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Erika Myriam Amariglio (*26.03.1926, Thessaloniki)

Signatur
01098/sdje/0009
Institut
Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin
Sprache
deutsch
Ort und Datum der Aufnahme
Thessaloniki, den 7. September 2009
Dauer
02:06:10
Interviewter
Erika Myriam Amariglio
Interviewer
Daniel Baranowski , Ulrich Baumann
Teilnehmer am Gespräch
Rudolf Amariglio
Kamera, Licht und Ton
Uwe Seemann
Redaktion
Barbara Kurowska
Transkription
Barbara Kurowska

Im Frühjahr 1943 wurde Erika A. aus Thessaloniki ins KZ Auschwitz-Birkenau deportiert. Bei ihrer Ankunft beobachtete sie, wie die Deutschen die mitgebrachten Familienfotos der Deportierten mit Stiefeln traten – als würden sie sie töten. Dieses Bild verfolgte sie ihr Leben lang. Erika A. wurde 1926 in einer säkularen deutsch-griechischen Familie in Thessaloniki geboren. Jeden Sommer besuchte sie ihre Großeltern in Karlsbad, bis zu deren Flucht nach Griechenland 1938. Mit dem deutschen Einmarsch in Griechenland 1941 begann für Erika A. die Verfolgung: Ihr Vater wurde kurzzeitig verhaftet, und allmählich wurden immer schärfere antijüdische Gesetze erlassen. Im Februar 1943 zog die Familie ins Ghetto, und schon einen Monat später wurde sie ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Dort verrichtete Erika A. fast zwei Jahre lang Zwangsarbeit in der Politischen Abteilung als Dolmetscherin und Bürohilfe. Bei der Auflösung des Lagers wurde sie auf einen Todesmarsch nach Ravensbrück getrieben, wo sie wenige Wochen lang in der SS-Küche arbeiten musste. Im Mai 1945 erlebte sie zusammen mit ihrer Mutter die Befreiung durch die Rote Armee in Malchow. Sie kehrten nach Thessaloniki zurück, wo sie mit Vater und Bruder wieder vereint wurden. Für Erika A. war es immer wichtig, über das Erlebte zu sprechen, doch viele Jahre lang wollte niemand in ihrer Umgebung zuhören. Erst in den 1980er Jahren schrieb sie ihre Erinnerungen nieder. Zum Zeitpunkt des Interviews war sie 83 Jahre alt.

Vorkontakte

Kontakte zur Familie A. gab es von Seiten der Stiftung seit mehreren Jahren. Zudem fanden telefonische Vorgespräche und eine mehrmonatige E-Mail-Korrespondenz statt.

Bedingungen

Das Interview fand in der Wohnung von Erika A. in Panorama, in der Nähe von Thessaloniki, statt.

Gruppensituation

Anwesend sind die beiden Interviewer, ein Techniker (Uwe Seemann) und der Ehemann von Erika A., der während des Interviews mehrmals angesprochen wird.

Unterbrechungen

eine Unterbrechung

Protokoll

Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas

Daniel Baranowski

[0:00] wir haben heute den siebten September 2009 sind in Thessaloniki Griechenland und führen für das Projekt »Leben mit der Erinnerung« ein Interview mit Erika Myriam A   ähm mein Name ist Daniel Baranowski von der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden

[0:16] Europas ich führ das Interview zusammen mit Ulrich Baumann Uwe Seemann ist für die Kamera zuständig [Schnitt]

[0:23] gut Frau A vielleicht sagen Sie uns als Erstes wann Sie geboren sind und erzählen was von Ihren Eltern

Erika Myriam Amariglio

[0:33] ich bin geboren 36sten sech- n- sech- drei- 26sten März 1926 bin 83 Jahre alt und bin geboren hier in Thessaloniki   seit   ich ähm ich hatte eine wunderschöne Kindheit unser Haus liegt lag direkt am Meer und wir hatten herrliche Sommer die sehr sch- schnell

[1:02] angefangen haben schon Ende April Mai   und   alle unsere Freunde und die Nachbarschaft kamen in unser Haus zu schwimmen und wann hatten wirklich eine sehr schöne Jugend [betont:] ohne dass wir jemals irgendwie versteh- v- äh   irgendwie äh   als Juden be-

[1:25] extra behandelt wurde unsere Freunden waren Christen und Juden und es war überhaupt keine Unterscheidung ich wusste dass dass wir Juden sind wir waren keine religiöse Juden wir waren äh   äh   säkulare

Ulrich Baumann

[1:45] mhm mhm

Daniel Baranowski

[1:48] [gleichzeitig:] ja säkularisiert

Erika Myriam Amariglio

[1:49] unsere Eltern und wir feierten nur die große Feiern so wie d- das Ende des Jahres Rosch ha-Schana und dann die große Feier Jom Kippur und natürlich Pessach mit unseren E- Großeltern meine Mutter war äh kam war keine sepharadische Ju- äh Jüdin sepharadische

[2:12] Juden hießen die Juden die aus Spanien äh in tausend- äh 492 aus St- aus Spanien gejagt wurden und kamen in der Mediterrane also und in verschiedenen äh [hält die Hand hoch] machen wir eine Pause ?

Daniel Baranowski

[2:32] mhm

Erika Myriam Amariglio

[2:34] ich [Schnitt] so wie ich gesagt hab die äh äh die sepharadischen Juden die und mein Vater war von dieser Familie sind 1492 nach äh gejagt worden und die Familie meines Vaters kam in Thessaloniki ungefähr 20000 Juden sind damals in Thessaloniki gekommen

[2:59] und äh das war eine sehr große Zahl denn Saloniki selber hatte sehr wenige äh inhab- äh Be-

Ulrich Baumann

[3:10] [gleichzeitig:] Einwohner

Erika Myriam Amariglio

[3:12] Bewohner war war damals sehr klein und waren Griechen Christen   und Türken und dann kamen die Juden die äh viel viel mehr waren als die Ch- die waren mehr als die zwei die Christen und die Türken   also das ist von der Geschichte von Saloniki

[3:31] aber ich werde

[3:34] meine Geschichte erzählen mein Vater hatte ein Fotogeschäft und er ist äh   damals 1923 glaube ich 24 äh ging immer in der Leipziger Messe für s- um für sein Geschäft Waren zu kaufen und dort war ein Cousin von ihm und äh hat wollte mit ihm ist mit

[3:58] ihm am Abend zusammen ausgegangen und so hat er meine Mutter kennengelernt die äh im zweiten Jahr Studentin war von Medizinstudentin war sie lebte in Karlsbad aber studierte in Leipzig so hat er meine Mutter kennengelernt und das war eine Liebe wie man sagt

[4:15] kerawnovolos Rolli wie sagt man [schaut nach links]

Daniel Baranowski

[4:19] auf den ersten

Rudolf Amariglio

[4:21] äh

Erika Myriam Amariglio

[4:23] Blitz

Daniel Baranowski

[4:26] auf den ersten Blick

Ulrich Baumann

[4:28] [gleichzeitig:] auf den ersten Blick

Erika Myriam Amariglio

[4:30] auf den ersten Blick

Ulrich Baumann

[4:32] [lacht] ja

Erika Myriam Amariglio

[4:35] sie hatte sie hat ihm so g- geliebt dass sie die Studien gelassen hat nicht aufgehört und das war für sie ein sehr sehr großes Opfer und ist nach Saloniki gekommen und Saloniki damals war wie ein großes Dorf aber wirklich ein großes Dorf da kam die äh

[4:43] äh meine Mutter war halb Österreicherin von ihrer Großmutter sie war meine Großmutter war aus Wien und unser äh Großvater war von der Tschechoslowakei und er war ähm äh [fragend zu Rudolf A:] lochagos ?

Rudolf Amariglio

[5:01] äh   Hauptmann

Erika Myriam Amariglio

[5:03] Hauptmann in der Austro-Ungarische   Armee   d- die Sprache die sie sprachen obwohl sie in Karlsbad gewohnt haben in der Tschechoslowakei war Deutsch und ihre Erziehung war eine richtige deutsche Erziehung und sie kamen hier in dem großen Dorf von Saloniki

[5:21] und musste es überleben denn das war wirklich für sie ein Überleben aber sie hats geschafft sie war eine sehr starke Frau und sie hat sehr vieles geschafft   und äh also ich bin habe ich gesagt an in dem Haus geboren damals gab es keine Kliniken wo man

[5:43] geht nicht ? und ein Jahr nachher ist auch mein Bruder in die Welt gekommen und

[5:47] unsere Jugend war wirklich eine wunderbare Jugend mit viel Spiel mit Lernen alles zusammen wir hatten eine wunderbare Jugend und hatten keine Ahnung was unser Leben vorhatte   es

[6:04] war das Jahr 38 und damals und schon bevor wir haben gesehen dass unsere Eltern sehr unruhig waren   etwas ging nicht in Ordnung wir haben uns nicht sehr interessiert als Kinder g- des die Hauptsache war Spielen nicht wir hatten einen Klub wir waren sehr sehr

[6:25] tätig aber   wir haben gemerkt dass sie immer am Radio äh äh hö- dem äh also die Nachrichten am Radio hörten und nicht die griechischen nur Nachrichten sondern BBC   und äh sie haben sich sehr große Sorgen gemacht um unsere Großeltern sie lebten in

[6:45] Karlsbad und ich erinner mich im Jahre 38 sagte noch die Mutter »die Großeltern kommen« wir waren sehr glücklich dass sie kommen   aber unsere Eltern waren nicht glücklich und ich glaub sie selber die Großeltern waren auch nicht glücklich also 1938 kamen

[7:03] sie als äh äh refugees

Ulrich Baumann

[7:06] als Flüchtlinge

Daniel Baranowski

[7:08] [gleichzeitig:] Flüchtlinge

Erika Myriam Amariglio

[7:11] als Flücht- kamen sie als Flüchtlinge hatten nichts mehr ich erinner mich dass m- jeder trug seinen Koffer nichts ander   und keine Geschenke   da- das das war auch etwas ganz anderes wie wie sonst und sie wohnten bei uns   das Ra- das Radio hörte nicht auf

[7:28] zu sch- wenn der Vater zu Hause war das war Jahre acht- äh 38

Daniel Baranowski

[7:33] haben Sie verstanden warum die Großeltern zu Ihnen kamen ?

Erika Myriam Amariglio

[7:37] [gleichzeitig:] wir haben halb verstanden die die Mutter hat gesagt die können nicht mehr dort leben es wird äh sie hat nicht gesagt Krieg aber sie sie sie hat auch nicht erwähnt dass sie Juden sind   das das haben wir so wissen Sie durch die Kulissen sagen

[7:52] wir äh verstanden   aber sie kommen z- und leben weiter bei uns s- nein ich erinner mich gar nicht dass sie gesagt haben warum und wieso   und die große Freude dass wir die Großeltern zu Hause hatten das das war eine sehr große Freude

Daniel Baranowski

[8:12] hatten Sie die vorher besucht die kom- die kamen auch aus Karlsbad

Erika Myriam Amariglio

[8:16] wir gingen jedes Jahr in Karlsbad

Daniel Baranowski

[8:19] ja

Erika Myriam Amariglio

[8:21] jedes Jahr für einen Monat gingen wir mit meiner Mutter und blieben in Karlsbad mit den Großeltern und wir hatten ein sehr liebes und gutes Verständnis aber das war es ein Monat jedes Jahr genauso wie jetzt für meine Kinder und äh   natürlich sprachen

[8:36] wir Deutsch und äh die haben alles mögliche getan dass wir uns wohl fühlen   das äh das war bis im Jahre 38 dann hats natürlich aufgehört

Ulrich Baumann

[8:45] mhm

Erika Myriam Amariglio

[8:47] weiter in der Schule   ich glaube die die Eltern natürlich unser unser Großvater am meisten mit meinen Eltern hat das Radio gehört die ganze Zeit meine Großmutter war ein bisschen äh kränklich das Radio gehört dann was war der Krieg äh das haben wir

[9:10] a- mitge- äh miterlebt da ham sie uns ge- am 39 der Krieg in Polen und was wir auch gehört hatten ist dass etwas mitn Juden   durch die Nachrichten   äh da- das war die die Unruhe unserer Eltern   die Juden werden verjagt und alles wissen Sie so in einen Nebel

[9:33] aber wir wussten dass etwas mit den Juden los ist das hat uns weiter nicht gemacht wir haben weiter gespielt weiter mit unserem Klub wir haben Vorträge gehalten und

[9:44] dann kam der Krieg 39   mit Polen und 1940 war der Krieg mit Italien Griechenland mit Italien

[9:55] da waren wir schon 13 Jahre 14 Jahre da haben wir mitgemacht wir haben wir haben das sehr (wahr-) genommen wir haben immer die Nachrichten gehört und wir woll- wir haben die äh ich erinnere mich ich bin immer gegangen und wollte die Nachrichten lesen von

[10:13] allen Zeitungen meine Eltern haben eine Zeit- Zeitungen genommen und viele fremde Zeitungen und ich bin w- wir sind mit Freunde gegangen und haben die übrigen griechischen Nachrichten und da waren wir ganz stolz dass unsere Soldaten vorwärts gehen dass sie

[10:28] die Italiener äh sieg- äh siegen

Ulrich Baumann

[10:32] besiegen ja ja ja

Erika Myriam Amariglio

[10:34] wie besieg-

Ulrich Baumann

[10:36] [gleichzeitig:] besiegen genau

Erika Myriam Amariglio

[10:39] dass die die Italiener besiegen und dann wollten wir auch etwas mitmachen aber wir waren nur Kinder nicht ? und dann haben sie gesagt äh die Mädchen ich war die älteste also die Mädchen haben gesagt haben wir gefunden eine Dame die gesagt hat »gut ihr

[10:51] wollt helfen hier ist äh strickt äh Handschuhe äh für den Kopf äh«

Daniel Baranowski

[10:57] Mützen

Ulrich Baumann

[10:59] [gleichzeitig:] Mützen

Erika Myriam Amariglio

[11:02] »Mützen Mützen für den Kopf für die Soldaten und Strümpfe« so habe ich gelernt auch Strümpfe zu stricken und da haben wir wirklich den ganzen Tag gesessen und haben gestrickt und gesungen die Lieder die die wir hatten eine sehr große Sängerin und

[11:15] die hat Lieder gegen die Italiener gesungen da haben wir alle mitgesungen und gestrickt und gestrickt wie wie verrückt

Daniel Baranowski

[11:21] unter Ihren Freundinnen war eine die gesungen hat (damals)

Erika Myriam Amariglio

[11:24] nicht unter die Freundinnen das haben wir vom Radio gehört

Daniel Baranowski

[11:27] ach so

Erika Myriam Amariglio

[11:29] das war eine sehr berühmte Sängerin sie hieß Sophia Vembo und sie hat [betont:] wirklich äh s- äh schöne gute Lieder die die Leuten enthus- äh

Ulrich Baumann

[11:40] enthusiasmiert haben sozusagen

Erika Myriam Amariglio

[11:43] enthusiasmiert haben   das ist ein griechisches Wort

Rudolf Amariglio

[11:45] begeistert

Ulrich Baumann

[11:47] begeistert

Erika Myriam Amariglio

[11:50] und das war der der Krieg inzwischen   das war der Krieg mit Italien   das hat angefangen aber das macht nichts das ist Geschichte brauch ich nicht zu sagen aber der Krieg mit Italien hat äh gedauert bis 1941  

[12:06] 41 hat äh Deutschland   ich glaube Deutschland

[12:13] war die Schuld dass der Krieg mit Italien geendet hat und 1941 war die Invasion dass die Deutschen ins Land kamen   Griechenland die haben ein Land nach dem anderen okkupiert und es war der neunte April 41 dass die hier in Saloniki hereingekommen sind natürlich

[12:35] bevor   bevor sie reinkamen hat man das wird mein Mann besser erzählen hat man äh verschiedene hat man Feuer gemacht ver- äh vernichtet Sachen man hat äh   ich erinner mich das war sehr sehr in in mein Kopf dass äh apothikis wie sagt man a-

Rudolf Amariglio

[13:00] - La- La- Lager

Erika Myriam Amariglio

[13:02] ah Lager aufgemacht und man hat Fässer mit Öl rausgenommen und mit äh mit äh äh hat man Löcher gemacht so dass das Öl sich schüttelt damit es die Deutschen deu- die deutsche Armee nicht äh bringt und die Leute sind haben diese Fässer in der Straße

[13:20] haben sie sie äh   kylousan

Ulrich Baumann

[13:23] gerollt

Erika Myriam Amariglio

[13:25] gerollt ?

