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Nechama Drober (*17.08.1927, Königsberg)

Signatur
01116/sdje/0018
Institut
Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin
Sprache
deutsch
Ort und Datum der Aufnahme
Kirjat Ata, den 11. August 2010
Dauer
02:43:30
Interviewter
Nechama Drober
Interviewer
Daniel Baranowski , Barbara Kurowska
Kamera, Licht und Ton
Uwe Seemann
Redaktion
Barbara Kurowska
Transkription
Barbara Kurowska

Nechama Drober überlebte die Verfolgung durch die Nationalsozialisten mit ihrer Familie in Königsberg. In den ersten Monaten unter sowjetischer Herrschaft verhungerten ihr Bruder und ihre Mutter; der Vater wurde verschleppt. Die 1927 geborene Nechama Drober spürte bereits im Alter von sechs Jahren erste Anzeichen von Antisemitismus. Während der Reichspogromnacht 1938 wurde der Vater verhaftet und die Wohnung der Familie verwüstet. Ab 1942 musste sie in einer Seifenfabrik Zwangsarbeit verrichten. Als Kind aus einer ›Mischehe‹ war sie vor der Verschleppung vorerst sicher. Im Spätsommer 1944 überlebte sie mehrere Luftangriffe auf Königsberg. Den Einmarsch der Roten Armee im Januar 1945 erlebte sie in einem Dorf bei Königsberg. Während der nächsten Monate wurden deutsche Zivilisten von den Sowjets verfolgt, ohne Rücksicht darauf, ob sie die Nationalsozialisten unterstützt hatten oder als Jude verfolgt worden waren. Der Vater wurde in ein Arbeitslager verschleppt; ihr jüngerer Bruder und ihre Mutter starben an Unterernährung. Zusammen mit ihrer Schwester zog sie nach Kaunas, von wo beide schließlich nach Moldawien übersiedelten. Dort heiratete sie und bekam zwei Söhne. Anfang der 1990er Jahre scheiterten ihre Versuche, nach Deutschland auszuwandern, und sie ließ sich stattdessen in Israel nieder. Zum Zeitpunkt des Interviews war Nechama Drober 82 Jahre alt.

Vorkontakte

an die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas vermittelt wurde der Kontakt durch den Schulfreund Michael Wieck, danach längerer Kontakt per E-Mail; im Zusammenhang mit der geplanten Enthüllung einer Gedenktafel in Königsberg bestanden zudem Kontakte zum Direktor der Stiftung Denkmal, Uwe Neumärker; erstes Treffen fünf Wochen vor dem Interview in Berlin im Ort der Information, ausführliches Vorgespräch am Tag zuvor

Bedingungen

aufgenommen in der Wohnung von Nechama Drober; Klimaanlage

Gruppensituation

zwei Interviewer, ein Techniker (Uwe Seemann)

Unterbrechungen

eine längere Unterbrechung für ein gemeinsames Mittagessen, nach dem eigentlichen Ende des Interviews nochmalige Aufnahme von zwei Poesiealbumeinträgen

Protokoll

Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin

Daniel Baranowski

[0:00] wir haben den elften August 2010 und sind zu Gast bei Hella Nechama Drober in Kirjat Ata in Israel führen ein Interview für das Projekt »Sprechen trotz allem« Daniel Baranowski ist mein Name Barbara Kurowska ist die zweite Interviewerin und Uwe Seemann

[0:18] ist für die Kamera zuständig ähm das ist ein Projekt für die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas [Schnitt]

Nechama Drober

[0:25] i- i- ich lebte mit meinen Eltern Paul und Martha Markowsky mit meiner Schwester Rita und kleinem Bruder Denny in Königsberg die Hauptstadt Ostpreußens   ich hatte noch einen kleinen Bruder gehabt der ist aber schon drei- 1936 an Diphtherie gestorben   m-

[0:45] meine von mein mütterlicher Seite ist äh die Urahnen die kommen aus aus Österreich   ja von den Bischofshofen d- Salzburger Land d- d- Bischofshofen ähm Sankt Johann im im Pongau   also von meinen Vater die Seite die kommen wahrscheinlich aus Polen meine

[1:14] Urahnen oder so ich kann das genau nicht sagen aber den Namen nach und von einen Dokument dass ich hab die dass sie irgendwie in in Wysztyten das damals Polen war geheiratet haben   ja   und meine in in Königsberg lebten dann so viele Juden die haben ihr Unternehmen

[1:35] gehabt die haben äh die hatten äh Häu- Häuser die hatten Geschäfte Kaufhäuser Fabriken es gab viele jüdische Ärzte Rechtsanwälte Professoren sogar einen Geheimrat ja als dann 1933 dann die Hitler an der Macht kam begann ja die Nazizeit und damit auch

[1:59] die Ausgrenzung und und äh der deutschen Juden und äh viele Juden wurden dann gekündigt die die hatten keine Arbeit mehr gehabt mein Vater auch so ja mein Vater war Vertreter er lebte er arbeitet für einige Firmen und ähm und er wurde dann gekündigt

[2:22] und hatte keine Arbeit mehr hab ich schon zweimal gesagt   er war dann   er   können Sie das auch so machen ja ? ja

Daniel Baranowski

[2:36] Sie können ruhig gucken

Nechama Drober

[2:37] ich (fürchte __) ja wenn man aufgeregt ist dann (___)   ja und [seufzt] können Sie das dann später das machen ja ? [schaut in ihre Unterlagen] ja so hatte mein Vater keine Arbeit gehabt und er musste stempeln gehen und von dem Arbeitslosengeld war natürlich

[2:56] schwer eine Familie zu ernähren da hat meine Mutti dann eine kurze Zeit bei einem in einem Kaufhaus Arbeit bekommen sie nähte zu Hause Fenstervorhänge und so wie sie dann fertig waren hat man denn abgeliefert und gleich bekam man gleich bezahlt   und das

[3:16] hat auch schon ein bisschen mit geholfen so meine erste Begegnung mit der Nazizeit war ein Wahlsonntag   meine meine Eltern mussten auch wählen gehen und sie bekamen denn das Abzeichen »nein !« an der Kleidung anzustecken bei der beim Ausgang wurden sie dann

[3:35] angepöbelt ich war damals sechs Jahre alt und ich wusste überhaupt gar nicht was das bedeutet alles und dann die zweite Begegnung mit der Nazizeit war dann meine Mutter schickte mich einmal zum Bäcker ein Kommissbrot kaufen   ich verlangte dann ein Kommunistenbrot  

[3:57] wuss- [lacht] s- wir können bisschen darüber lachen jetzt nicht äh aber der der Bäcker hat mich dann nach Hause rausgetrieben ausm wollte gar nicht mit mir sprechen ich kam weinend nach Hause   solche kleine Erinnerungen bleiben kann man nicht vergessen

[4:19]

Daniel Baranowski

[4:20] können Sie können Sie nochmal kurz ähm das erklären mit dem was Ihre Eltern nach dem ähm oder an dem Wahlsonntag da haben sie einen einen einen Anstecker oder so bekommen

Nechama Drober

[4:32] ja das war die [betont:] für waren

Daniel Baranowski

[4:35] ja

Nechama Drober

[4:36] die bekamen eine so eine Nadel »ja« da w- »ja« und die mussten das denn an der Kleidung anstecken und die nicht für waren die bekamen ein äh eine Nadel »nein« die mussten sie an der st- an der Kleidung anstecken und als sie beim Ausgang als sie dann

[4:52] von de- von dem Gebäude das Gebäude verließen dann wurden sie dann angepöbelt weil dortn standen dortn die SS-Leute und die SA-Leute und äh und die haben das dann äh denn angepöbelt ja

Daniel Baranowski

[5:05] [gleichzeitig:] beschimpft

Nechama Drober

[5:08] und das ist mir in Erinnerung geblieben   ja ich wusste nicht was das bedeutet aber das ist mir in Erinnerung geblieben

Daniel Baranowski

[5:13] Sie waren sechs Jahre zu dem Zeitpunkt

Nechama Drober

[5:15] [gleichzeitig:] ich war damals sechs Jahre alt ja

Daniel Baranowski

[5:18] das heißt Sie sind neunzehnhundert-

Nechama Drober

[5:19] 27 geboren ja

Daniel Baranowski

[5:21] mhm mhm und waren Sie die Älteste ?

Nechama Drober

[5:23] nein meine Schwester ist ein Jahr und acht Monate älter als ich sie ist 25 geboren ich bin im August 27 geboren meine Schwester im Dezember 25 geboren  

[5:32] ja dann meine Schwester fing dann 1932 zur Schule an in der deutschen Schule und ich 1934 ich m- machte

[5:47] ein Jahr lernte ich in der deutschen Schule da wurden wir natürlich auch schon als Jüdinnen behandelt ja die Kinder wollten dann auch nicht mehr mit uns sitzen und mit uns reden mit uns spielen auf der Straße wurden dann auch schon nachgeschrien »Jüdsche«

[6:03] so   so und dann bald danach durften auch jüdische Kinder nicht mehr in der deutschen Schule lernen dann ist der Geheimrat Doktor Hugo Falkenheim von der Gemeinde er hat sich dann darum gekümmert dass wir in der Neuen Synagoge in der Lindenstraße einige

[6:24] Räume hergerichtet werden dass wir dann weiter lernen können dann wurd- dann das der Herr Kälter Franz Kälter wurde dann ähm eingestellt er war dann Schulleiter und Lehrer gleichzeitig mein   dann kam Herr Herr Leon Nußbaum dazu und das Fräulein Käte

[6:47] Fräulein Hill- Fräulein Wolf Käte Hiller und Herr Erlebacher später kam noch eine junge Lehrerin dazu das äh Fräulein Treuherz und noch ein Sportlehrer Hans Weinberg   die Schule wurde geöffnet am 29sten April 1935 an diesem Tag wurde dann ein Foto gemacht

[7:12] und das ist denn hier auch in d- kam war dann in der in der Z- Jüdische Ge- Z- Jüdische »Königsberger Jüdisches Gemeindeblatt« dieses Foto hier   vom ersten Juni 1935 [hält das Foto in die Kamera]

Daniel Baranowski

[7:27] höher (_) bisschen höher

Nechama Drober

[7:30] noch höher  

Daniel Baranowski

[7:32] da sind alle Schüler drauf auf diesem Foto die eingeschult wurden am 29sten April

Nechama Drober

[7:45] [gleichzeitig:] ich glaube   die eingeschult wurden ja sicherlich sind da alle drauf die auch in der ersten Klasse waren aber ich war doch schon in der zweiten Klasse ja da hatte ich keine Schultüte gehabt schon nicht da (__)

Daniel Baranowski

[7:53] mhm können Sie zeigen wo Sie wo Sie sind für die Kamera

Nechama Drober

[7:56] ja die erste Klasse die hatten waren die (Schult-)

Daniel Baranowski

[7:58] für die Kamera

Nechama Drober

[8:02] ach so   die Schultüten

Daniel Baranowski

[8:03] und wo sind Sie ?

Nechama Drober

[8:05] die Schul- ich ah wo ich bin ?

Daniel Baranowski

[8:07] ja

Nechama Drober

[8:08] [sucht auf dem Foto] hier das bin ich das meine Schwester   sehen Sie das ? kann man das sehen ? ja   [legt das Foto weg] in der jüdischen Schule war dann schön da w- kam- äh man feierte die Chanukka-Feier und die Purim-Feier es wurde mit uns geredet und

[8:34] jeden jeden Freitag nach der Unterrichtsstunde war dann eine Schabbatstunde da kamen dann alle Kinder zusammen in einen Raum es wurden dann hebräische Lieder gesungen wurden Briefe vorgelesen von Kindern die schon ausgewandert waren und wurden Kinder verabschiedet  

[8:54] die der Auswanderung bevorstand hatte Herr Kälter hatte jeden dieser Kinder einen Herzfaden hier so angeknüpft [zeigt auf die Brust] ja dass immer wo sie auch seien da sollen sie die anderen Kindern nicht vergessen   ja

Daniel Baranowski

[9:08] das heißt da gab es dann guten Kontakt zu den Mitschülern ?

Nechama Drober

[9:18] bitte ?

Daniel Baranowski

[9:19] das war eine richtige Gemeinschaft unter den Schülern

Nechama Drober

[9:21] das war eine richtige Gemeinschaft ja das war ja es war sehr schön mit dem Schabbatstunde (ja nach dem der) [blättert in ihren Papieren]

[9:29] ja dann war dann war auch schon 1938   das Pogrom   wir wohnten damals schon auf dem Weidendamm fünf das war so eine Straße

[9:40] das war so Lindenstraße und gleich anschließend der Weidendamm also dass wir die Synagoge von unserem Fenster aus sehen konnten in [betont:] der Nacht wir hatten Untermieter gehabt ein Ehe- ein Ehepaar Feuerstein die waren aus Litauen und äh meine Eltern

[9:59] hatten sie aufgenommen erstens weil es schwer mit dem Geld war eine Dreizimmerwohnung zu bezahlen und und die sie arbeiteten im Gemeindehaus war ein jüdisches Restaurant im Gemeindehaus der Herr Feuerstein war Kellner und die kamen an dem Tag der Nacht als

[10:21] das Pogrom war kamen sie dann nach Hause und erzählten dass die SA-Leute sind in d- mit dem Restaurant eingedrungen und haben die Leute die an den Tischen saßen verprügelt sie sind noch ganz s- sind noch entkommen und kamen dann nach Hause und haben uns

[10:38] das erzählt ja   bald danach erzählten sie dass auch die die Synagoge brennen dass die Schaufenster eingeschlagen wurden von jüdischen Geschäften und wir haben dann vom Fenster aus gesehen wie die Synagoge brennt da waren die   alles d- diese Synagoge war

[11:00] im Ganzen ausgebrannt die Gebetbücher die Torarollen alles war ausgebrannt sie (waren) und die äh   unser Hauswirt stand auch in der SA er mit seine Leute drangen dann in unsere Wohnung rein und haben unsere Wohnung verwüstet mein Vater wurde verhaftet wir

[11:19] wussten drei Wochen überhaupt nicht wo er ist was mit ihm ist  

[11:23] und und am nächsten Tag wurden wir dann gekündigt in drei Tagen die Wohnung zu verlassen wir wussten nicht wohin   ja danach bekamen wir eine Wohnung in der Vorstädtischen Langgasse 46   dort

[11:37] ähm   eine Fünfzimmerwohnung und fünf Familien in der Wohnung heißt jede Familie in ein in einem Zimmer aber Küche und Toilette war nur eine und so wohnten wir dort bis 1942 das war wie ein Kleinghetto   ja   1939 wur- wurde dann die Kennkarte eingeführt

[12:02] das schon im Januar neununddreiß- die Kennkarte das war eine he- eine helle das das war der Pass ja da- Kennkarte sagt man auf der Deckseite war dann ein großes schwarzes J mitm Lichtbild das linke Ohr musste frei sein mit den gez- mit Fingerabdrücke mit

[12:27] den gezwungenen Namen für Frauen Sara für für Männer Israel diesen diesen Pass diesen Kennkarte musste man immer bei sich tragen   es äh   ja dann nach dem Pogrom ja wurde dann auch die Synagoge war ja ausgebrannt dann wurde in der nebenan in dem Waisenhaus

[12:55] ja das wollte ich noch erzählen dass in der Pogromnacht da sind dann auch die SA im Waisenhaus eingedrungen und haben die Kinder die in ihren warmen Betten lagen in Nachthemden und barfuß aus den Betten getrieben wurden in der kalten Novembernacht auf der

[13:10] Straße getrieben und die liefen dann umher und äh zu ihren wo die irgendwo Verwandte hatten   ja und dann nach dem Pogrom ja wurde dann im Waisenhaus einige Räume hergerichtet dass wir weiter lernen konnten   und äh

Daniel Baranowski

[13:26] hat das Ihr ähm der Schulleiter ähm eingerichtet   diese provisorische Schule ?

Nechama Drober

[13:33] [gleichzeitig:] äh ja der Schulleiter und auch von der von der Gemeinde wieder der der Vorsitzende von der Gemeinde und hat alles ja das haben sie alles gemacht dass wir dann weiter lernen können

Daniel Baranowski

[13:41] und Sie sind auch weiter dann dort zur Schule gegangen ?

Nechama Drober

[13:44] ja   bin weiter zur zur Schule gegangen

Daniel Baranowski

[13:47] hatte sich denn da was verändert im Unterricht ? hat man da irgendwie eine Veränderung gemerkt aufgrund des Pogroms

Nechama Drober

[13:53] na Veränderungen schon ja das w- m- die Kinder wurden hatten immer Angst wie dass wir nach Hause von der Schule dann nach Hause gingen ja dann wurden wir auch wieder auf der Straße angepöbelt hauptsächlich von Hitlerjungs die zeigen wollten was sie können

[14:10] und äh   es war natürlich nicht   nicht schön und dann 1939 im Februar ja dann kam wieder ein Befehl dass alle Juden müssen dann die Wertsachen abliefern wie Gold Silberschmuck Wertpapiere warme Kleidung mussten wir bei dann der Gestapo abliefern   dann neunzehn-  

[14:37] dann war auch schon einige sch- Monate später war fing dann auch schon der Krieg an am ersten September   der Krieg mit Polen am nächsten Tag bekamen wir gleich Lebensmittelkarten auf der Ka- auf der Lebensmittelkarte wo denn der Name von den Menschen stand

[14:57] war dann auch ein großes J gedruckt da konnten wir noch in jedem Geschäft einkaufen bald danach waren dann die Lebensmittelkarten anders da war über der ganzen über der ganzen Karte so in kleine Schrift so gedruckt »Jude Jude Jude Jude Jude« in roter

[15:16] Schrift so klein geschrieben   und wir   da durften wir auch nicht mehr in jedem Geschäft kaufen uns wurden einige Geschäfte nur zugewiesen wo man dann einkaufen konnte aber da gab es nicht alles das was man noch auf Karten haben kaufen können ja und an den

[15:36] anderen Geschäften waren dann schon die Schilder angebracht »Juden und Zigeuner nicht erwünscht« also da wurden Juden und Zigeuner auf selben Stufen gestellt ja   es war dann (__ mein Vater hatte) [blickt zur Seite]   ja das schon September 41 kam dann der

[15:58] Stern   es man musste den Stern den Gelben Stern an der an der linken Brustseite tragen   hier diesen Stern [hält den Stern an die Brust] hier haben wir ihn getragen an der linken Brustseite   ja mein Vater musste zur äh ging zur Gemeinde und musste das den

[16:23] Stoff also auf dem Stoff waren Sterne aufgedruckt zu Hause mussten wir dann haben wir dann die Sterne ausgeschnitten und sie dann unterfüttert dass wir nicht jedes Mal das die mussten eigentlich angenäht sein aber wir haben sie mit kleinen Sicherheitsnadeln

[16:39] von der anderen Seite so angesteckt dass man das nicht so merken soll   und es kamen immer neue Befehle wir durften dann auch nicht mehr mit den öff- mit öffentlichen Transport fahren nicht uns nicht in der Öffentlichkeit sehen lassen wir durften überhaupt

[16:57] nur bis zwanzig Uhr auf der Nacht auf der Straße sein   wehe dem der mal erwischt wurde der ein bisschen verspätet hat das hat schlechte Folgen gehabt  

[17:07] ja   ja   ja und dann war auch schon dann war auch schon das 1942 wir unsere Schule wurde dann geschlossen

[17:21] 1942 wir wurden zur Arbeit geschickt zur Zwangsarbeit geschickt meine Schwester und ich wir arbeiten als erstes in einer Waschanstalt (Schwerent _ der Namen) Waschanstalt wir arbeiteten dortn zu zehn Stunden am Tag aber kurze Zeit nur einige Monate dann wurden

[17:43] wir in das äh in der chemischen Fabrik Gamm und Sohn übergeführt dortn waren da schon viele Kinder aus unserer Schule   wir arbeiteten im (weißen) ähm im Seifenraum da die schwere Masse von der Seife da in der Kriegszeit machte man eine Sei- Seife eine

[18:04] Riffseife die war mehr Sand wie Seife und der die Masse war so schwer die immer von einen T- von von der Walze bis zum Trichter mussten wir dann in solche Kästen sind (da rein so) immer unaufhörend immer in den Trichter reinwerfen von da an der Seiten kamen

[18:21] sie dann raus so wie eine Schlange und die wurden dann in Stücken geschnitten und danach gepresst also in der Fabrik arbeiteten viele ähm arbeiteten dann viele Juden es arbeiteten äh polnische Mädchen Verschleppte es arbeiteten von Russland Verschleppte

[18:41] Franzosen Gefangene auch Deutsche blinde einige blinde Deutsche arbeiteten die haben dann immer die Seife gepresst ja und wenn man mal Feinseife gemacht hat dann war da war die Arbeit leichter die Masse war da nicht so schwer und auch Rasierseife macht man

[19:00] die war dann auch so rund so wie so wie ein Stück son Stückchen rund war sie die mussten wir dann zwei- dreimal in der Woche in Papier einwickeln da saßen wir alle am Tisch in einem Seifenraum und die wurde und die Feinseife wurde rumgeputzt und die die

[19:18] Rasierseife eingewickelt bei uns saßen dann immer de die Vorarbeiter dann die waren auch die waren auch wie Aufseher die immer auf uns aufpassten ja was wir reden (die) wurden uns gewarnt wir sollen nichts reden das was nicht sein muss und der Betriebsleiter

[19:35] der Herr Täuber der war ein der war dick in einen weißen Kittel angezogen mit die Zigarre im Mund und die Hände aufm Rücken und dann lief er von einem Raum im anderen wütend und schrie uns immer an dass wir Angst vor ihn hatten und manchmal kam kamen

