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Ingeburg G. (*08.07.1932, Erfurt)

Signatur
01089/sdje/0006
Institut
Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin
Sprache
deutsch
Ort und Datum der Aufnahme
Berlin, den 17. Juli 2009
Dauer
03:10:04
Interviewter
Ingeburg G.
Interviewer
Gabriele Zürn , Daniel Baranowski
Kamera, Licht und Ton
Uwe Seemann
Redaktion
Kerstin Hinrichsen
Transkription
Kerstin Hinrichsen

Nach einem misslungenen Emigrationsversuch und mehreren Jahren im Haus ihrer christlichen Tante wurde Ingeburg G. als Zwölfjährige in das KZ Theresienstadt deportiert. Dort verbrachte sie fünf Monate ohne Familie. Nach der Befreiung kehrte sie zunächst in ihre Heimatstadt Erfurt zurück. Ingeburg G. wurde 1932 als einziges Kind eines jüdischen Vaters und einer christlichen Mutter in Erfurt geboren. Im Juni 1933 wanderte die Familie nach Palästina aus, kehrte jedoch einige Monate später nach Deutschland zurück. Um Mutter und Kind vor Repressalien zu schützen, ließen sich die Eltern scheiden. 1938 wanderte der Vater nach Schanghai aus. Zu dieser Zeit lebte Ingeburg G. bei Verwandten in Marbach. Ihre couragierte Tante ermöglichte ihr trotz zunehmender Diskriminierungen einen möglichst normalen Alltag. Im Januar 1945 wurde die Zwölfjährige in das KZ Theresienstadt deportiert, wo sie fünf Monate ohne Angehörige bleiben musste. Im Mai 1945 wurde sie dort befreit. Nach der Rückkehr nach Erfurt machte sie trotz der verpassten Schuljahre ein gutes Abitur. Zu ihrem Vater, der inzwischen in den USA lebte, hatte sie seit 1948 wieder Briefkontakt. 1959 sahen sie sich zum ersten Mal wieder. Seitdem entwickelte sich ein enges Verhältnis zum Vater und zu dessen Sohn aus zweiter Ehe. Der Aufenthalt von Ingeburg G. im Konzentrationslager war bei ihr zu Hause ein präsentes Thema, über das offen gesprochen wurde. Zum Zeitpunkt des Interviews war sie 77 Jahre alt.

Vorkontakte

zweistündiges Vorgespräch am 14. Juli 2009 zusammen mit dem Ehemann von Ingeburg G. im Sommerhaus der Familie, in dem sie einen kurzen Überblick über ihre Verfolgungs- und Familiengeschichte und ihr Leben in der DDR gab und Fotografien und Dokumente zeigte

Bedingungen

-

Gruppensituation

zwei Interviewer und ein Kameramann (Uwe Seemann); Ingeburg G. benutzt während des Interviews eigene Aufzeichnungen und zeigt zahlreiche Fotos, Postkarten, private sowie amtliche Briefe und mehrere Erinnerungsalben

Unterbrechungen

vier Unterbrechungen

Protokoll

Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin

Gabriele Zürn

[0:00] wir befinden uns in der Geschäftsstelle der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin ähm heute ist der 17te Juli 2009 und wir werden heute ein Interview machen mit Ingeburg G die hier neben mir sitzt mein Name ist Gaby Zürn anwesend

[0:16] sind außerdem Daniel Baranowski als -s Interviewer und Uwe Seemann für die Technik [Schnitt]

Ingeburg G.

[0:24] [liest ab] einleitend möchte ich etwas sagen warum ich bereit war in einem Interview meine Lebensgeschichte darzulegen   einmal geht es mir darum dass man sich auf der ganzen Welt   erinnert an den Holocaust es geht mir darum mitzuteilen welche Verbrechen die

[0:52] Nazis an über sechs Millionen Juden begangen haben in ganz Europa an Kindern an Greisen an Frauen an Männern an unschuldigen Menschen   es geht mir darum Menschen aufzurufen keinen Rassismus mehr zuzulassen keinen Antisemitismus und Fremdenhass zu dulden

[1:19] und sich für eine humanere Welt einzusetzen sich zu engagieren Mut zu haben zur Zivilcourage solche Verbrechen dürfen sich nicht wiederholen das ist mein Anliegen und deswegen war ich auch bereit dieses Interview über mein Leben zu geben  

[1:45] wenn ich meine

[1:49] Lebensgeschichte hier darlege vor während und nach dem Holocaust möchte ich beginnen natürlich mit meiner Geburt ich wurde im Juli 1932 in der schönen Blumenstadt Erfurt in Thüringen geboren   zu meinen Eltern ist zu sagen mein Vater war Gärtner geboren

[2:15] 1912 also er war zwanzig Jahre als ich geboren wurde mein Papa is ein Jude aus Nürnberg seine Ausbildung zum Gärtner wurde in der Israelitischen Gartenbauschule in Ahlem bei Hannover die bereits 1893 eröffnet wurde äh vorgenommen   übrigens Ahlem war ab

[2:47] 1941 42 Sammellager für die Deportation von Juden   meine Mutti Elfriede wurde geboren 1910 in Hamburg sie ist keine Jüdin sie war kaufmännische Angestellte   kennengelernt haben sich meine Eltern in Erfurt in der jüdischen Gärtnerei Benary wo sie beide

[3:16] gearbeitet haben   zu dieser Zeit lebten in Erfurt circa 1190 Juden   1942 waren es nur noch 76 und nach dem Kriegsende kamen 15 Juden zurück das   zu der Einführung   1933 beschlossen meine Eltern mit mir nach Palästina auszuwandern   am   16ten sechsten

[3:54] 1933 haben sie Erfurt verlassen sind von dort nach Nürnberg gefahren um sich von meinen Großeltern zu verabschieden und sind dann am 29sten sechsten in Triest auf das Schiff und zwar auf die »Italia« gestiegen und am vierten siebenten in Palästina in

[4:21] Jaffa angekommen   ich hab hier ein paar Bilder die vielleicht interessant sind   [zeigt ein Foto] so das ist einmal ein Bild von meinen Eltern mit mir   bevor wir nach Palästina ausgewandert sind   und das [zeigt ein Heft] ist ein Bild von dem Tagebuch

[5:02] das mir mein Papa geschrieben hat über unsern Aufenthalt in Palast- Palästina   das ist ein Foto meiner beiden Eltern das im September 1933 in Jaffa gemacht   hier sind noch einige interessante Bilder die möchte ich nicht im einzelnen alle zeigen vielleicht

[5:34] nur damit ein kurzer Eindruck entsteht das war zu dieser Zeit der Strand von Tel Aviv   und auf der linke Seite hier sehen Sie eine Hauptgeschäftsstraße in Tel Aviv   nur kurz zur Illustration

Daniel Baranowski

[6:02] wann hat Ihr Vater Ihnen das äh übergeben

Ingeburg G.

[6:08] ja ja das hat er bevor er emigriert ist mir dagelassen um äh für mich also erstmal eine Erinnerung zu haben   er hat es auch sehr lieb geschrieben

Daniel Baranowski

[6:24] (_)

Ingeburg G.

[6:27] vielleicht äh kann ich das nochmal sagen [blättert in dem Heft]   er schreibt also hier »gewidmet meinem Töchterchen Ingeburg Erfurt den ersten zehnten 1933« er hat es also unmittelbar nach unserer Rückkunft geschrieben ich muss dazu folgendes sagen  

[6:49] zwei Monate ham sich meine Eltern in Tel Aviv aufgehalten mein Papa hat dort in einer Gärtnerei gearbeitet   und dann sind sie über Marseille zurück nach Deutschland Ursache oder Gründe dafür waren dass ich sehr krank war dass ich diese ganze Umstellung

[7:16] ich war damals ein Jahr alt nicht vertragen hab ich kam mit der Ernährung dort nicht zurecht jetzt muss ich natürlich sagen meine Eltern sind zurück gegangen nach Deutschland zu einem Zeitpunkt als Hitler bereits an der Macht war zu einem Zeitpunkt wo die

[7:37] Judenverfolgung begonnen hatte das war eine Zeit wo die Juden aus allen Staatsämtern aus der Kultur verdrängt wurden bereits 1933 im Mai war die Bücherverbrennung und 1930 33 pardon begann die große Auswanderungswelle   ich kann nur sagen meine Eltern waren

[8:03] halt sehr jung [ein Handy klingelt] waren politisch nicht gebildet und

Daniel Baranowski

[8:09] [gleichzeitig:] wir machen kurz (_) unterbrechen kurz

Ingeburg G.

[8:12] is das das ist meins ? [Schnitt]

[8:14] ich möchte ergänzend noch zu Palästina sagen obwohl der Aufenthalt sehr kurz dort war hat mir meine Mutti erzählt dass sie dort eigentlich sehr gern gelebt hat und   für sie war so sie hatte den Eindruck dass Palästinenser und Juden 1933 sehr friedlich

[8:40] ja freundschaftlich miteinander gelebt haben es ging und meine Mutti sagte sie hatten Freunde sowohl äh aus jüdischen Familien wie aus Palästinenser-Familien und   sie war eigentlich natürlich später als die Konflikte sich entwickelten äh sehr überrascht

[9:06] wie das überhaupt möglich war so ich kann sonst zu Palästina nichts weiter sagen ich war ja noch sehr klein

Gabriele Zürn

[9:14] haben Sie irgend ne Erinnerung also so irgendwas

Ingeburg G.

[9:17] [gleichzeitig:] nein

Gabriele Zürn

[9:19] was Sie so manchmal hat man so Gerüche oder

Ingeburg G.

[9:23] [gleichzeitig:] gar nichts nein gar nichts ich war etwas über ein Jahr es   ist mir nichts mehr in Erinnerung leider ja

Gabriele Zürn

[9:29] mhm

Ingeburg G.

[9:32] alles was ich weiß is aus den Erzählungen meiner Eltern  

[9:34] tja wie ging dann das Leben in Deutschland weiter   wir kamen also zurück nach Thüringen nach Erfurt dort hatten meine Eltern eine kleine Wohnung meine Mutti hat gearbeitet mein Papa war sehr v- oft

[9:58] arbeitslos sie mussten häufig die Wohnung wechseln weil sie Mietrückstände hatten sie hatten auch   äh Probleme wirklich die tägliche Versorgung mit Lebensmitteln und so zu sichern mein Papa hat versucht dann privat zu arbeiten hat äh Gärten bewässert

[10:22] oder hat Anlagen bissel entworfen und so um als   etwas Geld in die Familie zu bringen wenn meine Eltern beide Arbeit hatten dann hat mich mein Papa mit dem Bett auf einen Karren der so zwei Räder hatte [deutete die Größe an] wo man auch früher Obst verkauft

[10:46] hatte auf dieses auf diesen Karren geladen und dann is er mit mir zu einer Tante in Marbach gefahren das ist ein Dorf am Rande von Erfurt und dort bin ich dann geblieben da äh sie also beide zur Arbeit gingen   übrigens ist das eine Schwester meiner Großmutter

[11:12] mütterlicherseits gewesen und   bei dieser Tante war ich häufig und ab 1938 ständig ich hab hier ein Bild von diesem Ehepaar das möchte ich gern zeigen [zeigt es]   sie waren   [betont:] ganz ganz liebe couragierte Menschen nicht jüdisch einfache Leute

[11:48] er war Tischler sie hat als Schneiderin gearbeitet sie hatten keine eigenen Kinder sie haben sehr sehr für mich get- viel getan sehr viel für mich getan und sie haben mich während des Krieges viele Jahre vor einem jüdischen Kinderheim bewahrt   sodass ich

[12:14] am Ende sagen kann sie haben mir das Leben gerettet   sie verdienen meine allergrößte Hochachtung

Gabriele Zürn

[12:23] können Sie denn die Namen der beiden

Ingeburg G.

[12:26] [gleichzeitig:] ja äh das Ehepaar heißt Anna Krause und (Hugo) Krause   sie sind geboren in den achtziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts

Daniel Baranowski

[12:41] das heißt die waren auch noch mal so rund dreißig Jahre älter als Ihre Eltern

Ingeburg G.

[12:49] ja ja ja ja   ja sie waren damals so äh Anfang fünfzig Anfang Mitte fünfzig als meine Eltern aus Palästina zurückkamen ja und sie haben auch versucht meinen Eltern zu helfen wo sie konnten sie hatten keinerlei Vorbehalte im Gegenteil sie hatten eigentlich

[13:13] eine   sehr humanistische Einstellung einfache Leute aber eben mit viel Herz

Daniel Baranowski

[13:23] wissen Sie äh wie weit der Weg dann immer war von dem äh Wohn- -haus (bis nach)

Ingeburg G.

[13:31] [unterbricht] ja das waren so circa vier Kilometer

Daniel Baranowski

[13:33] und die hat Sie Ihr Vater immer auf diesem Wagen

Ingeburg G.

[13:36] [gleichzeitig:] ja äh das war so daran kann ich mich erinnern das war ein weißes Gitterbett und ich hab dann da drin gesessen und das war son langer Wagen also in Thüringen hatte man die oft da wurden im Sommer Blaubeeren verkauft von   den   Leuten die im

[13:55] Thüringer Wald wohnten die kamen dann in die Städte und so und ich weiß nicht wo mein Papa diesen Wagen her hat ob er ihn sich ausgeliehen hat aus der Gärtnerei vermute ich und ja äh er musste mich ja da er konnte mich ja schlecht in dem Bett rollen zuma-

[14:13] und so viel Geld ein zweites Bett dort äh zu kaufen äh gab es sicher nicht   wurde sicher auch nicht äh erwogen und so wurde ich dann mit diesem Karren nach Marbach gebracht und ich bin natürlich auch sehr gern dort hin gegangen dort gab es einen Hof einen

[14:34] Garten äh im Sommer frisches Obst dort gab es einen Hund Kaninchen und Hühner und das war für ein Stadtkind schon sehr schön   ja  

[14:47] was   wäre zu sagen ich blieb also immer dort wenn meine Eltern beide gearbeitet haben und 1938 äh haben sich dann meine

[15:06] Eltern entschlossen mich in Marbach einschulen zu lassen und bei der Tante zu bleiben der Hintergrund war dass 1938 meine Eltern beschlossen sich scheiden zu lassen und zu versuchen dass wenigstens mein Papa in das Ausland kam und sie hofften dass meine Mutti

[15:31] und ich später nachkommen können und dass durch die Scheidung wir keinerlei Repressalien ausgesetzt sind   so   es gibt ein letztes gemeinsames Foto von meinem Papa und mir vom September [zeigt das Foto] 1939  

Daniel Baranowski

[16:06] in Erfurt ist das

Ingeburg G.

[16:13] das ist in Erfurt das war ein Foto   bevor er   weggegangen ist übrigens das ist [zeigt ein Foto] vielleicht noch ein Foto von diesem Ort in Marbach in dem Haus in dem ich dann gelebt habe okay

Gabriele Zürn

[16:35] ich hab noch ne äh kurze Frage sind Sie in den Kindergarten gegangen wo Sie einge-

Ingeburg G.

[16:40] [gleichzeitig:] nein nein nein nein   ich muss sagen ich es fiel mir sehr sehr schwer äh damit zu leben dass mein Papa weggehen wollte weil ich eine sehr enge Bindung zu ihm hatte   als nächster Schritt kam dann dass auch meine Mutti sich entschlossen hat  

[17:07] Erfurt zu verlassen sie ist dann äh 1939 nach Magdeburg gegangen weil sie hoffte dort anonym zu sein dort in Erfurt und diesem Dorf Marbach dort äh war sie immer präsent ja jeder wusste kannte ihr Leben und das hoffte sie wenn sie in eine andere größere

[17:33] Stadt geht um dort zu arbeiten sie hoffte dass das äh für sie besser ist und auch für mich  

[17:41] so   der neunte November 1938 war dann das einschneidende Erlebnis   für uns wie für viele   Juden oder Kinder aus Mischehen oder Mischehen   vielen ist ja bekannt

[18:05] dass die SS und die SA über 260 Synagogen in Brand setzte dass circa 26000 Juden verhaftet wurden in Erfurt wurden die Juden die verhaftet wurden auf der Straße aufgegriffen wurden in eine Turnhalle der Humboldt-Schule gebracht wo sie wie Überlebende berichtet

[18:33] haben und mir auch mein Papa erzählte misshandelt wurden   und am zehnten November wurden aus dieser Turnhalle circa 179 jüdische Männer in Schutzhaft nach Buchenwald gebracht und auch mein Papa   im Dezember 1938 war es dann möglich mithilfe der jüdischen

[19:06] Gemeinde dass mein Papa nach China emigrieren konnte es gab dort diese äh   Regelung oder der Druck dass sie aus der Schutzhaft entlassen werden wenn sie sich verpflichten innerhalb kürzester Zeit zu emigrieren damals war also noch der Drang der Nazis äh

[19:32] dass die Juden hier was sie an Vermögen hatten in Deutschland ließen und emigrierten das hat sich ja später geändert so mithilfe der jüdischen Gemeinde und mithilfe von Verwandten wurde dann Geld zusammen geborgt damit mein Papa raus konnte für uns stand

[19:58] fest jedenfalls für meine Mutti ich war damals sechs Jahre dass wir irgendwann nachkommen wenn wir das Geld zusammen haben so   also mein Papa ist im Dezember 1938 nach China emigriert er hat mir einen Abschiedsbrief geschrieben äh [sucht den Brief] ich möchte

[20:25] daraus   ganz kurz   ein paar   Zeilen vorlesen   der Brief ist aus Berlin vom zwölften Dezember 1938   er schreibt [liest vor:] »mein liebes gutes Ingelein   meine Zeilen schreibe ich mit Tränen in den Augen halte deinen lieben Papa nicht für schlecht ich

[21:04] habe viele Nächte für dich gebetet ich habe viele Nächte schlaflos deinetwegen vor Angst verbracht warum musste alles nur so kommen   wo du mein einziger Halt auf dieser Welt warst   heute muss ich sagen   werde ich mein liebes Ingelein in meinem Leben noch

[21:35] einmal wiedersehen ? Papa fährt weit von dir weg   eine Fahrt ins Blaue so kann man es nennen aber mit deinem Bildchen auf dem Herzen als Talisman werde ich nicht verzagen   dein Papa ist für dich da und wenn er am Ende der Welt sein sollte   dein Papa hat immer

[22:01] eine offene Tür für dich   schäme dich nie davor dass dein Vater jüdischen Glaubens war dein Vater hat von früh bis in die Nacht sonn und wochentags und bei Regen und schwer und Schnee wenn es möglich war schwer gearbeitet um den Lebensunterhalt zu verdienen

[22:26] er war überall beliebt   und wurde überall gern gesehen dein Vater hat nun ein schweres Los zu tragen   sei bitte immer lieb und nett zu allen Menschen die es gut mit dir meinen sei fleißig und ehrlich mache deinem lieben Papa viel Freude   ich werde immer

[22:56] an dich denken und denke du immer daran   dass du einen Papa hast da draußen   in der Welt der nur deinetwegen lebt um dich jederzeit mit offenen Armen zu empfangen in ewiger Liebe Sorge und Angst um dich dein lieber guter Papa«   als mein Papa dann in China

[23:33] war hat er in Schanghai gelebt und   er gehörte zu den wenigen Juden die aufgrund ihrer Ausbildung also er war ja kein Intellektueller er war ja Gärtner sofort Arbeit bekam äh andere Juden wie Rechtsanwälte Ärzte oder äh hochqualifizierte Kaufleute und

[24:07] so hatten es wie mein Papa erzählte in China sehr schwer um dort zu leben um dort zu überleben das war aufgrund seiner Ausbildung für ihn kein Problem er hat ständig Arbeit gehabt und auch dadurch verdient   im Februar hat mir mein Papa ein Foto aus China

[24:33] geschickt was ich sehr liebe es ist ein sehr schönes Foto es ist aus   Schanghai [zeigt das Foto]   es zeigt eigentlich dass er   sich dort irgendwie kann man sagen etabliert hat   der letzte Brief von meinem Papa ist vom zehnten November 1939 schon nach Ausbruch

[25:06] des Zweiten Weltkrieges aber äh dann gab es keine Möglichkeit mehr den Kontakt aufrecht zu halten und durch den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges gab es auch für meine Mutti und für mich keine Chance Deutschland zu verlassen   so und das war dann auch die

[25:33] Zeit wo die Repressalien und die Verfolgung immer stärker und brutaler wurden   ich

Daniel Baranowski

[25:45] [gleichzeitig:] darf ich no-

Ingeburg G.

[25:47] [gleichzeitig:] ja

Daniel Baranowski

[25:49] darf ich noch was davon fragen hat Ihr Vater aus dieser Zeit diese zwei Monate die er in Buchenwald war was erzählt

Ingeburg G.

[25:51] nein nein

Daniel Baranowski

[25:54] [gleichzeitig:] haben Sie da

Ingeburg G.

