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Peter Havaš (*11.09.1935, Zipser Neudorf)

Signatur
01095/sdje/0007
Institut
Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin
Sprache
deutsch
Ort und Datum der Aufnahme
Berlin, den 26. August 2009
Dauer
01:29:09
Interviewter
Peter Havaš
Interviewer
Daniel Baranowski , Barbara Kurowska
Kamera, Licht und Ton
Kai Schulze
Redaktion
Kerstin Hinrichsen
Transkription
Kerstin Hinrichsen

Dank vieler Zufälle und großem Glück überlebte der neunjährige Peter Havaš die Zeit im Männerlager des KZ Ravensbrück und fand nach seiner Befreiung seine Mutter wieder. Wegen der engen Verbundenheit zur Landschaft beschloss er, an seinen Heimatort in den Bergen zurückzukehren. Der im tschechoslowakischen Zipser Neudorf geborene Peter Havaš wurde 1944 über das Sammellager Preschau und das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau in das KZ Ravensbrück deportiert. Nach seiner Befreiung und dem unverhofften Wiedersehen mit seiner Mutter kehrte er zurück in die Tschechoslowakei, wo er nach Beendigung der Schule ein Studium der Architektur aufnahm. In der unmittelbaren Nachkriegszeit fühlte er sich erwachsener als seine Altersgenossen, was ihm zunächst einige Schwierigkeiten bereitete. Durch den gemeinsamen Sport gelang es ihm jedoch, eine Brücke zwischen ihnen und sich zu bauen. Lange Zeit war das in der Vergangenheit Erlebte für ihn Tabu, erst als er für das Visual History Archive ein Interview gab, brach er sein Schweigen. Nach mehreren Einladungen entschloss er sich im Jahr 2005 dazu, die Gedenkstätte Ravensbrück zu besuchen und nahm anschließend an mehreren Generationenforen teil. Diese Tätigkeit wurde ihm wichtig, da er eine Pflicht verspürte, von seinen Erlebnissen zu berichten. Zum Zeitpunkt des Interviews war Peter Havaš 74 Jahre alt.

Vorkontakte

Kontaktaufnahme über Dr. Constanze Jaiser, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Stiftung Denkmal, die Peter Havaš seit 2005 mehrmals im Rahmen des Generationenforums Ravensbrück getroffen hat; mit den Interviewern hat nur am Tag zuvor ein zwanzigminütiges Treffen stattgefunden

Bedingungen

Interview wurde sehr kurzfristig und unter Zeitdruck anberaumt; Peter Havaš musste noch am gleichen Tag zurück nach Pressburg fliegen

Gruppensituation

zwei Interviewer, verabredet war, dass Peter Havaš zunächst ohne unterbrochen zu werden, erzählt, dann die Interviewer Nachfragen stellen

Unterbrechungen

eine Unterbrechung auf Wunsch von Peter Havaš; das Interview wurde ebenfalls auf Wunsch von Peter Havaš zum dokumentierten Zeitpunkt beendet, es war kein Raum für weitere Nachfragen

Protokoll

Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas

Eindrücke

sehr emotional, Peter Havas machte nicht den Eindruck, ein routinierter Erzähler zu sein, möchte aber gerne so rüberkommen, gelangt im Zusammenhang mit den Erinnerungen an seine Mutter und seinen ersten Sohn an Grenzen, bricht dann ab, ist sich nicht bewusst, dass auch kleine Geschichten wichtig sind, will eher die große Geschichte erzählen, hat diese Art von Nachfragen nicht vermutet, ›entschuldigt‹ sich nach dem Interview wiederholt wegen seiner vermeintlich schlechten deutschen Sprache, beteuert, dass er ›nicht weiter bohren‹ will als Interviewer schwierige Situation in den emotionalen Momenten, darauf eingehen oder weitermachen, wir haben versucht, Pausen zu lassen

Daniel Baranowski

[0:00] 26ter August 2009 wir sind in der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas in der Geschäftsstelle führen ein Interview mit Peter H aus der Slowakischen Republik aus Bratislava   Professor für Architektur   ähm ich bin Daniel Baranowski führ das

[0:19] Interview zusammen mit Barbara Kurowska   Kai Schulze ist für die Technik   ähm verantwortlich   ähm wir haben uns vorher darauf geeinigt dass Herr H erstmal seine Geschichte erzählt und wir ihn nicht unterbrechen   sondern erst im Anschluss Nachfragen stellen

[0:37] [Schnitt]

Peter Havaš

[0:39] ja meine Name ist Peter H ich bin gebe- geboren am elften September 1935 in Spišská Nová Ves äh deutsch Zipser Neudorf in ein Stadt ungefähr damals   15000 Einwohner jeder hat jeden g- gekannt in eine jüdische nicht fromme Familie   mein Vater war Elektro-Ingenieur  

[1:08] und ein fanat- fanatischer äh äh Sportler Athlet und Skifahrer   meine Mutter hat gearbeitet in Geschäft meinen Großvaters der hat bei Siemens gearbeitet und   hat sich so aufgearbeitet das hat sich selbstständig gemacht und hat ein Geschäft mit mit äh

[1:31] Elektrogeräte und Fahrräder   ja äh   die ganze Atmosphäre äh ganz kurz zu erklären   äh Spišská Nová Ves ist in Zips das ist äh unter Hohe Tatra äh ein ein äh könnte man sagen   [betont:] Land äh wo äh   die ältere äl- äh Generation war [betont:]

[2:05] dreisprachig jeder hat dort Slowakisch gesprochen Ungarisch und Deutsch das war selbstverständlich   äh [betont:] weil äh   ungarische Einfluss war noch von CK Monarchia äh slowakische Sprache war die Muttersprache   und deutsche Sprache kam aus da dem das

[2:29] Zips haben die Deutscher   äh   be- äh   im Prinzip besiedelt in Zeit der Reformation das bedeutet in Zipser sind viele deutsche Name und so weiter [schneller:] aber in diese Städte schon   ist die deutsche Sprache so d- degeneriert das kann man überhaupt

[2:53] nicht verstehen aber   sind das ursprünglich deutsche äh   ich als

[3:00] Kind   hab ich am Hof gespielt mit andere Kinder   im Jahre 1939   kam ein Mädchen Tochter von von Hausmeister [zeigt nach rechts oben] äh gegen- äh -stehenden Schule das war Mädchen-

[3:23] d- deutsche Mädchenschule und die Mädchen kommt zu mir und sagt »ja Peter wir w- können nicht weiter   zu spielen weil du Jude bist«   hab ich das erste Mal gehört »Jude« was ist das Jude hab keine Ahnung gehabt   bin ich nach Hause gekommen hab ich gefragt

[3:45] und meine Mutter hat mir [betont:] Großvater hat mir das   für diese Verhältnisse er- er- erklärt   das   in diesem politischen System sind wir äh minderwertige   Rasse und minderwertige Gruppe äh von Leuten   das hab ich erfahren 19- 1939 das bedeutet war

[4:14] ich vier Jahre alt ja also in die Schule ich kann nicht gehen weil äh jüdische Schule war nicht dort und die normale Schule die Juden äh konnten nicht rein   das bedeutet ich hab keine Schule ge- ich hab   schreiben und lesen hab ich gelernt und aber von

[4:36] Kinderzeit war ich ein sehr guter Zeichner ich hab sehr gerne und gut gezeichnet   ja  

[4:45] mein Vater   war so wie alle Intellektuelle in diesen Zeiten in dreißigsten Jahren war linksorientiert und in er war in ko- in seine kommunistische Gruppe äh wie ha-

[5:02] das haben die tschechische Lehrer welche sind noch in Slowakei geblieben und verschiedene äh slowakische Intellektuelle Schriftsteller und so   [gestikuliert] eine Gruppe und die war entdeckt   und haben ihn nichts als Jude aber als Kommunist haben (_) eingesperrt

[5:21] nach paar Monaten haben w- äh ich äh sie s- das war im Jahre 1941 haben ihr nach Hause ge- s -lassen in Jahre 1942 kamen zwei Menschen von Hlinkova Garda was das war Hlinkova Garda das war halbmilitärische Organisation mit mit schwarzer Uniform so etwas

[5:44] wie in Deutschland (FS)   ja glänzende Stiefel äh äh primitive Leute und äh absolute Macht über anderen   äh   sie kamen unsere gute Mitbürger sie kamen und haben meinen äh Vater weggeschleppt und er w- der ist deportiert in Lublin-Majdanek   äh  

[6:13] wir haben kein äh äh Nachricht von ihn   wir wissen überhaupt nicht   erst nach   Befreiung nach nach äh Befreiung und äh äh in Bratislava haben wir erfahren dass er war ermordet aber wo ?   bis heute habe ich es nicht g- erfahren (deswegen) ich hab keine

[6:38] Ahnung wo er liegt  

[6:40] im Jahre 1944 kamen wieder zwei   Hlinkova (Gardama) und haben meinen Vater gesucht und meine Mutter sagte »na ja äh der V- der ist schon transp-« »ja wenn ist schon transportiert dann die ganze Familie soll sich vorbereiten die notwendigsten

[7:02] äh Sachen einpacken ja und äh äh fahren wir weg« so ha- äh sind wir   äh transportiert mit eine Lastwagen in Prešov äh das ist noch östlicher als Spišská Nová Ves äh äh noch zu Or- äh   Spišská Nová Ves liegt unter Hohe Tatra   von Fenster

[7:28] meine Mutter bei klaren Licht könnte man ganze Silhouette könnte ganze äh Silhouette von Tatra sehen äh das hat in mich alles schon als Kind ein unglaubliche Beziehung zum Bergen   und zum Skifahren und zum diese Tätigkeiten na ja äh haben s- uns in Prešov