[19:53] auch noch die Leute von der Gestapo sehen ob wir denn alle da sind ob niemand fehlt und dann machten sie immer so stichartig fragten sie immer »wie heißen Sie ?« ja da musste ich sagen »ich heiße Hella [betont:] Sara Markowsky« hätte ich den Namen Sara

[20:09] nicht betont oder ihn vergessen zu sagen das hätte auch schwere Folgen gehabt und so wurden wir immer schikaniert und das nicht nur das nicht nur einmal die fragten mal den mal den anderen dann wie die dann darauf achten   als nach dem zweiten Transport war

[20:31] dann äh waren dann viele haben dann viele Juden dann schon gefehlt äh in der Fabrik und wir sind dann im Cremeraum übergeführt dort war ein bisschen die Arbeit auch zu zehn Stunden aber es war ein bisschen leichter die Arbeit da haben wir Creme gemacht

[20:50] Melkcreme Gesichtscreme   -macht und ja

[20:54] dann werde ich erzählen dann am der erste Transport   mei- am 24sten Juni 1942 mussten dann wir die wir in der Unterstadt wohnten gingen dann begleiten (als) meine Verwandten mein mein V- Vaters jüngster Bruder Arthur

[21:16] Markowsky mit seiner F- seiner Frau seine zwei Söhne Heinz und Harry seine Schwiegereltern seine noch ein ein Onkel der Onkel (Hermann) und mein und sein Sohn (Arno) die waren in diesem Transport und sie Lehrer viele Mitschüler meine zwei besten Freundinnen

[21:38] die waren viele Bekannte meiner Eltern waren in diesem Transport und wir gingen begleiten das heißt von der Unterstadt waren wir vier das war der Olaf Böhnheim die Fita Pawlowski meine Schwester und ich wir gingen begleiten Michael wohnte in der Oberstadt

[21:53] er ähm   er als wir dann zum auf der Sammelstelle schon ankamen war Michael schon dort

Daniel Baranowski

[22:03] Michael Wieck

Nechama Drober

[22:05] Michael Wieck ja wir waren äh   wir gingen begleiten auf dem Weg dorthin viele hatten solche kleine Transportwägelchen gekauft ja da wurde die ihre Gepäck rauftran- dass sie es nicht tragen mu- weil das war der Weg war sehr weit von von der Unterstadt bis

[22:22] zum Nordbahnhof dort noch weiter runter das war ja nicht gleich der Nordbahnhof war ja weiter runter dortn an der (Reithalle) und waren viele Bemerkungen von Leuten die manche viele hatten Mitleid gehabt viele wussten überhaupt gar nicht was das bedeutet

[22:39] wo die alle hingehen man durfte ja mitnehmen zu dreißig Kilogramm und dann auf der bei der Sammelstelle dann ja dann saßen dann die   die Leute von der SS saßen dann dann und mit dem am Tisch mit äh vielen Papieren in der Hand und äh pöbelten dort immer

[23:03] rum und so und dann ging es da schon nachm späten Nachmittag ging es dann schon zum Zug   dann gingen wir da auch weiter wir wurden dann wieder weggetrieben aber wir gingen nicht weg wir gingen weiter wir gingen dann hinterher dass man uns nicht sehen soll  

[23:18] wir wurden wieder gesehen und haben uns nochmal weggetrieben und kurz bevor kurz davor da vor der Rampe nicht also nicht weit von der Rampe entfernt wurden da wurden wir nochmal weggetrieben »wenn Sie jetzt nicht weggehen dann kommen Sie mit« also wir blieben

[23:37] dann stehen wir dachten an unsere Eltern dass sie zu Hause sind die werden auf uns warten wir blieben stehen gingen nicht weiter aber Michael war dann Michael Wieck war dann mit unserer Lehrerin hat ihr dort (um das) Gespäck geholfen das hat er auch in seinem

[23:51] Buch geschrieben ja und er ging dann weiter er war dann bis auf der Rampe   und er hatte noch Glück gehabt als er von dort entkommen ist ja denn (sag so) wären wir fünf auf der Rampe gewesen ich weiß nicht ob man da überhaupt noch entkommen könnte   ja

[24:10] das   als wir dann nach Hause kamen ja da waren unsere Eltern froh dass wir wieder da sind ja

Daniel Baranowski

[24:16] konnten Sie dann sehen was auf der Rampe passiert ist ?

Nechama Drober

[24:21] nein wir konnten das nicht mehr sehen ja wo wir standen konnten das nicht mehr sehen ja

Barbara Kurowska

[24:26] was wurde denn gesagt wo der Transport hingehen sollte ?

Nechama Drober

[24:31] nein man hat überhaupt nichts die die wussten überhaupt gar nichts man hat ihnen gesagt dass sie kommen in irgendeinem Arbeitslager dort werden sie arbeiten und leben die Leute haben die Mädchen haben alles das Wichtigste was sie zum Leben brauchten ja

[24:44] und so so war dann die das war der zwei- der erste Transport und der zweite Transport war dann kann ich nicht genau sagen am Tag welchen Tag das war oder das war Ende August 42 oder Anfang September September kann das genau nicht sagen aber der zweite Transport

[25:07] war dann ging vom Hauptbahnhof ab und gegenüber dem Hauptbahnhof in den Festungsanlagen war dann die   war die Sammelstelle unter freiem Himmel   und wir gingen dann auch begleiten da war mein mein Vaters Schwester dabei noch viele gute Freunde noch ein Cousin  

[25:31] war dabei und äh wir gingen auch begleiten das Fräulein das Fräulein Herta Treuherz unsere Lehrerin war dabei mit ihrem Säugling   und da ging n- auch nachm E- nachmittags war dann ging man dann zum Zug das war ja nicht so sehr weit zu gehen das war ja

[25:53] nur so schräg gegenüber vom Haupt- bis zum Hauptbahnhof aber wir gingen dann und wir wurden wieder weggetrieben und wir gingen dann weiter dass man uns nicht sehen soll das immer selbe wie das war so   wenn ich jetzt so dran da nachdenke dass wir so gar nicht

[26:11] Angst hatten dafür hatten nicht was wir so gemacht haben und danach wurden hat man uns nochmal erwischt und dann sahen wir ja wie man sie in den äh in den Zug   äh reinge- ähm reingehen mussten und die st- die SS-Leute standen dann dabei und die äh und

[26:31] das Fräulein Treuherz musste das Kind aus ihrem Kinderwagen nehmen und der Wagen blieb zurück und das Gepäck da war auch das Gepäck ihres drin dann hat nur das Kind auf der Hand genommen und dann musste sie dann weiter in den Zug rein und als wir   da st-

[26:45] davor standen noch noch ein- einige Züge davor vor diesem Zug standen noch einige Züge und wir dachten uns nix dabei und gingen dann sind dann durch diese Züge geklettert da raus und rein raus und rein ja dass wir näher an den Zug rankommen sollen meine

[27:04] Schwester wollte noch unsere Tante fragen wir riefen immer Tante soll noch mal rauskommen meine Schwester wollte fragen ob sie nicht ob sie auch die Briefumschläge nicht vergessen hat dass sie uns schreiben kann aber die Tante kam ja nicht mehr und da wurden

[27:18] wir noch mal erwischt da wurden wir noch mal so erwischt dass es dass wir wirklich mit der Angst zu tun hatten und wir waren kamen spät nach Hause es fing schon an zu dunkeln   äh dann äh und meine meine Eltern ja die die waren wieder verzweifelt als sie

[27:34] uns kommen sahen dann waren sie haben sie uns geschimpft aber dann waren sie froh dass wir wieder da sind

Barbara Kurowska

[27:40] was ist denn passiert als Sie erwischt wurden

Nechama Drober

[27:43] bitte ?

Barbara Kurowska

[27:44] was was ist denn passiert als Sie erwischt wurden ? was was hat man gesagt als Sie erwischt wurden dort im Zug

Nechama Drober

[27:48] als wir im Zug ?

Barbara Kurowska

[27:51] ja ja als wie sind Sie da weggekommen wie wie haben Sie es geschafft da weg zu kommen

Nechama Drober

[27:54] ja die haben uns nochmal weggetrieben »wenn Sie noch mal hierher nochmal hier hier sich blicken lassen   dann kommen Sie mit«  

[28:00] ja d- dann äh dann dann zu Hause und in der Wohnung wo wir dann gewohnt hatten dama- in der Vorstädtischen Langgasse mit in der

[28:12] Fünfzimmerwohnung da waren wir nur noch alleine geblieben in der Wohnung alle waren ja waren ja deportiert worden da bekamen wir die Wohnung zugewiesen in der Lindenstraße z- in der Lindenstraße 16 also   hier ist die Lindenstraße [hält ein Bild hoch]

[28:33] hier ist die Lindenstraße   ja hier die Synagoge und gleich neben der Synagoge das Haus   ich hatte doch hier eine   ach ja die Synagoge hier ist das besser zu sehen kann ich mal ? ja ? [legt das Bild weg; zeigt ein weiteres] hier ist die Synagoge besser zu

[28:55] sehen und das Haus nebenan haben wir dann gewohnt   in der Wohnung in der Wohnung äh bekamen wir lernten wir dann kennen äh die Fa- die Familie Scheftelowitz mit der w- wohnten dann zusammen in derselben Wohnung also sie hatten ein großes Zimmer gehabt und

[29:18] ha- die haben das dann übergeteilt so eine Seite Schlafzimmer und das andere Seite äh wo sie dann gewohnt haben wir hatten zwei kleine Zimmer gehabt eins eins von F- das Fenster hier von der Straße [hält das Foto der Synagoge hoch] und dann das Fenster

[29:34] das andere Fenster ging vom Hof raus   ja   und äh v- Scheftelowitz also der Jutta Hartmanns Vater Lothar er war damals zehn Jahre alt und er hat dann auch musste dann auch bei der bei der in der chemischen Fabrik halbtags Arbeit machen da waren eine Zeit waren

[29:59] da mehr Kinder in der Fabrik wie überhaupt andere Leute   so und auf diesen d- also als man uns die Wohnung gab in der Lindenstraße war die Synagoge schon abgerissen schon abgerissen die war gesprengt worden also die Synagoge die war neunzehnhundert- äh

[30:19] 1904 äh 1893 ach Gott [blättert] die war 1893 erbaut die Synagoge und das das Waisenhaus 1904 das nebenan stehende Waisen- 1904 die Synagoge war ein fester Bau ist ein starker Bau gewesen dass man das nicht so einfach so abreißen konnte die musste gesprengt

[30:42] werden   und als wir uns erstmal und dann wurde das schon abgetragen das Übrige ja und der Platz war ein leerer Platz als uns als man uns diese die Wohnung in der Lindenstraße gab war die Synagoge war es schon der Platz leer und äh als die Schule geschlossen

[31:01] wurde war dann das Gebäude übernahm dann die Gestapo also auf dem auf dem leeren Platz wo die Synagoge stand wurde ein Zaun gemacht wurden dann Baracken gebaut die Baracken waren dann näher waren dann kamen zu zu der Mauer von unserm Hof vom Fenster aus

[31:22] konnten wir denn sehen die Leute die man aus Polen gebracht hatte aus Ghettos aus Lagers das äh Facharbeiter wie wie Schlosser Schlosser Schuhmacher äh Schneider alle die äh die Gestapo gebraucht hat und die mussten für die Gestapo arbeiten und wir wir

[31:43] hörten dann die sprechen dann Jiddisch das hörten wir und äh wir sprachen sie dann an und die guckten immer zu uns erstens hatten sie vielleicht auch Angst gehabt mit uns zu sprechen und äh wir verstanden sie und sie verstanden uns dann wir haben dann

[32:00] vielemals äh äh Essen über- äh rübergeworfen dortn und mit denen gesprochen und äh sicherlich hat das in der Zeit jemand gemerkt gehabt und dann wurde eines Tages kam dann nach Hause dann war da die Mauer hochgezogen so dass wir sie nicht mehr sehen

[32:16] konnten   was dann uns

Barbara Kurowska

[32:20] [unterbricht:] worüber hatten Entschuldigung worüber hatten Sie mit ihnen gesprochen als Sie mit denen

Nechama Drober

[32:22] ja woher sie kamen und was sie machen ja das anders durften sie ja nicht mehr ne ja   und war dann ein äh ein ein j- junger Mensch der hatte so ganze krause Haare gehabt der hieß äh der hieß oder (Moritz) oder (Mosche) (Mojsche) oder (Mosche) ich ich weiß

[32:44] es nicht genau aber der eine der Schuster war der war äh   der hieß (Chaim Weizmann)   das weiß ich ganz genau und der (Chaim Weizmann) hat so gut Jiddisch gesprochen dass es war wie halb-deutsch ja und er sagte dann dass mein er kann für meine Mutter ein

[33:08] ein Paar Hausschuhe machen dann dann hatten dann haben wir die   die Größe von meiner Mutter ge- aufgeben auf einem Papier und haben das da rübergeworfen und dann hat er meiner Mutter ein Paar Hausschuhe gemacht und dann hat er die Hausschuhe wieder zurückgeworfen

[33:24] so kamen dann die Hausschuhe zu uns die waren uns dankbar dafür dass wir sie geholfen haben ja und die wussten gar nicht wie sie sich ab- bedanken sollen nicht es waren wirklich es waren wirklich gute Leute aber wo die da sagte dann bevor die die Sowjetarmee

[33:41] kam wurden sie erschossen aber ich ich kann das nicht sagen genau es kann auch sein dass sie mit dem Todesmarsch nach Palmnicken dabei waren

Daniel Baranowski

[33:50] also diese Leute haben bis 1945 dort gelebt in den Baracken

Nechama Drober

[33:55] ja bis 45 nein nicht bis 45 das war bis 44 bis der große Luftangriff war und dann alles dort verbrannt war und wir wir waren ja auch wir haben ja nur unser Leben gerettet wir hatten ja auch nichts gehabt  

[34:08] ja dann möchte ich noch erzählen als wir noch dann

[34:13] in das Ende Juli   Ende Juli z- 1944 noch bevor der Luftangriff war kam mein Vater eines Tags nach Hause von der auf der Brücke über den Pregel am Pregelufer standen zwei äh Lastkähne   Juden auch mit Sterne [zeigt die Stelle] alle so und mein Vater kam

[34:35] nach Hause und erzählte das und dann sind meine Schwester und ich sind dort hingelaufen wir wollten mit denen sprechen wollten sehen aber die Posten haben uns nicht- nicht gelassen nicht die äh durften das nicht da sind wir dann bis zur in der Seilerstraße

[34:49] wo der Herr W- Herr Weinberg war dann in der der unser Sportlehrer ja der war war dann im äh in Gemeinde in der jüdischen Gemeinde dort und den konnten wir dort finden und wir haben das erzählt und er ging dann zur Gestapo s- und um eine Erlaubnis zu nehmen

[35:10] dass wir denen Essen bringen können dann haben wir das auch ge- er hat dann die Erlaubnis ge- bekommen und dann haben wir dann alle die in der Unterstadt wohnten informiert dass wir uns helfen kommen wir haben (meine) Herr Weinberg hat noch einen einen   einen

[35:26] Wagen gemietet so einen einen Pferdewagen so wissen Sie so wie mit Sprossen so wie Sprossen warens so wie man (immer sagt) wegen Heu oder so was so einen so einen Wagen und da haben wir überall Essen gesammelt es gaben ja nicht nur die Mischehe lebenden es

[35:47] gaben Essen gaben auch viel geholfen haben auch auch Deutsche die Mitleid mit denen hatten wir haben denen erzählt dass die haben alle gegeben und kamen da vorbei dann kam war wo Franzosen lebten die haben auch gegeben also es war wirklich äh bewundernswert

[36:06] äh und dann gingen wir zurück mit Herrn Weinberg gingen wir dann zum Pregelufer und dann stand dort der standen die Posten und wir durften da gar nichts denen Essen geben die haben das selbst gemacht die haben dann das Essen genommen und haben es einfach

[36:22] so über in der zu der Barge zu der zu die Lastkähne dort reingeworfen wo die Leute waren und die jammerten »geben Sie mir auch was geben Sie mir auch was für meine Kinder die wollen essen« und viel ist dann in Wasser reingefallen und die wollten dann

[36:36] noch rausfischen was s- noch ins Wasser gefallen ist und es war es war ein ganz schwerer Anblick das das zu sehen das ist mir noch wochenlang tagelang ist mir das noch vom Kopf gar nicht raus   und am nächsten Tag als dann meine Mutter mein Vater zur Arbeit

[36:53] ging waren die die Lastkähne weg   dann noch einige Jahre später als meine Schwester und ich in in Kaunas waren gingen wir dann zu der jüdischen Gemeinde und die glaubten auch nicht die glauben nicht dass wir jüdisch sind   dann äh erz- dann mussten wir

[37:14] dann aus dem Siddur lesen von jüdische Feiertage erzählen und dann hab ich haben wir auch erzählt von diese Lastkähne da sagt ein Mann »ja das ist wahr« er war dabei er war auf dem Kahn er war dort und er von der Mann erzählt uns damals noch dass   dass

[37:31] man d- dass einige sind da am Leben geblieben aber man weiß nicht ob die in der Zeit noch gelebt haben ja die waren man hat sie auch überhaupt kein Essen gegeben den Leuten und so und ähm und viele wurden dann noch abtransportiert von Vilnius von Vilnius

[37:50] vom Ghetto waren die Leute aus Litauen aus Kaunas und Ghettos die wurden da auf diese Lastkähne befördert nach mehr nach nach Ostpreußen zu dass die Sowjetarmee sie nicht befreien kann   und die wurden nicht nur mit die wurden w- viele wurden zu Fuß

[38:09] dorthin getrieben nach nach Königsberg so viele da mit mit Güterzüge und so und die waren eben nur mit Lastkähne so   dann äh neunzehnhundert- (_) [blickt in ihre Unterlagen]

Daniel Baranowski

[38:28] dürfte ich dürfte ich bevor wir weitergehen noch mal einmal zurückgehen kurz und eine Frage stellen

Nechama Drober

[38:37] ja bitte

Daniel Baranowski

[38:38] ähm   ähm Sie haben vorhin gesagt dass bei dem zweiten Transport Sie das Gepäck der Lehrerin

Nechama Drober

[38:44] ja

Daniel Baranowski

[38:46] und und den Kinderwagen oder so

Barbara Kurowska

[38:48] [gleichzeitig:] ja die hatte

Daniel Baranowski

[38:49] stehen gesehen haben dass der nicht mitgekommen ist

Nechama Drober

[38:51] ja

Daniel Baranowski

[38:53] können Sie sich noch erinnern was Sie dann gedacht haben   als Sie nur noch das Gepäck da stehen gesehen haben

Nechama Drober

[38:58] nein das da waren das haben wir von der Weitens gesehen ja von Weite gesehen wir wussten das Gepäck weil auf dem Sammelplatz wo wir waren   w- war das Kind hat immer geweint hat immer geweint es war kalt und es hat sicherlich gewickelt werden müssen oder

[39:15] so und da war das Gepäck im Wagen und dann war das Kind im Wagen und das hat immer geweint ja und danach danach noch musste sie das Kind vom Wagen rausnehmen

Daniel Baranowski

[39:24] und haben Sie sich gewundert dass der Kinderwagen da bleibt dass der nicht mitkommt

Nechama Drober

[39:30] ja da da braucht man sich überhaupt gar nicht mehr zu wundern wir waren schon das das gewöhnt vom ersten Transport wie das war

Daniel Baranowski

[39:36] waren das eigentlich normale Personenzüge Pullmanzüge oder waren das

Nechama Drober

[39:41] [fällt ein:] das war   nein   man   soll ich das mal erklären ich hab in meinem Buch geschrieben dass Güterzug ja aber ich kann jetzt mir habe ich eine Vorstellung dazu das war ein Personenwagen weil davor standen doch alles Personenwagen wo wir da durchgeklettert

[40:01] sind und das kann denn auch ein Personenw- man kommt manchmal weil man immer in den Filmen sieht immer nur die Güterzüge ja   aber in in in Deutschland waren nicht waren keine Güterzüge waren immer nur Personenwagen als sie nach der Grenze schon da wurden

[40:18] sie dann von Personenwagen ausgeladen und dann in andere in Güterzüge eingeladen um weiterzufahren

Daniel Baranowski

[40:25] und wie haben Sie dann abends Sie sind ja dann abends wieder nach Hause zurück zu Ihren Eltern die sich Sorgen gemacht haben

Nechama Drober

[40:31] ja

Daniel Baranowski

[40:33] ähm haben Sie da in der Familie drüber gesprochen was passiert ist oder

Nechama Drober

[40:37] ja wir haben natürlich erzählt

Daniel Baranowski

[40:38] ja

Nechama Drober

[40:40] wir haben erzählt ja das war ja mei- Sch- mein Papas Schwester dabei wir haben (sie) erzählt natürlich ja

Daniel Baranowski

[40:44] und und wussten Sie dass Sie sich nicht mehr wiedersehen würden ?

Nechama Drober

[40:49] nein das wussten wir nicht

Daniel Baranowski

[40:51] mhm

Nechama Drober

[40:52] nein   das war alles ein Abschied auf Nimmerwiedersehen   ja  

[40:56] haben Sie noch Fragen ?

Daniel Baranowski

[41:01] ich habe noch eine Frage die ein bisschen noch ein bisschen weiter ähm zurückgeht Sie haben gesagt dass ähm während der Reichspogromnacht Ihr Vater verhaftet worden ist und dass Sie ihn ne ganze Zeit lang nicht gesehen haben

Nechama Drober

[41:15] ja drei Wochen

Daniel Baranowski

[41:17] wissen Sie wo er gewesen ist und was ihm passiert ist ?

