Zum Hauptinhalt springen

Rudolf Brazda (*26.06.1913, Meuselwitz)

Signatur
01105/sdje/0002
Institut
Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin
Sprache
deutsch
Ort und Datum der Aufnahme
Berlin, den 25. Juni 2008
Dauer
01:07:43
Interviewter
Rudolf Brazda
Interviewer
Eva Brücker
Teilnehmer am Gespräch
Elvira Jamrath , Alexander Zinn
Kamera, Licht und Ton
Kai Schulze
Redaktion
Lennart Bohne
Transkription
Lennart Bohne

Rudolf Brazda war 24 Jahre alt, als er 1937 aufgrund seiner Homosexualität ins Visier der Nationalsozialisten geriet. Das Überleben der Haft im KZ Buchenwald konnte er sich nur mit dem nötigen Glück erklären, das ihn niemals verließ. Rudolf Brazda wurde als das jüngste von acht Kindern einer tschechischen Arbeiterfamilie im thüringischen Meuselwitz geboren. Bereits als junger Erwachsener entdeckte er seine Homosexualität und lernte auf einer Tanzveranstaltung seinen ersten Freund kennen. Gemeinsam zogen sie bei einer Zeugin Jehovas zur Untermiete ein. Nachdem die Nationalsozialisten die Macht ergriffen hatten, wurde Rudolf Brazda bei einer Razzia gegen Homosexuelle verhaftet und nach Paragraph 175 zu einer sechsmonatigen Gefängnisstrafe verurteilt. Anschließend wurde er in die Tschechoslowakei ausgewiesen. In Karlsbad schloss er sich einem Wandertheater an. Doch schon 1938 wurde er von den Nationalsozialisten eingeholt, nachdem diese das Sudetenland annektiert hatten. 1942 kam er ins KZ Buchenwald, wo er Zwangsarbeit im Steinbruch verrichten musste. Durch gute Beziehungen gelang es ihm, leichtere Arbeit im Verbandsraum und später im Dachdecker-Kommando zu erhalten. In den letzten Wochen vor der Befreiung durch die Amerikaner am 11. April 1945 konnte er sich mit Hilfe eines Kapos im Schweinestall des Lagers verstecken. Nach dem Krieg zog er nach Frankreich, wo Homosexualität nicht unter Strafe stand. Zum Zeitpunkt des Interviews war er 94 Jahre alt.

Vorkontakte

Anlässlich der Einweihung des Denkmals für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen am 27. Mai 2008, trat die Nichte von Rudolf Brazda, mit dem Lesben- und Schwulenverband Deutschland (LSVD) in Verbindung und berichtete von dem Schicksal ihres Onkels. Daraufhin wurde Rudolf Brazda nach Berlin zur Gedenkfeier für die homosexuellen NS-Opfer am 28. Juni 2008 eingeladen und von Klaus Wowereit im Rathaus empfangen. Für diesen Berlin-Besuch wurde das Interview vereinbart.

Bedingungen

Das Interview fand im Wohnzimmer der Nichte statt. Rudolf Brazda hatte einige Tage vor dem Interview neue Hörgeräte erhalten, die noch nicht optimal eingestellt waren. Deshalb kam es zu häufigen Nachfragen und an einigen Stellen des Interviews sind Rückkopplungen der Hörgeräte zu vernehmen.

Gruppensituation

eine Interviewerin, ein Kameramann (Kai Schulze); anwesend sind außerdem die Nichte Elvira Jamrath und Alexander Zinn (LSVD). Aufgrund des teilweise privaten Charakters wurde das Interview zur Präsentation nachträglich geschnitten. Die Originallänge beträgt zwei Stunden.

Unterbrechungen

neun Schnitte

Protokoll

Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin

Eindrücke

Da kein Vorgespräch stattfand, hatte Rudolf Brazda Schwierigkeiten, die Interviewerin und deren Interesse an seiner Person einzuordnen.

Rudolf Brazda

[0:00] [gleichzeitig:] gut also gut   ich sage jetzt ich bin homosexuell und tue es nicht bereuen es ist von der Natur mir gegeben und da habe ich weitergelebt in meinem Leben bin zur Schule gegangen und habe nichts gewusst was mit mir los ist erst wo ich jung war

[0:27] habe ich gespürt dass meine äh [lachend:] Sextriebe nach Männer gingen ich bin tanzen gegangen mit Mädels getanzt wenn sie mich mit ins Bett genommen haben war ich machtlos [lacht] ich meine soll es so

Eva Brücker

[0:49] machen Sie nur ja was Ihnen (_)

Rudolf Brazda

[0:51] [gleichzeitig:] solls wissen solls wissen

Eva Brücker

[0:54] [gleichzeitig:] ja eben genau genau

Rudolf Brazda

[0:56] obwohl ich war das nicht wollte aber meine Natur hat sich so gegeben und dann bin ich dabei geblieben ich will es so und bin nur später doch mit anderen Homos zusammengekommen und dann habe ich einen Kamerad kennengelernt und bin mit ihm zusammengezogen

[1:17] und mir äh haben gewohnt bei einer [betont:] sehr guten Frau einer Bibelforscherin   die hat uns behandelt wie Kinder

[1:30] und langsam ist aus der Demokratie in Deutschland   der Hitler hervorgekommen alle Begeisterungen rumschrien dann und da hat er sich eingebildet

[1:47] schon vorher wie er an de Macht gekommen ist ist er schon losgegangen und alles was ihm nicht gefallen hat hat er vernichtet er ist gegangen und hat die Politiker eingesperrt in de KZ dann auf einmal ist die Razzia los geworden gegen die Homosexuellen und

[2:10] mit dem   da war er gerad vor der Hitlerzeit war wohl die (standen) aber er ist nicht verfolgt worden gegen die Homos nur gegen Jugendliche und wir sind also wir haben zusammen gewohnt und einmal hats geheißen die   frischen Nazi die hervor kommen langsam machen

[2:40] eine Razzia gegen Homosexuelle da wurde eine Razzia in Sachsen Umkreis Leipzig Altenburg wo ich gewohnt bin in derre Gegend wurden alle Homos geholt und eingesperrt und wurden verurteilt zu sechs Monaten wegen   Unzucht auf einmal   mein Freund war schon beim

[3:12] Militär den haben sie (kaum) als erstes verfolgt wahrscheinlich weil ich denke haben sie ihn direkt an der Kanalküste in Frankreich in eine gefährliche Stelle exetiert oder so dann erschossen bestimmt ich habe auch nichts mehr von ihm gehört und ich war

[3:34] dann im Gefängnis sechs sechs Monate   meine Mutter hat mich abgeholt und hat sie mir gefragt äh »du glaub doch nicht das ich der Schuldige bin dass du so bist« ich sage »nein das ist unsere Natur da kann man nichts dagegen machen« und ich sage »und

[3:59] ich richtig genommen ich fühle nichts anderes wie das und ich möchte nicht anders sein« komisch obwohl ich viel mit Frauen geschlafen und getanzt habe aber es ist nie [lacht] etwas passiert   jetzt   ich war von meinen Eltern her war ich Tschechoslowak meine

[4:27] Eltern sind aus der Tschechei ins Deutschland dort in die Braunkohlen dort hat mein Vater gearbeitet dort wurde es (geboten) und kann man sagen bin ich ganz deutsch erzogen worden in deutsch Schule gegangen und alles ich habe mich nicht als Tscheche gefühlt

[4:45] obwohl dass ich gehört haben wir freilich nie tschechische Sprache nicht konnte meine Mutter hat keine Zeit gehabt mir haben acht noch sieben Geschwister meine Mutter hatte keine Zeit für uns Tschechisch zu lehren da sind mir ganz deutsch aufgewachsen und

[5:05] nach meiner Entlassung aus dem Gefängnis die sechs Monate hatte mich hat er mich in die Tschechei ausgewiesen weil ich Tscheche war

[5:20] und zum Glück   nach dem Ersten Weltkrieg ist Tschechei belohnt worden von hier bis die haben sie des Sudentendeutschland bekommen

