äh eine andere interessante Situation äh ein Amerikaner mit seinem Gewehr kam auf mich zu und sprach in perfektem Deutsch äh ob ich ihm sagen kann wer im Dorf ist ob ist da noch Artillerie ist da noch deutsche Truppen u- und so weiter und

[2:31:43] ich hab ihm das genau gesagt dass da nichts ist und ich hab ihm auch gleich gesagt ich bin jüdisch und ein a- mit so wenigen Sätzen wie ich das tun konnte und äh der Mann hat sein Gewehr da hingelegt und der hat gesagt »ich auch bin auch ein deutscher

[2:32:05] Jude ich bin ausgewandert in 1938« und da standen wir uns beide geradeüber war eine eigenartige Situation einer äh der dies Hitler überlebt hat um auszuwandern und zurückgekommen ist mit einem Gewehr mit dem (athenischen) mit der Armee und und ich jedenfalls

[2:32:26] hat er mir geraten »sprechen Sie nicht sagen Sie nicht bleiben Sie da da ist noch SS in den Wald- Wäldern das ist Fichtelgebirge« und nach einigen Tagen habe ich mich gemeldet bei der äh äh äh amerikanischen Militärbehörde und die haben mir einen Ausweis

[2:32:44] gekommen

[2:32:46] und ich hab gegen die diese Bauer Bauersfamilie die waren sehr anständige Menschen und wie erzählt man der Bauersfamilie diese Geschichte ? äh es war eine Familie die streng katholisch war und zu dieser Zeit noch gelernt haben die Juden haben Jesus

[2:33:09] umgebracht und ihr äh belief ihr Glaube war ein primitiver Glaube mit der äh äh nicht ein moderner katholischer Glaube und ähm äh jedenfalls haben wir uns da um den Tisch rumgesetzt und äh der alten Frau gesagt dass wir jüdisch waren und die waren sprachlos

[2:33:35] die haben da gesessen mit dem Mund weit offen und äh ich glaube das ist eine interessante Geschichte wie ist die Frau aufgestanden und hat gesagt »ach ja Juden sind ja auch Menschen« also das diese Erkenntnis äh von einer Frau die einen sehr primitiven

[2:33:56] Glauben hatte einfachen Glauben hatte und das war ein ein ein eine besonderes Ereignis und wir haben ihr gesagt dass wir äh gleich abschieben müssen wir wollten ich wollte sehen was mit meiner Mutter geschehen ist und ähm äh äh das war Erntezeit da war

[2:34:19] Ernte war war nicht schwer sie da allein zu lassen äh ein Sohn war Priester ist erschossen worden an der in an der Front und der andere Sohn er war verletzt er hatte ein Bein was nicht funktionierte vom Krieg Verwundung und dann sind wir früh um sieben wollten

[2:34:38] wir loslaufen von dem Bauernhof in Neudorf durch das Fichtelgebirge Eisenbahnen gabs damals nicht und so was äh und äh da hat die Frau die Bauersfrau die Frau Häckl gesagt »ihr müsst warten ich hab ein Geschenk für euch« und da ist die Bauersfrau die

[2:34:56] war eine äh ne dicke Maschine äh von dem Dorf zwei d- zwei drei Kilometer zu ihrer Kirche in Konnersreuth gelaufen und zurück gekommen und da hat sie mir eine hat sie uns eine ganz große Flasche Weihwasser mitgegeben na ich glaube das ist eins der ernsten

[2:35:18] Geschenke die wir jemals bekommen haben   äh ich will behaupten eine Flasche Weihwasser rumzutragen über das Fichtelgebirge äh äh wirklich das war nicht das Wichtigste für uns aber es war wirklich ein eine eine sehr was Besseres konnte sie uns nicht geben  

[2:35:38] jedenfalls sind wir die über das Fichtelgebirge ge- gelaufen und wieder zurück nach Halberstadt gelaufen und äh äh in Deutschland ist die äh Wasserleitung sehr äh oft mit der äh Kanalisation durcheinander gekommen und die Folge war dass Typhus äh in

[2:35:56] Deutschland zu dieser Zeit nicht äh äh äh   oft vorkam und äh ich kam an in Halberstadt und hatte Typhus und hab ein eine Woche meines Lebens in Halberstadt ha- äh amerikanischen hospita- äh Krankenhaus verloren ich kann mich da an nichts erinnern und

[2:36:19] äh ich hab Glück gehabt äh dass ich den amerikanischen Ausweis da hatte denn äh äh Typhus damals ich weiß nicht Penicillin und deutsch- Medikamente waren nicht so äh ganz hat eine Woche gedauert und äh dann sind wir weiter gelaufen äh eine Zeit habe

[2:36:41] ich auch im Leichenwagen auf einem Sarg gesessen den sie nach Leipzig reingeführt dann bin ich in Leipzig eingezogen äh und äh äh   Magdeburg war äh ein großes Problem da hörte die äh amerikanische Zone auf und dann dann russische Zone und da war der

[2:37:04] Fluß Elbe und da sind wir mit einer Ausweis amerikanischen Ausweis über die Freundschaftsbrücke in Magdeburg gegangen und die Russen »njet njet njet kein kein Interesse« und äh da ist ein Deutscher auf uns zugekommen und hat gesagt äh »wenn Sie mir

[2:37:26] Dollars geben bring ich Sie über die Sch- Elbe« und »Dollars haben wir nicht nur Brot einen Rucksack voll Brot« und da hab ich einen ganzen Tag mich angestellt an jeder Bäckerei die Brot hatte und hab einen Rucksack gesammelt und hab mich mit dem Mann

[2:37:49] wieder getroffen mit seinem kleinen Paddelboot da und da hat er gesagt »nee nee am Tag können wir da nicht rübergehen ich nehm die Brote von Ihnen«   wird er jemals wiederkommen ? oder wird er nur die Brote uns abnehmen ? äh nachts ist er wiedergekommen

