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Maria Blitz (*21.03.1918, Krakau)

Signatur
01110/sdje/0014
Institut
Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin
Sprache
deutsch
Ort und Datum der Aufnahme
Berlin, den 26. Januar 2010
Dauer
01:43:39
Interviewter
Maria Blitz
Interviewer
Daniel Baranowski , Gabriele Zürn
Kamera, Licht und Ton
Daniel Hübner
Redaktion
Meike Haunschild
Transkription
Meike Haunschild

Trauer über den Verlust von Heim und Familie begleiteten Maria Blitz' ganzes Leben. Um den 27. Januar 1945 herum waren ihre beiden Schwestern in Ostpreußen ermordet worden; ihr war es gelungen, während des Todesmarsches nach Palmnicken zu fliehen. An diesem Tag entzündete sie alljährlich in der Synagoge vier Kerzen. Maria Blitz wurde am 21. März 1918 als eines von fünf Kindern eines Bürstenbinders in Krakau geboren. Der Kriegsausbruch setzte ihrer glücklichen und sorgenfreien Kindheit und Jugend ein abruptes Ende. Dem erzwungenen Umzug ins Krakauer Ghetto folgte 1943 die Einweisung ins Konzentrationslager Plaszow. Nach einigen Wochen im Konzentrationslager Auschwitz wurde sie zusammen mit ihrer Schwester, ihrer Schwägerin und einer Cousine im Herbst 1944 zum Arbeitseinsatz nach Ostpreußen deportiert. Das Kriegsende brachte nicht nur die Befreiung, sondern auch ein Gefühl von absoluter Einsamkeit. In Polen lernte sie ihren zweiten Mann kennen. Nach einem gescheiterten Neuanfang in Deutschland wanderte die junge Familie 1949 in die USA aus. Die Normalität des Lebens in Amerika machte ihr die Vergangenheit und den Verlust der Familie jedoch erst wirklich bewusst. Nach einem arbeitsreichen Leben beschloss Maria Blitz mit 82 Jahren, ihre Geschichte aufzuschreiben. Ihr größtes Anliegen war es, damit Zeugnis abzulegen und als eine der wenigen Überlebenden des Todesmarsches in Ostpreußen, an dieses beschwiegene Kapitel des Holocaust zu erinnern. Zum Zeitpunkt des Interviews war Maria Blitz 91 Jahre alt.

Vorkontakte

Das Interview fand im Rahmen eines mehrtägigen Aufenthaltes von Maria Blitz in Berlin statt. Anlass war die von der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas organisierte Veröffentlichung der Übersetzung ihrer Lebenserinnerungen. Am Tag nach dem Interview war Maria Blitz Gast im Deutschen Bundestag anlässlich der Feierstunde zum Holocaust-Gedenktag und berichtete in einem moderierten Zeitzeugengspräch von ihren Erfahrungen während des Zweiten Weltkrieges. In Vorbereitung dieser Veranstaltungen gab es einen mehrmonatigen intensiven Kontakt zur Stiftung und zum Projekt.

Bedingungen

Das Vorgespräch konnte nicht am Tag, sondern erst unmittelbar vor dem Interview durchgeführt werden, da Maria Blitz außerplanmäßig erst am Abend zuvor aus Florida in Berlin eintraf. Dadurch ergaben sich Abstimmungsprobleme: Maria Blitz erzählte vorwiegend von solchen Ereignissen, die nicht in ihrem Buch beschrieben werden.

Gruppensituation

zwei Interviewer, ein Kameramann (Daniel Hübner); ebenfalls auf eigenen Wunsch anwesend war der Sohn von Maria Blitz, Leo

Unterbrechungen

zwei Unterbrechungen; nach der zweiten Unterbrechung entschied sich Maria Blitz dazu, das Interviews aus Erschöpfungsgründen nicht mehr fortführen zu wollen

Protokoll

Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin

Daniel Baranowski

[0:00] 26ter Januar 2010 wir sind im Ort der Information ähm am Denkmal für die ermordeten Juden Europas   wir führen ein Interview mit Maria Blitz für das Projekt »Leben mit der Erinnerung« mein Name ist Daniel Baranowski   zweite Interviewerin ist Gaby Zürn

[0:19] und für die Kamera ist Daniel Hübner zuständig [Schnitt]

Maria Blitz

[0:23] ich muss da hineinschauen oder ?

Daniel Baranowski

[0:29] Sie können uns auch anschauen das is egal   Frau Blitz

Maria Blitz

[0:34] [gleichzeitig:] aber wenn ich mit Ihnen rede muss ich doch (eigentlich) zu Ihnen schaun

Daniel Baranowski

[0:39] [gleichzeitig:] das   genau [lacht]

[0:42] vielleicht ähm sagen Sie noch mal   wann Sie geboren sind   wo Sie geboren sind und dann fangen wir an

Maria Blitz

[0:46] ja ich bin geboren in Krakau am 21sten März 1918 und äh i- soweit ich mich erinnern kann kann ich mich nur erinnern an mein Kindergart- wenn ich in Kindergarten gegangen bin es war eine schöne Stadt äh große Stadt die zweite größte in in (Republik)

[1:10] Polen und äh es war ein Leben es es war eine Sie- so wie ein Art Ghetto wo ich gewohnt habe weil es waren äh die meisten Juden dort so wenig äh Christen es waren nur Arbeiter die gekommen sind zu Arbeiten zu Saubermachen und so weiter und jedes es waren

[1:34] große Mietshause- -häuser und jedes Haus hat einen Hausmeister gehabt und der hat aufgepasst so un- and wissens die fromme Juden ah haben also ich sage jetzt das ist war nicht im Buch das was jetzt Neues und die fromme Juden die am Samstag die darfen kein

[1:58] Heizung machen kein Licht anmachen wissen Sie und äh verschiedene Sachen mit Feuer (disconnected it) das elektrische Licht zum Beispiel ausmachen da sind die gekommen man hat ihnen gegeben ein Stückchen Semmel oder Kuchen oder was and die sind gekommen haben

[2:17] es ausgemacht für uns und das war eine Tätig- das sie jede Wach- jede Woche wurde das wiederholt weil die haben schon gewusst die sind gekommen eine gewisse Zeit und die habens (eben nach dem Essen) und da haben sie das Licht ausgemacht (aber man hat) je-

[2:35] jedenfalls es war eine äh Zeit das äh ich wir haben gewohnt sehr nahe miteinander die Wohnunge waren klein and es war nur ein Zimmer a- äh ah ich mein Familien haben in ein Zimmer gewohnt und ich habe immer gedacht dass das ist das Leben ! so muss es sein

[3:02] so ist es  

[3:04] i- ich habe leider später erfahren dass es war nicht so passiert es war nicht so   genauer was passiert ist ich hab verschiedene Familien gesehen die dort gelebt haben mit de Kinder und wenn der Krieg hat ausgebrochen nach dem Krieg die sind einfach

[3:24] verschwunden vom von die Wohnung von manche hab ich gewusst wo die umgebracht wurden und von manche hab ich nicht gewusst ich hab zum Beispiel gedacht erst vor Kurzem es war eine Mutter äh mit vier Töchter and die warn Nachbarn die haben in eine Wohnung

[3:45] gewohnt und die hatten ein ein Vater ich mein die Frau hatte einen Mann in in US und der hat geschickt kurz bevor Kur- äh Kriegausbruch hat er geschickt Schiffskarten damals waren Schiffskarten zu meine Zeit keine Flugzeuge und äh (it) für die a- ganze

[4:07] Familie dass die kommen soll und eine von die Töchter die sind alle da rüber gefahren und eine von die Töchter die hat einen de- Verlobten gehabt zurückgelassen in Krakau und äh de- die is tatsächlich kurz vorem Krieg zurückgekommen und die hat schon

[4:28] ein Kind gehabt und die is auch verschwunden leider mit mit dem Holocaust und so will ich nur sagen es ist ein Schicksal die alle waren weg und die waren gerettet und die einzige ist zurückgekommen and es waren hunderte Fälle so die waren haben ein ruhiges

[4:45] Leben in in Amerika gehabt hab ich noch ei- a- Bekannte gehabt der das passiert is und äh das is äh

[4:54] wenn ich reden Sachen das Sie nicht im Buch gelesen haben was Sie was Sie dieses kommt einfach ich spreche über Sachen die einfach zu mir kommen nicht wahr

[5:07] und äh and das das ich (irgendwie) ah   das ich äh wie soll- ähm ich erinnere mich wissen Sie

Daniel Baranowski

[5:17] [gleichzeitig:] hm

Maria Blitz

[5:20] von Zeit zu Zeit und wenn ich nicht er- äh- komme eins nach dem anderen aber in Zwischenfälle ich spring vom ein [lacht] Thema zu den anderen

[5:27] aber wie äh ich angefangen habe zu sagen für mich war das Leben like drei Etagen   das erste war dass ich hab einen

[5:39] äh sehr gute Jugend gehabt   und ich weiß noch dass meine Mutter äh (im äh ma-) mein Vater war ein er hat eine Bürstenfabrik hat das geheißen damals und wir haben nicht gewusst wie vermögend wir waren [aufgeregt:] als als Kinder hat es nicht ausgemacht

[6:02] so (jetzt) ob wir reich waren oder nicht ich weiß noch dass war äh immer genug Essen a- äh am Tisch ich weiß noch dass wir [betont:] jede Feiertage neue Kleidung bekomme es war nicht so (hand-outs) von Kind zu Kind wenn die äh wachsen verstehst aber

[6:21] äh ich hab [betont:] nach dem Krieg erst gesehn den Unterschied zwischen arm und reich   und äh ich will nur -n was sagen das mir auch in in Kopf kommt dass i- ich hab ein wirklich gut- ich hab nur gedacht (wir in die) opera jetzt gehn and in de   in in ein

[6:45] Konzert und so weiter also meine Freundinnen die kämen kamen vom ein äh äh Armenaus äh -haus and äh jetzt weiß ich es (re-) sehen Sie

Daniel Baranowski

[6:56] [gleichzeitig:] mhm

Maria Blitz

[6:59] und die haben gearbeitet in Büros und so weiter und ich hab nich gearbeitet weil äh ich ich brauch das nich ich mein mein Eltern haben mi- ni- mich nicht gezwungen zu Arbeiten zu gehen irgendwo   aber äh es ist kam eine Zeit dass äh ich äh hab das alles

[7:18] verloren   ich meine äh wenn der Krieg hat ausgebrochen bis damals war alles   schön

[7:25] und ich habe nicht gewusst was ich mir vorstellen kann we- wenn der Krieg äh aus äh an ist ich hab nur gehört Bomben fallen ich hab gesehn gleich als die Deutschen sind

[7:39] hineingekommen mein Vater z- das war ein [betont:] Freitag an dem ersten September wo der Krieg hat ausgebrochen mein Vater ist zum Fenster gegangen wir haben in eine schöne Wohnung ge-   gewohnt das wir bezogen haben vielleicht zehn Jahre zurück und äh

[7:59] beim Fenster er hat rausgeschaut da ist eine Kugel durch die Scheibe hineinkommen it's almost äh er wurde getötet aber äh wir haben nicht gewusst was zu denken darüber und ich hab nicht gewusst   lange wie äh was los ist ich hab gedacht das is -n maneuver

[8:21] verstehen Sie man hat gesprochen vom Krieg aber niemand hat geglaubt dass ein Krieg kommt   am Schlechten will will niemand glauben man denkt immer rosig wie man sagt das [trinkt]

Daniel Baranowski

[8:36] haben Sie

Maria Blitz

[8:41] [unterbricht:] so wenn ich kann nur eines sagen Entschuldiging ich kann nur eines sagen dass ich war äh   äh trostlos ich mein keine Sorgen gehabt and auf [betont:] einmal ist alles verschwunden

Daniel Baranowski

[9:00] mhm

Maria Blitz

[9:02] mit den Kriegausbruch   ist alles verschwunden ich mein i- ich hatt a Heim ich habe der Familie ich hatte jemand äh u- und dann kam der Krieg und von Anfang war es nicht so schlimm   aber   ich hatte noch meine Familie bis 1944 außerhalb mein äh En- äh niece

[9:26] meine Nichte

Daniel Baranowski

[9:29] mhm

Maria Blitz

[9:31] die drei Jahre äh alt war and die ham sie im Ghetto erschossen das war 42 43 so ungef- 42 glaub ich   aber äh bis 44 ich kann die Leute haben [betont:] gewettet   we- was sie machen werden nachdem der Krieg zu   fertig ist verstehst wir ham nur gewusst dass

[9:53] äh wir haben gehört das Kämpfen man hat das Ohr an   zu der Erde zugelegt wissen Sie hat man gehört die Schüsse und wir haben gedacht   die Leute haben gewettet wie wie lang es wird noch dauern and auf ein Mal äh hats aufgehört was ich hab später erfahren

[10:14] war dass die Russen da- die Polacken wollten keine Hilfe von die Russen dass man den Deutschen hinausschmeißt verstehen Sie und and da ist alles still geblieben