Ulrich Baumann

[13:27] ja

Erika Myriam Amariglio

[13:29] gerollt und natürlich so viel sie Öl nehmen konnten von den Löchern haben sie nehmen aber das ist ein Bild das ich nicht vergessen kann auf jeden Fall das wird ja mein Mann viel besser erzählen   und äh dann   Feuer waren sehr viele Feuer   und äh ich erinner

[13:46] mich wir sa- wir saßen an der Terrasse   am Meer und sahen wie die Feuer alle waren es es war ich kann das gar nicht beschreiben   äh unsere Eltern waren sehr sehr sehr sehr besorgt aber wir waren sehr sehr neugierig wir wir wussten nicht und äh wissen Sie

[14:06] es ist ein großer Unterschied die Kinder heute und die Kinder wie wir waren damals war es ganz anders die Kinder müssten nicht mit den Eltern zusammensitzen wenn Besuch war müssten wir vom Raum weggehen das das kennt ihr gar nicht [lacht] und unsere Kinder

[14:25] kennen das auch nicht aber wir die waren sehr sehr streng wir dürften keine Gespräche mit ihnen äh machen keine Fragen stellen das war g- ganz ganz anders und noch sehr sehr deutsch denn meine Mutter hatte eine richtige deutsche Erziehung und das hat sie

[14:42] weiter zu uns gebracht   ah und das war überhaupt g- auch für die andere Kinder die christliche Kinder die Christen und die jüdischen Kinder die nicht so wie wir waren Mischlinge sagen wir unsere Mutter war keine Griechin nicht ? aber wir waren noch sehr

[15:01] sehr äh wir waren richtige Kinder noch und wussten sehr wenig so so haben wir aber angefangen  

[15:08] und ich erinner mich   am neunten April 1941 ist äh ein groß- ein   ein großes Auto von der deutschen Armee gekommen und äh die ich weiß nicht ob es die SS waren

[15:28] oder Wehrmacht und die hatten hier große eiserne Plakate hängen und so ein K- äh Auto kam und stand in vor unserem Haus

Rudolf Amariglio

[15:37] Feldgendarmerie

Erika Myriam Amariglio

[15:40] hm ?

Rudolf Amariglio

[15:42] die Feldgendarmerie

Erika Myriam Amariglio

[15:44] Feldgendarmerie genau äh stand vor unser Haus   und äh sie suchten meinen Vater einer der äh Griechen die mit äh also die Kollaborateu- ein Kollabo- collaborator äh Grieche hat äh ein Deutschen gesagt dass mein Vater ein großes go- Fotogeschäft hat

[16:05] und die sind gekommen aber sie sind nicht gekommen weil er Jude war obwohl wir das gedacht haben und meine überhaupt meine Eltern aber sie sind gekommen um mitzunehmen u- uns Geschäft und um Filme zu geben und Apparate aber das haben wir erst nachher erfahren

[16:23] man hat ihn auf jeden Fall weggenommen ohne was zu er- »komm mit« und einfach weggekommen und ich erinner mich das war meine Resistenz ich wir hatten kleine Fahnen griechisch so ganz kleine für hier [zeigt auf die Brust] griechische und englische und ich

[16:40] hatte ich hatte alle meinen Freunden gegeben und hatte vier fünf noch in mein Zimmer da bin ich o- noch schnell am zweiten Stock gerannt und unten war meine äh äh meine Freundin und ich hatte ihr gesagt »ich werde dir das werfen du wirst das im Meer werfen«

[16:55] aber wo unten war da- das das Auto das deutsche Auto können Sie sich vorstellen wie blöd wir waren wir   wir hatten keine Ahnung auf jeden Fall ich dachte ich habe eine große Sache gemacht diese d- Fahnen loszuwerden   gut   das das war und bis d- der Vater

[17:17] dann zurückkam und wir wussten dass es nicht weil er Jude war dass er dass er äh dass man ihm ge- genommen hat und wieder zurückgebracht hat war es dass er eine Leica hat man ihm genommen und Filme und weiß ich was es war

Daniel Baranowski

[17:32] haben Sie an dem Tag dann mit Ihrer Mutter darüber gesprochen äh was mit dem Vater passiert

Erika Myriam Amariglio

[17:37] nein der Vater ist mit den Deutschen gegangen die Mutter ist nicht mit ihm und wir warteten alle meine Großeltern wir die ganze Familie wir wussten nicht sie haben nichts gesagt sie haben nur den Kounio genommen aber nach paar Stunden hat man ihn wieder zurückgebracht

Daniel Baranowski

[17:52] können Sie vielleicht kurz nochmal eben sagen wie Ihre Eltern hießen ? ich glaub Sie haben noch gar nicht die Namen Ihrer Eltern gesagt

Erika Myriam Amariglio

[17:58] bitte bitte ?

Daniel Baranowski

[18:00] können Sie kurz nochmal sagen wie Ihre Eltern hießen weil Sie glaube ich noch gar nicht die Namen

Erika Myriam Amariglio

[18:02] [gleichzeitig:] ah meine Mutter der Name meiner Mutter war Helene aber man rufte sie Hella   Hella Löwy   mein Großvater war   so wie er sich immer vorgestellt hat Doktor Herr Ingenieur Ernst Löwy und meine Großmutter hieß Therese und äh ja mein Va-

Rudolf Amariglio

[18:23] [unterbricht:] (_) Babas

Erika Myriam Amariglio

[18:25] hm ?

Rudolf Amariglio

[18:27] ke o Babas sou

Erika Myriam Amariglio

[18:30] mei- ich hab gesagt meine Mama

Rudolf Amariglio

[18:32] und Vater

Erika Myriam Amariglio

[18:34] ah der Va   mein Vater Salvator

Daniel Baranowski

[18:36] Salvator mhm okay

Ulrich Baumann

[18:38] und äh

Erika Myriam Amariglio

[18:40] [gleichzeitig:] und mein Bruder der hieß er sa- er Heinz Erich und wir ruften ihn (Bubi) und noch jetzt ruf ich ihn (Bubi)

Ulrich Baumann

[18:43] und äh beide Familien waren jüdischer Religion also die

Erika Myriam Amariglio

[18:47] [unterbricht:] ja beide Familien waren rü- jüdischer Religion aber die Großeltern waren Aschkenasi und meine Großeltern vom Vater waren die sepharadische Juden nicht ?

Ulrich Baumann

[18:56] mhm mhm

Erika Myriam Amariglio

[18:58] und das war ein großer Unterschied es war die die haben damals auch meine Großeltern haben nur Spanisch gesprochen

Ulrich Baumann

[19:04] die griechischen Großeltern oder die Saloniki

Erika Myriam Amariglio

[19:07] die gre- die griechische Großeltern

Ulrich Baumann

[19:09] mhm

Erika Myriam Amariglio

[19:11] aber sie sprachen sehr schlecht Griechisch sehr schle- und sehr gut Spanisch ich hatte leider keinen großen Kontakt mit meiner Großmutter und Großvater weil ich äh nicht mit ihnen richtig sprechen konnte ich erinner mich noch meinen Großvater als wir

[19:24] spazieren gingen und er hat ein bisschen mehr Griechisch gewusst da haben wir ein bisschen gesprochen aber nicht viel und meine Großmutter hat sie hat mich auf ihren Schoß gegeben ge- und ich hab nicht mit ihr sprechen können ich hatte keinen Kontakt

Ulrich Baumann

[19:38] und ähm die die anderen Kinder die anderen jüdischen Kinder die Sie auch erwähnt haben ähm sprachen die auch Griechisch oder

Erika Myriam Amariglio

[19:48] und Spaniolisch

Ulrich Baumann

[19:51] und Spaniolisch

Erika Myriam Amariglio

[19:53] und Spaniolisch ich sage Ihnen wir hätten auch wenn unsere Mutter eine sepharadische Jüdin wäre hätten wir auch Spaniolisch gesprochen denn wir mein Vater hatte eine sehr große Familie es waren sieben Kinder und äh von den sieben Kinder waren drei äh

[20:07] Männ- Jungens und äh die anderen waren Mädchen und die waren alle verheiratet und äh hatten viele Kinder es waren die ganze Familie von meinem Vater war waren 22 Personen

Ulrich Baumann

[20:19] ah ja ja

Erika Myriam Amariglio

[20:24] und die wurden alle vernichtet im Lager   von den 22 Personen äh 22 Personen wurden vernichten sind nur wir vier   zurückgekommen und das war wieder ein Zufall auf jeden Fall ich werde jetzt langsam kommen wo wir waren äh  

[20:42] man hat al- ich hab gesagt äh die

[20:47] Großeltern äh die Deutschen kamen   und äh da fing wir meine Eltern waren sehr nicht nur meine Eltern die ganze Gemeinde waren sehr sehr ängstlich aber langsam langsam als die äh Tage vergingen hatten wir überhaupt nichts gehört gegen die Juden   und

[21:07] das Leben ging weiter   so gut für alle Leute   es war Okkupation man sah die äh die Autos die Tanks nicht es war nicht genug zu essen aber da- wir gingen in der Schule   wieder normal es war und äh ich hörte noch wie meine Mutter sagte zu meinem Vater »Gott

[21:30] sei Dank mach- b- bringen sie machen sie führen sie nicht hier die Nürnberger Gesetze« und das war das Gescheite und so sind wir wie die äh wie man sagt wie die Schafe ins ins Lager gekommen sie haben die Leute beruhigt und die haben gesagt und obwohl

[21:51] s- man wusste von den Nürnberger Gesetzen aber man wusste hatte keine Ahnung keine Ahnung das habe ich erst nachn Krieg richtig festgestellt was los äh was los war was war Auschwitz was war Treblinka das haben die gar nicht gewusst die wussten nur dass man

[22:10] die Juden äh   jagte aber es war alles ganz normal und mein Vater ging weiter ins Geschäft und ein guter Freund von ihm   aber sehr guter Freund äh hat mein Vater hat an diesen Freund äh sein Geschäft übergeben   äh verkauft aber das war äh [gestikuliert]  

[22:34] zwischen Freunde aber er hats verkauft

Daniel Baranowski

[22:39] auch in der Schule ähm

Erika Myriam Amariglio

[22:43] hm ?

Daniel Baranowski

[22:45] ist alles normal geblieben in der Schule ist alles normal (geblieben)

Erika Myriam Amariglio

[22:47] in der Schule war alles normal geblieben u- ich sage Ihnen wir waren auch sehr sehr tätig wir hatten einen Klub und hatten äh manches gemacht und wir wir wir [betont:] machten weiter

Ulrich Baumann

[22:58] was haben Sie in dem Klub gemacht eigentlich

Erika Myriam Amariglio

[23:00] der wir wa- es war ein Klub äh wir wir haben das sogar die äh »Saloniker« genannt und äh wir haben verschiedene Gerede wie sagt man V- äh Vorträge gehalten und äh d- wir haben äh im Meer agones ach die (Wort) Rolli ?

Rudolf Amariglio

[23:20] äh Sportkämpfe

Ulrich Baumann

[23:22] mhm mhm

Erika Myriam Amariglio

[23:25] ja wir haben wer schnell schwimmen wird schneller schwimmen wird und wir haben äh vom Meer sind wir wer am b- am besser springen kann nicht ? wir haben Medaillen gegeben und da sind auch andere Kinder gekommen die nicht im Klub waren und Volley haben wir damals

[23:43] gespielt viele Sachen haben wir gemacht aber das war für uns sehr ernst und natürlich für die Soldaten haben wir wie- wieder für den Klub und manche von den Kindern habe ich   später also in der Befreiung gehört die haben in die haben mit der in der Resistenz

[24:01] haben sie gearbeitet für Kinder

Ulrich Baumann

[24:04] das waren christliche und jüdische Kinder in Ihrem Klub

Erika Myriam Amariglio

[24:07] [gleichzeitig:] ja ja christliche und jüdische Kinder   christliche und jüdi- und äh das waren äh d-   ich erinner mich wir waren zwei jüdische Kinder die äh die Gründer waren mit den christlichen Kindern wir waren sieben Kinder die zwei waren Juden  

[24:23] nicht ? ich und noch eine Freundin von mir und alle andere war Christen aber das das hatte wir haben das gar nicht daran gedacht was was das heißt Christen und Juden das sag ich erst nachn Krieg damals haben wirs gar nicht verstanden  

[24:37] dann äh   das war bis

[24:43] zum Jahre 42   also die waren im April gekommen gerade nach einem Jahr da da ist etwas geschehen was was wirklich unnormal war man hat alle jüdische Männer von 18 oder

Rudolf Amariglio

[25:00] alle aber man hat die ausgesucht

Erika Myriam Amariglio

[25:02] von 18 bis 45 ?

Rudolf Amariglio

[25:05] ja aber die mussten alle hin

Erika Myriam Amariglio

[25:08] müss- muss ja alle ohne Aus- und müssen sich vorstellen am Frei- äh an dem Platz am Freiheitsplatz was Sie gestern noch gefragt haben nicht ? alle und da haben mein Vater der war noch nicht 45 und meine Mutter haben ich erinner mich dass sie so gesprochen

[25:26] haben die waren sehr aufgeregt und hat gesagt mein Vater »ich werde mich nicht äh vorstellen« meine Mutter hat gesagt »nein nein nein du wirst dich nicht vorstellen« auf jeden Fall da haben wir gehört aber das kam zu uns Kindern nicht so   furchtbar wie

[25:45] es in Wirklichkeit war wie ich es nachher gelesen hab äh man hat sie dort sehr schlecht äh behandelt die die wurden zwei oder drei Tage in der Sonne stehen geblieben und äh äh die müssen Übungen machen und wenn jemand seinen Schweiß oder einen Hut anziehte

[26:04] hat man ihm ge- geschlagen die Hunde geschickt äh also gejagt gegen ihn es es war es war eine eine richtige Hölle eine richtige Hölle und äh immer wieder erinnere ich mich wie mein Vater und meine Mutter darüber gesprochen haben und da haben wir auch

[26:24] mehr aufgepasst was geschehen was äh war   das was ich nicht alles mitgemacht hab ist die Behandlungen und wie wie sie wie das aufgehört hat aber wir haben gehört dass sie viele sehr viele geschickt haben zur Zwangsarbeit ich glaube es waren sieben- sechs-

[26:45] bis 7000 junge Männer nicht ? die gegangen sind

Rudolf Amariglio

[26:48] ich weiß nicht

Erika Myriam Amariglio

[26:50] ja ich glaube auf jeden Fall ich kann nicht jetzt nicht äh richtige Nummer sagen aber es waren viele sehr viele kra- sehr viele sind gestorben von äh schlechte Behandlung von Malaria von Hunger   und dann mit Merten hat die Gemeinde irgendwas gemacht das

[27:10] können Sie speziell lesen ich werde nur meine Geschichte erzählen auf jeden Fall hat es a- aufgehört das hat drei vier Monate fünf Monate gedauert nicht Rolli ?

Rudolf Amariglio

[27:23] ja die haben die äh Gemeinde hat sie freigekauft

Erika Myriam Amariglio

[27:26] auf jeden Fall die Gemeinde hat bezahlt sehr sehr viel Geld und äh aber sehr viel Geld sehr sehr viel Geld und äh   d- das hat aufgehört was äh die Leute die zurückkamen kamen zurück die Leute die zurückkamen sehr viele waren schon tot und dann ging

[27:48] eine Zeit etwas wieder ruhiger nichts gegen die Juden   wa- was ich mich sehr erinnere und was mich sehr sehr großen Eindruck gemacht hat ist als ich mein Buch geschrieben habe   ich dachte dass die Sammlung der Juden ich dachte   Monate gedauert hat   aber als

[28:16] ich anfing mein Buch zu schreiben wollte ich ganz sicher sein dass ich was ich schreibe hundert Prozent so ist wie es die Geschichte war und ich erinner mich ich hab das Buch erst von äh Molho gelesen   und dann andere Bücher   das war Ende   Dezember 1943

[28:39] Ende Dezember   am zwanzigsten äh am ich hab vergessen zu sagen dass meine Großmutter gestorben ist im Dezember 42 sie war krank und Gott sei Dank sie ist in ihrem Bett gestorben aber das war ein großer Verlust wieder für uns  

[28:59] und äh dann am äh im Dezember

[29:07] 43

Rudolf Amariglio

[29:09] nein

Erika Myriam Amariglio

[29:11] ja Dezember 43 Rolli hat mein Vater gesagt eine Komission

Rudolf Amariglio

[29:15] [unterbricht:] 42

Erika Myriam Amariglio

[29:17] 43

Rudolf Amariglio

[29:19] 43 ichate fygi

Erika Myriam Amariglio

[29:22] ah 42 du hast Recht ja ja ja   ist gut dass er da ist [lacht]   ja 42 er hat Recht 42 kam mein Vater ganz aufgeregt es war kurz vor Weihnachten   und er ging jeden Tag in der Gemeinde und sagt äh »die Kommission Wisliceny« das erinner ich mich noch von damals

[29:45] äh »wird kommen oder ist gekommen«   und er war sehr sehr aufgeregt die Kommission Wisliceny ist gekommen das war Ende Dezember   Anfang äh Januar   plötzlich fing es an   die Juden müssen alle einen gelben Stern tragen plötzlich waren da gelbe Sterne

[30:12] für nicht nur für den Mantel aber auch fürs Kleid im Haus von der Gemeinde schon vorbereitet ich werde nichts von der Gemeinde erzählen das ist alles Geschichte aber wie es zu uns äh äh direkt kam da müssen wir die Sterne tragen und ich erinnere mich

[30:30] noch meine Mutter sie war eine sehr große Optimistin »na gut werden wir die Sterne tragen wir sind stolz dass wir Juden sind«   sagte meine Mutter   dann hats angefangen die Juden dürfen nicht äh äh die äh also die Straßenbahn die dürfen nichts äh

[30:50] von äh von der

Ulrich Baumann

[30:52] die Straßenbahn benutzen

Erika Myriam Amariglio

[30:54] ja nichts äh nicht benützen   aber das ging alles schnell nicht ? äh nach längerer Zeit dann hieß es alle Juden sollen äh in Ghettos kommen und die die die und man hat angezeigt welche Ghettos (fin) es waren drei oder vier Ghettos ungefähr ich weiß nicht

[31:15] auf jeden Fall wir waren ich weiß a- ich musste es wieder sehen damals m- m- wir waren außerhalb der Ghetto