[2:38:03] es war eine Nacht ohne Mondschein und wir sind über den äh Fluss Elbe illegal gegangen und waren in der russischen Zone und in der russischen Zone äh ähm   äh hat uns russische Soldaten empfangen   »habt ihr eine Uhr ? äh was habt ihr Geld ? irgendwas ?«

[2:38:34] wir hatten nichts die waren sehr enttäuscht nach Berlin und dann sind wir nach Berlin gegangen und äh dasselbe ist wieder geschehen wir wollten über den Fluss der Oder mussten wir kommen nach Schlesien und äh der erste Versuch war äh die Russen haben

[2:38:56] das zweite Gleis der Eisenbahn abgeschraubt und da haben wir eine Nacht in einem Güterwagen auf Schrauben geschlafen oder nicht geschlafen und äh dann haben Sie uns von dem Wagen runtergeschmissen »nein nein das ist dort nicht erlaubt« und äh die Russen

[2:39:16] haben deutsche Möbel gestohlen und äh da waren äh Güterwagen voll deutscher Möbel und da bin ich auf den Güterwagen raufgegangen und in einen Schrank und hab die Tür von innen zugemacht und äh da sind wir keine Ahnung ob der Zug nach Breslau ge- gefahren

[2:39:39] wird aber jedenfalls der fährt fuhr nach Osten und es war August und es war ist man fast umgekommen in dem Schrank in der Sonne im Güterwagen und äh wie der Zug abgefahren ist die Tür aufgemacht ein bisschen frische Luft und auf der anderen Seite uns geradeüber

[2:39:58] war auch ein Schrank und die Tür aufgemacht und da war noch ein Gast auf dem Güterwagen und waren die russisch waren die polnisch äh deutsch ? kein Wort gesprochen   der Mann hat nicht gesprochen ich hab nicht gesprochen und dann sind wir da gefahren bis

[2:40:19] vor Breslau

[2:40:20] und äh in Breslau war ich so erschöpft äh wir haben unser unsern Rucksack geschlafen und bin aufgewacht einem Vorort von Breslau und der Rucksack war weg und alles was ich besaß war das was ich anhatte und zwei Bücher die ich in einer jeder

[2:40:45] Tasche hatte in der einen Seite war es die Feldpostausgabe von Goethes »Faust« den ich sehr gerne habe äh den ich deutsche Soldaten irgendwo übrig gelassen haben und auf der anderen Seite war es ein amerikanisches Gebetbuch jüdisches Gebetbuch was mir

[2:41:05] der äh Mann überlassen hat ein Armee-Gebetbuch und das war auch sehr interessant das habe ich immer noch das eine Seite war die orthodoxen Gottesdienst und die anderen Seite war der liberale Gottesdienst und die haben sich nicht gebissen und äh das war

[2:41:22] alles was wir was wir noch hatten und nach Breslau äh die Eisenbahn konnte man nicht reinfahren da mussten wir ich weiß nicht wie viel Kilometer reinlaufen nach Breslau äh ähm in äh und da sind wir am jüdischen Friedhof vorbei gegangen äh die Russen

[2:41:42] haben gesagt »nee nee nee nee« da haben sie Minen da waren Landminen da durften wir nicht reingehen und da haben wir unsere Mutter wiedergefunden unsere Mutter hat ein anderes Schicksal gehabt die letzten Juden von Breslau hat die Gestapo auf einen Oderkahn

[2:41:56] geladen und den wollten sie wollten sie in der Mitte der Oder in die Luft sprengen und die Russen waren auf der anderen Seite der Oder und die dachten die deutsche Armee wolle den Oderkahn da rüber kommen und die haben so viel geschossen dass sie das aufgeben

[2:42:12] musste die Gestapo und äh die ähm   äh   äh mussten sich am nächsten Tag äh alle bei der Gestapo melden und die dumm genug waren und sich gemeldet haben sind außerhalb der Stadt Breslau erschossen worden und meine Mutter ist äh geflohen und hat sich

[2:42:46] äh deutsche Ha- es war üblich in Breslau zu dieser Zeit jedenfalls äh Früchte einzulegen und und und Kartoffeln einzulegen und Fleisch einzulegen also die Breslau die Stadt Breslau hatte 800000 Einwohner und zu damaliger Zeit waren noch äh 120000 übrig

[2:43:19] geblieben und den Rest ist   geflohen und äh da hat sie sich unten ernährt von diesen Überbleibseln und äh äh eine Geschichte die sie mir dann noch erzählt hat ist äh ähm die äh   einer der Familien die mit uns zusammen gewohnt haben äh der war neugierig

[2:43:31] wie die Bomben gefallen sind und der hat Bombensplitter durch seinen Körper bekommen und meine Mutter mit seiner Frau hat ihn an auf einem Handwagen äh vom äh Lazarett zu Lazarett geschoben und äh die haben ihm gesagt »ach Juden nehmen wir nicht« und

[2:43:52] er ist auf dem Lastwagen da auf dem Handwagen gestorben ein Herr Cohn Max Cohn und äh ähm zu dieser Zeit die Deutschen sind geflohen von Breslau die Polen from äh Stalin hat Ost- äh -polen de- Polen nicht zurückgegeben und hat daher den Polen Ostpreußen

[2:44:17] Pommern Schlesien gegeben und äh äh Stalin wollte die eigentlich Russland daraus erweitern und da gab es zwei Armeen in Breslau da war es die polnische Miliz äh und die russische Besatzungszo- zone und zu dieser Zeit haben sich beide auf der Straße noch

[2:44:39] rumgeschossen und ich bin zu die Breslauer Oper ist übrig geblieben ich bin zur Oper noch gegangen bevor ich Breslau verlassen habe da haben sie die einzige polnische Oper die ich kenne gegeben »Halka« heißt die und äh nach der Opernvorstellung äh äh

