Walter Frankenstein (*30.06.1924, Flatow)
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- Signatur
- 01097/sdje/0008
- Institut
- Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin
- Sprache
- deutsch
- Ort und Datum der Aufnahme
- Berlin, den 4. September 2009
- Dauer
- 05:07:25
- Interviewter
- Walter Frankenstein
- Interviewer
- Barbara Kurowska , Daniel Baranowski
- Kamera, Licht und Ton
- Uwe Seemann , Kai Schulze
- Redaktion
- Gabriele Zürn
- Transkription
- Gabriele Zürn
Mehr als zwei Jahre lebten Walter Frankenstein, seine Frau Leonie und ihre kleinen Söhne Uri und Michael von 1943 bis 1945 als untergetauchte Juden in Berlin. Das Überleben der vierköpfigen Familie gelang durch Mut und Entschlusskraft, aber auch durch die Hilfe von einigen wenigen Deutschen. Nach dem Verbot für Juden, staatliche Schulen zu besuchen, zog der 1924 in Flatow geborene Walter Frankenstein 1936 nach Berlin in das Auerbach’sche Waisenhaus. Er ging zur Schule und machte später eine Lehre als Maurer an der Jüdischen Bauschule. Im Waisenhaus lernte er 1941 seine Frau Leonie Rosner kennen, das junge Paar heiratete 1942. Kurz nach der Geburt des ersten Sohns tauchte die Familie kurzzeitig in Leipzig unter. Die meiste Zeit ihrer Illegalität verbrachten sie in Berlin, unterstützt von einem Helfernetzwerk, meistens jedoch auf sich selbst gestellt. 1944 wurde der zweite Sohn Michael geboren. Nach der Befreiung ging Leonie Frankenstein mit den Söhnen Ende 1945 nach Palästina, Walter Frankenstein arbeitete für die Bricha und gelangte erst 1947 zu seiner Familie nach Israel, wo er vor allem als Handwerker tätig war. 1956 wanderte er mit der Familie aus gesundheitlichen Gründen nach Schweden aus und arbeitete bis zu seiner Pensionierung 1984 als Ingenieur. Den Ruhestand erlebte er zusammen mit seiner Frau als die glücklichste Zeit seines Lebens, die durch den Tod von Leonie Frankenstein 2009 jäh beendet wurde. Zum Zeitpunkt des Interviews war Walter Frankenstein 85 Jahre alt.
Vorkontakte
Vermittlung des Interviewten durch den Historiker Dr. Andreas Kossert, der im Rahmen eines geplanten Films über jüdische Gemeinden in Westpreußen mit dem Interviewten sehr guten (freundschaftlichen) Kontakt hatte und die Ausstellung im Ort der Information besucht hat; dabei dann Vorstellung des Videoarchivs und Zusage von Walter Frankenstein, der von Anfang an betonte, das Interview seiner kurz zuvor verstorbenen Ehefrau widmen zu wollen; Vorgespräch zwei Tage vor dem Interview: auf Vorschlag der Interviewer wurde vereinbart, dass der Interviewte zusammen mit dem Foto seiner Ehefrau zu sehen sein sollte; außerdem, dass er die Möglichkeit erhält, Teile seiner Fotoalben zu zeigen
Bedingungen
auf Grund der großen Hitze mussten die Fenster der Bibliothek offen bleiben; deswegen durchgängig laute Verkehrsgeräusche im Hintergrund
Gruppensituation
zwei Interviewer; Kameramann Kai Schulze, nach ca. 2/3 des Interviews wird die Kamera von Uwe Seemann übernommen;
Unterbrechungen
neben den schnittbedingten Unterbrechungen eine längere Pause zum Mittagessen, bei dem vereinbart wurde, dass nach der Pause zunächst die Fotos gezeigt werden, bevor die Lebensgeschichte fortgesetzt wird
Protokoll
Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin
Eindrücke
Walter F. fühlt sich alleine, möchte immer weiter erzählen.
[0:00] Barbara Kurowska Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas wir machen heute ein Interview mit Walter Frankenstein für das Projekt »Leben mit der Erinnerung Überlebende des Holocaust erzählen« mit dabei Daniel Baranowski als Interviewer für die
[0:13] Technik ist Kai Schulze zuständig wir sitzen in der Geschäftsstelle der Stiftung und es ist der vierte September 2009 [Schnitt]
[0:21] hm ? äh zuerst einmal möchte ich äh über meine Frau reden über meine Gattin die ohne die wir nicht überlebt hätten sie war der Motor für alles was wir taten sie war die die die Familie zusammengehalten hat und sie war die Kämpferin in der Familie
[0:51] wir waren 86 Jahre zusammen s- ah sie- 68 Jahre zusammen 67 Jahre verheiratet und leider ist sie am 19ten Mai 2009 gestorben äh für mich ist das ein eine Katastrophe gewesen denn äh so wie wir gelebt haben wie wir Nächte lang miteinander gesprochen
[1:24] haben wie wir eine Einheit gewesen sind das ist natürlich ein riesengroßer Verlust für mich und auch in ihr Wunsch war es für über unsre Geschichte zu erzählen um es der neuen Generation möglich zu machen von der Zeit in der wir gelebt haben etwas
[1:50] zu erfahren darum [blickt nach links] will ich auch nur in am Anfang nur über sie sprechen meine Frau ist in Leipzig geboren kam dann nach der Schule als äh E- Erzieherpraktikantin z- in das Jüdische Taubstummenheim in Weißensee und äh als das Weißenseer
[2:18] Taubstummenheim aufgelöst wurde kamen die Kinder und das Personal in das Auerbach'sche Waisenhaus dort war ich schon seit 1936 wir lernten uns auf dem wir hatten einen großen Hof und da standen Bänke und waren Bäume und wir äh lernten uns in einer Diskussion
[2:41] über Politik och Religion kennen und äh es dauerte nicht lange so waren wir ein Paar und dieses äh ja Liebe die da begann die hielt in 68 Jahren leider kann sie heute nicht mehr mit sein so dafür spreche ich auch für sie
[3:12] die ganze Geschichte jetzt
[3:19] ich bin als Sohn von Max Frankenstein und Martha Frankenstein in Flatow 24 geboren Flatow eine kleine S- eine Kreisstadt in der ehemaligen Grenzmark also ein Teil Deutschlands das heute an Polen abgetreten worden ist und äh da hab ich meine Kindheit bis
[3:43] zum zwölften Lebensjahr verbracht mein Vater starb als ich vier Jahre alt war meine Mutter führte das Geschäft weiter das war ein Landhandel also da konnte man alles kaufen und so war es üblich früher in den Kleinstädten dass die Bauern in die Stadt
[4:03] kamen und ihre Waren dort verkauften Milch Butter Eier Hühner und kauften dann ein was sie brauchten und äh fuhren dann wieder nach Haus meine Kindheit war ja man kann nicht man kann keine bessere Kindheit haben Flatow lag an großen Seen und umgeben
[4:27] von großen Wäldern und ich war gerne draußen und ich hatte äh gute liebe Freunde christliche und auch jüdische das spielte damals keine Rolle und wir hatten wir d- d- hatten unsre Zeit die sehr schön war
[4:51] mit zwölf Jahren wurde es verboten für die
[4:55] jüdische Kinder in christliche Schulen zu gehen und da schaffte mein Onkel der in Berlin war mir einen Platz im Auerbach'schen Waisenhaus ich war ja Halbwaise hatte dadurch also Recht dort zu sein im Auerbach'schen Waisenhaus war gab es Platz für 45 Jungen
[5:17] und 35 Mädchen wir hatten vier Erzieher und Erzieherinnen und Direktor und Direktorin und auch diese Zeit dort war wunderbar dadurch dass wir im Auerbach abgeschirmt waren von der übrigen naziverseuchten Welt wir hatten das ein- der einzige d- die einzige
[5:39] Verbindung mit der Außenwelt d- waren die Schulgänge da wir auf verschiedene Schulen verteilt waren und äh aber wir haben sind nie irgendwelchen Verfolgungen aus- ausgesetzt gewesen im Auerbach merkte man ja überhaupt nichts von der von dem was sich da
[6:01] draußen abspielte [betont:] bis zur Kristallnacht in der Kristallnacht kam SA und und und auch Zivile zu uns rein und wollten im Betsaal die Gaslampe anzünden also das Haus runter brennen und da trat unsere Erzieherin der Direktor und seine Frau waren nicht
[6:24] da und äh die unsre eine der Erzieherinnen Fräulein Lö- Ilse Löwenstern äh trat dazwischen und versuchte sie ausm Haus zu bekommen und und sagte es wären hier doch so viel kleine Kinder und äh das wär- eine Katastrophe und die zogen sich sogar zurück
[6:47]
[6:50] das waren Angehörige der SA die in dem Waisenhaus standen
[6:52] Leute der SA und auch Zivilisten
[6:55] und diese Frau hat sich dazwischen gestellt praktisch ?
[6:57] ja
[6:59] mhm
[7:01] da waren wir großen Jungs wir waren vier vier so genannte Lehrlinge also wir hatten schon die Schule beendet
[7:05] mhm
[7:07] und gingen in jüdische Ausbildungsschulen für handwerkliche also ich ging in die Jüdische Bauschule und andere waren lernten Schlosser und äh Tischler und wir vier und Fräulein Löwenstern waren eigentlich der die Mauer zwischen Katastrophe
[7:26] mh
[7:29] und dass nichts geschah
[7:31] wo is das Auerbach'sche Waisenhaus gewesen in Berlin
[7:35] das Auerbach'sche Waisenhaus war in der Schönhauser Allee 162 und ist nachdem die letzten Kinder von dort deportiert wurden
[7:45] also Leonie und ich verließen das Auerbach 41 Oktober 41 und äh die letzten Kinder die von dort deportiert wurden kamen mit einem
[7:58] Transport Oktober 62 glaub ich von dort weg und nachher wurde es irgendwie eine Hitlerjugendschule oder so was Ähnliches es brannte am Ende des Krieges ner runter und äh ist dann f- in der DDR als Ruine also abgerissen worden es ex- existieren noch Bilder
[8:23] von äh vom Auerbach vom selben Winkel fotografiert das Haus als es noch in gutem Zustand war und dann als Ruine äh ich weiß nich ob die Bilder hier sind oder im Jüdischen Museum wir verließen die l- das Auerbach und kamen dann bekamen eine Wohnung in
[8:51] Untermiete in der damaligen Treskowstraße die war am Wörther Platz heute Käthe-Kollwitz-Platz
[9:04] ah ja
[9:06] die Straße das war die Straße zwischen Wörther Platz und Rykestraße die Verbindungsstraße hat heute einen andern Namen ich weiß es nich und dort wohnten wir bis die Hauptmieter deportiert wurden und dann zogen wir in die Linienstraße ich war von der
[9:25] Bauschule aus als diese geschlossen wurde von der Jüdischen Gemeinde als einziger der Schüler übernommen worden zusammen mit dem äh Polier und dem Theorielehrer und wir machten Reparaturarbeiten in Jüdischen Altersheim und Krankenhaus und und so weiter
[9:46] äh die bis die Gestapo kam und alle jüdischen Handwerker von der Gemeinde anforderte wir warn glaub ich zwölf es waren Elektriker Maurer Tischler Schlosser und äh wir mussten in den Reichssicherheitshauptämtern arbeiten Bunker bauen reparieren äh Schäden
[10:14] verputzen und so weiter in mein erster Arbeitsplatz dort war das Reichssicherheitshauptamt sechs in der Emser Straße in Wilmersdorf oder Charlottenburg und dort arbeitete ich eine Zeit lang dann war ein anderes Sicherheitshauptamt in der im Bayerischen
[10:41] Viertel irgendwo und dann auch in der Kurfürstenstraße bei wo auch der wie hieß er der Eichmann
[10:54] mhm
[10:56] saß und dort verputzte ich eine Telefonleitung in seinem Zimmer und er saß am Schreibtisch und ich lag auf den Knien verputzte die Leitung und da sagte er nur »du Jude auf dem Veloursteppich nur en kleiner Fleck und morgen bist du in Auschwitz« das war's
[11:13] Einzige was er zu mir sagte sonst sah er mich nicht ich hatte ja immer einen SS-Mann mit ner Maschinenpistole hinter mir also alleine durfte man sich dort nich rühren
[11:24] wie lange haben Sie in dem Büro gearbeitet an dem Tag ?
[11:29] wie bitte
[11:32] wie lang ham Sie in dem Büro gearbeitet an dem Tag ?
[11:34] ne halbe Stunde
[11:36] halbe Stunde
[11:39] ja dann kam ich eines Morgens zur Arbeit na inzwischen war unser Sohn geboren der Älteste der wurde am zwanzigst- am zwanzigsten Januar 43 geboren und äh ja wir hatten am zwanzigsten Februar 42 geheiratet am dr- zwanzigsten Januar 43 wurde der Uri
[12:10] geboren und kurz danach kam ich zur Arbeit und stand vor dem Haus ich kann mich jetzt nicht mehr erinnern welches dieser Sicherheitshauptämter das war und da kam der Polier raus sah mich an und sagt »was machst du denn hier ?« »na arbeiten« »na siehst
[12:30] du nicht dass du der Einzige bist die Andern sind doch alle gestern Abend abgeholt worden« »nu davon hab ich keine Ahnung« »ich geh mal rein und frage« er ging rein
[12:43] und da fuhr ich schnell nach Haus und sagte meiner Frau »jetzt ist es an der Zeit jetzt
[12:50] verschwinden wir« und ich schickte sie nach Leipzig zu ihrem Stiefvater und ihrer Mutter die der Stiefvater war Christ und äh dadurch war auch die Mutter etwas geschützt und dort kam sie für eine kurze Zeit unter ich blieb noch in Berlin und kaufte noch
[13:10] die Lebensmittel auf die ich noch auf den Lebensmittelkarten hatte damit wir ein bisschen versorgt waren und schlief in der Wohnung von bekannten Leuten die schon versiegelt war ich brach das Siegel auf und schlief dort und dann einige Tage später f- folgte
[13:30] ich auch nach Leipzig die Zeit in Leipzig war für mich ziemlich kurz mein Stiefschwiegervater Theo Kranz ich nenn ihn in Fortsetzung nur Theo verschaffte mir eine Unterkunft bei einem älteren Tischler in seiner Werkstatt da konnt ich hausen und äh ich
[13:55] half ihm Seife machen wir kauften Kaninchenfelle auf kratzten das Fell äh das Fett ab [schmunzelt] und konnten damit Seife herstellen die er dann verkaufte äh nach einiger Zeit wurden aber Leute aufmerksam auf mich und da musste ich verschwinden fuhr zurück
[14:14] nach Berlin und in Berlin half mir Edith Hirschfeld sie hieß früher Edith Berlow damals noch äh das war eine Frau die nicht nur mir sondern vielen anderen Juden auch half und sie gab mir die Möglichkeit bei einem Herrn Ketzer in der Königsallee 23
[14:43] im Grunewald unterzukommen er hatte eine kleine pharmazeutische Fabrik und bei ihm wie ich später erfuhr arbeitete eine Sekretärin und diese war eine illegale Jüdin und sie war die Frau von Werner Scharff der bekannt ist dass er der Einzige der aus Theresienstadt
[15:09] ausgebrochen ist und Mitbegründer oder gar der Begründer einer Widerstandsgruppe war der einzigen gemischten zwisch- von Juden und Christen dieser in Deutschland gab erst später ich glaube sogar äh ganz kurz vor Kriegsschluss erschossen worden er wurde
[15:33] noch mal verhaftet und ist dann also erschossen worden ich arbeitete in der in der pharmazeutischen Fabrik bei Herrn Ketzer die war das warn -n paar Apparate in denen man Tabletten presste es waren Chlorophylltabletten die sollten also äh ja stärkend
[16:02] wirken und äh dort war ich und ich baute auch einen Bunker im Garten
[16:12] unterdessen ist meine Schwiegermutter in Leipzig verhaftet worden weil sie denunziert wurde auf weil auf ihrem Postausweis stand nicht Sara sie wurde verhaftet kam ins Gefängnis mein
[16:31] äh Theo Kranz bemühte sich sehr sie wieder rauszubekommen es ging nicht sie wurde von äh d- von der Polizei in Leipzig nach Auschwitz deportiert und dort umgebracht es existiert sogar eine Todesbescheinigung von Auschwitz die der Theo Kranz bekam und äh
[16:56] die in meinem Besitz ist mit Stempel und Unterschrift vom Konzentrationslager Auschwitz sagt sie wäre an Herzschwäche an äh im Januar gestorben ja dann als ich ähm ich hatte den Bunker dort fertig gebaut bei äh bei bei Ketzer im Garten dessen Villa
[17:28] Garten und dann fingen auch die Luftangriffe an unterdessen hatte meine Frau Leipzig verlassen müssen sie kam nach Berlin sie hatte sich im Schlafzimmer unter der Bettdecke versteckt mit dem Uri als die Gestapo kam um die Mutter abzuholen oder die Polizei
[17:52] in dieser Zeit ist sie eine Nacht d- d- das Fenster die Wohnung war in der ersten Etage und sie schlief dort im Wohnzimmer und sie träumte sie wäre in einem geschlossenen Raum und öffnete eine Tür und ging da raus in Wirklichkeit hat sie im Schlaf die
[18:17] Verdunklung an einem Fenster hoch gemacht das Fenster aufgemacht und ist dort rausgesprungen und mein Schwi- Schwiegervater der Theo Kranz hörte etwas ging hin und guckte aus dem Fenster und sah sie dort unten liegen auf der Straße eine Illegale die ausm
[18:37] Fenster im Schlaf ausm Fenster springt und sich nichts tut als -n bisschen blau geschlagen zu sein da- dazu gehört schon etwas er äh brachte sie nach oben und äh sie hatte sich nichts gebrochen nichts getan außer ein paar blauen Flecken und das war also
[18:59] ein Sprung von drei vier Meter Höhe
[19:02] und sie kann sich daran erinnern dass sie das geträumt hat ?
[19:04] dass sie das geträumt hat ja
[19:06] ja
[19:08] und also vollkommen im Schlaf
[19:11] ja
[19:13] d- w- keine Absicht dahinter oder was un dann kam später die Verhaftung und äh also ich hab das jetzt nicht so chronologisch erzählt die die Bilder kommen und (gehen) [unterstützende Handbewegung; schmunzelt]
[19:26] die die kam nach Berlin als mei- als meine
[19:32] Schwiegermutter verhaftet wurde dann ging es ja nicht mehr und ging zu sie hatte die Adresse von der Edith Berlow und äh sie wollte wissen wo ich bin wir hatten in dieser Zeit keinen Kontakt weil es war besser wenn der eine vom andern nicht wusste wo er sich
[19:49] befand im Falle man wird verhaftet und und gefoltert sie kam also zu Frau Berlow und die wollte ihr nicht verraten wo ich bin und äh sie schickte sie aber indirekt in eine Richtung in der ich mich befand die Frau Berlow wohnte am Roseneck in Grunewald und
[20:11] ich war also in der Königsallee und zufälligerweise als sie vorbeiging an dem Haus kam ich raus und ich nahm sie natürlich rein und sprach mit Herrn Ketzer und sie durfte dort bleiben und dort haben wir gewohnt bis das Haus zerbombt wurde und das war
[20:31] in im Frühjahr 44 muss das gewesen sein und da sagte der Herr Ketzer »ja jetzt kann ich Ihnen weiter nicht helfen nehmen Sie den Uri aufn Arm« und Uri war blauäugig und blond »und gehen Sie zur Sammelstelle für Ausgebombte und sagen Sie Sie haben
[21:02] Ihre Papiere die sind im Haus geblieben sind vernichtet worden bei dem Bombenangriff und geben Sie irgendeinen Namen an« und meine Frau gab den Namen einer ehemaligen Schulfreundin aus Leipzig an und sie bekam sie wurde sofort aus Berlin rausgeschickt eine
[21:18] deutsche Mutter mit Kind darf absolut nicht in Berlin bleiben und man schickte sie nach Briesenhorst das ist in der Nähe von Landsberg an der Warthe und äh dort war sie als sie dort ankam nahm eine NSV-Schwester sie in Efa- in Empfang sagte »sind Sie
[21:43] Berlinerin ?« »warum fragen S-« »ja weil Sie dunkel sind« meine Frau hat braunes Haar und dann sagte meine Frau »sind denn alle Berlinerinnen blond ?« daraufhin war die die Dame stille aber sie kam dann wieder weil sie hatte keine Lebensmittelkarten
[22:01] mit und sie zwang Leonie wieder nach Berlin zu fahren und zu dieser Sammelstelle zu gehen und da ging sie hin und die waren äußerst erregt dass eine deutsche Mutter mit Kind zurück in die bomben- -verseuchte Stadt Berlin kommt wegen der dummen Lebensmittelkarten
[22:25] sie bekam ihre Lebensmittelkarten fuhr wieder zurück aber da war sie schon schwanger und äh im September wurde der Micha in Landsberg an der Warthe geboren unter falschem Namen Michael Gerhard also den Namen der Schulfreundin und dann dann entstanden Schwierigkeiten
[22:48] die das Geburtsdatum der Schulfreundin stimmte nicht ganz genau und man konnte im Register in Leipzig nicht Martha Gerhard finden und da wurde es brenzlig
[23:03] und unterdessen hatte ich in Berlin über einen anderen Illegalen einen ehemaligen Flatower Nachbar-
[23:13] -sohn aus Flatow einen eine ein Zimmer in einer Kellerwohnung in der Blumenstraße bekommen und dorthin konnte ich mit Leonie ziehen äh das war bei einer Frau Mary und diese Frau Mary die ja war früher vielleicht mal ne Bordellmama oder irgend so was Ähnliches
[23:38] und dort wohnten wir wir bezahlten Miete bis das Haus ausgebombt wurde
[23:46] wo war das ?
[23:49] das war Blumenstraße
[23:51] wo das is in welchem Bezirk ?
[23:53] das is am Jannowitzbrücke [unterstützende Handbewegung] also hinterm Alexanderplatz
[23:57] ah ja mhm
[24:00] die existiert nicht mehr die Straße glaub ich
[24:02] ah ja
[24:04] aber es is hinter hinterm [unterstützende Handbewegung] Polizeipr- wo das Polizeipräsidium mal war also Ostberlin und dort war bis es ausgebombt ist brannte runter und natürlich versuchte ich zu löschen so gut es ging und neben mir arbeitete ein SS-Sturmbannführer
[24:22] und wir beide versuchten das Haus zu retten er weil er dort wohnte und ich weil ich keine andre Bleibe hatte für meine Familie das Haus brannte runter und wir beide der Herr SS-Sturmführer und ich wir hatten so ne kleine Rauchvergiftung und Leonie stand
[24:41] da unten mit den Kindern der der Micha lag im Wagen der Micha der Uri saß auf seinem Sitz den ich mal äh getischlert hatte auf dem Kinderwagen und wir wussten nicht wohin da kam der Herr SS-Sturmbannführer und sagt »wie ist Ihr Name ?« »Kranz« »Herr
[25:05] Kranz Sie melden sich morgen in meiner Arbeitsstelle« war dort und dort ir- kann mich nicht erinnern wo »und äh ich werd- wissen Sie wohin ?« »nein« »ich werde Ihnen eine Wohnung verschaffen und äh ich werde Sie vorschlagen für das Kriegsverdienstkreuz
[25:23] für Ihren tapferen Einsatz in dieser Bombennacht« äh frech war ich ja aber doch nicht so als dass ich dahin gehen würde aber während wir da noch standen da kam eine äh ehemalige Angestellte der Mary und äh fragte »was wi- was werd Ihr jetzt machen«
[25:47] und so weiter und da sagte Leonie zu ihr »ich werd Ihnen die Wahrheit sagen wir sind Juden wir leben illegal wir wissen nicht wohin wir haben keine Bleibe und was jetzt wird weiß ich nicht« und da zog sie aus ihrer Tasche eine ein paar Schlüssel gab Leonie
[26:06] die Schlüssel und eine Adresse und sagte »ihr habt die Schlüssel auf der Straße gefunden ich weiß von nichts mich seht ihr nicht mehr« und dort sind wir bis der Artilleriebeschuss zu stark wurde also bei der Stürmung von Berlin in dieser Wohnung gewesen
[26:28] und äh ich weiß nicht was wir gemacht hätten wenn das nicht geschehen wäre dazwischen war natürlich noch viel viel was da alles geschehen war das war nur in großen Zügen die Geschichte bis dann der Artilleriesch- äh -beschuss so stark wurde dass wir
[26:51] in der Wohnung nicht mehr bleiben konnten und dann sind wir zum Bunker am Kottbusser Tor gegangen und da warn so zweistöckige Pritschen mit Strohsäcken drauf und ich hab mich auf den einen unter dem einen Strohsack versteckt und die Kinder legte Leonie obendrauf
[27:09] und setzte sich davor und da warn wir dann bis zur Befreiung bis die Russen kamen die SS wollte einmal den den Bunker unter Wasser setzen für deu- da warn ja mehrere Menschen waren Deutsche und deutsche Frauen dürfen nicht in die Hände der Russen fallen
[27:30] also besser sie werden dort hier im Bunker ertrinken und da haben die Frauen da geschrien und und und dann hat sich die SS zurückgezogen und es ist nichts passiert bis dann die Russen kamen und die glaubten uns natürlich erst nicht dass wir Juden sind weil
[27:50] in Russland hatte man gesagt seit 1936 gibt es keine Juden mehr in Deutschland und äh dann kam ein Offizier und der glaubte uns er fragte mich nach dem Glaubensbekenntnis auf hebräisch und das konnte ich und das sagte ich ihm auf und da war er überglücklich
[28:17] dass er noch Juden hatte finden können lebend und nahm uns rüber in sein Hauptquartier das war in einer Markthalle am Kottbusser Tor und da sind wir dann über Nacht geblieben und dann sagte er die Stellung ist nicht sicher die Deutschen können noch mal
[28:36] zurückkommen und schickte uns nach Landsberg an der Warthe dort wäre eine Sammelstelle für alle Ausländer und die die aus Deutschland raus wollten und wir sind dann zwei Tage nach Landsberg an der Warthe gegangen das sind 140 Kilometer mit Kinderwagen
[28:58] querfeldein aber es ging wir kamen nach zwei Tagen waren wir in Landsberg an der Warthe und dort erlebten wir die Kapitulation Deutschlands und fuhren dann auf einem Militärtransport der Russen nach Berlin zurück was da zwischendurch noch zu erzählen
[29:20] ist das ist eine lange lange Geschichte ich weiß nicht wie viel ich da noch erzählen soll Pause ?
[29:32] wir können ne Pause machen mhm [Schnitt]
[29:34] ähm wir wollen noch mal zurückkehren an den Anfang Ihrer Erzählung oder eigentlich vor den Anfang Ihrer Erzählung und noch mal ähm etwas von Ihren Eltern wissen Sie ham gesagt dass Ihr Vater [Zoom auf das Fotoalbum
[29:49] in der Hand von Walter Frankenstein] gestorben ist als Sie vier oder fünf Jahre alt waren
[29:53] vier Jahre
[29:55] sie ham Fotos von Ihren Eltern links aus der Kameraperspektive jetzt ist Ihr Vater Max ähm zu sehn ham Sie aus der aus den wenigen Jahren die Sie mit Ihrem Vater verbracht haben Erinnerungen an ihn
[30:12] ja ich hab zwei ich sehe zwei Bilder
[30:15] ja
[30:18] vor meinen Augen das eine ist ich hatte Masern und damals zu der Zeit wenn ein Kindern Masern hatten dann wurden die Zimmer das Zimmer verdunkelt und äh eines Tages sah ich meinen Vater in der Tür stehen und das Licht von hinten und äh er hatte in der Hand
[30:43] einen Karton und in dem Karton waren Elastolin-Soldaten das waren also die die Vorgänger von Plastik
[30:52] mhm
[30:54] das war Elastolin und die die warn so zehn zwölf Zentimeter groß und den Karton brachte er mir das ist das eine Bild von meinem Vater das andre Bild ich seh ihn im Geschäft stehen er hatte wie das damals so üblich war einen steifen hohen Kragen den nannte
[31:13] man Vatermörder der der hielt den Hals grade und der war mit Kragenknöpfen am Hemd befestigt und er hatte das Jackett und Weste und an der Westentasche da hing eine äh Taschenuhr an der Kette und er rollte die Kette so immer um den Finger und dieses Bild
[31:38] diese zwei Bilder sind an für sich die einzigen die die ich von meinem Vater habe aber die sind klar und deutlich sonst wenig mein Vater war nich sehr fromm aber er war mit im wie es sich später rausstellte mit im Vorstand der Jüdischen Gemeinde Flatow
[32:00] die Papiere sind in Stettin in einem Archiv gefunden worden und meine Mutter war dagegen fromm sie stammte aus der Großvater war äh äh Lehrer und Rabbiner und sie war sehr fromm alles war im Haus koscher also äh nach jüdischen Gesetzen das Essen zubereitet
[32:26] und wenn mein Vater mal -n Schweinebraten essen wollte dann ließ er sich von seinen Kunden einladen [Lachen im Hintergrund]
[32:35] mhm
[32:38] draußen war er war er frei nur zu Hause war er war alles meine Mutter war eine sehr tolerante Frau und wenn ich zu ihr kam und sagte äh »Mama ich möchte mal ein bisschen Schweinewurst essen« »hier mein Kind haste zwanzig Pfennig geh zum Fleischer kauf
[32:54] Dir was aber iss es nich zu Hause«
[32:57] ah ja
[32:59] d- sie hatte nichts dagegen wenn andere Menschen anderer Ansicht waren
[33:01] sehr liberal
[33:03] sehr liberal
[33:05] ja
[33:08] sie hielt d- ihr ihr Koscher bis äh bis zum Ende sie hat nie Fleisch gegessen das nicht koscher ge- von von äh von Rindern die nicht koscher geschlachtet waren also das hat sie nicht gemacht das hat sie [betont:] mir gegeben
[33:20] sie hat äh auch akzeptiert
[33:26] dass ich mit neun Jahren am ersten April 1933 Atheist geworden bin ich hab damals das war der die der Tag des äh Boykotts jüdischer Geschäfte und ich stand wir hatten ein Fenster ein Zimmerfenster über dem Geschäft und da stand ich und sah wie ein
[33:55] SA-Mann vorbeiging seine Pistole zog und ins Haus schoss und das- stand ich da oben und sagte mir »lieber Gott wenn dieser Mann nicht innerhalb der nächsten fünfzig Meter tot umfällt dann glaube ich nicht mehr an Dich« leider leider sage ich ist es so
[34:21] geblieben bis zum heutigen Tage weil ich bin ja der Ansicht der der einen Glauben hat der hat auch eine Stütze der kann sich nicht nur auf sich selbst verlassen ist man Atheist ja da kann man nur auf sich s- vielleicht hat uns das auch das Leben gerettet
[34:42] dass wir nicht darauf gebaut haben dass der liebe Gott uns hilft sondern dass wir uns selber helfen müssen das war vielleicht einer der Gründe warum wir untergetaucht sind und nicht mitgegangen sind außerdem eine d- eine Sache wir haben geheiratet da war
[34:59] ich noch minderjährig heißt das so ja ?
[35:05] ja
[35:10] der äh die Erlaubnis des Vormunds brauchte um heiraten zu dürfen aus dem Grunde weil man uns damals gesagt hat verheiratete Paare bleiben zusammen wenn man sie zur Zwangsarbeit schickt damals war das noch nicht so bekannt mit Vernichtungslagern sondern das
[35:22] hieß die Juden Berlins werden nach in den Osten geschickt zur Zwangsarbeit und da Familien zusammen bleiben können das war der Hauptgrund weswegen wir geheiratet haben für uns spielte Heirat oder oder oder ode- Papiere das spielte für uns an für sich
[35:40] keine Rolle nach dieser ja dann mein V- das war mein Vater dann meine Mutter
[35:51] [gleichzeitig:] die is rechts auf d-
[35:53] und dann hatte ich zwei Brüder Halbbrüder mein Vater war in erster Ehe verheiratet mit einer Frau Klein [Zoom auf die Fotografie einer Frau] er hatte auch das Geschäft übernommen von dem F- von der Familie Klein und diese Frau bekam einen Sohn 1910 den
[36:13] Manfred und dann Zwillinge 1914 und da existiert ein äh ein Telegramm [Schwenk auf eine Fotografie von drei Kindern] das mein Onkel der damals Oberstabsarzt der Bruder meines Vaters also im Hauptquartier von Hindenburg in Mehlsack in Ostpreußen war der
[36:42] bekam das Telegramm von meinem Vater dass zwei äh äh Söhne geboren sind und dass die Antwort war auf diesem Fragment steht das »gratuliere zur Geburt zweier strammer Söhne das Vaterland brauche Soldaten«
[37:03] wollen wir das vielleicht mal eben zeigen das ist ja ist ja auch da drin diesem Album
[37:09] ja is auf glaub ich auf der nächsten Seite
[37:11] noch eine Seite weiter [blättert in dem Album] vielleicht können Sie es einfach so halten ?