Daniel Baranowski

[31:23] Sie wohnten immer noch in dem Haus am Meer

Erika Myriam Amariglio

[31:25] immer Haus am Meer   wir gingen immer noch in der Schule   ich erinner mich noch als wir mitn gelben Stern in der Schule kamen wie lieb unsere äh   äh Lehrer waren   nicht aber das für (kurze)

Ulrich Baumann

[31:42] [unterbricht:] und die Schüler die anderen Schü- die anderen Schüler

Erika Myriam Amariglio

[31:44] [gleichzeitig:] die anderen Schüler nichts nichts wir waren wir waren äh nein unsere Schüler die christlichen Schüler nicht überhaupt ni- wir waren die uns- also jeder der mit seinen Freunden zusammen wir hatten kleine äh so äh so wir haben gesprochen

[32:01] wir d- a- die eine hat gesagt »mein Vater ist zurückgekommen vom Militär« nicht ? d-   aber weiter nichts wir sind nicht lange Zeit dort gegangen ungefähr zwei Wochen dann sind die ha- haben wir sind wir ins Ghetto reingegangen mein Vater hat versucht ein

[32:21] Haus zu finden für die Familie und hat nichts finden können außer ein kleines Haus Haus kein Apartment äh das äh gerade uns vier hatte nur zwei Zimmer und den Großvater inzwischen war meine Großmutter gestorben und der Großvater äh wurde in einer

[32:41] christlichen Familie im Ghetto denn das Ghetto da waren auch Christen drinnen äh aber sehr viele jüdische Familien äh eine aus Bulgarien das waren Christen aus Bulgarien die dort die haben meinen Großvater genommen der hat gemietet ein Zimmer und hat mit

[33:00] ihnen gelebt und wir waren in diesem kleinen Haus   das dauerte auch nicht mehr lange wir waren da zwei Wochen am Anfang sind wir noch in der Schule gegangen dann ist es äh äh war Sperre wir dürften nicht ausn Ghetto raus   natürlich mein Vater konnte nicht

[33:18] mehr ins Geschäft aber er hatte inzwischen das gemacht mit seinem Freund und dann sind wir im Ghetto haben wir gelebt   sagen wir dass Ende Dezember Anfang Januar sind wir im Ghetto gegangen und plötzlich am   zehnten   März da war schon   ja   am achten Februar

[33:46] das ist was mich so imponiert hat am achten Februar müssten wir ins Ghetto das war nicht im Januar achten Februar aber das ging alles so schnell   ich dachte es waren Monate vorbei vom Dezember bis dem achten Februar und das war so eine kurze Zeit mu- dürften

[34:05] wir nicht mehr aus dem Ghetto und haben da im Ghetto gelebt

[34:08] und am zehnten März sin- haben wir einen Monat gelebt inzwischen sind wir noch in der Schule gegangen unsere Freunde haben uns besucht Rolli der der war ein Kindfreund seine Mutter war eine Deutsche

[34:23] und die waren mit meiner Mutter sehr befreundet und äh da kam er auch zu Hause als äh   als Freund nicht [an Rudolf A gewandt:] und du hast uns auch mal im Ghetto besucht nicht ? so so viel ich mich erinnere es was alles sehr confusing wissen Sie sehr äh

Daniel Baranowski

[34:41] das heißt Ihren um das nochmal kurz zu fragen Ihren Mann kannten Sie damals schon das ist ein Jugendfreund sozusagen

Erika Myriam Amariglio

[34:47] [gleichzeitig:] ja ja ja das habe ich vergessen zu sagen das das hab ich vergessen zu sagen und das war auch [an Rudolf A gewandt:] vielleicht wirst du es sagen auf jeden Fall äh des weil meine Mutter äh sie gehörte äh sie hat sich so äh f- fremd gefühlt

[35:00] nicht ? und da ist sie in den deutschen Klub gegangen und da war so ein Klub ein internationaler Klub und da waren Engländer Franzosen Italiener und äh im deutschen Klub natürlich war auch seine Mutter und sie haben sich kennengelernt und äh da sind sie

[35:16] haben sie dann Besuche gemacht auch nicht   so so haben wir uns so kennen wir uns schon von Kinder an auf jeden Fall man hat uns noch besucht im Ghetto

Ulrich Baumann

[35:26] wo wo war das Ghetto in äh in Thessaloniki

Erika Myriam Amariglio

[35:31] das war in äh Misrachi-Straße aber wie kann ich Ihnen sagen wo es war dort wo in der Nähe von der deutschen Schule damals

Ulrich Baumann

[35:38] also im Stadtzentrum oder etwas außerhalb ?

Erika Myriam Amariglio

[35:40] [gleichzeitig:] nein nein nein außerhalb

Ulrich Baumann

[35:43] außerhalb

Erika Myriam Amariglio

[35:45] außerhalb dort war die deutsche Schule in der Nähe [an Rudolf A gewandt:] nicht ?

Rudolf Amariglio

[35:47] (es gab) die verschiedenen

Erika Myriam Amariglio

[35:49] hm ?

Rudolf Amariglio

[35:52] es gab in (__)

Erika Myriam Amariglio

[35:55] [gleichzeitig:] in dem Ghetto in dem wir gegangen sind das wirst du besser erzählen Rolli dieses Ganze ich werde nur meine ei- f- äh Sa- Sachen sagen   Rolli ist ein sehr guter Historiker Erzähler und äh

Daniel Baranowski

[36:01] ist das das Baron Hirsch Ghetto gewesen ?

Erika Myriam Amariglio

[36:04] Baron Hirsch war das letzte Ghetto und das war mit Stacheldraht das war am sp- Bahnhof

Daniel Baranowski

[36:10] ah ja

Erika Myriam Amariglio

[36:13] dort war das Ende wer in Baron Hirsch Hirsch kam der war um mit den Zügen weg zu gehen

Ulrich Baumann

[36:17] das heißt das war jetzt noch davor das war ein anderer ein anderer Ghettobereich und

Erika Myriam Amariglio

[36:22] ja dort wohnten auch Leute nicht

Ulrich Baumann

[36:24] ja

Erika Myriam Amariglio

[36:27] und das ist ein Ghetto geworden aber mit Unterschied von den anderen Ghettos das wurde mit Stacheldraht äh   äh

Ulrich Baumann

[36:31] das Baron Hirsch

Erika Myriam Amariglio

[36:34] das Baron Hirsch der andere Ghettos das haben gesagt von dieser Straße zu dieser Straße und das ist für die Juden nicht und das war da waren an verschiedenen Plätzen Rolli kanns Ihnen dann   an der Karte zeigen aber wir in unseren Ghetto wo wir waren nicht  

[36:52] und ich sagte noch von meinem Großvater und das war dann der fünfze- am achten also sind wir durften wir nicht mehr von dem Ghett- sind wir im Ghetto und langsam langsam nicht mehr raus

[37:06] und am fünfzehn- am zehnten März zehnten März   sind äh ist eine  

[37:13] also eine Gruppe von Deutschen gekommen nicht ? und die haben gesagt »sammelt alle eure Sachen«   nicht eure Sachen »ihr dürft jeder ein ein Sack« oder ich erinner mich nicht wir hatten nicht Koffer in einen großen   Sack »was was ihr schleppen könnt«

[37:34] und uns vier nur uns vier und ich erinnere mich noch wie meine Mutter sagte »sprich nicht vom Großvater ! vom Vater« der war in anderm Haus

Daniel Baranowski

[37:45] das heißt Sie vier waren Sie Ihr Bruder und Ihre Eltern

Erika Myriam Amariglio

[37:51] mein Vater und meine Mutter nicht ? und da sind wir mit äh zwei äh ich weiß nicht ob das Wehrmacht war oder SS also zwei Soldaten haben uns gebracht zum Baron Hirsch   das war eine Strecke eine wir sind eine Stunde ungefähr   gegangen und schleppten unsere

[38:11] Sachen durch die Stadt bis wir dorthin angekommen sind und das war voll   voll sie hatten keinen Platz für uns und ich erinnere mich meine Mutter war so verzweifelt man hat uns in ein Café gestellt ein altes Kaffeehaus das äh keine Stühle hatte keine äh

[38:31] Tische nichts war drinnen es war leer und es war es hat geregnet und der Regen kam drei- äh äh rein vom Dach es war ein Zustand ein furchtbarer Zustand und wir sind in einer Ecke gegangen und unsere Sachen gelegt wo es trocken war   meine Mutter war ganz

[38:51] verzweifelt das war das erste Mal was ich gesehen hab unsere Mutter die immer sehr sehr viel Mut hatte sehr viel Mut hatte dass sie so verzweifelt war und äh mein Vater ist gleich gegangen dort jemanden zu finden von der Gemeinde und ist noch verzweifelter

[39:07] zurückgekommen und hat gesagt »es ist nichts äh ich kann keinen kein Zimmer finden es ist alles so voll wir müssen uns hier äh zurechtmachen« und ich jemand hat Decken gebracht und haben wir uns da eine Ecke gemacht zum Schlafen und das hat gedauert

[39:27] für vier Tage

Daniel Baranowski

[39:29] darf ich noch eine Sache fragen erinnern Sie sich an den Weg von dem ersten Ghetto in das zweite Ghetto sind Sie da alleine gegangen oder mit anderen zusammen

Rudolf Amariglio

[39:38] nein allein sind sie gegangen

Daniel Baranowski

[39:42] und Sie sind eine Stunde praktisch durch die Stadt gelaufen

Erika Myriam Amariglio

[39:44] ja no ganz alleine

Daniel Baranowski

[39:47] [gleichzeitig:] mhm und das Leben drumherum

Erika Myriam Amariglio

[39:49] [gleichzeitig:] ganz alleine ich werde Ihnen gleich sagen warum das geschehen ist

Daniel Baranowski

[39:51] mhm

Erika Myriam Amariglio

[39:53] das natürlich haben wir das nachn Krieg erfahren   denn als wir da weggingen hatten wir keinen Kontakt mehr gehabt einer der äh Kollaborateure der Deu- der   SS hat gesagt dass Kounio sein Geschäft verkauft hat und da haben sie gesagt »verhaften Sie die

[40:13] Familie« sie wussten genau was wir nicht ? aber sie haben uns vorher genommen ich weiß nicht ob sie noch mit meinem Vater gesprochen haben aber ich erinnere mich dass nichts davon war wir sind einfach ins Ghetto reingekommen aber einer der Kollaborateure

[40:30] hat uns v- äh äh verraten hat meinen Vater verraten so hat er gesagt d- ha- »nehmen Sie die Familie« deswegen sind wir dorthin gegangen für also für die nächsten vier Tage da hat man noch etwas geholfen äh mit Decken und das so dass wir a- ein bisschen

[40:51] leben konnten dort in diese Tage mein Vater ging jeden Tag in der also es war ein kleines Büro von von der Gemeinde dort in den   und hat mit den Leuten gesprochen und kam zu meiner Mutter es war der dritte oder vierte Tag und sagt »man wird uns abtransportieren

[41:14] und wir werden nach Polen in Krakau gehen   aber man hat mir gesagt dass sie dass wir nicht mit den ersten gehen können vielleicht äh wir können hier bleiben bis wir etwas äh dass wir e- dass etwas geschieht wegzukommen oder irgendwas«

[41:37] aber ich muss jetzt

[41:39] eine Parenthese machen damit ihr seht wie naiv wir waren und wie nicht gewusst hatten   was geschieht als sie das erste Mal uns den Stern gegeben haben   ist unserer Briefträger   ein Christe   zu meinem Vater gekommen zu Hause und sagt zu ihm »du Salvator keine

[42:06] guten Zeiten kommen   gib mir deine zwei Kinder ich bring sie in Veria« Veria ist eine Stadt außerhalb »wo meine Mutter wohnt und sie werden mit meiner Mutter wohnen in den wir haben ein Haus oben im Berg und wenn du zurückkommst findest du deine Kinder

[42:26] von mir äh trust me« hab

Ulrich Baumann

[42:31] Vertrauen

Daniel Baranowski

[42:33] [gleichzeitig:] Vertrauen

Erika Myriam Amariglio

[42:35] hab Vertrauen   und da hat mein Vater und meine Mutter gesagt »wo wir sind es werden unsere Kinder sein« und das ist was die ganzen die [betont:] meisten die meisten Juden so gedacht haben   da wird wieder mein Mann davon erzählen wie er versucht hatte äh

[42:57] ich gehe nicht mehr d- dran aber man man wollte die jung- viele junge Leute jüdische junge Leute sind in der in den Bergen gegangen   zu den äh wie sagt man

Rudolf Amariglio

[43:12] Partisanen

Erika Myriam Amariglio

[43:15] anta- bitte ?

Ulrich Baumann

[43:17] zu den Partisanen ?

Erika Myriam Amariglio

[43:19] [nickend:] zu den Partisanen   und sind wieder zurückgekommen um ihren Eltern zu helfen und sie nicht allein zu lassen wegzugehen können Sie sich das vorstellen ? das war das alle alle we- so weggegangen sind die die sind die es ist unglaublich wir hatten

[43:34] einen Freund der war mit den Partisanen für ein schon ein ganzes Jahr und als er gehört hat dass man die Juden äh äh nimmt also sammelt ist er wieder zurückgekommen zu seiner Familie

Ulrich Baumann

[43:49] erwähnen Sie auch in dem Buch genau ja ja

Erika Myriam Amariglio

[43:54] ja äh und dann ist er ins Lager gekommen und wo hat er gearbeitet in Sonderkommando   aber so ist es mit sehr sehr sehr vielen geworden

Daniel Baranowski

[44:04] haben Sie diese ähm Geschichte mit dem Briefträger nach dem Krieg erfahren oder ist das was was Sie selber ähm mitbekommen haben ?

Erika Myriam Amariglio

[44:14] welchen Brief ?

Daniel Baranowski

[44:16] mit dem Briefträger der ähm Ihrem Vater gesagt hat er könnte Sie in die Berge bringen

Rudolf Amariglio

[44:20] [gleichzeitig:] tachydromo

Erika Myriam Amariglio

[44:22] ah oh was war die Frage vorhin

Daniel Baranowski

[44:25] haben Sie das selber mitbekommen oder haben Ihre Eltern Ihnen das nachher erzählt

Erika Myriam Amariglio

[44:27] [gleichzeitig:] nein nein nein das hat unser Vater dann erzählt   unser Vater noch äh im Lager erzählt

Ulrich Baumann

[44:32] aha

Erika Myriam Amariglio

[44:34] äh nicht im Lager im äh im Ghetto al- im Baron Hirsch aber   nachher nachher

Ulrich Baumann

[44:42] mhm

Erika Myriam Amariglio

[44:44] ich lassen Sie mich nicht vergessen die Geschichte von meinem Großvater auch zu erzählen   aber ist noch nicht daran und äh also als mein Vater kam und sagte meiner Mutter ich wiederhole »wir können länger hier bleiben und brauchen nicht morgen mit- äh

[45:05] wegfahren« sagte meine Mutter »was geschehen wird soll geschehen ich kann [betont:] nicht mehr so weiterleben«   und das war unser Glück   oder Unglück auf jeden Fall unser Glück dass wir überlebt haben denn den nächsten Tag haben sie uns gesammelt ohne

[45:26] tu- wir wussten gar nicht wo wir gehen äh die äh die haben die SS haben gesprochen und haben gesagt »ihr werdet« also sie haben das den Rabbinern gesagt und der Gemeinde gesagt die Leute können auch ihr Geld bringen und »wir werden ihnen Zlotys geben«

[45:43] und die sollen warme Sachen nehmen denn in Krakau ist es kalt   dieses äh wissen Sie dies-   Zlotys also   die haben keine Ahnung gehabt später nachher als ich die Geschichte gelesen hab die Polen haben gewusst   die Russen und in Lit- Lett- die die drei Länder

[46:11] Lithuania die die haben gewusst d- dass die dass sie werden ermordet aber hier in Griechenland die haben [betont:] keine Ahnung gehabt und noch das was sie gesagt haben die Zlotys und unser Rabbiner scheinbar hat geglaubt auch dass es so sein wird hat er er

[46:34] hat nicht gesagt »verschwindet« sagen wir sondern hat gesagt »macht euch keine Sorgen« und »wir werden in Krakau gehen und wir ihr werdet dort arbeiten und dort gibt es auch andere Juden« hat er gewusst hat er nicht gewusst das weiß ich nicht ich persönlich

[46:49] glaube er hat nicht gewusst Übereifer   aber das ist eine das ist ein ein dunkler Punkt in der Geschichte

Daniel Baranowski

[47:01] und deswegen sind Sie auch in den äh in den ersten Zug mitgegangen

Erika Myriam Amariglio

[47:05] bitte ?

Daniel Baranowski

[47:07] und deswegen sind Sie auch in den ersten Zug mitgegangen ?