[2:45:00] bin ich fast es ist erstaunlich dass ich überlebt hab das Feuer äh Schießerei zwischen der polnischen Miliz und der russischen Besatzungszone und eine äh Schulfreundin und ihre Mutter die äh von Auschwitz zurückgekommen sind nach Breslau äh ähm und

[2:45:20] Auschwitz überlebt haben ein russischer Soldat wollte die Mutter vergewaltigen und das hat ihr nicht gefallen und da hat er sie erschossen und das ist auch sehr tragisch nachdem sie Auschwitz überlebt hat   äh nach der Befreiung ist sie erschossen worden

[2:45:38] also es war keine Hoffnung in in in Breslau zu bleiben

[2:45:41] äh wir äh die Deutschen waren hatten nur ein Handicap da die waren Deutsche wir hatten zwei Handicaps wir waren Juden und Deutsche und äh da hat die äh Stadtverwaltung die Autobusse der Stadtverwaltung

[2:45:55] in äh   in Erfurt haben die Gef- polnischen Gefangenen von dem ähm   Konzentrationslager Buchenwald äh was nicht weit von Erfurt ist bei Weimar nach Polen zurück gebracht und die sind leer zurück gefahren und da sind die Überbleibsel der Breslauer Jüdischen

[2:46:20] Gemeinde nach Erfurt gefahren und da haben wir in Erfurt dann uns niedergelassen und zu dieser Zeit haben Erfurt war noch   kurz vorher ein Teil der amerikanischen Zone und die Amerikaner haben äh Erfurt umgetauscht für die amerikanischen englischen und französischen

[2:46:46] Sektor in Berlin denn Berlin war russisch ja

Ruth Preusse

[2:46:50] ich würd gerne äh eigentlich habe ich zwei Fragen aber vielleicht zu zuerst nochmal äh wie haben Sie äh Ihre Mutter gefunden als Sie zurück nach ähm nach Breslau kamen äh sind Sie zu alten Adressen gegangen und haben gefragt oder

Kenneth James Arkwright

[2:47:09] [gleichzeitig:] die paar nein nein die paar jüdischen Überlebenden da in Breslau äh die haben äh äh in in derselben jüdischen Straße sind sie da geblieben

Ruth Preusse

[2:47:16] in der Wallstraße ?

Kenneth James Arkwright

[2:47:20] in der Wallstraße ja äh ist interessant das geht zum äh   Mittelalter zurück äh wenn Sie untersuchen wollen jede deutsche Stadt das jüdische Viertel war immer an der Wallstraße oder an der war an der Verteidigungsmauer der Stadt denn kein Mensch wollte

[2:47:39] dort wohnen äh äh ich wenn wenn wenn die Stadt belagert wurde und beschossen wurde und und und die ganze Aufruhr war immer also die Wallstraße ob das in in in Frankfurter Ghetto ist ob das wo das auch immer ist äh äh das war mal ein jüdisches Viertel

[2:47:58] und da haben sie sie wieder hingesteckt

Ruth Preusse

[2:48:00] und äh wie hatten seit dem Zeitpunkt ähm als Sie Breslau verlassen hatten Sie und Ihr Vater keinen Kontakt mehr mit der Mutter oder haben Sie (_____)

Kenneth James Arkwright

[2:48:09] [gleichzeitig:] nein nein überhaupt kein Kontakt ich hatte keine Ahnung ob meine Mutter überlebt hat oder nicht überlebt hat

Ruth Preusse

[2:48:15] [gleichzeitig:] mhm

Kenneth James Arkwright

[2:48:16] meine Mutter ist zurückgeblieben erst musste sie Straßenbahnwagen waschen in der Nacht äh äh und dann war sie bei der FAMO FAMO ist Fahrzeit- und Mo- Fahrzeug- und Motorenwerke das war eine Fabrik die rüstungswichtig war und äh äh der Gauleiter Hanke

[2:48:37] äh der war ein Wahnsinniger der hat geglaubt dass äh Breslau eine Festung sein soll und äh wenn Berlin und Deutschland verloren wird dann wird der Nationalsozialismus wieder Deutschland von Breslau aus erobern und äh den Breslauer äh äh Bürgermeister

[2:48:59] den müssen Sie nachlesen äh ich hab den Namen im Moment vergessen der Breslauer Bürgermeister der Breslau aufgeben wollte und nicht völlig zerstört haben wollte für die Festung Breslau den hat der Hanke öffentlich erhängen lassen der war nicht jüdisch

[2:49:13] natürlich but äh äh der hat schreckliche und der jüdische Friedhof in Breslau äh äh das ist Albert Einstein hat gesagt äh äh »Gott hat einen sehr guten Humor« äh die äh SS und andere deutsche Truppen die in Breslau gefallen sind in der Breslauer

[2:49:36] Verteidigung äh wo sollten sie begraben da waren die Stadt war klein kleiner die sind auf dem jüdischen Friedhof begraben worden so also die die äh äh es ist n ein Witz der Geschichte dass dass sie dabei so übrig geblieben sind

Daniel Baranowski

[2:49:54] ist Ihr Vater mit Ihnen zusammen nach Breslau zurückgekehrt ?

Kenneth James Arkwright

[2:49:57] [gleichzeitig:] zurückgekommen ja

Daniel Baranowski

[2:49:58] auch in dem Zug mit ?