[37:19] so das hier ist das Fragment des Telegramms [zeigt das Dokument]
[37:23] ja das ist Onkel Selmar gewesen
[37:27] das ist Selmar der dann nach dem Tode meines Vaters mein Vormund wurde und der mir auch dann den Platz im Auerbach'schen Waisenhaus verschafft hat
[37:36] kam Ihre Mutter auch aus der Gegend von Flatow oder woher kam (Ihre Mutter)
[37:43] nein mein Mutter ist in Waldenburg Oberschlesien geboren 1885 am 28sten Oktober und sie hatte vier Schwestern und einen Bruder und zwei der Schwestern heirateten Christen und wurden vom ihrem Vater also meinem Großvater verstoßen er betrachtete sie als
[38:13] gestorben und äh d- sprach Trauergebete nach ihnen und verbot den andern Kindern mit diesen zwei Schwestern Kontakt zu behalten und die Einzige die sich nicht darum kümmerte das war meine Mutter trotz ihrer Frömmigkeit sah sie nicht ein dass man mit seinen
[38:36] Geschwistern keinen Kontakt haben darf weil die Christen geheiratet haben und dadurch ist auch der Kontakt mit der Hanna später Schmidt das war die älteste Schwester die hatte dann einen Katholiken geheiratet und dann bekam sie zwei Söhne und da sagte
[38:57] der katholische Vater »dann lass doch die Kinder jüdisch werden« und da sagt die jüdische Mutter »dann lass doch die Kinder Katholiken werden« und dann äh gingen die Kinder in eine äh protestantische Schule in Hessen und dann wurden sie eben Protestanten
[39:17] also da waren alle drei Religionen waren da in der einen Familie vereint ohne größere Schwierigkeiten
[39:25] und wie haben sich Ihre Eltern kennengelernt
[39:31] das weiß ich nicht das war d- also meine Eltern haben äh 1923 geheiratet [Zoom auf das Fotoalbum] und diese Heiratsurkunde die bekam ich voriges Jahr in als ich in Flatow war in beim Magistrat bekam ich die ich bekam auch dort wieder mal mein Geburts- meine
[39:54] Geburtsurkunde die ich äh sechzig Jahre nicht mehr gehabt hatte und äh da ist auf der interessant ist dass auf der Heiratsurkunde sind äh hat Trauzeugen der eine ist mein Onkel Selmar der Sanitätsrat und der andere ist der Benno Fein das ist der jüngste
[40:18] Bruder meiner Mutter gewesen der später deportiert wurde von Lyk mit seiner Familie nach äh ins Gh- irgendwo umgebracht worden bei Riga was wäre denn noch ?
[40:36] Sie hatten also drei Halbbrüder hab ich das richtig ?
[40:39] [unterbricht:] ja der eine der eine der Zwillinge ist nach zwei Jahren gestorben
[40:42] mhm
[40:45] und die Mutter dieser Kinder starb an einer Blutvergiftung 1917 sie öffnete eine Konservendose schnitt sich dabei in -n Finger und damals zu der Zeit eine Blutvergiftung die war tödlich es gab ja keine Antibiotika oder Ähnliches und dann heiratete also
[41:05] mein Vater wieder wir Kinder also ob die Älteren dessen bewusst waren weiß ich nicht es gab bei uns keinen Unterschied ich betrachtete sie als meine Brüder und damit war die Sache erledigt und meine Mutter machte auch keine Unterschied
[41:25] und Sie hatten vorhin schon gesagt dass Sie in der Zeit in der Sie in Flatow gelebt haben ähm keinen Unterschied eigentlich gemacht haben auch zwischen christlichen und jüdischen Kindern beziehungsweise das überhaupt nicht wussten weil es keine Rolle spielte
[41:42] wie ist das so
[41:44] nein
[41:46] wie ist das so gewesen in Flatow ?
[41:49] ich hatte es gab natürlich einen schwelenden Antisemitismus den gab es dort aber ich merkte nichts von dem das d- das spielte der der Antisemitismus der spielte sich irgendwo im äh Hintergrund ab zwischen Erwachsenen oder oder weiß nich wir Kinder ich
[42:07] spielte mit den Kindern vom Rechtsanwalt äh (Eberle) und mit den Kindern vom vom äh (Hallwig) es überhaupt kein Unterschied ich hatte auch jüdische Freunde aber [zuckt mit den Schultern] der einzige Unterschied den man merkte das war wenn die Hohen
[42:29] Feiertage kamen dass die einen sind in die Kirche gegangen und die andern sind in in in die Synagoge gegangen und dann hatte ich ein Kindermädchen Anna Anna Kowalski äh ihre Eltern waren Polen sie war aber in Flatow geboren und äh das Höchste was ich
[42:50] mir w- wünschen konnte das war wenn die Anna zu Weihnachten am Heiligabend mit mir in die katholische Kirche zur Mitt- Mitternachtsmesse gegangen ist das war für mich der der höchste Feiertag des Jahres und äh bei den Kowalskis da ging ich auch ein und
[43:11] aus schon als als kleiner Junge und da konnt ich natürlich meine Schweineschmalzbrote essen und äh [lächelt] es war es war kein Unterschied
[43:21] ein kleines Ereignis an das mich mein Cousin der Werner Schmidt der is in Hanau immer wieder erinnerte er war
[43:35] mit seinem also das war der Sohn der ältesten Schwester meiner Mutter also meine Tante Hanna äh die kam mit ihrem Sohn zu Besuch nach Flatow und das war 1925 ich war grade ein Jahr alt geworden und er jedes mal wenn wir uns trafen dann sagte der Werner
[44:00] »Walter kannst du dich erinnern wie du damals weggelaufen bist ?« sag ich [schüttelt den Kopf] »nein ich kann mich nicht erinnern« und ich könnte mich auch nicht erinnern ich war nur ein Jahr alt jedenfalls erzählte er dass ich wäre eines Tages v-
[44:16] als sie dort waren verschwunden und kein Mensch konnte mich finden aber wir hatten zwei Schäferhunde und der eine der Prinz der hatte mich sa- kann man sagen adoptiert er ließ niemand Fremden an mich ran nur die Familie und der kam nach einigen Stunden da
[44:36] hat er mich am Nacken gehabt [unterstützende Handbewegung] mit an den Kleidern im Nacken und ich baumelte so zwischen seinen Vorderfüßen und so schleppte er mich nach Hause wo ich in dieser Zeit gewesen bin das weiß niemand der Schäferh- hätte das be-
[44:53] erzählen können aber sonst niemand [lächelt] äh ich war immer -n Ausreißer erzählte der Werner ich wäre immer davon gelaufen und meine Mutter immer h- immer hinter mir her äh gibt noch ne andre Geschichte dass ich so ein so stilles Kind gewesen wäre
[45:13] ich hätte nie geweint oder geschrien dass mein Mutter oft nach mir geguckt hat ob ich noch lebe äh das hat sich mit der Zeit geändert
[45:22] Sie sind lauter geworden
[45:25] äh beides b- lauter und l- noch leiser
[45:30] mhm
[45:32] ganz nach der Situation
[45:35] mhm
[45:37] mehr ist aus der Kindheit nicht zu erzählen ja alle diese Dummheiten die man gemacht hat die will ich nicht erzählen
[45:48] [lacht]
[45:50] hab niemanden geschadet das weiß ich die Dummheiten das waren so ach Gott noch eine eine kleine Geschichte aber dann ist Schluss [lächelt] äh ich hatte eine Katze die war ein Jahr älter als ich ich war immer ich war immer sehr tier- -lieb und Tiere waren
[46:07] sehr lieb zu mir ich konnte Pferde unterm Bauch durchkriechen hätt mich kein Pferd irgendwie geschlagen [unterstützende Gesten] oder gestoßen und ich konnte äh ich hab schon als Fünfjähriger Kühe gemelk- äh gemolken und ich hatte eigene Hühner und
[46:20] ich hatte eigne Kaninchen und ich hatte äh zwei Hunde und Katzen Katzen Katzen aber die Eine die war älter als ich die war ein Jahr älter und wenn die eine Maus oder Ratte gef- gefunden hat äh g- gefangen hatte dann kam sie immer zu mir und präsentierte
[46:42] den Fund
[46:44] und eines Tages nahm ich ihr eine mittelgroße Ratte ab die noch lebte und nahm aus dem Geschäft so eine Geschenkpackung und tat dies- die die Ratte die noch so halb lebte in diese Geschenkpackung und dann legte ich die vor das Geschäft auf das
[47:03] Trottoir und ging runter in Keller und guckte durchs Kellerfenster wer die wohl nehmen wird
[47:09] [lacht leise]
[47:11] und da kam ein Frau guckte sich um nach allen Seiten nahm den Karton auf und ging damit nach Hause und zu meinem Glück wohnte sie in so einem niedrigen Häuschen dass man durch das Fenster rein von der Straße aus reingucken konnte und natürlich das höchste
[47:29] Vergnügen war als sie diesen Karton aufmachte und die Ratte sprang raus
[47:34] [lacht leise]
[47:36] und sprang im Zimmer umher das war das Eine ja das das hatte Spaß gemacht aber ich hab ja niemand damit geschadet nich mal der Ratte
[47:42] [lacht] die hat's überlebt ?
[47:45] wahrscheinlich
[47:47] [lacht leise]
[47:49] [lacht]
[47:51] [lachend:] die Tür flog aus und raus war die Ratte
[47:53] [lachend:] ja
[47:56] und dann war noch eine andre Sache die ich noch schnell erzählen will das war mein Bruder studierte in Königsberg er wurde Zahnarzt und er hatte dort einen Schädel erworben einen Menschen- -kopf und der stand immer auf einem Bücherregal über meinem
[48:09] Bett und eines Abends hatte ich eine wilde Idee ich werd in die Augen eine rote und eine grüne Taschenlampenbirne einsetzen und dann eine [unterstützende Handbewegung] es gab damals diese breiten Batterien in den Kopf ein Gummiband befestigen am Schädel
[48:27] und aus dem Schrank eine weißes Laken nehmen und dann ging ich zum Friedhof der lag der katholische und evangelische Friedhof der lag zwischen der S- Stadtzentrum und dem Vorort wo auch das Krankenhaus war das Krankenhaus in dem mein Vater starb und in dem
[48:48] ich auch geboren bin und ich kletterte von der Innenseite her auf die Mauer nahm das La- hängte das Laken um und den Schädel setzte ich fest mit dem Gummiband auf dem Kopf und dann blinkte ich mit den Birnen und wenn da Frauen vorbeikamen dann machte ich
[49:08] natürlich das Licht an und die schrien und sprangen davon aber dann kam ein älterer Herr vorbei und der hatte -n Krückstock und der blieb unter mir stehen und die Mauer war ungefähr so zwei Meter hoch blieb unter mir stehen und dann plötzlich kam der
[49:24] Stock angefahren mit der Krücke um mein Bein und zog mich runter dann hat er mich ordentlich verdroschen und dann war auch dieses Vergnügen vorbei mein Idol in der Kindheit das war der Sohn von unserm Faktotum [ein Handy klingelt] den wir hatten
[49:46] (__)
[49:49] [leise:] kann ich ausmachen [schaltet das Handy aus] das lassen wir äh äh der Sohn unsres Faktotums das war ein Straßenmusikant (Jupp Bulker) das war der Sohn vom alten (Bulker) und (Jupp Bulker) der war ich hab ihn nie erlebt nüchtern er war immer leicht
[50:14] angetrunken er spielte mit seinen äh Instrumenten auf auf äh Bauernhochzeiten und so weiter und da kam er eines Abends [betont:] erzählte man mir von einer Bauernhochzeit zurück und ging an den so genannten ja also schon Zeiten vorher genannten Friedhof
[50:39] vorbei und dann war er müde geworden und so ging er auf den Friedhof und so legte er sich zwischen zwei Gräber das eine als Kopfkissen und das andre da warn die Kniekehlen so drüber gelegt und das erzählte man mir von meinem Idol (Jupp) und äh einige
[51:00] Nächte später da verschwand ich von zu Hause ging auf den Friedhof legte mich so dass ich mit dem Kopf das eine Grab als Kopfkissen hatte aber meine Beine waren zu kurz die gingen nicht über das andre Grab und das gefiel mir nicht und dann bin ich wieder
[51:17] nach Haus gegangen
[51:19] [lacht leise]
[51:21] ins Bett weiter geschlafen ich wir hatten das Haus hatte drei Ausgänge also ich konnte verschwinden ohne irgendwie äh da in die Klemme zu kommen [lächelt] das war Kindheit ich könnt
[51:38] [unterbricht:] Ihre beiden Brüder waren viel älter als Sie wie war Ihre Beziehung zu den Brüdern
[51:42] äh s- sie waren meine Beschüt- Beschützer der Manfred ist ja schon sehr zeitig nach Königsberg der ist äh der hat das Abitur äh 1928 gemacht ist glaub ich dann auch gleich nach Königsberg an die Universität und da war ich ja nur vier Jahre alt und
[52:03] der Martin ging dann als kaufmännischer Lehrling zu meiner Tante nach Bischofsburg ins Geschäft das war ja a- damals re- war alles für die Kin- alles für die Kinder geregelt v- von in vorn hinein der Manfred bekam sein Studium bezahlt aus dem Geschäft
[52:23] heraus der Martin sollte das Geschäft übernehmen und sollte dann sorgen dass ich meine Ausbildung ich wollte Architekt werden und damit damit war die ganze d- [unterstützende Handbewegung] alles geordnet leider ging es ja nicht so aus der Kind-
[52:43] ach da gibt es noch so viel Sa- aber das würde jetzt [schüttelt den Kopf; lächelt] jetzt hier das geht nicht Schule ich kam dann also von der von der äh deutschen Schule von der christlichen Schule in Flatow nach Berlin und kam in die Rykestraße das
[53:05] war wohl die Dritte Jüdische Volksschule oder so ähnlich und äh hatte fantastische Lehrer ich hatte auch vorher sehr sehr gute Lehrer aber die die Lehrer in der Rykestraße die waren einfach fantastisch meine Klassenlehrerin wurde Fräulein Samuel und
[53:28] ich trieb sehr viel Sport und war dann in der Rykestraße der Kapitän der Handballmannschaft also später zwei Jahre später oder ein Jahr später und äh es war ein Spiel angesagt gegen die andere jüdische Schule Kaiserstraße am nächsten Tag und meine
[53:52] Jungs trainierten und ich hatte Aufsatz zu schreiben und meine Lehrerin Fräulein Samuel hatte uns ein Thema gegeben Angst und da saß ich nun und sah die da draußen trainieren und ich saß hier und musste Aufsatz schreiben und da w- und da hatte ich
[54:15] eine Idee ich schrieb »hab in meinem Leben noch keine Angst gehabt kann über dieses Thema nichts berichten« zugeklappt das Heft abgegeben und durfte rausgehen zwei Tage später bekamen wir die Hefte zurück und ich hatte genügend bekommen die Fräulein
[54:36] Samuel die eine ausgezeichnete Pädagogin war hatte sagte dann zu mir »ja Walter die Schuld liegt bei mir ich hätte ein alternatives Thema geben müssen weil nicht alle Menschen haben in ihrem Leben Angst gehabt deswegen geschrieben hast du ja nicht viel
[54:56] also genügend hast du bekommen« das war Fräulein Samuel äh es gab noch einen Zwischenfall in der Schule es gab zu der Zeit ich weiß nicht ob wie das heute ist kleine Glaskugeln [unterstützende Handbewegung] Stinkbo- so genannte Stinkbomben die warn
[55:13] gefüllt mit Schwefeldioxid und wenn die platzten das stank gefährlich wie verfaulte Eier und Fräulein Samuel hatte ein Pult wo man den Deckel aufklappen konnte [unterstützende Handbewegung] und wir ler- [betont:] ich wir
[55:29] [lacht leise]
[55:31] [lacht leise]
[55:34] legten diese Kügelchen je eine unter die Kante von diesem Pult und sie kam ja jeden Tag mit einer Tasche rein da hatte sie Hefte drin oder Bücher drin und die legte sie stellte sie auf das Pult [unterstützende Handbewegung] in dem Augenblick als sie die
[55:46] Tasche auf das Pult stellte so fing es an zu stinken unsre Fenster hatten keine äh Griffe sondern die warn verschlossen mit einem Vierkantschlüssel und sie hatte den sie ging an das offene Fenster das eine war noch offen schloss es zu nahm ihre Tasche verließ
[56:09] die Klasse und schloss die Tür ab kein Wort als es wieder zur Pause klingelt schloss sie die Tür auf kein Wort natürlich ham wir's nie wieder gemacht das war also eine eine Pädagogin die und vor allen Dingen also ihre Art zu unterrichten war also fantastisch
[56:32] der Dümmste konnte begreifen was sie meinte das war Schule
[56:39] sagen Sie noch mal ich weiß nich ob ich's jetzt nicht mitbekommen hab Sie sind eingeschult worden Anfang der dreißiger Jahre in
[56:46] 1930
[56:49] in Flatow und sind dann der Schule verwiesen worden
[56:51] 36 nach Berlin
[56:53] aha und der Grund warum sind Sie nach Berlin gegangen ?
[56:56] weil jüdische Kinder nicht mehr in deutsche Schulen gehen durften
[56:58] ja
[57:01] und in der Nähe von Flatow gab es keine jüdischen Schulen
[57:03] [gleichzeitig:] gab's keine und in Berlin hat der Onkel gewohnt
[57:05] in Berlin hat der Onkel gewohnt der Herr Sanitätsrat und äh und der hat mir den Platz im Auerbach'schen verschafft das war nicht einfach die Plätze im Auerbach waren s- waren sehr gefragt
[57:19] mhm
[57:21] und er hatte das nur durch irgendwelche Beziehungen zum zum Direktor da war dass er mich da rein bekam
[57:25] das heißt Sie sind direkt von Flatow aus dort in das Auerbach'sche
[57:28] [fällt ein:] direkt von Flatow aus ja
[57:31] Waisenhaus gezogen
[57:33] kam am Alexanderplatz an wurde von einer Cousine abgeholt die brachte mich ins Auerbach und da war ich und die erste Frage die mir ein Junge dort stellte die war »kannst du Fußball spielen ?« »ja« »ja dann is gut« und dann kam ein zweiter »kannst du
[57:52] boxen ?« »ja« dann ging d- d- »na dann komm mit« runter in -n Hof und da war der Sohn vom Direktor der damals 17 ja 17 war er ungefähr und ich war zwölf und der hatte schon Boxhandschuhe an und der Erzieher der Herr (Frank) der gab mir das zweite Paar
[58:13] Boxhandschuhe zogs mir über die Hände sagte »zeig mal dass du boxen kannst« und da wurde ich ordentlich verbläut aber ich war nie der Typ der nachgab also die Runden gingen zu Ende ohne ko geschlagen zu werden aber das war auch die [leise lachend:]
[58:31] Grenze
[58:34] mhm
[58:36] aber dann war ich akz- akzeptiert als äh äh dann war ich der Walter wie alle Anderen
[58:40] wie ist das beschreiben Sie das Haus mal das das Auerbach'sche Waisenhaus wie viele Kinder waren dort wie groß war das
[58:50] [unterbricht:] es waren 45 Jungen und 35 Mädchen in das war ein Winkelhaus d- mit einem großen Vorgarten im Vorgarten stand eine Büste von äh Friedrich dem Dritten der ein großer Mäzenate des Auerbachs gewesen ist und im Jungenshaus gab es an für sich
[59:13] vier Schlafsäle aber drei wurden nur benutzt waren 15 Jungs in einem Schlafsaal zwischen den beiden Schlafsälen war das Zimmer des Erziehers er konnte beide zu beiden äh äh Schlafsälen die Tür öffnen das machte er oft am Abend dann setzte er sich in
[59:30] zwischen die Türen und hatte die Türen offen und dann las er uns noch einiges vor
[59:39] was hat er denn vorgelesen können Sie sich an irgendetwas erinnern was da vorgelesen wurde ?
[59:45] keine Märchenbücher Klassiker wir lasen äh Schiller Goethe Heine alles was ihm in die Finger kam wir hatten auch ein jede Woche einen Musikabend Grammofon natürlich klassische Musik Mozart Haydn Beethoven Schubert alle die wir ich hatte die schon
[1:00:18] zu Hause kennengelernt wir hatten Grammofon zu Hause meine Mutter war sehr muli- musikliebend und wir hatten auch ein Klavier der Manfred spielte Klavier so ich bin mit Musik aufgewachsen und beim (Jupp Bulker) unserm dem Sohn unseres Faktotums hab ich auch
[1:00:34] Bandonium spielen gelernt Bandonium wenn Sie wenn Sie vielleicht nicht wissen was das ist das ist ein äh eine Art Ziehharmonika [unterstützende Handbewegungen] aber die die Seiten sind also quadratisch und sind Knöpfe keine Tasten und äh äh es ist ein
[1:00:53] Unterschied zwischen Halb- und Ganztönen ob mans auszieht oder wieder zusammenschiebt und das hab ich bei ihm spielen gelernt äh in der Schule ja da gabs noch eine Frau Doktor (Fried) unsre Geschichtslehrerin die nie nach Daten fragte sondern machte
[1:01:14] jede Geschichtsstunde zu einer Vorlesung die war die kam von der Universität sie war die wurden die jüdischen Lehrer wurden ja alle rausgeschmissen Universitäten Hochschulen überall und das waren dann unsre Volksschullehrer und die waren natürlich großartige
[1:01:31] Pädagogen und und mit einem enormen Wissen und das half uns natürlich sehr viel dann hat ich -n Sportlehrer Rudi Sonnfeld der sehr gut war sehr tüchtig war es existiert ein Foto in meinem Fotoalbum von ihm im Auerbach-Album glaube ich und wir trieben
[1:01:55] Sport im Auerbach und dann gab es den jüdischen Sportplatz in Grunewald wo die Schulmeisterschaften und so weiter ich war damals -n tüchtiger Leichtathlet und mit 14 erreichte ich eins 85 im Hochsprung und das fürn 14-Jährigen glaub ich die Bestleistung
[1:02:18] in Deutschland aber jüdische Bestleistungen wurden ja nie damals nicht mehr anerkannt die von der Schule eigentlich nicht mehr zu zu berichten bin gut durch die Schule durchgekommen hatte in Betragen gut Fleiß gut Aufmerksamkeit leicht abgelenkt es
[1:02:49] war schwer mit meinen dass ich mich äh ich hatte so viel andre Gedanken im Kopf dass äh die Schule das lief so nebenbei abers ging gut
[1:03:00] also Sie gingen dann morgens in die Schule und nachmittags warn Sie dann im Waisenhaus was haben Sie da gemacht also gab es da irgendwie
[1:03:07] nachmittags
[1:03:09] mhm
[1:03:11] also erst mal mussten die Schularbeiten gemacht werden das war Pflicht er- wir kamen wir hatten Schulanzüge wir hatten Hausanzüge und wir hatten Sonntagsanzüge im Auerbach und wenn wir in die Schule gingen im Schulanzug dann kam man zurück dann hatten
[1:03:25] wir unten Umkleidungsräume und da zogen wir die Hausanzüge an und als Hausschuhe hatten wir die früher die Radfahrer hatten spezielle Schuhe solche Schuhe hatten wir aber ohne die Spikes äh äh hatten wir für Hausschuhe also zu Hause an und wenn die Schularbeiten
[1:03:43] gemacht waren man konnte lesen aber das machte man nicht sondern man trieb Sport wir äh äh spielten viel Fußball Handball Leichtathletik Laufen
[1:03:59] und äh mein meistes Taschengeld ich bekam von meiner Mutter bekam ich [lächelt] bekam ich jeden Monat
[1:04:11] fünf Mark und das war damals verhältnismäßig sehr viel Geld und äh sie hat mir jedes Mal wenn ich in den Ferien zu Hause war hatte ich ein Paket mit Postkarten von ihr mitbekommen wenn ich wieder zurückfuhr nach Berlin auf diesen Postkarten stand ihre
[1:04:30] Adresse es war eine Briefmarke drauf mitm Hindenkopp Hindenburgkopf und es stand auf der linken Seite stand »liebe Mutti mir gehts gut Walter« alles fertig geschrieben ich sollte sie nur innen Briefkasten stecken und diese Postkarten wand ich an wenn das
[1:04:55] Taschengeld alle war weil ich wieder -n paar Scheiben zerschossen hatte und dann schrieb nur oben drüber [unterstützende Handbewegung] »ich brauch etwas mehr Taschengeld« und dann eingesteckt in Briefkasten sonst nahm ich die Karten immer wieder mit nach
[1:05:08] Hause also sie brauchte nicht so viel neue zu schreiben jedes Mal wenn ich wegfuhr und diese Scheiben die gingen kaputt weil ringsherum um den Hof waren ja war ja das Haus und na ja mit einem Schuss gelang es mir einmal vier Scheiben zu zerdeppern da schoss
[1:05:30] ich und das waren Doppelfenster das war gegen eine Wand gelehnt das der Ball ging durch die zwei Scheiben stürzte an die Wand ging auf die gegenüberliegende Seite und dann gingen noch mal zwei Scheiben kaputt das war eigentlich der Rekord fürs Auerbach
[1:05:46] [lacht leise]
[1:05:48] aber bezahlen musst ich die wenn man am Sonntag sonntags hatten wir Ausgang und wenn man äh also Strafen waren man bekam eine Stunde oder zwei Stunden oder drei Stunden dann musste man eben diese Stunden früher wieder da sein aber man konnte auch -n ganzen
[1:06:08] Sonntag bekommen das heißt man durfte überhaupt nicht wegzugehen und äh
[1:06:13] mein bester Freund der Rolf Rothschild der uns auch später nach Schweden geholt hat der äh er war der Bummler er hieß nur der Bummler und wir beide wir standen im Waschraum war
[1:06:27] meistens am Morgen und machten eine Wasserschlacht das heißt wir hatten eine große Marmorplatte mit 15 Waschbecken drin und dann stand er an der einen Seite und ich an der andern dann hielt man den Hand untern äh die Hand untern Kran und dann drehte man
[1:06:41] den Kran auf und dann spritzte man aufeinander Wasser da war aber das Problem ein oder zweimal in der Woche war in unserm eigenen Betsaal wir hatten nämlich auch eine Synagoge öffentliche Synagoge im Haus Morgengebet und da kamen wir wieder mal zu spät
[1:06:59] und da sagte der Erzieher »ihr beide bleibt Sonntag hier man kommt nicht zu spät zum Beten« und da sagte ich »wenn man bestraft wird dafür dass man zu spät zum Beten kommt dann geh ich überhaupt nich mehr« und das erzählte natürlich der Herr (Frank)
[1:07:20] dem Direktor Plaut brühwarm und dann wurd ich ins Direktorbüro gerufen und da sagte der Herr Plaut »ja Walter wenn du du bist in einem jüdischen Haus und wenn du nicht zum Beten gehst dann musst du eben das Haus verlassen« »mhm« Achseln gezuckt raus
[1:07:45] gegangen dann rief er meinen Onkel an der mein Vormund war und dann wurde ich gerufen und vor der vor dem Kontor des Direktors da war eine Bank und da saß ich dann und die beiden Herren unterhielten sich da drin im im im Büro und das dauerte so ungefähr
[1:08:03] zwei Stunden und dann kam der Herr Direktor raus nein mein Onkel kam raus und sagte »geh mal rein zum Herrn Direktor« dann ging ich zum Herrn Direktor und dann sagte der »Walter wir sind zu der Überzeugung gekommen dass wenn du als Grund angibst dass
[1:08:25] nur wegen des Zuspätkommens dass du also dann nicht zum Beten gehen würdest also wir wollen das äh streichen die Sache ist erledigt« »ja dann kann ich ja wieder zum Beten gehen« war meine Antwort damit war die Sache erledigt
[1:08:44] äh mein Onkel hatte sehr
[1:08:46] hat sich sehr für mich eingesetzt und äh das Komische ja komisch das Tragikomische war ja dass er ein Testament schrieb am Tage vor seiner Deportation nach Theresienstadt in dem steht »falls sich mein Neffe Walter Frankenstein am Tage meines Todes im Reichsgebiet
[1:09:14] des Deutschen Reiches aufhalten sollte so soll er mein Erbe sein nicht in anderem Falle« und meine anderen Brüder hatte er enterbt weil sie Deutschland verlassen haben er war also der kaiser-deutschtreue Jude der Oberstabsarzt im Ersten Weltkrieg war
[1:09:38] der Hitler nie als Deutschen anerkannt hatte »das ist ja -n Österreicher« und die Nazis das ist nicht das ist nicht Deutschland und so hat er gehandelt bis zur letzten Minute er kam zu meiner Mutter ich war grade oben und verabschiedete sich und sagte »Marthchen
[1:09:56] ich muss verreisen« [schüttelt den Kopf] er sagte nahm nicht das Wort Deportation oder oder Zwangsver- äh v- äh -umzug oder irgendwas in den Mund »ich muss morgen verreisen und ich will mich verabschieden« er wurde nach Theresienstadt geschickt mit seiner
[1:10:13] Frau und er nahm sich dort das Leben als er abkommandiert wurde Juden zu selektieren Auschwitz oder nicht Auschwitz da hatte er genug das war der Onkel Selmar
[1:10:31] Sie ham ihn auch jeden Sonntag besucht oder ? Onkel Selmar
[1:10:36] wenn ich nicht grade bestraft wurde ja [lächelt]
[1:10:38] [lacht leise] können Sie beschreiben wie die Besuche aussahen wie das
[1:10:41] ja wir fuhren hin also ich fuhr hin und äh
[1:10:44] wie fuhren Sie dahin mit der S-Bahn oder ?
[1:10:49] mit der U-Bahn
[1:10:52] mit der U-Bahn
[1:10:54] bis Nürnberger Pl- er wohnte in der K- in der Meierottostraße da hinter dem Wilmersdorfer Rathaus da an der Joachimstaler Kaiserdamm fuhr bis zur Nürnberger war glaub ich Nürnberger Straße U-Bahn und dann ging ich zu ihm dann musst ich ein Brot essen
[1:11:10] und dann gingen wir in den Zoo und da war immer die Runde genau vorgeschrieben die wir gingen und dann gingen wir wieder nach Haus und dann wurde Mittag gegessen ob ich wollte oder nicht und dann musste ich eine Stunde schlafen im Japanischen Zimmer das war
[1:11:35] ne halbe Treppe rauf äh ein Junge zwölf 13 14 Jahre alt sonntags nachmittag ne Stunde schlafen das ist ja ungefähr so wir für einen Erwachsenen zehn Jahre Gefängnis und das musste diese Zeiten wurden gehalten dann kam ich runter dann hatte äh war der
[1:11:58] Kaffeetisch gedeckt und dann wurde Kaffee getrunken und dann wurde ja man unterhielt sich und dann gab es das Abendbrot und dann bekam ich ne Tafel Schokolade bekam äh vierzig Pfennige das waren zwanzig Pfennig zur U-Bahn am Morgen und zwanzig Pfennig U-Bahn
[1:12:24] am Abend dann fuhr ich zurück ins Auerbach
[1:12:26] und im Auerbach wurde alles was die Jungs es gab ja auch einige die keine Eltern hatten keine Verwandten und die hatten nichts mit am Sonntag also die da wurde alles zusammen gesammelt was die Jungs mitgebracht hatten
[1:12:41] von den Angehörigen oder von Verwandten wurde aufgeteilt und dann auf die Kopfkissen gelegt [unterstützende Handbewegung] also jeder hatte das Gleiche und das war nicht angeordnet von oben herunter sondern das war also das war- das war ganz selbstverständlich
[1:12:57] für die Jungs
[1:13:00] und das haben die Jungen selber organisiert also auch
[1:13:02] [nickend:] ja ja es war eine außergewöhnlich gute Zusammenhaltung und äh also so Prügelknaben und so weiter das gab es nicht
[1:13:11] können Sie sich an die Namen von Freunden erinnern ?
