Rudolf Amariglio (*13.04.1923, Freiberg)
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- Signatur
- 01099/sdje/0010
- Institut
- Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin
- Sprache
- deutsch
- Ort und Datum der Aufnahme
- Thessaloniki, den 7. September 2009
- Dauer
- 01:01:28
- Interviewter
- Rudolf Amariglio
- Interviewer
- Daniel Baranowski , Ulrich Baumann
- Kamera, Licht und Ton
- Uwe Seemann
- Redaktion
- Ruth Preusse
- Transkription
- Ruth Preusse
»Menschenleer« war Thessaloniki nach der Deportation der Juden. Der in Freiberg geborene Rudolf A. war als Sohn einer deutschen Christin, der mit der Familie in der griechischen Heimat des jüdischen Vaters lebte, von der Verfolgung nicht betroffen – wohl aber seine nächste Verwandtschaft. Hilflos musste der 18-Jährige der Einrichtung von Ghettos zusehen, in die seine Großeltern und viele Verwandte und Bekannte zwangsweise übersiedeln mussten. Da er als Deutsch-Dolmetscher bei der Feuerwehr mit einem besonderen Ausweis durchgehend Zugang zu diesen abgeschlossenen Wohnbezirken hatte, konnte er den Kontakt mit ihnen bis zur Deportation halten und versuchte, seine Freunde zur Flucht zu den Partisanen zu überreden – doch sie wollten ihre Familien nicht verlassen. Dann wurden die Ghettos geräumt, auch Erika Kounio, seine spätere Ehefrau, die er seit der Kindheit kannte, wurde nach Auschwitz verschleppt, und die restliche Bevölkerung machte sich umgehend daran, den jüdischen Besitz zu plündern. Nach Kriegsende arbeitete Rudolf A. für die UNRRA und organisierte in einem Lager bei Thessaloniki den Rückweg für die Überlebenden in ihre Heimatdörfer. Auf den Listen fand er auch die Namen von Erika und ihrer Familie, von seinen Freunden kehrten jedoch nur zwei zurück. Der Zeit der Verfolgung und der Umgang der griechischen Gesellschaft mit den Verbrechen an den jüdischen Mitbürgern beschäftigte ihn und seine Familie bis zum Zeitpunkt des Interviews. Rudolf A. war 86 Jahre alt.
Vorkontakte
Kontakte zur Familie A. gab es von Seiten der Stiftung seit mehreren Jahren. Zudem fanden telefonische Vorgespräche und eine mehrmonatige E-Mail-Korrespondenz statt.
Bedingungen
Das Interview fand in der Wohnung von Rudolf A. in Panorama, in der Nähe von Thessaloniki, statt.
Gruppensituation
Anwesend sind die beiden Interviewer und ein Techniker (Uwe Seemann).
Unterbrechungen
eine Unterbrechung
Protokoll
Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas
[0:00] wir führen ein Interview mit Rudolf A sind in Thessaloniki Griechenland heute ist der siebte September 2009 es ist ein Interview für das Projekt »Leben mit der Erinnerung« der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas mein Name ist Daniel
[0:16] Baranowski ich führ das Interview zusammen mit Ulrich Baumann Uwe Seemann ist für die Kamera zuständig [Schnitt]
[0:22] Herr A vielleicht sagen Sie uns zuerst wann Sie geboren sind wo Sie geboren sind und erzählen uns kurz von Ihren Eltern
[0:32] geboren bin ich äh am 13ten April 1923 in S- Freiberg in Sachsen äh von mein Vater der Jude ist war und meine Mutter Christin äh mein Vater war in Freiberg als Student in der Bergakademie und wurde Berg- äh -ingenieur und m- äh hauptsächlich alle
[1:07] die Mineralien die in der Erde schon hauptsächlich in Sachsen zu fi- finden warn äh vor mir is mein Bruder Arthur geboren drei Jahre älter als ich und äh als a- dann das alles fertig war sind wir nach Dresden gekomm wo mein Vater ein Bruder hatte
[1:34] der in Tabak st- äh arbeitete Tabakhändler
[1:40] bis äh wir bisschen weiter äh rausgewachsen sind ha- is er dann haben wir äh wieder das Wiedersehen in Saloniki wo er beim Vater kam weiter gelebt hier äh äh konnten wir kein Wort sp- sprechen außer Deutsch
[2:02] weder mit unsern Verwandten die Spanisch sprachen noch mit den Kindern die Griechisch sprachen also waren wir wirklich verlorene P- Kinder auch meine Mutter hatte große Schwierigkeiten sogar beim A- Einkaufen weil sie kein Wort Griechisch kannte auch kein
[2:22] Spanisch denn der Markt war damals mehr Spanisch als Griechisch trotzdem gings nicht weiter da musste immer mein Großvater also der Vater meines Vaters mit ihr gehen und äh das kaufen was sie wollte indem sies zeigte und er das v- verhandelte äh wir
[2:43] ich kam in nen Kindergarten nahe bei unserm Haus was auf äh ni- nahe der katholischen Kirche ist war Schwestern äh da kam jeden Vormittag Vor- Morgen mein Großvater und nahm mich an der Hand und bracht mich in den Kindergarten und da war wieder eine
[3:07] F- S- die Nonne die das da hielt die das war [gestikuliert] noch diese äh w- wie Vögel w- der da hab ich auch nichts verstanden schließlich äh war ich so weit in die Schule zu kommen mein Bruder der war schon vorher in der Deutschen Schule wohin außer
[3:30] auch in die Deutsche Schule da war ich in der Ersten in der Zweiten und dann gabs ein äh neues Gesetz in Griechenland äh das die griechischen Bürger erst [betont:] mindestens die griechische die die Volksschule machen müssen auf Griechisch und dann aussuchen
[3:53] was sie wollten entweder in griechischen Gymnasium in ausländischen Gymnasium denn hier gab es außer [zählt mit den Fingern mit] den der deutschen französchen italienischen rumänischen bulgarischen äh Sch- äh Gymnasium so man gehen konnte also sehr
[4:12] international natürlich als deutsch äh Her- deutscher Herkunft gingen wir in die Deutsche Schule aber nach dem Gesetz da sind wir wieder fort von der Deutschen Schule er mein Bruder hatte nur noch ein Jahr ze- ma- zu machen was er fertig gebracht hat ich
[4:31] kam e- erst in ein- -ne Vorbereitungsklasse eine jüdische Vorbereitungsklasse da gabs [zählt mit den Fingern mit] Französisch Hebräisch Griechisch
[4:44] hm
[4:46] nichts konnte ich verstehen so ging äh das Jahr verging so da kam ich in die griechische Schule dort lachten immer die Kinder wenn ich äh a- etwas aussprach und das war nicht richtig aber langsam lang- a- da kam ich gleich in die Dritte weil ich ja schon
[5:07] groß war da konnte man mich nicht in die erste Klasse oder zweite
[5:11] [unterbricht:] Sie konnten die Sprache noch überhaupt nicht
[5:13] überhaupt noch nich da hab ich angefangen sie zu lernen bis ich fertig war mit dieser Schule also sechste Klasse da war es okay inzwischen ist äh war mein Bruder schon in der dritten Klasse gewe- äh der war bald fertig im Gymnasium als Hitler an
[5:36] die Macht kam
[5:39] mhm
[5:41] aber da er schon da war bevor Hitler äh kam hat er weiter gemacht da gabs auch andere jüdische Kinder die de- die hat man nie äh belästigt oder irgendwie die haben alle ihre Sch- Schule dort beendet und es gibt sogar in der Deutschen Schule ein [gestikuliert]
[6:00] Rahmen mit dem Zeugnis das Abiturze- -zeugnis meines Bruders dort zum Andenken und äh ich musste dann aussuchen wohin meine Eltern wollten auf keinen Fall dass ich in die Deutsche Schule geh denn da war ja Hitler schon
[6:18] darf ich kurz dazwischen fragen in der Deutschen Schule in Saloniki hatten die Nationalsozialisten ähm schon Einfluss oder ähm
[6:30] nein die hatten keinen Au- Einfluss noch nicht
[6:34] noch nicht mhm
[6:36] äh äh aber i- dann war kam höchstens die italienische Schule
[6:46] mhm
[6:48] in Frage obwohls da auch äh de- äh äh Diktatur war war aber kein Antisemitismus also ging ich in die italienische Schule [zählt mit den Fingern mit] Griechisch Französisch Lateinisch und [lacht] vier Sprachen da kam ich nich mit erste Klasse zweite
[7:08] Klasse zweite Klasse nochmal das war aus mit mir konnt ich nicht weiter was machst du nun ?