Erika Myriam Amariglio

[47:09] ja   im ersten und er äh   d- das waren äh das also diese Zahlen die sage ich nachträglich damals wusste ich nicht auf jeden Fall wusste ich dass es dreißig oder 35 Viehwaggons waren   das habe ich noch gehört als wir reingingen   aber   ich wollte was sagen

[47:32] und   gut ich erzähle so weiter und das wird wiederkommen   auf jeden Fall ich erinner mich wir hatten äh in nicht mehr Koffer sondern so in Decken Kleinigkeiten mitgenommen und mussten alle rausgehen   rausgehen von dem Ghetto nicht ?   zu den Zügen und

[48:03] das war ein f- furchtbarer furchtbarer   Blick das hat nicht lange gedauert bis zu den aber die Leute die Kinder die alten Leute die nicht gehen konnten und »schneller und schneller und schneller« bis wir vor den äh äh b- bis wir am Bahnhof waren vor den

[48:25] Waggons nicht und da müssten wir noch rein   gehen ich weiß nicht das das war das ging alles so schnell und die (___) the guard ? äh

Daniel Baranowski

[48:39] der Wächter

Erika Myriam Amariglio

[48:42] das waren keine SS wie wie hießen die damals   das waren keine SS und es war keine Wehrmacht

Daniel Baranowski

[48:49] Polizei einfach

Rudolf Amariglio

[48:52] [gleichzeitig:] Polizei (_)

Daniel Baranowski

[48:55] Schutzpolizei

Rudolf Amariglio

[48:57] [gleichzeitig:] Schutzpolizei Schupo

Erika Myriam Amariglio

[48:59] Poliz- ach Schupo genau Schupo

Ulrich Baumann

[49:02] Deutsche

Erika Myriam Amariglio

[49:04] und ja und da und da war einer Offizier und ich erinner mich noch äh sagte »kann jemand Deutsch« er konnte keine Befehle geben nicht ? und da hat sich mein Vater gemeldet und hat gesagt äh   hat   ja aber das ist schon vorbei und hat mein Vater gesagt

[49:21] äh »ich kann Deutsch« und meine Mutt- und äh »meine Frau spricht Deutsch und meine Kinder sprechen Deutsch«  

[49:30] aber da muss ich wieder zurück gehen das ist wirklich ein sehr   das zeigt wie mein Vater gedacht hat und ich hab ihn mal gefragt äh wie

[49:43] hat er so gedacht als die Polizei gekommen ist in neunten April 41 zu Hause und meinen Vater nahmen   haben sie gefragt   »ach wie alt sind die Kinder«   und er hat zwei Jahre weniger gesagt als das was wir waren   und da hat er gesagt »gut kommen Sie«   warum

[50:07] ich das sage als äh ich komm dann wieder zu das das kommt erst später also der Schupomann hat er der Offizier hat gefragt wer deutsch spricht keiner ha- konnte Deutsch die d- sie sprachen Spaniolisch Französisch sehr viel und wa- Griechisch aber Deutsch

[50:28] zu diesen Transport hat keiner gesprochen so hat d- dieser Schupooffizier meinen Vater immer an der Seite bei ihm gehabt dass er ihm die Befehle sagt äh d- als Dolmetscher   und da ist sagen wir   ein Verhältnis geworden   nicht ? äh sch- äh   sechs Tage oder

[50:53] fünf Tage ich bin nie sicher ob es fünf oder sechs Tage die wir unterwegs waren   es können auch sieben Tage gewesen sein auf jeden Fall diese Tage äh der dieser Schupooffizier hat immer meinen Vater äh mit ihm gehabt und immer sehr äh höflich mit ihm

[51:11] gesprochen

Ulrich Baumann

[51:13] der Schupooffizier ist mit in den Transport mitgekommen

Erika Myriam Amariglio

[51:15] ja er war der Leiter

Ulrich Baumann

[51:18] aha

Erika Myriam Amariglio

[51:20] des Transportes und seine Leute die aufgepasst haben   und so sind wir in dem Waggon reingekommen   alles ohne zu wissen was was was geschieht wir (wir) denken jetzt wir gehen nach Krakau als die Türen geschlossen haben   war kein Raum zu sitzen   es war unmöglich

[51:44] die Füße so zu geben wir wir waren so der eine neben den anderen und Kindern die haben geweint und Kranke   in unserem Waggon waren ungefähr hundert 98 hundert Personen und so waren in alle Waggons die 35 Waggons die äh ge- und es waren kleine äh Fenstern

[52:09] also wie sagt man leu- äh

Ulrich Baumann

[52:11] Schlitze

Erika Myriam Amariglio

[52:13] Schl- ja

Ulrich Baumann

[52:16] ja so

Erika Myriam Amariglio

[52:18] und die waren auch mit Stacheldraht   und so fingen wir an f- äh zum Essen ich erinner mich da war äh in der vor der Tür also die Tür war geschlossen da war ein Sack mit äh Zwieback galeta das war nicht äh ja eine Art Zwieback und äh   Feigen oder Rosinen

[52:41] irgendetwas das war unser Essen und zwei Eimer für d- als Toilette   es war   m- wir durften nicht runtergehen es wir der Zug blieb stehen aber wir dürften nicht runtergehen nur einmal hat man uns gelassen und das war für sie scheinbar bis die Leute alle

[53:03] wieder zurückkamen zu viel und da haben sie nicht nicht wieder die Türen aufgemacht aber es war eine Fahrt im Dunkeln die ganze Zeit ohne zu wissen wo wir gehen was wir t- werden und äh [gestikuliert]   furchtbar ich ich kanns Ihnen nicht beschreiben wenn

[53:23] Sie nur in unsere Stelle kommen können die Kinder zu sehen wie sie immer ge- geweint haben und geschrien haben und die Frauen   die kranken Frauen es waren zwei in anderen Umständen   ich weiß nicht genau was äh   unglaublich bei mir ist das nur ein Geschrei

[53:43] ein Dunkel und wann wird der Zug halten wann wird der Zug halten   das war es

Ulrich Baumann

[53:51] können Sie sich erinnern wann dieser eine Halt war in diesen Tagen ob war der erst dieser eine Halt wo Sie raus durften war der am Anfang der Fahrt nach einem Tag nach zwei Tagen oder

Erika Myriam Amariglio

[54:05] das war nach zwei drei zwei oder drei Tage   in einer Station wo wir stehen geblieben sind ich erinnere mich einer hat sein Kind genommen und sagte hat ihn auf die Schulter gegeben und ist direkt so dass er rauf sehen kann und sagte »kannst du was sehen was

[54:22] siehst du« und das Kind konnte nicht sagen es war irgendeine Station aber außerhalb der Station und er hat nichts sehen können ich erinnere mich noch wie er ihn so hochgehalten hat und wie furchtbar es war auf die Toilette zu gehen es war alles   ach ganz

[54:41] ganz ganz   entschuldigen Sie aber ich glaube ich da- ich denke jedes Mal ich hab das vorbei und dabei ist nicht vorbei das das macht mich immer sehr  

[54:52] und dann sind wir [seufzt] angekommen es war drei Uhr nachts in Birkenau   in Birkenau ja   da w- haben sie

[55:07] wieder meinen Vater gerufen   der Schupo   erst müssten wir runtergehen die Wa- die Waggontüren wurden aufgemacht alles runtergeworfen äh es waren Häftlinge damals haben wir nicht gewusst was das sind Häftlinge die waren ge- mit geschorenen Haaren und

[55:30] gestreifte -formen die sie trugen und die haben gesagt »lasst alles liegen und geht da vorwärts schnell« (liegen) ich erinnere mich da wa- ist ein Koffer gefallen und da sind lauter Bilder Familienbilder und das war so furchtbar Sie können sich gar nicht

[55:47] vorstellen dieses Gefühl zu sehen die wie die Deutschen mit den äh Schuhen nicht Schuhen mit den hm ?

Rudolf Amariglio

[55:57] Stiefeln

Daniel Baranowski

[55:59] [gleichzeitig:] Stiefeln

Erika Myriam Amariglio

[56:01] mit den Stiefeln drauf- also als ob sie die Menschen töteten das für mich war das als ob sie so so hab ich (diesen Moment)

Ulrich Baumann

[56:06] [gleichzeitig:] auf die Bilder

Erika Myriam Amariglio

[56:09] auf die Bilder

Ulrich Baumann

[56:11] ah

Erika Myriam Amariglio

[56:13] das war als ob sie die Menschen selber töteten nicht ? und äh da haben sie gesagt äh haben sie angefangen zu sagen äh die äh die Frauen v- rechts die Männer links und äh die äh Frauen die Alten und die Kinder die brauchen äh die gehen dort wo die äh

[56:28] Wagen stehen also wie sagt man die Lastwagen nicht ? Lastwagen stehen und ich erinnere mich mein Vater hatte äh zweimal sein Bein gebrochen und es war kürzer zehn Zentimeter und er hinkte und er war hatte immer sehr viel Angst von der vom Frost wenn es äh

[56:47] Frost war in Griechenland und es war Frost damals ging er immer mit meiner Mutter und mit ein Taxi ins Geschäft sehr sehr vorsichtig und da sagt er noch zu meiner Mutter   »guck da sind diese Lastwagen wir werden mit den Lastwagen gehen«  

[57:06] aber der Offizier

[57:11] Schupo   hat gleich meinem Vater er hat ist zum Kommandanten gega- damals war der Kommandant Aumeier   ist er zum Kommandant gegangen und scheinbar gesprochen dass er Deutsch spricht und das und kommt wieder zurück und sagt »kommt her steht hier äh geht nicht

[57:33] recht geht nicht links bleibt hier« äh »ich hab gesagt dass ihr Deutsch könnt und dass ihr als Dolmetscher äh behilflich sein könnt«   ich denke dass er so was gesagt hat auf jeden Fall wir sitzen jetzt wir vier und sehen die ganze Szene wie die die

[57:56] Lastwagen die werden alle beladen und wie eine Gruppe von Männer in Fünferreihen stehen und eine Gruppe von Frauen in Fünferreihe stehen und wir immer da

Daniel Baranowski

[58:08] Sie waren ganz allein nur Sie vier

Erika Myriam Amariglio

[58:10] nur wir vier   ich hatte ein Theaterstück gesehen und das hat mich daran erinnert aber das ist was anderes   und äh wir sehen jetzt die äh die Lastwagen fortgehen mit allen Leuten die waren so voll dass man Hände und Füße auch gesehen hat v- von draußen

[58:31] und dann sind die Männer weggegangen und die Frauen in Kolonnen wie wie man in deu- wie man ins Lager gesagt hat die sind in die Lager ins Lager rein und wir saßen jetzt alleine   wir vier und der der Schupo- äh -offizier neben uns und da kommt jemand ich

[58:54] glaub nicht dass es der äh Kommandant war das kann ich nicht mehr sagen aber ein großer SS und fragt noch meinen Vater wieder »sprechen Sie Deutsch ?« »ja« »sprechen Sie Deutsch ?« »das ist meine Muttersprache« hat meine Mutter gesagt sie war auch

[59:13] frech sie ist inzwischen hat sie Mut genommen und ist frech geworden und äh sagt er zu meinem Vater »wie alt sind Ihre Kinder ?« und da sagt er zwei Jahre   mehr   ich war 16 hat gesagt 18 und 16   und das war unser Glück   da hat er gesagt da hat er   da

[59:39] hat man uns gegeben ist ein äh ein Auto gekommen mit einem roten Kreuz drauf und s- hat man uns dort reingegeben wir sind dann von Birkenau ins Lager Auschwitz gegangen im Männerlager haben sie den meinen Vater und meine Mu- äh meinen Bruder und meinen

[1:00:01] Vater gelassen und meine Mutter und uns haben sie uns im Stabsgebäude das Stabsgebäude als ich dann wieder in Auschwitz war äh habe ich gesehen dass nur ein Stacheldraht von dem Männerlager war und sogar äh ein nur der Stacheldraht getrennt war wo der

[1:00:21] Block und äh wo meine äh wo mein Vater und Bruder war genau in der Nähe und dann sind sie wieder dort angekommen

Daniel Baranowski

[1:00:30] hat man Ihnen also Sie sind getrennt worden ähm von Ihrem Vater und Ihrem Bruder

Erika Myriam Amariglio

[1:00:36] ja

Daniel Baranowski

[1:00:38] und hat man Ihnen gesagt ob Sie sich wiedersehen würden

Erika Myriam Amariglio

[1:00:40] nein nichts nichts nichts nicht nichts nicht einmal auf Wiedersehen haben sie haben wir sagen können

Daniel Baranowski

[1:00:43] [gleichzeitig:] mhm

Erika Myriam Amariglio

[1:00:46] und wir kommen an jetzt in Stabsgebäude wird geklopft und kommt eine ein Häftling   die Blockälteste sie war eine Deutsche und sie hieß Maria ich er- ich erinner mich nicht mehr an ihren Namen ich habs in meinem Buch geschrieben eine sehr liebe Frau eine

[1:01:03] Deutsche mitn roten Winkel S- Sie Sie Sie wissen wie die Winkel wie die waren nicht ? rot war für Politische G- und schwarz asozial grün für Verbrecher die auch getötet haben lila für äh Bibelforscher   ja und für die Juden war rot und gelb also sie hatte

[1:01:25] einen gelben ich hab nichts gewusst das hab ich erst nachher erfahren nicht ? auf jeden Fall sie war sehr nett und sie hat gesagt äh »ja ihr könnt äh gleich schlafen gehen« es ist noch Nacht es war drei Uhr vier Uhr weiß ich und wir sind in einen Raum

[1:01:41] gegangen wo dreistöckige Betten war und dort lagen Männer für mich ich sag meiner Mutter »man hat uns gebracht zu Männern« und es waren geschorene Köpfe von Frauen   und ich dachte wir sind Männer auf jeden Fall sie haben uns da in ein Koje haben sie

[1:02:03] das genannt gegeben wo meine Mutter und ich und in paar Stunden ich hab gedacht in paar Minuten müssten wir alle wieder auf es war Appell   und meine Mutter hat gleich nach halbe Stunde mit den Mädchen hat sie gesprochen alle sie müssten sich alle schnell

[1:02:22] anziehen wir wir dü- äh mussten nicht zum Appell denn wir waren noch nicht eingetragen aber so lang sie sich vorbereitet haben anzuziehen hat sie alles gewusst sie fragte »wo sind die die Lastwagen gegangen« und da hat sie gesagt »im Kamin   die wurden

[1:02:40] alle vergast und«   und meine Mutter hats geglaubt sie hat nicht einmal gesagt »ist das möglich ?« ich weiß nicht ich weiß nicht wirklich das ist alles so ein Durcheinander auf jeden Fall gleich hat hat man gewusst und dann hat man uns n- äh die Haare

[1:02:59] geschnitten nachher und die die Nummern gegeben die andere Griechinnen die waren schon tätowiert die waren schon eingetragen als RSHA-Transport ich weiß nicht ob das ein Begriff ist für Sie   ich weil ich in der Politischen Abteilung arbeitete wei- wusste

[1:03:18] ich die alle die kamen mit Transporte so wie wir kamen nicht durch Polizei von irgendeiner Polizei äh v- vom Land

Ulrich Baumann

[1:03:30] mhm

Erika Myriam Amariglio

[1:03:32] vom Land wo sie kamen die die äh die äh hießen nicht die RSHA Reichssicherheitshauptamt

Ulrich Baumann

[1:03:40] [gleichzeitig:] Hauptamt mhm

Erika Myriam Amariglio

[1:03:42] wir hatten äh wir waren nur die g- diese die Masse nicht Reichssicherhei- -transporte RSHA-Transporte waren die Masse die wir ankamen und die bekamen nur eine Nummer und zufällig hat mein Bruder seine Akte gefunden sein Papier wo er eingeschrieben ist in

[1:03:59] äh Auschwitz-Museum und wir haben eine Kopie wo nur geschrieben ist der Name für jede Frau dazu Sara und für jeden äh Mann   Israel das war d- das jüdische nicht ? also wie hoch was für ein äh Arbeit ganz ganz äh oberflächlich nicht ? und äh also die

[1:04:26] Grie- der griechische Transport war schon eingetragen und nach drei Tagen hat man uns die Haare geschnitten   man hat uns noch die die Mädchen die die Haare geschnitten haben haben meiner Mutter und mir die Haare so gelassen [zeigt die Länge]   das war schon

[1:04:42] sehr viel dass wir nicht ganz ganz geschoren waren und haben uns die Nummer gegeben und die Nummer hier meine hat sich mit der Zeit äh ges- gesammelt nicht ? aber wenn Sie die Nummer sehen von meiner Cousine die ist so immer noch so [zeigt die Größe am Unterarm]

[1:04:59]

Ulrich Baumann

[1:05:01] ah ja

Daniel Baranowski

[1:05:03] wo passierte das in der Baracke wurden Ihnen in der Baracke die Haare geschnitten und die Nummer

Erika Myriam Amariglio

[1:05:05] [gleichzeitig:] in der Baracke haben sie das gemacht ja in der Baracke

Daniel Baranowski

[1:05:08] mhm

Erika Myriam Amariglio

[1:05:10] also im Stabsgebäude die sind speziell für uns gekommen sonst ist es immer geschehen im äh als sie   kamen ich erinnere mich nicht wie das war   ja direkt vom Transport die die gewählt wurden als gesund als äh äh arbeitsfähig die kamen direkt in der SS-Baracke

[1:05:33] wo die Politische Abteilung wo die Mädchen von der Politische Abteilung ihnen die Nummer gegeben haben und den A- und geschrieben haben den Bogen

Daniel Baranowski

[1:05:42] hat man Ihnen dazu irgendwas gesagt warum Sie eine Nummer bekommen

Erika Myriam Amariglio

[1:05:45] nein nichts nichts nicht das haben (zu) alle d- die Häftlinge die frühere Häftlinge gesagt die äh SS hat nichts gesagt

Daniel Baranowski

[1:05:55] keine Erklärung

Erika Myriam Amariglio

[1:05:57] nein gar keine Erklärung nichts nichts nichts und dadurch dass wir Deutsch sprachen und sie brauchten sehr äh Dolmetscher sind wir in der Politischen Abteilung in Birkenau geblieben man hat uns wieder zurück nach Birkenau jetzt wo Sie sagen in Birkenau

[1:06:13] wurden wir tätowiert nicht in äh Stabsgebäude da haben sie nicht tätowiert als wir nach Birkenau gingen dort war unsere Arbeit und für alle griechische Transporte waren wir da dem d- die Fragen stellten und die Schreiberinnen könnten schreiben

Ulrich Baumann

[1:06:30] mhm

Erika Myriam Amariglio

[1:06:33] ich hab nicht geschrieben weil ich nicht äh äh D- Deutsch schreiben konnte meine Mutter hat geschrieben aber ich hab die anderen Mädchen also die Häftlinge nicht ? geholfen   die Fragen zu stellen

Daniel Baranowski

[1:06:47] und den Weg vom Stammlager nach Birkenau sind Sie den zu Fuß gegangen

Erika Myriam Amariglio

[1:06:52] nein da hat man uns wieder mitn Auto gebracht wieder mitn Auto und dort sind wir in Birkenau waren wir ungefähr drei vier Monate und ich hab in Birkenau Flecktyphus bekommen   und äh ich hab nicht lange arbeiten [Hintergrundgeräusche] ich hab nicht lange

[1:07:11] arbeiten können [schaut nach links]

Ulrich Baumann

[1:07:13] ja

Erika Myriam Amariglio

[1:07:15] er hat kein Gleichgewicht

Ulrich Baumann

[1:07:18] ja ist wenn er aufsteht mhm

Erika Myriam Amariglio

[1:07:20] ja gestern ist er gefallen   die Zeit vergeht und ich wollte schnell fertig werden

Ulrich Baumann

[1:07:27] wir können auch unterbrechen wie Sie m- wie Sie möchten eine Pause machen

Erika Myriam Amariglio

[1:07:33] nein vorläuf- ich werde fertig werden und dann

Daniel Baranowski

[1:07:35] Sie wollten etwas von Ihrem ähm Großvater noch erzählen vorhin

Erika Myriam Amariglio

[1:07:40] ja das haben wir nachher erklärt ich ich ist noch nicht erzählt aber lassens mir nicht vergessen Sie

Daniel Baranowski

[1:07:47] [gleichzeitig:] mhm machen wir später mhm

Ulrich Baumann

[1:07:50] [gleichzeitig:] mhm   wir haben auch immer Fragen dazwischen (also)

Erika Myriam Amariglio

[1:07:52] wo bin ich geblieben ? wo bin ich geblieben ?