[25:56] mein Papa hat über diese Zeit in Buchenwald über die Zeit in China   nie gesprochen mein ich komm noch auf meinen äh Halbbruder zu sprechen und ich wir haben also nach der Wende wo wir dann engen Kontakt wieder hatten ihn oft gefragt mein Papa hat diese

[26:21] Teile seines Lebens absolut verdrängt er wollte nicht darüber sprechen auch nicht über Buchenwald auch nicht was er   vorher erlebt hat unmittelbar nach der Schutzhaft ich glaube er hat sein ganzes erstes Leben in Deutschland und auch sein zweites in China

[26:53] so hab ich das bezeichnet aus seinem Leben verdrängt   vielleicht ist er deswegen auch das erste Mal erst 1959 wieder nach Deutschland gekommen  

[27:08] so ich hab also dann weiter bei meinem Onkel und bei der Tante gelebt meine Mutti ist 1939 nach Magdeburg gegangen  

[27:25] ich bin dann zu Schule gegangen in eine Dorfschule in Marbach   und dann möchte ich sagen die ersten zwei Jahre dort g- äh warn noch relativ normal aber dann kam eine Verfügung der Gestapo äh ich möchte die doch zitieren [sucht]   das ist eine Verfügung

[28:11] der Geheimen Staatspolizei   aus Erfurt mit Aktenzeichen vom 18ten Januar 1941 an den Landrat in Weißensee Marbach gehörte zum Land Weißensee »betrifft Ingeburg Sara Frank   wohnhaft in Marbach Ingeburg Sara Frank ist als Jüdin anzusehen da sie bei Erlass

[28:44] der Nürnberger Gesetze der jüdischen Religionsgemeinschaft angehört hat sie hat den zusätzlichen Vornamen Sara zu führen und darf nur eine jüdische Privatschule besuchen«   das ging dann weiter von dem Landrat dann an   den Bürgermeister in Marbach »vorst-

[29:14] -stehende Abschrift zur Kenntnisnahme übersandt   und zur Bestätigung der Durchführung   handschrift- wurde handschriftlich wurde diese   Verfügung auch dem zuständigen Hauptwacht- -meister Studenroth in Marbach zur Kenntnis gegeben« sicher mit dem Ziel

[29:48] dass er die Durchführung kontrollierte

Gabriele Zürn

[29:51] wie haben Sie davon erfahren ?

Ingeburg G.

[29:53] so das ging dann folgendermaßen vor sich ich bin am Morgen aufgewacht es war hell und da bin ich schnell aufgestanden bin zu der Tante gelaufen hab gesagt »Tante wir haben es verschlafen ich muss doch zur Schule« und da hat sie mir gesagt dass ich nicht

[30:22] mehr zur Schule gehen darf sie haben es mir nicht vorher gesagt sondern haben mich noch eine Nacht ruhig schlafen lassen und haben mir dann gesagt »du darfst nicht mehr zur Schule gehen«   es s war   ich konnte das nicht fassen es war für mich auch unerklärlich

[30:44] warum ich da ich fleißig war gute Zeugnisse hatte das waren ja so die Vorstellungen eines Schülers wenn man zur Schule geht äh dass man vielleicht äh nicht mehr darf wenn man schlecht ist oder in eine Art Hilfsschule muss und so so dann haben sie versucht

[31:06] mir das zu erklären warum das nicht mehr möglich ist und haben das dann auch meiner Mutti mitgeteilt   mit der Privatschule gab es natürlich für mich keine Möglichkeit äh ich weiß nicht ob es in Erfurt noch jüdische Privatschulen gab aber auf jeden

[31:30] Fall äh stand fest dass ich keine weitere Schulausbildung bekam und dass es auch niemand im Umfeld gab der mich hätte unterrichten können und dann muss ich dazu sagen es kam sicher auch eine Trotzreaktion dass ich gesagt hab wenn ich nicht zur Schule gehen

[31:50] darf dann brauch ich auch nicht mehr zu lernen für wen wozu ich werd sicher später auch keinen Beruf lernen können also ich hab mich dann auch verweigert denn die Tante hat ja nun versucht mit mir n bisschen schreiben zu üben lesen zu üben   n bisschen

[32:11] rechnen zu üben und ich hab das regelrecht boykottiert und sie hat das dann auch aufgegeben

Daniel Baranowski

[32:18] das war während des zweiten Schuljahres

Ingeburg G.

[32:21] das war nach dem zweiten Schuljahr

Daniel Baranowski

[32:23] [gleichzeitig:] nach dem zweiten Schuljahr

Ingeburg G.

[32:26] ja

Gabriele Zürn

[32:28] ich hab auch noch ne Frage zu den anderen Kindern in Marbach ähm Sie sind ja mit anderen Kindern

Ingeburg G.

[32:34] [gleichzeitig:] ja ja

Gabriele Zürn

[32:36] in eine Klasse gegangen war das so ne so ne so ne Art Zwergenschule wo alle Jahrgangsstufen in einer Klasse unterrichtet wurden

Ingeburg G.

[32:38] [gleichzeitig:] es waren äh zwei äh Jahrgänge in einer Klasse ja

Gabriele Zürn

[32:42] mhm und ähm jetzt nachdem Sie nicht mehr zur Schule gehen durften sind dann die anderen Kinder zu Ihnen gekommen und haben gefragt was Sie jetzt machen oder haben Sie besucht oder

Ingeburg G.

[32:51] ja aber ich muss dazu sagen   wir hatten einen Lehrer (Möbes) hieß der der war auch Ortsgruppenleiter der NSDAP und der hat den Kindern klar gemacht dass ich nun nicht mehr Inge heiß dass sie Sara zu mir sagen sollen dass ich Jüdin bin dass man mit einem

[33:22] jüdischen Mädchen keine Freundschaft hält und er hat außerdem gesagt dass ich vogelfrei sei sie können mich schlagen sie können Steine nach mir werfen das wird nicht bestraft   das heißt also ich war aus der Gesellschaft ausgeschlossen ich hatte keine

[33:45] Freunde mehr   äh keine Spielkameraden   es hat manchmal noch jemand äh verstohlen äh mit mir gesprochen das ergab sich auch n bisschen daraus dass meine Tante geschneidert hat sie hat also für die Bauersfrauen dort auf dem Dorf geschneidert und speziell

[34:11] wenn die Kirmes war hat sie dann die Festkleider geschneidert und so und dadurch äh gab es ein bisschen Kontakt da kamen manchmal auch die Kinder mit zur Anprobe aber die Tante hat in ihrem Haus sie hat unten wir haben unten gewohnt ein kleines Zimmer gehabt

[34:34] wo sie die Anproben und gemacht hat und auch die Nähmaschine st- stand und sie hat also versucht diesen Kontakt mit mir zu vermeiden einfach um Ärger zu vermeiden   so und ab 1941 musste ich ja dann auch den Stern tragen die Tante hatte dann folgenden Trick

[35:02] sie hat eine Schürze gemacht mit Druckknöpfen [deutet die Stelle auf ihrer Bluse an] und da wurde der Stern dran geknüpft sie hat das auch an ein oder zwei Kleidern so gemacht den Stern bekam sie übrigens von der jüdischen Gemeinde   und auf dem Dorf musste

[35:24] ich dann den Stern tragen dort war ich ja bekannt und wenn sie mit mir nach Erfurt in die Stadt ging dann hat sie vor der Stadt den Stern abgemacht und ich hatte so ne Tasche zum Umhängen und da hat sie gesagt »du musst die Tasche so tragen damit man diese

[35:41] Druckknöpfe nicht so sieht« sie hat das auch n bisschen kaschiert manchmal so und dann ist sie mit mir in die Stadt gegangen hat ihre Einkäufe erledigt ist mit mir auch was ja strengsten verboten war in ein Kino gegangen ja

Gabriele Zürn

[35:57] was haben Sie da gesehen ? welche Filme wissen Sie das noch ?

Ingeburg G.

[36:00] [gleichzeitig:] oach alle möglichen Filme die damals so liefen das waren UfA-Filme und so äh ich kann mich an einen Film mit dem Heesters erinnern ich glaub   ich weiß nicht was das war aber ich weiß dass sie mit mir ins Kino gegangen ist und sie ist sonntags

[36:20] auch mit dem Onkel und mit mir im Sommer in die Stadt gegangen da gab es ein Ausflugsrestaurant das hieß Aktienkeller da saß man draußen im Freien und äh da spielte Militärmusik und da sind sie im Sommer manchmal mit mir hin gegangen und ich weiß dort

[36:46] hatte sie eine Bekannte die hatten dort einen Bratwurststand mit Thüringer Bratwürsten und da kriegte ich auch eine Bratwurst das war sicher in den ersten Jahren des Krieges später war das nicht mehr möglich aber ich will damit äh die Tante und den Onkel

[37:07] charakterisieren sie hatten eigentlich keine Angst sie haben sich über viele Dinge hinweg gesetzt und haben versucht mir so weit als möglich ein kindgerechtes Leben zu ermöglichen das ist etwas was äh nicht hoch genug anerkannt werden kann deswegen hatte

[37:33] ich sie auch sehr sehr gern muss ich immer wieder betonen  

[37:38] meine Mutti lebte damals dann in Magdeburg und kam zwei Mal im Jahr um nach mir zu sehen um zu sehen wies mir geht und hat sich natürlich sehr sehr viel Sorgen gemacht   und deswegen hat sie auch 19-

[37:59] -42 ein Gesuch an den Reichsminister des Innern an Frick gesandt   und äh ba- die Genehmigung erbeten mich wieder zur Schule zu schicken da ich ja aus eine Mischehe sei bei der Tante lebe   und sie hatte eben das getan weil sie sich große Sorgen gemacht hat

[38:32] sie war damals 32 Jahre noch eine junge Frau sie hat dieses Gesuch an den Frick geschickt [sucht] mit einem Foto von mir ich weiß nicht mehr warum sie vielleicht um ein Bild   das [zeigt ein Foto] war ich 1942   so sie hat von dort keine Antwort bekommen

[39:05] sondern sie hat mir erzählt sie wurde zur Gestapo vorgeladen in Magdeburg wurde   sehr bösartig dort zurecht gewiesen was sie sich erlaubt an einen Minister zu schreiben eine Frau die also mit einem Juden verheiratet war und damit ja äh irgendwie verseucht

[39:30] war die da sie mit dem Juden ja auch ein Kind gehabt hat tja und dann wurde das eigentlich doch immer schlimmer   in Marbach wurden bei der Tante wurde das Haus mit den Sternen bemalt es wurden Scheiben eingeworfen ich nehme an das waren mehr Kinder als Erwachsene  

[39:54] sie haben   auf mich gewartet wenn sie gesehen haben dass ich rausgegangen bin   um nach Erfurt zum Beispiel zu gehen und haben   mich geschlagen geworfen mit Steinen es war also eine schlimmer Zeit für mich eine große Einsamkeit   ich war ja auch ein Exot ich

[40:25] war das einzige jüdische [betont:] Wesen in Marbach und dadurch fiel man besonders auf

Daniel Baranowski

[40:32] ich weiß nicht ob Sies schon gesagt haben am Anfang aber wie groß ist Marbach gewesen wie viele Einwohner (hatte es _)

Ingeburg G.

[40:39] oh ff das kann ich schwer einschätzen vielleicht zwei dreitausend nicht mehr wenn es überhaupt so viele waren ja es war ein Bauerndorf dort lebten in erster Linie Bauern und dann noch Handwerker äh die in Erfurt in den Fabriken arbeiteten so aber in erster

[41:05] Linie Bauern und viele Frauen der Arbeiter die in Erfurt arbeiten gingen die gingen also dann im Sommer bei den Bauern auf das Feld und haben dort bei der Ernte geholfen es war ein ganz typisches Bauerndorf bis auf den Ortseingang wo solche Häuser standen

[41:26] wie ich gezeigt hab wo also Arbeiter aus Erfurt wohnten die in Erfurt lebten

Gabriele Zürn

[41:32] und wenn Sie dann dann sind Sie ja wahrscheinlich war es so dass Sie dann wenig rausgegangen sind in der Zeit ?

Ingeburg G.

[41:38] ja ich hab mich überwiegend auf dem Hof aufgehalten oder im Garten   ich muss dazu noch sagen ich kriegte ja andere Lebensmittelkarten aber dadurch dass die Tante für die Bauersfrauen genäht hat hat sie also auch mal Milch bekommen sie hat also auch mal

[41:56] äh Kartoffeln zusätzlich bekommen und so so dass ich solange ich bei der Tante war keinen Hunger leiden musste also sie haben sehr dafür gesorgt dass in der Beziehung ich eben gut versorgt war   ich war eigentlich auch in diesem Dorf immer das Mädchen das

[42:24] am besten angezogen war weil die Tante ja genäht hat und ich kann mich erinnern dass dann die Frau eine Frau von wie hießen die damals nich NSDAP dieser äh nazistische Frauenverein ich kann e- weiß es jetzt nicht mehr die kam zu der Tante und wollte Kleidung

[42:49] sammeln   für Kinder   die ausgebombt waren und so das war noch äh äh bevor ich weg kam da hat die Tante gesagt »aber Sie können doch keine Kinder kleiden mit Sachen eines jüdischen Mädchens haben Sie sich das nicht überlegt ?«   diese Frau hieß (Geier)

[43:14] das weiß ich genau   sie war also das war natürlich unmöglich was die Tante gesagt hat das war so gefährlich ! aber sie war so empört darüber dass man mich einerseits ausgrenzt und äh als vogelfrei erklärt aber andererseits meine hübschen Sachen haben

[43:35] will für andere Kinder vielleicht für Kinder von Nazis   das hat sie so empört dass sie äh so reagieren musste   ich finde das natürlich sehr couragiert aber auch sehr leichtsinnig

Daniel Baranowski

[43:49] sie hat die Sachen auch nicht abgegeben

Ingeburg G.

[43:51] nein ! nein sie hat nichts abgegeben ja   obwohl ich wirklich muss ich immer wieder sagen sehr sehr schöne Sachen hatte sie hat eben alles getan um mich zu verwöhnen so weit es in ihren Kräften stand

Gabriele Zürn

[44:07] was haben Sie denn dann gemacht wenn Sie im Grunde möglichst wenig rausgehen sollten wie sah so ein Tag aus ?

Ingeburg G.

[44:16] ich hab auf dem Hof gespielt mit meinen Puppen mit meinem ich hatte auch ein Puppenhaus der Onkel war Tischler das hatte er selbst gebaut ein wunderschönes Puppenhaus mit vier Zimmern damit hab ich gespielt ich hab mit den Kaninchen gespielt die wurden dann

[44:35] in den Hof gesetzt mit ringsum Draht im Freien und ja dann hab ich sie auf den Arm genommen was Kinder so machen so und ich hab gelesen ich muss natürlich sagen was ich da gelesen hab das war sicher was man heute als Trivialliteratur bezeichnen würde ich

[44:55] hab alles gelesen was da so rumlag und dann hab ich aber auch das kann ich vielleicht noch sagen dann hab ich der Tante geholfen beim Schneidern äh ich hab sie hatte Moden-Zeitungen und ich hab damals die Schnitte ihr alle rausgerädelt und ausgeschnitten

[45:15] und hab ihr auch geholfen die Sachen zusammen zu heften das kam mir später sehr zu Gute ich hab also nachher als Oberschülerin und als Studentin äh mir alle Sachen selbst geschneidert ja ich hab also bei ihr Schneidern gelernt nicht zielgerichtet sondern

[45:38] das ergab sich und ich konnte ihr dadurch auch viel helfen als ich dann so elf zwölf Jahre war äh und ich hab das auch gern gemacht und eigentlich   äh dacht ich dann auch dass ich mal Schneiderin werde ja aber das war gut ich hatte das schon ganz vergessen

[45:59] was ich da so oft gemacht hat und deswegen hat sie mich auch manchmal nach Erfurt geschickt ich musste dann so genannte Zutaten kaufen Zutaten da hat sie mir Stoff mitgegeben da kaufte ich dann die pässen- die passende Nähseide und die Knöpfe für die Kleidung

[46:18] und sie hat sich da eigentlich auf mich verlassen dass das schon klappte was ich da kaufte   ja das waren die Jahre bei der Tante   und es gab natürlich auch Schwierigkeiten ich hatte keine Schuhe   ich kriegte ja auch keine Bezugsscheine für Schuhe ich hatte

[46:41] einen wunderschönen Kinderwagen [sucht nach einem Foto]   Puppenwagen gesagt das ist noch 1900 muss das gewesen sein 1939 [zeigt das Foto] da brauchte ich noch keinen Stern zu tragen das ist ein kleiner Freund aus der Nachbarschaft mit dem Teddybär und dem

[47:03] Puppenwagen   so   diesen Puppenwagen hatte ich 1938 von meinen Eltern zu Weihnachten bekommen das hatte mein Papa noch finanziell mit der Mutti alles so geregelt und dieser Puppenwagen wurde dann beim Schuhmacher getauscht gegen ein Paar Halbschuhe und gegen

[47:26] ein Paar Stiefel damit ich dann Schuhe hatte   diese Stiefel hab ich dann übrigens angezogen auf zur Deportation nach Theresienstadt so   Schuhe äh konnte die Tante nicht schneidern   aber wir haben das muss ich auch noch sagen wir haben auch Puppen geschneidert

[47:47] also Stoffpuppen mit Köpfen und so und die hat dann die Tante auch getauscht gegen irgendetwas was sie für mich brauchte was sie so nicht beschaffen konnte   ja so verging die Zeit bis   zum Januar 1945   vielleicht machen wir mal ne Pause ? [Schnitt]

[48:13] das schwerste  

[48:21] Erlebnis   kam auf mich zu im Januar 1945 ich möchte hier ein Fernspruch der Gestapo Weimar vom 25sten ersten 1945 acht Uhr zitieren das ist aus dem Erfurter Archiv   dort heißt es in diesem Fernspruch   [liest vor:] »die Jüdinnen Ehefrau Viol in Weißensee

[48:57] und das Kind Ingeburg Frank in Marbach sind am kommenden Mittwoch dem 31sten 45 der Gestapo in Erfurt zuzuführen   Wäsche doppelt Schuhwerk und Verpflegung für vier Tage sind mitzubringen an Geld sind siebzig Reichsmark mitzubringen   die polizeiliche Abmeldung

[49:27] hat nach Theresienstadt zu erfolgen«   dann geht das   das geht an den Landrat von dem Landrat geht es   dann weiter an den Amtsvorsteher der Ortspolizeibehörde   und von ihm an den Wachtmeister Jakob   in Marbach   dort heißt es »vorstehende Verfügung

[50:06] zur gefälligen Kenntnisnahme und weiteren Veranlassung über die erfolgte Durchführung der Maßnahme ist mir Meldung zu erstatten« das sind Unterlagen aus dem Erfurter Stadtarchiv   mit Hilfe eines Bekannten haben wir die dort äh gesucht und gefunden was

[50:32] es dort alles gab zu mir   so am 31sten Tante und Onkel sind benachrichtigt worden   es wurde n Koffer gepackt und am 31sten Januar 1945 fünf Uhr stand dann der Wachtmeister von Marbach vor unserer Tür   um mich in Empfang zu nehmen und zur Gestapo bringen  

[51:03] der Januar im Jahr 1945 war sehr sehr kalt   es lag auch sehr viel Schnee und von Marbach nach Erfurt führt ja nur eine Landstraße   der Koffer durfte also nicht allzu schwer sein ich musste ihn ja selbst tragen ich war damals zwölfeinhalb Jahre   so   es war

[51:35] noch nicht viel Schnee geräumt man musste also durch den Schnee stapfen in Erfurt hat er mit mir die Straßenbahn benutzt was ja vorher eigentlich nicht genehmigt war und die Gestapo von Erfurt ist genau am anderen Ende der Stadt wir sind dann dort hin gefahren

[51:58] und dort hat er mich   abgeliefert   unterwegs kam ein junger Mann an uns vorbei ich weiß nicht mehr wer es war der hatte ein Fahrrad   und das musste er schieben weil zu viel Schnee lag und der war [betont:] so nett und da konnt ich den Koffer auf den Gepäckträger

[52:26] von dem Fahrrad stellen es hat also auch der Wachtmeister erlaubt

Gabriele Zürn

[52:31] und der junge Mann wusste dass Sie äh Jüdin sind weil Sie den Stern ja tragen mussten ?

Ingeburg G.

