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Rudolf Amariglio (*13.04.1923, Freiberg)

Signatur
01099/sdje/0010
Institut
Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin
Sprache
deutsch
Ort und Datum der Aufnahme
Thessaloniki, den 7. September 2009
Dauer
01:01:28
Interviewter
Rudolf Amariglio
Interviewer
Daniel Baranowski , Ulrich Baumann
Kamera, Licht und Ton
Uwe Seemann
Redaktion
Ruth Preusse
Transkription
Ruth Preusse

»Menschenleer« war Thessaloniki nach der Deportation der Juden. Der in Freiberg geborene Rudolf A. war als Sohn einer deutschen Christin, der mit der Familie in der griechischen Heimat des jüdischen Vaters lebte, von der Verfolgung nicht betroffen – wohl aber seine nächste Verwandtschaft. Hilflos musste der 18-Jährige der Einrichtung von Ghettos zusehen, in die seine Großeltern und viele Verwandte und Bekannte zwangsweise übersiedeln mussten. Da er als Deutsch-Dolmetscher bei der Feuerwehr mit einem besonderen Ausweis durchgehend Zugang zu diesen abgeschlossenen Wohnbezirken hatte, konnte er den Kontakt mit ihnen bis zur Deportation halten und versuchte, seine Freunde zur Flucht zu den Partisanen zu überreden – doch sie wollten ihre Familien nicht verlassen. Dann wurden die Ghettos geräumt, auch Erika Kounio, seine spätere Ehefrau, die er seit der Kindheit kannte, wurde nach Auschwitz verschleppt, und die restliche Bevölkerung machte sich umgehend daran, den jüdischen Besitz zu plündern. Nach Kriegsende arbeitete Rudolf A. für die UNRRA und organisierte in einem Lager bei Thessaloniki den Rückweg für die Überlebenden in ihre Heimatdörfer. Auf den Listen fand er auch die Namen von Erika und ihrer Familie, von seinen Freunden kehrten jedoch nur zwei zurück. Der Zeit der Verfolgung und der Umgang der griechischen Gesellschaft mit den Verbrechen an den jüdischen Mitbürgern beschäftigte ihn und seine Familie bis zum Zeitpunkt des Interviews. Rudolf A. war 86 Jahre alt.

Vorkontakte

Kontakte zur Familie A. gab es von Seiten der Stiftung seit mehreren Jahren. Zudem fanden telefonische Vorgespräche und eine mehrmonatige E-Mail-Korrespondenz statt.

Bedingungen

Das Interview fand in der Wohnung von Rudolf A. in Panorama, in der Nähe von Thessaloniki, statt.

Gruppensituation

Anwesend sind die beiden Interviewer und ein Techniker (Uwe Seemann).

Unterbrechungen

eine Unterbrechung

Protokoll

Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas

Daniel Baranowski

[0:00] wir führen ein Interview mit Rudolf A sind in Thessaloniki   Griechenland heute ist der siebte September 2009   es ist ein Interview für das Projekt »Leben mit der Erinnerung« der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas   mein Name ist Daniel

[0:16] Baranowski ich führ das Interview zusammen mit Ulrich Baumann   Uwe Seemann ist für die Kamera zuständig   [Schnitt]

[0:22] Herr A vielleicht   sagen Sie uns   zuerst   wann Sie geboren sind wo Sie geboren sind und erzählen uns kurz von Ihren Eltern

Rudolf Amariglio

[0:32] geboren bin ich äh   am 13ten April 1923   in S- Freiberg in Sachsen   äh von mein Vater der Jude ist war und meine Mutter   Christin   äh mein Vater war in Freiberg als Student in der Bergakademie   und wurde Berg- äh -ingenieur und m- äh hauptsächlich alle

[1:07] die Mineralien die in   der Erde schon hauptsächlich in Sachsen zu fi- finden warn   äh vor mir is mein Bruder   Arthur geboren   drei Jahre älter als ich   und äh als a- dann das alles fertig war sind wir nach Dresden gekomm wo mein Vater ein Bruder hatte

[1:34] der in Tabak st- äh arbeitete   Tabakhändler  

[1:40] bis äh wir bisschen weiter äh rausgewachsen sind ha- is er dann haben wir   äh wieder das Wiedersehen in Saloniki wo er beim Vater kam weiter gelebt   hier äh äh konnten wir kein Wort sp- sprechen außer Deutsch

[2:02] weder mit unsern Verwandten die Spanisch sprachen noch mit den Kindern die Griechisch sprachen also waren wir wirklich verlorene P- Kinder auch meine Mutter hatte große Schwierigkeiten sogar beim A- Einkaufen weil sie kein Wort Griechisch kannte auch kein

[2:22] Spanisch denn der Markt war damals mehr Spanisch als Griechisch   trotzdem gings nicht weiter da musste immer mein Großvater also der Vater meines Vaters mit ihr gehen und äh   das kaufen was sie wollte indem sies zeigte und er das v- verhandelte   äh wir

[2:43] ich kam in nen Kindergarten   nahe bei unserm Haus was auf äh ni- nahe der katholischen Kirche ist   war   Schwestern   äh da kam jeden Vormittag Vor- Morgen mein Großvater und nahm mich an der Hand und bracht mich in den Kindergarten   und da war wieder eine

[3:07] F- S- die   Nonne die das da hielt die das war [gestikuliert] noch diese äh w- wie Vögel w- der   da hab ich auch nichts verstanden   schließlich äh war ich so weit in die Schule zu kommen mein Bruder der war schon vorher in der Deutschen Schule wohin außer

[3:30] auch in die Deutsche Schule da war ich in der Ersten in der Zweiten und dann gabs ein äh neues Gesetz in Griechenland   äh das   die griechischen Bürger erst [betont:] mindestens die griechische die die Volksschule machen müssen auf Griechisch und dann aussuchen

[3:53] was sie wollten entweder in griechischen Gymnasium in ausländischen Gymnasium denn hier gab es außer [zählt mit den Fingern mit] den der deutschen französchen italienischen rumänischen bulgarischen äh Sch- äh Gymnasium so man gehen konnte   also sehr

[4:12] international   natürlich als deutsch äh Her- deutscher Herkunft gingen wir in die Deutsche Schule aber nach dem Gesetz da sind wir wieder fort von der Deutschen Schule er mein Bruder hatte nur noch ein Jahr ze- ma- zu machen was er fertig gebracht hat ich

[4:31] kam e- erst in ein- -ne Vorbereitungsklasse   eine jüdische Vorbereitungsklasse da gabs [zählt mit den Fingern mit] Französisch Hebräisch Griechisch

Ulrich Baumann

[4:44] hm

Rudolf Amariglio

[4:46] nichts konnte ich verstehen   so ging äh das Jahr verging so da kam ich in die griechische Schule   dort lachten immer die Kinder wenn ich äh a- etwas aussprach und das war nicht richtig   aber langsam lang- a- da kam ich gleich in die Dritte weil ich ja schon

[5:07] groß war   da konnte man mich nicht in die erste Klasse oder zweite

Daniel Baranowski

[5:11] [unterbricht:] Sie konnten die Sprache noch überhaupt nicht

Rudolf Amariglio

[5:13] überhaupt noch nich da hab ich angefangen sie zu lernen   bis ich fertig war mit dieser Schule also sechste Klasse da war es   okay   inzwischen ist äh war mein Bruder schon in der dritten Klasse   gewe- äh der war bald fertig   im Gymnasium   als Hitler an

[5:36] die Macht kam

Daniel Baranowski

[5:39] mhm

Rudolf Amariglio

[5:41] aber da er schon da war bevor Hitler   äh kam hat er weiter gemacht da gabs auch andere jüdische Kinder   die de- die hat man nie äh belästigt oder irgendwie   die haben alle ihre Sch- Schule dort beendet   und es gibt sogar in der Deutschen Schule ein [gestikuliert]

[6:00] Rahmen mit dem Zeugnis das Abiturze- -zeugnis meines Bruders dort zum Andenken und äh ich musste dann aussuchen wohin meine Eltern wollten auf keinen Fall dass ich in die Deutsche Schule geh denn da war ja Hitler schon

Ulrich Baumann

[6:18] darf ich kurz dazwischen fragen in der Deutschen Schule in Saloniki hatten die Nationalsozialisten ähm schon Einfluss oder ähm

Rudolf Amariglio

[6:30] nein die hatten keinen Au- Einfluss   noch nicht

Ulrich Baumann

[6:34] noch nicht   mhm

Rudolf Amariglio

[6:36] äh äh aber   i-   dann   war kam höchstens die italienische Schule

Ulrich Baumann

[6:46] mhm

Rudolf Amariglio

[6:48] in Frage   obwohls da auch äh de- äh äh Diktatur war war aber kein Antisemitismus also ging ich in die italienische Schule   [zählt mit den Fingern mit] Griechisch Französisch Lateinisch   und [lacht] vier Sprachen da kam ich nich mit erste Klasse zweite

[7:08] Klasse zweite Klasse nochmal   das war aus mit mir   konnt ich nicht weiter   was machst du nun ?