[7:16] ich geh in ich will Landwirtschaft werden gut da ham sie geseht dass hier ein amerikanische landwirtschaftliche Schule gibt dah- bin ich hin und hab ich mich wirklich
[7:30] zu Hause gefühlt obwohl ich wir kein Vorleben in der äh Landwirtschaft hatten da war fühlt ich mich sehr gut wir hatten außer Griechisch aus Englisch dort weils ja ne amerikanische Schule is und da war ich der beste Schüler auf einmal warum ? weil Deutsch
[7:50] mit Englisch ziemlich vieles gleich hatte nicht wahr und das hab ich dort absolviert aber ich kam dahin 38 das waren vier Klassen [zählt mit den Fingern mit] 39 vierzig da kam der Krieg da war die Schule zu und nochn bisschen mehr als 41 auch die äh
[8:15] Amerikaner eingesprungen sind in den Krieg da hab ich aufgehört und nun was ?
[8:22] da musst ich irgendwo arbeiten ich konnte ja nich weiter aber während den Krieg bin ich als Freiwilliger äh beim Roten Kreuz gewesen da ham wir jede Nacht oder jede zwei Nächte
[8:35] vom Bahnhof die ganzen verwundeten Leute äh empfangen und in verschiedene Hospitäler gebracht und am Tag s- eventuell auch andere solche Sachen machten und bis eben dann äh die Deutschen hier einmarschiert sind brauchte man uns nicht mehr da war ja
[9:00] kein Krieg mehr es gab vorher die Bomben äh von den Italienern die auch ziemlich Schäden angerichtet hatten und eh die beim dann auch vom Roten Kreuz brauchte dann war Ruhe was macht man jetzt ?
[9:20] da hat mich ein Freund meines Vaters gesagt »geh doch
[9:25] in die Garage sowieso das sind meine Freunde« Reparaturf- -garage da damit er dort was arbeitet und wahrhaftig kam ich da hin das war hat mich sehr interessiert das ganze Auto zu untersuchen und so weiter und so weiter bis mir ein anderer Freund von den
[9:45] Pfadfindern aus mir gesagt hat dass man bei der Feuerwehr einen Dolmetscher braucht die ham schon einen aber die brauchen einen zweiten weil das ja auf 24 Stunden geht der Tag und da hab ich mich dort gemeldet da haben sie gesagt »ja wenn du so gut Deutsch
[10:05] kannst äh b- sollen bei kannst du bei uns arbeiten« das hab ich bei meinen Eltern gesagt gut und dann war ich 24 Stunden frei 24 Stunden musst ich dann dort sein und der andere umgekehrt und da kamen äh wir dann mit den Deutschen sehr in in
[10:29] Kontakt
[10:32] in Kontakt weil manchmal hatten die kein Wasser zu für ihre Ställe auszuwaschen manchmal hatten sie wirklich Feuer manchmal hatten sie kein Brot äh kein in in der Brotfabrik kein Wasser das werd ich Ihnen dann auch sagen wieso das kam so dass man eben
[10:51] [gestikuliert] irgendwas zu tun hatte und äh
[10:55] wenn ich der Tag wo ich frei war da war ich mit meinen Freunden und so weiter das ging alles sehr gut niemand wurde be- äh irgendwie bis am äh 42 im Sommer wo das erste antijüdische Sache die stattfand dass
[11:16] die so Zwangsarbeit von v- äh 18 bis 45 Jahre ausgesucht wurden und das war schon ein schlechtes Zeichen aber die wurden nicht von der SS äh sondern vom Militär von der Armee für die Todt
[11:36] hmh
[11:38] wie hieß das gleich
[11:40] Organisation Todt
[11:42] [gleichzeitig:] Organisation Todt natürlich ha- he- haben wir uns nicht gezeigt dort und da gabs noch keinen Stern
[11:48] wie ging denn das vonstatten war das ein Aufruf in der Stadt ähm wie ham wie äh wurden Sie davon in Kenntnis gesetzt
[11:57] über die Gemeinde
[11:59] mhm
[12:02] dass w- wir an den (und) Tag des dort sein mussten aber von niemand von uns ist hingegangen auch mein Vater nicht
[12:07] darf ich kurz eine Frage stellen ähm Ihre Mutter war Christin ? ähm katholisch oder evangelisch ?
[12:15] evangelisch
[12:17] und ähm ist sie konvertiert ? ähm
[12:20] ja sie (da) um äh heiraten zu können
[12:22] ah wurde sie ei- wurde sie Jüdin ?
[12:24] ja aufm Papier
[12:26] auf dem Papier und das heißt äh die die Kinder also äh der (Arthur) und Sie und
[12:32] [gleichzeitig:] und der Egon
[12:35] und der Egon waren äh jü- wurden jüdisch erzogen
[12:38] ja äh gar nicht jüdisch deutsch
[12:40] deutsch
[12:42] [gleichzeitig:] denn die Mutter die erzieht die Kinder äh nicht der Vater
[12:45] in religiöser Hinsicht
[12:47] gar nicht gar nicht
[12:49] ach
[12:52] [gleichzeitig:] Religion gabs nicht bei uns
[12:54] aha aha das heißt Ihr Vater als er wieder in Saloniki war ist nicht in die Synagoge gegangen ?
[13:00] [schüttelt den Kopf] nö nur zu großen Feiertagen da gehen wir dann die ganze Familie zu den Großvater
[13:07] [gleichzeitig:] mhm
[13:09] wo auch die anderen Familien kamen seine anderen äh d- Fa- die anderen Familien und dort eben die Feier zusammen gemacht haben wie Ostern zum Beispiel mit all den Zeugs aber sonst nichts nichts nichts
[13:24] wie war das dann äh die sprachen alle Span- Spaniolisch
[13:28] Spanisch ja
[13:30] haben Sie ein bisschen gelernt dann in der Zwischenzeit ?
[13:32] [gleichzeitig:] ich dabei ham wir dann gelernt nich wahr aber meistens Griechisch nur bei unser Großvater wo dann auch unsere Cousins kamen und all die da haben wir uns versucht oder was wir eben gerade kriegten ins Ohr das haben wir gelernt
[13:49] mhm
[13:51] gab es andere Kinder die äh ähnliche Probleme hatten wegen der Sprache in der Schule ? oder waren Sie komplett alleine
[13:59] es gab äh in der De- die in der Deutschen das waren Griechen dies gab und die konnten ja Griechisch also wars für die aus der Deutschen Schule nicht weiter durften kein Problem die sind nur in der Deutschen Schule gewesen und weil se eben ei- eine bessere
[14:20] äh Ausbildung bekommen sollten es gab ich erinner mich an ziemlich viele
[14:28] hat Ihre Mutter äh Griechisch dann gelernt im Laufe der Zeit ?