[7:52] geschleppt   dort nach ich glaube zwei Tagen ich weiß nich nie genau äh haben uns ins Waggon   gedrückt das kann man nicht äh an- äh anders aus- äh äh -sprechen weil in jedes Waggon war- waren achtzig bis hundert Leute wenn Sie sich vorstellen das k-

[8:16] äh könnte nicht alle sitzen auf Fußboden weil war nicht genug Platz   äh in diesen Waggon   war ein m- mir sehr guter Bekannter kann man schwer sagen ob Freund weil der war älter Walter Morgenbesser der lebt in Israel ham wir uns getroffen schon und

[8:42] der s- soll zu diesem fünfzigsten Jahrestag äh den Denkmal äh hier kommen und soll auch Rede halten so hab ich das äh äh gehört der Walter Morgenbesser und auch aus Käsmark Kežmarok   äh Familie (Herz)   der (Juraj) (das is) Georg (Herz) ist ein Jahr

[9:10] älter als ich und äh wir waren äh   die einzige   größere Kinder in diesem Waggon äh

[9:25] nach drei Tagen Fahrt ohne Wasser ohne Verpflegung sind wir an der berühmte Lamp- äh Rampe in Auschwitz gelandet   ham uns aus Waggon [gestikuliert] raus- äh äh -geschmissen

[9:42] und dort haben wir end- endlich Wasser bekommen und äh so genannte Suppe   das haben wir dann müs- monatelang gegessen Steckrübensuppe das haben Sie noch nie gegessen und möchten Sie das auch nich [lacht] e- essen ja äh   das war schon verdächtig von diese

[10:07] Rampe ein Stück weiter ist Krematorium prinzipiell   [schüttelt den Kopf] keiner haben wir g- gewusst das ist Krematorium und das die die Toten verbren- -nen äh einzige Leute haben das geahnt aber keiner hat geglaubt daran dass so etwas kann äh sein aber

[10:32] dort war ein Kamin und ein äh schrecklich stinkendes äh äh Rauch ist rausgekommen   auf einmal kam Befehl »alles zurück in Waggons« und sind wir weiter gefahren   sind wir in Fürstenberg gelandet   zu Fuß in Ravensbrück äh   dazu mö- w- äh will

[11:02] ich noch bemerken dass [betont:] alle Transporte vor uns   und nach uns sind gerade in Gas gegangen   [betont:] keiner Historiker hat erfahren oder rausgefinden warum [betont:] ausgesprochen unser Transport war weitergeschickt nach Ravensbrück ja äh  

[11:28] vor Hauptbe-

[11:30] -gebäude in Ravensbrück die Frauen [gestikuliert] auf eine Seite die Männer auf andere Seite   ich war mit meine Mutter ich war   neun Jahre alt im September war ich neun Jahre und das war im November   auf einmal kommt a- SS-Mann und reißt meine Hand und

[11:49] [gestikuliert] und in Männerreihe zu (_) einreihen ich hab noch vergessen das sagen dass äh äh äh hat man deportiert meine Großmutter Großvater Mutter und ich   äh ich hab gewusst dass   im   Männerlager ist mein Großvater ich hab kein Ahnung gehabt

[12:12] in welche Baracke äh wir sind angekommen das war   [gestikuliert] schon eingereiht   und ich weiß nicht warum   mit Walter Morgenbesser waren wir in Baracke v- vier und alle andere Kinder waren in Baracke fünf   das weiß ich bis (heuste) nicht warum war es

[12:35] so äh   dort waren polnische und russische Häftlinge äh und unser Transport   dort hab ich eine   sehr schlechte Erfahrung gemacht   wenn ich ausge- äh (viel) äh w- (wenn ich) schon gewusst wo der V- äh Großvater in welche Baracke   äh äh wohnt

[13:03] liegt hab ich für Großvater äh Brot gespart   und das hab ich unter   äh die die quasi Matratze äh immer gestellt und nachts über wenn war schon still bin ich runter äh gelaufen in Baracke zwei paar Minuten mit Großvater zusammen das war ein Gefahr weil

[13:29] in diesen Moment wenn äh könnte man äh mich erwischen dann es- äh schießt man bald bei jeden Bewegung hat man geschießen und so hab ich äh dieses Brot gespart und von [betont:] unserm Transport aus Spišská Nová Ves war ein äh Vater mit Sohn äh

[13:52] Herr (Mann) mit Sohn (Emerich Mann) der könnte so   zehn Jahre älter sein als ich und no meine Mutter hat ger- weil die Familien haben sich gekannt äh äh   meine Mutter hat gerufen »sollen sie auf mich aufpassen«   und ich bin in Nacht aufgewacht wie jemand

[14:22] hält mir die Hände und Füße und will diesen Brot v- unter äh Matratze zu klauen   ich hab geschrieen kamen die Russen haben mich befreit haben Licht gemacht und das war Herr (Mann) mit seinen Sohn   so ein Erfahrung hab ich gemacht  

[14:44] ja äh mein Tagesablauf

[14:50] ich war in SS-Küche äh äh eingereiht ich hab dort Holz vorbereitet ich hab äh äh Kartoffel geschält das hat ein großes Vorteil weil die Appelle musste ich absolvieren aber tagsüber war ich in Wärme in in diese SS-Küche äh (dras) das war äh relativ

[15:17] starke äh Winter und sehr feuchte Winter das bedeutet äh draußen arbeiten und dr- draußen stehen das war furchtbar in diese Bekleidung welche äh äh hatten wir gehabt und [betont:] diese Arbeit in Küche hat ein sehr großes Vorteil für mich das Zeit

[15:40] von Zeit ich könnte eine rohe äh Kartoffel [führt Hand zum Mund] schlucken das bedeutet meine Ernährung war viel besser als normal in Baracke   äh ist möglich das hat mich   gerettet no  

[15:59] ja dort hab ich [lacht] auch eine Erfahrung gemacht kommt ein SS-Mann

[16:05] mit äh äh schmutzige Stiefel kommt zu mir und sagt äh »soll ich das putzen« ich musste putzen [gestikuliert] ja und auf einmal fragt (sein) gebrochen Deutsch »von wo kommst du« hab ich gesagt »aus Slowakei« »und von wo von Slowakei« hab ich gesagt

[16:23] »Spišská Nová Ves« und er sagt »ja ich komm aus Markušovce« Markušovce ist ein D- Dorf sechs Kilometer entfernt von äh Spišská Nová Ves »und wie heißt du« hab ich gesagt »H« erste Mal meine Name sonst war ich [zeigt auf linken Unterarm] 11713

[16:40] ja   und da sagt er »das die Name sagt mir überhaupt nix« aber hab ich gesagt »ja aber is möglich dass Sie kennen meinen Großvater   der hat dieses Geschäft mit mit Elektro- äh äh -geräten und Fahrräder« »oh ja den kenn ich gut ich hab ein Fahrrad

[17:01] auf Raten gekaufen von ihm aber die letzten Raten er kriegt nie wieder«   so ein Zufall in diesen großen [lacht] Deutschland von diesen kleinen Slowakei kann so etwas passieren äh äh ich erzähle eben äh äh die Geschichte welche sind   auf mich für mich

[17:28] aber ab- als bedeutsam oder charakteristisch äh  

[17:33] das geht äh ist gut gegangen aber ich hab meine Kinderschuhe gehabt und die waren schon knapp und bei diesen Kälten haben meine Beine abgefroren und das war schlechter und schlechter und schlechter dass ich

[17:50] könnte schon diese Schuhe überhaupt nicht ausziehen hat man mich auf -f äh Lazarett geschickt Lazarett wissen Sie was es war Lazarett äh so genannte Krankenhaus   und dort waren zwei tschechische Ärzte die Namen vergess ich nicht das war Doktor Pekarek

[18:09] und Doktor Šil und die haben mir das rausgeschnitten von schwarzes Fleisch rausgeschnitten und haben mich gepflegt äh als Kind   bis dann gesund das hat sehr v- äh schnell geheilt und wenn hab ich schon die Beine in Ordnung sie haben mich dort gehalten äh

[18:40] (andererseits) war sauber waren Bette überzogen äh brauch man nicht zum Appell gehen war dort warm das bedeutet bessere Verhältnisse als in Baracke äh  

[18:57] jetzt wieder ein Zwischenfall   [lacht] äh ich hab meine Aussage schriftlich äh die äh Frau (Ertel)

[19:11] äh gegeben das war in Deutsch übersetzt und   ein Ungare hat seine Ausgase äh Aussage äh gemacht und er schrieb dort »ja ich war in Lazarett« äh er ist zehn Jahre älter als ich er hat Phlegmone das jetzt kann ich mich schon erinnern er hat über [gestikuliert]

[19:37] mich im Bett gelegen   und er schrieb das »unter mir äh lag ein zehnjähriges äh Junge aus äh Slowakei sehr intelligent und sehr äh freundschaftlich« in seinen Aussage und die Frau (Ertel) hat diese Mosaik zusammen gestellt hat mir die Adresse geschickt

[20:01] ich hab ihn angerufen oder nee [schüttelt den Kopf] hab ich geschrieben ihm ein Brief er hat mich angerufen und wir haben uns getroffen   das ist   wieder ein Zufall ja äh  

[20:17] Front hat sich gen- genähert äh die Russen waren schon in Nähe und äh äh Ravensbrück

[20:24] hat man evakuiert allgemein äh Ravensbrück war in Sachsenhausen äh evakuiert (__) mein Großvater Walter Morgenbesser sind äh nach Sachsenhausen evakuiert aber Lazarett und noch einzige Häftlinge welche was weiß ich welche Aufgaben hatten hat man schon

[20:48] nach Ludwigslust transportiert   das war damals schon ein Sammellager ohne Ordnung äh die Toten hat man schon nicht begraben nicht äh v- verbrannt die Toten lagen am Appellplatz solche [gestikuliert] Haufen das das war so weit dass wenn ich wollte ins Latrine