[7:16] ich geh in ich will Landwirtschaft werden   gut da ham sie geseht dass hier ein amerikanische landwirtschaftliche Schule gibt   dah- bin ich hin und hab ich mich wirklich

[7:30] zu Hause gefühlt obwohl ich wir kein Vorleben in der äh Landwirtschaft hatten da war fühlt ich mich sehr gut   wir hatten außer Griechisch aus Englisch dort   weils ja ne amerikanische Schule is und da war ich der beste Schüler auf einmal warum ? weil Deutsch

[7:50] mit Englisch ziemlich vieles gleich hatte nicht wahr und das hab ich dort absolviert aber   ich kam dahin 38 das waren vier Klassen   [zählt mit den Fingern mit] 39   vierzig   da kam der Krieg   da war die Schule zu   und nochn bisschen mehr als 41 auch die äh

[8:15] Amerikaner eingesprungen sind in den Krieg da hab ich aufgehört   und nun was ?

[8:22] da musst ich irgendwo arbeiten ich konnte ja nich weiter aber während den Krieg bin ich als Freiwilliger äh beim Roten Kreuz gewesen da ham wir jede Nacht oder jede zwei Nächte

[8:35] vom Bahnhof die ganzen verwundeten Leute   äh empfangen und in verschiedene Hospitäler gebracht   und am Tag   s- eventuell auch andere solche Sachen machten   und   bis eben dann äh die Deutschen hier einmarschiert sind brauchte man uns nicht mehr da war ja

[9:00] kein Krieg mehr   es gab vorher die Bomben äh von den Italienern die auch ziemlich Schäden angerichtet hatten   und   eh   die beim dann auch vom Roten Kreuz brauchte   dann war Ruhe   was macht man jetzt ?

[9:20] da hat mich ein Freund meines Vaters gesagt »geh doch

[9:25] in die Garage sowieso das sind meine Freunde« Reparaturf- -garage da damit er dort was arbeitet und wahrhaftig kam ich da hin das war hat mich sehr interessiert das ganze Auto zu untersuchen und so weiter und so weiter   bis mir ein anderer Freund von den

[9:45] Pfadfindern aus mir gesagt hat dass man bei der Feuerwehr einen Dolmetscher braucht   die ham schon einen aber die brauchen einen zweiten weil das ja auf 24 Stunden geht der Tag   und da hab ich mich dort gemeldet   da haben sie gesagt »ja wenn du so gut Deutsch

[10:05] kannst äh b- sollen bei kannst du bei uns arbeiten« das hab ich bei meinen Eltern gesagt gut   und dann war ich 24 Stunden frei 24 Stunden musst ich dann dort sein und der andere umgekehrt   und da   kamen äh wir dann mit den Deutschen sehr in   in  

Ulrich Baumann

[10:29] Kontakt

Rudolf Amariglio

[10:32] in Kontakt weil manchmal hatten die kein Wasser zu für ihre Ställe auszuwaschen manchmal hatten sie wirklich Feuer manchmal hatten sie kein Brot äh kein in in der Brotfabrik kein Wasser   das werd ich Ihnen dann auch sagen wieso das kam   so dass man eben

[10:51] [gestikuliert] irgendwas zu tun hatte und äh

[10:55] wenn ich der Tag wo ich frei war da war ich mit meinen Freunden und so weiter das ging alles sehr gut niemand wurde be- äh irgendwie bis am äh 42 im Sommer   wo das erste antijüdische Sache die stattfand dass

[11:16] die so Zwangsarbeit von v- äh 18 bis 45 Jahre ausgesucht wurden   und das war schon ein schlechtes Zeichen   aber die wurden nicht von der SS äh sondern vom Militär von der Armee für die   Todt

Ulrich Baumann

[11:36] hmh

Rudolf Amariglio

[11:38] wie hieß das gleich

Daniel Baranowski

[11:40] Organisation Todt

Rudolf Amariglio

[11:42] [gleichzeitig:] Organisation Todt   natürlich ha- he- haben wir uns nicht gezeigt dort   und   da gabs noch keinen Stern

Daniel Baranowski

[11:48] wie ging denn das vonstatten war das ein Aufruf in der Stadt ähm wie ham wie äh wurden Sie davon in Kenntnis gesetzt

Rudolf Amariglio

[11:57] über die Gemeinde

Daniel Baranowski

[11:59] mhm

Rudolf Amariglio

[12:02] dass w- wir an den (und) Tag des dort sein mussten   aber von niemand von uns ist hingegangen auch mein Vater nicht

Ulrich Baumann

[12:07] darf ich kurz eine Frage stellen   ähm Ihre Mutter war Christin ? ähm katholisch oder evangelisch ?

Rudolf Amariglio

[12:15] evangelisch

Ulrich Baumann

[12:17] und ähm ist sie konvertiert ? ähm

Rudolf Amariglio

[12:20] ja sie (da) um äh heiraten zu können

Ulrich Baumann

[12:22] ah wurde sie ei- wurde sie Jüdin ?

Rudolf Amariglio

[12:24] ja   aufm Papier

Ulrich Baumann

[12:26] auf dem Papier und das heißt äh die die Kinder also äh der (Arthur) und Sie und

Rudolf Amariglio

[12:32] [gleichzeitig:] und der Egon

Ulrich Baumann

[12:35] und der Egon waren äh jü- wurden jüdisch erzogen

Rudolf Amariglio

[12:38] ja äh gar nicht jüdisch deutsch

Ulrich Baumann

[12:40] deutsch

Rudolf Amariglio

[12:42] [gleichzeitig:] denn die Mutter die erzieht die Kinder äh nicht der Vater

Ulrich Baumann

[12:45] in religiöser Hinsicht

Rudolf Amariglio

[12:47] gar nicht   gar nicht

Ulrich Baumann

[12:49] ach

Rudolf Amariglio

[12:52] [gleichzeitig:] Religion gabs nicht bei uns

Ulrich Baumann

[12:54] aha aha   das heißt   Ihr Vater   als er wieder in Saloniki war ist nicht in die Synagoge gegangen ?

Rudolf Amariglio

[13:00] [schüttelt den Kopf]  nur zu großen Feiertagen da gehen wir dann die ganze Familie zu den Großvater

Ulrich Baumann

[13:07] [gleichzeitig:] mhm

Rudolf Amariglio

[13:09] wo auch die anderen Familien kamen   seine anderen   äh d- Fa- die anderen Familien und dort eben die Feier zusammen gemacht haben wie Ostern zum Beispiel mit all den Zeugs aber sonst nichts nichts nichts

Ulrich Baumann

[13:24] wie war das dann äh die sprachen alle Span- Spaniolisch

Rudolf Amariglio

[13:28] Spanisch ja

Ulrich Baumann

[13:30] haben Sie ein bisschen gelernt dann in der Zwischenzeit ?

Rudolf Amariglio

[13:32] [gleichzeitig:] ich dabei ham wir dann gelernt nich wahr aber   meistens Griechisch   nur bei unser Großvater wo dann auch unsere Cousins kamen und all die da haben wir uns versucht oder was wir eben gerade kriegten ins Ohr das haben wir gelernt

Ulrich Baumann

[13:49] mhm

Daniel Baranowski

[13:51] gab es andere Kinder die äh ähnliche Probleme hatten wegen der Sprache in der Schule ? oder waren Sie komplett alleine

Rudolf Amariglio

[13:59] es gab äh in der De- die in der Deutschen das waren Griechen   dies gab   und die konnten ja Griechisch   also wars für die aus der Deutschen Schule nicht weiter durften kein Problem   die sind nur in der Deutschen Schule gewesen und weil se eben ei- eine bessere

[14:20] äh Ausbildung bekommen sollten   es gab   ich erinner mich an ziemlich viele

Ulrich Baumann

[14:28] hat Ihre Mutter äh Griechisch dann gelernt im Laufe der Zeit ?