[5:36] und das ist allein alles deutsch sprechendes Volk gewesen Karlsbad dort habe ich dann gewohnt und gearbeitet und dort ist wieder etwas war ich wieder mit einem Kamerad zusammen auf einmal ist da irgendwie etwas gelaufen und ich wurde wieder verhaftet   anstatt

[5:59] mich ins Gefängnis hat man mich in   KZ aber das ist so gewesen da ist eine Sammelstelle gewesen von den Hitleralen oder so oder SS da sind mir mindestens an die dreißig vierzig Personen gewesen da war alles dabei da waren Kommunisten Sozialisten Homo und

[6:28] auch Todes verurteilte junge Burschen wo von Krieg im Kriege ge- geflohen waren die waren zum Tode (verurt-) die waren auch dabei da wurden mir von den Karlsbad aus gefesselt an Händen [gestikuliert] jeder   jeder vier Mann   in einer Reihe   wieder nach Zwickau

[7:00] dort war wieder ne Sammelstelle dort wurden wir rein geschmissen in in ein großes Lokal wie die Schweine [gestikuliert] alle   kein Bett nix wir sind aufm Boden gelegen  

[7:18] den nächsten oder zweiten Tag ist es dann weiter gegangen bis in Buchenwald   dort

[7:30] wurde man auch wieder gut empfangen indem sie uns   mir mussten uns ausziehen und in einen großen Bottich in dem Bottich war Desinfektionsmittel das war ganz weiß von Desinfektion für wegen Läuse oder wa- und noch dazu hat mich einer in SS mit dem Kopf

[8:02] in das rein und da war ein Häftling   ein Helfer der hat mir zugeflüstert »nicht atmen« habe ich gemacht und wie ich raus gekommen bin hatte ich noch mein go- goldenes Kettl an mir und mit ei- mit einem Kreuz das hat man ein (SS) weggerissen und hat zu

[8:31] mir noch gesagt »bist du ein Pfaff- Pfaffenkittel«   wissen Sie was das ist Pfaffenkittel ?

Eva Brücker

[8:38] ein Pfarrer ?

Rudolf Brazda

[8:40] ein Pfarrer der hat mit langen Kittel  

[8:42] und dann wurde ich eingeteilt für in eine Baracke schlafen   drei Betten übereinander da war alles gemischt Politiker Juden eigentlich nicht viel Juden denn da war ein großer Block de- mit alles nur Juden denn die

[9:09] wurden umgebildet als Ba- Bauarbeiter die mussten dann   Mauern bauen oder (gleich de) Häuser bauen in dem KZ

Eva Brücker

[9:20] mhm mhm

Rudolf Brazda

[9:23] aber zur Er- zu Erststrafe gehört Steinbruch das heißt wer dort lebendig raus kommt der kann Schwein haben aber   dann ist da noch ein Kapo und der Kapo ist auch ein H- Häftling aber der hat das Kommando über alle

Eva Brücker

[9:49] mhm

Rudolf Brazda

[9:51] er war auch nicht gut zu sprechen für die Juden ich weiß nit warum

Eva Brücker

[9:56] mhm

Rudolf Brazda

[9:58] aber er hat sie auch (stoßen) und ich bin so ein Mensch ich kann niemanden hassen ich habe die Juden an- angeschaut wie andere Menschen im Gegenteil ich habe gewusst was mit ihnen noch passiert in Auschwitz und dergleichen bin ich zu anständig gewesen

[10:20] zu ihnen und ich bin Dachdecker von Beruf und habe da auch meine Arbeiter unter mir gehabt und auch Juden dabei

Eva Brücker

[10:31] mhm

Rudolf Brazda

[10:33] und ich habe sie   sozusagen weil es bedauernswert ich hatte irgendwie Beziehungen für zum Brot kommen von von dem und dem und das habe ich denen dann gegeben wenn ich es nicht gegessen hatte   einmal sagte auch einer zu mir da war ein Jude aus Brüssel ein

[11:00] großer Geschäftsmann der hat zu mir gesagt »Rudi wenn wir mal wenn wir raus kommen musst du mich besuchen« da habe ich zu ihm gesagt »ja wenn wir (kommen) « [weinend:]   und sonst   habe ich miterleben müssen und sehen müssen wenn die die Lore gezogen

[11:31] haben am Strick wie die schweren Steine ha- da sind Häftlinge das waren Kriminelle wo wenn in Deutschland einer drei Ma- Mal äh vorbestraft war den haben sie dann gleich ins KZ gebracht wie mich auch   und die diese wa- welche Verbrecher dabei gewesen   die

[12:06] haben mit einem Knüppel denen Leuten in äh [gestikuliert] Knie geschlagen die sind zusammengebrochen   und gesagt »ihr Juden Drecksvolk ihr braucht könnt nir könnt nicht arbeiten«

Eva Brücker

[12:31] wie wie gings denn Ihnen ?

Rudolf Brazda

[12:40] bitte

Eva Brücker

[12:42] wie gings denn Ihnen persönlich als Sie da angekommen waren ?

Rudolf Brazda

[12:44] ah das war so Achtung   die Welt in meinen Augen ist ja so verdorben und die Menschen die wollen alle rein sein das ist nicht wahr   die normalen Männer auf einmal konnten sie mi- auch mit Männern schlafen wenn sie keine Frau gehabt haben und da war der

[13:15] Kapo von dem Steinbruch ich war ein junger Mensch vielleicht auch noch feminin vom Aussehen oder Manieren   natürlich waren sie alle in mich verliebt   und äh von derre Seite habe ich dann die haben eben doch viel Lebensmittel bekommen wie mir da haben sie

[13:42] ein ebbes davon abgegeben wegen dem habe ich dann ja noch noch mehr Gelegenheit gehabt   einen großen Kübel mit Holzfeuer drunter und habe von denen und denen   äh wollen wir sagen äh Kartoffeln oder   Mehl habe ichs Talent für Kochen zugezogen ach und [weinend:]

[14:15] da habe ich extra in einige Kessel etwas gekocht äh f- für die Juden wo so schwer arbeiten mussten   dann Abends ha- sind mir wieder gesammelt worden und da haben mir müssen wieder ein gr- großen Stein am Kreuz nehmen und sind gelaufen mit denen ins

[14:53] Lager denn da brauchten sie auch   Straßenbau und die Steine sind auch wieder von den Juden verschlagen worden die Steine und in de Weg gelegt worden und da haben sie die Straßen draus gemacht   was soll ich jetzt noch   ich bin auch schon   weil ich sie gut

[15:25] kannte dann mit in den Judenblock gegangen da hat mir mal n Schreiner verzählt wie er gequält [weint] wie er gequält worden ist   es war grausam [Schnitt] indem ich   vielleicht ein feminines Wesen war waren alle (wo höher) gewesen bin außer der SS natürlich

[16:00] nicht ich meine Häftlinge untereinander die waren alle verrückt auf mich ich übertreibe nicht mit denen habe ich dann genug essen können ich habe ein Foto   da bin ich ausm KZ gekommen ich sehe nicht aus wie abgemagert [lacht] ich sag es jetze

Eva Brücker

[16:23] ja ja ja

Rudolf Brazda

[16:25] aber habe doch genug erleben müssen will mal sagen ich war bei Dachdecker und dann habe ich die schriftlichen Arbeiten gemacht bei dem Kommando und war in einer großen Baubude   bei der Arbeit und da komm- ruft einer an der Tür »was ist das für ein Kommando«

[16:45] und da habe ich gesagt »das steht an der Tür angeschrieben« auf einmal kriege ich mit dem Bein eins ins Kreuz und [gestikuliert] fliege um wie ich aufstehe noch ins Gesicht drei Zähne eingeschlagen [schluchzt] das habe ich nie gewusst dass das ein SS-Mann

[17:09] war ich glaub es war ein Häftling auch und da sagt er noch zu mir »morgen geht ein Transport   dann gehst sowieso kaputt« hat er zu mir geantwortet

[17:24] aber wiederum   war ein Kapo der hat das Dachdecker-Kommando und der hat mich gekannt auch gut   der hat n Antrag

[17:40] gestellt bei dem Kommandant n Antrag gestellt für mich ich soll bei ihm arbeiten als Dachdecker und nicht im Steinbruch da bin ich erlöst worden aus dem Steinbruch   und bin mit dem Dachdecker-Kommando natürlich ist es mir dort viel besser gegangen ich war

[18:03] dann (schon irgendwie) konnte reden und da bin ich ja eben mit die Juden auch zusammengekommen die haben diese Heizen für Teer kochen und so was man da auf dem Dach für die Dächer braucht

Eva Brücker

[18:20] [gleichzeitig:] mhm ach ja

Rudolf Brazda

[18:22] und da war das passiert mit dem einen da aus Brüssel wo zu mir gesagt hat »du kommst mal zu mir besuchen«   und   was soll

Eva Brücker

[18:36] wie gings dann weiter ?