[1:13:14] von Freunden ? ja Rolf Rothschild der dann später an d- 39 nach Schweden ging Alfred Rosenkranz der mit dem letzten Transport nach England gekommen ist den ich später auf Zypern wieder getroffen hab und dann im Kibbuz Ma'ajan Zvi auch verstorben Werner L-
[1:13:38] Werner Lavi äh nach Holland von dort deportiert Erwin Pantauer nach Holland äh Auschwitz überlebt später Israel Wolfgang Blumreich Holland äh Isr- äh Auschwitz Israel vor drei Jahren gestorben Hans Meyer spätere Boss der der der israelischen Davis-Cup
[1:14:11] Tennismannschaft äh Günter Kilzheimer den ich nach sechzig Jahren wiedergetroffen hab und der mir ein Kilo Nougat schuldig ist
[1:14:26] [lacht leise]
[1:14:28] er is vor er ist am neunten August jetzt leider gestorben wir sollten uns in Berlin treffen auch ne Geschichte er hat Verwandte die in der Nähe von meinem Onkel wohnten in Wilmersdorf und da sagte er eines Tages zu mir »Walter heute gehen wir zu unsern
[1:14:47] Verwandten« und dass is n ganz schöner Weg von der Schönhauser Allee bis nach Wilmersdorf das sind so an die 15 wenn vielleicht noch mehr Kilometer und damals gab es in der Königstraße dies heute nicht mehr gibt das war die Straße vor dem Roten Rathaus
[1:15:03] da kam man vom Alexanderplatz unter der Bahn- - überführung [unterstützende Handbewegung] kam man unten durch da fing die Königstraße an ging gradeaus am Rathaus vorbei und gegenüber vom Rathaus war eine Konditorei und die machte eigenes Nougat und
[1:15:23] da sagte der Günter wir lasen da -n Schild »Nougat frisch oder weiß nicht was »weißt du was wir gehen rein und kaufen uns ein Kilo Nougat« das teilen wir und das essen wir jeder die Hälfte auf und wer es nicht schafft der bezahlt den andern« na gut
[1:15:41] wir bestellten Nougat und wir bekamen das geteilt fertig und wie immer sagte dann der Günter »ja Walter ich hab kein Geld bei mir und kannst dus auslegen ?« und ich legte das Geld aus und wir gingen und aßen Nougat und aßen Nougat [zieht die Augenbrauen
[1:16:00] hoch] und äh ich schaffte es ich aß mein halbes Kilo auf aber der Günter schaffte es nicht und als wir uns sechzig Jahre später wieder trafen da erinnerte ich ihn daran und da hatte ers vergessen wir kamen jedenfalls also zu unsern Verwandten und ich zu
[1:16:20] meinem Onkel und nach dem halben Kilo Nougat also dann noch Brot und so weiter und wenn ich dann sagte »Onkel Selmar ich kann nicht mehr« dann sagte er »mein Junge steh auf geh drei mal um -n Tisch trink -n Schluck Wasser und dann kannst du weiter essen
[1:16:33] das was man bei uns aufn Teller bekommt wird aufgegessen« [schüttelt lächelnd den Kopf] es half nichts das war die Nougatgeschichte da gabs ach gabs äh Günter Kilzheimer Erwin Pantauer Wolfgang Blumreich äh Horst Schindler Walter Selmansohn Manfred
[1:16:59] Brecher ich könnte die ganzen Namen von allen 45 Jungs auf- aufzählen Günter Wronko E- E- Egon Strassner Kurt Gumpert Michelsohn noch viele viele die Namen sind übrigens im im im Auerbachalbum alle aufgeschrieben
[1:17:26] ah ja
[1:17:28] das war das Auerbach
[1:17:31] sagen Sie noch mal wie ist denn das gewesen haben Sie in der frühen Zeit in Berlin vom Nationalsozialismus viel mitbekommen ? Sie hatten glaub ich ganz am Anfang gesagt dass Sie
[1:17:40] das wars eben nicht
[1:17:43] [gleichzeitig:] dass Sie in so Inseln
[1:17:45] das Auerbach wie war wie eine Insel
[1:17:47] ja
[1:17:50] in einem braunen Meer
[1:17:52] ja
[1:17:54] bis zur Kristallnacht haben wir überhaupt nichts gemerkt und dann kam natürlich nach der Kristallnacht da wurd- fing es an die andern jüdischen Heime alle aufzulösen die wurden beschlagnahmt da kamen äh ja Pankow kam später wir waren ein Jahr wir
[1:18:08] vier wir waren vier Lehrlinge im Auerbach die in jüdischen Institutionen lernten und äh wir kamen nicht sagen wir mal so wir konnten uns nicht mit einem der Erzieher einigen und daraufhin wurde uns angeraten es wäre doch besser d- der Direktor von Pankow
[1:18:32] bat uns zu sich es wäre doch besser zu ihm zu kommen als den Erzieher zu verdreschen w- wir nahmen das Angebot an und waren ein Jahr in Pankow bei Herrn Crohn der da der Direktor war und da war die die Plauts waren 38 schon verschwunden nach England und
[1:18:54] da war die Frau (Tiemendorfer) war die Direktorin als wir Auerbach verließen und dann wurde Pankow zu gemacht nach einem Jahr n- d- nachdem wir dort waren und dann wurde der Herr Crohn der Direktor vom Auerbach und das Pankower Waisenhaus verschwand wurde
[1:19:13] beschlagnahmt und kurz das war vierzig kurz danach wurde dann das äh Taubstummenheim in Weißensee geschlossen und da kamen die Taubstummen und mit den Taubstummen kam auch Leonie als Erzieherpraktikantin und äh na ja da trafen wir uns
[1:19:37] (gut)
[1:19:40] könnten Sie vielleicht noch sagen wo das Waisenhaus in Pankow wo das wo l- wo das Waisenhaus in Pankow war wissen Sie (_)
[1:19:47] das war Berliner Straße 120 121
[1:19:49] das ist immer noch da es ist aber kein Waisenhaus sondern es ist renoviert worden da war eine Zeit lang zur DDR war da die kubanische Botschaft und es wurde dort furchtbar gehaust war viel zerstört dort ist jetzt wieder so
[1:20:06] gut wie ganz renoviert und ist in einem sehr guten Zustand es ist dort eine Bezirksbibliothek drin und es ist auch eine kleine äh äh Vorschule oder irgend sowas Kindergarten und da war ich neulich dort war eingeladen und äh da die Lehrerin glaubte ich
[1:20:30] könnte nicht Deutsch da hatte sie den Kindern ein englisches Lied einstudiert und als ich in die Klasse kam da sangen sie mir ein englisches Lied vor [lächelt]
[1:20:41] [lacht leise]
[1:20:44] war niedlich und äh morgen werde ich in der Schönhauser Allee sein da ist eine auf dem auf der Fläche wo früher das Auerbach war ist eine äh wie heißt das Eigentumswohnung gebaut worden und ein sehr großer schöner Garten und in diesem Garten haben
[1:21:11] die Eigentümer dieser Wohnungen gemeinsam einen Apfelbaum gepflanzt äh zum Andenken an die Kinder die mal hier gelebt haben und an der vor dem Haus ist ein kleines Schild das ist aber so schlimm schlecht angebracht dass mans nicht lesen kann und da muss
[1:21:31] eine Änderung eintreten ich hab schon mit André Schmitz dem Staatsekretär für Kultur hab ich schon darüber gesprochen aber es passiert nichts die morgen hat uns eine Dame im Haus eingeladen wir sollten doch die wir zufällig dort getroffen haben als
[1:21:54] ich mal reingeguckt hab wir sollten doch dort hinkommen und mal über die Zeit reden wie es früher mal dort war und sie wird Kaffee und Kuchen anbieten und die die Nachbarn dazu animieren zu erscheinen ich bin neugierig da kommt d- der Klaus Hillenbrand
[1:22:17] der unser Buch geschrieben hat und der Forscher äh Andreas äh Kossert
[1:22:28] Kossert mhm
[1:22:31] wir drei werden dahin gehen und da werd ich denen ein bisschen von früher erzählen es ist abgeschlossen das Kapitel ?
[1:22:39] ich würde ganz gern noch hier in dem Buch ist ein Bild vonem na ich weiß nicht vielleicht gucken Sie noch mal selber stehen Sie da vor dem Haus das untere unten links genau weil das würd ich vielleicht gern noch mal eben
[1:22:55] aha
[1:22:57] (__) Kinder
[1:23:00] [gleichzeitig:] das ist vor dem Personalhaus das ist innen auf dem Hof
[1:23:02] können Sies einmal in die Kamera am Besten so vor sich halten wieder [Zoom auf eine Fotografie] sind Sie da mit drauf auch ?
[1:23:10] ja aber nicht erkennbar glaub ich nicht
[1:23:14] nicht erkennbar das ist im Hof mhm [Kai Schulze: »is okay ?«] is okay
[1:23:22] äh das ist eine Gruppe Jungs das sind die Jungs alle
[1:23:27] mhm
[1:23:29] 19- äh das muss sein Anfang 1938
[1:23:33] mhm
[1:23:36] noch vor der Kristallnacht da ist nämlich noch der Herr Plaut der Direktor
[1:23:38] [gleichzeitig:] richtig mhm
[1:23:41] der ist da an der Seite mitzusehen
[1:23:43] in eine kleine äh Erläuterung noch in Darmstadt südlich von Darmstadt da hat ein Vorort ich vergess immer wie der heißt Darmstadt weiß nich lebt die Erzieherin Ilse Löwenstern die bis 1939 Erzieherin der Kleinen
[1:24:09] die Kleinen waren also Sechs- bis Zehnjährige ed- im Auerbach gewesen sie wurde gerettet dadurch dass sie in Berlin eine englische Zeitung gekauft hatte und dort eine Annonce sah in der ein englisches Offizierspaar eine Gouvernante für ihre Kinder sucht
[1:24:33] die mit nach Indien geht die s- die s- suchte diese Arbeit und bekam sie und kam also ein oder zwei Monate vor Kriegsausbruch nach England und von dort zog sie mit der Familie nach Indien die Frau Löwenstern traf ich wieder 19- -48 als Indien selbständig
[1:25:00] wurde da gingen ja die Engländer raus und sie kam nach Israel und besuchte Alfred Rosenkranz im Kibbuz Ma'ajan Zwi und ich war dort und da spra- unterhielten wir uns ne Stunde oder zwei und dann verschwand sie wieder und dann bekam ich durch Zufall zu wissen
[1:25:19] dass sie in Darmstadt lebt und das war in den sechziger siebziger Jahren und da besuchte ich sie wieder und äh also wir Leonie war ja mit und äh seitdem haben wir ständigen Kontakt und ich werde sie in zwei Wochen wieder besuchen sie ist jetzt nur 97
[1:25:44] Jahre alt ist f- ja wenn ich sie frage wies ihr geht dann sagt sie also wir äh äh reden so wie wirs früher an- reden zueinander so wie wirs früher einmal gemacht haben sie sagt du zu mir und ich sag Sie zu ihr das hab ich ihr damals gesagt als wir uns
[1:26:06] das erste Mal wieder trafen da fing sie an mit Sie und da sagte ich »Frau Löwenstern das ist doch so viel besser wenn Sie so sagen wie Sie mal zu mir gesagt haben du Walter und ich sag zu Ihnen Fräulein Löwenstern« und da da sagte sie mir »in Deutschland
[1:26:21] sagt man nicht mehr Fräulein da gibts nur noch Frau« und seitdem sag ich Frau Löwenstern diese Frau geht zwanzig Minuten zur Straßenbahn fährt nach Darmstadt rein geht einkaufen geht zurück zur Straßenbahn fährt zurück und geht wieder zwanzig Minuten
[1:26:41] nach Hause und da frag ich sie »wie gehts Frau Löwen-« »ach das rechte Bein tut mir -n bisschen weh«
[1:26:46] [lacht leise]
[1:26:48] vollkommen klar im Kopf sie hat viel Yoga studiert und ist mit sie war schon achtzig da is sie mal nach Indien gefahren und ist von einem Maharischi zum andern gewandert und hat auf Strohmatten auf Lehmböden geschlafen und kam wieder erleuchtet nach Haus
[1:27:08] [unterstützende Handbewegung] äh ihr Sofa im im im Wohnzimmer hat keine Rückenlehne da sitzt sie kerzengrade drauf sie noch heute wenn sie ausm Büffet Kaffeetassen holt dann ist sie blitzschnell unten aufn Knien stellt d- die Kaffeetassen da aufn auf
[1:27:26] die auf das Büffet und ist blitzschnell wieder oben sie ist nur nie- 97 ähm meine alte Hausle- -ärztin von von äh Stockholm die ist ja auch 94 ja die besuche ich auch in der Nähe von Freiburg äh das sind so Leuchttürme ja Fossilien aus einer vergangenen
[1:27:51] Zeit so wie ich das war die Kindheit gibt es noch etwas zu fragen ?
[1:27:59] ich wollte vielleicht fragen Sie haben gesagt dass ein Freund von Ihnen nach England gekommen ist gab es denn irgendwelche Versuche innerhalb Ihrer Familie auch Ihnen eine Ausreise zu organisieren ?
[1:28:09] nein ich sollte 1939 mit dem Rolf zusammen nach Schweden und da gingen meine Papiere gingen verloren kamen abhanden auf irgendeine Art und Weise und er fuhr alleine und ich bin in Deutschland geblieben das war an für sich die einzige ja es gab noch eine Möglichkeit
[1:28:29] dass meine Brüder meine Mutter und mich angefordert hätten ich wollt auch nicht meine Mutter alleine lassen das äh ich glaub ich hätts nicht getan
[1:28:42] wo waren denn Ihre Brüder zu dem Zeitpunkt
[1:28:45] Palästina die sind der der jüngere Brüder der Martin der ist 34 nach Palästina und der Manfred 37 die waren auf Hachschara und der Manfred war in der musste als er sein Staatsexamen als Zahnarzt machen mu- machte in Königsberg war er gezwungen die deutsche
[1:29:10] Staatsangehörigkeit aufzugeben sonst hätte er nicht -s Examen machen dürfen und da er dann Staatenloser war musste er aus Deutschland raus und dann ging er nach Jugoslawien in eine Hachschara so Ausbildungsstätte für Palästina und von dort kam er nochmals
[1:29:30] siebenun- 37 im Sommer zurück heiratete und fuhr dann mit seiner Frau über Italien nach Palästina
[1:29:42] so und dann kommt 1941 Leonie Rosner
[1:29:51] ja dann kam Leonie
[1:29:54] in das Waisenhaus erinnern Sie sich
[1:29:56] und das war Liebe auf den ersten Blick und so waren wir verliebt bis zum 19ten Mai 2009 äh da hat sich nichts geändert wir sind zusammen alt geworden und wir haben zusammen geredet und wir haben noch nicht fertig geredet [Zoom auf die Fotografie von Leonie
[1:30:16] Frankenstein] unsere Bekanntschaft begann mit einer politisch-religiösen Diskussion und äh unsere letzten Gespräche waren nicht weit davon entfernt wir hattens nie langweilig und ja [Schwenk auf Walter Frankenstein] es war ein Glückstreffer vielleicht
[1:30:41] für beide für mich auf jeden Fall
[1:30:43] können Sie das erste Zusammentreffen beschreiben ?
[1:30:47] jaa wir waren drei Jungs und saßen drei Lehrlinge zu- sa- die saßen auf einer Bank im aufm Hof die warn grün gemalte massive Bänke und Frau Fräulein Rosner ging vorbei und da sagte einer der Jungs »ach kommen Sie doch setzen Sie sich zu uns« guckte
[1:31:14] nur »Jungs« ging weiter und dann kam sie von der andern Seite ne Stunde später zurück oder ne halbe Stunde später sie war da mit den Erziehern zu irgendeiner Besprechung und (da sagte) »ham Sie sichs vielleicht« äh äh einer meiner Freunde Gerd Punscher
[1:31:31] »ham Sie sichs vielleicht überlegt ? Fräulein Rosner vielleicht wollen Sie sich doch mit uns unterhalten müssen ja hier bekannt werden« na ja sie hat sich herabgelassen sich zu uns zu setzen und dann äh fingen wir an zu reden das haben wir nie aufgehört
[1:31:53] äh die ei- die beiden andern Jungs haben uns dann sitzen lassen [gestikuliert] und und und wir haben alleine weiter gesessen und bis in die Nacht rein geredet und dann ging das die nächsten Tage weiter so wars [lächelt] und dann haben die die andern
[1:32:17] Erzieher haben angefangen zu tuscheln dass »der Walter und Fräulein Rosner da is doch was« das hat uns nicht gestört
[1:32:27] Oktober 41 haben wir den Auerbach verlassen da bekam ich eine Wohnung in Untermiete also in der Treskowstraße und dann sind wir dahin
[1:32:37] gezogen dann haben wir geheiratet und
[1:32:39] wie sind Sie denn an diese Wohnung gekommen ?
[1:32:42] bitte ?
[1:32:44] wie sind Sie an diese Wohnung dann gekommen ?
[1:32:47] ja wie ? das muss ja schon ein Judenhaus gewesen sein
[1:32:52] mhm
[1:32:54] weil damals konnte man nicht mehr hinziehen wo man wollte
[1:32:56] mhm
[1:32:58] man musste irgendwie beantragen und dann der Vermieter hatte dann wohl auch irgendwo beantragt dass er jemand aufnehmen könnte die mussten dann also die ihre Wohnung teilen damit sie die Wohnung überhaupt behalten durften der Größe wegen das war das war
[1:33:12] wohl eine Dreizimmerwohnung so weit ich mich erinnern kann und da behielten sie eben zwei Zimmer für sich und und wir bekamen das eine Zimmer und äh ja und das wars wohl
[1:33:28] und Sie haben sofort zusammen gewohnt nachdem Sie aus dem Waisenhaus
[1:33:31] nein ! wie unmoralisch [lächelt]
[1:33:35] [lacht]
[1:33:37] [lacht]
[1:33:39] [lächelnd:] nein nein
[1:33:42] [lachend] so ist das heute
[1:33:44] Leonie bekam einen Platz in der Auguststraße da war son jüdisches Mädchenheim oder irgend sowas und da war sie eine Zeit lang und [betont:] dann heirateten wir und [betont:] dann zogen wir zusammen [lächelt]
[1:33:55] können Sie Ihre Hochzeit ein bisschen etwas zu Ihrer Hochzeit erzählen wo das stattgefunden hat
[1:34:01] [fällt ein:] zu unsrer Hochzeit waren wir beide natürlich und meine Mutter mein Tante Flora mein Onkel Selmar Tante Tilli und Herr (Dievernich) wieviel warn das ? zwei vier fünf wir warn sieben Personen es war doch kein (_) wir tranken Kaffeeersatz und
[1:34:24] und und und (en Stückerl) es gab doch nischt mehr zu essen der Herr (Dievernich) das warn Holländer den haben wir kennengelernt als in Flatow 1935 äh äh Wasser ähm Abfluss äh Dr- äh Drainage gemacht wurde ja ? da ka- da war er dort Arbeitsleiter
[1:34:52] und kam zu uns ins i- i- ins Geschäft da lernten wir ihn kennen und wir blieben Freunde also wir meine Mutter und meine Brüder noch und und äh ich auch ja und der war mit auf unsrer Hochzeit (Dievernich) und da war der Onkel Selmar der war ja mein Vormund
[1:35:16] der musste ja dabei sein und Theo Theo Kranz und die Mutter von Leonie meine Mutter Tante Flora das war die das war die äh Mutter das war die Schwester der ersten Frau meines Vaters einfacher erklärt und die warn dann gute gute Freunde zusammen geworden
[1:35:42] und äh die wohnten dann auch später zusammen bis zur Deportation von der Tante Flora und dann ver- also da machte Leonie wurde ja zwangsverpflichtet zum äh zum äh zur Zwangsarbeit in einer Ballonfabrik die Fesselballons geklebt haben und äh da wurde
[1:36:04] ihr dauernd schlecht wurde ihr übel von dem von der Lösung die die Lei- Leim Kleisterlösung und dann sollte sie entlassen werden aber dann wär sie ja deportiert worden da hatte die Arbeitsleiterin ihr eine Stelle in einer na war das Siemens oder die machten
[1:36:30] Elektromotoren da wickelte sie die die Magnetspulen da war sie schon schwanger ja dann wurde der Uri geboren und ich machte da schon Zwangsarbeit bei der Gestapo
[1:36:48] könnten Sie vielleicht nur noch sagen wo Sie geheiratet haben das haben Sie nicht
[1:36:56] bitte ?
[1:36:59] können Sie noch sagen wo Sie geheiratet haben also ob das in der Jüdischen Gemeinde war oder Standesamt
[1:37:01] [gleichzeitig:] oh das sollt ich noch wissen das war für uns so unwichtig irgendein Bezirksamt oder was da ich weiß nicht mehr ich weiß nicht wo man damals hingegangen ist weil das war ja offiziell dass die Jüdische Gemeinde durfte glaub ich nicht
[1:37:17] trauen da- das wäre dann nur religiös gewesen
[1:37:20] warn Sie sich da dann bewusst wie die Situation in Deutschland ist für Juden da war der Krieg ja dann schon ausgebrochen schon schon zwei Jahre eigentlich
[1:37:34] ja ja mein Cousin der Fritz Hirschfeld der war vor dem Krieg Redakteur der Freien Volksstimme Danzig einer sozialdemokratischen Zeitung und als äh der Krieg ausbrach i- äh ganz kurz davor kam er raus nach England weil er war ja gefährdet als Sozialdemokrat
[1:38:06] und kam zurück aus England weil er hielt es nicht aus im Ausland zu sein wurde im Oktober 41 verhaftet und nach Lodz deportiert einer der ersten allerersten Transporte solche Dummheiten hat man gemacht ich hab einen Kindheitsfreund hier in der damals
[1:38:29] Weißenburger Straße wohnte er der Arnold wurde bei der Fabrikaktion er und sein Bruder von seinen Arbeitskollegen christlichen Arbeitskollegen versteckt und nach 14 Tagen ist er in die alte Wohnung gegangen weil er hielt es nicht aus illegal zu leben ist
[1:38:48] dann in Auschwitz gewesen hat als Einziger der ganzen Familie überlebt trotzdem er an den Krematorienöfen gearbeitet hat und dort wurden normalerweise die Leute alle vier Wochen abgelöst und umgebracht und er hat es überlebt wir haben uns gestern getroffen
[1:39:07] vorgestern getroffen er ist natürlich also geschädigt aber ist in Deutschland geblieben hat eine eine Deutsche geheiratet und wohnt heute noch im selben Haus wie vor sechzig siebzig Jahren in der Anzengruber in Neukölln
[1:39:27] und sprechen Sie mit ihm wenn Sie ihn dann jetzt treffen über die Zeit oder ist das
[1:39:32] [unterbricht:] man kann mit ihm über alles sprechen über Flatow und Kindheit und alles aber nicht über KZ oder Eltern oder d- das geht nicht da wird er stumm da sagt er kein Wort mehr jetzt haben wir den Anfang geschafft
[1:39:49] sollen wir ne Pause machen kurz mal ?
[1:39:53] ja meinetwegen nicht
[1:39:56] okay dann machen wir weiter [lacht]
[1:39:58] [lächelt] äh wo machen wir weiter ?
[1:40:04] wir sind jetzt dann sind Sie zusammen gezogen nach der Hochzeit
[1:40:08] [überlegt] geheiratet haben wir am zwanzigsten Februar 1941 und dann sind wir zusammen gezogen
[1:40:19] wo sind Sie dann hingezogen ?
[1:40:21] in der Treskowstraße
[1:40:23] ach so ja natürlich
[1:40:26] und dann später nach der Linienstraße und von der Linienstraße aus sind wir untergetaucht
[1:40:33] und wo ist Ihr Sohn geboren worden ? der Erste
[1:40:40] [überlegt; leise:] das sollt ich noch wissen ich glaube Treskowstraße
[1:40:51] mhm
[1:40:53] glaub ich
[1:40:55] [gleichzeitig:] wann ist der denn geboren
[1:40:58] der ist geboren am zwanzigsten Februar nein ja nein zwanzigsten Januar 43
[1:41:06] können Sie vielleicht etwas zu der Schwangerschaft Ihrer Frau sagen wie das denn war also ähm Essen konnten Sie ja nur über durch Lebensmittelkarten bekommen wie das
[1:41:19] ja äh dadurch dass sie gearbeitet hat es war keine leichte Schwangerschaft kein vernünftiges Essen schwere Arbeit aber sie hat es geschafft eine kleine Episode sie fährt hochschwanger zur Arbeit steigt in also in in die U-Bahn Senefelder Platz und
[1:41:55] da sitzen zwei Nonnen die sehen die schwangere Frau einsteigen es sind keine Sitzplätze frei stehen auf um ihr Platz zu machen und dann sehen sie den Judenstern und dann sagen sie »ja tut uns leid für Sie dürfen wir keinen Platz machen« setzten
[1:42:16] sich wieder hin zwei Nonnen das war die kleine Episode es sind Sachen passiert die so positiv waren es sind Sachen passiert die auch so wahnsinnig negativ waren ich mein wenn Leute aufgeladen werden auf ein Auto mit Kinderwagen und Kindern und da unten
[1:42:46] stehen Deutsche »na ja endlich sind wir sie los« das gabs auch es gab aber auch andere die sagten »ach die armen Kinder«
[1:42:55] meine Frau ist äh einmal verhaftet worden und gebracht worden in die Große Hamburger mit dem Uri zusammen da war der Uri zwei
[1:43:09] drei Wochen alt und ich hatte ja die Arbeit bei der Gestapo und hatte diesen gelben Reklamationsschein sie hatte ihren da durch war sie ja auch äh reklamiert und äh d- d- der lag in der Wohnung und sie hatte den vergessen mitzunehmen da kam sie in die
[1:43:28] Große Hamburger und d- die Frauen die diese gelben Scheine hatten die stellten sich da bei der Tür bei einem äh ja einem jüdischen Ordner Ordnungsmann dahin und äh da sagte Leonie zu ihm da da kam er nach einer Weile und sagte »die die die gelben
[1:43:53] Scheine haben gehen nach Hause« und da sagte Leonie zu ihm »ja aber ich hab meinen in der Wohnung« »fragen Sie nicht so dumm !« da ist sie mitgegangen inzwischen kam ich nach Ha- hatte gehört davon kam nach Hause und äh ging zum Bäcker und hatte Knickerbocker
[1:44:08] die hatt ich runtergelassen Sie kennen Knickerbocker ja ? die
[1:44:13] mhm
[1:44:15] Hosen die die hier [zeigt die Länge an seinen Beinen] (_) und äh hatte die runtergelassen und hatte die vollgestoppt mit Brot was ich noch auf Marken kriegen konnte ging zur Großen Hamburger und sagte »ich will zu meiner Frau« kloppte an die Tür die
[1:44:27] ham mir der Ordner machte auf »deine Frau die is vor fünf Minuten nach Hause gegangen« na ja da bin ich umgedreht und bin nach Hause gegangen und dann waren das noch einige Tage die wir zu Hause sein konnten bis die Gestapo also die andern abgeholt hatte
[1:44:43] und irgendein Zufall meine Adresse ham sie nicht gehabt oder war weggekommen oder war falsch geschrieben und da war das dass ich vor der Gestapo äh äh vor dem Reichssicherheits- (-sicherheits-) -hauptamt gestanden habe und war der Einzige und da sind wir
[1:45:02] untergetaucht und dann kam die äh die illegale Zeit da is ja viel zu erzählen
[1:45:11] also vielleicht noch das war jetzt die so genannte Fabrikaktion könnten Sie vielleicht sagen was Sie da mitbekommen haben generell was war los in der Stadt was war das die Fabrikaktion
[1:45:21] ja also alle d- alle Juden wurden aus allen Betrieben abgeholt und äh meine Mutter arbeitete bei einer Radiofirma ich glaub die hieß Schaub und ich bin dann umhergerast ich hatte ja den gelben Schein bin umhergerast von einem Bahnhof zum andern von einer
[1:45:46] Sammelstelle zur andern ich wollte sie rausholen aber -s warn ja soviel Tausende und ich konnte sie nicht finden sonst ich hätte sie rausgeholt das wär sicher gewesen das war ja so dass die Frau die Edith Berlow die hatt ja immer zu meiner Mutter gesagt
[1:46:05] »Frau Frankenstein kommen Sie zu uns wir bringen Sie unter« und meine Mutter hat immer gesagt »so lange ich noch offiziell leben kann und niemand zur Last fallen brauch so lange werd ich noch mich durchschlagen« und diese Fabrikaktion die kam ja so überraschend
[1:46:22] dass äh man holte sie aus den Betrieben und da war nichts zu machen und da is meine Mutter weggekommen also das war März April 43
[1:46:37] und Sie haben versucht sie da raus zu holen also Sie sind zu den Bahnhöfen gefahren könnten Sie
[1:46:41] ja
[1:46:43] also wo waren Sie da was was haben Sie da gemacht ?
[1:46:45] ich war Grunewald und ich war auf d- d- ich glaub ein Sammellager war in der Levetzowstraße in der Synagoge und auf verschiedenen Stellen ich kann mich nicht mehr b- b- erinnern an alle aber ich war so gut wie auf allen die ich überhaupt erreichen konnte
[1:46:58] und d- d- natürlich lief ich ja auch Risiken (ein) ich hätte mich ja da nicht überhaupt nicht befinden dürfen auch nicht mit dem gelben Schein aber hab mich durchgewurschtelt frech war ich ja immer da is sie weggekommen und äh [schüttelt den Kopf]
[1:47:17] seitdem also man weiß ja was dann geschehen ist die Züge gingen ja damals direkt nach Auschwitz ins Vernichtungslager nach äh Birkenau
[1:47:30] wir sind dann also als wir untergetaucht sind erst nach Leipzig meine Frau sie fuhr mit der Bahn nach Leipzig hatte
[1:47:42] den Uri aufm Schoß und rein kommt eine Kontrolle von der Gestapo und die gingen äh d- fragen die auf der rechten Seite das sind doch diese geschlossenen Abteile vier und vier Sitzplätze nach den Ausweisen und dann am Fenster sitzt eine Frau und die sagt
[1:48:04] »ich hab keinen Ausweis bei mir außer meiner Kleiderkarte« da gabs ja auch äh Coupons für äh Textilien und da sagte der Gestapomann »ja das ist kein Ausweis das können Sie an jeder Straßenecke in Berlin kaufen« [unterstützende Handbewegungen] ärgert
[1:48:24] sich darüber dass die keinen Ausweis hat dreht sich um stolpert über die Füße meiner Frau und geht raus sie war so perplex das war die ersten Stunden in der Illegalität sie hätte ohne weiteres gesagt »ich hab keinen Ausweis ich bin Jüdin« das sagte
[1:48:44] sie später also d- d- da war sie vollkommen ausgeliefert und aber sie kam nach Leipzig und da wurde sie untergebracht und versteckt und äh bei bei den bei ihrer Mutter und dem Theo Kranz und äh die hatten auch nur ne Zweizimmerwohnung und richteten sich
[1:49:03] ein und ich kam dann einige Tage später nachdem ich dort in der Wohnung von den zwei Schwestern in der Prenzlauer Straße wars glaub ich gewohnt hatte Siegel schön vorsichtig aufgemacht konnt man von draußen nicht sehen dass das Siegel offen war aber wenn
[1:49:19] man Schritte im Treppenhaus hörte dann man war immer hellwach so fing die Illegalität an
[1:49:26] in dieser Wohnung ham Sie sich dann still verhalten sozusagen um nicht aufzufallen
[1:49:31] ja natürlich
[1:49:33] ja
[1:49:35] und dann fuhr ich nach Leipzig und stand vor einem Abteil und da kamen die Gestapoleute raus aus dem Abteil vor dem ich stand und vier gingen nach rechts und vier gingen nach links und ich stand da mich kontrollierte man nicht [lacht kurz] dass äh es sind
[1:49:56] solche Tausende von Zufällen gewesen auch in der illegalen Zeit ich mein dann Episoden gewesen die man heute kaum selbst noch glauben kann zum Beispiel gab es das muss 44 gewesen sein es gab Restaurants die markenfreies Essen servierten man fragte nicht
[1:50:21] ob das Krähe Kranich äh Katze Hund oder wer das auch sein sollte da serviert wurde aber man hatte was zum Sattessen und da kam eine Militärkontrolle rein und ein junger Leutnant kommt an meinen Tisch und fragt nachm Ausweis und ich spiel wieder diese
[1:50:40] Sache da mit äh gebrochenes Deutsch gesprochen in die Tasche gefasst »oh die Papiere sind bei der Arbeit in Arbeitskleidern« dieser junge Leutnant zwinkert mir zu lächelt und sagt »lass dich nicht noch mal erwischen« und geht weg ich weiß nicht was
[1:51:03] der gedacht hat ich weiß nicht warum er so gehandelt hat und ich begreife es bis heute nicht weil es war ein junger Mensch ältere konnte man schon irgendwie denken ja so wie das äh was geschehen ist in der in der S-Bahn als ich von der eine Nacht lang
[1:51:25] nicht geschlafen hatte und setzte mich was ich sonst nie gemacht hab und äh kommt von äh die Linie von Siemensstadt rein zur Friedrichstraße und äh Oranienburger Tor kommt ein mittelalterlicher Feldwebel von den Kettenhunden das waren die Militärpolizei
[1:51:47] mit so Schild- solche blanken Schilder trugen »Ausweis« wieder diese Geschichte »komm von der Nachtschicht von Siemensstadt und muss die Papiere in der Arbeit vergessen haben in den Arbeitskleidern« sagt er »gut wir steigen Friedrichstraße aus und gehen
[1:52:07] zum nächsten Polizeirevier und dann wird sich die Sache gleich aufklären« und an der Rolltreppe halt ich ihn an und sag zu ihm »ich bin Jude lebe illegal und wenn Sie mich jetzt mitnehmen bin ich morgen in Auschwitz« »ja haben Sie irgendeinen Beweis«
[1:52:26] »ja« sag ich »ich hab meinen Geburtsschein bei mir steht Frankenstein drauf« und suggerierte ihm also Frankenstein ist nur -n jüdischer Name kann gar nicht anders sein und äh dann stand er da und dachte nach und dann sagte er »hau ab ich suche keine
[1:52:49] Juden ich suche Deserteure« und das war auch eine ich hab den Stier bei den Hörnern genommen gehts gehts gehts nicht dann wärs ja sowieso vorbei gewesen solche Sachen sind ja nicht täglich aber fast täglich passiert ich hauste in dem ausgebombten
[1:53:13] Haus dort in der Königsallee im in dem kaputten Bunker der dann stehen geblieben war und äh kam eines Morgens aus dem Grundstück und lief zwei es waren Gestapoleute ich erkannte sie an der Kleidung in die Arme direkt als ich ausm Vorgarten kam und guckte
[1:53:37] sie an und in dem Moment hatte ich eine Idee [zeigt erst nach rechts dann nach links] »der is nach dort gelaufen suchen Sie dort ich lauf hier rum« und die sind tatsächlich losgelaufen dahin und ich bin darum und bin verschwunden über die nächsten
[1:53:55] Zäune weg weg äh wenn man nicht solche Ideen gehabt hat dann war man geliefert und vor allen Dingen Angst man durfte nie Angst haben
[1:54:07] und dann hab ich natürlich die Leute kennengelernt die geholfen haben den Doktor Ketzer der auch schon der Doktor Ketzer
[1:54:18] [lacht leise] ich komm ja von einem ins andere hat war im KZ wurde verhaftet auf Grund Juden geholfen und so weiter wurde dann von sehr einflussreichen Leuten rausgeholt und bekam von der KZ-Leitung eine Rechnung für Kost und Logis [lächelt] die existiert
[1:54:42] d- die d- diese Rechnung der hat schon Leuten vorm Krieg äh geholfen etwas Kapital nach Holland zu bringen und in die Schweiz und hat dann Freunde auch ins Ausland geschafft der war schon aktiv vor den Transporten nachm Osten und hat dann also seine Sekretärin
[1:55:06] die Frau vom Walter Scharff und dann wir drei alle bei ihm im Haus es gab noch mehr solche die Edith äh die später meinen Cousin geheiratet hat der auch illegal lebte von dem ich nicht wusste dass er illegal lebt der Kurt Hirschfeld der war
[1:55:36] ähm Orthopäde och Chirurg und nach der Befreiung arbeitete er als äh Arzt in der Charité und also der Edith und die und der Kurt die heirateten nachm Krieg und der Kurt und die Edith wanderten 1948 nach Amerika aus und der Grund war der Antisemitismus
[1:56:06] unter den Ärzten an der Charité auch das gabs es ist da noch so viel zu erzählen stellen Sie Fragen
[1:56:24] Sie ham grad gesagt Sie durften keine Angst haben hatten Sie Angst ?