[21:13] gehen ich muss trampeln [gestikuliert] äh durch tote äh tote Leute sogar hat si- das ge- passiert auf einmal sehe ich ein Gesicht als Tote der doch vor zwei drei Ja- äh Tagen hat bei mir auf Pritsche geliegen äh   können Sie sich vorstellen welche Verhältnisse

[21:39] waren dort   ja aber das hat man schon gespürt dass   Krieg geht zu Ende   eines Tages ja äh   das war ein Kennzeichen dass die SS-Leute mit Ausrüstung alles sind abgezogen und äh äh waren äh we- äh äh die SS-Leute waren ersetzt mit äh Wehrmachtleuten

[22:13] aber das waren äh [betont] alte Männer was weiß ich wie alt in in in äh Wehrmachtuniform und die sollen überwachen äh Konzentrationslager äh die ganze Disziplin und alles war schon   total äh   hat nix funktioniert eines Tages also an zweiten Mai

[22:36] neunzehnfü- äh -45 das ist mein äh äh zweites Geburtstag   äh kamen die Amerikaner   äh das war ein Moment   die Wehrmachtleute sind abgehauen und die Amerikan- auf einmal haben äh der Tor Lagerstor aufgemacht   alle Häftlinge sind rausgerannt   nach

[23:08] paar Minuten langsam kamen alle zurück   was war das   die monate- oder jahrelang   die äh   ohne Würde zu behandelt zu sein als Tiere   ohne jegliche Frank- äh äh Freiheit nur als Nummer zu funktionieren und auf Befehle etwas zu tun auf einmal sind wir

[23:42] frei und die Leute könnten nix äh damit zu anfangen »was sollen wir jetzt machen« hat (__) gefragt  

[23:53] ja ich hab ein Glück gehabt ein hohe (_) amerikanische Offizier hat [betont:] mich zugeteilt zu einen anderen Offizier n schwarzen Offizier ein Neger  

[24:07] und der hat aufgepasst dass drei Tage ich konnte nix Anderes zu essen nur Hershey-Schokolade Hershey ist ein Schokoladehersteller und der hat äh Schokolade für amerikanische Armee hergestellt mit alle Vitaminen mit alle Mineralien und mit Salz diese Schokolade

[24:30] war salzig und unglaublich hart und ich durfte nur das essen   warum ? die Leute welche haben monate- jahrelang nur diese äh Verpflegung gehabt welche in KZ war auf einmal waren gierig und haben schwer zu sagen gegessen gefressen und   das hat eine Reaktion

[25:02] das äh im besten Fall war das Du- Durchfall aber waren Fälle welche sind daran gestorben   und das hat der Offizier verhindert warum ich musste drei Tage nur Schokolade zu essen

[25:20] nach drei Tagen kamen zw- drei junge Polen so Mitte zwanzig der Älteste war

[25:29] so gegen dreißig der (Gustaf) heißt ja (Gustaf) Nachname hab ich nie gewusst und ich könnte nicht Kontakt aufzunehmen mich zu bedanken er war für mich nur (Gustaf)   und er fragt mich »Peter was machst du jetzt« hab ich gesagt »was weiß ich« »dann

[25:51] komm mit« ja dann geh ich mit   äh   wohin ? äh die haben schon Informationen gehabt dass äh Deutschland soll zerteilt werden auf Zonen äh d- äh Siegesmächte und die haben gewusst dass äh Ludwigslust kommt in sowjetische Zone   die [lacht] historische

[26:16] Linie zwischen Polen und Russen hat man auch dort gespürt und die wollten nur nach Westen in in äh äh andere Zonen als russische Zone und so sind wir   zu Fuß teilweise auf Fahrräder wir sin- ham Fahrräder geklaut sind wir auf Fahrräder gefahren   dann

[26:41] hat man [betont:] uns die Fahrräder äh geklaut sind wir wieder zu Fuß gegangen auf einmal in ein   Dorf haben wir ein verlassenes Haus gefunden das war äh Bürgermeisterhaus Bürgermeister mit ganze Familie äh hat Selbstmord begangen ja wir sind eingezogen  

[27:03] alles da zum [lacht] Essen äh alles war wunderbar und nach paar Tagen dort waren zwei Pferde und äh und ein äh so ein landwirtschaftliche äh nicht Gut äh und wir sind mit diese Pferde wir haben Essen eingepackt und so sind wir wieder losgezogen auf einmal

[27:35] englische Soldaten haben uns interniert und haben uns in ein ehemalige Ko- äh KZ äh geschickt wo war sauberer als äh ausgespr- äh ausgesprochen gute Verpflegung alles das hat man gemacht darum   sollen die Häftlinge nicht in Deutschland rauben   und das

[28:10] wollten sie verhindern darum haben sie wieder die ehemalige Häftlinge gekon- äh äh konzentriert und wenn von einem Land waren gesu- äh genug Leute hat man Transporte nach Hause geschickt   äh  

[28:28] in ei- in unsere Baracke ein Pole hat hohes Fieber bekommen

[28:33] hat man den Arzt gerufen   und ist diese äh äh Sanitäts- äh -wagen mit eine junge Ärztin angekommen äh das muss ich noch bemerken wie sind wir das war se- sechs Wochen äh sind wir so [lacht] getrampelt äh   wo sind wir angelangt irgendwo in ehemalige

[28:59] Lager oder so hab ich wie ein Magnetofonband hab ich gefragt »ja is hier kennen Sie nicht zufällig eine Frau H aus der Slowakei so wie so sieht sie aus« das war schon automatisch ein neues Gesicht junge äh Ärztin hab ich gefragt »ja äh kennen Sie haben

[29:24] Sie dort nicht eine Frau H aus der Slowakei die so und so aussieht« sie sagt »warum«   hab ich gesagt »weil ich bin ihr Sohn«   aber sie sagt »ja aber ist dort die Frau H aber die sieht überhaupt nicht so aus wie hast wie hast du das beschrieben« hab

[29:48] ich gesagt »ich muss diese Frau sehen«   »ja das kannst du nicht weil sie ist sehr schwer krank   sie hat äh Flecktyphus und äh Gelbsucht und die Frau hat jetzt 36 Kilo   wir müssen sie vorbereiten und komm in drei Tagen um 14 Uhr hier und hier« das war

[30:16] zwölf Kilometer äh weit äh sind wir mit mit mit äh (Gustaf) (Gustaf) wollte mich nicht allein lassen sind wir hinge- -fahren auf die Fahrräder und das war ehemalige Erholungszentrum für deutsche Offiziere nach Verletzungen so und das war [gestikuliert]

[30:40] so gebaut so wie Bergen-Belsen so gebaut wie ein Schloss in U mit so ein äh Vorgarten oder Vorhof (und dann) sind wir angekommen 14 Uhr Tor Tor war offen und wir sind   durch   [gestikuliert] äh Leute auf beide Seiten haben dort gestanden und haben auf mich

[31:09] wie ein W- W- für ein Wunder   äh g- geguckt sind wir in eine   äh Zimmer gelandet wo waren sechs Frauen [gestikuliert] drei und drei   ich bin reingekommen   und ich hab eigene Mutter nicht erkannt   auf einmal eine Frau unter der Fenster schrie auf »Peter«

[31:48] und f- fällt ab  

[31:52] ja ich bin dort geblieben   sie hat sich relativ s- äh nach- -dem dass sie erfahren hat dass sel- äh ihre Sohn lebt und ist hier hat sich erholt äh weil jetzt muss ich ein bisschen zurück greifen äh weil was hat sie bisher äh äh erlebt

[32:21] über Mann hat man keine (aber) keine äh Informationen keine Nachrichten in diesen Zeit er war schon längst tot   meine Mutter aus Ravensbrück war äh äh evakuiert in Dortmund und dort hat in Bombenfabrik gearbeitet als Schleiferin   waren bessere Verhältnisse

[32:50] weil die brauchten äh genaue Arbeit äh   es war etwas milder dort als in Konzentrationslager aber die Fabrik war bombardiert und alle äh diese äh Häftlinge hat man in Bergen-Belsen geschickt in Bergen-Belsen hat meine Mutter seine Mutter meine Oma entdeckt

[33:17] die war aus Rav- -vensbrück in Bergen-Belsen ü- äh übersetzt und die Oma war in sehr schlechtem Zustand meine Mutter hat sie gepflegt eigene Portionen äh äh ha- soll sie ein bisschen stärker sein und [betont:] das war der Grund warum wa- war sie so

[33:38] so äh schlecht das das hat diese diese Krankheiten äh äh ja äh bekommen   äh   hatten äh die haben äh   überlebt   äh die haben Engländer befreit   und meine Großmutter hat in Arme meine Mutter drei Tagen nach Befreiung gestorben   das ist eine

[34:17] Sache zweite Sache   meine Mutter lag schon in in diesen Krankenhaus und unten äh schreien Kinder spielen und jemand schreit » (Peter Peter) komm (glei-) her« sie hat keine Kraft auf Fenster gehen sie hat   seine Pa- äh eine Patientin angesprochen soll sie

[34:41] rausgucken und die fragt »ja äh   ist dort ein schwarzer Junge Peter« soll sie fragen ob s- der aus der Slowakei und der sagt »ja aus der Slowakei«   meine Mutter mit letzten Kraft hat sich auf Fenster ge-   -klettert und   hat sie festgestellt das war (Peter

[35:07] Sekel) aus Prešov   mit (Peter) hab ich vier Jahre in Schule gegangen und jetzt lebt in Prag und das war ihr letzte Enttäuschung   Großmutter   (über) Großvater hat keine I- äh Information über sein Namen keine (Illusion) keine Informationen und diese

[35:31] En- Enttäuschung dazu das hat sie total total fertig gemacht und ich bin überzeugt   wenn ich nicht Mutter gefinden habe in maximal zwei Wochen wäre sie tot   das haben alle Ärzte gesagt na ja äh