[52:36] [gleichzeitig:] ja ja ja ja ja ich nehme an äh der Wachtmeister hat das erlaubt damit wir n bisschen schneller vorwärts kamen ja das ging ja alles sehr langsam   Tante und Onkel wollten mitgehen sie durften aber nicht mitgehen ja sie hätten ja sonst mir

[52:51] geholfen so und da wurde ich dann bei der Gestapo abgeliefert   gings in einen großen Raum da saßen schon andere   ältere Leute auf ihren Gepäckstücken   ich war da die Jüngste es   war eigentlich alle waren ja schon deportiert bis auf ganz wenige   so dann

[53:23] musste man sich dort anstellen da wurden die Personalien aufgenommen da musste das Geld abgegeben werden   Schmuck wurde abgenommen ich hatte nur so Kinderohrringe kleine goldene Ohrringe mit so ner roten Koralle die musste man abgeben   so   vielleicht äh kann

[53:47] man muss man dazu noch sagen der Tante und dem [räuspert sich] Onkel hatten sie gesagt ich komme zu einer Umschulung und komme dann zurück   ich hab dann dort gesessen und hab natürlich bitterlich geweint   kann mich noch erinnern da kam ein   Mann auf mich

[54:10] zu sicher einer von der Gestapo und sagte sehr zynisch »aber Sara warum weinst du denn«   das Ergebnis war natürlich dass ich noch mehr geweint hab dass ich furchtbare Angst hatte [räuspert sich]  

[54:26] am Nachmittag   wurden dann alle die dort zugeführt worden

[54:36] waren unter Bewachung von Polizei von der Gestapo   in einem Marsch durch Erfurt zum Hauptbahnhof geführt   (da) mussten wir also laufen   mit unserm Gepäck auf dem Hauptbahnhof stand dann ein Zug es waren keine Viehwaggons es waren Personenwagen   so   Tante

[55:08] und Onkel waren nachdem man mich abgeholt hatte nach Erfurt gegangen zu Frau Cars Frau Cars war die Frau des Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde das war Herr Max Cars mit zwei Töchtern Hannelore und Ruth diese drei sind ebenfalls zu diesem Transport äh

[55:38] gekommen wurden auch mit mir deportiert und äh Tante und Onkel sind zu der Frau Cars gegangen um zu hören was ist da eigentlich dran äh was passiert denn da und die Frau Cars hat ihnen gesagt »das is   Theresienstadt ist so viel wir wissen kein Vernichtungslager

[56:01] sondern ein Durchgangslager   und äh dort wird man sich um Inge kümmern mein Mann und meine Töchter« die waren damals 18 und zwanzig »werden sich auch um Inge kümmern machen sich keine Sorgen« daraufhin aber wenn ach so und dann hatte die Frau Cars noch

[56:23] gesagt »wenn Sie der Inge keine Wolldecke mitgegeben haben dann bringen Sie doch die noch zum Bahnhof und wenn Sie noch was zu essen haben auch« und Onkel und Tante sind dann zum Bahnhof gekommen und haben mir auf dem Bahnsteig noch eine Wolldecke gegeben

[56:41] und etwas zu essen das hatten sie noch geröstet vorher damit es sich ein bisschen lange länger hält so aber dann mussten sie weg weil die Polizei geschrien hat »wenn nicht der Bahnsteig geräumt wird dann wird geschossen« so sie sind dann weg gegangen  

Daniel Baranowski

[57:02] mussten Sie äh (_) Sie mussten eine eine Strecke zurück legen bis zum Bahnhof

Ingeburg G.

[57:10] ja laufen

Daniel Baranowski

[57:12] [gleichzeitig:] durch Erfurt

Ingeburg G.

[57:14] durch Erfurt

Daniel Baranowski

[57:16] können Sie sich daran erinnern ?

Ingeburg G.

[57:19] ja ganz genau

Daniel Baranowski

[57:21] können Sie sich an an die Bevölkerung erinnern

Ingeburg G.

[57:23] [gleichzeitig:] ich kann mich an die ich kann die ich kann mich an die Straßen erinnern ich kann mich an alles erinnern   die Leute haben weggeguckt

Daniel Baranowski

[57:26] die Bevölkerung

Ingeburg G.

[57:29] die Bevölkerung ja   da hat niemand hat man das Gefühl gehabt irgendwie Mitleid oder Bedauern äh zumindest hat es niemand gezeigt man hat   eher das Gefühl gehabt na es wird Zeit dass die auch noch wegkommen

Daniel Baranowski

[57:44] wie is das ich versuch das mir vorzustellen sind Sie über die Straße gegangen

Ingeburg G.

[57:48] nein auf äh

Daniel Baranowski

[57:51] oder auf dem Bürgersteig

Ingeburg G.

[57:53] [gleichzeitig:] nein äh auf dem Fahrweg Bürgersteige durften ja Juden sowieso nicht mehr betreten

Daniel Baranowski

[57:55] [gleichzeitig:] stimmt ja

Ingeburg G.

[57:58] nein wir sind richtig so in einer Marschkolonne gelaufen

Daniel Baranowski

[58:00] ja   in Reihen ?

Ingeburg G.

[58:03] ja in Reihen und rechts und links an den Rändern war Polizei die uns bewacht hat dass man also auch nicht weglaufen konnte ich hätte sowieso nicht weglaufen können wohin soll ich

Gabriele Zürn

[58:14] (mhm)

Ingeburg G.

[58:17] mit zwölfeinhalb Jahren wohin hätte ich laufen sollen ja   und es war und es war so bitterkalt das hat sich mir so eingeprägt und der Zug war kalt

[58:27] es war nicht geheizt und ich weiß noch der war total überfüllt ich hab dann meist auf der auf dem Boden

[58:36] gesessen manchmal hat mich auch jemand von den Erwachsenen aufn Schoß genommen nachts wahrscheinlich damit ichn bisschen schlafen konnte wir waren ja drei Tage unterwegs dann so und äh   ich   war   eigentlich so unendlich traurig und ängstlich ja wie man

[59:03] eigentlich nur sein kann ja und dann kamen natürlich die Erwachsenen und haben sich unterhalten ich kannte ja niemand ich war ja nun äh trotz der Menschen dort eigentlich mutterseelenallein und die Erwachsenen haben sich unterhalten und haben gesagt »wo

[59:20] werden wir dann hingebracht   wir gehen ins Gas wir werden umgebracht«   so   und dann äh   kommt es zu diesen zwei Karten die ich geschrieben hab und aus dem Zug geworfen hab die möcht ich zeigen und es ist sicher ein Wunder dass sie angekommen sind [sucht

[59:48] die Karten]   wo sind die Karten   hier ja   das so schön geordnet gehabt ja [hält die Karten in der Hand]   dann als wir auf dem Transport waren haben die Erwachsenen gesagt »wir schreiben jetzt Karten und die werfen wir aus dem Zug«

Gabriele Zürn

[1:00:47] wer hat denn das vorbereitet ?

Ingeburg G.

[1:00:50] [gleichzeitig:] so ich hab zwei Karten geschrieben im Abstand von zwei Tagen und die sind beide angekommen   auf der ersten Karte schreibe ich ich halt sie dann nochmal ins äh in die Lupe [liest vor:] »liebe Tante und Onkel mir geht es gut ich komme nicht

[1:01:11] wieder das war alles gelogen grüße bitte alle und an Mutti tausend Küsse« [Zoom auf die Karte]   und ein Tag später am ersten zwoten hab ich nochmal eine Karte geschrieben [liest vor:] »liebe Tante und Onkel mir geht es gut wir sind jetzt in Eger

[1:01:49] warte Adresse ab viele Grüße an alle viele Küsse an dich« [Zoom auf die Karte]  

Daniel Baranowski

[1:02:00] dieses Bewusstsein dass Sie nicht wiederkommen würden kam durch die Gespräche im Zug

Ingeburg G.

[1:02:10] [gleichzeitig:] durch die Gespräche   ja das war vorher   ich hab (eben) auch Umschulung und vielleicht lernt man dort was und irgendwann komm ich zurück (zu)

Gabriele Zürn

[1:02:23] und haben die Erwachsenen ähm

Ingeburg G.

[1:02:25] die haben die

Gabriele Zürn

[1:02:28] (dar-) die haben wirklich so darüber gesprochen

Ingeburg G.

[1:02:30] [gleichzeitig:] ja ja

Gabriele Zürn

[1:02:32] dass also d- dass

Ingeburg G.

[1:02:34] [gleichzeitig:] ja

Gabriele Zürn

[1:02:37] dass sie das

Ingeburg G.

[1:02:39] die Jungen werden umgebracht die werden vergast

Gabriele Zürn

[1:02:41] ja

Ingeburg G.

[1:02:43] das war eine Zeit wo sich doch schon Vieles rumgesprochen hatte

Gabriele Zürn

[1:02:45] ja

Ingeburg G.

[1:02:48] ja was man vorher Jahre vorher gar nicht wusste denn ich hab gelesen viele alte Menschen die nach Theresienstadt deportiert wurden die haben dafür noch viel Geld bezahlt weil sie annahmen sie kommen in die Stadt die der Führer den Juden geschenkt hat in

[1:03:00] ein Art fast Sanatorium oder so wo sie ihren Lebensabend verbringen können   damal- das wusste niemand dass das eigentlich erstmal nur ein Durchgangslager war dass von dort die ganzen Sammeltransporte dann in den Osten gingen nach Auschwitz ja wo die Massenvernichtungen

[1:03:21] stattfinden

Gabriele Zürn

[1:03:23] ich hab noch zu den Postkarten noch eine andere Frage haben Sie die von den Erwachsenen dann bekommen oder ha-

Ingeburg G.

[1:03:29] ja

Gabriele Zürn

[1:03:31] die haben Ihnen dann welche gegeben

Ingeburg G.

[1:03:33] [gleichzeitig:] nein die haben sie mir gegeben

Gabriele Zürn

[1:03:36] ja

Ingeburg G.

[1:03:38] ja   und äh wir durften in Theresienstadt dort hab ich auch Karten bekommen einmal im Monat schreiben aber das das ist sicher gar nicht abgesandt worden da ist nie etwas zu Hause angekommen   auch bei meiner Mutti nicht

Daniel Baranowski

[1:03:48] und und Sie haben also einfach aus dem Fenster   während der Fahrt

Ingeburg G.

[1:03:52] [gleichzeitig:] ja während der Fahrt da muss ich nehme an irgendwie vielleicht auch wo mal ein Bahnhof war oder vor einen Bahnhof äh ich (könnte) ich   ich nehme an die Hannelore Cars mit der ich noch in Kontakt bin aus Erfurt die is ja auch schon über

[1:04:12] achtzig die weiß bestimmt noch wo wir die Karten rausgeworfen haben   also daran kann ich mich ich weiß auch nicht ob ich das gemacht habe oder ob einer gesagt hat »so ich nehm die ganzen Karten und versuch die dann mal irgendwo wos günstig ist rauszuwerfen«

[1:04:29] das weiß ich nicht mehr ich weiß eben nur eins das große Wunder sie sind angekommen   aber das war eben auch muss ich mal sagen das letzte Lebenszeichen von mir   ich möchte vielleicht mal [sucht] ganz kurz etwas vorlesen   aus einem Brief   den mein Onkel

[1:04:58] am vierten Februar an meine Mutti geschrieben hat   dort schreibt er   [liest vor:] »liebe Elfriede nun muss ich dir mitteilen dass Ingeburg seit dem 31sten Januar fort ist   es sind jetzt alle Mischlinge und Juden fortgekommen und zwar nach Theresienstadt  

[1:05:27] die Frau Cars sagte uns dass dort noch der beste Aufenthalt wäre   die Jugendlichen müssten dort zur A- Schule und auch zur Arbeit   Herr Cars und seine zwei Töchter sind auch mit sie nehmen Ingeburg in ihre Obhut   Frau Cars ist hier geblieben weil sie nicht

[1:05:57] Jüdin ist   liebe Elfriede du brauchst nun nicht den Kopf zu hängen so weh es dir und uns tut aber sie werden wiederkommen wie sie selber und alle anderen an der Bahn gesagt haben« so dann schreibt er was wir mitzubringen hatten   »liebe Elfriede nun

[1:06:27] musst du warten bis wir die genaue Adresse haben dann schreiben wir dir sofort   deine Tante schickt ihr dann noch Hemdchen etliche Kleider und so weiter   wir werden immer kleine Päckchen machen und sie dort hinschicken«   das waren das hier sind noch  

[1:06:52] von den Tränen meiner Mutti die Tropfen   das waren was die Menschen zu Hause gedacht haben er schreibt dann noch »Ingeburg ist Herrn Cars und seinen zweien Töchtern seinen zwei Töchtern anvertraut«   so das schreibt er und dann schreibt er auch später

[1:07:17] nochmal äh dass   keine Nachricht gekommen ist aber sie soll   den Mut nicht verlieren ich komme bestimmt wieder   ich kann mir vorstellen seit ich selbst Mutter geworden war und ich mir überlegt hab wenn mir wenn man mir das Kind wegnehmen würde äh wie furchtbar

[1:07:47] das auch für eine Mutter sein muss und meine Mutti hat immer mir wieder beteuert wenn sie da gewesen wär sie hätte mich nicht allein gehen gelassen sie wär mitgekommen sie hätte das nicht fertig gebracht   sie wär egal wohin mitgegangen aber sie war nicht

[1:08:09] da   und vielleicht ist es auch so   dass man als Kind manches doch noch leichter überlebt weil man sich der Gefahr doch nicht so bewusst ist   so ich würde noch ja ?

Daniel Baranowski

[1:08:31] wissen Sie wann diese Karten dann angekommen sind ?

Ingeburg G.

[1:08:33] nein das das weiß ich nicht   das weiß ich nicht also auf jeden Fall müssen sie als er Anfang Februar geschrieben hat noch nicht da gewesen sein sonst hätte er das geschrieben

Daniel Baranowski

[1:08:47] ja

Ingeburg G.

[1:08:49] ja   so vielleicht etwas über das Leben in Theresienstadt ?  

Daniel Baranowski

[1:09:00] Sie waren drei Tage unterwegs

Ingeburg G.

[1:09:03] wir waren drei Tage unterwegs   wie gesagt Theresienstadt war ein Ghetto   eigentlich ein Sammellager von wo die Transporte ab 1942 bis Ende 1944 in die Vin- in die Vernichtungslager gingen   das waren riesige Transporte die in den Osten gingen wo Menschen über

[1:09:35] Menschen ermordet wurden   in den Gaskammern Theresienstadt hatte neben dem Ghetto noch die Kleine Festung dort fanden Hinrichtungen statt dort fanden Hinrichtungen vor allen Dingen an Menschen statt die nicht nur Juden waren sondern auch im Widerstand gearbeitet

[1:09:58] haben oder sich irgendetwas haben im Lager nach den Regeln der Gestapo zu Schulden kommen lassen die wurden in der Festung   hingerichtet   Anfang Februar seit Anfang Februar äh f- gingen von Theresienstadt keine Transporte mehr weg weil ja die anderen Vernichtungslager

[1:10:28] zum Teil schon von der Sowjetarmee im Osten befreit waren   das war sicher unser großes Glück   unsre Ankunft war so wir sind angekommen von dort gingen wir in eine Schleuse dort wurde das Gebäck Gepäck abgegeben zur so genannten Entseuchung wir mussten

[1:10:59] uns ausziehen in Duschen gehen auch zur Entseuchung zur Entlausung also das Ungeziefer musste weg wir hatten zwar keins das kam dann erst aber wir waren natürlich auch schmutzig wir waren ja drei Tage unterwegs und viele ham dann schon geweint und Angst gehabt

[1:11:22] weil sie dachten so das Gepäck ist weg die Kleidung ist weg jetzt werden wir umgebracht   aber das war nicht so   dann gingen wir in einen andern Raum da wurden die [gestikuliert] Haare zusammen genommen und abgeschnitten so und dann gingen wir wieder in einen

[1:11:44] Raum und dann bekamen wir unsere Kleidung zurück die war inzwischen desinfiziert und stank mörderisch aber äh es war ja f- jämmerlich kalt und (_) haben wir die Kleidung angezogen und dann wurden wir aufgeteilt   Theresienstadt war ja mal eine war eine

[1:12:09] Festung und war eine Art Garnisonsstadt für österreichisch-tschechische Soldaten es war ja ringsum mit Wällen umgeben wo unten auch Räume waren mit Schießscharten und so weiter und nur an einer Stelle führte eine Straße vorbei Theresienstadt war natürlich

[1:12:33] ideal als Ghetto man brauchte nur das Stückchen Straße zu bewachen denn über die Wälle konnte niemand entkommen so und es gab dort Kasernen viele Kasernen und es gab dort auch noch Wohnhäuser in diesen Wohnhäusern waren jetzt auch alles Juden untergebracht

[1:12:54] so und ich hab dann   mit   sechs anderen Mädchen die mit diesem Transport gekommen sind haben wir in einem kleinen Zimmer eine Unterkunft bekommen dort waren keine Betten drin dort lagen äh Matratzen und Stroh auf dem Boden und das waren alle Mädchen

[1:13:20] aus Thüringen   die Älteste war 22 das war die Ruth Cars dann die   Hannelore Cars die war zwanzig dann war noch (Minna Rappoport) dann (Evchen)   (Rosel)   und noch eine (Hannelore) und ich   von denen war die jüngste 17 das war (Evchen) und dann kam ich als

[1:13:50] Zwölfeinhalbjährige wir haben also dort in diesen Raum geschlafen gewohnt und gingen von dort zur Arbeit   die Mädchen haben in entweder in Wäschereien oder in der Landwirtschaft gearbeitet manche mussten auch arbeiten in   das war etwas außerhalb dort

[1:14:16] in einer Schneiderei wo noch Wehrmachtssachen ausgebessert wurden und äh ich weiß nicht ob hergestellt aber zumindest ausgebessert wurden   so und ich hab bei   der Raumwirtschaft gearbeitet sechs Stunden am Tag die Raumwirtschaft war eine Einrichtung des

[1:14:41] Jüdischen Ältestenrates Theresienstadt hatte ja eine jüdische Selbstverwaltung und diese jüdische Selbstverwaltung musste das gesamte Zusammenleben regeln und in der Raumwirtschaft wurde geregelt welche Räume mit welchen Menschen belegt werden wo jemand

[1:15:01] ausgesondert wird weil er gestorben ist und so weiter und das dazu gehörige Papier wurde von mir als Art Botin das nannte sich aber Ordonnanz hab ich sogar noch ne Bescheinigung dass ich als Ordonnanz gearbeitet habe [zeigt die Bescheinigung] in der Raumwirtschaft

[1:15:24] is leider nur noch eine Kopie

Gabriele Zürn

[1:15:28] (__)

Ingeburg G.