[1:56:29] nein wenn man Angst hatte zeigt man sie auch wir hatten keine Angst wir waren also um durchzukommen musste man an erster Stelle gute Freunde haben die hatten wir an zweiter Stelle keine Angst und Frechheit das sind die drei Grundfaktoren um überleben
[1:56:55] zu können und vor allen Dingen man musste gesund sein man hatte ja keine Möglichkeit zu einem Arzt einem Zahnarzt oder zu irgendwas das gabs nich dann gibt es noch die Episode dass ich äh Material geliefert bekommen habe von der Organisation Todt um eine
[1:57:17] Wohnung wiederherzustellen es gab eine Frau Döring die ich kennengelernt durch einen andern Illegalen den Arthur Katz das war der Sohn unsres jüdischen Schlächters und Fleischgeschäftsinhaber in Flatow die unsre Nachbarn warn und wir trafen uns das
[1:57:44] erste Mal am Bahnhof oben auf dem Perron am Bahnhof Savignyplatz und gingen aneinander vorbei ver- weil man hatte Angst voreinander man wusste nicht wer war Spitzel was konnte passieren und wir trafen uns zufällig einige Tage später wieder und dann gingen
[1:58:02] wir aufeinander zu und dann sprachen wir kurz und dann erzählte ich ihm einiges von uns und er von sich und da sagte er »ich kann dir helfen ich hab eine Bekannte eine Frau Döring ihr Mann ist Oberst und ist stationiert in Polen und er schickt immer
[1:58:23] Lebensmittel nach Haus und von denen können wir auch etwas abbekommen« und die Frau Döring war umgezogen die hatte eine Wohnung neben dem Reichssicherheitshauptamt sechs in der Emser Straße und die war durch ei- eine Bombe durch den Luftdruck war die
[1:58:44] beschädigt worden die war nicht eingefallen sondern Fenster Türen waren da raus und so weiter und da sagte er »wenn vielleicht kannst du die Wohnung reparieren und da könntest du auch dort wohnen und vielleicht ich auch« und ich traf mit ihm zusammen
[1:59:01] die Frau Döring und die äh gab uns auch zu essen [lächelt] und also »ach Herr Frankenstein« [berührt seine Stirn] also »Herr Frank Kranz« wie ich damals hieß weiß ich nicht mehr Frank äh »könnten Sie meine Wohnung reparieren« sag ich »das
[1:59:20] ist sehr gefährlich weil nebenan ist das Sicherh- Reichssicherheitshauptamt dort kannten mich alle« alle vom vom Obersturmbannführer bis zum äh Gefreiten »aber ich werds versuchen« erst mal die Fenster »ich hab nämlich einen Mann der in der Leitung
[1:59:38] sitzt bei der Organisation Todt« ich weiß nicht ob die Ihnen bekannt ist ? das war eine Arbeitsorganisation die zum Beispiel auch den Westwall gebaut hat und äh »der kann mir Material liefern und wenn Sie das einbauen können das wär sehr schön« also
[1:59:55] ich habs gemacht und dann in der Zeit traf ich einen andern Illegalen der war taubstumm und der f- der schrieb mir auf einen Zettel »willst du Fleisch kaufen ?« und ich sa- ich nickte mit dem Kopf und ich kaufte Fleisch bei ihm und die Frau Döring die kochte
[2:00:12] das für mich aber es wurde nie weich gegessen hab ichs trotzdem und dann einige Wochen später traf ich den Taubstummen wieder und der sagte »hast du das Fleisch gegessen ?« »ja« dann schrieb er auf »das war Hund ich bin betrogen worden« [lächelnd:
[2:00:29] ] gegessen hab ichs bekommen is mir also es ist nichts Gefährliches gewesen die Chinesen essen ja auch Chow-Chows die äh das war so wieder dazwischen ich hab ihr die Wohnung eingerichtet so zu- also in Ordnung gemacht dann hab ich noch einige Zeit dort
[2:00:48] gewohnt und das war dann die Periode als Leonie weg musste von von äh Briesenhorst da wo sie hingeschickt worden ist weil äh mit der Geburtsurkunde von ihr da haperte es das war nicht das richtige Geburtsdatum und da wurde man neugieriger und da kam sie
[2:01:07] zurück nach Berlin und da hatte der Arthur Katz dieser Illegale hatte uns dann die Wohnung bei der Mary besorgt das hatt ich schon vorher erzählt und äh ich zog dann auch dahin
[2:01:20] dann (gabs ein paar) ich war dann ein Zeit lang war ich Filmvorführer
[2:01:30] in Filmvorführer in einem Tageskino an der Fried- Bahnhof Friedrichstraße in den Bogen unter den Bahngleisen war ein Kino und äh da hab ich gearbeitet ich musst ja auch etwas verdienen wir sind ja untergetaucht ohne Papiere und ohne Geld wir mussten alles
[2:01:50] selbst schaffen und da hab ich a- gearbeitet Fensterputzer Plakate für Zirkus Busch geklebt äh Filmvorführer mal als Maurer mal als Tischler ah irgendwie hats immer Arbeit gegeben die Männer waren ja alle also alle an der Front es war jetzt ein großer
[2:02:13] Bedarf an Arbeitskräften auch illegalen also Schwarzarbeit und in dem Film in dem Kino da lief die Wochenschau und ich hörte großes Gelächter aus dem Zuschauerraum und ich guckte durch meine Kontrolluke und da sah ich dass grade die Wochenschau lief von
[2:02:35] der Front Russland und die Deutschen liefen rückwärts und äh in ihre Gräben zurück und da merkte ich ich hatte vergessen das Band zurückzuspulen da waren ja die großen großen äh Reifen mit dem Filmmaterial und äh die musste man immer wenn man eine
[2:02:56] eingelegt hatte bevor die zu Ende ging dann wurde die andre angesetzt und wenn man dann Zeit hatte dann spulte man wieder die schon gelaufen war zurück und das hatte ich vergessen also da ging alles rückwärts ich hab alles laufen lassen bin verschwunden
[2:03:12] äh das war ja Sabotage das war Todesstrafe auch auch wenn man offiziell gelebt hätte so dass den letzten Lohn dort hab ich nicht bekommen [lacht leise]
[2:03:23] also Sie ham schon gesagt dass Sie an sehr vielen Stellen versucht haben zu arbeiten Sie waren unter anderem ein Hundepfleger in Spandau ist das äh
[2:03:34] ja ja ich hab Hundefutter nach Spandau gebracht in einen einen Kennel und da war ich mal da als grade n M- Fliegerangriff war und da fiel ne Brandbombe in das Haus und die Hunde waren im Keller das waren waren Chow-Chow und Pekinesen die die gehabt haben und
[2:03:55] diese Hunde die gehen Hunde gehen nicht durch Feuer die lassen sich lieber vom Feuer umzingeln als dass sie durchgehn und da hab ich Hund für Hund da rausschleppen müssen die versuchten mich zu beißen also aber ich bekam sie raus aber dabei hab ich mh
[2:04:11] Teertropfen in n Nacken bekommen äh abers ging das war die Hunde- -abteilung
[2:04:21] und wie sind Sie zu diesen verschiedenen Arbeiten gekommen also wie haben Sie diese Arbeitsstellen denn gefunden ?
[2:04:27] Vermittlung Bekannte haben mir gesagt der und der der braucht irgendwas und äh äh Zirkus Busch die hatten einen äh son Aufkleber »suchen äh äh Menschen für Arbeit ah ah Hilfe für äh Plakate kleben« die ham damals nicht gefragt warum man äh da is
[2:04:54] warum man nich im Militär is die waren zufrieden die hatten jemand wenn mal jemand gefragt »ja äh äh Lunge kaputt und und muss muss zu Hause bleiben«
[2:05:08] [lächelnd:] da war mal komm von einem ins andre da war mal Sie ordnen das nachher da war mal äh wir
[2:05:18] waren verlobt Leonie und ich wir waren noch nein ja doch wir waren noch nicht verlobt nein wir waren befreundet wir nahmen unsern Stern ab und gingen in der Schönhauser Allee weiter oben zur Danziger Straße zu war ein Vergnügungspark und in diesem Vergnügungspark
[2:05:38] war eine Schießbude und ich war immer schon ein sehr guter Schütze gewesen ich hab das Schießen gelernt als ich sieben acht Jahre alt war da war ein Freund unsres Hauses war in Flatow der Förster Goldmann und der Förster Goldmann der war ja immer im
[2:05:55] Wald und d- und ich war auch gern im Wald also ich folgte ihm sehr oft und eines Tages drückte er mir eine Schrotflinte in die Hand da war ich ungefähr sieben Jahre alt und sagte »guck mal dahinten läuft -n Hase schieß den mal« ich nahm das Gewehr ich
[2:06:14] hab nichts Böses ahnend schoss ich auf den Hasen und der umfiel der war ich der Rückschlag war ja so stark ich konnt das ja gar nicht beherrschen ich fiel aber der Hase fiel auch
[2:06:25] mhm
[2:06:28] weil eine Schrotflinte die streut ja so also wenn man auch bisschen daneben schießt man man trifft ja trotzdem so dass war mein erster Hase ich hab dann äh äh ganz gut schießen gelernt bei dem Förster Goldmann [lächelnd:] und da auf diesem auf diesem
[2:06:43] V- in diesem Vergnügungspark war eben diese Schießbude und da sagte ich zu Leonie ich wollte ja angeben äh »welche Blume will-« da schoss man Blumen die in so Porzellanhaltern standen die schoss man ab wenn man den Porzellanhalter traf dann fiel die
[2:06:58] Blume runter »welche Blume willst du haben ?« da zeigt sie auf eine und und und äh lachte schoss die Blume ab »welche willst du jetzt haben ?« »die« und da glaubte sie das war Zufall
[2:07:15] [lacht leise]
[2:07:17] und dann schoss ich ihr ein Bukett Blumen und merkte nicht dass um uns herum stand ein ganze Gruppe mit Urlauber Militär und da waren auch Unteroffiziere und Offiziere dabei und und auch die Frauen von ihnen und da sagte einer der der Unteroffiziere sagte
[2:07:37] »warum bist du nicht beim Militär ?« »ha Lunge« [klopft leicht auf die Brust] »du du könntest Scharfschütze sein« hab ich gesagt »tut mir leid Lunge« [lacht leise; betont:] das war eine gefährliche Situation herbeigerufen aus Dummheit und äh
[2:07:55] viel Dummheit b- b- brauchte es nicht um reinzufallen es gab später auch Situationen wenn man sich -n bisschen daneben benommen hat dann war leicht dass da was passieren konnte das war also mit dem Schießen Förster Goldmann
[2:08:14] ich hab wenn man von Flatow
[2:08:17] noch spricht etwas lernt gelernt das mir äh eine große Sicherheit im ganzen Leben gegeben hat und das war ein Ausbilder bei der Polizei der ein guter Freund bei uns im Hause war der sagte zu mir 19- das war schon nach dem Boykott also 33 34 »Walter du
[2:08:48] kommst zu mir und ich bringe dir Jiu-Jitsu bei« Jiu-Jitsu is ein ist kein Sport Jiu-Jitsu ist eine Verteidigungstechnik aber auch eine Angriffstechnik die töten kann »ich bring dir Jiu-Jitsu bei so dass du in deinem Leben keine Angst mehr haben brauchst«
[2:09:06] und ich hab hart trainiert ne ha- na mehr als -n halbes Jahr dreiviertel Jahr mit ihm und ich hab was sehr wichtig war eine große Selbstbeherrschung gelernt und das Fallen gelernt ich kann heute noch vom Tisch runter fallen und ich schlage mich nicht und
[2:09:31] das hat mir eine solche Selbstsicherheit gegeben dass ich brauchte mich nicht mehr zu schlagen um mich behaupten zu können sondern diese eigene Selbstsicherheit gab mir diese Überlegenheit auch und das ist das wenn man jemand Jiu-Jitsu beibringt muss man
[2:09:53] ihm auch diese Selbstbeherrschung beibringen weil er kann das ausnutzen um andere Menschen zu schädigen sogar zu töten das hab ich gelernt und das hab ich dann weitergegeben als ich ausgebildet hab illegale Auswanderer nach Palästina in Bayern habs
[2:10:14] nie anwenden brauchen selbst das war Glück
[2:10:20] weiter im Text
[2:10:23] Sie haben nicht nur hab ich in Ihrem Buch gelesen ja nicht nur in Wohnungen illegal gelebt sondern Sie haben auch ne Zeit lang in nem Auto äh gelebt
[2:10:32] ja
[2:10:35] [gleichzeitig:] gelebt oder übernachtet
[2:10:38] in der Königsallee 24 das war das Nachbarhaus von Doktor Ketzer das war ausgebombt aber im in der Garage stand ein aufgebocktes Auto das Militär hatte die Reifen beschlagnahmt aber das Auto war scheinbar zu alt gewesen um es noch militärisch zu verwenden
[2:10:54] das stand da so auf Holzstapeln [unterstützende Handbewegung] aufgestellt und da drin hab ich sehr gut geschlafen im Rücksitz bis die Gegend brenzlig wurde da sind scheinbar englisch- abgeschossene Flieger mit Fallschirm gelandet in der Gegend da wurde
[2:11:13] Jagd auf die angestellt und da war es für mich höchste Zeit von dort zu verschwinden aber das war ganz g- das waren gute Nächte auf einem gepolsterten Rücksitz im Auto zu schlafen war nicht das Schlechteste ich hab äh ja die erste Nacht die wir in
[2:11:34] der Illegalität zusammen übernachtet haben als wir zurück d- äh nach Berlin kamen alleine der Uri war bei d- bei der Großmutter geblieben sie hat gesagt »ja meine Tochter die arbeitet in Berlin und ich muss äh das Kind versorgen unterdessen« die verbrachten
[2:11:51] wir in (Wolken verbringen) in einem Schlafsack am Müggelsee und da muss irgendein entweder Gefangenenlager oder irgendwas in der Nähe gew- sein denn auf einmal also erst mal hats geregnet der Schlafsack war nass das war kein so so ein Schlafsack wie man
[2:12:10] ihn heute hat der wasserdicht sondern das war ne Filzdecke also zusammengenäht und äh da hörten wir Hundegebell und Menschenstimmen und da sind wir ganz schnell aus dem Schlafsack und verschwunden und die Nacht die fuhren wir umher mit der Straßenbahn
[2:12:30] durchnässt aber wir hatten nirgendwo ne Bleibe man konnte ja nicht irgendwo sich an die Straßenecke hinsetzen also musste man irgendwo sein wo auch andre Menschen waren das war die erste Nacht gemeinsam im Wald beim am Müggelsee und so sind noch viele
[2:12:55] Nächte gewesen dass man nicht schlafen konnte das war auch die Nacht in der man mich erwischt hatte am in der S-Bahn da hatt ich die Nacht über nicht geschlafen bin umhergelaufen umhergefahren in ausgebombten Kellern äh eines eine Nacht hat uns ein
[2:13:15] Rudi Cohn hieß der er war Elektriker war Halbjude und äh hatte sein Material in einer Baubude in Schöneberg da wurden Häu- ah zerbombte Häuser repariert und da waren die Baubuden und da war ha- schloss er uns ein in einen Vor- wo er seinen Vorrat hatte
[2:13:40] an Material und da war der Uri mit und da kam in der Nacht kamen Menschen dorthin und wir hatten natürlich Angst dass wir dass sie auch da rein wollten aber er hatte das Vorhängeschloss das hatte er zugeschlossen den Schlüssel hatte er und da waren wir
[2:13:59] eine Nacht aber das war keine gemütliche Nacht und dann sind wir doch lieber von dort weg
[2:14:06] andre Zwischenfälle ach gab so viele weiß nich in Schöneberg hab ich na- [lacht leise] weiß nich ob das im Buch steht äh meine meine Nacht unter einem explodierenden
[2:14:29] Zug
[2:14:31] mhm
[2:14:33] is da was im Buch drin ?
[2:14:36] da is was drin aber erzählen Sie
[2:14:38] das war auch Schöneberg
[2:14:40] mhm
[2:14:42] da gabs eine Eisenbahnüberführung da waren Zwillingspfeiler also es standen immer zwei Eisenpfeiler nebeneinander und dazwischen war so ein kleiner Zwischenraum und ich trieb mich da rum in Schöneberg in einem dieser Keller der zerbombten Häuser und da
[2:14:52] kam -n schwerer Angriff also ich verzog mich unter die Brücke und stellte mich zwischen die zwei Pfeiler da fühlte ich mich [betont:] ziemlich sicher (weil de-) für Splitter und Bomben also das da -s konnte nicht dort einschlagen nicht wenn ich da war und
[2:15:09] da stand ich und das knallte und knallte und knallte und da lief jemand vorbei und sieht er mich und sagt »was machst du denn hier ?« »na s- Bomben« »sind kein Bomben das ist -n Munitionszug der steht da oben und explodiert« na ja dann bin ich auch weg
[2:15:28] und da bin ich die Straße am Bahndamm entlang gegangen und da saßen Leute und die Häuserreihe brannte die hatten rausgeholt aus ihren Häusern was noch rauszuholen war und da saß -n älterer Herr und der sagte zu mir wie ich vorbei ging »hallo junger
[2:15:49] Mann« »ja« »sehn Sie da oben is meine Wohnung da brennts noch nicht können Sie rauf nicht rauf gehen und mir einige Sachen holen die ich nicht mehr runter nehmen konnte« »ja« sag ich »das kann ich machen was wollen Sie haben« und dann sagte er mir
[2:16:06] verschiedene Sachen er hatte noch ne Uhr liegen aufm Schreibtisch und waren noch n paar Papiere und so was und da brannte es im vierten Stock und seine Wohnung war im dritten Stock und ich ging rauf und sammelte die Sachen zusammen die er haben wollte und
[2:16:25] öffnete eine Schranktür und was war in dem Schrank ? Kartons mit Konfekt vollgepackt von oben bis unten also muss der Mann mal -n Schokoladengeschäft gehabt haben oder irgendwas na dem konnt ich natürlich nicht wiedersteh- und ja Liköre und äh ich fing
[2:16:48] an Schokolade in mich reinzustoppen und trank Likör aus der Flasche und nach einer Weile da dacht ich »na da musst ja auch was mitnehmen« und da hat ich wieder so genannte Knickerbocker an stoppt ich die Sch- Kartons mit Konfekt in die Hosen und noch ne
[2:17:07] Flasche dazu und auf einmal kamen drei Matrosen rauf »du wir sollen dich runterholen der der der alte Mann der hatte Angst dass äh dass du hier mit verbrennst« »nein nein ist alles in Ordnung guckt nur was da im Schrank ist« und dann wir vier da und haben
[2:17:27] Likör flaschenweise getrunken und Schokolade ge- also Konfekt kartonweise gegessen und dann auf einmal sahen wir schwarze Flecken an der Decke und das ist das Zeichen die Balken
[2:17:40] mhm
[2:17:42] fangen an zu verkohlen und da war höchste Zeit raus dann sind wir raus aber da brannte das Treppenhaus da gings nicht mehr durchzukommen da sind wir zum Fenster und da hielten die einen Löschzug von der Feuerwehr an der zufällig vorbeikam und über die
[2:17:59] Leiter von der Feuerwehr sind wir von dort evakuiert worden drei Matrosen und ich und dann war das was das Schlimmste war die Schokolade von der Wärme war natürlich ausgelaufen mit der Füllung und allem und das schwappte in den Schuhen und äh äh ich
[2:18:22] hatte doch nirgendwo mich zu waschen also so mit dem Zeug das ich da anhatte ich versuchte am nächsten Papierkorb wo keine Menschen mehr waren das alles raus zu tun ging ich dann zum F- Bahnhof Friedrichstraße und da gab es eine Badeanstalt da hatte man
[2:18:40] zehn Minuten oder zwanzig Minuten konnte man äh äh in einer Badewanne waschen also ich ging erst mal wasch- wusch ich die Hosen aus die Strümpfe und die Schuhe und dann lag ich mich legte ich mich in die Badewanne und dann klopfte es ja schon an die Tür
[2:19:00] also musst ich die nassen Sachen anziehen und dann ging ich aber ich war gewaschen
[2:19:08] das alles s- s- Hunderte von solchen Sachen sind täglich pas- passiert es geht eigentlich gar nicht unmöglich alles zu erzählen und dann natürlich die Leute die geholfen
[2:19:24] haben der Theo Kranz der ist an die schweizer Grenze für uns gefahren um zu sehen ob es nicht irgendwo ein Schlupfloch lag gab er hat ausspioniert ob wir nicht mitm äh äh Kanut über die Ostsee nach Dänemark oder Schweden könnten leider hat das nicht
[2:19:45] funktioniert versucht hätten wirs
[2:19:49] aber Sie haben nicht die ganze Zeit mit Ihrer Frau zusammen in Berlin die Zeit verbracht es waren auch inzwischen (_)
[2:19:58] nein
[2:20:01] ja
[2:20:03] das ging natürlich nicht das ging nicht zusammen waren wir eine kurze Zeit in Leipzig zusammen waren wir bei Ketzer zusammen waren wir bei der Mary und zusammen waren wir am Kottbusser Tor sonst nicht sonst waren wir immer auf zwei Stellen und dass der
[2:20:21] Michael geboren wurde das wusste ich erst fünf Wochen später weil wir hatten verabredet ich holte mir meine Post poste restante in der Hardenbergstraße im Postamt und eines Tages als ich dahin ging um Post zu holen da war Gestapo dort an dem Schalter
[2:20:37] mhm
[2:20:39] und die äh da bin ich dann also fünf Wochen nicht hingegangen weil man wusst ja nicht warum sind die dort sind sie meinetwegen dort diesen Verdacht musste man ja haben man musste alles als verdächtig betrachten das überhaupt eine Möglichkeit war dass
[2:21:01] man geschnappt werden könnte
[2:21:05] und dann gabs ja noch die Zeit also äh meine Theater- und Musikzeit- -periode als Leonie in Briesenhorst war da sagte mir da lernte ich einen Illegalen kennen der sagte »du die sichersten Plätze das sind die Schlangen
[2:21:25] zum Billet-Einkaufen und in den Theatern und Opern« und da sagt- da gingen wir hin und da waren immer junge Menschen die vor jedem Theater oder Oper oder Cabaret saßen und Listen aufrichteten in denen man sich einschrieb und man musste sich alle zwei Stunden
[2:21:47] melden und das Viertel um den Gendarmenmarkt Schauspielhaus also Staatsoper äh Friedrichstraße Deutsche Theater das lag ja alles sehr nah so man konnte also diese Listen fingen an Freitag nachmittag und Sonntag früh um neun wurden an allen Theatern die
[2:22:09] Kassen geöffnet und zwei Billets per Person verkauft und die Theater und Oper war immer ausverkauft in der Zeit und da sind äh äh bin ich hingegangen und da hat man sich eingeschrieben in der Folge in der Folge was am Wichtigsten war da ging man zuerst
[2:22:27] hin für es gab ja die Billetts für die ganze Woche und die waren innerhalb von einigen Stunden waren die ausverkauft und dann hab ich mir Billetts gekauft also für jeden Abend eins und manchmal Nachmittag noch irgendeine Lesung irgendwas also das Buch mit
[2:22:43] allen diesen Theaterstücken und Opern und Konzerten existiert ich hab jeden Tag eingeschrieben und das ist befindet sich bei Barbara Schieb im äh wie- im Bendlerblock in der äh äh im Museum für Widerstand und weiß was die hat das ne Kopie hab ich auch
[2:23:07] irgendwo und da war ich jeden Tag und da äh hab ich auch meine besten Schlafstunden gehabt ich war eine also zwei Tage rumgelaufen von Freitag bis Sonntag früh nach Billets und am Nachmittag gab es den »Tristan« in der Staatsoper und oben haben natürlich
[2:23:28] immer die billigsten Karten gekauft und da saß ich setzte ich mich oben hin und der Dirigent hob den Taktstock Takt- -stock und ich schlief ein und ich wachte auf vom Schlussapplaus das waren dreieinhalb Stunden die ich wunderbar geschlafen habe in einem
[2:23:52] weichen Stuhl und äh Musik um mich herum die ich sowieso nicht mag [lacht leise]
[2:23:57] [lacht leise]
[2:23:59] da hab ich drei ruhige Stunden es es stellte sich später heraus dass das Hauptja- -jagdgebiet der Stella dieser jüdischen Spitzelin die Theater und die Opern waren davon hatt ich keine Ahnung sonst wär ich ganz bestimmt nicht dahin gegangen weil ich
[2:24:22] kannte die Stella und ich kannte den Günter Abrahamson der war Erzieher vorher im Auerbach'schen Waisenhaus und wurde der nächst- -beste größte Spitzel der sehr viele Juden ans Messer geliefert hat dem begegnete ich einmal ich fuhr mit der Straßenbahn
[2:24:39] stand vorne neben dem Fahrer da also auf auf der ersten Plattform und er stieg hinten ein hätte er mich se- gesehn er hätte mich ohne weiteres ausge- ausgeliefert genau so wie die Stella Kübler das waren ja auch diese Risiken die immer vorhanden waren
[2:24:55] aber Sie haben sich in der Oper ganz sicher gefühlt inmitten all dieser Menschen Sie ham sich in der Oper und im Theater immer sicher gefühlt
[2:25:05] ja
[2:25:07] obwohl sie unter so vielen Menschen waren und
[2:25:09] ja die Menschenmenge und ich wusste es gab keine Militärkontrollen in den Theatern die gingen dort nicht hin die wollten die Vorstellung nicht stören und in den Pausen waren sowieso n- ein Gedränge da wären sie nicht durchgekommen da fühlte ich mich
[2:25:24] sicher und so hatte man mir es auch gesagt so dass äh das war -n große also vom vom äh künstlerischen Standpunkt aus waren das großartige Zeiten aber es ist sozusagen der Not gedrungen
[2:25:47] es gibt in Ihrem Buch ein Bild von Ihrer Frau mit Ihrem Sohn in der Illegalität
[2:25:58] ja
[2:26:00] in ähm Briesenhorst
[2:26:02] ja
[2:26:05] vielleicht zeigen wir des
[2:26:07] ich s-
[2:26:09] einmal noch mal kurz wenn Sies einfach halten das ist unten rechts Kai [Zoom auf das Buch] da is sie auch schwanger bereits mit dem
[2:26:13] ja da war sie schwanger und wartete aufn Micha und das muss äh da muss sie schon auf dem Bild muss sie schon im sechsten Monat siebenten Monat gewesen sein
[2:26:21] das ist dann 44 mhm ok [leise:] danke
[2:26:34] Sie sind ja viel umgezogen viel rumgekommen Sie haben Berlin wahrscheinlich sehr sehr gut kennengelernt könne Sie vielleicht Eindrücke der Stadt schildern die verschiedenen Viertel was einfach was Ihre Eindrücke so waren zum Beispiel das Scheunenviertel
[2:26:54] wie das aussah wie wars anders sagen wir 43 im Vergleich zu dem wie Sies der Vor- aus der Vorkriegszeit kannten oder das Bayerische Viertel können Sie
[2:27:05] ich kannte ja gut das Bayerische Viertel ich kannte gut Wilmersdorf und ich kannte gut Kreuzberg da war ja das Auerbach und außerdem äh als ich für die Gemeinde gearbeitet hab da hatten wir son Handwagen da hatten wir Material drauf und da zogen wir von
[2:27:24] einer Arbeitsstelle zur andern also mal im Altersheim Große Hamburger und dann warn wir im Jüdischen Altersheim in der Schönhauser Allee man hat Reparaturen gemacht man hat äh Rattenlöcher d- d- verstoppt man hat auch kleine Umbauten hat ein Zimmer vergrößert
[2:27:43] oder verkleinert (hat im) Altersheim das warn man kam durch die ganze Stadt das Jüdische Krankenhaus in in äh im W- im Wedding da oben und äh da war ja auch das Jüdische Schwesternheim es gab äh äh überall in der ganzen Stadt gab es jüdische Häuser
[2:28:10] die wo irgendetwas zu tun war und das waren wir drei das war der Arthur Michelsohn das war der Polier übrigens ein Zögling des Pankower Jüdischen Waisenhauses um 1910 1905 herum ja und dann wars Willi Holz das war der Architekt und der Theorielehrer
[2:28:36] und dann war ich es warum ich da mit übernommen wurde hab ich keine Ahnung weil wir waren ja mehrere die dort gelernt haben und ich war der Einzige der von der Gemeinde übernommen wurde ob mich jemand empfohlen hat oder weiß ich nicht weil Michelsohn
[2:29:02] sagte immer d- zu meiner Mutter »der Walter der is faul« warum war ich faul weil ich nicht seine Arbeit auch machen wollte [lacht leise]
[2:29:13] was kann das sind bestimmt wichtige Sachen die ich ge- die ich nicht im Kopf habe im Moment
[2:29:24] wie ist das denn wenn Sie wie jetzt im Moment bei Ihrem Besuch hier in Berlin sind ähm wie gehen Sie hier durch die Stadt ? oder vielleicht noch anders gefragt wann sind Sie wieder nach Berlin zurückgekommen nach dem Krieg ich mach jetzt -n kurzen Sprung
[2:29:40] also das war -n ganz komischer Zufall wir waren in Hanau bei Verwandten und waren mit dem Auto aufm Weg nach Amsterdam und da sagte meine Frau zu mir »du da war n Schild ha- Berlin 400 Kilometer eine Abfahrt heißt das« da vorbei da kam aber das nächste
[2:30:00] Schild Berlin 400 Kilometer war die nächste Abfahrt und da fuhr ich ab und am das war Karfreitagabend und wir kamen am Abend so gegen Abend über die Ostzone nach äh Dreilinden ja war das wohl die Einfahrt nach Berlin und da kamen wir auf die Avus und da
[2:30:25] sag ich zu meiner Frau »guck mal hier hab ich die alle fahren sehn Brauchitsch Caraciola Stuck Rosenmeyer Nuvolari« die alle ich bin gern zu Rennen Autorennen gegangen und dann kamen wir an der Südkurve vorbei fuhren die Avus entlang und dann kam die Nordkurve
[2:30:48] mit den Zuschauer- äh -tribünen und dann kam der Funkturm und es war ein ganz komisches Gefühl äh hier will man eigentlich gar nicht sein man ist trotzdem hier und es ist irgendwie ein Gefühl des des Wiederkommens ich will nicht sagen Heimkehr absolut
[2:31:14] nicht des Wiederkommens und dann fuhren wir den Kurfürstendamm runter und da war ja noch nicht alles repariert aber ein Teil und kamen zum Bahnhof Zoo und da war eine äh Zimmervermietung im Bahnhof ziemlich dunkel und da saß eine dicke Frau hinter einem
[2:31:36] Schreibtisch und ich fragte »ham Sie noch -n Zimmer äh für die Nacht« sagt die »ja in der« ich glaub es war in der Lietzenburger »eine eine Pension und da is eine Zweizimmerwohnung frei die könnten Sie noch haben« »na gut sag ich dann nehmen wir
[2:32:02] die was kostet die« d- war damals 32 Mark oder irgend sowas oder 28 war billig »aber das die erste Nacht müssen Sie bei mir hier bezahlen« und da dachte ich na ja hier bezahlen und dann kommt man dahin und da ist nischt aber wir bezahlten wir hatten ja
[2:32:22] keine äh keine andre Möglichkeit an dem Abend wir bezahlten und fuhren dahin und wir bekamen ein wunderbares Apartment mit einer äh halb in den Boden eingelassenen Badewanne Marmor Marmor an den Wänden und äh ja erstklassig und da blieben wir zwangsweise
[2:32:47] eine längere tid weil am nächsten Tag ging unser Auto kaputt und das war -n englisches Auto und das Reservteil das war eine Packung für den Motor die musste handangefertigt werden oder in England bestellt werden und dann waren ja die Osterfeiertage dazwischen
[2:33:05] und wir kamen dann dahin und wir waren dann dort in der Werkstatt und da sagte er »ja also ich kann das anfertigen lassen aber das dauert zwei drei Tage« na ja gut also dann zwei drei Tage und dann wurde unser Geld etwas alle und dann telefonierte ich mit
[2:33:23] unserm mit unsrer Bank in in Stockholm und die schickten telegrafisch Geld runter und dann hatte ich natürlich zu wenig bestellt und dann war das Auto zu bezahlen wir warn statt zwei Tage warn wir dann fünf Tage in Berlin und dann fuhren wir los und auf
[2:33:43] der Autobahn durch die DDR fing der Motor an zu spucken und ich fuhr in eine äh in einen Parkplatz und machte die Motorhaube auf und es dauerte nicht eine Minute da war ein war die Volkspolizei da aber nicht die kamen nicht zu uns ob sie helfen könnten oder
[2:34:04] so nein sie standen fünfzig Meter weiter hinten und beobachteten uns und ich konnte den Fehler gleich finden und wir fuhren weiter und dann kamen wir nach Dänemark und da war Schneesturm und Dänemark Schneesturm das heißt da sind hohe Schneewehen weil
[2:34:22] das so Flachland ist und dann war wurde das Benzin alle und das Geld alle in Dänemark und dann ge- fuhr ich rein in eine Tankstelle und suchte aus allen Taschen alles Kleingeld das ich hatte deutsches dänisches schwedisches legte das auf den Tisch und dann
[2:34:39] sagte ich »so viel Benzin will ich haben« und dann tankte er Benzin kann sich vielleicht ein bisschen mehr als ich bezahlt hab und kam damit nach Helsingsborg und in Helsingborg da hatten wir Freunde da waren alle Pro- da waren alle Probleme gelöst das
[2:34:57] war also eine abenteuerliche Reise das war Berlin äh
[2:35:01] ich weiß nicht ob wir damals gesagt haben Berlin nicht mehr oder Berlin ja wieder ich glaub der Entscheid der hing in der Luft einige Jahre und das muss im am Ende der Sechziger gewesen sein als wir
[2:35:21] dann Hotel von Schweden aus bestellten mit -m Auto herfuhren und dann waren wir eben wieder in Berlin um um ins Theater zu gehen um in ins politische Cabaret das uns sehr interessierte in die Oper zu gehen wir waren dann meistens immer so eine Woche in Berlin
[2:35:41] und wir äh suchten dann äh Bekannte Freunde die die die noch hier waren oder schon wieder hier waren und dann wurde das zu einer [lacht kurz] wollma sagen ständigen Plage Berlin wo fahren wir hin ? nach Berlin das wurde dann schon sagen wir en- kann man
[2:36:02] sagen ein innerer Zwang für Leonie liebte Berlin und das Komische ist trotzdem man hier die schlimmste Zeit seines Lebens erlebt hat so hängt man an dieser Stadt ich kann es nicht erklären ich stand neulich abend mal am Fenster im im Savoy an der Nacht
[2:36:27] öffnete das Fenster und guckte raus und sah so die Lichter und da sagte ich mir »na hier bist du ja eigentlich zu Hause« und dann war ich wütend auf mich selbst »wie kannst du ?« aber leider ist es so
[2:36:48] und jetzt werd ich bald eine Wohnung in Berlin
[2:36:52] haben und dann kann ich pendeln also wenn mir die Decke in Schweden aufn Kopf fällt in Stockholm dann komm ich hierher und vice versa und ich hoffe das wird klappen und es wird noch einige Jahre gehen man weiß nie in meinem Alter was morgen ist weiß man
[2:37:14] nicht nächste Stunde auch nicht hab äh von einem Tag zum andern gute Freunde verloren es äh blättert sich ab so ringsherum wir sind nicht mehr viele und das ist auch eigentlich der Grund warum ich eingewilligt hab ein Interview mit Ihnen zu machen
[2:37:39] es sind nicht mehr viele da die erzählen können die berichten können aus der Zeit das Gute aber auch das Schlechte und deswegen das ist eine das war für uns für Leonie und für mich eine Art eine Berechtigung zu finden das wir überlebt haben eine [betont:]
[2:38:07] Pflicht auch dann erzählen zu müssen
[2:38:10] ist aus dem Anlass auch die Idee zu diesem Buchprojekt mit Klaus Hillenbrand entstanden ?