Ulrich Baumann

[1:07:54] Sie waren jetzt gerade zurück in Birkenau bei der Über- Übersetzung und äh Sie haben gerade gesagt dass Sie Flecktyphus bekommen hatten und ähm ja

Erika Myriam Amariglio

[1:08:04] [gleichzeitig:] ah ja  

[1:08:07] da bin ich da hat man mich weil wir in der Politischen Abteilung arbeiteten   sind wir nicht bin ich nicht direkt in die Gaskammer geschickt worden so wie es für alle andere waren   man hat nie im Revier nicht ? das hat man nicht Spital

[1:08:24] genannt nie- niemand keinen Juden ins Revier geschickt sondern direkt in den Gaskammern wie sie krank war of- was für eine Krankheit aber Flecktyphus das war das schnellste dort zu bringen und man hat mich gebracht in Revier und da war eine polnische Ärztin

[1:08:42] eine politische äh äh   Häf- ein politischer Häftling und eine jüdische   äh Ärztin und die haben mich im dritten äh Bett oben im selben Bett mit einer polnischen Gräfin die auch politisch war äh ins Bett gegeben also ich bin von der also sagen wir

[1:09:09] an der Wand und die Gräfin war da sie hat mich irgendwie versteckt mit ihrem Körper irgendwie nicht ? und äh natürlich hab ich nichts bekommen   ich erinner mich immer dass ich äh äh dass die Mama kam und mir kalte Kompressen gab   die ich ich glaube irgendeine

[1:09:29] Tablette hat mir die jüdische Ärztin gegeben das hat mir meine Mutter gesagt aber das hat drei Wo- Wochen gedauert mit sehr hohem Fieber Fieber und sehr sehr sehr äh Kopfschmerzen aber furchtbare Kopfschmerzen na gut da waren schon drei Wochen vorbei und

[1:09:48] da kommt der Obersturmführer Rohde das war ein äh S- SS-Arzt der auch mit seinen Aufseherinnen immer es alles so eine Geschichte lange Geschichte er war immer an der Tü- am Tor wenn die Leute zur Arbeit gingen und hat die Leute ausgewählt wenn sie rausgingen

[1:10:11] wenn sie zurückkamen und jede die ein bisschen   nicht ein bisschen die blass war die nicht äh gut gehen konnte hat er mit den Fingern nur so gemacht rechts und sie ging direkt in die Gaskammern direkt in die Gaskammern und mit äh mitn oder hat er so gemacht

[1:10:31] und da ging die ging sie weiter ich selber hab das nicht mitgemacht aber meine Freundin haben mir erzählt sie haben sich die Wangen gedrückt wenn sie schon in der Nähe war und ging- versuchten stramm zu gehen damit sie überleben so haben sie auch überlebt

[1:10:49] und das mir dann später gesagt hat aber ich ich ich hab das nicht mitgemacht dadurch dass wir deutsch waren das es ist unglaublich was für ein Glück das war dass wir Deutsch sprachen und dass wir im ersten Transport waren   dann hä- dann wären wir später

[1:11:07] gekommen ich ich weiß nicht ob wir es überleben würden

Ulrich Baumann

[1:11:09] mhm mhm

Erika Myriam Amariglio

[1:11:12] nicht ?

Ulrich Baumann

[1:11:14] Sie wurden dann wieder gesund

Erika Myriam Amariglio

[1:11:16] ah [lächelt] nach drei Wochen   danke [lacht] so bringen Sie mich zurück denn es   nach drei Wochen ich erinner mich ich das muss ich erzählen   äh in drei Wochen äh war Kontrolle und der Oberstu- -sturmführer Rohde mit seinen Aufseherinnen kam um Untersuchung

[1:11:35] in im Krankenhaus wo wir waren und wir mussten alle   äh runter von den Betten und in äh stramm stehen vor vor den Betten nicht ?   drei Monate war es dass ich im Lager war ich war noch sagen wir ich hab nicht richtig gewusst meine Mutter hat viel mehr gewusst

[1:12:00] hat mir nicht alles erzählt sagen wir ich war halb unschuldig   hab noch etwas von der Freiheit gehabt ich bi- war nicht ganz ich bin kein Muselmann geworden   und äh der der Rohde ist direkt vor mir gestanden   und guckt mich und sagt er »und was haben Sie

[1:12:25] (ge) «   und ohne weiter zu denken sag ich »Flecktyphus« und guck ihm direkt in die Augen aber ich glaube aus Unschuld ich ich hab das nicht ge- äh dass ich ihm so geguckt hab aber dass ich gesagt hab Flecktyphus dass wusste ich dass ich hatte und ich sehe

[1:12:45] noch wie die äh die die Ärzte die Au- die polnische Ärztin ihre Augen so aufmacht und die jüdische die Doktor (Erna) die Ärztin die macht [erschrockener Gesichtsausdruck; verdeckt den Mund mit der Hand] hat sie so gemacht und er dreht sich um und sieht

[1:13:00] noch die (Erna) mit dem bleibt sein Blick auf sie stehen   dreht sich wieder zu mir guckt mich an und geht weiter   und das ist es was ich sehr ge- daran gekommen bin als ich war noch ein Kind und ich glaube dass jeder Mensch das Gute und das Schlechte in sich

[1:13:22] hat er hat eine Spalt- wie sagt man eine wie sagt man vom Feuer ein äh   spitha wenn das Holz brennt macht die klein

Ulrich Baumann

[1:13:34] [gleichzeitig:] äh   ein Funken

Erika Myriam Amariglio

[1:13:37] ja genau ein Funke ein Funkel   der Liebe also des Gutes war in Rohde und es war er hätte und die Ärztinnen die mich behandelt haben   und mich direkt in der Gaskammer schicken

Ulrich Baumann

[1:13:51] mhm mhm

Erika Myriam Amariglio

[1:13:54] und das hat er nicht gemacht   das war ein Funke- d- ich habe noch andere

Ulrich Baumann

[1:14:02] mhm

Erika Myriam Amariglio

[1:14:04] solche Funken von den SS-Männern auf jeden Fall das war  

[1:14:08] und nach einer ein nach paar Tagen bin ich wieder zurück ins Block gegangen und der andere Funkel al- nicht nur ins Block aber in der Arbeit müsst ich wieder gehen   und dieser Funkel war wieder   von

[1:14:24] unsern Chef der war ein der nannte sich Unterscharführer Clauss   damit Sie einen Blick haben was Unterscharführer Clauss war zu Weihnachten   einer der SS war ein sehr guter Zeichner und hat Karten gemacht gezeichnet von allen SS-Männern wie er sie sah wie

[1:14:51] [betont:] er sie sah   w- ich sage Ihnen ich war wir waren im Büro drinnen und das war   im Teufels- äh äh

Ulrich Baumann

[1:15:03] wie sagt man da

Erika Myriam Amariglio

[1:15:05] wie kann man das sagen ich hab alles wir haben alles gesehen nicht ? und die größeren Mädchen die dort gearbeitet haben ich da da hab ich immer gefragt und gefragt nicht ? und die haben mir gesagt und äh die Sekretärin von Oberscharführer Kirschner der

[1:15:21] Chef der Politische Abteilung sie hat diese Bilder gesehen und sie hat sie uns mal gezeigt wo Kirschner nicht da war also ich war sehr neugierig wie der Clauss gezeichnet war und werd es nie vergessen Clauss steht vor dem Krematorium mit großen F- äh Feuer

[1:15:42] Fla- Flammen Flammen die so rausgezeichnet sind er steht   äh natürlich mit seinen SS-Uniform und eine große Schau- hält eine große Schaufel wo lauter äh corpse wie sagt man ptomata

Rudolf Amariglio

[1:16:01] Leichen

Erika Myriam Amariglio

[1:16:03] Leichen   drinnen sind die er im Krematorium reinwirft das war Unterscharführer Clauss aber dieser Unterscharführer Clauss als ich zurückkam von dem Revier hat mir fast jeden Tag ich weiß nicht ob es jeder Tag war hat mir von seinem SS-Essen v- äh zum

[1:16:30] Essen gegeben ein Stück Wurst manchmal oder von der Suppe hat er mir äh v- hat er immer gelassen und hat gesagt »iss das« und hat mir wieder ins Leben geholfen

Ulrich Baumann

[1:16:41] mhm

Erika Myriam Amariglio

[1:16:44] und einmal dieser selbe Clauss   hatte gefragt warum ich traurig bin   einmal ich weiß nicht ich war ich traurig sag ich »wir hab- kei- wir haben keine Nachricht von meinem Vater und von meinem Bruder« und da hat er meine Mutter gefragt wie wir gekommen sind

[1:17:03] und und und und kommt nach einer Woche zehn Tage und sagt »die sind im Block eins und die arbeiten in der Schneiderei   und ich hab sie gesagt dass ihr hier seid und die schicken euch eure Liebe«   wer ? Unterscharführer Clauss   das ist das zweite Mal

[1:17:29] was ich diesen Funken gef- gesehen hab der der Gütigkeit und da war noch einer von den SS das war Unterscharführer Setnik   und der hat mit meiner Mutter gesprochen und er war auch als (gas-) von Karlsbad und da hat er immer   ah- s- sagen wir hat aufgepasst

[1:17:53] auf meine Mutter und sie hat auch Flecktyphus gehabt und sehr furchtbare Schmerzen aber sehr furchtbare Schmerzen und äh sie kam äh äh s- sie war im Revier sehr kurze Zeit und ist wieder zurück und die Schmerzen gingen ihr nicht weg und äh sie hatte eine

[1:18:13] Ohren- äh Ohrenentzündung bekommen   und dieser Setnik hat gesagt »ich bring Sie ins Männerlager zu es gibt einen sehr guten Chirurgen dort einen polnischen Wider- vom Widerstand« und ist mit ihr jeden Tag gegangen und die äh um dieses äh zu äh zu heilen

[1:18:40] und er hat sie geheilt   das war der dritte Funke und u- und und unser Glück nicht ?

[1:18:47] auf jeden Fall in der Politischen Abteilung was ich gesehen habe ist nicht nur gesehen [betont:] erlebt habe ist unglaublich   erstens wussten wir immer wie viele äh Versammlungen

[1:19:04] waren wie äh sie haben äh äh   sie haben Leute gesammelt die krank waren vom Lager ich erinner mich es war in 43 an Jom Kippur haben sie tausend Juden gesammelt und direkt in (ihren) Gaskammern geschickt die haben immer versucht mit äh heilige Tage der

[1:19:27] Juden äh noch mehr zu vergasen sie haben jeden Tag wenn sie zur Arbeit gingen Männer und Frauen war dasselbe Schicksal haben sie gewählt und in die Gaskammern äh geschickt mit sogar mit Orchester mit Musikorchester das haben Sie bestimmt gelesen nicht ?

[1:19:46] und äh d- das ging die ganze Zeit   aber   u- und wenn sie wieder zurück kamen zurück kamen sie was war die Außenarbeit ? das Furchtbarste was sie denken können keine richtige Arbeit entweder müssen sie einen großen Zylinder die Frauen das war das weiß

[1:20:11] ich von den Frauen die mir das erzählt haben zwölf Frauen oder 14 Frauen ich weiß nicht mal da müssen sie damit der Weg äh

Ulrich Baumann

[1:20:20] ach

Rudolf Amariglio

[1:20:22] als Walze

Ulrich Baumann

[1:20:24] als Walze mhm mhm

Erika Myriam Amariglio

[1:20:27] ja ja ja und das müssten sie ziehen und wenn sie das nicht genug schnell machten haben sie die Hunde auf die Frauen geschickt und haben sie mit der Peitsche ge- äh ge- gehaut und natürlich können Sie sich vorstellen wie viele nicht mehr aufstehen könnten

[1:20:41] oder wenn sie zurück kamen nicht stramm gehen können und die wurden direkt in den Gaskammern gesend- geschickt das sind keine Märchen   das sind wahre Geschichten   man hör- man will den äh man will die Holocaust verja- äh verneinen aber das sind wirklich

[1:21:03] wahre wahre Geschichten und die Transporte   es kamen jeden Tag Transporte   jeden Tag   ich sage nur so   ich erinner mich als die ungarischen Juden kamen das war Anfang 44 es begann April glaube ich vom April für drei vier Monate denn die Ju- die ungarischen

[1:21:31] Juden kamen plötzlich bis 44 dürften sie noch in Ungarn leben es kamen 12000 täglich   12000 täglich   in Birkenau   und äh die Mädchen die in die in verschiedene äh zum Beispiel in Kanada arbeiten Kanada war äh ein Arbeit wo sie gesammelt haben alle

[1:22:02] Kleider alles was die Leute brachten und das wurde aussortiert man hat nach Deutschland geschickt die guten Sachen für die für ins Land für die Deutschen was sie konnten ins Lager benützen haben sie im Lager benützt da haben sie ich erinner mich äh ich

[1:22:22] hatte eine Freundin die äh dort gearbeitet hatte und sie sagte mir man macht die äh den Wagen von den Kindern Wagen ?

Ulrich Baumann

[1:22:33] ja der Kinderwagen mhm

Erika Myriam Amariglio

[1:22:35] den Kinderwagen zu fünf und alles nach Deutschland geschickt   Hunderte Hunderte und Hunderte Tausend von Kinderwägen sind nach Deutschland gegangen   unglaublich und dann damals mit den großen Transporten von den Ungarn und da die weil Kanada sehr nahe am

[1:22:55] Krematorium war es war sehr sehr nahe hat man die äh   haben die Mädchen wieder vom Kanada uns erzählt da standen sie da ohne zu wissen was geschieht man hat gesagt sie werden sie zu zu Bä- äh baden also sie müssen äh wie sagt man äh

Ulrich Baumann

[1:23:20] duschen oder

Erika Myriam Amariglio

[1:23:23] [zu Rudolf A:] pos lene Rolli ? gia katharismo ? alla ochi katharismo avto

Rudolf Amariglio

[1:23:26] Entlausung

Erika Myriam Amariglio

[1:23:28] ja nicht Entlausung sie waren noch sie hatten noch keine Läuse aber äh

Ulrich Baumann

[1:23:33] Desinfektion   Desinfektion

Daniel Baranowski

[1:23:36] [gleichzeitig:] zum Badezimmer

Erika Myriam Amariglio

[1:23:38] (ge-) bitte ? [lehnt nach vorne]

Ulrich Baumann

[1:23:40] Desinfektion oder Quaran-

Erika Myriam Amariglio

[1:23:43] Desinfektion ja also haben sie gewartet und sie sagte »du sollst sehen Frauen Kinder Männer Alte   warten geduldig mit schönen Kleidern manche haben sogar« das das war für mich eine äh ein Bild das ich nie vergessen kann hatten die Schirme offen weil

[1:24:00] es zu äh so äh die Sonne es war sehr sehr heiß von der Sonne sich zu schützen und warteten auf ihre Reihe   es wurden [betont:] täglich   täglich 12000 vergast und verbrannt als die ungarischen Juden kamen und weil sie die Krematorium nicht genügten es

[1:24:28] gab vier Krematorien   hatten sie ein großes Grab gemacht und hatten dort Holz und Benzin geworfen und haben Leute dort auch geworfen und Kinder wurden gar nicht vergast bis zu fünf Jahren   machen Sie sich ein Begriff ich weiß nicht haben Sie Kinder

[1:24:54] haben Sie Familie können Sie sich vorstellen Babys Kinder die sie lebendig in den Gräbern   äh warfen dann mach ich jetzt eine Parenthese 2000 im Jahre 2000 waren wir in Marburg und äh ich sollte eine äh [an Rudolf A gewandt:] pos lene dimarchio ?