[10:28] und dann ha- hat man mich nach A- vor einer zuerst haben sie gemacht ein Konzentrationslager bei

[10:36] Krakau das war ein altes äh   cemetery wie heißt das ein cemetery

Gabriele Zürn

[10:43] Friedhof

Maria Blitz

[10:45] [gleichzeitig:] ein Friedhof ein alt- a- wir haben einige äh alte Friedhofe gehabt die waren hunderte Jahre zurück   and äh   die äh da hat man schon mehr nicht mehr begraben da war einer ein bisschen eine (hatte) zweite und das auch war voll und dort wo

[11:07] des Lager wo de- äh das Konzentrationslager Plaszow ist entstanden das war eigentlich a jüdischer Friedhof und die sind gekommen mit die äh bulldozers ich weiß nich ob es heißt bulldozer auf Deutsch and die sind gekommen die haben die Gräber aufgegraben

[11:26] und in die Steine kaputt gemacht auf einmal   äh und die ham Baracken erstanden dort und äh äh gebaut äh wir haben nich gewusst für was   die haben ge- -nommen Leute von der Straße und die ham dort gebaut ich kann ich weiß nich ob die Essen bekommen haben

[11:49] wahrscheinlich von Anfang war es noch nicht so schlimm

[11:51] und dann auf einmal im März 42 hat man gesprochen   dass man wird das Ghetto liquidieren   ich hatte ein bekannten   Mann wir haben ihn gerufen der mit de- [betont:] Gestapo gearbeitet hat ein Jude der hat

[12:14] Uniforms gemacht für die Deutschen und man sagt dass er war   ein äh Kapo wissen Sie wissen Sie was das heißt und dass er hat ausgesagt von Juden was sie haben wissen wollen   zum Beispiel man hat gefragt wo reiche Leu- Juden wohnen und so weiter und hat

[12:34] alles   erzählt und die haben äh   di- dei-   äh äh dieser Mann hat außerhalb das Ghetto gewohnt   und ich traf him Frei- Donners- -tag abends bin ich immer im Ghetto einkaufen gegangen für -s vorbereiten für den Sabbat   und äh da hab ich ihm getroffen

[13:03] auf der Straße und ich will nich viel sagen er war verliebt mit mir er war verliebt er war verheirateter Mann and hat wolln dass ich mit ihm weglaufe man ist damals nach Ungarn gefahrn w- äh also geschmuggelt

Daniel Baranowski

[13:19] [gleichzeitig:] mhm

Maria Blitz

[13:22] hat Leute dass die sich retten könnten und der hat gesagt als- ich soll mitgehn meinte dass den Samstag wird das Lager belagert und von de dr- deutsche Soldaten und ma- man wird das Lager liquidieren   da hab ich ihm gefragt »wie kannst du deine Frau und

[13:41] Kinder zurücklassen du willst mit mir gehn« und das ist mir gar nicht [betont:] eingefallen dass ich mache das wissen Sie and das war paar Mal hab ich so ein äh so a- eine äh wie sagt man das äh Gelegenheit gehabt   dass ich weggehe dass ich m- m- dass

[14:01] ich mich äh äh behalte verstehen Sie verstecke eigentlich und äh   hab ich -s nie machen können weil ich hab mir vorgestellt wenn ich werde mich retten und da werd ich nie leben können wenn der Krieg zu Schluss ist   so äh ha- hab ich gesagt sag ich »wie

[14:24] kannst du das machen« zu dem Mann »zurücklassen deine Familie willst du weglaufen (dich) retten« und äh äh der hat hat gesagt »es ist ein Krieg   jeder lebt für sich selbst   und das macht was ist gut für dich« Person für sich selbst und (natürlich)

[14:44] bin ich (mich) nicht gegangen

[14:46] ich weiß nicht mit dem Mann is was passiert ich hab gehört man hat ihm geschnappt und man hat ihm erschossen in Plaszow da oben das was ein andere Geschichte äh das äh das man hat die Leute   gebracht von auswärts weil äh

[15:04] von die nicht in Lager wohnten and auch in Lager   und äh die haben ihm äh äh die haben eine gewisse   Zahl gehabt eine Quote   and wieviel Leute umgebracht werden sollen und wenn de wenn nen- w- we- wenn sie jemanden geschnappt haben ham sie sie z- mit de-

[15:32] Gruppe (zusammengehebt) wenn sie genug Leute gehabt haben was sie haben brauchten hat man sie hinauf genommen das war ein Weg äh also ich diese ganze Geschichte wenn ich da wieder äh erzählen muss von Anfang aber äh e- es waren drei Gemeinschaften in Plaszow

[15:58] wenn man hat liquidiert das Ghetto es war ein Schüsterei Schustergemeinschaft a Bürstengemeinschaft das war da waren wir and a Papiergemeinschaft   und die Leute sollten äh sein vom Beruf die dort gearbeitet haben und bei [betont:] uns da war ein Weg auf

[16:21] ein kleinen äh Gebirge äh wie   hill wie es heißt und we- die Gruppen hat man vorbeigeführt und man hat sie hinauf genommen da auf den Ge- -- -birge hill ich kann mich den deutschen Namen jetzt nicht erinnern weil ich bin sehr aufgeregt und äh äh  

[16:45] dort hat man sie -s -m ham sie müssen ein Grab machen und man hat sie geschossen und hineingew- (ja) zuerst müssten die sich auskleiden   und die Kleidung beiseite legen damit es nicht verblutet wird und von die Kleidung hat man sie genommen die von die erschossene

[17:07] Leute in ein Magasin wo die aufbewahrt wurden und äh da äh zuerst wurden die durchgesucht mit Schmuck und Geld weil manche haben mitgebracht versteckt und dann haben sie die die Sachen in ein Magasin gegeben und dort äh aufbewahrt

[17:28] und es war i- ich konnte

[17:32] eine F- äh Familie ich mein die waren Nachbarn er war ein äh   äh Ordnungsdienst ich weiß nich ob Sie wissen was das bedeutet ein Ordnungsdienst war einer das hat äh gearbeitet mit de jüdische Polizei und die haben gearbeitet mit de Deutschen   und [betont:]

[17:56] der hat war in so einem Magasin und die ham wahrscheinlich sehr viel Schmuck und Sachen gefunden in die Kleider u- was ich erfahren habe später äh die   es war ein Mann und eine Frau die hatten ein kleines Kind vielleicht von zwei drei Jahre aber das   hat

[18:18] man erschossen und der Mann a- ich weiß nich was er mit der Frau vereinbart hat aber äh man hat das Geld was die haben gefunden in die Sachen irgendwo versteckt ich weiß nicht und nach dem Krieg ist der Mann und die Frau lebend geblieben und die äh die

[18:40] Frau is- es war in Polen wo man wo die die Sachen vergraben haben das Schmuck was sie gefunden haben und da äh sind die   sind sie zurückgegangen die äh der Mann hat Angst gehabt weil er mit die Deutschen zusammengearbeitet hat sozusagen verstehens- und

[19:02] er hatte geschickt die Frau und sie hat aufgem- aufgegraben die (all Sch-) Sachen die wertvolle Sache Schmuck Geld Valuten alles was sie gefunden haben und sie is zurückgekommen die haben wi- a- Haus gekauft so weiter ich weiß nich was sie mit den Geld verwendet

[19:20] haben aber is -s -s kann sei- das sind Geschichten das ich hab nicht glaub ich in mein   w- m- memories geschrieben und äh ich ich kommt darauf später jetzt erinner ich mich an Sachen das ich hab nicht gedacht Jahre zurück wenn ich das geschrieben habe

[19:42] und

[19:45] äh wenn Sie etwas haben wollen oder haben Sie ein (als) Fragen an mich oder Sie was ha- wissen wollen oder soll ich weiterreden

Daniel Baranowski

[19:53] ich hätte noch mal eine Frage zurück jetzt sozusagen ähm wieviele Geschwister hatten Sie

Maria Blitz

[20:00] [trinkt] ich hab- hatte zwei Schwester (aus -m) und zwei Brüder

Daniel Baranowski

[20:06] ja   und ähm Sie haben zusammen in einer Wohnung gelebt ham Sie gesagt bis zum Kriegsausbruch ?

Maria Blitz

[20:15] [gleichzeitig:] ja also die Wohnung es war nämlich nach den Krieg   nach den Krieg ich schau mal da auf die Aufschrift [zeigt auf die Wand hinter der Kamera] nach den Krieg äh -n [betont:] Ersten Weltkrieg da hat mein Mutter mein Vater is gekommen nach Krakau

[20:32] er war in Krieg natürlich mi- mit mit Österreicher er war im österreichischen Krieg und der ha- äh die konnten keine Wohnung bekommen äh weil es war knapp an Wohnungen ham wir in ein Zimmer und eine Küche gewohnt   und äh dann nachher wo mein Vater wohlhabend

[20:52] geworden ist und wi- wa- wir waren wirklich   sehr vermögend haben wir eine m- Wohnung gemietet in ein Neubau es war ein Badez- wir hatten schon ein Badezimmer damals gehabt und de Badezeme- -zimmer war zusammen mit de Toilette und äh mit Heizung und so weiter

[21:14] und so weiter es waren jeder hatte sein eigenes Schlafzimmer mein Vater hat äh gekauft verschiedene Antiken und ich hab erst gestern gesprochen darüb- in meinen -nen äh Kopf liegt immer die   Sache dass mein Vater hat eine Golduhr gehabt mit äh eins von

[21:43] Schaffhausen und die war so viel Gold war drauf [unterstützende Handbewegung] es waren drei Deckel wenn man ich weiß nich ob die Taschenuhren Ihnen bekannt sind das war ei- ein Antik jetzt   und also die Kette selbst in Gold hat vielleicht hun- a- a- ein

[21:57] halbes Pfund gewogen und denk immer welche Deutsche   hat mein Vaters Uhr a- also wir ham andere Sch- mein Mutter hat Ringen gehabt wir ham äh meine Mutter hat Taschen gehabt vom Silber u- wissen Sie von mesh Silber äh handgemalte Schalen und so weiter wissen

[22:19] Sie aber [betont:] die Uhr liegt mir immer im Kopf und ich bin neugierig ich weiß bestimmt ist es wert jetzt vielleicht zehn- oder 20000 Dollar   a- und e- äh sogar ich hab ich hab äh ich bin verl- äh verlobt ich hab mich verlobt in 1939 zu eine Cousin

[22:38] der gleichzeitig meine äh Cousin war die Metter äh die Mütter waren Schwester and die Vaters waren Brüder und jetzt weiß ich dass es nicht äh in Ordnung ist aber bei Juden war das erlaubt ich ich hab geheiratet ihn später   und er hat mir gegeben einen

[23:00] Ring mit einahalb Karat   also ich bin zur Oper gegangen mal noch mal äh auch ich hab selber so gerne Musik   und äh da- de- der Brillant hat verleuchtet [lachend:] das dunkle Zimmer wo ich war und ich weiß nich wer das alles weil die Deutschen wenn sie hinein

[23:25] gekommen in sind die ham ge- das erste war Befehl Schmuck wertvolle Sachen Valuten abzugeben   und auch es waren a- [betont:] jede paar Minut- jede paar Monate is was passiert und äh mit Pelze abzugeben und äh i-   äh ständ- immer die wertvolle Sachen was

[23:46] wir haben   hab- hatten   und ich de- deswegen sag ich   von so eine Heim bin ich gekommen zu nix

[23:57] und von diese Zeit (hier) war wenn ich (werde sind vom) man hat liquidiert das Ghetto in Ghetto haben wir noch gehabt äh m- m- mehr oder weniger weil wir haben

[24:13] geliefert für die Deutschen wissen Sie Bürsten und da kame hinein Geld und da war genug Geld für die alle äh die An- äh die zusammen- äh -gearbeitet haben nich wahr das war meistens Familie b- äh Cousinen Önkel verstehen Sie die die waren die Gemeinschaft  

[24:33] und äh it's damals äh ha- ich habe damals noch keine Sorgen gehabt ich wunder mich manchmal von wo ich das Geld gehabt habe und es ärgert mich manchmal vielleicht konnte ich damals mehr helfen für Leute   weil ich die Möglichkeit gehabt habe und äh es

[25:01] äh it's was der Krieg gebracht hat war dass jeder Mensch war für sich selbst man hat nicht gedacht an anderen (noch wie ich mir sagt) auf Englisch how you survive aber die andern

[25:17] und äh außer- -dem äh hat jeder bekommen a Minderswertigkeitkomplex   weil

[25:26] der Hitler hat gesagt dass wir sind keine Menschen sind er hat uns gerufen Unmenschen   und jetzt seh ich was passiert is mit diesen Leuten mit uns allen [betont:] wir ham geglaubt das was passiert is is richtig das gehört uns sozusagen weil wir si- keine

[25:49] Menschen sind das hab ich [betont:] nie den Thema berührt aber das kommt   jetzt weil äh ich ich äh analysiere mich selbst wie ich gefühlt habe zu diese Zeit warum hab ich nicht mehr geholfen was ich   wenn ich konnte das machen oh ja ich kann nich sagen