[2:38:17] ja das Buch war für uns ein ein Lebensziel
[2:38:21] zeigen Sies vielleicht einfach oder halten Sies nochmal einmal [Zoom auf das Buch] 2008 erschienen ne ? beim Suhrkamp Verl-
[2:38:28] dieses Buch äh [betont:] »Nicht mit uns« das der Klaus Hil- Hil- Hillenbrand geschrieben hat der das war sehr sehr wichtig in unserm Leben und wir lernten den Klaus äh über Umwege kennen und äh er wurde ein guter Freund er hat zwei Jahre recherchiert
[2:38:55] bevor er angefangen hat zu schreiben und es ist jedes Wort in dem Buch ist dokumentarisch (belagt) da gibt es keine äh Geschichtenerzählungen ah erfundene Geschichten oder irgendwas ja jedes Wort ist dokumentarisch (belagt) weil er ist Journalist und er
[2:39:17] ist ist Historiker und er ist ein sehr genauer Mensch und er würde nicht ein Wort schreiben das er nicht beweisen kann und ich hoffe das Buch wird noch von Vielen gelesen weil es enthält ja so wie wirs uns gewünscht hatten eine Zeitgeschichte an uns
[2:39:43] sozusagen aufgehängt also wir sind vielleicht die die die Zeitgeschichte etwas [betont:] interessanter machen könnte
[2:39:55] »Nicht mit uns« dieser ähm Titel ähm dieser Ausdruck enthält Ihren Widerstand
[2:40:06] ja
[2:40:09] gegen den Nationalsozialismus äh
[2:40:11] ja also mit uns konnten sie es nicht machen
[2:40:13] mhm und Sie haben vorhin im Vorgespräch ähm dass es in dem Buch auch eine Fotografie gibt aus den neunziger Jahren die das noch mal unterstreicht
[2:40:22] ja
[2:40:24] ähm dass Sie ähm überlebt haben vielleicht
[2:40:28] ja das ist die letzte Fotografie in der F- Fotoserie
[2:40:32] mhm
[2:40:34] das ist aufgenommen vor dem vor dem äh Haus der Wannseekonferenz in dem Haus wurde ja beschlossen die Judenvernichtung und wir stehen vor dem Schild in dem das beschrieben ist [zeigt das Foto] und das ist also ein Beweis nicht mit uns wir haben es nicht
[2:40:58] für uns zugelassen
[2:41:02] das ist äh d- ja man kann sagen es hätte einen Widerstand gegen Hitler geben können nicht von Juden allgemein und vom Ausland was leider nicht passiert ist und in d- diesem Hof hab ich ein Interview gegeben für einen Film der
[2:41:29] gemacht wurde und der Regisseur fragte mich ja wir standen da im Garten und und und er fragte mich »ja äh wie ist denn das eigentlich gewesen haben die die Deutschen haben auch Juden geholfen ?« und da sagte ich einen Satz der ihm nicht passte »ja aber
[2:41:55] nicht genug es waren nur wenige« und darum ist das ganze Interview ins Wasser gefallen
[2:42:05] es ist nicht in dem Film dann erschienen das Interview
[2:42:08] ja der Film ist erschienen
[2:42:10] aber Ihr Interview nicht ?
[2:42:12] nicht mit meinem Interview ich bin mit auf dem Film weil äh äh wir kamen überr- als überraschende Gäste zu der Edith Hirschfeld die war aus Amerika zurückgekommen nachdem ihr Mann dort achtund- -siebzig oder wann gestorben war und man hatte uns gesucht
[2:42:32] und hatte uns gefunden in Schweden weil die Edith hat soviel von uns erzählt von Walter und von der Leonie und da wollten die uns finden und als Überraschungsgäste haben und da kamen wir alle wurden abgeholt am Bahnhof Zoo und fuhren dann zu der Edith
[2:42:50] und wir kamen in das Zimmer da saß sie im Sofa und guckte uns an und sagte »ach Leonie und Walter« und dann stand sie auf und kam auf mich zu und dann sagte sie »ja ich hab dich in Erinnerung als einen Hünen« [lacht leise] »aber jetzt hast du ja normale
[2:43:15] Größe« »ja« sag ich »ich bin eingegangen« das war eine Überraschung für sie der Film wurde ge- äh gedreht aufgrund dieser jüdischen die ich schon vorher erwähnt hab dieser jüdisch-deutschen Organisation äh ich hab den Film der wurde vom im
[2:43:39] im Bayerischen Bayerischen Fernsehen gesendet
[2:43:41] mhm mhm
[2:43:44] aufgrund dieser Widerstandsgruppe die da also äh recherchiert wurde ist schon zwanzig dreißig Jahre her
[2:43:57] Sie ham sich auch dann später dafür eingesetzt dass die Menschen die Ihnen geholfen haben als Gerechte unter den Völkern
[2:44:06] ja
[2:44:08] ausgezeichnet wurden
[2:44:10] ja das war bei Edith Hirschfeld der Fall und das war auch bei Arthur Ketzer der Fall das waren ja die die Hauptpersonen der Theo Kranz den hätt ich ja nennen können ist aber da er der der Mann von Leonies Mutter war also Verwandte können ja nicht ausgezeichnet
[2:44:31] werden es gab da noch einige wenn man da ach natürlich standen hinter diesen zwei viele viele Menschen die beigetragen haben mit Lebensmittelkarten mit Unterkunft mit äh allem und man muss das ja hoch hoch anerkennen dass diese Menschen unter Lebensgefahr
[2:45:00] gehandelt haben denn darauf stand die Todesstrafe
[2:45:03] mhm
[2:45:05] mindestens KZ und das war gleichbedeutend mit Todesstrafe und dass sie das gemacht haben das ist doch auch ein Zeichen es gab ja auch gute Deutsche aber wie gesagt es gab zu wenige aber die die da geholfen haben haben sich täglich in Lebensgefahr begeben
[2:45:28] und das waren Widerstandskämpfer und ich hab die in Ehren gehalten durch alle Jahre die Medaille von der Edith die befindet sich entweder im Centrum Judaicum oder aber im nein im in dem Museum in dem neuen Museum müsste es jetzt sein in den Hackeschen
[2:46:03] Märkten in der Besenwerkstatt da ist doch ein neues Museum eröffnet worden für die Deutschen die Juden geholfen haben und da müsste die Medaille jetzt sein ich hatte sie zu Hause ich hab sie zurückgegeben weil äh bei mir zu Hause sieht sie niemand
[2:46:26] eine Urkunde hab ich ge- die Urkunde hab ich kopiert da hab ich noch eine die andere ist auch dort mit der Medaille zusammen Arthur Ketzer hat eine Tochter ich weiß nicht ob sie noch lebt in München sie lebte alla fall bei der und lag im Krankenhaus oder
[2:46:49] war in einem Altersheim äh dort bekam sie die Medaille überreicht von einer Dame der auch von also die bekam die hier bei der die konnte nicht bei dem Empfang bei der Botschaft dabei sein und die eine Dame nahm sie mit die auch äh von Arthur Ketzer Hilfe
[2:47:12] bekommen hatte und die übergab sie der Tochter also im Krankenhaus oder Altersheim in München und da müsste die Medaille sein nun gut die Dokumentation ist ja in liegt ja im Yad Vashem in Jerusalem da ist noch zu erzählen die ganze Geschichte Israel
[2:47:33] illegale Einwanderung
[2:47:35] kann ich kurz vorher noch eine Frage ähm stellen aus dem aus der Zeit als Sie illegal nee das ist glaub ich gar nicht das ist vorher gewesen ähm als Sie bei Eichmann ähm waren
[2:47:51] ja
[2:47:53] wussten Sie wer das ist ? zu dem Zeitpunkt
[2:47:55] ich wusste das das Eichmann war aber ich wusste nicht was was er für eine Aufgabe hatte
[2:48:00] ja
[2:48:03] ich wusste Eichmann stand an der Tür als ich reinging
[2:48:05] ja aber Sie haben erst Sie haben erst in im Nachhinein sozusagen erfahren bei wem Sie
[2:48:10] [gleichzeitig:] habe erst später habe erst später erfahren was er äh gemacht hat
[2:48:12] und hat das dieses spätere Wissen darum das Sie dort eine halbe Stunde in diesem Raum verbracht haben hat das irgendwas mit Ihnen gemacht ?
[2:48:19] [schüttelt den Kopf; seufzt] e- es war noch eine Sache dort bei der Zwangsarbeit in der Emser Straße ich hatte also jeder von uns hatte einen äh Wachmann hinter sich und der Chef dieser Wachgruppe war ein Untersturmführer Hahn und dieser Untersturmführer
[2:48:46] Hahn hat mich gehasst und das beruhte auf Gegenseitigkeit denn er er sah bei mir keine Angst die ich vor ihm haben könnte und das hat ihn gereizt und so jeden Tag kam er zu mir »Frankenstein mehr arbeiten oder morgen Auschwitz Frankenstein mehr arbeiten
[2:49:06] oder morgen Auschwitz« und eines Tages hatte ich genug da kam der sein Vorgesetzter Sturmbannführer oder Obersturmbannführer Burmeister und ich stellte mich stramm vor ihm auf und sagte »Herr Sturmbannführer« oder »Herr Obersturmbannführer der Untersturmführer
[2:49:26] Hahn sagt jeden Tag zu mir mehr arbeiten oder morgen Auschwitz und ich werd dann so nervös dass ich noch viel weniger schaffen kann« daraufhin bekam der eine wie heißt das ? wurde er ausgeschimpft von seinem Vorgesetzten weil der dreckige Jude ihn dort
[2:49:47] angeklagt hat für irgendetwas und dieser Untersturmführer Hahn der ließ mich dann wirklich in Ruhe der sah mich nicht mehr aber dann war kurz zwei Wochen vor Kriegsende ungefähr da kam ich die Pariser Straße und wollte um die Ecke biegen zur Ludwigkirchstraße
[2:50:11] oder zur Emser Straße und da kam mir ein Oberscharführer von der SD entgegen nahm mich beim Wickel und schleppte mich in einen Hauseingang und das war der der der Gruppenchef von der von der Wachmannschaft der noch unter Sturmführer Hahn stand sag ich
[2:50:32] »was is los ?« sagt er »du bist doch Frankenstein« »ja« »ein Glück dass ich dich erwischt habe hinter mir kommt Untersturmführer Hahn der hätte dich auf der Stelle erschossen ich weiß ja was damals gewesen ist« da hat der mich vor seinem Vorgesetzten
[2:50:51] gerettet und wir hatten eine lange Unterhaltung dort im Treppenhaus oder im im im im Eingang »ja jetzt ist es ja bald zu Ende und wer weiß was mit mir geschehen wird« »ja« sag ich »-s ist jetzt« und da war ich frech sehr frech »ja jetzt jetzt siehst
[2:51:13] Du ein was du angestellt hast aber damals da hast du uns gedroht« »na ja ich musste doch« sag ich »das sagen alle« und so haben wir uns unterhalten ne halbe Stunde lang ungefähr dann verabschiedeten wir uns und er sagte zu mir »na ich hoffe du kommst
[2:51:32] durch und wünsch dir alles Gute« und ich sagte da irgendwas ich weiß nicht »na ja mal sehn ob du durchh-« so auf diese Art und Weise ich wünschte es ihm nicht aber er war gar nicht der Schlimmste das war auch so eine Sache da kommt ein SS-Oberscharführer
[2:51:50] und rettet mein Leben vor seinem Vorgesetzten damit der mich nicht umlegt es sind die mei- so absurde Sachen geschehen dass man heute darüber nachdenkt war das so oder war das nicht so
[2:52:08] und als Ihnen da ach so ich wollte nicht unterbrechen
[2:52:14] ach nee
[2:52:16] als Ihnen damals äh ähm gesagt wurde »mehr arbeiten oder Auschwitz« da wussten Sie was Auschwitz bedeutet ?
[2:52:21] [unterbricht:] ja da wussten wir das war schon viern- das war schon ähm 42 da war Auschwitz eröffnet worden das war da schon in aller Munde bei bei dem Fachvolk also das heißt bei den Illegalen oder bei den Juden und bei der Gestapo Auschwitz wurde
[2:52:43] glaub ich eröffnet in er- Anfang 42
[2:52:46] und als Ihre Mutter depor-
[2:52:52] [unterbricht:] ja wir hatten ja auch die Nachrichten also wir wir über die Edith Berlow wussten wir über alles weil sie hatte eine Schwester die in einer sehr hohen Dienststelle als Sekretärin arbeitete und dann hatte sie eine andere Schwester das war die
[2:53:11] Frau von dem Schauspieler Hans Söhnker auch einer der geholfen hat von Hans Söhnker hab ich Schuhe bekommen von Hans Söhnker hat Lebensmittel und Geld gehab- Geld gegeben gab viele solche aber nicht genug
[2:53:30] ähm als Ihre Mutter deportiert worden ist ähm wann kam das Bewusstsein darüber dass sie was ihr geschieht
[2:53:44] d- das war uns bekannt deswegen b- b- raste ich ja durch die Stadt um sie zu finden um sie davor zu bewahren da war alles schon klar das war ja das war ja kann man sagen der letzte große Transport der von Berlin ging und der ging ja direkt nach Auschwitz
[2:54:04] da da war Auschwitz schon eine eine sehr bekannte Stelle
[2:54:10] mhm erinnern Sie sich noch wie das für Sie war als Sie dann wussten Sie werden Sie nicht finden an dem Tag
[2:54:17] [seufzt] e- e- es war es war f- na wie soll ich sa- es war furchtbar ich wusste was ihr geschehen wird und ich konnte ihr nicht helfen und das äh diese äh zu wissen was was passiert und und äh nicht helfen zu können das ist das ist eine sehr sehr große
[2:54:42] Belastung machen wir mal Pause ?
[2:54:55] mhm [Schnitt;
[2:54:57] Walter Frankenstein und Barbara Kurowska halten ein Fotoalbum; die Kamera filmt über ihre Schultern hinweg; in den folgenden ungefähr 45 Minuten werden zahlreiche Fotos gezeigt und erläutert] kann losgehen
[2:55:05] Sie können schon
[2:55:07] das ist der mein Großvater [räuspert sich] Urgroßvater das ist der Vater der Frau meines Großvaters Berkowicz weiter ?
[2:55:23] mhm
[2:55:25] das ist der alte Fein mein Großvater und seine Frau Hermine die die Tochter von dem Berkowicz ist links oben mein Vater Max Frankenstein im Ersten Weltkrieg zur Zeit des Ersten Weltkrieges rechts oben meine Mutter in den Zwanziger Jahren Martha Frankenstein
[2:56:07] geborene Fein und unten die drei Brüder Frankenstein Manfred links Mitte Walter und rechts Martin eine Seite aus dem Gebetbuch meines Urgroßvaters in dem er die Namen bei der Geburt jedes Kindes einschreibt interessant ist zu sehen dass dabei der Name
[2:56:39] des Mädchens nur in Deutsch die andern sind in Hebräisch Tele- das Fragment eines Telegramms meines Onkels an meinen Vater als zwei Söhne geboren wurden der Text lautet »gratuliere zur Geburt zweier strammer Jungen das Vaterland braucht ja Soldaten
[2:57:08] Selmar« geschickt aus dem Hauptquartier von Hindenburg 1914 von Mehlsack Flatow Flugbild von der Stadt dadrunter die Schule in die ich gegangen bin und ganz unten die Synagoge in Flatow
[2:57:33] gibts das Schulgebäude noch ?
[2:57:36] ja existiert noch
[2:57:38] wie viel Einwohner hatte Flatow eigentlich damals
[2:57:41] Flatow hatte zu meiner Zeit ungefähr 7000 Einwohner und hat heute an die 30000 [räuspert sich]
[2:57:48] mhm
[2:57:50] noch mal Bilder von meinem meiner Mutter links oben meinem Vater rechts oben mein Onkel Selmar Frankenstein Oberstabsarzt im Ersten Weltkrieg und Sanitätsrat später und Le- Arzt rechts unten Besuch von meiner Tante Hanna der Schwester meiner Mutter mit ihrem
[2:58:20] Sohn Werner [räuspert sich] späterem Professor und der Chef des Hanauer Krankenhauses
[2:58:32] das ist das Geschäft ?
[2:58:41] links oben unser Geschäft in Flatow ein Landhandel und Gastwirtschaft rechts oben Oma Fein die zweite Frau meines Großvaters nachdem die erste gestorben war hatten keine Kinder in der Mitte links mein Vater mit seinem Sohn Manfred im Ersten Weltkrieg also
[2:59:07] neunzehnhundertdrei- 14 15 auf dem Bahnhof in Flatow rechts Mitte meine Mutter vor dem Geschäft links unten der äh Oberstabsarzt Selmar Frankenstein im Unterstand in Ostpreußen 1914 rechts unten unser Haus noch mal zwei Jahre später oder drei Jahre später
[2:59:38] links oben meine Mutter Martha Frankenstein
[2:59:46] und rechts oben auch links unten Walter Frankenstein mit dem Hund Wasser rechts Walter Frankenstein drei Jahre alt
[2:59:59] zwei Jahre alt
[3:00:02] drei Jahre alt
[3:00:05] der Hund hieß Wasser ?
[3:00:07] der Hund hieß Wasser
[3:00:09] mhm
[3:00:12] oh mein erster Wagen das kann ich nicht lesen was da alles steht das sind jedenfalls alles Bilder von Walter Frankenstein aus seiner Kindheit außerdem links- dem Bild links unten das war die Konfirmation von meinem Bruder Martin rechts unten Walter mit
[3:00:29] seinem Kindheitsfreund (Hallwig) ne ?
[3:00:34] mhm
[3:00:36] reichts ?
[3:00:39] da [deutet mit dem Finger auf eine Fotografie] da würde mich noch interessieren das äh dieses Bild das sind Sie auch ?
[3:00:43] meine meine Militärzeit
[3:00:45] ja [lacht leise]
[3:00:47] [lacht leise]
[3:00:50] äh ich hab gern Soldat gespielt weil mein Onkel war ja Oberstabsarzt
[3:00:54] ja
[3:00:56] sonst war nichts Besonderes damit die hatt ich wahrscheinlich von ihm geschenkt bekommen diese Husarenuniform (_)
[3:01:01] können Sie vielleicht kurz noch ähm erklären weil die Bildunterschriften alle auf Schwedisch sind was der Grund dafür ist
[3:01:11] der Grund dafür dass ich die Bilder alle abfotografiert hab für meine Söhne und Enkel und jeder hat so ein Album bekommen und da hab ich natürlich die schwedische Sprache als Text gewählt sonst wär hätt ich das Deutsch beschriftet mein siebenter
[3:01:37] Geburtstag in Flatow 1931 äh im Hintergrund in der Mitte mit grauer Jacke das ist der alte (Bulker) unser Faktotum und äh dann sind da Kinder und äh mein Kindermädchen die Anna na wo steht se denn steht da da kann das nicht so sehen mit der Lupe
[3:02:12] das war also mein siebenter Geburtstag meine Freundin Ingeborg und mit dem Roller ja
[3:02:30] da mit dem Roller und
[3:02:32] Roller
[3:02:36] und mit Familie Abraham
[3:02:39] Familie Abraham das war meine Freundin die Ingeborg die da steht
[3:02:44] und das war eine Freundin aus der Schule oder woher kannten Sie sie
[3:02:47] nein eine private Freundin aber äh ja wir waren verlobt
[3:02:53] [lacht leise] wie lange waren Sie verlobt
[3:02:57] weil der Pater Vater wurde Postflieger und ich durfte mitfliegen
[3:03:01] [lacht]
[3:03:03] [lacht leise]
[3:03:05] das ist der erste Schultag der Brüder Frankenstein nich an einem sondern jeder für sich und jetzt wirds schwer das ist zu Hause ein Silvesterabend äh die Namen ja schwer das ist mein Bruder Martin auf der rechten Seite oben als äh kaufmännischer
[3:03:38] Lehrling in Bischofsburg bei meiner Tante und das Bild in der Mitte ist das Bild am äh Abreisetag meines Bruders Martin nach Palästina 1934 unten ist eine Schulkasse mein zweites Schuljahr glaub ich dritt- zweites oder drittes Schuljahr in der Flatower
[3:04:03] Schule
[3:04:07] ham die Kinder da die Kinder ham Sägen oder wa- können Sie sich vielleicht erinnern was ?
[3:04:16] als die Sieben Zwerge verkleidet
[3:04:18] ach so
[3:04:20] mh stimmt die ham auch Mützen auf
[3:04:23] ja
[3:04:25] oder so Kapuzen
[3:04:27] ja sicher
[3:04:30] re- links oben mein Bruder Manfred in Königsberg als Student äh rechts mein Bruder Manfred auf dem Bahnhof in Schneidemühl äh nach dem Arb- nach dem Abitur äh links unten in einer jüdischen Studentenvereinigung in Königsberg unter
[3:04:55] seiner Studienzeit und auch das rechte Bild ist aus Königsberg
[3:04:59] was hat der noch mal studiert ich glaub Sie habens schon gesagt (_)
[3:05:03] der wurde Zahnarzt
[3:05:06] Zahnarzt
[3:05:08] mhm
[3:05:11] (_) das ist bei uns zu Hause eine Kaffeerunde links oben rechts unten ist ein Neujahrs- ein Silvesterabend mit Freunden und das unten links ist äh das bin ich mit meiner Mutter und meinem Bruder Manfred und das hier unten ist auch ein Geburtstags- oder
[3:05:42] oder irgend sowas bei uns zu Haus da müsste man den Text haben das sind kann man nur sagen Bekannte und Freunde die bei uns äh verkehrt haben hier da steht -n Mädchen ja Anita Behr umgekommen in Auschwitz die meisten von denen sind äh umgekommen
[3:06:15] die Namen die die Namen gibt es auf einer Liste die äh zusammengestellt wird das ist mein Bruder Manfred und ein Freund Berthold Behr und ich am Petziner See in Flatow im Tiergarten vor dem Geschäft von der Familie Menasse in Flatow eine Gruppe Bekannter
[3:06:53] und Freunde rechts oben Anita Behr und mein Bruder Manfred vor der evangelischen Kirche in Flatow links unten meine Freundin die Tochter des Postfliegers auf einer Junkers einmotorigen Junkers mit der bin ich dann auch geflogen rechts unten beim Ski- beim
[3:07:18] Schlittenfahren mit meiner Freundin Ingeborg und
[3:07:23] da da sind Sie einmal einfach mitgeflogen oder wissen Sie
[3:07:25] ja ja
[3:07:27] können Sie erzählen wie das war war das ein besonderer Anlass oder Sie sind einfach so
[3:07:30] (_) einfach mitgenommen ohne (frima-) ohne Briefmarke das sind Ausflüge von Flatow in die Gegend mit Bekannten und ja das ist oben links das ist die Familie Neuweg die waren Getreidehändler und das war ihr Pferd und Wagen und das sind auch Bekannte
[3:08:04] der der Familie unten auf einem Ausflug das Bild rechts oben ist am Flatower Stadtsee an einer an einem Bootssteg Winter in Flatow am Bismarckturm mein Bruder und ich oder ? nein
[3:08:40] [deutet auf die Bildunterschrift] Manfred und Walter
[3:08:42] ja Weiteres dazu ist nicht zu sagen aha das hier ist links oben Manfred Martha Frankenstein (Vinzenz Kantor) und ich bei uns zu Hause aufm Hof
[3:09:07] und da bin ich schon zu groß geworden auf dem rechten Bild da ist nur noch der halbe Kopf mit drauf
[3:09:15] das is mit meiner Mutter zusammen
[3:09:18] und schon in Berlin also da steht
[3:09:20] bitte ?
[3:09:23] schon in Berlin 1939 in Berlin
[3:09:25] ja das ist schon in Berlin das hier unten ist meine Mutter mit meiner Tante Flora die dann später nach äh Theresienstadt deportiert wurde und dann weiter irgendwo in Polen umgekommen ist unten rechts meine Mutter
[3:09:44] oben links Arthur Katz am Petziner See
[3:09:55] der Sohn unseres Nachbarn und des jüdischen Fleischers in Flatow der auch illegal gelebt und überlebt hat ist 52 hat später beim RIAS gearbeitet und ist später in äh England gestorben 1952 oben rechts Bekannte unseres Hauses der erste war der auf
[3:10:23] dem Bild links unten ist also der Torsteher der Flatower Fußballmannschaft eine unten eine Skatrunde in unsrer Schankwirtschaft
[3:10:37] da steht Ilse Katz Isbert Jachmann und Walter Frankenstein
[3:10:52] ja bei einem Badeausflug hier steht dann wahrscheinlich beim Baumfällen
[3:11:00] James Reich und Arnold Julius
[3:11:03] James Reich und das ist die Kinder einer befreundeten Familie Hartmann die später nach Schweden ausgewandert sind und das ist der Pa- der Papa oben rechts links eine Bekannte von uns und in der Mitte auch Bekannte und rechts das ist der Gefängnis-
[3:11:31] - chef von Flatow Friske und das unten das sind alles Bekannte Kinder von Freunden da steht -n Name ?
[3:11:46] äh Gerda Wilzig
[3:11:48] Gerda Wilzig aus Krojanke das war die Nachbarstadt
[3:11:52] und der Gefängnischef wie lange war der Gefängnischef also auch zu
[3:11:59] so lange ich mich erinnern konnte
[3:12:01] [lacht leise]
[3:12:04] aber gesessen hab ich dort nicht
[3:12:06] [lacht]
[3:12:08] das ist Bilder vom jüdischen Friedhof in Flatow
[3:12:14] und die Bahnhofstraße
[3:12:16] und das ist die Bahnhofstraße die linke die äh sieht heute voll- noch fast genauso aus dann unten rech- links ist eine ja eine Jubiläumsfeier der Zimmerleute in Flatow ich glaube zum hundertjährigen das ist der das ist ein Zimmermann der Janek Manczewski
[3:12:43] hieß und er hatte Tuberkulose und mit dem hab ich Bier ausm selben Glas getrunken hab keine Angst vor dem gehabt äh das hier rechts ist der K- der Leichenwagen in der jüdische in Flatow
[3:12:58] gibt es den Friedhof noch in Flatow ?
[3:13:06] nein der ist 37 rasiert worden
[3:13:09] als Sie noch in Flatow gelebt haben
[3:13:13] da war ich nicht mehr in Flatow
[3:13:16] da warn Sie nicht mehr ja 36 sind Sie weg
[3:13:18] das ist die Synagoge in Flatow und dadrunter ist ein Bild von der Synagoge in Stockholm die genauso aussah wie die Synagoge in Flatow deswegen habe ich das Bild hier das Interieur ist genau das Gleiche wie in Flatow auch außen ist die der Bau ist genau derselbe
[3:13:35] nur dass hier ist -n Ziegel in Flatow und in Stockholm die ist verputzt sonst ist es genau derselbe gleiche Bau das sind zwei Bilder von Königsberg die mein Bruder fotografiert hat das sind die Schwiegereltern meines Bruders Manfred links im Bild
[3:14:08] äh in der Mitte ein kleiner Junge ein Verwandter (Ludwig Guth) und rechts die (Ruth) die Schwester von der die Schwägerin von meinem Bruder und unten rechts meine Mutter Martha Frankenstein das sind Bilder von Tangermünde wo die Schwiegereltern meines
[3:14:35] Bruders gewohnt haben da bin ich wieder mal mitm Schäfer
[3:14:44] das ist jetzt schon mein Bruder Martin in Israel und mein Bruder Manfred mit seiner Frau in Israel das muss 1939 38 39 gewesen sein
[3:15:02] und er war zuerst in Italien und ist dann
[3:15:06] ja
[3:15:08] nach Palästina
[3:15:10] das ist vor der Abrei- links oben vor der Abreise äh in Triest im Hafen vor der Abreise nach Palästina mein Bruder Manfred mit seiner Frau und zwei Freunden äh oben rechts mein Bruder Manfred dadrunter Martin und unten links mein Bruder Martin als Briefträger
[3:15:30] in Rischon LeZion in Palästina das hier sind Bilder von Palästina das zweite Bild auf der linken Seite von oben also der zweite in der zweiten Reihe war in einem Brief der in einem Postsack aufgefischt wurde im Mittelmeer das Flugzeug war abgestürzt
[3:15:59] und auf dem Kuvert stand drauf da es Wasserschäden hatte der Brief aufgefischt im Mittelmeer nach Absturz eines Flugzeugs Postflugzeuges das war das Bild und das ist im Kibbuz Givat Brenner in Israel äh Palästina damals wars noch Palästina das
[3:16:33] ist der von Bilder von Italien als mein Bruder dort zur Vorbereitung von Palästina war 1937 mein Bruder Manfred mit seiner Tochter Ester oben in der Mitte mit seiner Frau und Tochter und unten noch mal mit seiner Tochter
[3:17:02] das ist dann Ihre Nichte ne ?