[35:56] sie hat sich äh relativ schnell erholt und auf einmal hab

[35:59] ich gehört dass ein Transport in der Tschechoslowakei   soll gehen und da hab ich zum äh Chefarzt gegangen [lacht; gestikuliert] zwei Meter groß ich war zehn Jahre alt hab ich gesagt »ja Herr Doktor   Transport geht in Tschechoslowakei und ich will meine

[36:19] Mutter mitnehmen in Tschechos-« sie hat er hat gesagt »nein das ist unmöglich deine Mutter ist nicht transportfähig noch musst du noch abwarten« hab ich gesagt »Herr Doktor auf meine Verantwortung« [lacht] zehnjähriges Junge »auf meine Verantwortung  

[36:36] ich nehme meine Mutter mit« [lacht] da hat der große Mann gesagt »ja wenn du so sagst es dann tu es«   ich hab meine Mutter mitgenommen das war eine schreckliche Fahrt drei Tage nach Prag sie war so mager äh dass äh   äh die drei Tage hat auf harten

[37:03] Bank gesessen und   keine Muskeln mehr nur   Haut und und äh Skelett sie hat äh äh Tuberkulose bekommen äh das hat man   lange   dann äh mit Schweizerische Medikamenten   äh in Ordnung gebracht äh weil Mutters Bruder der hat Auschwitz übers- äh äh

[37:40] äh überlebt äh war Arzt und der hat diese Schweizerische äh Arzneimittel beschafft ja

[37:50] sind wir nach Bra- äh Prag gekommen aus Prag nach Bratislava weitere drei Tage   können wir in Bratislava dort war so ein Informationsbüro allgemeine Informationsbüro

[38:03] sind wir ange- ham wir gefragt »oh H ist angekommen« »nein der ist tot«   dort haben wir erstmal das gehört die Nachricht dass mein Vater ist tot   aber der sagt »ja   aber   ihr   Großvater« meine Mutter »weil ihr Vater   war hier vor drei Tagen und ist

[38:37] nach Spišská Nová Ves gefahren« so haben wir er- erfahren dass Großvater hat überlebt   äh sind wir mit dem Zug wieder das war wieder zwei Tage nach Spišská Nová Ves äh alle Brücken waren zerstört das bedeutet Zug kam zum zum [lacht] äh Fluss

[38:57] alle aussteigen durch solche äh Provisorium zu Fuß laufen und in andere äh äh Zug zu umsteigen und weiter zu fahren   sind wir nach Spišská Nová Ves gekommen haben wir Großvater sich getroffen das kann man nicht beschreiben   wie d- (__) war  

[39:21] ja und

[39:28] sind wir in Spišská Nová Ves geblieben obwohl   hörte man dort Stimmen »ja sie sind mehr zurück gekommen als deportiert geworden«   ehrlich und das war nicht einzige Stadt wo diese Stimmen äh äh konnte man hören aber auch so der Großvater hat Spišská

[39:56] Nová Ves geliebt meine Mutter ist dort geboren ich bin dort geboren und obwohl   unsere liebe Mitbürger ha- haben uns in KZ geschickt   sowieso sind wir dort geblieben äh mein Problem war dass ich hab keine Schule gehabt kein Zeugnis no ich musste Differenzprüfungen

[40:26] machen und ich hab ausgezeichnet das gemacht ich bin in fünfte Klasse eingereiht und das waren Kinder in meine Alter das war in Ordnung mit äh äh Lernen und und hab ich kein Problem gehabt ich hab Probleme gehabt dass meine Denkweise war ganz anders als

[40:53] Denkweise Kinder meine Alter   ich war prinzipiell   psychologisch erwachsen   weil ich musste mich um mich kümmern   und ich war selbstständig und das war mein größtes Problem äh   wie   sollte so etwas entfernt werden oder ausgegleicht ich wollte mich

[41:27] anpassen zum zum anderen Kinder und das hat mich äh durch Sport gemacht   und das hat mich geblieben bis hohen Alter kann man sagen ich hab äh   Basketball gespielt aber das war Leistungssport erste Liga   hab ich viel Erfahrung das hat noch mein ehemalige

[41:54] Vater hat mir das Grund- äh -prinzipien äh äh gebracht und das war   die [betont:] Brücke zwischen meine Generation und mich und das hat geholfen aber ich hab ein großes Problem gehabt wie ich langsam erwachsen werde durch Puberta   ich hab Deutschland

[42:26] und Deutschen gehasst   das war selbstverständlich und damit kann man nicht ganzes Leben leben damit [betont:] muss muss ich selbst in mich etwas zu machen und hab ich ganz hart gearbeitet dass dass bin ich drauf gekommen dass die Slowaken genau waren Faschisten

[42:52] so wie Deutschen die Slowakei genau waren so anständige Leute wie in Deutschland   in Ungarn in Rumänien Jugoslawien und dass is ich ich hab kein inneres Recht ein Volk und ein Staat zu hassen und das hab ich geschafft darum bin ich auch hier ja   äh nach

[43:27] Matura   als guter Zeichner hab ich Architektur studiert dort war sehr harte Aufnahmeprüfungen von 470 haben uns 24 aufgenommen   das war harte A- Auswahl äh inzwischen hab ich sehr viel Sport gemacht   sehr viel Musik   ich hab Akkordeon Klavier und Orgel gespielt

[44:01] sogar so weit dass wir haben ähm eine Amateurkapelle aber die war so gut dass wir ha- sind äh haben in in Rundfunk Aufnahmen gemacht na ja in unsere Kapelle hat gespielt ein ein Mann welche war äh äh zehn Jahre Rektor der Hochschule [lacht] für Musik

[44:25] in Bratislava später ja äh ein sehr guter Freund bis heute treffen wir sehr oft ja äh   und noch eine Sache hab ich erfahren Studium hat mich mit äh linke Hand hab ich gemacht kein Problem alles hab ich geschafft Sport Musik Schule sogar auch Mädchen äh

[44:56]   zu Hause war Vergangenheit Konzentrationslager und Krieg Tabu wir haben darüber überhaupt nicht gesprochen überhaupt nicht nun zum Beispiel meine Fra- Frau hat nicht von mir erfahren diese Erlebnisse aber von meine Mutter   das war Tabu bis eines Tages

[45:27] kam ein Mann von Schindler-Narration und sagte »ja Schindler-Narration macht Aufnahmen   äh v- v- von Überlebenden   als Beweis oder Zeugnis für andere äh Gen- weitere Generationen   da hab ich überlegt ich hab zw- drei Tage Zeit gehabt zu überlegen hab

[46:01] ich überlegt hab ich gesagt ja   es ist mein Pflicht Aussage zu machen sollen die weitere Generationen das wissen und soll sich wehren so etwas ähnliches zu lassen darum bin ich auch hier   und das war erste Mal was hab ich meine Aussage oder wo hab ich veröffentlicht

[46:34] meine Erfahrungen   meine Emotionen   und so äh dann kam eine äh Chefredakteurin von ein äh Zeitschrift Wochenzeitschrift [trinkt]   wo kam und sagt »Peter hör mal zu   du sollst das aufschreiben« das hab ich aufgeschrieben w- in verkürzte äh

[47:14] verkürzte äh äh Version könnte man sagen auch mit Bilder und das war veröffentlicht und das hab ich auch hier äh für Frau (Ertel) die Historikin -rin äh gegeben die d- das ist in Archiv das ist äh äh in Archiv und ist jetzt übersetzt auch in deutsche

[47:40] Sprache   das bedeutet ist es zugänglich können Sie konfrontieren und ist es alles so wie wie wie dort ja  

[47:50] äh ich hab mich gewehrt nach Ravensbrück wieder zurück kommen sogar so weit   dass ich war mit Studenten auf Praxis in Waren Müritz und über Wochenende

[48:07] der Bauleiter hat organisiert Ausflug in Ravensbrück und ich hab gesagt »ja ich geh nicht« und da h- fragte »warum nicht« »ja ich bin nicht interessiert« ich wollte nicht wieder auf diese Plätze zu kommen wo hab ich das das erlebt   äh ich habe

[48:32] Einladung g- bekommen zum äh fünfzigsten Jahrestag Befreiung   war ich nicht dort hab ich abgelehnt hab ich weitere Einladungen bekommen erst äh zum sechzigsten Jahrestag hab ich gesagt ja geh ich muss ich das in sich überwinden   bin ich angekommen   das

[48:58] können Sie nicht vorstellen ich hab visuelle äh äh   ich hab in Kopf genau die Gebäude die SS-Gebäude Hauptgebäude das hab ich alles in in Kopf von von Kinderzeit auf einmal komm ich an Hauptgebäude und alle diese Häuser stehen   kann ich sagen   ich

[49:30] wusste nicht was soll ich weiter machen soll ich weiter gehen oder mich umdrehen und abhauen   ja hab ich mich überwinden äh die Leute waren sehr nett sehr freundlich es war sehr schön diese -se sechzigste Jahrestag hab ich dort äh den (__) bisher hab

[49:58] ich getroffen und da hab ich Bekanntschaft gemacht mit sehr interessante äh äh Leute es war sehr schön [betont:] aber wenn ich äh ich war untergebracht in diese SS-Häuser und wenn ich bin ins Zimmer gekommen   hab ich gesagt ja Mensch du sollst hier schlafen

[50:20] ist möglich das welche SS-Mann oder SS-Frau hat hier gelebt und geschlaft und jetzt du kommst und schlafst in diesen diesen dieselben Bett in diesen äh in diesen Haus [betont:] das war große Überwindung kann ich sagen   nicht einfach äh ich hab schon viele

[50:49] Sachen erlebt   ich kann sehr hart sein auch zu mir aber dort war ich weich  

[50:59] ja das ist äh Geschichte äh Rückkehr ins Ravensbrück aber nach Studiumbeendigung im Jahre 1960 hab ich promoviert bin ich noch nicht ganz (_) [lacht] komm ich zurück hab ich

[51:24] drei Jahre in ein Planungsbüro gearbeitet und dann bin ich auf äh äh konkurz wie heißt konkurz deutsch äh Ausschreibung äh auf der Fakultät äh gelandet als Oberassistent äh als Nicht- äh   -parteimitglied könnte ich nicht Dozent sein äh Entwurf

[51:57] an mein mein Dozentur ha- muss man drei Mal äh überschreiben weil immer ein neues Muster [lacht] war so lange hat das dort geliegen aber im Jahre 1987 hab ich habilitiert und bin ich als Dozent a- äh anerkannt und nach äh äh nach Wende im Jahre neunzehnhundert-

[52:23]   -vierund- -fünfundneunzig bin ich als Professor hab ich inauguriert das war wieder eine Arbeit äh und   Jahre 2005   hab ich vom Rektor den Ehrentitel und wissenschaftliches Rat Ehrentitel Professor Emeritus bekommen   no und jetzt und jetzt bin ich auch

[52:57] als Professor Emeritus hier bis Jahre äh ich habe gearbeitet an der Fakultät bis dreißigsten Juni 2008 das bedeutet ein Jahr bin ich Pensionist in Ruhestand   ich glaube das wäre alles haben Sie Fragen bitte ?