Rudolf Brazda

[18:38] bitte

Eva Brücker

[18:40] wie gings dann weiter mit Ihnen   im Lager ? Sie waren jetzt bei den Dachdeckern   hm ?

Rudolf Brazda

[18:44] [gleichzeitig:] ja ja   ja wie gesagt   richtig genommen kann ich da nix sagen so weiß ich nicht (wie) das möglich war auch nit nur Gemeines ist aber untereinander Häftlinge wo sich geholfen haben und ich bin einfach das Glück hat ich immer noch im

[19:13] Leben trotz alledem dass ich so mit en Nächsten gut ausgekommen bin und dergleichen und dass ich außer der Gefahr wo ich zusammengeschlagen worden bin   das ist dann auch wieder vergangen und   ich habe dann weiter gearbeitet im KZ was soll ich jetzt sagen

[19:42] noch

Eva Brücker

[19:44] ja wie war das

Rudolf Brazda

[19:46] wie lange

Eva Brücker

[19:48] ja ne wie war das denn dann ?

Rudolf Brazda

[19:50] bitte

Eva Brücker

[19:52] die Arbeit wir war denn das ?

Rudolf Brazda

[19:54] ja also die Arbeit ist gut gewesen ich bin von Beruf Dachdecker mir hat das nichts ausgemacht ich habe gearbeitet kommandiert [gestikuliert] für Dach legen mit Teer anstreichen und dergleichen auch habe ich in der SS-Kaserne die Ziegeldächer müssen reparieren

[20:10] ach das ja noch die Kommando-Frau wenn Sie von der gehört haben [betont:] nicht

Eva Brücker

[20:18] ne

Rudolf Brazda

[20:22] da war eine vom Kommandeur von der von vom Kap- äh von Buchenwald   (die) die ist doch bekannt   die hat zum Beispiel im Sommer hat haben sie gearbeitet mit Oberleib (bloß) und die tätowierten Leute große tatouage im Kreuz weil ein Kreuz (___) die hat

[20:50] sich gemerkt und an der Nummer hat die sich gemerkt und aufgeschrieben und die Häftlinge sind eingezogen worden und Spritze tot und sie [schluchzt] aus der Haut abgezogen aus der Haut von Menschen hat sie Lampenschirme gemacht   das ist doch bekannt

Eva Brücker

[21:23] ja das ist bekannt das ist (richtig) ja mir mir lag jetzt mehr daran

Rudolf Brazda

[21:29] bitte

Eva Brücker

[21:31] mir lag mehr daran wie es Ihnen weiter gegangen ist Ihnen persönlich   also Sie haben auch Dächer repariert

Rudolf Brazda

[21:36] ja ich bin dann immer so durch und ich kann nicht sagen irgendwie die Gemeinheiten ach so ja bis dann zum Ende der Krieg die Amerikaner sind langsam gekommen und da haben sie (kuddel) haben sie nicht gewusst dies was (_) haben sie ganze Ba- Baracken mit

[22:02] Leute raus geholt mit den Maschinengewehre auf die Straße und sind laufen das hat geheißen sie kommen nach Bayern zum Hitler

Eva Brücker

[22:15] mhm

Rudolf Brazda

[22:17] Hofs ne

Eva Brücker

[22:19] mhm

Rudolf Brazda

[22:21] wo er (denn auch wohnt) als Geisel zum Schutz gegen die Amerikaner sollte aufgestellt werden aber da ist nichts mehr draus geworden bis dahin waren die Transporte wurden in Buchenwald schon bald in Bayern aber mich   hat ein Kapo den ich gut kannte aus dem

[22:45] Schweinestall hat zu mir gesagt »komm zu mir«   und dort hat er mich versteckt denn bis die SS zu den Viechern kommen ist dann schon anders und mit denen dass ich dann nicht in die Transport gekommen bin bin ich dann dann im Viehstall gewesen und dann waren

[23:10] die Amerikaner dann da und ich war befreit

Eva Brücker

[23:13] und dann ?

Rudolf Brazda

[23:16] ja b-b-bin ich nach Hause [laut:] nein nein [lacht] also ich hatte noch einen Kameraden n Dachdecker mit dem ich gut Freund war   und hat gesagt weil der Krieg noch nicht zu Ende war »du kommst zu mir« und hat mich mit nach Frankreich ins Elsass genommen

[23:44] dort habe ich meine Arbeit gefunden   und dafür noch Kameraden   ein (____)   wir haben miteinander zwar auch ein Handwerk auf der mein Kamerad wir haben uns ein Haus gebaut und mein Kamerad ist dann vom Dach gefallen und ist Krüppel geworden im Rollstuhl

[24:18] ich habe ihn 35 Jahre gepflegt im Rollstuhl aber wir hatten schöne Wohnung und haben ein schön- und er hat doch Auto gefahren können trotzdem mit die Apparate

Eva Brücker

[24:35] mhm mhm

Rudolf Brazda

[24:38] sind ma in der Weltgeschichte rumgefahren wir alle beide und waren glücklich nicht gearbeitet und er hatte [betont:] soviel Rente ist doppelt wie ein Arbeiter verdient als accident travail äh als Ar- äh

Eva Brücker

[24:54] Arbeitsunfall

Rudolf Brazda

[24:57] ja ja   das ist die Rente für die   Rollstuhlfahrer

Eva Brücker

[25:02] [gleichzeitig:] mhm mhm

Rudolf Brazda

[25:04] uns ist gut gegangen   was soll ich jetzt noch sagen

Eva Brücker

[25:09] fällt Ihnen noch was ein ?

Rudolf Brazda

[25:12] und seither lebe ich in meinem Haus und bin glücklich habe eine Rente mit der ich sogar noch sparen kann [lacht] ich bin ehrlich ich sage alles wie es ist

Eva Brücker

[25:29] ja ja natürlich (ja) ich

Rudolf Brazda

[25:32] und jetzt ist eben die da die Erinnerung von dem   Holocaust [betont:] dreckiger Holocaust   das ist gut dass sie ein großes Denkmal gemacht haben für die Juden die ganze Welt wenn jemand nach Berlin kommt dass Sie das zeigen können was das Hitler-Regime

[26:02] alles angestellt hat die Verbrecher

Eva Brücker

[26:08] das ist wahr

Rudolf Brazda

[26:11] und das ist jetzt auch wie sichs gehört für die Homos die sie ausgerottet haben und auch die Zigeuner und die Bibelforscher   die ich alle gekannt habe ausm Lager dass sie auch für denen mal ein Denkmal machen   es ist eine kleinere Zahl wie die vielen

[26:39] Millionen Juden ermordet worden sind aber wir haben auch in dem Hitler-Regime stark leiden müssen [Schnitt]

Eva Brücker

[26:55] wo sind Sie denn aufgewachsen wie war das mit der Schule ?