[1:15:32] verkehrt gut [dreht das Dokument] tut mir Leid so   so   äh dort hab ich also gearbeitet und hab die entsprechenden Dokumente immer von einem von einer Kaserne zur nächsten Kaserne in den Kasernen waren ja auch jüdische Verwalter eingesetzt hab ich das dann

[1:15:49] hin und her getragen was also dort zu machen war so und das über sechs Stunden am Tag   das war an sich gar nicht so schlimm weil ich mit Menschen zusammen war dort saßen ja eigentlich alles Erwachsene so und die haben mich dann beschäftigt   ich hab dann

[1:16:17] also zwei Monate mit diesen Mädchen zusammen gewohnt  

[1:16:23] das schlimmste war damals der Hunger   ich war zwölfeinhalb Jahre keine Familie   die Angst   dann Krankheiten ohne Medikamente ich hatte sehr viel äh [berührt den Hals] ich hab heute noch eine chronische

[1:16:48] Bronchitis die nicht mehr weggeht ich hatte also sehr viel Halsentzündungen aber   es gab keine Medikamente das zu behandeln   und ganz ganz schlimm war das Ungeziefer wir hatten also Läuse wir hatten Flöhe und etwas was ich überhaupt nicht wusste dass es

[1:17:14] das gab das waren die Wanzen die fielen ja nachts die hatten sich irgendwo verkrochen und nachts fielen die auf uns runter so und dann hat man versucht die abzulesen und äh dieses Ungeziefer äh war natürlich auch mit Ursache dass dort ständig Krankheiten

[1:17:34] ausbrachen und die dann auch übertragen wurden   so  

[1:17:42] nach zwei zwei Monate nach der Ankunft äh wurde dann was weiß ich durch ein Jugendreferat oder was auch immer entschieden dass ich in ein Jugend- in ein Mädchenheim umziehe   äh diese Mädchenheime

[1:18:03] hatte man und auch Heime für Jungen also für Minderjährige   hatte man gegründet als das Ghetto aufgebaut wurde dort wurden die Kinder versucht zu betreuen man hat dort versucht Unterricht zu machen man hat sie äh   in jeder Weise was Hygiene betraf und

[1:18:28] alles mögliche man hat sie dort betreut dieses Mädchenheim war zu dem Zeitpunkt als ich dort umgezogen bin fast leer denn alle andern vor allen Dingen Kinder aus Böhmen und Mähren Mädchen die waren alle auf Transport gegangen es gibt ja   zwei Bücher

[1:18:52] die mich sehr bewegt haben äh die also das Leben in dem Mädchenheim von 1942 bis 44 beschreiben »Die Mädchen von Zimmer 28« und dann gibt es noch ein Buch äh »Theresienstadt   Festung meiner Jugend« es gibt mehr Bücher aber grad diese Bücher haben

[1:19:13] mich sehr berührt weil ich dort Vieles wieder gefunden hab aber ich muss natürlich dazu sagen als ich dann in das Mädchenheim kam da gab es äh solche Dinge nicht mehr wie Unterricht Theateraufführungen und solche Sachen äh da   die ganzen Initiatoren

[1:19:35] die sowas geregelt haben geleitet haben die waren ja alle die letzten 1944 nach Auschwitz gebracht worden ja es gab aber dann eben noch ein- -nige Erwachsene die versucht haben in diesen Heimen für die Kinder ein bisschen Ordnung zu schaffen für mich war

[1:19:56] zum Beispiel sehr wichtig dass uns das Essen was wir bekamen [betont:] zugeteilt wurde wir kriegten für drei vier Tage ein Stückchen Brot ein kleinen Würfel Margarine und ein Beutel so wie heut die Backpulverbeutel sind mit Zucker so ich hab das alles natürlich

[1:20:18] am ersten Tag gegessen die andern zwei Tage musste ich dann sehen man ging ja zur Kaserne da gabs mittags etwas mit seinem Kochgeschirr dort wurde Essen ausgegeben das war eine Brühe da schwamm irgendetwas Undefinierbares herum so und das war dann mein einziges

[1:20:37] Essen weil ich halt das andere mir nicht einteilen konnte weil ich so hungrig war und in dem Mädchenheim wurde das eben jeden Tag zugeteilt übrigens äh wir haben zum Beispiel als ich noch mit den anderen Mädels zusammen in der Mansarde wohnte wenn manchmal

[1:20:56] gab es am Wochenende einen kleinen Kloß oder eine kleine Buchtel das ist so   äh ein Gebäck aus Weizenmehl gebacken   das ham- da haben wir dann folgendes gemacht das haben wir klein geschnitten und ganz viel Wasser drüber gegossen und dann haben wir versucht

[1:21:18] auf diesem   eisernen Öfchen das heiß zu machen und dann war das ja mehr das war dann so n in einem Topf so n bisschen wie ne Art Mehlsuppe oder so und da hatte man mehr als wenn man den kleinen Kloß nur so gegessen hätte   oder mit Kartoffeln die waren

[1:21:40] ja ungeschält die waren halb faulig die ham wir dann auch zerschnitten und mit Wasser nochmal heiß gemacht damit es mehr war ja weil   das den Hunger gestillt hat in den Jahren 1942 bis 44 sind in Theresienstadt sehr sehr viele Menschen verhungert vor allen

[1:22:04] Dingen alte und kranke Menschen die äh das nicht überstehen konnten

Daniel Baranowski

[1:22:09] Sie sagten dass ähm   Erwachsene noch für dieses Kinderheim dann

Ingeburg G.

[1:22:18] ja

Daniel Baranowski

[1:22:20] zuständig waren können Sie sich da noch an Einzelne erinnern

Ingeburg G.

[1:22:22] nein ich kann mich nur an Eine erinnern die auch äh in mein Poesiealbum geschrieben hat was wir uns alle nach   der Befreiung zugelegt haben   das sie nannte sich Nährmutter [lacht]   das erinnert n bissel an Amme aber äh sie war ja keine Amme sie hat also

[1:22:42] praktisch n bisschen für Ordnung und Hygiene gesorgt dass wir uns gewaschen haben soweit das möglich war und vor allen Dingen dass wir eben das Essen was es gab zugeteilt bekamen ja

Gabriele Zürn

[1:22:59] darf ich noch was zu (diesem äh dieser) Mansardenwohnung fragen

Ingeburg G.

[1:23:04] [gleichzeitig:] ja

Gabriele Zürn

[1:23:07] ähm wo also ich weiß nicht Sie haben ja bestimmt miteinander gesprochen

Ingeburg G.

[1:23:09] ja

Gabriele Zürn

[1:23:12] worüber haben Sie sich (alle) unterhalten wenn Sie zusammen waren

Ingeburg G.

[1:23:14] eigentlich über das was wir später machen

Gabriele Zürn

[1:23:16] ja

Ingeburg G.

[1:23:18] wir waren äh ich muss dann mal sagen das war ja dann Februar März wir wussten es gibt keine Transporte mehr die weggehen wir wussten nur eins   dass Baracken gebaut wurden und da nahm man an dass dort Gaskammern gebaut werden sollten was sich auch später

[1:23:40] wohl bestätigt hat wobei der äh Kommandant   von Theresienstadt der Rahm der   wurde ja   obwohl er geflüchtet ist gefasst und auch hingerichtet behauptet hat [betont:] er habe den Bau der Gaskammern verzögert um die noch   äh in Theresienstadt lebenden Juden

[1:24:07] zu retten es wird aber gesagt äh das stimmt nicht er hat nichts verzögert er hat das nur gesagt um vielleicht seinen Kopf zu retten aber auf jeden Fall hatte eben Theresienstadt noch keine Gaskammern und man war nicht in der Lage so viel Menschen dort es

[1:24:25] waren vielleicht noch 14000 Menschen die dort lebten   zeitweise waren ja dort sechzig siebzig über 100000 Menschen aber zu dieser Zeit vielleicht noch 14000   äh man wusste nicht wie man sie schnell vernichten kann   ja   mit Erschießen hätte das sich nicht

[1:24:45] geklappt   und demzufolge brauchte man Gaskammern und die   gab es noch nicht  

[1:24:52] so und wir haben uns eigentlich unterhalten über später über prof- profane Dinge was wir als erstes essen wollen wenn wir nach Haus kommen und wie wir nach Haus kommen werden und

[1:25:09] wen wir treffen werden und was wir alles dann machen wollen   und w- wir waren ja alle jung auch später im Mädchenheim äh wir hatten ja alle Träume und ich muss sagen auch die Mädchen in der Mansarde die hatten auch   schon mal einen Freund eine erste Liebe

[1:25:32] gab es da   zum Beispiel ach die Lore Cars hatte dort einen Freund Hannelore wir haben nur Lore gesagt der ist aber dann nach Israel gegangen   und sie ist mit ihrer Schwester in Erfurt geblieben weil ihr Vater dort wieder versucht hat eine jüdische Gemeinde

[1:25:56] aufzubauen und sie wollten die Eltern nicht allein lassen deswegen sind sie auch nicht weggegangen ja aber davon haben wir geträumt davon haben wir gesprochen wir haben uns auch Gedichte erzählt wir haben Lieder gesungen   ich kann mich an einen Text erinnern  

[1:26:17] »jeder Mensch auf der Welt   hat ein eigenes Land   jedes Volk auf der Welt hat sein eigenes Land nur der Jude hat   kein eigenes Land wohin sollen wir gehen« ich weiß nicht ob das ein Lied war was   dort entwickelt wurde oder so   äh das haben wir oft gesungen

[1:26:48] und dann muss ich eins sagen für uns war damals klar wir können nicht in Deutschland bleiben wir können nicht wieder mit deutschen Menschen zusammen leben   äh selbst äh wenn wir wussten dass nicht alle Mörder waren aber zu viele haben weggeschaut zu

[1:27:10] wenige haben geholfen   grad am neunten November zu viele haben Geschäfte mitgeplündert   und grad Hannelore Cars und Ruth Cars die ja in Deutschland geblieben sind von den anderen ist niemand in Deutschland geblieben haben nie geheiratet weil sie gesagt haben

[1:27:33] »das kann ja einer gewesen sein der uns beschimpft hat der uns gedemütigt hat der uns beworfen hat   wir können keinen   deutschen Mann heiraten« Hannelore Cars hatte   später mal kurze Zeit einen guten Freund   einen russischen Offizier   er war auch ein

[1:27:59] Jude aber es war ja nicht erlaubt und als das irgendwie ruchbar wurde ist er sehr schnell von Deutschland zurück versetzt worden es gab dann auch keinen Kontakt mehr   aber ich weiß von ihr dass sie sich sehr geliebt haben   und   so sind sie halt beide ohne

[1:28:26] Partner ohne Kinder geblieben   so und auch wir im Mädchen-   -heim haben unsere Träume gehabt für später was wir (mal) machen wollen was wir lernen wollen   ich wollte Schneiderin werden klar durch die Tante   aber für alle war klar nicht in Deutschland

[1:28:51]  

Daniel Baranowski

[1:28:54] in dieser Gruppe äh die ja alle aus Erfurt oder aus Thüringen kamen

Ingeburg G.

[1:28:59] ja

Daniel Baranowski

[1:29:02] haben Sie natürlich Deutsch gesprochen haben Sie andere Sprachen gehört ?

Ingeburg G.

[1:29:04] ja   Tschechisch also   es wurde äh in Theresienstadt waren alle Sprachen Tschechisch Polnisch Ungarisch Russisch es es waren ja Juden aus allen europäischen Ländern dort es war nur noch damals zu der Zeit als ich hin kam die eben noch nicht deportiert waren

[1:29:29] nach dem Osten aber sehr sehr viele Sprachen es gab auch gegenüber den deutschen Juden gewisse Vorbehalte in der Art dass man sagte »ihr habt das doch alles in Deutschland gesehen was habt ihr denn getan ?«   ich meine ich kann mich nur an solche Gespräche

[1:29:56] zwischen Erwachsenen erinnern   aber das sind Fragen die wir uns ja selbst auch gestellt haben »was haben wir getan warum sind wir nicht wenigstens alle weggegangen   ja warum haben wir   äh gewartet bis man uns deportiert und umbringt«

Daniel Baranowski

[1:30:18] sind Sie selbst darauf angesprochen worden ?

Ingeburg G.

[1:30:21] nicht direkt   aber in diesem Mädchenheim waren ja wenig Deutsche   waren ja mehr Mädchen aus anderen osteuropäischen Ländern und   es gab da schon Vorbehalte aber es haben sich auch Freundschaften entwickelt   äh es gab natürlich auch Neid es war ja so

[1:30:52] dass äh tschechische Juden noch Päckchen bekamen   von zu Haus oder von irgendwelchen Angehörigen das war ja aus den anderen Ländern nicht möglich warum das so war ich weiß es nicht ich hab das auch nie hinterfragt   aber äh da gab es dann schon mal etwas

[1:31:15] wo dann ein Kind dann heimlich was gegessen hat und so   aber trotzdem im Großen und Ganzen gab es eigentlich sehr enge freundschaftliche Beziehungen   tja  

[1:31:32] was dann meine   schlimmsten Erlebnisse mit waren waren dann im März und im April als dann die Rücktransporte

[1:31:44] kamen dort kamen dann viele Transporte an aus den ehemaligen Vernichtungslagern   mit Viehwaggons manche sogar offen   im März war es noch bitterkalt so und wir mussten die entladen die waren zwei drei Wochen fast ohne Essen unterwegs das waren Menschen die

[1:32:12] waren nicht mehr wie Menschen die hatten da war nur noch Knochen und Haut darüber die konnten kaum stehen die konnten kaum laufen waren alle in Häftlings- -kleidung so und die waren also von der SS zurück geschickt worden und zwar nach Theresienstadt Theresienstadt

[1:32:34] ist ja das Lager das am allerspätesten befreit wurde   so und die hat man also sofern man sie nicht in den Lagern vernichtet hat zurücktransportiert und das waren ganz ganz furchtbare Eindrücke das sind auch Bilder   die man nicht los wird ja das waren   das

[1:32:58] waren fast keine Menschen mehr man hat dann versucht ihnen etwas zu essen zu geben   und äh   die sind noch zu Hunderten vor der Befreiung gestorben   obwohl sie alle hofften dass sie (die) Befreiung erleben denn sie wussten ja ihre Lager die waren schon

[1:33:23] befreit so aber viele konnten nicht gerettet werden und dann ist ja in Theresienstadt auch Typhus ausgebrochen   ganz ganz streng und es war gar kei- also ganz schwer und es war gar nicht die Möglichkeit die Menschen alle zu isolieren   weil äh dazu waren

[1:33:44] gar keine Kräfte da aber alle die konnten haben versucht ihnen zu helfen mit ein bisschen Tee mit Zuckerwasser und so weiter und uns wurde auch gesagt das schlimmste was man tun kann ist ihnen Brot zu geben das die waren so lange unterwegs ohne   Essen dass

[1:34:04] sie das nicht überleben werden   so und das war natürlich für ein fast 13-jähriges Mädchen ein ganz schöner Eindruck aber andererseits äh war es auch ein ganz schönes Glücksgefühl weil wir wussten was wir nicht erleben mussten was wir überstanden

[1:34:22] hatten   und da kam schon das Gefühl so ein bisschen (nach) Freiheit wir kommen wieder nach Hause auf denn   sie konnten uns nicht mehr alle vernichten   das   war eigentlich

Daniel Baranowski

[1:34:37] wussten Sie denn woher also Sie wussten woher diese Leute kamen (__) ?

Ingeburg G.

[1:34:42] [gleichzeitig:] dass die aus d- ja ja ja und die haben das ja auch erzählt ja

Daniel Baranowski

[1:34:45] ja

Ingeburg G.

[1:34:47] sofern sie konnten   viele sind gestorben obwohl sie dachten jetzt sind wir in Theresienstadt wir werden überleben sie sind verhungert an Krankheiten gestorben erfroren unterwegs   und die Leichen wurden ja dann durch die Stadt gefahren   es war   es waren

[1:35:14] Bilder die kann man   nicht vergessen die kann man auch nicht wiedergeben so dass n Außenstehender das nachempfinden kann   Theresienstadt war für alle   äh sowas   wie äh jetzt äh kann uns nicht mehr viel passieren

Gabriele Zürn

[1:35:34] ich hab noch ne Frage darf ich noch was fragen

Ingeburg G.

[1:35:39] ja aber ja

Gabriele Zürn

[1:35:42] ähm äh (denn) sind diese Transporte da angekommen Sie haben diese Menschen

Ingeburg G.

[1:35:45] [gleichzeitig:] ja

Gabriele Zürn

[1:35:47] gesehen und ihnen geholfen wie ha- äh woran erinnern Sie sich was die Wachmannschaften die Bewachung also die SS oder   so (andere) haben Sie da irgendwelche Erinnerungen ?

Ingeburg G.

[1:35:56] nein nein die hab ich nicht   also   ich glaube dass die SS sich da vollkommen zurückgehalten hat ich kann mich nicht da erinnern dass da SS stand

Gabriele Zürn

[1:36:07] mhm

Ingeburg G.

[1:36:09] [betont:] ich geh davon aus und äh so wird es auch gewesen sein dass das alles über die jüdische Selbstverwaltung geregelt wurde   die w- man hatte auch versucht sie in den Kasernen isoliert zu halten man hatte also Räume frei gemacht und so das äh hat

[1:36:26] die SS   wie ich meine äh würde ich sagen nicht interessiert die hat nur äh die Verwaltung äh beauftragt das zu regeln ja   und äh ich hab also dort an den Waggons kann mich nicht erinnern da jemand gesehen zu haben   es gibt eine Schriftstellerin aus Prag  

[1:36:51] weil ich vorhin sagte Theresienstadt war so n bisschen zu dieser Zeit äh wo man gedacht hat man ist in Sicherheit sie hat in einem Buch gesagt »Theresienstadt war das Vorzimmer zu den Gaskammern von Auschwitz«   und diese Menschen die da zurückkamen in

[1:37:17] den Transporten die wussten das und sie wussten aber auch dass äh   grad äh die Rote Armee die Sowjetische Armee immer näher kommt ja es kamen ja laufend jetzt Transporte weil eben die anderen Lager schon durch äh die Kriegsereignisse befreit waren aber

[1:37:41] die Transporte wurden eben vorher noch äh   auf den Weg gebracht   ich möchte äh vielleicht äh weil ich sagte Theresienstadt war so ein bisschen v- zu diesem Zeitpunkt Sicherheit dazu sagen   es gibt ja einen Film »Hitler schenkt den Juden eine Stadt«  

[1:38:07] es wurde   eigentlich wurden alle getäuscht das Internationale Rote Kreuz wurde getäuscht die haben sich täuschen lassen man hat ja das war alles noch vor meiner Zeit man hat ja dort äh Theaterinszenierungen gemacht Konzerte gegeben man hat die Kinder auf

[1:38:31] der Straße jubeln lassen und so und das Internationale Rote Kreuz hat sich täuschen lassen auch das ist für mich unverständlich hat man nicht hinter die Kulissen geguckt ja das wäre möglich gewesen aber   man ist wieder abgefahren 1944 und hat gesagt

[1:38:52] »ja das sind also noch Zustände die menschenwürdig sind«   und die Juden die äh dort interviewt wurden die hatten auch keine Möglichkeit auf die Wahrheit hinzuweisen   es gab   eine Riesenshow muss man sagen   vielleicht ein paar Zahlen ich hatte vorhin

[1:39:24] schon mal gesagt in Theresienstadt sind ungefähr 140000 Menschen gewesen   insgesamt   davon wurden 87000 deportiert   und in Theresienstadt selbst sind circa 33000 Menschen umgekommen   durch Theresienstadt sind 15000 Kinder gegangen   und etwas über hundert

[1:39:57] Kinder wurden befreit   durch die Sowjetarmee [lauter Straßenverkehr im Hintergrund]  

[1:40:12] ich hatte (es) schon gesagt dass also März April viele Häftlinge zurück kamen das war eine ganz schwere Zeit in Theresienstadt eben weil Typhus ausgebrochen war   am

[1:40:31] dritten Mai hat das Internationale Rote Kreuz   dem Ältestenrat in Theresienstadt erklärt dass sie   den Schutz von Theresienstadt und von der Kleinen Festung übernehmen das war am dritten Mai da war die SS noch präsent   auch auf d- am vierten Mai als dann

[1:41:02] die ersten russischen Truppen auf dem Weg nach Prag durch Theresienstadt fuhren war noch SS da denn die russischen Truppen haben sich nich in Theresienstadt aufgehalten   es war noch Krieg die sind nur durchgezogen wir haben sie gesehen aber   wir waren noch

[1:41:25] nicht befreit   und am fünften Mai hat die tschechische Gendarmerie äh sagen wir mal die Hoheit über Theresienstadt übernommen   der Rahm ist geflüchtet   der wurde dann später gefasst die Quarantäne wurde verschärft es durfte niemand Theresienstadt verlassen

[1:41:53] die tschechischen Gendarmen waren freundlich aber sehr streng und sie haben auch unmissverständlich zum Ausdruck gebracht sie werden von der Waffe Gebrauch machen aus heutiger Sicht verständlich die Epidemie der Typhus wär in das Land getragen worden   also

[1:42:16] hat man Theresienstadt äh unter Quarantäne gestellt   am sechsten Mai wurde durch das Internationale Rote Kreuz bekannt gegeben dass die Schweiz bereit is Kinder aus Theresienstadt aufzunehmen und äh ihnen einen mehrmonatlichen Erholungsurlaub zu gewähren  

[1:42:45] so auch ich bin gefragt worden aber ich gesagt »ich will nach Hause« ich h- natürlich hab ich überlegt Schweiz das wär ja was Tolles dort gibt es viel zu essen dort gibt es Schokolade das waren so die Gedanken aber   ich wollte nach Hause und hab gesagt

[1:43:05] »nein also ich will da nicht mit hin«   so am achten Mai am Abend kam dann die Rote Armee offiziell nach Theresienstadt vorher hatten wir immer noch Kanonendonner gehört aber am achten Mai kam die Rote Armee und blieb im Lager   so und dann war ein großes

[1:43:30] Freudenfest wir haben uns erst nicht so richtig rausgetraut es gibt ja Bilder in dem einen Buch wie alle am Fenster schauen nach unten schauen aber nachher sind alle rausgestürmt wir haben gesungen getanzt und es gab zu essen wir haben Brot bekommen wurde

[1:43:49] von dem Wagen verteilt die Rote Armee hat Brot und so kleine Büchsen mit Wurst verteilt und so und ich schreibe dann später an meine Mutti   den ersten Brief nach Magdeburg als wieder Post möglich war aus Thüringen das war im Juli da schreib ich ihr wie

[1:44:10] man so als 13-jährige schreibt »als die Russen kamen war alles gut   es gab genug zu essen und wir haben immer gefeiert« [lacht] das waren dann so die Eindrücke   äh aus Prag kamen dann Ärzte und Krankenschwestern um also diese Epidemie in den Griff zu

[1:44:34] kriegen   so und wir haben uns   darauf vorbereitet wie wir nach Hause kommen erstmal ging das Leben im Ghetto ganz normal weiter   wir waren nach wie vor bewacht wir konnten aber auf die Wälle gehen konnten überall hin schauen konnten spazieren gehen konnten