[26:11] dass ich hab -s nicht gemacht ich hab eine Freundin zum A- bezahlt für -n Arzt und solche Kleinigkeiten was aber   für mich jetzt ist es nicht genug ! und ich denke immer ich mein äh dass die ganze Aufmerksamkeit das ich hab jetzt ist ein eine Sache das  

[26:34] ich soll -s nicht haben ! äh ich meine die Auf- -gemerksamkeit gehört zu die Leute die alles mitgemacht haben ich hab mich Gott sei Dank gerettet und was das passiert war Wunder und ich glaub an Wunder kam eins nach dem anderen wenn ich weggelaufen bin und

[26:55] so weiter aber i- ich hab mich schlecht gefühlt und wü- da- das Gefühl das der Hitler uns gegeben hat dass wir [betont:] kein Menschen sind wir äh ich kann mich erinnern ich war in Stutthof and there war ein Aufseher ein älterer Mann hat ein Apfel geschnitten

[27:18] [unterstützende Geste] und in die Schul- Schale auf den Boden fallen lassen der hat ein Hund gehabt der Hund hat aufgeho- aufgehoben und gegessen Schale hab ich mir gedacht de der Hund is besser auf als wir sind da   wir hätten gerne die Schale aufgehoben

[27:36] and gegessen und a- aber wir wurden erschossen nicht wahr   so äh äh was der hat uns   so erniedrigt (jeden Fall)

[27:48] und (wie -s) komischerweise wenn es war [betont:] ein Deutscher   hat begegnet einen Juden war es all right waren aber zwei wollte einer übersteigen

[28:00] den anderen mit die Schikanen mit dieser ich weiß nich ob ich hab mich richtig äh wissen Se erklärt und äh äh es   die ham warum sind wir äh so äh wie s- wie sagt man äh   benützt   ausgenützt worden alles weggenommen   da hab ich eine schöne Heim gehabt

[28:27] da war alles in Ordnung und nach den Krieg kam ich hinaus mit mit gar nichts ich wusste nicht wo zu gehn ich war alleine hatte kein Heim hatte kein Anzieh- äh keine Kleider hatte [betont:] gar nichts absolut   das was von de Menschen geworden ist und äh ich

[28:48] ich selber ich kann mich erinnern ich war auf die Straße es war dunkel and ich hab mir gedacht wo ist alles weg ?   w- was was is da passiert ?   and warum ?  

[29:03] wissen Sie ich hab mich analysiert mei- und konnte zu keiner Antwort kommen   wissen Sie das sind die

[29:13] äh Gedenkes das ich hab jetzt verstehen Sie und äh i- ich muss denken immer und ich hab mich wirklich muss ich sagen ich schäme mich dass ich kommen mit vier Leute wie Sie sind dass ich ich bin aber froh dass ich -s erzählen kann aber dass ich bin keine

[29:36] wichtige Person ! a wichtige Person is sind die Leute die haben das erlebt die umgekommen sind die sind nicht mehr da zum Reden   und das was liegt mir jetzt am Kopf das ich denke immer nachts jetzt verstehen Sie

[29:53] und äh   ein Gef- die Gefühle jetzt ich probier

[29:58] jetzt zu analysieren die Gefühle ich kann mich erinnern die erste Nacht das war Freitagabend wir sind gekommen nach äh Ausch- -n äh nach Plaszow   und das Bewusstsein dass ist nirgendwo zu gehn dass ich bin [betont:] eingezaunt in in ein Platz wo wo ich

[30:23] nichts machen kann ich kann mir nicht helfen genauso äh wie   S- Sie gehen ein Flugzeug Sie fahren ein Flugzeug (and God forbid) etwas passiert   da ist nirgendwo zu gehn ! da ist nix zu machen ! ich weiß nicht ob ich hab- -e mich ausgedrückt aber ich sage

[30:42] was was ich fühle verstehn Sie das is äh äh denn das de- Gefühl in den Lager damals abends das so ratlos

Daniel Baranowski

[30:53] [gleichzeitig:] mhm

Maria Blitz

[30:55] das is der so a- äh also es das is ein schreckliches Gefühl genauso wie ich hier rauskam   äh F- Be- nach der Befreiung   ich kann mich erinnern die Russen haben mich befreit   und äh äh ich es war am ach- 8ten Mai ich bin nausgegangen im Hof von de de

[31:17] alte Wohnung bei de Deu- in bei Königsberg wo ich dort war und ich habe gedacht na ja was weiter   hast nix und gar nichts und kommst nirgends äh äh   [betont:] es war nirgends zu gehn   wusst- i- war ganz alleine   so das ist das war das Schlimmste i- in meinem

[31:42] Leben der Moment  

[31:44] trotzdem dass wi- wir waren eingesperrt und wir waren im Lager haben wir immer gedacht dass äh wir werden sich retten also das Einzige muss ich sagen die ganze Zeit dass ich hab [betont:] nicht gedacht   dass ich umkomme ich hab immer mit

[32:06] rosige Gläser Augengläser geschaut dort und [betont:] nie für einen Moment hab ich gedacht ich hab den Tod gesehn jede Sekunde bevor meinen Augen aber [betont:] nie hab ich gedacht dass ich komme um ich glaube das Einzige das ein Glauben and das- deswegen

[32:30] bin ich glaubig ich glaub an Herrgott dass er hat mir geholfen and ich sehe manchmal er hat mir gezeigt die verschiedene Wege mein [schaut zu ihrem Sohn; lachend:] Sohn ist (mir nicht) er lachen von mir aber manchmal seh ich wie alles fällt hinein was ich

[32:49] ha- haben möchte an- and das weiß ich das ist von einer hehrer höherer Instanz de- die help mir dabei aber äh i- ich i- ich d- die viele was da zurückgeblieben sind nach dem Unglück was wir haben mitgebracht wissen Sie

[33:13] und   ich sehe zum Beispiel ich

[33:17] wohne in ein Appartmenthaus and 240 Einwohner das is äh ein äh ich hab äh   eine gute Gegend ich meine ich hab -s (billig) gekauft aber äh ich hab mit die Leute nichts viel zu tun ich sehe ich bin anders ich meine   die ham sich abgefun- das meistens sind

[33:41] Leute die vom Holocaust aber die sind von Ungarn meistens die polnische Juden und die deutsche Juden die waren die schlimmsten die gelitten haben weil der Krieg hat so arg früh angefangen dort wissen Sie and der Hitler ist zur Macht gekommen so früh and

[34:01] nach Ungarn is waren in Ungarn waren nur ein Jahr   verstehst so (da hat die) nach -m Krieg haben die Familie gehabt Schwester Brüder (dann) ich hab niemanden gehabt ich hab [betont:] niemanden gehabt ich hab nur einen Bruder der in Dachau war   hab ich erfahren

[34:21] wie ich bin nach München gekommen [trinkt]   das [kurze Tonstörung] (_) und mein Mann hat mir gesagt »ja« und manche Leute haben gesagt »nein« und äh eigentlich äh sogar mein Mann ich war schon damals das zweite Mal verheiratet ich habe erfahrn nach

[34:46] dem Krieg mit mein erster Mann ich hab geheiratet 1942 im Ghetto   der is in Melk umgekommen wissen Sie Melk wo das ist d- äh Mauthausen Melk (dies) und der war neunundzwanz- 29 Jahr   und da da hab bin ich ei- hatt ich Angst gehabt zurückzufahren nach -n

[35:13] Krieg nach Krakau was passiert is ist dass die Russen haben äh gewusst dass die Sprache einige sprachen die haben sehr Angst gehabt dass Spione zwischen die Leute die sie befreit haben äh waren und die wollen sie umbringen und so weiter das man (da) aufpassen

[35:36] (will) muss auf (den) ham sie mich gerufen ich soll ihnen helfen die ham mich befreit und äh das äh zu finden die Leute die Verräter sind und ich hatt große Angst damals a- aber das hab ich ach in Buch geschrieben und ich wusste nich was zu machen weil

[35:55] ich vom Erfahre- vom Lesen hab ich gewusst dass wenn man ein etwas zu tun hat mit mit Sachen da at end wi- wird man äh umgebracht auch verstehst also ich wusste nich was (zu right gehn) aber es war dort ein Mann er hatte gesagt es geht ein Transport nach

[36:17] Polen die Leute die man befreit hat die Russen haben Gruppen gemacht und vom we- von welchem Land die gekommen sind waren Franzosen auch ham sie sie zurückgeschickt und das war eine Gruppe von Polen die Polen äh äh und der hatte gesagt »weißt du was wenn

[36:38] du Angst hat« weil er äh ich hab ihm erzählt »ich habe« ab- ich musste jemandem sagen was i- was ich machen soll denn sie ham mich raufgeruf- Entschuldigung es für die Mischung der hat mit einem die Kommandantur hinaufgerufen der Mann und ein Offiziern

[36:56] hat gesagt ich soll ihne helfen zu finden die Leute die Verräter sind abe- s- »wenn du -s erzählst jemandem wirst du ein Kopf kürzer« hat er gesagt zu mir   so hab ich Angst gehabt äh ich wusste nich wie je- zu reagieren denn es äh war etwas das äh

[37:23] ich war alleine ich hab Angst gehabt zu sagen (ja ma-) jedenfalls es war dort einer ich wusste er war nicht in die russische Partei er war nicht in de so wie in Gestapo in der Polizei und ich hab ich es ihm gesagt hat er gesagt ich soll mich melden zu die

[37:39] Gruppe das geht nach Polen und äh nich sagen gar nicht hineingehen mit dem in fahr- fahren zurück nach Polen das hab ich auch gemacht und äh wir sind dann Z- die Züge waren voll man ist draußen überall gestanden und ich weiß nicht die Leute haben das

[38:01] Leben riskiert weil man konnte nicht in den Zug hinein und die ha- haben äh draußen gestanden manche sind runtergefallen (unter den Zug) also äh wie ich kam nach Polen hab bin ich angekommen in de Stadt kann ich mich nicht erinnern   äh ich glaub Lodz irgendwo

[38:26] an in eine von de polnischen Städte und da bin ich hinausgegangen und sehe eine polnische Frau sag ich wo der Zug stehen geblieben is bin ich hinausgegang- so hab ich gesagt (zu de) auf Polnisch ob da Juden welche Juden wohnen hat sie gesagt »nein die ham

[38:47] man hat die alle getötet« sie hat nicht gewusst dass ich eine (Jüdin) und dann ging ich -n bisschen weiter un- merkt ein jung- -n Mann der hat jüdisch ausgeschaut wissen Sie ich hab bemerkt hat semische semische äh äh Gesicht- äh z- wie sagt

Daniel Baranowski

[39:06] -züge

Maria Blitz

[39:08] ich bin aufgeregt so müssen Sie mir entschuldigen so äh hab ich ihn gefragt was (er wär hier auch) sagt er »na nicht viele wo willst du hin ?« sag ich »ich möchte nach Krakau sehn ob jemand am Leben ist« da sagt er »geh nicht zurück nach Krakau«

[39:25] sagt er zu mir »weil äh wenn du zurückgehst dort die Polen die erschießen« das war [betont:] nach -m Krieg »alle Juden die zurückgeke- die sich gerettet haben« manche haben zurückgelassen etwas vom Vermögen bei die Polacken und wenn man zurückgekamen

[39:45] ham -s nich wolln zurückgeben ham sie die Leute erschossen   so die Russen standen bevor die Wohnunge jüdische Wohnunge dass man sie nicht erschießen hat so da bin ich das waren die Polacken deswegen hab ich so einen Hass auf die Polacken die waren [lauter:]

[40:05] die Deutschen wenn die waren äh äh a- against die Juden die das war die Regierung   es waren sehr viele Leute die Mitleid haben mit uns und die haben versucht zu helfen   die der Polack der Polack is geboren mit den Hass gegen Juden das is in their Blut zu

[40:29] them a Jud is no goo- is nicht gut und jedenfalls hat er gesagt »geh mit den Zug nach Russland nach Lemberg und dort zwischen die Russen und äh da da vielleicht bekommst du Hilfe dort und aber jedenfalls fahr nicht zurück nach Krakau !«   so bin ich nicht

[40:52] zurückgefahrn ich bin weitergefahrn and kam zurück and äh i- kam nach Lemberg wieder eine Stadt das keine Bekannte niemand ganz allein und dann hab ich äh inzwischen hab ich erfahrn dass mein Mann   äh mit der (he-) die Leute die zurückgekommen sind die

[41:13] äh den äh le- den Krieg mitgebracht hat am Leben geblieben sind a- die ham mir erzählt (wie) die warn zusammen mit meim Mann mit meine Familie was da passiert is und da hab ich gewusst [betont:] genau wie jeder von der Familie umgekommen ist   wann und wo

[41:33] und  

[41:36] das ist etwas das   das is so schlimm dass ich denke wenn das Datum kommt und jetzt kommt das Datum auch von meine zwei Schwestern was äh dort im in den march umgekommen sind meine Cousine and mein Schwägerin und ich muss da anzün- ich weiß nich in