Rudolf Amariglio

[14:34] [gleichzeitig:] schlecht und bis zum Ende sehr schlecht   weil sie eben immer mit äh deutschsprachigen Menschen zusammen war   die hatten ihr ihr Kränzchen jede Woche und da waren immer deutsche Damen nich wahr   so war diese -se Geschichte dort  

[14:55] dann [hustet]

[14:57] na- äh als der Krieg fertig war wie ich sagte kam ich in die Garage und dann zur Feuerwehr als Dolmetscher   und   das war eine sehr angenehme Sache   doch äh das war 41 nach 42 also 42 fing das an   da ham wir uns niemand bewegt auf den Freiheitsplatz zu gehen  

[15:27] das äh ging uns nichts an nich wahr ? bis äh im Februar äh 43 dann die ganze antijüdische äh Maschine in Gang ging und mein Vater hat äh arbeitete in dieser Zeit bei ein äh weil er nich mehr in seiner Sache sei- bleiben konnte zu ein Rechtsanwalt der

[15:56] eine deutsche Frau hatte   seine Frau hatte mit meiner Frau im Kränzchen sich kennengelernt und er brauchte unbedingt einen guten Dolmetscher und Übersetzer hat meine das hat meine Frau äh meine Mutter meinem Vater gesagt dass der das sucht da hat se und

[16:16] so is er zu ihm gegangen und hat die ganzen Übersetzungen gemacht weil da ja viel Gerichte mit Schwarzhändlern mit Partisanen m- alles mögliche gab wo all- die ga- das alles über deutsche äh äh Gerichte kam

Ulrich Baumann

[16:34] ah Kriegsgerichte wahrscheinlich

Rudolf Amariglio

[16:37] Kriegsgerichte oder   o- damit die Deutschen wussten was der gemacht hat

Ulrich Baumann

[16:42] mhm

Rudolf Amariglio

[16:44] angeblich   und   äh als dann die Maßnahmen gegen die Juden kamen   äh da arbeite er immer noch da bis aufn Stern   als er dann den St- den Stern bekam   wir haben gar nich äh äh hingegangen um den Stern abzuholen   da is er   hat er uns verlassen is zu seinem

[17:05] Vater gegangen der in einer anderen b- äh äh ähm   äh na   in einer anderen Seite der Stadt wohnte   und äh d- a- äh a- parallel dazu ist er zu se- zu seinem Mit- zu seinem Arbeitgeber gegangen hat gesagt »leider kann ich nicht mehr kommen weil  

[17:28] wir eben irgendwie be-   jetzt nicht mehr dürfen« da is er zu den deutschen Behörden gegangen der   Rechtsanwalt und hat gesagt »ich brauch den Menschen   unbedingt denn von dem seine Übersetzung hängt dies äh da de- das alles ab was die die Leute äh

[17:54] v- b- v- verklagt sind«   da ham die sich hingesetzt und hat der Me- Merten das war ja der äh Haupt- äh Direktor der deutsche sagen wir mal   Gouverneur   da ham die rausgefunden dass das für eine Person nicht geben können haben aber eine andere äh Sache

[18:17] gefunden dass alle   Juden die mit Christen verheiratet sind   frei sind   da sie ja die [gestikuliert] Brotbringer der Familie   jemand da sein muss die könn dann nicht verhungern da (gam) gabs [zählt mit den Fingern mit] Französinnen   Deutsche   Griechinnen  

[18:38] die hatten eben Juden geheirat   und so is er frei gekomm   und dann ham wir nichts mehr gehabt   mit den Deutschen zu tun   das ging weiter ich bei meiner äh Feuerwehr er bei seinen Rechtsanwalt und mein großer Bruder bei einer deutschen Firma die aber von

[19:01] Griechen hier die die exportierten nach Deutschland Obst   da war also auch ein Bruder Dolmetscher bei denen und das ging alles gut   und äh  

[19:18] ja dann kam eben dass die Juden fort mussten alle   in verschiedenen die Stadt wurde in ve- vier oder fünf Ghettos

[19:36] eingerahmt und alle Juden die außer diesen Rahmen wohnten mussten in ei- irgend eins dieser Ghettos leben noch wusste niemand was passieren soll und dann plötzlich kam es die haben erst den Baron Hirsch   eh   leer gemacht   das war die erste   [gestikuliert]

[19:58] äh Abschiebung damit dann Platz ist für die nächste

Ulrich Baumann

[20:03] mh

Rudolf Amariglio

[20:05] denn das ging auf diese Weise   die erst fuhren das musste immer das war ein Durchgangslager was vorher ein jüdisches Viertel war   also das und das ha- hat glaub ich hat vorher Erika schon erzählt wie sichs da zugetragen hat ich hab keine eigene Erfahrung

[20:23] davon   nur dass F- ich Freunde hatte und denen g- sagte »geht aufn Berg ich hab   die Mittel euch aufn Berg zu schicken zu den Partisanen«   sagt »und wieso sollen wir das ? wo lass ich meine Schwester wo lass ich meine Eltern ?« und die sind leider alle verloren

[20:46] gegangen außer [hebt zwei Finger] zwei die zurückgekommen sind   und die hams hier nich ausgehalten als alles so   leer war und niemand von is- ihren Familien die sind nach   Israel   der eine is   vor zwei Jahren gestorben der andere ist s- auch in meinem Alter  

[21:04] aber haben keine Kontakte mehr mit denen   das war   bis Kriegsende

Ulrich Baumann

[21:13] wie war das denn mit Ihrem Großvater und mit den Cousins ?

Rudolf Amariglio

[21:20] die sind alle verloren gegan- mein Großvater hatte das Glück   noch vor äh einigen Tagen hat (ers) ein Herzschlag bekommen und is hier begraben worden [betont:] aber aber unter was für äh äh Verhältnissen   es durfte ja niemand auf die Straße   da ham

[21:40] wir so eine kleine Karre gemietet   dreirädrig wo die gewöhnlich hier aufm [gestikuliert] Markt Obst verkaufen   oder andere Sachen da ham wir gemietet ham ihn in in [gestikuliert] (auf) eh   Bett- äh   Bettumzug gedeckt [zählt mit den Fingern mit] ohne Priester

[22:01] ohne Rabbiner ohne nichts auf den Friedhof gebracht wo zwei Arbeiten ihn begraben haben das wars   und meine Großmutter die hatte äh Krebs   da is meine Mutter an die deutschen Be- Be- wieder gegangen und hat gesagt »sowieso die is ja schon bald sterben  

[22:22] die nehmen wir zu uns«   und das haben die zugelassen und dann is sie a- nach zwei Monaten auch gestorben aber wenigstens im Bett nich wahr   so war das mit der Familie die ganze Familie ist verschwunden 25 Personen von unsre Familie existieren nicht   denn

[22:43] wir hatten viele äh Verwandte in Xanthi und Kavala   die sind alle kaputt   und dort wurden die Juden in einer Nacht aus ganz Thrakien in jeder Stadt äh geräumt in eine Tabak- äh   äh   -lager in ein Tabaklager und am nächsten Tag nach Drama gebracht

[23:12] alle zusammen und sofort weiter nach über über die Donau nach Polen aber in in d- an der Donau hat man auch viele ertränkt davon   und äh   von denen ist auch niemand mehr zurückgekommen   das wars was die Juden betrifft

Ulrich Baumann

[23:41] Sie haben äh die Erika   ähm A Ihre Frau hat vorhin erzählt dass   Sie beide sich noch gesehen haben als die Familie Kounio   i- in das in den Ghettobereich gezogen war

Rudolf Amariglio

[23:59] ja

Ulrich Baumann

[24:01] [gleichzeitig:] ähm   dass Sie konnten äh die Familie Kounio noch besuchen ? in der Zeit

Rudolf Amariglio

[24:07] J- schwer nich mein Vater meine Mutter vielleicht   aber nicht mein Vater ich fuhr mitm Fahrrad rein und raus und wo ich Freunde hatte ging ich hin weil und ich hatte immer äh [gestikuliert] den Ausweis dass ich bei der Feuerwehr bin und so weiter und wir

[24:27] haben auch ein Papier bekommen von der deutschen Kom- Feldkommandantur dass wir äh [schreibt sich mit den Fingern in die Hand] äh ich werds Ihnen wohl zeigen   das ist das hängt auch im Museum jetzt   d- das die Freigabe von uns   so dass ich nichts fürchtete

[24:46] ich konnte ins Ghetto rein ins Ghetto raus sprach griechisch Griechisch denn leider   auch die neue Generation sprach griechisch Griechisch während die ältere Generation also die Generation meines Vaters   die sprachen wohl endlich Griechisch aber mitn spanischen

[25:06] Accent   also war das furchtbar schwer diese Leute verstecken zu können   denn die Sprache die war irgendwie melodisch   wo man gleich merkte »ah das ist ein Jude«   das d- d- das is nicht zu glauben nicht wahr   denn ich äh oft sch- waren wir auf äh so

[25:29] auf der Promenade ins aufn am Kai mit meinen Freunden   und die sprachen (s-) immer spanisch unter sich da sagt ich »sprecht doch auf Griechisch endlich   sprecht doch auf äh warum   äh d- d-   das ging einfach nicht   denn Zuhause war nur Spanisch   bei ihnen  

[25:49] bei uns wars nur Deutsch

Ulrich Baumann

[25:52] mh

Rudolf Amariglio

[25:54] war das ist der Unterschied [lacht]

Ulrich Baumann

[25:56] [lacht]

Rudolf Amariglio

[25:58] und Griechisch ist was ich in der Schule gelernt hab und dann natürlich in der Garage da lernt man vieles   im Roten Kreuz und dann in der Feuerwehr da lernte man auch sehr viel   äh dickes Griechisch zu s- [lacht]

Ulrich Baumann

[26:11] ok

Daniel Baranowski

[26:13] können Sie sich noch erinnern wie Sie Ihre ähm Frau das erste Mal gesehen haben ? wie alt waren Sie da ?