Nechama Drober

[41:19] die waren die waren im ähm in der Gestapo oder im Polizeipräsidium war auch die Gestapo das war auch gegenüber dem äh dem Nordbahnhof und die waren dort im Keller eingesperrt   und danach wurden sie nach Metgethen gebracht in einer Feuerwehrschule hat man

[41:38] sie dort gehalten das schon das hat der Papa erzählt gehabt

Daniel Baranowski

[41:41] das ist in der Nähe von Königsberg ?

Nechama Drober

[41:43] ja das in der Nähe von Königsberg dortn waren wir immer im Wald gefahren um früher als man noch durfte in den Wald gefahren haben dortn Blaubeeren gepflückt und ja und da war auch dortn die die Feuerwehrschule ja in Metgethen nicht gerade im Wald ich weiß

[42:00] nicht wo dortn wir waren dortn in Wald gefahren immer ja

Daniel Baranowski

[42:03] und als Ihr Vater wiedergekommen ist hat er davon erzählt

Nechama Drober

[42:07] ja das hat er erzählt das wissen wir vom Papa aus ja

Daniel Baranowski

[42:10] mhm mhm  

[42:12] als ähm der als Sie gezwungen wurden den Gelben Stern zu tragen ähm wie wie ist das gewesen ?

Nechama Drober

[42:22] [seufzt] ja

Daniel Baranowski

[42:25] [gleichzeitig:] wie haben Sie sich wie haben Sie sich gefühlt auf der Straße

Nechama Drober

[42:27] ja die erste Zeit ich hab das vergessen zu sagen ja ja die als wir das erste Mal   dann auf der Straße gingen ja da haben wir   haben die Leute das erste Mal das gesehen die blieben stehen guckten uns an die wussten gar nicht was das was das bedeutet ja und

[42:47] viele sangen dann noch mal (__) die jungen Leute ah »Stern von Rio« so ein Lied war ja damals »Stern von Rio« und die haben

Daniel Baranowski

[42:55] [gleichzeitig:] ach das ist ein   Schlager oder so gewesen

Nechama Drober

[42:58] ja so ein Schlager ja

Daniel Baranowski

[42:59] aha

Nechama Drober

[43:00] ja das das um uns äh s- dass wir äh weiß nicht wie zu sagen wie Ihnen zu erklären ja dass sie das uns beleidigend sein soll nicht   und viele machten dann auch Bemerkungen ja   es war schwer und meine Mutter hatte immer Angst gehabt bis wenn wir zu Hause

[43:19] kommen ob wenn wir zu Hause waren dann war da hat sie immer aufgeatmet sie (in)   ja

Daniel Baranowski

[43:23] wie haben Sie das eigentlich ähm erfahren war das ne ähm ne Anordnung die ausgehängt wurde dass man den Stern jetzt tragen muss und wo man sich den abholen muss

Nechama Drober

[43:36] [fällt ein:] ja das war dann das war von der jüdischen Gemeinde ja von der jüdischen Gemeinde ja die gaben dann die Befehle zur jüdischen Gemeinde und die jüdische Gemeinde hat dann jedem gesagt das ja

Daniel Baranowski

[43:44] mhm

Nechama Drober

[43:46] ja

Daniel Baranowski

[43:47] und diesen Stern den Sie vorhin auch gezeigt haben das ist der Originalstern

Nechama Drober

[43:52] das ist der das ist der Originalstern [nimmt den Stern] ich hab ihn überhaupt gar nicht ich hab ihn überhaupt gar nicht gewaschen so wie ich so wie er war so ist er jetzt

Daniel Baranowski

[44:02] das heißt das ist der Stern den Sie 1941

Nechama Drober

[44:04] [gleichzeitig:] das ist der Stern sehen Sie mal sehen Sie mal wie das unter das Futter das ich unterfüttert hab   ja   das haben wir noch da wurde abgenäht ja mit äh als erstes mit der sch- mit der Nähmaschine und dann das so äh genäht ja   dann haben wirs

[44:19] mit kleine Sicherheitsnadel von der Seite von der anderen Seite das so angesteckt ja dass Sie die Nadel nicht sehen sollen und dass der Stern aber dran ist nicht

Daniel Baranowski

[44:29] und man musste den Stern an jede Kleidung immer (anmachen)

Nechama Drober

[44:32] ja ja und dass wir das nicht immer nähen brauchen dann haben wir das nämlich mit die Sicherheitsnadel angesteckt

Daniel Baranowski

[44:37] mussten Sie dafür was bezahlen ?

Nechama Drober

[44:39] das kann ich Ihnen gar nicht sagen ich weiß es nicht mein Vater hat es abgeholt und wir haben doch [schüttelt den Kopf] wir haben das einfach nicht gefragt ich weiß das nicht

Daniel Baranowski

[44:48] wie haben Sie das geschafft den Stern aufzubewahren ?

Nechama Drober

[44:54] das wie ich das geschafft habe da darauf komme ich noch

Daniel Baranowski

[44:57] okay gut

Nechama Drober

[44:59] ja darauf komme ich noch

Daniel Baranowski

[45:00] mhm

Nechama Drober

[45:01] ja   ja dann erstmal weiter ja ?

Daniel Baranowski

[45:03] noch ganz kurz wenn ich darf eine Frage noch

Nechama Drober

[45:05] [gleichzeitig:] ja ja bitte fragen

Daniel Baranowski

[45:07] zu Ihren zu Ihren Eltern also Ihr Vater war Vertreter

Nechama Drober

[45:08] ja

Daniel Baranowski

[45:10] und hat wie lange in diesem Beruf gearbeitet ?

Nechama Drober

[45:11] mein Vater ja mein Vater hat damals ein ein Auto gehabt und ist dann immer rumgefahren in den Geschäften ja und hat dann äh äh Bestellungen angenommen und hat dann zu die Firma geschickt und die haben dann die äh haben dann geschickt das was man bestellt

[45:28] hat   das war seine Arbeit

Daniel Baranowski

[45:30] bis 38 ?

Nechama Drober

[45:32] nein nein m- a- nicht bis 38 mehr das musste man schon vorher machen ja vorher da ist Papa seine Arbeit verloren hat dass die die Firmen schon arisiert wurden ja da wollten sie wurde er gekündigt und andere Firmen haben ihm nicht mehr s- wollten keine Juden

[45:50] mehr einstellen ja

Daniel Baranowski

[45:52] mhm   waren Sie du- dadurch Ihre Mutter ist keine Jüdin gewesen

Nechama Drober

[45:58] ja

Daniel Baranowski

[45:59] dadurch waren Sie geschützt so ein bisschen

Nechama Drober

[46:01] darum darum waren wir geschützt ja   sonst wären wir auch nicht gewesen wäre meine Mutti   krank gewesen oder die Ehe geschieden dann wären wir auch nicht gewesen wären wir und Papa und wir Kinder weggekommen

Daniel Baranowski

[46:15] und in der ganzen Zeit vielleicht möchten Sie darüber nicht sprechen ich frag Sie trotzdem einfach danach ist ja auch Ihr Ihr Bruder gestorben Sie hatten ja noch einen jüngeren Bruder der 1931

Nechama Drober

[46:26] er ist 31 geboren und 36 gestorben er war fünf Jahre alt als er   (er war) krank an (Diphtherit) und Diphtherie und (vier) ist er gestorben

Daniel Baranowski

[46:37] und wie hieß er ?

Nechama Drober

[46:39] [gleichzeitig:] gestorben   Hans Georg   ja  

[46:41] dann kann ich jetzt weiter ja

Daniel Baranowski

[46:51] mhm

Nechama Drober

[46:53] [schaut in ihre Unterlagen] ja 44 von den Lastkähnen hab ich erzählt   (_) ja wir sind einmal baden gegangen   war ein heißer war auch in 1944 am äh   am En- Anfang Juli   44 es war die heißeste Zeit in Königsberg und da sind wir dann an einen Tag baden

[47:15] gegangen da war auch äh wir waren vier (weiß-) war die Ina Zwilsky sie lebt heute noch in Berlin   ja und äh und der Richard Sodies die Frau Scheftelowitz also die Jutta Hartmanns Oma und ich wir vier waren baden gegangen und der Lothar   wir kamen dann (am

[47:46] Bad) war ein Sonntag   waren wir waren da viele Leute an dem   am am Oberteich und wir haben uns so ein bisschen abseits gesetzt dass wir nicht so wir hatten wir gingen wir durften das ja gar nicht nur wir ein bisschen abseits wo nicht so viele Leute sind aber

[48:07] an dem Tag war das so dass äh dortn badeten auch ähm deutsche Soldaten und bei den deutschen Soldaten sind die Dokumente gestohlen worden und die haben die die äh Polizei gerufen informiert und die kamen wir wussten gar nicht was überhaupt los ist die

[48:28] saßen ja alle dort und wir saßen da ganz abseits und die haben dann überall war dann alles abgesperrt und die wurde überall untersucht Kleidung Taschen übersuchten alles und dann zu uns kamen untersuchen ja dann haben sie den Stern an der Kleidung gefunden

[48:45] am Badeanzug haben wir den Stern nicht gehabt und überhaupt nur das war wir was wir in der Öffentlichkeit waren das war schon das durften wir ja auch nicht so so sagten se dass wir das die Dokumenten gestohlen haben und wir wurden verhaftet und wurden dann

[49:04] zum Polizeipräsidium gebracht dort wurde ein Protokoll aufge- aufgenommen und dann sind wir dann wurden wir dortn zu dem Polizeipräsidium ähm wo die Gestapo ist dortn äh wurden wir denn hingebracht zu Fuß und wir gingen dann mit dem Stern und mussten

[49:24] mit der Hand da so hinten [gestikuliert] gehen und die und die Leute guckten immer auf uns was haben die v- jetzt verbrochen als vier Leute als sie nur wir drei waren mitm Stern die Frau Scheftelowitz war ja ohne Stern ja und ihr Sohn ihr Sohn war den hatte

[49:42] man nach Hause geschickt der war erst zehn Jahre alt und den haben nach Hause geschickt   und so waren wir dortn   zwei zwei Tage zwei Nächte wir wurden jeder kam in eine in eine Zelle mit anderen Leuten zusammen dass wir uns nicht nicht äh absprechen können

[50:01] was zu sagen bei   der äh wie sagt man bei bei die Fragen wenn sie uns gefragt haben und meine Mutter ging dann der Herr Sodies   die haben sich alle bemüht dass wir da freikommen und da war auch der Herr der Herr Weinberg unser Sportlehrer und unser Betriebsleiter

[50:24] und die waren dann bei der Gestapo sagen die der Betriebsleiter sagte wir brau- er braucht seine Arbeiter wir haben nichts verbrochen und dass sie dann auch sie haben dann auch die die Menschen äh   gefunden die die äh die die Dokumente gestohlen haben und

[50:42] da wurden wir dann freigelassen

Daniel Baranowski

[50:44] und sind Sie befragt worden in der Zeit ?

Nechama Drober

[50:47] ja natürlich wir waren äh das war eine Zelle da waren zwei Pritschen ja eins überm zweiten die waren so schmal dann (dass) vier Leu- vier Menschen waren dort in einer kleinen Zelle das Fenster war ganz oben   [gestikuliert] und so schräg rauf noch und dann

[51:07] äh und das Klo stand gleich neben der Tür und ein Waschbecken und se- schlafen konnte man gar nicht war so heiß dass (wir das) wie in eine als ob man in eine wie sagt man so wie jetzt heut so war das dort

Daniel Baranowski

[51:22] Sie waren also weil Sie alle getrennt waren waren Sie mit anderen Leuten in der Zelle

Nechama Drober

[51:28] ja ja mit anderen Leuten ich war mit noch drei jungen Mädchen äh in der Zelle ja

Daniel Baranowski

[51:34] haben Sie mit denen gesprochen ?

Nechama Drober

[51:36] ja die die haben den Stern gesehen und die haben die haben nichts gesagt kann ich nicht sagen die waren ja auch in so eine Situatie dass sie dass sie äh darüber nicht gesprochen haben oder was uns »Jüdsche« gesagt haben oder so nein das haben sie nicht

[51:51] ja und dann äh   dann wurden wir übernachtet bei jede Stunde mehrere so ich hab auf die Uhr ja nicht geguckt die mussten wir alles abgeben und immer s-   s-   um um uns zu fragen ja   w- wer die ob wir nicht wissen (und wer) Fragen wir haben immer dasselbe gesagt

[52:19] und da haben se auch gesehen dass sie auch schon die Dokumenten dann gefunden haben bei denen dann wurden wir dann nach Hause geschickt zwei Tage und zwei Nächte dort und das war das werde ich nie vergessen im Leben ja und als ich dann nach Hause kam da habe

[52:35] ich dann meinen Eltern versprochen ich werde niemals das tun dass wir was für uns verboten ist das hätte nicht nur nicht nur mich hätte man ins KZ schicken können (sonder) meinen Vater auch ja  

[52:45] so war das ja und dann kam auch schon   Ende August war

[52:55] dann der Bombenangriff Luftangriffe alles brannte wir sind dann der erste Bombenangriff war dann vom 26sten aufn 27sten August da kamen wir nur mit dem Schrecken davon aber einige Tage später dann vom 29 aufn 30sten hat es uns auch erwischt wir sind (erwischt)

[53:15] wir haben das schon jeder hat einen Koffer gehabt einen kleinen wo sie seine Sachen drin hatten einen Koffer hatten wir Sachen was für jeden etwas drin war und das stand alles schon neben der Tür und wenn Alarm ist sollen wir sie gleich das nehmen und gleich

[53:30] laufen können   so die Sirene heulte wir gleich wir waren ja schon fast angezogen wir   als ob wir das schon gefühlt haben jetzt jetzt sind wir dran und gleich wir waren ja nicht in dem in unserem Haus war kein Keller kein Luftschutzkeller nur nebenan nebenan

[53:49] hier das Haus nebenan hier [zeigt auf ein Bild] das war die war war eine Schirmfabrik nur in der Kriegszeit nähte man dort Militärkleidung und die hatten einen guten Luftschutzkeller gehabt und dort sind wir gleich rein und das war ein Torweg wir mussten

[54:05] durch den Torweg und dann gings schrägs rein dortn runter zum Keller zu dem Luftschutzkeller und von der andern Seite hier der (Tor) von der anderen Seite ging der Ausgang in den Hof raus und als dann die Bomben fielen die fiel- die Flugzeuge flogen so wie

[54:23] die Häuser sind ja so wie die Häuser stehen eine Bombe nach der anderen die Brandbomben und dann unser Haus war sch- dann war das auch schon alles getroffen war alles voll mit Rauch wir lau- wir liefen dann von dem Keller raus und standen dann im Torweg

[54:38] wussten nicht wohin von oben prasselt- von der von der Straße prasselte das Feuer runter und von der von der anderen Seite auch   da wuss- wo wo wir raus sollten äh im in jedem Luftschutzkeller waren dann Tonnen mit Wasser da haben wir die Decken die wir

[54:55] hatten einge- in Wasser eingetaucht und so rübergenommen und hab meine Schwester ich nahm meinen kleinen Bruder auf den Arm und meine Schwester hat dann über mich nur eine einen Eimer mit Wasser gegossen   und äh meine Schwester die wenn etwas los ist dann

[55:13] weiß sie nie was sie so richtig tun soll nicht dann dann mei- ist se immer umgeknickt und dann (meine) konnte sie nicht laufen dann ist hat meine hat meine Mutter musste sie stützen und mein Vater hat dann einen Koffer nur bekommen unsere Koffer die wir

[55:25] hatten mein Koffer ist im Keller verbrannt mein Schwesters Koffer ist vom Feuersturm in den Pregel gefallen gegenüber war der Pregel er ist jetzt noch da der Pregel ja und wir sind dann durchs Feuer gelaufen   (wir) kamen wir dortn an wo die Schrebergärten

[55:42] sind und dann hat man noch auf uns geschossen die Flugzeuge niedrig gef- geflogen und hatten auch auf uns geschossen dann haben wir ins Gebüsch haben wir uns dann versteckt und dann so einige Zeit später wurde es denn stiller aber der Rauch und (des) man

[55:59] konnte gar nicht atmen so viel Rauch war alles und überall brannte noch und die andere Häuser die flogen in der Luft das war alles weiter weg nur von dort aus hat man das gesehen ja und an dem nächsten Tag mussten wir   sagte man dass alle die in bei den

[56:20] Schrebergärten da ge- gerettet haben sollen denn zur zur Lutherkirche bei der Lutherkirche sich melden   aber wie kommen wir dorthin zu der Lutherkirche das war ja alles brannte noch und die Straßen dortn wo man durch musste war eine schmale Straße und die

[56:36] brannte konnte man gar nicht durch hat man wurde dann mit äh mit einem mit einer Fähre über den Pregel gebracht bis äh bis auf der anderen Seite und da war dann auch schon die Lutherkirche dort bekamen wir was zu essen und und so und dann kamen Pferdewagen

[56:53] und wir wurden alle in den in anliegende Dörfer gebracht und wir kamen dann auf dem Dorf in ein Dorf in Jesau in auf einen Gut Marienhöh also jeder ma- ein ein Zimmer die mit immer mit der Scheftelowitz zusammen ja die waren in einem Zimmer und wir waren

[57:16] in einem Zimmer an dem Tag fragte niemand ob man Jude ist oder nicht jeder hat sich seine eigenen S- äh Sorgen gehabt so   wurden wir mit Leiter- mit Leiterwagen etwa zwanzig Kilometer nach Jesau gebracht in dem Gutshaus wir durf- wir konnten ja dort nicht

[57:41] bleiben wir waren nur drei Tage dort und wir mussten ja zurück zur Arbeit wir machten ja Zwangsarbeit und wir durften das gar nicht und und als wir dann wieder nach nach drei Tagen nach Königsberg zurückgingen meine Mutter ist natürlich dort geblieben

[57:56] mit meinem Bruder und äh mein

Daniel Baranowski

[57:59] sind Sie zu Fuß zurückgegangen dann ?

Nechama Drober

[58:01] nein nein es fuhren immer Lastauto fuhren immer hin und her ja und wir sind dann mit einem Lastauto nach nach Königsberg zurückgefahren und äh und die Stadt die war immer noch in Rauch es hat immer gebrannt es hat immer dass man noch richtig atmen gar nicht

[58:18] nicht richtig atmen konnte und die die Fabrik wo wir arbeiteten die war auch sehr beschädigt aber die hat man bald in Ordnung gebracht und dann konnten wir weiter arbeiten aber wir hatten keine Unterkunft gehabt da sind wir in der Fabrik geschlafen wurden

[58:30] in d- im Essraum dortn wurden dann Betten aufgestellt und wir sind dort konnten dort schlafen   danach hat uns der Herr Weinberg für für Rita und für mich eine kleine ein kleines Zimmer gemietet in der Oberstadt das Zimmer war so klein   es hat nur ein ein

[58:51] Bett und ein ein kleiner Schrank gestanden dann mussten wir immer so so ein Stückchen war Platz da konnte man sich nur so durch schieben und das war ein es war eine Villa die haben Leute gewohnt auch jüdische von Mischehen haben dort gewohnt und die hatten

[59:08] uns das abgegeben   ja so ein kleines Zimmer

Daniel Baranowski

[59:11] wo war Ihr Vater zu der Zeit ?