[1:44:59] uns frei bewegen aber wir durften nicht raus   und   vielleicht wir haben uns dann miteinander beschäftigt und im Mädchenheim haben wir uns alle ein Poesiealbum zugelegt   das habe ich noch   das ist natürlich durch irgendwelche Dinge hat [zeigt das Poesiealbum]

[1:45:28] das sehr gelitten   das ist das Poesiealbum   das wir uns   jedes Mädchen für sich im Mai zugelegt haben   hier haben sich die Mädchen eingetragen   das ist   vom fünfzehnten Mai so bis Ende Mai darin haben auch zwei Schwestern sich eingetragen   das möcht ich

[1:46:05] sagen Edith und Ruth Zwergel das waren zwei Schwestern aus Leipzig   und eines dieser Mädchen die jüngere hat sich im August oder September des gleichen Jahres mit Pflanzengift das Leben genommen weil sie nicht ertragen konnte dass die ganze Familie alle

[1:46:33] Angehörigen   ermordet wurden und sie zu zweit allein waren und   das   hat sie sie war eigentlich ein sehr lustiges Mädchen aber das hat sie nicht ertragen   und hier haben sich viele eingetragen [blättert]   eine äh   Erzieherin das war Tante Hanna   hat hier

[1:47:15] geschrieben   ich kann das aber sehr schlecht lesen sie ist meines Wissens eine Tschechin gewesen sie schreibt   »der Gebende ist von seiten der Gnade aber der Empfangende ist von seiten   des Gerichts und so ist es mit jedem Ding wie wenn man aus einem vollen

[1:47:43] Krug in einen Becher gibt der Krug will sich ausgießen in Fülle aber der Becher setzt seinen Gaben eine Grenze«   und dann schreibt noch eine Erzieherin Tante Erna »schwacher Wille feiges Zagen werden nie das Glück erjagen aber Mut und ernstes Ringen können

[1:48:16] Herrliches verbringen« das schreibt sie am achtzehnten Mai und dann schreibt noch Sophi Klinke   unsere Nährmutter sie hat Ver- -antwortung gehabt für die Verteilung des Essens   »wie den Sonnenschein die Blüten möge Gott dich stets behüten« es sind

[1:48:44] halt die Sprüche aus Poesiealbum aber es sind für mich ganz ganz wichtige Erinnerungen auch an die Mädchen die s- hier geschrieben haben [blättert] Gisela (Stern) Karl Ehrmann   Renate Edith Münzer Hanna Kirsch Rita Pinkus dein Kamerad Hans Edith Silberfeld  

[1:49:19] so   und wir haben uns eigentlich alle geschworen wenn wir nach Hause kommen werden wir Kontakt halten aber auch   aus von diesen Mädchen ist kaum jemand in Deutschland geblieben alle sind weggegangen  

[1:49:45] so dann kamen die Gedanken wir sind frei wie kommen wir

[1:49:54] nach Hause   wie komm ich nach Hause es fährt kein Zug es gibt keine Autobusse   es waren ungefähr 127 Thüringer in Theresienstadt zur Zeit der Befreiung so und Angehörige von ihnen haben in Thüringen in Erfurt ein Bus organisiert   für den Rücktransport  

[1:50:23] dieser Bus ist mit einem großen Anhänger nach Theresienstadt gekommen   [sucht] die Quarantäne wurde dann im Juni aufgehoben und ich habe dann noch hier mein Propusk vom Juni   vom achten [zeigt das Dokument] Juni von der russischen Kommandantur   so und am

[1:51:01] neunten sechsten neun Uhr zehn fand der Start nach Deutschland statt wir waren drei Tage unterwegs und sind am zwölften sechsten in Erfurt angekommen   äh Theresienstadt war von der Sowjetarmee besetzt Erfurt war von der amerikanischen Armee besetzt das heißt

[1:51:26] also man musste ja von einer besetzten Zone in die andere das war alles n bisschen schwierig wir durften auch nachts nicht fahren wir haben also dann in Scheunen übernachtet gibts noch ne nette Episode das war im Erzgebirge wir haben in einer Scheune geschlafen

[1:51:47] und am Morgen ist dann der Bus losgefahren   nach einigen Kilometern haben sich Hannelore und Ruth Cars umgesehen und festgestellt dass die Inge fehlt   so da musste der Bus wenden ich glaub den Hänger hat er irgendwo stehen lassen und ist zurück zu der Scheune

[1:52:10] gefahren und da ham se mich im Stroh noch schlafend gefunden ham mich also wach gemacht so und dann sind wir wieder gemeinsam zurück und dann in Erfurt angekommen   das ist immer das was wenn ich irgendwo was erzähle was die Kinder so amüsiert [lacht] ja

[1:52:31] aber mich auch

Gabriele Zürn

[1:52:35] wussten Ihre Tante und Ihr Onkel ähm bald nach der Befreiung dass Sie leben und dass Sie zurückkommen

Ingeburg G.

[1:52:39] [gleichzeitig:] nein nein nein

Gabriele Zürn

[1:52:41] wann haben die das erfahren ?

Ingeburg G.

[1:52:44] nein das wussten sie nicht sie haben nur erfahren von in Marbach gab es eine Frau die   arbeitete in Erfurt bei der Verkehrsgesellschaft und die ist zu der Tante gegangen und hat gesagt »von uns fährt ein Bus nach Theresienstadt wir bringen die Inge mit«

[1:53:03] ob ich noch lebe oder so das wussten sie nicht aber das haben alle gehofft so und daher wussten sie dass ich kommen werde   das hat ihr diese Angestellte von diesen Verkehrsbetrieben erzählt   so

Daniel Baranowski

[1:53:21] [gleichzeitig:] war der war der Vater von Hannelore und Ruth äh Cars auch in dem Bus

Ingeburg G.

[1:53:25] der war auch in dem Bus ja und der hat dann ja die jüdische Gemeinde in Erfurt wieder aufgebaut   Max Cars   der is in glaub ich 1968 verstorben   so ja und dann kamen wir in Erfurt an   dann   haben wir uns verabschiedet und ich hab mein Köfferchen genommen

[1:53:49] und bin nach Marbach gelaufen   ich hatte n ganz kleines Köfferchen aber ein Rucksack das weiß ich noch so und   überall unterwegs wurde ich angesprochen (im Dorf) »die Inge is wieder da die Inge is wieder da«  

[1:54:06] die Menschen waren   unangenehm zum Teil ja

[1:54:13] sie sind dann zu uns gekommen haben auch Blumen gebracht es gab auch gute natürlich aber es gab eben auch welche die sehr schlecht waren   und die dann zu Onkel und Tante kamen und wollten gern Briefe haben Bestätigungen dass sie mir nie etwas getan hätten

[1:54:35] sie brauchten also für ihr Verhalten in der Nazi-Zeit ein Alibi das   aber Tante und Onkel haben das natürlich nicht gemacht   ja vielleicht möcht ich noch erwähnen dass äh mein Onkel bevor ich zurück gekommen bin unmittelbar nach der Befreiung durch die

[1:55:00] amerikanischen äh durch die amerikanische Militärmacht er ein Brief an die internationale Besatzungsbehörde geschrieben hat in dem er   also bestimmte Leute aus dem Marbacher Umfeld angezeigt hat und auch gefordert hat sie zu bestrafen er hat sie namentlich

[1:55:30] genannt und es wurden von ihnen auch einige   äh verhaftet und auch einige Zeit äh in einem Lager äh inhaftiert

Daniel Baranowski

[1:55:45] er hat einen Brief geschrieben

Ingeburg G.

[1:55:49] ja [sucht den Brief] er hat einen Brief geschrieben ich hab hier eine Abschrift davon   und zwar schreibt er [liest vor] »an die internationale Behörde der Besatzungsarmee   ich Unterzeichneter teile der internationalen Besatzungsarmee folgendes mit«   dann

[1:56:11] schreif- -t er dass eben »die am im Juli 1932 geborene Ingeburg Tochter des Gärtners und   seiner Frau die bei ihm in Pflege waren in Marbach die Schule besucht hat   « dass ich   [Tonstörung] (verhaftet) wurde wie   wie schreibt er »wie ein Verbrecher«  

[1:56:38] »am 31sten Januar 1945 musste das Kind den Weg   zur Verbannung nach Theresienstadt gehen durch den Wachtmeister Jakob   wurde das Kind wie ein Verbrecher abgeholt und auf Befehl des Amtsvorstehers [atmet aus] weggebracht   durch unsere Auseinandersetzung warum  

[1:57:14] denn das Kind das Kind habe doch nichts verbrochen haben wir die Antwort [blättert um] bekommen sie würde umgeschult« da- -von da ist das dann   von da kam das so »wir mussten der höheren Gewalt weichen   weil damals Macht vor Recht ging   das Kind« was

[1:57:41] das Kind mitbringen musste »Ingeburg ist bis jetzt noch nicht wieder in unserer Wohnung zurück ich erhebe deshalb Anklage gegen die Beschuldigten« so mit seiner Unterschrift   »zeichnet hochachtungsvoll Hugo Krause Marbach über Erfurt Wilhelmstraße

[1:58:10] 54« [legt den Brief weg]   das war   sein Gerechtigkeitssinn der ihn dazu veranlasst hat [blättert]   das   war also   der Holocaust vielleicht machen wir noch mal ne Pause [Schnitt]

[1:58:37] so was kann ich erzählen über das Leben nach dem Holocaust im Juli 1945

[1:58:50] kam ich also zurück nach Marbach zwei Monate später kam auch dann meine Mutti zurück nach Marbach   und jetzt wurde überlegt wie geht das mit mir weiter als erstes stand fest dass ich ab September wieder zur Schule geh   das war eine Dorfschule in Marbach

[1:59:19] so ich hatte die zweieinhalb Jahre besucht war jetzt   13 Jahre ich konnte ja nun schlecht in die dritte Klasse gehen also wurde entschieden ich gehe in die siebente Klasse es fehlten natürlich vier Jahre Unterricht aber   mithilfe meiner Mutti haben wir

[1:59:48] das in den Griff gekriegt meine Mutti ging dann wieder arbeiten und sie hatte ein Motiv »denen werden wir es zeigen« ihre Vorstellung war »du machst Abitur und du wirst studieren«   also ging ich erstmal   1945 in die siebente Klasse bis 1947   hab ich die

[2:00:19] achte Klasse abgeschlossen mit einem   würd ich sagen   relativ guten Zeugnis 1947 hab ich die abgeschlossen mit einem relativ guten Zeugnis meine Mutti hat jeden Abend mit mir gelernt und ich darf ohne ihr weh zu tun sagen es hat auch manchmal rechts und links

[2:00:46] eine Ohrfeige gegeben wenn sie das Gefühl hatte dass ich nicht aufmerksam genug bin und ihr Motiv war immer wieder »denen werden wir es zeigen« und es gab also auch nicht mehr die Vorstellung »du wirst Schneiderin« sondern »du wirst Abitur machen und

[2:01:06] du wirst studieren«   wie ist aber der Weg dorthin also bin ich 1947 nach Abschluss der achten Klasse nach Weimar gefahren das war die Landeshauptstadt von Thüringen zum Ministerium für Volksbildung   ich war damals 15 Jahre hab gesagt wer ich bin und was

[2:01:31] ich für Wünsche hab man war dort sehr verständnisvoll und hat mir nahe gelegt eine Internatsschule zu besuchen wo ich also ständig Schüler um mich hab und wo ich auch ständig die Lehrer um mich hab die mir helfen können alles was an Lücken vorhanden

[2:01:54] war äh nach und nach aufzufüllen so   an in Frage kam die Internatsschule Schnepfenthal im Thüringer Wald das ist die Salzmannschule gewesen die im 19ten Jahrhundert gegründet wurde eine damals eine Schule für Zöglinge aus höheren Kreisen war da- war

[2:02:22] früher nur für Kinder von Diplomaten und äh Unternehmern und so weiter vorbehalten nach 1945 hatte sich das geändert so und man empfahl mir aber obwohl ich schon 15 Jahre war nochmal die achte Klasse zu machen da ich ja also kein Chemieunterricht hatte

[2:02:45] keinen Physikunterricht äh Biologie sehr   mäßig und auch in Mathematik ja sehr große Rückstände   so und da hab ich in Schnepfenthal in der Internatsschule   dort waren das war eine gemischte Klasse nochmal die achte Klasse besucht und der Schuldirektor

[2:03:04] war sehr zufrieden mit mir hat das auch meiner Mutti mitgeteilt so dass es keine Bedenken gab auf eine weiterführende Oberschule zu gehen um das Abitur zu machen   da Schnepfenthal nicht aufgebaut hat ging unsere [betont:] gesamte Klasse in eine andere Internatsschule

[2:03:23] nach Wickersdorf im Thüringer Wald [sucht Bild hervor] ich hab hier ein Bild von dieser Schule ich hab die mal mit meinem Bruder besucht aus Amerika und der hat gesagt [zeigt das Bild] »ideale Bedingungen   für Schüler«

Gabriele Zürn

[2:03:40] (_ idyllisch)

Ingeburg G.

[2:03:43] das ist die Freie Schulgemeinde Wickersdorf   wir haben dort unter idealen Bedingungen lernen können   14 Kilometer von der nächsten Stadt entfernt

Gabriele Zürn

[2:03:58] welche war das   die nächste

Ingeburg G.

[2:04:00] Saalfeld

Gabriele Zürn

[2:04:03] mhm

Ingeburg G.

[2:04:06] die nächste Stadt ist Saalfeld so äh ich war dort im mathematisch-naturwissenschaftlichen Zweig und   was soll zu Wickersdorf gesagt werden   es   hat mir dort sehr gut gefallen ich hatte [betont:] sehr gute Lehrer [betont:] sehr gute Freunde und hab dort 1952  

[2:04:25] das Abitur mit gut gemacht das war für meine Bedingungen vollkommen zufriedenstellend sag ich mal  

[2:04:33] ich möchte jetzt äh dazwischen mal einflechten dass ich mithilfe der jüdischen Gemeinde versucht hab meinen Papa zu finden   ich kriegte von dort die Nachricht

[2:04:51] dass er 1947 von China in die USA ausgewandert ist   ich bekam dann auch eine Adresse in Kalifornien äh über eine   zu einer jüdischen Organisation die ich angeschrieben hab und die haben diesen Brief weiter geleitet an meinen Papa und ich bekam dann Anfang

[2:05:18] 1948 auf meinen Brief eine Antwort von meinem Papa   er hat mir mitgeteilt dass er nicht länger in China bleiben wollte dass er nie wieder nach Deutschland zurückkommt dass er wieder geheiratet hat und dass er einen kleinen Sohn von einem Jahr hat seine  

[2:05:42] neue Ehefrau ist eine   Jüdin aus Wien die ebenfalls nach China emigriert ist   sie war sie ist mit 16 Jahren nach China emigriert und   sie ist grad zehn Jahr älter als ich und sie haben noch in China geheiratet und sind dann in die USA gegangen

Daniel Baranowski

[2:06:07] gab es zwischen Ihrem Vater und Ihrer Mutter in der ganzen Zeit keinerlei Kontakt

Ingeburg G.

[2:06:14] vorher nicht erst seit die und daraufhin hat meine Mutti ihm dann ein Brief geschrieben ein sehr viele Seiten und ihm eben auch geschrieben   was alles während der Nazi-Zeit so abgelaufen ist welchen Dingen ich ausgesetzt war wie es ihr gegangen ist und eben

[2:06:42] auch dargelegt äh dass sie hofft dass seine Frau Verständnis dafür hat wenn sie ihm das schreibt und auch mit ihm in Kontakt bleiben möchte solange ich in der Ausbildung bin [hustet]

Daniel Baranowski

[2:06:58] darf ich noch ganz kurz ein kurze

Ingeburg G.

[2:07:03] ja

Daniel Baranowski

[2:07:05] eine kurze Nachfrage nochmal als Sie wieder gekommen sind haben Sie dann wieder bei Ihrem Onkel und Ihrer Tante mit Ihrer Mutter dann auch gewohnt (_)

Ingeburg G.

[2:07:10] [gleichzeitig:] ja meine Mutti ist dann dort mit hin gezogen weil   äh Onkel und Tante sicher nicht in der Lage gewesen wären äh mich schulisch und so weiter n bisschen

Daniel Baranowski

[2:07:22] [gleichzeitig:] (ja)

Ingeburg G.

[2:07:24] voran zu bringen sie hat dann in Erfurt gearbeitet um für unseren Lebensunterhalt zu sorgen und äh hat dann dort mit in Marbach gelebt

Gabriele Zürn

[2:07:34] und haben Sie äh als Sie wieder gekommen sind (also) ich versuch mir das so vorzustellen man kommt also wieder

Ingeburg G.

[2:07:40] ja

Gabriele Zürn

[2:07:43] läuft diese Straße entlang Sie haben das eben gesagt mit dem Rucksack und dem Köfferchen

Ingeburg G.

[2:07:45] [gleichzeitig:] ja

Gabriele Zürn

[2:07:47] und dann ähm waren Sie da und die haben sich natürlich denke ich mal waren ganz überrascht (und waren)

Ingeburg G.

[2:07:52] ja

Gabriele Zürn

[2:07:54] (so) stell ich mir das vor ? is das

Ingeburg G.

[2:07:56] ja das war [hustet]

Gabriele Zürn

[2:07:59] trinken Sie erstmal was

Ingeburg G.

[2:08:01] [hustet] Entschuldigung ich muss aber erstmal was trinken

Gabriele Zürn

[2:08:04] ja

Ingeburg G.

[2:08:06] [trinkt]   ja natürlich das war eine große Überraschung eine große Freude und   ich bin durch das Haus gelaufen und in den Garten und hab überall geguckt und natürlich auch auf die Straße gelaufen und hab mich gezeigt

Gabriele Zürn

[2:08:25] mhm

Daniel Baranowski

[2:08:27] [gleichzeitig:] mhm

Ingeburg G.

[2:08:30] ja   und ich muss etwas sagen dann hatt ich   weiß ich noch so ein Blouson (da) [zeigt die Stelle an ihrem linken Oberarm] hab ich hier n Schild dran gemacht Terezín

Gabriele Zürn

[2:08:36] mhm

Ingeburg G.

[2:08:38] hab ich drauf geschrieben [hustet]   ich glaub wir müssen mal n kurz

Gabriele Zürn

[2:08:43] (oh ja) [Schnitt]

Daniel Baranowski

[2:08:46] Sie sind dann ich versuch mir das nochmal vorzustellen Sie sind Ende Januar 45 aus Marbach weggegangen

Ingeburg G.

[2:08:54] ja

Daniel Baranowski

[2:08:57] deportiert worden haben dann sieben Monate sechs Monate ungefähr in Theresienstadt verbringen müssen in einer

Ingeburg G.

[2:09:01] [gleichzeitig] vier   vier

Daniel Baranowski

[2:09:05] vier bis (Juni) dachte ich sind Sie

Ingeburg G.

[2:09:07] [gleichzeitig:] Juni ja ja

Daniel Baranowski

[2:09:10] bis Juni ja Ende Januar natürlich genau

Ingeburg G.

[2:09:12] ja fünf fünf

Daniel Baranowski

[2:09:14] haben etwas gesehen wo Sie vorhin gesagt haben dass das nicht mehr aus Ihrem Kopf rausgeht

Ingeburg G.

[2:09:16] [gleichzeitig:] ja

Daniel Baranowski

[2:09:18] diese Bilder   sind dann wieder zurück gekommen im Sommer dann praktisch

Ingeburg G.

[2:09:21] [gleichzeitig:] ja

Daniel Baranowski

[2:09:23] sind ja im Winter weggegangen

Ingeburg G.

[2:09:25] [gleichzeitig:] ja

Daniel Baranowski

[2:09:27] im Sommer wieder zurück gekommen in genau das Haus

Ingeburg G.

[2:09:30] ja

Daniel Baranowski

[2:09:32] das Sie natürlich wieder erkannt haben was ist das für n Gefühl gewesen   n halbes Jahr fast n halbes Jahr

Ingeburg G.

[2:09:35] ja

Daniel Baranowski

[2:09:37] in ner vollkommen anderen Welt zu sein und dann wieder zurückzukehren   ähm an den Ort wo Sie vorher gewesen sind

Ingeburg G.

[2:09:39] [räuspert sich] tja   äh eigentlich   zweischneidig   irgendwie   fremd   ich kam mir auch so erwachsen vor ich fühlte mich nicht mehr als Kind ich war so   selbständig und   wirklich fühlte ich mich wie ein erwachsener Mensch und war meiner Umwelt gegenüber

[2:10:09] ausgenommen Tante und Onkel sehr sehr voller Vorbehalte und misstrauisch   so und andererseits unsagbar glücklich   unsagbar glücklich zu Haus zu sein wissen Sie ich hätte alles streicheln können [deutet die Bewegung an] die in meinem Zimmer ich hatte ja

[2:10:33] ein hübsches kleines Kinderzimmer und das hatte die Tante alles zurecht gemacht äh das da hab ich so gelacht da hat sie die Puppe auf das Bett gesetzt ja weil ich sagte ich kam mir so erwachsen vor ja

Daniel Baranowski

[2:10:49] mh

Ingeburg G.