[14:34] [gleichzeitig:] schlecht und bis zum Ende sehr schlecht weil sie eben immer mit äh deutschsprachigen Menschen zusammen war die hatten ihr ihr Kränzchen jede Woche und da waren immer deutsche Damen nich wahr so war diese -se Geschichte dort
[14:55] dann [hustet]
[14:57] na- äh als der Krieg fertig war wie ich sagte kam ich in die Garage und dann zur Feuerwehr als Dolmetscher und das war eine sehr angenehme Sache doch äh das war 41 nach 42 also 42 fing das an da ham wir uns niemand bewegt auf den Freiheitsplatz zu gehen
[15:27] das äh ging uns nichts an nich wahr ? bis äh im Februar äh 43 dann die ganze antijüdische äh Maschine in Gang ging und mein Vater hat äh arbeitete in dieser Zeit bei ein äh weil er nich mehr in seiner Sache sei- bleiben konnte zu ein Rechtsanwalt der
[15:56] eine deutsche Frau hatte seine Frau hatte mit meiner Frau im Kränzchen sich kennengelernt und er brauchte unbedingt einen guten Dolmetscher und Übersetzer hat meine das hat meine Frau äh meine Mutter meinem Vater gesagt dass der das sucht da hat se und
[16:16] so is er zu ihm gegangen und hat die ganzen Übersetzungen gemacht weil da ja viel Gerichte mit Schwarzhändlern mit Partisanen m- alles mögliche gab wo all- die ga- das alles über deutsche äh äh Gerichte kam
[16:34] ah Kriegsgerichte wahrscheinlich
[16:37] Kriegsgerichte oder o- damit die Deutschen wussten was der gemacht hat
[16:42] mhm
[16:44] angeblich und äh als dann die Maßnahmen gegen die Juden kamen äh da arbeite er immer noch da bis aufn Stern als er dann den St- den Stern bekam wir haben gar nich äh äh hingegangen um den Stern abzuholen da is er hat er uns verlassen is zu seinem
[17:05] Vater gegangen der in einer anderen b- äh äh ähm äh na in einer anderen Seite der Stadt wohnte und äh d- a- äh a- parallel dazu ist er zu se- zu seinem Mit- zu seinem Arbeitgeber gegangen hat gesagt »leider kann ich nicht mehr kommen weil
[17:28] wir eben irgendwie be- jetzt nicht mehr dürfen« da is er zu den deutschen Behörden gegangen der Rechtsanwalt und hat gesagt »ich brauch den Menschen unbedingt denn von dem seine Übersetzung hängt dies äh da de- das alles ab was die die Leute äh
[17:54] v- b- v- verklagt sind« da ham die sich hingesetzt und hat der Me- Merten das war ja der äh Haupt- äh Direktor der deutsche sagen wir mal Gouverneur da ham die rausgefunden dass das für eine Person nicht geben können haben aber eine andere äh Sache
[18:17] gefunden dass alle Juden die mit Christen verheiratet sind frei sind da sie ja die [gestikuliert] Brotbringer der Familie jemand da sein muss die könn dann nicht verhungern da (gam) gabs [zählt mit den Fingern mit] Französinnen Deutsche Griechinnen
[18:38] die hatten eben Juden geheirat und so is er frei gekomm und dann ham wir nichts mehr gehabt mit den Deutschen zu tun das ging weiter ich bei meiner äh Feuerwehr er bei seinen Rechtsanwalt und mein großer Bruder bei einer deutschen Firma die aber von
[19:01] Griechen hier die die exportierten nach Deutschland Obst da war also auch ein Bruder Dolmetscher bei denen und das ging alles gut und äh
[19:18] ja dann kam eben dass die Juden fort mussten alle in verschiedenen die Stadt wurde in ve- vier oder fünf Ghettos
[19:36] eingerahmt und alle Juden die außer diesen Rahmen wohnten mussten in ei- irgend eins dieser Ghettos leben noch wusste niemand was passieren soll und dann plötzlich kam es die haben erst den Baron Hirsch eh leer gemacht das war die erste [gestikuliert]
[19:58] äh Abschiebung damit dann Platz ist für die nächste
[20:03] mh
[20:05] denn das ging auf diese Weise die erst fuhren das musste immer das war ein Durchgangslager was vorher ein jüdisches Viertel war also das und das ha- hat glaub ich hat vorher Erika schon erzählt wie sichs da zugetragen hat ich hab keine eigene Erfahrung
[20:23] davon nur dass F- ich Freunde hatte und denen g- sagte »geht aufn Berg ich hab die Mittel euch aufn Berg zu schicken zu den Partisanen« sagt »und wieso sollen wir das ? wo lass ich meine Schwester wo lass ich meine Eltern ?« und die sind leider alle verloren
[20:46] gegangen außer [hebt zwei Finger] zwei die zurückgekommen sind und die hams hier nich ausgehalten als alles so leer war und niemand von is- ihren Familien die sind nach Israel der eine is vor zwei Jahren gestorben der andere ist s- auch in meinem Alter
[21:04] aber haben keine Kontakte mehr mit denen das war bis Kriegsende
[21:13] wie war das denn mit Ihrem Großvater und mit den Cousins ?
[21:20] die sind alle verloren gegan- mein Großvater hatte das Glück noch vor äh einigen Tagen hat (ers) ein Herzschlag bekommen und is hier begraben worden [betont:] aber aber unter was für äh äh Verhältnissen es durfte ja niemand auf die Straße da ham
[21:40] wir so eine kleine Karre gemietet dreirädrig wo die gewöhnlich hier aufm [gestikuliert] Markt Obst verkaufen oder andere Sachen da ham wir gemietet ham ihn in in [gestikuliert] (auf) eh Bett- äh Bettumzug gedeckt [zählt mit den Fingern mit] ohne Priester
[22:01] ohne Rabbiner ohne nichts auf den Friedhof gebracht wo zwei Arbeiten ihn begraben haben das wars und meine Großmutter die hatte äh Krebs da is meine Mutter an die deutschen Be- Be- wieder gegangen und hat gesagt »sowieso die is ja schon bald sterben
[22:22] die nehmen wir zu uns« und das haben die zugelassen und dann is sie a- nach zwei Monaten auch gestorben aber wenigstens im Bett nich wahr so war das mit der Familie die ganze Familie ist verschwunden 25 Personen von unsre Familie existieren nicht denn
[22:43] wir hatten viele äh Verwandte in Xanthi und Kavala die sind alle kaputt und dort wurden die Juden in einer Nacht aus ganz Thrakien in jeder Stadt äh geräumt in eine Tabak- äh äh -lager in ein Tabaklager und am nächsten Tag nach Drama gebracht
[23:12] alle zusammen und sofort weiter nach über über die Donau nach Polen aber in in d- an der Donau hat man auch viele ertränkt davon und äh von denen ist auch niemand mehr zurückgekommen das wars was die Juden betrifft
[23:41] Sie haben äh die Erika ähm A Ihre Frau hat vorhin erzählt dass Sie beide sich noch gesehen haben als die Familie Kounio i- in das in den Ghettobereich gezogen war
[23:59] ja
[24:01] [gleichzeitig:] ähm dass Sie konnten äh die Familie Kounio noch besuchen ? in der Zeit
[24:07] J- schwer nich mein Vater meine Mutter vielleicht aber nicht mein Vater ich fuhr mitm Fahrrad rein und raus und wo ich Freunde hatte ging ich hin weil und ich hatte immer äh [gestikuliert] den Ausweis dass ich bei der Feuerwehr bin und so weiter und wir
[24:27] haben auch ein Papier bekommen von der deutschen Kom- Feldkommandantur dass wir äh [schreibt sich mit den Fingern in die Hand] äh ich werds Ihnen wohl zeigen das ist das hängt auch im Museum jetzt d- das die Freigabe von uns so dass ich nichts fürchtete
[24:46] ich konnte ins Ghetto rein ins Ghetto raus sprach griechisch Griechisch denn leider auch die neue Generation sprach griechisch Griechisch während die ältere Generation also die Generation meines Vaters die sprachen wohl endlich Griechisch aber mitn spanischen
[25:06] Accent also war das furchtbar schwer diese Leute verstecken zu können denn die Sprache die war irgendwie melodisch wo man gleich merkte »ah das ist ein Jude« das d- d- das is nicht zu glauben nicht wahr denn ich äh oft sch- waren wir auf äh so
[25:29] auf der Promenade ins aufn am Kai mit meinen Freunden und die sprachen (s-) immer spanisch unter sich da sagt ich »sprecht doch auf Griechisch endlich sprecht doch auf äh warum äh d- d- das ging einfach nicht denn Zuhause war nur Spanisch bei ihnen
[25:49] bei uns wars nur Deutsch
[25:52] mh
[25:54] war das ist der Unterschied [lacht]
[25:56] [lacht]
[25:58] und Griechisch ist was ich in der Schule gelernt hab und dann natürlich in der Garage da lernt man vieles im Roten Kreuz und dann in der Feuerwehr da lernte man auch sehr viel äh dickes Griechisch zu s- [lacht]
[26:11] ok
[26:13] können Sie sich noch erinnern wie Sie Ihre ähm Frau das erste Mal gesehen haben ? wie alt waren Sie da ?