Nechama Drober

[59:13] mein Vater der arbeitete in dem Papierspeicher hab ich gar nicht erzählt der arbeitete er machte seine Zwangsarbeit von 38 an in dem Papierspeicher äh und äh und er fuhr dann er hat dann von Bekannte haben ihm ein Fahrrad gegeben und er fuhr dann jeden

[59:32] Abend nach der Arbeit zwanzig Kilometer um äh zum zur Mama und morgens wieder zurück zu der Arbeit weil er hatte ja wusste ja nicht (wo er schlafen kann) als dann d- schon an- schlechtes Wetter war und er nicht mehr mit dem Rad fahren konnte dann kam er

[59:48] zu uns schlafen nicht und aber die Leute die die uns das W- das Zimmer abgegeben haben die wollten das nicht dass noch der Papa bei uns schläft und sind wir dort auch nicht mehr hingegangen   und dann sind wir mal hier mal dort geschlafen auch mehr in der

[1:00:04] Fabrik und wir waren immer mit Mendelsohns mit einer Freundin mit der wir zusammen dortn gearbeitet haben in der Fabrik und ihre Eltern zusammen und mit Sodies   äh Richard Sodies und seine Mutter   und äh und danach   muss noch mal einmal überlegen ja

[1:00:31] [blickt in ihre Unterlagen]   ja äh und wir durften dann jeden Sonnabend jeden Sonnabend sind wir dann na- nach der Arbeit sind wir dann nach nach nach dem Gut Marienhöh gefahren zur Mama und wir durften das auch gar nicht wenn wir den Bus gefahren haben

[1:00:49] wir den Stern immer verdeckt ja aber der Busfahrer der wusste dass wir jüdisch sind hat uns aber trotzdem mitgenommen gehabt und äh   wir durften das gar nicht und äh wir hatten so Sehnsucht nach der Mama und nachn Bruder gehabt   dass er das eigentlich dass

[1:01:09] wir dass wir die Sehnsucht war größer als die Angst   ja  

[1:01:15] und dann sind wir dann einmal das war im September sind wir dann auch dort hingefahren und neben den das Gutshaus stand bei der Chaussee das war ein kleiner Vorgarten und gegenüber dem Gutshaus war

[1:01:32] die Endstation einer kleinen äh Eisenbahn die immer von Wittenberg nach äh bis Marienhöh fuhr fuhr und da waren wir als wir gerade in in dort waren bei der Mutti an einem Sonntagmorgen ganz früh hörte ich dann sie bimmelt es klingt die die kleine Eisenbahn

[1:01:56] da lief ich zum Fenster zu und da sah ich aus dem Fenster kam aus der Eisenbahn kamen dann äh Leute raus in Decken eingehüllt mitn Kopftuch mit schl- mit Holzschlorren   und ich nahm gleich meinen Mantel und ich bin noch bin nach unten gelaufen auf der Chaussee

[1:02:18] und ich stand mittendrin mitten dieser Leute stand ich und ich gucke ich guck und eine kam mir so vor als ob das die ein eine Schülerin war mit der meine Schwester zusammen in der Schule gelernt in derselben Klasse gelernt hatte und ich war bin immer der

[1:02:35] Meinung dass das die Hilde Dannenberg ist aber ich die sahen danach sahen alle so ähnlich alle aus alle schwarz (so) mehr im Gesicht und so angezogen dass das Tuch (was die _) so rumgehabt und in Decken gehüllt und so und da wurden sie auch schon weiter

[1:02:53] getrieben und die guckt die Frau guckte immer so zu mir und ich gucke immer zu ihr ich weiß ich hab doch meins gedacht aber was die gedacht hat weiß ich ja nicht und so ging äh ging ich dann ein ganzes Stück hinterher und dann sah ich die biegen links

[1:03:09] ab und bis ich dann da da auf den Platz kam wo die abgebogen da hab ich sie nicht mehr gesehen weiß nicht wo die hin dort weiter war ein Wald weiß ich nicht wo die hin sind auf den den Wald danach hab ich immer wenn ich wenn ich wir dort waren hab ich bin

[1:03:26] ich immer dorthin gegangen ich weiß nicht wo die dorthin ge- aber man erzählte dass dort ist ein getarnter Flughafen Flug- ein getarnter dass äh dass die die Flugzeuge die feindlichen Flugzeuge nicht sehen sollen dass es ein ein Flughafen ist hat man dortn

[1:03:44] Baracken gebaut und hat die Menschen dort hingebracht   und als ich denn noch 1992 als ich dann das erste Mal mich mit Michael getroffen hab schon von Israel dorthin gefahren   erzählte er mir dass äh dass äh   dass alle von den Außenlager alle nach Palmnicken

[1:04:09] gebracht wurden und dortn erschossen wurden also auch von Jesau ja ich erzählte ihm das und dass auch von Jesau ja ich weiß nicht ob die auch dabei waren d- d- bei dem äh Todesmarsch nicht weil Sie wissen ja ja von der ja dass man die von Außenlager von

[1:04:27] Stutthof sie alle dachten dass die Sowjetarmee sie nicht befreien soll ja wurden dann viele   viele Außenlager gemacht und eine von denen war dann diese diese Jesau die Leute die ich gesehen habe   ja   ja dann das war dann auch schon ja das war so Mitte September

[1:04:48] war das so ungefähr

Daniel Baranowski

[1:04:50] als ähm es diese Bombenangriffe gab

Nechama Drober

[1:04:54] ja

Daniel Baranowski

[1:04:55] wie ist das für Sie gewesen denn das sind ja eigentlich die Befreier erstmal ähm gewesen wie haben Sie das empfunden

Nechama Drober

[1:05:05] äh die Bombenangriffe im August

Daniel Baranowski

[1:05:09] [gleichzeitig:] bombardiert zu werden

Nechama Drober

[1:05:10] im August meinen Sie die Bombenangriffe ?

Daniel Baranowski

[1:05:12] mhm mhm

Nechama Drober

[1:05:13] nein das waren britische waren Engländer   ja

Daniel Baranowski

[1:05:15] wie wie haben Sie das äh   empfunden

Nechama Drober

[1:05:20] das ka- ja wir hatten natürlich Angst gehabt wir haben von dem ersten Bombenangriff der war dem 26sten auf den 27sten August da haben wir natürlich sehr Angst gehabt wir waren gleich den nächsten Tag gelaufen sehen was dortn ist dass da noch alles gebrannt

[1:05:35] da hatten wir schon Angst gehabt   ja und da wie das zweite Mal kam da wussten wir schon das jetzt sind wir an der Reihe   ja die hatten es gerade auf der Unterstadt abgesehen gehabt   ja   und dann die ganze Unterstadt   fas- ganze Unterstadt war ja hat gebrannt

[1:05:57] und äh war zerstört   ja waren damals so man sagt an die 4000 äh die umgekommen sind in dem Feuer in der verbrannt sind und so und dann noch noch mal noch mal so viele Obdachlose ja das alles das war alles in zwei Nächte   ja

Daniel Baranowski

[1:06:17] und dann s- als Sie auf diesem auf dieser Fähre haben Sie ja gesagt sind Sie dann zu der Kirche gebracht worden dann haben Sie praktisch von dem ähm vom Wasser aus die brennende Stadt gesehen

Nechama Drober

[1:06:32] ja das war das war das war die äh von einem Ufer bis zum anderen Ufer ja weil es war hier war dann sagen wir   hier war dann hier hier sind wir [zeichnet mit dem Finger auf einem Blatt Papier] und hier ist der Pregel und wir sind da zu diesem Ufer dann gebracht

[1:06:50] worden und gleich gegenüber war auch schon die die Lutherkirche jetzt jetzt steht die nicht mehr die Lutherkirche die hat man abgerissen   ja

Daniel Baranowski

[1:06:59] haben Sie gesehen was mit ähm dem Haus in der Lindenstraße passiert ist ?

Nechama Drober

[1:07:05] wir kamen dann nach drei Tagen später waren nach dem Luftangriff w- k- fuhren wir ja nach Königsberg und wir sind ja auch dorthin gegangen ja da stand s- mein Bett stand   es stand ein äh ein Plätteisen da stand da sag ich noch »na Mama guck mal   guck

[1:07:26] mal unser unser Plätteisen ist ja ganz mein Bett auch« aber als ich das nehmen wollte dann ist das zerfallen   von der Hitze   ja und das war alles so eingefallen alles verbrannt verkohlt ja und das Bett stand aber es war nicht mehr weiß wie es war es war

[1:07:43] verkohlt aber es stand   ja  

Barbara Kurowska

[1:07:46] wussten Sie denn was die Lage an der Front war also gab es Hoffnung dass der Krieg bald zu Ende sein würde haben Sie darüber gesprochen

Nechama Drober

[1:07:58] ja wir seit neunzehnhundert- seit der zweite Transport weg war ja deportiert (waren se) ja da hielten wir dann zusammen äh wir jungen Leute hielten wir denn zusammen wir waren zwölf Mischlinge die äh nen Stern getragen haben wir hielten dann immer zusammen

[1:08:17] und waren mal da mal bei uns dann waren wir bei bei Michael Wieck zu Hause da wir haben dann musiziert dortn und dann waren wir bei anderen zu Hause bei der Erni Mendelsohn und beim Richard Sodies zu Hause bei jedem in Frei- in unserer Freizeit ja und wir

[1:08:35] hielten immer zusammen also ähm Juden durften ja keine elektrische Geräte haben kein Radio besitzen das durfte man alles gar nicht und wenn jemand mal irgendw- bei bei Bekannten so einen Sender noch einen verbotenen Sender gehört hat es dann mussten dass

[1:08:57] immer still sein dass niemand das was mitbekommt damit wir da standen immer überall Schilder angeschrieben »Psst Frei- Feind hört mit« heißt man soll vorsichtig sein dass ja und dann und wenn mal jemand das abgehört hat einen verbotenen Sender dann geht

[1:09:14] bei uns immer das Fragen los »ja wo sind die Russen jetzt welche Stadt haben sie erobert wann kommen sie schon sie sollen uns befreien« wir waren damals so fanatisch mit dem dass dass sie dachten wenn wenn die Russen uns befreien dann die werden uns auf

[1:09:30] Händen tragen wir wir hatten überhaupt keine andere Vorstellung gehabt ja und so und dann war das schon ja   die letzte Nacht in äh in Königsberg schliefen wir dann zusammen in der Mozartstraße mit der Frau Sodies und ihrem Sohn zusammen bei Bekannten

[1:09:49] und dann morgens gingen wir dann zur Fabrik und waren alle im Pulverraum versammelt und da kam denn Herr   äh kam der Herr Täube und sagt dann »Mädels haut ab euer Vater hat angerufen ihr sollt sofort kommen« als mein Vater war schon dort beim in Jesau

[1:10:10] bei Mama und äh wir sollen sofort kommen »machts geht sofort bevor noch die Stadt offen ist« das heißt wir haben uns dann noch verabschiedet Rita und ich von von unseren Freunden wir dachten das ist ja nicht lange und wir kommen bald wieder zurück

Daniel Baranowski

[1:10:26] wann ist das gewesen ?

Nechama Drober

[1:10:28] das war im Januar 25sten Januar gerade am 25sten Januar sollten wir wir sollten uns alle uns bei der Gestapo melden da hatten wir schon Angst gehabt ja jetzt jetzt kommen wir weg ja wir waren ja nur zurückgestellt nur vorläufig

Daniel Baranowski

[1:10:41] war es ein k- äh ein kalter Winter ?

Nechama Drober

[1:10:45] bitte ?

Daniel Baranowski

[1:10:47] war es kalt in dem Winter ?

Nechama Drober

[1:10:48] och dem Winter war es so kalt so viel Frost und so viel Schnee dass  

[1:10:51] und äh so gingen so ging Rita und ich dann zu Fuß gingen raus die Stadt raus ähm zur Chaussee es fuhren keine Busse mehr es fuhr kein anderes Auto mehr sehr selten dass man noch mal ein

[1:11:09] Auto gesehen hat wir sind mehr zu Fuß wie gefahren dort angekommen es war es hat schon gedunkelt war da damals war im Januar dass äh vier Uhr war schon dunkel   und der Papa stand an der Chaussee und hat uns war dann froh als er gesehen hat dass wir da sind

[1:11:26] dass wir gekommen sind ja dann haben wir noch eine Nacht dortn geschlafen und die andere Nacht noch und dann sind wir den 27sten ganz morgens haben wir dann alle äh es war da schon zu hören äh dass die äh das Schießen das die waren da schon ganz nah  

[1:11:44] dann haben wir uns angezogen haben uns unsere Decken genommen etwas zu essen mitgenommen und wir dachten oft an s- wir kommen bald zurück wieder auf diesen Platz und wir gehen auf der Chaussee da kamen dann deutsche Soldaten uns entgegen die gingen nach Königsberg

[1:12:02] und wir gingen den Russen entgegen dass wir dass wir sch- dass uns schnell äh be- befreien sollen und dann sagten die deutschen Soldaten »wenn Sie die Fr- die Front abwarten wollen dann nur nicht bei der Chaussee dann gehen Sie irgendwo ins Dorf rein dortn

[1:12:21] ist das immer nicht so schlimm« ja da sind wir dann rechts abgebogen sind dann eine Landstraße entlang gegangen und der Schnee der Schnee hat von oben der Schnee und von unten der Schnee und es war kalt und mein kleiner Bruder hat geweint es war ihm kalt

[1:12:35] und er hat Hunger gehabt und und dann kamen wir an ein Gehöft an einen Bauernhof da waren schon viele Leute und in äh wo wir meine Mutter da wohnte in Marienhöh auf dem Gut da waren drei äh drei russische Gefangene haben dort gearbeitet und mit denen äh

[1:12:54] mit denen hatten wir immer gesprochen hatten wir auch erzählt dass wir jüdisch sind dass wir schon warten dass ma- dass man uns schon befreien soll und die drei russische Gefangene waren auch auf dem Gehöft mit der äh mit der äh Wirtin zusammen von dem

[1:13:11] Bauernhof von dem von Marienhöh meine ich   und dann waren wir die ganze Nacht im Keller ähm auf dem Bauernhof und morgens um sechs Uhr hörten wir schon   wie   äh wie sagt man äh   da hört da hört man schon die Fahrzeuge ja   nicht Traktor wie sagt man

[1:13:37] die Panzer ja Panzer äh und die die drei S- Gefangene die sind gleich rausgelaufen und denen entgegengelaufen die haben auf russisch gesprochen mit denen und die haben uns da die erste Nacht beschützt gehabt vor allem die was die gemacht haben nicht und

[1:13:58] dann äh wie sie deutsche Männer wurden gleich als erste wurden gleich erschossen einige und dann kamen wir alle raus mit so freudig wir auch wir wollten denen entgegengehen so freudig alles ja aber da wir das gesehen haben hatten wir schon Angst gehabt aber

[1:14:15] die erste Welle von Soldaten die sind dann die gingen dann weiter mit der Front und die drei Soldaten die die drei Gefangenen gingen dann mit mit denen und dann kamen wieder andere   andere die wurden noch mal erschossen Leute und dann wurden wir alle in einem

[1:14:32] Zimmer eingesperrt und manche Menschen hatten dann Panik gemacht ja die »jetzt werden sie das Haus anzünden guck mal wie die alle wie die alle sind wie die uns äh wie die uns äh wie die mit uns umgehen« das äh aber bald danach kamen doch noch mal andere

[1:14:53] und dann wurde die Tür geöffnet das Erste was die schreien »Frau gib Uhr (Uri ! Uri !) gib Uhr« wenn sie das nicht bekommen haben ja und dann ging es dann los die Vergewaltigung das also wie die sich benommen haben also wir hatten Angst gehabt wir hatten

[1:15:11] A- wir haben uns v- überall äh versteckt haben ich bin sowieso von dem nicht verschont geblieben die da konnte man überhaupt nichts machen wir hatten Angst gehabt die haben die Pistole (prama) an den Menschen gehalten und haben die geschleppt die Frauen

[1:15:25] das es war fürchterlich   dann äh dann wurden wir nächsten Tag wurden wir dann alle aufgestellt und dann äh wurden wir denn getrieben weiter getrieben äh kommen dann die die bei jedem Gehöft dortn kamen immer noch Menschen dazu über Uderwangen dann weiter

[1:15:47] dann machten wir haben ein bisschen Halt gemacht wir hatten alle Durst gehabt und Wasser hatten wir nicht dann hat mein Vater als eine eine in Hof dortn eine Schüssel gefunden und hat dann Schnee ange- Schnee genommen das haben wir aufgetaut und haben es

[1:16:03] dann getrunken   und dann wurden wir wurden wir noch noch weiter getrieben so sind wir nachts waren wir dann (anderen) Gehöften so äh dort übernachtet immer auf Stroh immer so einer neben anderen gelegen immer auf Stroh ge- geschlafen und es war kalt und

[1:16:21] äh wir waren da schon größere Kinder wenn mein kleiner Bruder der hat immer geweint der hatte Hunger gehabt und und es war ihm kalt und und äh   dann kam dann wurden wir wieder weiter getrieben da kam von äh von uns entgegen eine ganze Gruppe russischer

[1:16:42] Soldaten die haben gleich angefangen zu schießen gleich in der ersten Reihen wurden äh erschießen die wollten uns auch erschießen dann hat mein Papa es war (so) die Enttäuschung gewesen da hat mein Papa äh gebetet »wir sind doch wir doch Juden« haben

[1:17:00] unseren Stern gezeigt »wir sind doch Juden wir haben so auf euch gewartet« und so aber die glaubten ni- die haben gar nicht daran darauf geguckt nicht wer die Menschen sind man spricht deutsch dann ist man Deutsch dass äh   und da da kam aber hatte aber

[1:17:17] gehört einer Offizier und einer Soldat die waren beide Juden die kamen dann zu uns und sagten sie fragten ob wir wirklich Juden sind dann haben wir dann unseren Stern gezeigt und haben dann die haben dann jiddisch gesprochen und wir haben denn deutsch und

[1:17:30] (__) denen gese- haben gehört dass der Papa gebetet hat und der Herr Scheftelowitz und und und die haben dann gesagt die haben unser Leben gerettet   ja   und so sind wir dann aus dieser weiter gegangen dann auf andere Gehöfter haben mit (ner so schlechtes)

[1:17:45] so was gesehen das das geht mir bis zum heutigen Tag gar nicht ausm Kopp raus nicht das das überall lagen Frauen ermordete Kinder ermordete halb mit Schnee bedeckt und   es war es war es war sehr schrecklich das  

[1:18:03] bis wir dann nach Allenburg ankommen ankamen

[1:18:08] Allenburg erstmal erstmal (_ vor einem anderen) waren wir erstmal auf der Kommandantura dann musste musste man den den Mantel ausziehen wir mussten das Oberste ausziehen die Taschen wurden untersucht und alles weggenommen ich hatte dann eine Aktentasche hab

[1:18:28] ich hier noch einige Fotogra- Fotos gehabt von unseren Freunden wo wir uns fotografiert hatten von meinen El- von meinen Eltern von Brüder v- hatten wir noch einige gehabt und   und ei- das Bild hier [sucht nach dem Foto] von meiner Mutti   ja das Bild von

[1:18:48] meiner Mutti das war kleiner [zeigt das Foto] das ist schon vergrößert worden ja ja das hatte ich in einen Sessel gesteckt so hinten so hinten in einen Sessel reingetan so dass man es nicht sehen soll und dann war da später danach hab ich doch hab ich das

[1:19:02] rausgezogen aber die anderen aber die anderen Fotos [legt das Foto weg] die da waren die haben

Daniel Baranowski

[1:19:08] können Sie noch mal kurz zeigen

Nechama Drober

[1:19:09] bitte ?

Daniel Baranowski

[1:19:11] können Sie noch kurz das Bild noch mal kurz zeigen   vielleicht in die Kamera

Nechama Drober

[1:19:14] [hält das Foto in die Kamera] ja Sie sehen das ist zerknittert

Daniel Baranowski

[1:19:17] ja

Nechama Drober

[1:19:18] das von dem was ich im kress- im Sessel (reingesetzt)

Daniel Baranowski

[1:19:20] und das ist Ihre Mutter

Nechama Drober

[1:19:22] das ist meine Mutter das ist nach das ist fotografiert nachm Bombenangriff in Marienhöh

Daniel Baranowski

[1:19:27] also 1944 Ende Herbst oder

Nechama Drober

[1:19:30] [gleichzeitig:] 1944   ja

Daniel Baranowski

[1:19:33] und und äh die andere Person

Nechama Drober

[1:19:36] das ist mein kleiner Bruder

Daniel Baranowski

[1:19:38] das ist der Bruder der

Nechama Drober

[1:19:40] Denny

Daniel Baranowski

[1:19:42] über den haben wir glaub ich noch gar der ist ähm im Krieg geboren ne

Nechama Drober

[1:19:45] ja der ist 1940 geboren

Daniel Baranowski

[1:19:47] aha okay der ist dann fünf oder vier

Nechama Drober

[1:19:50] ja   ja und dann danach äh   äh als sie haben die haben sie alle Fotos genommen und die übrigen Fotos und haben sie alle zerrissen und die Kennkarten wurden dann abgenommen uns die waren die waren alle alles was wir hatten noch so haben sie uns weggenommen

[1:20:13] Decken ist uns nur eine geblieben ge- Deck- das haben wir nur noch konnte unserem kleinen Bruder noch be- noch eindecken so dass es nicht so kalt ist beim Schlafen und danach als man uns alles untersucht hat und nu da wurden wir im Keller gesperrt in einen

[1:20:30] ganz dunklen Keller und wir saßen dortn von morgens bis abends bis man uns rausgelassen hat in dem Ke- von dem Keller dachten wir was wollen die wir haben das gar nicht erwartet die Enttäuschung   ja   dass s- dass dass wir Juden sind haben sie haben sie versteh

[1:20:48] ich das haben sie nicht geglaubt ja aber die Enttäuschung von uns das war ja dass wir das nicht erwartet haben   also dass man sich mit uns so   so   uns so benimmt nicht dann   dann kamen wir nach Allenburg an in Allenburg   wurde dann äh beka- haben wir dann

[1:21:16] eine eine Zw- eine Zweizimmerwohnung in einem äh auch zerbrochenem Haus gefunden in einem Zimmer waren dann die Scheftelowitz im anderen Zimmer waren waren wir und dann kamen immer die Soldaten von der Kommandantur die haben doch immer was gebracht etwas

[1:21:35] zu essen gebracht und so da konnten da hatten wir noch zu essen gehabt   und äh aber dann kam dann nach einem Monat gerade nach einem Monat wir waren dem 28sten Januar haben hat man uns dann äh wie man sagte Befreiung

[1:21:51] und einen Monat später wurde der Papa

[1:21:55] dann von uns entrissen das war dem 28sten Februar

Daniel Baranowski

[1:21:59] in Allenburg ?

Nechama Drober

[1:22:00] in Allen- in Allenburg ja da kam ein ein Befehl dass alle Männer die noch da sind müssen zum zum Brückenbau und so   brachte man äh äh wir sagten dann wir   wir wollten auch mit wir wollten auch mit aber das war nicht erlaubt die hatten uns nicht gela-

[1:22:21] wir dachten dann kommt der Papa bald wieder zurück (dass) sie Brücken bauen und kommt wieder zurück   aber dann erinnere ich mich an den Tag beim Abschied   mir schwer zu sagen   [deutlich mitgenommen] wir wussten ja damals nicht dass das ein Abschied auf

[1:22:41] Nimmerwiedersehen ist   ja das war so mein Vater wir haben uns verabschiedet und dann ging mein Vater   wir damals hatte man ja noch Hüte getragen nicht es gab ja keine in Deutschland gab es ja keine Mützen oder so für Männer so und hat der Papa dann

[1:23:04] ne Jacke angezogen und dann den Hut aufm Kopf und seine Ohrenklappen gabs damals und äh   und er ging wir haben uns verabschiedet und er ging dann er und der Herr Scheftelowitz nebenan neben Papa und er drehte sich noch einmal um und er winkte und dann sahen

[1:23:24] wir dann sein   ja da sahen wir dann sein Gesicht sein trauriges Gesicht   und so haben wir Papa nie mehr wieder gesehen   er ist zwar am Leben geblieben er wir wussten gar nicht wo man ihn hingebracht hat wir wussten das bis 1989 wussten wir gar nicht wo

[1:23:46] der Papa war   und wir waren immer der Meinung ja der Papa hat uns dann danach gesucht   noch   dann darauf komm ich noch ja   [an die Interviewer:] haben Sie nicht Hunger ?