[3:17:06] ja
[3:17:09] ja
[3:17:11] die vorm halben Jahr gestorben ist auch Bilder von ihr
[3:17:18] jetzt kommen die Bilder von der Familie meiner Frau links oben die Mutter meiner Frau Beate Kranz rechts Leonie mit einer Freundin der Mutter links unten Leonies erster Schultag und rechts unten
[3:17:41] Beate Kranz also die Mutter meiner Frau das ist äh oben Leonie mit einer Freundin der Mutter und unten ja
[3:18:08] und Gerda Wolf
[3:18:10] Gerda Wolf äh das obere Bild sind die Großeltern meiner Frau und die Geschwister ihres Vaters nur ihr Vater ist nicht auf dem Bild von dem existiert kein Foto unten links Beate Kranz also die Mutter meiner Frau und rechts ihre Mutter das ist einer
[3:18:50] der Brüder von Leonies Vater der in äh der ausgewandert ist nach Israel und äh vor ja zwanzig Jahren gestorben ist die Mutter meiner Frau mit äh Mädchen ich weiß nicht ob das eine Schule war oder irgendwas ähnliches dann dadrunter Leonie
[3:19:27] mit ihrem Stiefvater auf einem Ausflug ganz unten links ein Foto aus der illegalen Zeit mit Sohn Uri in Briesenhorst bei Landsberg an der Warthe und das Gleiche auf der rechten Seite das ist Leonie mit äh ihrem Stiefvater bei einem Ausflug ins Grüne
[3:20:01] außerhalb von Leipzig irgendwo und das ist bei der gleichen Gelegenheit Leonie mit ihrer Mutter
[3:20:18] das ist dann aber schon Ende der dreißiger Jahre ne
[3:20:23] ja das ist ist da ne Hakenkreuzfahne ?
[3:20:25] äh auf dem nächsten Bild hier
[3:20:29] ah ja
[3:20:32] das muss also schon 37 sein 37 38 das ist Leonie 19- hm 47 48 47 46 47
[3:21:05] schon in Palästina
[3:21:08] ja das ist auch von ihr zu gleichen Zeit ungefähr das ist noch mal ein Bild kleiner als das was wir gesehen haben vorher bei einem Ausflug ja
[3:21:33] Sommer 37
[3:21:36] ja
[3:21:38] so das ist der Walter Frankenstein 1951 das ist mein Bruder Martin Frankenstein mit seiner Frau und dadrunter auch seine Frau das ist also in Israel das ist die Hochzeit oben links die Hochzeit der Tochter meines Bruders und rechts noch mal
[3:22:23] ein Bild von der Tochter und dadrunter auch ah das ist der Sohn also der Enkelsohn meines Bruder Martins und dadrunter auch der zweite das sind die beiden Brüder die Enkelkinder von meinem Bruder Martin und unten das Bild von Martin äh 1980 glaub
[3:23:04] ich das ist die Familie des Onkels meiner Frau in Israel mit Kindern und Freunden ja Schluss wie geht das mit dem Fotografieren ?
[3:23:32] ganz gut ne ?
[3:23:35] klappt [öffnet ein weiteres Album]
[3:23:37] ah jetzt das ist Leonie 1947 stimmt das ?
[3:23:48] hier steht 46 47
[3:23:51] 46 47 ja sind noch mal Bilder aus derselben Zeit und das hier ist das ist schon also Ende 47 da bin ich schon angekommen das sind unsre Kinder Michae- Michael und Uri Uri und Michael und Leonie unten oben Michael und unten ist das Uri
[3:24:38] ham Sie ähm Uri eher Uri oder eher Peter genannt denn er hatte ja beide Namen
[3:24:46] na Uri Uri er ist also eingeschrieben als Uri weil Juden durften damals nur biblische Namen da gabs eine Liste und äh die die schon andre Namen hatten bekamen die dann den Zusatznamen Israel oder Sara und die die dann geboren wurden bekamen konnte man einen
[3:25:06] Namen aus dieser Liste von biblischen Namen aussuchen das sind alles Bilder der Kinder in Israel oder Palästina eigentlich 19- 1947 ja
[3:25:37] 49 ungefähr und da ist auch noch ein kleiner schwarzer Hund
[3:25:40] aha
[3:25:42] mit drauf
[3:25:45] das war Bobby eins
[3:25:47] mhm es gab also offensichtlich
[3:25:49] da gabs mehrere Bobbys
[3:25:51] gab noch zwei das ist im Krieg 48 49 der Befreiungskrieg nachdem äh Israel selbständiger Staat geworden ist da bin ich in einem Jeep hier bin ich auf dem Weg nach Jerusalem an einer Wasserleitung durstig und da bin ich sitz glaub ich als Dritter von rechts
[3:26:14] auf einem Panzerwagen die die Engländer nannten die Bren Carrier das waren Infanteriepanzer die wir dann von den Ägyptern erobert hatten das war hier nach den nach den äh äh Streit bei der Polizeistat- -station Irak-Siudan da ist unter anderem auch
[3:26:41] Nasser der spätere Präsident Ägyptens den haben wir da gefangen genommen unten noch mal die Polizeistation das ist wieder auf Urlaub da auch ja das ist glaub ich das Filmmate- ausm Buch ne ?
[3:27:09] is das im Buch ?
[3:27:13] oder das hier [deutet auf eine Fotografie] ist das nich auch im Buch ?
[3:27:17] das vorne drauf ist ?
[3:27:20] ja ja
[3:27:22] nee
[3:27:25] nein nein nicht das vorne im Buch drin
[3:27:27] kann sein
[3:27:29] kann sein das ist schon im Kindergarten Micha und Uri vor dem Tages- wie man das nennt Tagesstätte oder
[3:27:40] mhm
[3:27:42] das hier ist das Bild vom äh Buchumschlag
[3:27:51] mh das ist in Tel Aviv wissen Sie noch wo das Foto
[3:27:55] das ist in Tel Aviv auf der Allenby
[3:27:57] auf der Allenby
[3:27:59] 1949 das war kurz nachdem ich vom Militärdienst befreit wurde na befreit Reservist
[3:28:07] das ist ne Straße oder ?
[3:28:09] ja Allenby Road
[3:28:11] ah ja
[3:28:13] das ist gleich an der Kreuzung zu Rothschild das sieht irgendwie wie Rothschild aus ein bisschen
[3:28:16] so ähnlich ja ist da oben ist äh äh in der Nähe vom (__) da spielen die Kinder bei uns auf der Wiese ach die Bilder brauchen wir gar nicht mehr das sind äh so Momentaufnahmen aus aus dem täglichen Leben kann vielleicht noch etwas kommen was äh interessant
[3:28:43] ist aber glaube nicht das ist Leonie mit einem Kind einer Freundin ausem Kibbuz der neben uns äh eine Zeit lang wohnte die waren evakuiert worden weil sie zu nah an der Grenze gelegen hatten und da kamen die zu uns das alles Kinder ausem Kibbuz
[3:29:12] da ist nichts mehr was noch interessant sein könnte glaub ich nich
[3:29:21] eine Sache kommt noch die wir gestern beim Durchgucken hatten und zwar die Geschichte mit Sabinchen die kommt doch auch noch irgendwo jetzt ne ?
[3:29:33] ah hier muss se sein ne Sabinchen das sind Schulbilder von den Kindern wenn die nich schon war was ist das ? aha das ist auch irgend ne Gruppe in der Schule oder ja ja das sind Schulbilder von den Kindern auch nicht Sabinchen nein aber da ist
[3:30:09] Mucki und Schnucki nein das sind Bilder also
[3:30:13] wer sind Mucki und Schnucki ?
[3:30:16] das waren Kaninchen die wir hatten
[3:30:19] so
[3:30:21] so
[3:30:23] da unten links
[3:30:26] ja hier sind Kaninchen und Hunde und
[3:30:28] ja ja
[3:30:30] ein Esel ist auch mit dabei
[3:30:33] ganzer Zoo und da ist Sabinchen ja soll ich die Geschichte erzählen ?
[3:30:39] ja
[3:30:41] ha ha
[3:30:44] oder wollen wir sie gleich erzählen erst die Fotos zu Ende gucken ?
[3:30:46] erst die Fotos zu Ende gucken
[3:30:48] okay dürfen wir nicht vergessen
[3:30:51] das heißt Sie hatten immer sehr viel Tiere
[3:30:53] da Bobby zwei ist das
[3:30:55] [deutet auf ein Bild] hier ist noch ein weißer
[3:30:58] das sind Bekannte Amerikaner
[3:31:02] ham Sie in Schweden dann auch noch Tiere gehabt ?
[3:31:05] einen Schäfer
[3:31:07] ah ja
[3:31:09] das war Bobby drei das sind äh Bekannte Freunde das Bild ist auch im Buch glaub ich das am Badestrand ja nichts Besonderes da hinzuzufügen das ist bei Arbeiten am Toten Meer das ist noch mal der Onkel Max mit seiner Familie ist nichts mehr Interessantes
[3:31:50] das ist eine Cousine von Leonie die in Belgien lebte das ist noch mal die Ester die die meine Nichte die Tochter von Manfred und mein Freund Alfredo ausm Auerbach Hochzeitsbild ja noch Bekannte und Kinder von Bekannten auch Freunde Brunner
[3:32:42] auch nichts Besonderes
[3:32:52] das ist schon 56 auf dem Weg von Israel nach Schweden und das hier ist Theo Kranz der uns so viel geholfen hier sitzt er auch am und schreibt ne
[3:33:11] wo hat er damals gewohnt ?
[3:33:14] in Übach-Palenberg eine Kleinstadt an der holländischen Grenze zwanzig Kilometer nördlich von Aachen Dortmund und dann über (_) erst hat er in Dortmund gewohnt
[3:33:39] und auf dem Weg nach Schweden sind Sie dann
[3:33:45] ja
[3:33:47] zu ihm gefahren
[3:33:50] das sind Freunde das ist ein Bild von meiner Tante Hanna also die Schwester meiner Mutter und das ist ihr Sohn Werner Schmidt und das ist seine Frau und das ist die Tochter Ulla die Tochter Ulla ist äh verheiratet gewesen mit Siegfried Unseld dem Chef
[3:34:28] des Suhrkamp Verlages und sie hat nach seinem Tod hat sie den Suhrkamp Verlag übernommen ist also die jetzige Chefin vom Suhrkamp Verlag
[3:34:38] und in welchem das ist die das ist die [deutet auf das Bild]
[3:34:45] das ist die Mutter das ist die Tochter die Ulla
[3:34:49] und das ist die Mutter von nee das ist die Schwester von von
[3:34:54] die Frau von Werner Schmidt und das ist die Tochter von Werner Schmidt
[3:34:57] ja
[3:34:59] und das ist die Großmutter von der Ulla
[3:35:02] und wie stehen jetzt noch mal die Schmidts zu Ihnen ?
[3:35:04] sie ist also der Werner ist mein Cousin
[3:35:08] ah ja okay jetzt hab ichs
[3:35:11] die die Tante Hanna war die Schwester meiner Mutter
[3:35:14] mhm ja
[3:35:16] der Werner ist der Sohn und die Ulla ist die Tochter vom Sohn
[3:35:18] ja
[3:35:21] was ist das da unten ? ach da sind wir bei einem Ausflug wohl in der Nähe von von Gießen das ist die Ulla als Kind mit ihrem Brüderchen und das ist das Brüderchen das ist da sind wir bei zu Besuch in Hanau beim Werner und bei der Tante Hanna
[3:35:55] und da ist auch noch der Bruder mit der Erich der war Zahnarzt und der ist sehr früh gestorben und das ist bei das sind alles Bilder im Garten bei ihnen im Haus ja das ist die Ulla mit ihrem Brüderchen und das ist der Werner beim da ist er auf Urlaub
[3:36:26] und das ist die Ulla da ist sie schon -n bisschen älter da will Sie schon Schauspielerin werden und das ist der das ist die Tante Hanna als alte Frau und das ist ihr Mann der Herr Schmidt also der Schwiegervater nein der Vater von Werner Schmidt
[3:36:56] und der Großvater von Ulla so jetzt hab ichs richtig
[3:37:02] und was hat er gemacht
[3:37:05] bitte ?
[3:37:07] was was war er von Beruf oder was hat er gemacht ?
[3:37:09] der hatte eine Zigarrenfabrik in Gießen ja das ist der Erich der Bruder von Werner und das ist wieder die Ulla Schluss Schluss
[3:37:36] wir nehmen noch die Großen dazu ja ?
[3:37:40] mhm
[3:37:43] das sind ja nich so viele
[3:37:45] [nimmt weitere Fotografien]
[3:37:47] kann denn das was werden ?
[3:37:50] ja
[3:37:52] es ist schon was
[3:37:54] aha [nimmt die Fotografien] so oder ?
[3:37:59] [nimmt die Fotografien] ja können wir dann reicht (_) an
[3:38:04] das ist bei der Präsentation unsres Buches voriges Jahr am fünften Juli in Berlin im Suhrkamp Haus da ist noch einmal ein ähnliches Bild das ist also Walter und Leonie Frankenstein das ist nach einer kurzen Rede die ich gehalten habe auch
[3:38:44] an der bei derselben Gelegenheit auch noch mal d- so das ist in Stockholm das ist der Walter Frankenstein der Uri Frankenstein und die und die Leonie Frankenstein ja
[3:39:16] ist das bei Ihnen zu Hause ?
[3:39:19] ja
[3:39:21] mhm
[3:39:23] das ist noch mal (ich kann nicht erkennen) ist der Micha oder Uri
[3:39:35] ich glaube das ist der Michael nee das ist Uri
[3:39:40] das ist der Uri ja das ist Leonie Frankenstein beim äh bei der nach der Präsentation unseres Buches da äh signiert sie einige Bücher das ist der Walter und die Leonie das wars
[3:40:21] gut dann machen wir ne kurze Pause [Schnitt;
[3:40:27] Walter Frankenstein allein vor der Kamera] wir hatten unten als wir gerade in der Pause waren noch gesagt oder Sie hatten gesagt dass Sie über den Anhalter Bahnhof noch was sagen wollten
[3:40:40] ja nur ganz kurz
[3:40:42] weil wir da in der Nähe sind gerade
[3:40:45] ja äh am Anhalter Bahnhof passierte Folgendes meine Schwiegermutter und ihr Mann die kamen nach Berlin die w- wohnten ja in Leipzig und sagten ein Verwandter aus äh einer kleinen Stadt bei bei Leipzig der äh an der Front war in Russland der ist zu
[3:41:10] Besuch zu H- zu Hause und der kommt durch Berlin er fä- er kommt am Anhalter Bahnhof und er möchte uns gerne treffen äh diesen Mann trafen wir es war der Schwager von Theo Kranz also der Mann von Theos Schwester und äh wir trafen ihn er war in Feldjägeruniform
[3:41:35] also diese grüne Uniform die für Juden bedeutete sie in Polen und Russland der Tod äh der kam und wir setzten uns in den Wartesaal am Anhalter Bahnhof und dieser Leichtsinn von uns dass wir hatten uns den Stern abgemacht um ihn zu treffen und saßen da
[3:41:57] und da kam eine Militärp- kon- Militärpolizeikontrolle und äh da dachten wir »na ja jetzt ist es passiert« aber als sie an unsern Tisch kamen da stand er auf und sagte »für diese Leute steh ich gut« und da gingen die dann weiter hätte er nicht die
[3:42:19] Uniform angehabt wärn wir reingerasselt und Leichtsinn war es ja er hätte ja genauso gut zu uns kommen können oder oder wir hätten ihn woanders treffen können ausgerechnet am Anhalter Bahnhof er war auf der Durchreise zur Front zurück zur Front nach
[3:42:37] Russland und die Feldgendarmerie war berüchtigt für Judenmorde und und und ähnliches ähm was er gemacht hat weiß ich nicht ich möchts auch nicht wissen bei seiner Frau hat Leonie und Uri äh zwei Wochen gewohnt in der illegalen Zeit und er war darüber
[3:42:59] sehr erbost dass die seine Frau das zugelassen hat aber er hat nichts unternommen das wars
[3:43:09] mhm dann machen wir jetzt chronologisch sozusagen noch mal weiter Sie sind ähm befreit worden Sie waren in diesem Bunker am Kottbusser Tor
[3:43:20] ja sind dann äh in die übergesiedelt in die Markthalle am Kottbusser Tor da war die Komman- die die Befehlsstelle des äh höchsten Offiziers von äh von diesem Frontabschnitt und das war ein Jude und äh da er schrieb für uns einen Ausweis dass man
[3:43:53] uns helfen sollte und äh und uns in Ruhe lassen sollte und dann tranken wir darauf einen Prost oder skål auf schwedisch oder leChajim auf Hebräisch und äh nachdem ich aber seit fünf Tagen nichts mehr gegessen hatte und dort mit dem ein Glas Wodka leeren
[3:44:19] musste so war ich nach zehn Minuten nach der Befreiung total blau und äh aber das ging dann v- ich bekam zu Essen und dann am nächsten Tag sagte der Kommandant dass äh die Front ist noch nicht so gestärkt dass die Deutschen nicht zurückkommen können
[3:44:43] und er riet uns nach Landsberg an die Warthe zu gehen dort wäre ein internationales Lager für alle die f- auch irgendwohin wollten und warum wir nicht nach Russland wollen das Paradies aber wir äh lehnten dankend ab und w- w- entschuldigten uns damit dass
[3:45:07] ich doch zwei Brüder in Palästina hätte und ich doch zu meinen Brüdern wollte wir gingen am nächsten Tag wir bekamen -n bisschen Trockenproviant von von von den Russen und äh zogen und Brot und zogen dann los der Micha im Wagen der Uri auf einem Sitz
[3:45:28] den ich g- getischlert hatte auf dem auf dem Wagen drauf und so zogen wir querfeldein nach Landsberg an der Warthe es waren ja nur 140 Kilometer und wir kamen am gegen Abend an einen Ort da stand ein Zug ein Güterzug und da waren zwei jüdische Offiziere
[3:45:50] die von meiner Frau und von mir verlangten dass wir Jiddisch reden und das konnten wir ja nich die deutschen Juden konnte im Allgemeinen kein Jiddisch und als mein Frau es versuchte da sagte der Eine »reden Sie Deutsch mit mir das verstehen wir besser als
[3:46:07] Ihr Jiddisch« also sprach meine Frau Deutsch und da sagte sagte er uns »setzt euch in den Waggon und morgen seid ihr morgen früh seid ihr in Landsberg an der Warthe« und wir setzten uns in den Waggon und die machten die Türen so dreiviertel zu die gingen
[3:46:26] so einzuhaken dass da ein Luftschlitz war und äh wir waren natürlich hundemüde und schliefen ein u- wir merkten nur dass der der Wagen rollte und am nächsten Morgen als wir die Tür aufmachten stand der Zug genau auf derselben Stelle da wo wir eingestiegen
[3:46:44] waren die hatten die ganze Nacht nur den Zug umrangiert
[3:46:48] mh
[3:46:50] also gingen wir die letzten siebzig Kilometer nach äh Landsberg an der Warthe am am zweiten Tag und wir kamen d- am Abend an wir hatten also querfeldein mit Kinderwagen siebzig Kilometer per Tag zurückgelegt und äh kamen dann an und natürlich war dort
[3:47:08] nichts wir bekamen von der Kommandantur eine äh ehemalige Naziwohnung angewiesen
[3:47:14] und nach vier Tagen fünf Tagen hatten wir genug und dann ging ich zur Kommandantur und da sagten sie »ja zurück nach Berlin« ja da wars schon der vierte Mai da hatte kapi-
[3:47:29] Berlin gerade kapituliert an dem Tag und da setzten die uns auf einen Militärtransport (___) nahmen einige Soldaten runter und Kinderwagen und wir drauf und so gings zurück nach Berlin am vierten Abend waren wieder in Berlin und da warn ja noch die Kämpfe
[3:47:52] um die Reichskanzlei d- Berlin kapitulierte äh Deutschland kapitulierte ja erst am achten Mai das war immer noch was dort Berlin hatte kapituliert am vierten da waren keine Kämpfe mehr so war des und da war Sperrstunde und da durfte man nicht auf der Straße
[3:48:09] sein also wir bekamen irgendwo noch Unterkunft in irgendeinem Haus und am nächsten Tag da gingen wir in Neukölln da bildeten sich schon Zellen kommunistische Zellen die die Verwaltung übernommen hatten und da gingen wir zu einer Zelle und die wiesen uns
[3:48:28] eine Wohnung in der Emser Straße sechs an in Neukölln und da zogen wir ein und leichtsinnig wie ich war nahm ich eine so Blockwartsuniformjacke übern Arm mit der Hakenkreuzbinde und ne Pistole lag da auch und ging damit zu der äh Sammelstelle da um um
[3:48:53] das abzugeben wenn mich -n Russe da erwischt hätte auf der Straße der hätte mich gleich umgelegt ich wurde das los und dann wohnten wir in der Emser Straße ich arbeitete dann ehrenamtlich in einer Freizeitcenter für Kinder in Neukölln als Sportlehrer
[3:49:17] und das ging so vier sechs acht Wochen und äh wir hatten aber die ganze Zeit die Absicht nach Palästina zu gehen
[3:49:29] und erst im am 15ten November 45 bekamen wir die Möglichkeit Leonie und die Kinder auf äh auf äh also offiziellem Weg nach Palästina zu
[3:49:49] schicken die bekamen also von den Engländern ein Zertifikat dass sie einwandern durften und dann schickten wir sie per Zug mit d- Hilfe des Joint und und Milit- amerikanischen Militärbehörde nach Paris und ich sollte vier Wochen später nachkommen
[3:50:14] illegal und aus diesen vier Wochen wurden eindreiviertel Jahre weil ich wurde involviert in die illegale Organisation äh äh da war beteiligt die jüdische Brigade die im Mili- englischen Militär diente und die dann nach Deutschland gekommen war und viel
[3:50:39] organisierte dann war andere Organisationen von Isr- von Palästina waren auch geschickt und mich zogen sie da mit hinein ich sollte nach Greifenberg am 15ten Dezember also vier Wochen nachdem Leonie gefahren war schickte man mich nach Greifenberg das ist
[3:51:01] ein Dorf in der Nähe von Landsberg am Lech und dort war ein Sammellager für DPs also für Displaced Persons also äh Leute die ausm KZ gekommen waren Leute die aus Russland geflüchtet waren Ungarn Rumänien sammelte man dort zusammen um sie illegal weiter
[3:51:25] nach Palästina zu schicken und das war die sogenannte Alija Bet die zweite Ali- äh Einwanderungswelle und von Greifenberg aus wo ich die die Jungs ausgebildet hatte in Selbstverteidigung schickte man mich auch Gruppen über die Grenze zu bringen nach Frankreich
[3:51:49] und äh nachdem ich äh äh ganz energisch sagte »jetzt will ich aber zu meiner Familie«
[3:51:56] dann schickte man mich weiter mit einem Transport nach La Ciotat ein kleiner äh Hafen in der Nähe von Marseille dort angekommen schickte man mich am nächsten
[3:52:12] Tag schon wieder weiter in den Hafen von Marseille um Schiffe für die illegale Einwanderung vorzubereiten ich dachte ich würde bald fahren ich würde mit dem ersten Schiff mitge- mitkommen aber das ging leider nicht man behielt mich dort für ein und noch
[3:52:33] eins und noch eins und ich saß da im Hafen und hatte keine keine Kontakte zur Außenwelt die einzigen Kontakte die ich hab das waren die die äh von Is- von Palästina also die von den jüdischen Organisationen geschickten Kontaktleute die mich mit dem versorgten
[3:52:51] was ich brauchte und äh und dann wurde das Schiff äh auf dem ich war auf dem ich zuletzt war wurde beschlagnahmt weil die Engländer die Matrosen waren griechische Matrosen die schon einen Teil ihres Lohnes für die Überfahrt bekommen hatten und wollten
[3:53:12] also die Überfahrt nicht wagen und die verpfiffen der den Engländern dass auf dem Schiff Waffen waren und diese Waffen das waren zwei Pistolen und ein bissel Sprengstoff das hatte ich dann sicherheitshalber in einem Fass mit äh Milch- und Eierpulver versteckt
[3:53:34] die Engl- äh die Franzosen habens nie gefunden für die Franzosen war die illega- der illegale Transport von Juden gar kein Problem aber Waffen da machten sie Zurückzieher und wegen dieser zwei äh Pistolen wurde das Schiff beschlagnahmt und da brach ich
[3:53:56] aus von dort also ich kannte ja die Polizisten im Hafen schon ich hatte sie versorgt mit Zigaretten und so weiter ich konnte rein und raus gehen und dann fuhr ich nach La Ciotat und sagte »mit dem Schiff das heute Abend geht fahr ich mit« und das war die
[3:54:15] San Dimitrio die spätere Latrun und dieses Schiff war ein alter Passagierdampfer 1885 in Schweden gebaut ein Küstendampfer für 75 Passagiere und auf diesem Boot waren 1248 Personen und äh ich hatte das schon vorher in Marseille im Hafen gehabt es waren
[3:54:43] Kojen für jeden ungefähr sechzig Zentimeter breit 45 hoch und ein Meter sechzig tief und da wurden se so reingestoppt wie Sardinen mitm nur mitm Kopf raus zum Gang äh dieses Schiff war äh die Maschine wurde beheizt mit Kohlen die Kohlen waren also
[3:55:10] der Ballast in dem Schiff und wir fuhren aus dem Hafen von La Ciotat raus ich hatte die Verantwortung auf dem Schiff für Essen und Trinken und äh das Trinken war ein dreiviertel Liter Wasser per Tag per Person und das Essen das waren getrocknete äh ve-
[3:55:33] vertrocknete Schiffszwieback die man so über Bord halten mus- Reling halten musste so ins Wasser damit sie -n bisschen weicher werden zum Essen und das übrige Essen das war argentinisches Büchsenfleisch das auch salzig war und das war das Wasser das Trinkwasser
[3:55:50] auch etwas es war nicht reines Trinkwasser man hatte vergessen die Ballasttanks zu durchspülen bevor man sie gefüllt hat mit frischem Wasser und auf bei der Ausfahrt es war Sturm da äh äh ging das Schiff auf äh auf den äh Wellenbrecher heißt das wohl
[3:56:12] ja der an der Kante von der P- von der Ausfahrt war und bekam ein großes Loch in der Seite das konnten wir abdecken mit äh Segeltüchern und als wir rauskamen aufs Meer da schaukelte es ordentl- ordentlich und das Schiff hatte keine richtige Balance das
[3:56:33] war der Ballast war zu leicht die Kojen waren zu hoch angelegt so dass man dreißig Menschen abkommandierte die das Schiff immer balancieren mussten neigte es sich nach links dann sprangen die nach rechts und vice versa wir bekamen st- größere Schlagseite
[3:56:53] und als es am Schlimmsten war da war die Schlagseite ungefähr vierzig Grad das waren ungefähr zwei Grad vorm Kentern so fuhren wir und kamen in die Straße von Sardinien also zwischen Sardinien und Korsika und da hatten wir die die Besatzung waren ehemalige
[3:57:12] Rotspanier die da auch nicht mehr mitmachen wollten und die wollten gerne absteigen und da wurden sie mit Waffengewalt gezwungen weiter zu fahren und so ging diese ganze Reise bis wir nach äh Italien kamen also die Straße von äh wie heißt die Straße
[3:57:34] da südlich von zwischen Italien und
[3:57:36] Sizilien
[3:57:39] Sizilien die Straße heißt anders
[3:57:42] nee nee Sizilien Messina
[3:57:45] und also dort kamen die ersten englischen Kriegsfahrzeuge in die Nähe als wir Italien passiert hatten und da kamen auch die ersten Anrufe woher wir kommen und wir hatten die Pan- die Panamaflagge gehisst und ob sie uns helfen könnten wir haben so große
[3:58:06] Schlagseite nein brauchten sie nicht wo- wohin wir auf dem Weg wären nach ähm Libanon und was wir für Last hätten äh ich weiß äh äh Tische und Stühle irgend- und irgend sowas und das glaubten sie uns natürlich nicht und bald hatten wir Begleitung
[3:58:26] von einem äh Flugzeug zwei U-Booten und vier Korvetten und die hielten die Fahrt mit uns also Sturm wars immer noch alle waren seekrank außer mir und äh Essen war da nicht viel dran zu denken aber ich rauchte die Zeit 140 Zigaretten am Tag aber ich
[3:58:58] schlief sieben Tage nicht d- d- das war unmöglich ich musste die Leute versorgen ich hatte hatte d- d- musste helfen die die die Matrosen mit an Bord zu halten und äh die Verantwortung 1248 Menschen dann kamen wir bis äh auf die Höhe von Zypern und
[3:59:26] da wurden die Engländer schon aggressiver konnten uns aber nichts tun weil wir waren noch auf internationalen Gewässern die kamen erst und stürmten das Boot als wir in die palästinensischen Hoheitsgewässer kamen und da hatten wir schon die Israelflagge
[3:59:43] gehisst und hatten ihnen schon gesagt dass wir gehen wir setzen das Boot aufn Strand und das wollten die natürlich verhindern und dann versuchten sie uns zu entern und die ersten schmissen wir zurück ins Wasser aber dann kam Tränengas und so weiter also
[4:00:05] das waren Schlägereien an Bord waren auch einige Verletzte und dann hatten die Engländer das Schiff gerammt und dann übernahmen sie das Schiff und stützten es mit einem äh Schlepper von der einen Seite und einem Kreuzer von der andern Seite und so schleppten
[4:00:24] sie uns nach Haifa innen Hafen und in Haifa im Hafen wurden wir überführt auf englische Transportschiffe die uns nach Zypern bringen sollten ins Internierungslager und als wir noch bei dem Übergang von unserm in auf das englische Schiff warn da sagte
[4:00:48] jemand da rief jemand nach Walter Frankenstein und da sagten die Israelis also die von Palmach und Hagana die an Bord waren »versteck dich Walter die Engländer sind hinter dir her« und ich versteckte mich und das war ein Fehler denn der die jüdische Gemeinschaft
[4:01:09] in Palästina hatte beim Gericht eine Klage eingereicht gegen die Engländer und das gibt ein Gesetz den Habeas Corpus nach diesem Gesetz darf man niemanden länger in Haft haben als 48 Stunden ohne ihn anzuklagen und ich war ja schon in Haft der Engländer
[4:01:32] mehr als 48 Stunden hätt ich mich gemeldet wär ich wahrscheinlich von Bord gekommen das hätte bedeutet eine Gerichtsverhandlung und eventuell das ganze Schiff wäre frei gekommen und ich wäre auf jeden Fall nich zurück aufs Schiff gekommen ich wär zu
[4:01:49] meiner Familie gekommen also das war ein Irrtum
[4:01:51] wir gingen wir fuhren über nach Famagusta Famagusta war ein äh war kein Tiefhafen sondern die Schiffe konnten nicht rein wir wurden über- -führt auf Landungsboote und das waren natürlich wieder Schlägereien
[4:02:09] und und geweigert von Bord zu gehen und dann fuhr man wieder raus aufs Meer und dann fuhr man wieder zurück und also schließlich kamen wir ins Internierungslager auf Zypern in der Nähe von Famagusta
[4:02:26] von La Ciotat nach Famagusta insgesamt wie lang ähm
[4:02:32] zwölf Tage oder so was
[4:02:34] zwölf Tage
[4:02:36] weiß nich mehr genau es war also auf jeden Fall eine längere Periode die nicht sehr angenehm war gelinde gesagt und dann war ich im Internierungslager dort und da hatten wir eine Gruppe die wir zusammenhielten und äh da machte ich den Koch ich baute einen
[4:02:58] Ofen Backofen und einen Ofen zum Kochen wir bekamen das Rohmaterial von den Engländern wir kochten unser Essen schel- selbst und äh dann war eine Demonstration als die Latrun die Leute von der Latrun nach Palästina sollten da sollten aber nur das halbe
[4:03:21] Schiff gehen können weil die Engländer ließen ja nur 650 Personen per Monat zu nach Palästina zu kommen und da wir 1248 Mann waren hat das ja nicht gereicht da war ne große Demonstration es gab drei Tote auf unsrer Seite die Engländer den Engländern
[4:03:45] brannten die Zelte runter und es ging da ziemlich hoch her es gibt Bilder davon wo sindn die ? na ja spielt keine Rolle und in dieser Zeit ich wollte natürlich zu meiner Familie und da bekam ich also nachdem wir in Haifa an Land gegangen sind und auf
[4:04:11] das nächste Schiff da wusste meine Frau wo ich bin ich durfte ja vorher mit ihr überhaupt keinen Kontakt haben und dann waren wir in Kontakt die ganze Zeit
[4:04:21] und nach fünf Monaten im Mai oder Juni wurde ich dann überführt nach Atlit ein andres Inter-
[4:04:33] äh Internierungslager aber in Palästina und dort war ich ein oder zwei Monate und dann kam ich noch in ein zweites oder drittes Internierungslager Kirjat Shmuel und im August 47 kam ich dann zu meiner Familie und da ich ja schon in der Hagana organisiert
[4:05:01] war durch meine Arbeit in Frankreich und in Deutschland so war ich ja auch gleich mit dabei wenn irgendwo was passierte man klopfte an die Tür in der Nacht und »komm« da war da war man schon wieder aufm Weg das war noch zur Zeit der Engländer dann kam
[4:05:26] der die Ausrufung des jüdischen Staates und äh zwei na ja keine zwei Stunden später war ich schon aufm Weg nach zur Südfront weil ich war ja schon gemustert ich war in der Hagana d- d- war also in der militärischen Organisation und äh an für sich
[4:05:54] hätte ichs noch nicht gebraucht weil es waren noch genug Junggesellen die noch nicht eingezogen waren aber man war Idealist [zuckt mit den Schultern] zu der Zeit ich war auf dem Weg nachm Süden und kam in das Camp Bilu das Bilu ist ein Militärcamp südlich
[4:06:15] von Rehovot und äh und dort landete ich in der Brigade äh Givati das war damals eine Eliteneinheit und das war die die Brigade die den Süden Israels gegen die Ägypter verteidigte und gleichzeitig auch noch den Weg nach Jerusalem offen hielt so weit
[4:06:44] es ging äh da war das alles schon mitten im Krieg da hatten die warn die Ägypter schon eingedrungen bis nach äh Aschdod und hatten schon also den ganzen Gazastreifen okkupiert und auf dem Weg nach Tel Aviv und da war wurden wir eingesetzt um die Ägypter
[4:07:10] zu stoppen als Soldat war ich von 48 einmal verletzt äh von 48 bis Oktober 49 dann wurd ich Reservist und Reservist heißt dass man auch hier kommen kann an die Tür klopfen und einen mitnehmen weil äh das die israelische [gestikuliert] das israelische
[4:07:40] Militär war so aufgestellt dass es eine Kerneinheit gab und dann gabs nur noch die Reservisten die ja die Majorität waren und sowie an den Grenzen irgendwo was war dann äh wurden also die Reservisten mit eingesetzt der erste Stopp war die war das reguläre
[4:07:57] Militär aber dann kamen die Reservisten um die Front zu halten und als äh ich arbeitete dann als Maurer und Fliesenleger konnte aber keine eigenen Arbeiten annehmen weil ich nicht wusste ob ich die Arbeiten zu Ende führen kann innerhalb einer gewissen Zeitgrenze
[4:08:17] weil äh ich wusste ja nicht wann man mich holt und das war ziemlich oft
[4:08:24] das war 49 fünfzig da arbeitete ich dann als Maurer und Fliesenleger im Kibbuz Ma'ajan Zwi aber nicht als Mitglied sondern als äh also Außenarbeiter und äh
[4:08:45] die Sprache ?