[26:22] [gleichzeitig:] ja da war sie da war sie mindestens höchstens zwei Jahre alt
[26:25] da können Sie sich noch dran erinnern
[26:28] ja denn ich war da fünf Jahre alt
[26:32] ja
[26:34] da erinnert man sich an vieles ich erinner mich als wir ankamen in G- Saloniki aus Deutschland das war ein N- ein Nacht der Bahnhof war gerade um die B- -ts Billets zu bekommen keine Wartesaal und nichts und aber daneben war ein Café da gingen die
[26:55] h- Leute hin bis die Rei- wegfahren wü- würden oder umgekehrt bis die empfangen wer- würden da kamen wir abends an da war unser Großvater hat uns begrüßt und hat uns in sein Haus auf Pferdekutschen gebracht weil wir ja schon vier waren und er fünf
[27:19] da passten wir f- und passten nicht in eine Kutsche d- und noch die Koffer alle dazu da sind wir erst zu seiner äh seine Wohnung gebracht worden sa- haben übernachtet und da sind wir da die Möbel all- alle die sind aus Deutschland die h- sind einen Monat
[27:42] sch- zu spät gekommen da wohnten wir also dort bei ihnen meine Mutter war irgendwie die konnt sich nicht verständigen mit den Leuten die konnte kein Wort Spanisch die andern konnten kein Wort Deutsch und das ging alles mit Fingern [gestikuliert] und so
[28:03] weiter
[28:05] schließlich ha- sind die äh Möbel gekomm sind wir ausgezogen und in die äh das war das Haus eines Deutschen und Schweizer die hatten Vertretungen Jenny und Vock hieß das und das war unten Ergeschoß erster St- eh in der ersten Etage sollten
[28:30] wir wohnen und drüber wohnte der Jenny selber der Vock lebte irgendwo anders dort sind wir dann groß geworden haben uns ganz ans Griechische gewöhnt so langsam und das ist ah und natürlich w- gingen wir oft nahm uns Mama an der Hand [gestikuliert]
[28:54] ging zu Kounios zu oder die Kounio kamen zu uns und da waren eben die d- zwei kleinen Kinder dort wir waren schon die Großen
[29:04] ja
[29:06] aber es war auch sehr schön dort zu schwimmen nicht wahr und das zu schwimmen das ging weiter und weiter bis zum Krieg und bis die dann nicht mehr da waren und dann waren wir ziemlich groß schon da ich war 17 als der Krieg ausbrach also bis äh und
[29:26] wo sie zurück gegangen sind ham wir uns wieder getroffen und das ist eben äh von alleine gekommen dass wir geheiratet haben das war ja keine gestrige G- äh G- Bekanntschaft
[29:38] mhm
[29:41] wie wie war das denn überhaupt die Befreiung von Thessaloniki haben Sie da Erinnerung ?
[29:46] ja die Befreiung von Saloniki das war das äh Saloniki hat am 28ten äh am 28ten Oktober vierzig mitn Krieg angefangen und am dreißigsten Oktober 44 sind die Deutschen gegangen also wie sie gingen kamen die Partisanen in die Stadt haben sofort die
[30:18] Polizeiämter besetzt und alles was denen nicht gefallen hat denn das waren ja alles Linke nicht wahr ? viele hat man dann eh irgendwo versteckt oder erschossen das gabs auch und dann weil die Staatsw- -beamten wir waren von Griechenland bis dahin immer
[30:39] noch [gestikuliert] getrennt denn Athen wurde am zwölften Okto- befreit und wir erst am dreißigsten also diese zwanzig Tage oder ja s- fast zwanzig Tage da gabs keinen Kontakt mit Athen aber die Staatsangehörigen die mussten doch bezahlt werden also kam
[31:01] man durch d- Stra- durch die Geschäfte und sammelte Geld damit die bezahlt werden also solche Sachen nicht wahr ? damals war die Drachme das die Einheit in Griechenland und das war die Inflation gekommen dass zwei [betont:] Milliarden zwei Milliarden [hält
[31:27] vier Finger hoch] vier Drachmen waren vier Drachmen mit das k- äh die Straßenbahn kostete [hält einen Finger hoch] einen Drachmen damals einen Drachmen also das waren schon fünf- fünfhundert- -tausend Drachmen soweit waren die und langsam langsam
[31:52] sind dann nach kurzer Zeit die griechischen äh äh äh das griechische Militär gekommen in Athen gabs äh [gestikuliert] ähm äh F- Gefechte zwischen Partisanen und äh der Ar- griechischen Armee und da is (Ko-) Churchill gekommen hat die Sache gesehen
[32:10] hat seine Leute geschickt die Engländer da gabs nochmal in Athen Krieg aber hier nicht die haben sich zurückgezogen die Kommunisten und langsam langsam ist das L- äh äh haben wir auch Engländer bekommen damit die auch für den Frieden sorgten und so
[32:30] ist das weiter gegangen
[32:32] wie wie
[32:35] [gleichzeitig:] und ich bin dann wieder f- äh äh hab gearbeitet nach der Feuerwehr da brauchte man mich ja nicht mehr im Hafen als äh hat mich äh eine Bekannte vom Internationalen Roten Kreuz dort die en Posten gefunden dass ich Hauptarbeiter gewesen
[32:55] wäre also äh unter mir zehn Arbeiter waren die die Schiffe ausladeten und in die verschiedenen [gestikuliert] äh Depots brachten das war meine Arbeit und das war den Engländern zu wenig da ham sie mich ein bisschen höher gebracht das wars immer mit
[33:17] Geld verbunden dass ich jeden Tag de- äh die Leute zählte ob die alle da sind und [schreibt sich in die Handfläche] damit ich am Samstag ihre Gehälter ausschreiben konnte und das war denen auch zu wenig und da ham sie mich nochn bisschen da war ich Lagervorstand
[33:35] in die verschiedenen Lager dies da gab Zucker Bohnen Milch und alles was die ge- ge- gebracht hatten bis das dann die Agrarbank übernommen hat und uns alle a- raus alle die Außerordentlichen wir waren ja keine Staatsangestellte die Agrarbank ist staatlich
[33:58] da waren wir wieder Arbeit aber da hab ich äh eine Stellung bei der UNRRA gefunden UNRRA Sie wissen was das war United States Rehabilitation und so weiter dort äh waren wir auf in einer äh Kaserne verlassene Kaserne wo alle Leute die zurückkamen ausn
[34:26] Ausland sowohl äh Freiarbeiter die äh die ganze Zeit hin- -fuhren um Arbeit zu (funden) oder auch äh Deportierte die kamen erst dorthin wir s- fragten woher sie sind [schreibt auf seine Handflächen] damit wir sie weiterschicken konnten
[34:44] und da entdeckte
[34:46] ich durch den Katalog der jeden Tag kam den äh b- den Namen von meinem Schwiegervater und mein Schwager der g- erzählt ham »mh« sag ich »wo sind die« die sind aber gar nichts ins äh Lager gekommen die sind gleich nach Hause gar nicht rein da bin
[35:06] ich nächstes Jahr ins Geschäft gegangen nach der Arbeit hab mich gefreut die waren alle mit Gesichtern Sie können sichs das vorstellen nicht wahr und e- einige Tage später ich glaub zwei Wochen später da war [liest von seiner Handfläche] Erika und