Rudolf Amariglio

[26:22] [gleichzeitig:] ja da war sie da war sie mindestens   höchstens zwei Jahre alt

Daniel Baranowski

[26:25] da können Sie sich noch dran erinnern

Rudolf Amariglio

[26:28] ja denn ich war da fünf Jahre alt

Daniel Baranowski

[26:32] ja

Rudolf Amariglio

[26:34] da erinnert man sich an vieles ich erinner mich als wir ankamen in G- Saloniki aus Deutschland   das war ein N- ein Nacht   der Bahnhof war   gerade um die   B- -ts Billets zu bekommen keine Wartesaal und nichts   und aber daneben war ein Café   da gingen die

[26:55] h- Leute hin bis die Rei- wegfahren wü- würden oder umgekehrt bis die empfangen wer- würden   da kamen wir abends an   da war unser Großvater   hat uns begrüßt und hat uns in sein Haus auf Pferdekutschen gebracht weil wir ja schon vier waren und er fünf

[27:19] da passten wir f- und passten nicht in eine Kutsche d- und noch die Koffer alle dazu da sind wir erst zu seiner äh seine Wohnung gebracht worden sa- haben übernachtet und da sind wir da die Möbel all- alle die sind aus Deutschland   die h- sind einen Monat

[27:42] sch- zu spät gekommen da wohnten wir also dort bei ihnen   meine Mutter war irgendwie   die konnt sich nicht verständigen mit den Leuten die konnte kein Wort Spanisch die andern konnten kein Wort Deutsch und das ging alles mit Fingern [gestikuliert] und so

[28:03] weiter  

[28:05] schließlich ha- sind die äh Möbel gekomm sind wir ausgezogen und in die äh   das war das Haus eines Deutschen und Schweizer die hatten Vertretungen Jenny und Vock hieß das   und das war unten Ergeschoß erster St- eh   in der ersten Etage   sollten

[28:30] wir wohnen und drüber wohnte der Jenny selber   der Vock lebte irgendwo anders   dort sind wir dann groß geworden   haben uns ganz ans Griechische gewöhnt so langsam   und das ist ah und natürlich w- gingen wir oft nahm uns Mama an der Hand [gestikuliert]

[28:54] ging zu Kounios zu oder die Kounio kamen zu uns und da waren eben die d- zwei kleinen Kinder dort wir waren schon die Großen

Ulrich Baumann

[29:04] ja

Rudolf Amariglio

[29:06] aber es war auch sehr schön dort zu schwimmen nicht wahr   und das zu schwimmen das ging weiter und weiter bis zum Krieg   und bis die dann nicht mehr da waren   und dann waren wir ziemlich groß schon   da ich war 17 als der Krieg ausbrach also bis äh   und

[29:26] wo sie zurück gegangen sind ham wir uns wieder getroffen und das ist eben äh   von alleine gekommen dass wir geheiratet haben das war ja keine gestrige G- äh G- Bekanntschaft

Ulrich Baumann

[29:38] mhm  

[29:41] wie wie war das denn überhaupt die Befreiung von Thessaloniki haben Sie da Erinnerung ?

Rudolf Amariglio

[29:46] ja   die Befreiung von Saloniki das war   das äh   Saloniki hat am 28ten   äh   am 28ten Oktober vierzig mitn Krieg angefangen   und am dreißigsten Oktober 44 sind die Deutschen gegangen also wie sie gingen kamen die Partisanen in die Stadt   haben sofort die

[30:18] Polizeiämter   besetzt und alles was denen nicht gefallen hat denn das waren ja alles Linke   nicht wahr ? viele hat man dann eh   irgendwo versteckt oder erschossen das gabs auch   und dann weil die Staatsw- -beamten wir waren von Griechenland bis dahin immer

[30:39] noch [gestikuliert] getrennt denn Athen wurde am zwölften Okto- befreit und wir erst am dreißigsten   also diese zwanzig Tage oder ja s- fast zwanzig Tage da gabs keinen Kontakt mit Athen aber die Staatsangehörigen die mussten doch bezahlt werden also kam

[31:01] man durch d- Stra- durch die Geschäfte   und sammelte Geld damit die bezahlt werden   also solche Sachen nicht wahr ? damals war die Drachme das die Einheit in Griechenland und das war die Inflation gekommen dass zwei [betont:] Milliarden   zwei Milliarden [hält

[31:27] vier Finger hoch] vier Drachmen waren   vier Drachmen   mit das k- äh die Straßenbahn kostete [hält einen Finger hoch] einen Drachmen   damals   einen Drachmen also das waren schon fünf-   fünfhundert- -tausend   Drachmen   soweit waren die und langsam langsam

[31:52] sind dann nach kurzer Zeit die griechischen äh äh äh das griechische Militär gekommen   in Athen gabs äh [gestikuliert]   ähm äh F- Gefechte zwischen Partisanen und äh der Ar- griechischen Armee und da is (Ko-) Churchill gekommen hat die Sache gesehen

[32:10] hat seine Leute geschickt die Engländer da gabs nochmal in Athen Krieg aber hier nicht die haben sich zurückgezogen die Kommunisten   und langsam langsam ist das L- äh äh haben wir auch Engländer bekommen damit die auch für den Frieden sorgten und so

[32:30] ist das weiter gegangen

Ulrich Baumann

[32:32] wie wie

Rudolf Amariglio

[32:35] [gleichzeitig:] und ich bin dann wieder f- äh äh hab gearbeitet   nach der Feuerwehr da brauchte man mich ja nicht mehr im Hafen als äh hat mich äh eine Bekannte vom Internationalen Roten Kreuz dort die   en Posten gefunden dass ich Hauptarbeiter gewesen

[32:55] wäre   also äh unter mir zehn Arbeiter waren die die Schiffe ausladeten und in die verschiedenen [gestikuliert] äh Depots brachten   das war meine Arbeit und das war den Engländern zu wenig da ham sie mich ein bisschen höher gebracht das wars immer mit

[33:17] Geld verbunden dass ich jeden Tag de- äh die Leute zählte ob die alle da sind und [schreibt sich in die Handfläche] damit ich am Samstag ihre Gehälter ausschreiben konnte und das war denen auch zu wenig und da ham sie mich nochn bisschen da war ich Lagervorstand

[33:35] in die verschiedenen Lager dies da gab Zucker Bohnen Milch und alles was die ge- ge- gebracht hatten   bis das dann die Agrarbank übernommen hat und uns alle a- raus alle die Außerordentlichen wir waren ja keine Staatsangestellte die Agrarbank ist staatlich  

[33:58] da waren wir wieder Arbeit aber da hab ich äh eine Stellung bei der UNRRA gefunden   UNRRA Sie wissen was das war   United States Rehabilitation und so weiter   dort äh   waren wir auf in einer   äh Kaserne verlassene Kaserne wo alle Leute die zurückkamen ausn

[34:26] Ausland   sowohl   äh Freiarbeiter die äh die ganze Zeit hin- -fuhren um Arbeit zu (funden) oder auch äh Deportierte die kamen erst dorthin wir s- fragten woher sie sind [schreibt auf seine Handflächen] damit wir sie weiterschicken konnten  

[34:44] und da entdeckte

[34:46] ich durch den Katalog   der jeden Tag kam den äh b- den Namen von meinem Schwiegervater und mein Schwager   der g- erzählt ham   »mh« sag ich »wo sind die« die sind aber gar nichts ins äh Lager gekommen die sind gleich nach Hause   gar nicht rein   da bin

[35:06] ich nächstes Jahr ins Geschäft gegangen nach der Arbeit   hab mich gefreut die waren alle mit   Gesichtern Sie können sichs das vorstellen nicht wahr und e- einige Tage später ich glaub zwei Wochen später da war [liest von seiner Handfläche] Erika und

[35:21] ihre Mutter da ging ich wieder hin das war schon en bisschen höflicher äh die waren alle man kann sich ja vorstellen wie die Leute fühlten nicht wahr   aber g- wir haben dann d- äh [gestikuliert]

Ulrich Baumann

[35:34] eh   wie war das genau erz- äh also waren die waren die sehr deprimiert

Rudolf Amariglio

[35:40] (wie) deprimiert sie wollten [abwehrende Handbewegung] nicht sprechen   wir die nur dass sie eben in Konzentrationslager war die wir sind nicht auf sch- Gesp- -spräche gekommen   das war immer zehn Minuten 15 Minuten dass wir uns gesehen haben im in im