Kenneth James Arkwright

[2:50:00]   äh in welchem Z-

Daniel Baranowski

[2:50:04] Sie haben sich ja in diesem Schrank

Kenneth James Arkwright

[2:50:05] [gleichzeitig:] ja ja in demselben Zug ja ja ja in dem Zug mit ja ja ja

Daniel Baranowski

[2:50:07] mhm

Kenneth James Arkwright

[2:50:09] und äh äh da hat sich in in Erfurt hat sich die jüdische Gemeinde äh ein bisschen erholt und wieder aufgebaut und äh mein Vater in Erfurt gibt es eine Schuhfabrik Doktor Diehl äh und die russische Armee wollte Stiefel von der Schuhfabrik und da wurde

[2:50:27] mein Vater wieder fast zerschossen äh erschossen äh äh da mein Vater ein Manage-Schuh Schuhmanagement-Mann war hat er wurde er als Treuhänder in die äh Schuhfabrik eingesetzt um die Stiefel zu produzieren und die Russen die russischen Offiziere kamen

[2:50:46] und sagen äh »ein St- Paar Stiefel«   (_) das ist nich zwei die haben wollten zählen was sie extra für sich Stiefel bekamen und mein Vater mit seiner preußischen äh jüdischen Rück- äh Aufbringung hat gesagt »nein nein nein nein nein« da hat der

[2:51:11] russische Soldat mein Vater hat mir das erzählt die Pistole raus genommen u- und er sagt »na also jetzt zählen Sie nochmal« mein Vater »das ich zähl genauso schießen Sie wenn Sie wollen« und äh er hat das überlebt aber er war sehr äh ähm   es war

[2:51:30] eine sehr schwierige Kiste äh dann ist mein Vater hat er aufgebaut kennen Sie Erfurt ? wenn Sie Erfurt kennen da ist ein großes Kaufhaus das heißt Kaufhaus Röm- Römischer Koi- Kaiser das ist nicht so groß wie das KaDeWe in in in Berlin but aber das ist

[2:51:45] das   KaDeWe von Erfurt und da hat mein Vater erfunden ei- das ganze Haus wurde zusammen äh organisiert dass deutsche Bürger von Erfurt konnten dahin gehen und sie haben eine lederne Aktentasche und da wurde die Aktentasche ähm bewertet weiß nicht zwanzig

[2:52:11] Mark und dann haben sie eine Bescheinigung bekommen sie können zwanzig Mark etwas in dieser Tauschzentrale der Stadt Erfurt kaufen also da konnte man die Aktentasche für Kochtöpfe um- umtauschen und das war ein ganz äh interessantes äh ähm   Unternehmen

[2:52:36]

Ruth Preusse

[2:52:38] das war das war die Geschäftsidee äh Ihres Vaters ?

Kenneth James Arkwright

[2:52:39] [gleichzeitig:] ja ja

Ruth Preusse

[2:52:41] und der hat dann aus dem aus dem Leder Schuhe gemacht ?

Kenneth James Arkwright

[2:52:42] [gleichzeitig:] das hat nicht lange ge-   bitte ?

Ruth Preusse

[2:52:44] was hat er mit dem Leder von der Aktentasche dann

Kenneth James Arkwright

[2:52:45] nein nein Sie also Ze- die die Aktentasche wurde dann wie ein äh äh Warenhaus aus auf die äh ausgestellt und jemand anders hat hat hat Töpfe gebracht für die Aktentasche also es war äh   zurück zum Anfang der menschlichen Geschäftsführung wenn man

[2:53:07] so äh man man hat Waren gebracht und einen Gutschein bekommen und konnte den Gutschein be- nehm- benutzen und andere Waren be- so und ich hab noch ein Bild hatte eine äh in dem Haus waren ich weiß nicht hundert Angestellte oder so was und äh dann ist der

[2:53:26] äh die Jüdische Gemeinde zu ihm gekommen in Thüringen äh zum äh   für die Regierung in Thüringen zu arbeiten für Wi- Wiedergutmachung und äh hier ist eine vom Ministerpräsident des Landes Thüringen [zeigt das Dokument] äh äh ist mein Vater Regierungsrat

[2:53:48] äh für die Wiedergutmachung geworden   und äh

Ruth Preusse

[2:53:55] [gleichzeitig:] darf ich mal mal eben noch mal nach Ihrem Vater fragen oder nach dem Verhältnis zu Ihrem Vater Sie haben ja ähm

Kenneth James Arkwright

[2:54:01] ich hatte ein gutes Verhältnis zu meinem Vater unsere Familie Vater und Sohn haben sich immer gut gut verstanden

[2:54:08] war das für Sie eine große Hilfe dass äh dass er in dieser Zeit also der Zwangsarbeit und des Todesmarsches hat er hat er seine Vaterrolle äh dann auch noch übernehmen können überhaupt ?

[2:54:19] [gleichzeitig:] wir haben uns   nein   nein es war äh ich bin nie äh es war eine schwierige   mein Vater war lebensgefährlich für mich denn was macht der Mann ? warum ist der nicht im Volkssturm ? nicht ?   und ich war lebensgefährlich für meinen Vater  

[2:54:41] welcher äh Abteilung der Hitlerjugend gehörst du an ? ja keine Ahnung was die Hitlerjugend äh äh zu tun hat ich war Jude Hitlerjugend hab ich nicht rein gehört also wir haben uns gegenseitig unterstützt aber mehr gegenseitig gefährdet   denn es war möglich

[2:55:01] dass einer von uns befragt wurde und der eine würde den anderen mit in in die Misere reinziehen   aber die Wiedergutmachung dann zum zurück zu kommen die Wiedergutmachung in Erfurt äh die DDR hat gesagt äh ob die Kapitalisten jüdisch sind oder ob die Kapitalisten

[2:55:23] christlich sind spielt keine Rolle Kapitalisten stehlen vom Volke und die äh ähm äh der Staat die äh die Geschäfte müssen volkseigen werden und das ist dann äh zugemacht worden und äh   mein Vater bekam Regierungsrat für Wirtschaftsplanung und ich

[2:55:53] hab Ihnen erzählt dass ich Schule für mich verboten wurde und mein Vater äh in der deutschen Armee war und der äh   ähm   ähm Direktor der äh Oberschule in   Erfurt der Name war »Porta Coeli«   Luther ist da auf diese Schule gegangen äh Oberschule »Zur