[4:08:48] Sprache Ivrit
[4:08:52] ja konnten Sie
[4:08:54] nicht vorher ganz wenig
[4:08:56] mhm
[4:08:59] die hab ich dort dann gelernt im Militär auch äh 51 traf ich einen Ingenieur der in ein deutsch- ehemaliger deutscher Jude der in Amerika studiert hatte und hatte sich für Bewässerungssysteme besonders interessiert und da gibt es ein kalifornisches Bewässerungssystem
[4:09:24] dass man Areale einteilt in Flächen mit kleinen Erdhügeln ringsherum und dann durch eine Wasserleitung von einem großen Becken wo man Regenwasser im Winter gesammelt hat das Wasser dorthin leitet und die diese Flächen teilweise unter Wasser setzt und dann
[4:09:45] pflanzt und dann bewässert also nach Gebrauch und das nennt sich das kalifornische Bewässerungssystem und das machte ich mit ihm zusammen er machte die Pläne und ich führte die Arbeiten aus und die erste Arbeit war in Ma'ajan Zwi dann kam (Magan Michael)
[4:10:05] dann kam Kfar Ruppin im Emek Beit She'an also im (Beisan) -Tal in der Nähe vom Jordan also am Jordan und so ging es dann weiter noch einige Kibbuzim also die Arbeiten waren schwer es wurden Betonrohre verlegt 16-Zoll Betonrohre die wieg- die wogen 160 Kilo
[4:10:26] solche Kräne und so was äh das hatte man damals noch nicht das das machte man alles (ver) Hand und man stand dann in der Sonne noch in einem tiefen Graben und äh das war ziemlich anstrengend dann die letzte Arbeit die ich machte 56 war am Toten Meer da
[4:10:49] legte ich Bewässerungsleitungen für die die z- zum Durchspülen der Sand- der Salzbecken also da hatte man Areale die setzte man unter Wasser am Toten Meer das Wasser dunstete ab und übrig blieben die Chemikalien und äh die verschiedenen Salze die dann
[4:11:10] dort gewonnen wurde und dann musste man die Becken durchspülen und äh da wurde ich mehr oder weniger krank also wenn man zwanzig Liter Wasser an einem Arbeitstag trinkt und Salztabletten ununterbrochen essen muss da machen die Nieren nicht mehr mit nach
[4:11:29] einer Zeit es war ja so dass äh da unten erst mal liegt es äh 400 Meter unter dem Meeresspiegel schon der Luftdruck ist höher dann kommt die Hitze dazu und dann steht man auch noch im Salzwasser und und in tiefen Gräben äh Werkzeuge Metallwerkzeuge die
[4:11:50] man aus der Hand lag die konnte man nicht wieder in die Hand nehmen so heiß waren die
[4:11:55] und da sag- da schrieb ich meinem Freund in Schweden sag ich »jetzt möchte ich nach Schweden kommen« und dann sind wir 56 bekamen wir ein Besuchsvisum weil in Schweden
[4:12:08] sagte man »ja wenn Sie eine Anstellung haben dann können wir Ihnen ein Arbeits- -visum geben« und wenn man zu den Firmen mein Freund Rolf der ging ja zu den verschiedenen Firmen »ja wenn Sie ein Arbeitsvisum haben dann können wir Sie anstellen« und so
[4:12:25] ging der flog der Ball hin und her bis es mir über wurde wir ur- wir fuhren dann mit einem Besuchsvisum über Deutschland nach Schweden und ich äh ließ die Familie bei meinem beim Theo Kranz dem dem Stiefvater meiner Frau in Dortmund und fuhr vor nach
[4:12:47] Schweden um Arbeitsvisum und äh Wohnung zu schaffen und das war Wohnung in Stockholm war damals ein enormes Problem es waren Wartezeiten bis zu zehn Jahren um eine Wohnung zu bekommen und das Glück war dass mein Freund schon lange in der Schlange nach einer
[4:13:07] Wohnung gestanden hatte und hatte eine Wohnung bekommen die er aber nicht ausnutzte und diese Wohnung bekamen wir und die Arbeitserlaubnis bekam ich nachdem ich bei der äh Maurergewerkschaft war innerhalb von drei Tagen und auf zwar folgende Weise der Ombudsmann
[4:13:31] das ist ja auch ein deutsches Wort also der äh bei dem ich war zu dem fuhr ich mit einem Freund von meinem Freund Rolf der der war äh der konnte Russisch der war in Russland im Krieg und die beiden sprachen Russisch miteinander und ich guckte nur dumm in
[4:13:51] die Gegend und dann sagte der (Åke Richter) »ja Walter du kannst mit mir auch Deutsch reden« und dann sprachen wir deutsch und dann stellte sich heraus dieser Mann war Freiwilliger im Spanischen Bürgerkrieg und konnte unendlich viel Sprachen er sprach
[4:14:16] Deutsch Russisch alle skandinavischen Sprachen äh Französisch Italienisch Englisch Spanisch Chinesisch und Russisch das war so ein Sprachgenie und dieser (Åke Richter) der verschaffte mir bei der Innenministerin war damals eine Frau innerhalb von drei
[4:14:39] Tagen die Arbeitserlaubnis weil sie war eine Parteigenossin von ihm und äh er sprach sie auf die richtige Art und Weise an und dann kam die Arbeitserlaubnis und dann fing ich an als Fliesenleger zu arbeiten in Schweden und meine erste Arbeit die war die
[4:15:02] U-Bahnstation Slussen die blauen und hell- und dunkelblauen Kacheln die dort an der Wand hängen da den größten Teil hab ich dort gesetzt und dann konnt ich meine Familie nachkommen lassen dann bekamen wir die Wohnung die Wohnung wurde frei die hatte er
[4:15:23] vermietet äh bis zum 15ten November und dann kam die Familie nach und so lange wohnte ich bei meinem Freund Rolf und dann hab ich als Fliesenleger und Maurer äh gearbeitet bis 64
[4:15:44] da hielt mein Rücken nicht mehr aus und da sagte da hatten wir eine
[4:15:49] Ärztin eine Frau Doktor (Heidi Rohr) die ihre Praxis am Sergels Torg hatte die sagte »Walter jetzt ist Schluss jetzt gehst du und setzt dich noch mal auf die Schulbank« und dann sie und mein Freund Rolf zwangen mich dazu mich noch mal auf die Schulbank
[4:16:13] zu setzen und dann macht ichs Abitur nach und dann machte ich äh eine Ausbildung für Hoch- und Tiefbauingenieur fertig und da gabs noch keine Arbeiten und dann sagten die »ja dann in einem halben Jahr kannst du noch machen den Straßen- und Brückenbauingenieur«
[4:16:33] und dann hab ich das auch noch gemacht und dann war ging ich zu der Frau Doktor (Rohr) und sagte »ja es gibt immer noch keine Arbeit ich will wieder anfangen als Fliesenleger« da sagte die »das kommt überhaupt nicht in Frage« nahm den Telefonhörer und
[4:16:50] ich saß ihr gegenüber am Schreibtisch da in ihrer Praxis und da hörte ich sie sagen auf Schwedisch natürlich »ich schicke Ihnen morgen einen Mann mit guten Zeugnissen und den stellen Sie bitte an« dann war Pause und dann sprach der von der andern Seite
[4:17:08] antw- »es gibt keine Widerrede der Mann kommt morgen zu Ihnen und Sie stellen ihn an« und dann sagte Sie zu mir »morgen gehst du dort und dort hin« und dann sagte ich »mit wem hast du gesprochen« sagte »das war der Personalchef der größten Konsultfirma
[4:17:26] in der 1200 Ingenieure angestellt waren mit dem Personalchef ich bin dort der Firmenarzt und wenn ich was sage wirds gemacht« die Dame war sehr energisch für andere nicht für sich selbst und dann kam ich am nächsten Tag dahin und da sagte er »ja es gibt
[4:17:52] eine einzige Stelle wo wir dich noch hinschicken können und das ist die Abteilung die mit der Kernkraft arbeitet« sag ich »das spielt mir doch keine Rolle« und dann kam ich da hin und dann gabs so das war eine Firma die vom äh also der Besitz war
[4:18:12] die Firma war im Besitz des Personals die das die Personal waren die Firma- - eigen- -eigentümer und da kam ich zu dem Gruppenchef der die Gruppe die mit der Kernkraft arbeitete und äh wir sprachen und ich zeigte ihm meine Zeugnisse und wir »ja morgen kannst
[4:18:36] du anfangen« sag ich »ich hab noch eine Arbeit zu Ende zu führen aber in zehn Tagen« und dann st- fing ich dort an zu arbeiten und als Konstrukteur und Statiker und das waren dann die schwedischen Schernkraftw- Kernkraftwerke die ich da mit aufgebaut hab
[4:18:55] und die finnischen die von Westeuropa gebaut werden durften denn damals durften die Finnen nur die Hälfte von West und mussten die Hälfte von Ost nehmen und in den finnischen Kernkraftwerken da hab ich dann auch als Kontrollant gearbeitet später es war
[4:19:13] eine eine gute Zusammenarbeit weil jeder war dran interessiert dem andern zu helfen man arbeitete im Team und es war ziemlich anstrengend er- Jahren erstens war sie neu für mich und zweitens war es auch so dass man unter Druck stand die Zeiten waren sehr
[4:19:34] begrenzt alles fertig zu kriegen und da war kein Problem wenn einer mit einer Arbeit nicht klar kam oder nicht fertig wurde dass die andern einsprangen und halfen eine angenehme Firma eine gute Arbeit interessante Arbeit und da hab ich dann gearbeitet bis
[4:19:54] ich sechzig wurde
[4:19:56] und da kam mein Gruppenchef und sagte »Walter wir ham die Möglichkeit wenn du jetzt in Pension gehen willst verlierst du ökonomisch überhaupt nichts« und da nahm ich meine Jacke und sagte »ich gehe sofort« »nein« sagte er »erst
[4:20:13] mal die Arbeit fertig machen« [lächelt] also ich war sofort bereit und mein Ärztin die (Heidi Rohr) die sagte »um Gottes Willen wenn du jetzt in Pension gehst was wirst du machen du wirst vollkommen versauern du wirst zu Hause sitzen« sag ich »aber (Heidi)
[4:20:29] ich hab so viel noch zu tun« und dann legte ich ihr einen Plan vor was ich alles machen will und dann sagte sie »na okay mach es« dieser Plan existiert heute noch aber ich hab noch nicht angefangen weil ich hab keine Zeit gehabt ich hab so viel anderes
[4:20:50] zu tun gehabt und das das liegt alles brach das vielleicht in zwanzig Jahren dass so meine Enkel da vielleicht mal eingreifen werden ich pensionierte mich dann hatte keine ökonomischen Verluste im Gegenteil und dann konnten wir reisen wann wir wollten
[4:21:13] Leonie ging zur zur gleichen Zeit in Pension und wir konnten reisen wir konnten machen was wir wollten und das war ja wunderbar denn wir hatten so lange wir verheiratet waren wir uns kannten eigentlich viel zu wenig Zeit für uns selbst es war immer wieder
[4:21:33] ein der Kampf eine neue Existenz aufzubauen das war erst in Deutschland nach dem Krieg wo ich ein bisschen versuchte dann an der die der lange Aufenthalt durch Internierung und so weiter dann kam d- der Existenzaufbau in in Israel und dann der Existenzaufbau
[4:21:54] in Schweden wir ham ja immer wieder neu anfangen müssen und jetzt hatten wir endlich Zeit für uns und jetzt konnten wir auch [seufzt] die Nächte durch reden miteinander schlaf- schlafen konnten wir ja wann wir wollten wir brauchten ja nicht morgens früh
[4:22:12] um sechs aufzustehen und wir haben 68 Jahre lang miteinander diskutiert und wir waren immer noch nicht fertig wir hatten nie äh wie heißt das äh es fehlte uns nie der Gesprächsstoff der war immer da und wir sprachen viel miteinander so dass die
[4:22:44] Pensionierung war an für sich nach der Pensionierung war die beste Zeit unsres Lebens
[4:22:50] das ist dann Mitte der achtziger Jahre gewesen wenn Sie sagen mit sechzig
[4:22:57] [überlegt] 24 84 84 ging ich in Pension
[4:23:05] mhm
[4:23:07] und wo hatte Ihre Frau gearbeitet ?
[4:23:13] die ging in Stockholm auf eine Schule für Kontoristen und arbeitete dann in als Sekretärin in einer Zweigstelle einer japanischen Kugellagerfirma in Stockholm und äh dann als ich ging da da ging sie auch weil wir wollten zusammen unsre Freizeit genießen
[4:23:31] das war das dann ha- hatten wir unsre Kinder die heirateten und dann hatten wir Enkel und äh Urenkel die jetzt acht und zwölf Jahre alt sind zwei Mädchen an Beschäftigung hat es uns nie gefehlt aber äh das was wir so genossen das war wir konnten reden
[4:23:55] lesen Musik hören reisen und das das da- war also für ein- eine neue eine neue Epoche die da anfing
[4:24:07] und die äh erst zu Ende ging äh am 19ten Mai dieses Jahres und darum ist die Zeit jetzt äh schwer und nur dadurch dass ich hierher kommen kann und nicht
[4:24:25] denken muss und zu Hause sitze äh ist es erträglich in in Stockholm weiß ich nicht was was passiert wäre die Abende die Nächte die waren eine eine Plage wenn man dann sitzt und denkt was man hätte machen können zusammen und nicht gemacht hat und alles
[4:24:48] das [zuckt mit den Schultern] das ist schwer und dann is hab ich das Glück gehabt dass ich verwandt bin mit der Ulla Unseld und die sagte »Walter du kommst zu uns und hier hast du Abwechslung und Freunde und hast was zu tun und hast noch etwas auszurichten«
[4:25:14] und sie baut ja jetzt aus um eine Villa an der Rehwiese und da hab ich meine Zweizimmerwohnung dann und dann kann ich pendeln mal Stockholm wenn mir in Stockholm die Decke aufn Kopf fällt dann fahr ich hierher und wenns mir hier zu viel wird dann fahr ich
[4:25:37] nach Stockholm und das ist an für sich eine phantastische Lösung die sie gefunden hat d- äh die mir es viel leichter macht die Situation zu ertragen und nächste Woche Ende nächster Woche da fahr ich meine ehemalige Ä- Hausärztin besuchen die ist
[4:26:04] in einer Reha-Klinik in der Nähe von Freiburg die hatte einen kleinen Schlaganfall und äh dann in zwei Wochen drei Wochen da fahr ich nach Darmstadt und da besuche ich eine ehe- ehemalige Erzieherin das Fräulein Löwenstern die 97 ist und mein- unsere Hausärztin
[4:26:24] ist 94 und dann fahr ich zurück 22ten September fahr ich zurück nach Stockholm hab einiges zu erledigen und dann im Oktober komm ich schon wieder her so das wird jetzt so lang es einigermaßen geht ein abwechslungsreiches Leben werden und ich hoffe es
[4:26:47] geht gut ich hab ja hier so wahnsinnig viel gute Freunde gefunden Freunde richtige Freunde und das ist die jüngere Generation [lächelt] das ist also Ihre Generation also zwischen zwischen dreißig und sechzig und äh die sich um mich kümmern und und ich
[4:27:11] hab ich hab kaum Zeit für mich selbst und das ist gut ich brauch nicht nachzudenken abends fall ich todmüde ins Bett und morgens früh raus und das geht wunderbar mal sehen wies jetzt sein wird wenn ich zurückkomm nach Stockholm ich hab dort ne ganze Menge
[4:27:25] zu erledigen und äh und das kann mir helfen dass ich kurzfristig auch dort einigermaßen zur Ruhe komme
[4:27:34] Ihre Söhne leben jetzt auch in Stockholm noch immer
[4:27:38] der eine ist in Stockholm und der erledigt alle meine Papiersachen also was Rechnungen zu bezahlen und und diese ganzen Sachen ja Miete und der andere wohnt auf der Insel Öland und das ist 450 Kilometer entfernt er kommt auch so oft er kann und da ist kein
[4:28:01] Problem das Problem liegt in mir und da [deutet nach rechts] äh ich hoffe es wird wieder einigermaßen gehen das wars
[4:28:18] darf ich noch eine Frage ?
[4:28:21] so viel Sie wollen
[4:28:23] und zwar die Entscheidung damals nach Palästina zu gehen wann haben Sie die getroffen ?
[4:28:28] das war unsere äh wir waren beide Idealisten wir waren beide Zionisten Leonie und ich also das war unser Traum dahin kommen zu können das war nicht nur zu meinen Brüdern zu kommen sondern das war der Traum nach Palästina zu gehen und den wollten wir verwirklichen
[4:28:49] und äh ja wir hams getan so lange wir es konnten und ich mein ich hab dann meine Pflicht gegenüber Israel hab ich ja getan ich war aktiv in der illegalen Einwanderung ich war aktiv in der Organisation ich war aktiv in im Militär ich war aktiv in der Hagana
[4:29:10] ich war aktiv in der Reserve ich hab im Jordantal gearbeitet ich hab am Toten Meer gearbeitet mehr kann man von einem nicht verlangen ich hab meine einen großen Teil meiner Gesundheit in äh Israel gelassen
[4:29:28] sind Sie später noch mal zurück nach Israel ? ähm
[4:29:33] wir waren zu Besuch dort einige Male aber Israel hat sich so verändert das war nicht mehr unser Israel das ist so Israel ist heute ein Klein-Amerika diese äh Zusammenhaltung des Volkes ist nicht mehr da dazu bräuchten sie vielleicht einen neuen Krieg
[4:29:57] oder irgendwas äh äh den ich s- nicht wünsche aber äh man ist viel mehr materialistisch geworden man denkt viel weniger an seine Nachbarn als an das Geld und das ist nicht unsre Melodie dann war ein Treffen der ehemaligen Auerbacher Zöglinge war 95
[4:30:22] glaub ich und da sagte Leonie die an für sich immer gesagt hatte »Israel ist doch mein Land« und dann sagte sie 95 als wir da waren »es ist nicht mehr mein Land«
[4:30:35] mhm
[4:30:37] es hat sich so geändert dass wir uns dort nicht mehr zu Hause fühlten aber natürlich ist der der wie will ich sagen ? der Traum von einem Israel so wie wirs uns wünschen der ist ja immer noch da aber der ist weit weit weit weit weg
[4:31:00] Ihre Frau wollte Israel eigentlich ursprünglich nicht verlassen war das nicht so dass die Initiative um nach Schweden zu gehen von Ihnen kam
[4:31:09] nein ich sagte ich stellte sie damals 56 vor die Alternative entweder du verlierst deine drei Männer und behältst Israel oder du kommst nach Schweden und behältst deine drei Männer und das war also zu 99 Prozent Sicherheit so dass ich glaube nicht dass
[4:31:28] wir drei äh also meine Söhne und ich dass wir überlebt hätten ich ganz bestimmt nicht weil äh gesundheitlich wäre ich schon zugrunde gegangen wenn nicht dann militärisch
[4:31:44] ich hab äh im Kibbuz Greifenberg das Vorbereitungslager gehabt hab ich
[4:31:54] eine Nacht gesessen und mit Ben Gurion diskutiert aber damals war er noch nicht Ministerpräsident er war Parteiführer der Mapai da kam er nach Europa um für seine Partei zu werben und da saßen wir und haben eine Nacht lang diskutiert auf Jiddisch ich hab
[4:32:12] Jiddisch gelernt um nicht ausgelacht zu werden ich konnte kein Wort und dann kam ich da nach Greifenberg und dann ah »der kann kein Jiddisch« dann hab ichs ihnen gezeigt ich hab alle Dialekte gelernt so dass als wir einmal in einem jüdisch-rumänischen
[4:32:30] Restaurant in Hadera in der Stadt in der wir lebten waren und da fragte die Wirtin woher ich komme sag ich »aus Deutschland« da sagte sie zu mir [schüttelt den Kopf] »ihr seid keine Deutschen ihr seid a rumänischer Jid« so hatte ich die verschiedenen
[4:32:48] Dialekte gelernt mir machte es Spaß mir gefiel die Sprache und äh da ging es ziemlich einfach nur das Warschauer Jiddisch das wollt ich nie lernen habs auch nie gelernt das ist furchtbar da sind äh polnische Worte verdreht vereinfacht oder oder auseinander
[4:33:14] genommen und wieder schief zusammengesetzt ein furchtbares Jiddisch das interessanteste und schönste Jiddisch das kommt von den baltischen Staaten von Litauen das litauische Jiddisch ist die ganzen jiddisch- die Schriftsteller die Jiddisch geschrieben haben
[4:33:33] haben alles in dem litvischen Jiddisch geschrieben und die zu lesen ist ist ein Vergnügen noch welche Fragen
[4:33:45] ja also ich wollte noch einmal ein bisschen fragen wie das war in Greifenberg Sie haben da vermutlich sehr viele unterschiedliche Leute kennengelernt auch Überlebende aus den ehemaligen Vernichtungs- oder Konzentrationslagern können Sie da vielleicht irgendwie
[4:33:59] über etwas über interessante Begegnungen erzählen oder wie das dann war
[4:34:04] da kam ein Gruppe kam und das waren Bilder hab ich nicht hier ich hab so viel Bilder zu Hause äh die waren bei den russischen Partisanen unter diesen war ein 15-Jähriger also dann in Greifenberg war er 15 er war 14 als er die höchsten russischen Auszeichnungen
[4:34:26] bekommen hat er bekam Stalin-Orden und weiß ich was noch alles für seine Tätigkeit als Partisan den traf ich dann in Greifenberg ich hab Bilder von all den Jungs aber die die sind die liegen in Stockholm ich hab noch zehn Fotoalben in Stockholm das hier
[4:34:49] sind ja nur zwei und das im im im Jüdischen Museum ist das dritte die anderen liegen alle noch zu Hause ich muss sie mitbringen
[4:34:58] haben diese Menschen denn viel erzählt was sie durchgemacht haben während der Verfolgung
[4:35:03] es wurde es wurde nicht so viel erzählt [schüttelt den Kopf] weil die meisten die dort in Greifenberg waren haben ja ungefähr das Gleiche erlebt der eine im KZ der andre bei den Partisanen der dritte illegal man brauchte einander nicht zu v- nicht zu erzählen
[4:35:21] um einander zu verstehen das war die da kamen das waren Überlebende aus einem aus einer Hölle und wie die Hölle aussah das spielte ja im Prinzip keine Rolle wars das KZ oder wars das Ghetto oder wars der Partisan alle kamen aus einer Hölle und äh der
[4:35:46] Zusammenhalt der war ja großartig denn wir gingen se- dann zusammen nach Frankreich zusammen nach Zypern und dann wurden wir auch zusammen befreit nachdem wir mit den Engländern uns geschlagen hatten
[4:36:03] Sie haben in der Pause auch erwähnt dass sie Polnisch gelernt haben und Russisch also jetzt nicht nur Jiddisch sondern dass Sie sehr viele Sprachen gelernt haben in dieser Zeit
[4:36:16] ja die die die die schlechten Wörter ja [lächelt] meine Mutter konnte Polnisch weil wir hatten viele Flatow lag ja an der 17 Kilometer von der polnischen Grenze auf deutschem Gebiet und wir hatten ja sehr viel Kunden die aus Polen rüberkamen dann kamen
[4:36:35] die polnischen Bauern mit ihren Produkten die sie aufm Wochenmarkt in in Flatow verkauften und äh Butter und Eier und und und äh Käse und alles so was und dann kauften sie ja für das Geld was sie verdient hatten kauften sie ja ein und nahmens wieder rüber
[4:36:52] nach Polen so dass äh wir bei uns und unser Kindermädchen die war ja die Anna die war ja kam ja aus einer polnischen Familie und wenn wenn ich bei denen zu Hause war die Eltern sprachen ja Polnisch miteinander und dann [gestikuliert] hab ich einige Worte
[4:37:12] aufgeschnappt inzwischen vergessen ich konnte etwas ich konnte mich etwas verständigen heute geht das nicht mehr ich würd es ich glaub ich würd es schnell wieder lernen wenn ich mit dem Andreas ne längere Zeit zusammen bin [lachend:] dann werd ich wieder
[4:37:30] Polnisch können er spricht gut Polnisch und er forscht jetzt in in äh den Gebieten aus denen ich herkomme und meine meine äh ganze Familie Verwandtschaft äh da kommen viele Sachen zutage die von denen ich keine Ahnung hatte ich bekam zum Beispiel das
[4:37:56] äh wie heißt das ? Trauzeugnis meiner Eltern und als äh Trauzeugen waren angegeben mein Onkel Selmar der der Oberstabsarzt und der Onkel Benno der Kantor und Rabbiner und Lehrer von Mutters Seite das wusst ich ja nicht ich wusste nie wer die Trauzeugen
[4:38:19] meiner Eltern gewesen waren hatte auch nie keine Idee gehabt danach zu fragen dieser Onkel Benno ich kam am 27sten Juli das ist auch interessant am 27sten Juli 1936 nach Berlin und ich kam am 27sten Juli 1956 nach Stockholm genau auf den Tag zwanzig Jahre
[4:38:44] später und dieser Onkel Benno der kaufte mir Billetts zur da war die Olympiade die begann am ersten August 36 da kaufte er mir Billetts zu den Leichtathletikkämpfen weil er weiß wusste ich war ein Sportnarr da besuchte er mich er kam von Tilsit oder von
[4:39:04] Lyck wo er da war damals und besuchte mich in Berlin und dann kaufte er mir die Billets und dann war ich zu den Leichtathletikkämpfen in der äh auf der Olympiade 36
[4:39:15] Sie waren letztes Jahr ist das richtig zum ersten Mal wieder in Flatow ?
[4:39:24] voriges Jahr ja
[4:39:26] mhm
[4:39:30] seit 1937 und da wars 1998 ja aber nur wir kamen an dort an einem Nachmittag und fuhren am nächsten Vormittag wieder zurück das war der Klaus äh der uns dahin gefahren hat
[4:39:46] und haben Sie irgendwas noch erkennen können steht das Haus in dem das Geschäft Ihrer Mutter war ?
[4:39:52] ich hab vieles wieder erkannt aber unser Haus war die die Fassade die war schön neu geputzt und bemalt und ich dachte na hier steht noch das ganze Haus und dann guckte ich dahinter da war nichts war alles kaputt die hatten an dem an dem wir wohnten am Hauptmarkt
[4:40:10] das war ein großer Platz inmitten war die evangelische Kirche und an diesem Platz waren zum größten Teil nur die Fassaden vorhanden dahinter war nichts
[4:40:24] und da hab ich mal nein nein jetzt erzähl ich nicht mehr [lächelt]
[4:40:31] das würden wir trotzdem gerne hören was wollten Sie denn sagen ? [lacht]
[4:40:36] wir hatten doch -n Landhandel ein Geschäft wos alles gab es gab auch Feuerwerks- -körper also Raketen und Knallfrösche und alles und es war in einem großen Karton und es war Silvester und Silvester blasen ein Posaunenchor vom Kirchturm der evangelischen
[4:40:58] Kirche das Neue Jahr ein und ich hatte mir den Karton geschnappt mit den Feuerwerkskörpern und stellte den auf das Fensterbrett auf das auf das Blumen auf den Blumenkasten im Fenster oben über dem Geschäft und wartete dass die anfangen zu blasen und dann
[4:41:18] zündete ich einen Knallfrosch an ich bekam den aber nicht ausm K- es war dämlich nicht ganz freiwillig ich bekam den nicht ausm Karton
[4:41:25] [lacht leise]
[4:41:28] [lacht leise]
[4:41:30] irgendwie hatte der sich da verwurstelt mit andern und dann fing das da an zu knallen und Raketen flogen auf die Straße ins Zimmer unters Dach überall hin in allen Richtungen weil die waren ja nicht festgemacht oder was das war die Explosion das Ding
[4:41:44] alles wat in dem Karton war
[4:41:46] alles was in dem Karton war explodierte und sogar der Posaunenchor schwieg
[4:41:49] [lacht leise]
[4:41:53] [lacht leise]
[4:41:55] so ein Krach war das das war Silvester 19- i32 muss das gewesen sein das war eine meiner kleinen Heldentaten ach Gott es gab so viele [lächelt] aber ein Sache war die ich heute noch an mir selbst schätze ich habe niemand geschadet also weder physisch
[4:42:21] noch noch sonst wie ich bin auch nicht gegangen und hab äh Straßenlaternen die die die Birnen zerschmissen oder was das wäre mir nie eingefallen aber ne Ratte in nen Karton st- stecken den jemand mitnimmt das ja das is ja seine eigene Schuld
[4:42:39] wie hat Ihre Mutter immer reagiert war sie wütend oder hat sie einfach gelacht wenn Sie so was gemacht haben ?