[35:57] Geschäft nicht   zu Hause  

[36:00] und dann langsam langsam hab ich äh wieder äh dann hat man uns in die Schule zurückgerufen weil ich ja noch nicht fertig war da hab ich in drei Monaten zwei Klassen absolviert können Sie sich vorstellen wir waren alle schon ältere

[36:17] Leute   da da wie alt war ich da   22 ja   das war schon   trotzdem damit wir eben dieses Papier bekommen dass se das spielt ja die ganze Rolle   und äh so gings weiter dann musste ich zum Militär   aber mein meine meine Reihe war schon   aber die wu- haben uns

[36:43] nicht geholt   nochmal nicht geholt warum ? weil wir aus äh einem Jahrgang waren wo wir die Gefährlichen waren   durch die ganze Partisanensache und die ma- die z- wollte da- die Armee wollte sich erst festsetzen nicht wahr   und dann die Gefährlichen wieder

[37:07] zu sich zu holen   das sind die äh Jüngeren zwei Klassen Jüngere in dieser Zeit gekommen bis ich äh wieder gerufen wurde   da hab ich vier Jahre verloren nich v- vier ja vier Jahre ich musste 44 gehen und bin 48 eingerufen worden

Ulrich Baumann

[37:28] mh

Rudolf Amariglio

[37:30] das Sie können sich vorstellen da konnte man sich nichts vorbereiten um zu bauen denn hier hatten wir Partisanenkrieg die gan- bis 49

Ulrich Baumann

[37:41] mh   mh

Rudolf Amariglio

[37:44] inzwischen aber hab ich Erika äh 19- äh -47 geheiratet   (__) und haben kleines Geschäft ge- aufgemacht mit Schreibwaren   un dann kam ich an die Reihe   und dann war wieder das Problem was machen wir mit dem Geschäft sagte Erika »das übernehme ich«  

[38:05] »gut übernimm es bye bye« da bin ich eben versetzt worden irgendwo in Griechenland und das wollte nicht vergehen und das wollte nicht vergehen vier Jahre lang noch wie se Soldat gewesen nicht wahr   weil das erst 49 aufgehört hat o- aber dann kam der Koreakrieg  

[38:27] da mussten wir wieder in in Militär sein um die Am- den Amerikanern dort zu das war ja international von da von den Vereinten Nationen   aber Gott sei Dank weil ich verheiratet war hat man mich [betont:] nicht genommen hat eben einen anderen äh Freund an

[38:47] meiner Stelle genommen und so   i- ist man eben mit vielen Eindrücken [lacht] auf die heutige ich bin endlich 51 frei geworden   so im August   dabei hatte ich schon einen Sohn   der war   vier Monate alt   und nach zwei Jahren hatte ich meine Tochter und das ist

[39:15] eben wie sie   Erika weiter erzählt hat

Ulrich Baumann

[39:19] wie war das im Partisanenkrieg mussten Sie äh direkt auch Einsätze ähm bestreiten ?

Rudolf Amariglio

[39:25] ja aber e- e- es kam drauf äh wo man ist   wenn man an der so genannten Front war da war es schlecht war man aber an einer Stadt war dann musste man nur aufpassen dass die nicht reinkommen

Ulrich Baumann

[39:40] und das wo waren Sie ?

Rudolf Amariglio

[39:42] Kozani

Ulrich Baumann

[39:44] auch an der Front oder

Rudolf Amariglio

[39:46] das war halb Front   gleich dahinter da fings an   aber natürlich gabs auch Anschläge in Städten

Ulrich Baumann

[39:53] mh  

[39:58] jetzt ham Sie vorhin gesagt ähm Sie haben die Namen von den Kounios gefunden

Rudolf Amariglio

[40:02] ja

Ulrich Baumann

[40:04] als Sie bei der UNRRA gearbeitet haben

Rudolf Amariglio

[40:07] mhm

Ulrich Baumann

[40:09] wie war denn überhaupt die Rückkehr der   letzten Überlebenden Jüdischen aus Saloniki hat ham Sie etwas mitbekommen

Rudolf Amariglio

[40:17] nein

Ulrich Baumann

[40:19] wie das war ?

Rudolf Amariglio

[40:21] nein   denn es sind sehr wenige wahrscheinlich nicht direkt zu uns gekommen weil sie nach Saloniki kamen das war ja überflüssig dass die erst ins Lager kommen hier   während alle die außerhalb waren ha- Dörfer und so weiter   die mu- mussten da sein damit

[40:41] sie weitergeschickt werden   und so wenns Gruppen waren die wurden auf einen e- englischen Lastwagen in ihre Städte ge- oder Dörfer gebracht  

Daniel Baranowski

[40:55] wann haben Sie denn das erste Mal mit Ihrer Frau über deren Erfahrungen gesprochen weil Sie gerade gesagt haben »am Anfang war kein Gespräch möglich«

Rudolf Amariglio

[41:09] [gleichzeitig:] ja de- das die die wollten nicht äh   das war die nahmen das als Neugier an während das war alles als Neugier   aber langsam langsam hat sie angefangen und war sehr enttäuscht dass die Leute nicht glauben wollten oder nicht hören wollten

[41:27] und hat sie aufgef- -sch äh aufgehört zu sprechen darüber   überhaupt nicht gesprochen   bis sie dann später wie sie auch im ihr- in ihrem Buch schreibt   erst dann wieder wo sie sah dass die wenigen geretteten oder zurückgekommenen Leute äh wo sie vorher

[41:47] das Buch äh die sah dass die sterben eins nachn andern und seit dem Buch da sind noch über zwanzig gestorben nicht wahr also da wäre ni- kein Augenzeuge geb- geblieben der das wirklich eines Tages beweisen konnte

Daniel Baranowski

[42:05] Sie meinen das Buch wo Ihre Frau in den neunziger Jahren Interviews selber geführt hat

Rudolf Amariglio

[42:10] [gleichzeitig:] ja ja eben   weil die starben inzwischen denn das sind die meisten s- waren ja ausn Altersheim   und (das heißt) dann wenn die gestorben sind da ist kein Zeuge mehr   da- daher hat sies geschrieben

Daniel Baranowski

[42:27] haben Sie mit Ihren Kindern früh darüber gesprochen ?

Rudolf Amariglio

[42:32] ja aber   unser Sohn der ist äh gleich nachn Gymnasium nach Israel gegangen zum Studieren   und ist dort kleben geblieben   denn er wollte nach Amerika   Erika hat ihm nicht erlaubt zu gehen nach Amerika   damit er nicht verloren geht   da sagte sie »wir haben

[42:56] Verwandte in Israel   geh dahin«   er ist hingegangen ins Technion   und dort hat er wirklich etwas er ist jetzt Doktor   Errikos A [lacht]   soweit hat ers gebracht und die Kinder alle haben in Stu- Technion studiert   alle s- sieben

Daniel Baranowski

[43:21] und denen haben Sie von Ihren Erfahrungen erzählt

Rudolf Amariglio

[43:23] die wissen Bescheid

Daniel Baranowski

[43:26] mhm

Rudolf Amariglio

[43:28] und da unten da spricht man auch ziemlich davon

Ulrich Baumann

[43:30] also in den   (beim) Ihr Sohn ist 51 geboren so in den   späten fünfziger (oder) sechziger Jahren wie war das also als die Kinder noch   Jugendliche waren oder ehm so zehn zwölf Jahre alt waren ha- haben Sie da auch schon in der Familie über speziell über

[43:56] jetzt über das Schicksal der Verwandten gesprochen ?