Daniel Baranowski

[1:24:00] sollen wir ne Pause machen ?

Nechama Drober

[1:24:03] ja dann kann ich Mittag machen nicht

Daniel Baranowski

[1:24:06] mhm machen wir ne Pause [Schnitt]

Nechama Drober

[1:24:09] so dann nachdem nachdem Papa dann nicht mehr mit mit uns war brachte man uns dann nach auf einem Gut Eiserwangen das ist von Allenburg einige Kilometer weg zum äh zum Getreide dreschen und wir waren dann nachts   schliefen wir in das waren Insthäuser wo immer

[1:24:38] früher die Arbeiter vom Gut ge- äh gewohnt haben auf Stroh sind wir dortn geschlafen auch wie der Heringe wie man sagt nur so eins neben den anderen ja wir waren ja nicht alleine wir waren ja viele dorthin hingebracht worden und eines Nachts ist dann da

[1:24:55] ein Feuer ausgebrochen und niemand hat das gemerkt und als man das schon bemerkt hat war es schon fast zu spät bis dann die Leute dann alle rausgelaufen und jeder wollte als erster raus und meine Mutti nahm dann meinen Bruder auf dem Arm und verlor einen

[1:25:11] Schuh von meinem Bruder und einen anderen kaufen gab es ja nirgendswo nicht und wir waren schon draußen wie meine Mutter das bemerkte und meine Mutter ging dann zurück lief nochmal ins Haus rein und suchte den Schuh dann kam sie dann auch mit dem Schuh zurück

[1:25:31] nach draußen und nach ihr ist gleich das Haus eingestürzt und s-   und dann waren wir die ganze Nacht verbrachten wir dann dr- draußen im Freien am nächsten Tag wurden wir dann ins in dem Herrenhaus dortn ein- dass dortn wohnen sollen da war ein großer

[1:25:54] Raum da stand nur eine zerbrochene Kommode und ein runder Tisch auf drei Füße   mehr war auch nicht dort schliefen wir auch auf Stroh und überall wo wir waren immer nur auf Stroh   und dann als die Dreschzeit zusa- Ende war wurden wir wieder nach Allenburg

[1:26:15] zurück gebracht in Al- und da war mein Bruder erkrankt er hatte so- er hatte Lungenentzündung gehabt einen Arzt in Allenburg gab es nicht jemand sagte uns in dem nächsten Dorf sind dann Ärzte da kann man kann man einen finden dann ist meine Mutter und

[1:26:35] ich sind dann am nächsten Morgen   dorthin gegangen aber bei Nacht plötzlich hörten wir schießen wie sagt man Salut äh Feuerwerk Feuerwerk machen und sie schrien dann die Soldaten »Hitler kaputt ! Hitler kaputt !« wir verstanden dass der Krieg zu Ende

[1:26:56] war   ja das war natürlich sehr erfreulich das zu hören dass der Krieg zu Ende war aber wie ging es denn mit uns weiter ? also morgens ging denn meine Mutter und ich los und wir suchten ins nächste im nächsten Dorf einen Arzt ihn haben wir auch gefunden

[1:27:14] und wir gingen zu ihm und er er war er war Jude der Arzt ein älterer Mensch war Jude und sprach auch jiddisch und äh wir haben ihm erzählt alles und was mit uns geschehen war und wieso und er hat alles verstanden und äh   er hat uns auch geholfen hat uns

[1:27:35] die für meinen Bruder dann die Tabletten gegeben und andere Medizin die er brauchte und wir bekamen noch ein ein ein Brot mit und Speck und äh Zucker und was dann noch was   und wir durften noch dortn essen wo die Soldaten gegessen haben dann gingen wir wieder

[1:28:01] nach Hause und wir hatten Angst nach Hause zu gehen weil die Soldaten waren alle besoffen von der Freude dass der Krieg zu Ende war und wir hatten Angst zu gehen aber wie gesagt wir hatten einen sicher- einen Schutzengel gehabt wir kamen gut nach Hause ja

[1:28:15] und Rita hat sich vor Freude geweint dass wir wieder da sind und meinem Bruder ging es dann äh nachd- -dem er die Tabletten geschluckt hatte eingenommen hat war äh ging es ihm denn besser nicht aber wir hatten ja kein Essen gehabt dass er dann gesund werden

[1:28:33] sollte dann kam meine meine Mutti und die Frau Scheftelowitz sagten dann wir wär besser gewesen wir (wollten) nach Königsberg zurückgegangen bestimmt wart dort dortet ihr Mann auf uns und unser Vater weil wir wussten ja gar nicht wo der Papa wo man ihn

[1:28:52] hingebracht hatte und so gingen wir dann   kehrten wir dann nach Königsberg zurück   zu Fuß gingen wir zu Fuß wir gingen langsam wir waren fast eine Woche unterwegs gingen langsam wir haben immer die Mut dass der Papa dort auf uns wartet hat uns Mut gemacht

[1:29:15] dass wir sind wir eben gegangen wir kamen in Königsberg an durch den Sackheimer Tor und dortn gleich in der Yorckstraße fanden wir dann so auch eine Wohnung eine Zweizimmerwohnung in aufm dritten Stock äh ähm auch in einem fast zerbrochenem Haus   und die

[1:29:40] Tür konnte man überhaupt gar nicht die die sch- die Wohnungstür konnte man überhaupt gar nicht zumachen nicht verschließen überhaupt nicht zumachen die hatte kein Schloss gehabt auch kein kein Drücker wie sagt man (_) ja   und nachts kamen dann immer

[1:29:59] die die Soldaten und suchten immer   was sie wegnehmen können von von die Menschen wir hatten noch unsere Wintermäntel gehabt und die waren dann eines Tages alles als die kamen war dann alles weg die haben alles weggenommen wir waren noch mal ohn- wir hatten

[1:30:16] überhaupt nichts mehr gehabt die haben immer alles genommen uns und alles nach Hause geschickt   so so dann gingen wir Rita und ich wir gingen denn den nächsten Tag   dort wo wir gearbeitet haben zu dem äh zu Gamm und Sohn der Fabrik und dachten vielleicht

[1:30:35] hat der Papa dortn   aufgeschrieben äh angeschrieben dortn wo er sich befindet aber nein es war nichts wir gingen dann in dem in der Fabrik rein die   die war alles war halb zerbrochen aber wir dachten vielleicht werden wir dortn etwas Seife finden   aber wir

[1:30:54] haben nichts gefunden   und gingen durch die ganze Fabrik so wo man wo man gehen konnte wollten auch nach oben gehen aber da die Treppen waren da zu wackelig dann gingen wir nicht rauf aber was wir da sahen dort wo von der   wo die wo die Bür- Büroräume waren

[1:31:15] äh bei Gamm und Sohn unten war das Seifengeschäft und unter dem Seifengeschäft war ein äh ein Keller den man als Luftschutzkeller benutzte als immer Alarm war hatten wir immer Angst da runter zu gehen weil das gefährlich war und gerade dort unten waren

[1:31:31] waren die Frau Sodies und Richard mit seinem Sohn Richard und die Familie Mendelsohn sie waren dort dort ähm die g- die Franzosen die dort gearbeitet haben es waren polnische Mädchen die man verschleppt ge- hatten die waren alle unten im Keller sind alle

[1:31:50] dort umgekommen das das sieht man auch auf dem Haus ich hab das hier (nicht)   ich (hab_ ) das nicht hier und meinem Buch ist das auch nicht ja   [blättert in ihrem Buch] ne ja hier dieses Bild hier im Buch   ja [hält das Buch in die Kamera] das ist das Alhambra

[1:32:15] das ist das Alhambra und hier diese diese Lücke hier wurde die die diese Büros waren Büro waren das Seifengeschäft und unten der Ke- der Keller und das ist alles eingestürzt und da sind sie unten umgekommen alle   und wir haben das gesehen dann sind   sind

[1:32:37] meine Schwester und ich haben Sie das schon gemacht ? hat meine Schwester und ich haben dann Blumen gepflückt in einem Schrebergarten und haben dann auf einen eine äh Gefäß dortn sind wir dann raufgeklettert dortn auf dem Schutthaufen haben dort noch Blumen

[1:32:53] hingestellt   so und wir haben dann am bei Gamm und Sohn denn an- der ange-   aufgeschrieben wo wir uns befinden wo wir sind aber uns hat ja niemand gesucht   die die alle wussten dass wir damals von Königsberg fortgegangen sind dass wir da- nach (vor) der gleich

[1:33:16] nach der Kriegs- nach Kriegsende sind wir dann wieder zurückgekehrt das war Ende Mai  

[1:33:24] so   als wir dann nach Königsberg ankamen kam dann eine Frau Kraschewski die sprach gut russisch und sie arbeitete bei der Kommandantura bei der Komman- wir musst- und

[1:33:39] die befie- hat immer jedem befohlen zu der Arbeit zu gehen wir wurden mussten dann Räum- Aufräumungsarbeiten machen auf den Straßen wo man dann 200 Gramm Brot für aufn auf einen Menschen gab die arbeiten für Kinder die nicht arbeiten die nicht können

[1:33:54] arbeiten oder so gab man überhaupt nichts und die 200 Gramm Brot das waren schwarzes Brot es was nass und sauer   aber wir hatten ja Hunger und da und 200 Gramm Brot kann noch lange nicht reichen um satt zu werden wenn man nichts anderes hat   so haben wir

[1:34:10] gehungert es g- es gab nichts einmal waren wir wieder bei den Aufräumungsarbeiten dann kam   spazierte immer ein ein ein Soldat hin und her so und aß ein Butterbrot und meine Mutti hielt das nicht aus und sie sagte sollen ein Stückchen Brot geben nur nicht

[1:34:31] für sich sondern für unseren Bruder der zu Hause alleine blieb und der Hung- Hunger hat aber er hat es nicht gegeben er hat hat sie ausgelacht und aß mit Appetit weiter aber wie weh das tat   wo wir doch immer denen geholfen hatten gefangenen Russen wo wir

[1:34:51] nur konnten es gibt überall verschiedene Menschen   so wurde mein Bruder wurde immer schwächer und immer schwächer   und ist dann am 27sten August gestorben   er war fünf Jahre alt   danach dann sind nur noch geblieben meine Mutti meine Schwester

[1:35:26] und ich am sechsten September   ich arbeitete wir wussten nicht mehr was zu tun ich ging dann ja ging dann wir gingen dann vorher noch zu einer Familie Petrusch die in Ponarth wohnten dachte vielleicht können die uns irgendwo Arbeit geben äh äh er der Herr

[1:35:43] Petrusch hatte überall Bekannte gehabt und er sagte dann ich kann dann arbeiten auf einem einem einem Verschiebebahnhof oder Güterbahnhof war das in Ponarth und dortn immer in einem großen Raum immer nur fegen dass es dort sauber sein soll und dafür bekam

[1:36:02] ich dann eine   so eine Kanne mit Suppe mit das habe ich dann immer nach Hause gebracht aber mein Bruder konnte das ja auch nicht mehr essen alles es ging ihm nicht mehr das Essen ging nicht mehr und an dem Tag als er starb ich ka- war ich z- war ich nicht

[1:36:19] nach Hause mehr gekommen weil es zu spät war und ich hatte Angst diesen weiten Weg alleine über die Schienen zu gehen und musste immer nur zu Fuß es gab ja keine Transport fuhr ja nicht

Daniel Baranowski

[1:36:28] wie weit war das denn ?

Nechama Drober

[1:36:29] das war das war sehr weit m- ich ging immer zu Fuß dorthin über die Schienen weil es über die

Daniel Baranowski

[1:36:36] über die Gleise (_)

Nechama Drober

[1:36:38] Gleise ja über die Gleise ging ich dann immer zu Fuß dorthin und am Abend dann zurück hatte ich einfach Angst zu gehen weil es schon zu spät war und dann kam bin ich dann beim Petrusch geblieben dort sch- schlafen über Nacht geblieben und als ich dann

[1:36:53] am nächsten Tag nach Hause kam erzählte mir meine Schwester dass mein Bruder gestorben ist und dass sie und der Lothar Scheftelowitz   haben ihn denn   in eine Decke gehüllt und durch die ganze Stadt getragen bis zum jüdischen Friedhof in der Steffeckstraße

[1:37:11] wo mein wo mein erster Bruder beerdigt ist   und die erzählt meine Schwester denn die hatten überhaupt die hatten keine keine Kraft gehabt überhaupt ein Grab auszuschaufeln die haben einfach nur so und dann einfach so   verscharrt and- anders konnte man das

[1:37:33] gar nicht das  

[1:37:35] ja und denn am sechsten September morgens am sechsten September habe ich wieder zwei Eimer Wasser gebracht weil meine Schwester konnte das gar nicht mehr   und ich ver- verabschiedete mich von meiner Mutti mit einem Kuss wie immer und ich ging

[1:37:52] zu der Arbeit   da kam ein kam der Lothar Nachmittag kam der Lothar Scheftelowitz zu mir auf der Arbeit und sagt »Hella du musst dann nach Hause kommen deiner Mutter geht es nicht gut«   also bis wir dann wieder zu Hause waren   war auch schon nach fünf   und

[1:38:10] da kam ich dann ins in die Wohnung rein sagte mir Rita »geh nicht ins Zimmer rein die Mama schläft«   sie wollte mir das vorher erstmal so sagen nicht aber ich ging doch rein da sah ich dass das Bett leer ist   gegenüber war auch eine eine eine Feuerwehrschule

[1:38:33] und da hat man dann alle die Toten die an dem Rajon gestorben sind an die an dem Tag alle dort aufbewahrt gehabt und dann bin ich da runter gelaufen dortn in der Feuerwehrschule rein dortn und da hab ich an den Decken hab ich denn das erkannt dass es die Mama

[1:38:48] ist am nächsten Tag wurden dann alle die Toten auf einem Handwagen gelegt und wir mussten das dann schieben bis zum Friedhof bis zum Königstor raus   auf einen Friedhof das war mal ein alter deutscher Friedhof   dort ist meine Mutti mit mit noch   zu sechs

[1:39:15] Menschen in einem Grab   ausgeschaufelt geworden war schon das Grab und dann einfach so reingeworfen und ver- äh zugeschütt und das war alles   aber jetzt sind nur noch Rita und ich geblieben  

[1:39:30] ja meine Schwester wars ja auch schon schwer zu gehen sie hat

[1:39:38] sie   sie konnte einf- ich war noch die Einzige die noch so so auf den Beinen stand ich noch etwas arbeiten konnte und noch etwas äh bringen konnte und dann kam da schon der bin ich mit mit Lothar Scheftelowitz   es war ja schon Herbst sind wir dann nachts

[1:39:57] stehlen gegangen aufn Feld auf die Felder wuchst ja schon äh Kraut und das äh das äh Kraut und Möhren und Kartoffel und so und da stand aber immer der Posten auf dem Feld da s- der das alles bewacht hat und wir sind dann immer so auf alle vier so da ran

[1:40:19] gekrochen und haben dann ausgeschaufelt und in einen in einer Tasche reingetan und alles und gehen dann zurück und dann mussten wir wieder durch den Sackheimer Tor aber da standen die Soldaten die Posten die haben uns wieder alles weggenommen und haben uns

[1:40:32] dann uns beide bis morgens in einer in einem Zimmer eingesperrt   und dann sind wir wieder mit leere Hände nach Hause gekommen und so gingen wir in den anderen Nächte wieder und wieder und wieder und so ist meine Schwester konnte dann schon ein bisschen

[1:40:48] gehen und es war ihr besser und dann kam sie auch manchmal mit und so haben wir dann überwintert   am äh   im im April neunzehnhundertfünf- 46   sagten wir Rita jetzt müssen mal zu zu der Frau Wieck gehen fragen ob äh   wie es denn Michael geht dann sind

[1:41:20] wir dorthin gegangen da sagt sie uns dass Michael ist im Krankenhaus er liegt in der Barmherzigkeit dann sind wir denn dorthin gegangen   und haben ihm dortn auch gefunden und äh haben mit dem dann gesprochen und als wir dann gegangen war (er) gerade war in

[1:41:38] der Mittagszeit und man gab ihm dort ne Suppe zu essen und noch etwas B- Stückchen Brot und wir waren auch so hungrig dass uns das Wasser im Mund zusammen gelaufen ist aber er hatte ja selbst nichts gehabt wir haben uns nichts anmerken lassen und sind dann

[1:41:53] wieder gegangen   ja und weiter haben wir den Michael gesehen erst noch er ist 1992 46 Jahre danach   ja aber das erste Begegnung in Königsberg schon unter den Russen mit bei mit Michael war auf den Hufen   er hatte dort irgendwo gearbeitet und wir sind gerade

[1:42:15] vorbeigegangen da haben uns begrüßt und äh er sagte noch wo er denn jetzt wohnt und wir waren noch bei ihm zu- bei ihm zu Hause und äh und haben und seine Mutter hat uns noch einen Teller Suppe gegeben   dann und er sagte uns wo die Ina Zwilsky wohnt wo

[1:42:34] der Olaf Bönheim wohnt und wir waren sie alle besuchen wir wollten sehen wie es denen geht und wa- was die machen ob wie (sies) überlebt haben und so waren wir dann bei Olaf waren wir dann das erste Mal und auch das letzte Mal Olaf ist dann im Winter   ist

[1:42:50] mit seiner mit seinem Vater äh Balken absägen gegangen dass sie was zu heizen haben und dann haben sie einen Balken abgesägt und als da ist das Haus eingefallen und hat ihn unter sich begraben und bis er dann schrie dann immer »Papa helf mir Papa helf

[1:43:10] mir« und bis der Vater dann jemand gefunden hat da war er nicht war er tot dann hatte er das die Russenzeit überlebt und musste auf (eine) tragische Weise dann umkommen   ja   [seufzt] ja das   mit der   (__)

Daniel Baranowski

[1:43:31] Sie haben die ganze Zeit in dieser ähm Wohnung dann mit Rita zusammen gewohnt ähm wo Sie von Anfang an gewohnt haben ?

Nechama Drober

[1:43:42] mit Sch- mit der Familie Scheftelowitz meinen Sie ?

Daniel Baranowski

[1:43:45] nein als Sie dann ähm nach Beendigung des Krieges zurückgekommen sind sind Sie ja in diese Zweizimmerwohnung gegangen und dort haben Sie die ganze Zeit

Nechama Drober

[1:43:52] [gleichzeitig:] ja ja wir haben auch mit denen zusammen ja wir hatten die Vorderzimmer gehabt wir waren vier Menschen und sie waren nur zwei sie hatten das kleinere Zimmer ein Du- war ein Durchgangszimmer

Daniel Baranowski

[1:44:00] und wie ähm was ist in Königsberg passiert in der Zeit wurde wieder aufgebaut wurde weggeräumt

Nechama Drober

[1:44:07] [schüttelt den Kopf] um der Zeit hat um der Zeit hat man nichts aufgebaut und man hat auch nichts zu Essen gehabt   meine Schwester und ich wir sind dann immer am Oberteich gegangen und haben haben vielmals die ähm die Muscheln gesucht im Wasser da haben

[1:44:24] wir die geöffnet und das äh zu Hause haben wir das eine Mahlzeit daraus gemacht aber ohne Zutaten oder ohne nichts das hat natürlich nicht geschmeckt aber Hunger tut weh   ja und dann haben wir auch Melde verschiedene äh   die die   verschiedene der Grünzeug

[1:44:45] da haben wir da gegessen alles so und Brennnessel und Mel- Melde und ich weiß gar nicht wie die

Daniel Baranowski

[1:44:52] Melde ?

Nechama Drober

[1:44:53] Melde das so eine grünes grüne Blätter so mit die   die einfach so wachsen

Daniel Baranowski

[1:45:00] ja

Nechama Drober

[1:45:01] das haben wir alles gegess- haben wir gekocht und gegessen und wenn wir mal irgendwo Mu- im Müll Kartoffelschalen gefunden haben das war das war schon wie ein Feiertag ja das konnte man durch die durch die Fleischmaschine drehen und dann so auf der wa- Pfanne

[1:45:16] einfach so trocknen und essen   ja

Daniel Baranowski

[1:45:20] und wie lange haben Sie dann in Königsberg noch gelebt ?