[42:02] dem Tempel wo wir gehn ob ich darf anzün- vier Kerzen i- in ein Glas das in de- in Erinnerung von weil de- ma- ich mach das jedes Jahr mit dem wenn ich zünd an jede Kerze die 24 wissen Sie Stunden brennen die und äh a- äh meinen Sie ich könnte das machen

Daniel Baranowski

[42:26] ich glaub das geht ja aber das müssen wir morgen gucken dann   aber das müsste gehn

Maria Blitz

[42:31] [gleichzeitig:] in Temp-   wissen Sie und da wenn ich zünd an die Kerzen dann sag ich   [bewegt:] sag ich den Name von von jeder Person und wenn ich äh wir haben einmal äh knapp vier Mal im Jahr haben wir im Tempel ein Gedenknis für die Leute die umgekommen

[42:55] sind und damit sagen wir ein Gebet (of every) äh die alle Namen die kommen mir zum (Bewusst-) sagen dass jemand da ist dass er äh jetzt erinnern kann an die Person dass die gelebt haben [betont:] ganze Familien sind verschwunden also das ist nicht zu glauben

[43:16] da waren sie da und auf ein Mal d-   sind sie weg äh das ist nicht zu glau- und das ist auch für mich ich war dort ich kanns nicht glauben   so   das ist die Geschichte dass ungefähr äh ja äh das das [betont:] Einsamkeit   nach nach dem Kriege wissen Si-

[43:45] und äh deswegen hab ich so ein Sentiment gegen die Russen weil die mich befreit haben ich hab geschaut dass sie kommen und da hab ich ausgelernt ein bissel Russisch zu reden ich hab geschrieben ja ich hab die (Behörd-) (__) ich hab gearbeit ich entschuldigen

[44:04] Sie dass ich komme von eine Sache zu de andern äh w- die Russen hinein kamen die waren sehr schlimm für die Deutschen ich mein die haben vergewaltigt die Leute dort Kinder de- wa- die waren versteckt in ein äh eine Kirche Kindern hat die haben vergewaltigt

[44:27] vom zwölfjäh- -jährige Kinder bis bis achtzigjährige Frauen dort und ich war nicht in die Kirche ich war versteckt mit die Frau da die kommt auch hier jetzt äh sie heißt Christel Schütte ja aber sie war viel jünger ich war in ein Zimmer mit ihr versteckt

[44:47] und ich kann mich nicht erinnern aber sie hat gesagt dass ich hatte eine Nummer von Auschwitz hier [zeigt die Innenseite ihres linken Unterarms] und äh weil ich konnte erin- wenn ich weggelaufen bin von den Transport so ist äh   äh hab ha- die Deutschen

[45:07] die mich versteckt haben haben Angst gehabt man wird mich da- von die Nummer erkenne so hab ich nicht ausgeschaut jüdisch und da haben sie mich genommen äh b- bei die Kirche war da ein Weg zu einen deutschen Arzt und hat mit die Schere ausgeschnitten die

[45:24] Nummer da verstehns und [betont:] die Christel sagt dass sie war mit mir dort ich kann mich das nicht erinnern ich kann mich nur erinnern dass ich war mit einer alte Frau dort   wissen Sie die mich versteckt hat die war vielleicht an die siebzige die ham eine

[45:44] Farm gehabt dort äh w- a- äh sagt man Farm auf Deutsch ? und äh die Männer waren alle im Krieg wenn ich weggelaufen bin von den Transport   also äh die Männer waren in Krieg da waren nur Frauen war eine Mutter Großmutter mit der Schwiegertochter zwei

[46:07] Schwiegertochter waren Kinder dabei und äh die haben mich äh äh zuerst haben sie mich wollen abliefern in Gestapo weil sie haben Angst gehabt man wird sich äh man hat gesehn die tote Juden liegen am Weg schon wissen Sie von den Transport was da äh is

[46:28] gegangen is

[46:30] aber   den ansehe ich der Hand von [deutet mit der Hand nach oben] de höhere Instanz wie man sagt wissen sie weil äh [betont:] ich kann mir des bis heute nicht vorstellen ich denk immer nach Sie haben eine Reihe Sie gehn je- in eine Reihe da gehen

[46:49] Posten von beide Seiten mit äh ähm Gewehr nicht wahr und wenn sie jemanden gesehn haben äh die haben geschossen die Leute links und rechts und dass ich geh hinaus and es war Schnee (voraus) es war unter dreißig Grad Kälte [unterstützende Geste; betont:]

[47:09] und ich gehe hinaus langs- ja die ganze Zeit ich hab meine Schwestern zuvor verloren man hat sie ja erschossen aber ich ma- der Gedanke ich muss hinaus

Daniel Baranowski

[47:18] das war am Tag   mitten am Tag

Maria Blitz

[47:25] [gleichzeitig:] das war nachts   Mitternacht

Daniel Baranowski

[47:28] [gleichzeitig:] nachts

Maria Blitz

[47:31] und ich muss einfach hinaus ich weiß nich was ich sag Ihnen jemand hat mir die Idee [unterstützende Geste]   (Obere) hat mir de den Gedanken gegeben und da ging that's it de Transport da gehen Posten von beide Seiten und ich geh langsam hinaus ich wusste

[47:41] ich darf nicht laufen because dann hätten sie mich geschnappt aber ich ging so [betont:] langsam hinaus ich hatte eine Decke über dem Kopf und die Holzschuhe was wir angehaben   und bin gegangen (enga-) und da hab ich gesehn das erzähl ich schon die Sache

[48:01] was es war in dem Buch äh ja so eine Toilette die Holzentoilette die alte die waren im Feld wissen Sie da hat (ein geb-) und ich ging hinein geh dort und da war da so ein Riegel [unterstützende Geste] das ich hab das vermachen kann and saß dort und da hab

[48:21] ich schon gehört die Schüsse   äh weiter weit- sich entfernen bis es still geworden ist [lauter:] aber der [klopft mit der Hand auf die Lehne] Moment wie ich da hinauskam das kann ich nicht verstehn ich werde es nie verstehn es wär so wie sagt das auf Englisch

[48:40] somebody would (plough) me out and take me from over there and put me someplace else ich kann es nicht verstehn

Daniel Baranowski

[48:48] als wenn Sie gar nich selber gegangen wären

Maria Blitz

[48:51] (yea)   and ich war die Einzige und i- äh hän- aber jetzt denk ich mir ich hätte vielleicht mein Schwester gerettet äh i- ich weiß nich wissen Sie man muss leben mit die Gedanken das nicht schön sind ich habe gedacht weil i- ähm   die Jüngste die alle

[49:12] haben gesehn wie die jemand hat erschossen aber die Jüngst- ich bin gegangen und konnte nicht mehr laufen da ist der gegangen mit dem Gewehr äh mi- [zeigt auf Ihren Rücken] angeschlagen im Rücken deswegen geh ich sehr gebuckelt wissen Sie und äh bin gefallen  

[49:30] und äh i- hab gespürt Hände haben mich aufgehoben wär ich niedergefalln (ich) hat man geschossen sofo- und äh jemand hat mich aufgehoben und ich weitergelaufen und damals hab ich verloren meine Schwester konnte sie nicht mehr finden in den (Gesperr)  

[49:52] und bis heute Tag denk ich   was ich hab gelesen in Buch ich weiß nich vielleicht soll ich das nich sagen aber äh   der (__) war in die Gruppe von äh ähm äh wie heißt das Hitlerjugend   die haben geschnappt die 200 Frauen die sich gerettet haben vom

[50:22] Wasser damals und dass der äh and man hat sie doch erschosse ich muss denken ob die mein Schwester nicht dabei war   verstehest und äh [fragende Geste]   kann nicht äh deswegen vielleicht ist es so ein Gefühl   gegen den Mann versteh- er war in Hitlerjugend

[50:43] er sagt war 15 er war 17 Jahre alt und äh ich ich weiß ich hab zu niemanden aber ich   habe so ein   unangenehmes Gefühl gegen ihm -enüber   ihm obwohl er sehr nett zu mir war

[51:00] er hat die Geschichte geschrieben er hat es war jemand anders ein anderer Deutsche

[51:07] der geschrieben hat er war noch sieben Jahre alt der is lebt in Amerika und äh der hat mich von Anfang auch versucht zu äh benachricht- reden darüber wie er gefunden hat äh wie er gefunden aus hat dass ich am Leben bin aber [betont:] der hat nur beschrieben

[51:32] die Zeit was passiert is wenn die Russen hinein kamen und äh wie was die gegen die Deutschen gemacht haben   aber vielleicht soll ich das nicht sagen aber ei- jedes Wort was ich sagen kommt (selbst) äh es hat mich nicht mehr interessiert darüber er hat ein

[51:54] Buch geschrieben hab ich gesagt äh ich soll das Buch kaufen aber er hat je- äh äh er hat da hab ich gesagt »haben Sie etwas erwähnt was da passiert ist dass jeman-« er sagte »nein ich war sieben Jahre alt i- sie haben dort die Russen gemacht mein Bru-

[52:13] mein Großvater« äh ma- man hat Massengräber gemacht für die Leute die sie in der march erschossen haben und hinein geschmissen in die äh die tote Juden ma- man hat man se begraben haben die Russen gemacht dass man die Gräber aufmacht wenn die hineinkommen

[52:33] und ein richtiges Begräbnis machen für die Leute und er hat erzählt dass seine Großvater müsste mit de Hände aufgraben hat er gesagt and die die tote Juden zu be- -erdigen wie wie es richtig ist und äh die andere Sachen hat er ge- äh we- äh hat er

[52:57] geschrieben aber vom Punkt wie er hat es gefühlt als Kind und ich sage wie ich gef- -ühlt es als a- eine Betroffene de- das was passiert ist und ich hatte mir auf einmal gefragt sagt sagt er »äh ja was kann ich Ihne helfen wa- wa- was wollen Sie von mir«

[53:17] sag ich »nur verentlich- -ant- verant- äh -öffentli-   veröffnen die Geschichte dass man wissen soll« also ich hab bekommen Entschädigung von Deutschland äh wissen Sie für die Zeit ich war restitution wie das heißt aber für die Zeit das ich war in

[53:37] Stutthof damals wo das passiert ist hab ich ni- bekommen weil niemand hat davon gewusst ! die hat man -s nich geglaubt wenn ich ich hab hineingeschrieben wenn ich ein Gesuch gemacht habe äh dass ich Entschädigung bekomme   haben sie nicht gewusst äh man hats

[53:57] nicht geglaubt !   bis de-

Gabriele Zürn

[53:59] [gleichzeitig:] haben die Ihnen das so geschrieben ?

Maria Blitz

[54:02] no d- man hat ns vertuschen wolln was is da passiert is

Gabriele Zürn

[54:05] [gleichzeitig:] ja

Maria Blitz

[54:08] und bis der Martin   der dort war der Martin äh ich hab vergessen ich vergess immer sein Name er hat ein Buch darüber geschrieben dass er war dort und es war ein Massaker aber er hat darüber hineingeschrieben was da passiert ist wie die Russen waren sehr

[54:23] schlimme bei de Russen aber das ist nicht mein Interesse verstehn S- meine Interesse vielleicht bin ich selfish ist dass ich erzähle von meine Seite verst- wissen Sie was ich übergelebt hab

[54:38] aber äh   es tut mir Leid ich hab ges- ich will Ihnen was sagen

[54:44] ich hab gearbeitet mit de Russen äh auf der Bäckerei die haben äh Brot gemacht für die Leute sind deutsche Frauen Kinder (ein) gekommen zu mir um Brot [betont:] nie hab ich jemanden gesagt »nein«   jeder hat bekommen wer hat -s haben wolln weil   zu mir

[55:06] waren sie Menschen wie jeder andere deshalb obwohl ich hab so viel mitgemacht und ich habe eigentlich in Preußen Ostpreußen Gutes erlebt   nicht [trinkt]   [hustet]   Entschuldigung

Daniel Baranowski

[55:29] (macht nichts)

Maria Blitz

[55:31] in der F- der erste F- Familie wo ich mich versteckt hab waren so viele Kinder kleine Kinder   zu [betont:] denen war ich keine Jüdin die haben zwischen sich gesagt hab ich gehört einmal einer hat zu den anderen gesagt zum Buben »komm wir gehn sehn die

[55:53] tote Juden« am Wasser wo man die hineingeschmiss-   ab- und äh   die ham gewusst ich bin eine Jüdin nie haben se was gesagt zu dene war ich nur Maria keine Jüdin [hustet] und ich hab die Leuten aufgefunden nach -n Krieg ähm wo das wo die sind sind von Ostpreußen

[56:21] gekommen zurück [hustet] Entschuldigung [trinkt]   near Hamburg haben sie gelebt und da bin ich zu gegangen sie besuchen ein paar Mal   und hab wollte veröffentlichen Geschichte es war ein Ostpreußenblatt [hustet]   und die ham n den Namen nicht wolln geben