Rudolf Amariglio

[43:58] ich hab keine Ahnung ich denke schon aber nur vielleicht bei Gelegenheiten

Ulrich Baumann

[44:04] mhm

Rudolf Amariglio

[44:06] denn nach Auschwitz sind sie schon gewesen alle   damit sie sehen wo das war

Ulrich Baumann

[44:12] mh

Rudolf Amariglio

[44:14] aber wenn man irgendwo lebt wo das jeden Tag gesprochen wird da ist es schon   weicher nicht war

Ulrich Baumann

[44:20] in Israel meinen Sie jetzt speziell

Rudolf Amariglio

[44:23] [gleichzeitig:] ja mhm   und die Engländer die wissen wohl davon aber die können sich kein Bild machen

Ulrich Baumann

[44:31] mh

Rudolf Amariglio

[44:33] obwohl sie   dort waren vor drei oder vier Jahren   die ganze Familie

Ulrich Baumann

[44:42] die Familie   ah ja

Rudolf Amariglio

[44:44] [gleichzeitig:] die Israelis und die Engländer

Ulrich Baumann

[44:47] also die Tochter   Ihre Tochter die in England wohnt

Rudolf Amariglio

[44:49] ja   und die Israelis die sind alle erst nach ähm   Krakau und dann z- nach Auschwitz damit die wussten wissen sollten wie es war und wo es war   c'est ça

Daniel Baranowski

[45:07] darf ich noch eine Frage   äh stellen

Rudolf Amariglio

[45:10] natürlich

Daniel Baranowski

[45:12] ich hab das ähm weil das springt jetzt nochmal ein bisschen zurück ehm mich würde einfach nochmal interessieren   ham Sie in der Zeit ehm unter der deutschen Besatzung ehm in Saloniki was vom Zweiten Weltkrieg insgesamt mitbekommen   äh oder was haben Sie

[45:26] mitbekommen

Rudolf Amariglio

[45:28] die Besetzung kann ich beschreiben   das äh man sah dass Deutschland nicht mehr so gut war man mehr Pferdewagen als Autos sah denn die kamen ja mit an ihren Tanks und so weiter   dass die nun äh Pferdegespannt- äh -gespännde hatten   und eh   meistens nicht

[45:50] mehr so eins war das ist äh wenn man aufn aufn Bürgersteig sch- äh war   und da kamen drei [schwingt die Arme] so ganz lustige deutschen Soldaten und die d- da der kamen sie nicht durch einfach so [simuliert Stoß mit dem Ellenbogen] auf die Straße solche

[46:10] Sachen gabs und dann gabs da (ja) auch Kriegsgerichte wegen Partisanen Schwarzhändler und so weiter und so weiter   sonst   ah das Allerinteressanteste ist die Egnatia wo Sie wohnen   im Sommer da kamen die aus ihren Kasernen mit [schwingt die Arme] so nem Sch-

[46:35] Zeug und sangen ihre Lieder   aber   im Badehöschen   und Stiefeln   nichts anderes die gingen schwimmen [deutet nach rechts]

Ulrich Baumann

[46:44] ach

Rudolf Amariglio

[46:46] die Armee war nackt !

Ulrich Baumann

[46:49] [lacht]

Rudolf Amariglio

[46:51] das glaubt keiner nicht wahr ? trotzdem   die marschierten durch die Stadt   bis äh nach (___) hier wo man schwimmen gehen kann   imm- schön marschieren und immer   [schwingt die Arme] das Singen dazu   und

Daniel Baranowski

[47:07] hat das auf Sie komisch gewirkt oder das hört sich komisch an heute

Rudolf Amariglio

[47:11] [gleichzeitig:] die Leute haben gelacht die Leute haben gelacht nicht wahr aber   unter sich nicht äh   ah ah   es ja die fühlten sich als Sommerfrische hier   kein Krieg nichts nicht wahr zu Essen gabs was brauchten die mehr ? also gingen se schwimmen  

[47:29] [lacht]

Daniel Baranowski

[47:32] haben Sie in der Zeit denn mal überlegt oder Ihre Familie aus Saloniki wegzugehen in einen Teil Griechenlands der nicht von Deutschen besetzt war ?

Rudolf Amariglio

[47:39] äh   d- Griechenland war   in drei geteilt   Bulgarien   bis Kavala bis ans Meer   was se schon immer gern möchten   und Italien auf der anderen Seite   des die ganze Westseite und die Inseln   Peloponnes   und   die Dodekanes was denen sowieso ja gehörte [Telefon

[48:09] klingelt] ah   hat Erika jetzt das [Schnitt] äh   i- i- äh in den italienisch besetzten Orten gabs nichts Schlechtes   auch die Partisanen waren die waren wohl tätig aber nicht wie unter deutschen wo deutsche Besatzung war und die Deutschen haben sich ja benommen

[48:34] Dörfer a- runtergeschmiss- äh -gebrannt alles mögliche Menschen umgebracht hier   w- haben die am Chortiatis [zeigt die Richtung] das ist der Berg der ein- den man sieht nicht wahr da gabs äh Wasserquellen von denen Saloniki ein Teil der Stadt Wasser bekam  

[48:56] da zur und da ging ein deutscher Arzt der aber Offizier war um das zu kontrollieren ob alles in Ordnung ist und da gabs Partisanen die ihn niedergeschlossen -geschossen haben   das ganze Dorf haben die verbrannt an die 200 Menschen umgebracht   die den die die

[49:23] Köpfe die sind alle noch ausgestellt da wenn wenn Sie die Gelegenheit gehabt hätten mitn Auto bis darauf das ist äh von hier zwölf Kilometer

Daniel Baranowski

[49:33] wie heißt das Dorf ?

Rudolf Amariglio

[49:35] Chortiatis

Daniel Baranowski

[49:37] mhm

Rudolf Amariglio

[49:39] Chortiatis das haben sie niedergebrannt das Dorf   weil ein Offizier w- ermordet wurde   das können das Dorf kann doch nichts dazu   da da sind ja Partisanen   und so sind sehr viele äh Dörfer kaputt gemacht worden und die Leute einfach erschossen  

[49:59] also ähm  

[50:02] das übrige was italienisch war   das (erte) blieb grie- äh deutsch   unter deutscher Verwaltung das italienische das ging leichter   vielleicht auchs aus Charakter denn Italien die sind sehr nahe an uns was äh Klima betrifft was   Denkart betrifft alles das

[50:27] a- aber [hustet] als Italien ähm äh   mitn Krieg aufhörte die sind ja dann umgedreht nach mit den Engländern und Amerikanern   da haben die die ganzen deutschen Maßnahmen in diesen Orten a- a- auch eingeführt also die [zählt mit den Fingern mit] Judensterne

[50:51] die Juden eingebracht die Juden v- b- nach Auschwitz geschickt und dasselbe aus Peloponnes wenn welche wa- also was eben hier geschehen ist ist in allen andern Orten geschehen   aus äh Kozani aus Trikala aus äh   A- Kalambaka aus Ioannina alle   äh äh die

[51:15] haben die Juden auch alle gesammelt und schließlich raus

Daniel Baranowski

[51:19] wussten Sie damals von den Lagern schon ?

Rudolf Amariglio

[51:23] nein

Daniel Baranowski

[51:25] oder hatten Namen gehört

Rudolf Amariglio

[51:27] [schüttelt den Kopf] nichts

Daniel Baranowski

[51:29] Sie wussten nicht wo die Leute hinkommen

Rudolf Amariglio

[51:32] niemand wusste wo sie hinkommen sonst wäre vielleicht die Hälfte gar nicht gegangen   denn der Weg z- in die Freiheit gabs ja   aber wie ich sagte die wollten ihre Familien auf keine Weise verlassen   so dicht waren die

Daniel Baranowski

[51:43] haben Sie mitbekommen was mit den Wohnungen passierte in denen vorher Juden gewohnt haben ?

Rudolf Amariglio

[51:49] ja äh viele sind p- gleich haben sie gleichen Tag äh   ausgeräumt worden von hungrigen Menschen die a- a- irgendwas wollten die das hu- 151   was die damals die italienischen Baracken waren   die wurden am sel- am selben Tag alle   aus- äh wie kann ich das

[52:18] sagen ausgeplündert auf die schlechte sogar Ziegelsteine ham se runtergeholt s- s- paar äh äh [gestikuliert] Türen und   Fenster und hauptsächlich   äh Matratzen   Matratzen Matratzen Matratzen   was war die ham sie aufgemacht vielleicht war da zwischen

[52:39] der Baumwolle Geld versteckt   denn nicht dass die die Matratzen brauchten aber es gab immer das dass die Juden das Geld in ihren Betten verstecken und da war das ich bin durchgefahren diese Tage   d- d- man dachte es ist Schnee gewesen aber alles geplündert

[52:59] bis aufs auf auf die Fu- Fußböden

Ulrich Baumann

[53:03] wo war das genau in der Stadt ? das hab ich noch nicht verstanden

Rudolf Amariglio

[53:07] wo das alte äh was da äh d- die [gestikuliert]

Ulrich Baumann

[53:10] das al- wo das frühere der frühere Standort vom Holocaustdenkmal

Rudolf Amariglio

[53:15] jawohl

Ulrich Baumann

[53:17] aha

Rudolf Amariglio

[53:19] dort die ganze aber das ist alles verbaut jetzt

Ulrich Baumann

[53:22] war das auch ein ein ein Ghettobereich gewesen

Rudolf Amariglio

[53:24] ja weil das sehr groß war nicht wahr

Daniel Baranowski

[53:26] das ist das Ghetto 151 gewesen

Rudolf Amariglio

[53:29] mhm

Daniel Baranowski

[53:31] mhm   und diese Wohnungen sind dann leer gestanden danach ?