Rudolf Brazda

[26:59] ach so ja also   weil ich doch Tschecho- -slowak war und zu Hause kaum   Sächsisch zu in der Schule wie ich in die Schule gekommen bin habe ich dann richtig Deutsch gelernt meine Mutter hat mit mir dann auch deutsch geredet aber so wie fremde Leute reden

[27:28] ich habe aber ihre Sp- Sprache nicht angenommen ich habe die sächsische Sprache angenommen und in der Schule   kann ich sagen dass ich auch (bitzi) gespürt habe von die fanatischen Lehrer die haben mich auch irgendwie nicht richtig behandelt wie sie die Deutschen

[27:56] behandelt haben

Eva Brücker

[27:58] zum Beispiel ?

Rudolf Brazda

[28:01] ich bin acht Jahre in die Schule gegangen und dann   wie ich dann aus der Schule gekommen bin da war in Deutschland Demokratie fünf Millionen Arbeitslose seinerzeit auch

Eva Brücker

[28:17] ja ja

Rudolf Brazda

[28:20] und ich habe dann wollte gern auch einen Beruf haben will sauber aber da wurde mir weggenommen ich war als Dekorateur angestellt in einem Kaufhaus und da wurde mir der Beruf weggenommen weil ich Tschechoslowak war und dann habe ich nachher   bin ich zu d-

[28:46] die Dachdecker gegangen wegen Geld ich habe gleich als Lehrbub Geld bekommen und dann bin ich einfach zu dem Beruf gekommen weil ich doch bisschen Geld in der Tasche hatte mir ist alles (eh egal) aber trotzdem habe ich den Beruf gut erlernt denn all überall

[29:08] wo ich gearbeitet hab sind die Meister (__) zufrieden gewesen mit mir   äh   wie wie meinen Sie das mit dem mit der Kindheit (was ich da könnte)

Eva Brücker

[29:23] die Familie die die Geschwister der Vater

Rudolf Brazda

[29:27] ah jo öh [Lachen im Hintergrund] ich weiß nicht wie Sie das früher ist das nicht so gesehen wie heutzutage äh wir sind zusammen sind mir acht Kinder gewesen fünf Mädchen und ich und mein Bruder noch ein Bruder drei Brüder und fünf Mädchen ja wir

[29:53] sind uns jetzt alle näh die Mutter ist arbeiten gegangen die hat die ganzen Kinder müssen ernähren langsam sind die Mädels groß geworden seinerzeit   haben auch a bitzi die Ausländer können Frauen schwer arbeiten mit Hacke und Schippe   war froh gewesen

[30:18] dass sie so wenigstens Arbeit gefunden hatten und dann haben sie alle äh ihr Kostgeld gegeben und dann haben wir uns s- so durchgeschlagen und meine Mutter ist 85 Jahre alt geworden trotz alledem sie war eine liebe Person und doch die Leute   haben sie doch

[30:46] irgendwie wieder ausländisch bitzi betrachtet aber das waren wir gewöhnt   [lacht] in mir in mir steckt doch mehr äh deutsche Kultur weil ich sie gelernt habe aber im Großen und Ganzen bin ich zufrieden und immer wieder schön durchs Leben gekommen trotz

[31:19] Zähne eingeschlagen oder einmal anders geschlagen naja

Eva Brücker

[31:25] [gleichzeitig:] ja ja   der Vater

Rudolf Brazda

[31:27] ach ihr   mein Va- [lacht] mein Vater hat mich gemacht und ich hab ihn nicht gesehen   also Österreich hat Krieg angezündelt der Ersten Weltkrieg und die Tschechei gehörte zu Österreich Sudetenland Tschechei und da haben sie das die Gemeinheit gefunden

[32:04] die Tschechen junge Burschen mit zum Militär nehmen in Krieg und all die haben gar keine Interesse gehabt in in in Italien ist er zur Front gekommen und dort ist er in Gefangenschaft geraten   und ist auf die Insel Sizilien verschleppt worden dort habens sind

[32:31] sie verhungert sie haben Wurzeln und Gras und alles gefressen wie mein Vater nach Hause gekommen ist war sein Magen kaputt hat nur noch einen Monat gelebt bei uns zu Hause ich war sechs Jahre alt als mein Vater na- wo ich ihn das erste Mal gesehen habe einen

[32:58] Monat lang dann ist er gestorben

Eva Brücker

[33:02] [gleichzeitig:] mhm mhm   waren Sie der Jüngste

Rudolf Brazda

[33:06] bitte

Eva Brücker

[33:08] waren Sie der Jüngste in der

Rudolf Brazda

[33:10] ja ja ich war der Jüngste

Eva Brücker

[33:13] [gleichzeitig:] ja

Rudolf Brazda

[33:15] ja ja ja jo die anderen waren schon draußen die Mädels waren verheiratet ja ja ich war dann mit meiner Mutter noch allein ja ja wir waren die andern Mädel waren als Dienstmädchen gegangen [Schnitt]

Eva Brücker

[33:27] und wie war das dann bei Ihnen als Sie Ihren Freund kennengelernt haben mit dem Sie dann zusammen gewohnt haben ?

Rudolf Brazda

[33:33] ja

Eva Brücker

[33:35] wie kam das ?

Rudolf Brazda

[33:37]   äh eben ich bin viel auch mit Mädels zusammen gekommen als   ich hab mich als   M- Freundin gefühlt mit denen und da waren auch fünf Mädel mit denen ich getanzt habe und alles wir waren immer beieinander und ich als Bub auch und da war ich einmal

[34:02] in meiner Stadt und da haben wir verzählt und da sa- sagt eine zu mir »du da kommt einer den kenne ich der ist homosexuell   der geht auch nicht mit Frauen« und [betont:] ich war verliebt in den der war blond wunderschöner Bub und da hab ich zu ihm ge-

[34:27] zu dem Mädel gesagt »da muss ich schauen dass ich den wohl mal antreffen tu« und da hab ich erfahren dass er baden auch geht bei mir in der daneben im Dorf ist eine Badeanstalt (Nähe von _) und ich bin gegangen auf einmal habe ich ihn gesehen chic mit

[34:53] Bademantel ist er gestanden an piscine sagt man der zu   und ich habe nicht gewusst wie ich mache habe ich ihn rein gestoßen in das Wasser und er hat nicht [gestikuliert] schwimmen können da habe ich ihn wieder raus gezogen und so sind wir zum reden und ich

[35:16] war glücklich und er auch

Eva Brücker

[35:19] toll ja

Rudolf Brazda

[35:21] trotzdem werf ich ihn rein war er in mich verliebt gewesen

Eva Brücker

[35:25] ja ja

Rudolf Brazda

[35:28] und dadurch dass in Deutschland die viele Arbeitslose hatten war ich auch arbeit- obwohl ich gelernt habe in meinem Beruf auch keine Arbeit   da bin äh da bin ich mit dem Jungen und der Junge hat gewohnt bei einer Bibelforscherin wo sehr viel Interesse für

[35:50] alle Welt hatte eine wunderbare Frau die hat ihn immer angesehen als Sohn auch   und zu der hat er mich gebracht   und dort habe ich dann in der Stadt Unterstützung bekommen weil ich allein war aber zu Hause habe ich keine bekommen und dann bin ich zu ihm gekommen

[36:11] und die Bibelforscherin hat uns alle beide aufgenommen hat uns ein Zimmer gegeben   und war glücklich mit den zwei Kindern [lacht]

Eva Brücker

[36:23] und wo war das jetzt ?

Rudolf Brazda

[36:27] in Meuselwitz

Eva Brücker

[36:29] ah okay

Rudolf Brazda

[36:31] das ist äh vierzig Kilometer von Leipzig ist Meuselwitz

Eva Brücker

[36:36] okay und zu Hause waren Sie wo ?