[35:21] ihre Mutter da ging ich wieder hin das war schon en bisschen höflicher äh die waren alle man kann sich ja vorstellen wie die Leute fühlten nicht wahr aber g- wir haben dann d- äh [gestikuliert]
[35:34] eh wie war das genau erz- äh also waren die waren die sehr deprimiert
[35:40] (wie) deprimiert sie wollten [abwehrende Handbewegung] nicht sprechen wir die nur dass sie eben in Konzentrationslager war die wir sind nicht auf sch- Gesp- -spräche gekommen das war immer zehn Minuten 15 Minuten dass wir uns gesehen haben im in im
[35:57] Geschäft nicht zu Hause
[36:00] und dann langsam langsam hab ich äh wieder äh dann hat man uns in die Schule zurückgerufen weil ich ja noch nicht fertig war da hab ich in drei Monaten zwei Klassen absolviert können Sie sich vorstellen wir waren alle schon ältere
[36:17] Leute da da wie alt war ich da 22 ja das war schon trotzdem damit wir eben dieses Papier bekommen dass se das spielt ja die ganze Rolle und äh so gings weiter dann musste ich zum Militär aber mein meine meine Reihe war schon aber die wu- haben uns
[36:43] nicht geholt nochmal nicht geholt warum ? weil wir aus äh einem Jahrgang waren wo wir die Gefährlichen waren durch die ganze Partisanensache und die ma- die z- wollte da- die Armee wollte sich erst festsetzen nicht wahr und dann die Gefährlichen wieder
[37:07] zu sich zu holen das sind die äh Jüngeren zwei Klassen Jüngere in dieser Zeit gekommen bis ich äh wieder gerufen wurde da hab ich vier Jahre verloren nich v- vier ja vier Jahre ich musste 44 gehen und bin 48 eingerufen worden
[37:28] mh
[37:30] das Sie können sich vorstellen da konnte man sich nichts vorbereiten um zu bauen denn hier hatten wir Partisanenkrieg die gan- bis 49
[37:41] mh mh
[37:44] inzwischen aber hab ich Erika äh 19- äh -47 geheiratet (__) und haben kleines Geschäft ge- aufgemacht mit Schreibwaren un dann kam ich an die Reihe und dann war wieder das Problem was machen wir mit dem Geschäft sagte Erika »das übernehme ich«
[38:05] »gut übernimm es bye bye« da bin ich eben versetzt worden irgendwo in Griechenland und das wollte nicht vergehen und das wollte nicht vergehen vier Jahre lang noch wie se Soldat gewesen nicht wahr weil das erst 49 aufgehört hat o- aber dann kam der Koreakrieg
[38:27] da mussten wir wieder in in Militär sein um die Am- den Amerikanern dort zu das war ja international von da von den Vereinten Nationen aber Gott sei Dank weil ich verheiratet war hat man mich [betont:] nicht genommen hat eben einen anderen äh Freund an
[38:47] meiner Stelle genommen und so i- ist man eben mit vielen Eindrücken [lacht] auf die heutige ich bin endlich 51 frei geworden so im August dabei hatte ich schon einen Sohn der war vier Monate alt und nach zwei Jahren hatte ich meine Tochter und das ist
[39:15] eben wie sie Erika weiter erzählt hat
[39:19] wie war das im Partisanenkrieg mussten Sie äh direkt auch Einsätze ähm bestreiten ?
[39:25] ja aber e- e- es kam drauf äh wo man ist wenn man an der so genannten Front war da war es schlecht war man aber an einer Stadt war dann musste man nur aufpassen dass die nicht reinkommen
[39:40] und das wo waren Sie ?
[39:42] Kozani
[39:44] auch an der Front oder
[39:46] das war halb Front gleich dahinter da fings an aber natürlich gabs auch Anschläge in Städten
[39:53] mh
[39:58] jetzt ham Sie vorhin gesagt ähm Sie haben die Namen von den Kounios gefunden
[40:02] ja
[40:04] als Sie bei der UNRRA gearbeitet haben
[40:07] mhm
[40:09] wie war denn überhaupt die Rückkehr der letzten Überlebenden Jüdischen aus Saloniki hat ham Sie etwas mitbekommen
[40:17] nein
[40:19] wie das war ?
[40:21] nein denn es sind sehr wenige wahrscheinlich nicht direkt zu uns gekommen weil sie nach Saloniki kamen das war ja überflüssig dass die erst ins Lager kommen hier während alle die außerhalb waren ha- Dörfer und so weiter die mu- mussten da sein damit
[40:41] sie weitergeschickt werden und so wenns Gruppen waren die wurden auf einen e- englischen Lastwagen in ihre Städte ge- oder Dörfer gebracht
[40:55] wann haben Sie denn das erste Mal mit Ihrer Frau über deren Erfahrungen gesprochen weil Sie gerade gesagt haben »am Anfang war kein Gespräch möglich«
[41:09] [gleichzeitig:] ja de- das die die wollten nicht äh das war die nahmen das als Neugier an während das war alles als Neugier aber langsam langsam hat sie angefangen und war sehr enttäuscht dass die Leute nicht glauben wollten oder nicht hören wollten
[41:27] und hat sie aufgef- -sch äh aufgehört zu sprechen darüber überhaupt nicht gesprochen bis sie dann später wie sie auch im ihr- in ihrem Buch schreibt erst dann wieder wo sie sah dass die wenigen geretteten oder zurückgekommenen Leute äh wo sie vorher
[41:47] das Buch äh die sah dass die sterben eins nachn andern und seit dem Buch da sind noch über zwanzig gestorben nicht wahr also da wäre ni- kein Augenzeuge geb- geblieben der das wirklich eines Tages beweisen konnte
[42:05] Sie meinen das Buch wo Ihre Frau in den neunziger Jahren Interviews selber geführt hat
[42:10] [gleichzeitig:] ja ja eben weil die starben inzwischen denn das sind die meisten s- waren ja ausn Altersheim und (das heißt) dann wenn die gestorben sind da ist kein Zeuge mehr da- daher hat sies geschrieben
[42:27] haben Sie mit Ihren Kindern früh darüber gesprochen ?
[42:32] ja aber unser Sohn der ist äh gleich nachn Gymnasium nach Israel gegangen zum Studieren und ist dort kleben geblieben denn er wollte nach Amerika Erika hat ihm nicht erlaubt zu gehen nach Amerika damit er nicht verloren geht da sagte sie »wir haben
[42:56] Verwandte in Israel geh dahin« er ist hingegangen ins Technion und dort hat er wirklich etwas er ist jetzt Doktor Errikos A [lacht] soweit hat ers gebracht und die Kinder alle haben in Stu- Technion studiert alle s- sieben
[43:21] und denen haben Sie von Ihren Erfahrungen erzählt
[43:23] die wissen Bescheid
[43:26] mhm
[43:28] und da unten da spricht man auch ziemlich davon
[43:30] also in den (beim) Ihr Sohn ist 51 geboren so in den späten fünfziger (oder) sechziger Jahren wie war das also als die Kinder noch Jugendliche waren oder ehm so zehn zwölf Jahre alt waren ha- haben Sie da auch schon in der Familie über speziell über
[43:56] jetzt über das Schicksal der Verwandten gesprochen ?