Daniel Baranowski

[53:19] erstmal vielen Dank dafür dass Sie das jetzt so erzählt haben ähm ich würd ganz gern nochmal an den ganz an den Anfang zurück springen Sie haben erwähnt jetzt im Nachhinein dass Ihre Mutter auch aus Spišská Nová Ves stammte Ihr Vater auch ?

Peter Havaš

[53:34] äh äh nein der kam äh v- von der Nähe a- von Košice

Daniel Baranowski

[53:38] ah von Košice

Peter Havaš

[53:40] ja

Daniel Baranowski

[53:42] und Ihre Eltern haben sich dann dort aber kennen gelernt

Peter Havaš

[53:44] ja das weiß ich nicht ich ich war nicht dabei

Daniel Baranowski

[53:47] ja nein das äh vermute ich   wissen Sie denn wie Ihre Eltern Sie waren damals drei wenn sie 35 geboren sind ähm wie Ihre Eltern die Vorgänge Sie sind ja in der Tschechoslowakei noch geboren

Peter Havaš

[53:59] [gleichzeitig:] ja ja darum bin ich ein Tschechoslowake

Daniel Baranowski

[54:01] wie Ihre Eltern die Vorgänge ähm Abtretung Reichspr- -protektorat Böhmen und Mähren Teilung der Tschechoslowakei wahrgenommen haben war das n Thema mal oder haben Sie im Nachhinein was darüber gehört ?

Peter Havaš

[54:12] [gleichzeitig:] ja bestimmt schon weil mein Großvater war ein großer Tschechoslowakist   ein großer Masaryk -äh äh -Bewunderer und dasselbe meine Mutter   das ich bin auch Blut- äh [lacht] -tschechoslowake

Daniel Baranowski

[54:32] wann sind Ihre Eltern geboren eigentlich ?

Peter Havaš

[54:35] bitte ?

Daniel Baranowski

[54:38] [betont:] wann sind Ihre Eltern geboren in welchem Jahr ?

Peter Havaš

[54:40] äh Vater 1902 und Mutter neuzenhundert- -elf ich hab noch nicht erwähnt der Großvater hat bis einundachtzigsten Jahr gelebt und hat in Jahre 1965 gestorben die Mutter hat bis neunzigsten Jahr über neunzigsten Jahr gelebt äh und in neunzig und halb Jahren

[55:11] am e- ersten Jänner 2002 ist sie gestorben bis zum Ende hat sie ganz klares Kopf nur Körper ist [gestikuliert]   äh weg und was ist interessant äh am Silvestertag das war Tag vor ihren Tod sind wir me- mit meine äh jetzige Frau ja [gestikuliert] das hab

[55:43] ich nicht erwähnt Mensch äh mit äh äh meine äh jetzige Frau meine Schwester und Schwager waren wir so um fünf Nachmittag Mutter b- besuchen ja vorher ja die Mutter war schon mehr im Krankenhaus wie wie wie wie äh zu Hause der letzten Jahren waren bei

[56:08] mir ich hab sie gepflegt aber (da waren) mehr im Krankenhaus als zu Hause aber zum Weihnachten haben sie ein Urlaub gegeben sie war bei mir   und sie hat ein äh   Weihnachtsabendessen so vorbereitet wie in Kinderzeit   komplett   ich hab die meine Frau (Susanne)

[56:38] äh gebracht und auf einmal Tisch so bedeckt und wie in Kinderzeit das war unglaublich sie war über neunzig Jahre alt   haben wir gegessen es war sehr schön   nach Abendessen auf einmal hat sie eine hohes Fieber bekommen und so ein [gestikuliert]   wie sagt

[57:07] man

Daniel Baranowski

[57:09] Zittern

Peter Havaš

[57:11] Zittern   ich hab äh Rettungswagen äh geholt haben wir zurück ins Krankenhaus do- dort wo sie war zu Hause   und äh ist auf Intensivsta- -station gegangen weil das war der letzte Schrei könnte man sagen was hat sie gemacht diese Abendessen [lacht und weint]

[57:39] ja äh äh   wir waren um fünf Uhr nachmittags äh ein neues Jahr zu wünschen und so mit jeden hat sie sich verabschiedet und zu mir sagt   »du Peter obwohl wir waren in KZ das Leben war schön« und morgen früh ist gestorben [weint]   Entschuldigung  

[58:17] ja und noch ein zwischen   soll ich zum- -rück zum zum ganzes Lebenslauf im Jahre 1962 hab ich geheiratet   mit eine Tschechin ich bin Tschechoslowake   wir haben einen Sohn gehabt ein wunderbares f- das war   ein Meter äh neunzig groß [gestikuliert] so ein

[58:50] Schrank Sport von so [zeigt Größe] ein äh Alter hab ich ihn zum Skifahren äh mitgenommen äh ja das hab ich nicht erwähnt ich hab Prüfungen gemacht als Skilehrer und immer in Winter hab ich Urlaub gemacht und hab ich paar Kurse als Skilehrer absolviert

[59:10] und mein Sohn mit   äh

Daniel Baranowski

[59:16] als Lehrer der Sohn ?

Peter Havaš

[59:18] bitte ?

Daniel Baranowski

[59:20] als Lehrer der Sohn auch oder Sie haben den unterrichtet ?

Peter Havaš

[59:22] ich hab unterrichtet

Daniel Baranowski

[59:25] [gleichzeitig:] ah ja

Peter Havaš

[59:27] der So- der Sohn war [zeigt die Größe]

Daniel Baranowski

[59:29] ach so als der so klein war

Peter Havaš

[59:31] ja ja ja äh inzwischen ist er als ausgezeichneter Skifahrer und Bergsteiger ich hab das auch gemacht und ich hab 35 Jahre äh war ich tätig als Skilehrer sogar im Jahre 1968 hab ich Prüfungen [lacht] hab ich Österreich gehabt ich hab auch Österreichisches

[59:46] Ausweis als Skilehrer ja äh   er war sportlich äh er hat äh Fakultät für Maschinenbau beendet   war a- beim Militär und hat Urlaub bekommen äh im Jahre neunzehnhundert- äh - neunund- äh -achtzig hat Urlaub zum Weihnachten bis bis Neujahr bekommen war

[1:00:13] er zu Hause und ich habe gefragt » (Peter) gehen wir oben auf die Hütte« »ja gehen wir« aber war kein Schnee wir haben Ski aber wir haben nicht mitgenommen   nur in Bergsteigerau- -ausrüstung sind wir angekommen aber in Nebenhütte sein Freund hat sich

[1:00:35] aus Österreich neue skialpinistische Ski und Schuhe gebracht und das wollte er ausprobieren ausgezeichnete Skifahrer auch aber war kein Schnee nur in [gestikuliert] solchen äh äh Schluchten waren solche Schneezungen   [lacht] ein normale Skifahrer kann drauf

[1:00:57] überhaupt nicht (draufstehen) und das war so [gestikuliert] steil   und der Junge hat das ausprobiert hat zwei drei Bogen gemacht schreit er »je das geht ausgezeichnet«   und fährt weiter ist äh auf einmal sehr ab- abgestürzt die Beine sind es war Eis

[1:01:20] oder was äh und ist abgestürzt 300 Meter in eine Schlucht   mein Sohn in Bergsteigerschuhe äh rannte ich ihn retten aber auf diese- -selbe Stelle hat sich äh ist abs- ab- abgestürzt und dort wo der Junge mit Arm und Skie auf eine Stein riesige Stein äh

[1:01:52] geprallt ist mein Sohn in diese   mit Kopf   er hat noch gelebt der andere Junge mit letzten Kraft hat sich hochgeklettert das war ungefähr 400 Meter aber [gestikuliert] so steil hat Bergwacht informiert die kamen um 18 Uhr und der (Peter) war schon tot   der

[1:02:24] (Peter) war schon tot   aber er hat sein Tod gefunden [winkt ab; weint]   meine Schuld   ich hab die Liebe zu den Bergen   hab ich ihm gepflegt das war meine [zeigt auf sich] Schuld   und das war zwei Tage vor seinen siebenundzwanzigsten Geburtstag   aber

[1:03:05] jetzt Schluss kann ich nicht weiter   aber in Zeit sind wir gut oder ? [Schnitt]

Daniel Baranowski

[1:03:13] im November und sind Sie in der Zwischenzeit die ganze Zeit in äh Ihrer Heimatstadt noch gewesen ?