Nechama Drober

[1:45:22] wir kamen nach Königsberg zurück Ende Mai 1945 und gingen dann fort mit meine Schwester und ich im Ende April 46 ja   und da gingen wir   gingen wir nach nach Wehlau eine bekannte Frau sagte uns dass in Wehlau der Kommandant äh jüdisch ist und vielleicht

[1:45:50] wird er uns helfen da hatten wir uns wieder Hoffnungen gemacht   und dann der Weg dorthin auf fast fast zu Fuß (wie gefahren)   und kamen dort an in Wehlau an da war ich war noch nie in in Wehlau gewesen früher auf eine lange Brücke aber vor der Brücke da

[1:46:12] standen sicherlich mal Häuser vor dem aber in der Zeit nicht waren nur kleine Häuschen da haben in einem Häu- in einem Häuschen haben dann ähm deutsche Gefangene gelebt die waren dort wie ein kleiner Lager kle- Gefangenenlager war das dortn und die haben

[1:46:29] uns ganz herzlich begrüßt und haben uns noch Essen gegeben und sind dann bei einer Frau die nebenan wohnte sind wir dort noch geschlafen und äh nächsten Tag sind wir dann zur Kommandantura gegangen und äh der Kommandant war äh war wirklich äh   jüdisch

[1:46:47] und seine Frau man erzählte damals seine Frau er hat sie gerettet und danach geheiratet   ja und die wohnten dort und die haben uns auch geholfen ich bin dann als Mäd- (__) als Dienstmädchen war ich dann äh bei einen bei einem Ehepaar er beide Ärzte er

[1:47:09] war sie war Russin und er war Rus- auch Russe au- nur jüdisch er sprach ein sogar ein bisschen jiddisch ja   aber da sollte ich dann kochen dort aber ich war wie soll ich kochen also ich versteh das überhaupt gar nicht   auch noch russische Gerichte kochen

[1:47:29] (_)

Daniel Baranowski

[1:47:31] konnten Sie denn konnten Sie denn zu dem Zeitpunkt schon Russisch ?

Nechama Drober

[1:47:33] nein nein ich verstand die ich war die hat mir ja erklärt aber ich verstand ja nicht was die sagt

Daniel Baranowski

[1:47:37] mhm

Nechama Drober

[1:47:39] ja   so sind wir dann   meine meine Schwester äh die war fünf Kilometer war von Wehlau entfernt war so war mal ein Gut ein Gut gewesen und auf dem Gut machte man ein Kinderheim da waren russische Kinder kleine da waren deutsche kleine Kinder da und die waren

[1:47:58] so zwei drei Jahre alt die Kinder die ohne Eltern geblieben sind und so und die waren alle so klein so die sahen so aus das wie wie ein Kind von sechs Monate   fürchterlich und die sind dann auch einer nachm nachm anderen gestorben aber meine Schwester hat

[1:48:12] dort gearbeitet und dass sie das Essen haben soll dort   und als dann die meine bei denen ich gearbeitet hab nach Königsberg versetzt wurden da hatte ich musste ich wieder gehen dort ja und dann bin ich zu meiner Schwester gezogen dorthin und die haben mir

[1:48:32] dann auch ein Bett gegeben ein Bettgestell gegeben ein Bett sie haben mir noch was äh ein Paar Stiefel gegeben dass ich was anzuziehen hatten und noch einige Sachen und dann bin ich dann mit die Sachen denn hab ich alles auf einem Handwagen geladen und bin

[1:48:47] dann dorthin gezogen die fünf Kilometer   und dort wohnte meine Schwester mit einer Frau und einer ihrer Tochter zusammen und da kam ich noch dazu dann sind wir auch dann auf die Felder dann stehlen gegangen das äh Kraut hat dann schon gewachsen und so dann

[1:49:04] haben wir äh hat meine Schwester äh in der Mühle angefangen zu arbeiten in Wehlau   und das war die Arbeit war sehr schwer und sie ist bald zusammengebrochen dann bin (am best äh) anstatt sie bin ich dann zu ihrer Arbeit gegangen und dann ich kam ja auch

[1:49:23] das Kopftuch so angezogen und ein Mantel hatten wir ja auch nur einen gehabt und d- die den Mantel hat dann meine Schwester von Säcken genäht von solche Zuckersäcke die waren mal und äh von dem hat meine Schwester einen Mantel genäht und mit dem Mantel

[1:49:37] sind wir dann mal sie mal ich gegangen ja zu der Arbeit auf der Arbeit bei ihr hat man nie hat man nie gemerkt und ich ging so angezogen wie wie Rita und man hat mir gar nicht sagten zu mir »Rita«   und danach wurde ich (jedem) von dort haben immer Körner

[1:49:55] gebracht Weizenkörner Roggenkörner -körner gebracht die haben wir doch durch eine Kaffeemühle ge- gemahlen und davon Suppe gekocht dann gingen wir auf um zu heizen im Winter haben wir auf die Felder waren da sind doch immer solche Pfähle   ja und die haben

[1:50:13] wir denn immer abgesägt und haben wir sie nach Hause gebracht dann haben wir sie zersägt und dann äh gehackt und dann konnten wir erst ein bisschen heizen   so so verging dann auch der der Winter und im Som- im Frühling zu sind wir dann nach Wehlau gezogen  

[1:50:31] und in der in der Mühle war ich dann bei der Arbeit als dann   als man dann äh jeden bei jedem beim Ausgang jeden in den Taschen geguckt hat und äh ob wer was geklaut hat natürlich hat man bei jedem gefunden   und äh bei mir bei mir auch und es wurden

[1:50:59] dann unsere Personalien aufgenommen das waren ja nicht meine es waren ja Ritas da hatte ich Angst gehabt dass Rita etwas geschieht und weil eine Frau hatte sehr viele äh Körner gehabt dass sie äh weil sie noch ihre Kinder ernähren musste und man hat niemand

[1:51:17] sie ist denn verhaftet worden wo die hinkam [schüttelt den Kopf] hat man auch gar nicht gewusst und was mit ihren Kindern geworden ist weiß ich auch nicht   und so   so sagten wir denn ja jetzt haben wir keine Arbeit mehr kein Essen mehr was sollen wir tun  

[1:51:33] viele fuhren nach Litauen   um was zu tauschen oder so aber wir hatten nichts auszutauschen wir sind einfach gefahren um dass man wir hatten Angst vor der Polizei

Daniel Baranowski

[1:51:45] mhm

Nechama Drober

[1:51:46] und noch als als wir noch in in in Wehlau wo- wohnten das ist nicht weit von von Allenburg wo wir gewohnt haben von wo aus mein Papa genommen weg von uns entrissen hat war war eine Frau die äh die arbeitete bei der Post in in Wehlau und die hat uns gesehen

[1:52:11] da sagt sie »Mädels ihr habt Post von eurem Vater«   da gab sie uns eine eine eine Postkarte in dem Papa geschrieb- ich erinnere mich wie das dort geschrieben stand »Liebe (Martchen) und Kinderchen ich äh ich kann kann euch schreiben dass ich gesund bin

[1:52:29] und es geht mir gut sicherlich geht Denny schon zur Schule   ich hoffe euch bald wiederzusehen« aber woher die Post kam woher das wussten wir nicht so wo war dann Papa wussten wir nicht und das war das war wenigstens ein Lebenszeichen aber danach wusste man

[1:52:46] auch nicht lebt Papa noch oder nicht weil es ja schon so viel Zeit vergangen war war ja auch herzkrank  

[1:52:51] und so gingen wir sind wir dann nach nach Litauen nach Kaunas   gefahren und haben uns äh denn zu der jüdischen Gemeinde ge- an der jüdischen Gemeinde

[1:53:05] gewendet und die glaubten als erstes auch nicht dass wir jüdisch sind   bis wir dann auch wieder erzählt haben und so und dann sagte wie ich schon erzählte sagte der Mann ja er war beim bei an dem in dem Schiff dab- dabei da hat man uns schon geglaubt und

[1:53:22] hat uns auch geholfen

Daniel Baranowski

[1:53:23] wie sind Sie nach Kaunas gekommen mit dem Zug dann oder   wie sind Sie dahin gekommen ?

Nechama Drober

[1:53:27] wir sind einfach nachts ähm spät abends gegangen und da standen die Güterzüge da waren die Türen offen und wir w- wussten nicht wo der Zug hinfährt wir sind einfach da rein gegangen und äh   und äh und haben uns dort in dem in dem Güterzug versteckt

[1:53:44] und danach kamen immer noch mehr Frauen die dazu nach Litauen fuhren um was zu tauschen dass sie Geld haben um etwas zu essen haben sollen die Kinder die dann übrigblieben in Wehlau oder ja   und so waren wir dann äh bei der jüdischen Gemeinde die haben

[1:54:03] uns dann auch geholfen meine Schwester kam ins Kinderheim   und ich war wieder Dienstmädchen bei   bei Jüdischen die in äh in Kaunasser Ghetto waren und die hatten einen Jungen gehabt der war ungefähr so sieben Jahre alt der war versteckt bei Litauer und

[1:54:20] als sie dann vom Ghetto befreit wurden dann haben sie den Jungen zu sich genommen und dann haben bei war ich dann bei denen als Dienstmädchen ich musste dort alles tun schwere Arbeit und so und (habe _) ihren Haushalt führen und noch mitn kleinen mit dem

[1:54:36] Jungen spazieren gehen und ich sprach ja nur deutsch und da (sa-) und d- der Junge auf der Straße da lief er mir immer weg da musste ich immer nachlaufen und er wollte mit mir nicht auf der Straße gehen weil ich deutsch spreche da hat er da wurde ich dann

[1:54:53] nachgerufen von ihm »faschistka« dachte ich na nicht lange her wurde ich »Jüdsche« nachgerufen ja jetzt jetzt jetzt na jetzt »faschistka« das war mir das war mir so beleidigend und ich sagte es den den Eltern hab ichs dann erzählt sie sagten »ja was

[1:55:11] wundern Sie sich denn   alle die deutsch sprechen sind in unseren Augen Faschisten die haben uns ja nichts Gutes getan« »ja aber ich bin doch nicht Schuld daran ich hab genauso gelitten wie Sie« aber das wollten sie nicht wissen und war ich dann ging ich

[1:55:28] von denen fort und ich war bei andere Leute die haben sich auch nichts besser benommen gegen mir da war beim Namen wurde ich überhaupt nicht genannt schlafen bin ich dann musste ich im Korridor auf einem Aufstellbett   und äh

Daniel Baranowski

[1:55:41] das lag nur an der Sprache

Nechama Drober

[1:55:45] ja nur die sprachen alle jiddisch

Daniel Baranowski

[1:55:48] also es lag nur daran dass Sie deutsch gesprochen haben

Nechama Drober

[1:55:51] ja ja   ja

Daniel Baranowski

[1:55:53] Ihre Muttersprache

Nechama Drober

[1:55:55] ja Deutsch ist ja meine Muttersprache deren Muttersprache ist dann überhaupt Litauisch und äh   und Jiddisch Ju- Juden sprechen dortn jiddisch ja und und litauisch ja ja und so war das dann (über) und meine Schwester die war dann im (Kinderheim) ihr gi-

[1:56:14] ihr ist es gut gegangen sie hatte ihre sie hat ihr weißes Bett gehabt sie hat Essen gehabt sie hat Kleidung gehabt alles (gut ja) an mich hat man ja nicht gedacht wie es mir geht es war mal dass sie konnten mal   sagte mal   kam mal eine eine gute Bekannte

[1:56:31] auch aus Königsberg der ist es nicht besser gegangen als mir bei die war auch als Dienst- dortn eingestellt   sagt (sie) sie hat mit deutschen Frauen hier gesprochen die sagten dass man alle um drei Uhr sollen wir am Bahnhof sein da kommt ein Zug aus aus

[1:56:48] Moskau durch und da werden auch äh äh aus Sibirien aus Lagern äh kommen mit deutschen Soldaten ja die man nach Deutschland bringt   w- wo der Papa ist wussten wir ja nicht und so dachten wir ja vielleicht ist auch der Papa dabei oder was woher die wissen

[1:57:09] ja nicht und ich ging dann nach zum Kinderheim um meine Schwester zu zu holen   aber sie sagte nein sie fährt nicht   sie will nicht fahren »wenn du nicht fahren willst dann fahr ich kann ich auch nicht fahren« (da) ging (wir) aber zurück zum Bahnhof und

[1:57:27] da da war niemand mehr da war nur der Bahnbeamte und die sagten dann äh   der Zug wird einen anderen Tag vorbeikommen aber ich ging nicht mehr dorthin weil meine Schwester ja sowieso nicht fahren wollte so blieben wir in K- in Kaunas ja

[1:57:45] und da habe ich meinen

[1:57:47] Mann kennengelernt auf der Straße sind wir gegangen hab ich meinen Mann kennengelernt er ist selbst aus Moldawien und er war mit seiner mit seinen Eltern auch geflohen und sein Vater wurde dann zum Militär genommen zur Front und äh und er mit seiner Mutter

[1:58:06] war dann in Mittelasien   und seine Mutter ist bald gestorben und er blieb dann alleine alleine in der Fremde alleine ohne von jemanden immer Rat zu haben und so das war dann ist geschlafen dann wo wo gerade (irgend) war und so er hat er hat sehr sehr gelitten

[1:58:24] dort und als er dann wieder 1944 wurde dann Moldawien befreit und äh und dann kam er zurück dann fand er die zwei Tanten von (_) Schwestern zwei Schwestern von seiner Mutter und die hatten auch viel Kinder viele Kinder gehabt und ähm   ihre Männer waren

[1:58:45] auch vermisst   im Krieg und äh so ist er dann weggefahren von dort und fuhr nach kam dann in Riga an in Lettland und dortn haben sich dann Menschen ihm angenommen und äh und war in einem äh   wie sagt man hat dann einen ein Fach gelernt Metalldreher und

[1:59:12] von dort wurde der nach Kaunas überwiesen und da haben wir uns kennengelernt   in Kaunas und so und da Rita da nicht fahren wollte und so dachte ich ja   wir haben uns beide verliebt er ist ein guter Mensch und er hat mich verstanden ich hab ihn verstanden

[1:59:29] und so und da haben wir geheiratet sind nach Moldawien gefahren und haben geheiratet in Moldawien   ja

Daniel Baranowski

[1:59:35] wie hieß Ihr Mann ?

Nechama Drober

[1:59:37] bitte ?

Daniel Baranowski

[1:59:38] wie hieß Ihr Mann ?

Nechama Drober

[1:59:39] er heißt Schmuel   Schmuel   ja   so wäre es jetzt sechzig Jahre gewesen dass wir verheiratet waren aber er hat es (anderthalb Monate doch) bevor ist er dann gestorben voriges Jahr   [zeigt eine Reihe von Fotos:] ja dann dies hat dann zwei Kinder ja das

[2:00:12] ist denn   das ist dann jetzt meine Familie ja   das ist Numa   mein verstorbener Sohn das ist Edik er heißt Eduard heißt er Edik genannt   er ist jetzt schon 55   ja und äh ja das ist dann mein Mann und das bin dann bin ich das Foto ist ungefähr 1974 aufgenommen  

[2:00:43] ja (das hier noch)   das ist Edik und ich das war vor ein paar Jahren ja das waren bei Bekannte   ja da das ist er   meine Eltern als sie noch jung waren noch nicht verheiratet waren   das ist mein mein Vater in Hamburg nach dem Krieg 1956 aufgenommen

[2:01:42]   ja das auch hier das sind das sind meine Vaters zwei Brüder mit seiner Familie   die in Auschwitz umgekommen sind   das ist meine Schwester jetzt vor- voriges Jahr   was hab ich denn noch hier [sucht]   ach ja dazu bin ich noch nicht gekommen das

[2:02:27] hab ich schon das hab ich schon das hab ich auch   ja was (soll ich   mehr hab ich ja nicht)

Daniel Baranowski

[2:02:36] vielleicht ähm   können Sie kurz noch erzählen

Nechama Drober

[2:02:41] ja

Daniel Baranowski

[2:02:42] ähm wie es dann mit Ihrem Vater weiter gegangen ist Sie haben ja gesagt Sie haben

Nechama Drober

[2:02:46] [gleichzeitig:] ja

Daniel Baranowski

[2:02:47] letztlich nie mehr wieder gesehen aber Sie wussten ja dann er lebt noch

Nechama Drober

[2:02:50] ja   ja äh mein Vater hat uns kam dann von von Sibirien zurück und

Daniel Baranowski

[2:02:57] also er war in Sibirien

Nechama Drober

[2:03:00] er war in Sibirien das haben wir haben das erst 1989 erfahren wir wussten das nicht als wir in Kaunas waren als ich war schon in Kischinjow wir hatten dann vorher noch in der Gemeinde gesagt dass wir dass wir eine Postkarte von Papa hatten wir wissen nicht

[2:03:14] wo wir ihn suchen können ja und dann plötzlich hat sich der Papa gemeldet er hat uns in Deutschland gesucht aber nicht gefunden und dann hat man ihm gesagt dass »fragen Sie mal in Litauen an viele sind aus Königsberg nach Litauen gegangen« ja und dann

[2:03:28] hat er da nach Kaunas angefragt in der Gemeinde und die sagten ja wir sind äh wir sind hier aber ich war schon in Kischinjow mit meinem Mann

Daniel Baranowski

[2:03:37] Ihre Schwester war noch in Kaunas ?

Nechama Drober

[2:03:39] ja sie w- sie war noch in Kaunas wir sind im April nach äh Kisch- nach Kischinjow gefahren und das war gl- gleich danach ja und bis dann der Brief zu mir kam damals (ging) die Post noch sehr schlecht   dann da dachte ich   ja der Papa lebt ich habe mich sehr

[2:03:57] gefreut ich wa- ich wollte gleich abfahren und da musste ich erst bedenken ich habe andere Dokumenten nicht ich war ja damals sowjetische Bürgerin und äh mit diesen Dokumenten konnte ich waren für uns die Grenzen geschlossen wir durften ja nicht   und der

[2:04:15] Papa wusste das auch gar nicht und wir konnten das auch gar nicht schreiben wir haben immer nur geschrieben es geht uns gut   er braucht sich über uns keine Sorgen zu machen und wenn er gewusst hätte wie es uns ergangen ist dann   wäre hätte er doch schon

[2:04:31] auch der hätte schon Sorgen darüber gemacht nicht   und so weil die Post ging ja immer nur durch Zensur und man musste immer wissen was man da schreibt nicht und sicherlich der Papa konnte uns nicht schreiben wo er war sicherlich hat er das gewusst nicht

[2:04:49] dass man dass es auch dass er das nicht schreiben darf weil die Post kommt ja durch Zensur so haben wir nicht erfahren wo er war

Daniel Baranowski

[2:04:57] Sie wussten nur er ist in Deutschland ?

Nechama Drober

[2:04:58] wir wussten ja da hat man dann gewusst dass er in Deutschland in Ha- von aus den Briefen haben wir schon gesehen dass er in Hamburg wohnt ja

Daniel Baranowski

[2:05:06] in Hamburg mhm

Nechama Drober

[2:05:08] ja da (erzählte) meine Cousine die in äh Duisburg wo- äh erzählt dass sie meinem Vater ähm   als er von dortn entlassen wurde musste er einen einen (Bescheinig-) wohin er fährt aber bei ihr du- konnte nicht weil die bei ihnen schon die das ganze Haus

[2:05:27] voll war die hatten schon alle Verwandten aufgenommen gehabt und da hat hat äh hat er sich Adressen von weil mein Vater wusste nur die Adresse   von vom Rheinland von Duisburg und äh aber in Ham- in Hamburg wohnte da mein Mamas Schwester äh und ihre Familie

[2:05:49] die auch aus Königsberg waren   dann hat er hat er haben die aus ausm Rheinland hat dann die Adresse von von der Tante Lieschen gegeben und ähm die haben dann gleich gesagt ja dann willkommen und dann fuhr er dann nach Hamburg so kam er nach Hamburg ja  

[2:06:07] ja so   so war das 1958 ist er dann gestorben   er war an dem Tag   hatte ich einen ganz komischen Traum gehabt   ich bin   ich ich träumte als dass meine meine Mutter und mein Vater untergehakt auf der Straße spazieren gingen   und da da wars mir war war ich

[2:06:39] so aufgeregt geworden ich bin gleich morgens aufgestanden und hab (mei-) die Kinder angezogen und bin zur Post gegangen weil Post erhielt ich postlagernd   und äh und i- als ich in der Post ankam die die die wu- wussten schon wer dort immer Post bekommt die

[2:06:57] haben mich gesehen haben sie gleich (_) da bekam ich ein Telegramm   von Papa und äh und einen Brief   dass der Papa dass seine jetzige Frau die war die hatte dann äh hat dann geschrieben dass der Papa heute plötzlich verstorben ist die Beerdigung wird sein

[2:07:17] am fünften Februar 1958   ja   das Telegramm hab ich heute noch  

[2:07:26] ja und so und als wir dann ja die ganze Zeit lebten wir in   in Kischinjow ich ich hatte ja keine   ich hatte ja keinen Beruf gehabt da wir ja in Deutschland nicht lernen durften   und äh und

[2:07:50] daher hatte ich äh musst ich war ja das ganze Leben immer nur Arbeiterin gewesen da war ich in der Fabriken gearbeiten (das erste Mal) gearbeiten in einer Schuhfabrik   und äh Arbeit war immer viel aber Geld war immer wenig   es war war ein schweres Leben  

[2:08:12] sehr (schwer)   sehr schwer als wir dann das erste Mal meine erste Begegnung mit Deutschland war dann 1988 da bin ich nach äh nach Thüringen gefahren zu Bekannten wir haben uns kennengelernt 1976 als ich mit meinen Sohn mit meinen Söhnen äh in äh in Urlaub

[2:08:34] fuhr nach Litauen nach Vilnius und dort in dem Hotel war war eine Gruppe aus der DDR gekommen und die fuhren dann waren in Moskau waren in Leningrad waren dortn überall dann waren sie in auch in Vilnius und da hörte ich dann die deutsche Sprache da sprechen

[2:08:53] und dann haben wir uns so kennengelernt ja und dann kam dieser Heinz Heinz heißt er Heinz Heinz (Grot) äh kam dann nach äh zu uns ins Zimmer rein wir haben uns dann lange unterhalten und so blieben wir dann er ist im selben Alter von meinem Sohn ja und