[2:10:51] aber es war alles so lieb und so also äh es waren eigentlich zwei Seelen in meiner Brust wie man so sagt ja

Daniel Baranowski

[2:10:58] mhm

Ingeburg G.

[2:11:00] erwachsen distanziert zu den Andern und unsagbar glücklich

Daniel Baranowski

[2:11:05] mhm und Sie haben dann eben bewusst durch das Tragen dieser

Ingeburg G.

[2:11:08] ja ja wer

Daniel Baranowski

[2:11:10] Binde oder so

Ingeburg G.

[2:11:12] [gleichzeitig:] ja ja

Daniel Baranowski

[2:11:14] (ausgestellt wo Sie gewesen sind)

Ingeburg G.

[2:11:17] ja ich wollte zeigen [betont:] ich bin zurück gekommen

Daniel Baranowski

[2:11:19] mhm

Ingeburg G.

[2:11:22] aus Theresienstadt Terezín [zeigt auf den linken Oberarm] hab ich sehr lange getragen ähm heute würde ich sagen [zuckt mit den Schultern] warum aber damals ganz gezielt zeigen es gibt noch welche

Daniel Baranowski

[2:11:28] [gleichzeitig:] (sind Sie darauf)   mhm sind Sie darauf konkret angesprochen worden

Ingeburg G.

[2:11:31] ja ja in Erfurt in Marbach in Marbach nicht aber in Erfurt [räuspert sich]

Gabriele Zürn

[2:11:37] und gab es jemand der Sie gefragt hat also der Sie gefragt hat was Sie erlebt haben was was wo Sie waren was das war (das Sie) was

Ingeburg G.

[2:11:45] [gleichzeitig:] ja

Gabriele Zürn

[2:11:47] Theresienstadt war

Ingeburg G.

[2:11:49] ja

Gabriele Zürn

[2:11:52] (auch) in Marbach sind Sie auch noch

Ingeburg G.

[2:11:54] [unterbricht:] ja da haben sie in Marbach wurde mehr die Tante angesprochen ja

Gabriele Zürn

[2:11:56] [gleichzeitig:] ja mhm

Ingeburg G.

[2:11:58] so und zum Beispiel was mich heute wundert ich bin ja dann wieder ab September in die Schule gegangen   da hat kein Lehrer oder irgendjemand   meine Vergangenheit erwähnt äh danach gefragt das wurde regelrecht negiert   so   als ob das gar nicht geschehen wär

[2:12:19] ich frag mich warum hatten sie Angst dass sie vielleicht in einen Konflikt kommen könnten wie sie sich verhalten haben während der Zeit äh das war auch oft später im Betrieb so äh daraufhin wurde man nicht angesprochen ich jedenfalls nicht andere vielleicht

[2:12:39] ich weiß es nicht   ja

Gabriele Zürn

[2:12:41] und der Lehrer der so   so besonders äh   (scheußlich war)

Ingeburg G.

[2:12:49] der war dann der war weg der war weg da hatte das Schreiben meines Onkels gewirkt

Daniel Baranowski

[2:12:54] (_)

Gabriele Zürn

[2:12:56] das war einer von denen

Ingeburg G.

[2:12:58] der war weg und der Bürgermeister auch   das   war   ein bisschen Gerechtigkeit   das sicher die vielen Toten nicht wieder lebendig macht aber ich war ja wieder gekommen  

[2:13:15] aber ich hatte eben was ich verloren hatte und was   ich nie wieder hatte worum ich

[2:13:23] alle Kinder sonst beneidet hab ein richtiges Elternhaus Papa und Mama   das hatt ich seit 1938 nicht mehr   so und   das hat mich auch später im Leben geprägt [räuspert sich] im Internat wenn wir Schulferien hatten und so wir fahrn nach Haus so »och meine

[2:13:49] Eltern« wenn so erzählt wurde ja das war bei mir anders ich bin dann zu Onkel und Tante gefahrn und hab aber die Ferien geteilt und meine Mutti ist 1949 nach Berlin gegangen weil sie dort bessere berufliche Möglichkeiten hatte und ich hab die Ferien geteilt

[2:14:09] bin die Hälfte zu Onkel und Tante nach Marbach die andere Hälfte zu meiner Mutti nach Berlin ja um   beiden gerecht zu werden ja wobei meine Mutti äh damals noch keine eigene Wohnung hatte sie wohnte zur Untermiete aber da war ich herzlich willkommen  

[2:14:28] ja   so   wir waren  

Daniel Baranowski

[2:14:36] (beim)   Abitur   glaub ich

Ingeburg G.

[2:14:40] ja wir waren stehen geblieben 1948 W- nach Wickersdorf dort in der Gemeinschaft dass ich wieder Kontakt zu meinem Papa hatte 1949 hatte ich   wirklich die ernsthafte Absicht in die USA zu gehen so und   dann   hab ich an Onkel und Tante gedacht an meine Mutti

[2:15:15] die ich also   zurücklassen müsste und dann hatt ich auch schon so ein   gute Beziehung zu den jungen Menschen im Internat dass mich das alles gehalten hat dass ich gesagt hab »also ich mach erst mal Abitur   und dann werd ich weiter entscheiden was ich mache«  

[2:15:40] so und so bin ich nicht gegangen   obwohl ich schon ein Schiffsticket hatte das hatte mein Papa dann alles organisiert   aber ich bin dann doch im Internat geblieben und hab dann dort 1952 Abitur gemacht   das Internat hat mir eigentlich sehr viel   Vertrauen

[2:16:11] wieder gegeben sehr viel Beziehungen auch zu Menschen Freundschaften ich fühlte mich nicht mehr ausgeschlossen ich war äh n voll berechtigter anerkannter Bürger sozusagen oder Schüler besser gesagt und äh man wurde für Leistungen anerkannt das Lehrpersonal

[2:16:34] äh war sehr angenehm ich hatte eine Hausdame eine Studienrätin jedes Haus hatte also einen verantwortlichen Lehrer bei uns war es eine Studienrätin den Namen kann ich sagen Frau (Kassnitz) sie lebt schon lange nicht mehr sie war eine   sehr sehr gute Pädagogin

[2:16:58] sie hat zum Beispiel wenn ich ich hatte auch Tiefs   ich musste ja sehr viel Stoff nachholen musste sehr viel lernen und ich muss sagen ich hatte gute Freundinnen aber ich hatte auch einen guten Schulfreund der   mit mir sehr viel gearbeitet hat aber wenn ich

[2:17:17] diese Tiefs hatte und auch mal sag mal den Koffer packen wollte dann gehörte diese Hausdame die Studienrätin (Kassnitz) zu den Lehrern die auch an meine Mutti geschrieben haben und geschrieben haben   wenn die Inge schreibt sie schafft es nicht mehr sie soll

[2:17:34] sich keine Sorge machen ich schaffe das ich komm aus dem Tief wieder raus sie helfen mir und es wär gut wenn sie mich mal besuchen würde im Internat und so weiter und so fort also   das Umfeld hat mir sehr viel Kraft gegeben und mir geholfen dieses Ziel den

[2:17:56] ersten Schritt das Abitur zu machen zu erreichen so das wär eigentlich   zu Wickersdorf zu sagen und ich   kann mich auch erinnern in der elften Klasse d- äh die elfte Klasse ist find ich die schwierigste vorm Abitur da wird so viel Stoff vermittelt dass man

[2:18:15] denkt das ist nicht zu schaffen und da wollt ich weg und da hat meine Mutti gesagt [betont:] »die Tür ist zu   wenn du kommst   es war für mich so schwer du hast kein Geld verdient ich musste Geld bezahlen für das Internat ich musste dafür sorgen dass du

[2:18:33] Kleidung hast und so weiter [betont:] das darfst du nicht wegwerfen du machst Abitur« und ich habs dann auch durchgestanden so und dann hab ich mich   1952 an der Humboldt-Universität in Berlin beworben   an der Juristischen Fakultät   und hab im September

[2:18:57] 1952   an der Juristischen Fakultät mein Studium aufgenommen   mit dem Ziel eigentlich   Rechtsanwalt zu werden oder in die Wirtschaft zu gehen   1956 hab ich mein Diplom gemacht neunzehn- und hab dann zwei Jahre im Institut für Zivilrecht an der Humboldt-Universität

[2:19:25] als wissenschaftliche Assistentin gearbeitet um den ersten Wunsch zu realisieren als Rechtsanwalt arbeiten zu können hätte das in der DDR bedeutet ich hätte erstmal   in der Justiz arbeiten müssen um mir praktische Kenntnisse anzueignen entweder als Richter

[2:19:48] oder als Staatsanwalt und das war auch sehr weit   gediehen ich sollte an das Bezirksgericht nach Suhl in Thüringen aber das hab ich abgelehnt also ich wollte nicht in die Justiz das   mir war dann klar es wär sicher als Rechtsanwalt gut mal auf der anderen

[2:20:10] Seite gearbeitet zu haben aber diesen Weg wollt ich nicht gehen und hab dann 1958 angefangen in Adlershof zu arbeiten beim Bereich Rundfunk und Fernsehen in der Rechtsabteilung als juristische Mitarbeiterin hat mir sehr viel Spaß gemacht  

[2:20:34] vielleicht muss

[2:20:37] ich noch auf ein Problem zu sprechen kommen [räuspert sich] 1953 ein Jahr nach dem Studium wurde ich   aufgefordert die juristische Fakultät zu wechseln und zwar aus dem Grund da mein Vater amerikanischer Staatsbürger ist und es nicht möglich sei mich später

[2:21:06] mal als Jurist also als Staatsdiener einzusetzen   ich könnte das Studium abbrechen könnte zu jeder anderen Fakultät gehen außer zu einer die also sagen wir mal gesellschaftswissenschaftlich geprägt ist wie Wirtschaftswissenschaften oder Ähnliches

Gabriele Zürn

[2:21:26] wer hat das zu Ihnen gesagt

Ingeburg G.

[2:21:29] [gleichzeitig:] ja ?

Gabriele Zürn

[2:21:31] also

Ingeburg G.

[2:21:33] äh der Dekan

Gabriele Zürn

[2:21:35] mhm

Ingeburg G.

[2:21:38] es muss dann irgendwelche Beratungen gegeben haben und dann wurde mir die Alternative oder der Kompromiss angeboten den Kontakt zu meinem Vater abzubrechen dann könnte ich das Studium fortsetzen ich hab mich dann schweren Herzens dazu entschlossen das Studium

[2:21:52] fortzusetzen mein Papa hat dann an meine Mutti geschrieben warum   ich nicht mehr schreibe auf keine Briefe antworte   so sie muss ihm das über einen Brief den sie über West-Berlin weggeschickt hat dann irgendwie zu verstehen gegeben haben so das war natürlich

[2:22:18] eine harte Zeit für uns wir waren so glücklich dass wir beide überlebt hatten und dann kam das [räuspert sich] 1957 haben sich dann die Dinge etwas gelockert und ich konnte dann wieder Kontakt aufnehmen ab da hatten wir dann auch regelmäßig brieflichen

[2:22:39] Kontakt zueinander so 1958 wie gesagt war ich dann Mitarbeiter in Adlershof im Bereich Rundfunk und Fernsehen  

[2:22:50] ja jetzt kommt   mh ein wieder ein schnei- einschneidendes Erlebnis im Januar 1959 kommt mein Papa das erste Mal nach Deutschland nach Berlin zu Besuch  

[2:23:08] wir ham uns also 21 Jahre nicht gesehen wir hatten Kontakt über lange Strecken dann zweimal keinen so wir sind dann   [lacht] das war ein tolles Ereignis ich hab überall erzählt »mein Papa kommt« das is   so eine tolle Freude auch in Adlershof im Betrieb

[2:23:34] und hab auch dort gesagt dass ich mit meinem Vater nach Nürnberg fahren werde nach Hannover nach München dass wir nach Ange- -hörigen forschen wollen und suchen werden ich hatte dort   einen Personalleiter in der DDR hieß das Kaderleiter übrigens ein ehemaliger

[2:23:58] Widerstandskämpfer der gesagt hat »da gibts nichts dagegen einzuwenden« das war ja eigentlich nicht so einfach aber man kriegte einen Interzonenpass nannte sich das und da konnte ich dann reisen   mein Papa ist von Berlin geflogen und ich bin mitm Zug gefahren

Gabriele Zürn

[2:24:18] und Ihr Vater war dann in West-Berlin oder in hat der in Ost-Berlin

Ingeburg G.

[2:24:21] er hat in West-Berlin im Hotel gewohnt und ich auch

Gabriele Zürn

[2:24:25] mhm

Ingeburg G.

[2:24:27] ja

Gabriele Zürn

[2:24:30] und wo habe Sie sich d- getroffen also (er is)

Ingeburg G.

[2:24:32] [unterbricht] ich hab ihn   in Tempelhof am Flugplatz abgeholt

Gabriele Zürn

[2:24:34] ah ja

Ingeburg G.

[2:24:37] ja   mit einem großen Blumenstrauß

Gabriele Zürn

[2:24:39] und Sie haben sich sofort erkannt ?

Ingeburg G.

[2:24:41] ja ja ja ich hatte ja nun schon Bilder von ihm und so ja und   das war ganz toll ich weiß nicht äh so ein eigenartiges Gefühl nach 21 Jahren sich wieder zu sehen für ihn sicher auch ich meine er hat jetzt eine erwachsene Tochter und äh zurück gelassen

[2:25:02] hat er ein kleines sechsjähriges Mädchen [räuspert sich] tja und ich hatte einen   sehr netten fürsorglichen Papa und vielleicht muss man dazu sagen also jemand äh das kannte ich ja nun doch nicht so der mich auch verwöhnen konnte ein bisschen ja denn

[2:25:23] es war ja für meine Mutti nicht leicht sie hatte 1952 wieder geheiratet ihr zweiter Mann war für mich ein sehr guter Freund und Kamerad aber äh im Grunde genommen musste ja meine Mutti mit für mich aufkommen ja während der Oberschulzeit während des Studiums

[2:25:44] [räuspert sich] und es war schon ganz schön dann mal verwöhnt zu werden auch bei diesen Reisen ich hab übrigens ein Foto   eigentlich zwei Fotos von unserem ersten Treffen das ist das [zeigt ein Foto] im Januar 1959   das ist zum Essen im Kempinski in der

[2:26:10] Fasanenstraße   und dann ham wir eine Woche Urlaub gemacht das n sehr kleines Foto [zeigt ein Foto] in Kitzbühel   so und da äh sind wir auch Skilaufen gewesen   ich besser als er da ich ja im Thüringer Wald auf der Internatsschule war wo man auch Skilaufen

[2:26:35] konnte   so

Daniel Baranowski

[2:26:38] Ihre Mutter war bei diesem   Treffen nicht dabei die haben sich nicht gesehen

Ingeburg G.

[2:26:43] also   natürlich sind wir mit meiner Mutti und äh ihrem zweiten Mann zusammen getroffen   meine Mutti und Kurt hieß der zweite Mann mit Vornamen ham meinen Papa eingeladen nach Haus zum Essen und er hat uns alle eingeladen wir sind zusammen Essen gegangen

[2:27:02] und   es gab eigentlich   ein sehr angenehmes Verhältnis   der zweite Mann meiner Mutti is ein Berliner gewesen ein sehr aufgeschlossener Mann ein Jahr jünger übrigens als mein Papa und   äh sehr weltgewandt und es gab überhaupt keine Probleme   allerdings

[2:27:29] gab es   später   ein Problem aber darauf komm ich dann noch zu sprechen mit meinem Papa bin ich dann nach Nürnberg nach München und nach Ahlem und   wir haben also feststellen müssen mithilfe dortiger Behörden und der jüdischen Gemeinden dass aus unserer

[2:27:53] Familie außer ihm und mir niemand überlebt hat   dass es also äh Deportationen nach Riga gab und in das Warschauer Ghetto und dass niemand von dort lebend zurück gekommen ist   das   war natürlich sehr traurig aber   das war eigentlich nur die Bestätigung

[2:28:15] dessen was wir vermutet hatten denn sonst hätte man irgendwann schon Kontakte gehabt

Gabriele Zürn

[2:28:22] war Ihr Vater religiös ?

Ingeburg G.

[2:28:24] wenig wenig er schreibt er betet für mich aber äh sagen wir mal dass er die jüdin- jüdischen Sitten und Gebräuche   äh gepflegt hat das war nicht der Fall obwohl ein Onkel von ihm Rabbiner war aber   vielleicht weil er doch [räuspert sich] er ist mit

[2:28:51] 14 Jahren nach Ahlem gegangen hat dort als Gärtner gelernt und ist dann mit 18 Jahren nach Erfurt und   hat dort allein gelebt bis er meine Mutti kennen gelernt hat und hat also wenig Gebräuche gepflegt also wie der Sabbat oder so etwas ich kenn das nicht

[2:29:16] ja und dadurch hatt ich zu diesen Dingen auch sehr wenig Berührung  

[2:29:22] so jetzt kommt vielleicht noch etwas was ganz interessant ist im Sommer 1959 teilt mein Papa meiner Mutti mit   dass seine zweite Ehe geschieden ist und er möchte dass die Mutti zu ihm

[2:29:39] kommt   das   meine Mutti hat mit ihrem Mann darüber gesprochen und er hat gesagt »sicher kann dir   Herbert« sie haben sich mit Vornamen angesprochen «mehr bieten als ich ich überlasse dir die Entscheidung« aber meine Mutti hat sich entschieden bei

[2:30:03] ihrem zweiten Mann zu bleiben das war sicher eine sehr richtige Entscheidung man kann die Jugendliebe nicht wieder aufleben lassen dazu lag vielleicht zu viel dazwischen   so   mein Mann mein Papa hat dann nicht wieder geheiratet   er hatte dann Bekannte und

[2:30:23] hatte zum Schluss auch ne Lebensgefährtin

Daniel Baranowski

[2:30:25] wo hat er eigentlich gelebt in Amerika ?

Ingeburg G.

[2:30:28] in Kalifornien   und zwar in d- in der Nähe von   San Francisco ja er hat erzählt als sie gesucht haben wo sie lo- leben werden in USA ist er mit dem Flugzeug in die Staaten geflogen und hat erst mal sich umgeschaut und hat festgestellt er war inzwischen  

[2:30:51] mh ein sehr guter Landschaftsgestalter geworden also mehr als Gärtner hat viele Entwürfe gemacht dass dafür in Kalifornien das beste Land ist dort ist immer Sommer   dort blüht alles und deswegen ist er nach Kalifornien gegangen   so ich hab dann 1959   meinen

[2:31:19] Ehemann kennen gelernt   hab 1961 geheiratet   1962   einen Sohn bekommen   ich hatte dann regelmäßig Kontakt mit meinem Papa   und der ist dann noch zweimal zu Besuch gekommen   1965 und 1970   und dann war ihm das eigentlich zu beschwerlich obwohl er ja erstmal  

[2:31:55] knapp sechzig Jahre dann war aber   er ist dann nicht mehr gekommen   wir hatten regelmäßig Kontakt haben telefoniert haben miteinander geschrieben   so ich hab meinen Beruf ausgeübt   unser Sohn   hat gelernt hat Abitur gemacht hat dann ein Studium in Cottbus

[2:32:21] aufgenommen als Bauingenieur und mein Mann war im Leistungssport tätig er hat eigentlich war er Lehrer und   hat auch Fußball gespielt aktiv und ist dann zum Leistungssport übergewechselt und hat im Leistungssport gearbeitet   so das   denke ich reicht vielleicht

[2:32:46] für das Leben in der DDR es war immer so dass ich na wie kann man sagen so n bisschen n Exot war ob das im Betrieb war oder unter Freunden »ach ja die Inge« und so ach mit der Verwandtschaft in Amerika im Betrieb war das sicher manchmal n bisschen problematisch

[2:33:09] in der DDR   zumal ich denke auch dass unsere Ge- -spräche abgehört wurden aber   das hat mich nicht weiter gestört ich hatte keine Geheimnisse preiszugeben   das war das Leben in der DDR und jetzt kommt eigentlich nur [betont:] noch mal ein Stückchen Leben

[2:33:27] das is das Leben nach der Wende [räuspert sich]

Daniel Baranowski

[2:33:30] können wir kurz ähm ich würde gerne noch wissen haben Sie mit Ihrem Mann und dann vor allem mit Ihrem Sohn über äh Ihre Verfolgungszeit gesprochen

Ingeburg G.