[43:58] ich hab keine Ahnung ich denke schon aber nur vielleicht bei Gelegenheiten
[44:04] mhm
[44:06] denn nach Auschwitz sind sie schon gewesen alle damit sie sehen wo das war
[44:12] mh
[44:14] aber wenn man irgendwo lebt wo das jeden Tag gesprochen wird da ist es schon weicher nicht war
[44:20] in Israel meinen Sie jetzt speziell
[44:23] [gleichzeitig:] ja mhm und die Engländer die wissen wohl davon aber die können sich kein Bild machen
[44:31] mh
[44:33] obwohl sie dort waren vor drei oder vier Jahren die ganze Familie
[44:42] die Familie ah ja
[44:44] [gleichzeitig:] die Israelis und die Engländer
[44:47] also die Tochter Ihre Tochter die in England wohnt
[44:49] ja und die Israelis die sind alle erst nach ähm Krakau und dann z- nach Auschwitz damit die wussten wissen sollten wie es war und wo es war c'est ça
[45:07] darf ich noch eine Frage äh stellen
[45:10] natürlich
[45:12] ich hab das ähm weil das springt jetzt nochmal ein bisschen zurück ehm mich würde einfach nochmal interessieren ham Sie in der Zeit ehm unter der deutschen Besatzung ehm in Saloniki was vom Zweiten Weltkrieg insgesamt mitbekommen äh oder was haben Sie
[45:26] mitbekommen
[45:28] die Besetzung kann ich beschreiben das äh man sah dass Deutschland nicht mehr so gut war man mehr Pferdewagen als Autos sah denn die kamen ja mit an ihren Tanks und so weiter dass die nun äh Pferdegespannt- äh -gespännde hatten und eh meistens nicht
[45:50] mehr so eins war das ist äh wenn man aufn aufn Bürgersteig sch- äh war und da kamen drei [schwingt die Arme] so ganz lustige deutschen Soldaten und die d- da der kamen sie nicht durch einfach so [simuliert Stoß mit dem Ellenbogen] auf die Straße solche
[46:10] Sachen gabs und dann gabs da (ja) auch Kriegsgerichte wegen Partisanen Schwarzhändler und so weiter und so weiter sonst ah das Allerinteressanteste ist die Egnatia wo Sie wohnen im Sommer da kamen die aus ihren Kasernen mit [schwingt die Arme] so nem Sch-
[46:35] Zeug und sangen ihre Lieder aber im Badehöschen und Stiefeln nichts anderes die gingen schwimmen [deutet nach rechts]
[46:44] ach
[46:46] die Armee war nackt !
[46:49] [lacht]
[46:51] das glaubt keiner nicht wahr ? trotzdem die marschierten durch die Stadt bis äh nach (___) hier wo man schwimmen gehen kann imm- schön marschieren und immer [schwingt die Arme] das Singen dazu und
[47:07] hat das auf Sie komisch gewirkt oder das hört sich komisch an heute
[47:11] [gleichzeitig:] die Leute haben gelacht die Leute haben gelacht nicht wahr aber unter sich nicht äh ah ah es ja die fühlten sich als Sommerfrische hier kein Krieg nichts nicht wahr zu Essen gabs was brauchten die mehr ? also gingen se schwimmen
[47:29] [lacht]
[47:32] haben Sie in der Zeit denn mal überlegt oder Ihre Familie aus Saloniki wegzugehen in einen Teil Griechenlands der nicht von Deutschen besetzt war ?
[47:39] äh d- Griechenland war in drei geteilt Bulgarien bis Kavala bis ans Meer was se schon immer gern möchten und Italien auf der anderen Seite des die ganze Westseite und die Inseln Peloponnes und die Dodekanes was denen sowieso ja gehörte [Telefon
[48:09] klingelt] ah hat Erika jetzt das [Schnitt] äh i- i- äh in den italienisch besetzten Orten gabs nichts Schlechtes auch die Partisanen waren die waren wohl tätig aber nicht wie unter deutschen wo deutsche Besatzung war und die Deutschen haben sich ja benommen
[48:34] Dörfer a- runtergeschmiss- äh -gebrannt alles mögliche Menschen umgebracht hier w- haben die am Chortiatis [zeigt die Richtung] das ist der Berg der ein- den man sieht nicht wahr da gabs äh Wasserquellen von denen Saloniki ein Teil der Stadt Wasser bekam
[48:56] da zur und da ging ein deutscher Arzt der aber Offizier war um das zu kontrollieren ob alles in Ordnung ist und da gabs Partisanen die ihn niedergeschlossen -geschossen haben das ganze Dorf haben die verbrannt an die 200 Menschen umgebracht die den die die
[49:23] Köpfe die sind alle noch ausgestellt da wenn wenn Sie die Gelegenheit gehabt hätten mitn Auto bis darauf das ist äh von hier zwölf Kilometer
[49:33] wie heißt das Dorf ?
[49:35] Chortiatis
[49:37] mhm
[49:39] Chortiatis das haben sie niedergebrannt das Dorf weil ein Offizier w- ermordet wurde das können das Dorf kann doch nichts dazu da da sind ja Partisanen und so sind sehr viele äh Dörfer kaputt gemacht worden und die Leute einfach erschossen
[49:59] also ähm
[50:02] das übrige was italienisch war das (erte) blieb grie- äh deutsch unter deutscher Verwaltung das italienische das ging leichter vielleicht auchs aus Charakter denn Italien die sind sehr nahe an uns was äh Klima betrifft was Denkart betrifft alles das
[50:27] a- aber [hustet] als Italien ähm äh mitn Krieg aufhörte die sind ja dann umgedreht nach mit den Engländern und Amerikanern da haben die die ganzen deutschen Maßnahmen in diesen Orten a- a- auch eingeführt also die [zählt mit den Fingern mit] Judensterne
[50:51] die Juden eingebracht die Juden v- b- nach Auschwitz geschickt und dasselbe aus Peloponnes wenn welche wa- also was eben hier geschehen ist ist in allen andern Orten geschehen aus äh Kozani aus Trikala aus äh A- Kalambaka aus Ioannina alle äh äh die
[51:15] haben die Juden auch alle gesammelt und schließlich raus
[51:19] wussten Sie damals von den Lagern schon ?
[51:23] nein
[51:25] oder hatten Namen gehört
[51:27] [schüttelt den Kopf] nichts
[51:29] Sie wussten nicht wo die Leute hinkommen
[51:32] niemand wusste wo sie hinkommen sonst wäre vielleicht die Hälfte gar nicht gegangen denn der Weg z- in die Freiheit gabs ja aber wie ich sagte die wollten ihre Familien auf keine Weise verlassen so dicht waren die
[51:43] haben Sie mitbekommen was mit den Wohnungen passierte in denen vorher Juden gewohnt haben ?
[51:49] ja äh viele sind p- gleich haben sie gleichen Tag äh ausgeräumt worden von hungrigen Menschen die a- a- irgendwas wollten die das hu- 151 was die damals die italienischen Baracken waren die wurden am sel- am selben Tag alle aus- äh wie kann ich das
[52:18] sagen ausgeplündert auf die schlechte sogar Ziegelsteine ham se runtergeholt s- s- paar äh äh [gestikuliert] Türen und Fenster und hauptsächlich äh Matratzen Matratzen Matratzen Matratzen was war die ham sie aufgemacht vielleicht war da zwischen
[52:39] der Baumwolle Geld versteckt denn nicht dass die die Matratzen brauchten aber es gab immer das dass die Juden das Geld in ihren Betten verstecken und da war das ich bin durchgefahren diese Tage d- d- man dachte es ist Schnee gewesen aber alles geplündert
[52:59] bis aufs auf auf die Fu- Fußböden
[53:03] wo war das genau in der Stadt ? das hab ich noch nicht verstanden
[53:07] wo das alte äh was da äh d- die [gestikuliert]
[53:10] das al- wo das frühere der frühere Standort vom Holocaustdenkmal
[53:15] jawohl
[53:17] aha
[53:19] dort die ganze aber das ist alles verbaut jetzt
[53:22] war das auch ein ein ein Ghettobereich gewesen
[53:24] ja weil das sehr groß war nicht wahr
[53:26] das ist das Ghetto 151 gewesen
[53:29] mhm
[53:31] mhm und diese Wohnungen sind dann leer gestanden danach ?