Peter Havaš

[1:03:18] [gleichzeitig:] ja ja ja ja ja

Daniel Baranowski

[1:03:21] [gleichzeitig:] mhm

[1:03:23] und Sie sind dort dann ähm verhaftet worden

Peter Havaš

[1:03:25] ja äh und nach Krieg sind wir wieder in diesen Heimatstadt gelebt

Daniel Baranowski

[1:03:32] [gleichzeitig:] ja

Peter Havaš

[1:03:34] mit unsere [betont:] lieben Mitbürger welche haben die schwarzen Uniformen ausgeziehen und auf einmal waren Kommunisten

Daniel Baranowski

[1:03:41] ja

Peter Havaš

[1:03:43] jetzt sind Demokraten   mit diesen Leuten haben wir dort gelebt [betont:] aber wie mein Großvater so mein Mutter und ich   lieben die Stadt und Umgebung ist wunderschön Zips ist wunderschön soll Sie einmal hinfahren wunderschön natürliche äh äh äh Schönheiten

[1:04:10] äh mit Hohe Tatra und andere Attraktivitäten

Daniel Baranowski

[1:04:16] [gleichzeitig:] mhm

Peter Havaš

[1:04:18] und jeden Dorf gibts eine historische   Bedeutung hat äh   spürt man das Zips auch in Vergangenheit war äh kulturell sehr hoch war (auch in) Vergangenheit   äh ich glaube das war Verdienst von Deutschen welche da haben das besiedelt die haben die Kultur

[1:04:51] mitgebracht das muss man zulassen

Daniel Baranowski

[1:04:54] mhm

Peter Havaš

[1:05:06] und das spürt man in ganze Zips und wir haben ja   äh ich sage ich bin Tschechoslowake

Daniel Baranowski

[1:05:08] Sie sagen Sie sind Tschechoslowake

Peter Havaš

[1:05:11] bitte ?

Daniel Baranowski

[1:05:14] Sie sagen Sie

Peter Havaš

[1:05:16] [gleichzeitig:] ich

Daniel Baranowski

[1:05:18] sind Tschechoslowake

Peter Havaš

[1:05:20] äh prinzipiell ich bin ein Kos- Kosmopolitiker aber ich liebe unser Land nicht Leute nicht Volk   Land   die ist wunderbar und Leute ich hab ich gelernt kategos- kategorisieren nur als gute Leute oder anständige Leute und schlechte Leute is egal mit welche

[1:05:46] Sprache sprechen welche Religion in welche Kirche gehen   welche Farbe Haut haben mir ist egal   sind gut und schlecht [betont:] überall überall   ja äh was wollten Sie noch fragen ?

Daniel Baranowski

[1:06:07] ähm

Barbara Kurowska

[1:06:10] [gleichzeitig:] ich wollte vielleicht fragen wie ähm ob Sie die Namen Ihrer Eltern und Großeltern nennen könnten denn Sie

Peter Havaš

[1:06:15] [unterbricht:] bitte ?

Barbara Kurowska

[1:06:17] können Sie die Namen Ihrer Eltern und Großeltern nennen Sie haben die Namen noch gar nicht gesagt

Peter Havaš

[1:06:20] [gleichzeitig] meine Ma- meine Mutter heißt (Lili) H geboren (Heubergerova) der Großmutter war (Bianka Heubergerova) geboren (Klein) und Großvater war (Eugen Heuberger)   und ich bin Peter H

Barbara Kurowska

[1:06:47] und Ihr Vater ?

Peter Havaš

[1:06:49] (Zoltan) H   [leiser:] (Zoltan) H  

Barbara Kurowska

[1:06:53] und ähm könnten Sie vielleicht sagen wie Ihr Leben zwischen 42 als Ihr Vater deportiert wurde und 44 ausgesehen hat also wie wie haben Sie da gelebt wie sah Ihr Leben zu der Zeit aus

Peter Havaš

[1:07:07] so wie in wie in Gefängnis die Juden darf nicht in Park gehen die Juden dürfen nicht in Kino gehen die Juden äh äh dürfen äh äh nach äh acht Uhr a- abends äh in die Straße gehen   die slowakische antijüdische Gesetze waren viel strenger als nur die

[1:07:33] bekannten Nürnberger äh äh antijüdische Gesetze und eine Sache habe äh ich nicht erwähnt dass Slowakei der slowakische klerofaschistische Staat Slowakei war einziges Land welche hat den Deutschen gezahlt 500 D-Mark für jeden deportierten Jude   Slowakei

[1:08:02] hat [betont:] bezahlt   deportiert äh und das ist ein Moment über welche soll man auch überlegen was wollte ich weiter sagen ja   Slowake- slowakische Staat äh äh Kriegs- in Kriegszeit diese Hitlers verlängerte Hand ja das war ein klerofaschistischer Staat

[1:08:32] Präsident war Jozef Tiso ein äh katholischer Pfarrer und er hat   aus Slowakei ein katholische Pfarre gemacht von ganze Slowakei die Juden waren total abgeschrieben und die äh Protestanten waren in keine hohe Funktion alles wurde abgeschoben nur Katholiken

[1:09:09] und   das finde ich und das spürt man in Polen [zeigt auf Barbara Kurowska] dass die katholische Kirche kann in Entwicklung eine Land und bei Aufziehung der Volk hat riesige Schaden angerichtet und richtet immer an   zum Beispiel bei uns haben wir einen   Arci-Bischof

[1:09:54] gehabt namens Sokol der is   drei und ungefähr drei oder vier Jahre älter als ich der hat ein Interview in Fernsehen gegeben wo er hat nur Lob auf slowakischen Staat und auf Tiso   wie wie guter Staat das war überall äh äh war Hunger wir haben was zu essen  

[1:10:19] ja äh äh äh jüdische äh äh alles äh geschnappt   und so   und ist dort ein Ansatz äh ja äh diese verschiedene Da- äh Gedanken oder sind durch Pfarrer in in die Kirche auf Volk übergegeben und so und jetzt ist so ein Trend das hat eben der Sokol d-

[1:11:05] äh sie wollten der Tiso der Kriegsverbrecher welcher war aus- aufgehängt er war als äh äh Kriegsverbrecher äh   und war äh zum zum Toten verurteilt war aufgehängt sie wollen den Tiso als Heiligen zu äh machen und   diese Strömung ja und das ist noch

[1:11:44] untergemalt mit Nationalismus   [leiser:] was ist relativ   nicht gut das ist gefährlich allgemein   die neonazistische Bewegung sind überall aber dort wo   w- im Prinzip die faschistische Ideen durch Kirche auf Volk   zu verbreiten das ist sehr gefährlich und

[1:12:29] ich glaube auch Rom könnte über diese Sachen nicht begeistert sein   na ja aber das ist Zustand in Slowakei und ich bin Architekt und ich [lacht] soll nicht politische äh Stellungen zu nehmen

Daniel Baranowski

[1:12:47] darf ich noch mal nach Ihrem Vater fragen ähm   Sie haben äh gehört äh er ist abgeholt worden er ist deportiert worden und Sie haben dann im Nachhinein gehört dass er wahrscheinlich nach Majdanek gekommen ist

Peter Havaš

[1:13:03] äh nicht wahrscheinlich bestimmt

Daniel Baranowski

[1:13:06] [gleichzeitig:] mhm

Peter Havaš

[1:13:08] aber ob er dort ermordet war oder äh weil äh dann war der der So- Sober- wie heißt er   Konzentrationslager Näh- Nähe

Daniel Baranowski

[1:13:18] Sobibor

Peter Havaš

[1:13:20] wie ?

Daniel Baranowski

[1:13:23] Sobibor

Peter Havaš

[1:13:25] Sobibor ob nicht weil äh riesige Menge v- aus Majdanek waren nach Sobibor geschickt und dort waren ermordet und das

Daniel Baranowski

[1:13:31] das war 42 dann

Peter Havaš

[1:13:35] ja   43 !

Daniel Baranowski

[1:13:38] 43  

[1:13:40] und Sie haben in der Zeit aber in dem elterlichen Haus noch gelebt

Peter Havaš

[1:13:42] ja äh nein wir haben Wohnung gehabt

Daniel Baranowski

[1:13:46] [gleichzeitig:] mhm

Peter Havaš

[1:13:48] und w- wir müssten [lacht] in kleinere Wohnung ziehen

Daniel Baranowski

[1:13:51] [gleichzeitig:] mhm

Peter Havaš

[1:13:53] weil äh ein Gardist hat Lust auf unsere Wohnung gehabt [lacht]

Daniel Baranowski

[1:13:55] mhm   und ich versuch mir das immer so ähm vorzustellen äh wie das dann konkret ähm stattfindet also Sie wurden dann eines Tages einfach aufgefordert aus der Wohnung rauszugehen

Peter Havaš

[1:14:06] ja

Daniel Baranowski

[1:14:08] [gleichzeitig:] Sie mussten in eine kleinere

Peter Havaš

[1:14:11] ja ja

Daniel Baranowski

[1:14:13] Wohnung ziehen

Peter Havaš

[1:14:15] das ist kein Problem bei bei äh äh solchen Gesetzen   kein Problem

Barbara Kurowska

[1:14:20] und haben Ihre Großeltern gearbeitet und Ihre Mutter hat sie gearbeitet zu der Zeit oder wie wie haben Sie ?