Daniel Baranowski

[56:53] ihren Namen

Maria Blitz

[56:56] nicht meinen

Daniel Baranowski

[56:58] nein

Maria Blitz

[57:00] äh sei- Na- sei-

Daniel Baranowski

[57:02] ja

Maria Blitz

[57:04] weil sie haben Angst gehabt sehen Sie das war äh in die vier-   vier- äh sech- fünf- na fünfziger sechziger Jahr [hustet]   und dann wenn man hat angefangen darüber zu reden ich hab mal angefangen meine Geschichte zusa- hat man [hustet]   Entschuldigung

Daniel Baranowski

[57:20] [gleichzeitig:] sollen wir mal eben eine Pause machen (__) [Schnitt]

Maria Blitz

[57:25] was soll ich Ihnen erzählen was Sie haben wollen   weil ich will nicht dasselbe was Sie haben in de Buch hab ich Recht

Daniel Baranowski

[57:30] ach das macht nichts also das ist ganz egal Sie können ruhig

Maria Blitz

[57:33] [gleichzeitig:] ja kann ich die Sachen

Daniel Baranowski

[57:35] natürlich Sie können genau das Gleiche erzählen   die Leute die den

Maria Blitz

[57:37] [hustet; unterbricht:] (but) wissen Sie es waren Momente es waren Mome- ah Entschuldigung was wollen Sie sagen

Daniel Baranowski

[57:41] also die Leute die nachher den Film sehn äh oder das Interview sehn die lesen nicht unbedingt das Buch also ist es nich schlimm wenn das doppelt ist

Maria Blitz

[57:46] ach so w-

Gabriele Zürn

[57:49] sie können auch über Ihre Familie noch erzähln wenn Sie möchten

Maria Blitz

[57:51] [gleichzeitig:] nein wissen Sie w-   wissen Sie was es war [lachend:] Entschuldigung (Sie sich)

Gabriele Zürn

[57:54] [gleichzeitig:] erzählen Sie ruhig   das ist ganz

Maria Blitz

[57:59] äh w- es war er sagt [zeigt auf ihren Sohn] immer zu mir [lachend:] »Mutter lass mich reden lass mich reden« Sie weil ich unterbreche immer aber er hat gesagt äh i- ich (war jetzt in die) Momente die stecken in meinen Kopf äh [betont:] mehr als andere

[58:14] Sachen versteh-

Daniel Baranowski

[58:18] [gleichzeitig:] mhm

Maria Blitz

[58:21] andere Geschichten was passiert

Daniel Baranowski

[58:23] [gleichzeitig:] mhm   mhm

Maria Blitz

[58:25] in dem Momente äh hab ich auch in im in den Buch ge- -schrieben und das ist er [zeigt auf ihren Sohn] dass er hat alles angefangen

Daniel Baranowski

[58:28] mhm

Maria Blitz

[58:32] verstehn S- ich wünsche nur dass er nicht so weit weg ist dass ich ihm sehen kann (leider) wissen Sie   wissen (Sie wei- wie) haben Sie Kinder ?

Gabriele Zürn

[58:38] ich hab ein 14 jährigen Sohn

Maria Blitz

[58:40] [gleichzeitig:] also   wissen Sie was ich meine

Gabriele Zürn

[58:42] ja ganz [lachend:] bestimmt

Maria Blitz

[58:45] so jedenfalls   äh aber äh er er war sehr viel interessiert and wissen Sie noch wer   mein Enkelsohn

Gabriele Zürn

[58:53] mhm

Maria Blitz

[58:55] der (hätt die da) herausgefunden Sachen über meine Familie Jahre hunderte Jahre zurück [hustet]

Gabriele Zürn

[59:00] wie alt ist der Enkel ?

Maria Blitz

[59:03] [hustet]   ah ich will noch was sagen   ich hab M- Momente das äh we- wenn die Deutschen hineingekommen sind von Anfang also ich hab sehr wirklich von Deutschen nie geschlagen bekommen oder misshandelt wurde   ich von Juden ja wissen Sie ich war äh zwar

[59:35] eine ähm wie sagt man das es war ein äh Selektion

Daniel Baranowski

[59:42] mhm

Maria Blitz

[59:44] war es ähm man sollte ein Kontingent Juden haben aus von Auschw- von Stutt- von Plaszow wir wussten nicht wohin später hab ich (erfunden) in einen Stadt Arbeitslager Skarżyska hat das geheißen

Daniel Baranowski

[59:58] mhm

Maria Blitz

[1:00:01] und da ist äh ah ich weiß nicht ob der Name Ihnen bekannt ist but jedenfalls man hat meine jüngste Schwester es ist heraufgekommen der äh ähm älteste von de Polizei von de [betont:] jüdische Polizei Ordnungsdienst hat das geheißen bei uns und die haben

[1:00:21] gesucht die haben eine Liste gehabt und die hat einfach die Leute herausgenommen was die ham gesessen ham wir ham gearbeitet in de jüdi- in de Bürstengemeinschaft und er hat sie herausgenommen weggeschickt und wir wussten wussten nicht wohin es geht wi-

[1:00:39] wir haben [betont:] nie gewusst wenn sie eine Selektion gemacht haben und da haben sie dabei meine Schwester genommen jüngste Schwester und s- sie war 17 18 Jahre alt und die war s- hochintelligentes Mädchen die war so begabt   so intelligent so   ich mein

[1:01:02] äh in der Schule äh ich kam äh sprechen mit der Lehrerin also die hat bei uns war die größte m- äh ich weiß nicht die die Note war eins wenn man am Besten von eins

Daniel Baranowski

[1:01:18] [gleichzeitig:] mhm

Maria Blitz

[1:01:20] bis vier und sie hat nur eins bekommen [zeigt auf ihren Sohn]   das ist das verste- er war auch (genius)

Daniel Baranowski

[1:01:25] mhm

Maria Blitz

[1:01:27] so u- und   ähm aber (it) sie war so unschuldig zu mir die war so ein äh gutes Kind verstehns und sie hat kein Glück gehabt   und äh hatte sie genommen in die Gruppe und da bin ich hingelaufen zu him sag ich »das ist meine Schwester« ich sage »bitte lassen

[1:01:46] Sies« mein Bruder war Aufseher äh in de Küche verstehen Sie er war da bissl   äh er hat Protektion wie man sagt das sag »das is auch a Schwester von ihm bitte helfen Sie mir helfen Sie« und äh der hat eine Lederpeitsche gehabt und der hat mich über

[1:02:09] den Kopf gehaut über mein Gesicht ne ganze Zeit [lächelnd:] ich hab gar nicht gespürt das hat mir weh getan nix und die w- die mehr er mich geschlagen hat de mehr bin ich hingegangen zu i- und äh äh but (Endeffekt) die ganze Gruppe ist schon zu die Tür

[1:02:28] gegangen hinaus (zu dem) hat er sie bei die Haare genommen »bleibe zurück du« ei- ei- nicht kein gutes Wort hat er ausgedrückt von ihm   jeder zu jeden hat er gesagt so so ein schlechtes Wort das i- so und hat sie zurückgelassen nächsten Tag bin ich mit

[1:02:45] meiner Mutter übers Lager ge- gegangen in Plaszow natürlich meine Augen waren geschwollen mei- ganz Gesicht [unterstützende Geste] nicht   sagt er »na hast du das gebraucht ?« sagt er zu mir er hat an mi- er ist vorbeigegangen »hast du das gebraucht ?«

[1:03:02] sag ich »ja ich wollte meine Schwester haben« (da m- war dabei) hat er mi- gesagt äh   wie hat er sich ausgedrückt auf Polnisch dass äh »du wirst es nicht erleben dass ich soll schicken jemanden zum Tod« das hat er mir gesagt aber ich ich übersetze

[1:03:23] es von Polnisch und er hat Recht gehabt   hätt sie gegangen mit diesem Transport wäre sie am Leben jetzt   so das ist Schicksal   nicht wahr so äh n- deswegen es wa- diese sind Momente ich seh das jetzt wie er geht zu der Tür und er schleppt sie bei die

[1:03:48] Haare zurück »bleibe zurück«   zu ihr and so  

[1:03:53] und die selbe Schwester die war wir müssten haben zwar die Gestapo kam in Ghetto und wer arbeitsfähig war hat eine Stelle gehabt hat ein Stempel bekommen auf eine Kennkarte haben jeder hat eine Kennkarte gehabt

[1:04:12] dass wir Arbeit äh bleiben können dass man sie nicht zur äh Selektion nehmen soll Sie wissen etwas das diese Selektion ist und äh so is sie auch äh wir mussten es waren ich ich bin nicht gegangen ich war schon damals verheiratet das war 42 und äh mein

[1:04:38] Mann hat meine Karte genommen   die zu für zu ste- stempeln und weil wir gearbeitet haben in der Bürstengemeinschaft so hat er (hier) bekommen den Stempel ist meine Schwester (dort) gegangen für einen Stempel hat man ihn nicht gegeben   so dann haben s- hat

[1:05:00] man gewusst da die Leute kein Stempel haben da macht man ein Selektion man schickt sie weg was war zum Erschießen die Leute hat man irgendwo ein F- ein äh außerhalb der Stadt erschossen und s- sie hat kein Stempel bekommen und wir wussten nicht was zu tun  

[1:05:24] wir wussten nicht (aus -s) sie hat sich versteckt irgendwo in ein Kamin in äh so so das waren sehr alte Häuser wo sie haben uns hingeschickt wo wir gewohnt haben und äh   (da) haben wir erfahren dass gibts (für) viel Geld kann man ein Stempel bekommen überall

[1:05:55] das Geld wissens   so mein Vater hat bezahlt jemand 5000 Zloty das war a Haufen Geld und   der hat sie hat bekommen einen Stempel da ist sie raus gekommen sie hat sich nicht verstecken müssen mehr  

[1:06:02] aber ich sage Ihnen der Moment sie hat einige Momente gehabt

[1:06:06] wo sie war kurz vorn vorm Tod   und so da musste et- etwas da oben sein   dass jemand ich versteh (nich) ich weiß nur dass ich hab immer ein Glauben gehabt dass ich hab immer nicht für ein Moment hab ich gedacht dass ich werd nicht durchmachen den Krieg und

[1:06:30] der das Gefühl das äh das is so eine starke äh wie sagt man äh ich kann mich eigentlich nich (jetzt eben) den Moment ausdrücken was ich sagen will es is we- äh wenn man das kein Gefühl hatte glaub ich das is nix   ein Mensch muss in etwas glauben

Daniel Baranowski

[1:06:53] als Sie ähm geflohen sind und in diesem Toilettenhäuschen waren

Maria Blitz

[1:06:58] [gleichzeitig:] ja

Daniel Baranowski

[1:07:01] Sie haben ja vorhin gesagt Sie ham den Riegel umge- -legt hatten Sie da können Sie sich erinnern ob Sie da das Gefühl hatten

Maria Blitz

[1:07:06] [unterbricht:] wann wars ? Entschuldigung (ich hab nich)

Daniel Baranowski

[1:07:08] als Sie geflohen sind und ähm über das Feld in der Nacht

Maria Blitz

[1:07:11] [gleichzeitig:] ja ich bin hinein in eine Toilette

Daniel Baranowski

[1:07:13] und hatten Sie da   gabs da so -n Gefühl bei Ihnen dass es jetzt vorbei ist ?

Maria Blitz

[1:07:17] [gleichzeitig:] nein nein nein nein überhaupt nichts über-

Daniel Baranowski

[1:07:20] hm

Maria Blitz

[1:07:22] komischerweise noch   wenn ich da versteckt war bei die Deutschen und Sie wissen Sie ich hab sehr gerne Musik und überhaupt klassische und die ham die Operetten die deutsche Operetten wissen Sie doch die (das zum Beispiel) ich ha- ähm ich hab gesungen und

[1:07:50] i- i- ich sogar getanzt dabei   [lauter:] ich hab nicht gedacht dran dass ich hab meine ganze Familie verloren   das ist erst später gekommen   überhaupt nicht ich kann mich erinnern die das radio hat gespielt die die Musik und äh ich weiß nicht   ich sogar

[1:07:59] [betont:] nach -n Krieg erst (als) sind meine Gefühle zurückgekommen als ich nach Amerika gekommen bin wissen Sie warum weil ich hab gesehn die Leute haben ein normales Leben die haben Schwester die haben Brüder die haben Eltern er [zeigt auf ihren Sohn]

[1:08:20] ging in Schule (kannte die) er hat si- mich immer gefragt (egal weißt du noch) äh »jeder hat ein Großvater jeder ha- hat ein Enk- unc- Onkel Cousin ich hab niemand   warum«  

Daniel Baranowski

[1:08:35] und ham Sie ihm dann davon erzählt ?