Rudolf Brazda

[36:38] auf einem Dorf auf äh war äh eine ausgebaute Scheune wo ein Bauer die Scheune verkauft hat an einen Nachbar und der hat das ausgebut als Wohnung und dort da mein Vater dann Arbeit hatte auf den die Grube heißt Phoenix und dort hat er gearbeitet an einer

[37:08] Lokomotive

Eva Brücker

[37:10] mhm

Rudolf Brazda

[37:12] und da hat er dann die Wohnung bekommen in dem er gearbeitet hat und meine Mutter ist auch mit arbeiten gegangen die hat die Büros sauber gemacht dort

Eva Brücker

[37:23] mhm mhm mhm

Rudolf Brazda

[37:26] und dort bin ich dann ja ich sage ja der Vater ist einen Monat gerade zu Hause gewesen der ist dann gar nicht mehr zur Arbeit gekommen aber vor dem Krieg hat er dort gearbeitet denn er war ja in der Sizilien in Gefangenschaft dann   nach der Arbeit   und dann

[37:49] ist er nach Hause gekommen von der Gefangenschaft und da habe ich ihn gerade einen Monat gesehen da wo er ist er gestorben ich war sechs Jahre alt um die Zeit da habe ich meinen Vater zum ersten Mal gesehen   und die ganzen Jahre   wo er in der Gefangenschaft

[38:12] war nix mehr gewusst wir haben ja auch nix mehr keine Verbindung mit ihm gehabt irgendwie briefliche wir haben gar nicht mehr gewusst dass er leben tut   sind aus seiner Zeit haben ja die Italieners auch nichts mehr zu fressen gehabt schweige gut noch die Gefangenen  

[38:34] haben der keine   und

Eva Brücker

[38:38] S- Sie hatten vorhin gesagt Sie hätten

Rudolf Brazda

[38:44] bitte

Eva Brücker

[38:47] Sie hatten gesagt Sie hätten Dekorateur werden wollen   ursprünglich Sie wollten Dekorateur werden

Rudolf Brazda

[38:50] ja ja natürlich na   Schaufensterdekorateur habe ich schon   in dem Geschäft in dem mein Freund später war wo ich ihn kennengelernt habe bei (Rockmanns) ham sie haben die geheißen waren auch Juden

Eva Brücker

[39:10] [gleichzeitig:] aha ja

Rudolf Brazda

[39:12] die haben ein Großkonfektionsgeschäft gehabt

Eva Brücker

[39:14] wo ?

Rudolf Brazda

[39:16] in Meuselwitz

Eva Brücker

[39:18] aha mhm aha

Rudolf Brazda

[39:21] ja   und dort   ja da war ich dann schon Dachdecker i- ist der   der als Dekorateur bei den (Rockmanns) gearbeitet

Eva Brücker

[39:32] wer jetzt ?

Rudolf Brazda

[39:35] mein Freund

Eva Brücker

[39:37] [gleichzeitig:] ach ach er

Rudolf Brazda

[39:39] ah jo das ist doch der gewesen wo gekommen wo die Mädel gesagt haben »schau das ist«

Eva Brücker

[39:42] [gleichzeitig:] ah ja ja ja ja er war Dekorateur

Rudolf Brazda

[39:45] er war da ich habe (gearb- _) auch als junger Kerl

Eva Brücker

[39:51] [gleichzeitig:] ja ja ja

Rudolf Brazda

[39:53] Dekorateur aber das hat mit dem nix zu tun ich habe das Gefühl gehabt so etwas zu arbeiten aber ich habe dann die Stelle nicht bekommen das haben dann deutsche Jungens bekommen und ich bin wieder da gestanden und hatte so ne Gärtnerlehren aber ich habe

[40:14] keine Lust wie ich gehört habe dass die Dachdecker Geld geben schon als Lehrburschen bin ich zu den Dachdecker einfach gegangen [lacht]

Eva Brücker

[40:25]   und dann bei dieser Frau äh wie hieß denn ?

Rudolf Brazda

[40:31] bitte

Eva Brücker

[40:33] wie hieß denn Ihr Freund ?

Rudolf Brazda

[40:35] (Werner Pilz)

Eva Brücker

[40:38] und der hat mit Ihnen zusammen bei der Bibelforscherin (gewohnt)

Rudolf Brazda

[40:42] ja ja der hat da gewohnt und da hat er mich mitgenommen und dort habe ich die Gelegenheit gehabt Geld zu bekommen von der Gemeinde weil ich arbeitslos war ich hatte mit meinen Eltern nix mehr zu tun ich wohnte da als Fremder bei ihre   und da hats Arbeitslosenunterstützung

[41:01] aber nicht viel gegeben aber trotzdem ich habe meine Mutter äh (_) meine Mutter hat so viel Verständnis gehabt dass ich mit meine Freund hat gewusst was ich bin wir hatten aber keine sie hat mich leben lassen im Gegenteil wenn manchmal Mädel mit mir nach

[41:26] Hause gekommen waren das waren so [gestikuliert] flatterhafte Mädel mit denen gut getanzt habe mit denen als Freundin [imitiert:] »nee das Mädel taugt nicht« [lacht] ich sage das macht man nicht hat doch nichts mit denen zu tun   lauter so Sachen

Eva Brücker

[41:45] mhm   haben Sie denn schon vor 1933 also bevor die Nazis dran kamen haben Sie da schon äh Anfeindungen erlebt ?

Rudolf Brazda

[41:56] ja ja natürlich ah jo da war doch doch die gute Demis- äh Demokratie da waren wir noch das einfache Demokratie die gute die Freiheit dass sie den Paragraph 175 nicht benutzt haben die Homos haben sie leben lassen mir sind nach Leipzig tanzen gegangen wir

[42:23] in (Café New York) haben wir getanzt und dann ging langsam   wie sie dann die die halbe Macht schon hatten hat der Hitler (no net) dran war sind sie schon gegangen ham die Homosexuellen raus geholt au- aus dem raus geholt mit de Haare auf die Straße

Eva Brücker

[42:46] [gleichzeitig:] ja   haben Sie das auch erlebt ?

Rudolf Brazda

[42:49] ja aus die ah jo wo wir getanzt haben und dergleichen sind wir überfallen worden von der SS   und SA da haben sie (schön) aufgeräumt   und verschiedene schon ins KZ gebracht aber ich war noch zu jung und irgendwie hab ich Gelegenheit gehabt dass ich dann

[43:12] wieder in die Tschechei konnte also da haben ja ich war sechs Monate im Gefängnis und nachdem haben sie mich ausgewiesen in die Tschechei aber das Glück habe ich gehabt dass das in Karlsruh- Karlsbad war

[43:27] dort sprechen sie Deutsch hab ich nicht tschechisch

[43:29] brauchen reden und dort   was wollt ich sagen   da war ich eine Zeit (_) Schauspiel ah ja ah jedes Unternehmen Schauspieler die von einer Stadt zur anderen zogen und da hab ich einen Freund gefunden beim Tanzen dort in der Tschechei Karlsbad und der war bei

[44:01] dem Theater bei dem jüdischen Unter- (Fisch- Fischl) haben sie geheißen

Eva Brücker

[44:07] ja ja

Rudolf Brazda

[44:09] simmer äh in die in die größeren Städte in Sudeten dort haben wir gespielt Theater gespielt ich habe kleine Rollen gespielt und weil ich gut   tanzen Spagat alles schon wie eine Frau   habe ich in einem schönen Kostüm vor- -getanzt wie andere auch zeigen

[44:36] Ballett tanzen und dergleichen habe ich getanzt bei dem und habe kleine Rollen gespielt da wurden Operetten gegeben   der Zarewitsch u-   der Wiener Walzer jo alle Operetten wurden dort gespielt bei denen Achtung wie das dann dass der Hitler auch in die Tschechei

[45:09] kam   alle vo- die Juden alle zusammen genommen und verhaftet wo sie hingekommen sind weiß ich nicht denken Sie mal und das war so ein lieber Mensch   ich war äh nix gewesen und der hat mich aufgenommen der (Fischl) dein Kamerad war Schauspieler und der hat

[45:33] mich behandelt wie ein er hat zu mir gesagt »der Bubi« [lacht]

Eva Brücker

[45:38] [lacht] mhm   und vielleicht können wir noch mal ein bisschen

Rudolf Brazda

[45:44] bitte

Eva Brücker

[45:46] noch mal zurückgehen nach (Misselwitz)   zu der Wohnung mit der äh

Rudolf Brazda

[45:49] Bibelforscherin

Eva Brücker

[45:51] mit der Bibelforscherin

Rudolf Brazda

[45:53] also wir haben dort im Beisein von der Bibelforscherin uns geküsst wir sind sie hat uns ein Zimmer gerichtet gehabt   wir haben dort gelebt wie Kinder bei ihr sie ist so liebe Person gewesen hat für uns gekocht und ich habe das Geld mein Freund hatte verdient

[46:20] hatte   Geld abgegeben der Bibelforscherin ich habe ihr ebbes gegeben und das andere habe ich meiner Mutter gegeben von derre Unterstützung

Eva Brücker

[46:33] und   wie lief denn so ein Tag ab da ?