Peter Havaš

[1:14:26] äh   Großvaters Geschäft hat [betont:] arisiert das ist der Ausdruck arisiert ein äh Großvaters Angestellter er war relativ ordentlich in Ordnung   hat auch geklaut aber prinzipiell war er in Ordnung und hat Großvater in Geschäft [betont:] ertragen   so

[1:15:04] äh weil Großvater war Fachmann und er war etwas weniger Fachmann und na- und nach dem Krieg hat er Geschäft zurück gegeben [lacht] aber mit ganz leere Lager und der Lager war voll   na ja   und da- [lacht] der Vater hat äh Großvater hat Geschäft

[1:15:35] zurück bekommen im Jahre 48 kamen die Kommunisten [lacht] haben den Geschäft wieder wegzunehmen der der Großvater war angestellt dort in diesen Geschäft das war schon staatlich so äh ich weiß nicht ob ihr seids aus ehemalige DDR oder Bundesrepublik aber

[1:15:55] in DDR könnte man au- private Unternehmungen haben bis fünf Leute bis fünf Angestellte waren private Kneipen äh ja   bei uns wir waren immer papstlicher als Papst [lacht] und bei uns war [betont:] alles verstaatlicht und was hat es gebracht [lacht] das

[1:16:21] haben wir keine äh äh Fachleute   keine Fachleute weil diese Privatmänner die haben die junge äh aufgezogen f- und und und gelernt und   alles war verstaatlicht   und [lacht]   sogar mein Großvater   mit seinen siebzigsten ich weiß nicht   oder welchen

[1:16:58] Jahren in Geschäft angestellt die Leiterin war eine Kommunistin das ist klar Verdienste ja und noch zwei Frauen war dort ich weiß nicht was die zwei Frauen äh äh haben getan aber wenn ist äh äh äh wenn ist ein Lieferung gekommen dann musste mein Großvater

[1:17:24] in siebzigsten Jahrestag das alles auftragen [lacht]   Kühlschränke und und und und und er hat das gemacht   er war in sehr gutem physischen Zustand ja das kann ich mich erinnern er war bald achtzig Jahre alt ich kam zu ihm er hat sein Familienhaus nach Krieg

[1:17:47] gekauft dann   und hab ich nich gefunden auf einmal von Baum von oben schreit mein Großvater »hier bin ich« hab ich gesagt »komm hinunter ich werde das pflücken noch das sollst du hinunterfallen [lacht] in achtzig Jahren«  

Daniel Baranowski

[1:18:12] ähm   Sie haben gesagt dass Sie dann aus der Stadt nach Auschwitz deportiert worden sind wissen Sie wie lang die Reise äh

Peter Havaš

[1:18:28] [unterbricht] aus Prešov

Daniel Baranowski

[1:18:30] aus Prešov

Peter Havaš

[1:18:32] aus Prešov

Daniel Baranowski

[1:18:35] wissen Sie wie lang die Reise ähm dauerte die Fahrt

Peter Havaš

[1:18:37] [gleichzeitig:] drei Tage und drei Nächte ja und ein Versuch war in diesem Transport gemacht die   äh wollten   also soll alles schneller gehen und die wollten schon   äh in Waggons die Leute äh äh vergasen das sollen bald [gestikuliert] ins Krematorium

[1:19:02] gehen und das haben versucht das haben wir so festgestellt dass wir Kinder sind auf F- Boden gesessen deswegen wir haben kein Problem gehabt aber die Männer welche haben gestanden waren total aus Gesicht die die haben äh neben gesprochen der Zyklon B der

[1:19:24] war leichter als Luft und der war [gestikuliert] in obere Geschicht äh wir waren geschützt und das hat nicht funktioniert weil die Waggons waren nicht genug dicht

Daniel Baranowski

[1:19:35] also man hat Zyklon B in die Waggons eingeschmissen

Peter Havaš

[1:19:41] [gleichzeitig:] [nickt] ja

Daniel Baranowski

[1:19:43] [gleichzeitig:] während der Fahrt

Peter Havaš

[1:19:45] ja

Daniel Baranowski

[1:19:48] und weil die weil die Waggons nich abgedichtet waren ähm so Ritzen oder so hat es nicht

Peter Havaš

[1:19:50] [gleichzeitig:] äh äh hat ha- hat nich diese äh äh diese äh äh Ergebnis gebracht was was die wollen

Daniel Baranowski

[1:19:55] ja und dann sind Sie weitergefahren

Peter Havaš

[1:19:58] ja

Daniel Baranowski

[1:20:01] wussten Sie zu dem Zeitpunkt

Peter Havaš

[1:20:05] nein

Daniel Baranowski

[1:20:09] was

Peter Havaš

[1:20:11] nein nachträglich

Daniel Baranowski

[1:20:13] das Ziel ist der Reise ?

Peter Havaš

[1:20:16] n- na überhaupt nicht

Daniel Baranowski

[1:20:18] einen Ort wussten Sie nicht ?

Peter Havaš

[1:20:20] [sehr bestimmt] nein

Barbara Kurowska

[1:20:22] wurde Ihnen irgendetwas gesagt wohin es gehen soll oder

Peter Havaš

[1:20:25] [gleichzeitig:] bitte ?

Barbara Kurowska

[1:20:27] wurde irgendetwas gesagt in wohin Sie fahren gab es irgendeine offizielle Ansage oder ?

Peter Havaš

[1:20:29] wir haben keinen Reiseführer [schmunzelt]   nein

Daniel Baranowski

[1:20:32] und dann waren Sie nur ein paar Stunden oder so dort weil Sie sagten ähm dass Sie der einzige Transport waren aus ner Reihe von Transporten

Peter Havaš

[1:20:35] [gleichzeitig:] an der Rampe

Daniel Baranowski

[1:20:37] die [betont:] nicht geblieben sind dort

Peter Havaš

[1:20:39] maximum eine Stunde

Daniel Baranowski

[1:20:41] sind Sie dann ausgestiegen ?

Peter Havaš

[1:20:44] sind wir ausgestiegen ha-

Daniel Baranowski

[1:20:46] [gleichzeitig:] oder mussten

Peter Havaš

[1:20:48] haben wir Wasser bekommen diese diese äh äh Steckrübensuppe und wieder [gestikuliert] zurück ins Waggon

Daniel Baranowski

[1:20:52] und das war

Peter Havaš

[1:20:54] keiner weiß warum

Daniel Baranowski

[1:20:57] das war kalt

Peter Havaš

[1:20:59] [unterbricht] aber das war [betont:] diese Rampe

Daniel Baranowski

[1:21:01] [gleichzeitig:] ja

Peter Havaš

[1:21:04] wo die Selektion hat man gemacht und wo Mengele hat sich ausgesucht und und und und und darüber wissen Sie etwas

Daniel Baranowski

[1:21:09] [gleichzeitig:] ja

Peter Havaš

[1:21:12] oder ?  

Daniel Baranowski

[1:21:14] und haben Sie sich da unterhalten können in dieser Gruppe über das was Sie da um sich herum sehen   oder war das ging es einfach um was anderes waren Sie froh was zu essen zu haben

Peter Havaš

[1:21:24] [gleichzeitig betont:] ich war neun Jahre alt

Daniel Baranowski

[1:21:27] mhm   wissen Sies nicht mehr  

Peter Havaš

[1:21:33] also ?

Barbara Kurowska

[1:21:37] ähm vielleicht noch als Sie in Ravensbrück waren hatten Sie irgendwelche Kontakte zum Frauenlager oder wussten Sie von

Peter Havaš

[1:21:43] [gleichzeitig; schüttelt den Kopf] nein nein überha- [betont:] überhaupt nicht

Barbara Kurowska

[1:21:46] haben Sie die äh

Peter Havaš

[1:21:48] [unterbricht] dabei äh äh ist es äh in in äh äh Nachbarschaft   äh dort waren die Wachtürme und und äh die ka- ka- konnte man überhaupt nicht zum zum Zaun gehen in diesen Moment haben geschießen   nein   äh sind Männer welche haben Kontakt gehabt

[1:22:16] das das waren Fachleute welche außer   Konzentrationslager haben repariert was weiß ich Wasserleitungen repariert Kanalisation und die müssen dann reparieren auch in Frauenlager und dort haben was erfahren aber das war s- spontan und und   sehr selten  

Barbara Kurowska

[1:22:44] ähm

[1:22:47] Sie haben gesagt dass Sie dann äh später nach dem Krieg diesen äh Mithäftling aus dem Lazarett wieder getroffen haben

Peter Havaš

[1:22:54] [gleichzeitig:] ja

Barbara Kurowska

[1:22:56] den Ungarn der über Ihnen waren und dass Sie (Gustaf) vielleicht gesucht hätten aber Sie kannten seinen Namen nicht

Peter Havaš

[1:23:00] [gleichzeitig:] nein nein

Barbara Kurowska

[1:23:02] haben Sie versucht generell ähm Kontakt aufzunehmen tu- zu ehemaligen Mithäftlingen oder

Peter Havaš

[1:23:06] hab ich versucht durch Rote Kreuz durch durch durch durch   hab ich keine Nachname gewusst (Gustaf) wie viele (Gustaf) äh äh gibts   nein das mein Schuld schwer zu sagen mein Schuld no in in in in äh neuneinhalb Jahren äh endlich war nicht Nummer aber äh

[1:23:31] Namen (Gustaf) und Peter und äh äh ja d- das könnts ihr nicht verstehen   was in uns und in diesen Leuten ist umgegangen (glauben Sie) zurück als Mensch zu sein ich kann hingehen wo ich will   ich kann mich hinsetzen ich ka-   das waren Begriffe äh s-  

[1:24:05] ja das kann man nicht erklären äh ich könne das auch nicht in Muttersprache erklären [lacht] nicht noch in in fremde Sprache äh diese   Emotionen oder diese   was in uns gelaufen ist das   ja und   äh bestimmt alle Überlebende haben ein bisschen andere

[1:24:51] äh Werthierarchie als Leute welche haben das nicht erlebt   und das ist verständlich   und bestimmt sind Leute welche äh leben in Vergangenheit die sind unglücklich ja ich habe ja gesagt bist du hier hast du überlebt dann gehen wir mit anderen   schwimmen

[1:25:32] mit anderen essen und (mit) anderen kommunizieren äh   diese meine Geschichte wenn das möchte jemand als Szenario für Film aufgeschrieben das äh klingt aus- ausgedacht   das was was hab ich überlebt und in welche Umständen habe ich meine Mutter gefunden

[1:26:02] das waren zwei Sachen   Zufall Glück und Wunder [zählt mit den Fingern]   Ende  