[2:09:11] meine Söhne die sprechen nicht deutsch   ich hab sie ich hab sie das nie ke- nie nie beigebracht weil ich musste ja selbst immer russisch da sind niemand durfte wissen dass wir aus Deutschland sind dass wir aus Deutschland stammen so da konn- daher können

[2:09:28] sie auch nicht Deutsch   und äh da haben wir uns dann angefreundet dann haben w- dann hat er mir geschrieben dann hab ich ihm geschrieben und so war das immer hin und her und dann kamen sie noch mal nach äh nach äh nach Kischinjow waren sie einmal für zwei

[2:09:44] Tage in Kischinjow für ein für eine Reise für vier Tage zwei Tage Leipzig zwei Tage Kischinjow und dann waren sie auch bei mir zu Hause die der Heinz (_ der) hatte inzwischen auch geheiratet und hat Kinder und die   und dann haben sie mich in 1988 haben

[2:10:02] sie mich da eingeladen ich soll dann zu ihnen und das war dann die erste Begegnung mit Deutschland   ja   [lächelt] als ich dann in in Berlin ankam ich fuhr dann mit dem Zug als ich in Berlin ankam dann alle sprachen deutsch   ich guckte mich um dachte ich wo

[2:10:20] bin ich denn ? [lacht] es war alles das war so komisch es war [schüttelt den Kopf] das gar nicht geglaubt dass ich in Deutschland bin   und da dann musste ich aber noch weiter fahren nach Eisenach und dort hat man mich erwartet ja und weiter bis Diedorf waren

[2:10:35] Sie mal in in Thüringen ?   nein ?   ja und so bin ich dann mit denen bis zum heutigen Tag   war ich vor zwei Jahren war ich auch wieder dort die laden mich immer ein  

[2:10:48] ja und dann mit ein Jahr später 1989 plötzlich durfte man äh waren die Grenzen offen

[2:10:59] dass man nach zu Besuch nach Deutschland fahren kann nach (in die) Bundes- -republik fahren dann dachte ich jetzt müssen wir aber gleich zum   an Papas Grab fahren   und Dokumenten hab ich ja schon gehabt die hatte ich mir vorher schon alle beschafft gehabt

[2:11:15] weil meine Dokumenten die Dokumenten äh meine richtigen Dokumenten hatte ich keine gehabt immer noch die die ich hatte die man mir im Kinderheim gegeben hat   und dann musste ich mir die Dokumenten machen dass ich überhaupt von Russland rausfahren kann dann

[2:11:35] hab ich einen Menschen gefunden in Kaunas gefahren haben Menschen gefunden die dann die äh die auch im Ghetto waren die die bestätigen konnten dass ich den Namen denselben Namen ähm dass ihre Eltern dass meine Eltern dortn umgekommen sind im Ghetto und

[2:11:51] da bekam ich eine Bescheinigung und äh dann musste ich das wieder gerichtlich machen und äh da haben hat man die Leute dortn in Kaunas befragt und mich hat man in Kischinjow befragt ja wann und wo das war alles war und dann hab ich das alles erzählt und

[2:12:09] dann äh dann brauchte ich noch eine Geburtsurkunde die habe ich auch nicht   (da war da war war) habe ich mich nach Kaunas gewendet im äh im Archiv die schreiben dass »Sie müssen sich mal in Šilutė   erkundigen« hab ich nach Šilutė geschrieben da haben

[2:12:30] sie auch nichts dann »müssen sich nach Vil- an Vilnius wenden im Hauptarchiv« und da hab ich dorthin gewendet die sagen auch die können nichts finden da bin ich mit Edik dorthin gefahren nach Vilnius bin dort reinge- war gerade vor   vor den Feiertagen

[2:12:48] dem siebten November ja dann hatte ich den mitgenommen [lacht] ich möchte es hier nicht sagen dass man nicht so hören soll   hab ich etwas mitgenommen und dann sie beschenkt und dann na zum äh   zu den Feiertagen eine Schachtel Pralinen schön gute und dann

[2:13:11] Cogn- Cognac und so dass sie gern hatten und dann sind wir wieder nach Hause gefahren   ein paar Monate später bekomme ich dann vom Archiv aus Kischinjow ich soll meine Geburtsurkunde abholen kommen mein   bekam ich   auf wieder auf wie es auf dem Pass geschrieben

[2:13:33] stand auf mein russischem Pass geschrieben stand äh so hat er mir dann die Geburtsurkunde ausgegeben   dann hatte ich Geburtsur- konnt ich schon fahren sonst hätte ich überhaupt gar nicht von dort rausfahren können ohne die ja   ja und was man so alles gemacht

[2:13:48] hat und äh und dafür dann nach neun- 89 88 brauchte ich das und dann 89 als wir dann in   in die BRD dann fahren wollten hab ichs auch schon gebraucht   ja und dann als wir gefahren waren mein Sohn war gerade krank   mein älterer Sohn er konnte nicht mehr

[2:14:11] fahren mitkommen und so sagten die Ärzte »wenn Sie fahren dann bringen Sie mal die einige (lek-) Medikamente mit die Sie dort bekommen können« und ich hab mich darauf so verlassen gehabt so verlassen gehabt diese d-   und als wir wir sind dann abgefahren  

[2:14:29] wir waren drei Tage unterwegs mit dem Zug sind wir dort gefahren dann mussten wir bi- von bis Moskau fahren von Moskau   mussten wir zum anderen Bahnhof und zum von dem anderen Bahnhof dann weiter sind wir in Brest lange gestanden dortn bei der beim Zoll und

[2:14:51] haben noch die (Räder ge-) von dem Zug noch äh und dann sind wir weitergefahren dann kamen wir dann endlich an   ähm und dort hat man uns erwartet

Daniel Baranowski

[2:15:05] [gleichzeitig:] in Berlin ? sind Sie bis Berlin gefahren ?

Nechama Drober

[2:15:06] nein nach Hamburg

Daniel Baranowski

[2:15:08] nach Hamburg direkt

Nechama Drober

[2:15:09] nach Hamburg ja nach Hamburg gefahren wir fuhren bis bis Hannover dort mussten wir umsteigen und dann noch eine Stunde glaube ich waren wir noch gefahren bis bis Hamburg aber in Hannover musste hab ich mich dann an der äh beim Bahnhof war damals noch eine

[2:15:24] von dem von Rotem Kreuz und da durfte ich dann anrufen äh zu äh zu meinen Bekannten meine Freundin die jetzt noch immer in Bad Oldesloe wohnt   und äh ja die haben uns dann die äh die die Einladung geschickt gehabt ohne dem konnte man damals auch noch nicht

[2:15:45] fahren ohne Einladung   und (de-) und dann waren wir dann bei denen ich war jetzt zwei Tage dort   einen Tag war ich dort wie man mir durchsagt dass mein Sohn gestorben ist   ich hab ich ich ich weiß nicht ich war damals wie ich kann mir das gar nicht erklären

[2:16:05] wie das   wie das war   und ich hab noch die Ärzte gefragt ob es lohnt ob ich ka- ob ich fahren kann die sagten »ja Sie können noch« das haben die Ärzte haben das auch gar nicht gewusst ja und dann mussten wir gleich wieder zurück Edik und ich sind wir

[2:16:21] schon mit dem Flugzeug zurückgeflogen   ja

Daniel Baranowski

[2:16:23] Ihre Schwester ist dort geblieben ?

Nechama Drober

[2:16:28] meine Schwester und ihr Sohn ist dort geblieben ja und wir sind zurückgeflogen und zur Beerdigung   und dann nach der Beerdigung dann wir mussten wieder ein paar Tage später mussten wir wieder zurück ich hatte alles dort gelassen   sind wir dann wieder

[2:16:47] zurück wieder bis Moskau gefahren und als wir dann dann zum Flughafen kamen um dann weiter zu fliegen   dann sie   die sagen »Sie können nicht fliegen Sie brauchen eine ein neue äh eine neue Einladung« sag »warum ?« ich sah ich »äh wir waren ja nur abberufen

[2:17:10] worden mein Sohn ist gestorben und so« das haben sie nicht geglaubt viele sind einfach nur so gefahren haben etwas gekauft und wieder zurückgefahren hin und her hin und her   und die dachten sie wir haben wir tun auch so was die kaufen Autos in der BRD und

[2:17:26] sind dann zurückgefahren um die um zu verkaufen ja und dann hab ich ihnen dann gezeigt von der Zeitung die   war in der Zeitung geschrieben da eine Anzeige in der Zeitung dass von meinem Sohn dass er gestorben ist und da mussten wir dann in äh noch mal zum

[2:17:43] äh zum Auslands- äh -amt dortn wie sagt man Auslandsamt ja ? und haben gezeigt da mussten wir noch mal 400 Rubel bezahlen   und dann haben wir das alles gemacht und da heißt es in zwei Tagen mussten wir konnten wir dann weiter fahren dann kommen wir in zwei

[2:18:01] Tage später kommen wir dann zum Flughafen (__) noch mal bei der Passkontrolle (die jemand) hat uns noch mal nicht durchgelassen »nein« sagen die »Sie brauchen Sie brauchen ein neues Visa !« sag »warum ein Visa ? ist für a- für drei Monate   warum brauch

[2:18:19] ich ein neues Visa ?« »nein Sie brauchen ein neues Visa« und »Sie haben Sie mussen wieder wieder aus der Reihe raus« und noch mal dasselbe und da kam danach noch eine Beamtin und sagt »Sie können gehen«   [schüttelt den Kopf] also ich war kaputt

[2:18:35] damals ich war ich wäre dann wenn nicht wenn nicht mein Sohn bei mir gewesen ich wäre einfach wieder zurück nach Kischinjow gefahren  

[2:18:40] ja und so sind wir dann durchgegangen und ich hab mich immer umgeguckt sag ich vielleicht kommt ruft uns gleich wieder

[2:18:49] jemand zurück aber nein das war nicht dann sind wir dann immer weiter gefahren bis Berlin und das war gerade die Wende   die Wende die aus der DDR fuhren nach der BRD dass wir (kaufen) mit Bussen mit Bussen hin und her hin und her und wir und wir kamen mit

[2:19:06] unserem Bus nicht durch   wir mussten zum Funkturm   und dort hab ich dann endlich kamen wir denn dort an und dann hab ich meine Cousine angerufen die in der Stromstraße wohnte   und die sagte »ja dann kommt mal zu uns« ja dann sind wir dann bei ihr geschlafen

[2:19:26] dann über Nacht geschlafen den nächsten Tag sind wir dann weiter gefahren nach Hamburg

Daniel Baranowski

[2:19:30] das heißt als Sie das erste Mal nach äh ähm in die BRD gefahren sind da waren die Grenzen noch in Deutschland zu   und beim zweiten Mal war dann gerade die Mauer gefallen

Nechama Drober

[2:19:44] ja ja

Daniel Baranowski

[2:19:46] also genau dazwischen (in dem Zeitraum)

Nechama Drober

[2:19:47] [gleichzeitig:] ja ja   gerade ja um der Zeit ja ja da waren wir da   ja das war überall wo etwas war da war ich auch ja   (_)

Daniel Baranowski

[2:19:54] und dann sind Sie wieder nach Hamburg

Nechama Drober

[2:19:59] dann sind wir nach Hamburg die haben uns dort erwartet und dann waren wir noch ja noch drei Wochen in   in Deutschland ja und haben uns mit meiner   Cousine getroffen noch (in) waren also mein   mein Cousin der in Hamburg wohnte ähm haben wir dann seine Telefonnummer

[2:20:17] aus dem Telefonbuch gefunden und äh haben ihn dann angerufen und er sagte ich sagte »Heinz hier ja guten Tag Heinz hier ist Hella« »Hella ? bist du die Hella aus Kiel ?« sagt er ich hab noch eine Cousine der deren Tochter auch Hella hieß   sag ich »nein

[2:20:37] hier ist Hella und Rita aus Kischinjow« »ach wo kommt ihr denn her wo seid ihr ?« also ist gleich den nächsten Tag nach Bad Oldesloe gekommen ja um uns zu sehen der hat uns eingeladen dann waren wir eine Woche bei ihm zu Hause ja und die haben uns dann

[2:20:53] so bewirtet und so und dann sind wir dann zusammen nach zum ins Rheinland gefahren nach Duisburg nach Kiel gefahren um unsere Verwandte zu sehen und da war hab ich mich gefreut dass Mamas Schwester noch am Leben war sie war damals 99 ja und die andere Schwester

[2:21:10] äh Tante Emma in Duisburg hat auch noch gelebt   ja   das war   das war alles alles ganz so unerwartet   traurig und freudig

Daniel Baranowski

[2:21:25] und waren Sie dann am Grab Ihres Vaters ?

Nechama Drober

[2:21:30] ja natürlich an dem Tag wo die Beerdigung -erdigung Beerdigung war von meinem Sohn standen meine Schwester und ihr Sohn das erste Mal an Papas Grab ja und wir schon als wir dann zurückkamen   ja  

Daniel Baranowski

[2:21:44] dann sind Sie wieder zurück zusammen mit Ihrer Schwester und den Söhnen

Nechama Drober

[2:21:55] ja wir sind dann zurückgefahren nach Kischinjow ja

Daniel Baranowski

[2:21:57] und wollten dort nicht   bleiben

Nechama Drober

[2:22:00] ja dann nach Kischinjow zurückgefahren äh da war wieder die Flut   dass man ausreisen kann   ja   und dann waren wir die Ausreise   haben wir den Dokumenten eingereicht   mein   mein Sohn vorher nein wir haben einen Tag vorher als ich und er bekam aber vorher

[2:22:30] die äh die Genehmigung und dann durfte er noch sechs Monate dort sein und äh danach war schon äh Sommer und die Urlaubszeit und da haben die keine Dokumenten bearbeitet also bekam ich bekam ich mein Mann bekam denn die die äh die Genehmigung später n-

[2:22:47] mein Sohn hat dann gea- hat dann gewartet auf uns wir sind dann alle zusammen gefahren   ja   so war das und als erstes wollten wir dann nach   einreichen wollten wir nach ich wollte eigentlich nach Deutschland nicht nach Israel   und jetzt bin ich froh dass

[2:23:13] ich hier bin aber äh damals wollte ich wollte ich nach Deutschland dort leben wo ich die Sprache kann   ja und dort sind alle meine Verwandten alle   Freunde und viele   das ähm   das hat nicht geklappt wir hatten alles schon fertig gehabt bin mein- meinem Sohn

[2:23:34] nach Kiew gefahren zum Konsulat und äh haben noch von zu Hause angerufen gefragt ob wir kommen können die Doku- die Anträge einzureichen sagten »ja Sie mögen kommen« dann sind wir den nächsten Tag dorthin geflogen und sind dann äh kamen dann von bei

[2:23:49] der Botschaft dortn an bei dem Konsulat und ich hab dort noch mal angerufen dortn sagten die »ja um zwei Uhr« ja um zwei Uhr ist jemand rausgekommen von dort ein Dolmetscher oder der dann gesagt hat dass ähm neue Anträge können sie nicht mehr ausgeben

[2:24:08] und alte nicht mehr   andere nicht nicht beantragen dass sie haben eine neue Anweisung von Bonn bekommen ja ich habe da gebeten (_) doch noch rein gegangen hin und habe dann mit dem Konsul geredet und so und er sagt »ja wenn wir so eine Anweisung bekommen

[2:24:26] haben kann ich Ihnen auch nicht helfen   dann müssen Sie nur warten sicherlich wird es vielleicht noch mal sein aber wir wissen es nicht weil wir können diese ganze es sind so viel Menschen dass wir so was nicht erwartet haben« ja ich hab ihm dann alles

[2:24:40] erzählt von mein Schicksal wie das alles kam und ich möchte nach Deutschland und (meinte) mein Vater ist dort beerdigt   ja der sagt »dann müssen Sie jede Woche einmal nachfragen   vielleicht wirds doch noch mal sein« ja und dann sagt man mir ich soll mal

[2:24:57] nach nach Moskau schreiben zur zur Botschaft dann hab ich nach Moskau   nach Moskau geschrieben ähm   zu einem Klaus Blech den Botschafter deutscher Botschafter in in Moskau aber Antwort hatten wir bekamen wir erst vor bevor wir abgereist sind von äh aus Kischinjow

[2:25:19] nach nach nach Israel und dann hab ich   hab ich an den Zentralrat der Juden in Deutschland geschrieben nach Bonn mit dieser das der Brief der hier   wo ist er nun [sucht]   ach ja   hier   hab ich den Brief geschrieben nach nach [zeigt den abgedruckten Brief

[2:25:53] in die Kamera]   hab ich den Brief den Brief geschrieben alles erzählt (_) und so und äh und äh Edik ist dann nach nach Moskau geflogen und hat es von Moskau abgeschickt mit äh ihm es mitgegeben oder mit diplomatischer Post geschickt also die haben es

[2:26:12] bald bekommen dass sie das nicht verloren ging also die haben es bald bekommen aber mir haben sie nicht geantwortet weil damals war noch der Heinz Galinski der der   der der wie sagt man der

Daniel Baranowski

[2:26:25] der Vorsitzende

Nechama Drober

[2:26:27] der Vorsitzende ja   ja und ähm   von ihm bekamen wir dann dann das war in der »Jüdischen Zeitung« abgedruckt als Brief dass ich das geschrieben habe mit der mit dieser Aufschrift »Wir aber müssen wieder hierbleiben«

Daniel Baranowski

[2:26:46] wann ist das da erschienen in der »Jüdischen Zeitung« ?

Nechama Drober

[2:26:49] das ist das (ja) zum zum ersten Oktober 1990   ja   ist das erschienen und ähm

Daniel Baranowski

[2:26:56] ohne dass Sie das eigentlich wussten in dem Moment

Nechama Drober

[2:27:00] ich wusste das gar nicht das hat mir eine Bekannte geschickt die in Hamburg wohnt und die äh die die »Jüdische Zeitung« jeden Monat erhält die hat und ihr Mann hat das kopiert und es sie hat es mir geschickt und ich lese das da ich hab das dann gelesen

[2:27:15] und wa- ja warum haben sie da warum geben sie mir denn keine Antwort die aus   äh und Antwort bekam auch bevor wir von Kischinjow ab- wir haben schon alles verkauft gehabt alles verschenkt gehabt alles nur das Nötige um mitzunehmen gehabt

Barbara Kurowska

[2:27:33] Ihr Name steht ja gar nicht in dem Artikel

Nechama Drober

[2:27:38] bitte ?

Barbara Kurowska

[2:27:39] Ihr Name steht gar nicht in dem Artikel

Nechama Drober

[2:27:41] nein mein Name steht hier nicht drauf nein mein Name steht nicht aber meine Bekannte wusste dass ich das geschrieben hab sie kannte mein Schicksal sie wusste und sie schreibt doch hier »wir wussten sofort das ist von dir liebe Hella (Axel) hat es kopiert«  

[2:27:52] ja   weil wir wir standen immer im Briefwechsel und sie wir haben ma- manchmal telefoniert ja da wusste sie mein Schicksal und hat das erkannt ja   ja so kamen wir dann nach Israel  

[2:28:07] in Israel war es auch sehr schwer   die erste Zeit   von einer Unterkunft

[2:28:18] in das zweite mussten wir dann gehen das war es war nicht einfach Probleme Probleme und Probleme gehabt   ja   ja was wollte ich denn noch (einmal) ja und danach äh von von Michael Wieck wir als wir dann hier in äh in Israel schon waren da war dann eine

[2:28:44] die erste Begegnung mit Deutschland hab ich (gestern) erzählt die erste Begegnung mit Deutschland war ich war im Krankenhaus   und auf dem Flur im Krankenhaus hörte ich Deutsch sprechen   sagte und ich ging dann so zu (_) und bin dann ins Gespräch rein und

[2:29:02] erzählte der Frau dass ich auch aus dass ich aus Königsberg stamme aber die Frau sagte »aus Königsberg ? ja mein Bruder hat dort in der jüdischen Schule gelernt äh war dort ein Lehrer« »ja auf der jüdischen Schule hab ich auch gelernt aber wer war

[2:29:16] denn Ihr Bruder ?« »na der Leo Nußbaum« war ich »ja Leo Nu- natürlich kenne ich natürlich erinnere ich mich an ihn an Leo Nußbaum   ja« sag ich »lebt er denn noch« »nein« sagt sie »er ist schon einige Jahre nicht mehr er lebte in in Jerusalem er

[2:29:31] war sehr fromm« und ja und das war die erste Begegnung ja und dann bald haben wir als ich dann mit Michael das war noch bevor ich Michael gefunden habe   ja und dann Herbst 92 bin ich nach Is- nach Deutschland gefahren und hörte dann von meinem Cousin dass

[2:29:51] Michael er meinen Schulkamerad gefunden hat dass Michael Wieck ein Buch geschrieben hat   in dem Buch äh schreibt er dann auch dass dass äh hat uns mit den ersten Transport weggeschickt 42 er hat es vie- verdrängt gehabt   und als ich dann   wir angerufen

[2:30:15] haben   äh gefragt wo er wohnt (__) gefunden haben dann hat denn Heinz angerufen und dann gefragt hat »sind Sie Herr Wieck persönlich ?« sagt er »ja« »na dann gebe ich den Hörer weiter« [lacht] da sagt er »guten Tag Michael (ja) wie geht es dir« und

[2:30:36] viel geredet und gefragt und äh ob er verheiratet ist und wie es ihm geht und wie seine Gesundheit ist und alles und so und dann fragte ich dann »na weißt du überhaupt wer   mit wem du sprichst ?« dann sagte er »nein« sag ich »vielleicht erinnerst du

[2:30:52] dich an die Hella und Rita Markowsky« da sagt er »das kann doch gar nicht wahr sein ! wo wo bist du wo wart ihr denn« ja hab ich gesagt »ja wir wir lebten in äh jetzt lebe ich in Israel aber wir lebten in in Moldawien in der Sowjetunion« »ach du Arme«

[2:31:12] sagt er   ja   ja das war das so haben wir uns wieder gefunden da musste es   sagte hat man mich eingeladen ich soll gleich kommen da war ich mal zwei Tage bei ihm dann bin ich wi- bin ich wieder nach Hause gefahren nach Israel   ja  

[2:31:28] ich ich wollte noch

[2:31:41] erzählen von Königsberg von von dem Bild ja das habe ich vergessen   ja das Bild hab ich hier gar nicht (mitgenommen) [sucht]   nein   [Schnitt] [hält ein Fotoalbum in die Kamera] ja dann muss ich erstmal erzählen dann ja und dann das Bild zeigen   ja

Daniel Baranowski

[2:32:15] oder währenddessen oder so

Nechama Drober

[2:32:17] hm ?