[2:33:42] ja ja also über meinem mit meinem Mann und auch mit dem Sohn sehr intensiv äh ich hab ihm auch alles was ich so an Materialien hatte so zur Kenntnis gegeben und   er hat auch noch da war er allerdings drei Jahre als dann Onkel und Tante verstorben waren aber  

[2:34:07] er kennt Marbach [räuspert sich]   er kennt auch die Hannelore Cars die Ruth Cars aus Erfurt und   er ist damit groß geworden   und ich kann mich noch erinnern er ist mal aus ner Disko gekommen sagt er »da musst ich erst mal aufräumen« ich sach »wieso denn«

[2:34:30] »na die ham gesagt hier ist Krach wie in einer Judenschule«   und das ging ihm unter die Haut sagt er »ich hab mich nicht geprügelt aber ich hab da erstmal den Leuten klar gemacht was sie da für   faschistische Sprüche übernehmen« ja also er ist damit

[2:34:48] groß geworden und mein Mann musste das auch denn es gab ja doch oft Dinge wo man damit konfrontiert wurde   oder wo man auch Probleme hatte   ja und dadurch wurden diese Dinge doch nicht v-   verdrängt sie waren nicht so vordergründig wie jetzt wieder seit

[2:35:12] ich nicht mehr im Beruf bin   ja wenn man im Beruf ist und arbeitet Kind erzieht Haushalt und so weiter   und ich war dann später auch äh einige Jahre Leiter einer großen Importabteilung für Rundfunk und Fernsehen wo wir die ganze Technik für Adlershof

[2:35:33] importiert haben äh ich war dann viel auf Dienstreisen zum Beispiel äh die Aufzüge im Fernsehturm Berlin die haben wir ja aus Schweden importiert da war ich dann zu Verhandlungen in Schweden oder zu Verhandlungen in Darmstadt weil wir dort Farbfernsehübertragungswagen

[2:35:53] gekauft haben also es war dann eine richtige   wirtschaftsrechtliche Tätigkeit und   die war natürlich auch mit vielen Dienstreisen verbunden und dadurch äh musste man seine Zeit ganz schön einteilen aber meine Familie hat da auch voll hinter mir gestanden  

[2:36:15] aber ich hab meinen Beruf sehr gerne gemacht ich war auch sehr gerne in Verhandlungen ja und das war [räuspert sich] in der siebziger Jahren gar nicht so üblich grad in den alten f- Bundesländern dass da so viel Frauen an Verhandlungen teilnahmen ja das

[2:36:36] war auch ein bisschen neu aber man hat sich darauf eingestellt [lacht]

Gabriele Zürn

[2:36:42] sind Sie von Kollegen auch manchmal angesprochen worden auf Ihre Geschichte bis 45

Ingeburg G.

[2:36:48] [gleichzeitig:] nein

Gabriele Zürn

[2:36:50] das war unter Kollegen dann nicht (_)

Ingeburg G.

[2:36:53] [gleichzeitig:] das war ich würde sagen Tabu ich weiß nicht entweder haben sie sich gescheut dass das für mich vielleicht verletzend sein könnte oder nein wenn ich nicht bei Gelegenheiten es gab ja manchmal Gedenktage oder so vielleicht in einem kleinen

[2:37:09] Kreis mal bestimmte Dinge angesprochen hätte äh v- von Kollegen aus und so   nicht im Freundeskreis schon eher mal ja

Gabriele Zürn

[2:37:19] gab es so was also oder haben Sie so was Antisemitismus wahrgenommen in i- der DDR gab es für Sie so Erfahrungen ?

Ingeburg G.

[2:37:28] [gleichzeitig:] nein eigentlich nicht das hab ich nicht wahrgenommen ich hab nur etwas wahrgenommen was mich n bisschen   bedrückt hat dass man diese Dinge äh sehr wenig äh öffentlich gemacht hat wenn ich das so sagen kann ich meine natürlich ich wurde

[2:37:52] betreut es gab eine VdN-Betreuungsstelle beim Magistrat von Berlin ich wurde gesundheitlich betreut ich hatte einen Ausweis konnte kostenlos öffentliche Verkehrsmittel benutzen äh bekam auch eine gewisse Teilrente und so aber ansonsten wurde das sehr äh

[2:38:14] nicht geheim aber na ja sehr diskret behandelt sagen wirs mal so   aber Antisemitismus als solchen hab ich nicht erlebt das kenn ich nicht und auch so im Kollegenkreis oder so irgendwie ich meine Vieles hatte sich ja rumgesprochen ohne dass mit mir darüber

[2:38:41] gesprochen wurde aber das hab ich persönlich nicht erlebt

Gabriele Zürn

[2:38:47] und äh wie war das ähm in der DDR ähm die Auseinandersetzung also um die Politik Israels und den Nahen Osten wie haben Sie das wahrgenommen so um   die Zeit ?

Ingeburg G.

[2:39:01] ja äh   sagen wir mal so in der DDR gab es   eigentlich keine äh gab ja auch keine diplomatischen Beziehungen zu Israel in der DDR wurde das ein bisschen schwarz-weiß gemalt die guten Palästinenser und die schlechten Israelis die den Palästinensern das

[2:39:34] Land weggenommen haben die sie vertrieben haben äh das war eigentlich so ein bisschen der Tenor   und ansonsten wurde über diese Dinge sehr wenig gesprochen und da ich nun nicht Mitglied der isra- -elischen Kultusgemeinde war weiß ich auch nicht wie dort

[2:39:55] das äh sich widergespiegelt hat das kann ich nicht einschätzen aber   es gab da sicher eine Reihe von Problemen die ich aber nicht werten kann das weiß ich nicht  

Daniel Baranowski

[2:40:14] hatten Sie in der Zeit b- tschuldigung

Ingeburg G.

[2:40:20] ja nee vielleicht muss ich das noch nachholen [lacht]

Daniel Baranowski

[2:40:23] hatten Sie in der Zeit bis 89 jemals überlegt nochmal nach Terezín zu fahren ?

Ingeburg G.

[2:40:33] ja wir waren in Theresienstadt

Daniel Baranowski

[2:40:36] ah ja mhm

Ingeburg G.

[2:40:39] ja ja ich war mehrmals mit meinem Mann in Theresienstadt und   äh mit meinem Sohn war ich noch nicht dort eigentlich absichtlich nicht ich wollte ihn äh n bisschen davor bewahren ja aber wir haben jetzt drüber gesprochen und er sagt »Mama es ist eigentlich

[2:40:52] Zeit dass wir zusammen hinfahren« ja mit meinem Mann war ich mehrmals in Theresienstadt und wir haben dort das Ghetto besucht und auch die Kleine Festung und dann war ich natürlich später als mein Bruder mit seiner Familie das erste Mal hier in Berlin war

[2:41:11] warn wir auch zusammen in Theresienstadt und dann vor ein paar Jahren war ich mit meinem Bruder und seiner Frau auch in Buchenwald das haben wir uns zusammen angesehen ich dachte   es sei sehr wichtig für ihn   er is ja jüdisch erzogen aber äh ich würde

[2:41:37] sagen nicht religiös   er pflegt auch keine Bräuche   seine Mutter die lebt ja noch die (Lizzie) die is jetzt 87 Jahre die ist pflegt gewisse Bräuche aber (Roy) nicht   so   ich war natürlich nach der Wende mit meinem Mann in Israel wir haben Israel besucht

[2:42:11] ich musste das kennen lernen ja das war für mich ganz wichtig und ich musste auch äh abwägen war es falsch dass meine Eltern zurück   nach Deutschland gegangen sind wobei ich sagen muss ich hab keine Beziehung zu diesen   wirklich stark religiösen Gebräuchen

[2:42:38] dort an der Klagemauer und so zu den ich hab also sicher auch   äh Probleme mit ultraorthodoxen Juden ja weil ich glaube alles was in Richtung ultra geht ist eigentlich gegen Toleranz und Versöhnung   das ist mein Problem aber es war für mich wichtig Israel

[2:43:08] kennen zu lernen und   ich würde auch nochmal dorthin fliegen auf jeden Fall   obwohl ich dort keine Angehörigen hab ja

Gabriele Zürn

[2:43:19] das wär vielleicht die Möglichkeit das was äh mich äh so im Hinterkopf schon die ganze Zeit so mitläuft warum sind Ihre Eltern 1933 nach Palästina gegangen waren sie aus zionistischer Überzeugung ?

Ingeburg G.

[2:43:32] nein ich denke mal dass war so ein bisschen was mein Papa mitbekommen hat aus Ahlem dort wurde ja sehr viel in Richtung Palästina erzogen und auch die Kreise sie hatten viele jüdische Freunde in Erfurt ja und   er als Gärtner das war irgendwie sagt er für

[2:43:59] ihn naheliegend nach Palästina zu gehen und bei seinem ersten Treffen 1959 sagt er »was hab ich im Leben falsch gemacht ?« ich sach »Papa dein größter Fehler war wieder nach Deutschland zurück zu gehen« sach ich »die Welt ist so groß warum bist du

[2:44:17] nicht [betont:] damals mit uns   nach USA gegangen oder sonstwohin   aber nicht zurück nach Deutschland«   »tja« sacht er das sieht er natürlich heute auch so aber damals fand er es wär das Beste wieder zurück nach Deutschland und nach Palästina warn

[2:44:42] sie erst Feuer und Flamme und meine Mutti sagt wenn ich nicht so krank geblieben wär sie hat immer wieder überlegt ob s- ob sie nicht bleiben ja aber dann glaubten sie es sei für mich das Beste ja und zu s- USA hatten sie sicher auch keine Beziehung und

[2:45:01] äh sicher auch kein Geld ja Deutschland war das Einfachste und sie ham sich sogar noch von Onkel und Tante und von einem Bruder meiner Mutti Geld schicken lassen für äh den Rücktransport man äh fuhr ja damals mit allem mit dem großen Reisekoffer (wo)

[2:45:24] die Betten drin waren meine Mutti sagt das Wichtigste war mit Betten zu reisen dass man immer wo man war schlafen konnte ja das erinnert so an die alten Auswandererschiffe

Gabriele Zürn

[2:45:40] mhm

Ingeburg G.

[2:45:43] tja was war dann   nach der Wende was hat sich geändert   also 1990   äh   war dann die Zeit ich war mit 55 Jahren bin ich ja als Verfolgte des Naziregimes berentet worden hab also Altersrente bekommen und auch äh diese   Ehrenpension jetzt heißt sie Entschädigungsrente

[2:46:14] so ich hab dann aber noch drei Jahre weitergearbeitet   bis 1990   und dann bin ich also auch in den Ruhestand gegangen und dann stand für mich fest also ich besuche meinen Papa   mein Sohn hat zu dieser Zeit in Russland gearbeitet an der Erdgastrasse als Bauingenieur

[2:46:41] äh er is nach seinem Studium war ihm das alles zu eng und da hat er sich beworben an die Erdgastrasse nach Russland zu gehen   und dann ist er als junger Bauingenieur nach Kasachstan und hat übrigens dort seine Frau die auch aus Dresden is die auch dort als

[2:47:04] Bauingenieur an der Erdgastrasse gearbeitet hat kennengelernt die er dann später geheiratet hat so also   am ersten siebten 1990 sind mein Sohn und ich nach Kalifornien geflogen mein Papa hat uns die Tickets geschickt ich muss da mal sagen da- als das alles

[2:47:27] eingeleitet wurde war das vor der Währungsunion und es gab [betont:] keine Möglichkeit in der DDR Tickets in die USA mit dem Geld zu kaufen die das wir hatten so also hat mein Papa Tickets für uns gekauft und hat sie uns geschickt   und damals war mein Papa

[2:47:52] 78 Jahre alt   wir hatten uns also wieder fast zwanzig Jahre nicht gesehen so und da gab es das erste große Wiedersehen zwischen meinem Papa und mir ich hab hier auch n Foto   mal sehen ob ich das jetzt so schnell finde   ja [zeigt das Foto]   mein Sohn mein

[2:48:19] Papa und ich   in Redwood City

Daniel Baranowski

[2:48:25] wie heißt das ?

Ingeburg G.

[2:48:27] Redwood City das ist ein ne Kleinstadt eine Gartenlandschaft bei Kalifornien äh bei San Francisco in Kalifornien   so und   das war natürlich alles ganz toll auch für meinen Sohn und   dann hab ich meinen Bruder dort zum zweiten Mal gesehen er war zum ersten

[2:49:01] Mal   in Berlin äh mit seiner Familie das war vor der Wende da war er in West-Berlin und hat uns einen Tag hier besucht da ham wir uns praktisch kennengelernt und jetzt waren wir also bei ihm wir wurden herumgereicht im ganzen Bekanntenkreis wir kamen ja nun

[2:49:28] aus der ehemaligen DDR wir wurden gefragt »what`s that«   hm naja DDR und so weiter erzählt und   das war auch ganz lustig unser Sohn wurde in die Schule von meinem Neffen eingeladen der (T) der ging in die elfte Klasse die (Beth) ging in die zwölfte Klasse

[2:49:52] und der Geschichtslehrer der war ganz ganz toll interessiert einen jungen Mann aus der DDR in seinem Unterricht zu haben so und da hat sich der (Juri) vorbereitet mithilfe seiner Cousine und seines Cousins und hat dann dort in Englisch erzählt wie er gelebt

[2:50:14] hat wo er arbeitet in Kasachstan wo das ist ganz weit weg und so weiter ja und wie er jetzt lebt dis war alles sehr interessant und wir sind dort sehr herzlich aufgenommen worden äh es gibt Zeitungen die haben über uns geschrieben dort da gibt es ja so Familienzeitungen

[2:50:36] in den USA und das sind Bilder von uns von meinem Papa und   aus der Vergangenheit und dann wurden wir zitiert also es war ein ganz ganz großes Erlebnis und

Daniel Baranowski

[2:50:51] ein bisschen waren Sie wieder so die Exoten ne

Ingeburg G.

[2:50:56] (na) aber absolut das fing ja schon an mit unserm Reisepass ja wir hatten ja noch n Reisepass aus der DDR als wir in San Francisco einreisten da wurde der von allen Seiten hin und her gedreht ja und nachher auch natürlich warn wir die Exoten und   wie man

[2:51:19] ich muss natürlich sagen auch viel   Dummheit war da dafür konnten die Menschen nichts das war das was über die Medien rübergebracht wurde über die DDR und über das Leben und dass wir auch die Nase mitten im Gesicht haben hab ich immer gesagt das ist

[2:51:38] doch ein Wunder aber das war halt so damit hat man sich arrangiert aber wir wurden auch von vielen Menschen sehr freundlich sehr herzlich aufgenommen und   (Juri) wurde natürlich gleich gefragt ob er nicht da bleiben will aber er   hatte eigentlich   nicht die

[2:52:01] Absicht in die USA zu gehen   er sagt wenn man nicht dort zu einem [gestikuliert] gewissen Stand gehört dann ist es auch sehr schwierig ja und als junger Bauingenieur er hätte dort sicher Fuß fassen können aber er wollte eigentlich nicht weg ja   wie er

[2:52:22] jetzt darüber denkt ich weiß es nicht er äußert sich nicht dazu   es wär sicher manches leichter aber die Wirtschaftskrise ist dort auch   so ja wir warn dann vier Wochen in den Staaten ham sehr viel gesehen mein Bruder seine Familie mein Papa haben uns

[2:52:44] sehr viel gezeigt äh eigentlich vieles von Kalifornien äh und was natürlich auch wichtig war äh ein bisschen Geschichte aufzuarbeiten ja mit der Familie von (Roy) ja meinem Halbbruder   das war hat sich sofort ein ganz ganz tolles Verhältnis entwickelt

[2:53:13] also   wenn wir nicht so weit wären wir würden au- entfernt wir würden aneinander hängen wie die Kletten wir haben so eine tolle Bindung zueinander obwohl wir verschiedene Mütter haben so dann   waren wir das war im Juni 1990 im Januar 1992 sind wir dann

[2:53:40] zu dritt in die Staaten geflogen mein Mann mein Sohn und ich zum fünfundachtzigsten Geburtstag von meinem Papa   so das war aber ein Geheimnis mein Papa wusste nich dass wir kommen is wieder so ne Episode sie sitzen alle zusammen bei (Roy) im Haus die Gäste

[2:54:01] mein Papa seine Lebensgefährtin und auf einmal kommen wir aus dem Nebenzimmer   vorher hat mein Mann aus dem Nebenzimmer mit meinem Papa telefoniert und hat gesagt »durch die Zeitverschiebung können wir dir ja jetzt schon zum Geburtstag gratulieren«

Gabriele Zürn

[2:54:22] [gleichzeitig:] trickreich

Ingeburg G.

[2:54:25] das hatte alles (Roy) org- arrangiert so und dann ich gratuliere (Juri) gratuliert und dann tun wir so als ob die Verbindung unterbrochen ist Papa ruft immer »hallo ! hallo !« und da kommen wir in das große Zimmer wo die ganzen Gäste sitzen ich hab Angst

[2:54:43] gehabt dass er n Herzinfarkt kriegt

Daniel Baranowski

[2:54:45] ja [lacht]

Ingeburg G.

[2:54:48] er sagt immer »that`s unbelievable ! unbelievable ! ich glaub das nicht unbelievable« der brachte gar keine Worte so naja und dann ham wir dort seinen Geburtstag gefeiert ja das war ganz ganz toll das war sein achtzigster Geburtstag   so und   zwei Jahre später

[2:55:12] hatte ich dann sechzigsten Geburtstag ist dann mein Bruder mit Familie das erste Mal nach Deutschland gekommen also das zweite Mal aber das erste Mal zu mir richtig also

Gabriele Zürn

[2:55:25] nich in West-Berlin sondern

Ingeburg G.

[2:55:27] nich i- nein sondern wir ham das dann so gemacht unser Sohn hatte eine kleine Wohnung äh die wurde für die zwei jungen Leute zur Verfügung gest- sie wollten nicht in n Hotel wär ja auch teuer gewesen sie warn ja auch drei Wochen hier also die jungen Leute

[2:55:46] haben im   in der Wohnung unseres Sohnes gewohnt   äh wir haben zusammen teil- -weise in Eichwalde gewohnt und teilweise in Berlin in unserer Wohnung und haben dann sehr viel zusammen unternommen   natürlich meinen sechzigsten Geburtstag gefeiert und dann haben

[2:56:10] wir zusammen eine Mehrtagesreise gemacht   nach Prag und haben natürlich Theresienstadt besucht   und dann sind wir zusammen zurück sie sind dann weiter nach Wien gefahrn ja und das warn drei wunderbare Wochen in Familie für alle das is natürlich haben sie

[2:56:36] da auch meine Mutti kennengelernt das ist ein Bild [zeigt das Foto]   das ich gemacht hab  

Gabriele Zürn

[2:56:45] das ist äh zu diesem Anlass bei dieser (_)

Ingeburg G.

[2:56:49] das ist zu diesem Anlass zum

Gabriele Zürn

[2:56:51] [gleichzeitig:] ja

Ingeburg G.

[2:56:54] nach meinem sechzigsten Geburtstag sind wir zusammen essen gewesen

Gabriele Zürn

[2:56:56] und die Dame vorne links das ist

Ingeburg G.

[2:56:58] vorn links

Gabriele Zürn

[2:57:01] ist Ihre Mutter

Ingeburg G.

[2:57:03] [gleichzeitig:] das is meine Mutti und daneben ist der Sohn auf der anderen Seite mein Bruder seine Frau und die zwei Kinder   (TJ) und (Beth)

Daniel Baranowski

[2:57:07] und hinter Ihrem Sohn ist Ihr Mann

Ingeburg G.

[2:57:09] bitte ?

Daniel Baranowski

[2:57:12] hinter Ihrem Sohn ist Ihr Mann

Ingeburg G.