Rudolf Brazda

[46:38] bitte

Eva Brücker

[46:40] w- was haben Sie denn den Tag über gemacht oder Abends in (Misselwitz) zu der Zeit ?

Rudolf Brazda

[46:45] [überlegt]  

Eva Brücker

[46:48] hab- ha- Sie haben nicht gearbeitet ne

Rudolf Brazda

[46:51] ja

Eva Brücker

[46:53] ne doch ?

Rudolf Brazda

[46:54] nein

Eva Brücker

[46:56] nein eben

Rudolf Brazda

[46:59] [gleichzeitig:] nein nein nein

Eva Brücker

[47:01] was haben Sie dann gemacht ?

Rudolf Brazda

[47:02] ja ihre mit dem Haushalt geholfen

Eva Brücker

[47:04] ah

Rudolf Brazda

[47:06] ja ja und so äh ich weiß gar nicht so nebens Beruf Arbeit habe ich gemacht ja ja

Eva Brücker

[47:08] [gleichzeitig:] ja ja ja

Rudolf Brazda

[47:11] so im Versteckten darfst ja nicht (könne- da) arbeiten wenn du Unterstützung bekommen hast hast dürfen nicht arbeiten ich habe so gelegentlich Arbeit ge- äh gemacht mhm

Eva Brücker

[47:20] [gleichzeitig:] ja   und

Rudolf Brazda

[47:23] u- und die Frau hat ein großes Haus gehabt da war ja so viel zu arbeiten   überall Reparaturen hab ich   gemauert und alles mögliche bei ihr gemacht verputzt (_) ja ja   einmal habe ich   die wollt ihr Zimmer vergrößern da habe ich ein Loch rein geschlagen

[47:51] und ein Tür   eine Tür reingepasst so Arbeiten

Eva Brücker

[47:58] mhm mhm und Abends ?

Rudolf Brazda

[48:01] bitte

Eva Brücker

[48:03] Abends dann   sind Sie nach   Leipzig ?

Rudolf Brazda

[48:06] ja wir hab ich doch mit meinem Freund geschlafen

Eva Brücker

[48:08] ach so

Rudolf Brazda

[48:10] bei ihr ah jo sie hatte ein Zimmer ein Kleines hat sich genommen uns hat sie das Große gegeben und dann waren noch zwei Zimmer und Küche da war immer Platz in dem Haus bei ihre ja ja und äh da waren noch drei Familien alles Bibelforscher in dem Haus drinnen

[48:34] ja sie waren alles anständige Leute gewesen Bibelforscher bin ich viel in KZ auch zusammengekommen durch die Dachdeckerarbeit nachher dort die Bibelforscher haben sie überall müsse bei Gefangenen wo Minister oder Dings gewesen sind eingesperrt die hatten

[48:59] dann extra ein Zimmer gehabt und dort haben dann die Bibelforscher müssen putzen   bei denen [Schnitt]

[49:06] ah ja natürlich   da ist schon die Hitlerbande langsam aufgestiegen und nach meiner (_) die äh   Staatsanwälte das Gericht   haben schon langsam dem Hitler

[49:35] geholfen und wie die große Razzia war   bin ich mit rein gefallen und bin ins Gefängnis gekommen Untersuchung und da ist mein Fall behandelt worden eben mit meinem Freund und   wie ich aus dem Gefängnis entlassen wurde   i- groß in der Zeitung geschrieben

[50:04] »sie haben sich geliebt wie ein Liebespaar   ihre Liebe war die Hand« [laut:] so gemein ! so gemein haben sie g- in der Zeitung geschrieben ! denken Sie mal

Eva Brücker

[50:21] mhm

Rudolf Brazda

[50:24] äh ja im Gefängnis äh habe ich wieder Schwein gehabt bin ich Kalfaktor worden also einer wo mit helfen muss dort dort dort   da habe ich alle Homosexuellen kennengelernt da waren überall Professor Doktor und alle möglichen waren eingesperrt von denen

[50:51] und immer wieder ich soll etwas machen für sie das den Brief mitnehmen   einmal habe ich sogar   ein Schreiben von ihnen von einen erhalten der sollte zu seinem Freund draußen kommen ich habe ja die Möglichkeit gehabt aber ich habe den Brief noch nicht abgegeben

[51:21] hat und hat ein anderer Häftling das verraten dass der mir den Brief gegeben hat und dann wurde ich von meinem Posten geschmissen wegen dem bin ich wieder ins Gefängnis in der Dings ei- -gekommen wir haben zu dritt zu viert und fünft in der in der (Einraum

[51:44] äh Mauer äh ___)

Eva Brücker

[51:47] [gleichzeitig:] Zelle

Rudolf Brazda

[51:49] Gefängnis (Ze-) in einem Zimmer leben müssen   die sechs Monate sind auch vergangen denke mal s'is mir noch nicht mal etwas geschenkt worden hab müssen sechs Monate absitzen   ich habe mir gedacht ja die Welt ist ja s- sehr verrückt da kann der nix

[52:14] machen der Weltlauf ist immer anders und immer gemein und wieder schön und wieder gemein das sehn Se ja wie sie die armen Juden verfolgt in aller Welt es ist noch kein einziges Volk es so ver -scheucht worden wie die Juden aus ihren eigenen Land heraus geschmissen

[52:41] worden seinerzeit (sehen Se mal ab) in die Welt haben sie sich ver- verbreitet und das äh   ich weiß nicht ich habe immer Interesse gehabt im Gegenteil wo mir so arm waren haben wir bei den Juden die Möbel gekauft und haben noch jede Woche   so und so viel

[53:10] abgezahlt auf Abzahlung ich kann ja gegen die Leute nix sagen im Gegenteil

Eva Brücker

[53:17] und was ist in dieser Zeit mit Ihrem Freund passiert ? mit dem

Rudolf Brazda

[53:23] mein Freund ist in Militär nach Mili- Militär gekommen er war ja gar net bei der Verhandlung dabei er war schon beim Militär reingezogen

Eva Brücker

[53:34] aha   ja

Rudolf Brazda

[53:37] wie sie das gemacht haben mit die Homosexuellen wenn die an der Front die Offiziere etwas erfahren haben sie schon die Leute in d- eine Gefahrenzone geschickt auch den an der Kanalküste und da isser erschossen worden die Engländer der ist bei denen ins

[53:59] Feuer gelaufen

Eva Brücker

[54:01] und erinnern Sie sich noch an die Situation wie Sie verhaftet wurden ? wie war denn das ?

Rudolf Brazda

[54:08] da (muss) mich noch ein es ist zu viel [lacht]   in äh in in Meuselwitz verhaftet ja   also ich wurde verhaftet und bin direkt nach Altenburg geschafft worden

Eva Brücker

[54:42] aha

Rudolf Brazda

[54:44] einfach es ist verraten gegangen dass wir zusammen gewohnt haben wie das so ist hab ich einer den anderen verraten aus Angst oder mit Gewalt äh können Sie sich denken ich bin ja nicht mit Gewalt ich habe gesagt wo sie mich verhaftet haben ich habe einfach

[55:07] die Wahrheit gesagt weil ich warum soll ich ich schäme mich für meine Veranlagung nicht warum soll ich da lügen ? [Schnitt]

[55:15] da bin ich aus`m KZ gekommen  

Elvira Jamrath

[55:20] wirklich hinten drauf stand 46 ich habs nicht glauben wollen hier ist als junger Mann Onkel (Rudl)

Rudolf Brazda

[55:29] ich darf   das kann ich niemandem sagen dass ich da ausm KZ komm ich sage ja Gelegenheit gehabt immer Glück

Elvira Jamrath

[55:38] [zeigt Foto] hier als Frau Onkel (Rudl)

Rudolf Brazda

[55:41] [lacht]

Eva Brücker

[55:43] w- welcher ? (_)

Rudolf Brazda

[55:46] [lacht   nickt]

Elvira Jamrath

[55:48] ja nehm ich an ! welche bist du denn da ? die flotte Biene da ?