Daniel Baranowski

[2:32:18] oder währenddessen

Nechama Drober

[2:32:20] ja mal sehen   also so   dieses Bild   schenkte ich 1943   Michael Wieck   er schenkte mir ein Bild von sich   und das Bild ist leider beim Bombenangriff verbrannt aber dieses Bild hier bekam ich dann wieder es war wieder in meinem Händen schon 1945 als meine

[2:32:54] Schwester und ich in Königsberg ähm in der Oberstadt waren wir wurden von der Kommandantura geschickt Wohnungen sauber machen da gingen wir vorbei vorüber an an dem Haus wo Michael Wieck wohnte aus dem aus dem Haus aus dem Keller kamen dann zwei russische

[2:33:15] Soldaten raus und halten dieses Bild in der Hand   und sie guckten auf mich und guckten auf das Bild   und als sie erkannten mich und ich erkannte natürlich mein Bild auch gleich   und äh sie lachten dann und ich ging dann zu ihm und sie haben mir mein Bild

[2:33:35] gegeben   und ich war wirklich froh darüber weil wir überhaupt nichts überhaupt keine Bilder hatten   so das wollte ich noch erzählen   [schließt das Fotoalbum]

Daniel Baranowski

[2:33:51] ich weiß nicht ob Sie zum Schluss noch irgendetwas   sagen wollen   insgesamt

Nechama Drober

[2:34:03] ja das war so   dass ich ähm   dass ich überhaupt bevor ich nach Israel kam überhaupt nicht erwartet habe dass wir noch so viel Schulkameraden noch die noch vor dem Krieg ausgewandert sind noch mal sehen werden (und) mit denen zusammen sein   also 1997

[2:34:29] war einmal machte man in in   in Amerika ein Schultreffen da konnte ich nicht dabei sein aber Michael Wieck war dabei dann neunzehn- 2000 im Juli 2000 machte man nochmal eine äh ein Schultreffen in Williamstown wo die Amely Baer wohnt   und da war ich dann

[2:34:53] dabei da habe ich dann viele getroffen die ich noch schon zu sechzig 62 Jahre überhaupt nicht mehr gesehen habe und nicht getroffen und überhaupt gar nicht wusste dass die noch alle leben   und das war für mich diese zwei Tage dort mit denen zusammen das

[2:35:09] war für mich   ganz was besonderes etwas unerwartet   ja und wir hofften dass es noch mal sein wird aber zehn Jahre vergangen und (ist) schon zu alt   ja   ja was was

Barbara Kurowska

[2:35:32] Sie sind ja mehrere Male wieder in Königsberg gewesen was für ein Gefühl ist es durch Königsberg heute zu gehen

Nechama Drober

[2:35:41] Königsberg Königsberg ist meine Heimat   ja   ja auch wird es wird es auch immer bleiben auch wenn es jetzt Kö- Kaliningrad heißt nicht Königsberg dort wohnten wir mit unseren Eltern damals haben sie (noch gehabt) aber nach dem Krieg nicht mehr ja und jedes

[2:35:59] Mal wenn ich dorthin fahr   dann   dann gehe ich auf den Friedhof dort wo die Mama beerdigt ist aber das ist gar kein Friedhof mehr das ist jetzt da auf dem Platz steht jetzt ein Kindergarten gebaut   aber waren be- ungefähr die Stelle weiß ich ja wo es war

[2:36:22] ja   ja man konnte noch die als ich neunzehnhundertzwei- 71 mit meinem Sohn gleich von Wolkowysk nach nach Königsberg fuhr ähm da konnte man (auch) die Stelle noch gut finden und dann war ich 1974 dann haben wir noch im Baum einem äh einen einen einen Stern

[2:36:49] einge-   eingeritzt dass wir wenn wir das nächste Mal kommen sollen wir das noch finden aber das nächste Mal als wir kamen 1978   da war sch-   da war äh war schon eine Baustelle   ja und doch zieht es mich immer dort hin auch wenn ich jetzt

Daniel Baranowski

[2:37:11] [gleichzeitig:] (Sie fahren)

Nechama Drober

[2:37:12] jetzt ist es ganz verbaut ich kann auch gar nicht mehr bis dorthin gehen weil das verbaut ist alles dort   war jetzt auch dort als ich   als ich in Königsberg war  

[2:37:24] ja jetzt seit nach so viel [räuspert sich] nach so langen Jahren wo ich überhaupt gar nicht

[2:37:32] wusste wo unsere Verwandte damals die deportiert wurden   wo die umgekommen sind wo man sie umgebracht hat   machte man jetzt eine Gedenkfeier in Königsberg am 24sten Juni   dieses Jahres   2010 ja   so und ich war auch dabei   es war   voriges Jahr bekam ich von

[2:38:02] Viktor Schapiro im Computer diese (dies) mal im Archiv gefunden hat die äh Dokumente wohin man sie gebracht hat und wie   welchen Weg sie gefahren sind   dass sie fuhren ja von von Königsberg vom vom Nordbahnhof fuhren sie ja um um zehn Uhr dreißig 22

[2:38:27] Uhr dreißig ab   dann fuhren sie über a- Hauptbahnhof   Korschen   Prostken   Bialystok und Wolkowysk   mit dem mit dem Personenzug   in Wolkowysk wurden sie dann   mussten sie aussteigen und wurden dann wie man dort schreibt im   in Güterzügen verladen und der

[2:38:57] Ziel war Minsk   von Minsk wurden sie dann weiter gebracht nach   Maly Trostinez   dort wurden sie umgebracht   (heißt) man nannte sie Aussiedler   als ich dieses Dokument gelesen habe   das war das war für mich wie ein Gruß aus dem Jenseits nach so viel Jahren

[2:39:21] das zu erfahren wo sie umgebracht wurden   ich war ja in Wolkowysk mein Sohn hat dortn mein älterer Sohn als wir in Kischinjow gewohnt haben hat dortn gedient in Wolkowysk ich war dort und von Wolkowysk bin ich ja nach Königsberg gefahren das erste Mal   Wolkowysk

[2:39:39] ist ein kleines Städtchen und man erzählte manch- Leute erzählten dort es war mal ein Lager dort gewesen oder so aber das sicherlich kein Lager sicherlich nur ein   äh   ein Durchgangslager   ja   und jetzt machten wir dann eine soll dann ein soll eine

[2:40:01] Tafel angebracht werden am Nordbahnhof jetzt konnte man das nicht anbringen weil dortn gas- gerade   dortn den den Weg macht oder was dortn   aber man sagt man wird es danach anbringen   eine Gedenktafel   wo auch mein   mein Vaters jüngster Bruder dabei war seine

[2:40:26] ganze Familie viele Verwandte Bekannte   Freunde   ja   nach Königsberg fahre ich gerne hin   ich hab dort noch Bekannte schon das sind die sind auch jüdische russische   und ich kann mich mit jedem verstehen gut verstehen und   ich fahr gerne dorthin  

[2:41:01] genauso gerne fahre ich auch nach Deutschland   da fahre ich immer   halb Deutschland herum   ja  

Daniel Baranowski

[2:41:15] Frau Drober ich bedanke mich in unser aller Namen und im Namen der Stiftung für dieses sehr bewegende Zeugnis Ihres Lebens dass Sie uns hier so nett empfangen haben uns zweimal bewirtet haben hier ähm das war uns ne große Ehre vielen Dank

Nechama Drober

[2:41:39] ja Ihnen auch vielen Dank

Barbara Kurowska

[2:41:40] vielen Dank [Schnitt]

Daniel Baranowski

[2:41:43] also wir haben grad noch als wir noch mal durch die Fotos geguckt haben festgestellt dass wir eine Sache noch zeigen wollen zum Abschluss ähm die Sie auch vorlesen wollen

Nechama Drober

[2:41:54] ja also diese zwei Ausschnitte aus einem Poesiealbum die ich noch 1938 meinen Freundinnen eingeschrieben habe das habe ich da jetzt jetzt da noch vor zehn Jahren bekommen und das ist in alter deutscher Schrift geschrieben und ich möchte es Ihnen dann vorlesen

[2:42:15] ja was ich da geschrieben habe also »gehst du ins Leben einst hinaus halt eins hoch das Elternhaus wie glücklich dir auch fällt dein Los vergiss es nie es zog dich groß (_) denke oft und gerne an deine Freundin Hella Markowsky« das ist geschrieb- geschrieben

[2:42:33] in Königsberg den 24sten zehnten 1938

Daniel Baranowski

[2:42:38] können Sie es einmal zeigen auch

Nechama Drober

[2:42:40] und das ja ach so [hält das Blatt in die Kamera]   und jetzt das zweite auch in alter deutscher Schrift geschrieben   »wenn deine Augen dieses lesen so reiche mir im Geist die Hand es war ja auch so schön gewesen als wir als Kinder uns gekannt zum Andenken

[2:43:06] an deine Schulfreundin Hella Markowsky« geschrieben Königsberg den 25sten Oktober 1938 [zeigt es in die Kamera]   war alles

Daniel Baranowski

[2:43:28] Danke schön

Datum Ort Text
ab 1927 Königsberg Geburt als Hella Markowsky
1934 - 1935 Königsberg Besuch einer deutschen Schule
ab 1935 Königsberg erzwungener Wechsel auf die jüdische Schule
ab 1938 Königsberg Verwüstung der Wohnung während der Reichspogromnacht, Verhaftung des Vaters
1942 - 1945 Königsberg Zwangsarbeit in der Seifenfabrik Gamm und Sohn
ab 1944 Königsberg Organisieren von Hilfe für jüdische Häftlinge
ab 1944 Königsberg Verhaftung und Verhör nach einem Badeausflug
ab 1944 Königsberg Flucht in einen Vorort von Königsberg nach einem Luftangriff
ab 1945 Königsberg Einmarsch der Roten Armee, Misshandlung durch sowjetische Soldaten
ab 1945 Allenburg letzte Begegnung mit dem Vater
ab 1945 Königsberg Hungertod des jüngeren Bruders Denny
ab 1945 Königsberg Hungertod der Mutter
ab 1989 Bad Oldesloe erster Besuch in der BRD und Nachricht vom Tod des Sohns in Moldawien
ab 1990 Kirjat Ata Auswanderung nach Israel
Kischinew Heirat und Geburt von zwei Söhnen
Kaunas Flucht nach Litauen, Arbeit als Kindermädchen bei jüdischen Familien
Wehlau Arbeit in einer Mühle
Nechama Drober kam 1927 als Hella Markowsky in Königsberg auf die Welt. Sie hatte eine ältere Schwester, Rita, und zwei jüngere Brüder, Hans-Georg und Denny. Hans-Georg starb noch vor Kriegsbeginn an Diphterie.
Unmittelbar vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 erlebte die Sechsjährige erste Anzeichen von Judenfeindlichkeit der zukünftigen Machthaber, als ihre Eltern beim Gang zur Wahlurne von Mitgliedern der SS und SA beschimpft wurden. Nach der Machtübernahme Hitlers verlor der Vater seine Arbeit und die Familie konnte fortan nur mit großer Mühe ihren Lebensunterhalt sichern.
Hella Markowsky wurde 1934 eingeschult und von ihren Mitschülern als Jüdin gehänselt. Im Jahr darauf wechselte sie zwangsweise auf die jüdische Schule, die im Gebäude der Neuen Synagoge eingerichtet worden war. Zwischen den Schülern und den Lehrern entstand eine Gemeinschaft, in der sich alle gegenseitig unterstützten und Mut zusprachen. Mit der Zeit wurden in der Schule immer häufiger Kinder, denen die Auswanderung bevorstand, verabschiedet und Briefe von bereits ausgewanderten Mitschülern hoffnungsvoll vorgelesen.

Während des Novemberpogroms 1938 beobachtete die Familie Markowsky von ihrem Fenster aus, wie die nahe gelegene Synagoge brannte. Kurz darauf drangen SA-Leute in ihre Wohnung ein, verwüsteten sie und verhafteten den Vater. Erst nach drei Wochen konnte er zu seiner Familie zurückkehren. Hella Markowsky, ihre Mutter und ihre Geschwister mussten ihr Zuhause verlassen und sich eine Wohnung mit vier anderen Familien teilen. Nach der Reichspogromnacht, und besonders nach Kriegsbeginn, nahm die per Gesetz geregelte Ausgrenzung der Juden in Königsberg zu: Wertsachen wurden enteignet, besondere Lebensmittelkarten eingeführt, und ab September 1941 mussten alle Juden den Gelben Stern tragen. 1942 schlossen die Nationalsozialisten die jüdische Schule. Hella Markowsky und ihre Schwester Rita mussten, gemeinsam mit vielen ehemaligen Mitschülern, Zwangsarbeit in der Seifenfabrik Gamm & Sohn verrichten.
Im Juni 1942 begannen die Nationalsozialisten, die Juden aus Königsberg zu deportieren. Unter den zur Deportation Bestimmten befanden sich auch Verwandte und Bekannte von Hella Markowsky. Zusammen mit Rita und zwei Schulfreunden begleitete sie ihre Verwandten zur Sammelstelle am Nordbahnhof. Mehrmals wurden die Jugendlichen von den SS-Männern weggescheucht und bedroht. Ihnen war nicht klar, in welcher Gefahr sie sich befanden. Hella Markowsky und ihre Geschwister waren vorerst dadurch vor der Deportation geschützt, dass ihre Mutter keine Jüdin war.

Die Familie Markowsky musste erneut umziehen; ihre neue Wohnung grenzte an das Grundstück, auf dem die zerstörte Synagoge gestanden hatte. Auf dem Gelände entstand zu der Zeit ein Zwangsarbeitslager, in dem vor allem polnisch-jüdische Häftlinge festgehalten wurden. Da viele Jiddisch sprachen, konnte Hella Markowsky sich einige Male mit ihnen auf Deutsch unterhalten. Sie warf ihnen Essen über den Zaun, bis dieser erhöht wurde, um den weiteren Kontakt zu verhindern. Im Sommer 1944 bemühte sie sich erneut, jüdischen Häftlingen zu helfen. In der Mitte des Pregel lagen für zwei Tage Lastkähne mit jüdischen Gefangenen, die über den Wasserweg deportiert wurden. Hella Markowsky und ihre Schwester organisierten mit Hilfe der jüdischen Gemeinde Essen für diese Häftlinge. Doch nur wenig davon kam bei den Gefangenen an, denn die Wachposten warfen einen Großteil in den Fluss.
Im Juli 1944 verstießen Hella Markowsky und einige ihrer Bekannten gegen zwei antijüdische Verordnungen: Sie nahmen ihre Sterne ab und gingen baden. Sie wurden von deutschen Soldaten erwischt und kamen für einige Tage ins Gefängnis, wo sie die Polizei mehrfach einzeln verhörte.
Ende August 1944 bombardierten die Alliierten Königsberg durch mehrere schwere Luftangriffe. Die ganze Stadt brannte. Familie Markowsky floh durch die Flammen aus ihrer Wohnung und schaffte es zur Anlaufstelle für Ausgebombte. Die wenigen Besitztümer, die sie für den Notfall gepackt hatten, wurden im Feuer zerstört. Die Behörden wiesen den Markowskys eine Bleibe in einem Dorf in der Nähe von Königsberg zu – vom Luftangriff waren alle betroffen, und für kurze Zeit war es nicht von Bedeutung, ob jemand Jude war oder nicht.

Nach wenigen Tagen musste Hella Markowsky mit ihrer Schwester ins noch brennende Königsberg zur Zwangsarbeit zurückkehren. Als die Schwestern sich Ende Januar 1945 bei der Gestapo melden sollten, flohen sie zu Fuß zur Mutter nach Jesau, da sie vermuteten, dass die jüdischen Zwangsarbeiter wegen der sich nähernden Front verschleppt werden sollten. Gemeinsam mit der Mutter und dem jüngeren Bruder warteten sie ungeduldig auf das Eintreffen der russischen Truppen. Doch die Sowjets, die sie als Befreier feiern wollten, plünderten die Häuser der Deutschen, töteten Männer und vergewaltigten Frauen. Auch Hella Markowsky wurde Opfer dieser Gewalttaten. Als sie festgenommen und zur Kommandantur gebracht wurde, versuchte sie vergeblich den russischen Soldaten zu erklären, dass sie Jüdin sei – sie wurde schikaniert und ihre wenigen persönlichen Erinnerungsstücke vernichtet. Die Enttäuschung über das Verhalten der vermeintlichen Befreier war sehr groß.
Im Februar verschleppten die Sowjets den Vater von Hella Markowsky aus Allenburg zur Zwangsarbeit beim Brückenbau. Sie wusste nicht, dass dieser Abschied vom Vater ihre letzte Begegnung sein würde.
Hella Markowsky, ihre Schwester Rita, ihr Bruder Denny und die Mutter waren von nun an auf sich alleine gestellt. Es gab kaum einen Ort in Königsberg, an dem sie vor Übergriffen der sowjetischen Besatzer sicher waren, und sie litten schrecklichen Hunger. Denny wurde immer schwächer, bis er schließlich im August an Unterernährung starb. Wenige Wochen darauf starb auch die Mutter an Hunger. Hella Markowsky musste dabei helfen, den Leichnam ihrer Mutter zusammen mit denen anderer Verstorbener zum Friedhof zu bringen, wo sie in einem Massengrab verscharrt wurden.

Um den Winter 1945/1946 zu überstehen, mussten Hella und Rita Markowsky Essbares von den Feldern stehlen. Im April 1946 verließen sie Königsberg und gingen nach Wehlau in der Hoffnung, dort mithilfe eines jüdischen Kommandanten Arbeit zu finden. Hella Markowsky arbeitete zunächst als Dienstmädchen, dann anstelle von Rita in einer Mühle, da diese zu einer solchen Arbeit körperlich nicht mehr in der Lage war.
Die schweren Bedingungen unter russischer Herrschaft in Ostpreußen veranlassten Hella Markowsky und ihre Schwester dazu, ihr Glück im benachbarten Litauen zu versuchen. Sie fuhren nach Kaunas, wo sie die jüdische Gemeinde um Hilfe baten. Rita kam in ein Kinderheim, Hella Markowsky arbeitete wieder als Kinder- und Dienstmädchen bei Überlebenden des Ghettos von Kaunas. Der Junge, um den sie sich kümmern musste, beschimpfte sie mehrmals aufgrund ihrer deutschen Herkunft, und auch andere Menschen in Kaunas sahen in ihr vor allem eine Deutsche und wollten ihr Verfolgungsschicksal nicht glauben.
In Kaunas lernte Hella Markowsky ihren späteren Ehemann, Schmuel, kennen. Sie zogen zusammen nach Kischinau, Moldawien, wo sie heirateten und eine Familie gründeten. Das Ehepaar bekam zwei Söhne: Numa und Edik.
In der Nachkriegszeit erhielt Hella Markowsky einige wenige Briefe von ihrem Vater, der inzwischen in Hamburg lebte. Da die Grenzen zur Sowjetunion geschlossen waren, konnte sie ihn nicht besuchen, auch der Briefaustausch war durch die sowjetische Zensur stark beeinträchtigt. Der Vater starb 1958.

1989, als es möglich war, aus der Sowjetunion nach Westen zu reisen, fuhr Hella Markowsky zum ersten Mal in die Bundesrepublik Deutschland, um das Grab ihres Vaters zu besuchen. Dort erfuhr sie vom plötzlichen Tod ihres Sohns Numa. Sie kehrte sofort nach Moldawien zurück, um ihren Sohn zu beerdigen. Als sie erneut in die BRD fahren wollte, hatte sie große Schwierigkeiten, eine Ausreisegenehmigung von den sowjetischen Behörden zu bekommen. In Deutschland traf sie sich mit Verwandten, die sie seit dem Krieg nicht mehr gesehen hatte; endlich kam sie auch nach Hamburg, an das Grab des Vaters.
Anfang der 1990er Jahre bemühte sich Hella Markowsky um eine Auswanderung nach Deutschland. Doch die deutschen Auslandsvertretungen in Kiew und in Moskau kamen ihrem Ausreiseantrag nicht nach, und auch der Zentralrat der Juden in Deutschland half ihr nicht weiter. So wanderte sie stattdessen zusammen mit ihrem Ehemann, ihrem Sohn Edik und ihrer Schwester Rita nach Kiryat Ata, Israel, aus. Dort änderte sie ihren Namen von »Hella Markowsky« zu »Nechama Drober«.
Sie nahm erneut Kontakt zu ehemaligen Mitschülern aus Königsberg auf und reiste mehrmals wieder in ihre Geburtsstadt, vor allem, um die Grabstätten ihrer Mutter und der beiden Brüder zu besuchen.
[Am Ende des Interviews liest Nechama Drober Ausschnitte aus ihrem Poesiealbum vor.]