[2:56:18] Himmelspforte« der war äh hat m- mit meinem Vater zusammen gedient in der Armee und der hat sich auf den Kopf gestellt um damit ich Lateinisch und Griechisch und alles mögliche nachholen kann und äh äh mein Vater hat dann äh unter der Stasi gelitten

[2:56:42] äh ähm die wir haben in Erfurt in der Damaschkestraße gewohnt und äh die Regierung äh dachte da er ein Teil der Regierung ist äh sollt er seine Wohnung zur Verfügung stellen dass sich   Spione da treffen und äh mein Vater hat gesagt da macht er nicht

[2:57:11] mit er ist weggegangen und äh es war ne sehr schwierige Kiste und äh ich bin dann zur Universität zugelassen worden ich hab ein normales deutsches Abitur gemacht und äh wenn mich Leute fragen wie macht man das so schnell nachdem man nicht zur gegangen

[2:57:35] ist äh wenn man den Tag um fünf Uhr anfängt am Morgen und bis um elf Uhr nachts oder zwölf Uhr nachts arbeitet und das äh sieben Tage am in der Woche macht dann ist das möglich und kann man das in kurzer Zeit machen ich hab mein normales Abitur gemacht

[2:57:55] und bin dann hier an der Universität in Berlin zugelassen worden und ähm äh   hab Medizin studiert und äh ähm das ich hätte das nie fertig gebracht denn es gab ein Pflichtfach an der Berliner Universität äh das hieß die sozialen und politischen Probleme

[2:58:25] der Gegenwart das wurde äh gelehrt von einem Professor Francke der in Berlin Charlottenburg in dem anderen Berlin ge- gelebt hat und äh ich kann mich noch erinnern da musste man einen Aufsatz schreiben äh äh ähm »warum haben die amerikanischen und englischen

[2:58:44] äh murderer äh murders die äh Bevölkerung deutsche Bevölkerung in Dresden unnötig getötet« und da hatte man zwei Möglichkeiten die eine Möglichkeit war dass die Amerikan- zu schreiben dass die Amerikaner und die Engländer äh   Gangster waren und

[2:59:12] äh dann war ein Nachfolge ja »wenn du so denkst wie wir denken dann komm in die SED oder in die FDJ« oder der andere Möglichkeit war äh äh zu schreiben die waren keine Gangster und äh die Folge dieser dieses würde sein »ja dein deine Medizin ist alright

[2:59:39] aber dein ähm   politische Einstellung wir brauchen dich nicht« äh und äh das äh hat nicht äh gesagt Medizin oder nicht Medizin ich äh   gehe ich verlasse Deutschland

[3:00:01] und zu dieser Zeit haben die Russen Deutschland Berlin umzingelt es war zur Zeit der

[3:00:06] Luftbrücke und ich hatte zwei Adressen eine in Ost-Berlin eine in West-Berlin und äh ich bin äh mit einem amerikanischen Militärzug unter dem Mantel eines amerikanischen Officers versteckt äh von Berlin nach Paris äh von nach Frankfurt und von Frankfurt

[3:00:27] nach Paris gezogen und äh dann nach Australien ausgewandert und ich hab einige Zeit in Paris gelebt und äh zum ich glaube wir sind ja fast zum Ende gekommen äh in Paris habe ich gelebt äh weil es schwer war ein Boot eine Passage nach Australien jeder wollte

[3:00:53] nach Australien nach Amerika gehen und hier ist mein Billett [zeigt das Ticket] äh vor äh äh   ich bin nach Paris gegangen weil jeder über Italien nach Australien wollte und ich wäre ja vielleicht besser gewesen äh wenn ich von Marseille dahin wollte

[3:01:14] aber ich äh musste doch nach zurück nach Austral- äh nach Italien fahren und bin von dort nach Australien gekommen und äh äh das ist auch interessant äh hier die jüdische Gemeinde in Berlin wollte äh irgendwo vermerkt haben auf dem Ausweis für Opfer

[3:01:35] des Faschismus warum wir Opfer des Faschismus sind dass wir als Nichtarier als Juden verfolgt wurden das ist mein Ausweis Opfer des Faschismus [zeigt die Kopie] von der Stadt Berlin und die deutsche demokratische Regierung äh hat gesagt äh äh »das hat

[3:01:58] gar nichts damit zu tun dass ihr Juden seid dass ihr verfolgt seid ähm ihr seid verfolgt weil ihr zu blöd seid äh gewesen seid die kommunistische und sozialistische Partei mit äh vor Hitler äh äh Mitglieder zu werden und wenn ihr kommunistische oder

[3:02:22] sozialistische Parteimitglieder geworden wärt äh dann äh wärt ihr nicht als Juden verschickt« und äh da ist nichts über Juden auf diesem äh ähm Ausweis es ist interessant wir befinden uns hier im Denkmal für die ermordeten Juden also die die der

[3:02:43] es hat sich was geändert da äh in meiner Zeit aus Berlin ich glaube wir haben äh   ich kann Ihnen noch Geschichten erzählen für die nächsten Wochen

[3:02:58] aber äh zwei Geschichten möchte ich Ihnen äh   äh   noch erzählen äh   in Berlin gab es 190000 Juden  

[3:03:13] 1933 1800 gab es ungefähr äh 12000 Juden so in sechzig Jahren hat sich die jüdische Bevölkerung Berlins from 12000 zu 190000   entwickelt von den 190000 wohnten 30000 in Wilmersdorf und Charlottenburg und da gab es diesen faulen Witz wo man gesagt hat

[3:03:47] »wie kommt man am schnellsten von der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche nach Halensee ?« und die Antwort war »da ruft man laut Herr Cohen und der ganze Kurfürstendamm dreht sich um und da ist man am anderen Ende« äh so war die Konzentration der jüdischen