Rudolf Amariglio

[1:25:18] äh

Erika Myriam Amariglio

[1:25:20] hm ?

Rudolf Amariglio

[1:25:23] Bürgermeister

Erika Myriam Amariglio

[1:25:25] in in Bürgermeisterhaus äh eine Schu- ich hab in den Schulen in der Universität und im Bürgermeisterhaus ha- hab ich äh gesprochen und da hab ich auch davon erzählt aber ich ich hab das es waren noch Kinder da e- es ging mir nicht zu sagen »bis fünf

[1:25:40] Jahre« und hab gesagt »bis drei Jahre hat man Kinder lebendig reingeworfen«   und als es zu Ende war und die Leute gingen weg ein Mann kam zu mir   musste fünfzig sein weiß ich sagt er »warum haben Sie gesagt bis drei Jahre die Kinder   mein Vater hat dort

[1:26:05] gearbeitet und sagte mir bis fünf Jahre« das war für mich wieder eine dass ich wirklich richtig geschrieben habe aber s- ich sagte ihm ich konnte nicht sagen fünf Jahre ist zu unglaublich ich hatte mein Baby als ich äh als wir frei waren unser erster

[1:26:26] Sohn unser erstes Kind und der war drei vier Mona- äh Wochen alt da hab ich mit ihm gespielt nachm Bad und geküsst und plötzlich kommt mir dieser Gedanke und ich hab mir gedacht dieses Kind hat man lebendig ins Feuer geworfen können Sie sich das vorstellen

[1:26:44] was das ist   lebendig unglaublich  

[1:26:55] und das war mit den ungarischen Juden und das ging fortwährend so lang Auschwitz war jeden Tag jeden Tag hat man vergast und nicht nur von Auschwitz man hat auch von den Zweitlagern gebracht viele

Ulrich Baumann

[1:27:10] mhm   ich habe noch eine Frage als Sie ähm übersetzt haben in der Polit-

Erika Myriam Amariglio

[1:27:13] [unterbricht:] bitte ?

Ulrich Baumann

[1:27:20] als Sie in der Politischen Abteilung übersetzt haben oder geholfen haben bei der Übersetzung

Erika Myriam Amariglio

[1:27:23] ja

Ulrich Baumann

[1:27:26] am Anfang als die griechischen Transporte noch kamen hatten Sie da Namen gesehen oder Personen die Sie kannten aus Thessaloniki

Erika Myriam Amariglio

[1:27:34] ja ja ja ja manche ja wenige aber manche ja äh ich erinner mich als ein griechischen Transport das war das musste   im Juni gewesen sein Juni da kam der meine Mutter hat gesprochen der eine der die kamen hat gesagt »Frau Kounio   Frau Kounio   Ihr Vater war

[1:27:59] mit uns im Waggon«   und meine Mutter natürlich hat sie angefragt und wieso und wie wie war sie wusste nichts sie wusste nur dass äh Herr Löwy mit war nicht ? und direkt in der Gaskammer ging   denn d- meine Mutter hat gefragt ja ich erinner mich »ja und

[1:28:19] was ist mit ihm geschehen ist er mit dem Auto gegangen oder ist er zu Fuß ins Lager reingekommen« »ach wir haben gesehen in einen Lastwagen zu gehen« und da hat meine Mutter gewusst dass er direkt in die Gaskammern gegangen ist

Ulrich Baumann

[1:28:31] [gleichzeitig:] wie war das da

Erika Myriam Amariglio

[1:28:34] [gleichzeitig:] da werde ich euch sagen was geschehen ist

Ulrich Baumann

[1:28:36] genau das wollten Sie auch erzählen

Erika Myriam Amariglio

[1:28:38] ja das soll ich jetzt erzählen ? ja

Ulrich Baumann

[1:28:40] wenn wenn Sie möchten

Erika Myriam Amariglio

[1:28:42] ja das hab ich das haben wir natürlich nach der Befreiung

Ulrich Baumann

[1:28:45] ja

Erika Myriam Amariglio

[1:28:47] erfahren und sehr zufällig von einen   von einen   Bekannten

Rudolf Amariglio

[1:28:54] Dolmetscher

Erika Myriam Amariglio

[1:28:56] von einen Dolmetscher der in der Gestapo war und ist dann ist zu meinem Vater gegangen und hat es erzählt   unser Großvater hat Sehnsucht nach seiner Familie gehabt er war sehr traurig alleine zu sein und hat sich vorgenommen in der Gestapo sich zu melden  

[1:29:14] hat alle seine Paraphernalien genommen s- er war äh Ingenieur Hoch- und Tiefbau hat er immer gesagt Ingenieur und schön angezogen ein sehr imposanter Herr ein [betont:] sehr imposanter Herr   sehr elegant immer ist in der Gestapo gegangen und hat gesagt »ich

[1:29:38] will mit Ihrem mit den Chef sprechen« und da hat er gesagt »wer sind Sie ?« das der Dolmetscher hat uns das gesagt »ich bin Doktor Herr Ingenieur Ernst Löwy« und da hat äh einer von den äh SS die dort gearbeitet haben haben gesagt »und was wollen Sie ?«

[1:30:03] »ich will Ihren Chef sehen und mit ihm sprechen« und hat geklopft an die Tür des Offiziers ich weiß nicht was er war und ist wieder reingegangen hat wieder gegrüßt stramm »ich bin Doktor Herr Ingenieur Ernst Löwy« »und was wollen Sie ?« »bitte helfen

[1:30:20] Sie mir mei- die Familie von meiner Tochter zu finden« »und wie kann ich das machen ?« das hat er uns so erzählt und ich hab mir das alles so in meinem in meinem K- Gehirn gemacht   »sie sind mitn Transport   weggegangen am so und so« »ah ! sehr einfach !«

[1:30:39] klappt die Händen und sagt »bitte !« zu den anderen der da war »führen Sie Herrn Doktor Ingenieur Ernst Löwy zu seiner Tochter« natürlich ist er mitn nächsten Transport ins Lager gekommen   so naiv blöd war er nicht ein sehr gescheiter Mensch   aber

[1:30:59] er hat nicht glauben können er hat auch gesagt die ganze Zeit als wir Kinder waren hat er gesagt »glaubt nicht was sie von den SS erzählen die werden sehr schnell nicht mehr da sein die Deutschen die einen Beethoven einen Goethe« und der hat der hat sie

[1:31:16] die Deutschen so hoch (gebracht) immer hat er davon erzählt und konnte auch nicht glauben dass so etwas geschehen kann so ist er ins Lager auch gekommen er war so gut aufgehoben   er brauchte nicht ins Lager zu gehen  

Daniel Baranowski

[1:31:33] könnten Sie ähm vielleicht nochmal den Raum beschreiben in dem Sie gearbeitet haben als Dolmetscherin ist das auch ne Baracke gewesen haben Sie mit anderen gearbeitet

Erika Myriam Amariglio

[1:31:46] [gleichzeitig:] ja es war genau in Birkenau war das Baracken und als wir dann als die griechische Transporten im August kam der letzte Transport aus Griechenland   und als die griechische Trans- aus Griechenland äh aus Saloniki und dann dann kam es im Jahre

[1:32:01] 44 wieder ein Transport aus Rhodos

Daniel Baranowski

[1:32:05] mhm

Erika Myriam Amariglio

[1:32:07] und äh das aber wir waren da hat man uns zurückgeschickt und wir haben in der Politischen Abteilung gearbeitet die Politische Abteilung das waren in Auschwitz I und das waren Gebäude das waren Kasernen und meine Mutter hat in der Todesabteilung gearbeitet

[1:32:25] sie Leute die gestorben sind da haben sie geschickt äh Briefe an der Familie dass sie an Typhus gestorben sind oder an Herzanfall oder irgend Krankheiten ohne zu sagen den richtigen Grund und wenn sie wollen sollen sie 25 Mark schicken da können sie ihre

[1:32:46] Urnen äh also ihre Aschen   schicken das war meine Mutter Arbeit und ich war Mädchen für alles   und am meisten was ich gemacht hab war mich v- zu verstecken in den großen Schränken wo die Akten hangen so wie Kleider und da hab ich gelesen von den verschiedenen

[1:33:07] die gekommen sind durchs Gefängnis noch nicht mit den äh RSHA-Transport und natürlich hatten sie alle ihre Akten und das waren Geschichten wie Romane für mich und da hab ich mir immer hab ich mich geschämt ich bin wie ein Schaf ins Lager gekommen aber

[1:33:25] sie haben was gemacht und sind ins Lager gekommen

Daniel Baranowski

[1:33:28] haben da noch andere Leute gearbeitet andere Häftlinge

Erika Myriam Amariglio

[1:33:32] ja es waren nur Häftlinge wir waren ungefähr an die ich glaube 19 ich bin nicht ganz sicher die die die Zahl die war äh die Frauen gearbeitet haben und äh mit uns haben noch drei polnische äh aber äh Partisanen nicht Juden auch gearbeitet   und das war

[1:33:56] das war die Gestapo die Arbeit da kamen Listen Sonderbehandlung SB stand was war SB Sonderbehandlung direkt in der Gaskammer   von Razzien die sie gemacht haben Razzien aber drinnen im Lager nicht ? das war das und die mü- müssen die Mädchen die mit der Schreibmaschine

[1:34:16] schreiben die Nummern denn die sind nicht mit den RSHA die waren schon im Lager drinnen nicht ? oder Flüchtlinge und äh sehr viel Arbeit sehr viel Arbeit sie die haben den ganzen den ganzen Tag gearbeitet

Daniel Baranowski

[1:34:30] und ähm   Sie haben ja an einer Stelle gearbeitet wo Sie ähm sehr viel wussten über das was im Lager passiert ist wussten Sie

Erika Myriam Amariglio

[1:34:41] hundert Prozent

Daniel Baranowski

[1:34:43] wussten Sie was das für Sie eigentlich bedeutete

Erika Myriam Amariglio

[1:34:45] f- für wen für die Schreiberinnen ?

Daniel Baranowski

[1:34:48] ja für Sie selber weil Sie von dem was dort im Lager geschehen ist so viel wussten

Erika Myriam Amariglio

[1:34:52] ja aber was das bedeutete wir waren g- immun

Daniel Baranowski

[1:34:56] mhm

Erika Myriam Amariglio

[1:34:59] we were immun anymore wie soll ich sagen es etwas was man gar nicht erklären kann   auch vom ersten Moment dass man meiner Mutter erzählt hat sie hat nicht einen Moment gesagt »ihr seid verrückt so was zu sagen« sie hat alles geglaubt !   und es war so  

[1:35:18] es ist unglaublich   es ist unglaublich was die   w- w- was was jeden Tag   wie viele Toten und wie viele ermordet wurden und wie viele geschlagen bis zu Tode   unglaublich eines Tages jetzt werde ich etwas anderes erzählen   nicht von Juden   kam kam eine Kommission

[1:35:47] wieder bei uns in der Politischen Abteilung wir waren ja das wir waren im Herz der Kommandantur wie s- wie kann ich das sagen äh eine Kommission ein Arzt kam der äh äh   äh wie sagt man [zu Rudolf A gewandt:] pes voithise me Rolli pou ekane ta agalmata

[1:36:09] apo ta prosopa mas

Rudolf Amariglio

[1:36:11] äh die   äh Abdrücke des der Gesichter

Daniel Baranowski

[1:36:15] mhm

Ulrich Baumann

[1:36:17] aha

Erika Myriam Amariglio

[1:36:20] ja von der verschiedenen Rassen   Rassen   hatte natürlich von Ukrainern von Russen und hat man vom Franzosen da hat man gesagt »ah es sind zwei Griechinnen hier   bringen Sie die zwei Griechinnen !«   hat man meine Mutter ausgefragt sie war keine Griechin »gehen

[1:36:36] Sie zurück« dann haben sie gesagt   bevor sie »gehen Sie zurück«   haben sie mich gesehen haben sie gesagt   »das ist die Tochter des jüdischen Mannes oder Ihres Freundes«

Ulrich Baumann

[1:36:51] hm

Erika Myriam Amariglio

[1:36:53] ich hatte nicht genug jüdisches Gesicht gehabt   und natürlich hat meine Mutter gesagt »nein sie ist« aber ich war auch nur keine echte Griechin dass man mir das Gesicht macht und hat man uns zurückgeschickt

[1:37:14] dann ruft man mich ein anderes Mal   dass

[1:37:18] ich dolmetsche   ich gehe in einen Raum da ist ein SS-Mann und ist ein Mann mit seinem gestreiften [gestikuliert] hat hier den die Nummer mit den Stern [zeigt auf die Brust] also rot rot und gelb und ist ganz aufgeregt und der SS-Mann sagt er »verstehen Sie

[1:37:41] Griechisch ?« sag ich »ja ich bin Griechin« der Mann war außer sich hat Griechisch gesprochen und hat gesagt er hatte ein G für die Griechen hat es die Männer hatten ein G in der Mitte vom Stern gehabt   und erzählt mir ganz aufgeregt »ich bin kein Jude  

[1:38:01] erklären Sie diesem Menschen dass ich kein Jude bin ich hatte Semmeln äh verkauft« das äh d- das ist eine Sitte hier in Griechenland das sind runde Semmeln und »d- ich hab verkauft für die Juden die weggingen und die haben mich so mit reingenommen und

[1:38:23] reingesteckt in den Waggon« [reibt die Hände] und dann ist er mit dem RSHA gekommen hat man ihm gleich tätowiert und die Nummer gegeben »Jude« und hat hier seine Nummer gehabt und einen Winkel was die Juden hatten und die Christen hatten keinen Winkel

[1:38:39] nicht ? und äh »wenigstens sollte sollen sie mich anerkennen dass ich kein Jude bin ich will Ihnen zeigen« der wollte immer seine Hosen runterbringen und zeigen dass er nicht beschnitten war nicht ? und der SS-Mann wo- wollte das nicht äh wahrhaben   und

[1:38:57] ich hab und ich erinner mich noch ich denke »der arme Mann du bist ein Jude jetzt« nichts kann werden aber nichts und ist auch nichts geworden   und hab nichts gehört von ihm ich konnte ihm nicht helfen ich hab ihm gesagt er ist sicher ein Christ er ist

[1:39:12] kein Jude aber ich wusste dass ich das so in der Luft sage zurück werden sie nicht gehen   der arme Mann

Ulrich Baumann

[1:39:19] mhm

Rudolf Amariglio

[1:39:21] er hat zu viel gesehen

Ulrich Baumann

[1:39:24] mh

Erika Myriam Amariglio

[1:39:26] was hat er ?

Rudolf Amariglio

[1:39:28] er hatte zu viel gesehen

Erika Myriam Amariglio

[1:39:30] mhm nicht nur gesehen die wären nicht in den Prozess gegangen ihm die die Nummer zu wechseln nie nie  

[1:39:34] und dann haben wir angefangen das hatte schon 44 angefangen äh im August 44 haben wir gesehen dass sehr viele Überstellungen äh von äh nicht von Juden

[1:39:53] von äh Christen polnische Christen die den Widerstand waren sehr viele äh von die im Widerstand waren überstellt wurden in in Lagern in Deutschland in Ravensbrück in Buchenwald sehr viele im Buchenwald die Männer Ravensbrück war ein Frauenlager und da

[1:40:14] haben sie sich angefangen zu fragen die älteren Frauen die mehr verstanden was geschieht und was geschieht [Telefonklingeln im Hintergrund] und das war das große [Rudolf A spricht im Hintergrund] die   das war ein großes Problem

Ulrich Baumann

[1:40:29] mhm

Erika Myriam Amariglio

[1:40:31] äh a- äh Prob- Problem mein ich zu lösen was geschieht   nicht ? und d- da haben sie angefangen und sehr viele ähm   äh wie sagt man Akten wurden auch gesammelt   ich weiß nicht da a- erst nachher habe ich erfahren dass sie vernichtet äh wurden so viel

[1:40:53] sie können sehr viele Akten hat man und die SS selber waren sehr sehr nervös   das war das ging immer mehr schwerer und schwerer ah

Ulrich Baumann

[1:41:03] [unterbricht:] wann fing das ungefähr an die Nervosität oder das das diese Vorbereitung oder diese wann war das ungefähr

Erika Myriam Amariglio

[1:41:08] [gleichzeitig:] ja ja ja ja zu vernichten äh das war äh August   September   44

Ulrich Baumann

[1:41:15] mhm mhm

Erika Myriam Amariglio

[1:41:17] es war auch an dieser Zeit genau weiß ich nicht wann es war hat man uns genommen für eine Extraarbeit nicht Büroarbeit im Auschwitz sind wir ins Lager I in Auschwitz gegangen und sind in d- einen großen Raum gegangen wo lauter Urnen waren   und die Urnen

[1:41:40] müssten rauskommen und in Lastwagen kommen und so hatten wir hatten sie hatten die SS von uns eine Kette gemacht nicht ? eine bring sie unten der andere der andere der andere der andere bis draußen damit sie diese das waren alles Zeichen dass etwas natürlich

[1:41:59] haben wir auch etwas gehört von den polnischen Häftlingen äh die Sekretärin des Kirschners hatte es in der Zeitung gelesen   in in der deutschen Zeitung nicht ? aber was sie gelesen hat w- wir verstanden dass etwas äh wird nicht ? und mit diesen Urnen haben

[1:42:20] wir gearbeitet einen ganzen Tag bis wir geleert haben den Raum von den Urnen aber es war furchtbar manchmal äh äh ist eine Urne zusammen die waren sehr alt die Urnen das war von 39 noch   kaputt gegangen und die Asche fiel unten und daher hörten wir mir

[1:42:39] ist es Gott sei Dank nicht geschehen aber ich hörte die Mädchen eines der Mädchen schreien [imitiert] und die Asche als ob es ein Mensch wäre nicht ?