[53:34] viele da sind die die hatten sehr viele Flüchtlinge aus dem bulgaries- äh besetzten O- Plätzen die sind hier hergekommen nach Griechenland auch wenn das nur Deutschland war und auch vo- ausn Bergen wo die geflüchtet sind weil die Partisanen sich mit
[53:52] den Deutschen a- abschlachteten da sind die Leute in die Städte gegangen und fanden eben gleich äh äh b- schöne Häuser die meisten mit den Möbeln mit allen da das sind war alles so gut vorbereitet von den Deutschen das die sind mit zwei Köfferchen
[54:12] f- fort waren alles andere ist geblieben und das das ist eben der Mensch
[54:23] wurden die Leute diese Flüchtlinge dort von den Deutschen eingewiesen ?
[54:27] ja
[54:29] das wurde
[54:31] [gleichzeitig:] hier d- geh da gibts d- Geschäfte sind so eingewiesen worden Geschäfte ! gut (Gesch- läu-) da gabs die F- äh äh Flüchtlinge aus den bulgarisch besetzten Plätzen die ham dann ihre Geschäfte die mit der jüdischen W- Waren in w- weiter
[54:47] gearbeitet bis heute gibts noch davon die Kinder hams das weitergeerbt und das sind jüdische Geschäfte gewesen
[54:54] ist das denn ist das denn ein ein Thema in der Stadt gewesen ein Gespräch auf der Straße ähm
[55:04] nichts war
[55:06] wie ham die wie hat die Stadtbevölkerung darauf reagiert weil auf einmal fehlen tausende von Menschen in der Stadt
[55:11] ja 50000 Menschen waren nicht mehr da und äh die ganze äh äh das waren 220000 damals d-
[55:22] das ist ein Viertel ungefähr
[55:24] das ist Viertel das w- ja es war leer hauptsächlich der Marktplatz der war le- leer denn das meisten das waren ja jüdische Geschäfte Fleischer Bäcker äh alles mögliche es war plötzlich leer und das ham die dann langsam übernommen alles
[55:42] hatten Sie Angst dass Sie auch aus Saloniki weg müssen ? Sie selbst ?
[55:47] nein denn irgendwie war ich gedeckt auf der einen Seite was äh mein Vater erreicht hatte a- also sein sein Recht- Rechtsanwalt äh äh fertig gebracht hat dass die die Juden die von die Frauen die christlichen Frauen äh v- von ihren Juden eben überleben
[56:14] mussten denn sie selber konnten ja nirgends arbeiten nicht wahr und so sind wir geblieben
[56:21] und nochmal die Frage mit der
[56:24] [gleichzeitig:] aber meine ganzen Freunde die jüdischen Freunde sind fort weg ja
[56:31] nochmal die Frage ob in der Stadt es Mitleid oder Unmut oder Empörung gab als in den Wochen ein Transport nach dem anderen a- wegging und die Menschen verschwanden ob die christlichen Griechen etwas gesagt haben oder
[56:51] man hat nicht darüber gesprochen man hat nicht darüber gesprochen nur man merkte dass plötzlich leer ist leer und wirklich leer denn es gab ein anderes Tempo wenn 50000 Menschen da sind
[57:11] bis bis der Krieg fertig war zurückgekommen sind auch die
[57:19] vielen griechischen Arbeiter die in Deutschland gearbeitet haben sind gekommen langsam langsam hat sich das eben entwickelt und hauptsächlich die vielen äh na Flüchtlinge die gekommen sind und noch kommen
[57:38] wie viele Ihrer Freunde sind zurückgekommen ?
[57:44] zwei
[57:46] können Sie die Namen sagen ?
[57:48] ja der eine hieß äh äh der der ist so überhaupt äh Cousin Erikas Perachia
[57:57] ah !
[57:59] der eine und der andere der der also hieß er auch Perachia und der andere hieß Cohen dieser Cohen ist gestorben inzwischen ich hab ihn einmal in Israel getroffen da er auch ziemlich weit war von wo wir blieben der war bei äh au- bei Tel Aviv wir waren
[58:22] über Haifa weg dort wohnte mein wohnt mein Sohn also kamen wir nicht mehr in Berührung beide haben uns sehr gefreut und das wars sonst Fragen ?
[58:43] zu nem anderen Bereich hätt ich noch eine Frage es sei denn ähm und zwar würde mich interessieren ob Sie nochmal in Ihre Heimatstadt zurückgegangen sind ob Sie in Freiberg nochmal waren in Ihrer Geburtsstadt
[58:55] das möcht ich sehr und habs nicht ge- erreicht bis jetzt und wir waren vor einigen Jahren mit unseren Nachbarn äh bis äh in die Tschechoslowakei gekommen bis das war ja ein Sprung nach äh nach äh nach äh Freiberg keine sehr nahe aber ich konnte nicht
[59:18] den Leuten sagen »jetzt gehen wir mal über die Grenze« und dabei war das noch die DDR da kam man schlecht durch aber vielleicht wills die das Schicksal dass ich nochmal diese alte Stätte seh
[59:33] haben Sie noch Erinnerungen an Freiberg ?