[3:04:06] Leute in in in dieser Gegend und angenommen wird dass alle Jüden Juden Geschäftsleute waren und und und Doktoren oder Rechtsanwälte und äh   wie ich hier in Berlin gewohnt habe habe ich der jüdischen Gemeinde angeboten ähm vorzubeten und das das habe

[3:04:27] ich gemacht in der Altersheim in der Moltkestraße und auch vielleicht auch jüdischen Unterricht Kindern zu geben und äh die jüdische Gemeinde hat eines Tages mich angeläutet und hat gesagt »ja wir haben ein Kind äh das wohnt in der Oranienburger Straße«

[3:04:46] nicht very nicht sehr weit von der Synagoge Oranienburger Straße »das äh können wir können Sie Unterricht geben« und ich war tief beleidigt ich ich äh ein Kind ? was soll ich für ein Kind Unterricht geben ? und da bin ich in ein Kellergeschoss gegangen

[3:05:06] und da habe ich erstens gelernt dass es nicht nur jüdische Doktoren und jüdische Kaufleute gab but auch jüdische Prostituierende und die Mutter des Kindes war vor 1933 eine jüdische Prostituierende die sich wie alle anderen Prostituierenden Geld verdient

[3:05:26] haben und wie sie ins Konzentrationslager ge- -kommen ist äh äh trotz der Juden und Nichtjuden sollen nicht hat sie einen SS-Mann äh da mit ihrer Kunst unterhalten und äh der das Resultat dieser Verbindung war das Mädchen dass ich jüdische Geschichte

[3:05:53] mitbringen beibringen sollte und das Mädchen ist leider äh äh an spastic äh geboren sie konnt ich hatt einige Sch- äh Schwierigkeiten sie verstehen was sie so sch- und sie war bettlägerisch völlig bettlägerisch   und da hab ich eine echte Freundschaft

[3:06:16] entwickelt für das kleine Kind das kleine Mädchen da und ich muss mal äh jeder ist mal mal anders verrückt und äh ich hab das Mädchen gesagt so schreiben konnt sie nicht soll Bilder malen von der jüdischen Geschichte   und es ist unglaublich wie sie

[3:06:41] da gekämpft hat mit ihrer spastic thing Bilder zu malen   und ich konnte ihr nicht auf Wiedersehen sagen denn die Frau der konnte man nicht äh   ob die mich verraten hätte oder rüber ge- geschrieben hätte das Mädchen wird wahrscheinlich nicht mehr leben

[3:06:58] aber äh es war eine interessante äh Situation äh die andere ist wie ich in Paris war äh äh da hab ich äh äh das wenige Geld was ich hatte ausgegeben um die Geschichte Frankreichs und Paris und äh mir anzusehen und äh es war ein   so anders Berlin war

[3:07:27] eine zerstörte Stadt kein Licht und Paris nichts hatte sich verändert äh die ganzen Amerikaner die Welt kam nach Paris und da saß ich an der Champs-Élysées an der schönen Straße äh eines Abends auf der   Park- äh -bank und da kam ein Mann   vorbei

[3:07:51] mit einem kleinen Hund und einem sehr niedlichen Hund und er hat sich äh neben mich gesetzt und der Hund ich weiß nicht ob er warum der Hund ist auf mir rumgehopst und er war ein sehr niedlicher Hund und der Mann hat äh gemerkt dass mein französisch einen

[3:08:16] deutschen Akzent hat und da plötzlich hat er mich gefragt »sind Sie Deutscher ?«   und soll ich ihm eine Geschichte erzählen und ihn langweilen damit ? hab ich gesagt »ja natürlich« und da ist der Mann aufgestanden und hat den Hund weggerissen und hat

[3:08:38] mir ins Gesicht gespuckt   und hat gesagt »Sie haben meine Familie umgebracht ich bin Jude«   und ich muss mir immer noch den die Spucke von dem Mann vom Gesicht ab- äh -wischen es war ein paar Tage vor dem jüdischen äh hohen Feiertag Jom Kippur Versöhnungstag

[3:09:08] und ich bin in die schöne Pariser Synagoge in der Rue de la Vic- Victoire gegangen und da saß ich da und auf einmal drehe ich mich um und da sitzt der Mann an der anderen Seite und ich kann sehen der muss einen schrecklichen Schreck bekommen haben und nach

[3:09:33] dem Gottesdienst wollt er mich wollt er sich glaube ich bei mich entschuldigen   und ich bin los gerannt in das Finstere der Stadt Paris und der sollte mit seinem Unsinn leben und ich glaube die äh was wir hier machen ähm   kann ich wieder zum Anfang zurückgehen  

[3:09:53] an der jüdischen Geschichte Daten Einzelheiten die sind nicht interessant interessant ist was man davon lernt und viele   wissen das nicht äh es gibt einen talmudischen Begriff which says Tikkun olam Tikkun olam ist die Welt and Tikkun means zu reparieren

[3:10:30] und wenn das Judentum überhaupt noch eine Bedeutung hat zu unserer Zeit und wenn der Holocaust noch eine Bedeutung hat ist es den Menschen zu lehren   wie man die Welt in der wir leben oder die Erde in der wir leben   und die immer noch sehr krank und durcheinander

[3:10:53] ist ein bisschen reparieren können   und äh in dieser Neuen Synagoge äh in der Oranienburger Straße habe ich Ihnen am Anfang gesagt hat der Abraham Geiger gesagt »von der Vergangenheit die Lehren zu ziehen   in der Gegenwart zu leben   und für die Zukunft

[3:11:26] zu arbeiten« und wenn sie diese Stätte hier äh so gut verwalten und benützen um die Besucher zu belehren da muss man sich auch immer erinnern da gab es einen französischen Schriftsteller der hieß Pau- Paul Valéry der hat gesagt »Tradition   ist nicht