[1:42:48] und aber das waren alles Zeichen bis äh das war dann am März am 27sten März   nicht März Januar

Rudolf Amariglio

[1:43:00] Januar

Erika Myriam Amariglio

[1:43:02] 45 Januar 45

Ulrich Baumann

[1:43:04] mhm

Erika Myriam Amariglio

[1:43:06] Januar 45 hat man uns gesammelt und äh wir wurden d- hatten uns eine Decke gegeben jedem ein Brot und wurden wegtransportiert und das war dann der di- der große Marsch wir gingen von Auschwitz für drei Tage haben wir im Schnee marschiert und hat man uns

[1:43:24] in äh wie sagt man [an Rudolf A gewandt:] achyrones ?

Rudolf Amariglio

[1:43:29] Scheun- äh Scheunen

Ulrich Baumann

[1:43:32] mhm   Scheunen mhm   dort haben Sie dann zwischendurch übernachtet   in den Scheunen haben Sie zwischendurch übernachtet

Erika Myriam Amariglio

[1:43:42] ja

Ulrich Baumann

[1:43:44] mhm

Erika Myriam Amariglio

[1:43:47] übernachtet und ich erinner mich noch meine Mutter ich und drei griechischen Mädchen waren wir in Fünferreihen und meine Mutter die war sehr sehr äh strong

Rudolf Amariglio

[1:43:56] stark

Erika Myriam Amariglio

[1:43:58] stark sehr sehr stark und immer sagte äh wir marschierten und da waren Leichen   unterwegs von hier und von hier und ich guckte ich hab immer immer gedacht vielleicht mein Vater mein Bruder überhaupt mein Vater w- wie kann er diesen Marsch machen denn die

[1:44:16] Männern sind auch äh weggegangen und sie hat immer ge- gesagt »vorwärts ! vorwärts ! guck nicht rechts ! guck nicht !« äh nicht nur mich in Griechisch für die Mädchen für alle die wie wir Fünfer »guckt nicht ! rechts guckt nicht links vorwärts ! vorwärts !

[1:44:32] nicht zurückbleiben !« und immer die zurückblieben die wurden geschossen   die nicht äh schnell gehen könnten und hat die mau- die Mutter noch die Mädchen gesagt »zieht eure Schuhe nicht aus ! zieht eure Schuhe nicht aus !« und diejenigen die ihre Schuhe

[1:44:48] ausgezogen haben konnten wieder ihre Schuhe nicht in in ihren Schuhen rein   da sind sehr sehr viele wieder gestorben sehr sehr viele und

[1:44:58] da sind wir in Buchenwald in Ravensbrück angekommen   und da war es wieder furchtbar für zehn Tage wir waren in einen

[1:45:07] Raum in einen sehr sehr großen Raum alle dort ohne Bett ohne nicht und äh ohne Essen   und ich weiß nicht wie ich hatte ein Konservenbüchse hatte ich in der Hand und wollte äh Schnee bringen für meine Mutter und bin über die Menschen gegangen bis ich

[1:45:29] rauskommen könnte und hab Schnee gebracht für meine Mutter aber inzwischen haben sie mir das weggenommen die die Mädchen die dort waren nicht ? es war furchtbar eine Zeit sehr sehr schlechte und dann hat man uns in Zweitlager gebracht und uns hat man in

[1:45:47] ein Zweitlager die da war eine Fabrik eine Kartonfabrik wo man Schachteln macht   da haben wir gearbeitet für zehn Tage und dann hat man mich in die SS-Küche überstellt   und da haben wir etwas gegessen aber nicht nur gegessen unsere Arbeit in der SS-Küche

[1:46:10] war Gemüse zu sauber zu machen Karotten äh Kohlrabi verschiedene und äh da haben wir gedacht vielleicht können wir auch im Lager etwas Karotten mitbringen und wir trugen alle eine Schürze und dann fingen wir an in die Toilette zu gehen wir hatten saubere

[1:46:31] Karotten und da haben wir wir trugen äh solche Ho- ähm Unterhosen mit Gummi hier   da haben wir im Lager gebracht und meine Mutter verteilte auch für die griechischen Mädchen die fünf mit die wir zusammen waren und eine der Damen   im Lager ich weiß nicht

[1:46:55] wie meine Mutter hat ein Lastex organisiert ihr wisst was ein Lastex ist ja ? was die Frauen tragen

Ulrich Baumann

[1:47:01] mmm

Erika Myriam Amariglio

[1:47:04] corset

Ulrich Baumann

[1:47:07] Korsett aha ein Korsett aha okay mhm

Erika Myriam Amariglio

[1:47:10] [gleichzeitig:] das war nur mit Gummi nicht ? ich weiß nicht wie das wie äh wie meine Mutter das gefunden hat von eine Häftlingsdame und sie hat gesagt »gib mir ich werde dir auch Essen geben ich gebs meiner Tochter« und dann bin ich frecher geworden und

[1:47:24] da hab ich die Karotten alle hier so reingegeben und die Kohlrabi so und jeder hat gestohlen was wir konnten um ins Lager reinzubringen und wir ha- müssten für drei Kilometer hin und drei zurück al- aber das Zurück ging nicht schnell denn wir konnten schlecht

[1:47:43] gehen mit allen diesen Dingen die wir hatten nicht ? und es fing an manchmal wegzugehen also ist zu viel und die S- wir hatten eine SS-Frau die auf uns ge- äh a- arbeit- also achtete und einen von der Wehrmacht einen   er hat die Augen geschlossen aber die

[1:48:06] SS-Frau wie sie das gesehen hat einmal   hat gesagt »Kontrolle«   und wie wir angekommen sind [lacht] ich muss immer lachen das ist und wie d- wie wir angekommen sind sagt sie »bleibt stehen geht nicht weiter es wird Kontrolle« und da haben wir alle angefangen

[1:48:23] raus zu nehmen was wir konnten und äh die SS-Frau ging so rings um uns und plötzlich ist sie hinter gegangen und ich höre wie sie macht »mein Gott !« [schlägt die Hände zusammen] und wir ich gucke jede hat einen Haufen wie haben wir das geschleppt weiß

[1:48:39] ich nicht

Ulrich Baumann

[1:48:41] [lacht] die äh die fünf griechischen Mädchen waren die aus Saloniki eigentlich ? die ähm

Erika Myriam Amariglio

[1:48:48] ja die waren aus Saloniki diese fünf Mädchen ja   sie waren aus Saloniki

Ulrich Baumann

[1:48:53] [gleichzeitig:] okay

Daniel Baranowski

[1:48:55] und ist das jetzt in Ravensbrück gewesen oder weil Sie grad mal sagten das war ein Außenlager

Erika Myriam Amariglio

[1:48:58] [unterbricht:] nein nein von Auschwitz noch von Auschwitz zusammen

Daniel Baranowski

[1:49:01] mhm

Ulrich Baumann

[1:49:03] von Auschwitz

Daniel Baranowski

[1:49:05] nee das was Sie äh gerade erzählt hatten Sie sind nach Ravensbrück gekommen und   da waren Sie aber nur kurz

Erika Myriam Amariglio

[1:49:09] in Ravensbrück waren wir kurz dann haben sie uns in ein Zweitlager gegeben

Daniel Baranowski

[1:49:13] und wa- wo ist das gewesen ?

Erika Myriam Amariglio

[1:49:15] Malchow hieß es

Daniel Baranowski

[1:49:18] mhm

Ulrich Baumann

[1:49:20] ah

Erika Myriam Amariglio

[1:49:22] wo wir waren und es waren noch andere  

[1:49:24] ja das ist das ist die Geschichte von Auschwitz aber bleibt nicht (auch) das was ich jetzt erzählt habe   das war die gute Zeit wo wir das Gemüse gestohlen haben aber denkt was Auschwitz war   eine Million Juden ungefähr

[1:49:40] 960000 Juden wurden dort ermordet unser Transport hab ich nach als ich mein Buch geschrieben hab (in) das Buch von Danuta Czech ich hab Ihnen erzählt von dem Buch ?

Ulrich Baumann

[1:49:52] ich kenn das wir kennen das ja ja

Erika Myriam Amariglio

[1:49:56] das kennen Sie ja ?

Ulrich Baumann

[1:49:58] mhm das Kalendarium mhm mhm

Erika Myriam Amariglio

[1:50:00] das Kalendarium als ich es bekommen habe ich erinner mich das war im Jahre 92 als es rausgekommen ist hab ich gleich bestellt und d- und natürlich in deutscher Sprache ich sag es tut mir Leid ich wollte dass es in eine andere Sprache ist dass meine Kinder

[1:50:12] es lesen können hab ich gleich den äh zwanzigsten März   also fünf Tage war unser unsere Reise den zwanzigsten März habe ich äh aufgemacht zu sehen was da steht und da steht »heute kam ein Transport aus Saloniki von 2800 ungefähr 2800 ungefähr Juden

[1:50:39] von denen sind 417 Männer ins Lager gekommen und haben die Nummer so und so bekommen und 2- äh -90 Frauen   mit den und haben die Nummer so und so bekommen« und endet genau mit meiner Nummer 38 912 weil wir zuletzt äh die Nummer bekommen haben und ich war

[1:51:03] die nach meiner Mutter nicht ? (neunun-)   die übrigen 2100 und etwas 2160 oder so was wurden direkt in den Gaskammern gegangen und das stand für jeden Transport vom Reichssicherheitshauptamt vom RSHA Sie können sie sehen bei Danuta Czech es ist unglaublich

[1:51:28] unglaublich

Ulrich Baumann

[1:51:30] mhm

Erika Myriam Amariglio

[1:51:33] und da hat man auch viele Griechinnen   äh Mädchen genommen äh für den äh   für die   für Mengele die hat man in Block zehn gebracht damit sie Experimente damit die für die Experimente von Doktor Mengele sein   und so sind 96 Prozent der griechischen Juden

[1:51:55] umgebracht sech- der Saloniker Juden

Ulrich Baumann

[1:51:59] ja ja mhm

Erika Myriam Amariglio

[1:52:02] der Saloniker Juden   ich glaube ist genug was ich erzählt habe nicht ?

Daniel Baranowski

[1:52:07] kann ich noch eine Frage stellen ?

Erika Myriam Amariglio

[1:52:09] ja ja

Daniel Baranowski

[1:52:11] und zwar ähm hatten Sie gesagt dass Sie dann einmal äh erfahren hatten dass Ihr Bruder und Ihr Vater noch ähm am Leben waren hatten Sie sonst in der Zeit irgendeinen Kontakt zu dem Bruder und dem Vater

Erika Myriam Amariglio

[1:52:23] wir hatten einen Kontakt durch Clauss   hatten wir einen kleinen Zettel geschrieben und der der mein Vater konnte eine bestimmte Zeit   rausgehen vom Block eins und von der Toilette   wo wir in äh in der Politischen Abteilung wenn ich auf der Toilette stand

[1:52:46] konnte ich vom Fenster   meinen Vater sehen   und er ging immer eine bestimmte Zeit ich erinnere mich nicht mehr an die Stunde und ich kletterte auf die Toilette und er stand für einen Augenblick v- vor die Stufen bevor er runterging und so haben wir ihn paar

[1:53:07] Mal vier oder fünf Mal gesehen mal meine Mutter mal ich   ich hatte einen Chef der hieß Pery Broad   der hat ein Buch geschrieben das hab ich jetzt erst entdeckt und ich will es unbedingt haben ich hab es bestellt äh über die Deu- über die Deutschen äh

[1:53:29] im Lager   das muss sehr interessant sein hat die Tür geöffnet hat mich gesehen und gleich wieder zugemacht und nichts gesagt  

Ulrich Baumann

[1:53:38] wann haben Sie dann erfahren von Ihrem Bruder und Ihrem   Vater

Erika Myriam Amariglio

[1:53:48] a- als äh wir haben uns auch nochmal gesehen in Auschwitz als Auschwitz bombardiert wurde   da sind wir ins Männerlager gegangen   und mein Vater war ha- äh war äh d- also d- die Männer und die Frauen sind zusammengekommen weil die SS selber Angst hatten

[1:54:09] mein Vater hatte von Splittern äh war ganz mit Blut und ist äh plötzlich waren wir mein Vater und mein Bruder   und die Mutter und ich so [unterstützende Geste] für einen Augenblick zusammen und haben den Vater gesehen so im Blut und Gott sei Dank haben

[1:54:27] wir auch wieder schnell erfahren durch einen SS wieder dass es ihm gut geht er war im Revier und ist und hat nichts und dann nichts mehr als wir äh marschiert waren und äh wo ich gefra- nach der Befreiung haben wir gefragt wir wurden natürlich in Malchow

[1:54:46] das war in Malchow wir waren nicht lange nicht ? äh wir wurden befreit am t- am vierten Mai aber bevor dem vierten Mai sind wir in den Wäldern gegangen dort waren die SS die haben nichts anderes gemacht als Akten verbrannt sie verbrannten Akten und da haben

[1:55:06] uns äh zwei äh wie sagt man äh Kriegsgefangene französische Kriegsgefangene gesehen und haben gesagt »kommt mit uns steht nicht da denn die Russen kommen« und sie waren in ein äh wieder [an Rudolf A gewandt:] Rolli pos (ipame) achyrona ?

Rudolf Amariglio

[1:55:26] Scheune

Erika Myriam Amariglio

[1:55:28] nein nicht Sch- Scheune haben sie uns genommen und da waren äh französische Ge- Kriegsgefangene und jugoslawische   Kriegsgefangene und da waren wir zusammen und die haben mit den Mädchen auch die fünf Mädchen   die griechischen und da waren wir paar Tage

[1:55:44] und so haben wir ähm die Russen   waren wir von den Russen verschont und dann sind wir wir sind mit den Jugoslawen nach Jugoslawien gegangen aber alle die ich gesprochen hab ob sie Kounio den Kounio kannten viele haben gesagt »ja« und als ich fragte »was

[1:56:01] ist mit ihm geschehen ?« »ah die sind tot ah die sind tot« die habens nicht überlebt aber das war so dass sie das gesagt haben und deswegen sind wir denn wir hatten gesagt wir werden uns treffen in äh in Saloniki und äh unser Kontakt wird sein der Cousin

[1:56:21] von meiner Mutter der im Roten Kreuz in äh in G- in Geneve

Daniel Baranowski

[1:56:27] [gleichzeitig:] Genf

Ulrich Baumann

[1:56:29] [gleichzeitig:] Genf

Erika Myriam Amariglio

[1:56:31] in Genf gearbeitet hat und dann sind wir ha- der also die jugoslawische Offiziere einer hat gesagt »kommt mit uns wir werden euch in unser Haus äh meine Mutter und mich äh äh äh besorgen und äh meine Mutter wird für euch besorgen kommt mit uns und von

[1:56:50] dort Griechenland Saloniki ist sehr nahe« und so sind wir zu ihnen gegangen und äh haben meine Mutter hat von dort an den Cousin geschrieben und unsere Adresse gegeben und dann kam ein Telegraf nach ein   einen Monat »Salvator und äh (Bubi) sind in in in

[1:57:06] Saloniki   zu Hause« und so sind wir so haben wir uns wieder getroffen

Ulrich Baumann

[1:57:12] und hat dann hat Ihr Vater und äh der der Heinz haben die dann schon wieder in dem alten Haus gewoh- in dem alten Haus gewohnt

Erika Myriam Amariglio

[1:57:22] [gleichzeitig:] ja ja die waren schon wieder sie hatten das Haus bekommen

Ulrich Baumann

[1:57:24] mhm

Erika Myriam Amariglio

[1:57:26] es war natürlich alles leer

Ulrich Baumann

[1:57:28] mhm

Erika Myriam Amariglio

[1:57:30] aber sie sie hatten nur Betten und das und mein Vater hatte vorsorglich einen Fotografen alle die Möbel gegeben die hatten solche Möbel wie wir

Ulrich Baumann

[1:57:38] mhm

Erika Myriam Amariglio

[1:57:40] äh und die hat damit die s- mit allen seinen Bücher das waren an die Tausenden Tausend und so was Bücher hatte er gehabt hat er alle wieder zurückbekommen aber bis sie zurückkamen müsste das Haus wieder renoviert also und er hat das Geschäft natürlich

[1:57:56] wieder zurück- äh bekommen

Ulrich Baumann

[1:57:58] ah ganz zurück oder musste er was zahlen oder

Erika Myriam Amariglio

[1:58:00] sehr wenig sehr sehr wenig aber seine Klienten sind alle wieder gekommen und er hat gearbeitet und hat wieder hochgebracht

Ulrich Baumann

[1:58:08] mhm

Daniel Baranowski

[1:58:10] wie war das für Sie dann nachher wieder durch Saloniki zu laufen

Erika Myriam Amariglio

[1:58:14] bitte ?

Daniel Baranowski

[1:58:16] wie war das für Sie dann nach dem Krieg wieder durch Saloniki zu laufen oder wie ist das heute kommen da an bestimmten Stellen wieder Erinnerungen hoch ?