Rudolf Amariglio

[53:34] viele da sind die die hatten sehr viele Flüchtlinge aus dem bulgaries- äh besetzten O- Plätzen die sind hier hergekommen nach Griechenland auch wenn das nur Deutschland war   und auch vo- ausn Bergen wo die geflüchtet sind weil die Partisanen sich mit

[53:52] den Deutschen a- abschlachteten da sind die Leute in die Städte gegangen und fanden eben gleich äh äh b- schöne Häuser die meisten mit den Möbeln mit allen   da das sind war alles so gut vorbereitet von den Deutschen   das die sind mit zwei Köfferchen

[54:12] f- fort waren alles andere ist geblieben   und das   das ist eben der Mensch

Ulrich Baumann

[54:23] wurden die Leute diese Flüchtlinge dort von den Deutschen eingewiesen ?

Rudolf Amariglio

[54:27] ja

Ulrich Baumann

[54:29] das wurde

Rudolf Amariglio

[54:31] [gleichzeitig:] hier d- geh da gibts d- Geschäfte sind so eingewiesen worden   Geschäfte ! gut (Gesch- läu-) da gabs die F- äh äh Flüchtlinge aus den bulgarisch besetzten Plätzen die ham dann ihre Geschäfte die mit der jüdischen W- Waren in w- weiter

[54:47] gearbeitet bis heute gibts noch davon   die Kinder hams das weitergeerbt und das sind jüdische Geschäfte gewesen

Daniel Baranowski

[54:54] ist das denn   ist das denn ein ein Thema in der Stadt gewesen ein Gespräch auf der Straße ähm

Rudolf Amariglio

[55:04] nichts war

Daniel Baranowski

[55:06] wie ham die wie hat die Stadtbevölkerung darauf reagiert   weil auf einmal fehlen tausende von Menschen in der Stadt

Rudolf Amariglio

[55:11] ja 50000 Menschen waren nicht mehr da und äh die ganze äh äh das waren 220000 damals d-

Daniel Baranowski

[55:22] das ist ein Viertel ungefähr

Rudolf Amariglio

[55:24] das ist Viertel   das w- ja es war leer hauptsächlich der Marktplatz   der war le- leer   denn das meisten das waren ja jüdische Geschäfte Fleischer Bäcker äh alles mögliche   es war plötzlich leer   und das ham die dann langsam übernommen alles

Daniel Baranowski

[55:42] hatten Sie Angst dass Sie auch aus Saloniki weg müssen ? Sie selbst ?

Rudolf Amariglio

[55:47] nein   denn irgendwie war ich gedeckt   auf der einen Seite was äh mein Vater erreicht hatte a- also sein sein Recht- Rechtsanwalt äh äh   fertig gebracht hat dass die die Juden die von die Frauen die christlichen Frauen äh v- von ihren Juden eben überleben

[56:14] mussten   denn sie selber konnten ja nirgends arbeiten nicht wahr   und so sind wir geblieben

Ulrich Baumann

[56:21] und nochmal die Frage mit der

Rudolf Amariglio

[56:24] [gleichzeitig:] aber meine ganzen Freunde die jüdischen Freunde sind fort   weg   ja

Ulrich Baumann

[56:31] nochmal die Frage ob in der Stadt   es Mitleid oder Unmut oder Empörung gab als in den Wochen ein Transport nach dem anderen a- wegging und die Menschen verschwanden ob die christlichen Griechen   etwas gesagt haben oder

Rudolf Amariglio

[56:51] man hat   nicht darüber gesprochen   man hat nicht darüber gesprochen nur man merkte dass plötzlich   leer ist   leer und wirklich leer   denn es gab ein anderes Tempo wenn 50000 Menschen da sind  

[57:11] bis bis der Krieg fertig war zurückgekommen sind auch die

[57:19] vielen griechischen Arbeiter die in Deutschland gearbeitet haben sind gekommen langsam langsam hat sich das eben entwickelt und hauptsächlich die vielen äh   na   Flüchtlinge die gekommen sind   und noch kommen

Daniel Baranowski

[57:38] wie viele Ihrer Freunde sind zurückgekommen ?

Rudolf Amariglio

[57:44] zwei

Daniel Baranowski

[57:46] können Sie   die Namen sagen ?

Rudolf Amariglio

[57:48] ja der eine hieß äh   äh   der der ist so überhaupt äh Cousin Erikas Perachia

Ulrich Baumann

[57:57] ah !

Rudolf Amariglio

[57:59] der eine und der andere der der also hieß er auch Perachia und der andere hieß Cohen dieser Cohen ist gestorben inzwischen ich hab ihn einmal in Israel getroffen   da er auch ziemlich weit war von wo wir blieben   der war bei äh au- bei Tel Aviv wir waren

[58:22] über Haifa weg dort wohnte mein wohnt mein Sohn also kamen wir nicht mehr in Berührung   beide haben uns sehr gefreut und das wars   sonst Fragen ?

Daniel Baranowski

[58:43] zu nem anderen Bereich hätt ich noch eine Frage es sei denn ähm und zwar würde mich interessieren ob Sie nochmal in Ihre Heimatstadt   zurückgegangen sind ob Sie in Freiberg nochmal waren in Ihrer Geburtsstadt

Rudolf Amariglio

[58:55] das möcht ich sehr und habs nicht ge- erreicht bis jetzt und wir waren vor einigen Jahren mit unseren Nachbarn   äh bis äh in die Tschechoslowakei gekommen   bis das war ja ein Sprung nach äh nach äh nach äh Freiberg   keine sehr nahe aber ich konnte nicht

[59:18] den Leuten sagen »jetzt gehen wir mal über die Grenze« und dabei war das noch die DDR da kam man schlecht durch   aber vielleicht wills die   das Schicksal dass ich nochmal diese alte Stätte seh

Ulrich Baumann

[59:33] haben Sie noch Erinnerungen an Freiberg ?

Rudolf Amariglio

[59:36] sehr a- sehr wenige da war ich sehr klein noch   dreieinhalb Jahre alt war ich als wir weggingen

Ulrich Baumann

[59:43] ja

Rudolf Amariglio

[59:45] aber es bleiben Bilder nicht wahr

Ulrich Baumann

[59:47] der der Bruder Ihres Vaters der in in Dresden arbeitete äh was ist mit der Familie passiert

Rudolf Amariglio

[59:54] die sind erst nach äh als die Sachen mit Hitler schle- schlimmer wurden die sind dann nach Italien   und doch war das nicht (mehr) dass die Klima gut da sind se nach Frankreich dann bricht der Krieg mit Frankreich aus da sind se nach Amerika und da ist er

[1:00:13] dort gestorben

Ulrich Baumann

[1:00:15] mhm mhm   weiß man eigentlich was der Name A was das ähm bedeutet also ist das ähm hat das ist das im Spanischen ein ein

[1:00:22] mhm mhm   weiß man eigentlich was der Name A was das ehm bedeutet also ist das ehm hat das ist das im Spanischen ein ein

Rudolf Amariglio

[1:00:27] gelb

Ulrich Baumann

[1:00:29] gelb   ah okay

Rudolf Amariglio

[1:00:31] und das ist nicht A das ist A

Ulrich Baumann

[1:00:33] A

Rudolf Amariglio

[1:00:36] denn das schreiben i l l o

Ulrich Baumann

[1:00:38] ah ja und Sie schreiben sich mit g l

Rudolf Amariglio

[1:00:40] ja

Ulrich Baumann

[1:00:42] das hat sich verändert

Rudolf Amariglio

[1:00:44] das Italienisch das hört sich wie das Spanische

Ulrich Baumann

[1:00:47] genau   ja ja

Rudolf Amariglio

[1:00:49] A

Ulrich Baumann

[1:00:51] mhm ah ja

Rudolf Amariglio

[1:00:53] sonst  

Ulrich Baumann

[1:00:55] hast Du noch ?   eigentlich

Daniel Baranowski

[1:00:58] dann danken wir Ihnen

Ulrich Baumann

[1:01:00] ja

Daniel Baranowski

[1:01:02] für das Interview

Rudolf Amariglio

[1:01:04] ich hoffe Ihre nächsten Gäste die das ansehen wollen [zeigt in die Kamera] werden sagen »ach der übertreibt« [lacht]

Daniel Baranowski

[1:01:07] das glaub ich nicht   okay vielen Dank Herr A

Rudolf Amariglio

[1:01:13] ich danke dass Sie gekommen sind hat mich sehr gefreut Sie kennenzulernen   und wir kennen uns ja schon   und äh der Raucher der das   das schreiben Sie doch nicht auf jetzt [lacht]