[3:11:57] die Asche aufzubewahren aber Tradition ist das Feuer brennen zu lassen« und ich glaube die Aufgabe des der Gedenkstätte hier zu der Vernichtung der Juden es ist nicht ein Museum der Vergangenheit die Asche aufzubewahren es hat nur einen Zweck wenn es die  

[3:12:33] das ähm Bestreben der Menschen anregt das Feuer brennen zu lernen zusammen zu leben und die Welt zu verbessern   also ich hab Ihnen   einen ganz kleinen Abschnitt meiner Erfahrungen erzählt äh   da ist so viel mehr aber äh man kriegt da Verdauungsstörungen

[3:13:02] und ich glaube manchmal ist ein Wenig ein Mehr

Daniel Baranowski

[3:13:07] vielen Dank für das Gespräch Herr Arkwright

Ruth Preusse

[3:13:11] danke schön

Datum Ort Text
ab 1929 Breslau Geburt als Klaus Aufrichtig
ab 1932 Breslau Besuch des Montessori-Kindergartens
ab 1934 Breslau Tod des Großvaters Isidor
1935 - 1939 Breslau Besuch der Privaten Jüdischen Volksschule
ab 1939 Breslau Besuch der Privaten Jüdischen Oberschule
ab 1939 Breslau Umzug ins Jüdische Kinderheim
ab 1940 Breslau Zwangsumzug in die Kopischstraße
ab 1942 Breslau Zwangsarbeit in der Chemiefabrik Charles Boeger & Co.
ab 1944 Kurzbach (Konzentrationslager) Gemeinsame Deportation mit dem Vater
ab 1945 Groß-Rosen (Konzentrationslager) Todesmarsch nach Groß-Rosen
ab 1945 Halberstadt Todesmarsch Richtung Westen, gemeinsame Flucht mit dem Vater nach Halberstadt
1945 - 1945 Neudorf Arbeit unter falscher Identität als Klaus Schneider auf einem Bauernhof
ab 1945 Breslau Wiedersehen mit der Mutter
ab 1948 Berlin Studium der Medizin
ab 1949 Perth Auswanderung über Paris nach Australien, Umbenennung in Kenneth James Arkwright
Kenneth James Arkwright wurde am 16. April 1929 in Breslau unter dem Namen Klaus Aufrichtig geboren. Seine Vorfahren mütterlicherseits stammten aus Spanien und ließen sich im 16. Jahrhundert in der mitteldeutschen Kleinstadt Oschersleben nieder. Klaus Aufrichtigs Vater, Rudolf Aufrichtig, nahm am Ersten Weltkrieg teil und erhielt nach drei Verwundungen das Eiserne Kreuz.
Doch diese Verdienste schützten ihn nicht vor den Unterdrückungsmaßnahmen des nationalsozialistischen Regimes. Bereits im März 1934 wurde die Schuhproduktionsfirma Conrad Tack, für die Rudolf Aufrichtig erfolgreich Geschäfte in Schlesien aufgebaut hatte, arisiert. Zu diesem Zeitpunkt nahm Klaus Aufrichtig noch nicht viel von den Sorgen seiner Eltern wahr – er genoss eine gute Erziehung im Schutze eines Montessori-Kindergartens und mit einem persönlichen Kindermädchen an seiner Seite. Unterdessen wurde sein Vater vom nationalsozialistischen Deutschland zum Autobahnbau im emsländischen Werlte eingesetzt. Der Erlass der Nürnberger Gesetze im Jahr 1935 und die Konsequenz, dass jüdische Kinder fortan nur noch jüdische Schulen besuchen durften, führte dazu, dass die jüdischen Waisenhäuser überbelegt waren, denn die jüdischen Kinder aus ländlichen Gebieten hatten sonst keine Möglichkeit, am Unterricht teilzunehmen. Dies führte dazu, dass Rudolf Aufrichtig zurück nach Breslau beordert wurde und fortan im jüdischen Waisenhaus arbeitete. Der einst gut situierten Familie Aufrichtig blieb nichts anderes übrig, als aus ihrer großen Wohnung in das jüdische Waisenhaus zu ziehen. In den darauffolgenden Jahren folgten 15 weitere Zwangsumzüge innerhalb Breslaus, die mit einer systematischen Enteignung des Familienbesitzes einhergingen.
Auch in der Öffentlichkeit schritt die Entrechtung immer weiter voran. Ein Mitschüler von Klaus Aufrichtig kam unter ungeklärten Umständen im Gestapo-Gefängnis von Breslau zu Tode, nachdem er verbotenerweise eine Eisdiele betrat, zu der Juden keinen Zugang hatten. Im September 1941 wurde die Nachbarsfamilie Korngrün deportiert. Die Gestapo holte die Familie in aller Frühe ab und brachte sie in den Schießwerdersaal, von wo aus die Deportationen der Breslauer Juden stattfanden. Klaus Aufrichtig musste das Gepäck der Familie tragen, doch Heini Korngrün, der Sohn der Familie, hatte seinen Teddybären vergessen und weinte bitterlich. Klaus Aufrichtig lief noch einmal zurück und holte den Teddybären des Jungen, in der Hoffnung, dass dieser ihm Trost spenden möge. Der Rabbiner der Gemeinde, Reinhold Lewin, wurde von der Gestapo gezwungen die Deportationslisten zusammenzustellen.
Klaus Aufrichtig erlebte in seinem Umfeld tragische Schicksale. So brachten sich viele Menschen um, um den Deportationen zu entgehen. Nach der Zwangsschließung aller jüdischen Schulen im Juli 1942 arbeitete er auf dem Friedhof der Jüdischen Gemeinde von Breslau. Er musste Gemeindemitglieder begraben, die bei der Zwangsarbeit zu Tode gekommen waren. Kurz darauf wurde auch er zur Zwangsarbeit eingezogen. Die Arbeit in der Chemiefabrik Carl Boeger & Co. entkräftete ihn so sehr, dass er bald an Scharlach erkrankte. Eine dringend benötigte Bluttransfusion wurde ihm mit der Begründung verweigert, dass kein arisches Blut
für Juden verschwendet würde. Klaus Aufrichtig gelang es zu überleben, doch
im September 1944 wurde er zusammen mit seinem Vater in das Zwangsarbeitslager Grüntal deportiert.