Maria Blitz

[1:08:38] da- [an den Sohn gerichtet:] stimmt es ? und der hat nur gesucht Familie glaub ich das ist mein Meinung ich weiß nich wo de- w- der Familie war wo er ein Zugehörigens-   Zugehörigkeit haben kann [trinkt] so äh es die die diese Zeit in in äh wenn ich nach

[1:09:01] Amerika kam hab ich erst gesehn was ein normales Leben ist in Deutschland war auch kein normales Leben nach dem Krieg er der war geboren [schaut zu ihrem Sohn] ich habe kein (Kind) kein Geld gehabt das Leben war schwer es waren äh Lebensmittelmarken   dafür

[1:09:20] und es es äh i- eine längere Zeit ich mein es war eine Kampf die ganze Zeit   ich mein äh ich es waren Leute die ham sehr viel durchgemacht verstehn-

[1:09:36] wissen Sie (die) sind Leute begabt die die nicht in in Geschäften sind sehr gut und die können machen

[1:09:42] Geld aber ich bin hier weil ich immer arbeiten und sein Vater auch immer arbeiten wir ham ein Job gehabt geh zu der Arbeit (that's all)   aber äh and ich hab die and äh deswegen je- hab ich (nicht) gedacht viel dran weil äh wir haben gekämpft in die Zukunft

[1:10:05] zu schaffen etwas wir haben nichts gehabt ich bin gekommen nach Amerika in ein Kleid nix bissel hab ich etwas bekommen vom Joint   Distribution ich kann mich erinnern [lächelnd:] das erste Kleid das ich bekommen hab vom Joint Di- Distribution ich mei- wir

[1:10:26] waren so [betont:] arm äh aber mein jüngerer Sohn sagt obwohl wir haben nicht viel gehabt aber am Tisch war immer Essen ich hab gesehen dass die haben was zu Essen wissens äh   e- es auch nach -m Krieg und dann hab i- ich kann mich erinnern ich bin gekommen

[1:10:48] zurück äh zurück an- äh you kommt nach nach Amerika mein Mann hat ein Familie gehabt hier und die ham gesagt dass ich soll gehn arbeiten äh sauber machen in de Häuser   wo wir immer ham gehabt Dienstmädchen (daheim) and das kann mich erinnern das erste

[1:11:10] Mal dass ich bin denn das steht nicht in dem Buch wissen Si- ich das erste Mal bin gegangen zu jemanden sauber machen and ich wusste nich wo anzufangen ich hab angefangen zu weinen wissen Sie and da hab ich mir gedacht   äh hat die Frau gesagt »nein ich werd

[1:11:30] dir zeigen was (weiß war ein) Krieg es war schlimm ich werd dir helfen«   aber dann später wenn ich ein bisschen schon Englisch gesprochen habe habe angefangen z- ich habe sofort gelernt Englisch   ich wollt (and) wenn man Deutsch gesprochen hat hat man -s

[1:11:48] nicht gerne gehabt in Amerika nach -m Krieg wissens   so ham wir sofort angefangen Englisch zu reden   aber  

[1:11:56] die Leute ich kann mich als- a- auch erinnern ich hab a- a- bei äh der landlord wie heißt der landlord auf Deutsch ah ah der Eigentümer von dem

[1:12:13] Haus

Daniel Baranowski

[1:12:15] [gleichzeitig:] mhm

Gabriele Zürn

[1:12:18] [gleichzeitig:] Vermieter

Maria Blitz

[1:12:20] der Appartmenthaus yeah äh hat äh äh eine Frau gehabt und äh ich ich bin gegangen zu ihr sauber machen und dann   es war mir immer zu schwer nicht die Arbeit no dass [betont:] ich das machen musste verstehn Se und äh aber ich hab nie mehr äh erzählt

[1:12:40] ob wir dass wir einmal reich waren und a- außerdem wenn äh das liegt mir auch im Kopf ich bin gegangen zu eine Frau arbeiten sie hatte ne Wohnung die lag äh äh vom der Straße sofort dass Sie könnten hineingehn so wie ein Gartenwohung hat -s geheißen  

[1:12:58] die Kinder sind zurückgekomm- ich musste ihm [zeigt auf ihren Sohn] mitnehmen er war drei Jahre alt ich hab m- niemanden gehabt wo zurückzulas-   er ist (eben) zurück äh die Kinder sind gekommen von de Eigentümer fo- für lunch

Daniel Baranowski

[1:13:14] mhm

Maria Blitz

[1:13:17] zu essen und sie gab ihm   äh Erdbeeren mit Sah- äh mit sour cream wissen das de- wissen Sie das e- eine Speise das man gibt de Kinder

Daniel Baranowski

[1:13:26] mhm

Maria Blitz

[1:13:29] für lunch (ungefähr)   und der [zeigt auf ihren Sohn] stand da   das werd ich nie im Leben vergessen und sagt zu die Frau   äh »ich hab gerne strawberries auch« [zeigt wieder auf ihren Sohn]   sie hat ihm nicht gegeben

Daniel Baranowski

[1:13:42] mhm

Maria Blitz

[1:13:45] können Sie sich vorstellen wie ich damals gef- ich bin hinuntergegangen sie hat mich für ein ganzen Haus sauber machen was ich sauber gemacht hab fünf Dollar gegeben ein ganzen Tag hab ich gearbeitet   (dafür) aber das werd ich nie vergessen ich hab die

[1:14:03] fünf Dollar gehabt bin runter gegangen in Geschäft und hab ihm strawberries ge- wissen Sie was strawberries Erdbeeren gekauft a- diese Momente wissen Sie sind das das ich werd nie vergess- [zeigt wieder auf ihren Sohn] ich weiß nich ob er weiß er kann

[1:14:20] sich erinnern an diese Sache   so äh äh d- das   hat mir so Leid getan dass ich kann das nich machen aber der Jüngere hat immer gesagt zu mi- »du weißt auch wenn wi- wi- nich viel gehabt haben da war immer Essen am Tisch« es war Feiertag wir haben die

[1:14:40] Kerzen angezunden und es e- es (wär) [betont:] ich hab versucht   zu machen genau das was ich hab zu Hause gesehn   gesehn

[1:14:50] so so das sind die äh immer z- äh de- dass ich muss nachdenken was da passiert is   aber (bis) die Vergangenheit ich hab keine Zukunft

[1:15:03] ich hab nur eine Vergangenheit wer in mein Alter hat man keine Zukunft mehr äh die pa- äh f- ich weiß nich wie lange ob paar Tage paar Monate (bei die man nicht kommt) aber ich lebe mit de Vergangenheit and die is [betont:] sehr schlimm speziell diese Zeit

[1:15:24] deswegen hab ich gesagt dass ich hab finde ich hat- war drei Stufen hatt ich in my Leben mein Kindheit -n bis bis der Krieg hat ausgebrochen und dann der Krieg   das war das Schlimmste   und auch später war mir schwer sehr schwer äh wissen Sie und äh   ich

[1:15:47] hab [betont:] nie ein leichtes Leben gehabt w- verstehen Sie was ich mein nach -n Krieg

Gabriele Zürn

[1:15:54] als Sie in den USA waren oder angekommen sind mit Ihrem Mann und Ihrem Sohn ähm konnten Sie anderen die in den USA lebten Amerikanern von Ihren Erlebnissen erzählen ? ham die sich dafür interessiert ?

Maria Blitz

[1:16:08] na je- nein die also jeder war für sich ich mein mein Mann seine Familie die war vermögend die ham mi- uns äh ach ah mein Mann hat einen Bruder der war in amerikanische Armee er hat in Japan je- äh gekämpft weil er is gekommen bevor den K- Kriegausbruch  

[1:16:30] und der hat ein amerikanisches Mädel geheirat- und nach [betont:] drei Tage wenn wi angekommen sind hat sie gesagt ist er hineingekommen kann ich mich erinnern im Zimmer wo wir geschlafen haben am   er raus gekommen dann sagt er wir solln sich eine Wohnung

[1:16:52] suchen   und äh ich hab angefangen zu weinen natürlich wo geh ich kein Geld kein keine Sprache gar nichts   und äh   es (ham wi-) sind gegangen zu ein Onkel vom mein Mann der war außerhalb New York hat er gewohnt hat ein Sommerhaus gehabt dort und dort hab-

[1:17:16] sind wir hingegangen wenn wir haben dort gelebt und dort wo ich hab angefangen zu arbeit- mei- a- Mann hat gearbeitet in eim Lebensmittelgeschäft das war äh für 35 Dollar sieben Tage vom sechs Uhr früh bis zwei Uhr nachts damals   war kein Lebens- äh wie

[1:17:38] sagt man äh kein Arbeitsamt dass das die aufgepasst ham   ab- äh es es es war schwer aber damals hat angefangen das normale Leben für mich

[1:17:53] in Deutschland nach -n Krieg war ich vom (No-) vom 45 bis 49 49 bin hab ich ausgewandert nach Amerika und wissen Sie

[1:18:05] warum ?   weil äh die ich weiß nich ob ich hab (noch) Sache erzählt   ich wir haben in Bam- mein Mann hat eine Stelle in Bamberg wissen Sie ham Sie gehört von Bamberg nei-   äh äh bei Augsburg ist das

Daniel Baranowski

[1:18:21] [gleichzeitig:] mhm

Maria Blitz

[1:18:24] hat eine Stell- dort bekommen und er hat äh in de Gem- jüdische Gemeinde   und äh   wir haben Nachbarn gehabt Deutsche wir ham ein Zimmer gehabt bei den deutsche Familie und da war ein (Hof dort da) and er [zeigt auf ihren Sohn] is hinuntergegangen da waren

[1:18:44] Buben deutsche Buben dort äh gespielt mit ihm zusammen aber die ham mich nicht gesehn ich bin zurückgekommen vom rückwärts hör ich auf einmal wie einer von de Buben sagt zu ihm sagt er »du bist a   a dreckiger verfluchter Jude« zu ihm [zeigt auf ihren

[1:19:01] Sohn] ham sie das gesagt   da hab ich mir gedacht ja da muss ich schaun dass ich wegkomme von hier   und da bin ich gefahrn nach Würzburg and z- der amerikanische äh äh Konsulat und ich hab gesagt »ich muss weg von hier« aber wir haben eine polnische Quote

[1:19:21] gehabt weil mein Mann obwohl er hat gelebt in Wien   hat er äh er is geboren in Brody das n- war in Polen war er polnischer Bürger ob- obwohl der in ganz Kindheit war in Wien so ha- die Quote war niedrig wir konnten nich so schnell fahren jedenfalls das was

[1:19:42] passiert is einfach da war eine Frau A- äh Amerikanerin ich hab ihr erzählt die Geschichte das was ich mitgemacht hab s- sie wird mir helfen sie hat mir geholfen und wir sind gekommen zu seinem Bruder nach   d- äh Amerika nach New York jeder is gekomme nach

[1:20:03] New York damals es war schwer

[1:20:06] und ich will noch was sagen   das meistens hat mich geärgert nur also jetzt sag äh sprech ich (recht) Sachen die hab ich nie erzählt äh verstehn Sie nie gesagt äh meistens hat mich geärgert wenn ich hab mit die amerikanische

[1:20:23] Juden gesprochen und wenn die gesagt haben dass du äh sie ham gar nicht gewusst was da passiert ist in in in Europa und da- das hat mich so geärgert dass ich hab mir aufgeregt   sagte sag ich zu ihm äh »du willst mir sagen ihr habt nich gelesen keine Zeitung

[1:20:45] hast nicht gewusst was das zugeh-« sagt sie »nein wir haben nein überhaupt nich gewusst« sag ich »du sollst mir das nicht erzählen alle Zeitungen in Amerika waren voll was der Hitler mit die Juden gemacht hat«   so I das das is sind Sachen das äh äh

[1:21:08] wir haben gehasst den Roosevelt weil (die) können sich erinnern die Geschichte mit dem Schiff dass die wolln hi- kommen nach Amerika und er hat sie zurückgelassen und die die andere Sa- die Leute haben mehr machen können dass nich so viele Leut umgekommen

[1:21:25] sind verstehst äh so aber das sind Ve- das is der Vergangenheit das is etwas das wir nicht zurückbringen können aber ich muss darüber denken  

[1:21:40] wie gesagt dass ich hab ich habe nur eine Vergangenheit   und äh na bei- mein Sohn sagt manchmal zu mir sagt

[1:21:52] »du musst denken an deine Familie hast ei- Großenkel- -n äh und so weiter und Enk- Enkel zwei E-« er [zeigt auf ihren Sohn] hat zwei Buben drei Buben hat   und äh aber äh da für mich is keine Zukunft mehr   ich hab nur eine sehr schlimme Erinnerung an

[1:22:10] meine Vergangenheit leider und äh   ich kann wenn -s kommt dazu eine äh freundliche Gelegenheit ein so na wie like wie eine Hochzeit oder etwas   äh m- ich kann nicht enjoyen wie man sagt das   ah sogar wenn es etwas Gutes passiert hab ich immer ge- gedacht

[1:22:40] das muss etwas Schlechtes kommen nachher   ich weiß nich ob Sie das verstehn können weil e- -s is so viel Schlechtes passiert ist mit mir dass ich äh   äh nicht geglaubt habe es hat was Gutes herauskomm obwohl ich im- -mer optimischer war optimischd-

[1:23:03] opti- -sch war mehr als pessimistisch   verstehn so äh   is ischt ich spreche nur jetzt über meine Gefühle das ich hab manchmal und i- äh ich   habe Nachbarn die auch mitgemacht haben die sind dort gekommen (welche) äh äh nach äh   zum Ende des