[59:36] sehr a- sehr wenige da war ich sehr klein noch dreieinhalb Jahre alt war ich als wir weggingen
[59:43] ja
[59:45] aber es bleiben Bilder nicht wahr
[59:47] der der Bruder Ihres Vaters der in in Dresden arbeitete äh was ist mit der Familie passiert
[59:54] die sind erst nach äh als die Sachen mit Hitler schle- schlimmer wurden die sind dann nach Italien und doch war das nicht (mehr) dass die Klima gut da sind se nach Frankreich dann bricht der Krieg mit Frankreich aus da sind se nach Amerika und da ist er
[1:00:13] dort gestorben
[1:00:15] mhm mhm weiß man eigentlich was der Name A was das ähm bedeutet also ist das ähm hat das ist das im Spanischen ein ein
[1:00:22] mhm mhm weiß man eigentlich was der Name A was das ehm bedeutet also ist das ehm hat das ist das im Spanischen ein ein
[1:00:27] gelb
[1:00:29] gelb ah okay
[1:00:31] und das ist nicht A das ist A
[1:00:33] A
[1:00:36] denn das schreiben i l l o
[1:00:38] ah ja und Sie schreiben sich mit g l
[1:00:40] ja
[1:00:42] das hat sich verändert
[1:00:44] das Italienisch das hört sich wie das Spanische
[1:00:47] genau ja ja
[1:00:49] A
[1:00:51] mhm ah ja
[1:00:53] sonst
[1:00:55] hast Du noch ? eigentlich
[1:00:58] dann danken wir Ihnen
[1:01:00] ja
[1:01:02] für das Interview
[1:01:04] ich hoffe Ihre nächsten Gäste die das ansehen wollen [zeigt in die Kamera] werden sagen »ach der übertreibt« [lacht]
[1:01:07] das glaub ich nicht okay vielen Dank Herr A
[1:01:13] ich danke dass Sie gekommen sind hat mich sehr gefreut Sie kennenzulernen und wir kennen uns ja schon und äh der Raucher der das das schreiben Sie doch nicht auf jetzt [lacht]
| Datum | Ort | Text |
|---|---|---|
| ab 1923 | Freiberg | Geburt als zweites Kind einer jüdisch-christlichen und griechisch-deutschen Familie |
| ab 1928 | Thessaloniki | Besuch eines christlichen Kindergartens |
| 1929 - 1931 | Thessaloniki | Besuch der Deutschen Schule |
| ab 1931 | Thessaloniki | Erzwungener Wechsel auf eine griechische Grundschule |
| 1940 - 1941 | Thessaloniki | Freiwilliger Helfer beim Roten Kreuz |
| ab 1941 | Thessaloniki | nach dem Einmarsch der Wehrmacht Arbeit in einer Autoreparaturwerkstatt |
| 1944 - 1945 | Thessaloniki | Arbeit als Deutsch-Dolmetscher bei der Feuerwehr und als Lagervorstand der Hafenarbeiter |
| ab 1945 | Thessaloniki | Mitarbeiter der UNRRA und Nachholen des Schulabschlusses innerhalb von drei Monaten |
| ab 1947 | Thessaloniki | Heirat mit Erika Kounio |
| 1948 - 1951 | Griechenland | Militärdienst |
| ab 1951 | Thessaloniki | Geburt des ersten Kindes |
| ab 1953 | Thessaloniki | Geburt des zweiten Kindes |
| bis 1927 | Dresden | Umzug nach Dresden |
| bis 1928 | Thessaloniki | Umzug nach Thessaloniki |
| Thessaloniki | Besuch eines italienischen Gymnasiums | |
| bis 1940 | Thessaloniki | Wechsel auf eine amerikanische Landwirtschaftsschule |
| Israel | Reise nach Israel und Wiederbegegnung mit einem der zwei überlebenden Freunde |
Nach Abschluss der Grundschule ging Rudolf A. auf ein italienisches Gymnasium, wo er mehrfach Klassen wiederholen musste, weil er mit den vielen Fremdsprachen nicht zurecht kam. Erst als er auf seinen Wunsch zur amerikanischen Landwirtschaftsschule wechselte, endeten die schulischen Probleme, da er die englische Sprache besser sprechen und verstehen konnte.
Als 1940 der Krieg mit Italien und dann auch mit dem Deutschen Reich begann, meldete sich Rudolf A. als freiwilliger Helfer beim Roten Kreuz. Seine Aufgabe war es, die verwundeten Soldaten, die am Bahnhof ankamen, auf die Hospitäler der Stadt zu verteilen. Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht und dem Ende der Kampfhandlungen fand er auf Vermittlung eines Bekannten Arbeit in einer Autowerkstatt. Als er erfuhr, dass die Feuerwehr Dolmetscher für den Kontakt mit den deutschen Besatzern benötigte, besprach er sich mit seinen Eltern, bewarb sich und erhielt die Stelle. In 24-Stunden-Schichten wechselte er sich mit einem zweiten Übersetzer ab; wenn er frei hatte, verbrachte er die Zeit mit seinen Freunden. Im Sommer 1942 erging ein Befehl zur Zwangsarbeit, alle jüdischen Männer zwischen 18 und 45 wurden für die Organisation Todt rekrutiert. Niemand aus seiner Familie folgte diesem über die jüdische Gemeinde verbreiteten Aufruf. Rudolf A. und sein Bruder fühlten sich nicht als Juden, sie waren von der Mutter deutsch erzogen worden – Religion spielte in der Familie keine Rolle. Dem Vater, der als so genannter Volljude stärker gefährdet war, half sein Arbeitgeber, ein deutscher Rechtsanwalt, indem er sich bei den Besatzern für die jüdischen Partner in ›Mischehen‹ einsetzte.
Als die Ghettos eingerichtet und später geräumt wurden, fühlte sich Rudolf A. zum hilflosen Beobachten verurteilt. Seine Versuche, die jüdischen Freunde zur Flucht in die Berge zu den Partisanen zu überreden, scheiterten, sie wollten bei ihren Familien bleiben. Von ihnen überlebten nur zwei. Seine Großeltern starben eines natürlichen Todes im Ghetto und wurden ohne Zeremonie und Rabbiner beerdigt, die gesamte weitere Verwandtschaft des Vaters wurde deportiert und ermordet.
Dank des Feuerwehrausweises hatte Rudolf A. freien Zugang zum Ghetto und konnte den Kontakt mit seinen Freunden halten. Er appellierte mehrfach an sie, sie sollten sich angewöhnen, Griechisch statt Spaniolisch zu sprechen, da der melodische Klang der sephardischen Sprache die jüdische Identität verrate – er selbst sprach mittlerweile »sauberes« Griechisch. Auch die mit seiner Familie freundschaftlich eng verbundene Familie Kounio besuchte er bis zu ihrer Deportation nach Auschwitz regelmäßig. Die Tochter Erika, die er seit Kindertagen kannte, sollte später seine Ehefrau werden.
Nach dem Abzug der Deutschen übernahmen Partisanen die Stadt, es kam zu Unruhen, eine Inflation brachte zusätzliche Unsicherheit, und erst durch das Eingreifen des englischen Militärs beruhigte sich die Situation. Rudolf A. bekam vorübergehend eine Arbeitsstelle am Hafen und wurde dort mehrfach befördert. Dann engagierte er sich bei der UNRRA, in einem DP-Camp war er für die Organisation des Rückwegs jüdischer Überlebender in ihre Heimatdörfer zuständig. Auf den Listen der Überlebenden fand er auch Namen der Mitglieder der Familie Kounio. Er nahm sofort Kontakt mit ihnen auf und schaffte es mit Zurückhaltung und viel Zeit, wieder Vertrautheit und Nähe zu schaffen.
Das Leben normalisierte sich. Innerhalb von drei Monaten holte er seinen Schulabschluss nach, heiratete Erika Kounio und gemeinsam eröffneten sie ein Schreibwarengeschäft. Als er 1948 für vier Jahre zum Militärdienst eingezogen wurde, musste seine Frau das Geschäft alleine weiter führen. Sie bekamen zwei Kinder. Erikas traumatische Erlebnisse und der Umgang der Gesellschaft mit Deportation und Ermordung des größten Teils der jüdischen Gemeinde wurden für sie und die Familie zu einem wichtigen Thema: Nachdem sie, wie viele andere Überlebende auch, zunächst nicht über das Erlebte hatte sprechen wollen und sich von Fragen bedrängt fühlte, musste sie bald darauf die Erfahrung machen, dass ihr nun niemand mehr zuhören wollte oder das Gesagte glaubte. Aus diesem Grund führte sie auf eigene Faust Interviews mit Überlebenden durch, um durch diese Augenzeugenberichte Beweise zu sammeln. Ihren Kindern, um deren Sicherheit sie sich stets sorgte, erzählte sie früh von der Verfolgungszeit, gemeinsam besuchte die ganze Familie die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau.
Das Auftreten der deutschen Soldaten während der Besatzungszeit wurde von den Griechen anfangs belächelt, manchmal sah man sie in Reih und Glied in Badehosen zum Strand marschieren. Doch dann verbreiteten sich die Nachrichten über von ihnen vorgenommene so genannte Vergeltungsmaßnahmen und Massaker, wie das an den Bewohnern des Dorfes Chortiatis. Für die Verfolgten gab es keinen Ausweg, denn auch im italienisch besetzten Teil Griechenlands gab es antijüdische Maßnahmen. Der gesamte jüdische Besitz, Geschäfte, Häuser, Wohnungen und deren Inventar, wurden noch am Tag der Deportation geplündert. Die Stadt war innerhalb von kürzester Zeit wie ausgestorben – 50000 Menschen fehlten.
Nur zwei der Freunde von Rudolf A. überlebten die Verfolgung, den einen traf er Jahre später in Israel wieder.