Rudolf Brazda

[55:52] ja   aber da bin ich schon alt

Elvira Jamrath

[55:55] [gleichzeitig:] hier da sind seine ja das sind die Eltern die hab ich vorhin

Rudolf Brazda

[56:01] das ist (_) das ist mein Vater [zeigt Foto]

Elvira Jamrath

[56:03] ja ja deswegen als Baby sehe ich genau so ne runde Kugel da im Kopf jetzt weiß ich von wem ich die habe

Rudolf Brazda

[56:07] ah und das ist meine Mutter

Elvira Jamrath

[56:09] [gleichzeitig:] deine Mutter ja genau

Eva Brücker

[56:12] [zeigt Foto]

Elvira Jamrath

[56:15] und das ist dein Haus Onkel (Rudl) wo du was du in Frankreich dir gebaut hast

Rudolf Brazda

[56:24] [zeigt Foto] das ist unser Haus wo wir gebaut haben

Eva Brücker

[56:29] oh

Elvira Jamrath

[56:31] also wo er jetzt drin lebt wo ich ihn gestern hergeholt hab

Eva Brücker

[56:33] oh das ist das schön

Rudolf Brazda

[56:35] ja   dort wohn ich jetzt

Eva Brücker

[56:37] ja toll toll toll toll   die Rosen das sind Rosen ne ?

Elvira Jamrath

[56:43] ja

Eva Brücker

[56:45] schön

Elvira Jamrath

[56:47] hast mir noch gestern die Rosen gezeigt die großen immer die dann so blühen jetzt gerad im Juni nicht ? mhm   ach so ja   das sind so kleine nee hab die Brille nicht (uff) ist auch nicht so wichtig

Rudolf Brazda

[57:07] [zeigt Foto] ah da bin ich das sind alles Homo

Eva Brücker

[57:12] wer der in der Mitte ? oder der in der Mitte oder der da unten ?

Rudolf Brazda

[57:17] [zeigt auf Foto] da unten

Eva Brücker

[57:19] unten der [zeigt Foto]   [Schnitt]

[57:27] ich hätte noch eine Frage

Rudolf Brazda

[57:30] ja

Eva Brücker

[57:32] und zwar als Sie dann aus dem Gefängnis raus gekommen sind sind Sie ja nach Karlsbad abgeschoben worden

Rudolf Brazda

[57:37] nein

Eva Brücker

[57:39] nee ?

Rudolf Brazda

[57:43] nein wir wurden zusammen gesammelt das waren dann Politische und Juden Bibelforscher und all solche ich sage ja au- das habe ich Ihnen nie gesagt dann sind wir in eine Gruppe so dreißig vierzig Personen an die Hand gefesselt vier Stück und wieder vier

[58:04] an die Hand gefesselt und so sind wir gelaufen   durch vo- von Karlsbad bis nach Sachsen Zwickau und dort haben wir geschlafen dann wieder alle in ein Zimmer geschoben und wir sind au so [zeigt:] umme gelegen neben mir war ein junger Bursch ein schöner junger

[58:26] Bursch der war zum Tode verurteilt der war vorm Militär geflüchtet und der ist dann für Verschießen der hat mirs gesagt »ich weiß nicht ich glaube ich werde verschossen denn ich bin beim Militär bin ich geflüchtet«   da hab ich noch da war noch

[58:51] einer im wie ich im Lager gewesen war wurde einer neben mich gelegt in ein Bett ein bildhübscher Junge von 18 Jahren der hat sich blind gemacht mit Bleistift blau hat er sich in die Augen gedrückt weil er gehört hat dass das so schlimm in der Buchenwald

[59:17] ist in dem Lager da hat er gedenkt gemeint wenn er blind ist da macht ihm niemand was dann lassens ihm in Ruhe im Gegenteil   ich hab es gewusst was dort los ist ist er nächsten Tag von mir weg und ins Revier was heißt das Revier das war Lazarett dort ist

[59:41] er hingekommen nix mehr gehört da sind die Homo (oder die anderen) gespritzt   tot   und ich bin immer davongekommen weil ich habe noch arbeiten können und wegen dem haben sie mich gebraucht als Dachdecker zur Arbeit wegen dem haben sie bin ich immer geschont

[1:00:10] worden weil ich gearbeitet hatte und wie das losgegangen war mit ihrer ganzen Blöcke aus mit Maschinengewehren die Leute raus sollen nach Berghof zum Hitler kommen als Schutz   haben sie die Baracken und da war ein Kapo wo den Schweinestall unter sich hatte

[1:00:38] den hab ich gut gekannt und der hat gesagt »komm zu mir ich versteck dich« da haben sie meine Baracke nachher auch raus geholt alle Gefangenen und ich war versteckt bis die Amerikaner gekommen sind bin ich versteckt gewesen im S- Saustall   so ist mein Leben

[1:01:02] [lacht] immer Glück Glück Glück [Schnitt] erschlagen worden mitm mit einem Spitzhacken hab ich sehen müssen im Lager eine SS hat einen (wo nicht hat) wo nicht genug gearbeitet wo gar keine Kraft hatte »du Faulenzer« hatten den die Hacke aus der Hand

[1:01:29] genommen u- und in Kopf geschlagen [schluchzt]   oder   die Stein äh Lo- äh die Loren mit die Steine in Steinbruch die haben die Juden müssen drücken und mit Seile [gestikuliert] Berg rauf haben sie noch in die Kniekehlen geschlagen [schluchzt]   kriminelle

[1:02:04] Häftlinge wo sie für solche Leute brauchten wenn in Deutschland dreimal vorbestraft war der Kriminellen das vierte Mal sind sie einfach ins ins Lager geschickt worden und sondike Verbrecher haben sie genommen für die Leute zu peitschen

Eva Brücker

[1:02:28] mhm   was haben Sie denn in dem Steinbruch gemacht ? Sie persönlich haben Sie auch ne Lore gezogen ?

Rudolf Brazda

[1:02:40] Schwein gehabt der Kapo im Steinbruch war verliebt in mich   [schmunzelt] da hab ich n Posten gehabt   in der   da war eine große Baracke und da war ein Zimmer drin in dem Zimmer war ist ein äh wie so (deutsch schwer zu sagen) Verbands- äh   ah   jo Verbandszimmer

[1:03:11] wenn jemand sich verletzt hatte oder etwas ge- weggeschürft hab ich verbunden dann hat er mich für das weggenommen der Kapo und hat mich dort rein gemacht und da bin ich noch mit vielen Leute zusammen kommen die sind geschlagen worden und dergleichen äh

Eva Brücker

[1:03:33] u- und was haben was haben Sie dann gemacht ?

Rudolf Brazda

[1:03:44] bitte ?

Eva Brücker

[1:03:47] was haben Sie dann gemacht mit denen ?

Rudolf Brazda

[1:03:50] mit die Leute ? ja ich   die nur einen Verband hatten die mussten weiter arbeiten ja natürlich bis halt nicht mehr ging habens (bestellen ins Revier) haben sie Spritzen bekommen sind   sie getötet worden

Eva Brücker

[1:04:08] gabs denn immer genug Verbandszeug ?