Barbara Kurowska

[1:26:15] was hat Ihre Mutter nach dem Krieg gemacht also sie ist dann

Peter Havaš

[1:26:21] [unterbricht] sie äh sie äh war in Geschäft als äh an der Kasse hat gesessen   aber äh sie war In- Invalidität und äh zeitweise hat sie gearbeitet zeitweise nicht   und hat ausgezeichnet gekocht [lacht]

Barbara Kurowska

[1:26:39] und hatten Sie eine enge Beziehung zu ihr auch die ganze Zeit nach dem Krieg

Peter Havaš

[1:26:44] noch engere das kann man nicht beschreiben und nicht bewerten das war etwas mehr als Beziehung [weint] Sohn Mutter und Mutter Sohn   ja nachdem was haben wir erlebt und so mir ist klar   nein lassen wir das so es hat gereicht   sich zu (sparen) äh äh

[1:27:30] in Vergangenheit und in Gefühlen und   nich sehr gesund

Daniel Baranowski

[1:27:33] okay dann bedanken wir uns bei Ihnen dass Sie sich sehr kurzfristig ja auch bereit erklärt haben   zu sprechen   ja vielen Dank

Peter Havaš

[1:27:45] ja das   hab ich als innere Verpflichtung gemacht   ich spür diese innere Verpflichtung so etwas zu machen wenn das so zum guten Zwecken dienen soll ja

Daniel Baranowski

[1:28:05] wir können ja vielleicht noch zum Schluss kurz sagen dass Sie auch an diesen Generationentreffen in Ravensbrück immer teilnehmen wo Sie mit Schülern ich weiß nicht genau was das ist mit Schülern zusammen kommen

Peter Havaš

[1:28:15] wir diskutieren

Daniel Baranowski

[1:28:19] ja

Peter Havaš

[1:28:22] zwei Tage haben wir g- diskutiert in Gruppen

Daniel Baranowski

[1:28:24] ja

Peter Havaš

[1:28:26] und die sind   aufgeklärt   überlegen sehr logisch das ist sympathisch und   sehr gute Fragen haben gestellt   sehr gute Fragen das das ich kann mich nicht so ausdrücken in deutsche Sprache wie in slowakische Sprache zeitweise habe ich auch auch Schwierigkeiten

[1:28:54] die Worte zu finden das so zu formulieren wie es   w- wie ich das gedacht habe   ja [blickt auf Uhr]

Daniel Baranowski

[1:29:07] okay

Peter Havaš

[1:29:08] sind wir gut ?

Daniel Baranowski

[1:29:08] danke ja danke

Datum Ort Text
ab 1935 Zipser Neudorf Geburt als Sohn eines Elektroingenieurs
ab 1944 Auschwitz II-Birkenau (Vernichtungslager) Deportation von Zipser Neudorf über Preschau in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau
ab 1944 Ravensbrück (Konzentrationslager) nach wenigen Stunden Aufenthalt in Birkenau Deportation in das KZ Ravensbrück
1944 - 1945 Ravensbrück (Konzentrationslager) Häftling im Männerlager
ab 1945 Zipser Neudorf Rückkehr über Pressburg nach Zipser Neudorf
ab 1945 Wöbbelin (Konzentrationslager) Evakuierung in das KZ-Außenlager Wöbbelin bei Ludwigslust
ab 1945 Wöbbelin (Konzentrationslager) Befreiung durch amerikanische Truppen
ab 1960 Slowakei Beendigung des Studiums der Architektur, anschließend Promotion
ab 1962 Slowakei Hochzeit mit einer Tschechin
ab 1987 Slowakei Habilitation und Anerkennung als Dozent
ab 1989 Slowakei tödlicher Unfall des Sohnes bei einem Ausflug in den Bergen
ab 2002 Slowakei Tod der Mutter
ab 2005 Slowakei Ernennung zum Professor Emeritus
ab 2005 Fürstenberg/Havel erster Besuch der Gedenkstätte Ravensbrück zum sechzigsten Jahrestag der Befreiung
ab 2007 Fürstenberg/Havel Teilnahme am 3. Ravensbrücker Generationenforum
ab 2008 Slowakei Pensionierung
ab 2009 Fürstenberg/Havel Teilnahme am 5. Ravensbrücker Generationenforum
Peter Havaš wurde am 11. September 1935 als Sohn des Elektroingenieurs Eugen Havaš und seiner Ehefrau Lili Havašova in Zipser Neudorf geboren. Die damals tschechoslowakische Kleinstadt lag am Fuß der Hohen Tatra, weshalb Peter Havaš ein enges Verhältnis zu den Bergen entwickelt hat. Im Jahr 1939 wurde er erstmals bewusst als Jude ausgegrenzt, als eine junge Freundin nicht mehr mit ihm spielen wollte. Die offiziellen Diskriminierungen führten dazu, dass er die Schule nicht weiter besuchen konnte.
Peter Havaš` Vater wurde 1941 zunächst aufgrund seiner Aktivitäten in einer kommunistischen Gruppierung festgenommen, kehrte aber noch einmal zu seiner Familie zurück, bevor er im Jahr 1942 von der Hlinkova Garda verhaftet und in das KZ Majdanek deportiert wurde. Erst nach dem Krieg erhielt Peter Havaš Nachricht darüber, dass sein Vater gestorben war. Den Todesort erfuhr er jedoch nie.
Im November 1944 wurden auch Peter Havaš, seine Mutter und sein Großvater deportiert. Zunächst wurden sie in das Sammellager Preschau verschleppt und von dort zum Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Aus unbekannten Gründen war dieser Zug der einzige, dessen Insassen nicht direkt in Auschwitz ermordet, sondern weiter in das KZ Ravensbrück deportiert wurden. Von November 1944 bis zum Frühling 1945 war Peter Havaš Häftling des Männerlagers in Ravensbrück. Durch seine Arbeit in der SS-Küche und einen verlängerten Lazarettaufenthalt lebte er in besseren Verhältnissen, was ihm möglicherweise das Leben gerettet hat.
Im Frühling 1945 wurde er in das KZ Wöbbelin bei Ludwigslust evakuiert. Dort befreiten ihn amerikanische Truppen am 2. Mai 1945. Da ein amerikanischer Offizier sich um ihn kümmerte und ihm zunächst nur amerikanische Militärschokolade zu essen gab, überstand Peter Havaš die ersten Tage nach der Befreiung gut.

Kurz nach der Befreiung verließ Peter Havaš gemeinsam mit einem polnischen Freund zu Fuß und auf dem Fahrrad die zukünftige sowjetische Zone. Wie ein »Tonband« fragte er jeden Menschen, den er traf, nach seiner Mutter. Dank dieser Beharrlichkeit gelang es ihm, seine Mutter in einem Krankenhaus aufzuspüren. Der physische und psychische Zustand von Lili Havašova war so schlecht, dass sie nach Meinung der Ärzte bald gestorben wäre, wenn ihr Sohn sie nicht gefunden hätte. Schon bald darauf machten sich Peter Havaš und seine Mutter auf eigene Verantwortung auf den Weg zurück in die Tschechoslowakei.
In Pressburg angekommen erfuhren sie, dass der Vater gestorben war, der Großvater jedoch überlebt hatte und sich bereits in Zipser Neudorf befand. Peter Havaš kehrte mit seiner Mutter ebenfalls nach Zipser Neudorf zurück und obgleich er vom Verhalten seiner Mitbürger während des Krieges und zum Zeitpunkt seiner Wiederankunft enttäuscht war, blieb er dort, da er – genau wie seine Mutter und sein Großvater – eine ausgeprägte Verbindung zur Stadt und zur Schönheit der Umgebung hatte.

Nach dem Krieg besuchte er wieder eine Schule, wo er gut zurecht kam, obwohl ihm viele Jahre fehlten. Da er durch die Verfolgung das Gefühl hatte, sehr viel erwachsener zu sein als andere Kinder seines Alters, bereitete ihm der Umgang mit seinen Altersgenossen zunächst Schwierigkeiten. Durch den gemeinsamen Sport gelang es ihm jedoch, eine Brücke zwischen ihnen und sich zu bauen. Darüber hinaus fiel es ihm schwer, seinen Hass gegen die Deutschen zu akzeptieren, da seiner Meinung nach niemand das Recht habe, ein Volk zu hassen.
Eine lange Zeit war das in der Vergangenheit Erlebte ein Tabu für Peter Havaš. Erst als eine Mitarbeiterin vom Visual History Archive ihn um einen Zeitzeugenbericht bat, brach er sein Schweigen.

Bis zum Jahr 2005 weigerte sich Peter Havaš, nach Ravensbrück zurückzukehren. Erst auf die zweite Einladung hin nahm er am Generationenforum der Gedenkstätte teil. Der Aufenthalt dort, insbesondere die Tatsache, dass er in ehemaligen SS-Diensträumen übernachtete, ging ihm sehr nahe. Im Jahr 2001 feierte er das letzte Weihnachten mit seiner Mutter. Dass die Mutter zu diesem Anlass den Festtagstisch wie in der Kindheit deckte, war ihm besonders in Erinnerung geblieben. Am 1. Januar 2002 starb Peter Havaš´ Mutter, was für ihn nach wie vor eine sehr schmerzhafte Erinnerung war.
Peter Havaš´ Sohn war ein begeisterter Skifahrer. Im Winter 1989 gingen sie zusammen in die Berge. Bei dem Versuch, einen verletzten Freund zu retten, verunglückte der Sohn und starb im Alter von 26 Jahren. Peter Havaš plagten große Schuldgefühle, weil er seinem Sohn die Berge nahe gebracht hatte.
Dass er den Krieg überlebt und seine Mutter wiedergefunden hatte, führte er auf eine Kombination aus Zufall, Glück und Wunder zurück. Die Erinnerung an den Verlust der Mutter und die enge Beziehung zu ihr war für ihn noch zum Zeitpunkt des Interviews schmerzhaft.