[1:23:34] Lebensjahres wie man sagt   a- -ber ich seh nicht dass sie die sie so die leben m- mit m- mit die äh Gegenwart verstehn Sie für den gibts keine Vergangenheit   and äh deswegen hab ich nich so viel in in in common wie man sagt mit mit mit   mit diese Leut

[1:23:58] [betont:] ja ich hab sehr viele Freunde und so weiter wir äh   aber   da is keine Verbindung wie man sagt verstehn Sie was ich mein (und) äh meine other Bekannte ich hab gesehn   äh wie das hab ich ja in Buch erwähnt ich   wenn ich geheiratet habe hab ich

[1:24:20] drei Freundinnen gehabt im   Ghetto und wenn man die äh Aussektierungen gemacht hat   da stand ich beim Fenster und äh hab gesehn wie sie geht mit ihren Vater   ma hat sie ausgewählt äh äh man hat sie geschickt in eine Platz wo die ma hat die Leute versammelt

[1:24:47] verstehst   und ma hat sie   sie gang ging so stolz mit den Kopf hoch neben ihr Vater sie hat ihm nicht wolln zurücklassen alleine natürlich ist sie weg mit ihm   hübschestes Mädel die sollen sehn die Frauen in Krakau I mean die haben Intelligenz gehabt die

[1:25:14] waren äh wie sagt man das äh äh   mit allen   a- alles haben die Frauen gehabt ich seh das nicht hier   verstehn Sie die waren gut angezogen die ging- wir gingen in die beste äh Kaffeehäuser un- in in   in der operas un- in Theaters und so weiter   so äh

[1:25:41] äh es ist nicht die die Leute die ich äh gekannt habe (vor einmal) vielleicht erwarte ich viel zu viel   jetzt verstehn Sie ich i- ich kann es aber leider nicht mehr zurückbekommen [trinkt]  

[1:26:00] ich glaube [räuspert sich]   ich spreche (uns) heute viel von

[1:26:05] meine Gefühle was ich äh mitgemacht hab was ich hab äh habe aber ähm [betont:] sehr oft fast jede Nacht passiert es dass ich denk über die Sachen und the älter ich wäre the more kommts mehr manchmal ich   ich geh schlafen ich wach auf m- äh a Stunde

[1:26:30] später and mein Kopf fangt an zu arbeiten und ich rede zu mir was ich kann Ihnen sagen wa- was ich erzählen will verstehn von se- von der Vergangenheit und manchmal bin ich böse auf ihm [zeigt auf ihren Sohn] da setz ich mich hin bei -n Computer schreib

[1:26:51] über [lachend:] ihm Email but er antwortet nicht weil er weiß dass ich   bin böse verstehn Sie aber äh sov- äh -n de- paar Stunden kann ich nicht schlafen dann nehm ich etwas ein Xanax ich weiß nich ob das Ihnen bekannt ist das is ein Beruhg- -rühg-

[1:27:10] Berühgungsmittel   manchmal schlaf ich ein manchmal nicht die Zeit vergeht ich schau schon dass Früh ist verstehn S- und habe Medikamente hab ich -n vollen Tisch voll und da ha- äh einige Operationen gehabt und und äh   aber das ist nicht wichtig denn es

[1:27:34] is es Wichtigste is dass die Leute haben erfahren durch Leute das wi- wie Sie   was dort passiert is denn das is das Schlimmste   es könnte (nicht etwas Besseres)   äh gi-

[1:27:51] Sie können sich (hier in ein) ah ich mein wenn ich nach Auschwitz kam wie ich erfahren

[1:28:00] habe dass man hat   mein Cousin der kommt der war in Auschwitz beim Krematorium und da- dass man die verbrennt die Leute dort   and dass ich das nicht geglaubt habe   a- ich mein das is etwas äh [laut:] ich habs gesehn !   ich hab gesehn die Leute verschwinden

[1:28:25] in äh in äh im in die Ofen und da war auch eine schlimme Zeit wissen Sie wenn wir angekommen sind nach Auschwitz da waren doch Duschen man hat die uns in ein man hat komplett die Haare abrasier- [betont:] abrasiert   und gegeben schmutzige Lumpen von die

[1:28:45] Leute die früher erschossen wurd- und wie gesagt das äh für eine kleine Person haben sie ein großes Kleid gegeben auf den nackten Körper und für die äh Große haben sie knappe Kleider gegeben   und wenn wir herauskommen von von Entlausung wie sie haben

[1:29:11] gesagt da äh einer hat nicht erkannt den andern but was ich sagen wollte zuvor wenn wir hineinge- -gingen in shower wir haben gesehn wo das Wasser kommt hinaus äh wir haben nicht gewusst ob Gas wird hinauskomme oder Wasser   das war a schrecklicher Moment

[1:29:33] auch   wissen Sie weil Sie wei- die die Dusche wusst- there waren Duschen so wie die Lampen hier [zeigt an die Decke] vielleicht noch mehr verstehn Sie und äh äh   die wir ham a- außerhalb hat man aufgedreht oder das Wasser oder der Gas   and das war in Auschwitz  

[1:29:53] an- äh and dann [betont:] nachher haben wir sich anstellen müssen um tatowiert zu werden [zeigt auf die Stelle am Unterarm] mit die Nummer   da hab ich v- v- vel- versucht ich hab gesehn die andere Nummer eine Nummer ha- äh dass ich denken sehen Sie wie

[1:30:14] mein Kopf hat gearbeitet dass ich es erri- wusst- remember da- dass ich es äh in den Gedanken behalte   hab ich äh gesehn is gekommen ein äh mei- Nummer zu sa- 22800 das war meine Nummer hier außeren [zeigt auf ihren Unterarm] äh tatowiert   äh äh a-

[1:30:40] und äh dann später wi- jeder hat mich gefragt »warum hast du -s ausmachen soll« hab ich über werd Ihnen erzähln ich wollte (ein) weglaufen des haben sie mich ausgeschni- ha- -ab ich ni- gesp- (mit) manche da da kann man reden wisschen Sie es hat kein

[1:30:58] Eindruck anyhow verstehn Sie macht kein Eindruck so äh versuch ich nicht zu reden äh hab nicht viel zu reden gehabt   aber i- äh mein äh   äh

[1:31:12] wenn ich mal m- fragen möchte   was ob ich noch   äh w- was es war die schönste Zeit mein ganzen Lebens das das

[1:31:23] is eine cl- äh ganz richtige Antwort (ich nicht richtige) jeder wird es verstehn dass er natürlich meine Jugend war schön   aber leider die is so weg schnell wenn ich 21 Jahre alt war   und das war äh der Ende meiner Geschichte weil äh d- die andern   is

[1:31:47] nichs das war ein Leben (_)   jetzt wart ich zum   Sonneuntergang verstehn Sie und äh   i- bin aber froh dass ich etwas erreicht habe   mit Leuten wie Ihr seid das das i- kannte

[1:32:12] aber ich hab kein schlechtes Gefühl wie ich gesagt habe gegen die Deutschen  

[1:32:17] mir is es ich hab äh wenn man fragt mich wo ich geboren bin ha- äh äh ich I hesitate zu sagen in Polen because zu zu mir das das is ein   äh Gesindel das das is es nich zum glauben   ich wa- hab gearbeitet äh geholfen jemanden auf eine äh ähm äh Zeitung

[1:32:46] äh äh zur Kenntnis dort das heißt wie man Zeitunge verkauft verschiedene candies Sachen (chocolate so weiter) so ein Geschäft wo man geht hinein Kinder meistens und äh da kam hinein ein Pole   er sucht a polische Zeitung sag ich ihm »was« äh äh da

[1:33:08] ich wusste nicht dass er Pole ist sag ich »was äh Z- für Zeitung suchst du (sucht Sie) « sagt er »polnisch« sag ich »polnisch ?« äh sag ich »bist du von Polen ?« sagt er »ja« sag ich »so was machst du d- hier« sagt er »ich bin gekommen arbeiten

[1:33:27] mache genug Geld und geh zurück nach Hause« denn es ware sehr viele (Fälle so)   so hat er gesagt a- die ge- äh   nein sag ich »wo arbeitst denn du« sagt er »bei -n Juden«   aber de- für das Wort »Jude« hat ausgesagt es wi- äh ein sehr schlechtes

[1:33:49] Wort in Polnisch żyd   and sag ich zu him »so warum arbeitest du« ich hab gesehn dass er hat etwas gegen die   uns äh »warum ar- äh -beits de bei ihm wenn du äh nicht äh arbeiten kanns- nicht arbeiten hast ihn nicht gern« sagt er zu mir   because er

[1:34:10] konnte kein [lacht] anderen job bekommen nur der Jude hat ihm geholfen sa- i- äh sag ich »was hast du gegen die Juden« sagt er »die haben in Polen den ganzen Handel weggenommen« verstehn Sie was ich meine die ganze business die das was die Polacken   glauben

[1:34:33] dran that die Juden sind Geschäfts- äh -leute meistens und die erobern die ganze   den ganzen Handel in äh in Polen aber das is ni-

[1:34:46] i- muss ich Ihnen noch eine Geschäf- äh Geschichte erzählen ich weiß nich ob äh   ich werde scho- langsam müde wissen

[1:34:58] ich hab gearbeit in Empire State wie ich habe erwähnt in New York und dort war waren Schwarze es waren auch äh äh die Juden es waren Nichtjuden und da war eine deutsche Frau aus Deutschland und ich kann mich ihren Namen nicht erinnern vielleicht kommt es

[1:35:21] zurück [räuspert sich] und there war eine jüdische Frau aus Deutschland and die beide ham sich gehasst   ich weiß nich warum   die eine äh die ham immer gehabt äh (Zwist) äh Streitigkeiten und da hab ich gesagt äh [betont:] einmal bin ich nicht hinunter

[1:35:44] gegangen mittagessen ich saß an- ich habs gegessen im Büro waren andere Leute noch dort (in der room) und die Deutsche die die Nichtjüdin geht vorbei and sagt zu mir »kein Wunder« auf Englisch »kein Wunder dass man hat die Juden äh der Hitler hat die

[1:36:07] Juden ausgerottet   kein Wunder« also das hab ich nur hören brauchen so hab ich angefangen zu freien zu schreien und nicht noch jetzt wenn ich mich erinner wenn ich zurückgehe äh äh zu diese Zeit hab ich nicht sie ausgeschimpft ich hab Juden sag i- »if

[1:36:31] Juden äh äh you crazy people« sag i- »die verfruch- verfluchte Juden« hab ich gesagt »du kannst sitzen da zuhörn und nichts sagen dass sie kann das sagen ?«   hab ich gesagt ich hab angefangen zu weine- noch heute ärgert wenn ich kommt dieser Punkt

[1:36:50] is äh is is schrecklich für mich verstehn Sie und in äh natürlich äh ich   de de mein Chef war nich da es war ein großes Büro im ganzen Empire State Building wir ham   gemacht äh Pyjamas und Hosen meiste Männersachens die hatten Fabriken gehabt und

[1:37:13] ich war eine von de Buchhalterinnen dort   und wenn ich ihr das gesagt habe später sagte »ich hab dich nicht gemeint« so wie die je- [lächelnd:] jeder Deutsche hat gehabt einen guten Juden hat man bei uns gesagt ich weiß nicht ob es Ihnen bekannt ist dass

[1:37:32] sie ham versucht zu helfen   lei- leider hats viel hat es nicht geholf-   so äh

Daniel Baranowski

[1:37:40] sind Sie nach dem Krieg äh überhaupt noch mal in Polen gewesen ?