Rudolf Brazda

[1:04:10] nu auch nicht auch nicht alles provisorisch ist da gemacht worden   [unverständliche Stimme im Hintergrund]

[1:04:23] ach das habe ich Ihnen auch noch nicht erzählt   die Häftlinge untereinander   in der Baracke wenn du früh aufgestanden bist war ein gr- waren

[1:04:36] große Tische und Bänke haben sie sich hingesetzt und auf dem Platz ist da schon Stück für jeden ein Stück Brot gewesen und da sind manche gewesen dies packt hatten einfach und weg wenn sie die erwischt hatten die müssen sterben da haben die sterben müssen

[1:04:56] das wurde den Kapo von Steinbruch gemeldet und der   hat eine an derre Grenze wo die Grenzposten mit Maschinengewehr standen   es durfte doch keiner mehr rüber über die Grenze ausm Buchenwald das gehört dazu bei der Arbeitsstelle und da hat er denen die Mütze

[1:05:22] weggenommen und über die Grenze geworfen und der musste seine Mütze haben er durfte nicht einmarschieren ohne Kappe ins Lager der wurde raus gezogen und [gestikuliert] n Arsch voll mit ner Peitsche und die Häftlinge alle die das nicht gewusst hatten die

[1:05:48] sind alle gerennt und wollten die Mütze aufheben und der SS mit nem Maschinen- ab der hatte müssen sterben wegen ein Stück Brot weil geheißen hat »du nimmst deinen Kamerad das Brot der muss sterben also kannst du auch sterben« so wurde gehandelt untereinander

[1:06:11] Disziplin da musste und die Kapos hatten die Hand über dich die es sind auch bösartige Kapos gewesen die Kommando gehabt hatten also ich habe ja Schwein gehabt wieder ich bin immer zu einem geraten (ne)   Sympathie für mich hat er einfach   (das hat) meine

[1:06:43] Homosexualität hat mir auch geholfen im KZ [lacht]   denken Sie mal in meinem Alter muss ich jetzt wieder alles wieder erzählen was einem ergangen ist ich habe schon manchmal jedes Mal er [zeigt auf Alexander Zinn] hat mir mal eine Rede (die er halten

[1:07:13] will oder wie) ich habe Rotz und Wasser geweint ich habe immer müssen aufheben und mich abwischen so wunderbar hat er geschrieben von dem Lager wie ich ihm erzählt habe und wenn ich mich dann erinnert habe a- an das

Eva Brücker

[1:07:32] ja danke danke dass Sie uns das erzählen

Rudolf Brazda

[1:07:40] ja ja ich habe das gern gemacht

Datum Ort Text
ab 1913 Meuselwitz Geburt in Brossen, heute Meuselwitz/Thüringen
1933 - 1937 Altenburg Anklage nach Paragraph 175 und sechs Monate Gefängnis
ab 1937 Karlsbad Ausweisung in die Tschechoslowakei
1938 - 1941 Karlsbad Tänzer bei einem Wandertheater
1942 - 1945 Buchenwald (Konzentrationslager) Zwangsarbeit in mehreren Kommandos
ab 2008 Berlin Teilnahme an der Gedenkfeier für die homosexuellen NS-Opfer
ab 2011 Banzenheim verstorben
Meuselwitz Ausbildung zum Dachdecker
Mülhausen Leben im Elsass
Rudolf Brazda wurde 1913 als jüngster Sohn tschechoslowakischer Einwanderer in Brossen, in Thüringen gelegen und heute zu Meuselwitz gehörig, geboren, wo seine Eltern in der Braunkohleindustrie arbeiteten.
Seinen Vater lernte Rudolf Brazda nie richtig kennen, da dieser nach dem Ersten Weltkrieg in italienischer Kriegsgefangenschaft war. Als er sechs Jahre alt war, kehrte der Vater völlig geschwächt aus der Gefangenschaft zurück und starb einen Monat später. Obwohl die Mutter ihre acht Kinder als Deutsche erzog und auch zuhause nur deutsch gesprochen wurde, hatte
Rudolf Brazda immer das Gefühl, nicht als Deutscher anerkannt zu werden. Lehrer behandelten ihn anders als deutsche Kinder und auch bei der Berufswahl – ursprünglich wollte er Dekorateur werden – wurden deutsche Jugendliche bevorzugt. So begann Rudolf Brazda eine Lehre als Dachdecker. Bereits als junger Erwachsener entdeckte er seine Homosexualität.
Im örtlichen Schwimmbad lernte er seinen ersten Freund kennen. Gemeinsam zogen sie bei einer Zeugin Jehovas zur Untermiete ein, vor der sie ihre Beziehung nicht verbergen mussten. Da Rudolf Brazda keine Arbeit fand, meldete er sich arbeitslos und teilte das Arbeitslosengeld mit seiner Mutter. Diese hatte Verständnis dafür, dass er mit seinem Freund zusammenlebte. Tagsüber half er der Vermieterin im Haushalt und nahm kleinere Reparaturen am Haus vor. In seiner Freizeit ging Rudolf Brazda mit seinem Partner tanzen. Vor 1933 war dies verhältnismäßig unproblematisch und die Behörden machten vom Paragraph 175 kaum Gebrauch. Doch unter den Nationalsozialisten verschärfte sich das Klima schlagartig. 1937 wurde er bei einer Razzia gegen Homosexuelle im Altenburger Land verhaftet. Das Gericht Altenburg, vor dem Rudolf Brazda sich zu seiner Veranlagung bekannte, verurteilte ihn nach Paragraph 175 zu einer Gefängnisstrafe von sechs Monaten. Nach Verbüßung der Haftstrafe wurde er als »vorbestrafter Ausländer« in die Tschechoslowakei ausgewiesen.

Er zog nach Karlsbad, wo er einen neuen Partner fand. Dieser brachte ihn mit der Theatergruppe »Fischli-Bühne« in Kontakt, mit der Rudolf Brazda als Tänzer und Schauspieler drei Jahre das Sudetenland bereiste. 1941 wurde er erneut verhaftet und in ein Gefängnis nach Zwickau überstellt, von wo aus er 1942 zusammen mit politischen und homosexuellen Häftlingen in das Konzentrationslager Buchenwald eingewiesen wurde. Nach der Ankunft wurden die Häftlinge ins Desinfektionsgebäude gebracht, wo ein SS-Mann Rudolf Brazdas Kopf mit Gewalt in die Desinfektionslauge drückte und ihm seine goldene Kette, ein Geschenk seines Freunds, abriss. Zunächst musste er Zwangsarbeit im Steinbruch leisten. Durch gute Beziehungen gelangte er immer wieder an Lebensmittel, die er mit den anderen Häftlingen teilte. Er erkannte, dass Solidarität unter den Häftlingen überlebensnotwendig war.

Rudolf Brazda hatte das Glück, dass ein Kapo, der ihm wohlgesonnen war, ihm nach einiger Zeit eine wesentlich leichtere Arbeit im Verbandszimmer des Steinbruchs verschaffte. Dort wurde er von einem SS-Mann verprügelt, der drohte, ihn mit dem nächsten Transport in den Tod zu schicken. Daraufhin stellte der Kapo seines Kommandos beim Lagerkommandanten einen Antrag auf Versetzung, mit der Begründung, dass Rudolf Brazda eine unverzichtbare Arbeitskraft sei und so wurde er in das Dachdecker-Kommando versetzt. Als Leiter eines Bautrupps musste er nun Dächer der SS-Kasernen teeren und schadhafte Ziegeldächer reparieren.
Als im April 1945 amerikanische Truppen auf Weimar vorrückten, versuchte die SS das Lager zu räumen und schickte Tausende von Häftlingen auf Todesmärsche. Rudolf Brazda versteckte sich bis zur Befreiung am 11. April 1945 in einem Schweinestall des Lagers.

Nach der Befreiung zog er zusammen mit einem ehemaligen Mithäftling in das Elsass, da der Paragraph 175 in Deutschland auch nach dem Ende des Nationalsozialismus noch in Kraft war. 1947 lernte er Eddi, seinen zukünftigen Lebenspartner, kennen. Sie lebten bis zu dessen Tod im Jahr 2002 zusammen. Rudolf Brazda appellierte als Überlebender daran, die Erinnerung an alle Opfer nationalsozialistischer Verfolgung aufrecht zu erhalten.