[4:42:46] meine Mutter war eine phantastische Pädagogin ich war ungefähr fünf sechs Jahre alt da sagte ich zu meiner Mutter »Muttl ich möchte ne Zigarette rauchen« »jawohl mein Sohn« holte ne Zigarette steckte sie mir in den Mund zündete sie mir an ich machte
[4:43:11] »aber du musst tief einatmen« »ja« machte zwei drei Züge und dann wurde mir übel und dann war Schluss mitm Rauchen -n halbes Jahr später oder -n Jahr später »Muttl ich möchte -n Glas Wein trinken« »ja mein Sohn« holte mir einen Wein ein großes
[4:43:31] Glas und füllte es sagte »trink nur du bist doch bestimmt durstig du kannst ruhig das Glas austrinken« ich trank das Glas Wein und dann wurde mir übel und dann ließ ichs viele Jahre sein sie machte das auf ihre Art und äh ich wurde ja nie geschlagen
[4:43:52] das war zu der Zeit war das doch einmal wurde ich geschlagen aber vom von meinem Musiklehrer das ist wieder ne andre Geschichte äh von meiner Mutter bekam ich nie Schläge und sie gab mir einen Satz mit fürs Leben sie wusste ich hatte meinen Glauben verloren
[4:44:14] und sie war eine fromme Frau es tat ihr vielleicht weh aber sie versuchte mich nicht von irgendetwas zu überzeugen woran ich nicht glauben konnte und da sagte sie »ich wünsche mir dass du in deinem Leben immer so handelst dass ich mich deiner nie hätte
[4:44:38] schämen brauchen und das reicht mir« ich hab versucht mich daran zu halten äh kein Mensch ist unfehlbar aber ich habs versucht und danach leb ich das ist meine Lebensrichtung
[4:44:54] wir sprachen v- nein ich sprach [lächelnd:] vom Musiklehrer (Schneider) klein
[4:45:03] genauso dick wie groß in meiner Klasse war ein jüdisches Kind (Heinz Bukowzer) später auf der Flucht von Auschwitz erschossen worden äh der war son richtiger kleiner jüdischer Junge also was man so unter kleiner jüdischen Jungen sich denken kann sehr
[4:45:26] ängstlich und dadurch dass er so ängstlich war war er dann der der Prügelknabe der Klasse und ich musste ihn verteidigen also er saß immer neben mir in der Bank vor allem hatte er Angst der Vater war Glasermeister in Flatow und äh wir mussten vor den
[4:45:46] Zeugnissen mussten wir vorsingen es gab nämlich ein Zeugnis Gesang und da mussten wir vorsingen und ich brachte ihm in der Pause eine ganz miese Parodie auf den Jäger aus Kurpfalz bei aber ich hatte nicht daran gedacht dass er das da vorführen würde und
[4:46:09] der Junge war so verängstigt dass er als aufgerufen von Herrn (Schneider) stand er auf da musste man so neben die Bank treten und sang diese Parodie vom Jäger aus Kurpfalz daraufhin unterbrach ihn der Lehrer nahm seinen Rohrstock den er immer im Ärmel
[4:46:31] hatte raus und ging schnurstracks auf mich zu und ich bekam die Dresche
[4:46:37] [lacht]
[4:46:39] und ich ich hab mich nur gewundert warum ich also widersprochen gewehrt hab ich mich nicht weil ich hatt sie ja verdient aber dann später kam ich doch drauf der wusste genau woher das kam die kannten mich besser vielleicht [lächelnd:] als ich mich selbst
[4:46:59] kannte ich weiß nicht das war die das war die Parodie mit dem (Heinz Bukowzer) und der Dresche mitm Rohrstock das war einmal wo ich wo ich geschlagen wurde habs verdient habs ertragen aber von meiner Mutter nie auch von meinen Brüdern nie
[4:47:18] m- mein großer
[4:47:20] Bruder hat mir nur Zähne gezogen der studierte das erste Semester in Königsberg und kam in den Ferien nach Hause und ich hatte ein oder zwei Milchzähne die -n bisschen lose saßen da sagte er »du Walter wenn ich dir -n Zahn ziehen darf dann kriegste
[4:47:41] ne Mark« oh ne Mark viel Geld gut »geh mal ins ins Esszimmer im Büffet da ist so ne Zuckerzange die sich zusammenzieht wenn man oben zieht« is so ne Klaue die dann zusammengeht ich holte die Zange und er zog mir den Zahn der lose war die Mark ? »hier
[4:48:07] haste ne Mark« »noch einen ?« »kann ich machen« sagt er »noch ne Mark ?« »ja kannste kriegen« dann zog er mir noch -n Zahn und dann waren die losen waren alle und nach dem vierten Zahn kam meine Mutter in die Küche »Manfred was hast du mit dem Walterchen
[4:48:32] gemacht ? wie sieht denn der ? was hast du gemacht ? der blutet ja« (_) »Muttl ich hab dafür Geld gekriegt«
[4:48:42] [lacht leise]
[4:48:48] [lacht leise]
[4:48:50] »das war freiwillig«
[4:48:53] solche Sachen hatt ich noch mehr ich hatt so viele so gute Idole ich konnte schon mit vier Jahren ne Axt hantieren da hat sich keiner drum gekümmert ob ich mir eventuell ins Bein hauen kann das das ging alles äh ich war scheinbar
[4:49:09] war ich geschickt und ich konnte alles hatte mein Hunde um mich rum meine Katze und ne Schaukel ich hatte ne Schaukel in der Durchfahrt unterm Speicher da hing ne Schaukel und an der Schaukelstange war unten ein Korb angebunden und sowie meine alte Katze mich
[4:49:26] sah zur Schaukel gehen so war sie da und war schon im Korb drinne die wollte immer mit mir geschaukelt werden da hatt ich den alten (Bulker) unser Faktotum der mich die Pferde füttern ließ und mit dem bin ich fischen gegangen und da äh bin ich einmal
[4:49:48] ins Wasser gefallen da hat hatte ein Hecht angebissen ein ziemlich großer an meiner Angel wir saßen auf som äh Bootssteg am Wasser und äh der zog mich ins Wasser der Hecht runter von der Brücke ich war fünf sechs aber ich ließ ja die Angel nicht los
[4:50:08] und da sah ich schon grün vorn Augen also war schon halb weg aber die Angel hielt ich fest und d- äh sah mich der alte (Bulker) un dann äh hopste er ins Wasser und zog mich raus ich hielt immer noch die Angel und dann na ja dann kam ich zu Bewusstsein
[4:50:27] und dann gingen wir nach Hause der alte (Bulker) der Walter und der Hecht das scheinbar ist das diese Nichtloslassen dieses Festhalten den Willen durchsetzen hat uns vielleicht geholfen durch die Zeit zu kommen weiß nicht denn überall wie gesagt wie
[4:50:57] gerade ne ne ne Freundin ne gute Bekannte ne Freundin die beste Freundin von der Ulla sagte »du musst immer das letzte Wort haben« und dann hab ich noch geantwortet »warum nicht« also ich hatte das letzt Wort [lächelt] ich weiß nicht das ist das ist
[4:51:17] von mir ganz unbewusst ich hab gar nicht die Absicht aber jetzt haben Sie das letzte Wort
[4:51:23] das werden wir sehen ob das das letzte Wort sein wird
[4:51:27] [lacht]
[4:51:30] aber ich würde gerne noch mal eine nach einer Sache fragen weil Sie das mehrmals im Laufe der Stunden jetzt erwähnt haben nämlich dass Sie es so genossen haben mir Ihrer Frau zu reden
[4:51:39] ja
[4:51:43] gab es da Themen oder ging es ganz grundsätzlich darum dass Sie mit ihr sprechen konnten ohne ein
[4:51:46] [gleichzeitig:] wir hatten so viel
[4:51:49] ohne dass ein ohne dass Sie aufhören mussten nur wenn Sie zu müde wurden
[4:51:52] wir hatten über so Vieles zu reden sie las viel ich las viel wir diskutierten Bücher sie liebte Musik ich liebte Musik wir diskutierten Musik wir diskutierten Geschichte wir diskutierten Jugenderziehung wir diskutierten alles es gab keine be- keine begrenzten
[4:52:14] Themen bei uns und immer das wiederkehrende Thema Religion das war ein immer wiederkehrendes Thema weil äh wir beide hatten es schwer diese große Verantwortung zu tragen nicht sagen können mit »Gottes Hilfe« oder »lieber Gott hilf uns± oder äh »der
[4:52:45] liebe Gott hat es so gewollt« oder als Katholiken in die Beichte zu gehen das diese Möglichkeiten hatten wir nicht wir standen auf uns selbst gestellt und das ist wenn man es ernst nimmt ist es eine schwere Aufgabe und kein leichtes Leben [lautes Hupen
[4:53:02] im Hintergrund] das war laut äh man ich weiß nicht es gibt Menschen die zusammen leben und ihr ganzes Leben lang schweigen und dann gibt es Menschen die nur über alltägliche Dinge reden natürlich haben wir auch über alltägliche Dinge geredet wir haben
[4:53:28] über die Erziehung der Kinder gesprochen wir haben über die Kinder und über Enkelkinder gesprochen über alles aber die großen Themen das war Religion Geschichte Kunst Literatur wir sind auch nie wenn wir weggefahren sind nach Italien oder nach nach Griechenland
[4:53:49] oder Spanien wir sind nie die Wege der Touristen gegangen wir gingen immer unsere eigenen Wege wir hatten uns unterrichtet von dem was da zu finden ist was da zu sehen ist und dann haben wir das selbst gesucht wir sind keine Herdenmenschen gewesen nein
[4:54:12] haben Sie auch über die Verfolgung gesprochen ? weil Sie gestern gestern haben Sie gemeint dass Sie immer darüber gesprochen haben was passiert ist während des Krieges aber dass Ihre Frau weniger darüber gesprochen hat
[4:54:28] ja da waren wir verschieden da waren wir sehr verschieden aus dem einfachen Grunde ich wenn ich rede äh wird es mir leichter und sie regte sich immer wieder dabei auf und ich führ das daraufhin zurück ihre große Angst um die Kinder in der illegalen Zeit
[4:54:56] haben bei ihr Spuren hinterlassen diese große Angst um die Familie für sie war ja auch das das Wichtigste im Leben das war die Familie nur die Familie zusammenhalten und und äh dass es der Familie gut geht und und alles das das war für sie das Allerwichtigste
[4:55:17] und das ist wahrscheinlich so dass Frauen einen anderen ein anderes äh Gefühl für die Familie haben als die Männer
[4:55:31] ist sie jemals nach Leipzig zurückgekehrt ?
[4:55:36] bitte ?
[4:55:38] ist Ihre Frau jemals nach Leipzig zurückgekehrt ? in die Stadt ihrer Kindheit ?
[4:55:40] wir waren einmal da und nie wieder es hat ihr nicht dort gefallen sie ist ja auch schon als Kind dann nach ja Kind zwölf 13 Jahren nach Berlin gekommen und hatte in Leipzig keine keine gute Kindheit die Eltern waren geschieden sie wuchs dann eine Zeit
[4:56:04] lang bei den Großeltern auf und äh dann starb die Großmutter die sie sehr liebte und der Großvater heiratete wieder und da wollte sie nicht mehr dort sein und da kam sie in ein Kinderheim und dann kam sie in den Beit Chalutz das war also eine Vorbereitungsschule
[4:56:26] für Palästina in Berlin und dann wollte sie ja Erzieherin werden Lehrerin und äh da ging sie auf die es gab eine jüdische Schule für äh Schule für Erzieherinnen ich komm nicht auf den Namen jetzt im Moment da ging sie und dann ging sie als Praktikantin
[4:56:57] zum äh Jüdischen Taubstummenheim in Weißensee um ihre Prakt- äh ihre Praktikzeit dort zu machen und da das aufgelöst wurde da kam sie dann mit den Kindern ins Auerbach hab grad den Grabstein gesehen vom Gründer des Taubstummenheims als ich mit äh
[4:57:21] Andreas aufm Friedhof war in Weißensee das war ein Herr Reich der das Taubstummen- Jüdische Taubstummenheim in Weißensee gegründet hat der Grabstein den den sahen wir weitere Fragen keine Fragen viele Fragen
[4:57:45] mir fällt bestimmt nachher wat ein jetzt im Moment
[4:57:51] bitte ?
[4:57:53] mir fällt bestimmt nachher noch wieder wat ein jetzt im Moment
[4:57:56] na ich ich komm noch mal wieder
[4:57:58] kurze Pause ?
[4:58:00] mhm [Schnitt]
[4:58:02] als die Erinnerung und um eine Erinnerung wach zu halten
[4:58:06] [lacht]
[4:58:08] lassen Sie uns das kurz noch als letzte Frage aufnehmen weil das genau ein wichtiger Punkt ist warum auch solche Fotos wichtig sind
[4:58:13] läuft die Kamera ?
[4:58:15] nein
[4:58:17] nein noch nicht
[4:58:20] ja gut dann fangen wir noch mal an ich will versuchen es wörtlich zu wiederholen
[4:58:22] [lacht]
[4:58:24] [lacht]
[4:58:26] das muss nicht sein
[4:58:29] die Fotos die Sie gezeigt haben die ham Sie ja retten können
[4:58:31] mhm
[4:58:33] und Sie haben gesagt dass Sie diese Fotos in einer Blechdose aufbewahrt haben
[4:58:36] ja
[4:58:38] während der Verfolgung vielleicht können Sie ein bisschen dazu erzählen
[4:58:40] ich wusste dass diese Fotos das Einzige sein werden das ich aus der vergangenen Zeit retten konnte deswegen war diese Dose die war mir kann man sagen heilig äh die hatte ich Tag und Nacht bei mir ich hatte [betont:] nichts anderes gerettet als diese Fotos
[4:58:57] und heute bin ich so unendlich dankbar dass ich diese Fotos habe es gab es gab die äh die die Frau Ziehe von der Fotoabteilung vom Deu- vom Jüdischen Museum war bei mir in Berlin äh in Stockholm sie sah die Fotos vom Auerbach'schen Waisenhaus und sagte
[4:59:17] »das ist unglaublich es gibt keine Bilddokumentation von jüdischen Häusern« es ist ja nicht nur das Auerbach'sche Waisenhaus da ist drin die die Bauschule in in der Frucht- Fruchtstraße am Schlesischen Bahnhof da ist drin das Pankower Waisenhaus da ist
[4:59:36] drin
[4:59:38] mhm
[4:59:40] die Ausstellung jüdischer Handwerks- -kurse in der Joachimstaler Straße all das ist da drin und dann vor allen Dingen das andere Album die Familie das ist ja so wichtig das sind ja so wichtige Stützpunkte für das Gedächtnis ich könnte das nicht ich könnte
[4:59:59] mich nicht an das alles erinnern hätte ich nicht die Fotos gehabt und äh äh die waren heilig in Deutschland in Israel in Schweden und äh jetzt sind die hier beim beim Suhrkamp Verlag und werden dort archiviert und die Kopien hab ich das ist das Einzige
[5:00:25] was ich noch habe deswegen ist es so wichtig und meine Frau ist manchmal verzweifelt wenn wenn Fliegeralarm war und wir waren in der Wohnung bei der Mary da hab ich erzählt ja ? und äh ich musste noch mal -n paar Schritte zurücktun um um die Schachtel
[5:00:44] mitzunehmen wenn man rauslief »komm schon komm schon« »nein erst die Bilder« und des war ja Glück dass ich die durchziehen konnte durch die ganze Zeit es war die illegale Zeit es war als die Russen kamen die haben ja auch nicht viel Rücksicht genommen
[5:01:06] auf persönliches Eigentum es war äh die illegale Einwanderung nach Palästina die äh ziemlich unter ziemlich schwierigen Verhältnissen äh durchgeführt wurde es war Krieg in äh in Israel es war der Umzug nach Schweden und immer warn die Fotos mit
[5:01:30] als die Hauptsache heute bin ich unendlich dankbar dass ich die habe es gibt nicht viele Fotos aus dieser Zeit und so in einer solchen Menge von einer Familie und ich selbst hab ja viel fotografiert wenn Sie Urlaub haben möchte ich Sie bitten nach
[5:01:57] Stockholm zu kommen es liegen dort viereinhalbtausend Bilder unsortierte und ungefähr 4000 Diapositive
[5:02:03] wenn ich Urlaub habe [lacht] mhm gut
[5:02:07] [lacht]
[5:02:10] [lacht] ich schaff es nämlich nicht
[5:02:12] ja
[5:02:14] und dann hab ich also noch sechs acht Fotoalben die die noch durchgesehen werden müssen da ist zum Bespiel was ist da drin ? ja Greifenberg alle Bilder von Greifenberg da ist drin äh noch Bilder vom Krieg in Isra- in Israel da ist drin tja was noch Familie
[5:02:41] in Schweden ist noch unsortiert aber in den Fotoalben ist auch viel drin na ja das [seufzt] wie soll ich das alles schaffen ?
[5:02:58] und jetzt hab ich zwei Wohnungen jetzt muss ich mal da mal dort sein da wird ja noch weniger Zeit übrig bleiben und mein Sohn
[5:03:06] rief gestern Abend an und fragte »Papa wann kommst du denn mal wieder wir vergessen ja bald wie du aussiehst« na ja
[5:03:21] wie lang sind Sie jetzt in Berlin gewesen ?
[5:03:24] bitte ?
[5:03:27] wie lang sind Sie jetzt in Berlin gewesen ?
[5:03:29] seit dem zehnten August aber da war ich vorher nur 14 Tage zu Hause da war ich ja vorher auch schon mal in Berlin
[5:03:36] mhm
[5:03:39] ich kam am 29sten Juni kam ich nach Berlin und da war ich früh um halb sechs aufgestanden und da war die Übergabe des äh Nikolaihauses an den Suhrkamp Verlag also man holte mich ab vom von Tegel um halb drei ich war um drei im Hotel ich hatte Zeit zu duschen
[5:04:05] mich umzuziehen und dann holte meine Ulla meine Großcousine holte mich ab zum Nikolaihaus und dann war die die ganzen Zeremonien da mit dem ganzen Gerede und so weiter und dann saßen wir an einem Tisch da war der Andreas mit und da war der Thomas Spahr
[5:04:24] vom vom Suhrkamp Verlag und die Ulla und äh André Schmitz der der äh Staatssekretär für Kultur und noch so einige und die saßen am Tisch und und die Zeit zog sich und zog sich ich dachte »kann ich nicht bald nach Hause gehen« und dann fingen sie an
[5:04:47] alte Volkslieder und dann fragten sie mich welche ich da kannte und ich kannte natürlich alle und dann äh zitierte man Gedichte und dann zitierte ich ihnen noch Teile ausm Faust und dann ging die Zeit und dann wurde es zwölf und dann kamen zwei Kellner
[5:05:06] mit einem großen Tablett mit 85 Lichtern drauf und Sektgläsern und Blumen und dann wurde mein Geburtstag gefeiert also ich war aufgestanden um halb sechs und kam am nächsten Morgen um drei ins Bett und dann fragte die mich »biste müde ?« »nee aber ihr
[5:05:25] seid müde«
[5:05:27] [lacht]
[5:05:30] [lacht]
[5:05:32] »ja« das ist so wenn man äh gute Sachen erlebt die ermüden ja nicht
[5:05:35] mh
[5:05:37] na hier bin ich ja auch nicht müde komischerweise Sie sind müde [lächelt]
[5:05:43] war noch irgendetwas was wichtig war oder unwichtig war ach Gott es gibt so viel zu erzählen aber ich komm nicht drauf und wenn ich drauf komme werd ichs auch nicht erzählen
[5:06:08] nein ich glaube dann wars das erst mal
[5:06:18] wenn Ihnen noch was einfällt ?
[5:06:21] dann kommen wir mit der Kamera nach Stockholm oder warten bis Sie das nächste Mal in Berlin sind
[5:06:26] ja Sie kommen Sie kommen nach Stockholm phantastisch
[5:06:28] [lacht]
[5:06:30] hatten Sie ja gerade sowieso schon gesagt das ich das machen soll
[5:06:33] na das macht nischt ich hab gerne Besuch
[5:06:35] ist doch gut
[5:06:37] das ging ja auch natürlich Sie müssen mal das Milieu fotografieren in dem ich lebe
[5:06:41] das is auch sehr wichtig
[5:06:44] klar das machen wir
[5:06:49] gut dann bedanken wir uns
[5:06:52] ja ich danke Ihnen
[5:06:54] vielen Dank
[5:06:56] Sie haben sehr schön erzählt wir haben sehr viel erfahren es war eine Freude
[5:06:59] schneiden Sie bitte alle Dummheiten weg
[5:07:01] [lacht] machen wir ja okay gut vielen Dank
[5:07:05] nichts zu danken das bin ich der dankt weil das ist ein ein Teil eines Lebenstraums von meiner Frau und von mir dass man erzählen kann
| Datum | Ort | Text |
|---|---|---|
| ab 1924 | Flatow | Geburt als Sohn der Kaufleute Max und Martha Frankenstein |
| ab 1929 | Flatow | Tod des Vaters |
| ab 1933 | Flatow | Entscheidung zum Atheismus nach einem antisemitischen Übergriff auf das Geschäft der Mutter |
| ab 1936 | Berlin | nach dem Verweis von der staatlichen Schule in Flatow Umzug in das Auerbach'sche Waisenhaus, Schulbesuch |
| ab 1941 | Berlin | Kennenlernen der späteren Ehefrau Leonie Rosner |
| ab 1941 | Berlin | Auszug aus dem Auerbach’schen Waisenhaus in ein Judenhaus in der Treskowstraße |
| ab 1942 | Berlin | Heirat mit Leonie Rosner; Umzug in ein Judenhaus in der Linienstraße; Zwangsarbeit als Handwerker |
| ab 1943 | Leipzig | Aufnahme bei den Schwiegereltern Beate und Theo Kranz |
| ab 1943 | Berlin | Geburt des Sohns Uri |
| ab 1943 | Berlin | in die Illegalität zusammen mit der Ehefrau und dem Sohn |
| 1943 - 1944 | Berlin | Leben in verschiedenen illegalen Unterkünften bis zur Ausbombung, Verschickung der Ehefrau und des Sohns nach Briesenhorst |
| ab 1943 | Berlin | Rückkehr der Ehefrau aus Leipzig |
| ab 1944 | Landsberg an der Warthe | Geburt des Sohns Michael |
| 1945 - 1946 | Greifenberg | Auswanderung der Ehefrau und der Söhne nach Palästina, Arbeit für die Bricha |
| ab 1946 | La Ciotat | Arbeit für die Bricha und die Alija Bet in La Ciotat und Marseille |
| 1946 - 1947 | Zypern | illegale Überfahrt von Marseille nach Haifa, Verhaftung durch die Engländer und fünfmonatige Internierung |
| 1947 - 1956 | Hadera | Wiedersehen mit der Familie in Israel, mehrere Einsätze als Soldat und Arbeit als Handwerker |
| ab 1956 | Stockholm | Auswanderung mit der Familie nach Schweden, Arbeit als Fliesenleger |
| ab 2008 | Frankfurt am Main | Biografie »Nicht mit uns. Das Leben von Leonie und Walter Frankenstein« |
| ab 2008 | Flatow | Reise nach Flatow |
| ab 2009 | Stockholm | Tod der Ehefrau Leonie Frankenstein |
| ab 2009 | Berlin | Zeitpunkt des Interviews |
| Berlin | erster Besuch Mitte der sechziger Jahre | |
| bis 1984 | Schweden | Studium, Arbeit als Ingenieur bis zur Pensionierung |
| bis 1945 | Berlin | mehrtägiger Aufenthalt in Landsberg an der Warthe, Rückkehr nach der Kapitulation |
| bis 1945 | Berlin | Rückkehr der Ehefrau und der Söhne; verschiedene illegale Unterkünfte bis zur Befreiung |
| Berlin | Rückkehr nach Berlin; verschiedene Arbeiten, unter anderem in der pharmazeutischen Firma Ketzer Berlin-Grunewald | |
| bis 1943 | Berlin | Arbeit als Handwerker für die Jüdische Gemeinde Berlin, Zwangsarbeit für das Reichssicherheitshauptamt |
| Berlin | Lehre an der Jüdischen Bauschule | |
| Berlin | einjähriger Aufenthalt im Jüdischen Waisenhaus Pankow |
Er wurde am 30. Juni 1924 im westpreußischen Flatow geboren. Seine Eltern Max und Martha Frankenstein betrieben einen Landhandel und eine Gastwirtschaft. Seine Kindheit erlebte Walter Frankenstein als ausgesprochen idyllisch. Seine wesentlich älteren Halbbrüder Manfred und Martin, die aus der ersten Ehe des Vaters stammten, waren seine Beschützer und das katholische Kindermädchen Anna Kowalski ermöglichte ihm Einblicke in nichtjüdische Traditionen, so nahm sie ihn zum Beispiel in Weihnachtsgottesdienste mit. Seine Eltern waren nicht sehr religiös, auch wenn sein Vater im Vorstand der jüdischen Gemeinde von Flatow war und seine Mutter zeitlebens die jüdischen Speisegesetze einhielt. Walter Frankenstein und sein Vater aßen gerne Schweinefleisch und andere nichtkoschere Gerichte und die einzige Bedingung der Mutter war, dass sie dies nicht zu Hause tun sollten. Im Jahr 1929 starb der Vater und die Mutter führte den Landhandel allein weiter. Seine Brüder hatten bereits ihre Ausbildung begonnen: Manfred studierte Zahnmedizin in Königsberg und Martin machte eine kaufmännische Ausbildung bei Verwandten. Der junge Walter Frankenstein ging in Flatow zur Schule, hatte eine große Zahl von jüdischen und nichtjüdischen Freunden und Freundinnen. Er war fasziniert vom Faktotum des Frankenstein'schen Geschäfts, der Ziehharmonika spielte und häufig unterhaltsame Dinge tat. Walter Frankenstein war sehr früh eigenständig und hatte sich nicht nur sein Zuhause sondern auch die Stadt Flatow und ihre Umgebung für Unternehmungen zunutze gemacht. So lernte er Angeln und Schießen, verbrachte die Freizeit mit seinem Hund Wasser, in der Natur und spielte Erwachsenen zahlreiche Streiche.
1933 endete diese schöne Zeit. Nachdem ein SA-Mann am 1. April 1933 in das mütterliche Geschäft geschossen hatte und unbestraft davon kam, war für ihn die Entscheidung gefallen, dass er in Zukunft Atheist sein würde. 1936 verließ er Flatow, da jüdischen Kindern der Besuch staatlicher Schulen verboten worden war. Seine Mutter blieb noch in Flatow, folgte ihm allerdings 1938 nach Berlin. Sein Onkel und Vormund Sanitätsrat Dr. Selmar Frankenstein, der in Berlin lebte, brachte ihn dort im Auerbach’schen Waisenhaus, einer im Stadtteil Prenzlauer Berg gelegenen jüdischen Einrichtung unter. Hier lebte Walter Frankenstein die kommenden fünf Jahre bis 1941 in einer Gemeinschaft, die unter zunehmendem Verfolgungsdruck erfolgreich versuchte ein weitgehend selbstbestimmtes und erfülltes Leben zu führen. Die Jungen und Mädchen waren nicht nur an einem geschützten Ort untergebracht, sie hatten auch Schulunterricht, der sich durch besonders hohes Niveau auszeichnete, da ein großer Teil der Lehrer und Lehrerinnen von staatlichen Schulen und Universitäten vertrieben worden war und nun an jüdischen Schulen unterrichtete. Die Freundschaft mit vielen der Jungen und einigen Erzieherinnen und Lehrern – sofern sie den Holocaust überlebt hatten - begleitete Walter Frankenstein sein ganzes Leben. 1941 traf er dort seine spätere Ehefrau Leonie Rosner. Sie arbeitete als Erzieherpraktikantin im Taubstummenheim der jüdischen Gemeinde und war nach der Zwangsschließung des Heims mit ihren Schützlingen in das Auerbach’sche Waisenhaus gezogen. Die erste Begegnung war zwar etwas distanziert, für Walter Frankenstein aber Liebe auf den ersten Blick.
Die Gespräche, die das junge Paar damals über Religion und Politik führte, setzten sie als Ehepaar auch im hohen Alter fort. 1942 zogen beide aus dem Auerbach’schen Waisenhaus aus, zunächst getrennt in verschiedene Judenhäuser. Im Februar 1942 heirateten sie im Beisein ihrer Angehörigen und lebten anschließend in einem Judenhaus in der Treskowstraße. Walter Frankenstein war als Handwerker bei der Jüdischen Gemeinde Berlin beschäftigt und musste als Zwangsarbeiter für das Reichssicherheitshauptamt beim Umbau beschlagnahmter Logenhäuser arbeiten, auch im Arbeitszimmer von Adolf Eichmann wurde er eingesetzt. Leonie Frankenstein arbeitete in einer Fabrik, in der Fesselballons hergestellt wurden und wechselte als sie schwanger wurde in eine Transformatorenfabrik. Am 20. Januar 1943 wurde der Sohn Uri geboren. Unmittelbar danach wurden Leonie und Uri Frankenstein während der Fabrikation im Februar 1943 kurzzeitig verhaftet, ihnen gelang jedoch die Rückkehr in die gemeinsame Wohnung. Kurz darauf wurde Martha Frankenstein verhaftet und am 1. März 1943 deportiert. Walter Frankenstein fuhr zum Bahnhof Grunewald, in der Hoffnung, sie zu vor der Deportation zu retten. Nach der Befreiung erfuhr er, dass sie im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ermordet worden war.
Während der Fabrikaktion wurden auch so gut wie alle seine Kollegen von ihren Arbeitsstellen deportiert, daher entschieden er und Leonie Frankenstein gemeinsam mit dem sechs Wochen alten Uri unterzutauchen. Zunächst reisten sie getrennt nach Leipzig, wo die Mutter von Leonie Frankenstein, Beate Kranz lebte. Sie war in zweiter Ehe mit Theodor Kranz verheiratet, der nichtjüdisch war und versuchte, seiner Frau und ihren jüdischen Angehörigen wie immer es ging zu helfen. Walter Frankenstein reiste ebenfalls nach Leipzig zu seinen Schwiegereltern Von Beginn des Lebens in der Illegalität an bis zur Befreiung war es die Kombination von nichtjüdischen Helfern, Zufällen und Furchtlosigkeit, die ihm und seiner Familie immer wieder aus gefährlichen Situationen heraushelfen sollte. Nach wenigen Wochen kehrte Walter Frankenstein nach Berlin zurück und wurde immer wieder vom Helfernetzwerk von Edith Berlow in Arbeitsstellen und an andere Helfer weitervermittelt. Leonie Frankenstein blieb mit Uri in Leipzig und musste miterleben, wie ihre Mutter Beate Kranz verhaftet und deportiert wurde. Sie hatte vergessen, den Zwangsnamen »Sara« in ihrem Pass einzutragen, ein Vergehen, das mit dem Tod in Auschwitz bestraft wurde. Walter Frankenstein traf immer wieder auf Menschen, die ihm halfen, so zum Beispiel der Fabrikbesitzer Ketzer, der ihn und einige andere Illegale in seiner Fabrik als Arbeiter beschäftigte. In dieser Zeit sahen sich Leonie und Walter Frankenstein sehr selten, auch nach der Rückkehr seiner Frau nach Berlin hielten sie sich zeitweilig an verschiedenen Orten auf. Manchmal schliefen sie unter freiem Himmel oder in einem Bauschuppen, immer in Alarmbereitschaft, falls ihnen jemand auf die Spur kommen sollte.
Walter Frankenstein nahm in Berlin Gelegenheitsarbeiten an, um ein wenig Geld zu verdienen. Bei Kontrollen der Wehrmacht auf der Suche nach Deserteuren wurde er mehrfach beinahe erwischt und er musste nicht nur vor der Polizei, sondern auch vor den so genannten Greifern – jüdischen Spitzeln – auf der Hut sein. Bis sie im Februar 1944 ausgebombt wurden, lebte die Familie in verschiedenen illegalen Unterkünften. Leonie Frankenstein, inzwischen erneut schwanger, wurde dann zusammen mit Uri, und als »Deutsche« getarnt nach Briesenhorst verschickt. Das Ehepaar hielt postlagernd Kontakt, allerdings hatte sich die Situation in Berlin so zugespitzt, dass Walter Frankenstein nur sehr selten seine Post abholen konnte, da er aus Angst vor Ausweiskontrollen öffentliche Einrichtungen mied. Von der Geburt seines zweiten Sohns Michael im September 1944 erfuhr er daher erst mit fünfwöchiger Verspätung. Leonie drohte in Briesenhorst die Enttarnung und daher kehrte sie mit den beiden Kindern nach Berlin zurück. Die Monate bis zur Befreiung durch die Rote Armee im April 1945 verbrachten die vier Frankensteins in häufig wechselnden illegalen Unterkünften, zum Schluss in einem Luftschutzbunker am Kottbusser Tor im Stadtteil Kreuzberg.
In den ersten Monaten nach der Befreiung lebten sie in Berlin bis Leonie Frankenstein und die beiden Kinder durch eine Hilfsorganisation nach Palästina ausreisen konnten, das erklärte Ziel der Familie. Walter Frankenstein wurde Mitarbeiter der Bricha, der jüdischen Fluchthilfeorganisation, die die illegale Einwanderung von Holocaustüberlebenden nach Palästina organisierte. Zunächst unterrichtete er mehrere Monate im DP-Lager Greifenberg in Oberbayern den Kampfsport Jiu-Jitsu, anschließend wurde er nach Frankreich gebracht, um dort Schiffe für den Transport von illegalen Einwanderern nach Palästina umzubauen. Im Oktober 1946 schließlich gelang es ihm, an Bord des Schiffs Latrun die Reise über das Mittelmeer in Richtung Palästina anzutreten. Das Schiff war mit über 1200 Menschen überladen, die Versorgung war sehr schlecht und die Anspannung der Reisenden erheblich. Auf der Fahrt wurde das Schiff von britischem Militär abgefangen und alle Reisenden daran gehindert, in Palästina an Land zu gehen. Stattdessen wurden sie verhaftet und fünf Monate bis Mai 1947 auf Zypern interniert. Von dort wurde Walter Frankenstein nach Haifa und Atlit in Palästina gebracht und konnte schließlich im August 1947 zu seiner Frau und den beiden Söhnen nach Hadera ziehen.
Unmittelbar danach begann der Israelische Unabhängigkeitskrieg, in dem er als Soldat kämpfte. Den Lebensunterhalt verdiente Walter Frankenstein nach dem Krieg als Bauarbeiter bei der Urbarmachung des Landes, eine harte Arbeit, die ihn körperlich so stark beeinträchtigte, dass er 1956 entschied mit der Familie nach Schweden auszuwandern. Innerhalb kurzer Zeit und mit der Hilfe eines Freunds aus dem Auerbach’schen Waisenhaus gelang es ihm in Stockholm die nötigen Papiere, eine Arbeitsstelle und eine Wohnung zu beschaffen. Zunächst arbeitete er als Fliesenleger, musste diese Arbeit jedoch aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. Er holte sein Abitur nach, studierte und arbeitete in folgenden Jahrzehnten bis zu seiner Pensionierung 1984 als Ingenieur. Leonie Frankenstein arbeitete als Buchhalterin.
Die Zeit nach ihrer Pensionierung erlebten beide als die schönste Zeit ihres Lebens. Sie hatten endlich Zeit zu reisen, Musik zu hören und das zu tun, was bereits zu Beginn ihrer Partnerschaft einen großen Raum eingenommen hatte: sich zu unterhalten. Berlin besuchten sie erst Mitte der sechziger Jahre wieder, die Stadt blieb für beide Zuhause und Fremde zugleich. Edith Berlow-Hirschfeld und der Unternehmer Ketzer wurden auf Initiative von Leonie und Walter Frankenstein von der Holocaustforschungs- und Gedenkstätte Yad Vashem als »Gerechte unter den Völkern« ausgezeichnet. Im Jahr 2008 erschien die von dem Journalisten Klaus Hillebrand verfasste Lebensgeschichte von Leonie und Walter Frankenstein »Nicht mit uns«. Mit einigen deutschen Verwandten hatte Walter Frankenstein intensiven Kontakt: eine Cousine hatte ihm eine Wohnung in ihrem Haus in Berlin angeboten und so pendelte er zwischen Stockholm und Berlin. Insbesondere nach dem Tod seiner Frau am 19. Mai 2009 hoffte er, durch zwei Wohnsitze der Einsamkeit zu entkommen. Zentral für die Erinnerung an sein ereignisreiches Leben war seine Fotosammlung, die er sogar durch die Zeit in der Illegalität retten konnte.