Maria Blitz

[1:37:45] bitte

Daniel Baranowski

[1:37:47] sind Sie nach dem Krieg noch mal in Polen gewesen

Maria Blitz

[1:37:50] ja   ja ich war zuerst bin ich gefahrn äh I was the- there with you [zeigt auf ihren Sohn] äh na- hab ich er ha- ist hat ein Einladung bekommen auf die Universität in Krakau   das war eine antisemitische Universität vor den Krieg wenn die Juden   sind äh

[1:38:15] äh ver- ve- vor -n Krieg wollten studieren die ham spezielle Bänke gehabt drei Bänke für die Juden und wenn sie fertig waren von die lectures wie man sagt sind rausgegangen hat man sie zusammengehaut die anderen äh S- äh Studenten und äh de- der hat

[1:38:38] gesagt äh z- äh zu mir einer von den sagt er »bist du auch judisch« sag ich »ja« sagt er »aber du studierst hier nicht« sag ich »nein«   so sagt er »wir brauchen keinen äh St-   die dass die Juden zu kra- klug werden   weil die ne- übernehmen des

[1:39:02] ganze Land« also die ham [schüttelt den Kopf]   äh äh ich ich mei- ich s- ich hab nichts Gutes bei de Polen gesehn ich hab eine Freundin gehabt mit der ich [betont:] aufgewachsen bin und die hat   gesagt äh ich bin z- jeden Samstag Sonntag ihr Vater hat

[1:39:28] a Auto gehabt das war ein große Sache damals und äh wenn der Krieg hat ausgebrochen die Deutschen sind hinein gekommen war sie die [betont:] Erste die kam zu mir sehn was ich sie kann von mir herausbekommen ich soll hier weggehn schenken Sachen und so wei-

[1:39:44] [winkt ab]   die alle warn äh äh s-   [betont:] es war niemand also ich hab nicht erwähn- bekommen von die Polen etwas Gutes zu zu erleben

[1:39:57] ich hab bekommen   von die Deutschen   ich weil i- ich kann mich erinnern bevor die Russen hinein kamen da da wolln jede

[1:40:11] Deutsche wollte   eb- mich haben weil sie ham gewusst äh ich war versteckt noch damals verstehn Sie   und die die wollten dass ich bei ihnen sein mir helfen und so weiter   und äh ich habe   a- Entschuldigung offen gesagt hab ich gedacht dass sie wollten mir

[1:40:36] helfen weil sie wissen dass die Russen kommen   verstehn Sie dass das sie etwas haben vorzuzeigen dass sie   aber äh das das Schönste war meine Schwägerin dass sie ist ich weiß nicht wieso das passiert ist sie ist weg von den Transport und sie war mit de-

[1:40:59] deutsche Familie und die wollten sie verstecken bis die Russen kommen und sie ha- ob sie wollte mit uns zusammen sein was da weiß ich nicht abends hab ich sie gesehn hinein- -marschieren im Lager wundert mich niemand von die Posten hat sie geseh- sie hat  

[1:41:18] zwei äh (Beutel) mit Brot gehabt die Deutschen ham ihr gegeben   und äh se- ha- haben wir angefangen zu schimpfen »warum bist du nicht da geblieben ?« da sagt sie sie wollte mit uns zusammen sein   wie gesagt ich habs geschrieben drü- dass sie war die Erste

[1:41:38] die erschossen wurd   verstehns aber en- äh ich hab ich weiß nich warum ! ich äh ich hab ein äh S- Sympathie mit de Deutschen nich weil Sie Deutschen sind äh ich wei- äh ich komm ich nicht ei- eigentlich (ausdrücken) nach -n Krieg sehr oft nach Deutschland

[1:42:01] gefahrn nach Wien mit meim Mann und äh manche Leute von unsere haben mi- mir gesagt »i- wenn ich wär an deine Stelle wär ich nie zurückgefahrn dort«   aber yeah ich rot- lass- -e sie sie reden aber ich ich ich weiß äh dass es eine ganz anderes Volk

[1:42:22] als die Polacken sind   verstehn Sie was ich meine ich weiß nich ob Se   könne verstehn was ich sage   aber i- ich äh [schüttelt leicht den Kopf]   es war eine Zeit dass ich wollte in Deutschland bleiben und leben dort aber nach dem Fall was ich hab Ihnen

[1:42:45] erzählt mit meinen Sohn   bin ich weg

[1:42:49] ich glaube wie spät ist es jetzt ?

Daniel Baranowski

[1:42:51] ich weiß nich wie spät ist es (habt Ihr) ne Uhr ?

Gabriele Zürn

[1:42:54] es ist fünf vor halb zwei jetzt

Maria Blitz

[1:42:56] zwei Uhr ?

Gabriele Zürn

[1:42:58] fünf vor halb zwei

Maria Blitz

[1:43:00] ich bin ein bisschen müde schon jetzt aber äh ich äh weil ich müde bin kann ich mich nicht mehr erinnern was ich sagen will verstehn Sie was ich mein   ich wenn ich ein Examen gehabt habe wenn ich nich (ich) viel geschlafen habe gut ausgeruht habe mein

[1:43:19] Kopf arbeitet nich so gut   ich hab ein alten Kopf nix zu machen verstehn Sie so I [Leo Blitz: »maybe here we should take a break«] hm

Gabriele Zürn

[1:43:28] ja

Daniel Baranowski

[1:43:30] mhm

Maria Blitz

[1:43:31] if you wan- Sie wollen noch etwas äh dazu- -geben wollen Sie fra- äh wel- fragen welche   wollen Sie stellen welche Fragen noch ?

Datum Ort Text
ab 1918 Krakau Geburt als eines von fünf Kindern eines Bürstenbinders und seiner Frau im jüdischen Viertel Kazimierz
ab 1931 Krakau Umzug der Familie in eine größere Wohnung an der Weichsel
ab 1939 Krakau Verlobung mit einem Cousin
1940 - 1943 Krakau (Ghetto) Arbeit im familienbetriebenen Bürstenunternehmen, Produktion für die Wehrmacht
ab 1940 Krakau (Ghetto) Einweisung der Familie ins Ghetto
ab 1942 Krakau (Ghetto) Heirat mit dem Cousin
1943 - 1944 Plaszow (Straflager, Konzentrationslager) Zwangsarbeit in der Bürstengemeinschaft, schwere Misshandlung durch den Chef der jüdischen Polizei, Deportation der Mutter ins Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau
ab 1943 Plaszow (Straflager, Konzentrationslager) Liquidierung des Ghettos, Zurücklassen der Nichte und Fußmarsch ins Konzentrationslager Plaszow
ab 1943 Krakau (Ghetto) Ausschlagen eines Fluchtangebots
ab 1944 Auschwitz (Konzentrations- und Vernichtungslager) Deportation nach Auschwitz im Viehwaggon
1944 - 1945 Heiligenbeil (Konzentrationslager) Zwangsarbeit beim Bau eines Flughafens
1944 - 1944 Stutthof (Konzentrationslager) Durchgangsstation, Weitertransport in das Außenarbeitslager Heiligenbeil
1945 - 1948 München Wiedersehen mit dem Bruder, Geburt des ersten Sohnes Leo
ab 1945 Krakau Rückkehr nach Polen, Suche nach Informationen über den Verbleib der Familie, zweite Heirat
ab 1945 Königsberg Arbeit in einer Bäckerei, Anwerbungsversuch durch den russischen Geheimdienst
1945 - 1945 Königsberg Evakuierung der Außenlager durch die SS, Fußmarsch nach Königsberg
1945 - 1945 Palmnicken Todesmarsch von Königsberg nach Palmnicken; Tod der Schwestern, der Schwägerin und einer Cousine; gelungene Flucht am zweiten Tag des Todesmarsches bei Kirpehnen
1945 - 1945 Kirpehnen im Versteck bei einer ostpreußischen Familie, Entfernung der Häftlingsnummer
ab 1949 Long Beach Arbeit als Putzfrau in Privathaushalten
ab 1949 New York City Ankunft in den USA, erste Unterkunft beim Bruder ihres Mannes
ab 1953 USA Geburt des zweiten Sohnes
ab 1989 USA Tod des Ehemannes
2000 - 2000 USA Aufschreiben der eigenen Lebensgeschichte, Veröffentlichung unter dem Titel »My Holocaust«
ab 2010 Berlin Veröffentlichung der ins Deutsche übersetzen und überarbeiteten Ausgabe der Lebensgeschichte
ab 2010 Berlin Auftritt als Zeitzeugin bei der Veranstaltung »›Endlösung‹ am Bernsteinstrand. 65 Jahre nach dem Massaker im Ostpreußischen Palmnicken« im Centrum Judaicum und im Deutschen Bundestag
New York City Arbeit als Buchhalterin im Empire State Building
[Maria Blitz berichtet während des Interview nur selten chronologisch, sondern erzählt sprunghaft von wichtigen Ereignissen und Aspekten ihres Lebens.]
Maria Blitz wurde am 21. März 1918 als eines von fünf Kindern eines Bürstenbinders und seiner Frau in Krakau geboren. Die Familie lebte zunächst unter beengten Verhältnissen in einer Einzimmerwohnung im jüdischen Viertel Kazimierz in Krakau. Dort verlebte sie eine glückliche Kindheit. Christen und Juden lebten harmonisch zusammen. Da der Vater durch das Geschäft zu Wohlstand gekommen war, zog die Familie in eine geräumige und luxuriöse Wohnung an der Weichsel. Den Kindern fehlte es an nichts. Maria Blitz musste im Gegensatz zu ihren Freundinnen nicht arbeiten gehen.

Mit dem Kriegsausbruch am 1. September 1939 fand dieses sorgenfreie Leben ein abruptes Ende. In einem Vorort von Krakau wurde von den deutschen Besatzern ein Ghetto eingerichtet. Auch Maria Blitz' Familie wurde gezwungen, dorthin umzuziehen. Immer wieder gab es neue Erlasse der deutschen Besatzer, die den Juden befahlen, nach und nach alle Wertsachen abzugeben. Im Ghetto arbeitete die Familie in der Bürstenbinderei. Wer keine Arbeit hatte, bekam keinen Stempel in seine Kennkarte und musste befürchten, bei der nächsten Selektion verschleppt und erschossen zu werden. Trotzdem glaubten zu diesem Zeitpunkt noch alle, den Krieg zu überleben. 1942 heiratete Maria Blitz ihren langjährigen Verlobten.
Im März 1943 wurde das Ghetto schließlich geräumt. Starke Gefühle der Ausweglosigkeit und Hilflosigkeit begleiteten sie während der ersten Nacht im Konzentrationslager Plaszow. Misshandlungen, Selektionen und Erschießungen waren im Lager an der Tagesordnung.

Die Verfolgungszeit beeinflusste Maria Blitz' Leben noch bis zum Zeitpunkt des Interviews. Albträume, Schlaflosigkeit und Schuldgefühle waren ihre ständigen Begleiter. Immer wieder fragte sie sich, wie und vor allem warum es zum Holocaust kommen konnte. Um die Geschehnisse besser zu verstehen, versuchte Maria Blitz rückblickend, ihre Gefühle und Erlebnisse zu analysieren.

[Im Spätsommer 1944 wurde Maria Blitz zusammen mit ihren Schwestern, ihrer Schwägerin und einer Cousine ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Nach einigen Wochen meldeten sie sich freiwillig zu einem Arbeitseinsatz in Ostpreußen. Nach kurzem Aufenthalt im Konzentrationslager Stutthof wurden sie in das Außenarbeitslager Heiligenbeil gebracht. Dort mussten sie beim Bau eines Flughafens Schwerstarbeit leisten. Ende Januar 1945 wurden alle KZ-Häftlinge aus Ostpreußen nach Königsberg evakuiert. Am 26. und 27. Januar wurden zwischen 5000 und 7000 Häftlinge auf einen Todesmarsch nach Palmnicken getrieben.] Die Schwägerin, die Cousine und die beiden Schwestern wurden auf diesem Marsch ermordet. Maria Blitz gelang jedoch die Flucht. [Sie war vermutlich die einzige Überlebende dieses Todesmarsches und der einige Tage später stattfindenden Massenerschießung am Ostseestrand bei Palmnicken.] Bis zur Befreiung durch die russische Armee konnte sie sich in Ostpreußen vor allem bei einer deutschen Familie verstecken.
Abgesehen von einem Bruder überlebte Maria Blitz als Einzige aus ihrer Familie den Zweiten Weltkrieg. Nach der Befreiung war sie vollkommen auf sich allein gestellt. [Sie arbeitete zunächst in Königsberg.] Als sie von einem russischen Offizier aufgefordert wurde, als Spionin zu arbeiten, bekam sie Angst und entschloss sich, nach Polen zurückzukehren. [In Lemberg lernte sie ihren zweiten Mann kennen, den sie in Krakau heiratete. Zusammen gingen sie 1946 nach München, um dort ihren Bruder zu suchen.]

Ihr Mann hatte zwar eine Anstellung bei der jüdischen Gemeinde in Bamberg bekommen, doch als Maria Blitz miterlebte, wie ihr Sohn von Nachbarskindern als »dreckiger Jude« beschimpft wurde, bemühte sie sich um die Auswanderung in die USA. 1949 kam die junge Familie in New York an. Sie bekam kurzfristig Hilfe von einem bereits vor dem Krieg ausgewanderten Bruder ihres Mannes.
Das Leben in Amerika war nicht leicht. Das Ehepaar musste hart arbeiten. Maria Blitz putzte in Privathäusern – eine Tätigkeit, die vor dem Krieg Dienstmädchen für sie erledigt hatten –, ihr Mann begann in einem Lebensmittelgeschäft zu arbeiten. Schwer war der Start in Amerika auch aus einem anderen Grund: Zuvor hatte sie die Gedanken an den Verlust ihrer Familie verdrängen können, da in Europa alle mit den Nachwirkungen des Krieges zu kämpfen hatten; in den USA hatten die Menschen dagegen Verwandte und Familien.

Die Erinnerungen an die Zeit der Verfolgung belasteten Maria Blitz sehr. Selbst fröhliche Anlässe wie Hochzeiten konnte sie nicht mehr genießen.
Gegenüber der deutschen Bevölkerung empfand sie trotz allem weder Hass noch Abneigung. Gebürtigen Polen dagegen misstraute sie. Maria Blitz hatte sowohl in der Vorkriegszeit als auch in der Nachkriegszeit schlechte Erfahrungen mit antisemitisch eingestellten Polen gemacht.