Erika Myriam Amariglio

[1:58:24] nein keine Erinnerungen Saloniki hat sich so sehr geändert aber so sehr geändert nachn Krieg   Sie werden sehen morgen wenn Sie zu meinem Bruder gehen er wird soll euch das zeigen wie es war nicht ? is a- alles anders geworden

Ulrich Baumann

[1:58:40] mhm

Erika Myriam Amariglio

[1:58:42] die Erinnerungen sind nur im Kopf und das Lager geht nie nie nie vom Kopf weg alles alles vergleicht sich immer wieder zurück das das ist für immer geblieben

Daniel Baranowski

[1:58:52] haben Sie danach nochmal Auschwitz besucht die Gedenkstätte

Erika Myriam Amariglio

[1:58:57] zweimal

Daniel Baranowski

[1:58:59] mhm

Erika Myriam Amariglio

[1:59:01] zweimal war ich in Auschwitz   mein Bruder war schon mehrere Male aber ich will nicht mehr wieder gehen ich war sehr neugierig zu sehen wie das alles war wie es mit meinem Bruder war w- einmal s- bin ich mit meiner Mutter gegangen als representative von der

[1:59:17] jüdischen Gemeinde und dann haben wir [an Rudolf A gewandt:] dreimal war ich dann in Auschwitz dreimal das dritte Mal haben wir die ganze Familie mit unseren Kindern und Enkelkindern um zu zeigen   haben wollten wir denen zeigen Auschwitz und Karlsbad

Ulrich Baumann

[1:59:34] ah ja ja

Erika Myriam Amariglio

[1:59:37] wo ihre Großeltern Groß-Großeltern waren   Fragen

Ulrich Baumann

[1:59:42] ich habe nur eine Frage zu Saloniki ähm als Sie ein ein Kind waren ähm gab es da eine bestimme Synagoge wo Sie äh an den hohen Feiertagen mit den Eltern hingegangen sind also waren Sie in der Synagoge an den hohen Feiertagen auch ?

Erika Myriam Amariglio

[1:59:57] [lehnt sich nach vorne] ich hab nicht verstanden die Frage

Ulrich Baumann

[1:59:59] also war war die Familie Kounio ähm an den hohen Feiertagen auch in der Synagoge ?

Erika Myriam Amariglio

[2:00:03] Synagoge nur mein Vater

Ulrich Baumann

[2:00:06] nur ah das heißt als Kind haben Sie eigentlich keine Synagoge besucht

Erika Myriam Amariglio

[2:00:10] nein nein nein ich sage Ihnen ich ha- ich hatte sehr liberal sehr   ich weiß nicht ob es gut ist aber auf jeden Fall ich wusste nur dass ich Jüdin bin   und so hab ich es weiter gemacht

Ulrich Baumann

[2:00:21] mhm ah ja okay das das ähm   denn wir waren auch gestern bei der einen Synagoge die noch steht die haben wir gestern auch gesehen die in der Syngrou-Straße ähm

Erika Myriam Amariglio

[2:00:34] waren Sie ?

Ulrich Baumann

[2:00:37] waren wir weil unser Hotel da ja ist haben wir diese eine Synagoge ja auch äh gesehen

Rudolf Amariglio

[2:00:39] die war wohl geschlossen ja

Erika Myriam Amariglio

[2:00:42] [gleichzeitig:] ja ? in der in derselben Straße ist es ja ?

Ulrich Baumann

[2:00:44] genau

Erika Myriam Amariglio

[2:00:47] [an Rudolf A:] ne Syngrou den ine ?

Ulrich Baumann

[2:00:49] ja ja

Daniel Baranowski

[2:00:51] und nach dem Krieg haben Sie dann Sie haben sich wieder getroffen in Saloniki und

Erika Myriam Amariglio

[2:00:54] der hat mich ge- verfolgt [alle lachen]

Daniel Baranowski

[2:00:56] soll er das nachher erzählen oder wollen Sie davon erzählen ?

Erika Myriam Amariglio

[2:00:59] er hat mich verfolgt [lacht]   ja er hat gesehen dass wir kommen der durch seine Arbeit aber das k- wird er euch selber erzählen

Daniel Baranowski

[2:01:09] und Sie haben Kinder   zwei ?

Erika Myriam Amariglio

[2:01:11] mhm ?

Rudolf Amariglio

[2:01:13] zwei

Ulrich Baumann

[2:01:16] zwei mhm

Erika Myriam Amariglio

[2:01:18] wir haben was ?

Daniel Baranowski

[2:01:20] zwei Kinder

Erika Myriam Amariglio

[2:01:22] wir haben zwei Kinder sieben Enkelkinder und fünf Großenkel

Daniel Baranowski

[2:01:25] mhm   und ich hätte noch eine Frage zu Ihrem Buch ähm   als ich das gelesen hab ähm hatte ich sehr stark den Eindruck dass es Ihnen wirklich darum geht ähm zu sagen obwohl das alles sich so anhört als hätte es nicht geschehen können ist es aber geschehen

[2:01:39] als wenn Sie denen auch entgegentreten wollen ähm die das nicht glauben wollen in dem Sie es sehr genau beschreiben in dem Sie ja viel zitieren auch aus der Literatur Zahlen ähm und Daten ähm ist Ihnen das mal passiert dass Leute Ihnen nicht geglaubt haben ?

Erika Myriam Amariglio

[2:01:56] dass ich es ?

Rudolf Amariglio

[2:01:59] (e- ech- äh) echis wri anthropous pou tous to diigithikes ke den to pistevan ?

Erika Myriam Amariglio

[2:02:05] ich konnte   ich wollte als ich zurückkam wollte ich nur davon sprechen

Ulrich Baumann

[2:02:10] mhm

Erika Myriam Amariglio

[2:02:12] aber die Leute wollten nicht hören

Ulrich Baumann

[2:02:14] mhm

Daniel Baranowski

[2:02:16] mhm

Erika Myriam Amariglio

[2:02:18] ich hab gemerkt wie ich zu äh wie ich gesprochen hab die Verneinung »das ist nicht möglich« oder »es ist nicht normal«   und dann langsam langsam hab ich aufgehört zu sprechen aber die die Menschheit   war nicht bereit zu hören wenn ich jetzt zurück

[2:02:36] lese ich lese ich sehr ich lese sehr viel äh Bücher über über das Lager und alles andere wollen überhaupt nichts davon aber ich will ich lese sehr viel das war überall in der ganzen Welt   das waren vierzig Jahre   ja vierzig erst 1980 fing es an dass

[2:03:00] man mehr sprach Primo Levi sein wunderbares Buch im Jahre 46   hat man es nicht lesen d- d- äh nicht drucken wollen und da äh seine Druckerei hat es nicht gedruckt sie hat es erst im Jahre 63 glaub ich gedruckt und dann ist es so bekannt geworden in der ganzen

[2:03:20] Welt das war eines der ersten Bücher auch Elie Wiesels Bücher   die wurden erst viel später und die meisten Bücher sind nach 1980 äh geschrieben die äh   von von früheren Häftlingen   weil w- weil entweder müssten wir nur davon äh denken und nicht weiter

[2:03:46] im Leben machen oder ein st- eine Tür in unser Gehirn in Ruhe lassen und weiterleben und so haben wirs gemacht   und aber es   ich musste das Buch schreiben i- i- ich hatte die ich hatte angefangen zu schreiben im Jahre   55 58 ungefähr   es kam ein Freund von

[2:04:15] uns ein Schriftsteller aus äh aus der Schweiz und der sagte mir »du musst das schreiben du musst es schreiben und ich werde es im Verlag Ullstein werde ich das äh das Buch (rausgeben) « ich hab mich hingesetzt und hab natürlich Deutsch geschrieben aber

[2:04:32] es ging nicht es ging nicht und es ging so ich hatte kleine Kinder ich musste mit mein mit den Kindern anders sein ich wollte nicht das Lager im Haus bringen und dann im Jahre   äh 96 nicht ? also im Jahre 94   als es fünfzig Jahre war hab ich mir gedacht jetzt

[2:04:52] entweder jetzt oder niemals und da hab ich mir vorgenommen es zu schreiben und habs in drei Monaten geschrieben hab jeden Tag zwei bis drei Stunden in der Früh gearbeitet und mein armer Mann hat mich so ertragen wie ich war in ein andere Welt wieder zurück

[2:05:10] wissen Sie sehr sehr schlechte Laune und äh   alles aber es ist so rausgekommen so richtig rausgekommen

Daniel Baranowski

[2:05:18] mhm haben Sie das dann auf Griechisch geschrieben ?

Erika Myriam Amariglio

[2:05:22] auf Griechisch hab ichs geschrieben auf Griechisch Griechisch ist meine Muttersprache

Rudolf Amariglio

[2:05:27] nein

Erika Myriam Amariglio

[2:05:30] Deutsch hats der Bruder von meinem Mann übersetzt und der hat es übersetzt für seine Frau die Deutsche ist und seine Kinder damit sies lesen und ein Zufall wollte dass ich den Doktor Wiehn kennengelernt habe und hats gleich genommen und hats in seine und

[2:05:48] hats gedruckt

Ulrich Baumann

[2:05:50] ja   mhm

Erika Myriam Amariglio

[2:05:52] ich glaube das ist alles ist nicht genug ?

Ulrich Baumann

[2:05:56] doch doch also

Daniel Baranowski

[2:05:58] [gleichzeitig:] wir bedanken uns sehr dass Sie das Interview gegeben haben

Erika Myriam Amariglio

[2:06:01] ja

Daniel Baranowski

[2:06:03] vielen Dank und werden wir gleich mit Ihrem Mann (__)

Rudolf Amariglio

[2:06:05] [gleichzeitig:] (__) Pause machen

Ulrich Baumann

[2:06:07] [lacht] na klar machen wir ne Pause okay

Daniel Baranowski

[2:06:08] ja ja

Rudolf Amariglio

[2:06:08] vielleicht etwas essen

Ulrich Baumann

[2:06:08] mhm mhm

Datum Ort Text
ab 1926 Thessaloniki Geburt in einer deutsch-griechischen Familie
ab 1943 Thessaloniki (Ghetto) Umzug ins Ghetto
ab 1943 Auschwitz II-Birkenau (Vernichtungslager) Deportation aus dem Baron Hirsch-Ghetto nach Auschwitz
ab 1944 Auschwitz I (Konzentrationslager) Zwangsarbeit bei der Beseitigung von Urnen und Dokumenten
ab 1945 Thessaloniki Rückkehr nach Thessaloniki über Jugoslawien, Wiedersehen mit dem Vater und dem Bruder
ab 1945 Ravensbrück (Konzentrationslager) Zwangsarbeit in einer Kartonfabrik und in der SS-Küche
ab 1945 Ravensbrück (Konzentrationslager) Todesmarsch von Auschwitz nach Ravensbrück
ab 1945 Malchow Befreiung durch die Rote Armee
ab 2010 Thessaloniki verstorben
bis 1938 Besuche bei den Großeltern in Karlsbad
Thessaloniki Veröffentlichung der Autobiografie »Damit es die ganze Welt erfährt«
Thessaloniki Heirat mit Rudolf A. und Geburt zweier Kinder
Auschwitz I (Konzentrationslager) Flecktyphuserkrankung und Aufenthalt im Krankenbau
Auschwitz I (Konzentrationslager) Einweisung in die Politische Abteilung und Zwangsarbeit als Dolmetscherin an der Rampe in Birkenau
Thessaloniki Besuch einer griechischen Schule
Erika A. wurde am 26. März 1926 in Thessaloniki geboren. Ihre Mutter kam aus Karlsbad, der Vater, Inhaber eines Fotogeschäfts, stammte aus Thessaloniki. Erika A. und ihr zwei Jahre älterer Bruder Heinz verlebten eine glückliche Kindheit: Sie waren Mitglieder eines jüdisch-christlichen Jugendklubs und besuchten während der Sommerferien ihre Großeltern in Karlsbad. In der Familie wurde Deutsch und Griechisch gesprochen.
1938 sahen sich die Großeltern aus Karlsbad gezwungen, aus ihrer Heimatstadt nach Thessaloniki zu fliehen. Mit Besorgnis verfolgte die Familie die politischen Entwicklungen in Europa im Radio. 1940 wurde Griechenland durch den Angriff Italiens in den Zweiten Weltkrieg hineingezogen. Erika A. und ihre Freundinnen unterstützten die griechischen Truppen, indem sie Mützen und Handschuhe für sie strickten.

Im April 1941 marschierten die Deutschen in Thessaloniki ein. Kurz darauf wurde der Vater von Erika A. für kurze Zeit verhaftet. Für Erika A. ging das Leben unter deutscher Besatzung in vielerlei Hinsicht weiter wie zuvor: Ihr Jugendklub »Die Saloniker« organisierte Vorträge und Sportkämpfe, und sie besuchte die Schule. Die Ausgrenzung der Juden verschärfte sich jedoch: Bald musste der Vater von Erika A. sein Fotogeschäft verkaufen. 1942 verhafteten die Deutschen alle jüdischen Männer zwischen 18 und 45 Jahren und hielten sie bis zu ihrem Freikauf durch die jüdische Gemeinde mehrere Wochen lang gefangen. Im Winter 1942/43 wurden die antijüdischen Maßnahmen in Thessaloniki noch einmal deutlich verschärft. In der Stadt richteten die Deutschen mehrere Ghettobereiche ein, und auch die Familie von Erika A. musste ihr Haus verlassen und ins Ghetto ziehen. Bald darauf wurden die Ghettos abgeriegelt, so dass Erika A. ihre Schule, die außerhalb des Ghettos lag, nicht mehr besuchen konnte. Trotz mehrerer Hilfsangebote entschieden sich die Eltern dagegen, ihre Kinder bei Bekannten zu verstecken. Sie wollten von ihrem Sohn und ihrer Tochter nicht getrennt werden.
Im März kündigten die deutschen Besatzer an, die Juden würden zur Zwangsarbeit nach Krakau gebracht werden. Die Eltern von Erika A. trafen die entsprechenden Vorbereitungen, tauschten Geld um und besorgten warme Kleidung. Über das Baron Hirsch-Ghetto wurden sie schließlich zum Bahnhof gebracht, von wo sie in überfüllten Viehwaggons nicht nach Krakau, sondern ins KZ Auschwitz deportiert wurden. Die Zugfahrt dauerte mehrere Tage.

Nach der Ankunft in Auschwitz-Birkenau wurden die Deportierten mit höchster Brutalität zur Selektion getrieben, dabei wurde die Familie aufgrund ihrer Deutschkenntnisse beim Dolmetschen eingesetzt. Erika A. wurde daraufhin mit ihrer Mutter in die Politische Abteilung des Stammlagers eingewiesen. Von nun an mussten sie bei der Aufnahme von griechischen Häftlingen ins Lager zwangsweise Übersetzerdienste für die Deutschen leisten.
Nachdem Erika A. an Flecktyphus erkrankte, wurde sie ins Krankenrevier des Stammlagers eingewiesen. Da die Häftlingsärzte kaum über Medikamente und Essen verfügten, versuchte die Mutter von Erika A., sie gesund zu pflegen. Nach drei Wochen wurde sie vom Lagerarzt Werner Rohde aus dem Krankenrevier entlassen.
In der Politischen Abteilung führte Erika A. Hilfsarbeiten für die dort tätigen Schreiberinnen – wie ihre Mutter – aus, wurde selber aber nur für mündliche Übersetzungen eingesetzt, da sie Deutsch sprechen, jedoch nicht schreiben konnte. Die Arbeit gewährte Erika A. besondere Einblicke in die Abläufe im Lager und ein Wissen um das Ausmaß der dort durchgeführten Vernichtung. Nach der Befreiung konnte sie oft nicht glauben, dass das, was sie erlebt hatte, wirklich geschehen war.
Mit dem Vorrücken der Roten Armee begannen die Deutschen im Herbst 1944, Dokumente zu beseitigen. Erika A. musste Akten vernichten und Urnen mit der Asche Verstorbener auf Lastwagen laden, die anschließend weggeschafft wurden.

Im Januar 1945 lösten die Deutschen das Lager auf und trieben die Häftlinge der Politischen Abteilung auf einen Todesmarsch nach Ravensbrück. Nur durch die Willensstärke der Mutter, die sie antrieb und nicht verzweifeln ließ, überstand Erika A. den Marsch. Im KZ Ravensbrück verrichtete sie zunächst Zwangsarbeit in einer Kartonfabrik, dann arbeitete sie in der SS-Küche, wo sie die Möglichkeit hatte, zusätzliche Nahrungsmittel für ihre Mutter und eine Gruppe von griechischen Häftlingen zu organisieren. Von dort wurde Erika A. mit ihrer Mutter in das Außenlager Malchow verlegt, welches Anfang Mai 1945 von sowjetischen Truppen befreit wurde. Mit jugoslawischen Offizieren reisten sie nach Süden, von dort erfolgte die Rückkehr in die Heimatstadt Thessaloniki.
In Thessaloniki traf Erika A. ihren Vater und ihren Bruder wieder. Die Familie konnte an das Vorkriegsleben anknüpfen, denn sie erhielt ihr Haus und das elterliche Fotogeschäft zurück. Doch Erika A. fand mit ihrem Wunsch, über die Verfolgung zu sprechen, über viele Jahre kein Gehör. Erst vier Jahrzehnte später entschied sie sich dazu, über ihre Erfahrungen ein Buch zu schreiben. Dies war keine einfache Aufgabe, denn sie musste sich monatelang gedanklich in diese Zeit zurückversetzen.