[2:57:16] [gleichzeitig:] dis is mein Mann oh den hab ich ja vergessen [lacht]   ja hinter meinem Sohn das ist mein Mann ja   und zwar hatte mein Sohn eine kleine Wohnung im Nikolaiviertel und das ist gegenüber im Nikolaiviertel in   dem Gartenrestaurant da is ich weiß

[2:57:33] nich heißt das glaub ich »Einstein« ich weiß es jetzt nicht genau ja ja dort war mir im Gartenrestaurant das war sehr sehr schön ja und   da sind wir uns natürlich auch noch familiär näher gekommen und ich kann eigentlich sagen es gab dann regelmäßigen

[2:57:52] Besuch in USA und in Deutschland   und   wir waren dann 1987 unter andern wieder in USA zum fünfundachtzigsten Geburtstag von meinem Papa da war dann auch   die junge Frau von unserm Sohn mit da warn wir also dann zu viert und   1999 im Oktober bin ich dann allein

[2:58:25] in die Staaten geflogen nachdem mich mein Bruder angerufen hatte dass es meinem Papa sehr schlecht geht   und da bin ich im Oktober sonntags in   Kalifornien angekommen ham wir meinen Papa im Krankenhaus besucht und ich bin dann jeden Tag zu ihm gegangen und

[2:58:50] am Mittwoch ist er dann in meinen Armen eingeschlafen nachmittags 16 Uhr   und ich bin dann noch n bisschen länger geblieben die Trauerfeier auf dem jüdischen Friedhof findet ja dann sofort statt aber dann wurde noch ein   Memorial Service gemacht eine große

[2:59:13] Trauerfeier mit allen Freunden und Bekannten und Kunden und so für die er früher Gartenanlagen entworfen hat und da hab ich dann auch gesprochen (n hab i- mir) erzählt dass mein Papa eigentlich drei Leben hatte und hab gesagt eins in Deutschland und in

[2:59:34] Palästina mit seiner ersten Frau und seiner Tochter dann das zweite Leben in Schanghai und dann das dritte Leben in USA so und   dass er immer sehr charming war und immer von den Frauen geliebt wurde das ist typisch für meinen Papa gewesen bis ins hohe Alter  

[2:59:58] so jetzt was soll ich sagen weiterhin gibt es regelmäßig Kontakt zu dem Teil meiner Familie in den Staaten mein Mann und ich wir waren jetzt im März dort da ham mein Neffe geheiratet hat auf Maui und da warn wir drei Wochen in den St- dreieinhalb Wochen

[3:00:19] in den Staaten davon drei W- jeweils eine Woche bei meinem Bruder und ungefähr zehn Tage auf Maui ja

Gabriele Zürn

[3:00:30] der Kontakt mit Ihrem Bruder ist ja sehr eng [Ingeburg G nickt] spricht der eigentlich Deutsch ?

Ingeburg G.

[3:00:35] ja

Gabriele Zürn

[3:00:38] (da _)

Ingeburg G.

[3:00:41] der (Roy) spricht gut Deutsch   aber er kann nicht lesen   er also er kann schon lesen aber nicht in Deutsch ja und da mein Englisch nun nicht soo gut ist aber mein Mann eigentlich sehr gut Englisch spricht dann muss er wenn was Schriftliches zu machen is muss

[3:00:59] er das alles machen ja er setzt sich dann hin und schreibt das Computer oder Schreibmaschine das muss er dann für mich erledigen ja und die (Marcia) seine Frau   hat äh vier Jahre in Berlin gelebt als Kind in Zehlendorf ihr Vater war ein Pilot bei der   äh

[3:01:25] US Air Force und war in Berlin stationiert und sie lebte mit ihren Geschwistern und ihren   ihrer Mutter in Zehlendorf in der Clayallee und dadurch spricht sie auch ziemlich gut Deutsch ja

Gabriele Zürn

[3:01:45] das hat ja die Annäherung wahrscheinlich auch schneller

Ingeburg G.

[3:01:49] [gleichzeitig:] ja leichter es is dadurch leichter geworden ja äh sicher gabs am Anfang n bisschen Distanz die kommen aus der DDR   aus ja das is ja bald Russland kommunistisch oder was weiß ich da gibts schon Vorbehalte dort aber ich muss Ihnen sagen wir

[3:02:09] haben so ein tolles Verhältnis zueinander und man lernt sich ja im Laufe der Zeit das sind ja jetzt zwanzig Jahre seit der Wende lernt man sich sehr gut kennen   ja und das als Nächstes werden sie wieder nach Deutschland kommen ja wir waren jetzt dort sie

[3:02:25] waren auch vor drei Jahren hier als unser Sohn geheiratet hat   ja das war für (Roy) selbstverständlich wenn der (Juri) heiratet dass sie nach Deutschland kommen und das hat ihnen sehr gut gefallen das war alles in Dresden Dresden ist ja eine wunderschöne

[3:02:43] Stadt und bei dieser Gelegenheit sind wir zusammen nach Thüringen gefahren ham Buchenwald besucht ham Erfurt besucht ich hab ihm gezeigt wo   der Papa mit mir und seiner ersten Frau gelebt hat wir warn in Marbach dort warn wir zu bei den Leuten die jetzt in

[3:03:08] dem Haus wohnen die ham sich riesig gefreut die wollten uns gar nich wieder weglassen zum Kaffee trinken und so und die fragen schon immer »wann kommen (Roy) und (Marcia) wieder nach Deutschland wir möchten sie sehen« also   es ist ganz toll und ich muss

[3:03:26] auch sagen ich bin froh für meinen Sohn dass er in USA Familie hat f- aus Sicherheitsgründen was weiß ich warum ich bin auf jeden Fall froh und der (Roy) sagt »wenn irgendwas ist (Juri) und seine Frau die sind immer willkommen die können jederzeit in

[3:03:45] die Staaten kommen« ja das ist für mich   äh irgendwie tröstlich und gibt mir auch ne gewisse Sicherheit und sicher unserm Sohn auch ja sie telefoniern regelmäßig miteinander und der (Roy) beschwert sich dass (Juri) an seinem Laptop noch keine kleine

[3:04:05] Kamera hat damit man sich beim Telefonieren sehen kann [lacht] aber das wird sicherlich der nächste Schritt sein

Gabriele Zürn

[3:04:12] haben Sie so was haben Sie so eine Kamera ?

Ingeburg G.

[3:04:14] nein ich ich bin zu dumm dafür [lacht] aber wir haben das nun in den USA ausprobiert der (T) der lebt ja nun auf Maui und der (Roy) äh in der Nähe von Sacramento und da wird immer regelmäßig hin und her gesprochen ja das ist ganz wichtig mit der kleinen

[3:04:32] Kamera vielleicht   reicht das erstmal zu meiner Familie [lacht] ich denke es ist n umfassendes Programm   äh es gibt vielleicht noch mal ein Foto   von   der Familie   das war   das is ein Foto   das muss zu seinem das war zu seinem dreiundachtzigsten Geburtstag  

[3:05:13] ja das war [zeigt das Foto] ich muss dazu erwähnen ich hab noch einen Adoptivbruder das is der (Geoffrey) aber da is die Bindung nicht so eng nicht dass wir nicht wollen aber es ergibt sich nicht   das war zu dreiundachtzigsten Geburtstag von meinem Papa  

[3:05:41] und dann hab ich noch ein Foto vom fünfundachtzigsten Geburtstag

Gabriele Zürn

[3:05:47] die Dame in dem roten Kleid sind Sie (oder)

Ingeburg G.

[3:05:49] das bin ich ja   ja das war [betrachtet das Foto]   ja das bin ich

Gabriele Zürn

[3:05:53] mhm

Ingeburg G.

[3:05:55] ja und das is   zum fünfundachtzigsten Geburtstag schade das is n bisschen dunkel [zeigt das Foto]   das wurde in einem der wurde in einem Club gefeiert   da   is mein Papa das bin ich   das is mein Mann der (Juri) ist hinter der Kamera seine Frau und das ist

[3:06:17] meine Schwägerin   so   das war nochmal zu der Party wo wir alle zusammen waren   ja  

[3:06:33] was gibt es noch zu sagen vielleicht   müsste man noch etwas sagen wie mich diese Verfolgung geprägt hat   diese Zeit im Faschismus   es gibt eigentlich n paar Dinge die

[3:06:56] sich charakterlich bei mir   entwickelt haben dazu gehörn   glaub ich eine sehr ausgeprägte Toleranz wo viele immer wieder sagen »wie kannst du nur« ich sage »ich weiß   wie wichtig Toleranz ist«   vielleicht auch   dass man andere Wertefunktionen oder Wertebegriffe

[3:07:22] kriegt dass viele Dinge über die sich Leute aufregen so unwichtig werden weil Leben Überleben Gesundsein   und Nicht-verfolgt-werden soo viel wichtiger sind als Dinge die den Haushalt betreffen die Beziehung betreffen die man eigentlich alle vernachlässigen

[3:07:45] kann   also man findet andere Wertigkeiten das halt ich für sehr wichtig und ich hab auch versucht das meinem Sohn anzuerziehen   dann kommt vielleicht noch etwas dazu dass man äh ehrlich ist   aber auch verschwiegen weil man doch durch Misstrauen geprägt

[3:08:11] war und dass sich daraus ein Hang zur Verschwiegenheit entwickelt dass man sich selten offen legt   und dass man eigentlich auch immer äh   etwas verdrängt oder versteckt und n bisschen Angstgefühl hat   das sind vielleicht Dinge die sich bei mir   manifestiert

[3:08:38] haben   ja und dass Familie sehr wichtig ist und dass ich eben so glücklich bin dass ein Teil auch meiner Familie zu der ich jetzt so einen Kontakt hab äh   in den Staaten ist und das ist auch etwas was ich verurteile aus den Zeiten der DDR dass man Menschen

[3:09:02] gezwungen hat solche Beziehungen auf Eis zu legen oder sie auf ein Minimum zu reduzieren   das Leben is so kurz und da [betont:] muss man [betont:] jedem Menschen die Chance geben familiäre und freundschaftliche Beziehungen zu pflegen über Grenzen hinweg

[3:09:23] meine Auffassung heute und die war es schon immer   so das wär eigentlich erstmal das was als großer Überblick zu sagen wär

Gabriele Zürn

[3:09:35] ja also   wir   ich d- wenn Sie noch was sagen möchten dann tun Sie das bitte gerne also wenn nicht möcht ich mich erstmal bedanken für dieses ganz beeindruckende und großartige Interview das Sie uns hier gegeben und ermöglicht haben vielen herzlichen Dank

Daniel Baranowski

[3:09:56] danke schön

Ingeburg G.

[3:09:58] [nimmt die Brille ab] ja ich hab das gern gemacht meine Beweggründe hatt ich eingangs gesagt

Datum Ort Text
ab 1932 Erfurt Geburt als Tochter eines Gärtners und einer kaufmännischen Angestellten
ab 1933 Erfurt Rückkehr nach Erfurt
ab 1933 Tel Aviv Emigration nach Tel Aviv mit den Eltern
ab 1938 Erfurt Umzug zu Tante und Onkel nach Erfurt-Marbach
ab 1938 Erfurt Scheidung der Eltern
ab 1938 Shanghai Auswanderung des Vaters nach Shanghai
ab 1939 Erfurt Einschulung in Erfurt-Marbach
ab 1941 Erfurt Zwang, den Gelben Stern zu tragen
ab 1941 Erfurt Schulverbot durch die Gestapo
ab 1945 Erfurt nach Vorladung Fußmarsch zur Gestapo nach Erfurt-Stadt
ab 1945 Theresienstadt (Ghetto, Konzentrationslager) Deportation in das KZ Theresienstadt
1945 - 1945 Theresienstadt (Ghetto, Konzentrationslager) Häftling im Konzentrationslager
ab 1945 Theresienstadt (Ghetto, Konzentrationslager) Befreiung durch die Rote Armee
ab 1945 Erfurt Rückkehr nach Erfurt-Marbach
ab 1945 Erfurt Rückkehr in die Schule in Erfurt-Marbach
1947 - 1948 Schnepfenthal Besuch des Internats Schnepfenthal im Thüringer Wald
ab 1948 Saalfelder Höhe Wechsel auf das Internat Wickersdorf
ab 1948 Deutschland Kontaktaufnahme mit dem Vater in den USA
ab 1952 Saalfelder Höhe Abitur auf dem Internat Wickersdorf
ab 1952 Berlin Aufnahme eines Jura-Studiums an der Humboldt-Universität
ab 1953 Berlin erzwungener Abbruch des Kontakts zum Vater
ab 1957 Berlin erneute Kontaktaufnahme zum Vater
ab 1958 Berlin Arbeit als juristische Mitarbeiterin in der Rechtsabteilung des Bereichs Rundfunk und Fernsehen beim Deutschen Fernsehfunk (DFF) in Berlin-Adlershof
ab 1959 Berlin erstes Wiedersehen mit dem Vater
ab 1961 Deutschland Heirat
ab 1962 Deutschland Geburt des Sohns
ab 1990 Berlin Frühverrentung als Verfolgte des Naziregimes
ab 1990 USA erster Besuch beim Vater und dem Halbbruder
Ingeburg G. wurde im Juli 1932 in Erfurt als Tochter eines Gärtners und einer kaufmännischen Angestellten geboren. Ihr Vater war jüdischen Glaubens und ihre Mutter Christin, Ingeburg G. wurde jedoch nicht religiös erzogen.
Im Juni 1933 emigrierten ihre Eltern mit ihr nach Palästina, kehrten aber im Herbst desselben Jahres nach Deutschland zurück, weil Ingeburg G. erkrankt war. Nach der Rückkehr nach Erfurt hatte die Familie mit finanziellen Problemen zu kämpfen, da der Vater aufgrund der antijüdischen Stimmung in Deutschland häufig arbeitslos war.
1938 ließen sich die Eltern von Ingeburg G. scheiden, da sie hofften, dass Mutter und Tochter durch die offizielle Trennung vom jüdischen Vater vor der Verfolgung geschützt seien. Im selben Jahr zog Ingeburg G. zu ihrer Tante und ihrem Onkel nach Marbach, einem kleinen Ort am Rande von Erfurt, wo sie schließlich eingeschult wurde.
Während der Reichspogromnacht im November 1938 wurde der Vater von Ingeburg G. verhaftet und in das KZ Buchenwald verschleppt. Unter der Bedingung, möglichst bald das Land zu verlassen, wurde er im Dezember desselben Jahres wieder freigelassen. Er war daher zur Auswanderung unmittelbar nach seiner Freilassung gezwungen. Mithilfe der jüdischen Gemeinde emigrierte er noch 1938 nach Shanghai, hinterließ seiner Tochter aber einen Abschiedsbrief, aus dem hervorgeht, wie schwer ihm die Trennung von ihr fiel.

Die Mutter von Ingeburg G. zog 1939 nach Magdeburg, da sie hoffte, dort anonymer leben zu können und leichter Arbeit zu finden. Währenddessen wohnte Ingeburg G. bei ihren christlichen Verwandten in Marbach. Im Januar 1941 verbot die Gestapo ihr den Schulbesuch, was der zu dem Zeitpunkt neunjährigen Ingeburg G. unverständlich war, da sie gut in der Schule war. Da sie von den anderen Kindern in Marbach ausgegrenzt und diskriminiert wurde, verbrachte sie in den folgenden Jahren viel Zeit mit ihrer Tante. 1942 verfasste die Mutter einen Brief an den Reichsminister des Inneren, in dem sie ihn bat, die Tochter wieder eine Schule besuchen zu lassen, da sie aus einer jüdisch-christlichen Familie stamme und nun bei ihrer christlichen Tante lebe. Während all dieser Zeit brachte ihr die Tante das Schneidern bei und bemühte sich, durch Ausflüge in den Park, in die Stadt oder ins Kino, einen normalen und kindgerechten Alltag zu schaffen. Ingeburg G. war sich sicher, dass die Tante und der Onkel sie durch ihr couragiertes Verhalten vor dem Kinderheim bewahrt und ihr daher das Leben gerettet haben.
Im Januar 1945 erhielt Ingeburg G. einen Brief von der Gestapo Weimar, in dem ihr mitgeteilt wurde, dass sie sich bei der Gestapo Erfurt einzufinden habe und dass sie zur Umschulung nach Theresienstadt geschickt würde. Am 31. Januar wurde sie von einem Marbacher Polizisten abgeholt und zur Gestapo nach Erfurt gebracht. Von dort musste sie – bewacht von der Polizei – als Jüngste einer Gruppe von Häftlingen in einer Kolonne quer durch die Stadt zum Bahnhof marschieren.
Während der Fahrt nach Theresienstadt verfolgte Ingeburg G. Gespräche von Erwachsenen und ihr wurde klar, dass ihr Aufenthalt in Theresienstadt nicht einer Umschulung dienen sollte und dass sie aus dem Konzentrationslager nicht zurückkehren würde. Auf der Fahrt schrieb sie zwei Postkarten an ihre Tante und ihren Onkel, die sie aus dem Zug warf. Beide Karten erreichten ihr Ziel.

In Theresienstadt wurde Ingeburg G. gemeinsam mit sechs anderen Mädchen aus Thüringen in einem Zimmer untergebracht. Sie musste als Botin für die jüdische Selbstverwaltung des Ältestenrates arbeiten. Insbesondere der Hunger, die andauernde Angst, die Tatsache, dass sie ohne Familie im Lager war sowie die Krankheiten hinterließen bleibende Eindrücke.
Zwei Monate nach ihrer Ankunft in Theresienstadt zog sie in das Mädchenheim des Lagers, wo sie von Erwachsenen betreut wurde. Dies erwies sich als Vorteil für sie, da ihr nun das Essen regelmäßig zugeteilt wurde. Mit den anderen inhaftierten Mädchen sprach sie über ihre Vorstellungen über die Zeit nach dem Krieg und alle waren sich einig, dass sie sich ein Leben in Deutschland nicht mehr vorstellen könnten. Das schlimmste Erlebnis während der Lagerzeit war für Ingeburg G. das Entladen von Häftlingen aus den Räumungstransporten, die aus dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau nach Theresienstadt geschickt worden waren.
Am 8. Mai 1945 wurde Ingeburg G. in Theresienstadt befreit. Gemeinsam mit ihren Mithäftlingen aus dem Mädchenheim gestaltete sie ein Poesiealbum, in das sich alle Betreuerinnen und die Mädchen eintrugen. Mit einem von Verwandten anderer Häftlinge organisierten Bus kehrte sie zusammen mit den anderen Thüringer Häftlingen im Juni 1945 zurück nach Marbach. Ihr Onkel hatte nach Kriegsende – noch vor ihrer Rückkehr – einen Brief an die Besatzungsbehörde verfasst. Darin zeigte er nationalsozialistische Mitbürger aus Marbach an, die Ingeburg G. durch Ausgrenzung und Diffamierung das Leben erschwert hatten.

Nach der Rückkehr aus Theresienstadt trug sie eine Armbinde mit der Aufschrift »Terezín«, mit der sie den Marbacher Mitbürgern deutlich machen wollte, dass sie die Zeit im Lager überstanden hatte und zurückgekehrt war. Ab September 1945 besuchte sie wieder die Dorfschule in Marbach, wechselte mit 15 Jahren aber auf eine Internatsschule im Thüringer Wald, um die verpasste Schulzeit aufzuholen. Um das Abitur erlangen zu können, wechselte sie 1948 ein weiteres Mal die Schule.
Nach dem Krieg erfuhr Ingeburg G., dass ihr Vater 1947 von China in die USA ausgewandert war und nahm Briefkontakt zu ihm auf. Er schrieb ihr, dass er erneut geheiratet habe.
Die Zeit im Internat gab ihr sehr viel Vertrauen, sie gewann Freunde und fühlte sich als gleichberechtigtes Mitglied der Gesellschaft. Als sich die Möglichkeit auftat, zu ihrem Vater in die USA auszuwandern, fiel ihr die Entscheidung daher sehr schwer. Sie beschloss schließlich, in Deutschland zu bleiben.

1952 nahm sie ein Jura-Studium an der Humboldt-Universität in Berlin auf, beendete es 1956 mit dem Diplom und arbeitete im Anschluss für zwei Jahre am Institut für Zivilrecht der Humboldt-Universität.
1953 stellten DDR-Behörden Ingeburg G. vor die Wahl, den Kontakt zu ihrem Vater zu beenden oder das Studienfach zu wechseln. Schweren Herzens entschloss sie sich, den Kontakt zu ihrem Vater abzubrechen. Erst 1957 erlaubte es die politische
Stimmung in der DDR, wieder regelmäßigen brieflichen Kontakt zu pflegen. Im Januar 1959 sahen Ingeburg G. und ihr Vater sich das erste Mal seit 21 Jahren wieder, als er zu Besuch nach Berlin kam. Gemeinsam machten sie Urlaub und suchten nach überlebenden Verwandten.

Im Sommer desselben Jahres schlug der Vater ihrer Mutter vor, wieder zusammenzuleben. Obwohl sie dies als Möglichkeit in Erwägung zog, entschied die Mutter sich schließlich dagegen und blieb bei ihrem zweiten Mann in Deutschland.
1959 lernte Ingeburg G. ihren Ehemann kennen, den sie 1961 heiratete und mit dem sie 1962 einen Sohn bekam. Mit ihrem Mann und ihrem Sohn sprach sie offen über die Zeit in Theresienstadt, während ihre Verfolgung bei der Arbeitsstelle tabu war. Sie besuchte mehrmals die Gedenkstätte Theresienstadt und fuhr nach 1989 erstmals auch nach Israel, um das Land kennen zu lernen.
Die Beziehung zu ihrem Bruder, einem Kind aus der zweiten Ehe des Vaters, verfestigte sich im Laufe der Zeit und wurde sehr wichtig für sie. Zahlreiche gegenseitige Besuche fanden statt. Ingeburg G. war es ebenso, wichtig die Gewissheit zu haben, dass sie Verwandtschaft in den USA hat, wo ihr Sohn im Zweifelsfall Zuflucht finden würde.