Dort wurden sie zur Befestigung des Frontabschnitts eingesetzt und mussten Panzergräben ausheben, die die vorrückende Rote Armee stoppen sollten. In der gleichen Baracke war auch ein jüdischer Anwalt aus Görlitz, der ihn lehrte, dass es in Deutschland zwar Gesetze gibt, aber dass dort keine Gerechtigkeit herrsche. Am 31. Januar 1945 wurde das Lager geräumt und alle Häftlinge auf einen Todesmarsch nach Groß-Rosen geschickt. Das Konzentrationslager Groß-Rosen war überfüllt, so dass die Häftlinge aus Grüntal auf einen weiteren Todesmarsch geschickt wurden. Unterwegs kamen sie an zurückgelassenen Bauernhöfen vorbei – die deutsche Bevölkerung war bereits auf der Flucht ins Reichinnere. In entgegengesetzter Richtung kamen ihnen deutsche Soldaten entgegen, die zur Frontlinie unterwegs waren. Dies war der Auslöser für Klaus Aufrichtig, die Lehre seines Mithäftlings, der bereits auf dem ersten Todesmarsch gestorben war und den er unterwegs begraben musste, zu beherzigen. In dem Wissen, dass in Deutschland keine Gerechtigkeit herrschte, ergriff er gemeinsam mit seinem Vater die Flucht.

Sie nutzten die allgemeinen Kriegswirren und bestiegen in Jauer einen Zug nach Halberstadt. Unterwegs schlossen sie sich auf der Toilette ein, um nicht entdeckt zu werden. In Halberstadt suchten sie die Cousine des Vaters auf, die dort in einer Mischehe lebte und noch nicht deportiert worden war. Aber dort konnten sie nicht bleiben, ohne die Verwandten zu gefährden, so dass sie nach einem Bombenangriff zum halb zerstörten Bahnhof von Halberstadt gingen und sich als versprengte Deutsche ausgaben. Klaus Aufrichtig nannte sich fortan Klaus Schneider. Die Behörden glaubten ihnen und sie wurden nach Neudorf in Bayern geschickt, wo sie zur Arbeit auf einem Bauernhof eingesetzt wurden. Bei der streng katholischen Bauernfamilie kamen Klaus Aufrichtig und sein Vater wieder zu Kräften, doch sie lebten in der ständigen Angst, als Juden entdeckt zu werden. Im April 1945 bekam Klaus Aufrichtig von den Behörden, die ihn für einen Deutschen hielten, eine Vorladung zur Musterung. Bei der Untersuchung musste er sich nackt ausziehen und der Arzt teilte ihn zur Waffen-SS ein. Er wusste nicht, ob der Arzt übersehen hatte, dass er beschnitten und somit als Jude zu erkennen war, oder er ein besonders niederträchtiges Spiel mit ihm treiben wollte. Bevor er jedoch eingezogen werden konnte, wurde Neudorf von amerikanischen Truppen befreit. Er traf einen deutschen Juden, der rechtzeitig emigrieren konnte und nun als Angehöriger der amerikanischen Armee zurückgekommen war, um Deutschland zu befreien. Dieser Soldat riet Klaus Aufrichtig, sich noch nicht als Jude zu erkennen zu geben. Erst als der Krieg offiziell vorüber war, erklärten sie der Bauernfamilie ihr Schicksal. Obwohl die Ernte bevorstand und sie eine gute Verbindung zu der Familie aufgebaut hatten, verließen sie Neudorf, um herauszufinden, wie es ihrer Mutter ergangen ist.

Nach einer beschwerlichen Rückreise durch verschiedene Besatzungszonen erreichten sie Breslau, wo sie ihre Mutter wiedertrafen. Gemeinsam mit der Jüdischen Gemeinde siedelten sie nach Erfurt um, wo der Vater wieder seinen Beruf aufnahm und ein Geschäft aufbaute. Klaus Aufrichtig begann ein Medizinstudium in Berlin. Der Ost-West-Konflikt zeichnete sich bereits ab und er traf den Entschluss, die Sowjetisch Besetzte Zone, die spätere DDR, illegal zu verlassen, um nach Australien auszureisen. Er landete zunächst in Paris, wo er einige Monate lebte, bis er ein Visum und eine Fahrkarte nach Australien bekam. Dort machte er eine Begegnung, die er sein Leben lang nicht vergessen konnte: Auf der Straße wurde er von einem Mann angesprochen, ob er Deutscher sein. Nachdem Klaus Aufrichtig dies bejahte, spuckte ihm der fremde Mann mit der Begründung ins Gesicht, dass er Jude sei und die Deutschen seine Familie umgebracht haben. Einige Tage später traf Klaus Aufrichtig diesen Mann in der Pariser Synagoge in der Rue de la Victoire wieder. Der Mann wollte sich bei ihm entschuldigen, doch Klaus Aufrichtig verschwand und ließ diesen Mann mit seinem schlechten Gewissen allein. Diese schicksalhafte Begegnung nahm Klaus Aufrichtig im Jahr 1949 zusammen mit dem Gedanken, dass der einzige Sinn der Geschichte darin besteht, aus ihr zu lernen, mit nach Australien. 1955 erhielt er die australische Staatsbürgerschaft und nannte sich fortan Kenneth James Arkwright.