Datum Ort Text
ab 1923 Freiberg Geburt als zweites Kind einer jüdisch-christlichen und griechisch-deutschen Familie
ab 1928 Thessaloniki Besuch eines christlichen Kindergartens
1929 - 1931 Thessaloniki Besuch der Deutschen Schule
ab 1931 Thessaloniki Erzwungener Wechsel auf eine griechische Grundschule
1940 - 1941 Thessaloniki Freiwilliger Helfer beim Roten Kreuz
ab 1941 Thessaloniki nach dem Einmarsch der Wehrmacht Arbeit in einer Autoreparaturwerkstatt
1944 - 1945 Thessaloniki Arbeit als Deutsch-Dolmetscher bei der Feuerwehr und als Lagervorstand der Hafenarbeiter
ab 1945 Thessaloniki Mitarbeiter der UNRRA und Nachholen des Schulabschlusses innerhalb von drei Monaten
ab 1947 Thessaloniki Heirat mit Erika Kounio
1948 - 1951 Griechenland Militärdienst
ab 1951 Thessaloniki Geburt des ersten Kindes
ab 1953 Thessaloniki Geburt des zweiten Kindes
bis 1927 Dresden Umzug nach Dresden
bis 1928 Thessaloniki Umzug nach Thessaloniki
Thessaloniki Besuch eines italienischen Gymnasiums
bis 1940 Thessaloniki Wechsel auf eine amerikanische Landwirtschaftsschule
Israel Reise nach Israel und Wiederbegegnung mit einem der zwei überlebenden Freunde
Rudolf A. wurde 1923 als zweites Kind einer jüdisch-christlichen Familie im sächsischen Freiberg geboren, wo sein Vater ein Studium an der Bergakademie absolvierte. Nach dessen Universitätsabschluss und einem einjährigen Aufenthalt in Dresden wanderte die Familie 1928 in die Heimat des aus der sephardischen Gemeinde Thessalonikis stammenden Vaters aus. Da die beiden Kinder und die Mutter weder Griechisch noch Spaniolisch, die Sprache der jüdischen Verwandtschaft, beherrschten, fühlten sie sich in der neuen Umgebung verunsichert und ausgeschlossen. Im christlich geführten Kindergarten verstand der fünfjährige Rudolf A. kein Wort, und auch die Schulzeit sollte durch die Sprachprobleme belastet sein: Nachdem er zwei Jahre lang die Deutsche Schule besucht hatte, wurde per Gesetz verfügt, dass alle Schüler zunächst eine griechische Grundschule absolvieren mussten, erst dann sollten sie sich für eine der anderssprachigen Schulen entscheiden können. In der neuen Schule wurde Rudolf A. von den Mitschülern wegen seiner schlechten Griechisch-Kenntnisse ausgelacht. Der ältere Bruder, der kurz vor seinem Abschluss stand, blieb auf der Deutschen Schule. Auch nach der Machtübernahme Hitlers in Deutschland wurden hier noch jüdische Schüler unterrichtet, die nicht diskriminiert wurden. Das Abiturzeugnis des Bruders wurde gerahmt in der Schule ausgehängt.
Nach Abschluss der Grundschule ging Rudolf A. auf ein italienisches Gymnasium, wo er mehrfach Klassen wiederholen musste, weil er mit den vielen Fremdsprachen nicht zurecht kam. Erst als er auf seinen Wunsch zur amerikanischen Landwirtschaftsschule wechselte, endeten die schulischen Probleme, da er die englische Sprache besser sprechen und verstehen konnte.

Als 1940 der Krieg mit Italien und dann auch mit dem Deutschen Reich begann, meldete sich Rudolf A. als freiwilliger Helfer beim Roten Kreuz. Seine Aufgabe war es, die verwundeten Soldaten, die am Bahnhof ankamen, auf die Hospitäler der Stadt zu verteilen. Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht und dem Ende der Kampfhandlungen fand er auf Vermittlung eines Bekannten Arbeit in einer Autowerkstatt. Als er erfuhr, dass die Feuerwehr Dolmetscher für den Kontakt mit den deutschen Besatzern benötigte, besprach er sich mit seinen Eltern, bewarb sich und erhielt die Stelle. In 24-Stunden-Schichten wechselte er sich mit einem zweiten Übersetzer ab; wenn er frei hatte, verbrachte er die Zeit mit seinen Freunden. Im Sommer 1942 erging ein Befehl zur Zwangsarbeit, alle jüdischen Männer zwischen 18 und 45 wurden für die Organisation Todt rekrutiert. Niemand aus seiner Familie folgte diesem über die jüdische Gemeinde verbreiteten Aufruf. Rudolf A. und sein Bruder fühlten sich nicht als Juden, sie waren von der Mutter deutsch erzogen worden – Religion spielte in der Familie keine Rolle. Dem Vater, der als so genannter Volljude stärker gefährdet war, half sein Arbeitgeber, ein deutscher Rechtsanwalt, indem er sich bei den Besatzern für die jüdischen Partner in ›Mischehen‹ einsetzte.
Als die Ghettos eingerichtet und später geräumt wurden, fühlte sich Rudolf A. zum hilflosen Beobachten verurteilt. Seine Versuche, die jüdischen Freunde zur Flucht in die Berge zu den Partisanen zu überreden, scheiterten, sie wollten bei ihren Familien bleiben. Von ihnen überlebten nur zwei. Seine Großeltern starben eines natürlichen Todes im Ghetto und wurden ohne Zeremonie und Rabbiner beerdigt, die gesamte weitere Verwandtschaft des Vaters wurde deportiert und ermordet.

Dank des Feuerwehrausweises hatte Rudolf A. freien Zugang zum Ghetto und konnte den Kontakt mit seinen Freunden halten. Er appellierte mehrfach an sie, sie sollten sich angewöhnen, Griechisch statt Spaniolisch zu sprechen, da der melodische Klang der sephardischen Sprache die jüdische Identität verrate – er selbst sprach mittlerweile »sauberes« Griechisch. Auch die mit seiner Familie freundschaftlich eng verbundene Familie Kounio besuchte er bis zu ihrer Deportation nach Auschwitz regelmäßig. Die Tochter Erika, die er seit Kindertagen kannte, sollte später seine Ehefrau werden.
Nach dem Abzug der Deutschen übernahmen Partisanen die Stadt, es kam zu Unruhen, eine Inflation brachte zusätzliche Unsicherheit, und erst durch das Eingreifen des englischen Militärs beruhigte sich die Situation. Rudolf A. bekam vorübergehend eine Arbeitsstelle am Hafen und wurde dort mehrfach befördert. Dann engagierte er sich bei der UNRRA, in einem DP-Camp war er für die Organisation des Rückwegs jüdischer Überlebender in ihre Heimatdörfer zuständig. Auf den Listen der Überlebenden fand er auch Namen der Mitglieder der Familie Kounio. Er nahm sofort Kontakt mit ihnen auf und schaffte es mit Zurückhaltung und viel Zeit, wieder Vertrautheit und Nähe zu schaffen.

Das Leben normalisierte sich. Innerhalb von drei Monaten holte er seinen Schulabschluss nach, heiratete Erika Kounio und gemeinsam eröffneten sie ein Schreibwarengeschäft. Als er 1948 für vier Jahre zum Militärdienst eingezogen wurde, musste seine Frau das Geschäft alleine weiter führen. Sie bekamen zwei Kinder. Erikas traumatische Erlebnisse und der Umgang der Gesellschaft mit Deportation und Ermordung des größten Teils der jüdischen Gemeinde wurden für sie und die Familie zu einem wichtigen Thema: Nachdem sie, wie viele andere Überlebende auch, zunächst nicht über das Erlebte hatte sprechen wollen und sich von Fragen bedrängt fühlte, musste sie bald darauf die Erfahrung machen, dass ihr nun niemand mehr zuhören wollte oder das Gesagte glaubte. Aus diesem Grund führte sie auf eigene Faust Interviews mit Überlebenden durch, um durch diese Augenzeugenberichte Beweise zu sammeln. Ihren Kindern, um deren Sicherheit sie sich stets sorgte, erzählte sie früh von der Verfolgungszeit, gemeinsam besuchte die ganze Familie die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau.

Das Auftreten der deutschen Soldaten während der Besatzungszeit wurde von den Griechen anfangs belächelt, manchmal sah man sie in Reih und Glied in Badehosen zum Strand marschieren. Doch dann verbreiteten sich die Nachrichten über von ihnen vorgenommene so genannte Vergeltungsmaßnahmen und Massaker, wie das an den Bewohnern des Dorfes Chortiatis. Für die Verfolgten gab es keinen Ausweg, denn auch im italienisch besetzten Teil Griechenlands gab es antijüdische Maßnahmen. Der gesamte jüdische Besitz, Geschäfte, Häuser, Wohnungen und deren Inventar, wurden noch am Tag der Deportation geplündert. Die Stadt war innerhalb von kürzester Zeit wie ausgestorben – 50000 Menschen fehlten.
Nur zwei der Freunde von Rudolf A. überlebten die Verfolgung, den einen traf er Jahre später in Israel wieder.